Léonie Adams, Lullaby
Hush, lullay.
Your treasures all
Encrust with rust,
Your trinket pleasures fall
To dust.
Beneath the sapphire arch,
Upon the grassy floor,
Is nothing more
To hold,
And play is over-old.
Your eyes
In sleepy fever gleam,
Their lids droop
To their dream.
You wander late alone,
The flesh frets on the bone,
Your love fails in your breast,
Here is the pillow.
Rest.
Schlaflied
Still, mein Herz.
All deine Lieder verhallen
im welkenden Laub,
all deine Spiele zerfallen
zu Staub.
Unterm Saphirbogen
über grünendem Leben
findet dein Streben
keinerlei Halt,
das Stück ist alt, so alt.
Deine Augen
schwimmen in schimmerndem Schaum,
deine Lider, sie sinken
in ihren Traum.
Spät noch irrst du allein,
die Haut, Gekräusel überm Gebein.
O Herz, das eigne Liebe übertraf.
Hier ist das Kissen.
Schlaf.
When the flaming lute-thronged angelic door is wide;
When an immortal passion breathes in mortal clay;
Our hearts endure the scourge, the plaited thorns, the way
Crowded with bitter faces, the wounds in palm and side,
The vinegar-heavy sponge, the flowers by Kedron stream;
We will bend down and loosen our hair over you,
That it may drop faint perfume, and be heavy with dew,
Lilies of death-pale hope, roses of passionate dream.
Die Mühsal der Passion
Wenn offensteht das flammenschwertbewachte Tor,
wenn Odem ewigen Leids sterblichen Lehm durchweht,
erdulden unsre Herzen Geißel, Dornenkranz, den Gang, der geht
durch kalter Blicke Reihen, an Hand und Seite Wundenflor,
den essigherben Schwamm, am Kidron den Blütensaum.
Wir sinken ins Knie und lösen über dir unser Haar,
daß ihm matter Duft entquillt, da von Tau es trunken war,
Lilien todesfahlen Hoffens, der Rosen glühenden Traum.
Autumn is over the long leaves that love us,
And over the mice in the barley sheaves;
Yellow the leaves of the rowan above us,
And yellow the wet wild-strawberry leaves.
The hour of the waning of love has beset us,
And weary and worn are our sad souls now;
Let us part, ere the season of passion forget us,
With a kiss and a tear on thy drooping brow.
Wenn die Blätter fallen
Herbst hängt über den großen Blättern, die uns lieben,
und über den Mäusen, die Reste der Mahd verzehren.
Gelb die Blätter der Eberesche, die uns noch blieben,
und gelb die feuchten Blätter der Wilderdbeeren.
Die Stunde sucht uns heim, da die Liebe verbleicht,
unsre traurigen Herzen sind schlaff wie vernutzter Zwirn.
Laß uns scheiden, ehe die Hochzeit der Liebe entweicht,
mit einem Kuß, einer Träne auf deiner sinkenden Stirn.
The trees are in their autumn beauty,
The woodland paths are dry,
Under the October twilight the water
Mirrors a still sky;
Upon the brimming water among the stones
Are nine-and-fifty swans.
The nineteenth autumn has come upon me
Since I first made my count;
I saw, before I had well finished,
All suddenly mount
And scatter wheeling in great broken rings
Upon their clamorous wings.
I have looked upon those brilliant creatures,
And now my heart is sore.
All’s changed since I, hearing at twilight,
The first time on this shore,
The bell-beat of their wings above my head,
Trod with a lighter tread.
Unwearied still, lover by lover,
They paddle in the cold
Companionable streams or climb the air;
Their hearts have not grown old;
Passion or conquest, wander where they will,
Attend upon them still.
But now they drift on the still water,
Mysterious, beautiful;
Among what rushes will they build,
By what lake’s edge or pool
Delight men’s eyes when I awake some day
To find they have flown away?
Die wilden Schwäne beim Coole Park
Die Bäume stehen in herbstlichem Prangen,
die Pfade des Walds sind verdorrt,
im Oktoberdämmer spiegelt das Wasser
des Himmels schweigenden Hort.
Zwischen feuchten Steinen haben ihre Domäne
neunundfünfzig Schwäne.
Neunzehn Herbste sind mir verflossen,
seit erstmals gezählt ich den Chor.
Ich sah, kaum war ich zum letzten gekommen,
sie jählings steigen empor
und sich zerstreuen kreisend in zerbrochenen Ringen
auf ihren flatternden Schwingen.
Ich erschaute an diesen Geschöpfen den Glanz,
und jetzt ist das Herz mir versehrt.
Alles ward anders, seit ich, im Zwielicht
zuerst an dies Ufer gekehrt,
zu lauschen überm Haupt ihres Flügelschlags Glockenklang,
ging einen leichteren Gang.
Einander nie müde, liebend Geliebte,
rudern sie hin, wo sie bald
kühlende Strömung gesellt, oder steigen in Lüfte.
Ihre Herzen, sie wurden nicht alt.
Passion oder Sieg, auf seiner Schicksalsbahn
behüten noch sie den Schwan.
Jetzt gleiten sie aber auf stillem Wasser,
sind Wundern, sind Feen gleich,
In welchen Schilfen werden sie nisten,
am Saum welchen Sees, an welchem Teich
der Menschen Aug entzücken, weckt mich der Morgenstern,
zu sehen, hinflogen sie fern?
Anmerkung zum Verständnis:
Die wilden Schwäne, die W. B. Yeats in seinem Gedicht aus dem Jahre 1917 als Symbole der transzendenten Schönheit in einer vergänglichen (vom Weltkrieg und dem irischen Bürgerkrieg heimgesuchten) Welt beschwört, lebten in einer Karstlandschaft in der Nähe des Coole Park, der zum Landsitz der mit Yeats befreundeten Lady Gregory gehörte, unweit des damaligen Wohnortes des Dichters in Irland.
I went out to the hazel wood,
Because a fire was in my head,
And cut and peeled a hazel wand,
And hooked a berry to a thread;
And when white moths were on the wing,
And moth-like stars were flickering out,
I dropped the berry in a stream
And caught a little silver trout.
When I had laid it on the floor
I went to blow the fire a-flame,
But something rustled on the floor,
And someone called me by my name:
It had become a glimmering girl
With apple blossom in her hair
Who called me by my name and ran
And faded through the brightening air.
Though I am old with wandering
Through hollow lands and hilly lands,
I will find out where she has gone,
And kiss her lips and take her hands;
And walk among long dappled grass,
And pluck till time and times are done,
The silver apples of the moon,
The golden apples of the sun.
Lied des umherirrenden Aengus
Ich ging in den Haselbuschwald,
denn mir brannte ein Feuer im Hirn,
ich schnitt und schälte einen Haselstab
und band eine Beere an einen Zwirn.
Und als weiße Falter flogen hinan,
und faltergleich Sterne flimmerten drein,
ließ ich die Beere schnellen ins Naß,
und fing einer kleinen Forelle Silberschein.
Ich hatte auf den Boden sie gelegt,
der Glut zu hauchen frischen Brand,
da hat sich raschelnd was bewegt,
mit Namen etwas mich genannt:
Es stand vor mir ein schimmerndes Weib,
voll Apfelblüte schien ihr Haar,
sie rief mit meinem Namen mich und lief
und schwand in die Luft, die nun heller war.
Ward ich auch alt auf meines Irrens Pfad
durch öde Länder, hügeliges Land,
will ich den Ort doch finden, wohin sie gewollt,
und küssen ihren Mund, sie nehmen bei der Hand.
So wandre ich durchs hohe Flitter-Gras,
und pflück, bis Zeit und Zeiten abgerollt,
der Mondesäpfel Silberglanz,
der Sonnenäpfel reines Gold.
Anmerkung zum Verständnis:
Aengus ist ein Gott der Liebe, Jugend und Schönheit in der alten irischen Mythologie, der sich der irische Dichter W. B. Yeats zeitlebens in schöpferischen Aneignung immer wieder zugewandt hat, um seine symbolistische Dichtung mittels sublimer Anspielungen und Bezugnahmen auf ihre urtümlich-archetypischen Legenden zu überhöhen und in eine geheimnisvolle Aura des nur leise Mitgesagten zu tauchen oder von einem Ungesagten wie vom Schatten einer rasch vorüberziehenden Wolke berühren zu lassen, der kaum fühlbar über die Haut des Gesagten huscht.
William Butler Yeats, An Old Song Resung
Down by the salley gardens my love and I did meet;
She passed the salley gardens with little snow-white feet.
She bid me take love easy, as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish, with her would not agree.
In a field by the river my love and I did stand,
And on my leaning shoulder she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy, as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish, and now am full of tears.
Altes Lied, neu angestimmt
Die Liebste und ich, wir trafen uns dort bei den Weidenhainen.
Sie schritt durch die Weidenhaine mit schneeweißen Füßen, kleinen.
Sie bat mich, nimm die Liebe leicht, wie die Blätter, die an Bäumen sprießen.
Mich aber, jung und töricht, mußten ihre Worte verdrießen.
Meine Liebste und ich, wir blieben am Ufer des Flusses stehen.
Auf die Lehne meiner Schulter ließ den Schnee ihrer Hand sie wehen.
Sie bat mich, nimm das Leben leicht, wie das strotzende Gras auf den Dämmen.
Doch ich war jung und töricht, nun kann ich die Tränen nicht hemmen.
William Butler Yeats, The Sorrow of Love
The quarrel of the sparrows in the eaves,
The full round moon and the star-laden sky,
And the loud song of the ever-singing leaves,
Had hid away earth’s old and weary cry.
And then you came with those red mournful lips,
And with you came the whole of the world’s tears,
And all the sorrows of her labouring ships,
And all the burden of her myriad years.
And now the sparrows warring in the eaves,
The curd-pale moon, the white stars in the sky,
And the loud chanting of the unquiet leaves
Are shaken with earth’s old and weary cry.
Liebeskummer
Gezänk der Spatzen in der hohen Gaube,
den runden Vollmond, Sternenprahlerei,
und lauten Sang, wo’s immer singt im Laube,
hat überdeckt der Erde altersmüder Schrei.
Und dann kamst du mit roten Seufzerlippen,
und mit dir kamen Lebens ganze Tränen,
und all der Kummer bei den schroffen Klippen
und all die Last der Vorwelt auf den Kähnen.
Und nun die Schlacht der Spatzen in der Gaube,
Mond bleich wie Quark, weiß Sterneneinerlei
und Singen laut im ruhelosen Laube,
sie zittern mit der Erde altersmüdem Schrei.
Charles Baudelaire, La Beauté
Je suis belle, ô mortels! comme un rêve de pierre,
Et mon sein, où chacun s’est meurtri tour à tour,
Est fait pour inspirer au poète un amour
Eternel et muet ainsi que la matière.
Je trône dans l’azur comme un sphinx incompris;
J’unis un coeur de neige à la blancheur des cygnes;
Je hais le mouvement qui déplace les lignes,
Et jamais je ne pleure et jamais je ne ris.
Les poètes, devant mes grandes attitudes,
Que j’ai l’air d’emprunter aux plus fiers monuments,
Consumeront leurs jours en d’austères études;
Car j’ai, pour fasciner ces dociles amants,
De purs miroirs qui font toutes choses plus belles:
Mes yeux, mes larges yeux aux clartés éternelles!
Die Schönheit
(2. Nachdichtuing)
Ich bin schön, o Sterbliche, wie versteinte Traumgebärde,
und meine Brust, wo nach und nach ein jeder sich verzehrt,
sie ist gemacht, daß eine Liebe Dichters Sinn versehrt,
die ewig ist und stumm so wie das Fleisch der Erde.
Auf Wolken throne ich, der Sphinx gleich voll Magie,
mein Herz aus Schnee verschmolz ich mit der Schwäne Gleißen,
die Gesten hasse ich, die mir die Form zerreißen,
und niemals weine ich und ach ich lache nie.
Den Dichtern welken vor den hehren Posen,
die ich von Bildern lieh, die hoher Geist ersann,
in strengen Studien hin des schönen Lebens Rosen.
Mir sind, was diese zahmen Herzen schlägt in Bann,
ja reine Spiegel, wo sich alle Dinge schöner malen,
die Augen, meine großen Augen, sie, die ewig strahlen!
Es will ein leiser Vers dich heben
Es will ein leiser Vers dich heben
in eines Lächelns sanftes Licht,
wie traubenüberglänzte Reben
rankt er sich um dein Angesicht.
Hast müde du der leeren Stunden
dich in das Gras der Nacht gestreckt,
was keine Sehnsucht dir gefunden,
sein Stern ist es, der blinzelnd neckt.
Er schüttet dir nicht grelle Bilder
in deines Harrens bangen Schoß,
er schimmert wie ein Apfel milder,
der zögernd rollt im Dämmermoos.
Und machte dich der Blicke Höhnen
für deine eigne Schönheit blind,
das Lied kann dich mit dir versöhnen,
wenn es in Tränen sanft verrinnt.
Müssen Arm in Arm wir scheiden
Wenn die Knospen auch schon kranken,
Zwielicht macht die Düfte fad,
wollen wir, dem Tag zu danken,
wandeln auf dem Schattenpfad.
Samenkörner, die wir streuen,
sollen, ist der Tau noch weich,
junger Tauben Mut erneuen
für den Flug ins Sonnenreich.
Und wir sehen Abschied winken
bunte Lichter auf dem Rhein,
hören, wie einander trinken
Seufzer einer süßen Pein.
Hoch ist unser Lied geflogen,
wo im Blau die Lerche stand,
tief hat uns das Leid gebogen,
als das Licht der Lilie schwand.
Müssen Arm in Arm wir scheiden,
Aug in Aug noch bettelnd Glanz,
dunklen Lebens Rätsel leiden,
blättert hin der Liebe Kranz.
Vom Trost der Dichtung
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Trostlose Rhetorik der Politik, die wähnt, ihre Lügen gewönnen durch ständige Wiederholung an Glaubwürdigkeit.
Die Obszönität der politischen Macht schimmert durch das fadenscheinige Kleid ihrer hochtönenden moralischen Phrasen.
Erotische Attraktivität scheint in einem umgekehrten Verhältnis zur Tüchtigkeit und Lebensklugheit zu stehen, von Weisheit zu schweigen.
Hephaistos muß im Schweiße seines Angesichtes schuften; Aphrodite genießt das Privileg, von den Musen (und nicht nur von diesen) unterhalten zu werden.
Das Pseudos des deutschen Idealismus und der Fichte folgenden Philosophie liegt in der verklärenden Sicht auf die Natur, als wäre sie die ursprüngliche, dem Lichtwort der Schöpfung entsprungene. Aber die von Eichendorff, Brentano, Novalis und Hölderlin besungene ist nicht die Wildnis der Urzeit, ließen sie ihre Blicke doch über die sanften Hügel und leuchtenden Matten der Kulturlandschaften an Rhein und Neckar, Donau und Inn, Elbe und Saale schweifen.
Der tiefe Geist Goethes zog der dämonischen Macht der absoluten Skepsis, der teuflischen Ironie und des geistreichen Nihilismus die grotesk-komische Maske des Mephistopheles über.
In Goethe kämpfte das patriarchale Lichtwort der Genesis gegen den Abgrund der heidnischen Götterdämmerung.
Der Geist kann das Grauen der Natur nicht im Sinne Hegels aufheben.
Das Haus mit seiner Schwelle und seiner Pforte, aber auch seinen Fenstern, und der gehegte und eingefriedete Garten sind Grundformen und zugleich Ursymbole der Kultur und der Dichtung.
Unzeitgemäße, ja ungehörige Lehre eines Nietzsche oder Freud, daß der Charakter von den Eingebungen und Insinuationen des Geschlechts überschattet oder auch ins rechte Licht gerückt wird. Indes, ein Lebewesen mit Testikeln oder Ovarien und einer Gebärmutter zu sein, ein Gehirn zu haben, das die Ausschüttung von Testosteron oder Östrogen reguliert, heißt ein Schicksal zu haben, ob man mit ihm hadert oder nicht.
Es gibt kein moralisches Gefälle zwischen einer Kultur, in der die Frau das Haus hütet, und einer, in der sie mit dem Mann um Arbeitsplätze und öffentliche Posten konkurriert.
Das Bewußtsein, der Wille, der Adel, aber auch die verschmähte Liebe oder die dem Gefühl der Nichtigkeit entstiegene Trauer walten und gestalten sich in der Pinselführung des Malers, im schwachen oder leidenschaftlichen Druck des Zeichners auf seinen Stift, in der Wahl der Worte und Bilder des Dichters.
Imagination, Einbildungskraft und Phantasie sind keine intentionslosen Äußerungen des menschlichen Geistes; wir können uns ja auf Geheiß etwas vorstellen und ausmalen, spintisieren nach Lust und Laune.
Kitsch ist die Lüge, die sich als Ausdruck authentischer Gefühle mißversteht.
Es gibt den verniedlichenden Kitsch, aber auch den negativistisch-destruktiven, den Kitsch, der Rosen auf Gräber streut, und den Kitsch, der nackt im Morast wühlt.
Aufgeblähte Sprache, als ginge ein Sturm durch die Zeilen und Verse, gegen den der Schreiber wild gestikulierend zu Felde zu ziehen vorgibt; doch in Wahrheit liegt er unangefochten und gefahrlos auf dem Kissen, das mit den weichen Daunen des Klischees gefüllt ist.
Der Trost der Dichtung, die uns das Medusenhaupt des Lebens im schonenden Spiegel zeigt, kann nicht die Süße der Pausenlimonade haben, sondern kredenzt uns einen Wein, der lange im Dunkel gereift ist.
Der Trost der Dichtung ist kein Parfum, kein Veilchenwasser, versprüht, um den Gestank des Siechen oder des faulenden Leichnams zu überdecken.
Ist es tröstlich oder verstörend oder beides zu entdecken, daß der Wüstling das Gedicht der reinen Liebe und Hingabe zu verfassen vermag, der feiste Prasser und stammelnde Trunkenbold die Elegie auf die Schlichtheit und Anmut ländlichen Lebens und bukolischer Ruhe, der Salonlöwe den Hymnus auf die schweigende Sternennacht des Eremiten?
Die Katharsis im Bad der Tränen.
Die tragische Ernüchterung, die vor dem Abgrund der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung haltmacht, nicht, weil die Chöre des Sophokles dem Wunderklang der Nachtigallen nicht nachstehen, sondern weil Elektra und Ödipus als Seelenverwandte empfunden werden.
Der Virtuose der Empfindung schöpft den Rahm ab, den bitteren Mocca läßt er stehen.
Schon in der elementarsten und schlichtesten dichterischen Form, der Wiederholung, liegt ein Trost, denn sie beschenkt uns mit der Ahnung einer Wohlordnung des Denkens und Fühlens, die in der Unruhe des Lebens immerzu im warmen Schlamm des halb Empfundenen versinkt, von den Staubwolken des Ungedachten verwischt und verschluckt wird.
Die Wiederholung ist sowohl eine Grundform des Lieds als auch des Gebets.
Im Wiegenlied bildet die Wiederholung die mütterliche Geste stillender Liebe nach.
Die wiederholte Anrufung des Namens beschwört die Nähe des Geliebten über das Grauen des Grabes hinweg.
Die wiederholte Anrufung der Namen in der liturgischen Litanei beschwört die Nähe der auferstandenen Toten.
Die Kabbalisten sahen in der Schrift die verborgene Wiederholung des Namens Gottes.
Die Form der Wiederholung und der Variation flicht das Gesagte gleichsam zu einem Kranz, der in sich vollendet ist; zu einem in sich zurücklaufenden Umschwung und Kreisgang, bei dem man vor jeder aus dem Dunkel hervorleuchtenden Rose am Ziel, unter jeder Schattenranke eines aufatmenden Innehaltens angekommen ist.
Das vollkommene Gedicht ist gleichsam eine dichterische Form der Paradoxie, die immer nur wiederholt, daß wir bejahen, auch wenn wir verneinen, daß wir lieben, auch wenn wir hassen, daß wir träumen, auch wenn wir wach sind.
Im gewöhnlichen Leben sind wir enttäuscht, nach mühsamer Wegbahnung schließlich wieder an den Ausgangspunkt unserer Reise zu gelangen; nicht so im Gedicht.
Zehnmal den Satz „Ich bin ein ewiger Bummler und Taugenichts vor dem Herrn“ auf die Tafel vor der hämisch grinsenden Klasse schreiben zu müssen, ist eine entwürdigende Strafe; ihn in mäandernden Variationen vor sich hin zu trällern, ein poetisches Vergnügen.
„Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Die Struktur des hebräischen Verses, und also der Offenbarung des Heiligen, hat vielfach die Form der Wiederholung der Aussage in einer bestätigenden Variation.
Eine Säule macht noch keinen Tempel; der Rhythmus ihrer Wiederholung erst gibt ihm die sakrale Würde.
Wenn Tropfen für Tropfen aufschlagen, beginnen wir sie rhythmisch und taktweise zu gliedern.
Im Regen, der monoton auf das Laubwerk niederprasselt, vernehmen wir nur den Ennui und die Verlorenheit unseres entwurzelten Daseins.
Im Reim nimmt die Wiederholung die Gestalt der Resonanz eines Sinnes an, der Wiederkehr einer sich selbst im anderen liebkosenden Sinnlichkeit, die wir, Sklaven der Abstraktion, schon verloren gaben.
Das digitale Bild oder Selfie ist die Auslöschung der Imagination, das Dokument, seiner selbst abgestorben zu sein.
Das künstlerische Porträt ist keine Kopie, sondern die bergende Wiederholung und Rekonstruktion der im Antlitz verschütteten Lebensmöglichkeiten. Deshalb muß es dem Porträtierten im perzeptuellen Sinne nicht ähnlich sein.
Ein Maß der künstlerischen Form ist die Gliederung des menschlichen Leibes, aber auch die geheimnisvolle Ordnung der Strukturen, Verästelungen und ornamentalen Wiederholungen von Blättern, Wellen, Wolken, Federn, Vogelstimmen.
Die dichterischen Grundformen der Wiederholung und Variation verlieren an Gewalt des magischen Banns, die noch in den alten Zaubersprüchen waltet, in dem Maße, wie sie sich zur Geste der Hingabe sänftigen, die uns als Trost der Segensprüche, Widmungen und Gedenktafeln, aber auch als reiner Ton der Dankbarkeit wie in Hölderlins Elegien und Hymnen zuteilwird.
Entrückte Schatten
Einsam wie der Mond, der matten
Wassern seinen Strahl gesandt,
wandeln wir entrückte Schatten,
fremd einander zugewandt.
Kommt der Hauch, der abendkühle,
aus dem Grund, der singend quillt,
weißt du, daß ich mit dir fühle,
Schmerz, den kein Gesang mehr stillt.
Pflücke ich die blaue Beere,
deine Lippe färbt sich schon,
und ich weiß, du fühlst die Leere,
weißer Muschel hohler Ton.
Liegen wir im feuchten Moose,
nächste Fremde Hand in Hand,
neigt sich hin die Purpurrose,
Sonne, die uns wundgebrannt.
Künde mir von Lichtes Siegen
Künde mir von Lichtes Siegen,
von der Tropfen süßem Klang,
muß ich ja im Dunkel liegen,
lauschend dumpfer Schritte Gang.
Laß doch Lippen heiter sagen
eines Herzens sanfte Glut,
muß ich ja das Schweigen tragen
in das Schilf der ernsten Flut.
Schüttle Morgentau der Gärten
mir aus deinen Locken hin,
denn ich lechze nach den Zärten,
trockne Krume, die ich bin.
Sind die Lippen dir versiegelt
vor dem Antlitz, starr wie Stein,
laß von deinem Aug gespiegelt
es wie Schnee im Frühlicht sein.
Komm ein Herbsthauch aus den Lauben,
wende öden Traumes Blatt,
atme Duft vom Fleisch der Trauben,
die dein Mund gekostet hat.
Das Phantom
Wir brachen auf, als Nebel hingen,
Gespensterfetzen im Geäst,
doch schnitten sie schon Lichtes Klingen,
und Zwitschern zog von Nest zu Nest.
Wir wußten noch um Traumes Pfade
an Ufern, wo der Geysir speit,
die Nixen narrt im grünen Bade
und Zeit rinnt in die Ewigkeit.
Die Sonne heischte uns zu steigen
auf einen Felsen, karg und bloß,
wir fühlten hoher Mächte Schweigen
am nackten Steine blumenlos.
Der blaue Klang der Abendglocken
rief uns ins Tal der Gärten heim,
mit Kindern wollten wir frohlocken,
beglückt von süßer Hymne Reim.
Doch fanden wir den Ort verlassen,
die Gärten waren lang verwaist,
ich sah an deiner Stirn, der blassen,
wir sind um ein Phantom gekreist.
Windeier
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Er flüchtete vor den Hyänen der Welt in eine Höhle, doch dort zischte ihm eine Schlange entgegen.
*
Das Schwerste: den Blick vom Grauen der grenzenlosen Weiten in Raum und Zeit abwenden und auf die Nähe des Nächsten richten.
*
Er wollte die Welt retten, wußte sich aber selber nicht zu helfen.
*
Die geniale Portraitkunst eines Thomas Mann: daß die Züge der als Vorbilder dienenden realen Personen wie Gerhard Hauptmann oder Georg Lukács sich in den Masken der fiktiven Personen Peeperkorn und Naphta wohl abbilden, doch zugleich auf Eigenschaften verweisen, die darunter schlummern, ja den realen Personen selbst verborgen waren.
*
Wie töricht, wie traurig, wie komisch, wenn einer, der sich verkannt glaubt, durch lautes Fluchen, obszöne Witze oder rhetorisches Fuchteln auf sich aufmerksam machen will.
*
Die grimassierend und krakeelend an der Verbreitung ihres Rufes arbeiten, mögen talentierte Selbstdarsteller sein, nur eines sind sie nicht: berufen.
`*
Die Kunst, die mittels jäher Blitze und greller Effekte auf ihr Dasein pocht, liegt schon im Schatten.
*
Porta Nigra, der düstere Meteorit aus einer erloschenen Galaxie.
*
Nur die Wunde hält die Erinnerung wach.
*
Der gedächtnislose Mensch ist wie der Wind, der ohne zu wissen, was er tut, einmal die Samen der Blütenstände verstreut, einmal die abgestorbenen Blätter von den Zweigen fegt.
*
Peinlich berührt und verlegen kann einen sowohl das eigene wie das Fehlverhalten anderer machen.
*
Die peinlichen Strafen sind die wirksamsten. Freilich, man muß dem Dieb und Räuber nicht gleich die Hand amputieren, denn dann kann er, was er nicht tun soll, nicht aus freien Stücken unterlassen.
*
Michel Foucault, genialisch verstiegen, dialektisch übergescheit, rhetorisch bezirzend, und doch ein steriles und ungenießbares Windei, und doch eine vom ironischen Wind der Wahrheit verwehte Spur im Wüstensand.
*
Der gelehrte Forscher ordnet die Bücher im Regal nach der Bedeutung und dem Rang der Autoren, der gelehrte Gaukler nach dem Ruhm und Klang ihrer Namen.
*
Daß wir Teil der Natur und insofern unsere Handlungen determiniert sind, hindert nicht, daß wir Täter für ihr Tun belangen, löbliche Handlungen rühmen, zu unserem Wort stehen und wenn wir es nicht halten, zumindest eine halbwegs plausible Entschuldigung vorbringen.
*
Was wir tun und sagen, ist nicht, wie Hegel, der säkulare Theologe und pseudoreligiöse Atheist des Begriffs, meinte, eine Form der Entäußerung und Selbstentfremdung, die es durch die Arbeit der Wiederaneignung und Erinnerung aufzuheben gelte; wir können nur, was wir versäumt, verwirkt, verschwiegen oder falsch dargestellt haben, zu korrigieren suchen, durch ein neues Tun, ein anderes Sagen.
*
Was immer an unserem Tun und Sagen als eine Form der Selbstentfremdung empfunden oder mißverstanden werden mag, alle Fallstricke der Selbstentfremdung, des Mißverstehens und des Konflikts wie mit einem Streich aus der Welt schaffen zu wollen, mündet in Terror.
*
Das Christentum versinkt im trüben Brackwasser sentimentaler Dummheiten, einer anämischen Moral für kleingeistig-arrogante Weltverbesserer, deren Verkündung wohlfeil, doch deren Folgen kostspielig und verheerend sind.
*
Engagierte Literatur, sich politisch prostituierende Kunst, moralisch kurzatmig keuchende Dichtung: Würgegriffe um den Hals des freien Geistes.
*
Sie schreiben und handeln in höherem moralischen Auftrag; da kann schon einmal das Brandmal der niederen Abstammung durch das fadenscheinige Kleid der Rhetorik schimmern, da kann schon einmal ein Kind schreien, weil man seine Puppe im fahnenschwingenden Sturmschritt zertreten hat.
*
Wenn Pol Pot in den Vorlesungen Sartres saß, bekommt sein Begriff der Totalisierung (in der „Kritik der dialektischen Vernunft“) einen bitteren Nachgeschmack.
*
Welche leuchtenden Augen der 68er Studenten in der Dantestraße im von Jürgen Habermas geleiteten Seminar über „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács, eines diabolischen, Moskau hörigen Autors, der als Kulturfunktionär während der revolutionären Sowjetregime in Budapest mit dem Begriff der engagierten Literatur durch Denunziation und Liquidierung mißliebiger bourgeoiser Autoren ernst gemacht hat.
*
Kinderlose Frauen und Männer ohne jedes kulturelle Gedächtnis bestimmen über das Schicksal einer Nation, die gestern ohne Rückgrat das braune Kauderwelsch nachgebetet hat und heute ohne Spur von Selbstachtung den verordneten Genderslang nachplappert.
*
Die neuen Vorzeigemädchen in den MINT-Disziplinen sind leider nicht mehr ganz so hübsch wie die Stewardessen, doch leisten sie einen ähnlichen Service ab wie jene in den von Männern auf Basis „männlich-weißer Mathematik“ und Ingenieurskunst konstruierten Flugmaschinen, in deren Cockpits sicherheitshalber immer noch Männer walten.
*
Das eitel sich blähende Schuldgefühl der Nachgeborenen oder der moralische Dünkel jener, die sich als noch Ungeborene die Hände nicht haben schmutzig machen können.
*
Was sie dem Kolonialismus der dämonisierten Macht des (womöglich jüdischen) Kapitals und der männlich-weißen Bourgeoisie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen, nehmen sie von jedem Vorwurf aus, wenn die Kolonisierung wie in Afghanistan angeblich höheren moralischen Zwecken wie der Implementierung der Demokratie und der Durchsetzung von Frauenrechten gedient haben soll.
*
Was neuronale Synapsen nicht mehr verknüpfen können, weil es jedweder sachhaltigen Kohärenz und logischen Konsistenz entbehrt, leimt man mit dem Universalkleber „Moralin“ zusammen.
*
Die großen Erzählungen vom Fortschritt und der Aufklärung, der Emanzipation der Menschheit unter den Fittichen des vernunftgeleiteten Diskurses, dieser europäische Mythos hat sich unter den skeptischen und ernüchterten Blicken eines Heidegger, eines Wittgenstein, als der Nebel erwiesen, den die Philosophie der Sprache in einen Tropfen kondensieren läßt, in dem nur die Infusorien der ewigen Langeweile schwimmen.
*
Die große Dichtung und die akribisch und asketisch entfaltete philosophische Betrachtung bieten keine Stimulantien für den berauschten Tanz der Menge, ob er sich nun um den Freiheitsbaum oder ein wenig später um die Guillotine dreht.
Blauend wölbte sich die Helle
Blauend wölbte sich die Helle,
Moos war noch von Tau behaucht,
weiße Knospen sang die Welle,
die aus grünem Schlaf getaucht.
Flocken rupften wir vom Kamme,
bang durchs Vlies der Nacht geführt,
warm ward uns am Gold der Flamme,
Laub, vom Frühhauch aufgerührt.
Aufgetan hat sich die schöne
Sonnenschwester Orchidee,
daß sich Staub mit Schaum versöhne,
stob um uns der Astern Schnee.
Da ins Ferne Wogen schäumten,
helle Schlieren im Opal,
seufzten Gräser, die uns säumten,
dunklen Lebens Madrigal.
Still sank uns die Abendstunde,
scheuer Flaum aus schwankem Nest,
blumengleich schloß sich die Wunde –
o Strahl, der sie neu bluten läßt.
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Denken wir uns ein Modell maschinellen Sehens: Ein Strahl tastet die Umwelt ab, trifft auf einen Körper und berechnet seinen Umfang und die Entfernung von der Position des Senders, ja vermag sogar die chemische Zusammensetzung des Objekts zu analysieren.
Würden wir das Sehen nennen, in dem Sinne, wie wir sehen, nicht nur, daß unser Gegenüber ein paar Schritte von uns entfernt ist, sondern daß es sich um einen Menschen handelt, daß es unser Freund Peter ist, daß Peter lächelt?
Eine Maschine könnte akustische Phänomene wahrnehmen oder registrieren, indem sie die von einer Schallquelle ausgesandten akustischen Wellen und Luftschwingungen identifiziert und ihre Frequenzen mißt.
Aber würden wir das Hören nennen, in dem Sinne, wie wir eine Melodie hören, indem wir nicht nur die Abfolge bestimmter Luftschwingungen registrieren, sondern sie als sinnvolle musikalische Einheit wahrnehmen, deren Rhythmus, Spannungsbogen und spezifische Stimmung wir anzugeben wissen?
Dies gilt a fortiori für akustische Phänomene, die aus einer Abfolge von Phonemen bestehen und die wir sprachliche Äußerungen nennen. Hier hören wir nicht nur die Schwingungen des Schalls, nicht nur einen Rhythmus, einen Spannungsbogen und eine gefühlsmäßige Stimmung, sondern unmittelbar auch den Sinn des Gesagten.
Wir können das spezifisch humane Phänomen des sprachlichen Sinnverstehens mit dem physiognomischen Wahrnehmen des Lächelns vergleichen. Wie wir bei der Wahrnehmung des Lächelns nicht irgendwelche Verzerrungen der Gesichtsmuskulatur unseres Gegenübers registrieren, sondern einen bestimmten physiognomischen Ausdruck, so vernehmen wir an sprachlichen Äußerungen nicht nur Geräusch und Klang, sondern hören unmittelbar ihren Sinn.
Die akustische Gestalt der Phoneme kann einen Sinnunterschied markieren, so wenn wir die Stimme anheben, um eine Frage zu stellen.
Ein primitives Modell der Sprache geht von der Annahme aus, sie entwickle sich mittels hinweisender Ausrufe wie „Ach!“ und „O!“, die dem Ausdruck der Enttäuschung und des Erstaunens dienen.
Aber wir gebrauchen die Interjektion „Ach!“ vielleicht, wenn wir eine Schublade öffnen und unversehens den Gegenstand finden, den wir andernorts vergebens gesucht haben. In einem solchen Fall steht der Ausruf für die implizite Feststellung: „Hier also liegt meine Sonnenbrille!“
Auch der Satz „Hier also liegt meine Sonnenbrille!“ hat den Charakter eines Ausrufs, aber was ihn zum sprachlichen Ausdruck macht, ist sein deskriptiver Kern, die Feststellung der Tatsache, daß sich ein bestimmter Gegenstand an einem bestimmten Ort befindet.
Der semantische Kern der Sprache, die uns eigen ist, besteht in dem, was wir Weltbeschreibungen nennen können.
Der Ausruf „Pfui!“ kann eine spontane Reaktion beim versehentlichen Genuß einer verdorbenen Speise sein, ausgelöst von ihrem fauligen Geschmack; die Interjektion kann aber auch eine primitive Form der Warnung sein, wenn eine Mutter sie dem Kleinkind zuruft, das eine faule Frucht aufhebt und in den Mund stecken will.
Hier steht der Ausruf „Pfui!“ für die Aufforderung: „Laß das bleiben!“ und die implizite sprachliche Äußerung: „Diese Frucht ist verdorben!“
Auch der Satz „Diese Frucht ist verdorben!“ hat den Charakter eines Ausrufs (der Warnung), aber was ihn zum sprachlichen Ausdruck macht, ist sein deskriptiver Kern, die Feststellung der Tatsache, daß ein bestimmter Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft hat.
Es ist demnach neben dem Modus der Äußerung (Aufforderung, Frage, Warnung) der deskriptive Kern einer sprachlichen Äußerung, den wir identifizieren müssen, um ihren vollen Sinn zu verstehen.
Der deskriptive Satzkern hat eine grammatische Struktur, in der sich eine logische Form zeigt oder verbirgt: Die Aussage „Diese Frucht ist verdorben“ hat eine grammatische Struktur, durch die der Träger eines Namens mittels eines Demonstrativums aus der näheren Umgebung herausgehoben und durch ein Eigenschaftswort charakterisiert wird. Die logische Form können wir so darstellen: Es gibt mindestens ein x (in der näheren Umgebung) und x ist eine Frucht und x ist verdorben. Die grammatische Struktur des Satzes scheint der logischen Form zu entsprechen; allerdings macht es einen bisweilen entscheidenden Unterschied, daß die logische Form im Gegensatz zur grammatischen der Aussage einen Existenzquantor („es gibt mindestens ein x“) voranstellt.
Die grammatisch scheinbar einfache Aussage „Peter lächelte, denn er hatte seine Brille wiedergefunden“ hat dagegen eine verborgene logische Form, die wesentlich komplexer ist; wir geben sie in etwa so wieder: P(x) ist der Grund für Q(x) und P(x) beschreibt die Tatsache, daß x etwas wiederfand, und Q(x) die Tatsache, daß x lächelte, wobei P(x) zwingend Q(x) vorauszugehen hat. Die in der Aussage implizite Identität des mit dem Relativwort („er“) Gemeinten mit dem Subjekt des Hauptsatzes („Peter“) wird in der logischen Form einfach mittels der Identität des Zeichens x angezeigt. Die logische Form kehrt dagegen die grammatische Struktur der Aussage um: Peter fand seine Brille; also lächelte er.
Wir stehen am offenen Fenster, die Abendsonne hat noch Glut, und wie du die Blätter im Hof rascheln hörst, sagst du nur leise: „Ach!“ Ich aber verstehe, was dein Ausruf bedeutet, etwa: „Jetzt kommt der Herbst!“
Mit unseren präzisen Uhren können wir zeitliche Verläufe und Ereignisse aufs genaueste messen; aber keine Uhr kann, was wir mit „jetzt“ meinen, zum Ausdruck bringen, wie wir mit dem Satz: „Jetzt kommt der Herbst.“ Mittels GPS und Satellitensonden können wir den Ort unseres Aufenthalts aufs genaueste angeben; aber kein über Lichtstrahlen den Ort exakt ermittelndes Orientierungssystem kann, was wir mit „hier“ meinen, zum Ausdruck bringen, wie wir mit dem Satz: „Hier liegt also meine Sonnenbrille.“
Indexwörter wie „hier“ und alle davon abgeleiteten wie „dort“, „darüber“, „darunter“, „rechts“, „links“ oder „geradeaus“ sowie „jetzt“ und alle davon abgeleiteten wie „früher“, „später“, „gestern“, „morgen“, „damals“ oder „einst“ sind ein spezifisches Element der menschlichen Sprache. Sie verweisen auf den Blickpunkt und die Perspektive dessen, der spricht, und stehen in einer internen Relation zur Perspektive dessen, dem die Äußerung gilt.
Manchmal verlangt diese Relation eine Umkehrung des Sinns auf Seiten des Empfängers; denn, was für dich rechts ist, ist aus meiner Warte links, was für dich hier ist, ist für mich dort.
Wir finden demnach bestätigt, was die Phänomenologen, Karl Bühler, Heidegger oder Wittgenstein in minutiösen Analysen ans Licht brachten: daß neben dem deskriptiven Satzkern die Perspektive der ersten Person und ihrer Spiegelung in der zweiten Person ein die menschliche Sprache konstituierendes Element darstellt.
Unsere deskriptiven Sätze bedürfen einer grammatisch-logischen Mannigfaltigkeit, die sich mindestens aus Namen für Dinge und Ereignisse und ihnen zugeordneten Eigenschaften beziehungsweise aus Quantoren, Namen und ihnen zugeordneten Relationen oder Funktionen zusammensetzt.
Dagegen verweisen wir mit der Verwendung der ersten und zweiten Person weder auf Objekte und Eigenschaften in der Welt noch auf die Bedeutung logischer Operatoren, sondern gleichsam auf die Grenze unserer Welt und die Grenze des sinnvoll Sagbaren.
Wir können bezweifeln, ob unsere Weltbeschreibungen zutreffend sind, ob beispielsweise die Brille, die wir in der Schublade entdecken, tatsächlich die unsere ist, oder die Frucht, obwohl sie leicht faulig schmeckt, tatsächlich verdorben ist. Aber wir können unter normalen Umständen nicht daran zweifeln, daß wir eine Brille in der Schublade gefunden haben oder daß uns die Frucht einen fauligen Nachgeschmack hinterläßt.
Daß wir auf der einen Seite unsere Weltbeschreibungen bezweifeln können, impliziert die Möglichkeit, sie auf der anderen Seite durch wohlerwogene Gründe und empirisch belegte Argumente zu stützen und zu rechtfertigen, abgesehen davon, durch logischen Scharfsinn ihre Kohärenz oder Inkohärenz mit unserem Netzwerk von Überzeugungen und ihre Konsistenz oder Inkonsistenz mit anerkannten Axiomen nachweisen zu können.
Aufgrund des semantisch fundamentalen deskriptiven Kerns der menschlichen Sprache sind wir gleichsam zur Teilnahme an einem vernunftgeleiteten Gespräch berufen, auch wenn uns eingewurzelte Willensschwäche, epistemische Blindheit oder ideologische Verblendung dabei nicht selten allzu vorlaut werden oder kleinlaut verstummen lassen.
Unsere Weltbeschreibungen sind die Samen des semantischen Kerns der Sprache.
Unsere Fähigkeit, ich sagen zu können, ist der fruchtbare Humus, in dem der semantische Kern der Sprache aufgeht.
Wenn wir uns genötigt fühlen, Zweifel an unseren Weltbeschreibungen mittels Rückgriff auf bessere Argumente und Belege auszuräumen oder unsere Annahmen angesichts des Einspruchs des Weltgeschehens zu revidieren oder ganz aufzugeben, bekunden wir damit, daß wir für unsere Aussagen Verantwortung zu übernehmen bereit sind.
Haben wir doch Regularien und Korrektive gleichsam disziplinarischer Natur wie Lob und Tadel, Anerkennung und Kritik in das Spiel der Argumente eingebracht.
In dem Maße, in dem unsere Rede sich als Teil eines vernunftgeleiteten Gesprächs versteht, erwächst aus der scheinbar neutralen sprachlichen Kompetenz ein Ethos der Sprache.
Das Ethos der Sprache verpflichtet uns dazu, die Grenze des sinnvoll Sagbaren möglichst genau zu umreißen und zu achten und den Unsinn, das Gerede, den sentimental verlogenen oder realitätsblind verstiegenen Sprachwust mittels grammatisch-logischer Analyse zu entlarven und zum Schweigen zu bringen.
Nicht jeder kann über alles (mit-)reden. Das Ethos der Sprache eröffnet keinen Diskurs einer universalistischen Moral.
Die Fähigkeit, logisch präzise und argumentativ komplex zu denken, sowie der Wille, für sein Wort gerade zu stehen und für seine Aussagen Verantwortung zu übernehmen, sie im Lichte der Erfahrung zu revidieren, zu verwerfen oder angemessene neue zu formulieren, sind über die Mitglieder verschiedener sozialer und ethnischer Gruppen ähnlich wie die allgemeine Intelligenz sehr ungleich verteilt. – Daraus berechnet sich die Höhe des ewigen Tributs der Ethik an die rohe, unbezähmbare Natur.
Mit dem kriminellen Charakter, der aufgrund natürlicher Neigungen auf Betrug und Übervorteilung aus ist, wollen wir weder verhandeln noch Verträge machen.
Der Wüstling versteht die Sprache der Liebe nicht.
Der einfältige Spießer, der sich mit seinem Satireblatt auf das stille Örtchen zurückzieht, wird nimmermehr vom zauberischen Fächer Mallarmés angeweht.
Wir können uns fragen, ob das Lächeln des Freundes Freude und Zufriedenheit ausdrückt oder einen Anflug von Ironie und Schelmerei hat; aber wir täuschen uns unter normalen Umständen nicht darin, daß er lächelt.
Wenn wir die in der Schublade gefundene Brille für ein Insekt halten, könnte diese Bizarrerie entweder darauf hindeuten, daß es sich um einen Traum handelt oder daß wir verrückt geworden sind. Wenn wir das Lächeln des Freundes nicht mehr als solches wahrnehmen können, deutet dies darauf hin, daß wir aufgrund einer nervösen oder schweren seelischen Störung physiognomisch bedeutungsblind geworden sind.
Bedeutungsblind und unfähig, uns sprachlich mitzuteilen oder die sprachlichen Äußerungen anderer zu verstehen, werden wir, wenn die Ich-Funktion wie bei der Psychose in gravierender Weise zerrüttet ist.
Der seelische Tod gibt uns eine Vorahnung des wirklichen Sterbens.
Das Lächeln, das zu einer leeren psychotischen Maske erstarrt ist, verweist uns auf die Tatsache, daß, was wir Seele nennen und nur in der alltäglichen Verwendung des Pronomens der ersten Person bewahrheiten können, leiblich vollständig inkarniert ist.
Die mit der Perspektive der ersten Person uns unentrinnbar gegebene singuläre Position der Existenz ist kein Ausdruck eines animalischen Egoismus, denn sie ist es, die uns in die Lage versetzt, von uns Abstand zu nehmen, uns gleichsam aus dem ununterbrochenen Gerede der Welt zurückzunehmen, ins Schweigen zu fliehen, im Verborgenen zu leben, ja unser Dasein für andere oder ein Ideal hinzugeben.
Es gibt allerdings eine Sprache, die sich dem Verantwortungsethos sprachlicher Vernunft entzieht, ohne gleichsam verrückt zu werden, auch wenn sie manchmal der Sprache des Wahnsinns ähnelt, die Sprache der Dichtung. Ihr semantischer Kern ist freilich nicht deskriptiv, sondern evokativ, was sie benennt, sind keine Objekte der Welt, sondern Quasi-Objekte einer imaginären Welt, und was sie ihnen an Eigenschaften zuspricht, sind keine wirklichen Eigenschaften, sondern gleichsam Schatten und verzerrte Spiegelbilder wirklicher Eigenschaften, die wir verharmlosend metaphorisch nennen.
Obwohl die Sprache der Dichtung nicht auf das Ethos der sprachlichen Vernunft und also weder auf Wahrheit noch auf objektives Wissen verpflichtet ist, sondern die grammatisch-logische Mannigfaltigkeit unserer normalsprachlichen Aussagen spielerisch verkürzt oder symbolisch überdehnt, vermag sie dennoch gleichsam wie mit einem Kompositfoto von übereinandergelegten Porträtaufnahmen aus unterschiedlichen Lebensphasen eine tiefere Wahrheit über die Physiognomie unseres Seelenlebens zum Ausdruck zu bringen.
Ob die Sprache der Dichtung ein eigenes Ethos aus sich hervorbringt, ist eine philosophisch kaum gestellte Frage.
Wir gehen in die Abendstille
Wir gehen in die Abendstille,
am Schattenhang verlor sich schon
der Glocken heimatlicher Ton,
daß feuchter Glanz das Auge fülle.
Vom Himmel sinkt ein Purpurstreifen,
des Lichtes stummer Abschiedskuß,
uns bangt es um den Überfluß,
wo goldnen Dämmerns Trauben reifen.
Wir kommen auch zum kahlen Stamme,
um den der Mond streut sein Ade,
der Blüten gleisnerischen Schnee,
o schmelze ihn der Liebe Flamme.
Der Wind hat uns ein Bett bereitet,
rings seufzt mit uns das hohe Gras,
was eins im Aug des andern las,
hat Herz in Herz ein Hauch geleitet.
Früh steigen wir vom Rebenhange,
schon laden Gärten uns ins Tal,
sind ihre Rosen auch noch fahl,
sie glühen bald wie deine Wange.
Struktur und Mannigfaltigkeit
Sätze über die grammatische und logische Mannigfaltigkeit von Sätzen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wenn wir den Sachverhalt, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, grafisch oder phonetisch darstellen wollen, benötigen wir mindestens vier Zeichen: drei für die Namen der genannten Personen und eines für ihr Verwandtschaftsverhältnis: (k) V (m, p) – wobei V für das Vatersein und die Einzelbuchstaben als Kürzel für die Eigennamen stehen.
Der Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ bildet eine phonetisch-grafische Struktur von einer spezifischen grammatisch-logischen Mannigfaltigkeit seiner Elemente.
Die grammatische Mannigfaltigkeit besteht aus vier Elementen: den drei Eigennamen „Vater“, „Martha“ und „Peter“ und dem Verwandtschaftsbegriff „Vater“, die logische Mannigfaltigkeit besteht aus zwei Elementen, die jeweils unterschiedliche logische Kategorien verkörpern: den drei Eigennamen und dem Relationsbegriff „ist Vater von“.
Bei der grammatischen Struktur des deutschen Satzes ist die Reihenfolge der in Relation gesetzten Eigennamen sinnentscheidend. Eine Vertauschung in der Folge der Satzglieder ergäbe entweder einen anderen Sinn („Peter ist der Vater von Martha und Karl“) oder machte den Satz sinnlos („Martha ist der Vater von Karl und Peter“).
Lateinisch lautet der Satz: „Carolus pater Marthae Petrique.“ Hier wird das relative Verhältnis der Eigennamen mittels der Flexionsbildung und der Kausendungen angezeigt; eine Umstellung würde den Satzsinn nicht modifizieren: „Marthae Petrique Carolus pater“ oder auch „Marthae Carolus pater atque Petri.“
Der Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ bedeutet einen möglichen Sachverhalt in einer Welt, in der wir den Eigennamen „Karl“, „Martha“ und „Peter“ die Personen Karl, Martha und Peter eindeutig zuordnen und der Person Karl die Eigenschaft zusprechen können, die Kinder Martha und Peter gezeugt haben zu können.
Der Satz stellt das Modell eines möglichen Sachverhaltes dar, den wir mittels Projektion seiner grammatischen und logischen Elemente auf Elemente und Attribute einer möglichen Welt abbilden.
Der Satz stellt einen wirklichen Sachverhalt oder die Tatsache dar, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, wenn seine Wahrheit oder die Vaterschaft von Karl mittels Analyse der DNA der genannten Personen nachgewiesen werden kann. Ist ein solcher Nachweis der Vaterschaft erbracht, können wir behaupten zu wissen, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist.
Dagegen ist das Modell eines möglichen Sachverhalts keine Form des Wissens, sondern bestenfalls die Form einer mehr oder weniger gut begründeten Vermutung, einer mehr oder weniger wahrscheinlichen Hypothese – wie die Projektion der aktuellen Wetterlage mittels eines meteorologischen Modells auf die Wetterlage der kommenden Tage.
Die Tatsache, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, schließt nicht aus, daß sie Kinder zweier Mütter sind.
Dagegen folgt aus der Tatsache, daß Martha und Peter die Kinder von Karl sind, die Tatsache, daß sie Geschwister oder Halbgeschwister sind.
Der Satz, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, impliziert eine natürliche Ordnung der Dinge, in der ein Vater nicht der Vater seiner selbst und kein zugehöriges natürliches Mitglied selbstkonstitutiv sein kann; er impliziert indessen keine kulturelle Ordnung der Dinge, in der dem Vater eine bestimmte soziale Position zugeschrieben wird.
Doch wenn es wahrscheinlicher ist, daß Karls Frau Anna sowohl die Mutter von Martha als auch von Peter ist, als daß Karl Martha mit Anna, Peter aber mit Helga gezeugt hat, und wenn es wahrscheinlicher ist, daß Anna beide Kinder von Karl, als daß sie Martha von Karl, Peter aber von Hans empfangen hat, befinden wir uns in einer kulturellen Welt, die wir als patriarchalisch oder vaterrechtlich kennzeichnen können.
Die vaterrechtlich organisierte kulturelle Ordnung ist eine durch Gesetze oder Gepflogenheiten oder beides überformte natürliche Ordnung der Geschlechter, mit dem Zweck und Ziel, das materielle und kulturelle Erbe des Vaters in der Generationenfolge zu sichern. Das Erbe besteht aus dem materiellen Eigentum der Familie, aber auch aus dem kulturellen Eigentum, den Sitten, Bräuchen und Riten, den Erzählungen und Erinnerungen, kurz dem, was wir Traditionen oder Überlieferungen nennen.
Nur aufgrund und mittels der grammatischen und logischen Mannigfaltigkeit seines sprachlichen Ausdrucks können wir einem Satz Sinn und Bedeutung verleihen; nur aufgrund und mittels seiner sprachlich wohlgeformten Artikulation können wir einen bedeutungsvollen und sinnhaltigen Gedanken erfassen und in allgemein verständlichen Zeichen wiedergeben, einen Gedanken und Zeichenzusammenhang, der das Modell eines möglichen Sachverhaltes oder die Tatsache seines Bestehens (oder Nichtbestehens) darstellt.
Kein Satz und kein Gedanke kann ein solitäres oder Eremitendasein führen. Aus dem Satz, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, folgt der Satz, daß Martha und Peter Geschwister oder Halbgeschwister sind; aus dem Satz, daß Martha und Peter keine Geschwister sind, folgt der Satz, daß Karl nicht ihrer beider Vater ist.
Unsere Theorien fußen auf Sätzen, die Modelle möglicher Sachverhalte darstellen; sie bewähren sich, wenn zumindest einige dieser Modelle Maßstäbe liefern, an denen wir das Vorkommen solcher Sachverhalte ermessen können; so wie wir am Modell der Quecksilbersäule die tatsächliche Temperatur des Patienten messen. Wenn die Quecksilbersäule bei einem funktionierenden Thermometer über 38,2 Grad steigt, wissen wir, daß der Patient Fieber hat.
Es ist daher unsinnig anzunehmen, unsere Theorien und unser Wissen seien Elemente eines Diskurses, einer historischen Wissensformation oder vornehmer ausgedrückt einer Episteme, die von anonymen Mächten oder wie Foucault meinte von den dunklen Strahlungen und Suggestionen einer allumfassenden Macht determiniert und gesteuert wird; denn wenn dem so wäre oder sogar, wie Nietzsche meinte, die logische Mannigfaltigkeit unserer modellartigen Sätze eine verzerrende und illusionäre Widerspiegelung der kontingenten Strukturen unserer Grammatik darstellte, könnten wir überhaupt nichts wissen, im eigentlichen Sinne von „wissen“; aber dann könnten wir auch dies nicht wissen, im eigentlichen Sinne von „wissen“, nämlich, daß wir immerfort einer unentrinnbaren Selbsttäuschung zum Opfer fallen.
Die Sprachtheorie Nietzsches und die Diskurstheorie Foucaults laborieren mit Sätzen, deren Wahrheitsfähigkeit und deren Wissensanspruch sie in einem Atemzug geltend machen und bestreiten.
Ein Ton ist noch keine Musik; ein Strich noch keine Zeichnung; eine Silbe noch kein Gedicht. Erst die geordnete, in eine Struktur gebrachte Mannigfaltigkeit der Töne, Linien, Wörter gibt uns den Begriff von Musik, Kunst und Dichtung.
Allerdings sind die Augenblicke der Stille in einer Komposition, die leeren Stellen und weißen Flecken in einer Zeichnung, die unausgefüllten Räume zwischen den Wörtern und Zeilen eines Gedichts bedeutsame Momente ihrer Struktur.
Manchmal sagen wir weniger, als wir meinen.
Das vom Gesagten umgrenzte Nichtgesagte kann die eigentliche Mitteilung enthalten.
Wir können nur sagen, was die grammatische und logische Mannigfaltigkeit dem Satz an bedeutsamer Struktur mitteilt; aber wir können bisweilen wie in dichterischer Sprache auch fühlbar machen, was wir nicht sagen können, gleichsam die Grenze des Sagbaren, wie den Rand einer Insel im grenzenlosen Meer des Ungesagten.
In der ozeanischen Nacht des ungeheuren Schweigens vernehmen wir den monotonen Wellenschlag gegen den Uferrand.
Manchmal wollen wir ja mit dem Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ nicht die triviale Tatsache von Karls Vaterschaft benennen, sondern das, was wir mit dem geflügelten Wort meinen: „Die Früchte fallen nicht weit vom Stamm.“
So liegen wir
Umhüllt uns schon das nächtliche Laub,
und kein Gestirn mag es durchzittern,
zerfiel uns Wort und Sinn zu Staub,
küß deine Tränen ich, die bittern.
Sind überschattet Pfad und Sicht,
am Ufer harren wir verlassen
und sehen kaum im Geisterlicht,
wie späterglühte Rosen blassen.
So liegen wir, bis nur noch tönt
der Wellen monotones Schlagen,
so träumen wir, im Schmerz versöhnt,
von ferner Jugend Blütentagen.
Francis Jammes, Pourquoi les bœufs
Pourquoi les bœufs traînent-ils les vieux chars pesants ?
Cela fait pitié de voir leur gros front bombé,
leurs yeux qui ont l’air de souffrance de tomber.
Ils font gagner le pain aux pauvres paysans.
S’ils ne peuvent plus marcher, les vétérinaires
les brûlent avec des drogues et des fers rouges.
Et puis dans les champs pleins de coquelicots rouges
les bœufs vont encore herser, racler la terre.
Il y en a qui se casse un pied quelquefois;
alors on tue celui-là pour la boucherie,
pauvre bœuf qui écoutait le grillon qui crie
et qui était obéissant aux rudes voix
des paysans qui hersaient sous le soleil fou,
pauvre bœuf qui allait il ne savait où.
Warum ziehen die Rinder die alten schweren Wagen?
Es ist zum Erbarmen, ihre breite Stirn gefurcht zu sehen,
den Leidensausdruck ihrer Augen, als würden sie vergehen.
Für das Brot der armen Bauern müssen sie sich plagen.
Wenn sie nicht mehr weiter können, erhitzen
die Veterinäre sie mit Giften und Eisen, die glühen.
Dann geht es zu den Feldern, wo Mohnblumen glühen
und die Rinder die Erde weiter eggen, tiefer ritzen.
Manchmal bricht sich eines ein Bein;
das tötet man gleich für die Metzgerei,
armes Rind, es hörte der Grille Schrei
und mußte den rohen Stimmen gehorsam sein
von Bauern, die eggten im irren Sonnenlicht,
armes Rind, wohin es ging, das wußte es nicht.
Satz und Gedanke
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
In dem Satz „Peter liebt Martha“ bestimmt der syntaktische Bau, nämlich die Tatsache, daß der Name Martha auf den Namen Peter folgt, seine Bedeutung. Die Semantik erweist sich hier als Funktion der Syntax.
Das Schriftbild des Satzes „Peter liebt Martha“ oder die räumlich geordnete Reihenfolge seiner Grapheme ist die Projektion seines Lautbilds oder der zeitlich geordneten Reihenfolge seiner Phoneme. Wesentlich für den Sinn des Ausdrucks ist die Tatsache, daß im Schriftbild der Name Peter links vom Prädikat, der Name Martha rechts vom Prädikat steht, beziehungsweise, daß in der Verlautbarung zuerst der Name Peter und nach dem Prädikat der Name Martha genannt werden.
Der Satz „Peter liebt Martha“ impliziert nicht die inverse Form, nämlich, daß Martha Peter liebt, aber die Negation der unwahren Behauptung, daß Peter Martha nicht liebt.
Lateinisch lautet der Satz: „Petrus Martham amat.“ Aber in dieser Sprache könnte er auch lauten: „Martham Petrus amat.“ Die semantische Funktion, die im Deutschen durch die Reihenfolge der Grapheme und Phoneme determiniert wird, ergibt sich im Lateinischen aufgrund der grammatischen Kasusendungen.
Wenn wir zugestehen, der Satz „Peter liebt Martha“ drücke den Gedanken aus, daß Peter Martha liebt, können wir den internen Zusammenhang von Sprache und Denken etwa folgendermaßen bestimmen: Wir sind nicht in der Lage, den Gedanken, daß Peter Martha liebt, zu erfassen und darzustellen, ohne daß wir uns irgendeiner artikulierten Form von Aussagen bedienen, in denen die gemeinten Personen (Peter, Martha) mittels Namen („Peter“, „Martha“) repräsentiert und ihr Verhältnis (lieben) zueinander durch einen entsprechendes Relationsbegriff („lieben“) bezeichnet wird.
Peter könnte gewiß meinen, die Tatsache, daß er Martha liebt, anders als durch sprachliche Zeichen wiedergeben zu können; wenn er ihr beispielsweise einen Blumenstrauß schickt. Aber wir können in der Geste, die an sich unterschiedliche Deutungen zuläßt (Geste der Entschuldigung, Geste der Kondolenz), die Geste der Liebe nur identifizieren, wenn wir sagen, sie symbolisiere die Tatsache, daß Peter Martha liebt.
Wir können komplexe Gegebenheiten wie die Tatsache, daß Peter Martha liebt, nicht denken, ohne über die Möglichkeit zu verfügen, sie mittels artikulierter und syntaktisch eindeutig gereihter Phoneme oder Grapheme auszudrücken und darzustellen.
Peter kann an Martha denken und dabei erotische oder Liebesempfindungen verspüren, ohne seinem Gedanken eine syntaktisch-phonetische Form zu verleihen; aber dies muß er, wenn er gefragt, woran er denke, offenherzig antwortet.
Wir können aufgrund von Verhaltensbeobachtung mit guten Gründen den Satz verlautbaren, daß Peter Martha liebt; aber Peter könnte Martha lieben und zugleich über den Satz, daß er Martha liebt, erstaunt sein.
Hier berühren wir einen wesentlichen Unterschied von Sätzen und Verlautbarungen aus der Perspektive der dritten und aus der Perspektive der ersten Person. Wir kommen aufgrund von Beobachtungen seines Verhaltens zu der Vermutung, daß Peter Martha liebt; aber wenn sich Peter zu dem Eingeständnis und Bekenntnis durchringt, daß er Martha liebt, dann nicht aufgrund der Beobachtung seines eigenen Verhaltens, die ihn zu eben jenem Schluß genötigt hätte.
Weil selbstbezügliche Aussagen in der Perspektive der ersten Person keine Schlußfolgerungen aus der Beobachtung des eigenen Verhaltens sind, stellen sie keine Vermutungen und Hypothesen dar, die immer nur einen bestimmten Grad von Wahrscheinlichkeit zulassen; dieser Umstand verleiht Selbstaussagen die Aura des Unbezweifelbaren und Gewissen.
Gedanken sind, was wir mit sprachlichen oder artikulierten Zeichen tun.
Die Erinnerung an den verstorbenen Freund kann Ausdruck der Trauer sein; aber der Gedanke, der sie zur Erinnerung macht, ist kein Ausdruck eines seelischen Zustandes, sondern die Möglichkeit, mit Zeichen zu operieren, die das Erinnerte in ein Vorher und Nachher einreihen.
Die Erwartung, den lange vermißten Freund wiederzusehen, kann mit freudiger oder banger Erregung vermischt sein; aber der Gedanke, der sie zur Erwartung macht, ist keine Vorstellung davon, wie die Erwartung aufgrund der Wiederbegegnung in einen emotionalen Zustand des Glücks oder der Enttäuschung umschlägt, sondern die Möglichkeit, auch wenn man kein bestimmtes Erlebnis wie Freude oder Enttäuschung bei der Wiederbegegnung antizipiert, zu sagen, daß man den lange vermißten Freund erwartet; oder daß man auf ihn wartet, ob nun in freudiger oder banger Erregung oder in relativer Gelassenheit. Der seelische Zustand kann, was wir mit Erwartung meinen, nicht erklären. Im Übrigen können wir die freudige und bange Erregung oder die relative Gelassenheit kausal ableiten, die Operation der Zeichen, mit denen wir den Gedanken an unsere Erwartung ausdrücken, nicht.
Gedanken sind keine seelischen Zustände oder mentalen Ereignisse; aber sie können von Gefühlen und Empfindungen und anderen mentalen Ereignissen begleitet werden, wie der Gedanke an den verstorbenen Freund vom Gefühl der Trauer und der Empfindung eines schmerzlichen Verlustes. Doch Gefühle und Empfindungen konstituieren nicht den Sinn des Gedankens, den sie begleiten. – Nach Jahren denke ich an den verstorbenen Freund zurück; aber mein ursprüngliches Gefühl der Trauer ist einem Gefühl der Dankbarkeit gewichen.
Durch syntaktische Umstellung gelangen wir im Deutschen von der Aussageform zur Frageform und erhalten den Satz: „Liebt Peter Martha?“ Andere Sprachen gewinnen den Ausdruck der Frage mittels anderer Zeichenoperationen; so kann ich im Französischen ohne syntaktische Umstellung sagen: „Est-ce que Pierre aime Marthe?“
Im Lateinischen ersehen wir den Unterschied zwischen Aussagesatz und Fragesatz am Gebrauch der Fragepartikeln -ne, num und nonne. „Petrusne amat Martham?“ (Frage, die sowohl eine positive als auch eine negative Beantwortung zuläßt.) „Num Petrus amat Martham?“ (Frage, die eine negative Beantwortung in Aussicht stellt.) „Nonne Petrus amat Martham?“ (Frage, die eine positive Antwort nahelegt.)
Der Gedanke, der sich in der Form der Frage ausdrückt, ist nicht bloß eine Umkehrung des Gedankens, der sich in der Form der Aussage ausdrückt, sondern etwas prinzipiell anderes. Denn eines ist es, aufgrund von Verhaltensbeobachtung der mehr oder weniger gut begründeten Vermutung Ausdruck zu verleihen, daß Peter Martha liebt, etwas anderes, danach zu fragen. Denn die Frage, ob Peter Martha liebt, kann entweder durch ähnliche Beobachtungen angeregt sein wie die Aussage, daß er es tut, oder durch Beobachtungen derart, daß wir eine solche Vermutung in Zweifel stellen werden.
Freilich könnte sich Peter unter außergewöhnlichen Umständen fragen, ob er Martha liebt; dagegen unter normalen Umständen nicht, ob die Ampel von Rot auf Grün gesprungen ist oder ob das, was er im rechten Knie empfindet, Schmerzen sind. Wir dagegen können fragen, ob Peters Schmerzverhalten auf tatsächliche Schmerzen im Knie verweist oder ob er sie nur vortäuscht, um den gemeinsamen Spaziergang mit uns nicht fortsetzen zu müssen.
Wir können fragen, ob Peters Verhalten gute Gründe für die Vermutung liefert, daß er Schmerzen hat; dagegen kann Peter sich unter normalen Bedingungen nicht fragen, ob das, was er im rechten Knie verspürt Schmerzen sind. Daher sind, wie Wittgenstein betont, selbstbezügliche Aussagen wie „Ich habe Schmerzen“ keine Mitteilungen dessen, was einer von sich weiß, denn wäre dem so, könnte es sich auch um ein Scheinwissen handeln.
Mittels Sprachbetrachtung gelangen wir zur Einsicht, daß jene Formen des Selbstseins, die sich in unmittelbaren selbstbezüglichen Äußerungen der ersten Person artikulieren, weder Formen des Wissens sind noch Reflexionen des Ich am Nicht-Ich, des Selbst am Anderen, wie es die Tradition der Bewußtseinsphilosophie von Fichte und Hegel bis zu Sartre annahm, weil sie in den internen Zusammenhang von Sprache und Gedanke nicht eingedrungen ist.
Metaphern wie die vom Strom des Bewußtseins, von der inneren Welt der Gedanken oder der Freiheit und Eigentlichkeit des Selbst sind ähnlich wie die Metaphern vom Fluß der Zeit, dem Strom der Erinnerung oder vom innerlichen Zeitbewußtsein verfänglich und irreführend.
Aus dem Satz, daß Peter Martha liebt, folgt nicht der Satz, daß Martha Peter liebt, aber der Gedanke, daß Peter Martha liebt, impliziert den Gedanken, daß er ihr freundlich gesonnen ist oder ihr hilft, wenn sie seiner Hilfe bedarf und er ihr helfen kann. Wir können allerdings im Normalfalle (wenn es sich nicht um logische Tautologien handelt) nicht alle Sätze überblicken, die aus einer bestimmten Annahme folgen; doch leisten wir uns gewöhnlich die sprachlogische Zuversicht, daß am Ende oder in einem uneinsehbaren Schlupfwinkel kein Folgesatz lauert, der zu unserer ersten Annahme im Widerspruch steht, freilich, über eine Garantie für Konsistenz verfügen wir nicht.
So sagen wir vor dem Abschied dem Freund, der mit uns zusammen einen Gutteil des Weges gegangen ist, er möge ihn auch ohne uns fortsetzen; aber ob er vielleicht um die nächste Ecke abbricht oder vor ein unübersteigliches Hindernis oder einen Abgrund führt, überblicken wir nicht.
Dagegen mißtrauen wir Pseudo-Theorien, die von einer grundsätzlichen Ambiguität, Ambivalenz und Zweideutigkeit der von uns verwendeten sprachlichen Zeichen und also unserer Gedanken ausgehen; sodaß wir beispielsweise mittels psychoanalytischer „Tiefenhermeneutik“ am Ende dem Ausdruck des Gedankens, daß Peter Martha liebt, den verborgenen Sinn entnehmen, daß Peter Martha eigentlich feindselig gesonnen ist oder sie haßt. – Wenn Peter in einem ambivalenten und zweideutigen Verhältnis zu Martha steht, können wir dies eindeutig und klar zum Ausdruck bringen.
Die Tatsache, daß sich der Lichtstrahl im Doppelspaltexperiment aufgrund der Bildung von Interferenzmustern sowohl als physikalisches Wellenphänomen als auch im Einspaltexperiment aufgrund der erwarteten Treffer von Photonen auf der lichtempfindlichen Platte als physikalisches Teilchen beschreiben läßt, führt zur Äquivalenz der Sätze, in denen wir vom Licht als Welle oder als Teilchen sprechen. Aber der Satz, in dem wir das Licht als Welle beschreiben, wird nicht negiert durch den Satz, in dem wir das Licht als Teilchen beschreiben, sondern auf dem Hintergrund einer anderen Interpretation komplementär ergänzt. Die beiden Sätze drücken demnach unterschiedliche Gedanken aus, die wir freilich nicht gleichzeitig denken und ausdrücken können.
Dagegen drücken wir mit dem Satz „Peter liebt Martha“ gleichzeitig den Gedanken „Martha wird von Peter geliebt“ aus, denn der eine läßt sich aufgrund regelhafter grammatischer Transformation in den anderen umformen.
Ein Kriterium für die Gültigkeit der Gedanken, die wir sowohl mittels Aussagesätzen als auch mittels Fragesätzen zum Ausdruck bringen, ist die Möglichkeit der isomorphen Projektion des Modells, das sich in ihrem deskriptiven Satzkern verbirgt; ob wir nun sagen, daß Peter Martha liebt, oder fragen, ob er sie liebt, in beiden Fällen gehen wir davon aus, daß wir die im Prädikat ausgedrückte Relation („lieben“) und die sie in Beziehung setzenden Eigennamen („Peter“, „Martha“) als Modell einer möglichen Welt betrachten können, in der wir Personen dieses Namens (Peter, Martha) in dem genannten Verhältnis (lieben) antreffen; oder eben nicht antreffen.
Ein weiteres Kriterium der Gültigkeit des sprachlich artikulierten Gedankens ist die grammatisch-logische Mannigfaltigkeit oder mehrgliedrige Struktur seines Ausdrucks; so bedarf es dreier grammatischer Elemente (der zwei Eigennamen und des relationalen Attributs), um den sinnvollen Gedanken zu äußern, daß Peter Martha liebt; und zweier kategorial verschiedener logischer Elemente (der Kategorie des Eigennamens und der Kategorie der Relation).
Freilich, verfügten wir nicht über die sprachliche Möglichkeit der Artikulation des Gedankens, die uns erlaubt, mittels der Zuordnung von Eigennamen Personen zu identifizieren und mittels Zuweisung von Relationsbegriffen zu den Namen Relationen zwischen den Personen darzustellen, hätten wir also keinen Begriff oder sprachlichen Ausdruck für das, was sich ereignet, oder einen möglichen Sachverhalt bildet, wäre es sinnlos, ja unmöglich, von Ereignissen und möglichen Sachverhalten zu reden.
Die Subjektivität des sprachlich artikulierten Gedankens steht in einem internen Zusammenhang mit dem Gedachten, dem, was wir Objektivität nennen.
Vergebliche Anrufungen
Du Blüte auf dem Dämmergrund,
als wären Schimmer noch erkoren,
in Nacht und Grauen unverloren,
wie sanfter Liebe Blick und Mund.
Du Vogelruf, wenn abendlich
sich Schmerz um Schmerz die Knospen schließen,
ein Weinen will ins Dunkel fließen,
wie weich geführter Bogenstrich.
Und Falter du, gemalter Kuß,
als wären Fühler noch zu tunken,
wo Lippen Bitterkeit getrunken,
wie schmal sie machte der Verdruß.
Schauert der Strauch im Abendwind
Schauert der Strauch im Abendwind
und feuchte Blüten funkeln,
ist mir, als ob da Augen sind,
die plötzlich sich verdunkeln.
Kaure ich, ein banges Kind,
auf Traumes schwankem Nachen,
ist mir, als ob da Nixen sind,
die, wenn ich schluchze, lachen.
Geh einsam ich am Ufer lang
und rauscht die alte Weide,
ist mir, als sänge sie den Sang
vom unstillbaren Leide.
Steig einmal ich noch auf den Hang,
den Heimatstrom zu schauen,
ist mir, als stillte allen Drang
sein veilchendunkles Blauen.
Lied der Entwurzelten
Wir sind die eitlen Funken,
von Winterfeuern ausgesandt,
zerstoben schon am Ackerrand,
ins Schattenkraut gesunken.
Wir sind die schale Neige
in eines wilden Festmahls Krug,
den blinde Trinkerwut zerschlug,
da sie aufs Ende zeige.
Wir sind das öde Klopfen
des Regens an das Fensterglas.
Wir zittern schwach am Asphaltgras,
des Zwielichts fade Tropfen.
Wir sind das hohle Ächzen
der Nacht in morschem Dachgebälk.
Wir sind die Blätter, dürr und welk,
die nach Verwesung lechzen.
Maria Trost
Vergebens suchte ich in den Ruinen
nach deines Lächelns Blütenblatt,
in Todesstarre krümmten sich die Bienen,
die trunken einst sein Duft gemacht.
Und ist dein Angesicht mir auch zerfallen
wie mürb ein Bild aus Kalk und Ton,
im Unsichtbaren quillt von süßem Lallen
ein wacher Quell dem müden Sohn.
Ich fand des hohen Engels Purpurschwinge
erloschen wie ein Opferscheit,
vergessen hat den Tanz der Schmetterlinge
entseelter Puppe Trockenheit.
Und mußte auch die Blumenwange fahlen,
von Staub zerfressen, Gram und Grind,
aus wüsten Träumen hebt mit seinen Strahlen
der Morgenstern ein banges Kind.
So bergen wir den Schmerz
Der Abend hat die Stimmen uns gesenkt,
es wogt das Haar dir wie von Geisterflügeln,
doch ist kein Engel, der den Schritt uns lenkt.
Man singt in fremden Zungen auf den Hügeln.
Uns trägt der Pfad, ein schmaler Streifen Licht,
hinab durch veilchenblaue Dämmerwiesen
zu Ufern, wo die weiche Welle spricht
von Inseln, lang versunknen Paradiesen.
So bergen wir den Schmerz ins hohe Gras,
ich fühl die Wange sich an deiner feuchten.
Wie kalten Mondes trüb behauchtes Glas
kann meine Liebe dir nur traurig leuchten.
Es rinnt das Zwielicht
Es rinnt das Zwielicht in die braunen Mulden,
was wie ein Mond auf Wassern schwimmt,
kommt noch aus Träumen und verglimmt,
wir müssen, Schatten, Schattenspiele dulden.
Es geht durch Laubes Schlaf ein Hauch der Frühe,
sein Lispeln ist noch zweifelnd vag,
ob höher tönen Licht und Tag,
wir hoffen, daß die Traube uns noch glühe.
Es kommt der Strahl, den Schleier uns zu heben,
die Knospe hat sich aufgetan,
uns stillt den Blick ein Schnee, der Schwan,
wir fühlen Flügel über uns entschweben.
Der Schleim einer faden Gesinnung
Sie, die nichts bindet als nur der süßliche Saft,
als nur der Schleim einer faden Gesinnung,
reißt, wenn er kommt, auseinander der Sturm,
und er kommt. Wie überzählige Blätter
auf den Asphalt geweht, rascheln sie noch
dumpf in der Nacht, einander auf immer verloren.
Murmeltiere indes, ertönt der Pfiff
ihres Wächters unter eines Adlers
kreisendem Schatten, treibt es in den Bau,
den ins Dunkel sie sich gruben zur Heimat, zur Rettung.
Jenen verdampfte im Sfumato des Kitschs,
was sie verleugnen, das Wasserzeichen des Feindes.
Mausgleich wispern und wuseln sie hin und zurück,
aber es glänzt im Laubwerk des Dämmers ein Auge,
und wenn geisterhaft sich der Waldfarn schon biegt,
tänzeln sie noch im süßen Rausch einer Traube
oder der Dunst des Geschlechtes trübt ihren Sinn,
bis die Knöchlein jäh im Würgegriff knacken.
In memoriam
Wirst aus der Nacht des Wassers du mir tauchen,
wie eines Lächelns Blütenblatt?
Ein Marmor deckt dich, kühl und glatt.
Wo ist der Mund der Seele, mir zu hauchen?
Ich sah dein Antlitz knospenweich sich schließen,
sein Schimmer rann wie Tau,
ein Veilchenlicht im Dämmergrau.
Wo ist der Born der Bilder, mir zu fließen?
Ich fühlte Hände schwanengleich sich schmiegen
um dunkler Schmerzen steinern Haupt,
es schmolz, von grünem Sang umlaubt.
Wo ist das weiche Wasser, mich zu wiegen?
Du wirst wie einer Traube Glanz mir scheinen
im Rankenwerk der Einsamkeit,
ein Funken aus dem letzten Scheit.
Du bist, was sanft verglimmend Tränen meinen.
Kleine ontologische Grenzgänge
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Am Anfang der Sprache (um paradox zu reden) war kein einzelnes Wort; denn mit jedem Einzelwort ist das System der Wortbildung und der Sprache gesetzt.
Der Einwortsatz impliziert eine virtuell unendliche Reihe von Sätzen verschiedenster Arten und Typen.
Wären wir in einem Raum eingeschlossen, dessen fensterlose Mauern verbergen, daß es „da draußen“ keine anderen Räume gibt, wäre die Aussage, daß wir uns in einem Raum befinden, sinnlos.
Der letzte Mensch, der einsam nach der Katastrophe auf der Erde zurückbleibt, gehört der Gattung Mensch schon nicht mehr an.
Es kann nur Räume geben, die zueinander relativ sind, aber keinen Raum, der alle umfaßt.
Es kann nur Zeiten geben, die zueinander relativ sind, aber keine, die alle umfaßt.
Die Zeit oder Epoche der römischen Republik hat kein gemeinsames Maß mit der Zeit, die das Licht einer fernen Galaxie benötigt, um zu uns zu gelangen, auch wenn wir in beiden Fällen (aber wie leichtfertig) von der Vergangenheit sprechen.
Wäre die Zeitstrecke in die Vergangenheit unendlich, hätte es den Jetztpunkt oder die Gegenwart, in der wir dies und was immer sagen, nie gegeben.
Die Welt kann nicht ewig sein, sonst gäbe es keine; sonst gäbe es nicht das Universum, in dem wir uns vorfinden und von dessen Vergangenheit wir reden, denn im Unendlichen gibt es keine Vergangenheit.
Die Metrik und ihre Skalen, Größen und Maße legen fest, was wir messen können, was für uns und von uns meßbar ist.
Der Raum ist nichts anderes als die metrische Möglichkeit, räumliche Abstände zu messen.
Die Zeit ist nichts anderes als die Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen.
Ohne Uhren und Zeitmesser gäbe es keine Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen, ohne Zeitmesser können wir von Zeit nicht reden.
Uhren sind zyklisch gleichförmige Perioden, Schwingungen von Teilchen oder Frequenzen, die wir abzählen können; periodische Schwingungen und Fluktuationen sind eine Eigenschaft sowohl von Teilchen als auch des masselosen Vakuums; also ist die Zeit eine Eigenschaft von Teilchen oder des Vakuums und kein unabhängiges Kontinuum, in dem wir die zeitliche Bewegung von Teilchen und die Quantenfluktuationen des Vakuums ansiedeln.
Wäre der Gegenwart eine sich ins Unendliche erstreckende Vergangenheit oder Vor-Gegenwart vorausgegangen, wären wir nie in ihr angekommen.
Ein Ort kann keinen Raum definieren, ein einziges Teilchen oder ein einziger Stern keinen kosmischen Raum und kein Universum.
Wir können räumliche Abstände (und also den Raum) mittels der Zeit messen, die wir (oder ein geeignetes Medium wie das Licht) benötigen, um sie zu überbrücken.
Die Grenze des Sagbaren und also des Denkbaren können wir intern anhand der grammatischen und logischen Kategorien bestimmen, die uns zur Verfügung stehen.
Jenseits der Raumdimension gibt es keinen Ort, jenseits des Sagbaren gibt es keinen Sinn.
Die Grenze des Sagbaren ist wie der Horizont des Meeres, hinter dem wir die Wellen von Wasser vermuten, ähnlich denen, die wir beobachten können, aber dies ist nur eine suggestive Vorstellung, denn hier tappen wir im Dunklen, und also sollten wir schweigen.
Weil wir keine Position jenseits der Raum-Zeit einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn. Weil wir keine Position jenseits der Sprache einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn.
Aufgrund der Endlichkeit und Begrenztheit ihrer Vermessung ist es unsinnig, von der exakten Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse zu reden.
Die scheinbar gleichzeitige Präsenz geschriebener Sätze auf dem Bildschirm oder Papier läßt uns leicht darüber hinwegsehen, daß Sprechen ein zeitliches Ereignis darstellt.
Das Schriftbild ist die Mumie und das Petrefakt des Sprechaktes.
Das Komplement jeder Aussage ist eine unendliche Reihe negativer Aussagen; denn wenn ich sage, ich sei gestern in Berlin gewesen, impliziert diese Aussage die unendliche Reihe der negativen Aussagen, daß ich nicht in Frankfurt, nicht in London, nicht in Tokio … gewesen bin.
Das Komplement des Sprechaktes der Frage ist der Sprechakt der konstativen Aussage.
Ein Ereignis verkörpert die Möglichkeit eines Ereignistyps, ein Sprechakt verwirklicht die Möglichkeit eines Sprechakttyps.
Ein Sprechakt kann nicht gleichzeitig zwei kategorial verschiedene Akttypen verkörpern.
Die grundlegende ontologische Differenz scheint jene zwischen Menge und Element, Kategorie und Instanz, Eigenschaft und Individuum zu sein. Doch die rhetorische oder ironische Frage muß sich von der echten nicht unterscheiden („Ist er taub?“ oder „Hat er die Weisheit mit Löffeln gefressen?“), aber sie kann nicht gleichzeitig beide Kategorien instantiieren. Die ontologische Differenzierung bedarf der Auswahl oder Identifizierung des begrifflichen Feldes, in dem wir die Aussage als Verwirklichung eines Aussagetyps ansiedeln.
Wenn wir über mögliche Sachverhalte und Tatsachen Hypothesen bilden und Feststellungen treffen, können wir sie als mehr oder weniger wahrscheinlich, als durch andere Hypothesen und Aussagen mehr oder weniger gut belegt oder als wahre Schlußsätze aus als axiomatisch angenommenen Prämissen indexikalisieren und bewerten. Aber wir können als mögliche Sachverhalte und Tatsachen nur ansehen, was wir im Aussagetypus von Hypothesen und Feststellungen erfassen können.
Die Isomorphie von Aussage und Tatsache, Hypothese und möglichem Sachverhalt bestätigt unsere Annahme von der ontologischen Komplementarität von Subjektivität und Objektivität.
Was wir verleitet sind, Wesen und allgemeine Idee zu nennen und metaphysisch zu hypostasieren, ist die Struktur des begrifflichen Feldes; ähnlich wie die Begriffe von Raum und Zeit keine absoluten Daten und Wesensbestimmungen der phänomenal gegebenen Welt oder des Universums darstellen, sondern Variablen einer Metrik, beispielsweise der Metrik des Vakuums, stellen alle von uns verwendeten Begriffe keine absoluten Gegebenheiten oder losgelöste Tatsachen dar, sondern Variablen der Metrik des ontologischen Feldes. Und als Ontologie betrachten wir die Möglichkeiten von Aussagen innerhalb des begrifflichen Bereichs, der gleichsinnig und spiegelbildlich von Subjektivität und Objektivität umgrenzt wird.
Der ontologische Unterschied zwischen Factum und Fictum, in traditioneller Diktion: von Natur und Kunst, kann nicht mittels Kausalanalyse bestimmt werden, sondern nur begriffsanalytisch unter Bezugnahme der begrifflichen Felder, in denen wir die Begriffe „Tatsache“ und „Fiktion“, „Erfahrung“ und „Traum“, „Person“ und (sie darstellendes) „Bild“ konzeptuell festlegen und verwenden.
Der Unterschied zwischen dem gemalten Glas Wasser und dem echten kann nicht dadurch bestimmt werden, daß wir sagen, das gemalte Glas Wasser können wir nicht trinken oder das gemalte Wasser könne nicht als H2O identifiziert werden. Die Blumen des Bösen Baudelaires verströmen keinen (vielleicht betörenden, vielleicht etwas fauligen) Duft, sondern tragen ihren Namen als Metaphern einer gefallenen Welt.
Der metaphorische Duft ist gar kein Duft; eben deshalb nennen wir ihn metaphorisch. Achill ist überhaupt kein Löwe, eben darum ist die Charakterisierung seines Thymos oder Mutes als löwenhaft eine Metapher.
Wir können komplementäre, das heißt sich entsprechende, aber ausschließende Bilder, Beschreibungen und theoretische Modelle vom „Ursprung“ und der „Evolution“ des Universums verwenden (das schrumpfende Universum ohne Anfangssingularität und das expandierende mit Anfangssingularität), die beide in ihrem begrifflichen Rahmen Gültigkeit beanspruchen dürfen, denn sie sind isomorph aufeinander abbildbar.
Ontologischer Idealismus und ontologischer Realismus sind beide konzeptuell unzureichende Positionen; denn was immer wir als objektiv betrachten, ist es auf dem Hintergrund unserer begrifflichen Differenzierungen. Wir sagen, daß gemalte Glas Wasser ist ein Element des begrifflichen Rahmens, den wir als fiktional beschreiben, das echte Glas, dessen Inhalt wir trinken können, ein Element des begrifflichen Rahmens, in dem wir Wasser als H2O identifizieren.
Was wir Menschen nennen, können wir als Elemente unterschiedlicher begrifflicher Felder betrachten, beispielsweise der Felder, denen wir lebende Organismen, Träger komplexer Nervensysteme, Sprecher einer natürlichen Sprache oder Personen zuordnen, deren Handlungen wir als freiwillig oder justiziabel ansehen. Diese Felder sind komplementär, ergänzen sich oder implizieren einander stufenförmig, aber sie sind nicht in allen Fällen konsistent, denn wir betrachten lebende Organismen und komplexe Nervensysteme weder als Sprecher natürlicher Sprachen noch als intentional handelnde Personen.
Die physikalischen Begriffsbilder des Raums, die wir bei Newton und bei Einstein finden, sind komplementär, denn wir können auch in der Einstein-Welt mit den Formeln Newtons rechnen, aber miteinander nicht konsistent, denn die Geometrie Newtons ist die klassische dreidimensionale eines Euklid und Descartes, während die relativistische die Dimension der Zeit integriert und wir in ihr mit gekrümmten Linien wie in der Geometrie eines Gauß und Riemann rechnen.
Wir sind auf sprachliche Bilder und begriffliche Muster und Modelle angewiesen, die uns wie topographische Karten, deren Maßstab und projektive Größenordnung wir festlegen, auf weite Strecken orientieren. Doch geraten wir in unbekanntes Gelände, müssen wir neue Wegmarken anlegen, neue Karten entwerfen.
Statt vom Haus der Sprache zu reden und der verfänglichen Metapher eines soliden Fundaments zu erliegen, sollten wir vielleicht das Bild des Schiffs gebrauchen, das wir freilich nicht völlig autonom entwickelt und konstruiert haben, denn unser konzeptuelles Baumaterial sind gleichsam wild gewachsene Namen und Begriffe, grammatisch uns zugewachsene Kategorien, die wir allererst zurechtstutzen müssen. Die Reise mit einem solchen Gefährt ist allemal ein Abenteuer, denn wir wissen nicht, wohin wir gelangen, sie ist nicht ungefährlich, denn der Strom, auf dem wir fahren, ist nicht begradigt und befriedet, sondern hat seine Untiefen und Katarakte; ja, wir können Schiffbruch erleiden.
Die Rückkehr der Taliban
Die bärtigen Turban-Teufel sind zurück,
die wilden Taliban,
der okzidentale Wahn –
am Hindukusch brach er sich das Genick.
Die hehre Truppe, die ein Mädchen lenkt,
erwies sich als kastriert –
von Partisanenlist düpiert,
hat sie den Adler in den Staub gesenkt.
Nun ist die Hysterie, das Heuchel-Heulen groß,
es jammert die Journaille,
daß vor Allahs Kanaille
der Wicht der Weltmoral steht hosenlos.
Das tätowierte Mannweib aber schreit,
weil unter dem Koran
der Schwerenöter-Taliban
nur eine Frau im wollenen Käfig freit.
Die Memme der Kritik flennt sentimental,
wenn das Asketen-Ohr
würgt ab den Tunten-Chor
und löscht verruchter Bilder Bacchanal.
Daß man die Christenknechte laufen läßt,
nicht abwäscht, was haram,
zeigt, wie schon lendenlahm
die Inbrunst ward, wie scheel der Blick gen West.
Heroisch wirkt es nicht, bloß pubertär,
wenn sie auf einem Karussell,
den Stenzen juckt das Fell,
sich grinsend drehn, und die Moschee steht leer.
Dem Lärm der Welt entronnen
Wir wollen schweigend unter Schatten gehen,
die Stirn kühlt uns der Abend schon,
ins Dunkel neigt die Glut der Mohn,
uns hüllen Schleier, die von Wassern wehen.
Wir haben Ja und Nein zurückgelassen,
die Rose und den Sonnenhauch,
den bittern Kelch des Mondes auch,
uns locken Lilien, die auf Wassern blassen.
Wir sind dem dumpfen Lärm der Welt entronnen,
wovon die bleiche Lippe bebt,
als ob noch eine Frage schwebt,
löst helle Nacht uns, rauschen ihre Bronnen.
Daß unsre Hände sich noch finden
Wenn ferner Ströme Sagen münden
und über uns die Wolke steht,
wo Dickicht ritzt und Nachtlaub weht –
daß unsre Hände sich noch finden!
Wenn frühen Blühens Bilder bleichen
und unter uns verschwimmt der Pfad,
wo Mohn versank in jäher Mahd –
daß wir die Hände uns noch reichen!
Wenn Schatten wir mit Schatten gleiten
und Traum dem Tag die Lider schließt,
wo Quelle stockt und Grauen fließt –
daß Hand in Hand wir heimwärts schreiten!
Vergebens pochen Bettelworte
Der Sommer hat den grünen Schoß verbrannt,
wie mußten bald zu Boden gehen
die blauen Trauben schwarzer Schlehen,
nicht hat den Schmerz die Nachtigall gebannt.
Schon raschelt unterm Fuß das spröde Laub,
vergebens pochen Bettelworte
an eine zugesperrte Pforte,
das Ohr, zu dem sie flehen, es ist taub.
Und knirscht im Schnee der zögernd müde Tritt,
verhüllt ein Tuch, was Liebe scheute,
kein Wasser seufzt, daß es ihm deute,
dem traumerstarrten Leben, was es litt.
Muse weint und Satyr lacht
Geifer trieft vom Wulste ihrer Lippen,
Augen stieren wimpernlos und blind,
keine Funken singt der Aschenwind,
Fäulnisodem dehnt umsonst die Rippen.
Nein, sie hat kein hoher Geist erschaffen,
inspiriert vom dunstenden Gemächt,
grölen sie das Lied vom Menschenrecht,
Fahnen schwingend, Darwins dümmste Affen.
Schamlos wühlen sie die Brunstvisage
in das blaue Tuch der Sternennacht,
keusche Muse weint und Satyr lacht,
schaut er seines Bildes Persiflage.
Kopfnüsse
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die meisten bleiben nicht aus Treue, sondern weil Gewohnheit und Routine, Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit sie am Ort, an der Sache, an der Gemeinschaft festkleben lassen.
Land der geistigen Zwerge und kastrierten Memmen, wo in Politik, Armee und Schule kinderlose Frauen und mit „Männern“ „verheiratete“ „Männer“ das Sagen haben.
Hier, wo Erzieher nicht Erzieher mehr genannt werden, in Wahrheit aber Umerzieher und Runterzieher sind.
Am Ende pflanzt sich der Arsch der Vulgarität auf das bleiche Gesicht des deutschen Idealismus („Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß …“).
Kein Recht ohne Pflicht, kein Gesetz ohne Zwang; jede Institution, jede Anstalt, jeder Staat hat ein Zwangskorsett, auch wenn die Watte der Ideologie und der Schaumgummi des Ideals seinen Druck abmildern.
Das Gesetz der Verteilung von Innen und Außen, von Alten und Jungen, von Führern und Geführten ist das ungeschriebene Gesetz der sozialen Welt.
Wer kein Blut sehen kann, wird nicht Chirurg.
Auf der Leiter schöner Phrasen klimmt er hinan; doch der Nachbar ist schon höher gestiegen – auf der Treppe obszöner Flüche und geifernder Verwünschungen.
Demokratie oder die Herrschaft der Vulgarität in der Maske der Wohlfahrt.
Jeder soziale Bereich hat seine konstitutiven Regeln und Kodierungen, die seine Identität und die Kriterien definieren, die alle Möglichkeiten umfassen, ihm zuzugehören oder nicht zugehören zu können.
Alles Sublime hat den Ruch des Elitären; deshalb sollen Schüler die Schrift lieber nach Gehör lernen als Goethes Elegien abzuschreiben.
Wer die Armut abschaffen will, ist angetreten, das Geld der anderen zu verteilen.
Wenn die Bilder von Bosch, Raffael oder Van Gogh einzigartig sind, gilt dies per analogiam auch von denen, die sie gemalt haben. Doch können wir die biographische Charakteristik von Hinz und Kunz nicht anders denn als Schnittmenge beliebig großer, aber begrenzter Kreise von Aussagemengen mit allgemeinen Begriffen an der Funktions- oder Prädikatstelle ansehen, die auch für die Lebensbeschreibung von Müller und Meier eingesetzt werden müssen.
Ens est ineffabile heißt: Mittels einer noch so spendablen Verwendung von Allgemeinbegriffen können wir das spezifisch Individuelle der Individuen, die durch sie charakterisiert werden, nicht bestimmen. Das Spezifische und Eigentümliche finden wir somit nicht durch Verwendung deskriptiver Begriffe, sondern mittels raumzeitlicher Bestimmung der sie verkörpernden Individuen.
Was der Mythos als göttlich-dämonische Mächte beschreibt, beschreiben und behandeln wir als Themen, Mächte und Strukturen der Kommunikation und sozialen Ordnung.
Alles, was besteht, trägt den Keim des Untergangs und Zerfalls in sich, was lebt, den Keim des Todes, was liebt, spürt auch den Stachel des Hasses, was spricht, den würgenden Knebel des Schweigens.
Das Gesetz konstituiert sich in der Fuge zwischen Ordnung und Zerfall.
Wir können das Gesagte und Getane widerrufen und bereuen, aber nicht ungeschehen machen; das Erlebte kann wie eine Pfütze in der prallen Sonne verdampfen; doch schlägt das Wetter um, kann es sich kondensieren und wie ein dünner Niederschlag das Fenster des Bewußtsein trüben.
Wir können eine autonome und selbstkonstitutive Macht und Ordnung nicht mit einer anderen versöhnen oder eine bruchlos und ohne Sinnverlust in eine andere übersetzen.
Ares kann Aphrodite nicht verstehen, auch wenn Eros sie aneinanderkettet.
Selbst der höchste Gott der Griechen, Zeus, kann nicht für alle Götter sprechen; das Ohr des Hades und der Erinnyen erreicht seine gewaltige Stimme, die vom Gesetz des Tages und des glänzenden Himmels kündet, nicht.
Niemand kann für alle sprechen; was für alle Sprecher und Sprachen universell gültig zu sein scheint, sind leere Worte, ohnmächtige Phrasen, nichtssagende Tautologien.
Die Welt des Kranken ist eine andere als die Welt des Gesunden.
Nur wer sich den Mund verbrannt hat, lernt sich im entscheidenden Moment auf die Lippen zu beißen.
Die alte Wunde wacht und will nicht schlafen; die milden Tropfen der Güte und des Zuspruchs sind über Nacht zerronnen.
An den Narben erkennen wir die Größe des Kampfes.
Unter der glänzenden Fläche des Wassers der Dichtung, auf dem weiße Blütenblätter treiben, brütet das alte Dunkel seine Ungeheuer aus.
Grausamkeit ist der Lehrer des Lebens.
Das Herz schlägt wacher in der Nacht der Einsamkeit.
ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται. (Menander) – Daß nur der geschundene, gegerbte, gehäutete Mensch erzogen genannt werden kann, leuchtete auch Goethe ein, der die Gnome des Menander zum Motto seiner Autobiographie erhoben hat. – Welch ein Aufschrei all der pädagogischen Eunuchen, die ihre Vorhaut auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert haben, welch ein Meckern all der Schulamtsziegen, für die schon die Stille des Klassenzimmers ein Omen schwarzer Pädagogik darstellt.
Natürlich will Goethe keine Hymnen auf das dunkle Sausen des Rohrstocks anstimmen, sondern gemahnt an die Schur durch das ratschende Messer der Schicksalsgöttin, dem auch die wallenden Locken der Dichtkunst anheimfallen.
Je mehr einer den Mächten des Chaos und des Zerfalls ausgesetzt ist, umso glänzender, ominöser, mirakulöser die Gestalten der Selbstaussage und Selbstbehauptung (nennen wir nur Werther, Tasso, Wilhelm Meister und Faust), die er ihnen kämpfend, bis zur endgültigen Niederlage sich verzehrend abringt.
Eine Erinnerungsschwäche zeigt sich in dem Umstand, daß wir Orten und Individuen keine korrekten Namen und Namen keine korrekten Relationen zuschreiben können; der Zerfall des Gedächtnisses aber wird offenkundig, wenn wir die Semantik von Namen und Relationen nicht mehr voneinander unterscheiden können.
Heroisch wie Stauffenberg handelt nicht, wer siegesgewiß zur Tat schreitet, sondern unter scharf kalkuliertem Wagnis das Schicksal herausfordert.
Die heute ohne ein persönliches Risiko einzugehen, ja unter medialem Applaus gegen den irrealen Schnauzbart fechten, hätten damals vor dem realen den Kotau gemacht.
Der Eitle verdirbt den schönsten Einfall, wenn er ihn zur Pose vor einem imaginären Publikum erniedrigt.
Heiterkeit, ein Flaum
Wie eines Flaumes weißes Schweben
enttaumelt sie dem Abendblau,
ein Spiegelbild im Tropfen Tau
von unbekanntem stillen Leben.
Wie einer Blüte helles Lächeln,
bevor die Knospe es verschließt,
und deiner Müdigkeit zu fächeln,
des Wassers Ode, die verfließt.
Den weichen Flaum kannst du nicht fangen,
nicht treten ein ins schöne Bild,
ins Lächeln dir die Träne quillt,
weißt nicht mehr, was die Wasser sangen.
Sophokles, Elektra, Verse 137–153
ἀλλ᾽ οὔτοι τόν γ᾽ ἐξ Ἀΐδα
παγκοίνου λίμνας πατέρ᾽ ἀν-
στάσεις οὔτε γόοισιν οὔτ᾽ εὐχαῖς.
ἀλλ᾽ ἀπὸ τῶν μετρίων ἐπ᾽ ἀμήχανον
ἄλγος ἀεὶ στενάχουσα διόλλυσαι,
ἐν οἷς ἀνάλυσίς ἐστιν οὐδεμία κακῶν.
τί μοι τῶν δυσφόρων ἐφίει;
νήπιος ὃς τῶν οἰκτρῶς
οἰχομένων γονέων ἐπιλάθεται.
ἀλλ᾽ ἐμέ γ᾽ ἁ στονόεσσ᾽ ἄραρεν φρένας,
ἃ Ἴτυν, αἰὲν Ἴτυν ὀλοφύρεται,
ὄρνις ἀτυζομένα, Διὸς ἄγγελος.
ἰὼ παντλάμων Νιόβα, σὲ δ᾽ ἔγωγε νέμω θεόν,
ἅτ᾽ ἐν τάφῳ πετραίῳ
αἰεὶ δακρύεις.
Chor:
Und doch weckst auf du nimmer
aus Hades Ur-Sumpf dir den Vater,
mit Klagen nicht, nicht mit Gebeten:
Tiefer nur sinkst du vom Rand des Leidens
immerzu stöhnend in Leidens Abgrund,
wo keine Erlösung vom Übel dir wird.
Warum willst gleiten du tiefer ins Unglück?
Elektra:
Unmündig, wer die Eltern vergißt,
schwanden dahin sie jämmerlich.
Mir aber wärmt das Herz, die da schluchzt
um Itys, immer um Itys wehklagt,
flüchtiger Vogel der Nacht, ein Bote des Zeus.
Weh auch dir all-
duldende Niobe, Göttin heiße ich dich,
die auf dem Grab, dem steinernen,
weint, ewig weint.
Anmerkung zum Verständnis:
Nachdem die Königin Klytaimnestra gemeinsam mit ihrem Geliebten Aigisthos den von Troia an den Hof zu Theben heimkehrenden Gatten Agamemnon, den Heerführer der hellenischen Stämme, heimtückisch im Bade abgeschlachtet hatte, fristete ihre Tochter Elektra, ganz von der Trauer um den Vater verzehrt, ein elendes Leben in den Höfen und Gängen des Palastes; ihr Bruder Orestes, dessen Rache die Mutter fürchtete, wurde an den Hof des Königs von Phokis verbracht, wo er gemeinsam mit dessen Sohn Pylades aufgewachsen ist.
Im Prolog der Tragödie läßt Sophokles den Rächer Orestes mit seinen Begleitern, einem treuen Pfleger und Diener und dem Freund Pylades, auftreten und den Racheplan erwägen. Sie wollen als Fremde verkleidet vorgeben, die Asche des Orestes in einer Urne zu überbringen, um Klytaimnestra zu täuschen und in falscher Sicherheit zu wiegen. Zuvor aber wollen sie ans Grab Agamemnons eilen, um das obligatorische Totenoper darzubringen.
Elektra tritt auf und ergeht sich in einem pathetischen Monolog der Klage und Trauer über ihre verzweifelte Lage; sie fleht die Göttinnen der Unterwelt, die Erinnyen, an, den Mord an ihrem Vater zu rächen, ihr den Bruder zu senden, auf daß er das Werk der Vergeltung vollziehe.
Schon in ihrem ersten großen Monolog erwähnt Elektra die Nachtigall, sie tut es erneut im Dialog mit dem Chor, der oben zitierten und übersetzten Szene. Die Nachtigall aber ist wie die von Elektra gleichsam als Schutzheilige ebenfalls beschworene Niobe eine tragische Gestalt des griechischen Mythos: Prokne, die Tochter des Königs Pandion von Athen, hat mit ihrem Gatten Tereus, dem König von Thrakien, den Sohn Itys. Tereus vergewaltigt die Schwester der Prokne, Philomela, und reißt ihr anschließend die Zunge heraus, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie aber webt ein Tuch, das die böse Tat darstellt, und gibt es ihrer Schwester. Die beiden Schwestern rächen sich, indem sie Itys töten und dem Vater zum Mahl vorsetzen. Tereus entdeckt die Mordtat an seinem Sohn und verfolgt die Schwestern, um an ihnen Rache zu nehmen. Doch noch bevor er Hand an sie legen kann, verwandelt Zeus alle in Vögel, Tereus in einen Habicht, Philomela in eine Schwalbe und Prokne in eine Nachtigall.
Die andere tragische Gestalt, mit der sich Elektra identifiziert, Niobe, prahlte mit ihren sieben Söhnen und sieben Töchtern vor Leto, der Mutter von Apollon und Artemis; diese töten Niobes Kinder mit Pfeilen, Niobe selbst wird von Zeus in einen Stein verwandelt, der immerzu Tränen vergißt.
Kleine semantische Grenzgänge
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Ein Bild für die Sprache und das Bewußtsein ist das je eigene Gesichtsfeld, in dem wir nicht gleichzeitig alle Örter, Winkel und Aspekte scharf stellen können.
Ein anderes Bild für die Sprache und das Bewußtsein ist die Landschaft, die wir durch Anwendung projektiver Methoden und mittels Verwendung von ikonischen Zeichen für Bäume, Quellen, Flüsse, Denkmäler und Ortschaften auf einer topographischen Karte darstellen; wir müssen den Ausschnitt und die maßstäbliche Größenordnung nach pragmatischen Gesichtspunkten vorab auswählen und können nicht gleichzeitig alle möglichen Abbildungsvarianten wiedergeben.
Die Verwendung unserer Farbskala läßt nicht zu, einen Ort im Gesichtsfeld gleichzeitig als grün und rot zu definieren.
Die Verwendung unserer grammatischen und logischen Syntax läßt nicht zu, daß wir einer Entität gleichzeitig die Eigenschaft P und Nicht-P zusprechen oder denselben Gegenstand sowohl als A als auch als Nicht-A bezeichnen.
Die Sprache kann sich nicht vollständig auf sich selbst abbilden, das Bewußtsein kann sich nicht selbst vollständig erfassen.
Bewußtsein und seiner bewußtes Leben erfassen und begreifen wir gemäß demjenigen, was einer von sich selbst sagt; dabei ist, was er sagen kann, durch das Wörterbuch und die Grammatik seiner Sprache begrenzt.
Hätten wir nur die Geschmacksnoten „süß“ und „sauer“ zur Auswahl, könnten wir jemandem, was wir beim Hopfentrunk schmecken, nicht als bitter beschreiben.
Nur weil unsere Grammatik die Verwendung von Zeitstufen des Verbs erlaubt, können wir uns für das gestrige Zuspätkommen entschuldigen und uns für morgen verabreden.
Jede Realität birgt unendlich viele Virtualitäten; jeder Augenblick bewußten Lebens ist ein Spiegel eines Spiegels.
Haben wir den Abschnitt der Novelle gestern oder vorgestern gelesen? Aber wir könnten ihn an beiden Tagen gelesen haben; oft haben wir keine Möglichkeit, unsere Erinnerungen kalendarisch zu ordnen.
Jede Form der Abbildung wie die Projektion der dreidimensionalen Landschaft auf die zweidimensionale topographische Karte impliziert eine unbegrenzte Anzahl von Varianten.
Sprache ist eine Form der Abbildung des Bewußtseins mit einer unbegrenzten Anzahl von Varianten.
Was wir von uns selber sagen, unterscheidet sich bisweilen grundlegend von dem, was andere von uns sagen. Beides kann aufschlußreiche Varianten bieten, ohne einander ausschließende Alternativen darzustellen.
Bei einer Wanderung sind wir, ohne es zu merken, an denselben Ort gelangt; wir haben ihn aus einer anderen Richtung passiert. So auch mit unseren Erinnerungen.
Es besteht ein wesentlicher Unterschied darin zu wissen, daß es sich bei dieser Person um Peter und bei diesem Ort um Berlin handelt, und zu wissen, daß wir Personen und Orte mit Eigennamen wie Peter oder Berlin bezeichnen. Im letzteren Fall handelt es sich um grammatisch-logisches und kategoriales Wissen.
Die Annahme, Peter habe sich vorige Woche in Berlin aufgehalten, kann wahr oder falsch sein; aber die Verwendung der Kategorie des Namens für eine Person und einen Ort sowie die Kategorie der Zuordnung (Attribution) einer temporalen Bestimmung konstituieren eine gültige Aussageform für eine wahre oder falsche und also für jede in einer solchen Sprache mögliche Aussage.
Die Verwendung von grammatisch-logischen Kategorien wie Namen und Attributen definiert den Kontext des Sagbaren und die Grenzen des sprachlich erfaßbaren Sinns.
Die Annahme, Peter sei nicht der Sohn von Helga, sondern von Hanna, stellt einen empirischen Fehler dar (wenn Helga Peters Mutter ist); aber die Annahme, Helga sei jünger als Peter (wenn Helga Peters Mutter ist), stellt einen kategorialen Fehler in der Verwendung der Relation der Verwandtschaft zwischen Kind und Eltern und ihrer zeitlichen Implikationen dar.
Die Annahme, Peter sei älter als Helga (wenn Helga Peters Mutter ist), ist nicht falsch, sondern sinnlos.
Hans muß sich beeilen, um rechtzeitig zu der Verabredung zu kommen. Peter muß später zu der Verabredung gekommen sein, wenn Hans früher erschienen ist.
„Nicht können“ und „können“ sowie „müssen“ haben jeweils entweder einen kategorialen oder empirischen Sinn, und also einen gänzlich verschiedenen Sinn.
Sinnlose Aussagen beruhen auf Fehlern in der Verwendung der grammatisch-logischen Kategorien von Namen und Attributen; anders als falsche Aussagen stellen sie keine möglichen Wahrheiten dar.
Die Angabe der Höhe einer Erhebung oder des Abstands zwischen Orten auf der topographischen Karte bleibt gleich, auch wenn wir die Projektionsmethode verändern und einen anderen Maßstab verwenden.
Die Angabe des zeitlichen Abstands zwischen der Geburt der Mutter und der Geburt ihres Sohnes in Jahren, Stunden oder Minuten hat keinen Einfluß auf unser Urteil, daß der Sohn jünger als seine Mutter sein muß.
Die allgemeine Struktur der Aussage zeigt sich darin, daß wir etwas über etwas sagen: „Helga ist Mutter“ (Fa) oder „Helga ist Peters Mutter“ (aRb).
Die Grenze des sinnvoll Sagbaren ist durch das kategoriale Netzwerk definiert, das der von uns verwendeten Sprache eigentümlich ist. Die Grenzen verschieben und erweitern sich, wenn wir das Netzwerk der Kategorien erweitern; räumliche, zeitliche und kausale Kategorien erweitern das elementare kategoriale Netzwerk aus Namen und Relationen (Eigenschaften).
„Peter ist jünger als Helga, weil Helga seine Mutter ist.“ – Wir können den kausalen Satzsinn allerdings durch folgendes Wenn-dann-Argument ersetzen. Wenn immer wer Sohn einer Mutter ist, ist er jünger als diese.
Dies gilt auch für Dispositionsbegriffe wie zerbrechlich oder aufbrausend, indem wir diese Begriffe durch Wenn-dann-Hypothesen eliminieren. Statt zu sagen: „Weil Glas zerbrechlich ist, zerfiel die herabstürzende Vase in tausend Stücke“, sagen wir: „Immer wenn Glas großem Druck ausgesetzt wird, zerbricht es“; und statt zu sagen: „Weil er jähzornig ist, fährt er bei der kleinsten Mißachtung aus dem Häuschen“, sagen wir: „Immer wenn er sich übergangen oder mißachtet fühlt, bekommt er einen Tobsuchtsanfall.“
Natürlich müssen wir bei der Zuschreibung von Empfindungen, Gefühlen oder Absichten an andere oder uns selbst das Faktum des bewußten Lebens oder der Subjektivität voraussetzen; denn von einem Farbeindruck, einer Gefühlsaufwallung oder der Absicht, eine Reise zu machen, können wir nur reden, wenn wir sie jemandem zusprechen, dem sie mehr oder weniger bewußt sind.
Farben, Gefühle und Absichten sind nicht objektive Gebilde wie die Rose, die wir rot nennen, der steile Berggrat, auf dem zu wandern uns schwindeln macht, oder der Meeresstrand im Süden, zu dem wir aufbrechen wollen. Doch diese subjektiven oder mentalen Tatsachen sind gleichwohl objektivierbar, denn sollten wir die rote Ampel einfach ignorieren, sind wir entweder farbenblind oder tollkühn und laufen Gefahr, überfahren zu werden; wenn uns auf ebener Erde schwindelt, leiden wir unter Kreislaufschwäche, und wenn wir von der Verschmutzung des Strands in Kenntnis gesetzt werden, stornieren wir die Buchung der Reise.
Aber selbst der scheinbar subjektlose Kontext objektiver Aussagen wie der Aussage, daß Wasser bei 100 Grad Celsius verdampft oder sich das Weltall mit immer höherer Geschwindigkeit ausdehnt, kommt ohne eine von der wissenschaftlichen Gemeinschaft entwickelte Metrik und ohne messende Beobachtung nicht aus; denn wir sind es, die Temperaturskalen entwickeln und anlegen, wir sind es, die mittels raffinierter Meßinstrumente und fotochemischer Analysen die Rotverschiebung sich entfernender Galaxien aufzeichnen und die kosmische Hintergrundstrahlung abbilden.
Wir könnten vom Ursprung des Sonnensystems oder des Universums, also Ereignissen der Weltzeit, nicht reden, hätten wir dank unserer Lebenszeit in den Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht einen letzten Fluchtpunkt und eine äußerste Sinngrenze unserer wissenschaftlichen Theorien und Aussagen.
Wir können als gleichsam sprachtheoretisch primordiale Unterscheidung den Unterschied von dem, worüber wir reden, und dem, was wir von ihm sagen, annehmen; doch können wir Art und Zahl der von uns anwendbaren und sinnvoll möglichen grammatisch-logischen Kategorien nicht, wie Aristoteles und Kant meinten, ein für allemal festlegen oder aus höheren logischen Regeln ableiten.
Nicht jeder Sprecher kann alles sagen und alles für alle oder im Namen aller sagen, sondern nur, was das kategoriale Netzwerk der von ihm verwendeten Sprache und der soziale Kontext seiner Äußerung hergeben.
Mit der altgriechischen Sprache konnten die sublimsten Formen der Dichtkunst ausgebildet werden; aber mit ihrem auf Buchstaben beschränkten Zahlsystem keine höhere Mathematik, keine Relativitäts- und Quantentheorie.
„Hans meinte, Peter habe sich wohl aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens verspätet, er werde gewiß noch kommen.“ – „Wäre Peter im Wissen um das hohe Verkehrsaufkommen früher losgefahren, hätte er pünktlich sein können.“ Ohne die Grammatik des Konjunktivs könnten wir keine Vermutungen, Hypothesen und Wahrscheinlichkeitsaussagen, ohne die Grammatik des irrealen Konditionalsatzes keine kontrafaktischen Aussagen bilden.
Der Roboter kann die Kategorien der Person, der Absicht, der Handlung nicht erfassen und sinnvoll verwenden; er kann sich nicht wie eine Person als Teilnehmer und Mitglied einer Gruppe, einer Institution oder eines sozialen Systems verstehen, in deren Kontext wir ihr absichtsvolle Handlungen zusprechen. Die Teilnahme an einer institutionellen Praxis ist durch die Erfüllung oder Nichterfüllung von Teilnahmebedingungen definiert und limitiert; der Chorleiter muß eine entsprechende musikalische Ausbildung absolviert haben, der gute Wille des Sängers, es auch einmal zu versuchen, reicht nicht aus. Solche sozialen Inklusions- und Exklusionsbedingungen sind auf Roboter nicht anwendbar; die Sänger verstehen die Anweisungen des Chorleiters, die dem Roboter erteilten Programmbefehle kann er weder verstehen noch in Frage stellen. Der Roboter funktioniert diesseits der Grenze des Sinns und Unsinns, die den Teilnehmern sozialer Systeme durch die adäquate Verwendung der grammatisch-logischen Kategorien ihrer Sprache vorgegeben sind.
Der Roboter unterliegt keinem Zwang, wenn er seine Befehle ausführt; anders Sprecher einer Sprache, die vor dem Überschreiten des Sinns durch den systematischen Druck der zulässigen grammatischen und logischen Kategorien auf das Feld des sinnvoll Sagbaren zurückgelenkt werden; die Behauptung, der Mörder habe heimtückisch gehandelt, sei aber mangels freier Willensentscheidung freizusprechen, wird vom Unsinn durch Negation befreit, wenn wir entweder sagen, der Mörder habe nicht heimtückisch gehandelt, weil er geisteskrank ist, oder sagen, der Mörder habe heimtückisch gehandelt, weil seine Willensentscheidung bei der Tatvorbereitung und im Moment der Tat nicht eingeschränkt war.
Der angemessene Gebrauch der Negation belehrt uns über die Grenze des sinnvollen und sinnlosen Redens.
Der ausgediente Roboter läßt sich durch einen neuen ersetzen. Die Eltern dieser ihrer Kinder nicht, auch wenn sie tun, was alle Eltern tun, auch wenn das kategoriale Netzwerk unserer Sprache zu ihrer Beschreibung nur jene Allgemeinbegriffe und Eigenschaften wie liebevoll, fürsorglich und vorausschauend hergibt, die wir auch bei der Beschreibung anderer Elternpaare verwenden könnten.
Wie gut, daß Wüsten wachsen
Wie gut, daß Wüsten wachsen, stummem Mond
der Dünen weiches Wogen endlos dehnt
ein Meer aus glitzerndem Staub und flüsterndem Sand,
dem einsam lauscht der giftige, der Skorpion.
Denn wächst die Wüste, wächst die Stille auch,
erstickt den Lärm der Welt und stopft mit Knebeln,
zart und unablöslich, mit Knospen aus Quarz,
die im Dunkel feuchter Schlünde platzen,
dem Marktgeschrei das Maul, dem Wahngeschrei.
Klebt nicht schon rötlicher Flaum an Fensterscheiben,
knirscht stumpfer Zahn dem Esser nicht ins Blatt?
Es schimmert durch die Schrift dem Ahnungslosen,
dem Dichter, der noch Rosenworte sucht,
die unterm heißen Wüstenwind bald siechen,
statt eines Wasserzeichens eine Locke
der Königin von Saba, die sie einst
dem alten Gott des Lebensgrauens,
der zwischen den Nomadenzelten brüllte,
auf seine Löwenpranke hat gelegt,
als er aus heißem Flirren ihr erschien.
Wie gut, daß Wüsten wachsen, Gärten aber,
die unter Wegerich und Ampfer röcheln,
es seufzt kein Veilchen mehr zum Huf des Pan,
streut Asasel die weißen Todesflocken.
Der Wingert, wo der Traube Blick geglüht,
dem frohen Kelch des Herbstgesangs entgegen,
fleht aufgelassen längst zum Geist der Wildnis.
Wie gut, daß Wüsten wachsen, stummem Mond
der Dünen weiches Wogen endlos dehnt
ein Meer aus glitzerndem Staub und flüsterndem Sand.
Denn wächst die Wüste, wächst die Stille auch.
Subjektivität und Objektivität
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Subjektivität ist die Voraussetzung und conditio sine qua non von Objektivität.
Subjektivität und Objektivität, Wahrnehmung und Welt sind korrelative Begriffe. Der Kontext subjektiver Wahrnehmung und Erwartung unterliegt objektiven Erfüllungsbedingungen; worüber ich reden kann, muß von der Rede eines anderen bestätigt oder verworfen werden können.
Daß wir etwas wahrnehmen und erfahren, daß wir über etwas reden, das existiert oder nicht existiert, ist das offenbare Geheimnis, nicht was wir wahrnehmen und erfahren, nicht worüber wir reden.
Zahlen gibt es nur im logisch-symbolischen Raum des Zählens.
Die Bedingung korrekten Rechnens umfaßt die Möglichkeit fehlerhaften Rechnens.
Farben gibt es nur, wenn wir an bestimmte Stellen des Wahrnehmungsfelds eine Farbskala anlegen. Werden sie deshalb zu bloßen subjektiven Empfindungen oder psychologischen Fiktionen? Nein, wir gehen ja unter Wahrung größtmöglicher Vorsicht nur bei Grün über die Ampel.
Liebe, das scheinbar subjektivste Gefühl, kann aufgrund fehlender Fürsorge oder eines Verrats in seiner Geltung objektiv in Frage gestellt oder bestritten werden.
Wie Zählen und Zahlen eine Funktion des logischen Raums, sind Gefühle und Handlungen eine Funktion des sprachlich kodierten sozialen Raums.
Man kann bei einer Rechnung oder Gleichung, die nur eine richtige Lösung hat, unbegrenzt viele Fehler machen.
Die sprachlich-grammatische Kodierung begrenzt den Sinn der Kommunikation; wer trotz der Feststellung der Tatmerkmale von Heimtücke und Habgier dem Mörder die Fähigkeit, intentional zu handeln, abspricht, verletzt den Sinn der Kodierung und begeht einen Kategorienfehler.
Rechte und Pflichten sind korrelative Begriffe.
Das Recht des Gläubigers auf verzinste Rückgabe des geliehenen Geldes ist das im Rechtscode festgelegte kategoriale Spiegelbild der Pflicht des Schuldners, die geliehene Summe mit Zins und Zinseszins zu begleichen.
Im Gegensatz zur religiös abgesicherten Staatsordnung der Römer, die ungewöhnliche Wetter- und Naturphänomene wie Gewitter und den Flug von Wahrsagevögeln durch Augurendeutung in die politische Entscheidungsfindung einbaute, gehören solche Phänomene gemäß unserer sprachlich-sozialen Kodierung einer anderen Ordnung, bloßer Natur, an.
Die sich begrüßen, werden sich auch voneinander verabschieden; es kann ein Abschied für immer oder ein Abschied in der Erwartung einer Wiederbegegnung sein. Die Eröffnung der Begegnung durch die Begrüßung und ihre Beendigung durch den Abschied sind korrelativ; wobei die Besonderheit eintritt, daß der Abschied die Erwartung oder den Ausschluß der Wiederbegegnung implizieren oder ambivalent beide Möglichkeiten offenlassen kann.
Was zwischen Begrüßung und Verabschiedung in den sozialen Räumen der Kommunikation geschieht, kann weder vorausgesehen noch gesteuert werden; es sei denn, es handelt sich um die Ausführung eines Rituals, aber dann sprechen wir nicht von der Erfahrung einer Begegnung, sondern von der Routine einer Handlungsmechanik. Jemand kann in der festen Absicht die Wohnung des Freundes betreten, es zum letzten Mal zu tun, und am Ende besinnt er sich eines Besseren.
Ist einer größer, älter, klüger als der andere, so ist dieser kleiner, jünger, dümmer als der erste; hier handelt es sich um relationale Begriffe. Ob die Antwort des einen auf die Frage des anderen diesen zu weiteren Aussagen veranlaßt oder zum Abbruch des Gesprächs, kann weder vorausgesehen noch willentlich gesteuert werden; Rede und Gegenrede sind korrelative Begriffe, insofern sie nicht nur die Möglichkeit der Fortführung des Dialogs, sondern auch die Möglichkeit seines Abbruchs implizieren.
Bei korrelativen Begriffen kommt die Möglichkeit der Negation und der Verwerfung zur Geltung.
Reden impliziert die Möglichkeit des Verschweigens, Aufklärung die Möglichkeit der Verdummung.
Die Tragödie impliziert die Möglichkeit der Komödie; das sprachliche Ingenium Hugo von Hofmannsthals hat dies beispielsweise in einer der schauerlichsten Tragödien, Elektra, durch Einsprengsel vulgären Geredes unter den Dienerinnen am Königshof angedeutet.
Die korrelative Struktur des Dialogs und der Kommunikation ist nicht anthropomorph oder nach dem Bild des Menschen gemodelt und interpretierbar; sie reden mit dem Mund, sie könnten auch Gesten mit der Hand ausführen, Schach oder Dame als Avatare im digitalen Raum spielen. Entscheidend ist aber, daß ihr Medium, das Gespräch, eine syntaktisch-semantische Struktur aufweisen muß, die wir wohl für spezifisch menschlich, aber nicht für menschenförmig ansehen.
Das Medium zwischen Subjektivität und Objektivität ist die Semantik und Syntax einer Sprache, die als natürliches und zugleich historisch-kulturelles Phänomen eine Fülle von zufälligen, als logisch-grammatisches Phänomen eine Reihe von notwendigen Merkmalen aufweist.
Da WIR mittels einer Sprache ETWAS ausdrücken, darstellen oder behaupten, was sich als wahr oder falsch erweisen läßt, sind Sprachen weder bloß subjektive Konstrukte noch rein objektive Gebilde.
Wir sprechen nicht über natürliche Phänomene oder kosmologische Ereignisse an sich, sondern über Aussagen im Rahmen einer als veraltet und überwunden angesehenen wissenschaftlichen Theorie wie der Theorie von Ptolemäus, Aristoteles und Newton oder über Aussagen im Rahmen von bis auf weiteres für gültig und fruchtbar erklärten Theorien wie jenen Plancks, Bohrs und Einsteins.
Auf eine Frage erwarten wir eine Antwort, doch müssen wir auch mit einem verdutzten oder abfälligen Schweigen rechnen; auf eine Bitte erwarten wir ihre Erfüllung, doch fallen wir nicht aus allen Wolken, wenn sie abschlägig beschieden wird; auf die Kundgabe eines Versprechens erwarten wir seine Einhaltung, doch verlieren wir nicht die Fassung, wenn sie ausbleibt. Die sprachlich aufgerichtete kommunikative Ordnung ist zwar an unseren Erwartungen orientiert, jedoch instabil, schwankend, von Unsicherheiten bedroht und von Unwägbarkeiten umlauert.
Charismatisch inspirierte Sprachhandlungen wie der Segen und der Fluch, die Weihe und die Beschwörung stellen sich in einen numinosen Kontext, der ihre Eindeutigkeit und unzweideutige Wirkung garantieren soll.
Zerfällt das Charisma, werden Blasphemien salonfähig.
Wir können uns keine Welt der durch Sprache vermittelten Subjektivität und Objektivität denken, in der all unsere sprachlich geäußerten Erwartungen permanent enttäuscht würden.
Jemand nimmt die ironisch oder rhetorisch gemeinte Frage wörtlich; jemand ordnet Farbbezeichnungen nicht Entitäten wie Blumen und Kleidern, sondern Flecken des Gesichtsfeldes zu; jemand bezieht Begriffe für bestimmte Charaktereigenschaften wie Intelligenz, Freundlichkeit, Güte, Jähzorn und Heimtücke nicht auf die Bereitschaft, unter gegebenen Umstände klug, freundlich, gütig, zornig und verschlagen zu reagieren, sondern auf mentale Zustände: Sprachliches Verstehen impliziert die Möglichkeit des Mißverständnisses.
Eine radikale Gruppe beansprucht eine neue symbolische Deutungshoheit; mittels Infiltration der Massenmedien gelingt es ihr, den bisherigen Sprachgebrauch in Mißkredit zu bringen und seine unbelehrbaren Anhänger unter moralischen Generalverdacht zu stellen. Doch aufgrund jener grammatisch-logischen Komponenten der natürlichen Sprache, die zu ihrer Tiefenstruktur gehören und nicht willkürlich zu steuern und beliebig abzuwandeln sind, steht das sprachliche Umerziehungsprojekt auf tönernen Füßen.
Ein pseudoreligiöses Charisma, das sich in einem Projekt der Welterlösung mittels Gender-Sprache und sakralen Windrädern kundtut und die Ungläubigen mit Sprachverbot belegt, ist dazu verurteilt, im Brackwasser einer trüben Moralität unterzugehen.
Lucius Annaeus Seneca, Epigrammata I
Omnia tempus edax depascitur, omnia carpit,
omnia sede movet, nil sinit esse diu.
Flumina deficiunt, profugum mare litora siccant,
subsidunt montes et juga celsa ruunt.
Quid tam parva loquor? moles pulcherrima caeli
ardebit flammis tota repente suis.
Omnia mors poscit. Lex est, non poena, perire:
hic aliquo mundus tempore nullus erit.
Alles rupft der Zahn der Zeit, alles zermalmt sie,
alles stürzt sie vom Thron, keines läßt sie in Ruh.
Flüsse verrinnen, Meere versanden, Küsten vertrocknen,
Ebene wird das Gebirg, ragender Gipfel bricht ein.
Was nur von Kleinem reden? Der Wunderbau dieses Himmels
wird mit einem Mal gänzlich von Flammen verzehrt.
Alles fordert der Tod, vergehn ist Gesetz, keine Strafe,
ihre Stunde, sie kommt: Pracht dieser Welt wird zu nichts.
Der Schatten spricht
Ein Schatten schwebe ich wie Moos an Mauern,
an dem der Tauglanz abends niederrinnt
und dem die Nacht nur kaltes Seufzen gönnt.
Ein Blatt glitt ich von einem faulen Stengel
in eines Pfuhles odemloses Graun,
ich löse mich in blinder Würmer Schmatzen.
Ein Rätselwort bin ich auf fremder Zunge,
ein Kern unschmelzbar einer Bitterfrucht,
spuckt man mit einem Fluch mich wieder aus.
Ein Nest des Mondes liege ich voll Schlangen,
ich habe nichts als Zischen nach dem Schaum,
der purpurn von den Strahlenfingern tropft.
Ein Nagel fiel ich rostig von dem Balken,
woran umsonst des Heiles Inschrift hing,
sie fiel mit mir zum Staube, der nicht liest.
Ich bin die nackte Puppe tränenlos,
das Kind, enttäuscht, da ich gewiegt nicht schluchzte,
ließ in der Kammer Spinnen mich umweben.
Ich flocht ein Dichter mir den Lilienkranz,
doch rührte Wehmut auf sein Duft und Schimmer,
so muß verbannt im dunklen Turm ich hausen.
Advocatus Diaboli
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Von den hohen Quellen des Christentums verbleiben in den dürftigen Rinnsalen der Kirchen nur sentimentale Dummheiten und den Vulgus betörende Lügen.
Im Begriff der Gnade liegt die hierarchische und antiegalitäre Wahrheit unverdienter Erhöhung und übermäßiger Erniedrigung.
Wenn entgegen der Rede des Paulus hysterische und moralisch übererregte Frauen in der Kirche das Sagen haben, ist sie untergegangen – also ist sie untergegangen.
Die Dogmen der frühen Kirche, also die entscheidenden, sind ein Amalgam von Platonismus und Offenbarungsglauben, daher ist ihr Wert auf den schwachen Kurs blasser Symbolik gesunken, nachdem sich der platonische Wesensbegriff als Chimäre entpuppt hat.
Die sentimentale Dummheit und Verlogenheit in der Annahme einer moralischen Überlegenheit der Armen.
Der erhabenste, würdigste und ästhetisch vollkommenste Ausdruck von Frömmigkeit, die lateinische Messe, wurde von aufgeklärten Schwachköpfen und künstlerischen Banausen geschmäht, an den Rand gedrängt und verworfen.
Der süße Kitsch und schlüpfrige Brei moralisierter Verkündigung ist der Honigtopf der unbeschnittenen Herzen, in den der Teufel nur allzu gern die behaarte Pfote steckt.
Die Vergötzung des Armen, des Fremden, des Anderen ist das masochistische Residuum der Religion der Nächstenliebe.
Die kulturelle Elite des heidnischen Rom ließ sich spätestens seit Konstantin taufen; daher der ungeheure Reichtum des alteuropäischen Christentums an Gelehrsamkeit, Dichtung und Philosophie.
Vom Protestantismus bleibt nur eine innerlich hohle intellektuelle Anmaßung.
Welche Kraft der Bilder von Himmel und Hölle bei Dante; von der Hölle wollen sie gar nichts mehr wissen oder verwechseln sie mit apokalyptischen Visionen des Untergangs, und ihr Himmel besteht aus den rosa Wölkchen einer philiströsen Sonntagspredigt, die heitere Schatten werfen, anders als jene, die Schauer der Bangigkeit hervorrufen, Wolken des Gerichts.
Für Luther war der Kern des evangelischen Lebens die klassische Ehe und Familie, wo gebetet und gearbeitet, gezeugt und gesungen wurde, wie er es der Gemeinde selbst vorgelebt hat; heute schmähen seine vorgeblichen Erben die alttestamentliche Bündnistreue in der Monogamie von Mann und Frau und zerbrechen sich die Zunge in einer grotesken Gender-Rhetorik.
Das auf dem Testament der Juden fußende Christentum schließt jedes neuheidnische Bekenntnis zum Feminismus und Sozialismus oder zur Utopie arianisch-selbstermächtigter Welterlösung aus.
Uns bleiben die alten Riten, die den schwachen Geist sich unter die Fittiche des Überwirklichen flüchten und bergen lassen, uns bleiben die grandiosen ambrosianischen Hymnen und die schlichten Kirchenlieder, der transzendente Goldgrund der Ikonen und der mittelalterlichen Malerei, das Geheimnis der Rosen und Lilien im Hortus conclusus, die geistlich inspirierten Bilder der Renaissance, die wuchtigen romanischen und die lichttrunkenen gotischen Dome, die sublime und expressive Plastik der Portale, Säulen und Nischen, uns bleiben die Gralsepik und die Legenda aurea, uns bleiben Missale Romanum, Requiem, Choral und Kantate, Palästrina, Desprez, Bach, Händel, Mozart, Mendelssohn und Schubert, um nur diese zu nennen, aber auch die Sinfonien Bruckners oder die Werke Messiaens, die in uns den tieferen Sinn des Christentums wachzuhalten vermögen.
Was wäre Proust ohne die gotische Kathedrale, ohne Saint-Denis und Chartres?
Was wäre Baudelaire ohne den paradoxen Trost der Dämonie, was seine Blumen ohne die Disteln des Advocatus Diaboli?
Noch in den Pastoralen und Idyllen des Rokokos oder seiner ironisch gebrochenen Wiederkehr bei Verlaine weht der Geist der Prophetie von der goldenen Abendstille der Natur.
Ist es auch eine Illusion, wir verdanken ihr sublimste Werke.
Aus der Lehre Wittgensteins vom Sagen und Zeigen, vom Sagen und Schweigen spricht nicht nur die herrische Stimme der formal gereinigten Logik, sondern auch die leise der christlichen Mystik.
Freilich muß man sich krank wissen, um nach dem Heil zu verlangen, fast verloren gegeben haben, um nach dem Retter zu rufen.
Wären die Gimpel und Scharlatane der evangelischen Akademien im Recht, die statt um die Erlösung vom Bösen zu beten Bonbons emanzipatorischer Erfrischung reichen, wäre die Bergpredigt ein Programm für moralische Extremisten und theologische Nihilisten.
Die historische Größe des Christentums rührte von der Verschmelzung eines hochsinnigen aristokratischen Ethos mit dem Sinn für das Heilige und Numinose, das sich nicht nur im Glanz der Throne widerzuspiegeln vermag, sondern auch in der unscheinbaren Anmut und zarten Gebrechlichkeit der Alltagsdinge.
Zeichen, Gesten und Taten der Hingabe, Demut, Liebe, sie können nicht befohlen, nicht einmal angeraten werden, sondern müssen sich zeigen, sich ereignen.
Den faden Geschmack der Leere und Langeweile in der Neige des Lebenskelches empfinden nur, wie Pascal, Baudelaire, Mallarmé oder Verlaine, denen wenn auch noch so flüchtig ein Vorgeschmack seliger Erfüllung vergönnt war.
Die der numinosen Dämmerung des stillen Gebets vor der ewigen Lampe den grellen Aufschrei der Gasse vorziehen, sind die Philister der Aktualität und die Pharisäer der Versöhnung durch Geschwätz.
Die neuen Gnostiker suchen mit der Wünschelrute einer höheren Moral nach Wasseradern unter dem grauen Asphalt, den sie selbst über den moosigen Grund der Empfindsamkeit und Empfänglichkeit ausgebreitet haben.
Die Lauten im Lande scheuen die Stille und Einsamkeit des pascalschen Raumes, weil ihnen dort dämonische Spiegel die eigenen Fratzen zeigen könnten.
Die Kapelle am Waldessaum ist verwaist und verfallen; das schlichte barocke Gnadenbild, das einst den Weihrauch der Hymnen und die Lilien der Andacht und Verehrung lächelnd entgegennahm, steht beschmutzt und rissig neben Kerzenhaltern, Vasen, Spaten, Reschen und Gerümpel in einer Seitennische, in die das Zwielicht einer nicht enden wollenden Abenddämmerung fällt.
Ein Volk ohne Mythos ist wie ein Drama ohne Peripetie, Wende des Schicksals, an der ein Göttliches sich zeigt.
Ein Hölderlin sänge keine Hymne mehr auf den Rhein oder den Ister, sondern eine Nänie auf die im Geschwätz versandeten Ufer Babylons.
An der Unruhe des Blicks und dem Stammeln der Zunge ermessen wir die Abwesenheit Gottes, die den Dichter keinen Halt am speckigen Glanz oder der grauen Leere der Bilder finden läßt, an der sich philiströse Saturiertheit und konformistische Avantgarde ergötzen.
Der die Ferne fühlt, der Dichter ist mit jenen nicht verwandt, die sich in den parfümierten Kissen oder dem fäulnisbunten Laub der Gegenwart wälzen.
Er steht in der Angst der Welt, der Nacht, die am hellen Mittag wie ein Grabtuch das Gesicht der Dinge verhüllt.
Hoffnung wird jenem, dem der Stern der Weisen erloschen ist, nicht, auch nicht im dichterisch noch so vollendeten Ausdruck der Hoffnungslosigkeit.
Der Schauer
Ein Schauer geht durch Blatt und Gras,
der Ruf der Nachtigall verstummt,
das alte Zwielicht aber summt,
verwunschen wie ein Mund aus Glas.
Ein Fetzen liegt im Uferschlick,
voll Krakeln einer Mädchenhand,
daß sie der Liebe Stern nicht fand,
daß dunkel blieb der Liebe Blick.
Ist keiner kommen, der es las,
sie sank wie eine Muschel leer,
sie tauchte ohne Wiederkehr.
Ein Schauer geht durch Blatt und Gras.
Verwaiste Kapelle am Rhein
Die lieblich winkte eurem Maiengang,
wie eine Muschel weiß auf grüner Schwelle,
sie ist ergraut, verwaist, die Waldkapelle,
verweht der träumerische Glockenklang.
Der ihr die Veilchen, Lilien habt gebracht,
Madonna mit dem Kind auf holden Armen,
so strahlt ihr Lächeln keinem mehr Erbarmen,
so wurde heller Mittag Mitternacht.
Geweihter Rauch, der euren trunknen Psalm
ins blaue Überwirkliche getragen,
geweihter Wein, zu stillen fromme Klagen,
sind worden fade Neige, stummer Qualm.
Vor der Ruine brütet träg ein Sumpf,
der Quelle Blumenmund hat ausgesungen,
der kühle Trunk der heißen Wanderungen,
das Lied zerrann in Schluchzen, wild und dumpf.
Bojen über Untiefen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Fäulnisschimmer der politisch-moralisch korrekten Weltanschauung über dem Totenanger der Kultur.
Der Kot der Trivialität am Kothurn erhabener Phrase.
Der Wasserspiegel der moralischen Erregung steigt ihnen sogar, wenn die Eisberge der Stupidität schmelzen.
Wörter wie „Dame“, „gnädige Frau“, „Knabe“, „Mädchen“, „Magd des Herrn“ oder „Schicksal“ und „Gnade“ wurden ihnen infolge einer pathologischen Verödung im Sprachzentrum unaussprechlich.
Objektivität und Subjektivität, Welt und Sprache sind korrelative Begriffe. Tropfen fallen, Flocken wirbeln, doch nur wir stellen fest, daß es regnet, daß es schneit; jemandes Gesichtsmuskulatur kommt in Bewegung, doch nur wir bemerken, daß er lächelt. Eine Hand stößt ein Messer in eines Menschen Rücken, doch nur wir fällen das richtige Urteil, daß einer einen Mord begangen hat, denn wir sehen nicht nur den objektiven Bewegungsablauf, sondern legen auch unsere Meßskala, unser Muster, unseren Kriterienkatalog von Handlungsmerkmalen, Motiven und Absichten an ihn an.
Was wir anhand unserer Farbskala treffend und korrekt mit einem Farbnamen bezeichnen, existiert objektiv als Spektrum von Lichtwellenfrequenzen, aber nicht als Farbe.
Entgegen landläufiger Auffassung schränkt die Subjektivität unseres Sehens, Bemerkens und Sprechens nicht die Objektivität der Wahrnehmung und Erkenntnis ein, im Gegenteil, sie ist allererst die Voraussetzung dafür, daß sie zur Geltung kommen kann.
Nur ein Urteil, das wir uns subjektiv, aber syntaktisch korrekt und semantisch möglichst vollständig, gebildet haben, können wir anhand objektiver Maßstäbe bestätigen oder verwerfen. Außerhalb des sprachlichen Rahmens dieser methodisch kontrollierten Handlungen von Bestätigung oder Verwerfung ist die Rede von Objektivität sinnlos; doch die Tatsache, daß nur sprachliche Subjekte wie wir uns Urteile bilden können, schmälert nicht die Kraft ihrer objektiven Geltung.
Daß vielerorts Dummköpfe und jedenfalls klassischer Bildung Ermangelnde die Fäden der Macht und die Hebel der Entscheidung in Händen halten, weist darauf, daß Intelligenz, geschweige denn Bildung oder verfeinerte Geschmackskultur, kein auszeichnendes Selektionskriterium für solche Funktionen in solchen Kreisen darstellt.
Dumme Leute faseln von der Subjektivität aller Wahrnehmung, auch wenn sie wie die meisten und mit den meisten vor der roten Ampel sicherheitshalber innehalten.
Wir sind, was wir sind, und spielen nicht die Rolle derer, die wir zu sein vorgeben, es sei denn wir sind Betrüger, Scharlatane und Heiratsschwindler oder wirkliche Schauspieler auf der echten Bühne.
Die Frau, die den Säugling säugt, spielt nicht Mutter, der Mann, der seinen Sohn die Namen von Vögeln lehrt, spielt nicht Vater.
Freundschaft und Liebe zeigen ihr wahres Gesicht in der Stunde der Not, im Augenblick der Gefahr; sonst war es nur sentimentales Geschwätz.
Ist die Grenze allen Sehens und Sagens, was wir transzendentale Subjektivität nennen, muß auch die ihr korrelierende Objektivität transzendental genannt werden, denn sie ist die Grenze dessen, was wir beobachten und besprechen können.
Bojen, die sich aus der Verankerung gerissen haben, stellen selbst jene Gefahr dar, vor der sie warnen sollen.
Das Boot der Sprache bedarf des Tiefgangs und der offenen Strömung, aber auch der Sprachkritik, die Bojen befestigt, wo die Fahrrinne verschlammt und seicht geworden ist.
Von der katholischen Kirche bleibt nur ein süß-saures Lächeln beim heuchlerischen Versöhnungsgruß, von der evangelischen die grenzenlose Verlogenheit intellektueller Grenzüberschreiter.
Wer Patriot sein will, kann es schlecht, wenn sich ihm das Vaterland vor seinen Augen in eine Chimäre auflöst.
Das Wrack der Sprache versinkt im Sand einer Bucht ohne Namen.
Der größte Dramatiker und, nebenbei gesprochen, auch der größte Lyriker (wie seine Chorlyrik beweist) der Griechen, Sophokles, war ein hochsinniger Patriot, der als Ephebe den Sieg der Hellenen über die Perser bei Marathon besang, im Mannesalter die Kasse des attischen Seebundes unter der militärischen Führung seiner Heimatstadt Athen betreute und im Greisenalter einen Hochgesang auf den heiligen Hain der Eumeniden in seiner Geburtsprovinz Kolonos anstimmte. Ein deutscher Dichter, selbst dieses Formats, würde wegen seiner hochherzig bekundeten Vaterlandsliebe unter Generalverdacht gestellt, seine Dramen nicht länger aufgeführt werden.
Wird der Strom der Sprache seicht, weil die oberen Quellen und fruchtbaren Zuflüsse versiegen, wird er brackig aufgrund mangelnder Regenerationskraft, was fruchten da schon die paar Tropfen aus dem Tränenkrüglein einsamer Sprachpfleger?
Wir müssen uns mit Nuancen von Grautönen und Schattenranken des Zwielichts begnügen, wo das Mittelalter seinen transzendenten Goldgrund malte.
Mag sein, heute wirkt das maßvoll-erhabene Schreiten der griechischen Chöre starr, pompös und befremdlich, das artige Trippeln und Nicken der Tänzer des Barocks und Rokokos allzu zimperlich, manieriert und überzüchtet, der Schwanenfuß des klassischen Balletts allzu gespreizt und fast kränklich; indes, was all dies ablöste, dies Zucken und Strampeln, dies Flüchten und Klumpen, dies exaltierte pseudoexpressive Getue auf schweißbenäßten Bühnenbrettern ist uns nichts weniger als ein beredter Ausdruck des ästhetischen und geistigen Niedergangs.
Nur ein vernagelter Kopf konnte von der Erweiterung des Kunstbegriffs faseln; nur einer, der sich um die Tatsache herummogelte, daß große Kunst für die wenigen und seltenen da ist, von der sozialen Plastik.
Als könnte man die Regeln des Anstands und die Fesseln gegenseitiger Verpflichtung in einem Maße erweitern und lockern, daß sie nunmehr auch Beleidigungen, Betrügereien und tätliche Übergriffe mit umfaßten.
Die gewöhnlichen Namen der Alltagssprache haben nicht die deskriptive Bedeutung, wie wir sie beispielsweise Namen einer physikalistischen Beschreibung zuordnen; wir meinen ja nicht ein gewisses Quantum von H2O, wenn wir von einem Teich oder einem Regenguß sprechen. Wir meinen aber auch nicht das Feuern gewisser Neuronen, wenn wir von jemandem sagen, er lächle oder mache einen tristen Eindruck.
Der physikalistisch erweiterbare Satz „Das Teichwasser wird von einer benachbarten Quelle gespeist“ und der mythopoetische, nicht weiter übersetzbare Satz „Das Teichwasser wird von einer Quellnymphe gespeist“ haben dieselbe syntaktische Struktur; doch dies darf uns nicht, wie die Autoren des Rationalismus und der Aufklärung, zu der Annahme verleiten, der Satz des Mythos stelle ähnlich wie der wissenschaftliche Satz eine Erklärung für ein Naturphänomen dar, jedoch mangels seriöser Forschung und rationaler Erkenntnis nur ein nichtinformatives Surrogat eines solchen.
Was uns bleibt
Der Duft des Sommers ist verbraucht,
die Knospe Schönheit will sich schließen,
ein Seufzen hat das Glas behaucht
mit Bildern, die ins Dunkel fließen.
Das Wort, das Wein aus Gnade ward,
ein kühler Trunk für heiße Qualen,
ist unterm Weltenlärm erstarrt,
ein Sediment in grauen Schalen.
Uns bleibt nur Warten auf den Frost,
der Blumen geisterhafte Ranken
an Fenstern, Gras im Schlaf gesproßt,
die duftlos blühen und nicht schwanken.
Uns bleiben Linnen, anmutweich,
die Zeitenschorf und Abraum hüllen,
ein Wehn von Flocken hymnengleich,
die uns die stummen Mulden füllen.
Der Entflohene
Nur wenigen sind Gnadengaben eigen,
wie in der hohen Zeit des Christentums,
sind sie auch kränklich, matt und weltverloren,
wie eine Blüte, die im Brachfeld zagt,
ist doch ein feiner goldner Staub gestreut
auf ihre blassen Lider, wenn sie träumen.
Wer hat den Blick, den Geist emporgehoben
weit über Abfallhalden wüster Zeit,
wenn auf dem Purpurgrat der Abendwolken
sie einen jähen Flügel blitzen sahn?
Nur Tiere wissen es und können glauben,
der Hund, der sich zu seinen Füßen schmiegt,
und auf der Schulter sitzt die Ringeltaube,
ins Ohr ihm gurrend von Verwunschenheit.
Bestallte Deuter mit zerlallten Zungen,
die Bitterkeit aus schalen Trauben pressen,
erklären ihn, der stumm, den Blick gesenkt,
vor ihnen bleibt, zu einem Menschheitsfeind,
der ihrer Sprache faule Frucht zertrat,
an Buchten fliehend seligen Entsagens,
wo tiefer ihm ein Meer, die Leere, rauscht
und höher steigt ein Stern in Jenseitsbläue.
Dorthin kehrt er zurück, wenn von den Schuhen
den Staub des Mitleids er geschüttelt hat.
Dort bricht die Waben er des süßen Schweigens,
den Honig, der von weißen Blüten stammt,
die unterm Monde des Erinnerns schneien.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette