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Dichter mit vernähten Lippen

19.10.2026

„Leg dich hier aufs Moos, der Tag war lang,“
sprach zu ihm die Nacht und strich die Salbe
süßen Dufts auf seine mürben Lippen,
„ich kühle deinen Schmerz mit feuchten Funken,
die aus den Krügen der Erinnerung tropfen.
Mein Hauch erweicht den Kontur harter Dinge
und meiner Nachtigallen trunknes Lied
trägt dich hinan ins grenzenlose Dunkel,
wo ich dir sanfter Träume stille Schimmer,
Plejaden und der Venus Kuß entzünde.
O schlafe lang, verträum den faden Tag,
ich kehre bald mit glitzernden Netzen wieder,
aufs jenseitige Ufer dich emporzuziehen.“

Spät ist er aufgewacht, von einem Stich
in das betäubte Herz. Mit den Zangen
eines feurigen Krebses packte ihn
der Tag und schleppte ihn zu einem Platz,
wo wächserne Masken um ein Erdloch drängten,
darein ließ er den Todesbleichen fallen.
„Du hast genug geschlafen, wüst geträumt,“
sprach die Maske mit dem goldenen Horn,
„doch dein Vers keimt nicht im Tageslicht,
hat keine Wurzeln, Lebenssaft zu saugen,
er ist nur Spiegel nächtlichen Geflimmers.
Da er die Frucht nicht trägt, die unser Dasein
versüßen kann, Kraft unsrer Mühsal gibt,
mußt du für immer schweigen.“ Und er nahm
die blitzende Nadel, den unlösbaren Faden,
ein Meisterschüler grauer Schicksalsnornen,
und nähte ihm die blassen Lippen zu.
Er lag in diesem Loch, und zugeschaufelt
hat Wind es gnädig mit des Glutherds Aschen.

 

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