Missgriffe und Stürze
Ich erhob mich rasch und riss mit dem schwappenden Mantelsaum ein Glas vom Tisch, das hinter mir auf den Boden stürzte und klirrend barst. Ich meldete es der Wirtin und entlockte ihren schwarzen Augen mit meinem Schuldeingeständnis nicht einmal ein Blinken.
Die Dame mit den Perlenohrgehängen, von deren Tisch ich mich erhoben hatte, saß dort und blickte etwas steif in ihren „Guardian“, von dessen vermischten Nachrichten sie mir hin und wieder eine Kostprobe gab. Ich verabschiedete mich und reichte ihr über die am Boden zerstreuten Scherben hinweg in gleichsam höfischer Manier die Fingerspitzen der Rechten, die sie freundlich berührte.
Wir hatten beiläufig das eine und andere Thema berührt, kamen auf Moden und den Ausdruck der Farben. Es sei ein sprachlicher Missgriff, meinte die Dame, von „Rentnerbeige“ oder „Seniorengrau“ zu reden. Die Farbe Beige habe ihre eigene Dezenz und schöne Reserviertheit. Ich erwähnte, dass ich ein Grau mit einer geringen Beimischung von wässrigem Blaugrün favorisiere.
„Ist nicht das reine, pure Weiß dem empfindlichen Auge grell und abstoßend, ja geradezu verletzend in seiner puristischen Anmaßung? Ein blau angewehtes Grau dagegen zeugt nicht nur von nobler Gesinnung, sondern ist mit Leben behaucht, das aus sich und auf sich besteht. Gibt es eigentlich eine Nationalflagge, in der monochromes Grau dominiert? Wohl kaum, sind doch die meisten Flaggen, vor allem die dreifarbig gestreiften wie die europäischen, ihrer Ästhetik nach die bedenkliche Frucht der Revolution, die den vornehmen Gusto der Aristokratie in der grellen Palette nationalen Dünkels und dem grausen Mischmasch von jedermanns Geschmack ertränkte. Solche Farbgebungen wollen brüllen und schreien und plakathaft aufs Auge hauen. Es sei denn sie entstammen höheren Regionen wie die japanische Fahne.“
„Da haben Sie wohl etwas getroffen. Wenn wir schon von Missgriffen sprechen, ein grober Missgriff in der Welt der Männermode ist doch wohl der dunkle Anzug, der den Blick in die Parlamente und Aufsichtsratssitzungen, die Vereine und Vorstände jeder Art durch das monotone Einerlei textiler Selbstkastrierung trübt. Ja, gewiss ist auch diese modische Unsitte, wie Sie es nennen, eine bedenkliche Frucht der Revolution: War doch die uns Heutige effeminiert dünkende, prachtvolle Kostümierung des adligen Mannes an eine vornehme Selbsterhöhung und ein jetzt geradezu belächeltes oder verachtetes Ideal schöner Männlichkeit geknüpft.“
Als ich mir im Bett die Zeit mit Hamsuns „Pan“ vertrieb, kamen mir die Hände des Alten wieder in den Sinn. Er pflegte sie breitflächig auf das kühle Glas des Tresens zu legen, die Flasche „Kellergeist“ in der Mitte. Die Adern, wasserädrige Schwellungen, die kurz gehaltenen Nägel, etwas angeschwärzt, als habe er in der Erde gewühlt oder Kartoffeln ausgebuddelt. Er hält das Gleichgewicht mit dem beherzten Druck. Er sagt mir „Gute Nacht“ und „Tschüs“ und nimmt meine Hand mit eben diesem beherzten Druck. Er ist ein einfacher Mann, trägt Cordhose und bunt karierte Flanellhemden. Er beharrt eigensinnig darauf, sein Bier aus der Flasche zu trinken. Er hat hart gearbeitet, im Schweiße seines Angesichts, er hat getanzt, geflucht und gezeugt. Er ist derb, und er ist zart, wenn er mir zuflüstert: „Jetzt gehst du schon wieder und lässt mich allein!“
Plötzlich scheppert es laut, dann ein dumpfer Knall. In der Küche ist mein alter Pfennigbaum mit dem dicken, verknoteten Stamm und den schweren Ästen, die er kaum aufrechthalten kann, vom Fensterbord gefallen. Am Morgen hatte ich das Sims abgeräumt und alles saubergewischt, danach wieder ordentlich aufgestellt. So hat das Bäumchen etliche Zeit ein fragiles Gleichgewicht gehalten, umsonst. Ich starre auf den Küchenboden, wo sich die dunkle torfreiche Erde um die Scherben des zerdepperten Tontopfs zerstreut hat. Ich starre und will erst entsetzt sein oder zumindest unangenehm überrascht.
Doch dann freue ich mich. „Ja, es ist gut so“, sage ich mir, „dies Chaos möge dir zu gutem Werke gereichen!“ Jahr um Jahr hat das Bäumchen in seiner Fensternische gedämmert, Wasser geschluckt, Nährsalze gelöst und seine etwas schwülstigen, runden, fetten Blätter gedüngt und vermehrt. Aber jetzt erst sehe ich die Pflanze, die ich immer wieder einmal in einem Anfall dünkelhaften Überdrusses entsorgen wollte, werde jetzt erst ihrer vollen lebendigen Gegenwart inne.
Ich nehme einen neuen Topf, klopfe den Humus von den Wurzeln der Pflanze und stopfe eifrig schwarze Erde in die Lücken, bis sie festsitzt. Ich habe sie nicht ihrer Schönheit wegen gerettet und bewahrt, gewiss nicht, denn sie scheint mir eher unansehnlich, auch hier zu blühen hat sie sich noch nicht bequemt. Sie errang mein Wohlwollen durch die Zähigkeit ihres Lebenstriebs, die unermüdliche Anstrengung, auszuharren, im Licht zu bleiben und ihre Photosynthesen zu bilden.
„Nein, schön bist du nicht, sogar etwas unanständig wirkt dein Wuchern und Schwellen. Aber lieben müssen wir dich doch, weil du da bist, weil du zäh bist und weil du uns daran gemahnst, dem Leben zu geben, was des Lebens und lebendig ist.“