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Schlüssel und Schloß

30.07.2026

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Deutschland soll den Deutschen gehören. Aber ist es sinnvoll zu behaupten, mit der deutschen Sprache verhalte es sich ebenso?

Haus und Hof, Gemarkung und Land können als Rechtstitel den Eigentümer und Besitzer wechseln, können verpachtet, vererbt oder versteigert werden. Aber die Sprache?

Haus und Hof können enteignet, die brandig gewordene Hand amputiert werden. Aber die Sprache; aber das Bewußtsein?

Die amputierte Hand kann dennoch schmerzen. Ist der Wortschwall des Psychotikers mit dem Phantomschmerz vergleichbar?

Nationalsprache heißt Sprache einer Nation. Aber mein staatenloser Freund spricht auch Deutsch.

Man spricht sinnigerweise von den Sitten und Gebräuchen eines Volkes. – Wirkt es deshalb ein wenig albern, wenn Heidegger manchmal mit einer Baskenmütze herumlief?

Manch einem verstockten sich jeder humanistischen Läuterung oder der Wiedertaufe durch einen Charismatiker der Vielfaltssekte verweigernden Reaktionär bleibt es für immer rätselhaft, wie aus exotischen Kulturkreisen Hereingeschneite gemäß dem ihm einzig adäquat scheinenden Prinzip der nationalen Zugehörigkeit, dem ius sanguinis, zu Deutschen sollen mutieren können.

Als wäre das Bewußtsein eine Art Fenster, durch das wir auf die Landschaft des Wirklichen sehen. – Doch können wir die Ohnmacht, den Schlaf, den Tod mit einem Fenster vergleichen, das jählings verschlossen wird?

Als wäre das Bewußtsein eine Art Leinwand, auf die Bilder projiziert werden. – Wer aber sieht sie, versteht oder mißversteht sie dann? – Ein Bewußtsein zweiter Stufe, ein Meta-Bewußtsein? Wohin soll das führen?

Du löst eine Fahrkarte und nimmst den Zug, um da und dort, in dieser oder jener Stadt deinen Freund zu besuchen. – Du träumst, du wirst von dem Bahnangestellten am Schalter gefragt, wohin die Reise denn gehen soll, und du erinnerst dich nicht an den Namen der Stadt. – Sind wir hier nicht geradewegs in Kafkas Traumwelt versetzt?

Als wäre die Welt einteilbar in Ich und den Rest. Oder wie die Philosophen sagen: Subjekt und Objekt. – Aber ist die Sprache ein Moment des Ich-Bewußtseins, ein Ding der Umwelt? Weder das eine noch das andere.

Im Labyrinth der Zeichen herumirren, ohne es zu wissen.

Schopenhauer teilt mit seinem Erzfeind Hegel jenseits aller weltanschaulichen Differenzen wie Optimismus und Pessimismus, ohne es zu bemerken, dieselben in sprachlichen Mustern und Bildern tief eingesenkten Vorurteile; die aus der Grammatik abstrahierten Funktionen von Subjekt und Objekt, ich, du und er, sie, es, Zeitformen des Verbs usw.

Die Schamlosigkeit und Frivolität, welche die einen als Liberalität feiern, verachten ihre Feinde als Symptome von sittlichem Verfall. – Sollte es hier keine objektive Sicht auf die Dinge geben, nun, dann bleibt nur der kulturelle Kampf.

Wir können in dem von Menschen betretenen Mond weder Selene noch Luna mehr wiedererkennen.

Was der Dichter, der die Ode auf eine griechische Urne schrieb, beklagte, was der Dichter der Hymnen an die Nacht beschwor, ist uns zur Wüste des Geistes geworden.

Der Schlüssel mit dem richtigen Schlüsselbart paßt ins Schloß. – Doch nur im Märchen schließt der Zauberspruch „Sesam, öffne dich“ die geheimnisvolle Höhle auf.

Obwohl er den passenden Schlüssel bei sich trägt – hat er es vergessen, vergessen, daß er selbst der Schlüssel ist? – versucht er, herrisch die Tür mit Gewalt aufzuschlagen; oder er kniet davor, sklavisch-devot um Einlaß bettelnd.

Mit der richtigen topographischen Karte gelangt der Wanderer an sein Ziel. – Freilich, er muß sie zu lesen verstehen.

Das Bild von Schlüssel und Schloß oder der richtigen Passung ist kein Bild für ein adäquates Verstehen. – Die sexuell optimal aufeinander abgestimmten beiden Geschlechter können ein Kind zeugen, auch wenn sie ansonsten aneinander vorbeireden oder vorbeileben.

Das Nächstliegende verhüllt uns der Schatten, den wir selbst darauf werfen.

Der scheinbar eingebürgerte gesetzestreue Jünger des Propheten führt Krieg gegen die Ungläubigen gerade in dem Land, das ihn großzügig aufgenommen hat, weil er es schon für sein eigenes erachtet und folgerichtig vom Abschaum all dessen, was nicht halal ist, reinigen will, ja, es davon zu reinigen sich berufen fühlt.

Am Ufer sitzen, verborgen im Schilf, und ungerührt wie im Traum schauen, was alles im aufgewühlten Strom der Zeit vorübertreibt: Blätter, Zweige, ausgerissene Baumstämme, Stühle, Tische, Schränke, Kronleuchter, Gemälde, Bücher, Kadaver von Tieren, abgeschlagene Köpfe von Menschen.

Warum sollte man das Praeteritum für ein Praescriptum nehmen?

Nichts, was geschehen ist, verpflichtet uns unmittelbar – weder zur Nachahmung noch zur Abwehr.

Ungezügelte Kindheit, gedankenlose Jugend, wichtigtuerische Reife, in Stumpfsinn versinkendes Alter.

Die Parallelen von Mann und Frau schneiden sich nur im nichteuklidischen Raum dichterischer Einbildungskraft.

Götter, Götzen, Idole – Phantome unerfüllter Sehnsucht, unerfüllbarer.

Es gibt keine höhere Instanz, die uns befiehlt, die Haltungen und Maßstäbe des gegenwärtigen Zeitalters anzubeten oder nachzuäffen.

Die nobelste Flucht ist jene in künstliche Paradiese.

Mozart, Schubert, Bruckner: auf daß wir die dämonischen Einflüsterungen der Schwermut übertäuben.

Noch der häßlichste Geist findet einen Spiegel, aus dem er sich entgegenlächelt.

Selbst des Nachts findet Trübsal in der schmutzigsten Lache noch ein Tröpfchen Glanz, ist nur der Mond ihr gewogen.

Die meisten wachsen über ihren angeborenen physiognomischen Typus nicht hinaus zu nur ihnen eigentümlichen Zügen.

Die zeitlosen physiognomischen Typen von Mann und Frau lesen wir von den mythologischen Bildern der griechischen Götter und Heroen, Göttinnen und Heroinen ab. – Auch die römische Komödie läßt sie Revue passieren.

Einer intelligenten flinken Ratte gleich springt der Psychoanalytiker über die labyrinthischen Abwasserkanäle der Seele.

EIN Los mußtest du ziehen; ein unbeschriftetes gelte dir nicht als Niete, denn leer auszugehen ist hier und heute vorteilhafter als mit einem Los versehen worden zu sein, auf dem ANMUT steht, GRÖSSE oder GENIALITÄT.

Genialität wird ja lange schon verächtlich gemacht, der Begriff Genie als billiges Klischee für ein verlottertes, verdächtig schillerndes Bohèmeleben mißbraucht.

Heute schätzt man den Künstler als einen Bruder des Ingenieurs, der sein Werk nicht schöpferisch hervorbringt, sondern planmäßig konstruiert, nicht aus der spontanen Intuition schöpft, sondern es wie die Tüftler serieller Kompositionen einem technischen Verfahren unterwirft.

Schopenhauer, einer der letzten Apologeten des Genies, war selber eines, das man als verschroben, selbstherrlich, dem Fortschrittsglauben abhold, obendrein misogyn und antierotisch abgetan und aus den akademischen Curricula getilgt hat.

Man folgt den angeblichen Meisterdenkern, die ihre Trivialität hinter einem rhetorisch aufgeputzten Blendwerk cachieren.

Anmut, Schönheit, Genialität – diese Trinität des höheren Daseins, die heute nichts als Verachtung, Häme und Argwohn auf sich zieht.

Hölderlins Dichtung gewann Größe und Tiefe TROTZ Hegel, Fichte und all den idealistischen Schrullen aufgrund seiner Versenkung in Pindar und Sophokles.

Notzüchter der deutschen Sprache wollen das Licht Goethes unter den Scheffel ihres mediokren Gender-Gewäschs stellen.

Ein nicht gerade reinrassiger Straßenköter pinkelt an das Denkmal des Sprachpuristen Karl Kraus.

Edle Diktion gilt für das Feigenblatt vor einer Genitalverkümmerung.

Die einst liebevoll gepflegten Beete mit den Veilchen und Anemonen eines zarteren dichterischen Empfindens sind von den quiekenden Schnauzen der ausgebrochenen Vulgarität zerwühlt worden.

Der neurotische Deutschlehrer, durch den wir auf die Spur eines Trakl, Rilke und Celan gelangten, stand des öfteren sommertags während des Unterrichts am offenen Fenster und versank bei schwirrendem Vogelgezwitscher in Absencen; er wurde seines Postens enthoben, weil er – so ging das Gerücht – während einer Klassenfahrt auf wohl ziemlich lächerliche, unbeholfene, gleichwohl als sexuelle Belästigung ausgelegte Weise pubertär kichernden Mädchen zu nahe gerückt sein soll.

Die Tinte, womit man die großen Worte Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit über die Bekenntnisschriften und Pamphlete geschrieben hatte, war noch nicht trocken, als sie von den Flammen des von ihnen inspirierten Schreckens zerfressen wurden.

In der Lehre der abgemagerten Asketen ist der fette nagende Wurm die Quintessenz des Fleisches.

 

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