Auf ruderlosem Kahn
Dort waren deine Locken übersprenkelt
von Tropfen eines kristallinen Lichts,
sie rannen auf den dunklen Pfad herab,
und meine somnambulen Augen tranken.
Und was im Rascheln lichter Lauben spielte,
war nicht der Heimathauch der Sommernacht,
es floß aus topasblauen Sphären nieder,
quoll über sterngesäumten Brunnenrand.
Das Seidentuch, das deinen Leib umspannte,
hat sich, von meiner Stirn kaum angerührt,
ins Rieseln aufgelöst von Wasser-Falten,
die sie gekühlt wie goldner Flosse Taft.
Und schäumte uns die Nacht wie Träumern trunken
ihr Indigo am ruderlosen Kahn,
zog über uns der Hochgesang der Wolken,
schwieg unter uns der süßen Blüten Schnee.
Und stieß uns einer Nymphe tiefes Seufzen
das Boot ins Schilfrohr, flatterte jäh auf
der kleinen Sänger Schar, und es erbebte
ihr Nest, des Röhrichts heimliches Gespinst.
Ja, deine Hand nahm meine Hand, die bange,
du führtest uns, die alles vorgefühlt,
auf eine Lichtung, nahe bei der Weide,
die ihre Trauer schlaff ins Wasser hing,
hobst auf das Schimmern der Fasanenfeder,
und hast, bevor du schiedst, sie stumm geküßt.
Fern glomm noch Licht in deinem Haar, verglomm.
O dies geschah, und wie des Wunders Zeuge
ist mir die Feder, die ich aufbewahrt.
Fahle Sonnen
Von Moos bewachsen dämmern die Figuren,
der Jugend Weggefährten, erstarrt zu Stein.
Der Asphalt hat erstickt die Sommerfluren,
wo du gewandelt bist, zu zweit, allein.
Vergilbter Briefe fieberhafte Züge,
mit schmerzgedehntem Zwischenraum,
und vieler Diminutive süße Lüge,
du lächelst und verstehst sie kaum.
Das mußt du sein, auf Fotos, halb verblaßten,
das Kind, der Knabe, der reife Mann,
frag nicht, warum die Wimpern dunkler lasten,
ein grader Blick sich senken kann.
Wie kann es sein, daß die du früh gesungen,
die himmelhelle Melodie,
kaum ist der Schrei der Kraniche verklungen,
nun wölkt wie eine Elegie?
Die Sonne, deinem Hochsinn einst gewogen,
ein Lampenflackern auf dem Boot,
das jenseits schon ins Uferschilf gebogen,
wie fahl und fahler wird ihr Rot.
Fata Morgana
Kaum haben wir zu Lebens schmalen Pfaden,
im Wahn, daß golden uns ein Leuchten labe,
des Schlafes wilde Ranken auseinander-
gebreitet und beschnitten, stehen wir
allein vor einem transparenten Himmel,
um Schatten flehend, Wolken, Gnadentropfen.
Ich trug den Durst wie einen hohen Krug,
gleich Frauen, die sich müd der Anmut recken,
auf meiner Schulter, doch ihn mir zu füllen
fand nirgends ich der Quelle keuschen Mund.
Da traten Schatten aus dem Tor des Traums
und wehten mir zur Seite, schwarze Flügel,
die leise rauschten: „Wir, die Schmerzgefährten,
wir wollen zu dem Wasser dich geleiten,
das deiner Seele dürren Wurzelstock
erquickt, bis ihm entsprießt dein Immergrün.“
Wir flogen über Schründe hin und Steppen,
Land, ausgemergelt von der Gottheit Glut,
ich aber sah die Kreaturen in der Tiefe,
wie sie verschmachtend eins des anderen Haut
aufritzten, sich an fremdem Blut zu stillen,
wie Zungen schnalzend Tränen, erpreßte, leckten
und Blicke sich von Wimpern Schatten rupften.
Und glänzte lächelnd schon wie Paradieses
Fata Morgana grasumstrotzt der Teich
und flossen Melodien in mein Herz
vom Liebesfest der goldnen Trunks Gestillten,
riß los ich mich aus der Harpyien Fängen
und stürzte auf den Ufersand, der stündlich
wächst und glimmt des Nachts wie Sternensalz –
o laß verschäumen Sehnsucht auf dem Meer.
Noch glühen Rosen
Noch glühen Rosen in der Dämmerung,
doch hat den Duft gedämpft ein kühler Mond,
als käme Hauch von herberen Gestaden,
wo tief im Schilf des Abends, wenn es singt,
ein kleiner Junge nach den Nestern späht,
nach Teichrohrsängers milchigen Schalen, erdbraun
gesprenkelt, ob es vier sind oder fünf.
Nun fühlt sein Fuß den Sand noch sonnenwarm,
du aber hörst, hörst Wellen klatschen, siehst,
wie er die Muschel aufhebt an das Ohr,
und du erkennst, da sich im Blau der Augen
der Feenschein des Meeres schäumend bricht,
erkennst im Kind, das einsam Atem holt
und allem haucht, dich selbst in früher Zeit.
Und wieder andre Abendstunden tun
sich auf wie Fenster, Waben süßen Lichts,
wo sich der Anmut weiche Ründe wölbt,
wo Schatten blauen auf der Schultern Schnee,
und Flattern wie Erstaunens jäher Flügel
die Hand durch Ranken gelber Rosen streift.
Und reckt sie sich, des Haares wildes Wasser
zu stauen auf in strenger Flechten Bett,
erkennst du sie, die welker Sehnsucht Blatt
dir feuchten konnte mit dem Glanz der Nacht.
Kreuzweg
Laß nur der Stille Schimmer tauen
auf Knospen, die Gott schließt.
Uns seufzt das Gras auf Trauer-Auen,
wo keusches Wasser fließt.
Und flattern auf noch Geisterschatten,
o Herz, so klopfe wild.
Was stumm versinkt auf Wolkenmatten,
ist Mondes Grabesbild.
Vorbei an den Passionskapellen
zieht uns hinan ein Schein.
Es sind der Wunden Gnadenquellen,
Blutrose bricht den Stein.
Daß dunkler uns das Kreuz noch rage,
streust du der Lilie Schnee.
Aus Gärten ferner Jugendtage
flammt Schmerz, die Orchidee.
Der Kokon der Erinnerung
Wie wankten müde wir von all den Funken,
die ausgeseufzt der sagenträge Rhein,
wie lallten wir von Sommerluft betrunken,
die süßer kitzelte als perlender Wein.
Und als wir unter abendroten Lauben
dem Gurren lauschten, nah beim alten Teich,
wo zarte Zungen tunkten Turteltauben,
verwirrten sich zwei Schatten, Ranken gleich.
Was aber uns von Herz zu Herz geflossen,
wie Knospe, die auf Knospe niedertaut,
hat in ihr Dunkel Erde eingeschlossen
und zwitschert noch am Himmel, wenn er blaut.
Und mußten scheiden wir am Pavillon,
die Namen bleichte aus schon Morgenlicht,
blieb mir im Schilf des Schlafes ein Kokon,
was darin zagt und zittert, weiß ich nicht.
To seem the stranger lies my lot, my life
Among strangèrs. Father and mother dear,
Brothers and sisters are in Christ not near
And he my peace my parting, sword and strife.
England, whose honour O all my heart woos, wife
To my creating thought, would neither hear
Me, were I pleading, plead nor do I: I wear-
y of idle a being but by where wars are rife.
I am in Ireland now; now I am at a third
Remove. Not but in all removes I can
Kind love both give and get. Only what word
Wisest my heart breeds dark heaven’s baffling ban
Bars or hell’s spell thwarts. This to hoard unheard,
Heard unheeded, leaves me a lonely began.
Fremdheit legt mir auf mein Los, mein Leben ist
eins unter Fremden. Vater und Mutter, die mich beglückt,
Brüder und Schwestern, in Christus entrückt,
und er, mein Friede, ist Abschied, Schwert und Zwist.
England, dessen Ehre mein Herz o ganz umwirbt, küßt
wie eine Frau mein Werk, doch mich bedrückt,
daß es nicht hört, ob ich flehe oder schweige. Zerpflückt
ist mir das Schattenlaub, Licht nur, wo man das Banner hißt.
In Irland bin ich nun. An Rückzugs dritter Pforte.
Doch auf jeder Schwelle gleiche Güte kann
ich nicht geben und erlangen. Nur das weiseste der Worte,
das brütet aus mein Herz, löst dunklen Himmels Rätselbann,
durchkreuzt den Fluch der Hölle. Daß ich Ungehörtes horte,
fast Verhauchtes hörte, macht mich zum unbehausten Mann.
Vom Nomos der Dichtung
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Auf metrisch und strophisch knapp bemessenem Raum die Worte so positionieren, stellen und entgegenstellen, daß sie ihn wie das Gitter eines Kristalls strukturieren; eines Kristalls, der vom einfallenden Licht zum Leuchten, Funkeln, Irisieren gebracht wird.
Welches Licht fällt in den Raum des Gedichts; und durch welches Fenster?
Der Strahl, der ins Fenster des Gedichtes fällt, kann vom Mond herrühren, auch wenn du das Gedicht am hellichten Tage oder unter der grellen Neonlampe liest.
Freilich gibt es Stoffe, die das Licht wie ein Sieb durchseihen oder vollständig absorbieren. In beiden Fällen gibt uns das Gedicht den Eindruck der gedämpften und getrübten Atmosphäre einer unheimlichen oder unergründlichen Dämmerung.
Etliche Gedichte Trakls sind von dieser Art.
Keiner wird ein Möbel, erlesen an Zierrat und Intarsien, vor das Fenster stellen.
Wie geistreich ist Goethes Wort vom Gedicht als bemalter Fensterscheibe (wenn wir die Anmutung des Gotisch-Butzenscheibenhaften von ihm ablösen).
Freilich, manchmal geraten wir in eine vollgestopfte Besenkammer, die nur ärmlich vom Dämmerschein erhellt wird, der aus der halbgeöffneten Dachluke sickert.
Ökonomie des Gedichts: Knappheit der Mittel – Höchstmaß der Wirkung, wie es Nietzsche so stilvoll wie elegant im Kapitel „Was ich den Alten verdanke“ in seiner „Götzendämmerung“ beschrieb.
Der Kiesel gehört dem Vaganten, der Smaragd dem Kaiser.
Gedicht: Kiesel, der wie ein Juwel funkelt.
Reim, Rhythmus, Strophe – Fesseln, Peitschen, Züchtigungen, die den Ausdruck zur Verdichtung, den Gedanken zu höchster Konzentration nötigen.
Welchen ungeheuren Druckes, freilich über Äonen, bedarf es, damit aus der Kohle der Diamant hervorzuschimmern beginnt.
Hunde, die frei herumlaufen, beginnen zu verwildern.
Gedichte ohne den Zügel des Nomos (den Hirten des Seins, um es mit dem weisen Gnom aus dem Schwarzwald zu sagen) sind wie entlaufene Schafe, die aus der erstbesten Schlammpfütze saufen.
Die Bindung, die Verpflichtung, das Opfer – Ökonomie der poetischen Sublimierung.
Der fast Verschmachtete erblickt in der Wüste des Daseins die Fata Morgana.
Dürsten, schmachten, sich verzehren – Dichters Exerzitien.
Die aus Ägypten in die Wüste Entkommenen erahnen in der Ferne das verheißene Land, wo Milch und Honig fließt. Und war es für Moses nicht eine Art Fata Morgana?
Mag der Dichter nur ausgebrannt sein – die Glut des Gedichts aber sprühe Funken in die Nacht.
Die fremde, gefährliche Schöne, die wie Salome unter Schleiern tanzt, sie, die nach dem Haupt des Dichters verlangt.
Die fette Hure in ihrer nackten Häßlichkeit genügt dem hündisch-satirischen Trieb.
Die wesentliche Aussage ist wie das Gelispel des Quells in der Abenddämmerung kaum hörbar; sie wird durch den Lautsprecher entstellt, den elektronischen Verstärker verzerrt.
Je leiser das Wort, je gehauchter, umso eindringlicher die Aussage.
Je leichter, anmutiger die Form, umso gewichtiger der Sinngehalt.
Die Anmut des Gedichts kommt auf Taubenfüßen. Sagte ähnliches nicht, der dummer- oder tragischerweise wähnte, mit dem Hammer philosophieren zu müssen?
Unter milchig-zarter Haut siehst du das Delta blauer Venen.
Der gekrümmte Rücken des Psalms trägt die Glorie der Welt.
Gegen die Tagesnorm des alternierenden Verses wirkt der verschlungene Rhythmus eines Klopstock nächtlich, mystisch, okkult.
Das munter plätschernde Rinnsal des Jambus im Delta odisch brausender Rhythmen.
Die Erneuerung des deutschen Verses durch Klopstock erfolgte im Zuge nicht nur der Hinwendung zur griechischen Ode, sondern auch zum hebräischen Psalm; ähnlich der Erneuerung des Sprachdenkens bei Hamann aus dem Geist der Prophetie.
Weshalb klammert sich Hopkins verzweifelt an die strenge Form des Sonetts, obwohl die geisterhafte Flut seines sturmgepeitschten Verses über sie hinwegschäumt?
Die „terrible sonnets“ des Poet-Priest Hopkins kann man freilich als Symptome klinisch reiner Depression entziffern. Aber sagt das mehr über ihren dichterischen Gehalt als die kleingeistig-professorale Lektüre eines Gedichts von Baudelaire als Dokument des literarischen Exotismus und der erotischen Libertinage oder eines Gedichts von Trakl als Zeugnis seiner Drogen- und Liebessucht?
Die Partikel „aber“ – ein Stigma an der Hymne Hölderlins, das den Bruch der Stimme oder den plötzlichen Schaum auf der Woge anzeigt, die dem jähen Katarakt entgegenrollt, wo der Gesang sich im Rauschen verliert.
Es bedurfte der sorgfältigen Beobachtung und minutiösen Anwendung von immer ausgefeilterer mathematischer Physik, um das alltägliche Phänomen der Tages- und Jahreszeiten, der Dauer von Monat und Jahr in die Struktur des verläßlichen Kalenders einzubauen und zu berechnen. Eratosthenes, Ptolemäus, Caesar, Augustus, Julian, Gregor und die immer genauere Datierung des Osterfestes durch die Astronomen des Mittelalters und der Neuzeit sind nur einige Stationen auf diesem Weg.
Es ist dies der Weg des Abendlands, denn die Kulturen des Judentums, der Antike und des Christentums haben ihn gleichermaßen gebahnt – man denke an die Institution des Sonntags, den römisch-germanisch gemischten Ursprung der Namen der Wochentage, die den christlichen Glauben bezeugende Festlegung und Taufe der hohen Festtage und ihren teleologischen Richtungssinn (Geburt, Tod, Auferstehung) innerhalb der kosmisch-zyklischen Wiederkehr.
Sicher, man kann den Frühling Herbst nennen; doch wird der neue Herbst keine Früchte reifen und der neue Frühling keine Knospen schwellen lassen.
Sicher, der Mann kann sich Frau, die Frau sich Mann nennen; doch wird der neue Mann keine Kinder gebären und die neue Frau keine zeugen können.
Wie der deutsche Idealismus über die Torheiten des epistemologisch-sozialen Konstruktivismus zum ideologischen Etikettenschwindel verkam.
Wie der Kalender das Erbe der großen Entdecker und Forscher des Abendlandes ist der Nomos der abendländischen Dichtung das Erbe der Sprachschöpfer Israels, Ioniens, der äolischen Inseln, Attikas und Roms.
Sicher kann man die strenge Form lockern; doch nestelst du lange genug am Mieder der Schönen, steht sie endlich nackt da. Venus mag’s erfreuen, doch die Muse der Dichtung kleidet ein schimmerndes Gewand, das sich dem Fleisch des Worts wie Wasser auf dem Teppich von Moos und Gräsern anschmiegt, und doch, mag es auch transparent sein, verhüllt, was der gemeine Geschmack als nackte Wahrheit preist.
Wie der Nomos des dichterischen Worts von den strengen Fügungen und kunstvollen Gewölben eines Horaz, eines Klopstock, Goethe oder Hölderlin zur Trümmerlandschaft verkam, wo zwischen den zerschlagenen Formen dürftiges Gras in den trüben Himmel der nackten (sozialen, politischen) Wahrheit sprießt.
Gerard Manley Hopkins, Spring
Nothing is so beautiful as spring –
When weeds, in wheels, shoot long and lovely and lush;
Thrush’s eggs look little low heavens, and thrush
Through the echoing timber does so rinse and wring
The ear, it strikes like lightnings to hear him sing;
The glassy peartree leaves and blooms, they brush
The descending blue; that blue is all in a rush
With richness; the racing lambs too have fair their fling.
What is all this juice and all this joy?
A strain of the earth’s sweet being in the beginning
In Eden garden. — Have, get, before it cloy,
Before it cloud, Christ, lord, and sour with sinning,
Innocent mind and Mayday in girl and boy,
Most, O maid’s child, thy choice and worthy the winning.
Nichts schöner als die Frühlingszeit –
wenn Kräuter, kringelnd, sprießen, lang, voll Liebessaft.
Drosseleier bilden kleine Himmel, der Zweige Schaft
zittert vom Drosselsang, der Ohren wie ein Kleid
wässert, wringt. Hören ist von Blitzen benedeit.
Birnbaumblatt und -blüte sind wie transparenter Taft,
wo Blau des Himmels tropft herab. Die Bläue rafft
des Reichtums Saum. Und Lämmer springen anmutweit.
Was all der Schmelz, all dies Behagen?
Hall süßen Lieds der Erde, das aus Gärten wiederkehrt,
aus Eden. – Pflück die Frucht, bevor die Wünsche zagen,
bevor umwölkt sie Christ, der Herr, Sündensäure sie versehrt,
Unschuldssinn in junger Liebe Maientagen,
zuhöchst, o Kind der Magd, dein Wille, Lorbeerkranzes wert.
O küß sie nicht
Wie großem Durst die Wüste plötzlich flimmert,
als wölkte Schaum von Schwänen auf dem See,
hat deiner Nacht die Blüte weiß geschimmert,
und was du schriebst, war Duft von süßem Klee.
Wie scheiden wir vom Wahnbild ab das wahre?
In beiden weint die Wolke, singt das Licht.
Der Schönen strömen Locken von der Bahre,
sie lächelt geisterhaft, o küß sie nicht.
Wie blanke Kiesel knirschen unter Schritten,
knirscht Wortes Dürre zwischen Zahn und Zahn.
Kein feuchtes Auge schaut, was du erlitten,
kein Tau weckt aus dem Dunkel Enzian.
Du horchst: Die Nacht hat Stimmen wie von Feen,
gefesselt von Gerank, vom Mond gebannt.
O gib dich nur dem wunderlichen Flehen,
doch geh nicht hin, dein Herz, es wird verbrannt.
Patience, hard thing! the hard thing but to pray,
But bid for, Patience is! Patience who asks
Wants war, wants wounds; weary his times, his tasks;
To do without, take tosses, and obey.
Rare patience roots in these, and, these away,
Nowhere. Natural heart’s ivy, Patience masks
Our ruins of wrecked past purpose. There she basks
Purple eyes and seas of liquid leaves all day.
We hear our hearts grate on themselves: it kills
To bruise them dearer. Yet the rebellious wills
Of us we do bid God bend to him even so.
And where is he who more and more distils
Delicious kindness?—He is patient. Patience fills
His crisp combs, and that comes those ways we know.
Geduld, wie schwer! Das Schwere, um das es gilt
zu beten, bitten, ist Geduld! Geduld, die fleht
um Waffen, Wunden. Vom Dienst gekrümmt nach Hause geht.
Verwirfst du sie, wirf dich unter Würfelwurfes Bild.
Geduld blüht nur solch einsamem Gefild,
sonst nirgends. Geduld, nackten Herzens Efeu, weht
über unsrer Träume Trümmern. Und dort seht
ihre Purpurfrucht, Laubes lichten Fluß, der stündlich schwillt.
Wir hören unsre Herzen an sich selber schaben. Tod
wär, härter sie zu pressen. Trotz, der uns verroht,
soll, bitten wir, Gott gleichwohl an sich schmiegen.
Und wo ist jener, der feiner mahlt das Schrot
köstlicher Güte? – Er ist geduldig. Das süße Brot
bäckt ihm Geduld, es duftet schon auf unsren Stiegen.
Unter Lauben der Dämmerung
Wir wollen unter Lauben uns ergehen,
wo wie zum Lebewohl Goldregen niederfließt,
und scheuer atmen keuscher Knospe Flehen,
die ihre bleichen Augenlider schließt.
Wenn aber Dunkel aus den Büschen quillt,
bahnt mir den Weg dein kindlich-frommes Singen,
und ist der Liebe Antlitz ganz verhüllt,
die Lampe deines Herzens seh ich schwingen.
Versiegt der Quell, der unserm Tag geblaut,
hinangerettet ward ein Schimmer Süße,
wenn deines Blickes Güte niedertaut,
o feuchter Augen hyazinthenblaue Grüße.
Verblaßte schon des Dämmers Feenschein,
Gesang der Nachtigall, blind rauscht das Blatt der Stille.
Daß Morgensonne ihren Purpurwein
uns in des Traumes graue Krüge fülle!
No worst, there is none. Pitched past pitch of grief,
More pangs will, schooled at forepangs, wilder wring.
Comforter, where, where is your comforting?
Mary, mother of us, where is your relief?
My cries heave, herds-long; huddle in a main, a chief
Woe, wórld-sorrow; on an áge-old anvil wince and sing —
Then lull, then leave off. Fury had shrieked ‘No ling-
ering! Let me be fell: force I must be brief.’
O the mind, mind has mountains; cliffs of fall
Frightful, sheer, no-man-fathomed. Hold them cheap
May who ne’er hung there. Nor does long our small
Durance deal with that steep or deep. Here! creep,
Wretch, under a comfort serves in a whirlwind: all
Life death does end and each day dies with sleep.
Des Argen Tiefpunkt? Nein. Tiefer steigt das tiefe Leid,
Faust lehrt die Faust, wilder noch zu wringen,
Tröster, wo nur sind, wo deine Schwingen?
Maria, unsre Mutter, wo rühr ich an dein Kleid?
Meine Schreie schwellen, drängen herdenweit
zum Wehruf „Welten-Leid“. Zucken auf dem Urwelt-Amboß, singen –
dösen dann, lassen ab. Wut hat gekreischt: „Wollt ihr springen,
laßt mir das Grimmen, Schärfe hat den Schneid.“
Der Geist auch, Geist hat Hügel, Schauergründe,
schroff, auslotbar nicht mit Menschen-Lot.
Wer grinst, hing nie im Leeren. Nicht ermißt die Schründe
der kurze Faden unsrer Frist. Kriech, Kot-
Wurm, doch ins Loch, o Trost im Wirbelwinde:
Alle tötet Tod, und jedem Tag ist Schlaf ein Tod.
My own heart let me more have pity on; let
Me live to my sad self hereafter kind,
Charitable; not live this tormented mind
With this tormented mind tormenting yet.
I cast for comfort I can no more get
By groping round my comfortless, than blind
Eyes in their dark can day or thirst can find
Thirst’s all-in-all in all a world of wet.
Soul, self; come, poor Jackself, I do advise
You, jaded, let be; call off thoughts awhile
Elsewhere; leave comfort root-room; let joy size
At God knows when to God knows what; whose smile
‘s not wrung, see you; unforeseen times rather — as skies
Betweenpie mountains — lights a lovely mile.
Mein Herz, mehr Mitleid habe doch mit mir. Laß
meinem sauren Selbst mich einmal Süße sein,
Erlaben. Nicht leben dieses Geistes Folterpein,
womit gequälter Geist sich selber quält voll Haß.
Ich suche Trost, und finde weniger was,
tast ich umher in meinem Trostlossein,
als blinde Augen Tag bei Nacht und Durst den Wein,
wo jedem Durste lacht die Lippe naß.
Ach, Seele, armer Hans, ich will anheim dir stellen:
Du, Matte, laß es sein. Sieh eine Weile Sinnen walten
woanders. Laß Trost-Saat keimen, Freude schwellen,
Gott kennt die Zeit, Gott kennt das Ziel. Aus Falten
glänzt Lächeln auf, wie deins. Unverhofft – wie blaue Hellen,
Flocken zwischen Hügeln – grüßen Lichtgestalten.
Leich A
Got, dîner trinitâte,
die beslozzen hâte
dîn fürgedank mit râte,
der jehen wir: mit drîunge
diu driu ist ein einunge,
ein got der hôhe hêre.
Sîn ie selb wesende êre
verendet niemer mêre.
der sende uns sîn lêre.
die sinne ûf menge sünde
der fürste ûz helle abgründe
uns hât verleitet sêre.
Gott, deine Dreifaltigkeit,
die der Schoß der Weisheit
barg in Ewigkeit,
bekennen wir: in der Dreifalt
die Drei ist einzig Einfalt,
ein Gott, hochheilig, mild,
Quell, der ursprünglich quillt,
ihn fängt auf nie ein Bild,
den Geist send, der uns stillt.
Wir irren im Dunkel der Sünde,
der Fürst der Höllenschlünde
hat uns das Licht verhüllt.
Saget mir ieman, waz ist minne?
weiz ich des ein teil, sô west ich es gerne mê.
der sich baz denne ich versinne,
der berihte mich, durch waz sie tuot sô wê.
Minne ist minne, tuot sie wol;
tuot sie wê, sô heizet sie niht rehte minn
sus enweiz ich, wie sie denne heizen soll.
Ob ich rehte râten kunne,
waz die minne sî, sô sprechet denne jâ.
minne ist zweier herzen wunne:
teilent sie gelîche, sô ist die minne dâ.
Sol sie aber ungeteilet sîn,
sône kan sie ein herze aleine niht enthalden.
owê, woltestû mir helfen, vrouwe mîn!
Vrouwe, ich trage ein teil zuo swære,
wellest dû mir helfen, sô hilf an der zît.
sî aber ich dir gar unmaere,
daz sprich endeclîche, sô lâz ich den strît
Und bin von dir ein ledic man.
dû solt aber einez rehte wizzen, <vrouwe>,
daz dich lützel ieman baz geloben kan.
Kan mîn vrouwe süeze siuren?
wænet sie, daz ich ir liep gebe umbe leit?
solt ich sie dar umbe tiuren,
daz sie sich kêre an mîn unwerdekeit?
Sô kunde ich unrehte sprechen.
wê, waz rede ich ôrlôser und ougen âne?
swen die minne blendet, wie mac der gesehen?
Kann einer mir, was Liebe ist, sagen?
Weiß ich ein wenig davon, so wüßt ich gerne mehr.
Wer tiefer als ich sie konnte befragen,
belehr er mich, warum sie schmerzt so sehr.
Liebe ist Liebe, wonnevoll,
schmerzt sie aber, heißt man rechtens sie nicht Liebe.
Ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.
Will die Deutung mir glücken,
was die Liebe sei, so gebt mir euer Ja.
Liebe ist zweier Herzen Entzücken:
Ist jedem gleich der Teil, Liebe, sie ist da.
Teilt man sie aber nicht durch zwei,
so kann ein Herz allein sie nicht enthalten.
O weh, meine Herrin, steh mir bei!
Herrin, zu schwer ist meine Last,
willst du mir helfen, kürz ab den Lauf.
Bin ich dir aber ganz verhaßt,
sag es nur unverblümt, so geb ich es auf
und scheide von dir, ein freier Mann.
Eins aber präge dir ein, meine Herrin,
keiner wird höher dich preisen als ich es getan.
Darf mir die Herrin verbittern das süße Leben?
Glaubt sie, ich schenke ihr Lieder, sie dafür Leid?
Soll ich sie rühmend erheben,
daß hündisch ich krieche unter ihr Kleid?
So war mein Spruch ein Versehen.
Weh, was rede ich noch, taub und erblindet?
Wen aber die Liebe blendet, wie könnte der sehen?
Leich D
Dich lobet der hôhen engel schar,
doch brâhten si dîn lob nie dar,
daz ez volendet wurde gar,
daz ez ie wurde gesungen
in stimmen oder von zungen
ûz allen ordenungen
ze himel und ûf der erde,-
des mane dich, gotes werde:
Wir bitten umb unser schulde dich,
daz dû uns sîst genædiclîch,
sô daz dîn bete erklinge
vor der barmunge urspringe.
sô hân wir den gedinge,
diu schulde werde ringe,
dâ mit wir sêre sîn beladen.
Hilf uns, daz wir si abe gebaden
mit stæte wernder riuwe
umbe unser missetât,
die nieman âne got und âne dich ze gebenne hât!
Dich preiset der hohen Engel Schar,
doch brachten dein Lob sie nie so dar,
daß es schon ganz vollendet war,
so wird es immer gesungen
von Geistern, von Menschenzungen,
aus allen Chören erklungen
im Himmel und auch auf Erden,
magst, Gott nahe, du des inne werden.
Wir bitten dich ob unsrer Schuld,
daß du uns schenkest deine Huld,
auf daß dein Bitten höher schwelle
bei des Erbarmens Quelle,
voll Hoffens, daß die Welle
der Schuld uns bald zerschelle,
der Seele Last von schwarzen Aschen.
Hilf uns, sie abzuwaschen
mit steter Reue Tränen
über unsre Missetat,
die keiner außer Gott uns tilgen kann und deine Gnad!
Leich B
1
Maget und muoter, schouwe der kristenheite nôt,
dû blüende gert Aarônes, ûf gênder morgenrôt!
Ezechiêles porte, diu nie wart ûf getân,
dur die der künig hêrlîche wart ûz und in gelân!
Als diu sunne schînet durch ganz gewürhtez glas,
alsô gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was.
2
Ein bosch der bran, dâ nie niht an
besenget noch verbrennet wart:
Breit unde ganz dâ beleib sîn glanz
vor fiures flamme unverschart.
Daz was diu reine magt aleine
diu mit megetlîcher art
3
Kindes muoter worden ist
ân aller manne mitewist,
wider menschlîchen list
den wâren Krist
gebar, der uns bedâhte.
Wol ir, daz si den ie getruog,
der unsern tôt ze tôde sluog!
mit sînem bluote er ab uns twuog
den unfuog,
den Even schulde uns brâhte
4
Salomônes hôhen thrônes
bist dû, frouwe,
ein selde hêre und ouch gebieterinne!
balsamite,
margarîte,
ob allen magden bist dû,
maget, ein magt, ein küniginne!
Gotes lambe was dîn wambe
ein palas reine,
da er eine lag beslozzen inne.
5
Daz lambe ist Krist,
der wârer got ist,
dâ von dû bist
gehôhet und geêret.
Dem lambe ist gar
gelîch gevar
der megde schar.
nû nemt sîn war
und kêret, swâr ez kêret!
des bist dû, frouwe, geêret.
nû bitte in, daz er uns gewer
durch dich, des unser dürfte ger.
dû sende uns trôst von himel her,
des wirt dîn lob gemêret.
1
Jungfrau und Mutter, blick auf die Christenheit in Not,
du Aarons blühender Stab, aufgehendes Morgenrot!
Du Tor Hesekiels, das nie ward aufgetan,
durch das der König nur nahm herrlich seine Bahn.
Wie Sonne bricht durchs Glas, das ganz bleibt, wie es war,
so Christus die Reine, die Jungfrau und Mutter, gebar.
2
Ein Busch im Brand, doch wie gebannt
das Feuer hat ihn nicht verzehrt:
Voll und ganz blieb sein Glanz
von der Flamme unversehrt.
Das war allein die Jungfrau rein,
die jungfräulich beschert
3
das Kind, keusch Mutter worden ist,
und war kein Mann, der sie geküßt,
ist kein Verstand, der es ermißt,
den wahren Christ
gebar, der Nacht uns hellte.
Heil ihr, daß sie ihn trug,
der tot den Tod uns schlug!
Er wusch mit Blut, er gab genug,
uns ab den bösen Zug,
womit uns Evas Schuld entstellte.
4
Dem hohen Thron des Salomon
bist du, Herrin,
ein hehres Haus, gebietest selbst darin!
Balsam immer,
Perlenschimmer,
Jungfrau aller Jungfrauschaft,
bist Jungfrau du die Königin!
Gottes Lamm in dir fand wundersam
sich Weilens Reine,
wo es sich barg, der Weisheit Sinn.
5
Das Lamm ist Christ,
der wahrer Gott ist,
er, von dem du bist
erhöht und hochgeehrt.
Vom Lamme wunderbar
hat ihre Farbe klar
Jungfrauenschar.
Nehmt es nun wahr
und kehrt euch um, wohin es kehrt!
So bist Herrin du geehrt.
Nun bitte ihn, daß er uns gewähr
dir zulieb, wes wir bedürfen sehr,
du sende uns Trost vom Himmel her,
so wird dein Lob vermehrt.
Die Hefe des Denkens
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Zu dem Fest, bei dem alle willkommen sind, möchten wir nicht eingeladen werden.
Und wenn es der Gott wäre, der seine Engel die Einladung zum Völker- und Friedensfest an Krethi und Plethi um den Erdkreis bestellen ließe, wir blieben beim Klange der Posaunen im Bett liegen.
Nur wo Gefälle ist, fließt das Wasser. Nur wo Spannung herrscht, strömt das Leben.
Quietismus des Gefühls, Bigotterie des Empfindens, Sentimentalität: Verkennung oder Leugnung der notwendigen Lebensspannung.
Frieden das Tal, Kampf die Steigung.
Größe des Ruhms ist nicht meßbar an der Bekanntheit des Namens.
Die Erde ist klein gemessen an der Größe der Sonne, groß gemessen am Sandkorn ihres Meeresstrands.
Die Entfernung der Erde von der Sonne ist klein gemessen an der Entfernung der Sonne vom Mittelpunkt der Galaxis.
Wenn jeder Gegenstand nur klein oder groß gemessen an der Größe anderer Gegenstände genannt werden kann, folgt daraus, daß wir nicht sagen können, das Universum sei groß. Woran sollten wir es messen?
Länger leben heißt nicht besser leben.
Tausend Dunstatome und immerhin ein Tröpfchen, abertausend Worte und nicht ein Gedanke.
Heroisch: dahingerafft die Blüte der Jugend, doch herrlich ging sie auf. Bürgerlich: echsenalt im Siechenhaus, im Dämmerlichte vegetierend.
Wie man sagt, es ist zu viel passiert, es sind zu viele Tränen, ist zu viel Blut auf beiden Seiten geflossen, eine Versöhnung, ein Völkerfest, eine Friedensfeier: unmöglich; nach Jahren, da der Efeu über den Gräbern die Namen verdeckt hat, bleibt ein scheues Grüßen mit den Augen die äußerste der Annäherungen.
Journalisten: Parasiten der rohesten Wahrnehmung, faulige Zungen, die über alles reden und das Wesentliche verschweigen.
Obszöne Sprache, die unter dem Vorwand der Information nur zeigt, was bluttriefend oder moralisch kurzatmig Sensation macht, und aus dem Schlamm der Ereignisse Fetzen Fleisches hervorzerrt, um niedere Instinkte wachzukitzeln.
Geknickte Zweige: nach dem Unsagbaren greifen, das Unsägliche pflücken.
Ein Volksresiduum kulturellen Mestizentums, ein Babylon amtlich verordneter Sprachvermanschung, dem das Gendersternchen als Symbol allseitiger Verständigung gilt, bringt keinen großen Dichter mehr hervor.
Journalist: das obszöne Auge des medialen Voyeurismus.
Die neue Venus, in sadomasochistischer Bondage-Fesselung aus der Plastikmuschel steigend.
„Soziologie“ als schicke Form der Verdummung: die Fäden wissenschaftlicher Erkenntnis aufgelöst und verwebt im modischen Kostüm knallbunter Gesinnung.
Sie hofieren das Abnorme, Abseitige, Widersinnige; wer im Chaos nach Ordnung, im Verfall nach gesund gebliebene Keimlingen, im Wahnsinn den verborgenen Sinn sucht, gilt ihnen für einen Gendarmen und Blockwart des Begriffs.
Meine Worte sind Mücken, die auf dem Dung von fremden Seelen funkeln.
Der Talmi-Dichter schießt mit seiner Poesie-Pistole: Es knallt recht hübsch, und die Geliebte, die nackend ihm posiert, fällt auch brav, mit beiden Händen hält sie sich die linke Brust, unter dem geheuchelten Entsetzensschrei des zahlenden Publikums, zu Boden. Doch es sind nur Platzpatronen.
Mit wem ich rede oder wem ich das Gespräch verweigere, das ist meine Sache, für die ich weder Gründe noch Vorwände geltend machen muß.
Bornierte Gesinnungseiferer oder Leute, die zu lange in Frankfurt Philosophie studiert haben, meinen, der Kern des philosophischen Denkens bestehe im Austausch von Argumenten; und wenn alle recht brav und regelkonform sich unterreden und ihre Krethi-und Plethi-Geschaftlhubereien miteinander aushandeln, würde das bessere Argument wie das Kaninchen aus dem Hut des Zauberers hervorspringen.
Doch die Annahme und die Forderung, die Philosophie auf den Austausch von Argumenten zu gründen, können selbst wiederum nicht durch ein Argument begründet und gerechtfertigt werden. Sie sind reine Glaubenssache.
Gott aber nannte, was er geschaffen hatte, gut; nicht schuf er, was sich ihm als gut bezeigte und was er zuvor argumentativ als bessere Alternative entwickelt und begründet hatte.
Der noble Leibniz hatte also unrecht, doch anders als der vulgäre Voltaire meinte.
Gott schuf das Licht. War es denn zuvor Nacht? Nein, wo kein Licht, da auch kein Dunkel.
Du grüßt, wen du des Grußes für wert befindest. Doch wer dich nicht oder nicht mehr grüßt, mindert nicht deinen Wert.
Die Frommen halten die Gebote, nicht weil sie unter der Sonne des moralischen Sittengesetzes und der kritischen Vernunft sich als die tunlichen, weil allgemeinverbindlichen erweisen, sondern weil sie Befehle Gottes sind.
Der Befehl, das Gebot, die Entscheidung, das Blut und der Eros stehen außerhalb der Ordnung des Diskurses.
Die Ordnung ist besser als das Chaos, das Licht besser als die Finsternis – das hat sich Gott nicht gedacht, denn es gab weder Ordnung noch Licht, als er darüber müßige Reflexionen hätte anstellen können.
Die Gefahr, das Risiko, das Abenteuer verlangen uns Entscheidungen ab, die wir intuitiv aus dem Gravitationsfeld und dem Anhauch des Augenblicks heraus gewinnen, nicht durch langwierige Begründungspirouetten, während derer uns die Bestie schon den Kopf abgerissen haben würde, das Boot untergegangen und der Rettungsweg abgeschnitten worden wäre.
Der Ursprung der totalitären Herrschaft liegt nicht im Mangel demokratischer Gesinnung, sondern in ihrer radikalen Vollstreckung. Das erweist der Terror der Französischen Revolution, also die radikal-avantgardistische Form plebiszitärer Volksherrschaft (die in Wahrheit natürlich immer die Herrschaft von Parteikadern, Rechtsanwälten, Lehrern und Gesinnungsjournalisten über das Volk ist). Der erste Schauprozeß, der den Blutrichtern der braunen und roten Volksbeglücker zum Vorbild diente, war der Prozeß der Sansculotten gegen Marie Antoinette, dessen Ausgang und Urteil von Beginn an feststanden.
Entscheidende Wahrheiten zeigen sich, wie die Blüten, die auf deine Schwelle liebende Hand gestreut, wie der Blitz der Nacht, dessen Zeichen der Dichter deutet.
Was den Liebenden bewog, die Blüten zu streuen, hat keinen Grund, kann nicht mittels Argumenten oder diskursethisch aufgeklärt werden; das Motiv der Liebesgeste ist eben, was wir Liebe nennen.
Die dichterische Deutung der Wahrheitszeichen wie des Blitzes durch Hölderlin ist ebensoweit entfernt von der physikalischen Erklärung des Naturphänomens wie die physiologische Erklärung der Liebesgeste von ihrer sich zeigenden symbolischen Wahrheit.
Die Physiologie der Geste kann ihre Bedeutung nicht erfassen. Die Physiologie der Lautbildung nicht die Semantik.
Die symbolische Wahrheit geht dem Diskurs und allem Gerede voraus.
Das Modell und Paradigma des philosophisch gefeierten argumentativen Diskurses ist der Gerichtsprozeß, bei dem Zeugen befragt und Indizien auf ihren Aussagegehalt hin gewichtet werden; das zu fällende Urteil ist im Lichte dieser wohlerwogenen Befunde und Erkenntnisse zu rechtfertigen.
Doch die Art und Weise, wie Leute alltäglich miteinander verkehren und reden, unter das Kuratel juristischer Verfahren der Begründung und Rechtfertigung zu stellen, grenzt an stupide Verkennung oder mutwillige Entstellung der menschlichen Situation.
Wir können Buridans Esel nicht mittels vernünftiger Argumente dazu überreden, einen, gleichgültig welchen, Heuhaufen aufzusuchen, um seinen Hunger zu stillen.
Dort verspricht uns die Aussicht einen Gang durch blühende Wiesen; dort der steile Anstieg einen herrlichen Gipfelblick. Wer sagt, der Faule nehme den Weg im Tal, der Tapfere wähle den Aufstieg, sitzt einem moralisch verzerrten Bild auf.
Die Modelle für moralische Entscheidungen sind oft das Ergebnis einer einseitigen Diät naheliegender oder exotischer Bilder und Metaphern (Platons Höhlenausgang, Herakles am Scheideweg, Kohlbergs Dilemma).
Der Sauerteig muß durch Zusatz von Hefe in Gärung gebracht werden, damit das Brot locker und bekömmlich gerät. – Der Sauerteig des Denkens bedarf der Hefe der Dichtung, oder sagen wir es nüchterner: des Spiels der Einbildungskraft, der Variationen der Phantasie.
Das Netz, das er geknüpft hatte, war nicht feinmaschig genug; die grauen Alltagsfische zappelten darin, die kleinen Wunderwesen an farbiger Pracht und ungewöhnlicher Musterung schlüpften hindurch.
Der Eros des Dichters senkt seine Netze in das grüne Wasser des Wunderbaren.
Die Liebe verführt durch Blicke und Lächeln, der Eros der Dichtung durch Rhythmus und Reim und den Schleier von Metaphern, unter dem bisweilen ein geheimnisvolles Lächeln schimmert.
Wozu verführt die Liebe? Zur Liebe. Wozu die Dichtung? Zum Schweigen.
Die Siegeslieder Pindars nennen nicht einmal den Namen des Jockeys, der das Rennen machte, sie rühmen aber den Namen des adligen Eigentümers des Pferdes und führen sein Geschlecht mythisch-genealogisch auf einen göttlichen Ursprung zurück.
Nicht der Jockey hat Pindar gemäß den Siegerkranz verdient; der Sieg war ja nicht sein Verdienst, auch wenn er ihn zu erlangen sein Bestes hatte geben müssen, sondern dort hat Hermes die Zügel ergriffen, hier Apollon die Säule der entscheidenden Wende mit Glanz übergossen.
Was uns Ruhmes wert dünkt, geht über die rein menschliche Tat und Leistung hinaus; zwar ist die schöne Form der Vase ein Ergebnis der Meisterschaft des Töpfers, doch ihre einmalig geglückte Harmonie und Vollkommenheit weist auf die Gunst der Stunde, den Kairos.
Wir können die glückliche Synthese von Sensualität und Sublimität, köstlicher Farbigkeit und Schatten gewordener Stille in den Gemälden eines Vermeer nicht erklären; sie weisen auf ein Ingenium, das auch dem Künstler in seinen letzten Tiefenschichten und seelischen Faltungen verborgen geblieben sein wird.
Die gefährliche Illusion der Diskursethiker besteht in der Überschätzung der Macht der Vernunft und der Verkennung von nicht lösbaren Spannungen und Konflikten, wie jenen zwischen Imperien, Kulturen und Ethnien.
Die Spannungen und Konflikte im Labyrinth der eigenen Brust sind nicht vollends aufzulösen; der Wein, die Droge, der Eros scheint sie für Augenblicke zu dämpfen oder in einem Strudel des schäumenden Selbstgefühls untergehen zu lassen; doch nach einer Atempause kristallisieren sie neu und stehen frisch gewappnet uns wieder vor Augen.
Was ihm der Rausch der Nacht als Offenbarung zu diktieren schien, erwies sich beim nüchternen Tageslicht betrachtet als wirres Geranke toter Buchstaben.
Die Krim-Tataren sind die verblaßten und depravierten Relikte der Goldenen Horde, die im hohen Mittelalter ihre grausamen Orgien in den Reichen der Polen und Russen vollzog; ihr bitteres Schicksal unter den Deportationen Stalins vermochte dennoch nicht ihr kulturelles Selbstgefühl und ihre exotische Sprache und Kultpraxis völlig zu zersetzen.
Das Schicksal der Deutschen, aufgrund der militärisch-moralischen Überlegenheit der Siegermächte herausgerissen aus ihrer angestammten geographischen und historischen Mitte, in masochistisch-verzücktem Kotau vor den sogenannten Werten der freien Welt (also in politischer und kultureller Unterwerfung unter Washington, Brüssel und Straßburg), bleibt ungewiß, fragil und zweideutig.
Daß es allerdings mit der deutschen Kultur ein unrühmliches Ende nimmt, beweist schon die Tatsache, daß sich hiesige Künstler und Schriftsteller nicht scheuen, sich als „Kulturschaffende“ und „Literaturproduzenten“ ansprechen und anpreisen zu lassen.
„Documenta“: Kloake der Gegenwartskunst.
Dichtung ist nicht Literatur. Bei aller Meisterschaft und hohen Kunst, die den Vers eines Walther von der Vogelweide, eines Goethe oder Hölderlin auszeichnen, was an ihm sich wie das Aderngeflecht der Hand abhebt oder unterm Mond der Dämmerung hervorschimmert wie ein Bergkristall, ist kein bloß Gemachtes, sondern ein Angehauchtes und Zugesprochenes.
Wer denn wäre mit einer solchen Kraft der Einbildung begabt, eine Orchidee, einen Schmetterling, ja auch nur einen Wurm zu erfinden, zu konstruieren, zu ertüfteln?
Was die Bibel mit Schöpfung meint, kann nicht nach dem Modell handwerklicher Erfindung und technischer Konstruktion verstanden werden, auch wenn ihre lebensweltliche Metaphorik wie die vom Töpfer es bisweilen nahelegen mag; die dichterische Inspiration kommt dem in der Genesis Gemeinten schon etwas näher, auch wenn der Dichter aus der Fülle der Überlieferung zu schöpfen berufen ist.
Als müsse man den Pfeil geschlossenen Auges abschießen, damit er ins Schwarze trifft.
Worte, schon verhallt
Der Mandelblüten helles Bild,
es mache dunkler unser Schweigen.
Nicht Trank, der uns entgegenquillt,
das ferne Rauschen sei uns eigen.
Die Worte, sie sind schon verhallt,
wie Früchte, die auf Blätter klopfen.
Der Strahl, der sich die Knospe ballt,
löst sich in Taues stumme Tropfen.
Der Duft, der uns den Schmerz geweckt,
im Nachtwind wird er dumpf verwehen.
Ein Schatten hat die Schrift verdeckt,
sie leuchtet, wenn wir seitwärts gehen.
Der Mund, der mir sein Ja gesagt,
wird sich wie eine Rose schließen.
Ich weiß, was mir den Kuß versagt,
seh ich den Tau der Wimper fließen.
Nahe Ferne
Und bist du nah,
bist du doch fern.
Dein Lächeln schwebt
um blauer Buchten Strand,
und meine Stimme bebt,
mir selber unbekannt.
Und bist du fern,
bist du doch nah.
Abendsonne geht
und die Träne rinnt,
deine Stimme weht
übers Gras im Wind.
Jan Vermeer, Schlafendes Mädchen
Überm Tisch ein Läufer, buntgewirkt
und laß gebauscht, daß sich die Muster wirren,
auf flaumigem Vlies, ringsum verfitzte Fäden.
Weinkaraffe, schlicht aus mattem Ton,
und wie ein Helm darauf gepfropft metallisch
glänzend der Verschluß. Schaum einer Schale
aus Delfter Porzellan scheint seine Lust,
mondhelle Äpfel, purpurdunkle Pflaumen,
in einer trunknen Neigung auszuschütten.
Gespreiz der Hand, insektenstarr entrückt
in eines Perserteppichs Labyrinth,
als wär sie vor dem Mädchen eingeschlafen,
sacht tastend durchs Gerank des Orients,
wo sie die Frucht gesucht, die Frucht nicht fand.
Doch ihre Schwester fühlt das Pochen fern
der Schläfe noch und stützt, die halb sich schloß,
des Hauptes bang erblühte Rosenknospe,
vom Abschiedskuß der Sonne überhaucht.
Beträufelt wie vom Nektar schwarzen Mohns
die schwere Dämmerung der Augenlider,
als sagten Wimpern sanft: o Falter fallt.
Kalt ist der Schnee des Seidentuchs, das lose
ihr auf die Schultern sank, Schnee weht die hohe
Dünung der Brust, die etwas Heißes birgt,
das fast zum Muschelfleisch der Lippen dringt,
als weckte sie der Name schon des Argen,
im dunklen Bild im Bild die Maske blaß.
Halboffen blickt die Tür auf schattenlose
Fliesen, wo alles still, als wär verhallt
der Schritt von dem, der ging und kehrt nicht wieder.
Ward auch der Schönen Kummer Schmelz im Schlaf,
der Ohrgehänge Silberfunken wachen.
Siehe:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Vermeer_young_women_sleeping.jpg
Die Milch des Lieds
Milch wie träumendes Licht auszugießen
in der Schale tönendes Rund
murmelt des Kruges schlaftrunkener Mund.
Lied, magst mild wie Milch auch du fließen.
Weicher atmend am Fenster zu stehen
in der laulichen Sommernacht,
einsam, Liebe, bist du erwacht,
fühlst aus Gärten der Ferne ein Wehen.
Nach dem Honig des Sinns noch zu langen,
an die Kerze hältst du das Buch,
Schlaf aber schimmert von Schneelicht ein Tuch,
übers Grasland der Zeichen gehangen.
Findest wieder auf Morgenrots Schwelle
du die tauigen Blüten gestreut,
weißt du, Leben, es strömt dir erneut,
dem es schon graute, vergessend der Quelle.
Damnatio memoriae
Und kratzt du ab auch all den Firnis
von Flechten, Farn und Moosen fahl,
zutage tritt nur Zeichen-Wirrnis,
Verwitterung am Ahnenmal.
Und keiner ist noch, es zu lesen,
und keinem ist die Deutung kund.
Erlauchte Namen, sie verwesen,
behaucht sie nicht der Liebe Mund.
Du magst die bunten Scherben leimen
der Schale, die vom Tisch du stießt.
Die Samen des Gedenkens keimen
nur, wo Narziß die Augen schließt.
Du magst noch ferne Treue glauben,
brach dir ein Alb den Ring entzwei.
Doch wird dir Treu und Ehre rauben
damnatio memoriae.
Wenn die zu lesen nicht verstehen
vom Grab den Efeu niederreißen,
wird bald der Rauch der Namen wehen,
daß niemand wisse, wie wir heißen.
Und haben sie verjaucht die Quellen,
am rein Entsprungenen sich zu rächen,
vernehmen wir statt Hymnen Gellen.
O Muse würg, daß wir erbrechen.
Des Menschen Wille
Und Zungen flammten dir zu Häupten,
daß auch dein Wort ins Dunkel sprühe.
Doch tauchtest duʼs in Bilder, die betäubten,
damit die Qual, die beißende, entfliehe.
Und waren reine Quellen, sanft zu kühlen
mit leisem Rauschen deine Schläfe.
Du aber schlürftest, ein Prickeln noch zu fühlen,
bevor auf trüben Schaum die Seele träfe.
Und sind im Sonnenhain emporgesprossen
der Wehmut Schatten, grüne Zweige.
Doch hiebest wild du, wo Gesänge flossen,
daß eine Schneise dir die Zukunft zeige.
Und schwammen Blüten, keusche Zeichen,
hin über blauen Abgrunds Stille.
Der Glanz des Wassers mußte weichen,
hart war der Spaten, blind dein Wille.
Der Wein des Gesangs
Ein Lampion hängt sein müdes Gaukelglimmen
der Mond in den erschrockenen Baum.
O könnten wir in blauen Lüften schwimmen,
und unter uns blaßte heimatlicher Ufer ärmlicher Schaum.
Uns sind die Herzen hohl wie bronzene Glocken,
ihr irres Pendel seufzt und schwirrt und schwingt,
doch schlägt es an, wie zittern wir, stocken,
bangen, daß die abgenützte Schale springt.
Ein purpurner Tropfen in dämmernden Reben
schimmert die Traube im Abendrot.
O könnten wie stumme Blüten wir schweben
auf schwarzen Wassern, als wäre die Welt uns tot.
Wir sind an einen Pflock aus Nacht gebunden,
den trieb ins Herz der Erde tief ein Dämon ein,
und schürften, die nicht heilen, seine Fesseln Wunden,
den Schmerz betäubt uns des Gesanges Wein.
Stromgesänge, fern verklungen
Der Strahl zog uns aus dunkler Feuchte,
und haftet auch der Seele Asche an,
daß selber sie sich atme, leuchte,
wölkt Anmut ihr ins hohe Blau voran.
Wie lichten Schaumes die Fontäne
fallend steht und stürzend steigt,
über grüne Nächte gleiten Schwäne,
der Dichtung helle Nachtviole schweigt.
Und hat die Klage ausgesungen,
als wär die Hungerleidersprache satt,
sind Sommers Stromgesänge fern verklungen,
auf deine Stirn hernieder schwebt ein rotes Blatt.
Des Wortes Sauerteig
Der Mistkäfer rollt seine Kugel aus Dung,
die ihn wie Sisyphos sein Schicksalsbrocken
beschattet, und rollt sie ihm davon,
aufs Neue dann, kein Halt, kein Stocken.
Das Tier willfahrt dem eingeschriebenen Zweck,
die Eier brütet aus das warme Dunkel
und seine Zukunft nährt der edle Dreck.
Nährt, Mensch, dich nächtens noch Gefunkel?
Der Dichter walkt des Wortes Sauerteig,
er hat nur Tränen, ihn zu nässen,
sinkt, die ihn buk, Sonne ins Schattengezweig,
gefiederter Sänger, magst davon essen.
Walther von der Vogelweide, Diu minne
Diu minne ist weder man noch wîp,
si hât noch sêle noch den lîp,
sie gelîchet sich dekeinem bilde.
ir nam ist kunt, si selbe ist aber wilde,
und enkan doch nieman âne sie
der gotes hulden niht gewinnen
si kam in valschez herze nie.
Die Minne ist weder Mann noch Frau,
hat Seele nicht, nicht Leibes Bau,
kein Bild ist ja, sie zu vergleichen,
ihr Name wohnt bei uns, sie selbst in fernen Reichen,
und doch kann keiner, der sie mißt,
die Gnade Gottes sich erringen.
Sie kam zu keinem Herzen, das voll List.
(Übersetzungsvariante)
Towery city and branchy between towers;
Cuckoo-echoing, bell-swarmèd, lark charmèd, rook-racked, river-rounded;
The dapple-eared lily below thee; that country and town did
Once encounter in, here coped and poisèd powers;
Thou hast a base and brickish skirt there, sours
That neighbour-nature thy grey beauty is grounded
Best in; graceless growth, thou hast confounded
Rural, rural keeping—folk, flocks, and flowers.
Yet ah! this air I gather and I release
He lived on; these weeds and waters, these walls are what
He haunted who of all men most sways my spirits to peace;
Of realty the rarest-veinèd unraveller; a not
Rivalled insight, be rival Italy or Greece;
Who fired France for Mary without spot.
Das Oxford des Duns Scotus
Turmreiche Stadt, wo zwischen Türmen Zweige grünen.
Rufe des Kuckucks, Schwärme von Glocken, lerchenverzückt, krank von Krähen, vom Strom umschmiegt,
unter dir Lilien gesprenkelten Ohrs. Land und Stadt hat es genügt,
in dir zu zerfließen, hier maßen sich Mächte, einander zu dienen.
Der dich ziert, der kurze Rock aus Ziegeln, birst vor Wüten,
daß nachbarlich Natur so gut die graue Schönheit dir gewiegt
so lang. Vor Gier nach Größe gnadenlos hast du das Ländliche besiegt,
ländliches Hüten – Bauern, Bienen, Blüten.
O noch ist mir zu atmen diese Luft beschieden,
die ihn genährt. Diese Weiden und Wasser, diese Wälle, dies war,
wo er geweilt, der vor allen meinen Geist umkränzt mit Frieden.
Des Wirklichen feinst-geäderter Entwirrer. So klar
von unbestrittener Einsicht, die Italien selbst und Griechenland nicht mieden.
Er, Mariens Flamme, der fleckenlosen, in der Franken Schar.
Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/gerard-manley-hopkins-duns-scotuss-oxford/
(Übersetzungsvariante)
I wake and feel the fell of dark, not day.
What hours, O what black hoürs we have spent
This night! what sights you, heart, saw; ways you went!
And more must, in yet longer light’s delay.
With witness I speak this. But where I say
Hours I mean years, mean life. And my lament
Is cries countless, cries like dead letters sent
To dearest him that lives alas! away.
I am gall, I am heartburn. God’s most deep decree
Bitter would have me taste: my taste was me;
Bones built in me, flesh filled, blood brimmed the curse.
Selfyeast of spirit a dull dough sours. I see
The lost are like this, and their scourge to be
As I am mine, their sweating selves; but worse.
Erwachend fühl des Dunkels Fell ich, keinen Tag.
Stunden düster, wie düster mußten wir bestehen
diese Nacht! Was, Herz, du schauen, welche Wege gehen!
Und weiter noch, streift tiefer Lichtes Flügelschlag.
Ich kann’s bezeugen. Aber wenn ich sag
Stunden, mein ich Jahre, ein ganzes Leben. Und mein Flehen
sind Schreie ungezählt, Schreie, wie Briefe, die verlorengehen,
an den Geliebtesten, der wohnt, ach fern, im hohen Hag.
Galle bin ich. Inneres Brennen. Gottes grausames Gericht
ließ Bitterkeit mich schmecken: Und ich schmeckte mich.
Bein sein Gebild, Fleisch füllt den Fluch, Blut läßt ihn wallen.
Geistes Kern ein dumpfer Sauerteig. Schauerlich
schau ich Verschollene, und wie meine Geißel ich
ist ihre Blutschweiß eigner Seele. Doch tiefer geht mein Fallen.
Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/gerard-manley-hopkins-wake-feel-fell-dark-day/
Aus: Vergers
Ô mes amis, vous tous, je ne renie
aucun de vous ; ni même ce passant
qui n’était de l’inconcevable vie
qu’un doux regard ouvert et hésitant.
Combien de fois un être, malgré lui,
arrête de son oeil ou de son geste
l’imperceptible fuite d’autrui,
en lui rendant un instant manifeste.
Les inconnus. Ils ont leur large part
à notre sort que chaque jour complète.
Précise bien, ô inconnue discrète,
mon coeur distrait, en levant ton regard.
O ihr Freunde, keinen laß den Schatten ich zurück,
selbst jenen nicht, der im Vorübergang
des unfaßbaren Lebens süßer Blick
nur war, offen und ein wenig bang.
Wie oft hält einer, eh er sichʼs versieht,
mit einem Blick, einer Gebärde
den andern an, der schon vorüberflieht,
daß ihm ein Augenblick der Wahrheit werde.
Die Namenlosen. Sie ebnen dir, auf daß du lebst,
den Pfad des Schicksals, das ein jeder Tag vollendet.
Entwirre mir, o Fremde, die sich scheu schon wendet,
die Fäden des Gefühls, indem den Blick du hebst.
Der Vers als Bleibe
Ein Veilchen hast geweint du stumm
unter Mondes fühlloser Scheibe,
daß frei er sei von Odium,
dient deinem Duft mein Vers zur Bleibe.
Schien dir der Funkentanz zu kühn
auf rankenden Verses Brücken,
will ich, bei Schatten noch zu blühn,
zu Asphodelen dich entrücken.
Und blendet dich das rühmende Bild,
wenn Feuerknospen sprießen,
soll, was von dunklen Quellen quillt,
Gelispel dir die Lider schließen.
Ist schon mein Abendlied so leis
wie dünnen Dochtes Knistern,
lösch ich das zuckende Gegleiß
und fülle deinen Traum mit Flüstern.
William Butler Yeats, The Cold Heaven
Suddenly I saw the cold and rook-delighting heaven
That seemed as though ice burned and was but the more ice,
And thereupon imagination and heart were driven
So wild that every casual thought of that and this
Vanished, and left but memories, that should be out of season
With the hot blood of youth, of love crossed long ago;
And I took all the blame out of all sense and reason,
Until I cried and trembled and rocked to and fro,
Riddled with light. Ah! when the ghost begins to quicken,
Confusion of the death-bed over, is it sent
Out naked on the roads, as the books say, and stricken
By the injustice of the skies for punishment?
Der kalte Himmel
Plötzlich sah ich den Himmel kalt, umschwärmt von Krähen,
es schien, als brenne Eis und wurde Eis doch immer mehr,
als müßten Geist und Herz gemeinsam untergehen
in Wildheit, kausales Denken lief ganz leer
und ließ mir nur Erinnerung, sinnlos im Schnee,
aus heißem frühen Blut, da Liebe einmal glückte,
ich tat im Rausch der Reue selbst mir weh,
bis ich aufschrie und zitterte, mich Schmerz entrückte,
von Licht durchsiebt. Will wieder, ach, dem Geist es tagen,
nach Sterbebettes Wirren, jagt man mit nackten Füßen
ihn durch Gassen, wie die Schrift es sagt, geschlagen
von der Ungerechtigkeit der Himmel, um zu büßen?
William Butler Yeats, Broken Dreams
There is grey in your hair.
Young men no longer suddenly catch their breath
When you are passing;
But maybe some old gaffer mutters a blessing
Because it was your prayer
Recovered him upon the bed of death.
For your sole sake — that all heart’s ache have known,
And given to others all heart’s ache,
From meagre girlhood’s putting on
Burdensome beauty — for your sole sake
Heaven has put away the stroke of her doom,
So great her portion in that peace you make
By merely walking in a room.
Your beauty can but leave among us
Vague memories, nothing but memories.
A young man when the old men are done talking
Will say to an old man, ‘Tell me of that lady
The poet stubborn with his passion sang us
When age might well have chilled his blood.’
Vague memories, nothing but memories,
But in the grave all, all, shall be renewed.
The certainty that I shall see that lady
Leaning or standing or walking
In the first loveliness of womanhood,
And with the fervour of my youthful eyes,
Has set me muttering like a fool.
You are more beautiful than any one,
And yet your body had a flaw:
Your small hands were not beautiful,
And I am afraid that you will run
And paddle to the wrist
In that mysterious, always brimming lake
Where those that have obeyed the holy law
Paddle and are perfect. Leave unchanged
The hands that I have kissed,
For old sake’s sake.
The last stroke of midnight dies.
All day in the one chair
From dream to dream and rhyme to rhyme I have ranged
In rambling talk with an image of air:
Vague memories, nothing but memories.
Traumscherben
Da ist Grau in deinem Haar.
Junge Männer halten jählings nicht den Atem an,
wenn du vorübergehst.
Mag sein, ein Alter murmelt einen Segensspruch,
weil dein Gebet es war,
daß er den Todeskampf gewann.
Für dich allein – die alle Seelenqual erfahren,
und schuf den andern alle Seelenqual,
das magere Mädchen schon hat gern getragen
die Last der Schönheit – für dich allein
hat abgewandt der Himmel seinen Schicksalsschlag,
so himmlisch war des Friedens Schein,
der um deinen Gang ins Zimmer lag.
Deine Schönheit kann uns einzig lassen
vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen.
Ein junger Mann, tritt er zu alten in die Runde,
spricht einen Alten an: „Erzähl mir von der Frau,
was uns in Leidenschaft erstarrt der Dichter sang,
dem sonst das Alter längst gekühlt das Blut.“
Vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen,
doch wird aus Gräbern alles, alles neu erstehen.
Gewißheit, diese Frau dereinst zu sehen,
wie sie sich neigt, steht oder geht,
in lieblich aufgeblühter Fraulichkeit,
mit meiner jungen Augen Liebesglut,
ließ murmeln mich, als wär ich nicht gescheit.
Schöner bist du ja, als alle andern sind,
doch ein Makel blieb dir nicht erspart:
Deine schmalen Hände sind nicht schön,
und ich fürchte, du brichst auf geschwind
und ruderst, bis dir wund die Hand am Rist,
in jenem See, der mystisch ewig überquillt,
wo rudern, die dem heiligen Gesetz willfahrt,
nun heilig selbst. Wahr dir, damit kein Anschein trügt,
die Hände, wie ich sie geküßt,
und früher Segen sich erfüllt.
Der Stundenschlag zur Mitternacht verklungen,
den ganzen Tag in meiner Dichtergruft
hab ich von Traum zu Traum, von Vers zu Vers gefügt,
im schweifenden Gespräch mit einem Bild der Luft,
vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen.
Blumen
Ihr Augen, Spiegel nur,
und nur für Traumgesichte.
Ihr Blicke, die nicht fordern,
nicht entblößen oder stellen,
sondern weilen, gehen lassen.
Ihr hebt die Zeit in leichtem Bogen
herabgeschwiegenen Lichts
über unsre Ungeduld hinweg.
Getreue dunkel-stummer Mitte,
macht treu uns eigenem Geschicke.
Und sagen wir ein trübes Wort
mit gramdurchwalkter Zunge,
umhüllt ihr gnädig es mit Duft,
o Duft aus fernem süßen Innen,
und tragt es, von sich selbst gelöst
wie von mütterlichen Küssen,
ins blaue Schweigen fort.
Wie trunkener Muse ist die Anmut,
da eure Blütenkronen zittern
vom Tau des Morgenrots,
doch Pollen sind wie Spuren,
verschollener Kindheit Glück,
die unverhofft wir abends
aus hingegossenen Locken pflücken.
Die ihr nicht tastet ungescheut
nach verworrener Herzen Saum,
den, der vorübergeht, kaum merklich streift
und gnädig dämpft die hochgereckte Pracht,
daß ihm der Dämmerung
fahler Schimmer Kühlung schenkt,
wenn Schwestern schaut der Schmerz
in Wasserrosen,
die ihre blassen Lider senken.
Die ihr nicht tönt nach Menschenart
mit Lauten, die sich schamlos stehlen
in die fensterlose Kammer,
wo sterbensmüd wir liegen.
O seid es, Blumen, die uns gönnt
jähen Stillstand nach dem Ächzen
heißgelaufenen Lebensrads.
Ihr überhöht das Kunstgebilde
der kristallenen Vase
mit dem Rätselschaum des Lichts,
dem Sohn der großen Nacht.
Ihr Veilchen Sapphos,
ihr Rosen des Horaz,
und Lilien ihr,
keuscher Wange hingeschmiegt,
ihr Hüterinnen
rein entsprungenen Worts,
daß eure Lippen noch
im Abschied beben:
„Dichter, kehr zurück!“
Dantestraße
Die Namen Wittgenstein und Frege,
sie waren bloß ein zwittriges Gerücht,
auf solch verschneitem Höhenwege
im Lackschuh schritt ein Liebrucks nicht.
*
Sie wähnten sich im Zeitzenith,
Kopernikus war nichts dagegen,
doch war ihr Wirbel ohne Segen,
die alte Sonne hielt nicht Schritt.
*
Die kluge Spinne Sprache webt
und webt die Fäden in den Zweigen.
Sieh, wer noch zitternd daran klebt,
ein Denker, der vergaß zu schweigen.
*
„Substanz das Subjekt“, alter Zopf,
dem alles Puder weggeblasen,
er baumelte dort manchem Tropf
am nackten Hintern hohler Phrasen.
*
Und Blicke dann, die angezündet
noch manches abgedroschne Stroh,
und Lippen dann, die sich geründet,
zog ab mit DER DA Gigolo.
*
Ja, Freiheit! der Enthemmte schreit
und bricht entzwei das edle Glas,
er weiß nicht, daß nur eins befreit,
Gesetz des Rhythmus, lichtes Maß.
*
Die Marxologen, Scharlatane,
die wider Staat und Sitte stritten,
sie rollten ein die rote Fahne
und wurden Volkes Parasiten.
*
Die Bäurische verfiel dem Stenz,
dem Singsang eines stets Bekifften,
er wälzte nieder ihren Lenz,
sie hauchte Duft in seine Schriften.
*
Hegelianer, vom Glitzerfaden
magischer Formeln ins Nichts entrückt,
geht im Branden des Chaos baden,
hat das Herz ihm Liebe umstrickt.
Sieg des Absurden
Wie töricht ist das Wort des Philosophen,
das bauen rät auf eigenen Verstand.
Gilt es ja auch für alle Doofen –
so töricht war der kluge Kant.
*
Die Schwafeln als Diskurs anpreisen,
Geschwätz, das keine Grenze ehrt,
sind Philosophen, die gern reisen,
von keiner Fremde je versehrt.
*
Wie dumm, für alles Gründe geben,
doch das versteht kein Habermas,
wie ohne Gründe alles Leben
erblüht und wieder sinkt zum Aas.
*
Und der gekrächzt im Hörsaal laut,
Vernunft nur könne uns beschneiden
des Widersinnes Runzelhaut,
ein Hutzelweib sah man ihn scheiden.
*
Arg auch die Adorniten,
die mit gespitztem Mund
die zarte Frucht aufschnitten,
die Frucht, so rot und rund,
und zeigten, wie inmitten
begrifflos reinen Seins
der Wurm fraß und verhöhnte
die Opfer süßen Scheins.
Und nichts blieb, was versöhnte.
*
Die Sinn mit Widersinn gepaart,
die Fichte, Hegel und Konsorten,
ach, blieben Träumern sie erspart,
die kopflos knien vor hohen Worten.
*
Wir scheuen nicht den Dorn der Frage,
weshalb der Widersinn uns bannt,
des Aberwitzes Fliegenplage
noch keine kalte Klatsche fand,
warum den Maulwurf wir ernähren,
der Wortes Knospe peitscht zu Staub,
warum die Spinne wir verehren,
die uns verklebt das heitre Laub.
Vor Bildern, die kein Ding mehr zeigen,
nur eines Albtraums schwarzen Fleck,
vorm Fetisch sollen wir uns neigen,
wurmstichig Holz, gesalbt mit Dreck.
Nein, lassen wir uns nicht mehr kirren
vom Unsinn, der sich eitel spreizt,
wir wollen nicht geblendet irren,
wo Aftersinn die Sinne reizt.
Herbstliche Pfade
Und lichtet sich der Staub,
bleibt nur ein stilles Sinnen,
ein unscheinbares Laub
auf Wassern, die verrinnen.
Verebbt der Lärm der Wildnis,
tritt schimmernd aus dem Dunst
des Abends blaues Bildnis
im Spiegel reiner Kunst.
Ist zögernd auch der Gang
den müde Knospen säumen,
bezaubert uns ein Sang
von Vögeln, die schon träumen.
Und hoffen Herbstzeitlosen,
daß früh ein Flügel schwärmt,
hat uns von späten Rosen
noch sanfte Glut erwärmt.
Nach dem Gewitter
Nun ist der Sturm verrauscht, die Wolken flocken
wie weißer Flaum ins neu erblühte Blau,
wenn ferne auch noch Blitze kühlend zucken
und Grollen an die dunkle Macht gemahnt.
Verschonte taumeln wir in grüne Mulden,
wo uns das dunkle Moos von Seufzern trieft.
Aus feuchten Locken pflücke ich dir Sporen
und küsse nasses Glitzern auf vom Nacken,
der braun und weich sich wölbt wie eines Rehs.
Wir schauen, wie der Abend sich verklärt
in einem roten Gold, das zarte Knospen
auf transparente Nebelgaze streut.
Und zaghaft dringt aus dem Gesträuche Zwitschern,
als wäre kleinen Daseins Mund erfrischt
vom Tau, aus dumpfem Traum erwacht das Lied.
Der Strom der Heimat aber trägt die Schimmer
zerflossener Schauer vor den fahlen Mond..
So wandeln abwärts wir die Pfade, säumend,
wo reif die Traube glüht, wie müde Falter,
wenn zitternd eins des anderen Flügel streift.
Frühlingstag am Eifelmaar
Wo Krokus rot und golden Ginster blüht,
auf unsern süß umsummten Frühlingsgängen,
wo blasse Wasser eilen zu den blauen –
dort wollen wir uns in die Augen schauen,
bis sich verschlungne Schatten zögernd längen
und im Saphir des Maars der Mond erglüht.
Du packst aus deinem Rucksack Brot und Wein,
aus meinem ich den Divan unsres Goethe,
so kosten wir des Lichtes Wunderfrüchte –
erhitzt vom Geist der flammenden Gesichte,
kühlt uns der Vögel abendlich Geflöte,
und ferne rauscht ins Meer hinab der Rhein.
Durch die Rinde des Schlafs
Hauch des Abends blättert dich auf,
Strahl der zögernden Sonne
liest dich, streift langsam über dein Aug,
das Maar versinkender Funken,
die zitternden Wimpern des Schlafs.
Laub der Dämmerung hält dich noch wach,
rieselnd von Tropfen des Wohllauts,
dunkelnd von seufzenden Schatten,
umsonst wischst du, was Zwielicht gewebt,
Gespinste vom lallenden Mund.
Stern der Nacht treibt seinen Nagel
dir durch die Rinde des Schlafs,
und dem Mark, das schwieg über Tag,
entsickert das Harz eines Worts,
sein Duft ist herb, dunkel sein Glanz.
Dichterisch wohnet der Mensch
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wo tut es weh? – Oben, im rechten Schneidezahn, Herr Doktor.
Wir können ungefähre Orte für den Ursprung unserer Schmerzen, Lust- und Unlustempfindungen, kurz unserer Leibgefühle, ausmachen.
Doch die Lokalisierung von Empfindungen gehorcht nicht einer spezifischen Geometrie, sei es der euklidischen oder sonst einer. – Wenn wir in eine Stadt reisen, die von unserem Wohnort etwa 350 km entfernt ist, würden wir, wenn wir im Hotel eingetroffen von Zahnschmerzen heimgesucht werden, nicht sagen: „Der Ort meiner Schmerzempfindung ist 350 km von meinem Heimatort entfernt.“
Das Kind hat zwei Kästchen, jeweils mit Buchstaben und Zahlen aus Holz gefüllt. Fragst du es, wo die Buchstaben sind, zeigt es auf das eine Kästchen, fragst du es, wo die Zahlen sind, zeigt es auf das andere.
Fragst du Platon, wo die Zahlen sind, antwortet er: „Dort drüben im platonischen Himmel, sie wohnen gleich neben den platonischen Ideen!“
Fragst du den wissenschaftlichen Linguisten, wo die Buchstaben sind, nach dem Ort unserer Sprache, weist er auf bestimmte Hirnregionen.
Doch was wäre prinzipiell auf der symbolischen Ebene anders, als es nun einmal ist, hätte sich herausgestellt, daß der berühmte Mathematiker Gauß oder der große Dichter Goethe statt grauer Zellen Zuckerwatte unter der Schädeldecke beherbergten?
Erst meinen wir mit dem Kind, Zahlen seien wie Murmeln Dinge, die wir in Kästchen füllen können. Dann merken wir, daß die Anzahl der Dinge endlich, die der Zahlen unendlich ist; es gibt ja zum Beispiel so viele Einsen, Zweien, Dreien, wie es das Herz begehrt. Endlich stutzen wir und merken, daß die Identität von Dingen anderer Natur ist als die Identität von Zahlen (oder Bildern, Vorstellungen, Ideen): Hans hat nur diese eine Prachtmurmel, Petra hat eine, die ihr wie ein Ei dem anderen gleicht, aber es ist eine andere. Doch die Zahl 3, die Hans zur Zahl 4 addiert, ist dieselbe Zahl, die Petra erhält, wenn sie 4 von 7 subtrahiert.
Wir können von Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) nicht auf dieselbe Weise reden wie über Dinge. Das aber heißt nicht, Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) seien im Gegensatz zu Dingen, die wir für physisch, wirklich, konkret, einmalig, an Raum-Zeitstellen lokalisierbar und identifizierbar erachten, metaphysisch, unwirklich, abstrakt und in einem mentalen oder metaphysischen Pseudo-Raum angesiedelt. Daß wir über Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) nicht wie über Dinge reden können, bedeutet, daß die logische Grammatik der Sätze, mit denen wir über Zahlen reden, eine andere ist als die logische Grammatik der Sätze, mit denen wir über Dinge reden.
Wir können die Zahlen nach Kategorien ordnen, wie natürliche, rationale oder Primzahlen; doch die Zahl 5 als Element der Reihe der natürlichen Zahlen betrachtet ist keine andere als die Zahl 25/5 als Element der Reihe der rationalen oder als Element der Reihe der Primzahlen betrachtet.
Das Gedicht Baudelaires in der Originalsprache und seine Übersetzung durch Stefan George sind zwei verschiedene Gedichte; ich kann das eine nicht auf das andere abbilden, wie ich eine geometrische Figur durch Projektion auf eine andere abbilden kann.
Das Gedächtnis ist kein Behälter, Speicher oder Vorratsraum, in dem wir unsere Erinnerungen aufbewahren.
Die Analogie des Gedächtnisses mit einem digitalen Speicher (auf dem Rechner) führt uns in Hinsicht der logisch-semantischen Eigenschaften der Sätze, mit denen wir über unsere Erinnerungen reden, systematisch in die Irre.
Erinnerungen an Dinge, Personen und Ereignisse sind nicht die Schatten oder Abziehbilder von Dingen, Personen und Ereignissen, die wir im Speicher oder Katalog unseres Gedächtnisses abgelegt, eingeklebt oder abgeheftet haben.
Für ein historisches Werk können wir im Anhang einen Index von den Namen all der Dinge, Personen und Ereignisse (Orte, Zeiten) einrichten, jeweils unter Angabe der Seiten, unter denen wir das jeweils vom Historiker Berichtete finden. Doch so funktioniert, was wir Erinnerung nennen, nicht; wir schlagen nicht „im Kopf“ das Buch oder die Annalen unseres Gedächtnisses auf und finden dort mithilfe beispielsweise des Lemmas „Mutter“ all die Seiten, die Berichte über Ereignisse aus dem Leben unserer Mutter enthalten.
Der Vorname unserer Mutter wird zufällig erwähnt; und wir denken unwillkürlich an das junge Mädchen dieses Namens und an eine Episode seiner Jugendzeit, die uns die Betrachtung von alten Fotos vor Augen geführt hatte, Zeit harter Arbeit auf den Feldern oder ausgelassener Feste, lange bevor diese Frau mit uns schwanger ging.
Wir suchen die Erinnerung nicht im Speicher unseres Gedächtnisses auf, sie findet uns wie von selbst. Auf solche Weise schlummern unsere Erinnerungen, wie es Proust so köstlich beschrieben hat, gleichsam in den sich unvermutet öffnenden Schalen unserer gewöhnlichen Wahrnehmung, in einem Duft, einem Klang, einem unerwarteten Wechsel der Atmosphäre.
Wie wurden unsere Erinnerungen wach? Wir können nicht sagen, wir hätten sie geweckt.
Wir können Erinnerungen nicht willkürlich heraufrufen; könnten wir es, wären sie uns schon vorab bewußt.
Wir lernen sprechen und schreiben, aber nicht uns zu erinnern. Wenn die Ampel auf Grün schaltet, erinnern wir uns nicht an die Bedeutung des Signals „Gehen!“, sondern gehorchen gleichsam einem bedingten Reflex, der an die Assoziation der Farbe mit der Bedeutung des Signals geknüpft ist.
Freilich erlernen wir Techniken, andere Personen an uns zu erinnern; wir schreiben eine E-Mail oder eine Einladungskarte.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – Aber auch wenn wir der Feier solchen Angedenkens mit der gebührenden Hochachtung beiwohnen, kann uns die Erinnerung böse Streiche spielen (indem wir unwillkürlich an das berühmte Gemälde von Leonardo da Vinci denken und uns in seiner ästhetischen Betrachtung verlieren, statt zu beten).
Die Gruppe herrscht über ihre Mitglieder mittels Abrichtung ihres Gedächtnisses. Kalender, Festtage, rituelle Begehungen. Aus der Gruppe erwächst der Staat mit seiner echten Kultur des Gedenkens oder einem ideologischen Mummenschanz sogenannter „Erinnerungskultur“.
Wir stellen fest, daß die rote Rose etwa fünf Meter von uns entfernt ist. Aber der Roteindruck, den wir durch sie haben, ist nicht fünf Meter von uns entfernt. Wir können nicht sinnvoll fragen, wo er ist.
Unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, unsere Empfindungen und Erinnerungen befinden sich, gemessen an der objektiven Maßgabe von wissenschaftlichen Geometrien oder Orts- und Zeitmessungen, nirgends, an keinem spezifischen Ort. Die von uns wahrgenommene Farbe haftet weder an der Rose noch an der Retina noch im neuronalen Sehzentrum.
Wir hören das Thema einer Sonate und sehen das Klavier, mit dem es angeschlagen wird; das Klavier steht etwa 20 Meter von uns entfernt auf dem Podium, aber der Höreindruck ist nicht 20 Meter von uns entfernt, er ist weder im Ohr noch im Kopf, er ist uns auch nicht ganz nah auf den Leib gerückt. Wir können nicht sinnvoll fragen, wo er ist.
Wir erhalten die amtliche Mitteilung, uns dann und dann bei der Behörde einzufinden; wir haben die Bedeutung der Mitteilung richtig aufgefaßt. Doch die Bedeutung ist weder das Schriftbild der Mitteilung noch eine mentale Entität in unserem Kopf, die wir wie einen Merk- oder Spickzettel im Kalender unseres Gedächtnisses ablegen oder anheften könnten.
Wir sind, was wir sind, als diejenigen, die Gestalt-, Farb- und Klangeindrücke wahrnehmen und Bedeutungen aus Mitteilungen dechiffrieren, um danach zu handeln. Aber was für die Eigenschaften der Sätze gilt, die über Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen sprechen, nämlich, daß ihre Logik und Grammatik eine andere sind als die von Sätzen, die über Dinge, Personen und Ereignisse sprechen, gilt a fortiori auch für uns selbst als sogenannte subjektive Wesen: Wir sind als solche genausowenig Bezugspunkte in einer euklidischen oder nichteuklidischen Geometrie, wie es unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen sind.
Was wir meinen, wenn wir „ich“ sagen, hat keinen spezifischen Ort in der physikalischen Raumzeit.
Da wir aber als physische Körper Dinge neben unzähligen anderen Dingen und also Bezugspunkte eines raumzeitlichen Koordinatensystems sind, neigen wir zu der irrigen Ansicht, als subjektive Wesen müßten wir Bezugspunkte eines metaphysischen Universums, gleichsam surreale Schatten der realen Dinge, sogenannte Seelen, sein.
Doch die Tatsache, daß wir über uns nicht reden können wie über rein physische Dinge und Ereignisse (es sei denn wir sprechen mit unserem behandelnden Arzt über unsere Wunde an der Hand), bedeutet, daß die Sprache, in der wir über uns angemessene Aussagen treffen, eine andere Logik hat als die Sprache, in der wir über das Wetter, den Autounfall oder die Börsenkurse reden.
Die Sprache der Dichtung ist von dieser Art. Sie hat eine andere Logik und Grammatik als die Sprache über Dinge und Ereignisse, die wir objektiv, sachbezogen oder realistisch nennen, weil wir mittels ihrer Grammatik durch Namen und deskriptive Ausdrücke Dinge und ihre Eigenschaften in der Raumzeit identifizieren können.
So können wir mit Hölderlin in einem starken, präzisen, nicht romantisch verschwommenen Sinn sagen, daß der Mensch „dichterisch wohnet“. Wohnen meint hier nicht, sich da und dort zeitweise oder auf Dauer aufhalten, auf der Erde, in Behausungen, in Räumen, die wir mittels eines physikalisch interpretierbaren Koordinatensystems bestimmen können; auch wenn dieser raumzeitliche Aspekt unseres Daseins mitgemeint ist. Wohnen heißt vielmehr, eine Welt, eine Gegend, eine Sprache und Kultur bewohnen, in einer Landschaft historisch verwurzelt sein, ihr Licht und ihre Schatten, ihre Farben und Düfte genießen und benennen.
Dichterisch wohnen meint, dem unseligen Drang zu widerstehen, die Welt, das eigene Leben, das Leben der anderen als begriffliches oder soziales Konstrukt nach dem immer herrischer faszinierenden Muster des technischen Machens und Herstellens vorzustellen und zur Sprache zu bringen, der Sprache der Technik, der Wissenschaft, der Verwaltung.
Die Räume, die wir bewohnen, sind keine objektiven, geometrisch projizierbaren und technisch nach dem Plan unseres individuellen oder eines kollektiven Willens gestaltbaren faktischen oder sozialen Strukturen, sondern Gegenden und Bauten des über die Sprache uns überkommenen Sinns oder eben des schreienden, kläglichen, trostlosen Unsinns.
Zu sagen, daß wir das Haus der Sprache bewohnen, heißt nicht, das Dasein der stummen Dinge zu leugnen, sondern es allererst als Schatten des Hauses der Sprache, als Horizont unseres Daseins unter der Sonne, als Linie unter den Linien des Lebens zu vergegenwärtigen.
So ist die Zeit unseres Daseins weder im Bild der gleichförmig strömenden Bewegung des Flusses noch nach dem Muster der gleichförmigen Bewegung der Gestirne und Atome oder der ungleichförmigen von subatomaren Teilchen zu fassen und zu ermessen, also mittels klassischer oder moderner Zeitmesser und Uhren; vielmehr nach der Erfahrung dessen, der ungeduldig auf die Wiederkehr eines geliebten Menschen wartet, der den Tag im Lichte der Erfüllung oder des Verzichts, des Zuspruchs oder der Entsagung, der alltäglichen Sorge oder der Erwartung einer festtäglichen Freude anzuschauen sich bemüht.
Ein wesentlicher Aspekt der Zeit unseres Daseins erschlösse sich der Meditation über die Zeile Goethes: „Warte nur, balde/ruhest du auch.“ Denn Warten mit seinen Schattierungen und Nuancierungen der Geduld und Ungeduld, hellhöriger Aufmerksamkeit oder dumpfer Zerstreuung und Langeweile, von Ahnung eigener Sterblichkeit oder billiger Tröstung mittels scheinbar unverweslicher Werke, Zukunftsvisionen und Menschheitsprojekten – Warten, im eigentlichen oder im defizienten Sinn, ist ein Grundmodus unserer Zeitlichkeit.
Herbstabend am Rhein
Wir haben Steine ja am Ufer, Brocken
aus Basalt, von Moos begrünte, drauf
in Ruhe noch zu sitzen und zu schauen,
wie Strahlen überm Wasser sich in Gold
verzücken, wie Schatten, unser beider Schatten,
sanft zitternd ineinander übergehen.
Dort an den schroffen Hängen, wo die Burg
sich aus dem Felsen steigert, glänzt die Nässe,
als wär auf braunen Nacken sie getropft,
und drüber hin ein Himmel, der noch zögernd
des Abschieds veilchenblaue Fahne schwenkt,
die unser Wappen schmückt, der blasse Mond.
Ich kam von hier und du vom andern Ufer,
du brachtest mir die Früchte, ich die Schale,
in grünem Schoß den roten Herbst zu tragen.
Und was gesummt du hast, das leise Lied,
es war die Brücke, hin und wider schwingend,
was drunter rauschte, kam von fernem Quell.
Nun sitzen Fremde wir am Heimatstrome,
und was zu sagen ist, tut schweigend kund
mir deine Hand, die sich in meine schmiegt,
dir meine Hand, die sich um deine wölbt.
Und steigt aus Stromes Nacht uns das Geläute
von Glocken, die bei Ahnengeistern schliefen,
mischen wir entrückter Herzen Gong
in jenen Ton, bis er im Schilf versiegt.
Herz so klein und heiß
Herz so klein und heiß.
Will der Schweif dich narren,
drehst du dich im Kreis.
Wie die Pfötchen scharren!
Was dort liegt vergraben,
Herz so klein und heiß,
Hündchen muß es haben.
Auge, tiefer Teich.
Magst aufs Knie mir legen
deine Pfote weich,
Wasser will sich regen.
Was dort glänzt voll Schweigen,
Auge, tiefer Teich,
Hündchen will es zeigen.
Fell, schneeweißes Vlies.
Pflück ich ab die Pollen,
die der Wind ihm blies,
magst ein wenig schmollen.
Hand soll sanft durchwühlen
Fell, schneeweißes Vlies,
Hündchen wird es fühlen.
Herz so klein und heiß,
hörtest auf zu glühen.
Pflanze dir ein Reis,
schneeweiß soll’s erblühen,
dir und mir, uns beiden.
Herz so klein und heiß.
Bitter ist das Scheiden
Spiegelschrift
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Auch Flocken, die schweben, fallen.
*
Er wähnt, mittels hochtrabenden Geschwätzes zu faszinieren und zu bannen, sie schlägt die Augen auf und alle Knappen knien.
*
Dichtung, die nicht tröstet und lindert und erleuchtet (auch wenn sie schneidet oder sticht oder Schleier webt), bliebe besser ungeschrieben.
*
Der aufgeklärte Simpel meint, Philosophen wüßten mehr als der Alltagsverstand.
*
Wer sich in einen falschen Körper und ein fremdes Geschlecht verhext glaubt, lebt in einem bösen Zauber, von dem ihn auch kein Medizinmann befreien kann.
*
Das Unerreichbare zu wünschen – Quelle des Kummers (wie die Stoiker und Weisheitslehrer wußten); und doch Adelszeichen auf einer von der Muse geküßten oder doch gestreiften Stirn.
*
Und dennoch, törichtes Menetekel auf den Mauern des Campus, damals: „Exigeons l’impossible“.
*
Enttäuschung durch Erfüllung.
*
Ein Mann kann keine Frau werden; das Kriterium des Frauseins besteht in der Fähigkeit, empfangen und gebären zu können.
*
Das Gehirn des Mannes ist anders aufgebaut und vernetzt als das Gehirn der Frau (vom hormonellen Kreislauf zu schweigen); würden die Neuroingenieure sich aber dahin versteigen, Gehirne zu transplantieren, wüßten die Opfer nicht mehr, wer sie waren.
*
Man redet sich selber nicht mit „Ich“ an. – Man fragt nicht nach sich.
*
Man fragt sich wohl: „War ich vor zwei oder drei Tagen im Park?“ Oder: „War ich vor drei Tagen im REWE oder im Aldi?“ Aber nicht: „War ich es, der vor zwei oder drei Tagen im Park war?“ – „War ich es, der vor drei Tagen im REWE oder Aldi war?“
*
Kennt die Physik auch kein natürliches Vakuum, die Dichtung weiß von der leeren Zeit und dem unerfüllten Augenblick.
*
Wie jäh der Blitz des Blickes, wie lang der Wunde Brand.
*
Schatten des Gefühls, Erinnerung.
*
Hoher Schnee, der die Nacht erhellt. Dunkel das glucksende Wasser der Tiefe.
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Zeus zieht die Brauen hoch. Der Aphrodite Wimpern zucken.
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Großvater ging mit mir den Weg „Überm Rath“ nach Güls zu den Moselfischern. Das Schäumen und Klatschen der Flossen im Bottich. – In der Badewanne die sich träge zu Tode ringelnden Schatten.
*
Ares und Eros: Die Grenzen zwischen Tag und Traum, zwischen Grausamkeit und Glanz, Verbrechen und Ruhm verschwimmen.
*
Dem Kurzsichtigen wird alle Ferne ein vages Ungefähr, er blickt verstohlen zur Seite, ruft eine unbekannte Gestalt ihm von der anderen Straßenseite zu.
*
Zu weich das Schülerherz für solche Küsse.
*
Zu herb das Dichterherz für solche Phrasen.
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Genrebild mit Mutter als junges Mädchen. Spätsommernachmittag, im Arm hängt der geflochtene Korb mit frisch gepflückten Birnen, Äpfeln. Sie wischt sich mit der freien Hand die Locken aus der heißen Stirn, verlegenes, kokettes Lächeln.
*
Freizeitlatschen, Jogginghose. Er geht zu den steinernen Delphinen des Brunnens im Park, aus deren gestülpten Lippen der saumselige Strahl herniederplätschert. Er zückt sein Smartphone, hält es kurz hin, und schleicht von dannen, ohne etwas gesehen, etwas gehört zu haben.
*
Barbarisierung der Sinnlichkeit durch Technik. Schnelle Fahrten, optische Strudel und visuelle Siphons, von denen die Bilder der Landschaft verschluckt werden. Das äonenlange Rauschen der Motoren, sein Sieg über das Rauschen des Wassers, der Brunnen, Sieg des Pfeifens der Fabriksirenen über das Schluchzen der Nachtigall. Der Triumpf des Asphalts über das Gedächtnis der Gräser. Das kalte Flackern der Bildschirme, seine zersetzend-verödende Wirkung auf die Anschauung der Bildnisse alter Meister.
*
Die Anmut Mozarts ist keine artistische Allüre, kein musikalisches Konstrukt, keine Erfindung.
*
Der Schatten wandert mit den Sonnenuhren, und mit ihm, daß wir Wehmut fühlen, Erleichterung atmen, die Schönheit, der Schrecken.
*
Cäsar hat den Ruhm der Romania, Napoleon den Makel des brennenden Moskau.
*
„Nachtigall“ ist die allgemeine zoologische Bezeichnung einer Vogelart und die poetische Evokation einer singulären Empfindung.
*
„Gender“ ist nicht der Name eines Begriffs, sein hemmungsloser, mit gesinnungsterroristischen Sanktionen bewehrter Gebrauch ist vielmehr das Kennzeichen einer kollektiven Hysterie.
*
In der Spätromantik gab es hierzulande das seltsame Phänomen der Sonettenwut, ausgetragen unter alten bärtigen Barden wie dem Schulmeister Voß und den gelehrten Schulfuchsern der Gebrüder Schlegel, die so rasch erlosch, wie sie aufgeflammt war; in Japan ereifern sich allerorts schon die kleinen Kinder, sich im Verfertigen der subtilen Gedichtform des Haiku zu übertreffen.
*
„Freie Presse“, „objektive Medienberichterstattung“, „der Wahrheit verpflichteter Journalismus“ – contradictiones in adiecto. Es sind die Götzen und Schibboleths der meist verbeamteten Vertreter einer parasitären Kaste, die desto mehr sich als unverzichtbare Avatare der höheren Moral ins Rampenlicht stellen und die eigenen Fleischtöpfe füllen, je mehr sie ihre Berichte über das Elend der anderen mit scharfen rhetorischen Gewürzen garnieren oder unter geschickter Verwendung zweideutiger Bilder und Phrasen zu ihre höchsteigene Betroffenheit ausstellenden Sensationen hochstilisieren.
*
Wo die Medien, Theater und Ausstellungshallen, die Kindergärten, die Schulen und Hochschulen, vor allem die angeblich freier Künste, staatlicher Aufsicht und ideologischer Kontrolle unterliegen, steigen aus den Sümpfen niederer Begabungen die widrigen Dämpfe der Vulgarisierung des Geschmacks, der Verwilderung handwerklichen Könnens und der pubertären Verunglimpfung der Überlieferung empor.
*
Als es noch keine Presse gab und keine sogenannte Vierte Macht im Staat, schrieb Horaz seine Oden und Vergil die Aeneis, als es jedenfalls keine freie Presse gab, Goethe den Faust II und Hölderlin seine Hymnen. – Der nicht der Zensur, sondern einer Hofintrige zum Opfer gefallene und ans Schwarze Meer verbannte Ovid schrieb dort seine „Tristia“.
*
Wege, die durch eine imaginäre Wildnis führen, kennen wir weniger aus der Prosa als der Dichtung; wir meinen die weinfarbenen Wogen, in die der Kiel des homerischen Hexameters seine schäumenden Furchen zieht, oder die schwarzblauen Strudel im Haar der Geliebten, dessen betörendem Duft der Vers des Dichters nicht widerstehen kann, sich auf die Inseln der glücklichen Hesperiden entführen zu lassen.
*
Der Hund ist der Gefährte des Erzählers auf den schön gebahnten Wegen ihrer gemeinsamen Wanderungen, und pfeift das Herrchen, läuft er freudig herzu und legt ihm einen Tannenzapfen aus der nahen Schonung oder eine wohlduftende Nuß aus dem Gras der heimischen Erde zu Füßen. Die Katze ist die Gefährtin des Dichters, streicht sie auch gern ihm ums Knie und liegt ihm bisweilen, wenn er schreibt, im Schoß, bleibt sie doch anders als der Hund im Wesen ungezähmt und fremd, denn spricht Treue aus den Augen des Hundes, so ein dunkles Rätsel aus denen der Katze, ein Rätsel, das demjenigen des lyrischen Gedichts nicht von ungefähr ähnelt.
*
Der Dichter liest die Seele der Welt in der Spiegelschrift des Wassers; anders als der Himmel der Wolken ist das Blau des Wassers Innerlichkeit und Traum, und in seiner unwirklichen Tiefe sind das Seufzen des Sommergrases und das Stöhnen des Novemberwinds schon verstummt. Und jene Augen, die ihm am Ufer des Sees, beugt er sich tiefer herab, entgegenblicken, erkennt er nicht als seine eigenen, sondern als die einer abgelebten Gestalt seines Daseins, und die Träne, die ihr rinnt, ist nicht das Zeichen der Trauer, sondern der Ergriffenheit der Wiederbegegnung mit einem verloren Geglaubten. Wie das Bild verschwimmt, wenn sie fällt, zählt auch er sich den Verlorenen zu.
Gedämpfter Schmerz
Dein Blick umschleiert,
als löschten Tränen Glut –
gedämpfter Schmerz.
*
Im Schnee der Nacht
Knirschen
rätselheller Schritte.
*
Scherbe auf dem Samt
der Finsternis,
zerbrochner Glanz.
*
Sieh dich im Wasser,
ein Tropfen –
und das Bild verschwimmt.
*
Hohe Trauerfeier,
ein Fenster offen –
Zirpen lauer Sommernacht.
*
Auf dem Friedhof.
„Hol die Kanne!“ –
Grüner Fäulnishauch.
*
Weihrauch blaut.
„Zu meinem Angedenken.“ –
Schwalbe fliegt zur Apsis auf.
*
Holunderbusch,
weißer Schaum
knistert in deinen Schlaf.
*
Das Wort, ein Stich. –
Die Biene stirbt,
das Gift, es kreist und kreist.
*
Wir gehen bis zum Fluß.
Schilf, es bebt.
Still deine Hand in meiner.
*
Der Krug mit Wein,
umgestürzt –
Mücken taumeln.
*
Ging die Kerze aus –
Liebe singt
ihr Licht ins Dunkel.
*
Du wischst vom Stein
Grünspan ab und Moos –
unsre Namen, fremd.
*
Tau an Traumes Wimpern,
Mohn des Abendrots,
Verse, dunkler Duft.
*
Male Grau auf Blau
diese Abendstunde –
ein Grün wär schon zu hell.
*
Langsam wird dein Schritt,
gehst du auf dunklem Moos,
Veilchen, und du weilst.
*
Die Schwalben rufen dich,
der Brunnen blaue Nächte –
dem Wissen sag ade.
*
Kuckucksruf –
und Waldes Odem
überhaucht dein Leid.
*
Hier, des Abschieds Schwelle –
Gedächtnis grünt am Stein,
o treues Moos.
Dreiklang, Einklang
O die Flamme
des Gesanges,
die in Blütenschalen schläft.
*
Dreiklang,
Einklang,
Haiku.
*
Efeu kriecht ins Dunkel,
Eichenstamm
hebt ihn ins Licht.
*
Sich ins Blaue wimpernd,
sich ins Dunkel weinend,
sieht mein Vers, ist blind.
*
Dem Silberweiden flüstern
und das Schilf des Lieds,
Fluß, er sickert trübe.
*
Trippelschritt in Seide,
Blicke feuchter Glut,
Verse, unfruchtbar.
*
Rosen, Flammenhauch,
Lilien, keuscher Tau,
duftlos blaut mein Veilchen.
*
Opal des Meeres, Ode,
maarschwarzer Onyx, Elegie –
Dreivers, grauen Rinnsals Kiesel.
*
Ihr hobt den bloßen Fuß
im runden Takt der Zymbeln –
die Blicke Schmelz von Rehen.
*
Vers, des Farns Gefieder
und Wehens dunkle Rhythmen,
rinnt silbern Tau herab.
*
Die Schleife sanft gelöst
von lauen Windes Lippen –
ein Wasserfall von Locken.
*
Wie lang sind wir gestiegen
hinan zum Gipfelschnee –
und unter uns die Wolken.
*
Sie singt im vollen Mond,
furchtlose Nachtigall,
wir beben schon wie Schatten.
*
Getaucht ins grüne Wasser
fühlt sich die Hand gerettet
vorm Feuer in der Brust.
*
Durch die Nacht der Kiefern
ein Saphir fern, der schmilzt,
das Blau der Adria.
*
Fremd am nächtigen Ufer
plätschert uns noch der Brunnen
im Paradies des Klosters.
*
Flecken im Schneefeld, Krähen,
und leer das Nest des Schlafs –
o Duft der Sommernacht.
*
Stumm und rätselstarr,
Vers, wie eine Mücke
im Bernstein eingesargt.
*
Mein Lied, es wandert
einsam übers Moor –
ein Knochen tönt ihm nach.
Flügelschläge
Hündchen, Kletten im Fell,
hechelnd vom Jagen des Hasen,
legt sanft dir die Pfote aufs Knie.
*
Wo wir im Uferschilf lagen –
wob der Mond ein Netz
für die Seufzer des Wassers.
*
Tropfen
am Faden des Abendlichts –
Perlenschnur des Erinnerns.
*
Apfelbaum, kahl,
gekrümmt
unterm gefrorenen Blau.
*
Abschiedslied,
dem Blatte gleich,
vom Herbst überflammt.
*
Worte duften ja nicht –
zwei Silben, Rose,
glühen um Mitternacht.
*
Flaum im Moos,
Gesang,
o ausgerissenes Herz.
*
Das Kind vergaß die Murmel –
sie schimmert im Sand,
da sich sein Blick schon trübt.
*
Flügelschläge,
der Sommer entflieht –
eine Feder nur ließ er zurück.
*
Trauriger Pfad,
gespenstisches Dickicht –
Veilchen, sie lächeln.
*
Zähne am Zaun –
zersplissener Knäuel,
tändelnder Wind.
*
Wasser im Moos,
kaum hörbar
Schluchzen.
*
Muschel, Inseln
rufen dem Knaben
ins Ohr: „O komm!“.
*
Lied, es tunkt,
wie ein Falter,
seinen Fühler ins Herz.
*
Ahnenmal,
unlesbar die Schrift
unter so viel Dornen.
*
Eines Hähers Schatten
überm Finkennest –
süßes Gezwitscher.
*
Schnee fällt auf Schnee,
Wort um Wort
dichtere Stille.
*
Rufe des Kuckucks
hallen und hallen
im Wald meiner Schwermut.
*
Der Leierkasten der Lüste,
das Hupen der Hast –
ein Kissen über den Kopf!
*
Morgens ein Schrei,
mittags ein Sermon,
abends ein Ach.
*
Der Rosen streut
aufs dämmernde Grab,
schnitt sie aus Flammen.
*
Der Himmel bedeckt,
Heliotrop, es weiß
um die Wege der Sonne.
*
Greis, an den Stock genagelt
Plaketten all der Orte
seiner Amouren.
*
Tausend Blumen,
tausend Namen,
du nur blühst namenlos.
*
Von Düften genährt,
von köstlichen Farben,
im Ödland verhungert.
*
Chrysanthemen,
ihr Lichter der Lust –
mir dunkelt das Gras.
*
Ihr Ozeane,
jubelnd von Gischt –
still meine Maare.
*
Wenn stiller die Kerze tropft –
Großmaul, es quatscht
immer dazwischen.
Wasser –
Spiegelschrift –
klar und rätselhaft.
*
Bunte Blätter,
Windgespiele –
rascheln, ruhn.
*
Gemalte Schale,
weiße, gelbe Blüten –
duftlos und betörend.
*
Getuschte Woge,
lautlos schäumend –
ihr Echo ist mein Lied.
*
In den Schlaf gelallt
von der Litanei
fallender Tropfen.
*
Aus nächtlichen Rissen
taumeln Kristalle
silbernen Lichts.
*
Verschneit die Pfade,
die Gärten im Dunkel –
Stern, er weist den Weg.
*
Im Zwielicht
bilden Kartoffeln
giftige Triebe.
*
Novembermorgen –
Rauhreif auf Dächern
glimmt in der Sonne.
*
Auf verwaister Schwelle
Moos, als grünte
Erinnern.
*
Das Gespinst der Zeit
wischst du ab –
nicht das Erschrecken.
*
Herbstgeruch im Tal –
auf den Hügeln Rauch –
dein Kuß hat noch Sommer.
*
Schnee schimmert im Schlaf.
Die Uhren schweigen. –
Im Boden gluckst es.
*
Richtest du die Blumen,
schneidest an das Brot –
Anmut, traumverloren.
*
Dein Blick trinkt den Tau
am rötlichen Blatt –
fern der Kraniche Schrei.
*
Blaßt das Gold der Tage,
und die Rose verlischt –
leg deine Hand in meine.
*
Schleicht ein Seufzen
durch dämmernde Räume –
Hündchen springt an dir hoch.
*
Stehst allein am Fenster,
Nacht kriecht in das Herz –
Mond, Lampion im Baum.
*
Vase schwebend im Dunkel,
die du schnittest, Rosen –
Gluten, rätselfahl.
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