Die Einsiedler
Wir wollen nach den Hügeln ziehen,
wo süß die Traube schwillt,
magst mit mir aus der Wüste fliehen,
wo uns kein Lied mehr quillt.
Wir machen Rast bei der Kapelle,
der Muschel auf dem Hang,
wir sehen schon den Schaum der Welle,
und fern rauscht uns Gesang.
Es windet sich der Pfad durch Gärten,
wo Rosen Tau entzückt,
Waldtauben, unsre Weggefährten,
sind längst dem Blick entrückt.
Dort ragt die Eiche bei der Linde,
Laub rührt an Laub traumsacht,
das Harz tropft aus der dunklen Rinde
wie Honig in der Nacht.
Dort ist die Hütte, die ich meine,
Basalt, der Schiefer matt,
doch leuchtend rankt sich um die Steine
der Rebe Purpurblatt.
Hier können wir der Stille leben,
und ward die Liebe müd,
wird sie mit sanften Schatten schweben,
wenn stumm der Mond erglüht.
Und sind wir einsam auch zu zweien,
ein Kind ward uns gesandt,
dem Ochs und Esel benedeien,
hebt es die Segenshand.
Ob Blüten fallen oder Flocken,
uns wird der Tag zum Traum,
und wenn des Lebens Quellen stocken,
so spüren wir es kaum.
Und pochen einmal hohe Gäste
an unser morsches Tor,
so raffen wir die kargen Reste
und rücken Krüge vor,
die blaubemalten, und wir gießen
des edlen Weines Gold,
mag Liedes Glanz ins Dunkel fließen
wie eine Träne hold.
Und dürfen wir den Hohen sagen,
was uns das Herz gebot:
Allein soll keiner Trauer tragen,
gemeinsam sei der Tod.
Wie zart der Schein verlischt
Wie Wasser, die in Todesforsten singen,
ihr Traumgelispel hört der Waidmann nicht,
sind Verse, die im Schoß der Nacht entspringen
und schauern, wachgeküßt von Sternenlicht.
Und freudig wollen sie in Ströme münden,
die ihrer Heimat efeugraues Blatt
an Ufer tragen, wo ihm Buchen künden,
daß Herbstgesang noch rote Lippen hat.
Wie Blüten, die auf grünen Teichen schwimmen
und geben Duft noch, bricht die Nacht herein,
sind Verse, die im Dunkel weiterglimmen,
wie Kerzen vor dem längst verschlossnen Schrein.
Sie flackern wehmuttrunken, sind verlassen
die Bänke auch, verebbt der Hymne Gischt,
der Purpurmund Mariens will erblassen,
als rühre sie, wie zart der Schein verlischt.
Homo universalis – ein Zerrbild
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Welt sei im Kopf, künden Einfaltspinseln, die sich für Philosophen halten oder für Philosophen ausgeben. Frage dich: Wäre die Welt im Kopf, wo ist dann der Kopf?
Wer glaubt, die Welt sei im Kopf und sprachliche Bedeutungen reine Fiktionen, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt, ja, er fällt schon und singt dabei noch ein jubilierendes Lied.
Wie beneidenswert: fallen und dabei singen.
Wäre alles, was wir als Gegenstände wahrnehmen und identifizieren können, das Erzeugnis unseres Gehirns, welch ein obskurer Gegenstand ist dann dies wahrnehmbare und identifizierbare Ding, das Gehirn?
Der semantische und ontologische Idealismus ist genauso unbegründbar und sinnlos wie sein Spiegelbild, der Materialismus.
Der ästhetisch bedeutsame und nicht selten fruchtbare Wille zur Form parodiert und dämonisiert sich im Zerrbild des poetischen Schemas und des politischen Ideals.
Das heutige Ideal der Aufgeklärten ist der moralisch und geistig uniformierte Leibeigene des Staats oder des staatlich überwachten Kollektivs.
Steine, Pflanzen, Tiere sind Gewächse ihrer jeweiligen Landschaft, sie haben die Gestalt, das Kolorit, den Duft und die Atmosphäre, die aus ihrem kargen oder üppigen, steinigen oder tonigen, rissigen oder moosigen Erdreich entspringen. So auch der Mensch, der wirklich ist nur durch die eigentümliche Physiognomie seiner Herkunft, so auch die Mythologien, an die er glaubt, und die Sprachen, die er spricht – die verschieden gebauten und mehr oder weniger reich verästelten Strukturen der Grammatiken des Mythos und der Wortsprache gleichen den Schichten und Fugen der Kristalle, den Geflechten der Pilze, den rätselhaften Maserungen und Mustern im Kiesel und Schiefer, auf den Schalen der Vogeleier und den Häuten der Schlange, den Ornamenten auf den Flügeln der Falter.
Der grobknochige nordische Wikingerhüne, der sich mit dem mythischen Schwert bis nach Kiew durchschlug und mit einem hölzernen Götzen auf schlankem Boot bis zur Behringstraße segelte; der weichliche Weibmann auf Bali, der im knapp über die Brust gezogenen, geblümten Mädchenkleid und mit Blüten im Haar in Reih und Glied mit seinen Gamelan-Geschwistern das verzierte Hämmerchen synchron auf die Tasten schlägt, während seine ebenso bunt kostümierte, aber üppiger geschminkte schöne Tochter dem Gott Shiva und seiner Geliebten ein Blumenopfer darbringt; der feist lächelnde chinesische und der in der Aureole der Luft schwebende japanische Buddha; das finster-listig blickende Wurzelmännlein aus dem Schwarzwald und die mit der schwellenden Anmut ihrer zarten Gestalt lächelnde rheinische Madonna.
Jene aber wähnen, sie wären im luftleeren Raum oder im Niemandsland einer wurzellosen Menschheit geboren; oder in einem Raumschiff hoch über der Erde.
Die tektonischen Platten der Erde, die unausbleiblich, solange die Erde existiert, in Bewegung sind, aufeinanderprallen, sich übereinanderschieben und Verwerfungen und alpine Faltungen, Erdbeben und Verwüstungen verursachen; nicht anders die Tektonik der Staatsgebilde, die unausbleiblich, solange es Staaten gibt, aneinanderstoßen und Verheerungen und kriegerische Konflikte nach sich ziehen.
Die reich verästelte Grammatik der griechischen Mythologie – sie ist noch ungeschrieben.
Der alte Idealtyp des Homo sovieticus und der neue des Homo universalis, der in Frankfurt an der Börse spekuliert, übers Wochenende zum Shoppen nach New York reist und die Urne mit seiner Asche am liebsten in den Weltraum ausstreuen lassen möchte, konvergieren gegen die Asymptote vollkommener spiritueller Leere.
Der nach Weltherrschaft strebende Homo universalis ist ein Zerrbild des Huomo universale der Renaissance; statt eines ins Morgenrot lächelnden Antlitzes gewahren wir die starre Maske moralischer Selbstgefälligkeit.
Morphologie der ästhetischen Gestalten – ihr genialer Ansatz bei Goethe, ihre geistreich wuchernde Überdehnung bei Spengler.
Die Entstehung und Entwicklung der dichterischen Gestalt folgen keinen darwinistischen Kriterien der Variation, Selektion und Anpassung. Die Urformen der Ode finden wir wie aus dem Nichts entsprungen, jedenfalls nicht als Ergebnis sich ausdifferenzierender sprachlicher Evolution, bei Alkäus, Sappho und Asklepiadeus. Horaz gewinnt sie für die lateinische, Klopstock und Hölderlin für die deutsche Sprache; aber mit ihrer Form blieb der Grundklang ihrer erhabenen Tonalität erhalten.
Aus einer Indianersprache oder den Idiomen der afrikanischen San und australischen Aborigines konnte wohl die Struktur der Ode nicht entspringen; aber noch weniger aus einer künstlichen Sprache wie dem Esperanto oder den Algorithmen einer formalen Idealsprache.
Man lernt den Walzer Schritt für Schritt, aber wenn es ums Walzen geht, wird, wer sich die Schritte immer noch im Geiste vor Augen rücken muß, dem Partner ständig auf die Füße treten.
Der totalitäre Charakter auch einer durch medial narkotisierte Abstimmungsrituale legitimierten Herrschaft zeigt sich in der offiziellen Feier der angeblich unabhängigen Presse bei gleichzeitigem Durchgriff auf die Gehirne der Einzelnen durch sprachliche Gängelei und Zensur in moralisch durchsäuerter Vorschulpädagogik und schulischen Curricula.
Der Homo universalis wird ein Kauderwelsch reden, in dessen Sumpf die edle Gestalt freier Dichtung rettungslos untergeht. – Aber reden und schreiben sie es nicht schon vierundzwanzig Stunden am Tag in Fernsehen, Funk und Feuilleton?
Der jesuanisch Gesinnte und der heroische Samurai können sich nicht verstehen. Warum sollten sie auch?
Und doch gab es den frommen Ritter, der in den heiligen Krieg gen Jerusalem zog, um die mystischen Stätten von der Entweihung durch die Heiden zu entsühnen. War er, weil sein Schwert vom Blut der Ungläubigen tropfte, weniger fromm als der Eremit im härenen Gewand, der keiner Fliege etwas zuleide tat?
Der zoologisch-anthropologische Begriff des Homo sapiens ist nicht bedeutungsgleich mit dem historischen Begriff des Homo agens und dem ästhetischen des Homo loquens oder Homo ludens.
Der Ureinwohner der arktischen Wüsten kann die Sesenheimer Lyrik Goethes oder das japanische Haiku nicht verstehen, wenn ihm das Bild der leuchtenden Natur und des scheuen Heiderösleins unter dem ewigen Schnee verborgen bleibt und der silberne Klang der Tempelglocke vom Geheul des Schneesturms erstickt wird.
Wir können ein frisches Reis auf den alten Rebstamm pfropfen; und die Traube, die heranreift, beschenkt uns mit einem vollmundigeren Wein. Nicht aber können wir auf den alten knorrig-knotigen Stamm der Sprache ein künstlich erzeugtes Element aus dem Sprachlabor pfropfen; der Rhythmus der Sprache und der lebendige Strom des Sinns werden bald am fremd und nackt herausragenden Block des Unsinns zerschellen.
Hesiod betont den genealogischen Zusammenhang des Mythos; Götter zeugen Götter und Heroen. Doch um ein Kind in die Welt zu setzen, bedarf es sowohl eines männlichen Samens als auch einer weiblichen Eizelle. Und wiederum sind Vater und Mutter Abkömmlinge von Vätern und Müttern, sodaß sich die genealogische Reihe potenziert. Die genealogischen Linien verlaufen vom gegenwärtigen Zentrum strahlenförmig aufwärts und verästeln sich immer mehr. Wenn wir dagegen von einem beliebigen Kreuzungspunkt genealogischer Linien abwärts steigen, können wir auch über Seitenlinien zum aktuellen Zentrum gelangen, so wie wir die Hauptstraße, aber auch Nebenstraßen nehmen können, um an den Treffpunkt zu kommen.
Hesiod überlagert die genealogischen Linien darüber hinaus mit einem mythisch-dynastischen Muster der Inthronisationen, Revolutionen und neuer Herrschaften; auf das Zeitalter des Uranos folgt dasjenige des Kronos, der wiederum von der Herrschaft des Zeus und seiner Brüder Poseidon und Hades abgelöst wird, die (man könnte meinen paradoxerweise) dem Dichter als unerschütterlich gilt.
Das mythisch-dynastische Muster wird seinerseits überlagert von einem mythisch-geographischen, denn Zeus ist der Gott des Himmels, Poseidon der Gott des Meers, Hades der Gott der Unterwelt.
Man könnte sagen, und hier löst sich das genannte Paradox auf, die mythische Geschichte gipfelt in der menschlichen, denn Zeus verkörpert nicht nur die Herrschaft der Natur, sondern auch die Ordnung des menschlichen Gemeinwesens und des Staates.
Seevölker und Kontinentalmächte bilden ein historisches Spannungsfeld. Die aufsteigende Seemacht Athen, die sich erfolgreich gegen die Landmacht Persien zur Wehr setzt, aber schließlich nicht nur vor der Landmacht Sparta kapituliert, sondern schließlich von der ungeheuren Kontinentalmacht der makedonischen Herrschaft unter Alexander und den Diadochen geschluckt wird; die Seemacht der Briten, die über die Kontinentalmacht des Deutschen Reiches den Sieg erringt.
Der nach der Weltmacht ausgreifende Homo universalis kann nur ein Zerrbild der traditionellen Herrschaft bilden; das Streben, zugleich die Meere und die Kontinente zu beherrschen, mündet in einen Albtraum.
Der Tiber und Rom; Strom und Stadt bilden eine mythische, geographische und politisch-kulturelle Symbiose.
Das globalistische Englisch des Homo universalis ist nur ein Zerrbild der Sprache eines Shakespeare, eines Milton oder Yeats.
Augustus umgab sich mit Geistern wie Maecenas, Horaz und Vergil; wer liest dem amerikanischen Präsidenten oder dem deutschen Kanzler Gedichte vom Range horazischer Oden vor?
Neben den Sprachen der Völker finden wir das Idiom der Stämme, Völker und Nationen übergreifenden Reiche, wie das Gemeingriechische bei den Diadochen, das Lateinische im christlichen Mittelalter, das Französische der humanistisch geprägten Höfe, zugleich die Gegenbewegung der um ihren Eigenausdruck ringenden Regionen und Kulturen wie im Italienischen Dantes und Petrarcas, im Provenzalischen der Troubadours, in den wuchtigen Blöcken und leuchtenden Bildern des sich von der lateinischen Eleganz des Humanismus abkehrenden Lutherdeutschen oder in der sich durch Rückgriff auf die antike Ode vom romanischen Alexandriner befreienden Dichtung eines Klopstock.
Der Homo universalis wird auf die Dauer keine anderen Sprachen und Ausdrucksformen neben seinem faden, ausdrucksarmen, aber unerbittlichen Idiom mehr dulden.
Wir fühlen, wie in Hölderlins großen Stromgesängen das mythisch-landschaftliche Empfinden und die thalassische Schaumesgischt der alten mittelmeerischen Kulturen bis an die idyllischen Ufer des Neckars zurückrauscht.
Man kann wohl mit Nuancen von Grau, aber nicht ausschließlich mit Schatten malen.
In abgestandener Bibliotheksluft und in der klinisch reinen Atmosphäre des Labors ersticken die Gefühle, die Gedanken, die Sprachen wie die Blüten im Sumpf, wie die freien Töne in der von Würgen gepackten Kehle.
Die aufdringliche oder aufsässige Klage des Opfers und die Stimme des exhibitionistisch entblößten Jammers verfügen über keinen hermeneutischen Universalschlüssel zum Verständnis der Mächte und Geheimnisse des Lebens.
Das Antlitz des Jammers, der Armut, der Ohnmacht ist nicht weniger abstoßend als die ölige Visage der Protzerei, des dumpfen Luxus und der von greulich-grellen Tattoos entstellten Eitelkeit.
Abtakt und Auftakt der Melodie des Lebens, der Schrei der Neugeborenen und der Seufzer des Sterbenden, gleichen sich aus, wenn die Sonate des Lebens ihre Form vollendet hat.
Die ästhetische Wahrnehmung des Raumdinges Plastik und der Gesamteindruck des Zeitdinges Gedicht stehen zueinander, wie Lessing erkannte, in hoher hermeneutischer und ästhetischer Spannung.
Wir können um das Gedicht nicht bedächtig, pfeifend oder genüßlich ein Eis lutschend wie um die freistehende Plastik herumstolzieren und es gleichsam von außen betrachten; wir müssen es Atemzug für Atemzug in unseren Blutkreislauf übergehen lassen.
Die epische Beschreibung gleicht dem (im Gedächtnis) vorrückenden Schatten der Sonnenuhr, wogegen die malerische im vollen Licht der Gegenwart glänzt.
Die moralische Absicht mindert oder verdirbt den ästhetischen Gehalt.
Wie die Pseudopodien des urtümlichen Einzellers oder die rhythmisch-fließenden Ausstülpungen der Qualle wachsen die Gliedmaßen des Gedichts aus den ins Licht gereckten Versen hervor, schrumpfen mit den ins Dunkel gehüllten wieder zurück.
Mit dem Hammer kann man nicht dichten.
Dagegen mag der nostalgische Dichter die Scherben der vom Hammer des Fortschritts zerschlagenen antike Amphore auflesen und zu Bildern zusammensetzen, in der vagen Anmutung, als würden sie dem alten Mythos ähneln.
Das schlichte Lied – „Der Mond ist aufgegangen/die goldnen Sternlein prangen“ – hebt die Gliederung des Gedankens (Mondaufgang/Leuchten der Sterne) durch eine Zäsur hervor, die mit der metrischen und rhythmischen Gliederung kongruiert:
×—◡—× —◡/×—◡—× —◡
Anders die dichterisch komplexe Kunstform der horazischen Ode:
Vides, ut alta stet nive candidum
Soracte
Der Gedanke und der ihn ausdrückende Satz („Du siehst den Berg Soracte von hohem Schnee beglänzt“) kongruieren nicht mit der metrisch-rhythmischen Bauform der alkäischen Strophe:
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×
Der Satz schließt mit der metrischen Einheit des Verses nicht ab, sondern fließt in den folgenden Vers über.
Ein der germanischen Diktion ähnlich fremdes Bauprinzip eröffnet das Hyperbaton, die Sperrung von Begriff und Attribut in der dichterischen Sprache der antiken Ode:
geluque
flumina constiterint acuto.
im Froste
starren die Wasser des Stroms, im harschen.
Mittels Sperrungen solcher Art wie gelu – acuto errichtet der odische Strophenbau bisweilen berückende, bisweilen schwindelerregende Atembögen.
Die der Rezeption der antiken Ode durch Klopstock folgenden großen Baumeister sind Goethe und Hölderlin. Ein fernes Nachwehen verspüren wir etwa noch bei Wilhelm Lehmann.
O Falter Wort
Die Vase, bunt bemalt und mädchenschlank,
sie dünkte sich erhabener als Orchideen,
den grünen Bart von Farngerank,
der Schatten ließ um ihre Taille wehen,
hat man entsorgt, war bald im Schutt verdreckt,
denn vor der Zeit war, was sie barg, zerfressen,
sie hatte Risse, feine, hat geleckt,
ihr Mythenornament ist schon vergessen.
Und du, verworrener Pollen Brautgemach,
träumst über dünnen Stengels Schwanken,
wie später Hauch noch deine Wand durchbrach,
doch säte er den Schwarm in Dornenranken.
O Falter Wort, der taumelnd sich im Lichte wiegt
und prahlt mit Tränen, die den Flügel netzen,
hat stummer Mund, dich Sonnentau umschmiegt,
wird Lethes bittrer Schaum dich rasch zersetzen.
Die Entweihten
Von Überdruß geblähte Schatten stöhnen,
wie aus dem Pferch das ungemolkne Rind,
bald wird der Acheron sie übertönen.
Das ausgestellte Seelenbild wird blind.
Was Augen feuchtet, die nach Beifall schielen,
ist eine Träne, die zur Lethe rinnt.
Die Worte, die wie Schaum auf Wellen spielen
und geben Widerschein von fernem Licht,
zerstäuben unterm Pflug von Eisenkielen.
Wir sehen der Ikone Angesicht
entstellt von Pusteln und von Pocken,
der Blicke Geifer hat den Glanz verpicht,
und ihrer Augen Gnadenborn fiel trocken,
der Pilgern einst gekühlt die Wunden,
wenn sie sich knieten auf den Samt der Glocken.
Die Flamme, die entfacht in hohen Stunden
den Maler, und die Farbe wurde heiß,
ward nun zum Flackerschein für müde Kunden,
doch bleibt das Blatt der Seele kalt und weiß.
Und selbst die scheuen Veilchen wurden Dirnen,
der Enzian erloschne Glut im Eis,
der Dichtern blaute auf des Schweigens Firnen –
nun kleben sie verkohlte Efeuranken
und tünchen sich mit Mohn den Gram der Stirnen,
sie haben nichts zu rühmen, nichts zu danken.
Der Schaum der Empfindung
Du schlägst die Augen auf
und siehst –
was kann mehr sagen, der dichtet,
was mehr, der denkt.
Und liegst du im Gras,
und siehst die Halme,
wie sie weich sich im Abendwind wiegen,
siehst eine Spinne, die sich schlafwandlerisch kreisend
am fühlenden Auswuchs des eigenen Daseins
langsam herabläßt,
und der zart gesponnene tödliche Faden
raubt sich vom Mondlicht noch Schimmer,
ist es genug,
was der flüchtige Schein
auf dem dunstigen Spiegel der Leere
zu gaukeln vermag.
Werden aber die Lider dir aufgetan,
wie die am Gitter des Zwielichts schon schliefen,
die weichen Blüten der Rose
von lüsternen Fingern des Winds,
und du siehst das Funkengewimmel,
die glühenden Mücken
des nächtlichen Himmels,
gleicht es silbernen Tupfen
auf einem japanischen Fächer,
der sich unter dem Doppelgestirn
schwarzer Sonnen
knisternd entfaltet.
Doch hat der Hauch
warmen Lebens dich aufgeweckt,
er glitt wie ein Flaum auf die Wange,
und du schaust in zweier Augen
schilfumschauerte Maare,
wo deine Blicke,
gleich knienden Rehen,
durstig sich trinken,
ist das Wunder,
das den Schaum der Empfindung
auf die stygische Woge der Nacht
uns geweht,
dir untrüglich vor Augen gerückt,
und schließt du sie wieder,
o Hüter der Strahlen,
erschöpft unter Küssen des Lichts,
bleibt dir,
bis es die schwärzliche Woge
jählings verschlingt,
sein Nachbild,
der Traum.
Der Schäfer aus der Stadt
Bleibt er nachts am Fenster stehen
und der dunkle Schmerz wird Bild,
fühlt er ein geheimes Wehen,
das aus der Erinnerung quillt.
Und er sieht auf sanfte Auen,
überronnen wie ein Fell
von der Milch des Monds, der grauen,
und aus Mulden dringt Gebell
von den Hütehunden, treuen,
die zu ihrem sichern Hort
treiben Lamm und Schaf, die scheuen,
und er ist ein Schäfer dort,
der sich dürre Reiser schichtet
blaue Flamme züngelt schon,
und er singt, was er gedichtet,
Licht ins Finstre gießt der Ton.
Hat das Fenster er geschlossen,
riecht das Kissen noch nach Moos,
Tau und Bild, sie sind zerflossen
in der Erde dunklem Schoß.
An des Traumes Silberschale
klopft ein Knöchel, und es klingt
wie der Bach im Heimattale,
wenn das dünne Eis zerspringt.
Doch ihn wecken früh Motoren
und ein Sägen, das sich frißt
in den Tag, dem Lied verloren,
bis die Nacht die Wunde küßt.
Die späten Dahlien beben
Wir gehen einsam, Hand in Hand,
in diese Dämmerung,
wo schon ergraut das Traubengold,
und was an blauem Wohlgeruch
aus Veilchen aufgestiegen,
mit herbem Rauch
September überdeckt.
Was könnte ohne deiner Augen
sanfte Blitze, feuchte Funken
mir aus den Schatten sich noch heben,
Schatten müder Wimpern,
Schatten dunkler Lust?
Wie könnte ich dich halten,
wenn unter dir das Dunkel birst,
wo mürbe mir das Mark von Träumen ward?
Und was ich möchte aufwärts singen,
taumelt aus dem Laube Flaum,
wär eines greisen Kindes Lallen.
Und fühlten wir auch frühen Hauch,
der Rosen zart auf eines Nackens
schneeverwehte Neigung streute,
den Mund, der atmete
wie unbewußt die Knospe,
die ihren letzten Duft der Nacht gesagt,
und sich mit einem halb im Schlaf geseufzten „Morgen!“ schloß,
wirrt nun ein Wehen,
o fühle, wie die späten Dahlien beben,
das Haar dir um die Stirn,
auf der die Falte der Entsagung glänzt,
und öffnest du den Mund,
reißt ihm das welke Blatt,
der Tau des Namens ist schon lang
unterm scharfen Mittagsstrahl verdampft,
die Quelle, die nicht schlafen kann,
ins Rauschen ihrer Nacht.
Der Blöde
Als er noch saß am Brunnen spät,
war ihm, als ob das Wasser lallte,
Gott habe ihm das Hirn vernäht,
mit heißer Nadel jede Falte.
Wie ein Gewürm war ihm das Wort,
das schmatzend im Gehörgang wimmelt,
und frißt es sich ins Dunkel fort,
ist es im Herzen schon verschimmelt.
Der Gnomenkopf, er war zu schwer,
vom Fuß der Nacht aufs Bett gezwungen,
kam ihm ein Widerhall vom Meer,
von einer Glocke, die zersprungen.
Er tastete, als wär er blind,
die Mauern lang, zerrann in Singen,
schrie in der Dämmerung ein Kind,
stand starr, wo die sich küßten gingen.
Und wölbte sich das hohe Blau,
zerstachen ihn des Lichtes Splitter,
ihn labte nicht der Morgentau,
des Traumes Zunge schmeckte bitter.
Wenn sie auch blöde ihn genannt,
im Hinterhof war eine Waise,
die ihm den wunden Rist verband
und gab ihm ab von ihrer Speise.
Sein Antlitz aber schien verklärt,
ist er durchs Schilf zum Maar geschlichen,
wo aus den Tiefen Glut gegärt,
wo Schwäne Fliederbüscheln glichen.
Ein Leuchten hat aus ihm gelacht,
wenn er den roten Ball geworfen,
den wedelnd ihm der Hund gebracht,
hell sang das Blut wie unter Schorfen.
Sah schimmern er das Gnadenbild
im Muschelschrein der Waldkapelle,
war ihm, als mache Huldsinn mild
den Schmerz wie Moos die harte Schwelle.
Man fand ihn hingestreckt ins Gras,
im Mund der Zettel wie ein Knebel,
was trübes Auge darauf las,
war Traumgerank, umwallt von Nebel.
Das heiße Wort
Es sprühten noch vereinzelt Funken
in trägen Stromes Schaum,
aus schwankem Nest ist hingesunken
der Taube blasser Flaum.
Wir sind den Uferpfad gegangen,
ich spürte deinen Hauch
an meinem Mund, an meinen Wangen,
und was ihn wärmte, auch.
Das heiße Wort, es blieb verschwiegen,
o süßer Flamme Licht,
um das entzückte Falter fliegen
und knistern, wenn sie sticht.
Wir saßen vor des Waldes Schwelle
auf weich bemoostem Stein,
das Dunkel trank des Herzens Welle
wie Staub vergoßnen Wein.
Blasse Steine
Der Pfad der Fische, blasse Steine,
vom Wasser blank und glatt geleckt,
sind wie die Worte, Münzen, kleine,
die wir geerbt, getauscht, versteckt.
Die Prägung ist längst abgerieben
von heißer Zungen Leidenschaft,
dem Bildnis, das zurückgeblieben,
erlosch des Blickes Zauberkraft.
Was kann des Kiesels Glätte sagen
vom Murmeln eines blauen Quells,
vom Blütenblatt, das Flossen schlagen,
der Gischt, die spritzt am Uferfels?
Weiß noch der Stein vom Schattenspiele,
das über seine Stirne glitt,
vom dunklen Seufzen unterm Kiele,
und was der Mond im Schilfe litt?
Kann Flut und Schaum das Wort umfassen,
wie goldner Reif den Edelstein?
Die stummem Strahl sich überlassen,
die Trauben spenden uns den Wein.
Wohl wird den Toten Charon hetzen,
in dessen Mund die Münze fehlt.
Uns mag des Mundes Blume netzen
ein Tau, von süßem Blick beseelt.
Ein Knabe läßt den Kiesel schnellen,
daß er vom Licht ins Dunkel springt.
Der Dichter hört aus grünen Wellen,
was träumend Melusine singt.
Gestalten des Lebens
Eine poetische Morphologie
Die Gestalt des Lebens ist kein Bild des Logos,
beseelt von eines Gottes dunklem Hauch,
der heiter blaut, wenn Platos Sonne strahlt.
Der Logos ist wie eine bunte Murmel,
mit der in Moos und Lehm ein Knabe spielt,
und ruft ihn heim die Abendglocke,
vergißt er sie in einer Kuhle,
das Licht sinkt hin,
ihr Schimmer aber dunkelt.
Fühler hat das Leben, Augen, Wimpern und Antennen,
zum Beißen einen Mund, zum Schreien, Schnauzen,
zum Schluchzen, Klagen, Singen,
ja, zum Singen auch.
Die wilde Regung mildert sich,
hält es die Beute liebevoll umschlungen,
knirschen aber Schritte in der Nacht,
wie schrickt es auf und bleckt des Herzens Zähne.
Und wiegt es mütterlich das Kind,
summt es oder singt ein Schlummerlied,
und auch der Greis im Winkel
lallt halbbewußt es mit.
Und wuchs es unterm Säuseln auf
von Palmen, der Brandung Schaumgesang,
geheimnisvollem Leuchten
von Orchideen in der Nacht,
nähren es, die bunt in Inselreichen strotzen,
Früchte, von somnambuler Hand gepflückt
an unbeschnittenen Zweigen,
füllt es mit Blüten grell bemalte Schalen
und bringt sie seinen Götzen dar,
dem krausen Schoß der Wonne
und der Erinnye,
der aufgereckten grünen Schlange.
Und haust es in den kargen Hütten,
wo Ächzen alter Eichenwipfel
durch violette Dämmerungen geistert,
wo Enzian zur Seele spricht: „Blühst du wie ich?“,
Schnee aber: „Spuck nicht in meine Stille“,
dort muß der Sohn vom Vater lernen,
wie der von seinem es gelernt,
wie man den Bogen spannt,
den Schweiß der Angst zu wittern,
das wilde Tier zu treffen, den Geist der Nacht,
die Schur der Wolle, den Euter zu beschwören,
den jungen Trieb zu pfropfen auf ein Reis,
die Alte zeigt es ihrer Tochter,
noch Glut zu hauchen aus der tauben Asche,
zu walken, zu wringen, zu worfeln,
Jäten und Mähen, Spinnen und Weben,
anmutig ihre Rhythmen dem Tanz der Glieder anzuschmiegen,
im Takt zu singen mit der Hand, dem Fuß,
und einen Kranz zu winden,
der mit Veilchen krönt die unberührte Braut.
Auch diese pflegen den Gesang,
doch kehliger, doch inniger
wie der Wildbach stürzt durch Klippen,
das Wasser aber schläft in stillen Nischen,
wo eitel sich der Mond gesellt dem Schwan,
anders als die nackten Insulaner,
die von weißen Blüten Duft,
den Schmelz von Aprikosen
darein mischen.
Gesanglos aber geht dahin
gespenstisch die Gestalt,
wie sie an unsichtbaren Fäden
zwischen grauem Tag und grauem Traume baumelt,
zerreißt sie jäh das Schrecksignal,
flattern sie, blutlose Puppen,
aus denen nie ein Falter stieg,
aus ihren Glas- und Eisenbauten,
verdichten sich zu Wahngeknisters Wolke
und wo die Flamme zischt,
die vor den Mammontempeln
ihre Hohepriester feierlich entfachen
aus der Haut okkulter Pergamente,
dem Holz verruchter Schriften,
stürzen sie herab,
das Feuer leckt, das Feuer frißt,
wie sie schmatzen,
wie sie schnalzen,
dürrer Blätter Pfeifen,
versengter Masken Seufzen
ist ihr erstes und ihr letztes Lied.
Er kommt nicht mehr
Als du einsam lagst und es plötzlich knirschte,
da doch längst die Welt war ins Schilf des Schlafs ge-
sunken, schrakst du auf, ob wer komme, der noch
deiner gedächte.
Doch es war wohl, der durch die Zweige fuhr, der
Wind, vielleicht verscheucht auch von Regentropfen,
die das müde Haupt unterm Flügel barg und nun
aufflog, die Taube.
Nein, er kommt nicht mehr, der mit Blumen gern dich
nannte, Veilchen, und die du liebtest Schlüssel-
blumen, Krokus auch, wenn der süße Duft euch
lockte ins Blaue.
Jüngst am Jahrestag aber hast du ihm das
gern in Fugen sprießt, hast das Moos geschabt aus
seines Namens zart übergrünten Lettern,
und eine Kerze
angezündet, so wie des Abends stets, wenn
er noch las, und du sanft ihn küssend nahmst das
Buch aus seiner Hand, und ihr saßt noch lang im
lieblichen Dämmer.
Lächle, schwermütiger Mensch
Öffne, Herz, die zärtliche Knospe,
wehen will schon das Blatt, tiefer empfinde,
wie an schimmernder Blumenwange
niederträufelt der Tau.
Du auch, schwermütiger Mensch,
lächle, wenn das Laub der Dämmerung
schauert von gefiederten Stimmen,
tropft von Tropfen des Lichts.
Dich aber wecke der lächelnde Strahl,
aus dem Unterholze, den Schilfen
des Traums in das Boot zu steigen,
schwankend im wogenden Tag.
Dunkelt es schon, die Ufer aber
sind fern, laß fahren das Ruder dahin,
lieg still, die heimatlich leuchten,
die Blüten schau, die Inseln der Nacht.
Kaum gefragt, schon geklagt
Kannst du fern sie noch hören,
süße Melodien,
die das Herz uns betören,
wenn mit sanftem Flaumflügelschlag
Liebeselegien
flattern aus dem dämmernden Hag?
Ach, ich werde wohl darben
nach dem Tau der Frühe,
der mit Wassermalfarben
wäscht vom Tag den Albtraumbelag,
daß es wieder glühe,
Rosenherz im dornichten Hag.
Kannst du sie noch erfühlen,
lichten Taues Tropfen,
wenn die Stirn sie dir kühlen,
wüst gefurcht von Angstgrübelei,
glykoneisch fordernd klopfen:
„Liebe, atme singend dich frei!“?
Ach, ich werde sie missen,
wenn Mondschatten wallen
über einsame Kissen,
feuchter Blicke Lustgaukelei,
das Geschluchz von Nachtigallen.
War’s die Lerche? Mir einerlei!
Uferpfad am Rhein
Das Lied, das schläfrig du gesummt,
als wir den Uferpfad gegangen,
war kaum im Morgendunst verstummt,
als schon die ersten Vögel sangen.
Es gab der Rhein die Mittagsglut
uns mild zurück in süßen Funken,
uns tat wie Schwänen Zwielicht gut,
wenn sie das Haupt ins Wasser tunken.
Wovon das Lied des Stroms erzählt,
der Quelle Sehnen nach den Buchten,
wo sie sich mit dem Meer vermählt,
quoll uns wie Glanz in Grames Schluchten.
Die Wellen waren abends schwarz,
nur Schäume bargen fahle Sonnen,
der Himmel war ein gelbes Harz,
das aus dem Weltenbaum geronnen.
Und als wir lagen schilfumdacht,
was gurrten uns die Venustauben?
Die Blüten, die wir dargebracht,
zerfetzten roher Schiffe Schrauben.
Kleine alte Glocke
Die kleine alte Glocke, die im Zwielicht
des öden Kirchturmschachtes
abseits ins Vergessen dämmert hin,
hört die große, die wappenprangende,
junge Schwester, fühlt ergriffen schon
ihr Schwingen in der verzückten Lüfte Gischt.
Es ist die Abendstunde, da frommer Sinn
sich niederkniet auf des Geläutes erhabene Schwelle,
ergebener Mund gesalbt sich fühlt
vom Tau des Hochgebets,
und leise bebt sie mit, die kleine alte Glocke,
taumelt von erinnerungstrunkener Luft gewiegt,
wie einst, da am hohen Feiertage vor den Schwestern
sie den Erstling, den hellen Morgenton gebar.
Nun aber scheut vor dem Zittern sie zurück,
das wie nährender Odem
in Blumenstengeln bis zur Krone
sonnenerregter Knospenspitzen drängt,
glühender Andacht Wehen, dem ein Sirren
Antwort gibt im Gewölke junger Schwalben,
die hier unter Fenstersimsen nisten,
und sie flattern auf, ins Freie hinzugleiten
auf den Wogen bronzenen Klanges.
Sie aber faßt ein Grausen
vor des Klöppels neu erwachter Lust,
daß er ihr den grauen Schoß betöre,
kleine alte Glocke
mit dem unvernarbbaren Riß
in der schmalen Hüfte,
scheppernd, allzu kläglich
wäre ihr müder Nachgesang.
Alter Dichter, lege dich abseits ins Gras,
humple nicht länger durchs wildernde Dickicht
schattendurchgitterter Strophen,
wo dir unverhofft der Lerchen
aufgebrachtes Zwitschern
in einer Ode blauenden
Azur steigt.
Lieg nur starr, schau nur ungerührt
in deinen grauen Abendhimmel,
wo noch eine weiße Wolke steht,
zögernd wie ein Liebeswort,
allzu frühe Flocke,
die auf der warmen Lippe dahinschmilzt.
Wache, Dichter, bis die Wolke
unterm Anhauch
der unausweichlichen,
der hohen Nacht
in rötlichen Schaumes
brokatene Stickereien übergeht,
Blumenkringel, Blütenflaum,
Federn aus Nestern,
die jäh der Ruf des Kranichs,
der herbstliche, verwaiste,
langsam auf den leeren Schrein
deines Traumes niedersinken.
Die Muschel auf dem Berg
Die Blüten, die auf bunten Schalen schwammen,
von Anmut zart gepflückt, um vor dem Bild
der Kypris süß zu leuchten, Gaias Flammen
vom Hain der Insel, wo ihr Lied gequillt.
Noch lagen Schleier auf den Rebenhängen,
als uns emporgeleitet früher Strahl,
sie lösten sich in leisen Morgensängen,
wir sahen Wasser schwemmen Glanz ins Tal.
Voll Bangen stiegen wir zur Waldkapelle,
der Muschel, die ein Strom einst hingespült,
der Frömmigkeit lang ausgerauschte Welle,
ob noch der Perlmutt-Tau die Wunde kühlt.
In weiches Grün hast Veilchen du gewunden,
der Hohen zu entbieten unsern Gruß.
Doch fanden wir der Wange Samt zerschrunden,
des Lächelns Huld verhüllt von Grind und Ruß,
das Kind des Heils war ihr vom Arm gerissen,
der Engel sank ins Dunkel flügellos.
Wir flohen, ohne Zuflucht uns zu wissen,
in stumme Nacht. O sternumsungner Schoß.
Der Kiesel Wort
Der Kiesel, flach, glatt in der Knabenhand,
nachdem du durch das Schilf gewatet,
und hast noch einmal magisch ihn bespuckt,
und dann, die Welle sang, die Welle schrie,
wie ein Diskuswerfer, zwar nicht am Leibe
nackt wie der im Griechischbuch, doch war die Seele
kühn entblößt, hast du dich graziös geschraubt,
damit der Schwung aus deiner Mitte schieße,
und er flog, er sprang, tanzte der Libelle gleich
den weißen Knospen Schaumes nach,
verworrene Nereidenlocken,
wo prangten die, ach ja, im Griechischbuch
oder überm festen Nacken jener
mit dem Geigenkasten
aus dem musischen Zweig,
die Kringel heißen Geifers
hat in die Tiefe sausend
er noch aufgedreht.
So schleuderst heute du den Kiesel Wort,
den adernreichen, den du am Ufer
deiner Eremitenbucht dir aufgeklaubt,
wo tausend liegen, doch nur dieser weckt
deiner Hand das warme Nestgefühl,
und wieder holst du aus des Daseins Mitte,
wie jener Werfer in Pindars hohem Augenblick,
den Schwung, gibst ihm,
daß er gläubig in sich selber kreise,
feurig pfeife auf seiner Geisterbahn,
der Sonne wilden Herzschlag mit,
sein Flug, dem Flug der Schwalbe gleich,
die zwischen Wolkenschatten auf- und niederschwirrt,
stürzt durch Strophen hohen Wellengangs,
pflückt sich Blütengischt von Wogen,
die über Traumschutt und Korallen rollen,
und da und dort, bevor er jäh versinkt
in einen Abgrund ewig unbesungener Nacht,
wo seine namenlosen Ahnen liegen,
hebt er aus samtenen Wassers Falten
zu ferner Liebe sternentrücktem Blick
Tropfen blauen Schimmers, grünen Reims
von Topas und Lapislazuli.
Die Falte der Verneinung
Das Nein ist wie die Schmerzensfalte,
wo sich der Schaum der Wollust staut.
Der Schnee spricht weinend: „Sonne walte!“
Der Krokus schauert, wenn es taut.
Ins Nachtlaub kehrt, was Glanz gesogen,
die Lerche kehrt, die Liebe heim,
und unter hoher Strophen Bogen
strömt sich ins Schweigen aus der Reim.
Die aber bang am Ufer bebten,
die Küken schwimmen, flaumumbauscht.
Die Verse, die an Disteln klebten,
sie flattern, wenn ein Wipfel rauscht.
Ins Blaue steigen junge Chöre,
wenn sie es auch vorm Abgrund graust.
Das Nein ist wie die enge Röhre,
durch die der Atem heißer braust.
Relikte
Die Murmel liegt grün schimmernd in der Kuhle,
sie ist noch warm von einer Kinderhand.
Bald kommt der Mond, der große Somnambule,
und kühlt mit seinem Tau den heißen Sand.
Den Schal ließ sie, früh in der Nacht gegangen,
dir da wie eine Schlange ihre Haut.
Bald steigt der Strahl, der Küsser roter Wangen,
und scheucht den Mond, des Hades bleiche Braut.
Die Locke, blond, als sie gezückt die Schere,
glitt aus dem Buch dir und war taubengrau.
Bald fällt der Schnee, der Träumer weißer Leere,
und hüllt mit seinem Tuch das Bild der Frau.
Irisierender Kristall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Unterschied zwischen dem, der vom Fliegen träumte, und jenem, der eine Flugmaschine ersann.
Allzu viele lyrische Blüten, auf die Fliesen oder den Asphalt der Prosa gestreut, machen sie unscharf.
Die Erinnerung des Gedichts kann sich anders als die der Historie am Quell der Einbildung erfrischen.
Je bedeutender die historische Persönlichkeit und die kulturellen Folgen ihrer Tatkraft, umso heller und länger strahlt ihre Aura in Legenden und Mythen, dem poetischen Substrat noch des Alltagsmenschen. – Die kritische Historie mag die Wurmstichigkeit ihres Kerns erweisen, die Legende überlebt.
Was wir nicht auf Dauer vortäuschen, was wir nicht spielen können, das müssen wir sein.
Man kann nicht Vater oder Mutter spielen; Erwachsene, Liebende, mögen wie Kinder tun, und Kinder können wohl Papa und Mama spielen, aber nicht Kinder.
Der Frömmler, der den Frommen mimt, ist nur bigott.
Der Amusische, der den Künstler mimt, ist nur ein Scharlatan.
Wer so tut, als sei er Arzt, Jurist, Architekt, ist nur ein Hochstapler.
Wer so tut, als liebe er die Frau, um deren Hand er anhält, nachdem er sich ihre Liebe erschlichen hat, ist nichts als ein Heiratsschwindler.
Die Annahme, daß wir nichts als konventionelle Rollen in konventionell geprägten sozialen Situationen und Dramen spielen, ist falsch, und folglich auch all die erlauchten Theoriegebäude, die sie zum Fundament nehmen.
Die Theorie, nach der wir sind, was wir anderen oder uns selbst vorspielen, ist eine Ausgeburt des Größenwahns, denn aus ihr folgt gemäß der korrupten Logik des Wahns, wir könnten die Rollen beliebig wechseln, die Masken willkürlich tauschen, uns heute diese und morgen jene soziale, charakterliche oder sexuelle Maske überstülpen.
Höflich zu sein bedeutet nicht Sympathie zu heucheln, sondern Antipathie oder Gleichgültigkeit hinter dem Schleier konventioneller Floskeln und Formen zu verbergen.
Dichten ist keine Form des Bekennens oder der unmittelbare Ausdruck ungefilterten Fühlens, als würde man Intimwäsche auf für alle Passanten sichtbaren Wäscheleinen aufhängen.
Der Dichter ist nicht frei, sondern gebunden – an die Form, die Tradition, und sei sie in ihm, er an ihr auch zerbrochen.
Auch die ungebundene Prosa des alltäglichen Redens hat ihre Form; wer fragt, muß den Frageton gebrauchen, wer fordert, mit Nachdruck sprechen, wer sich entschuldigt, die Stimme senken.
Für den Steckbrief genügt die Fotographie; die künstlerische Porträtzeichnung enthüllt intime, heimliche, aber charakteristische Züge, die sogar dem Porträtierten bisher entgangen sein mögen.
Das Foto zeigt, gemessen an der Plastizität und physiognomischen Mannigfaltigkeit des künstlerischen Porträts, ein Phantom.
Ein Foto zu schießen kommt der Wahrheit gleich, den Gegenstand, die Landschaft, den Menschen, nicht gesehen zu haben.
Das Foto ist, und sei die Aufnahme noch so scharf, gemessen an der Genauigkeit der Linienführung der künstlerischen Zeichnung, verschwommen.
Dichterische Formen, vom einfachen Lied bis zur hochartifiziellen Ode, sind lautliche, rhythmische und gedankliche Ordnungsgefüge.
Die Ordnungsgefüge des Gedichts können aus den Ordnungen des Seelischen, Sozialen oder Politischen nicht abgeleitet werden. – Und sie spiegeln diese auch nicht mehr oder weniger verhüllt wider, wie es die törichte Annahme der Widerspiegelungstheorie nahelegt.
Die sprachliche Ordnung der Alltagsrede mag vage, diffus, gleichsam löchrig sein; was ihr an semantischer Präzision mangelt, kann indes im Lichte der Redesituation ergänzt und komplettiert werden.
Dagegen ist die Situation des Gedichts, wenn es sich nicht gerade um ein Siegeslied Pindars oder ein Chorlied des Sophokles handelt, ihm einbeschrieben: Monolog, Dialog, Rollengedicht, bukolische Landschaft oder asphaltierter Hinterhof, Tages- und Jahreszeit, meteorologische und seelische Atmosphäre, Temperatur und Luftdruck.
Kraft und Magie der Namen: Manchen Dichtern wie Georg Trakl genügen die Allgemeinbegriffe wie Blume, Baum und Tier, andere wie Wilhelm Lehmann erreichen erst Genauigkeit und Tiefe mittels des Gebrauchs von Gattungs- und Artbegriffen wie Hortensie, Haselnuß und Bienenfresser.
Was der Bogen und die Säulenordnung in der Architektur, sind der Atem und die rhythmische Ordnung im Gedicht.
Wie die Plastiken und Reliefs der Götter und Heroen, der biblischen Gestalten und Heiligen von Architraven, Säulen und Pilastern der Tempel und Kathedralen getragen und gestützt werden, so schweben die Bilder, Metaphern und Vergleiche des Gedichts auf den mehr oder weniger ruhigen Atembögen und Wogen seiner rhythmischen Ordnungen.
Die Bilder des Gedichts bedürfen einer gewissen Dunkelheit wie Pilze des Efeuschattens, unter dem sie gedeihen.
Wie lange fließen die Wasser ins Urstromtal, bis an den Ufern Schilf und Weidenbäume erwachen, wie lange fließen Gemurmel und Singsang der Völker, bis sie die Veilchen der Sappho, die Rose des Horaz bewässern.
Je stärker das Gefälle, desto rascher, lebendiger, schäumender strömt das Wasser; an den Katarakten welche Gischt, an den Stromschnellen welche Wirbel; ohne Gefälle droht Gefahr, daß das feuchte Element dümpelt, versumpft, fault. – Die Rhythmen des Gedichts sind sein Gefälle.
Doch kann, wie Goethe sah, der strömende Rhythmus, wird er unvermutet gestaut, sich in eine stille Gelassenheit glätten, in der sich der Mond und die Gestirne spiegeln.
Dennoch: Laut und Hauch und kein Erz, wie es Horaz vermeinte. Aber: Sein Monument überstand die Jahrtausende, obwohl nicht aus Marmor und Erz gebildet, wenn es auch Grünspan angesetzt hat und von Moos unkenntlich gemacht worden ist.
Hölderlin als Hyperion, Empedokles, Ödipus, ja in der Maske Diotimas, Pindars oder des seltsamen Sehers im Turm. – Einer drückt seine eigene Wahrheit bündiger, schmerzlicher, freudiger aus, wenn er dichterisch aus dem Mund eines anderen spricht.
Das Gedicht beschwört die grünen Hügel und Seen der fernen Heimat, und der Wind, der durch ihre Gräser und über ihre lichten Wogen streicht, wird fühlbar im Beben und Leuchten der Worte, es spricht von den verfallenen Gräbern der Ahnen, und das Moos, das sie bedeckt, bildet die Patina eines versunkenen Sinnbilds.
Choreographie der schreibenden Hand.
Die Hand des Sterbenden hält nichts mehr und sinkt, schon fern von der noch an sich klebenden oder an sich nagenden Seele, in den Schnee des bleichen Lakens hinab.
Im Dämmerlicht schrieb die Hand eine Schleife und kehrt wieder zum Ausgang zurück.
Das Boot der Metapher erreicht das jenseitige Ufer nie oder nur wie Strandgut nach hohem Wellengang.
Das steile Gerippe der Stützpfeiler, das den Mauern der gotischen Kathedrale ihre lichtdurchlässige Schwerelosigkeit verleiht. Wären die grammatische Form und der rhetorische Topos das Gerippe des Gedichts, das ihm wie das Gitter dem Kristall die Klarheit und Durchsichtigkeit seiner Struktur gewährt, wie könnten wir auf sie verzichten? – Hier stößt die radikale Forderung der Symbolisten (rien que la musique), das Gedicht müsse wie der Kristall von allen verunreinigenden Einschmelzungen rhetorischen Beiwerks freigehalten werden, an ihre natürliche Grenze, jenseits derer die Wüste des Sinnlosen beginnt.
Die transparenten Farben des Gedichts, die ihr zartes Bildnis nur enthüllen, wenn sie die Sonne der Intuition beleuchtet.
Die logische Intuition beruht auf der nicht lehrbaren, sondern nur als Evidenz aufblitzenden Einsicht in jene Identität, die das Gleichheitszeichen symbolisiert. – Worauf beruht die dichterische Intuition und welcher Symbolismus ist ihr zu Diensten?
Wie wir die Blüten sehen, die Blüten der Dichtung, so sehen sie uns; und wenn sie welken, wenn sie erblinden, welken auch wir, erblinden auch wir.
Die Gestalt des Menschen in der Landschaft, wie er aufrecht stehend die Gräser, die Halme, die Kräuter überragt, und wie ihn die mächtige Eiche überragt und weit darüber die Wolke.
Der zur Quelle geht mit dem Krug und das lebenspendende, fruchtbare Wasser schöpft. Der Krug des Worts, das Wasser des Sinns.
Der Wind, der die Halme biegt, das Wasser, das die Dämmerung und die Nacht mit seinem Rauschen erhellt, sind älter als der Mensch, zugleich als Atem und Rhythmus Elemente des Gedichts, die ihm seine Gegenwart erschließen.
Der Schnee liegt gehäuft zwischen den Zeilen, die kostbare Substanz der Stille, die wir nur ungern vom Versfuß betreten und verwirren lassen.
Hölderlin konnte, der er sein wollte, der Pindar seiner Zeit nicht werden, denn was diesem noch lebendig war als Anlaß des rühmenden Gesangs, der Sieger im pythischen oder nemeischen Wettspiel und die mythische Landschaft seiner Herkunft, war jenem verschollen, ja erstarrt wie die in der Lava konservierten Leichen von Pompeji und Herculaneum.
Das einfältige Wasser plätschert und sickert, windet sich und findet sich, doch du siehst seinem Aufschäumen und Ermatten, seinen labyrinthischen Gesprächen mit dem Schilf und der Weide, der Wolke und dem Regen nicht an, wohin es drängt, ob es irgend münden oder wieder in der Erde verschwinden will. – Der Schrecken der Begradigung und Kanalisierung, der Schrecken der Standardisierung der Sprache.
Natürlich können wir den Schlick und den Müll, die Knochen, die Asche und den Überdruß aus dem verschütteten Brunnen der Erinnerung ans Licht befördern und den widrigen oder grotesken theatralischen Moment als Bekenntnis verkaufen. – Auch dies wäre noch die Verzerrung der Empfindung im Zucken des Gewollten, der höheren moralischen Absicht, der eitlen Deklamation.
Die Form ist der Körper des Gedichts; ohne den Körper, die organische Struktur wäre es ein Gespenst aus wehenden Lauten.
So ist ja der Satz die Form und der Körper des Gedankens, der freilich ebensowenig in ihm haust wie das Gespenst in der Maschine.
Freilich, der Körper des Gedichts ist nicht real, sondern imaginär. Und: Wir können im Gedicht auf Gegenstände zeigen, die es nicht gibt, wie auf die Rose, die nicht welkt, die Rose ohne Dornen.
Zeichen ohne reale Referenz, Name ohne ontischen Träger. Denn wo blüht die blaue Blume? Im Gedicht des Novalis. Wo wandelt die Athenerin Diotima? Im Gedicht Hölderlins.
Wer Diotima einzig als Deckname für Susette Gontard ansieht und dechiffriert, ist musisch blind (musenblind).
Gedicht: Kristall, der ins Licht gedreht geheimnisvoll irisiert. Und wenn es dunkel wird? Er glüht im Dunkel noch nach.
Hoffnung auf Verse
Gedenk der Verse, die wie Halme ragen,
nachzitternd einem weichen Wind,
betaute Spitzen, und die Tropfen sagen:
„Pflück ab den Glanz mir, Sonnenkind!“
In Karstgeröllen fahlen Kieselsteine
wie abgewetzter Worte Schutt,
sie harren, daß die Wolke niederweine,
das Sinnbild schimmre wie Perlmutt.
Die Reime, die sich bang zusammenrollen
wie Farne um den eignen Schlaf,
sie beben, Knospen, die sich öffnen wollen,
wenn sie Auroras Taublick traf.
Der Rhythmen zart Geflechte, das umdüstert
wie Efeu überm Grabmal lag,
hat edle Hand gelichtet, und es flüstert
und glänzt an einem Regentag.
Wenn die Sonnensänge weichen
Und wenn die Sonnensänge weichen
und stumme Nacht den Azur teert,
muß auch der Rose Herz erbleichen,
die unser Lied mit Duft genährt.
Doch können wir in Schattenlauben,
wenn schon das Sonnenrad zerbrach,
noch glühen sehen manche Trauben,
gibt unser Herz der Täuschung nach.
Hat alle Schalen Wut zerschlagen,
in denen Gottes Wein geschäumt,
bleibt keine Hymne, uns zu tragen
vom Abgrund, wo die Hoffnung säumt.
Und hören wir die Eisen hämmern,
sich fressen durch der Gräber Moos,
so wollen wir im Zwielicht dämmern,
bis uns versteint der Mund, der Schoß.
Der Gnom spielt Schifferklavier
Sommersonntagnachmittag und du allein
über dein Vokabelheft gekrümmt,
vesper der Abend,
luna der Mond,
amor die Liebe,
nox die Nacht,
und sie schwappte herein,
die stotternd-frohlockende Woge
vibrierender Luft,
und auf ihr trieben Fasanenfedern,
Wirbel rotblonder Locken,
Blütenblätter, listig gerupft,
liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich.
Der Gnom, der im Hinterhof hauste,
saß auf der Schwelle
und spielte Schifferklavier,
und er dehnte und preßte das Ding
hoch in die blaue Apsis des Himmels,
tief in die schwarze Krypta zurück,
während sein uralter Kinderkopf
wie die lilafarbene Kugel des Zierlauchs
von einem Ende zum anderen rollte.
Und die Klänge waren gemischt
aus Wermuth und Honig,
aus Beeren gepreßt und Limetten,
quäkend und quälend,
wütende Würfe silberner Nägel
ins staubige Gras,
schluchzend und glucksend,
ein Rinnsal nächtlichen Wassers,
das im Ausguß versank.
Auf der Küchenbank bist, armer Pennäler,
du eingeschlafen,
und als du erwachtest,
war alles still,
still wie das somnambule Blau
der ausgezitterten Luft,
still wie der Schnee des Blattes,
wo die Vokabeln, halb schon verweht,
fons die Quelle,
carmen das Lied,
flos die Blume,
aura der Hauch
den zarten Spuren hüpfender Spottdrosseln glichen.
Doch warst du nicht allein,
der Vollmond stierte,
ein betrunkner Voyeur,
durch das weit geöffnete Fenster.
Verwehte Funken
Das Laub, von Fäden Lichts umsponnen,
die bald der Hauch der Nacht verweht,
und die im Schlaf herabgeronnen,
die Träne, die wie Tau zergeht.
Die Blüten, die am Abgrund beben,
sie stürzen, wenn die Welle drängt,
die leuchteten ins dunkle Leben,
verlöschen, dem Morast vermengt.
Die Lieder, die wie Lerchen stiegen,
in Reimes leichtem Flaum vermummt,
wie Kraniche, die südwärts fliegen,
sind sie im Abendrot verstummt.
Kristall aus Licht- und Schattengittern,
den uns die Hymne wogend hob,
wir sahen ihn im Staub verwittern,
vom Wurm zerfressen Gottes Lob.
Und deine Worte, süße Mücken,
die Funken weicher Dämmerung,
wie konnte Nachtwind sie entrücken,
uns lassen Lallens lahmen Schwung.
Lichtes Laub
Grüne Wasser, die im Schlafe schwappen,
träumen wilder, wenn das Ruder taucht,
feuchte Augen spiegeln bunte Wappen,
Sonnenräder, flammend, schon verraucht.
Lassen wir das Boot ins Dunkel gleiten,
lauschen wir dem schluchzenden Gesang,
Lied der Tiefe muß sich engen, weiten,
fahlend kehrt, was schimmernd auf sich schwang.
Abendstrahlen, die mit Knospen spielen,
träumen milder, wenn die Blüte weint,
wunde Herzen wollen Ferne fühlen,
wo das Leuchten sich dem Dunkel eint.
Lassen wir den Hauch ins Schweigen münden,
schauen wir ins Fließen lichten Laubs,
wo die Wogen Schaum um Schatten winden,
Sonnenzeichen, Augen blinden Staubs.
Unter Dämmerlauben
Wir gingen unter Dämmerlauben,
die wehen Schritte dämpfte Moos,
und manchmal klatschten Tropfen groß,
und manchmal glänzten auf die Trauben.
Doch lauschten wir der wandlungsreichen,
des Stromes grüner Melodie,
war es, daß hoch ein Häher schrie,
der Taube Herz stand still, der bleichen.
Und blickten wir durch Dickicht-Schlingen,
floß Purpur in das graue Bild,
wie wenn ein Licht aus Wunden quillt
und Opferschalen stumm zerspringen.
Hat über uns das schwarze Linnen
wie eine Mutter sanft gehüllt
die Nacht, blieb etwas ungestillt.
Weich hörten wir das Wasser rinnen.
Nach dem Wetterleuchten
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Es waren bloß Schatten. Restitutio omnium. Alles war nur ein Traum. Ausflucht für geisteskranke Kriminelle. Illusion von Manisch-Religiösen. Dichterische Wahrheit.
Der bleiche Knochen, der plötzlich aus dem Moos der Idylle ragt.
Je mehr wir suchen, desto weniger finden wir.
Je mehr wir fragen, desto weniger verstehen wir.
Man stürzt sich auf blutige Fetzen der Realität wie das abgeschnittene Ohr van Goghs, nimmt es unter die kriminologische Lupe, schwingt es wie ein mythisches Wappen in den Korridoren der kunsthistorischen Institute und wähnt, aufgrund solcher Wühlmausaktivitäten unter dem Bergmassiv des Genies seine Bilder besser sehen oder zum ersten Mal richtig verstehen zu können.
Der Künstler ahmt nicht das Leben nach, sondern entwirft ein Bild des Lebens im Licht oder Zwielicht der Kunst.
Schatten ihrer selbst, die vorgeben, sich selbst zu suchen, sich selbst zu verwirklichen.
Die Dummheit steckt im Begriff wie die Zyste unter der Haut.
Devise der doktrinären Moralisten: Über Leichen gehen, um die Menschheit zu retten.
Wer wie rasend an die Türe pocht, dem wird nimmermehr aufgetan.
Sich umdrehen und in der Gewißheit wieder einschlafen, daß die Erde unser nicht bedarf.
Nach dem frenetischen Wirbel der Worte und dem manischen Knacken der syntaktischen Gelenke kehren wir zur Schlichtheit der Aussage „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und der Lakonie der Antwort „Ja, ja“ und „Nein, nein“ zurück.
Tiefer, beseligender, heiterer als die dämonische Mittagsstille des Pan und die geisterhafte der Mitternacht ist die Ruhe nach dem Gewitter, wenn das Blatt dem Sturm noch nachzittert, das Wasser noch unruhig atmet und schwillt, die Vögel noch schweigen, aber die Luft, gesättigt vom Wohlgeruch erfrischter Kräuter und Gräser, die dunkelblaue Fahne souveräner Gelassenheit ausrollt.
Wir suchen anhand eines Farbmusters die Farbe der Rose, die wir vor Augen haben; freilich, für die Farbe der Danteschen Rose fehlt uns das Muster.
Aus der Tatsache, daß eine totgeschundene dichterische oder musikalische Phrase, die zum tausendsten Mal denselben Akkord auf unserem Vorstellungs- und Empfindungsklavier anschlägt und die ausgelaugte Erwartung eines Bilds, einer harmonischen Auflösung zum abertausendsten Mal erfüllt, ein Kunstwerk minderen Ranges charakterisiert, können wir nicht folgern, ein Kunstwerk sei hohen Ranges, weil es unsere Erwartungen systematisch an der Nase herumführt, unser Verständnis mittels unverständlicher Wendungen vor den Kopf stößt und unsere Hoffnung auf Sinnzuwachs am erratischen Block seiner snobistischen Artistik hart aufprallen läßt.
Nicht wie laut der Löwe brüllt, ist erstaunlich, sondern daß es ihn gibt.
Die eifersüchtige Nachbarin mokiert sich über den bezaubernden Gesang ihres Artgenossen: „Wie schrill der wieder klingt!“
Akteure in einem Stück, das mal einer Komödie, mal einer Tragödie, heute einer Farce, morgen einem Passionsspiel gleicht, Akteure, die nicht wissen, daß sie Masken tragen, Stück ohne Autor, das dennoch geheimen Regeln gehorcht.
Der Platoniker: „Gott hat die Sterne gezählt wie die Haare auf dem Kopf.“ – Der Anti-Platoniker: „Ein paar Sterne weniger hätten es auch getan; das blinde Fatum hat meiner Stirn die Kahlheit verpaßt.“
Auch der Schnee des Gedichtes knirscht, aber in ihm knirscht der Schnee der Stille.
Auch im Herbst des Gedichtes fallen die Früchte, doch nicht auf das Moos der Erde, sondern auf das erschrockene Herz.
Schlagzeilen, die vom Blute triefen, von dem sie künden.
Das Blut der homerischen Opfertiere, das Blut der homerischen Helden fließt in die Furchen des Hexameters, die Schalen und Amphoren der Musen fangen es auf.
Das Fenster des Gedichtes schaut auf den Garten der Vergangenheit.
Die Tages- und Jahreszeiten des Gedichtes sind die Tages- und Jahreszeiten der Seele.
Die abendländische Lyrik von Sappho bis Trakl zehrt metaphorisch (wie das japanische Haiku) von den Jahreszeiten; am Amazonas oder in der Arktis wäre sie nicht entstanden.
Nach dem Gewitter der Geschichte lauscht der Hymnus Hölderlins auf das meeresblaue Tönen der gereinigten Luft.
Nach dem Gewitter wiegt sich die erfrischte Atmosphäre der Pastorale Beethovens in lieblichen Rhythmen, befriedeten Sängen.
Das frenetische Klopfen des Regens auf Knospen und Blätter bricht ab, das Gras seufzt auf, die Erde dampft.
Die reißerische Rhetorik und anklagende Deklamation, wie wir sie aus den aufwiegelnden Reden der Revolutionäre kennen, sind Salz in der Wunde des Gedichts.
Die Expressionisten, deren Gedichte der Sturm sein wollten, von dem der Hut des Bürgers in die Gosse geweht wird, haben die Windstille nach dem Gewitter als verlogene Idylle verunglimpft und in Mißkredit gebracht.
Die Dichter, die anstatt im Geheul stürmischer Rhetorik die Erde zu häuten und ihre innere Fäulnis freizulegen eher geneigt sind, das Schneetuch der Stille über die Schründe und Abgründe zu breiten, gelten für parasitäre Fliegen im Wohlstandsdung oder impotente Stotterer bei der Weltkonferenz für Frieden und soziale Gerechtigkeit.
Die Futuristen, die dem edlen Monstrum der in erhabener Ruhe erstarrten Nike von Samothrake das perverse Monstrum des heulenden Rennwagens vorzogen, konnten ihr, so sehr sie aufs Gaspedal der Fortschrittsrhetorik drückten, den Siegeskranz nicht entreißen.
Der am Moder der Vergangenheit schnüffelnde, im Kleiderschrank fremder Leute wühlende naturalistische Schriftsteller ist schon die Parodie des Spitzels, die Karikatur des Geheimdienstagenten.
Aus dem wirren Geranke des Dickichts, das wir Erfahrung nennen und das bisweilen die Irrealität des Tagtraums oder die Surrealität des Albtraums an sich hat, taucht plötzlich, unerwartet, unverhofft ein eine Gestalt auf, die ihre Hand ausstreckt, ein Gesicht, das seine Augen aufschlägt.
Ein Wort, ein Blick. – Das Wort, das einen aus dem Gedicht anschaut, verliert seine gewohnte und gewöhnliche Eigenschaft, transparent, durchsichtig, ja unsichtbar im praktischen Alltag zu sein, und kondensiert, kristallisiert und verdichtet sich, einem Kieselstein gleich, der sonst unscheinbar zwischen den anderen herumliegt, aber unter dem leisen Rieseln des Versflusses zu schimmern beginnt.
Gut, daß während des Gewitters so viel Regen floß; denn was da glänzt, sind die noch an den Gräsern und Halmen der Verse zittern, Tropfen.
Man könnte die Spannung eines Gedichts in der gedichteten Zeitspanne aufbauen, die zwischen dem die Landschaft jäh erhellenden stummen Blitz und dem Augenblick währt, wenn der Donner losbricht.
Ein Vogel, der im grellen Leuchten des Blitzes zu singen aufhört und beim ersten Grollen des Donners aufflattert.
Fernes Wetterleuchten über den Hügeln und dann der Regen, der mit traubendunklen Tropfen niedergeht und Nacht bringt.
Psalm und Hymnus, liturgischem Gebrauch entstammend, bleiben, ins rein Lyrische transponiert, problematische Gebilde, insofern ihnen (wie bei Klopstock und Hölderlin) die schwere brokatene Purpurschleppe der Verkündigung anhängt und oftmals an der anmutig-freien Gangart hindert.
In der schwülen Luft, der unheilschwangeren des Sommernachmittags, die einem den Atem benimmt und wie ein Alb aufs Gemüt drückt, scheinen die Knospen zu erstarren, die Quellen zu stocken, die Lebenden gebannt in die Leere zu starren. Endlich wird die Atmosphäre von niedersausenden Blitzen gelöst und gelockert, endlich die Beklemmung von den Sturzbächen des Gewitters hinweggeschwemmt. – Gedicht, irdener Krug, der die von den Spitzen der Gräser herabzitternden Tropfen aufsammelt.
Ein jedes Wesen, Stein und Stern, Anemone und Ahorn, Mücke und Mensch, hat seine Form, seine Gestalt, so auch das Gedicht. Aber gehört es als Kunstgebilde, als sprachliche Form in die Reihe mit Kieseln, Violen und Muscheln?
Die Sprache für sich schon ist nichts Künstliches, wir lernen sie spontan, wenn wir ihren Gebrauch auch mehr und mehr durch Nachahmung, Lernen, Studium vertiefen. Natürliche Sprachgebärden sind, könnte man sagen, uns eingewurzelt, wenn ihre Sprossen auch von Eltern, Lehrern und leider auch trocken-pedantischen Beckmessern gebogen, gestutzt und manchmal zu symmetrischen Wuchsformen sei es verschönert sei es verunstaltet werden. Das imperative Heischen wie Bitten, Fordern, Herbeirufen, Verwünschen und Verbieten, das deskriptiv-deiktische Sagen wie Nennen, Mitteilen und Beschreiben und das expressive Verlautbaren wie Jubeln und Jammern, Frohlocken und Klagen, Loben und Tadeln scheinen exemplarische Sprachgebärden, die in Gedichtformen wie den Zauberspruch, das Gebet oder den rituellen Fluch, in die Ballade, die Moritat, die Fabel oder das Erzählgedicht, in den Hymnus, die Klage, das Spottgedicht und das Epigramm eingehen.
Wie der Weg vom urtümlich-magischen Zauberspruch zum symbolistischen Gedicht verläuft oder ansteigt, wie vom schlichten Spottvers zum feingeschliffenen Epigramm, vom hemmungslosen Jubelschrei zur hochartifiziellen Ode oder vom einfachen Lied zum dialektisch verschlungenen Sonett – das ist ein weites kaum noch beackertes Feld.
Eine vollständige Liste aller faktischen und möglichen Sprachgebärden scheint es nicht zu geben; der Dichter mag wie der Musiker musikalische neue dichterische Gebärden zu Tage fördern. Ob es dazu auch neuer Formgebilde bedarf, so wie das Rühmen seine dichterische Gestalt in Ode und Hymnus, Wunsch und Traum im Lied, die Klage in der Elegie fanden, bleibe dahingestellt.
Endlich stoßen wir auch auf die sei es inklusive sei es exklusive Alternative von kommunikativer Offenheit und selbstbezüglicher Abgeschlossenheit des Gedichts: Gabe oder reiner Ausdruck, Stern am offenen Himmel oder Kristall, der im esoterischen Dunkel glüht.
Fahle Lider, Asphodelen
Dem Traume blieben Blicke, weiche, feuchte,
ein Glanz, der matt ward und ins Leere rann,
und kaum ein Hoffen, daß er wieder leuchte,
wo unsern Pfad die Spinne Nacht umspann.
Dort, wo noch blasse Blütenglocken hingen,
hat Moos den Schritt gedämpft, den Schmerz Gesang,
als würden im Holunder Geister singen,
als schluchzte Wasser, das in Wurzeln drang.
Wir sind ins Schilf der Dämmerung gekrochen,
von aufgeschreckten Flügeln fiel der Flaum,
des Azurs blaue Schale war zerbrochen,
und um uns floß verblühter Mythe Schaum.
Und keine Welle kam, uns fortzutragen
ans andre Ufer, wo die Weide trinkt
und Asphodelen bleich ins Schweigen ragen,
wo wolkenlos ein bronzener Himmel blinkt.
Der Liebe blieben Lider, fahl, verschlossen,
wie Monde, stillgestellt in ihrem Lauf,
o daß von Gnadenstrahlen überflossen
sie einmal beben noch und tun sich auf.
Die Flucht
„Ist, Mutter, es noch weit? Es wird schon dunkel!“
Die junge Mutter drückt die kleine Hand.
„Siehst du den Stern beim Mond? Wird sein Gefunkel
noch heller, sind wir bald am Ostseestrand.“
Sie trägt das Bündel, die Kleine hält die Puppe
an sich gepreßt, daß sie nicht friert und weint.
Die ihnen Brot gebrockt noch in die Suppe,
die Greisin sitzt am Herde wie versteint.
Sie gehen ihren Gang ins Ungewisse,
die Heimat hat schon trüber Schnee verweht,
ein dunkles Seufzen quillt aus jenem Risse,
der ihnen durch die Nacht der Seele geht.
Dann sehen sie das Boot, das ängstlich schaukelt,
von grauen Schäumen rätselhaft bedrängt,
und andre sind, vom selben Stern umgaukelt,
die man wie Schafe auf die Planken zwängt.
Sie lauschen bang, wie schwarze Wellen schlagen,
sie fühlen, wie der Fremdheit Stachel sticht.
„Ist, Mutter, es noch weit? Es will schon tagen.“
Die Mutter küßt ihr Tränen vom Gesicht.
„Siehst du den Purpurstreif? Wird er zum Bogen,
tritt auch die Königin, die Sonne, ein.
Sind wie aus Gischt die Möwen aufgeflogen,
glänzt uns das Ufer bald wie Elfenbein.“
Die Alte, die am Ofen einschlief, träumte,
wie schreiend kreiste eine Möwenschar,
wo sich umsonst ein Mast im Strudel bäumte
und eine Puppe schwamm mit goldnem Haar.
Diminuendo
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Mit der Sprache über die Sprache gegen die Sprache denken.
Wenn wir uns an den Namen des Freundes aus Kindheitstagen nicht erinnern, können wir nicht im Buch der Erinnerung nachschlagen.
Die verfängliche Vorstellung, unsere Erinnerungen hingen wie Würste in der Vorratskammer des Gedächtnisses, das Gedächtnis sei eine Art Speicher oder Rumpelkammer, ist ein schiefes Bild, das uns der gedankenlose Sprachgebrauch aufdrängt.
Das Buch hat ein Register, das Lexikon Lemmata, das Gedächtnis hat keine Metaebene seiner selbst.
Wir können über die Sprache nur mittels und innerhalb der Sprache nachdenken. Wir können als deutsche Romanisten über Dantes Wortgebrauch in deutscher Sprache handeln; aber wir können die Sprache nicht von einem außersprachlichen Terrain aus betrachten.
Wir können grammatische Strukturen nicht auf neuronale Netzwerke abbilden.
Dagegen können wir logische Strukturen wie die Wahrheitsfunktionen der durch Junktoren verknüpften Sätze auf elektronische Strukturen abbilden (Schalter ein, Schalter aus).
Aber dies zeigt nur, daß grammatische und logische Strukturen nicht isomorph sind.
Das Gleiche ist nicht dasselbe.
Der Mann, der vor einer Stunde in das gegenüberliegende Haus trat, und derjenige, der jetzt das Haus verläßt, muß nicht derselbe sein, auch wenn uns das Gedächtnis dies suggeriert, weil er ihm sehr ähnlich sieht (er könnte sein Zwillingsbruder sein).
Wir erinnern uns daran, in dieser und jener Stadt, dieser Straße und jenem Haus gelebt zu haben; dann hat unsere Erinnerung eine Lücke; hernach sehen wir uns gleichsam wieder aus dem uns vertrauten Haus treten. Sind wir es aber oder jemand, der uns sehr ähnlich sieht?
Die Erinnerung hat wie die Sprache keine Metaebene, von der aus wir ihre Aussagekraft ermessen und beurteilen könnten; wir können Erinnerungen nicht durch Erinnerungen verifizieren.
Der Passant erinnert uns an unseren alten Freund Peter, wir sagen uns: „Das ist doch Peter, er hat sich in den vergangenen Jahren wohl stark verändert, er hat sich die Haare gefärbt, trägt jetzt elegante Kleidung, seine Mimik, seine Gangart wirken seltsam, so beinahe, daß er wie Hans ausschaut.“ Doch wenn wir ihn fragen und er behauptet, nein, er sei nicht Peter, sondern Hans, fühlen wir uns genarrt oder glauben zu träumen.
Ein digitaler Stimmengenerator gibt ein Gedicht von Trakl ton- und ausdruckslos wieder; dann hören wir dasselbe Gedicht ausdrucksvoll von Oskar Werner rezitiert. – Was Ton und Ausdruck meinen, ist schwierig zu fassen, aber das Eingangstor zur dichterischen Sprache.
Der Atembogen des Gedichts. Auf welchen Pfeilern ruht er auf? Er schwebt im Leeren.
Der Zeigefinger zeigt auf den Gegenstand; worauf die musikalische Geste, worauf die poetische Metapher?
Die Rose Liebe, die nicht stirbt. – Nun kennen wir nur Rosen, die welken.
Auf die Rose, die welkt, können wir zeigen; nicht auf die absolute Rose des Gedichts.
Der Lehrer zeigt auf das Reagenzglas; er fordert die Klasse auf, genau hinzuschauen (ob es aufgrund der chemischen Reaktion beispielsweise angelaufen ist).
Der Wanderführer zeigt auf die Burgruine, die sich auf dem gegenüberliegenden Hügel erhebt; seine Geste besagt: „Dorthin wollen wir gehen.“
„Der Mönch am Meer“ auf dem Bild von Caspar David Friedrich ist die Verkörperung der romantischen Geste ins Grenzenlose, Ungeheure, Übermenschliche.
Aber, könnte man sagen, auf das Grenzenlose können wir nicht zeigen, nur auf etwas, was räumlich abgegrenzt ist. – Wie also funktioniert die Bild-Metapher?
Wenn der Tristan-Akkord als mehrdeutig empfunden wird, folgt daraus nicht, daß er eine musikalisch unklare, zwittrige, obskure Geste wäre.
Der falsche Ton; Emphase, wo Verhaltenheit angemessen wäre, Ermattung, Ausdrucksleere, wo die Kurve der Empfindung anschwillt; ein zu heftiger Anschlag der Tasten, wo die Seele aushauchen will.
Muß der Schauspieler empfinden, was er sagt, oder gefühlsmäßig in seiner Rolle aufgehen? Doch derjenige, der den König Lear gibt, muß äußerst konzentriert, gleichsam innerlich still, mit angehaltenem Atem bei sich bleiben, auch wenn er den Wahnsinn des Gequälten im Heulen der Sturmnacht darstellt.
Die betrogene Geliebte hört den falschen Ton aus den Treueschwüren des Untreuen untrüglich heraus, auch wenn sie von einem exzellenten Schauspieler vorgebracht würden, der in der Rolle des Don Juan überzeugte.
Wenn der Heiratsschwindler die Getäuschte um ihr Vermögen gebracht hat, wissen wir nicht, ob ihre weibliche Intuition zu schwach oder ihre qualvolle Sehnsucht zu stark gewesen ist.
Individuum est ineffabile.
Das Wesentliche, Individuelle, Singuläre (und das, was wir sind, was uns ausmacht) läßt sich nicht sagen; wir können nur Vergleiche zur Verdeutlichung heranziehen: „In seiner Nähe fühlte ich eine Bedrückung wie vor einem aufkommenden Gewitter an einem schwülen Sommernachmittag.“ – „Die Klarinette tönte wie jammerndes Quäken.“
Wir helfen uns, und oft nicht ungeschickt, mit synästhetischen Brücken: Ihr Gang ist schwebend, sein Witz ist blendend, scharf, ätzend, beißend, der Geschmack des Weins ist abgestanden, faulig, wässrig, fade.
„Dieser Riesling hat eine leicht säuerliche Note, abgemildert durch einen fruchtigen Beigeschmack von Quitten und Stachelbeeren.“ Wie dem auch sei; aber wir können nicht anhand einer solchen noch so blumigen Beschreibung des Connaisseurs den gemeinten Riesling in einem Blindversuch aus einer Reihe von aufgetischten Weinen herausschmecken.
Keine Beschreibung ist hinreichend detailliert, um ihr Objekt eindeutig zu identifizieren. – Um Objekte eindeutig zu identifizieren, gebrauchen wir Eigennamen, die ihnen gleichsam in einem einmaligen Taufakt verliehen worden sind. – Bei der Erwähnung des Namens „Georg Trakl“ wissen wir, wer gemeint ist; den verbreiteten Eigennamen „Peter Müller“ müssen wir mindestens um ein oder zwei spezifische Daten ergänzen (Geburtsdatum, Geburtsort), um aus der Heerschar aller Müllers den gemeinten Peter herauszufischen.
Die Stimmigkeit des gesuchten Worts, der erwünschten Wendung ertasten, fühlen, wittern; was der Dichter aus der ersten Aufzeichnung gestrichen hat, verrät uns manches über sein sprachliches Witterungsvermögen, seinen poetischen Instinkt; aber auch die Tatsache, daß manche, seltene Dichter wie Hofmannsthal kühn, sicher, beinahe unwillkürlich geschrieben zu haben scheinen, denn wir sehen keine einzige Korrektur im Autographen.
Und wenn die Hand, man möchte sagen kopflos, wie im Schlaf, somnambul, geschrieben hätte, wie ein Windhauch durch Halme streicht, über die Zeilen hinweggeglitten wäre?
Gräser, Halme, Ziffern. Sie biegen sich im Wind, recken sich wieder empor.
Freilich, die Ècriture automatique versagt oder speit nur kümmerliche Wort-Ejakulate aus, wenn nicht ein Breton, ein Artaud oder Soupault in ihr herumgeistert, sondern ein mit Zeitungsphrasen vollgestopfter deutscher Michel an ihr entlangstolpert.
Dostojewskij mag als der große Sentimentale und religiöser Hysteriker faszinieren, aber er enttäuscht als magerer, anämischer Stilist, der hinter der Fülle und Plastizität eines Puschkin oder Tolstoi zurückfällt.
Dem kleinen Journalisten und dem allseits bewunderten Groß-Schriftsteller sieht man die hingeschluderten Sätze, die windschiefen Bilder und die häßliche Warze auf der hochgereckten Nase rhetorischer Übertreibung nach, wenn sie nur das bunte Fähnlein der richtigen Gesinnung auf dem Schindanger ihrer Bekennerschreiben aufpflanzen.
Grell bemalte, sterile Trans-Puppen, die von der glorreichen Zukunft der um etliche Geschlechter bereicherten Menschheit schwadronieren..
Früher absolvierte der deutsche Michel sein geistiges Notabitur ohne Beanstandung, wenn er im Aufsatz hinreichend oft die Begriffe Reich, Führer und Überlegenheit der germanischen Rasse hinschmierte, heute schinden Begriffe wie Toleranz, Gleichheit und Überlegenheit der westlichen Werte dasselbe heraus.
Adam scheint im Paradies mit dem alten Herrn noch auf Augenhöhe konferiert zu haben, wenn er, zwar in dessen Auftrag, diesem gleichsam nachspricht und den Tieren Namen gibt.
Warum den Tieren, nicht aber den Blumen, fragen wir den jüdischen Geist. – Die alten Hebräer brachten ja ihrem eifersüchtigen Gott hekatombenweise blutige Tieropfer dar, nicht wie die leicht geschürzten Gauguin-Mädchen der ozeanischen Sonneninseln ihren lächelnden Götzen wohlriechende Blumengebinde.
Die Sprache des Paradieses, in der sich der Schöpfer mit seinen Geschöpfen unterhielt, glich sie dem logisch reinen Kristall des frühen Wittgenstein, dessen subtile und streng symmetrisch angeordnete grammatische Gitter keinen Schatten des Mißverstehens warfen? – Wie aber konnte Satan, die Schlange, in derselben Sprache lügnerisch-diabolisch zischen?
Aus dem Paradies vertrieben, scheint Adam alsbald die Fähigkeit verloren zu haben, sich mit Gott in dem alten Idiom auf Augenhöhe zu unterreden. – Der Glaube gewisser Propheten und Dichter, Reste der paradiesischen Sprache seien wie im Bernstein eingeschmolzene Insekten und Falter in urtümlichen Schriftzeichen und enigmatischen Sprachbildern der Vorzeit enthalten; Glaube, der von den sprachmagischen Spekulationen der jüdischen Kabbala bis zur deutschen Mystik, zu Böhme, Hamann und Novalis reicht.
Freilich, Adam benannte, was Gott ihm zeigte; schöpferische Kraft war seinem Nennen nicht vergönnt. – Hätte Gott Adam, wenn er bei der Benennung von der Nomenklatur Linnés abgewichen wäre, korrigiert?
Die Intuition der reinen Poesie, als könne das dichterische Wort ins Dasein, wenn auch nur ins Dasein des Gedichtes, rufen, was es beschwört.
„Kein Ding sei, wo das Wort gebricht“ – diese gnomische Wendung Stefan Georges definiert eine Poetologie, keine Ontologie.
Ein Murmeln, ein Flüstern, ein Raunen löst sich wie der Nebel über dem Hochgebirgssee im einbrechenden Strahl des Morgens auf in eine klare, azurblaue Stille.
Das Rinnsal dichterischen Wortes seufzt hin und versickert nach und nach im blütenlosen Karst des Schweigens.
Auf dem Stein bleibt lesbar noch der Name, und auch er wird halb schon von Moos und Efeu verdeckt.
Wir nehmen am Abend das Buch wieder zur Hand, worin wir gestern gelesen, doch das Lesezeichen ist ihm entglitten; so legen wir es zurück zu den anderen, löschen die Lampe und starren in das Dämmerlicht, das fahler und fahler aus dem Fenster fließt und schon über die Schwelle des Traumes leckt.
Die gellende Stimme der doktrinären Behauptung wird brüchig, die jubelnden Rufe der hohlen Begeisterung verhallen, das forcierte Crescendo der weltumgreifenden moralischen Aufrufe bricht ab, die lüsternen Schreie auf dem Markt der Meinung ersticken in einem apokalyptischen Rauch.
Der Großsprecher aus der ersten Reihe wird kleinlaut. Ist er unglücklich verliebt, liegt seine Mutter im Sterben, hat er angefangen, im „Nachsommer“ zu lesen?
Der im Seminar als ideologischer Rädelsführer stets eine dicke Lippe riskiert hat, ist plötzlich verstummt. Wurde er von seiner Freundin betrogen, hat die Revolution sich als käufliche Mätresse entpuppt, da sie ihre zerbeulte Lederjacke wegwarf, in Seidenkleider und verführerische Dessous schlüpfte und bei jenem feschen Beau, ja dem mit der blonden Strähne, der diamantverzierten Uhr und dem Sportwagen, einzog?
Nach dem Brausen des Sturms der Geschichte, dem Geklirr der Waffen auf den Schilden des Siegs dämpft Horaz den hohen Ton der Ode, und seine Stimme wird leise wie das Säuseln im Laubdach bukolischer Dämmerung, unter dessen lieblich flirrenden Schatten er dem Freund aus irdenem Krug den schlichten Sabinerwein einschenkt.
Das Rauschen des Brunnens der Erinnerung wird leiser, ein Murmeln und Glucksen, das, als hätten wir es geträumt, nun gänzlich versiegt.
Das Wort der Gnade
Dein Wort war wie ein stilles Schneien
in sternenloser Mitternacht.
Dein Wort war wie ein Benedeien,
das welken Blüten Tau gebracht.
So wollen wir im Dämmer schreiten
auf hellem Pfad zum hohen Schrein,
wo Engel uns das Mahl bereiten,
das du gesegnet, Brot und Wein.
Dein Hauch war wie ein heißer Odem,
der Spreu und Spelz ins Dunkel blies.
Dein Wort, das Korn, sank aus dem Brodem,
das Licht der Hoffnung ins Verlies.
So laßt uns tiefe Furchen graben
durch treuer Herzen Fruchtgebiet,
zu harren auf der Sonne Gaben,
die lichte Saat, das hohe Lied.
Wie Rauschen ward zu Lallen
Als hätte sie bezaubert Sapphos Mond,
ist die am Tag noch schlief,
die Knospe aufgegangen.
Wie hat geträumt sie tief,
vom eignen Schoß umfangen,
nun singt den Duft das Herz, vor dem sie thront.
Als hätte vollgepumpt es Benn mit Bier,
ist das mit Wolken flog,
das Lied ins Loch gefallen.
Wie sich der Fittich bog,
wie Rauschen ward zu Lallen,
nun knistert ihm das Herz wie Schmierpapier.
Als wir bei den Schatten lagen
Von schwankem Kahne kam ein Singen,
am Ruder tropfte Reim um Reim,
und höher rauschten sehnend Schwingen,
die Kranichschwärme flogen heim.
Was noch wir hätten sagen mögen
auf Pfaden zwischen Tag und Traum,
sank schauernd von den Laubenbögen,
und perlte hin und glänzte kaum.
Spät, da wir in die Lichtung traten,
war sie von Dahlien noch besonnt,
wie Mädchen, die um Schonung baten,
mit Augen blau, mit Locken blond.
Und als wir bei den Schatten lagen,
barg ich mein Haupt in deinem Schoß,
was keines Mund noch konnte sagen,
rann stummer Tau von stummem Moos.
Wir gingen durch die Nacht
Wir gingen durch die Nacht, wo goldne Trauben
wie Küsse süß uns angeglüht,
doch keiner mochte von den Reben rauben,
Durst war noch wach, die Herzen müd.
Dein Fuß, wie er an Feuerlilien streifte,
blieb taub, als netzte ihn der Tau,
Korallenblatt, das schon ins Zwielicht reifte,
zog es mein Herz zurück ins Blau.
Ein jeder Blick, der blind in deinen feuchten
hat tauchen wollen, ward genarrt,
weil deine Geißel-Wimpern ihn verscheuchten
vom Abgrund, wo der Schmerz verscharrt.
Und jedes Wort zerfiel in deinen Ohren
zu dunklem Rieseln, weißer Gischt,
dein Wort, das wehe, blieb mir unverloren,
ein Schlegel, der mein Schweigen drischt.
Der Sprachkristall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Einen Kuß, ein Empfinden nennen wir süß, ein anderes bitter; einen Ton hoch, einen tief; eine Klangfolge schwebend, sinkend, steigend, unentschieden; eine Farbe hell oder dunkel, düster oder heiter.
Wenn wir eine Blume, die Nelke heißt, als Veilchen bezeichnen, haben wir uns geirrt und werden zurecht korrigiert. – Wenn wir ein trauriges Lied nicht als traurig empfinden, können wir nur schwerlich eines besseren belehrt werden.
Können wir lernen, ein trauriges Musikstück als ein solches zu empfinden, aufzufassen, zu verstehen?
Ist wie Kultur des Geschmacks Gefühlskultur möglich?
Wir schließen nicht aus der traurigen Miene, der verzagten Stimme, der schlaffen Geste, dem schleppenden Gang, daß dieser Mensch traurig ist: Wir sehen es. – Wenn der Mensch ein Schauspieler ist, der Hamlet darstellt, sehen wir es gleichfalls; aber wir schreiben die physiognomischen Erscheinungen, die wir als Ausdruck von Traurigkeit oder Melancholie auffassen, nicht dem Schauspieler zu, sondern der Figur, die er spielt, der Rolle, die er verkörpert.
Woran erkennen wir den Simulanten des Gefühls? – Der da Mitgefühl mit den Armen in Übersee heuchelt oder medial effektvoll (und lukrativ) inszeniert, aber seine Mutter, seine Frau, seinen Freund im Stich läßt.
Wir könnten in das Gehirn des traurigen Menschen blicken, aber nicht am MRT-Scan ersehen, daß er traurig ist; wir könnten es vielleicht anhand der Aufnahme des Gehirnes (aufgrund vergleichbarer Fälle) folgern.
Wir beißen in den Apfel und empfinden einen sauren Geschmack; die chemische Formel der Säure suggeriert uns keine entsprechende Geschmacksempfindung.
Gibt es „da draußen“ die objektive, aller sinnlichen Qualitäten und allen Sinnes bare Welt, die Welt der Physik, auf die wir, was wir qualitative Eigenschaften nennen, projizieren?
Freilich, der Schnee ist ein Kristall, den der Physiker objektiv zu beschreiben vermag; aber die Jahreszeit, die ihn uns auf Dach und Wiese weht, ist ein Teil unserer Lebenswelt, den es nur „gibt“, insofern wir von Winter, Kälte und Schneeverwehungen im Horizont unserer sensiblen und begrifflichen Möglichkeiten reden.
Der Schnee des Gedichts weist freilich auf kein objektives Datum im Kalender, sondern auf einen chronometrisch unbestimmten Moment im Jahreszyklus der Seele.
Der Gesichtsraum ist wie der Klangraum, ja wie der logische Raum, gleichsam systematisch in sich abgedichtet und geschlossen; aber dann hat es keinen Sinn zu fragen, ob es da ein Draußen gibt, in dem er wie der Handspiegel in der Schublade verborgen liegt.
Die Farbe und der Ton sagen primär sich selber aus; wir können sie freilich sekundär zur Warnfarbe und zum Signalton verwenden.
Seine Umgebung färbt, tingiert, variiert den Sinn. – Der Kammerton a hat eine andere Wertigkeit in der Dur- oder Mollumgebung, nicht zu reden von der diatonischen oder mixolydischen.
„Ich komme wieder.“ – „Ich gehe jetzt.“ – Wie anders, wenn es die Mutter zum Kind sagt, die Geliebte zum treuen oder untreuen Liebhaber, wie anders, wenn der Seelsorger zum Genesenden oder Sterbenden.
Wir fühlen nicht, daß wir metaphorisch reden, wenn wir das Wetter heiter, die Miene verschlossen, das Augenzwinkern verschmitzt oder das Lob speichelleckerisch nennen.
Der philosophische Mythos der Bedeutung erwächst aus ihrer Verwechslung mit einer mentalen Eigenschaft, als schwebe sie gleichsam oberhalb der Sprache im luftleeren Raum.
Wenn wir sowohl eine Entscheidung als auch eine Handlung oder die Leitung einer sozialen Institution gerecht nennen, ist Gerechtigkeit dann nicht eine Art mentaler oder geistiger Eigenschaft, die wir losgelöst von den Entscheidern, Handelnden oder Leitern identifizieren können (wie Platon meinte)?
Die Sonne des Guten, die wir an den farbigen Brechungen dessen nur erahnen, was uns gut dünkt (auch wenn es schlecht ist).
Der Kristall der Idee, der umso reiner ist, je weniger farbiges Licht er streut.
Der Spielleiter mischt und verteilt die Karten unter den Teilnehmern zu gleichen Teilen, ohne viel nachzudenken, gleichsam automatisch (oder im Dunkeln).
Tugenden wie Gerechtigkeit, Klugheit oder Mäßigung, die wir in der antiken Mythologie und Dichtung zu gleichsam lebenden Allegorien erhoben finden, sind Personifikationen jener Attribute von Handlungen, die wir gerecht, klug oder maßvoll nennen.
Aber wenn der Satz „it is snowing“ und der Satz „Es schneit“ dasselbe meinen, drücken sie dann nicht denselben Gedanken aus? Doch gewinnen wir die Identität dieses Gedankens anders als durch den sprachlichen Ausdruck jener Sätze, von denen wir natürlich mit Recht behaupten, daß der eine jeweils die adäquate Übersetzung des anderen darstellt?
Der Schüler lernt den Unterschied zwischen andante, allegro und allegretto; der Lehrer erinnert ihn an den Unterschied zwischen Schreiten, Eilen und Rennen, an die Gangarten des Pferdes Tritt, Trab und Galopp. Ist das eine die Übersetzung des anderen?
Der iambische Vers verlangt ein schnelleres Lesen als der Hexameter oder der Vers der alkäischen Ode.
Wir bedürfen keines objektiven Zeitmessers, gleichsam eines poetischen Metronoms, um die Verhältnismäßigkeit der unterschiedlichen Leserhythmen des Iambus, des Hexameters und des alkäischen Verses zu ermessen.
Wir fühlen, wenn einer Goethes Marienbader Elegie zu hastig, zu laut, zu pointiert liest. Hören wir, um dies beurteilen zu können, ein metrisches Paradigma im inneren Ohr ab?
Ohne Wiederholung oder wiederholende Variation kein Rhythmus, ohne Spiegelung oder spiegelbildliche Umkehrung oder Verzerrung kein dichterisch-lebendiger Ausdruck.
„Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen“ – die Wendung Goethes scheint ohne Beispiel und poetisches Muster, und dennoch ist sie aus sich selber evident.
Das Erste und Letzte, das Früheste und Währende, worauf wir unsere Weltorientierung und unsere sprachliche Äußerung stützen, ist das, was sich von sich aus zeigt (Heidegger), das Urphänomen (Goethe).
Mit dem Licht haben wir sich komplettierende oder kontrastierende Farben, mit dem Klang Zusammenklang und Mißklang, mit dem Gefühl Lust und Erschrecken.
Der fein geschliffene Kristall bündelt und reflektiert die Strahlen der Sonne; das Gedicht ist ein Sprachkristall, er bündelt und reflektiert die Strahlen des Gemüts.
Manch ein Kristall hat trübe Stellen und opake Flecken; hier verfangen sich die von uns ausgesandten Strahlen, hier sind wir blind.
Ganz glatte, ebenmäßige Flächen, die nichts als abgedroschene Plattheiten oder fadenscheinige Metaphern darstellen: In ihnen spiegelt sich unser müdes Gesicht. – Aber wir lesen keine Gedichte, um dies zu sehen.
Indes, andere blinde Stellen, Schatten und Flecken entstehen und sind unvermeidbar aufgrund von unwillkürlichen Verbiegungen und Überschneidungen der Kristallgitter; hier fühlen wir am Rand des Rätselhaften oder Unverständlichen die Ohnmacht der Sprache und die Intransparenz und Willkür des Schicksals, ähnlich der „Verunreinigung“ und „Verschattung“ des leuchtenden Bernsteins aufgrund von eingeschmolzenen Insekten und Faltern. – In den späten Hymnen und hymnischen Entwürfen Hölderlins scheinen solche blinden Stellen, Schatten und Flecken sich bisweilen zu häufen.
Kristall des Gedichts, der nicht unsere momentane Befindlichkeit widerspiegelt, sondern in einer gleichsam unberührbaren Ferne aufglänzt, der Ferne einer ungeahnten Möglichkeit des Fühlens und Denkens.
Die Gitter des Sprachkristalls bilden die Rhythmen des Gedichts, Reime Tropfen des Lichts, die an ihnen gleichsam gefroren sind.
Mehr oder weniger im gleichen Abstand sind an den zueinander symmetrischen Gittern des Sprachkristalls die Moleküle der Worte, aber auch die Leerstellen der Atempausen angeordnet; zu den wichtigsten Molekülen zählen die Namen für Gegenstände, Begriffe und Personen.
Die Namen des Gedichts gehören zu einem anderen Kalkül als beispielsweise die Namen des historischen Berichts oder der wissenschaftlichen Darstellung; die Namen der botanischen Darstellung wurden ursprünglich mittels hinweisender Definition gelernt: „Dies ist eine Rose“. Die Rose des Gedichts mag ein Ableger der Rose unserer Gärten sein, aber sie rankt sich statt über einen Zaun über das Gitterwerk der Sprache, und dieses hat anders als unser Garten keinen Ort in der realen Welt.
Wo befindet sich die Rose der Divina Commedia? Nun, in dem von Dante beschriebenen und evozierten Himmel, der wiederum eine imaginäre Doublette des Himmels über Italien ist, doch seine Grundfarbe ist nicht Blau, sondern Gold.
Der Sprachkristall des Gedichts reflektiert das Licht in den Farben eines imaginären Spektrums.
Der Sprachkristall des Gedichts entsteht aus dem Dunst oder der kristallisierenden Schmelze der dichterischen Intuition. – Welche Formen und Gestalten er im einzelnen ausbildet, ist vorab nicht determiniert, nicht voraussehbar, und kann vom Dichter nur geahnt, nicht geplant werden.
Die dichterische Intuition bedarf geeigneter Bedingungen, wie die Wassertropfen der Wolken frostiger Winde, sollen Schneekristalle sich bilden.
Keine Schneeflocke wie die andere.
Bei bedeutenden, wenn auch gewagten Übersetzungen wird aus einem Bergkristall ein Achat.
Manche kristallinen Formen wie die Schneeflocke zergehen unter dem ersten Anhauch; andere, hart geronnen wie der Quarz, scheinen für die Ewigkeit gemacht.
Das Lied eines Eichendorff und die Ode des Horaz.
Bei der Kristallisation schießen molekulare Strukturen an einen kristallinen Kern an, der auch als Keimling künstlich in die Lösung versetzt werden kann.
Der kristalline Keimling des Gedichts ist der dichterische Einfall, der Zufallsfund am Wegesrand, das, was Goethe die Gelegenheit nannte.
Freilich, der Kristall ist nur einer der Idealtypen dichterischer Gestaltung, wir können daneben beliebig viele natürliche Formen als poetologische Muster und Modelle typologisch ordnen und beschreiben wie Wolken, Knospen, Waben, Korallen, Muscheln, Medusen, Muster von tierischen Fellen oder Chitinpanzern, Augen, Gehirne …
Mögen wir Gedichte mit bunten Fensterscheiben vergleichen; doch welche Farben auf ihnen leuchten, welche Ornamente oder Bildmotive sie zieren, bleibe dahingestellt, nicht zu reden davon, ob das lautere Licht der Morgenfrühe, ein verblassendes Abendrot oder das Zwielicht der Mondnacht auf sie fällt.
Am Jenseitsufer
Sieh Schatten uns an jenem Strome stehen,
den man nur einmal überquert,
wo keine Sonnen auf- und niedergehen
und sich die Seele vom Beseelten leert.
Am andern Ufer lodern manchmal Flammen,
und Blüten treiben von dorther,
wir legen sie zum Rätselbild zusammen,
befragen es nach wann und wer.
Wir lösten uns von Furcht und wildem Brennen,
das jene peitscht zu Ruhm und Schmach,
wir gaben auf, mit Namen uns zu nennen,
es schwand der Schorf, wo Liebe stach.
Und sind verstummt der Vögel Wunderkehlen,
im Schilf des Traumes singt der Wind,
weiß ist die Nacht vom Schnee der Asphodelen,
der Tag ist fahl, wo Mondtau rinnt.
Wir haben nichts als miteinander wehen
wie Blätter in verwaistem Hort,
und ist kein Gott, der hörte unser Flehen
und spräche der Entwerdung Wort.
Nacht rankt sich um der Liebe Bild
Wir wollen unter Sternen schweigend wandern,
vom Strahl geküßt, von Tau beweint,
auf Pfaden, die wie Bäche zart mäandern.
Das Wort trennt, doch der Schmerz vereint.
Mit trunknem Lidschlag lockend, Anemonen,
die Schwestern deines sanften Blicks,
ihr Seelen, die auf Seufzer-Auen wohnen,
o Blüten ewig fernen Glücks.
Wie aufgetan des Traumes Fühlern, Rosen,
die Schwestern meiner süßen Qual,
ihr Seelen, um die Pan und Orpheus losen,
zu lodern auf beim Göttermahl.
Wir wollen Schlaf uns aus dem Rauschen trinken,
das dunkel zwischen Herzen quillt,
die Sterne, die den Pfad gewiesen, sinken,
Nacht rankt sich um der Liebe Bild.
Du schaust mir weinend nach
Du schaust mir weinend nach
aus Veilchen-Augen,
ein Seufzen hält mich wach
wie Muschel-Saugen.
Und rüttelt Nachtwind wild
an Tür und Riegel,
seh ich, dein Schattenbild
fließt aus dem Spiegel.
Geh ich am Fluß entlang,
wo wir auch gingen,
hör ich dich bang, so bang
aus Wellen singen.
Wenn mir an Maaren graut
der Sonnen-Ginster,
wird, wo dein Blick geblaut,
der Himmel finster.
Mag mit entflammtem Gas
mein Geist verglimmen,
tönt fern dein Mund aus Glas
wie Engelsstimmen.
Am letzten Ufer
Käm wieder süß das Wehen,
wenn wir im Abendrot
am letzten Ufer stehen,
wir sagten ja zum Tod.
Und neue Wellen tragen
uns Sterne an den Saum,
es zieht der Große Wagen
durch trunknen Daseins Schaum.
Wär unser Weh verklungen,
das uns im Dämmerlaub
die Nachtigall gesungen,
wir sagten ja zum Staub.
Nun haben Geisterstimmen
die Wasser uns gebracht,
nun heißen sie uns schwimmen
in uferloser Nacht.
Satans Komödianten
Nach einer wahren Begebenheit
Sie haben sie sofort gewittert, Zecken,
die träumend im Laub des Dämmers schaukeln, jäh erwachend,
pulst unter ihnen warm das Blut des Rehs,
und stürzen sich hinab, zu saugen, saugen.
„Siehst du die Kette am Hals der Alten, siehst du
den Diamanten?“ – „Ja, und am Arm der Reif
aus purem Gold!“ Die alte Dame, wer mag
sie sein, die zitternd im Café ihr Eis schlürft,
die Kette aber klirrt hell auf den Tisch,
am Becher scheppert ihr der Reif, der goldne?
Sie ist die Ahnin, Mutter, Gattin, Schwester,
das Kind, das die zerdrückte Puppe im Arm
von seinen Eltern auf dem Leiterwagen
durch Marsch und Moor gezogen vor den Greueln
gen Westen floh, das Mädchen, das nähte, strickte,
und während es wusch und buk, versonnen sang,
die Frau, die dem Mann, dem treulosen, treu blieb,
Kinder gebar, und hat sie ernährt, mit ihnen
musiziert, es ist die alte Dame,
die ihre graue Kindheit und glanzlose Jugend
mit ein wenig Goldstaub und dem Schimmer
von Edelsteinen übermalen mag.
Wer sind die lauernden Zecken, die an fremdem,
unschuldigen Blut erwachen? Die entarteten
Söhne des falschen Propheten, Parasiten
auf dem schwelenden Wohlstandsmüllberg deutschen
Untergangs. Sie folgen dem Opfer, das krumm
am Krückstock sich den bitteren Heimweg ertastet.
„Du die Kette, klar, und ich den Reif!“
Sie schleichen an, hört hecheln man die Zungen,
o, sie tänzeln wie Katzen, mauzen sie etwa,
schmutzig grinsende Gecken in Markenklamotten,
kahl an den Ohren, die taub sind für Trakls Gesang,
sie müssen ihren Salär nicht erhöhen, der ihnen
vom kastrierten Vater Staat und dummen
Gleichheitsfrömmlern gepäppelt wird, sie wollen
die Deutsche, dem Tod schon nah, entehren.
Schamlos-dreist wie Satans Komödianten
sprechen sie die Greisin an, vertraulich,
wie Nachbarn tun und höfliche Passanten.
„Schönes Wetter heut!“ – „Vorsicht, dort
die Stufe!“ – „Fein der Schmuck, den Sie da tragen!“
Und einer reißt die Kette ihr vom Hals,
der andre dreht mit hartem Griff den Reif
vom Arm. Sie taumelt, stiert entgeistert, öffnet
den bleichen Mund, doch kommt kein Schrei. Die aber
eilen fröhlich zu der Brüder Schar,
sich einer großen Tat zu rühmen. Und würde
man sie fassen, Milde walten ließe
das Gesetz und schonte sie, die wahren
Opfer, scheel beäugt, die Dunklen von der Weißen,
sie hätten symbolisch sich nur angeeignet,
was ihren Vätern geraubt von deren Vätern
beim kolonialen Zug im Orient.
So wird der Schaum des Anwalts sie entlasten,
und erst das Elend ihrer Flucht, in grellen
Farben von gedingten Pädagogen ausgewalzt,
und war’s ein Sommerausflug auch mit Tanz
und Allotria auf einem weißen Luxusschiff,
wird eine feige Richterin zu Tränen rühren.
Das Leid, das Grauen, in das die Bestien
ihr Opfer stürzten, kommt hier zur Sprache nicht.
Doch stünden sie vorm eignen Kadi,
wie lautete sein Spruch? „Hackt ihnen ab
die Hand, die ganz verfaulte, die verdorrte!“
Doch mein Spruch schneidet tiefer: „Lasset Schweine
hungern, hackt dann die Hände ab, die Arme,
werft sie den Tieren vor und laßt die Schurken,
während sie verbluten aus den Stümpfen,
das Satyrspiel betrachten, wie sie grunzend
sich auf die Glieder stürzen und sie fressen.“
Wie aber richten, die sie zu uns ließen,
Blutsauger, Räuber, Messerstecher, Schänder,
den Grenzschutz opfernd für den edlen Wahn,
am deutschen Wesen soll die Welt genesen,
die Heimat opfernd in dem wilden Trieb,
des Volkes Antlitz grell zu tätowieren?
Ach, ihre Hauptstadt hat ja viele Straßen,
und jede Straße hat der Lampen viel,
da mögen manche lange Schatten werfen …
Wie ein Hirte
Wenn wir unter Purpurwolken gehen
und die Abendsonne sinkt,
seh die Träne ich im Aug dir stehen
und den Schatten, der uns winkt.
Leise rauschen hören wir die Wasser
über mattem Marmorrand,
und die Veilchenkränze scheinen blasser,
die der Liebe Licht uns wand.
Will ich dir die hohen Halme glätten,
daß du liegen mögest weich,
kann ich noch den zarten Falter retten,
Bild der Seele, sehnsuchtsbleich.
Wenn um dich wie Schwäne trunken tauchen
Träume auf dem dunklen Strom,
will ich dir, o Melusine, hauchen
Liedes süßestes Arom.
Wie ein Hirte will ich bei dir wachen,
der sich über Scheite neigt,
um aus Aschen Funken zu entfachen,
bis die Morgensonne steigt.
In der Abendstunde
Lehnst du am Fenster in der Abendstunde,
wenn Sehnen glüht im Dufte von Jasmin,
kühlt dunkler Quellen Rauschen dir die Wunde,
ist wieder nah, was lang verloren schien.
Vernimmst du, was getragen wie auf Flügeln
der Dämmerung, den feierlichen Klang
der Glocken rinnen von den Rebenhügeln,
glänzt dir im Dickicht heimatlich ein Gang.
Und zögern auf den Uferwegen Schatten,
als sänge es im Schilf, verschließt der Mond
der Veilchen Lider, die im Kuß ermatten,
weißt du, der Sonne Knecht, dich reich entlohnt.
Du siehst im Wasser Blütenbüschel treiben,
den Flaum verschwimmen fahl von einem Schwan,
du weißt, die Blüten werden dir nicht bleiben,
im Röhricht schaukelt auf und ab ein Kahn.
Magst, wenn der Fährmann winkt, ihn leicht besteigen,
mit jener Anmut, die den Göttern hold,
magst, wenn er klagend singt, du willig schweigen,
bis goldener Schaum um Asphodelen rollt.
Will es dir aber vor den Träumen grausen,
als harrte deiner der Erinnyen Schar,
verstocktes Herz läßt Vampir-Gift aufbrausen,
doch nur das rein Empfundene ist wahr.
Die Wolken ziehen weiter
Wir geben auf, die Wolken ziehen weiter
vom Urstromtal zum Mythenmeer,
und hatten wir den Mond noch zum Begleiter,
verfing im Netz sich Ahasver.
Was ließ uns, Liebe, denn den Schritt verhalten,
verharren hier im harschen Karst?
Ist es die Müdigkeit und das Erkalten
der Sehnsucht, die ins Dunkel barst,
daß wir den Garten finden, wo die Blüte
im Teich schwimmt melusinenbleich,
von Tränen, Tau der Himmelsgüte,
verhärmte Herzen werden weich?
So laß uns auf den kalten Aschen liegen,
sprüht noch ein Funke, stell dich blind,
mag uns im Traum mit heißem Hauchen trügen
der Wolken wilder Freier, Wind.
Wir gehen durch Ruinen
Wir gehen durch Ruinen wie in Träumen,
wo immer Flüstern dunkel rinnt und stockt
und wieder anhebt, Flüstern oder Weinen.
In Pfützen badet seine Stirn Narziss,
der Mond, und die einst grünes Licht verströmten
aus Gärten in die Abenddämmerung,
die Pfade sind von dumpfer Egge Zahn
zerwühlt, die Gärten übertüncht von saurem Kalk.
Die Brunnen fielen trocken, der den Krug
des Worts in sie gesenkt und schöpfte Rauschen,
tot ist der Dichter, keiner kennt sein Grab.
Wir gehen wie Gespenster durch Gemäuer,
in Zimmer, wo tote Zeit im Uhrwerk tickt
wo Angst und Langeweile sich begatten,
.fruchtlos. Die Vase mit verwelkten Blumen
steht auf dem Tisch, sie lebten, Anemonen
und Veilchen, aber ringsum wippen Puppen,
wie auf Schaukeln von Geisterhand gewiegt,
an Fäden Lichtes zappelnd, die aus kleinen
Apparaten, die wie Talismane
sie bang umklammern, in die Hirne münden.
Und was sie reden, ist wie einer Spieluhr
ewig freudlos abgespultes Lallen,
und was sie sehen, wird im Herzen blind,
ihr Auge sammelt keinen Trost aus Tränen,
den Schorf von Wundenmalen abzuwaschen.
Dort, wo das Bild hing über Jahr und Tag,
das Bild des Mädchens mit der Turteltaube,
gähnt uns ein helles leeres Viereck an.
Die alte Frau, die jene Blumen pflückte,
sie noch voll Anmut angeordnet hat,
liegt in der dunklen Kammer wie gebahrt,
das Kind, das sie gewiegt mit gichtigen Fingern,
hat noch gestreift ein Flügel, es liest ihr vor,
und manchmal singt es Lieder ihrer Jugend,
die es wohl liebt, doch schon nicht mehr versteht,
denn seine Sprache ist der Heimat schon
entwurzelt, selten leuchtet Sinngrün auf
ihr zwischen Ritzen in Asphalt und Teer.
Wir gehen durch Ruinen wie durch Träume,
ein schwarzer Wind fegt tote Blätter auf
und strotzt von toter Blumen Fäulnisdüften.
Wir wenden uns und steigen auf den Hang,
wo an den alten Reben letzte Trauben
runzeln, und keiner keltert sie zu Wein,
auf weißem Tuch bei schlichtem Brot zu funkeln,
zum Mahl, das Tag und Nacht und Seligkeit
und Qual im hohen Strahl verschmelzen hieß.
Wir finden sie, die kleine Waldkapelle,
die Purpurmuschel aus des Gnadenflut,
die Angel schrillt, und die sie segnend hielt,
die weiße Lilie, ist hinabgestürzt,
die Himmlische, und die der Hymnen Odem
einst gebauscht, die graziöse blaue Faltung,
unwiederbringlich zersplittert liegt das Bild,
vor dessen Majestät die Knie der Ehrfurcht
sich gebeugt, auf daß entzündet ward
der Docht der Herzen, aus den Katakomben
in chorisch leisen Schritten am Gängelband
des Lichtgesangs zum göttlichen zu steigen,
dem Antlitz, dessen Leuchten schön belebt.
Hier wölkt erloschener Kerzen Rauch zur Apsis,
die leere Höhlung, die kein Klang mehr füllt
Wir wenden uns, die Eichenbank zu finden,
wo Tropfen milden Lichts die Schläfen kühlen.
Wir tasten nach der Seele uns wie Schatten,
die eins ins andre gleiten, stumm. Wir hören,
wie fern ein Flüstern dunkel rinnt und stockt
und wieder anhebt, Flüstern oder Weinen.
O frage nicht
Ein welkes Blatt, das taumelnd fällt,
frag nicht, ob Linde oder Eiche,
Blatt, das kein Hauch, kein Schatten hält,
frag nicht, ob mir, ob dir es gleiche.
Ein Wort, gesunken wie ein Blatt
aufs Wasser, das nachtwärts sich windet,
ein Wort, gebadet mondesmatt
vom Wasser, das ins Schweigen mündet.
Ein Duft, der abendlich verweht,
frag nicht, ob Rose oder Flieder,
Duft, der im Dunkel untergeht,
frag nicht, ob jemals er kehrt wieder.
Ein Traum, behaucht von frühem Duft,
zeigt dir, zeigt mir die Glut von Rosen,
den Flieder blau in blauer Luft,
zeigt darbend uns im Blütenlosen.
Du bist nicht tot
Dort ist die Bank, wo wir oft saßen,
und Strahlen küßten dich und mich,
und von den Stullen, die wir aßen,
hast du gebrockt dem Täuberich.
Die Glockenblume tönt noch immer,
die wie dein Blick ins Blaue schweift,
und deiner Wangen weicher Schimmer
tropft an der Beere, die dort reift.
Und was in Wipfeln schilpt und schaukelt,
von Zweig zu Zweig schlaftrunken schlüpft,
ist wie dein Flattern, hauchumgaukelt,
bist Amsel du im Gras gehüpft.
Rührt sie der Wind, und Veilchen weinen,
verblaßt im Traum das Abendrot,
fühl ich, dein Schatten sinkt auf meinen,
fühl ich, du lebst, du bist nicht tot.
Wie aus der Ferne
Wer ruft uns aus der Ferne noch?
Sirene nicht, erloschen ist die Sonne Homers,
erloschen ist der Schaum der Wiederkehr.
Kein Engel reicht uns mehr den Becher,
woran ein Tropfen Himmel perlt,
auf diese Schädelstätte.
Und jener Tau, der unterm stummen Mond
dem Kelch der Lilie entquoll,
am blütenlosen Tag ist er verdampft.
Das Lied, das aus dem Quell des Helikon
auf Sapphos Perlmuttschimmer floß,
erstickte schwarzer Teer, Asphalt.
Da ist ein Wehen in der Dunkelheit,
wenn du am offenen Fenster stehst,
versunkener Gärten Duft und Schmerz.
Da ist ein Seufzen in der Dämmerung,
wenn du allein am Waldrand sitzt,
grau unter junger Eichen Grün.
Da ist ein Singsang in der tiefen Nacht,
wenn einsam du und traumkrank liegst,
von einer Liebe, die entschlafen lang.
Siehe:
Robert Schumann, Davidsbündlertänze, 17, Wie aus der Ferne
https://www.youtube.com/watch?v=IBVCAD4TzR0
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