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Coincidentia oppositorum

05.11.2026

Gegenstrebige Fügung
Heraklit

Wie, die Gottesanbeterin,
die ihn schon verschlingt,
während er sie noch begattet,

ist aus demselben Geist geboren
wie Alkestis, die sich für Admet geopfert,
die Romeo ins Dunkel folgte, Julia?

Wie, die sich zerstückeln ließ
die warme Hoffnung ihres Leibs
für feiler Wollust kalte Funken,

ist aus demselben Fleisch gezeugt,
das eine helle Zukunft nährt
mit keusch geschwollenen Brüsten?

Wie, der im Gras der Nacht gelauert
und jäh die weiche Hirschkuh riß,
der Tiger mit den Siegesstreifen,

ist aus demselben Stoff gemodelt,
aus dem ein Auge uns erwuchs,
das feucht ward vor der Toten Bild?

Wie, des Kiebitz launisches Kiwitt,
der Turteltaube dumpfes Gurren,
dem Wind gesäter Lerchensang

sind demselben Grund entsprungen,
woraus die Fuge Bachs mäandert
und die Fontäne Mozarts stieg?

Wie, der Hyäne nächtliches Geheul,
das eitle Gellen eines Pfaus,
des Grautiers elendes Geschrei

sind aus derselben Frucht gekeltert
wie Goethes goldner Liebeswein,
die dunkle Klage von Celan?

 

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