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Jun 5 23

Die Leier schweigt

Will Hera sich mit Zeus in Liebe betten,
läßt er auf Idas Gipfeln huldvoll schweben
der Wolke trunknen Duft und Blumenketten
beglänzt mit Tau von ihren Seufzern beben.

Die Neidischen, sie können es nicht sehen,
weil scheelen Blick Mysterienqualm umdüstert,
die Musen aber, die durch Wände gehen,
sie haben es Homer im Schlaf geflüstert.

Es greift der Gott zur Leier, läßt den Bogen
sanft gleiten unterm Helm der blonden Locken,
feucht vom Kristall kastalisch reiner Wogen,
und schüttelt sie in hohen Rhythmen trocken.

Die Leier schweigt, von Sängers Hand zerbrochen,
als Würmer durch das edle Mark gekrochen.

 

Jun 4 23

Lied der Enterbten

Als uns die Siegel und Wappen Würmer zerfraßen,
die Sphinx, die Mähne des Löwen, die Adlerschwingen,
und wir den Wohlgeruch aus den Gärten vergaßen,
brach jählings ab die Nachtigall mit Singen.

Das silberne Seufzen aber von Birken, von Weiden,
die Rätselchiffren des Hauchs auf schneeigen Auen,
wie könnten trösten sie noch die Herzen, die scheiden
von goldenen Vliesen in ein trostloses Grauen.

In Schluchten schwelenden Unrats heulen Hyänen,
Schakale haben über Nacht es vertrieben,
das holde Schweben und Niedertunken von Schwänen,
die uns den Flaum der frühen Verse geschrieben.

Daß uns Enterbte ihr mahnet, nicht zu verbittern,
o süße Wangen von Veilchen, wo Tropfen noch zittern.

 

Jun 3 23

Hapax legomenon

Es ähneln sich die Blätter alter Eichen,
blickst du von fern, nicht nah genug und scharf.
Wem wollen wir das lose Blatt vergleichen,
das lächelnd Hermes nur entziffern darf?

Mag feuchten Glanzes Aug in Aug sich spiegeln,
ein Mond schwebt jedes hin, für sich allein.
Wie kann der Liebe Blick den Blick entsiegeln,
das Wasser Mondes rätselhaften Schein?

Sind all die Worte nicht wie Auslegwaren,
flugs in des Satzes Einkaufsnetz gestopft?
Der Vers, er reißt sich aus dem Unsichtbaren
ein Herz, das bangend deiner Nacht nur klopft.

Du bist, was deine Einsamkeit gesungen,
o Lied, von Efeuranken sanft umschlungen.

 

Jun 2 23

Zögernd auf der Schwelle

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Plötzlich taucht ein Foto der Person auf, mit der wir seit Jahren geschäftlich oder anderweitig korrespondiert haben. Paßt nun das Gesicht zu der Vorstellung, die wir uns aufgrund des wenn auch nichtvisuellen Kontaktes von der Person gemacht haben oder nicht? – So oder so, glauben wir uns in unserer imaginären Annahme nun bestätigt oder enttäuscht: Es handelt sich in jedem Falle um eine philosophischer Betrachtung würdige Form von Täuschung.

Eine andere ebenso elementare Täuschung wird in der Meinung ersichtlich, daß der Menschheit ein großer Schaden entstanden wäre, wäre Mozart (oder ein anderer der Kulturheroen) nicht geboren worden oder als Säugling verstorben oder doch vor der Abfassung des Don Giovanni oder des Requiems. Denn etwas, was nicht existiert oder existiert hat, kann keine wohltuende (oder auch schädliche) Wirkung ausüben. – Fragen wir noch, welchen Verlust all jene unzähligen Generationen erlitten haben, die vor Mozarts Geburt und segensreicher Schaffenszeit gelebt haben und nicht in den Genuß seiner beseligenden Harmonien haben kommen können, so fragen wir nicht minder töricht.

Wir können unsere eigene und die Nichtexistenz anderer weder uns vorstellen noch begrifflich erfassen; es bleibt stets ein Schatten, Spiegelbild oder eine bizarre Art von Scherenschnitt, jeweils freilich gearbeitet nach dem lebenden Original.

Die Schwierigkeit, sich einen Begriff von der Seele zu machen, der sich gleichsam von allen physischen Schlacken purifiziert hat: Homers Schattenbilder und Dantes Jenseitsgestalten.

Es gibt einen begrifflichen Unterschied zwischen absoluter und relativer Differenz: wahr und falsch, ja und nein, künstlerisch gelungen oder mißlungen; dagegen mehr oder weniger schwer, groß, warm, schnell; intelligent, geschickt, talentiert.

Allerdings kann selbst das gut Gemeinte schiefgehen; das allzu schöne oder üppige Geschenk kann den Beschenkten beschämen.

Wir können der Versuchung kaum widerstehen, den Abgrund zwischen absoluten Gegensätzen mit den Schatten und Spiegelbildern des Relativen zu füllen.

Die mittels KI generierte Mozart-Sonate klingt zunächst wie ein Original, bevor sie den seichten Ton des Imitats oder Plagiats offenbart.

Kinder fragen, wo sie vor der Geburt waren. – Sie zweifeln an der Tatsache, daß es die verstorbene Großmutter „nicht mehr gibt“, weil sie von ihr geträumt haben.

Das Nichtsein ist nicht vorstellbar, nicht denkbar, ein gedankliches Unding: der erste Lehrsatz des Parmenides.

Der Satz „Der Kreisumfang beträgt in der euklidischen Geometrie 360 Grad“ ist nicht wahrer als der Satz „Peter war vorgestern mit mir im Park spazieren“, nur weil der erste uns mit größerer Gewißheit oder Evidenz ausgestattet scheint als der zweite.

Der Satz „4–2 = 8“ ist nicht falscher als der Satz „Sokrates war der Schüler des Platon“, nur weil die Inkonsistenz und somit Falschheit des ersten uns unmittelbar ins Auge springt, während die Unwahrheit des zweiten einem historisch und philosophisch Ungebildeten verborgen bleiben mag.

Die Liste der Wörter „über“, „alle“ „Gipfel“ „sein“, „Ruhe“ ist kein Teil eines dichterischen Zusammenhanges wie der Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ es ist.

Das Nichtdichterische ist keine Vorform, kein Schattenriß, kein Spiegelbild des Gedichts.

Wir springen von der Prosa des Alltags in die Sprache der Dichtung, so wie wir nach Kierkegaard den Sprung von der lauen Gleichmütigkeit des Nichtglaubens in die Leidenschaft des Glaubens tun.

Sehr mißlich, fatal und töricht ist die Täuschung, die durch Projektion des Gegenwärtigen auf das Vergangene zustandekommt, als wäre das eine stets die unausbleibliche Manifestation des anderen oder das Heute eine neue Zwiebelschale auf der alten Haut des Gestern.

Die Gründe für den Ausbruch des Krieges liegen freilich in der Vergangenheit, ja können in Tiefenschichten geopolitischer, kultureller, ethnischer und sozialer Differenzen der Kriegsgegner wurzeln, deren Alter Jahrzehnte und Jahrhunderte umfaßt; doch der Befehl zum Angriff an diesem bestimmten Ort und zu dieser bestimmten Zeit hätte auch unterbleiben können.

Moralische Wahrheiten sind schon aus dem Grund nicht als unmittelbar einleuchtend, selbstevident oder als der Seele des Menschen eingepflanzt zu klassifizieren, wie es immerhin Platoniker, Stoiker und sogar Paulus annahmen, weil es in diesem erstaunlichen Falle keiner Gerichte, Strafen oder Ächtungen bedürfte.

Zu sagen, daß man nach diesen und jenen schrecklichen Ereignissen und Untaten dies und das nicht mehr tun könne, ohne die Toten zu verhöhnen oder sich selbst zu betrügen, zum Beispiel Gedichte zu schreiben, zeugt nicht von einem überempfindlichen moralischen, sondern einem unterentwickelten oder einseitig entwickelten ästhetischen Organ.

Wenige Tage nach der Katastrophe hört man wieder die Sektkorken knallen. – Das spricht nicht für die moralische Unbedenklichkeit der Feiernden, sondern für die tiefere Wahrheit des Lebens, das nicht umhin kann, sich selbst zu feiern.

Horaz, der sich selbst einmal ironisch als epikureisches Schwein bezeichnete, versteigt sich in den Römeroden zu härtesten Forderungen des Verzichts, des Opfermutes und der Selbstverleugnung; doch nur die eine Wahrheit auszusprechen und ihren Schatten geflissentlich zu retouchieren, hieße, nur die halbe Wahrheit zu bekennen.

Besser die doppelte Wahrheit als die schlichte Indifferenz.

Hedonismus zu predigen ist eine perverse Art von Pfaffentum.

Den Aufflug zu den Gipfeln des hohen Stils wie bei Pindar, Sophokles oder Horaz registrieren wir als Ausnahme von der Regel, im lauwarmen Wasser des Alltagsgeschwätzes zu planschen.

Mancher freilich, der sich den zu großen Kothurn untergebunden hat, zeigt einen bedrohlich schwankenden Gang.

Der den psalmodierenden Vortragsstil Paul Celans in der Runde der literarischen Biedermänner und Beckmesser mit demjenigen eines Goebbels verglich, war aufrichtiger in der Artikulation seines peinlichen Unbehagens als die Corona seiner philosemitischen Bewunderer.

Keine theatralische Maske, kein solitäres Gehabe und kein elitärer Dünkel schützen vor der Ansteckung mit dem Virus vulgaritatis.

Dummheit hält sich für das Maß aller Dinge und schreitet unbedenklich zur Tat; der denkende Mensch sieht sich im Kind des Heraklit, und versucht nicht erst, mit einer Muschel den Ozean auszuschöpfen. Zögernd auf der Schwelle kehrt er in seinen Elfenbeinturm zurück.

Der hohe Stil der antiken Dichtung ist gleichsam ein in gespanntester Syntax und überbelichteter Bildlichkeit eingefangener Wirbel des Schnees auf dem Olymp.

Der olympische Adler des Pindar rauscht wieder in den Hymnen Klopstocks und einzigartig in jenen Hölderlins. Doch ist die Luft, die seine Fittiche aufwirbeln, nicht luzid und transparent wie die mediterrane, sondern geisterhaft von ahnungsschwangeren Wolken verdunkelt.

Das Wagnis des hohen Tones und Stils im Deutschen, von Klopstock über Goethe und Hölderlin bis Rilke und Celan, gleicht dem Wagnis des Seiltänzers ohne Netz und doppelten Boden, der der Innervation seiner hymnischen Rhythmik in einem Maße vertraut, daß er schließlich auch die Balancierstange – nicht nur des Reims, nicht nur des Ruhms und des Applauses – wegwirft.

Was aber preisen, wen aber rühmen, wenn es zum Zerwürfnis mit den Vätern, zum Abbruch der Fühlungnahme mit den Ahnen kam? Vom geschmolzenen Schnee auf den Bergen der Götter zu schweigen.

Die Verlockung des Rätselhaften, jenes Enigmatischen, das den Orakeln und Göttersprüchen in ihrer Zweideutigkeit von jeher anhaftet, hat manchen nicht nur das Zögern auf der Schwelle des Takts leichthin überspringen lassen, sondern im Salto mortale ins Unverständliche an die Grenze der Groteske, der Parodie und Hysterie getrieben.

Der tragisch auf dunkel tönenden und beängstigend dünnen Eisflächen angehäufte, aber auch sentimentalisch in vermodernde Waldungen stiebende Wörterschnee eines Jürgen Kross ist zugleich ein Zeugnis hoher lyrischer Verdichtung auf engstem Raume und des unvermeidbaren Unglücks, das über den odisch atmen wollenden deutschen Vers in Form einer steil in die dünne Luft einer transzendenten Leere gereckten Bildlichkeit und der wurzellosen Ranken einer dämmerigen Syntax hereinbricht. Die bescheidene Lichtung, die ihm das schartige Messer eines formstarren Manierismus im Dickicht des sprachlichen Zerfalls der Gegenwart zu schneiden vermag, wächst im Rücken des heroischen Mannes augenblicks wieder zu, als sein eigener Schatten.

Man kann dem Leben sein Geheimnis nicht gewaltsam entreißen. Es ist stark genug, auf der Folterbank unserer herrischen Ungeduld und zuchtlosen Neugierde zu schweigen. – Die leise Geste, ein Anhauch des Nichtgesagten, tut es uns kund.

Ohne ein Bewußtsein, und sei es vage, bedrängt und ausweglos, wie am Rande des Grabes, ein Bewußtsein des Übermenschlichen versiegt der Quell der Hymnen; es bleibt nur ein trübes Rinnsal von Abwässern, in denen sich keine silbernen Wolken spiegeln.

Hermeneutik oder die Kunst der Interpretation wird asthmatisch, steckt sie die Nase in den Korb mit schmutziger Wäsche, erblindet, blickt sie scheel durch das Schlüsselloch in die zwielichtige Kammer der Perversionen.

Das in Mitgefühl sentimental zerfließende Herz, dem keine distinctio boni et mali eingepflanzt ist, kann den kaltsinnigen Verstand nicht erweichen, der ihm im Gegenteil anhand untrüglicher Belege, freilich vergeblich, nachzuweisen versucht, daß jener parasitische Dauergast, der den armen Teufel, den schwer Traumatisierten und ewig Unbehausten mimt, in Wahrheit ein verschlagener Tunichtgut ist, der sich an der Tochter des Hauses schon vergriffen hat.

Der hohe Ton und Stil kamen den Deutschen nicht zuletzt abhanden, weil die Jauche des massenmedial legitimierten Plebejergeschmacks längst über die sakrale Schwelle des hierarchisch-hieratischen Hochsinns geschwappt ist.

Es erleben alle alles, doch dem Erlebten den Stempel des Originellen und Exklusiven aufzudrücken vermögen nur die Seltenen.

Der starre Falter des gültigen Worts im Bernstein des Gedichts.

„Wenn ihre dionysische Gottheit sie inspiriert, träumen die Vulgären von fetten Ärschen und die ewig Empörten vom Schafott, während ein Baudelaire das Lied vom Wein des Einsamen singt.“

„Das klingt plausibel oder vielmehr allzu plausibel; denn nicht weniger wahrscheinlich ist es, daß derselbe von seiner dionysischen Gottheit inspirierte Dichter, nachdem es ihn in die Niederungen vulgärer Phantasien und bösartiger Ressentimentgefühle gezogen hat, sich mit einem Male umwendet, um seinen Aufstieg zum Sublimen anzutreten.“

 

Jun 1 23

Verse, wachgeküßte Lider

Verse, ihr schlafenden Augen, o küßten
wach euch die Lider, daß zittern die blassen,
liebende Strahlen, die lang wir vermißten,
sag euer Blick uns: Ihr seid nicht verlassen.

 

Lüfte, die um Kerzen spielen,
löschen sie mit einem Mal.
Die aufs Flimmerkleid stier schielen,
eitle Verse, innen kahl.

Von der Schürze stäubt und schwindet
wolkig Mehl, vertaner Rest.
Vers, den Wahrheit hold nicht bindet,
kein Gedächtnis hält ihn fest.

Blumen, die vorm Mond erbleichen,
schließen ihre Lider bald.
Blassen hellen Tags die Zeichen,
Haut des Verses, taub und kalt.

Durch der Dämmerungen Ranken
schimmert heim ein Sternenreich.
Verse, die auf Wassern schwanken,
schneegefiedert. schwanengleich.

Fahler Asche mag erwecken
letzte Glut, wer gläubig schürt.
Süß läßt uns ein Vers erschrecken,
der ans Unsagbare rührt.

Trauben, die im Dunkel glühen,
künden uns von edlem Wein.
Verses Sinn will uns entfliehen:
Atmen seinen Duft wir ein.

 

Mai 31 23

Fühlender in Gegensätzen

Fader Schaum des Ungefähren,
Geist, er rinnt ins Nichts den Lauen.
Sich im Fremden zu verklären,
spannt ins Joch er Männer, Frauen.

Fühlender in Gegensätzen
sprüht das dunkle Leben Funken.
Die nur Spiegelbilder letzen,
sind im Trüben bald versunken.

Masken, gellend auszuschweifen,
blättern in lunarem Fahlen.
Keime, die im Dunkel reifen,
knospen den azurnen Strahlen.

Winzer müssen sie beschneiden,
taube Triebe edler Reben.
Geister, die das Chaos scheiden,
können nach Vollendung streben.

Wirbel, mißlich überdrehte,
lassen jäh die Saiten reißen.
Weicher Hauch, der sie umwehte,
darf der Blüte Frucht verheißen.

 

Mai 30 23

Im Schlafe zwitschernd

Vögel, die im Röhricht schwanken,
zwitschern leise noch im Schlaf.
Hoher Woge mag er danken,
wenn den Vers ihr Rauschen traf.

Die sich ballen, wieder reißen,
Wolken, loser Lüfte Spiel.
Nachts ein Schimmern, tags ein Gleißen
rankt der Reim um das Gefühl.

Dunkeln müssen blaue Glocken,
Laub der Dämmerung, es weht.
Kaum erblühte Verse stocken,
wenn die Liebe abseits steht.

Schwäne sind, das Haupt zu tunken
in gründämmerndes Geschling.
Vers, ist er zum Grund gesunken,
hält das Gold ins Licht, den Ring.

 

Mai 29 23

Vergebens war dein Rufen

Vom Aether aber fällt
Das treue Bild und Göttersprüche regnen
Unzählbare von ihm, und es tönt im innersten Haine.

Friedrich Hölderlin, Germanien

 

Nun ist von deinem Äther uns geblieben
blaß und verschwimmend,
ein duftentrücktes Veilchenblau,
von einer Liebe, die verlassen wurde,
am Saum des Sommerabendhimmels scheu gepflückt.

Der Adler, den du kühn vom Indus her gesandt,
die Salzflut sah im Monde er noch glitzern
und rastete erschöpft im Alpenschnee.

Vergebens war dein Rufen nach den Hohen,
daß sie aus holden Lächelns Falten
uns tropfen ließen Tau
auf schon verdorrter Hoffnung
graues Herz.

Die du erweckt aus den papiernen Ranken
und Schattenrissen der Gelehrsamkeit,
daß jäh erzitterten
im Jahrhundertschlaf erschlaffte Wimpern
und feuchten Glanzes sich geweitet
die göttlich-stillen Augen,
von Meeresgischt gesprenkelte Gestalten,
von Mohn und Rosen überhauchte Schläfen
und Geister, die aus Quellen Liebesschauer,
aus Wolken die Erleuchtung brachten –
zertrümmert unter rohen Schicksals Hämmern,
von Fäulnisdunst zerfressen sind und
über ausgelaugten Furchen Dunst
jetzt jene tiefbeseelten Lebensbilder.

Was hier noch grünt, sind Herthas Haine nicht,
wo einst in weichen Wassers Schlaf
ein Schwan der Verse Traumgefieder
still hat eingetunkt.

Und was um Sangeswolken abendrötlich flammte,
es blättert ab wie Grind vergilbten Allgefühls,
wie schlecht vernarbter Wunde tauber Schorf.

Der Sage goldener Rauch,
der dir aus mythischen Ruinen quoll,
ward überschrieben von der Asche
erstickter Schreie.

Die Göttersprüche, die geregnet sind
von deinem Hellas-blauen Himmel,
versickerten in wüster Rede Karst.

Entstellt von Spritzern ätzenden Urins
am Wegrand aber siecht
die Blume, schwach leuchtend noch
wie Blut am Christusdorn,
die Blume deines Munds.

Uns Tagedieben wiesest du die Nacht,
den Abgrund, jenseits aller Sternenbilder,
worin einfältig lächelnd und
wie närrisch mit dem Schnupftuch winkend
langsam du versankst,
kein Flügel war, dich noch zu retten,
o langsam sankst hinab.

 

Mai 28 23

Das treue Hündchen

Schon hörst du wieder süßes Schnaufen,
o kreatürlich-warmer Schall,
es kommt das Hündchen angelaufen,
bringt dir zurück den roten Ball.

Du siehst es an dem Glanz der Augen,
wie wahre Treue tief beseelt,
wozu uns Worte schwerlich taugen,
stumm hat sein Blick es nicht verfehlt.

Wie rührend ist die Freundesgeste,
hebt es die Pfote auf dein Knie.
Die Hand, die stürmisch deine preßte,
ob sie nicht trog, du weißt es nie.

Und bist du munter, mag es fegen
durch Gras und Dickicht, und es bellt,
sich traulich dir zu Füßen legen,
wenn Schwermut auf das Herz dir fällt.

Gern pflückst du aus dem Fell die Kletten
und kämmst das immer krause Haar,
gern mag es sich aufs Kissen betten,
als wäret ihr ein altes Paar.

Gedenke, wie an wirren Tagen,
da Liebe kam und Liebe ging,
du wolltest unwirsch es verjagen,
und es mit Blicken an dir hing.

Und hörst du aus dem Napf es schlecken
und kratzen an der Wohnungstür,
kommt dich bisweilen an ein Schrecken,
daß stumm es wird, leer um dich her.

 

Mai 27 23

Müden Dichters Winke

Sei wie das Wehen des Holunders,
Gardinenbausch, vom Mond gebläht,
die Rüsche eines Blumenwunders,
ein Reim, ans Traumrevers genäht.

Die Knospe nimm, keck hingehalten
von einer Fee, die schelmisch lacht,
wenn jäh die Blüten sich entfalten
und süßer Duft dich schwanken macht.

Der Dämmerschilfe Odem trinke,
vom Geist des Wassers hochgestimmt,
als ob noch einmal Ferne winke,
sieh, wie ein Boot ans Ufer schwimmt.

Laß nur das tumbe Ruder fahren,
o treibe hin gedankenlos,
hör bloß, wie lüstern Tritons Scharen
schon schwappen um das lecke Floß.

Im Dunkel knirscht es noch ins Röhricht,
mag es die Toteninsel sein,
steig aus, und blick zurück nicht töricht,
hier hüllt der Stille Laub dich ein.

 

Mai 26 23

Die Harmonie der Welt

Das Rauschen ist verebbt, die Gischt zerstoben,
im Traum hallt nach der hohe Wellenschlag.
Hat goldne Fäden Abendlicht gewoben,
ermißt du deiner Leiden Sonnentag.

Wir können nicht ergrübeln, wie es wäre,
nicht aufgewacht zu sein in dieser Welt,
wie fühlen wir den Schatten und die Schwere,
wenn Glanz der Träne von der Wimper fällt.

Und wenn die Blüten, hingestreute, schwimmen
auf schwarzen Wogen, nach und nach verblaßt,
erinnerst du dich an das feuchte Glimmen,
den wehen Duft, den du geatmet hast.

Die Harmonie der Welt ist im Gefunkel
der hohen Nacht verborgen, schweigt im Dunkel.

 

Mai 25 23

Die Marionetten

Sie baumeln wie an losen Fäden, wirren,
die Puppen eines abgetanen Spiels,
ein Wind kommt auf, läßt eins ins andre klirren,
Gebeine ausgemergelten Gefühls.

Der große Spieler, er hat hingeschmissen,
aus Überdruß vorm immer gleichen Plot,
wenn anfangs sie das Lilienbanner hissen,
am Ende jubeln sie um das Schafott.

Was dir in irdnem Kruge noch geblieben,
der feuchte Glanz aus schon versiegtem Quell,
laß, Dichter, ihn auf unsrer Stirn zerstieben,
damit die Nacht noch einmal werde hell.

O könnte uns, taubstumme Marionetten,
dein sanfter Hauch aus der Erstarrung retten.

 

Mai 24 23

Ausonius, de Bissula

Bissula, trans gelidum stirpe et lare prosata Rhenum,
conscia nascentis Bissula Danuvii,
capta manu, sed missa manu dominatur in eius
deliciis, cuius bellica praeda fuit.
matre carens, nutricis egens nescit <tamen> erae
imperium < … >
fortunae ac patriae quae nulla obprobria sensit,
illico inexperto libera servitio,
sic Latiis mutata bonis, Germana maneret
ut facies, oculos caerula, flava comas.
ambiguam modo lingua facit, modo forma puellam:
haec Rheno genitam praedicat, haec Latio.

 

Bissula, wohnen jenseits des schaurigen Rheins ihre Laren,
weiß sich Bissula ganz Sprößling des Donaugebiets.
Doch die sie faßte, die Hand ließ frei sie, daß selbst sie nun herrsche
wohl zur Freude des Herrn, der aus der Schlacht sie geraubt.
Fehlte die Mutter ihr, und mußte sie missen die Amme,
<ist keiner Herrin sie hier untertan und keinem Herrn,>
muß hier als Schmach empfinden nicht Herkunft und Schicksal,
dort, wo als Freie sie wohnt unter dem bergenden Dach,
Latium freilich hat sie verwandelt, aber germanisch
blieb ihr Antlitz, blauäugig, die Haare rotblond.
Bald leiht dem Mädchen Liebreiz die Sprache, bald ihre Schönheit,
kündet uns diese: „Vom Rhein kam ich!“, sagt jene: „Aus Rom!“

 

Mai 23 23

Sonett der Jahreszeiten

In Jahreszeiten spiegelt sich dein Leben.
Wie lichte Finger keimt es aus den Knollen.
Die Knospen, die sich träumend öffnen wollen,
von Rosen und von Orchideen beben.

Der Sommertag mag dich dir wiedergeben,
wisch ab die Tropfen, auf die Stirn gequollen
im schwarzen Glanze aufgewühlter Schollen,
und sieh im Abendlicht die Mücken weben.

Und hörst die Früchte du im Dunkel fallen,
glimmt noch Erinnerung wie Apfelsinen
in blauer Schale. Stimmen, sie verhallen,
sie gehen fort, die dir so nahe schienen.

Daß nicht Schneewehen dich dir selbst entreißen,
und Flocken dir wie weiße Blüten gleißen.

 

Mai 23 23

Erwacht im Traum

Das Herz erwacht im Traum, wenn jäh Kristalle
in dunkler Erde schmelzen und sie tönen.
Uns ist, als ob ein Blatt aufs Herz uns falle,
als könne Krokus mit der Welt versöhnen.

Betört uns das Gesumm in weißen Dolden,
sind Schatten zwei, die eins im andern münden,
hell ist dein Wort, dein loses Haar rotgolden,
doch dunkel, was die feuchten Augen künden.

Und seufzt noch unser Schritt im braunen Moose,
zerschlitzt den blauen Samt azurner Stille
der Schrei des Kranichs, und die Herbstzeitlose
schließt scheu vorm kalten Mond die Blütenhülle.

Daß uns, geblendet von kristallnem Gleißen,
der Erde Lied mag aus dem Abgrund reißen.

 

Mai 22 23

Uns bleiben dürre Halme

Verblaßter Rosen Sommer ist vergangen,
sie neigen sich, kein Duft gibt ihnen Halt,
die weichen Tropfen auf den weichen Wangen,
sie schimmern noch, verrinnen aber bald.

Uns bleiben dürre Halme, unscheinbare,
die selbst des Mondes Grabeslicht verschmäht,
als feuchter Spiegel nur zwei Augenpaare,
daß dämmernd eins im andern sich errät.

Wie ferne flattert grellen Tages Fahne,
verstummt auch ist das Angelusgeläut.
Der alte Fährmann löst das Tau vom Kahne,
womit er früh am Ufer es vertäut.

Wir hören noch den Alten irre lallen,
wenn dunkel unter uns die Wogen wallen.

 

Mai 21 23

Der arme Schlucker Verlaine

Membran, fatal gewölbte, Stirne, Schläfe,
wie zarten Tones Porzellan aus Meißen,
sie bebt, als ob ein süßer Hauch sie träfe,
ihr die Rocaille der Hüfte zu zerreißen.

Zerschlissnem Rokoko nahm Talmi-Flitter
der arme Schlucker, zitternd ein Verlaine,
hing spöttisch ihn in grüner Verse Gitter,
auf dunklen Wellen aber schwankten Schwäne.

Wie sie in bleichen Dunst des Monds sich lösten,
mußt auch der Wellen weicher Sang verstummen.
Der Dichter, den Absinth nicht mochte trösten,
hört eine Biene dumpf im Schädel summen.

Wo nehmen wir, die Öde zu begrünen,
den Duft des Sommers und das Lied der Bienen?

 

Mai 20 23

Das blasse Mal

„Schorf!“, spricht die ausgeheilte dumme Wunde,
es blättert ab wie Kalk, was einmal stach.
Doch kommt ein Regen, kommt die blaue Stunde,
fühlt die Erinnerung der Narbe nach.

Verstau die Trauerkarten, Beileidsspenden,
die Zimmer sind schon ausgefegt und kahl.
Nur wo die Bilder hingen an den Wänden,
zeigt die Tapete noch ein blasses Mal.

Wo atemlos die Zeile stockt, beschaue
die bange Lücke, klaffend wie ein Grab,
spring nicht darüber weg ins Leere, Blaue,
die Blume stummer Andacht streu hinab.

Die Narbe mag frivol ein Wort verdecken,
von süßem Reiz sind aber Schönheitsflecken.

 

Mai 19 23

Hoher Mächte Lehen

Die bleiche Frucht der ausgelaugten Erde,
Gesichter, wie in Folien verpackt.
Uns rührt nur an Hauch atmender Gebärde,
die Anmut hat, von eitlem Schwulst entschlackt.

Die aus dem Abgrund wirbeln, trübe Flocken,
sie schmelzen schon an Frühlichts Wimpernschlag.
Ins blaue Läuten abendlicher Glocken
taucht seinen Purpur ein der Sommertag.

Wir wollen sie im Turm der Nacht verriegeln,
Gespenster, blind geschabtes Traumgraphit.
Wenn Strahlen sich im Tau der Silben spiegeln,
hat Wärme das Gedicht und Kolorit.

Pigmente, Flammen, hoher Mächte Lehen,
wir bannen sie ins Bild, auf daß wir sehen.

 

Mai 18 23

Die leise Geste

Dem Andenken an Sibylle Lewitscharoff

Getropft in Musengrotten keuschen Ohren
verzückten Sanges Perlen, silberhell.
Versickert ist, verstummt der Anmut Quell
Halbwesen, uns, in Blech und Lärm geboren.

Kristall der Nacht erglänzte reinen Toren,
Inbild des Engels, Schneelicht in Pastell.
Nun trinken Dumpf-Gewitzte im Bordell
Absinth, aus Aschensud und Angst gegoren.

Mag uns die leise Geste Tauglanz gießen
in Herzen, wie vergessnen Rosen fahl,
wenn Sterbende sanft ihre Lider schließen,

und war ihr Beet aus Phlox und Veilchen schmal,
mit dunklem Singsang noch die Strahlen grüßen,
die abendrötlichen, mild ihrer Qual.

 

Mai 17 23

Schaum der Tritonen

Wenn im verfallnen Park uns Trommler quälen,
der Vetteln Tanz, die Bein und Schopf verknoten,
mag uns Verlaines Versmusik beseelen,
erweichen uns die Anmut weicher Pfoten.

Das Kind wird die gestanzte Form zerhauen,
von selbst zerfällt im Mund Gewöll aus Phrasen.
Homerisch wölkt Gesang auf fernen Auen,
wie Küsse schmeckt, was wir bei Sappho lasen.

Gilt deinem Hauch, daß sich ihr Auge feuchte,
dein leises Schwanken ihrem Duft nach Rosen?
Daß Ranken des Gefühls der Mond beleuchte,
mag blähen Abendwind die wurzellosen.

Tritonen, starr in Träume eingeschlossen,
beleben sich, sprüht Schaum auf ihre Flossen.

 

Mai 16 23

Taumelnd niederschweben

Fährt durch das Flüstern, laschen Laubes Lallen,
ins Blattgeranke herrisch eine Bö,
mag sich zum Klagechor das Wirrsal ballen,
ein Vogelruf schrill schwirren in die Höh.

Und die im Schmelz von zarten Knabenkehlen
sich winden um das lüsterne Idol,
sie rascheln dürr, vertrocknet-krumme Seelen,
burlesk springt auf der Schrein, im Innern hohl.

Du aber, Lied, magst taumelnd niederschweben,
der zarten Knospe gleich, vom Wind gepflückt,
noch eine Zeit mit dunklen Wellen beben,
bis dich der Mond zu blassem Schaum entrückt.

Bist einsam du, ein süßer Schmerz, verglommen,
sanft rauschend heißt die Tiefe dich willkommen.

 

Mai 15 23

Das Pochen süßer Angst

Ins Blaue lösten sich die Vogelrufe
und Wolkenrüschen, keck vom Wind zerpflückt.
Wir saßen auf des Weinbergs grüner Stufe,
in goldner Trauben Abendlicht entrückt.

„Willst du noch zur Kapelle aufwärtsklimmen,
zu schauen hoher Lilie Dämmerschein,
ob vor der Benedeiten Kerzen glimmen,
die Lippe kühlen dir am Marmorstein?“

„Ich will mit dir hinab ans Ufer gehen,
der Schilfe Schatten lichten bis zum Grund,
auf Wogen Schaum des Mondes sprühen sehen
und auftun deinem Hauch die Rose Mund.“

Die Kiesel knirschten unter unsren Schritten,
bis Wassers banger Sang uns hat umspült.
Als hätten Dornen dir ins Herz geschnitten,
hab ich das Pochen süßer Angst gefühlt.

 

Mai 14 23

Weichen Laubes Brausen

Wir fühlen weichen Laubes Brausen,
wenn barfuß übers Moos wir gehen,
es geht die Wipfel zart zu zausen
ein sommerabendlaues Wehen.

Daß späte Knospen auf sich tun,
du milden Dufts gestillt magst ruhn.

Wie trunken bebend Efeuranken
und Wolkenfransen lichtumwunden,
verschränken sich uns die Gedanken,
Mond glüht, was dunkel wir empfunden.

Daß noch die Träne rinne weich
auf deiner Wange lilienbleich.

Wir atmen Hauch entrückten Lebens,
und Wellen, die uns mit sich reißen
wie Gischt, sie rauschen uns vergebens,
wie er zergeht im Morgengleißen.

Daß noch ein Lächeln dich erhellt,
bis seiner Blüte Schaum zerfällt.

 

Mai 13 23

Sed non maturata

Kaum flügge, in die Wildnis schon entsprungen,
ein Freiwild fremder Blicke irrt das Reh,
es wähnt, der Schritt ins Freie sei gelungen,
und birgt in Wolfes Höhle sich vorm Schnee.

Und die Naive, nicht gereift an Meistern,
die Zeugnis geben von der Frucht der Qualen,
kann infantil nur wüste Farben kleistern,
nur das Gekröse dumpfer Unzucht malen.

Das Bild des Vaters Asche ohne Namen,
der Mutter Trost verschmortes Bratenfett,
hat sie vom Liebesakt verbannt den Samen,
den Spiegel kalter Lust gestellt ans Bett.

Wie könnte, abgeschabt von Aber-Pflügen,
in grauer Furche helle Saat sich wiegen?

 

Mai 12 23

Usancen und Nuancen

Der nackte Mann im Busch soll uns nicht scheren,
der auf dem Markt gilt rechtens für meschugge.
Nach Duft im Wortgerank laßt uns begehren,
bespötteln, daß man fade Phrasen schlucke.

Ob Winken, Lächeln, Handschlag: Konventionen
sind Lichtungen im Dämmerwald des Lebens.
Die Münze, abgegriffen von Millionen,
zählt auf die Hand uns Dichterlein vergebens.

Verliert der Geste Herkunft sich im Dunkel,
ist sie der Pfad, wo bunte Kiesel leuchten.
Tau weiter Auen sei das Versgefunkel,
daß sich im Sommermond die Augen feuchten.

Sind alt die Muster, die wir im Halbschlaf weben,
mag Dichtung sie mit frischem Flor beleben.

 

Mai 11 23

O träume, Freund

Will auch von Wipfeln Dämmerung schon fließen,
und nicken Schatten dir am Wegesrand,
magst du den stillen Abend still genießen,
das süße Rätsel lösen, das dich bannt.

Dort ragen Rosen auf, die träumend wanken
sanft hin und her im lauen Sommerhauch,
dort, wo das Blau sich schmiegt um Efeuranken,
ins hohe Gras sink hin und träume auch.

Als stiegen aus dem Schutt vergrabner Scherben
die Töne einer Glasharmonika,
als würden purpurn sich die Wolken färben,
der letzte Schimmer Himmel sagen ja.

O träume, Freund, wohl unter schwanken Lauben,
bis wach dich kitzelt Flaum von Turteltauben.

 

Mai 10 23

Die Wildnis wächst

Gemeines Kraut läßt sich es wohl gefallen,
daß Orchideen seinen Dunst erhellen.
Die Spatzen schert es nicht, wenn Nachtigallen
ihr grelles Zirpen in den Schatten stellen.

Dryaden, die in hehren Eichen hausen,
vom Blätterspiele sanften Hauchs umfächelt,
schaut scheel nicht an aus seinen tristen Klausen
der Maulwurf, wenn durchs Laubwerk Azur lächelt.

Doch Rohe sind, die Turteltauben jagen,
gereizt von Wonnegurren, Liebesflattern.
Auf daß die stillen Seelen ganz verzagen,
hört man des Fortschritts blinde Räder rattern.

Die dreist im Rosenhag der Hymnen wildern,
wird leisen Liedes Veilchenduft nicht mildern.

 

Mai 9 23

Südlich unsrer Schwermut

Vers-Knospen, die dem Tau sich aufgeschlossen,
nun Knorren, kahl, verkrüppelt unterm Strahle.
Wo blütenschimmernd weiche Wasser flossen,
quillt grauer Löß wie aus zerbrochner Schale.

Und die in Gläsern glommen, Aprikosen,
und dunkelblaue Beeren wilder Schlehen,
erloschen wie im Krankenzimmer Rosen,
verfaulten wie des Moribunden Zehen.

Du hast versäumt, den Vorhang aufzuschlagen,
die dumpfe Stirn im Morgenlicht zu kühlen.
Im Duft, den ferne Buchten zu uns tragen,
magst, Schwacher du, ein Wahres stärker fühlen:

Es rauschen südlich unsrer Schwermut Wellen,
sie schwappen, schlafen wir, bis an die Schwellen.

 

Mai 8 23

Alter Mann

Du hockst verschnupft in deinem Gartenhäuschen
und fühlst, halb zugeschneit, dich wie im Bann,
hörst Epitaphe wispern schon die Mäuschen,
meschugge bist du, kindisch, alter Mann.

Sie ruhen unterm Schnee, die hohen Namen,
die Purpurknospen bleichte Wintermond.
Wo sind die Sänger, die der Nacht entkamen?
Die Amsel nur, scheint’s, blieb vom Sturm verschont.

Du sagst, vergessen sei’s du, keiner klopfe
und liest mit dir im sechsten Buch Vergils,
nicht wecke Seelen, was ins Dunkel tropfe.

Doch treiben dir noch Ranken des Gefühls –
vielleicht, daß sie in fernen Sommertagen,
die Kinder pflücken, blaue Beeren tragen.

 

Mai 7 23

Wenn sich die Schatten längen

Hat Morta ihm schon einen Nerv durchschnitten?
Durchs Leben hinkt der Lebemann verzagt,
der einst beim Tanz das steile Bein gewagt,
auf wilder Ziege ist, ein Pan, geritten.

Und jener, der Watteau dir hat gedeutet,
mit Augen von Verlaine die eines Gilles,
er stochert, ein Dozent, im Bildungsmüll,
kein Bild hat sich dem Blinden mehr gehäutet.

Du sagst, wie abends sich die Schatten längen,
verschwimmt der Ferne Duft im Wermutgrau,
ein Husten kommt, kein Lied, aus Laubengängen.

Schon wahr, doch trüben Auges trank Monet
schon zitternd aus den Kelchen Mauve und Blau.
Ein Dichter schrieb „Adieu!“ noch in den Schnee.

 

Mai 6 23

Die Lauen und der Blitz

Der Erde Antlitz hat der Blitz gespalten,
mag milde schimmernd weiches Wasser wallen,
begeistend rinnen in des Ödlands Falten,
daß Weiden grünen, Knospen Purpur ballen.

Und Strahlen sind, die goldenen Szeptern gleichen,
wie nächtlich Seufzer, starren Sinn zu tauen.
Berühmen Männer sich der Sonnenzeichen,
sind deutbar sie im blassen Mond der Frauen.

Daß Frucht der Sinn der Blüte: Sie vergaßens’s,
die rohen Vers mit Fäulnisschwulst verkleistert,
die Traube Glut des Wortes, ach, wir lasen’s
bei Dichtern, die Dionysos begeistert.

Die Lauen wollen sich dem Blitz nicht beugen,
Chimären sind, was sie mit Nebeln zeugen.

 

Mai 5 23

Abschiedsstunden

Als wären sie mit goldenem Laub umwunden,
in das der blasse Mond ein Lächeln weht,
erscheinen heiter dir die Abschiedsstunden,
voll Schwermut aber, wenn er untergeht.

Im Tal geht hin der Strom, wohl unter Eichen
sitzt du allein auf einer morschen Bank,
das Herz ist grau, die Bilder auch, sie bleichen.
Weißt dunkler Erde du, noch lichter Höhe Dank?

Du sagst, es waren Pfade, blind geschlungen,
die dir den Atem ruhlos aufgezehrt.
Ach ja, doch hast du vor dich hin gesungen,
den bangen Blick ins Blaue noch gekehrt,

gedachtest du der Augen, demutfeuchten,
die einmal in dein Dunkel mochten leuchten.

 

Mai 4 23

Salz und Wind

Zerwühlt der schwarzen Erde mürbe Fülle.
Rein tönt der Höhe zart geflammtes Glas.
Ins Meergrau strömt das Blau im Übermaß,
daß es die Angst der Tiefe sanft verhülle.

Kristall glänzt auf der Birke Mädchenrippe,
der Wind spie es, der zuviel Salz geschluckt,
der Wind, in dem der Möve Schatten zuckt,
das Salz, das spröde macht die Menschenlippe.

Die Hütte, schwanker Halt im Grenzenlosen,
zur Schwelle kriecht müd hin der alte Pfad,
doch vor den Fenstern zittern junge Rosen.

Er kniet im Watt, das lose Netz zu flicken,
und fühlt ihr nach, des Schicksals dünner Naht.
Sie lächelt, wenn die Kleinen Nelken pflücken.

 

Mai 3 23

Musenzuspruch

„Mag dir der Strahl die fahle Stirn erwärmen,
die spröde Lippe salben Morgenhauch,
und siehst du nach den zwitschernden, den Schwärmen,
erzittern dein erschlaffter Flügel auch.“

„Betäubte dich das Tosen der Maschinen,
flieh in das Laub der Abenddämmerung,
und träum dich ins Gesumm Vergilscher Bienen,
hör Gräser schwirren von der Schrecke Sprung.“

„Mag wunders das Gedicht auf Wassern schweben,
hat still es sein Gefieder aufgetan,
die Leere füllen dir mit sanftem Beben,
im Augenblick des Monds ein trunkner Schwan.

Vom Ufer schaue schweigend es entschwinden,
im Flor der Nacht das lichte Bild erblinden.“

 

Mai 2 23

Die Tauben des Horaz

Me fabulosae Volture in Apulo
nutricis extra limina Pulliae
ludo fatigatumque somno
fronde nova puerum palumbes

Texere

Ein Märchen war’s, am Berghang Apuliens,
entflohn der Amme, bergender Schwelle fern,
vom Spielen müde, schlummernd schon, da
hüllten den Knaben mit frischen Zweigen

die Tauben

Horaz, Carmina 3, 4, 9–13

 

Wer sandte sie, mit Huld ihn zu umgürten,
den Knaben unter dämmergrünen Lauben,
dem schlummernden die hellen Turteltauben,
mit Lorbeer ihn zu hüllen und mit Myrten?

Ein Schaudern überkommt die treuen Hirten,
wenn Wölfe ihnen zarte Lämmer rauben,
ihm wölbten märchenhaft sich Himmelsgauben,
daß Stürme seine Träumerei nicht wirrten.

Du sagst, es waren gnädig die Kamenen,
die schon am Kind das Wunder offenbaren
und bangen Sinn an Wolkensäulen lehnen.

Wer aber scharrt den Herzen, müden, grauen,
hinweg die Schwermut, welkes Laub von Jahren,
worunter sich die stummen Schreie stauen?

 

Siehe auch:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jakob_Philipp_Hackert_-_Waldlandschaft_mit_dem_schlafenden,_von_
Tauben_behüteten_Knaben_Horaz_-_2237_-
_Staatliche_Kunsthalle_Karlsruhe.jpg

 

Mai 1 23

Der umwickelte Nerv

Wie sich den Nerv das Leben eingewunden,
die Sinne aufgepfropft wie edle Reiser,
dem dunklen Stamme wimpernscheue Weiser,
zu zählen volle ihm und leere Stunden.

Vom Aug läuft die Erregung durch die Schnüre
zu wachen Fasern, die befeuert zucken,
und Hände greifen, Zungen schnellen, schlucken,
daß sich das Bild im Labyrinth verliere.

Uns aber hemmt ein Holdes am Gebilde,
es stumm in Eingeweidenacht zu schlingen,
wir wickeln um den Nerv der Anmut Milde

und lassen leise ihn im Leeren schwingen,
als Saite hellen Fühlens zu ertönen.
O süßes Lächeln um den Mund der Schönen.

 

Apr 30 23

Das Brausen ferner Ozeane

Zum Quell des Lichtes sage, laß uns fließen.
Und bist du auch ein Rinnsal nur, ein schmales,
gelangst du noch zum Dämmergrund des Tales,
den letzten Schaum den Veilchen hinzugießen.

Zum Blatt der Eiche sage, laß uns rauschen.
Und mischst du Flüstern bloß in Jubelchöre,
erzittre tief, als ob die Dryas höre,
wie sich von deinem Hauch die Schatten bauschen.

Und ward die Quelle stumm, vergilbt die Blätter,
du weißt auf kahlem Karst dir keinen Retter,
das Brausen fühl von fernen Ozeanen,

die deinem Zagen lichte Wolken senden,
dir Tropfen, süß zerspringende, zu spenden,
und Funken streuen auf erloschne Bahnen.

 

Apr 29 23

Umstrickt

Wir sind umstrickt von Schlingen, unsichtbaren,
ein Wulst, aus Worten, Gesten wirr gewunden,
und streben wir, im Freien zu gesunden,
zieht ein Gespenst zurück uns bei den Haaren.

Im Zwielicht will sich uns nicht offenbaren,
was hoher Mut an blauer Bucht empfunden,
uns fliehen leergeträumt die toten Stunden,
verblüfft zuletzt, daß wir am Leben waren.

O Traum, daß wir sie wieder uns gewännen,
wo Dämmerung aus Gräsern Stille flicht,
die Quellen, Ursprungs Sinn uns zu benennen.

Als ließe weicher Wasser Abendlicht
einander Aug in Auge uns erkennen,
ein Hauch sich Worte winden ins Gedicht.

 

Apr 28 23

Aufgelassene Volieren

Was sie ergrübelt, ausgedacht, geplant,
wie sie die Fülle zwischen Ufer pressen,
der Schaum, die Welle haben es vergessen,
kommt Überfluß von Wettern ungeahnt.

Daß sich durch Urweltdickicht Zukunft bahnt,
titanisch hat der Feuergeist gefressen.
Gift der Dryade, die im Laub gesessen,
zersetzt den Teer, wie Pan es angemahnt.

Sperrst, Dichter, du das Zwitschern in Volieren,
gestanzter Meinung eng geflochtne Gitter,
verstummt es über Nacht, zerpflückt die Schwingen.

Daß fette Öle nicht den Flaum versehren!
Den Fittich heb in Blitze, ins Gewitter,
und laß die Winde, laß den Regen singen.

 

Apr 27 23

In erwachten Auen

Die Landschaft hüllt sich noch in keuschem Flaum,
auf den mondbange Halme Tropfen säen,
schon schüttelt Schluchzen sie und Flammen nähen
geblümte Muster auf den grauen Saum.

Ein Rauschen ruft den Wassern: „Seufzet Schaum,
den Wolken gleich, die sich ins Blaue blähen.“
Der Herr des Lichts den Schatten: „Ich will mähen,
die Kinder Floras brauchen Atemraum.“

Wir wollen durch erwachte Auen gehen,
was wir uns sagen, würze Wohlgeruch,
die stille Rosenknospe schwanke süß.

Wir wollen eins im Aug des andern sehen,
ich breite dir des Liedes Strahlentuch,
du mir verschwiegner Monde Dämmervlies.

 

Apr 26 23

Die Buchen sind nicht mehr

Du fühltest wacher noch die Stirn vom Tau,
da wir im Moos an hohen Buchen lehnten.
Und als die Stunden sich wie Dünen dehnten,
ward Dunst das Bild in somnambulem Blau.

Gezwitscher wölkte uns ins Abendrot,
und aus den Lauben tropften weiche Laute.
Die Einsamkeit, umrankt vom Bitterkraute,
begnügt sich mit des Zuspruchs trocknem Brot.

Du hast den Garten noch geschaut im Blust,
wenn fern schon winkten Tulpen und Violen.
Uns ward das Grün, das heimische, gestohlen,
fremd schimmert eins noch aus papiernem Wust.

Die Buchen, die uns rauschten, sind nicht mehr,
die frühen Gärten Wildnis, öde Brachen.
Uns blieb der Verse Schaum auf trüben Lachen,
voll Lärm der Tag, der Schrein der Nächte leer.

 

Apr 25 23

Am Krankenlager

Das Lächeln, das mir leuchtete, erlischt,
die Augen aber, die ins Leere stieren,
durch mich hindurch, sind die von müden Tieren,
Wehglanz ist ihrem Dunkel beigemischt.

Die Hände, die ich oft geküßt, behaucht,
mir auf das Herz gelockt wie sanfte Katzen,
sie zittern wie vor unsichtbaren Fratzen
und sind in ihre Höhle weggekraucht.

Die zarten Halme, die geteilt sich leicht,
daß Tropfen Taus an ihnen niederflossen,
die Locken, die sich um mein Antlitz schlossen,
hat über Nacht ein bittrer Reif gebleicht.

Die rote Knospe ist, sie ist zerpflückt
wie von des Sturmes Küssen, schluchzend-rauhen,
der Duft verflog, der feuchte Schmelz der Frauen –
o Hauch, der graue Herzen noch entzückt!

 

Apr 24 23

Unglückliche Mänade

Der Himmel fahlt, Vergessenheitstürkis,
die Häuser, weißer Würfel Durcheinander,
Eroten, Knospen, blassender Mäander
auf einem eingesunkenen Tempelfries.

Die Stirne blank, die Schultern kalkgebleicht,
als schwebte sie auf Wellen, unsichtbaren,
ein Geisterhauch in losen Mädchenhaaren,
das Auge feucht, vom Blau des Meers erweicht.

Das Kleid gerafft, die Ärmel hell gebauscht,
mag sie, ein abgefallenes Blatt, hochheben
die Sommerabendluft, sich preiszugeben
entzücktem Wasser, das schon näher rauscht.

Sie weiß nicht mehr, ob sie dem Dorf entstammt,
wo alte Frauen jetzt zur Andacht gehen,
sie könnte, was sie beten, nicht verstehen,
ihr eignes Herz nicht, das der Gott entflammt.

Sie weiß nicht, wer sie in die Fremde zieht,
daß sie vertrauter Hände Spiel vergesse,
des mondgeküßten Lakens Traumesblässe,
sie fühlt nur, wie ein Äußerstes geschieht.

Schon wogen Wipfel, weich mit Dunst bespannt,
die Äste winden sich, gefleckte Schlangen,
hier war es, wo einst Nachtigallen sangen,
nun sind sie fort, vom Feuergeist verbannt.

Umsonst sucht sie die schwesterliche Schar,
zu schweifen auf den dämmergrünen Auen,
in dunklen Augen schön das Bild zu schauen,
wie ihr es wiederkehrt, der Seele Jahr.

Wohin sie auch die Rätselflamme trägt,
sie frißt sich tief und tiefer durch die Venen,
nur eines löscht das geisterhafte Sehnen –
o Meer, das über sie das Grabtuch schlägt.

 

Apr 23 23

Die Botschaft der Bäume

Mit Wolken reden sie und atmen Dunst,
sie saugen aus der Erde Glanz und Stille –
uns ist, als ob aus grünem Dunkel quille
ein Morgenlied, o himmlisch-hohe Gunst.

Sie weisen uns den Sinn der Lebenszeit –
daß wir sie duftlos-dörrend nicht vertrauern,
begeistet uns ihr wild und mildes Schauern,
die Frucht, die süßer glüht im Dämmerkleid.

Schmeckt bitter auch, was Mondes Kelch entfließt,
die mütterlichen Tränen, die sie trinken –
wir knien hin, wenn Flammenschwärme sinken,
sich ihre Nachtvoliere um sie schließt.

Doch schöner kosten wir den weichen Laut –
wenn von den Blättern laue Tropfen fallen,
ist uns, als hörten wir Euterpe lallen,
des Waldes Freundin und des Dichters Braut.

Und starren öde sie, des Laubs entblößt,
mag über Nacht ein Festgewand sie schmücken,
wenn Rauhreif näht und Flockenrüschen glücken,
von Harz betupft, das sich aus Falten löst.

Haut aber um sie eine blinde Hand,
ruht noch ihr Schatten auf der lichten Leere –
uns ist, als ob heillos den Schlaf versehre
das Lied, das mit dem Laub der Bäume schwand.

 

Apr 22 23

Die schwarzen Tränen der Mänaden

Der Wolf hat, Hirte, dir im Morgengraun
das Mutterschaf, das Lamm gerissen.
Du aber, Dichter, mußt die zwei vermissen,
die Flöte und der Sanftmut Hüter, Faun.

Wer hat den Herrn der Herden dir geraubt?
Es war kein Anschlag von Dämonen,
es quoll ein Rauch aus Todeszonen,
der Hain des süßen Wehlauts stand entlaubt.

Die Laus hat, Winzer, dir im Sonnendunst
die Reben Blatt für Blatt zerfressen.
Du aber, Dichter, mußt die zwei vergessen,
den hellen Rausch, den dunklen Gott der Kunst.

Wer hat das Bild des Bacchus dir geschwärzt?
Es nahm an Blitzen nicht, nicht Regen Schaden,
es waren schwarze Tränen der Mänaden,
dein Kaltsinn hat sich ihre Gunst verscherzt.

 

Apr 21 23

Das neu ergrünte Blatt

Ein Zweig von der Kiefer des No-Spiels

Birg mich beim hohen Ahnenschrein,
nah bei der Kiefer grünem Schimmer,
daß ich es höre jetzt und immer,
das Rauschen hell im dunklen Hain.

Und wird verwischt mir die Gestalt,
vom Zeichner Wind, vom Maler Regen,
reck ich die dumpfe Stirn entgegen,
daß sie zersprenge Sturmgewalt.

Doch schrumpfe ich zu einem Blatt,
das eines Dämons blinde Schritte
verscheuchen aus der leeren Mitte,
schlaf ich im Schatten, zart und matt.

O Schlaf, wie einer Hölle Schacht,
worin Verzweifeln und Verzagen
an Wurzeln und an Herzen nagen,
o Schlaf in sternenloser Nacht.

Wird einmal wohl das Dunkel licht,
wenn weiße Blüten niederschneien,
als wäre noch ein Benedeien,
wo alles stand schon im Gericht?

So grünt ich neu, es höb empor
ein Stengel mich zu Blattgeschwistern,
mit ihnen den Refrain zu flüstern,
bis wieder Duft entstieg dem Flor.

 

Apr 20 23

Die Metamorphose der Blüten

Den Geistern des No-Spiels zugeeignet

Weiße Blüten, die ins Leere fallen.
Weiße Blüten, Schnee auf Schnee.
Zwitscher, die im Frühlingsdunst verhallen.
Weiße Blüten, Schnee auf Schnee.

Rote Blüten, die sich flammend ründen.
Rote Blüten, Glut um Glut.
Schreie, die im Schilf des Sommers münden.
Rote Blüten, Glut um Glut.

Blaue Blüten, die Entrückte pflücken.
Blaue Blüten, Halm für Halm.
Seufzer, die im Rauch des Herbsts ersticken.
Blaue Blüten, Halm für Halm.

Weiße Blüten, die im Abgrund strahlen.
Weiße Blüten, Schnee auf Schnee.
Verse, die in Wintermonden fahlen.
Weiße Blüten, Schnee auf Schnee.

 

Apr 19 23

Der gerettete Dichter

Wie Rehe, die im Zwielicht grasen,
zieht fort von grellem Tand dich Scheu.
Welkt es auch in den irdnen Vasen,
du bleibst dem Ephemeren treu.

 

Wer war’s, der dich dem Sog entwand,
in dem wir uns im Kreise drehen,
die Worte uns vom Munde wehen
wie Wüstenwindes feiner Sand?

Hat dich der Gott mit Flügelschuhn
in blauer Nächte Lied gehoben,
Euterpes Lächeln dich umwoben,
im Moosgeschluchz mit ihr zu ruhn?

Magst schauen du, von Kuß zu Kuß,
wie ungeküßt wir blöde hampeln,
des Sturmes Puppen geistlos strampeln,
am Totentanz würz den Genuß.

Wenn uns der Malstrom gurgelnd schluckt,
ist, Dichter, dir im Azur schweifen,
dein Lorbeer darf am Tauglanz reifen,
der rinnt, wenn Samtnacht-Wimper zuckt.

 

Apr 18 23

Das weggeätzte Inkarnat

Ätzt man vom Wort das Inkarnat,
starrt noch im Nebel ein Gerippe,
ein Antlitz ohne Aug und Lippe,
des Sinnes aufgerissne Naht.

Es ist, was stumm umwogt den Traum,
Gezweig, der Furche Schmerz entsprossen,
sie kühlen, die herabgeflossen,
die Tropfen dir die Wunde kaum.

Die Hörner brach man von der Stirn,
hieb ab den Huf dem Ungeheuer,
es seufzt die Flöte aus im Feuer,
die Hirten zog an blauem Zwirn.

Die Sense hat im Schilf geblitzt,
der Spiegel brach, das Lied fiel trocken,
es bleiben, Dichter, dir nur Brocken,
woran bisweilen Bluttau schwitzt.

 



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