Die Lerche und die Nachtigall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Ein Kokon ist das hohle Wort,
worin der Sinn verbleicht und abstirbt,
und dünkte eingesponnen
im Dämmerlicht sich sicher.
*
Die Flocke Glück schmilzt hin
beim ersten zarten Anhauch,
des Unglücks Scheite
beugen bald der Anmut
zarte Schultern.
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Euphrosynes leise Töne
dringen durch das harte Wachs
des Stumpfsinns nicht.
*
Was sich mühsam hochgerankt
am fremden Stamme,
Efeu,
stürzt mit dem erstickten
nieder.
*
Glaube, Liebe, Hoffnung spricht:
„Es ist die Nachtigall“,
nüchterne Einsicht:
„die Lerche!“
*
Sprache,
Netz mit den eingefangenen Fliegen,
die noch träumerisch sirren,
schwingt es im Abendlicht,
bis der Schatten
jähen Verstummens
herankriecht.
*
Ist es dieselbe Rose,
die in der Ode geglüht
und nun fahl verdämmert
in der Elegie?
*
Was unabdingbar ist
für den Eindruck des Sublimen,
das „Je ne sais quoi“,
übersteigt die Kunst des Talents.
*
Charme
ist die Mitgift einer Braut,
die sich Märchenritter
oder reine Toren erwählt.
*
Das Fatum wägt
die Frucht der Tat
gegen den Unrat der Untat.
*
Der Beifall der Menge
klirrt im Ohr
argwöhnischen Feinsinns.
*
Der Stoiker stopft sich
vor dem Lärm der Welt das Ohr
mit demselben Wachs,
das die Gefährten des Odysseus
taub machte
gegen den Zaubergesang der Sirenen.
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Im Auge des Nüchternen
ist der Maskenzug der Bacchanten
nur eine lächerliche Farce.
*
Die Tränen sind kein Symptom,
sondern ein echter Bestandteil der Trauer,
während die Unfähigkeit zu weinen
ein echtes Symptom der Melancholie ist.
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Die spirituelle Seelensubstanz eines Platon
oder Descartes hat sich uns in die leibhaftige
Physiognomie der Person aufgelöst.
*
Arglose Jugend beschwingt das Lied der Lerche,
Gesang der Nachtigall lindert die Meditatio mortis
des Alters.
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Kindlich und liebenswürdig ist das antike Bild
vom immer schon verflossenen goldenen Äon
einer sich mütterlich schenkenden Erde;
kindisch und gefährlich die neuzeitliche Idee
eines von Menschenhand zu erbauenden zukünftigen.
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Die Tristesse des Alters tröstet sich damit,
den Weltuntergang nicht mehr erleben zu müssen.
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Die Früchte, die sie nicht pflücken konnten,
erachten die vom Schicksal Benachteiligten
für wurmstichig und faul.
*
Qui auget scientiam auget et dolorem.
Wissen mehrt den Schmerz.
Der Mohn des Vergessens
lindert ihn nur vorübergehend.
Deshalb macht die Musik Wagners
oder die Dichtung Baudelaires
Schwermütige süchtig.
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Der Schwermütige lauscht des Nachts
der Quelle unschuldiger Wasser.
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Die Flamme der Hestia ist hierzulande
fast gänzlich erloschen. Doch der Brand
der Steppe dringt näher und wird die Laren,
die Bilder der Ahnen, nicht verschonen.
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Die Sorge ist die Mutter der Wissenschaft,
aber auch die Amme des Aberglaubens.
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Der Genius loci verwahrloster, vermüllter Plätze.
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Alles ist sinnvoll geordnet, vom Kristall bis zur Blüte,
von der Hand bis zum Auge, vom Gedanken
bis zu seinem sprachlichen Ausdruck.
Was als Chaos zerstörerisch wütet, auch dies gehorcht
Gesetzen ewiger Metamorphose.
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Den unwillkürlichen Versprecher, der Lachen hervorruft,
kann Freud mittels Gesetzen des Traumlebens erklären.
Den Unsinn, den Philosophie bändeweise hervorbrachte,
weiß Wittgenstein auf unwillkürlich wirkende Muster der
Sprache und Fallstricke des Denkens zurückzuführen.
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Mythologische Aperçus auf den Untergang des Abendlands:
Poseidon, der nach Homer zu den Aithiopiern gegangen ist,
kehrt nicht mehr zurück.
Die blonden Götter unterliegen den schwarzgelockten.
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Die lichten Götter starben nicht; sie kehrten als Schatten und
Gespenster der Seele zurück.
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Wer von Liebe spricht, darf vom Haß nicht schweigen;
denn demjenigen, der liebt, gebührt es auch zu hassen, wenigstens
das, was dem Geliebten Schaden zufügen oder es verletzen möchte.
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Gute Geister, wie man sie nennen mag, weilen, wo ein Flecken Lands, ein See, ein Berg, ein Baum, ein Quell nicht nur menschlichem Bedarf dienen muß, sondern sich selbst oder der Gottheit gehören darf, die bei ihm wie die Dryade des Baums oder die Nymphe des Sees verweilt. Daher die Trostlosigkeit und seelische Öde der Stadt, aber auch der industrialisierten Landwirtschaft.
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Sinn, Glück, Erfüllung sind keine Artikel im Warenkatalog; sie kommen nicht auf Bestellung, sind nicht käuflich; sie locken nicht mit dem Glanz der Reklame. Unscheinbar bisweilen gleich dem sich unter unseren Schritten biegenden Gras bleiben sie von uns unbemerkt; doch ist das Gras versengt und häßlich geworden die Erde, freilich, dann sehen wir es.
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