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Der wundersame Parasit

03.06.2026

Das Untier, wulstig, einem Wurme gleich,
klebte ihm im Nacken, trank aus der Vene
Schluck um Schluck, das heiter machte, Blut.
Das war keine Staubgespinst, ihm höhlten
die Augen fahle Glut und kalte Flammen,
daß Schrecken schmolz und Wollust fror.
Sie sagten, er selber habe es erzeugt,
entsprungen sei es seinem Geist, dem kranken,
und reichten ihm die lila Kügelchen.
Doch hat er eins geschluckt, vernahm er bald
das Schluchzen wilder, fühlte Tropfen Chroms
übers Rückgrat rinnen, warm ins Mark.
Die Ärzte kennen nur der Seele Schale,
die trübe waschen sie mit bittrer Lauge.
Sie sehen nicht die Risse, die subtilen,
in denen unaustilgbar feinster Schleim
von Amöben ungeheuren Lebens wimmelt.
Den Unheilsgast, er ließ ihn sich nicht nehmen
und atzte ihn mit zahmer Pflanzenkost,
Kresse, Boretsch, Kerbel, Sauerampfer,
die dunkle Vene mochte sich erhellen.
Ihn hüllte müßig Schlürfen ein und Schmatzen,
wenn er mit Pindar Schnee sah auf den Gipfeln,
den Schaum der Meere glitzern mit Homer,
und mit Vergil Camillas Panzer blitzen.
Doch als er im Ovid blindlings geblättert,
gab dies dem lahmen Dämon einen Kick:
Er sprang ihm jählings von der Schulter. Schon
hat behend im Vorhang er gebaumelt,
ein antiker Sphinx en miniature
mit Brüsten spitz und Nachtigallenkrallen.
Die Brüste tönten wie gewiegte Glocken,
die Krallen kratzten Seufzer aus dem Samt.
„Du glaubst, du bist mich los!“ War’s nicht die Stimme,
die einst ihn girrend in die Schilfnacht zog,
von Mondes scharfer Sichel überschwirrte?
„O nein, zuerst mußt du das Rätsel lösen,
soll ich nicht länger um dein Haupt gespenstern.
Nun, Tagwesen denk’s: Was kriecht daher
am Morgen, erhebt sich mittags in die Lüfte,
hängt schließlich starr im Spinnennetz der Nacht?“
Er wußte es sogleich: Die Raupe kriecht ja
früh von Blatt zu Blatt, sie frißt, wird fett,
die Sonne wandelt sie in einen Falter,
der Anmut Bild, der Dichtkunst Doppelgänger,
der in den Trug der blauen Sehnsucht schwebt
und dämmert’s sich ins Netz der Norn verstrickt.
Er biß sich auf die Lippen, Idiot der Liebe,
schwieg, daß ihn sein Parasit nicht lasse,
und er dann einsam und gedächtnislos
nur eines möchte: schlafen, dämmern, schlafen.
So hat die Sphinx gespenstisch sich zurück-
gestaltet in den Wurm, den windigen,
und hielt ihn wach mit Saugen, Schlucken, Schluchzen.
Gern wandelt er im Park der Anstalt nun,
wohin er wehrlos lächelnd ward verbracht,
erfreut am Flattern sich der Ephemeren,
die rätselschöner Knospen Schein behext.

 

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