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Fallobst

03.09.2020

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Nach vollbrachter Untat, dämonisch inspiriert, nach begangenem Verbrechen, glücklich entronnen, aus tiefem Heilschlaf, vom Gift des schlechten Gewissens entschlackt, erwachen, zu neuen Taten, Verführungen, Eroberungen bereit – Faust.

Löwe wider Lamm, Lorbeer wider Dornenkrone, Selbstgefälligkeit der Kreatur gegen gefallene Schöpfung – das ist die faustische Schale, in der Nietzsches Psychologie heranreifte.

Begriffe, Gedanken, Theorien, dem Wurzelgrund der Erfahrung entrissen, vom Blutkreislauf des Handelns abgeschnitten, verblassen bald wie Blumen in der Vase, deren Wasser verdunstet. – Sie werden zum verschlissenen Dekor der Philosophie.

Die Herde und die Horde, ob real oder als seelisch-symbolische Instanz, und das genetisch geprägte Siegel der Herkunft, sie bergen den Einzelnen oder wiegen ihn doch in Sicherheit.

Der Kleine spielt ruhig auf der Gasse, umhüllt vom Schatten des großen Bruders.

Die sich unter einem Zeichen, einem Emblem, einer Flagge scharen, bilden schon eine Wehrgemeinschaft.

Journalismus ist der Verschleiß der Worte in den schlammigen Fluten der Polemik.

Nach jahrhundertelangen Fehden und Kämpfen erliegen die Schotten den Briten und werden ins englische Großreich eingemeindet; dann kolonisieren die loyalen Schotten im Auftrag der britischen Krone Nordirland.

Die unterworfenen Gallier werden ein stolzer Träger der römischen Kultur; der Besiegte verschmilzt mit dem Sieger in einem Maße, daß er seine Herkunft, seine Götter, seine Sprache von sich abschüttelt.

Die von Karl dem Großen blutig unterworfenen Sachsen stellen dem Reich bald die edelsten Könige und ruhmvollsten Kaiser.

Herrscher auf verlorenem Posten begehen Selbstmord; aber nur wenige schlachten ihre eigenen Nachkommen, um sie vor der Schändung durch den Sieger zu bewahren.

Große Dichtung vermag die Sprache des Volkes zu formen und zu prägen, so Homer, Vergil und Dante; der zerrissene und schwierige Deutsche kam spät, erst nach Luther, zum nationalen Idiom, und auch dieses gedieh eher in den Zeitungen und Journalen als im Zungenschlag der Dörfer und Städte an Inn und Donau, Rhein und Elbe, Weser und Spree.

Die Gärten der Toskana, die Parklandschaften des französischen Barock und der englischen Romantik; aber der typisch deutsche Park?

Goethe fasziniert im Zweiten Teil der Faustdichtung mit den erlesensten, duftigsten, gewagtesten Blüten von Vers und Reim; und er stößt immer wieder ab durch die grinsenden und grell geschminkten Masken der erotischen Besessenheit eines alten Mannes.

Die höchst seltene Gabe des zweiten Gesichts; Goethe – aber auch Stefan George, der lange vor dem zweiten vom ersten Weltkrieg sprach.

Vollgestopft mit dem Schund psychologischer Traktätchen werden Pädagogen auf ihre Opfer losgelassen.

Von Bildung im Zusammenhang mit dem zu reden, was allerorts an deutschen Schulen sich als lähmender Mehltau auf die Herzen und Hirne der Belehrten legt, grenzt an Zynismus.

Den Feind zu lieben – von allen Fragwürdigkeiten einer ins Gemütliche und Biedere abgesunkenen christlichen Moral ist diese dem deutschen Philister die unbefragteste.

Je einsamer und bindungsloser, umso vertrauter mit dem Schatten, dem Staub, dem Nichts.

Wer die Frage wozu stellt, ist schon verloren; er schaut das Fleisch, das lebt, um zu verdauen, das Fleisch, das verdaut, um Fleisch anzusetzen.

Wortklauber, Begriffsfetischisten, Metaphernjäger – kurz „Philosophen“.

Sie beschmieren die Scheibe, durch die noch etwas zu sehen war, und nennen es Kunst.

Die Predigt der Anerkennung und unbedingten Wertschätzung von Hinz und Kunz und das Verächtlichmachen der gesunden Instinkte von Skepsis, Mißtrauen und kritischer Betrachtung dahergelaufener Ansprüche sind ein Zeichen sklavischer Gesinnung oder ein Symptom ungelüfteter Schuldgefühle.

Die Unfähigkeit, sich klar auszudrücken, gilt vielfach für einen Ausweis von Inspiration und ein untrügliches Zeichen von Genie.

Immer grellere Sprüche und Thesen, immer wilderes Fuchteln, immer lauteres Gebaren ist so sehr ein Haschen nach Aufmerksamkeit und Tagesruhm wie ein Ausdruck des heimlichen Wissens um die eigene Nichtigkeit und ein Zeichen von Todesangst.

Nicht nur, wer Ungehöriges und Unzeitgemäßes von sich gibt, wird für vogelfrei erklärt, sondern sogar, wer nichts sagt und hartnäckig zu den verordneten Themen schweigt.

Wer sich nicht bekennt, sich nicht in die Reihen der Begeisterten einreiht, nicht den Gassenheuer auf der Festwiese und die Hymne unter der Fahne mitgrölt, ist der wahre Ketzer und Abtrünnige.

Nicht macht der Haß nur häßlich, denn der unterdrückte Haß macht krank.

Die wirksamste Kraft kultureller Formung und Prägung ist die spontane Nachahmung, das, was kluge historische Forschung einmal Diffusion nannte. So führte den Stifter und Anreger des modernen Hebräisch, Eliezer Ben-Yehuda, der Umstand zum Erfolg, daß aus seinen Bemühungen jenes Lied hervorging und sich von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf verbreitete, das schließlich zur israelischen Nationalhymne gekürt wurde.

Welche Dekadenz des ästhetischen Geschmacks und der nationalen Selbstfindung zeigt sich in den grellen Fetzen der Nationalflaggen, vergleicht man sie mit den schönen Wappen und sublimen Emblemen der vordemokratischen Epochen.

Jene haben kein Vaterland mehr, die nicht bereit sind, ihr Leben zu seiner Erhaltung in die Waagschale zu werfen.

Die Deutschen sind eine massa damnata, die nichts mehr bindet, keine Religion, keine Mythen, keine Kulte, nur ein kaum lesbares Menetekel auf der Mauer des von elendem Geschwätz überwucherten Schweigens.

Die frommen Juden haben ihr Buch, ihren Gebetsschal, ihren Sederabend, alles, was ihrem kleinen Leben Größe, ihrer Traurigkeit Hoffnung, ihrer Vergangenheit Zukunft gibt.

Hölderlin im Turm – keine Zeitung, kein Fernseher, kein Handy, und doch sah er aus seinem Fenster weit hinaus auf die Jahreszeiten der Seele.

Was hätte es ihm genutzt zu erfahren, daß heute wieder da und dort ein wütender Mob die Grundlagen der eigenen Existenz in Scherben schlägt?

Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen, das eine hat allerdings blaugraue Punkte, das andere graublaue. Das preisen sie als Vielfalt, Buntheit, Diversität.

Wer kein dickes, schwülstiges Trauma vorweisen kann, muß in der Suppenkühe ganz hinten anstehen; bei der Verteilung der Literaturpreise wird seiner erst gar nicht gedacht. Denn diese werden bevorzugt für Bücher vergeben, zwischen deren Zeilen es obszön oder gespenstisch hervorquillt.

Das Fallobst vom Baum der Sprache, das noch gestern in der Dämmerung der Zweige verheißungsvoll geglüht hat, wird von keinem mehr aufgerafft; geschweige denn zu köstlichem Most verarbeitet.

 

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