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Die Entschwundenen

24.04.2017

Alle sind sie entschwunden,
und dir blieb nur der Name
oder ein Kosename,
ein Spitzname ohne Gesicht,
denn wie jener die Lippen aufwarf
fragend oder höhnisch,
wie jene gegen dich die Augen
verdeckte mit der Hand,
wie gegen zu grelles Licht,
und ihre Stimmen in einer Prozession
des Flüstern und Wisperns,
des Stammelns und Glucksens,
des Girrens und Gellens
an dir vorüberzogen,
da du müßig an der Wand lehntest,
all das ist überdeckt und vermummt,
eingemacht wie Obst in aseptischen Gläsern,
ein Ölbild, überzogen mit Rissen und Patina,
verschnürt in vergessenen Kisten
eines maroden Lagerhauses der Vorstadt –

ach ja die Fetzen der Erinnerung,
wenn du Jahre noch Mutters Jacke,
abgerieben und fadenscheinig
trugst und nicht mehr zu waschen wagtest,
sie könnte sich in ihre Fäden lösen,
sie ist unansehnlich und zu eng,
keine Mode ist ihr mehr anzumerken,
doch graute dir vor dem letzten Schritt –

die Pfeife des Lehrers, Geschichte?
Latein?, die immer wieder ausging,
aber den Raum mit grauem Rauch
in eine strenge kalte Aura hüllte,
oder mit ihrem koptischen Halsschmuck
die feinsilbige Sibylle der Alten Kirche,
an dem sie lässig nestelte,
während du im Steinbruch deiner Halbbildung
nach dem Schlußstein kramtest
für den typologischen Bogen –

die letzte ungerauchte Zigarette,
die auf den Boden gerollt war,
mit ihr, als sie über den Teppich
zur Wand kroch, um vergebens zu klopfen
mit den gichtigen Fingern,
ob ein Nachbar sie höre,
du fandest sie als einziges Zeichen
des hereinbrechenden Chaos,
sonst war alles reinlich an seinem Platz,
Vasen und Kissen, Schalen und Früchte,
nur der Kühlschrank war leer,
sie aß zum Schluß nur aus kleinen Dosen
und Gläsern Suppen und Beeren,
und der Fernseher mit dem vergilbten Foto
und dem geschnitzten Rehkitz auf der Stickerei
gab nur verschwommene Bilder
und keinen Ton vom Weltenende,
als du die Wohnung aufgelöst hast –

entschwunden, verblaßt, zerronnen,
als könnte man glauben, die Seelen,
eingezwängt in die Voliere der Schatten
und Ängste, könnten, wenn sie hart aufschlägt
auf dem Küchenboden und zerspringt,
denn wo ist der Engel, der sie öffnete,
ins Freie flattern, aber haben sie noch Kraft,
nach diesem Leben, in dem die Flügel verkümmern?

O wenn sie ausgehaucht aufstiegen
und leichte weiße Flocken dem Wind
zum Spiel sich in Wolken ballten,
die über die Stätten und Felder und Kirchen
der Heimat ziehen in eine nie geahnte Ferne –
bis über dem grünen Schaum eines Flusses
die rote Zunge der Sonne sie wie Sahneeis
leckt oder sie feucht und grau von den Tränen
des Monds sich öffnen und herniederregnen.

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