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Durus amor – grausamer Amor

07.09.2026

Vergil, Georgica, 240–263

Omne adeo genus in terris hominumque ferarumque
et genus aequoreum, pecudes pictaeque volucres,
in furias ignemque ruunt: amor omnibus idem.
tempore non alio catulorum oblita leaena
saevior erravit campis, nec funera vulgo
tam multa informes ursi stragemque dedere
per silvas; tum saevus aper, tum pessima tigris;
heu male tum Libyae solis erratur in agris.
nonne vides ut tota tremor pertemptet equorum
corpora, si tantum notas odor attulit auras?
ac neque eos iam frena virum neque verbera saeva,
non scopuli rupesque cavae atque obiecta retardant
flumina correptosque unda torquentia montis.
ipse ruit dentesque Sabellicus exacuit sus
et pede prosubigit terram, fricat arbore costas
atque hinc atque illinc umeros ad vulnera durat.
quid iuvenis, magnum cui versat in ossibus ignem
durus amor? nempe abruptis turbata procellis
nocte natat caeca serus freta, quem super ingens
porta tonat caeli, et scopulis inlisa reclamant
aequora; nec miseri possunt revocare parentes,
nec moritura super crudeli funere virgo.

 

Menschen stürzen hin und die wilden Tiere des Erdreichs
und was wimmelt im Wasser, das Vieh und bunt schimmernde Vögel
in dies glühende Rasen: Amor ist allen gemeinsam.
Dies ist die Zeit, da vergißt ihre Jungen die Löwin,
ungestüm streift sie durchs Gras der Steppe. Gräßliche Bären
ziehen hinter sich her eine blutige Spur in den Wäldern.
Wie der Keiler tobt, wie nie böser wütet der Tiger.
Wehe den Nomaden in der libyschen Wüste.
Siehst du nicht, wie der Pferde Flanken erbeben
unter solch Schauern, sie wittern den Ausdunst der Stute von ferne.
Niemandes Zügel hält sie zurück, nicht das Knallen der Peitsche,
weder Felsen noch enge Schluchten, auch nicht der Flüsse
Anprall, und nicht die Woge, die Brocken wälzt von Gebirgen.
Selbst der Sabiner Hausschwein rast und schärft seine Hauer,
wühlt die Erde auf und reibt am Baumstamm die Rippen,
sich verkrustend allenthalben die Schultern mit Wunden.
Wie nun der Jüngling, dem in den Knochen Glut hat entzündet
grausamer Amor? Er taucht in von Stürmen durchtobter
Nacht noch spät ins schwarze Rauschen, da jählings ins Schloß fallt
über ihm die Pforte des Himmels, wenn brausen an Riffen
brechende Wellen. Nicht hört er den Ruf der elenden Eltern,
nicht die Braut, die sterbend hinsinkt über den Leichnam.

 

Anmerkung zum Verständnis:
Die Übersetzung bewegt sich atmosphärisch frei im hexametrischen Rhythmus, ohne sich beckmesserisch durch jedes Nadelöhr des Metrums fädeln zu müssen.

Der zentrale Begriff „amor“ bleibt unübersetzt, da ein Wort wie „Liebe“ den Aspekt archaisch-grausamer Gewalt verdunkeln würde. Bei dem Jüngling, der in der Sturmnacht im schwarzen Rauschen des Meeres versinkt, handelt es sich natürlich um den sagenhaften Leander, bei der Braut, die sich sterbend über den angeschwemmten Leichnam beugt, um Hero. Vergil nennt die mythischen Namen nicht, um das Überindividuelle des triebhaften Geschehens zu betonen und jeden idyllischen Beigeschmack zu vermeiden. Die semantische Pointe, daß Leander in eine Reihe mit den brünstigen Tieren gestellt wird, bricht nicht ab, auch nicht und gerade dann nicht, wenn wir der düsteren Flamme Amors gedenken, wie sie uns aus der Dido-Tragödie der Äneis entgegenschlägt.

 

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