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Süßer Abgrund Licht

08.06.2017

I

Die Wolke zieht dahin, sie hat kein Ziel,
sie geht, läßt uns die Bläue ohne Schwund.

Die Dinge sind ein Schattenspiel
auf einem Spiegel ohne Hintergrund.

II

Die Mücke summte, hat schon ausgesurrt –
wie das Dunkel dunkler singt.

Der Lärm des Lebens ist das Schnurren
einer Katze, die jäh ins Abseits springt.

III

Du blicktest nach oben,
da zog die Wolke groß.

Du blicktest wieder hin,
da lag der Himmel bloß.

IV

Gestern hieß ihr Mund
Tausendkuß.

Heute schmollt dein Mund
voll Überdruß.

V

Gestern bliebst du ungerührt,
da war der Mond so klar und kalt.

Heute hast du es verspürt,
da glomm die Scheibe überm Wald.

VI

Gestern trug auf ihrem Leibe
Singen dich zum Quellenmund.

Heute gönnt dir keine Bleibe
Schnee auf ihrem Herzensgrund.

VII

Eben bahnten deine Schneisen
Flocken eines frischen Schnees.

Jählings beißen dich die leisen
Flocken eines alten Wehs.

VIII

Du gehst lange durch das Schweigen
hoher Stämme – nichts ist nah.

Du hältst inne, in den Zweigen
Mondes Scheibe – du bist da.

IX

Wenn die Dinge dämmern,
zögern Farbenschimmer.

Wenn die Rosen sinken,
schwimmt noch Duft im Zimmer.

X

Süßer Abgrund leuchtet
bei jedem Wimpernschlag.

Stille Träne feuchtet,
versinkt der schöne Tag.

XI

Wir können uns nicht halten,
auch wenn wir uns umranken,
wieʼs die Wicken machen,
werden wir doch schwanken,
wird das Blut erkalten,
wenn die Flocken lachen,
sich die Blätter falten,
schneit es auf die Brachen,
kann uns nichts mehr halten,
auch wenn wir uns umranken,
wieʼs die Wicken wissen,
können uns nur danken,
solange wir uns halten,
und auch wenn wir schwanken,
uns zum Abschied küssen.

XII

Wie seltsam ist das Leben,
jeder Mensch hat seines,
ein großes oder kleines,
willʼs hoch ins Lichte heben.

Wie seltsam istʼs zu gehen,
das Reh, es läßt sich fallen,
die Glocken, sie verhallen,
die Worte, sie verwehen.

Wie seltsam ist das Leben,
ein jedes fühlt sich ganz,
ein jedes will den Glanz
um sein Geliebtes weben.

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