Weihnacht bei den Kirchenmäusen
Ein Weihnachtsmärchen
Der Waldmaus schlug das Herz hoch. Jetzt hatte sie sich doch verlaufen. In ihrem Wald! Doch war er wohl größer und tiefer, als sie geahnt. Und ihr Herz schlug hoch, und ganz im Takt des Ding-dong, Ding-dong, das sie von einem dunklen Glockengeläute in der Ferne vernahm. Auch wenn es schon dämmerte und ihr Trippelschritt immer öfter im hohen Schnee versank – der Klang der Glocken hatte es ihr angetan, dahin zog es sie, dahin musste sie fliehen!
Mit einem Mal gelangte die Waldmaus auf ein weites, offenes Feld, nur Streu und Halme und Steine bedeckten den kargen Grund. Wie war es plötzlich mäuschenstill! Das ferne Läuten war verstummt. Und das kleine Mäuseherz pochte und klopfte wild. Wo war sie bloß, fragte sich die Maus, wo sollte sie hin? Auch eine Maus befällt manchmal Ratlosigkeit.
Das Mäuschen aber fühlte sich nicht nur ratlos, sondern auch recht trostlos – war es doch mäuseseelenallein, seitdem ihm kürzlich die böse Katz Vater, Mutter und Geschwister gestohlen hatte. Ganz verwüstet und verschandelt fand es das heimische Nest, als es von einem ihrer kleinen abenteuerlichen Ausflüge in den Wald zurückgekehrt war. O, wie streng hatte der gute Vater ihr diese heiklen Exkursionen verboten! Alles sah aus wie Kraut und Rüben, die Regale, auf denen die Mutter die Tässchen und Kännchen reihte, heruntergerissen, Stroh und Moos aus den Bettchen zerpflückt, und ihre lieben Kiesel- und Glitzersteinchen, ihre Haselnüsschen, Zäpfchen und Obstkerne, die sie eifrig gesammelt hatte, alles war zerstreut in die Kreuz und Quere. Und kein Piepsen, kein einziger Mäuselaut, kein mäuseseliger Hauch!
Plötzlich erspähte die Waldmaus in einiger Entfernung fröhlich flackernde Lichter und sie tippelte neugierig näher. Es war eine kleine Schar von Jungen und Mädchen, kleinen und größeren Kindern, alle fein herausgeputzt, gekämmt und gestriegelt – roch es nicht nach Lavendel, nach Rosenöl? Das Mäusenäschen kringelte sich schnuppernd in die Luft. Ja, die Kleinen hielten brennende Kerzen in Händen. Da gab der große Bub an der Spitze des Zuges den Ton an und alles stimmte ein:
Wir Kinder kommen zu dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du das Licht der Welt uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Die Waldmaus dachte: „Wo gute Kinder Kerzen tragen und liebe Lieder singen, da darf ich Mäuschen spielen!“ Und sie tippelte den Kindern emsig hinterdrein. Wo mag die Kinderschar sie wohl hinführen?
Die Kirchentür stand weit offen. Die Kinder hielten mit ihren Kerzen feierlich schreitend Einzug in das hohe Kirchenschiff, wo neben dem Altar die Krippe stand und eine fein geschmückte, hohe Tanne erstrahlte. Die Stimmen der Kleinen vermischten sich alsbald mit dem großen Chor der versammelten Gemeinde:
Die Menschen sehnen sich nach dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du ihr Tröster und Heiland bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Die Waldmaus hüpfte freudig über die Schwelle und schlängelte sich behutsam in dem leeren Seitenschiff die Wand entlang. Da verstummte der Gesang – doch ins Ohr der Waldmaus flüsterte und lispelte es süß: „Schön, dass du zu uns kommst, liebe Waldmaus. Komm nur mit und folge mir zu deinen Verwandten, den Kirchenmäusen.“ Und ein putziges Mäuslein trippelte freundlich vor ihm her, das hatte ein helleres Fell als die Waldmaus, dazu war es pittoresk mit einem Umhang aus schwarzglänzender Seide bekleidet und auf dem Kopf trug es ein niedliches Mützchen, gefaltet und spitz geformt aus altem Pergamentpapier – man sah noch Zeilen von seltsam verzierten Buchstaben und das verblasste Farbenspiel einer Initialen.
Es ging durch Löcher und Höhlungen immer tiefer hinab in das Erdreich. Da verschnaufte das Kirchenmäuschen und die Waldmaus sah nur ein Paar schwarze Augentröpfchen glitzern. „Ich heiße Josefine“, keuchte die Kirchenmaus, „wie heißt denn du, einen Namen wirst du doch haben, wenn du auch eine Waldmaus bist!“ Da erwiderte die Waldmaus recht lieblich: „Mein Name ist Ildefons und bin aus dem Stamme der Ildefontes.“ Da wisperte Josefine zärtlich: „Du darfst mich Fine nennen!“
Josefine, die Kirchenmaus, geleitete Ildefons, die Waldmaus, in die uralte Krypta tief unter dem Altar der Kirche. Da war nun die bescheidene, aber glänzend gepflegte und geputzte Wohnung der Familie Kirchenmaus: Die Mutter hatte Plätzchen gebacken, mit Mehl und Flocken, Zucker und Zimt, Rosinen und Datteln, Mandeln und Nüssen. Und diese verteilte sie den Mäusekindern auf zierlichen Muschel-Tellerchen, die auf Blättern von Salat und Wirsingkohl standen. Der Vater stopfte noch ein wenig Moos in den Grund der Krippe, da lag ein zierliches Jesuskind, aufs Artigste aus dem weichen Holz des Kirschbaums gesägt und genagt, umrahmt von Maria und Josef und dem Ochsen und dem Esel. Dann versammelte sich die Familie um die Krippe und sang und wisperte hell und klar:
Alle Mäuslein fliehn zu dir, mein Christ,
aus tiefer Nacht und Dunkelheit.
Weil du des Maustums Licht uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Josefine aber saß dicht bei Ildefons und hatte zaghaft das Köpfchen auf seine Schulter gelehnt. Dann begann ein fröhliches Knuspern und Knabbern, ein herziges Knittern und Knistern. Schließlich überreichte der Mauspapa dem Gast eine Nussschale, gefüllt mit süßem Honigwein, auf dessen Herstellung sich die Kirchenmäuse bekanntlich so gut verstehen. Ildefons nippte artig und dankte für die großherzige Gastfreundschaft. Da sprach die Mäusemutter feierlich: „Mein lieber Ildefons, wir wissen um dein hartes Schicksal. Du sollst mehr sein als unser Gast, schau her, das ist von nun an deine neue Familie!“
Und die Waldmaus kam nicht umhin, sich eine winzige Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. Als ihr Josefine aber einen neuen schwarzseidenen Umhang umlegte und ein frisch gefaltetes, spitzes Hütchen aus dem Pergament eines zerfledderten, alten Gesangbuchs aufsetzte, war er froh wie nie in seinem kleinen Mäuseleben.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.