Leberfleckenlitanei
Ich war mit den gründelnden Fischen,
wenn ihre Schuppen die Mondsichel schabte.
Ich war mit den Mücken die Mücke
und schwirrte auf glänzendem Dung.
Ich wand mich im Schreien der Kuh,
deren Euter prall war und schmerzte.
Ich schlüpfte ins Einschußloch
in Großvaters Fuß und schlummerte ein.
Ich war das Flackern des Flammengeists,
der aus den Rissen des Ofens stieg.
Ich lernte die Ordnung des Lebens auf den Beeten
der Haut, wo Großmutter Leberflecke gesät.
Ich war der blecherne Klang der Cola-Dose,
die der Junge mit dem Ranzen kickte.
Ich war ein Blatt unter den dürren Blättern
auf den Stufen der Wallfahrtskapelle.
Ich war die Ikone auf dem Marienaltar,
sie war rußig und weinte.
Ich sang mit der Schar auf dem Dampfer,
mein Lied tropfte wie Tau vom Moos.
Der Lehrer sagte, es sind Verse Vergils,
schwing dich mit ihnen, meine Lende war Blei.
Die Geliebte zischte, es ist Blut in den Lippen,
es singt, meine Zunge war taub.
Die Mutter sprach, Gottes Grün ist die Ferne,
ich kaute am Bitterkraut Langeweile.
Der Polizist rief, Achtung, ein Hoffnungsschimmer,
ich verbarg mich hinter der Sonnenbrille.
Ich war eine Blase unter den Blasen,
die den Teich der Quappen füllten.
Ich war das zerrissene Trikot,
das im Schlamm des Bolzplatzes faulte.
Ich war die Hostie der mißglückten Kommunion,
die wie ein Libellenflügel am Gaumen klebte.
Ich war die Decke der sternlosen Nacht,
in die sich Mutters Sterben wühlte.
Ich war das Wort, das dir fehlte,
der Mond am Grunde des Brunnens.
Ich war das Wort, das dir fehlte,
der Stern im Nabel der Nacht.