Übermensch und Käfer
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Evangelien und das Kommunistische Manifest verblassen; die Zukunft der Welt gehört Coca-Cola und der Pornographie.
Das Abendland wird tot sein, wenn es nicht mehr die Gegenwart Griechenlands in einer christlichen Seele ist.
Nicolás Gómez Dávila
Auch in Spiegelschrift geschrieben wird die Lüge nicht wahr.
Abschied ohne Grollen, oder was ärger wäre, verpaßten angeblichen Erfüllungen hinterherzujammern – wenn man der Wahrheit ins Angesicht zu blicken wagte, oder was schwerer wöge, ihrer Demaskierung als Illusion.
Der Tropfen am Eimer, der wir im fernen Angesicht des transzendenten Gottes des Jesaia sind, findet sich bei Klopstock wieder. Aber ist nicht das späte Hymnenwerk Hölderlins von diesem Naß gleichsam besprengt wie die Ranken des Weinbergs vom Morgentau?
In der Dämmerung sitzen und in eine unbestimmte Ferne stieren, und gefragt, was man gesehen, antworten: den Schatten des Monds am Grund der Seele.
Das von sich selbst bezauberte Ego, wie es uns lächelnd, plaudernd, Begehren weckend, in beständigen Metamorphosen einer gleichsam schillernden, leeren, transparenten Substanz bei Thomas Mann im Hochstapler Felix Krull entgegentritt.
Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Der Scharlatan, der rechtens von der Ost-Akademie wegen geistiger Unreife relegiert wurde, macht im Westen Welt-Karriere, indem er bis zur Erschöpfung aller ihm spärlich zur Verfügung stehenden künstlerischen Mittel das Bildmotiv auf den Kopf stellt.
Bewunderung ist das Mittel, sich vor dem verstörenden Eindruck des Vollkommenen in sich selbst zu retten.
Was geht’s mich an – die Formel, die uns, ins Meer der Elendsbilder verschlagen, als Rettungsring dient.
Gaias Küsse kann der Dichter ihr nur rauben. Doch geraubte Küsse schmecken bitter.
Wir sind gleichsam schräg in die Tierwelt hineingestellt.
Kostspielige wissenschaftliche Idiotie spricht von Gehirnen, die denken, von Affen, die sprechen und kulturelle Traditionen weiterreichen.
Wenn sich schräge Vögel vor dem Spiegel von Gedichten, wie manchen Rilkes, plustern, kann sein Kristall nicht ganz frei von Trübungen sein.
Wir sind wie das Gras. – Ausdruck der Erhabenheit der jüdischen Gottesidee.
Weil wir in dieser Weltstunde erwachten, sind wir nicht gehalten, diejenigen, die uns vorausgingen, zu verwerfen oder zum unantastbaren Maßstab zu nehmen.
Die dumpfen Schreihälse eines auf Sand gebauten tausendjährigen Reiches haben es vermocht, selbst einen edlen Geist wie Thomas Mann in hohl klingende rhetorische Wendungen zu verstricken.
Propheten, die ein Volk um sich scharen, das ihrer Kunde willfahrt oder trotzt, dürfen sich rechtens erwählt fühlen. Hölderlin, dessen Spätwerk sowohl den Geist Pindars als den Jesaias atmet, dieser Prophet ohne Volk, der sich dennoch erwählt glaubte, mußte den Verstand verlieren.
Prophet ohne Volk, das verkannten die marxistischen Exegeten Hölderlins.
Kränkung muß ja kommen. Schon der erste Strahl, der blendet, genügt.
Wittgenstein, der wähnte, alle philosophischen Probleme gelöst zu haben, glaubte sich in das einfache Leben als Dorfschullehrer in der österreichischen Provinz zurückziehen zu können. Vergebens. In neuer Gestalt klopfte die Frage wieder an die Pforte seiner bescheidenen Behausung.
Der Scharlatan, die heute herrschende Figur unter den sogenannten Kunstschaffenden, kann ja die anderen nur betrügen, wenn er sich selbst betrogen hat oder in dem lebt, was der französiche Moralist mauvaise foi nennt. Er lügt demnach nicht, denn wer lügt, kennt die Wahrheit.
Die ungelesenen Bücher, die sich neben dem Bett des Erblindeten stapeln.
Le style c’est l’homme. – Nein. Goethe, der in allen möglichen Stilen hat dichten, aber auch leben können (im blauen Rock und im Staatsfrack), war darum keine multiple Persönlichkeit.
Der treue Assistenzhund, der den drohenden epileptischen Anfall wittert, noch bevor sein Besitzer die anbrandende schwarze Woge verspürt – er ist ebenso weit von der Welt des Menschen getrennt wie die Blüte von der Welt der Insekten, die sich von ihrem Nektar nähren.
Die Rose Dantes duftet nicht, und ihre Farbe ist ebenso surreal wie der engelhafte Teint seiner Beatrice.
Die Früchte sind reif, bevor sie fallen. So auch, wenn Gott will, unser Geist.
Die Pracht von Wohlgeformtheit und Farbe, die Süße des Fruchtfleischs sind Lockmittel für die Vögel und andere Tiere, die die herabgefallenen Früchte verzehren und damit einem Zweck dienen, von dem sie nichts wissen.
Geisteskrank durch Meinungen, die sich Viren gleich in den Blutkreislauf des Gegenwartsmenschen schlichen.
Alle suchen sich gegeneinander abzuheben mit den Abzeichen und Insignien ein und desselben vulgären Geschmacks.
Demokratische Prozeduren im Aufklären der Wahrheit führen zu ihrer völligen Verdunkelung.
Das Sublime gilt dem Massengeschmack für ein Zeichen von Lebensuntüchtigkeit.
Die satanische Ästhetik ist vulgär, daher ihre mahlstromartige Anziehungskraft.
Demokratie in Kunstdingen heißt Massenfabrikate und serielle Geschmacklosigkeiten.
Im Schatten von Fassaden ohne Gesicht verblaßt auch die Physiognomie der dichterischen Sprache.
Das sublime Gebilde, Muschel, herangereift im Dunkel des Einst, an den Strand geschwemmt von verebbenden Fluten, von den Hämmern des Fortschritts wird es zerschlagen.
Nach oben zu schauen, in ein Licht, das reiner strahlt als die Funzel der Mittelmäßigkeit, gilt schon als Hochverrat am Ideal der Egalität.
Die Chöre der Engel haben Ränge, und die Erwählten dürfen sich getrost an den Säumen aufstellen, um ihre Stimme bedachtsam in den Gesang zu mischen. In der Hölle grölen alle wie aus einer Kehle.
Am Virus des Zeitgeists Erkrankte wittern am edlen Reis, das in der Abenddämmerung schimmert, nur den eigenen Fäulnisgeruch.
Emanzipierter Schwachsinn pocht auf die Überwindung aller Vorurteile und hält sich selbst für vorurteilsfrei. Doch jenem, der auf seinem eigenen Urteil besteht, verpaßt er einen Maulkorb.
Berechtigte, erfahrungsgesättigte Vorurteile halten uns auf Distanz von jenen, die uns übel wollen.
Etwas zähneknirschend zu dulden heißt nicht, es zu billigen.
Welche Peitsche hat der Geist wider die Dämonen, die ihn umlauern?
Der Dompteur will sogar, daß sich die Bestien beim Knallen der Peitsche, wenn auch knurrend und widerstrebend, anmutig, ja tänzelnd bewegen.
Tauben sind nicht monogam, sondern instinkthaft aneinander gebunden.
Monogamie ist eines der kulturellen Muster, die zur Blüte der abendländischen Kultur beigetragen haben.
Daß es Höherbegabte und Genies gibt, stört den gemeinen Mann keineswegs; nur den ideologisch verhetzten.
„Volk“ ist ein aristokratisches Konzept.
Der Antirassist ist verstört und empört angesichts der unabweislichen Tatsache, daß Begabungen und Idiotien ungleich über Rassen, Völker, Nationen und Kulturen verteilt sind. So sind ja auch die Begabungen von Mann und Frau genetisch sinnvoll differenziert auf die Geschlechter verteilt. Deshalb faszinieren den Gleichheitsfanatiker wenn auch heimlich die Vorhaben, der Egalität durch Eingriffe in die Keimbahn auf die Sprünge zu helfen.
Reinheit ist das theologische, metaphysische und rituelle Ideal des frommen Judentums, eine unmittelbare Implikation der transzendenten Gottesidee, die bis auf die Unterscheidung reiner und unreiner, also zum Opfer geeigneter und nicht geeigneter Tiere, und auf die rituelle Kleidung und das asketische Leben der Tempelpriester ausstrahlt, wie man den anthropologischen Studien einer Mary Douglas entnehmen kann. – Deshalb hat die Obsession des Antirassisten von der Vermischung der Völker und Kulturen unterschwellig stets ein antisemitisches Moment.
Reinheit ist auch das ästhetische Ideal metaphysischer Dichtung, ob bei den englischen Dichtern des 17. Jahrhunderts wie Gerard Manley Hopkins oder im Hymnenwerk Hölderlins: Ein Rätsel ist Reinentsprungenes.
Vom klanglichen Wohllaut und rhythmischen Ebenmaß der Oden Hölderlins läßt sich sagen, sie seien makellos.
Die Überhastung im Denken, Reden und Tun, mit Goethe zu sprechen, reißt nicht nur Individuen, sondern ganze Völker, Nationen und Kulturen in den Abgrund.
Zeichen von Unreife: etwas sein wollen, was man nicht ist.
Nur Selbstverblendung wähnt, aus einem Grundsatz alles ableiten zu können. – Aber die Begründungen brechen unvermutet ab oder verdünnen sich an den Rändern des Sagbaren bis ins Unsagbare hinein.
Hochmut oder Demut, dazwischen gibt es nur Lauheit und Mittelmaß.
Demut: Also hat der Mensch von Natur aus kein Recht.
Selbst die Rede von der Pflicht grenzt, wie bei Kant ersichtlich, an Anmaßung.
Wie lächerlich, eine erbarmungswürdige Kreatur wie den Menschen vergötzen zu wollen. Wie paradox der Glaube, der transzendente Gott habe sich in ihr inkarniert.
Die im Futteral staatlicher Fürsorge verwahrte Seele erstickt.
Nach dem Tode Gottes erscheint nicht im Glanz seiner Selbstermächtigung der Übermensch Nietzsches, sondern der in einen Käfer verwandelte armselige kleine Handlungsreisende Kafkas.
Der erste Schrecken ist das Ausgesetztsein in blendendes Licht, der letzte das nahe Dunkel, das uns aller Bedeutung beraubt.
In Bruckners letzten Sinfonien bricht die Transzendenz so unvermittelt herein, als würde der Himmel einstürzen.
Dem Einbruch der Transzendenz geht das apokalyptische Chaos voraus – so auch in Bruckners 8. Sinfonie.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt. – Also hat diese Welt keinen inhärenten Sinn. (So postuliert es auch Wittgenstein im Traktat.)
Es gibt einen transzendentalen Humor, der das Grauen für gesegnete Augenblicke von sich abstreift.
Wenn der Priester seine Blicke nicht zu Gott erhebt, sondern den Rücken nach Osten gewandt gleichsam den hereinbrechenden Strahl verdeckt und auf Augenhöhe zur Gemeinde schaut, wird die Liturgie ihres reinen Sinnes beraubt.
Sie beten nicht um Erlösung, sondern betteln um Therapie.
Wittgenstein lehrt, die Gründe in der Schwebe zu lassen, die Knoten der uns bedrängenden Rätsel geduldig zu entwirren und den Zweifel in Zweifel zu ziehen.
Wer das Profane nicht als Profanes erkennt, ist schon des Teufels.
Die Irrtümer und Irrlehren des Zeitgeistes kann man ihm nicht widerlegen; man kann nur auf seinen Untergang hoffen.
Sinnesreizen wie Klängen zu nachzugeben befriedigt, solange wir der Gefangenschaft, des sensorischen Verhaftetseins, nicht innewerden. Doch blicken wir durch das Gitterwerk, das Reize und ästhetische Wahrnehmungen verbindet, sind wir gleichsam geistig gelockert und vermögen allmählich Sinnzusammenhänge wie die Formen eines Sonatensatzes, die Struktur einer Fuge oder die metrisch-rhythmische Gestalt einer Ode ahnungsweise oder divinatorisch aufzufassen.
Was wir mit ästhetischen Reizen assoziieren, ist oft, da aufgrund von Gewohnheit konditioniert, konventionell, wie das Bild der Rose mit ihrem Duft oder dem dichterischen Symbol von Schönheit und Fülle. Der Maler, der in einer Nature morte unter die Rose einen herabgefallenen, toten Falter plaziert, sagt uns schon mehr.
Der Dichter, der vom Fächer spricht, und uns zumutet, sein Gedicht selbst als einen Fächer aufzufassen, hinter dem sich geheimnisvoll ein Antlitz verbirgt, gibt uns mehr als eine hergebrachte Assoziation, berührt einen tieferen dichterischen Sinnzusammenhang.
Auf ein transparentes Hindernis, ein unsichtbares Rätsel stoßen, wie die Fliege in Wittgensteins Fliegenglas.
Auf der Nadelspitze des zu Ende gedachten Skeptizismus – tanzen.
Zeitgemäßheit ist der Fetisch der Ephemeren.
Der Mensch entwickelt sich nicht, sondern versprüht sich wie der Komet seinen Schweif im Dunkel der Weltenleere.
Würden all unsere Wünsche wie durch schwarze Magie augenblicks erfüllt, wäre die Erde menschenleer.
Der Fährtensucher biegt unvermutet ab.
Die reiche Palette der alten Meister. Doch könnte man auch mit Nuancen von Grau alles Wesentliche darstellen.
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