Der Liebe Zwiegespräch
„O komm, die Luft ist lau,
zu Auen laß uns gehen,
nach Anemonen sehen,
ob sie beglänzt von Tau.“
„So gib mir deine Hand,
wir wollen wie zwei Waisen
auf kühn verzweigten Reisen
uns halten unverwandt.“
„Sieh, Becher reicht der März,
magst einmal es erfühlen,
wie Blumentränen kühlen
der Sehnsucht heißen Schmerz.“
„Geh mit mir an den Teich,
daß wir uns darin spiegeln,
die Grenzen sich entriegeln,
in eins verschwimmen weich.“
„Doch engt der Tag uns neu,
daß uns nur Worte lindern
die Einsamkeit wie Kindern,
spricht eine Fee getreu.“
„Der Efeu, der dort grünt,
will mir von Stille sagen
jenseits von Lust und Plagen,
wenn alle Schuld gesühnt.“
„Hier ist des Dichters Grab,
der einsam hat gesungen,
von Schatten ward verschlungen,
was heller Sang ihm gab.“
„Laß uns das Moos vom Stein,
die Flechten sachte schaben,
daß von der Schrift erhaben
die Sage leuchte ein.“
In Nächten, sternelosen,
ward mir das Lied zum Licht.
Es hat die Glut von Rosen
entflammt mein Lobgedicht.
Die Entfremdung
Von Schilfen stiegen wir und schlaffen Wogen,
vom müden Rauschen eingepferchten Stroms,
mond-milden Glanz zu schauen unter Ranken,
von knotig-krummem Holz emporgeschraubt,
und Luft zu atmen, die aus Höhen quillt.
Jäh sprang die Angst des Daseins, eine Echse,
dir übern Fuß und wölkte grünen Staub.
Der aufgelassene Wingert ließ an Trauben,
verrunzelten, nur Fäulnisschimmer übrig,
den Himmel schlossen Wolken, schwefelgelb.
Da schien zu bergen uns der Eichenhain:
In kühle Schauer blitzten wie Gedanken
an eines Dichters hohe Einsamkeit
die goldenen Funken durchs erregte Laub.
Du hast, des Abendfriedens sanfte Tochter,
leise vor dich hin gesummt, ich aber,
ich hörte schon die heiße Säge kreischen
und sah den Ort entweiht und leer und kahl,
des Himmels Söhne der Nacht geopfert, Nacht,
vom Irrlicht über Grabeshügeln fahl,
sah Nägel auf erhabenen Bildern kratzen.
Da nahm ich dich, auch wenn du zögertest,
ins Tal zurückzukehren bei der Hand.
Kein Vogel sang, die Leere uns zu füllen,
wir hörten wohl die Wasser rinnen hin,
als wären Quellen ewig, unerschöpflich.
Wir wandten uns, Rinnsale, die versickern.
Wie Dickicht wuchs das Schweigen zwischen uns,
dein Duft floß noch, doch wie aus fremdem Dunkel.
Nänie auf einen Dichter
Dein Lächeln war ein süßes Licht,
der Lilie Schnee im Schattenhang,
wie einer Quelle heller Sang
dein Moos beträufendes Gedicht.
Sind wir fast taub vom Lärm der Welt,
tönt fern dein Lied, o fern im Traum,
fahlt in der Nacht die Lilie kaum,
glimmt sie bald auf, vom Mond erhellt.
Dein Blick war’s, der von Liebe sprach,
die wie ein Hauch die Wunde kühlt.
Im Puls, den wir am Wort gefühlt,
flog hoch dein Herz, bevor es brach.
Und scheint das Leben uns wie tot,
wenn sich der Rose Anmut schließt,
belebt uns noch, wenn heimwärts fließt
dein Rosenlied im Abendrot.
Jähen Wunders Schein
Gefangen in der Höhle, wird uns die Zeit,
die leere, gezählt von Tropfen, vollen:
Sie klingen hell am Stein und rollen
hinab zum dunklen Abgrund Ewigkeit.
Die Düsternis wird wahnhaft nur erhellt,
als würde fahler Grünspan gleißen.
Nichts geht uns nah, nichts ist verheißen,
Tag ist wie Nacht, ein trüber Traum die Welt.
Ein Beben ging, es tat sich auf der Spalt:
Da floß ein Bild hinein von grünen Auen,
ein Rauschen linderte das Grauen
von Strömen fern, von einem nahen Wald.
Ein Augenblick, wie jähen Wunders Schein,
ein Augenblick: das Tor geschlossen.
Doch blieb ein Duft, zum Hohn ergossen:
der Sehnsucht Schmelz und des Erinnerns Pein.
Der erloschene Stern
Der Stern, der uns gestrahlt, der Stern,
auf unsern Pfad, den wahnes-wirren,
daß wir im Dunkel nicht mehr irren,
wie fern scheint er uns nun, wie fern.
Weil uns erlabt ihr Lobgesang,
sind mit den Hirten wir gezogen,
der hohe Geist war uns gewogen,
zu stimmen ein voll Überschwang.
Wie müde Quelle, die versiegt,
ein Echo längst versunkner Sage
klingt unserm blindgeweinten Tage,
was einst den Schmerz in Traum gewiegt.
Sie fanden unter goldnem Laub
ein Lächeln, stiller Nacht entbunden.
Und sagten Rosen auch von Wunden,
ihr Glanz hat wachgeküßt den Staub.
Wie sind dem Licht des Heils wir fern,
uns rauschen Schatten, Efeublätter.
O Hymnen auf der Liebe Retter,
kein Stern zieht uns voran, kein Stern.
Ein Engel kam
Heroischer Gesang hat seine Stirn gekühlt,
doch muß der Knabe sie mit Asche schwärzen.
Die Liebe heißt ihn, daß ihr Herz sich fühlt,
zu kitzeln sie mit Liedes Flaum und Scherzen.
Ein Engel kam, hat ihm versehrt mit Glut
den Mund, da hörte man den Alten lallen,
entriß ihm der betörten Enkel Hut,
damit dem Charisma sie nicht verfallen.
Der Ranken dunkle Schrift, sie wird verbrannt,
auch wenn noch Knospen sich zum Lichte recken.
Der Dolch der Deutung hat sie schon entmannt,
die nicht mehr zucken, wenn die Flammen lecken.
Hörst aber, Dichter, du nachts Wellen schlagen,
knie überm Psalm: Die Kinder Zions klagen.
An einen Dichter
Heb einmal noch den Kelch ins Licht,
wie Märzenbecher grüne Auen,
bis sich um ihn Traumdunkel flicht
und Tränen, holde, niedertauen.
Noch einmal schöpf aus reinem Quell
das Wort mit runden Fühlens Krügen.
Ein Herzgeheimes werde hell,
gleich Blüten, die uns Scham verschwiegen.
Such lechzend nicht auf dunklem Hang
nach feuchtem Gold bacchischer Trauben.
Es atme blaue Luft dein Sang,
und Amor taucht aus Schattenlauben.
Uns bannt nicht mehr die trunkne Flut,
wo Schäume blasser Knospen gären.
Füll deinen Vers mit eignem Blut,
daß hohe Bilder uns verklären.
Erdenwallen
Blätter weichen ohne Trauer,
wenn der Herbstwind sie verweht,
und uns sagen leise Schauer,
Liebe kommt und Liebe geht.
Wie sie trunken niederfallen,
schimmern, wendet sie ein Hauch,
sinke unser Erdenwallen
in den Grund, den stillen, auch.
Wasser, ach, sie seufzen milder
unter blitzendem Kristall,
unsre Schmerzen dämpfen Bilder,
Funken aus dem dunklen All.
Wie entschwindend noch entzücken
blasse Knospen auf dem Fluß,
fern schon sind wir nahen Blicken,
die gefeuchtet sich im Kuß.
Muß in Urnacht auch verwesen,
wem der Gott die Flamme lieh,
uns zum Sinnbild auserlesen
schmilz, o Schnee der Lilie, nie.
Verlorene Pfade
Die Pfade schienen im Gerank verloren
und über Steppengrases Silberschimmer
die heiße Luft Vergessenheitsgeflimmer:
Ihr wußtet nicht, warum, wozu geboren.
Am Rinnsal habt ihr euch entlanggewunden,
ein müdes Lallen und ein trübes Gleiten,
zum Ursprung sollte es Enterbte leiten:
Ihr habt den Born im dunklen Grund gefunden.
Ihr beugtet euch hinab in Zwielichtschluchten.
Es kündeten die Schauer aus der Tiefe,
daß hier ein Lied, ein seliges, nicht schliefe
bei Wassern, die kein Eden mehr befruchten.
Den Weg zurück, ein Engel könnt ihn weisen,
doch zugewuchert sind der Botschaft Schneisen.
Traumverhangen
Ich sah im Teich es süß zerfließen,
dein holdes Angesicht.
Sumpf ist nun dort, Zwielicht,
in dem nur dürre Halme sprießen.
Und wo wir Hand in Hand gegangen,
auf grünen Dämmers Saum,
schwitzt Asphalt grauen Schaum,
von Dünsten, bleichen, traumverhangen.
Wo du’s gesagt, mit Augen, feuchten,
an dunklen Raunens Quell,
hört man nun Wutgebell,
und Lampen grellen Drohens leuchten.
Als Gegenwort hab ich die Rosen
dir auf den Schoß gehäuft.
Wie stumm das Rinnsal läuft
durch Dornen, duft- und blütelosen.
Das Fernweh hieß dich sie zu finden,
azurne Orchidee.
Mir blieb im wehen Schnee
vor leeren Himmeln zu erblinden.
Falbes Gras
Als könnte Blätter, die sich welkend krümmen,
ein warmer Hauch, ein sanftes Glühen glätten.
Wie Blüten auf des Schlammes Fluten schwimmen,
versehrte Schöne kann kein Tau mehr retten.
Der matte Stein, von Wassern weich umflossen,
mag wie Erinnerung noch fahl aufscheinen.
Die Quelle, hat auch Moos ihr Lied umschlossen,
hörst unterm Asphalt du nicht einmal weinen.
Den Worten, deren Blutstrom Pfropfen stauen
in Adern, grau und wässrig angeschwollen,
kannst du die Sage nicht mehr anvertrauen,
durch die des Lebens hohe Pulse rollen.
Des Sinnbilds Lilien hat man ausgerissen,
nur falbes Gras läßt noch vom Ursprung wissen.
Die Flammen des Dionysos
Da stoben über dunklen Hügeln Funken,
wie aus dem Abgrund aufgescheuchte Seelen.
Die Hirten hatten herben Most getrunken,
ein Girren kam aus rauhen Mädchenkehlen.
Und einer weckte auf die müden Scheite,
daß wieder Glut aufseufze aus der Feuchte
die Anmut um die wilde Flamme schreite,
doch über allem stand der Ur-Nacht Leuchte.
Und als das Feuer sich ins Mark gefressen,
stieg aus dem toten Holz ein süßes Singen,
sie aber tanzten, allen Leids vergessen,
in wogenden, geheimnisvollen Ringen.
Dionysos war unter ihnen – Knabe,
die Flammen schürend mit dem Thyrsosstabe.
Die Rosen des Adonis
Der Eber hat, erzählt sie uns, die Mythe,
die zarte Haut dir tödlich aufgeschlitzt.
Der blühend du im Arm lagst, Aphrodite,
hat dich vorm dunklen Abgrund nicht beschützt.
Die warmen Tropfen, die zur Erde quollen,
hat wohl verwandelt ihre Zaubermacht,
daß deine Schöne uns bleib nicht verschollen
und auferstehe in der Frühlingsnacht.
Es muß das Wort, das dichterische, geben
sein Blut Gespenstern, Nornen alt und grau,
bis aus der Angst es sanfte Blicke heben,
zu öffnen seinen Blütenkelch dem Tau.
Verglüht der Mond, fühl, Dichter, Rosenatem,
den Duft des Worts, der Goethe trug zu Hatem.
Endymion
Ein Quietschen kam des Nachts von fernen Gleisen,
das Krankenzimmer war von Wehmut blind,
du wolltest, Dichter, heim gen Auen reisen,
wo Verse Tau auf blassen Blüten sind.
Am Fenster klebten trüben Sehnens Flocken,
und auf den Gängen schlich die Atemnot,
dir war. du könntest ihn mit Liedern locken,
sie zu begleiten, Meistergeiger Tod.
Da schüttelte aufs Kissen dir Selene
den Schnee des Schlafes, hellen Duftes Mohn,
und bot dir ihrer Lende weiche Lehne,
zu bergen dich wie einst Endymion.
O einzuschlafen unter Liebesblicken,
die uns in dunkelblaue Nacht entrücken.
O rinne hernieder
Uns locken nicht Krümel vom Tische des Herrn,
der Grind der Hände, die danach tasten,
hat uns bewogen, lächelnd zu fasten –
uns nähre mit lieblichen Funken der Stern.
Wir dehnen die Seufzer, die Küsse uns nicht
mit Kerzen, die sich knisternd verzehren,
mit Schatten, die helle Fühlung verwehren –
uns stille der Lilie schneeiges Licht.
Aus Falten der Nacht geschüttelt, Kristall,
geschliffen von seraphischen Blicken,
mag kindliche Herzen entzücken,
uns rolle hin Reimes schwach schimmernder Ball.
Und flossen uns Sommernachtlüfte so lau,
da wir am offenen Fenster gestanden,
nun liegen gekrümmt wir in frostigen Banden –
o rinne hernieder und töne uns, Tau.
Fühl die Schwingung
Fühl die Schwingung in der Dunkelheit,
Saiten, die wie Nerven wissen,
ob du ganz bist, ob zerrissen,
grün dein Pfad noch oder weiß verschneit.
Taste in erhabener Schrift Gesicht
leises Lächeln des Erkennens,
Tränen eines dunklen Brennens,
lächle selbst, nein, weinen mußt du nicht.
Schau auf eines Meisters Landschaftsbild,
wie die stillen Lauben beben,
tote Tupfer leuchten, leben,
geh zum blauen Grunde, lausch, er quillt.
Doch die Stadt, der Lärm, sie machen roh,
Masken sind, doch nicht zu lesen,
Wort verhallt, wie nie gewesen,
treuen Blicks ein Hündlein nur stimmt froh.
Der Strahl der Einung
Fern fühl ich es, fühle das Beben,
schon zittert des Horizonts Lid.
Daß wieder der Strahl von mir flieht,
die Schale der Nacht soll ich heben.
Muß bitteren Tau ich auch saugen,
wie blind von den Tropfen des Traums,
im rauschenden Blattwerk des Baums
sind Augen, die glühen, sind Augen.
Es heißen mich Schatten, zu steigen
auf Hügel, wo rein es entspringt,
ein Wasser, o Wasser, das singt,
was Tage und Werke verschweigen.
Doch kann ich die Hände nicht falten,
zu schöpfen den tauigen Glanz,
so sink ich, nicht halb und nicht ganz,
hinab zu den Zwittergestalten.
Kann aber kein Traum mich mir einen,
zerschlag ich die Schale der Nacht.
Strahl ist’s, was mich zu mir gebracht,
ihn laß ich, ihn lasse ich scheinen.
Die Enterbten
Stamm, der im Bild sich verklärt,
bleckende Maske aus Haut
und dem Gehörn eines Gotts,
tanzend den Tänzer in Trance.
Volk, das sich adelt im Lied,
Linien voll Anmut sich ritzt
auf seines Festtages Kelch,
von der Legende umkränzt.
Reich, das die Krone dem Haupt
seines Gesalbten gewährt,
aber der Dichter, er hüllt
ihn in die Aura des Sangs.
All das ist ihnen verhaßt,
Antlitz des Daseins, Gestalt.
Suizidal ist ihr Wunsch,
unterzugehen im Schlamm.
Vulgarität ist das Maß,
und die Nuance, der Duft,
wehend aus südlicher Nacht,
welkt am Gestank ihres Munds.
Grau ist Enterbten, was blüht,
Asche streut über das Feld,
wem alle Keime verdarb
Fäulnis des wissenden Marks.
Von letzten Dingen
Wieder und wieder gelallt,
nistet ins Ohr sich der Trug,
krakenweich tastend ans Herz,
das nicht mehr singt, sondern schmatzt.
*
Todes obszöne Monstranz,
mondbleich gereckt überm Schlaf
wogender Seelen am Strand,
wo schon Leviathan schäumt.
*
Wenn die Posaune erschallt
und sich die Grabplatte hebt,
klappern Gerippe auch rings,
bleib stur ich liegen allein.
Will sie nicht sehen aufs neu,
die mir das Leben vergällt,
Fluch auf den weibischen Gott,
der mir und ihnen vergibt.
Will auch nicht hören den Chor,
auf Esperanto am End,
das mich mein Lebtag gequält,
singen das Schillersche Lied.
*
Wie sie grotesk schwappt und schwankt,
auf trüber Flut von Geschwätz,
Blume des Munds, Celluloid,
Hölderlins Zunge, gepierct.
*
Paula, so nennt sich nun Paul,
baumelt ihr auch der Schwanz.
Schindet er sich einen Schlitz,
gilt’s nun für lesbischen Scherz.
*
Volk, ein Gespinst, das man reißt
gleich einem Schleier vom Aug,
und was sie sehen, ist nichts
als das gesichtslose Fleisch.
*
Heimatlos wurde das Wort,
ein Eremit, der nun schweigt
vor einem schweigenden Meer,
unter der sternlosen Nacht.
Fäulnisschimmer
Stefan George zum Gedächtnis
Wer je die Flamme umschritt
Bleibe der Flamme Trabant!
Stefan George, Der Stern des Bundes
Was uns geleuchtet zur Nacht,
schien hoher Ankunft Gestirn,
doch nur ein blinder Komet
hat sich ins Leere versprüht.
Sonne und jeglicher Stern
gaukelnde Funken des Nichts,
wir, ein schmarotzend Gewürm,
das seinen Ursprung zernagt.
Was einst geflammt in der Schrift,
Zeichen von Purpur und Gold,
schabte wie Talmi uns ab
schartiges Messer Verstand.
Schatten im Lichtlaub des Tags
ward uns die Rose Gespinst,
hechelnde Zungen der Nacht
ätzt uns traumwölkender Kalk.
Quelle, die dichterisch sang,
leuchtende Blüten genährt,
hat uns verschüttet der Wahn,
edenwärts führe Asphalt.
Hauchen wir tauigem Glanz
Seufzer, ersterbende, nach,
hat schiefen Mundes ein Mensch
zitternde Veilchen bespuckt.
Weist uns ein Flackern den Ort,
schlagen durchs Holz wir den Pfad,
ist es der Fahrenden Fest,
Tanz, der den Tänzer entgrenzt.
Moira verbog uns den Kreis,
Fliehkräfte schmerzten im Mark,
da auch die Mitte geschwankt,
trübte die Flamme schon Rauch.
Irrend in sternloser Nacht,
gönnt uns noch Fäulnis ein Licht,
wie über Gräbern es schwelt,
löschte die Kerzen der Wind.
Traum ist, was wir singen
Wie sich Wolken ballen,
wollen wir uns binden,
lichte Tropfen fallen,
wieder uns entwinden.
In den Rosenhängen
mag uns Duft verwirren,
in den Laubengängen
falber Falter Schwirren.
Schlaf ist, was wir sagen,
Schnee auf fernen Matten,
Wasser, die uns tragen
zu den blauen Schatten.
Rätseldichte Ranken
wogen wir im Winde,
miteinander schwanken
macht das Leid uns linde.
Traum ist, was wir singen,
Tau für wunde Seelen,
Tanz von Schmetterlingen
über Asphodelen.
Die Entrückte
Erst war es nur ein helles Splittern,
als wär zerbrochen ihr das Glas.
Ihr dürrer Leib begann zu zittern,
da stand’s, beim Buch, worin sie las.
Bald mochte sie auch nicht mehr lesen,
der Zeichen Sinn ward ihr entstellt,
als wär ein Teppich er gewesen,
der wirr in bunten Zwirn zerfällt.
Sie sah im Spiegel eine Fremde,
die unverschämt sie angegrinst,
und schlüpfend aus dem Rüschenhemde
verblich ihr Schimmer, ein Gespinst.
Dann kam Herr Niemand sie besuchen,
ein wulstig-braunes Pansgesicht,
er bringe Muttern Erdbeerkuchen,
doch seinen Namen wußt sie nicht.
Am Morgen hat die sanfte Kleine
mit warmem Brei sie vollgestopft.
Im Dunkel schien ihr, einer weine,
und Tränen sind ihr hell getropft.
Noch einmal stand das Fenster offen,
noch einmal war die Nachtluft mild.
Man hat sie fiebernd angetroffen,
halb in ihr Hochzeitskleid gehüllt.
Die Kerzen waren angezündet,
ins Auge drang noch Feuchte ein.
Es war, als ob ein Schluchzen mündet
in einen kleinen weißen Schrein.
Der verschüttete Born
Es war das Flackern der geweihten Kerze,
was uns die Schatten lieh zu hohem Spiel,
es war das Glühen aus geheimem Schmerze,
was wach uns hielt unendlich fernem Ziel.
Nach jeder Biegung glänzen frische Wasser,
an müder Stirne pocht der Sonnentag,
und scheinen unterm Mond die Blumen blasser,
glüht schon im Morgenrot der Rosenhag.
Sinkt auch das Abschiedswort von eigner Schwere
wie volle Knospe auf die Schwelle hin,
das Schweigen tut sich auf, die blaue Leere,
wo Zeichen wölken, stumm von Anbeginn.
Die einen lassen sich von Wellen treiben
und greifen Schäume noch im Untergang,
die anderen hören hinter trüben Scheiben
der Scheite Zischen und den Zeisigsang.
Wir haben uns geneigt bemoostem Borne,
ob ihm ein blaues Rauschen noch entstieg,
wir dünkten uns dem Preisgesang Erkorne,
das Herz der grauen Gaia aber schwieg.
Das Flackern
Ein Efeugerank war mein Wort,
hat sinnig die Mauer begrünt,
hat purpurn das Moos überzackt –
nun weht es, weht zweifelnd es fort.
Ein leuchtendes Wort war dein Blick,
hat treulich das Dunkel erhellt,
das Rätsel im Reim mir gelöst –
nun weicht er, weicht schweigend zurück.
Ein Silbergeflock war mein Wort,
hat Schneelicht in Verse geweht,
ein Glanz, der die Nacht überhöht –
nun schmilzt es, schmilzt blassend es fort.
Voll gütiger Glut war dein Blick,
zu tauen die Angst aus dem Eis,
zu wärmen den frostigen Vers –
wie halt ich sein Flackern, sein Flackern zurück?
In der Früh
Die Mähre hab ich noch gehört,
Geklapper schwer und müder Hufe,
vom Leben noch nicht ganz verstört,
sang leis ich auf bemooster Stufe.
Das dunkle Muhen in der Früh
hat aus dem Traume mich gerissen,
ich fror und fühlte warm das Vieh,
gefleckten Fells schwoll mir das Kissen.
Und himmelblau war das Geläut,
mich hat der Hymnen Gischt getragen,
gleich einem Boot, das unvertäut
getrieben wird aufs Meer der Sagen.
Dann hob der Rhythmus fremder Zungen
das mütterliche Wort hinan
in eine Apsis, lichtdurchdrungen,
sein Kelch ward schmerzlich aufgetan.
Ein Rosengarten hat den Knaben
ins Dickicht seines Dufts gelockt,
ich sog den Wohllaut mir aus Waben,
schwieg vor der Tafel, dumpf, verstockt.
Bis jener rann auf weißen Lenden
die Milch des Monds aus schwarzem Laub,
ein Klatschen traf aus heißen Händen,
ein zartes Bild zerfiel zu Staub.
Der Atemlose
Da wir den Uferpfad gegangen,
wie war das Wasser blau.
Nun hab ich weiter kein Verlangen
als nach dem blassen Tau.
Du hattest vor dich hin gesungen,
ein Lied, so kindlich-schlicht.
Ich hab die Dunkelheit gewrungen,
Lichttöne tropften nicht.
Du ließest auf dem Wasser treiben
die Knospe, rot wie Blut.
Daß keins beim andern könne bleiben,
sprach mir die graue Flut.
Und als auf weichem Moos wir lagen,
war feuchter Glanz dein Blick.
Nun wirft ein Dunst auf leeren Tagen
ins Zwielicht mich zurück.
Der Mandelkern schien sich zu süßen,
mein Nein schmolz in dein Ja.
Wie muß den Trug ich bitter büßen,
nur zweie sind sich nah.
Dich hat das Wort, die scheue Rose,
in seinen Hauch gehüllt.
Ich aber blieb, der Atemlose,
vom Wohlduft ungestillt.
Das Singen der Sirenen
Die Muschel hat sie ausgespien, die Welle
bald kehrt sie, reißt den Kelch von Perlmutt mit,
die Träne aber, die ins Dunkel glitt,
steigt mit dem Mond, der Liebe Tau, ins Helle.
Ermannter Geist hat ausgewischt die Bilder,
die einst sein Ahne sah im Sternenschaum,
verlassne Liebe webt nächtlichem Saum
Traumrosen, ihre Dornen stechen milder.
Dem Meister schien die Münze Wort entwertet,
matt vom Gebrauch, das Sinnbild abgeschabt,
sie umzuschmelzen hat ihn Gott begabt
mit Feuergeist und Tau der Nacht, der härtet.
Dir bleibt, an Charons Kniee dich zu lehnen,
am Rand der Welt, horch, singen die Sirenen.
Über Traumes Sund
Wir setzten uns auf eine Bank,
als fänden wir im Irrsal Rast,
der Geist blieb kalt, das Fühlen schwank,
hat Hand auch heiß die Hand umfaßt.
Wir beugten uns hinab zum Teich,
das Wasser spiegelte uns mild,
da fiel ein Flaum schneeblütenbleich,
und in dein Bild zerrann mein Bild.
Wir legten uns aufs weiche Moos,
als habe Ich am Du genug,
doch ließ die Urangst keines los,
wie wild uns Herz ans Herz auch schlug.
Im Schilf des Dämmers lag das Boot,
wir trieben über Traumes Sund,
als quille Licht im Liebestod,
stieg Venus aus dem blauen Grund.
Der zerbrochene Kelch
Gleich einer Muschel, Gastgeschenk der Welle,
als kaum das Meer verebbt, die fromme Flut,
glänzt auf des Waldes Höhe die Kapelle,
ein Mondstein, der im dunklen Moose ruht.
Wir stiegen oft, das holde Bild zu schauen,
das Lächeln, das sich Liliendüften neigt,
den Knaben, sanft gewiegt vom Samt, dem blauen,
den Stern der Nacht, wenn Tag und Abgrund schweigt.
Nun meiden wir den Zufluchtsort, wie Waisen,
die aus dem Vaterhause man vertrieb.
Wer will vom Ödland in die Wüste reisen,
nach Lilien schauen, wo nur Asche blieb?
Der Ungeist hat das Bild des Heils geschändet,
zerbrochen liegt der Kelch, der es gespendet.
Legende von der armen Magd
O Dichter, schließ ins Herz sie ein,
die auf der sanften Schulter trug,
den sie dir aufgefüllt, den Krug,
mit einem Wasser demutrein.
Sie war nur eine arme Magd,
ihr Schlaf umknistert hell von Stroh,
ihr Blick aus dunklem Indigo
hat keiner Bitte sich versagt.
Sie schürte aus der Asche Glut,
leis summend buk sie keusches Brot,
und ihre Hand vom Wringen rot
war rauhem Fell der Tiere gut.
Sie hat die Jungfrau still verehrt,
in der Kapelle lang gekniet,
daß sie des Knechtes Blick vermied,
verschleiert bang, was er begehrt.
Sie hat aus Kräutern auch gebraut
den Trank, der kranke Seelen heilt,
sie wußte, wie man Knöchlein feilt
und Mark von schwarzen Wurzeln kaut.
Da hat der Dämon wild gelacht,
die Haut befleckt mit braunem Tau
dem Knecht, dem Bauern und der Frau,
die rein blieb, schwor man, hat’s vollbracht.
Als schon die Flammen sie umloht,
hat man den Schrei gehört, den Schrei,
„O Jungfrau, Magd du, steh mir bei,
nur eine Träne meiner Not!“
Wo ihre Asche hingestreut,
ein klares Wasser bald entsprang,
das wundersam der Seele sang,
die ihre Schuld bereut.
Birg, Dichter, sie in Liedes Schrein,
die auf der sanften Schulter trug,
den sie dir aufgefüllt, den Krug,
mit einem Wasser, demutrein.
Das Fabeltier
Du Quelle, die ich fühlte nah,
da ich im Wachtraum waldwärts ging,
du dunkler Duft, der mich umfing,
seid ihr noch da?
Gleich Säulen ragten auf die Buchen,
die Tritte dämpften Moos und Gras,
ich ging, das Fabeltier zu suchen,
von dem der Knabe wunders las.
Und zwischen Bangen und Frohlocken
schritt ich auf stiller Pfade Grün,
da wurden mir die Lippen trocken,
zur Quelle beugte ich mich hin.
„Ich will dir nur Erquickung bringen“,
hat mir geraunt der Wasserschwall,
„auf daß du mögest heller singen
als mondbetört die Nachtigall.“
Bald knöpfte Wind mir auf die Bluse,
und dunklen Dufts beschwor mich Mohn,
zu summen vor mich hin, die Muse,
ins Haar griff sie mir neckisch schon.
Da zog’s mich wieder in das Dunkel,
ob noch das Wunder mir gescheh,
es traf mich schwarzen Augs Gefunkel,
in Traumes Dickicht stand das Reh.
„Du holder Knabe“, hört ich’s sagen,
such länger nicht, eratme hier,
du mußt nach fernem Sinn nicht jagen,
du selber bist das Fabeltier.“
Da hab ich eingeatmet Süße,
des Waldes Harz und goldenen Schlaf,
daß meinem Mund das Lied entfließe,
wie ich im Traum mich selber traf.
Du Quelle, die ich fühlte nah,
da ich im Wachtraum waldwärts ging,
du dunkler Duft, der mich umfing,
seid ihr noch da?
Der Wein der Dichtung
Der Glutorange Sonnenpracht,
die dumpfes Brüten, das verhockte,
ins Gartendämmerdickicht lockte,
fault nun in kalter Erde Nacht.
Die Feldmaus hört mit feinem Ohr
des glänzend-fetten Wurmes Schmatzen,
und grauste ihr nicht vor den Tatzen,
hätt sie die Frucht geschleckt zuvor.
Die Amsel hat den Wonneton
kaum in das Zwielicht ausgesendet,
scheint auch des Lebens Kreis vollendet,
der Wurm zuckt ihr im Schnabel schon.
Wenn Leben sich von Leben nährt,
magst, Dichter, du den Durst uns stillen,
den Wein in blaue Krüge füllen,
der lang im Herzverlies gegärt.
Wir trinken ihn im Abendrot,
das durch der Verse Dämmer leuchtet,
bis uns ihr Bild die Augen feuchtet,
die Liebe, die wir wähnten tot.
Und sehen wir, efeuumkränzt,
den Mond in Liedes Schilfe sinken,
gib uns den herben Most zu trinken,
daß uns der Strom der Heimat glänzt.
Matthew Arnold, Shakespeare
Others abide our question. Thou art free.
We ask and ask – Thou smilest and art still,
Out-topping knowledge. For the loftiest hill,
Who to the stars uncrowns his majesty,
Planting his steadfast footsteps in the sea,
Making the heaven of heavens his dwelling-place,
Spares but the cloudy border of his base
To the foil’d searching of mortality;
And thou, who didst the stars and sunbeams know,
Self-school’d, self-scann’d, self-honour’d, self-secure,
Didst tread on earth unguess’d at. – Better so!
All pains the immortal spirit must endure,
All weakness which impairs, all griefs which bow,
Find their sole speech in that victorious brow.
Shakespeare
Andre erstarren, wenn wir fragen, du schwebst schon in Fernen.
wir fragen, wir fragen – du sendest dein Lächeln, dein Schweigen
vom Gipfel des Wissens. Wie den höchsten ersteigen,
da seinen funkelnden Schnee er entblößt nur den Sternen,
den Fuß unverrückbar ins Meer darf er stemmen,
auf daß die Himmlischen auf seinen Graten hinschreiten,
läßt er Wolkenschleier in die Talgründe gleiten,
der Todverfallenen herzblindes Spähen zu hemmen.
Auch dir war es vergönnt, Stern und Strahlung zu fühlen,
dein eigener Lehrer, eigenen Ruhms Herr und Meister,
bahntest du Pfade zu ungeahntesten Zielen.
Alle Qualen, die sie erdulden, die göttlichen Geister,
alle zehrende Schwäche, alle drückende Trauer
zeigt klar die Schrift der Stirn, der hehren Mauer.
Matthew Arnold, Growing old
What is it to grow old?
Is it to lose the glory of the form,
The lustre of the eye?
Is it for beauty to forego her wreath?
Yes, but not for this alone.
Is it to feel our strength –
Not our bloom only, but our strength – decay?
Is it to feel each limb
Grow stiffer, every function less exact,
Each nerve more weakly strung?
Yes, this, and more! but not,
Ah, ’tis not what in youth we dreamed ‘twould be!
‘Tis not to have our life
Mellowed and softened as with sunset-glow,
A golden day’s decline!
‘Tis not to see the world
As from a height, with rapt prophetic eyes,
And heart profoundly stirred;
And weep, and feel the fulness of the past,
The years that are no more!
It is to spend long days
And not once feel that we were ever young.
It is to add, immured
In the hot prison of the present, month
To month with weary pain.
It is to suffer this,
And feel but half, and feebly, what we feel:
Deep in our hidden heart
Festers the dull remembrance of a change,
But no emotion – none.
It is – last stage of all –
When we are frozen up within, and quite
The phantom of ourselves,
To hear the world applaud the hollow ghost
Which blamed the living man.
Alt werden
Was heißt es, alt zu werden?
Daß Leibes Pracht vergeht,
der Augen Schimmer?
Daß Jugend ihrem Kranz entsagt?
Ja, doch das ist noch nicht alles.
Heißt es zu fühlen, wie unsre Kraft,
nicht unsre Blüte nur, nein, unsre Kraft hinsinkt?
Heißt es zu fühlen, wie wir Glied um Glied
verknöchern, mehr und mehr danebentappen,
an Spannkraft einbüßt jeder Nerv?
Ja, dies und mehr! Doch keinesfalls,
wovon wir in der Jugend, ach, geträumt, wie uns geschäh!
Als würde unser Leben
sanft verklärt von einem Sonnenuntergang,
goldenen Tages Abschiedsglut!
Heißt nicht, die Welt zu sehen
vom Gipfelschnee, prophetenhaft verzückten Augs,
nicht tief gerührten Sinns
gewesener Fülle schluchzend nachzufühlen
den Jahren, die vergangen sind!
Es heißt, an langen Tagen
nicht einen Augenblick mehr fühlen, daß wir jung gewesen.
Heißt, an Kerkermauern
die Zeichen drückender Gegenwart, Monat
für Monat, kratzen in dumpfem Schmerz.
Es heißt, dies zu erdulden
und nur halb, nur schwach zu fühlen, was wir fühlen:
Tief in unsrem Herzverlies
gärt die Erinnerung matt an das, was anders wär,
doch quillt auf kein Gefühl, nicht eins.
Es heißt, der Vorhang fällt,
wenn innerlich wir schon erfroren sind und nichts
als die Phantome unsrer selbst,
zu hören, wie die Welt den hohlen Geist beklatscht,
das Zerrbild des lebendigen Menschen.
Siehe auch (leider ohne die letzte Strophe):
https://www.youtube.com/watch?v=LKTn6nPmc18
Von jenseits des Grabes
Wohnte ich im Stillen
unter Gras und Moos,
wollest mich umhüllen,
Himmel wolkenlos.
Wärest wie die Schale
einer Muschel rund,
daß in ihr mir fahle
Tag und Träume bunt.
Doch tät auf die bleiche
Knospe Mond sich dann,
wär mir, Duft erweiche,
der nicht atmen kann.
Gönnten Regenschauer
dunklem Efeu Glanz,
wogte starre Trauer
auf im Totentanz.
Würf sein weißes Linnen
Winter auf den Hang,
zu Kristall gerinnen
dürfte, was ich sang.
Das nicht wärmte, Feuer,
würd es mir entfacht
von der Hand, getreuer
als des Lebens Nacht?
Matthew Arnold, Dover Beach
The sea is calm to-night,
The tide is full, the moon lies fair
Upon the straits; on the French coast the light
Gleams and is gone; the cliffs of England stand,
Glimmering and vast, out in the tranquil bay.
Come to the window, sweet is the night air!
Only, from the long line of spray
Where the sea meets the moon-blanch’d land,
Listen! You hear the grating roar
Of pebbles which the waves draw back, and fling,
At their return, up the high strand,
Begin, and cease, and then again begin,
With tremulous cadence slow, and bring
The eternal note of sadness in.
Sophocles long ago
Heard it on the Aegean, and it brought
Into his mind the turbid ebb and flow
Of human misery; we
Find also in the sound a thought,
Hearing it by this distant northern sea.
The Sea of Faith
Was once, too, at the full, and round earth’s shore
Lay like the folds of a bright girdle furl’d.
But now I can only hear
Its melancholy, long, withdrawing roar,
Retreating, to the breath
Of the night-wind, down the vast edges drear
And naked shingles of the world.
Ah, love, let us be true
To one another! For the world, which seems
To lie before us like a land of dreams,
So various, so beautiful, so new,
Hath really neither joy, nor love, nor light,
Nor certitude, nor peace, nor help for pain;
And we are here as on a darkling plain
Swept with confused alarms of struggle and flight,
Where ignorant armies clash by night.
Strand bei Dover
Still ist das Meer heut Nacht,
hoch geht die Flut, Mond legt sein Vlies
auf die Wogen, an Frankreichs Küste fahlt
das Licht, geht aus. Englands Felswand ragt,
schimmernd und steil, aus der ruhigen Bucht.
Komm ans Fenster, die Luft der Nacht ist süß!
Doch auf Gischtschaums lange Flucht,
wo das Meer aufs mondgebleichte Land auskragt,
lausch! Hör das zerknirschte Gebrüll,
wenn Wogensog die Kiesel zieht und sie, schwingt
er zurück, auf die Dünen jagt,
wie es beginnt und endet und wieder beginnt,
langsam in zitternder Kadenz, wie darin erklingt
Trauergesang, der niemals verrinnt.
Sophokles hat am ägäischen Meer
es vor langer Zeit gehört, und schwanken
ließ es seinen Geist im trüben Hin und Her
menschlicher Elendsflut. Weh,
der Klang macht auch uns Gedanken,
hören fern wir ihn in der nördlichen See.
Das Glaubensmeer,
es ging einst auch in hoher Flut, hat sich um die Erde gerollt,
wie eines Gürtels Geschmeid sie erhellt,
nun aber höre ich nur,
Schwermut, die lang verebbend hinabgrollt,
ein sterbender Hauch, der
nächtlichem Winde sich mischt, trostlos über der weiten Flur
und dem kahlen Geröll der Welt.
Laß, Liebe, uns nicht scheuen,
was wahr ist, zu sagen. Denn wenn es auch scheint,
die Welt habe uns als Bewohner von Träumen gemeint,
solch farbig-schönen, ewig neuen,
im Kern birgt sie weder Freude, noch Liebe, noch Licht,
nicht Gewißheit, nicht Frieden noch Lösung der Qual,
hier sind wir in einem düsteren Tal,
von Rufen gepeitscht, zu Kampf, zu Flucht, wissen wir nicht,
hier, wo Heer an Heer nachts mit Chimären ficht.
Siehe auch:
Samuel Barber, Dover Beach, Gesang: Dietrich Fischer-Dieskau
https://www.youtube.com/watch?v=BmO7qX0-qu4
Der Unfall
Dem Andenken an meine Eltern
Im dunklen Röhricht mochtest du es hören,
ein trunkenes Flöten, das dem Schluchzen glich,
vom Hauch des Wassers wiegten sich die Schilfe,
ein Tropfen fiel der Mond aufs feuchte Grün.
Dort brach das Schicksal ein, es quietschten Reifen,
und Vaters rechtes Bein hing schlaff, zertrümmert,
das Schädeltrauma schloß dich fort ins Dämmern,
lang lagst du, Mutter, hinterm Schweigegitter.
Das war, als ihr vom Schilf nach Hause ginget,
o Sommernacht, wie war die Luft so lau,
der Liebe Haut noch heißgespannt dem Kusse.
Dann fror die Mosel zu, ein banger Knabe
sah ich erstarrt im Eis der Nymphe Haar.
Wir knieten unterm Flackern frommer Kerzen,
da rings die Kranken ächzten, die Versehrten,
das Kind des Heils hielt hoch die Lichtverzückte,
von blauem Samt umhüllt der stumme Schoß.
Als wieder Wellen weich das Schilfrohr bogen
und Julimond im lauen Wasser schwamm,
vernahm ich fern das Flöten und das Schluchzen
und Humpeln dumpfer Krücken nebenan.
Den Unstern überdecken weiße Wolken,
ein Blütenstern der Erde strahlt das Glück,
das Fatum rollt heran, süß summt die Nabe,
das Licht der Blüte schwindet, kaum gepflückt.
Rose der Frühe, Viole der Nacht
Du Rose der Frühe, Viole der Nacht,
hast mir den Duft, mir die Wehmut gebracht.
Wenn ferner Heimat Bilder verschwimmen
und dich vermissend die Augen sich feuchten,
seh ich dein Haar im Abendrot glimmen
und deine Augen im Dunkel mir leuchten.
Du Jauchzen der Lerchen, Nachtvogels Gesang,
dehnst kühn meine Fibern, machst zittern sie bang.
Will müd ich zwischen die Gräser mich legen,
bin ich ja, ohne dich wiederzufinden,
lange gewandert auf steinigen Wegen,
hör ich dich flüstern im Laubwerk der Linden.
Du silbernes Wasser, du goldener Sand,
Labsal der Lippen, dem Herzen ein Brand.
Liege ich einsam, es klagt an den Scheiben
Regen, auf daß ich vor Sehnsucht erblasse,
will eine Knospe auf Wellen ich treiben,
bis deiner Hände Kelch sie umfasse.
Bitterer Morast
Woraus die Bilder, die sublimen, zucken,
ist bitterer Morast, Giftkeime-Wälzen
von Kreaturen, die sich Flüche spucken
und Hymnen aus Kristall in Wahnglut schmelzen.
Die weiße Lilie sieh, die keusche, ragen
aus dunklem Schluchzen mondbeleckter Moose,
Aasdünste sind, die sich zu mischen wagen
dem edlen Duft der königlichen Rose.
Auch Walther sah sie strotzend stehn, Frau Welte,
die Lippen Purpur, Schnee die steilen Brüste,
doch auch, was rücklings ihren Leib entstellte,
die Schwären und Gewürm der Todeslüste.
Gedenk des Sehers, der gemalt mit Flammen,
wie brach er unterm Sonnenjoch zusammen.
Späte Strahlen
Wie ist es still, es sickern späte Strahlen
aufs Schicksalsnetz der grauen Göttin Spinne,
ein zartes Leben zuckt in stummen Qualen,
daß roter Tropfen in das Dunkel rinne.
Und da noch Kerzen sänftigen das Dämmern,
wenn Fromme vor Ikonen niedersinken,
sind Fäuste wild, die an die Pforte hämmern,
und Mäuler, die nach Blasphemien stinken.
Gehst unter Schauern du von Efeuranken,
der Urnacht lichtes Ornament zu finden,
zerfasert dir der Teppich der Gedanken,
und tausend Sonnen lassen dich erblinden.
Mag, Dichter, dir die Haut des Wortes schimmern,
o hör im Mark der kranken Seele Wimmern.
Schwarzer Mohn
Als hättest du gelebt, wo Wasser sangen,
geatmet Duft und Traum von Chrysanthemen,
nun sind der Jugend Bilder dir verhangen
und gehst am Tag ein Schemen unter Schemen.
Als hättest du gewohnt bei schönen Frauen,
gewunden Veilchen in die grünen Strophen,
nun sieht aus gelben Augen statt der blauen
dich an die alte Katze hinterm Ofen.
Als wären Verse dir im Abenddämmer,
ein süßes Licht, getropft aus dunklen Lauben,
nun schlagen dir im Traum die Endzeithämmer
der Liebe Bild entzwei, den hohen Glauben.
Komm, Orpheus, uns den schwarzen Mohn zu reichen,
daß Eurydikes Blicke von uns weichen.
Rose des Mittags
Rose des Mittags,
Engel der Nacht,
hast mir geleuchtet,
hobst auf mich sacht.
Warst bang verschlossen,
da ich dich sah,
tauüberflossen,
gingst mir so nah.
Hab dich mit Blicken
scheu nur umarmt,
dich schnöd zu pflücken
hätt mich verarmt.
Hast deine Knospe
still aufgetan
und deinen Flügel
weiß wie ein Schwan.
War ich benommen,
trank deinen Duft,
sind wir geschwommen
in blauer Luft.
Rose des Mittags,
Engel der Nacht,
hast mir geleuchtet,
hobst auf mich sacht.
Wort unter den Wimpern der Nacht
Fremdstämmig scheint hier deine Sprache,
ein bäurischer Tonkrug, der leckt,
die ächzende Angel im Tore,
blind schlagend im ortlosen Wind.
Selbst bist du worden ein Schatten,
der stumm um das Steinmal sich dreht,
wo dunkeln die Zeichen gleich Augen,
Wort unter den Wimpern der Nacht.
Verkrustete Muschel der Vorzeit
legt sich deinen Vers an das Ohr
ins Dunkel zu lauschen kein Knabe,
auf Fluten des Mondes entrückt.
Fremdstämmig scheint hier deine Sprache,
Melkschemel, dreibeinig, der hinkt,
ein Schwalbennest, zwitschernd im Schuppen,
den eiserner Zahn schon benagt.
O Hand, zu entzünden die Kerze
im Winkel vorm blassenden Bild,
o Herz, zu streuen die Blüten
verlassener Liebe ins Lied.
Der einsame Turm
Die Tür, die eiserne, ist abgeriegelt,
wie des Erinnerns tönende Spirale
dreht um die Treppe sich die Schmerzensschale,
bis auf dem Grund der leere Glanz sich spiegelt.
Im Turm, der einsam ragt, stehst du auf Zinnen,
das Brausen hörst du auf- und niederwallen,
du siehst die Wolken sich wie Hymnen ballen
und Tropfen Lichts auf graue Male rinnen.
Hold wären Lüfte, dich emporzuschwingen,
doch ward das flügelnde dir ausgerissen,
das Wort, sein reines Mark vom Neid zerbissen,
weil es anhob, dem Abendstern zu singen.
Magst, Dichter, stumm auf dem Altan noch fühlen,
wie Meergesänge dir die Wunde kühlen.
Das Muschelwort
Das träge Blatt scheint träumerisch zu schwingen,
kaum ist des Meisters Auge aufgeblitzt.
Das weiche Wasser tönt in zarten Ringen,
ward jäh die Haut von Mondes Horn geritzt.
Es leuchten Adern auf an grauen Steinen,
wenn Regen niederströmt und Rauschen schwillt.
Verlassene Liebe darf im Dunkeln weinen
und goldner Wein die Zunge lösen mild.
Das Muschelwort soll Willkür nicht zerstücken,
sein Wehmutecho dehnet das Gemüt,
und klaffen zwischen Gras und Zeichen Lücken,
Geduld, die edle Knospe Sinn erblüht.
Was Tag verzehrte, nährt ein blaues Dämmern,
das Herz entschlackt den Vers mit leisem Hämmern.
Liebe, laß uns reisen
Herbstliches Laub, noch glüht’s, die Sonne aber
fahlt, und früh weicht sie den Schatten. Wir zögern,
wenn ein loses Blatt uns auf die Schulter fällt,
und atmen scheu den Fäulnisodem ein,
der aus den Gärten dringt, wo Quitten noch
wie gelbe Lampions ins Zwielicht flackern
und Birnen, von Pigmenten schwarz gefleckt,
Gekrächz und Hieben krummer Schnäbel harren.
In morscher Angel ächzt die Kirchhoftür,
und heißer Docht umknistert kalten Schlaf.
Der späten Garben nebelblasse Ballen
sind wie verlorene Fracht vorbeigeschwommen.
Wir gehen durch den Forst, nur Schimmer Taus
sagt uns, daß einmal Tag gewesen ist,
kein Zwitschern weiß vom hohen Blau des Himmels.
Wie Hermes scheinst du mich zum Strom zu leiten,
sein Rauschen ruft schon jenem Chore gleich,
der einst dem Blinden in Kolonos Licht
der Hoffnung auf Entrückung hat gespendet.
Geh, Liebe, du voran, ich habe Angst,
zu straucheln und den Pfad nicht mehr zu finden
in diesem Irrsal wild-verworrenen Lebens.
Seh ich den Abendstrahl im Haar dir glimmen,
die Anmut deines Gangs die Schilfe streifen,
ist mir, ein Band hält mich, wenn rings die Leere
hinabgraut, wo kein wahres Bild mehr blüht.
Und wendest du dich um, sagt mir dein Auge,
sagt mir sein feuchter Glanz, wir sind am Ziel,
hier ist das Ufer, seufzt schäumend auf die Welle,
harrt unsrer letzten Fahrt ein leichtes Boot.
O laß uns reisen, Liebe, laß uns reisen,
uns wiegen vom Geschluchze weicher Wasser.
Wir fragen nicht wohin und nicht wie weit,
nicht, ob der bleiche Mond der Fährmann sei,
nicht, ob sein Strahl ans fremde Eiland reiche,
wo Ahnengeister lächelnd uns erkennen.
Laß, Liebe, uns wie schon vergessene Blumen
die Knospen unterm Mond noch einmal öffnen,
daß milder Duft um unsern Abschied sei.
O laß uns reisen, Liebe, laß uns reisen.
Daß Schweigen in dir wohne
Des Lichtes fahle Krone
wirfst du ins Blau der Nacht.
Daß Schweigen in dir wohne,
hast allen Sinn zerdacht.
Die Spuren wirrer Gänge
verweht im Sande Wind,
verweht die Sonnensänge,
die kalte Aschen sind.
Wie Grenzen wild verschwimmen,
der Himmel schäumt im Meer,
zur Nacht erwachen Stimmen
und Taglieds Kelch ist leer.
Des Mondes Schneeviole
verglüht an Eos Schild,
die Sonnengladiole
erlischt im Schneegefild.
Der Nächte Dornenkrone
legst nieder du aufs Moos,
daß Schweigen in dir wohne,
klafft stumm der Erde Schoß.
Der umgestürzte Kelch
Der Eiche Flamme zuckt in fahlem Dunst,
schwarz und erstarrt, nichts kann das Herz noch wärmen,
übt fahrend Volk sich spät auch in der Kunst,
den Schrei zu sprühen, wenn sie südwärts schwärmen.
Schon haften weiße Tupfer auf dem Samt
der Moose und verpichen Rindenschründe,
und Blätter, die kein Frührot mehr entflammt,
knien flüsternd hin vorm Beichtiger, dem Winde.
Der Purpurkelch, den Liebe angefüllt
und Sommer ihren Sängern hat gespendet,
liegt umgestürzt, zerbrochnen Mondes Bild.
Im Schweigen ward der Seele Jahr vollendet.
Mußt, Dichter, du in weißen Wüsten harren,
schür Aschen, daß die Verse nicht erstarren.
Ich hört im Dunkel singen
Ich hört im Dunkel singen,
o Stimme hell und süß,
als wollt sie Kunde bringen
von nahem Paradies.
Ich lief, den Hort zu schauen,
aus dem das Lied erklang,
wie ward im Weltengrauen
dem Irrenden so bang.
Da stieg ich auf zum Gipfel,
dem schroff das Kreuz entragt,
wie trostlos rauschten Wipfel,
da ich mein Leid geklagt.
Holz, Eden einst entsprungen,
es trug die Nachtigall,
sie hat das Lied gesungen,
o schmelzender Kristall.
Einem jungen Dichter
Es sang von Galatea, wie benommen,
am Strand expressionistisch ein Poem,
wie sie, o blaue Flosse, weggeschwommen,
am Aug, dem einen, triefend, Polyphem.
Der floh, ein Knabe noch, in Dämmerlauben
und schlummerte abseits gebahnten Pfads,
er sah im Traum des Himmels weiße Tauben,
wie sie den Lorbeer brachten, ihm, Horaz.
Schlaf ist das Glück der schwermutdunklen Seele,
die scharfe Strahlen scheut, im Mondglanz weint.
Kontemplation der Schönheit sonder Fehle
das Glück der goldenen, das Platon meint.
Voll bitterns Honigs mag das Lied dir lallen,
das Licht bricht süßer sich an Verskristallen.
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