Visio amoris – visio mortis
Wer liebt, der blickt,
wie durch Gespinst
von Blättern der Erinnerungen,
scheu.
So mag ein Auge künstlerisch
verblasste Farben eines Bilds auffrischen,
das Bruchstück eines Lieds
auf dem Papyrus leicht ergänzen
und eines Amors abgehauenen Flügel
nachbilden aus dem Gips der Phantasie.
Denn keiner lebt so ganz,
dass ihm kein Teil des Lebens,
kein Teil der Seele fehlt.
Wie erst im Wüstensturm
ganz ausgekratztes Blatt,
unterm Schrei des Ares
zersplitterte Gestalt,
von kalten Flammen
weißgelecktes Bild.
Ganz ohne Scheu,
ganz ohne Scham
blickt an der Tod.
Nur des Messias Blick
auf das verblasste Bild,
die Asche der Gestalt,
das leere Blatt
vermag das einst Gemeinte
neu zu schauen.
(Als unansehnlich,
vor Trauer krumm,
du lagst entrückt,
hat deiner Mutter Blick
dich ins Leben
heimgeküsst?)
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