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Verhallendes Echo

09.11.2025

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Alles fließt.“ – „Doch dies steht fest?“

Analysieren wir die Tat bis hinab zu den kleinsten determinierenden Momenten, verflüchtigt sich der Täter.

Es ist trügerisch, im selben Sinn vom Ursprung des Universums wie vom Anfang einer Geschichte zu reden. Unser Reden von Zeit, Ereignis, Geschichte ist auf unterschiedlichen Skalen und Registern abzutragen.

Was wir wirklich oder real nennen, ist ein integraler Bestandteil semantischer Verknüpfung; es wird indes dadurch nicht unwirklich oder irreal.

„Es regnete“ – im Tagebuch mit Orts- und Zeitangabe verzeichnet oder in einer fiktiven Erzählung.

„So geschah es“ – elementare grammatisch-semantische Synthesis.

Die Symmetrie von Kristall, Rose und Auge; und die Mächte der Auflösung wie Hitze, Sturm und Verwesung.

Wir unterscheiden Grade der Bewußtheit und der Egoität; Wach-Ich und Traum-Ich.

Das Geheiß, die Gründe der Tat und die Abgründe des Daseins zu erhellen, ist apollinisch; das Ergebnis, wie die Selbsterforschung des Ödipus bekundet, dionysisch-tragisch: die Entdeckung eines ursprünglichen Schattens.

Der Vergil der Äneis ist der Tiefenpsychologe des antiken Mythos.

Wir stehen am sich auflösenden Saum der Begegnung von christlicher und hellenisch-römischer Kultur.

Rhythmische Urintuitionen – wir unterteilen das Fallen von Tropfen unwillkürlich in Takte, rhythmische Einheiten. Muster des Gehens, Laufens, Zögerns, Verweilens in Jambus, Trochäus, Daktylos, Adoneus und Bakcheus.

Physiognomische Urmuster; das Kind malt einen Kreis und darin drei Punkte für Augen und Mund.

Die grammatische Morphologie und Musterbildung erzeugt die Morphologie des Sinns.

Sätze über die Form von Sätzen sind metasprachliche Schein-Sätze.

Der Schatten des Kreuzes, den das gleisnerische Licht der Aufklärung nicht aufzulösen vermochte, liegt noch auf dem Schnee unseres geistigen Winters.

Der Herrscher von Theben, Ödipus, hinkt.

Die anmutig-züchtige junge Muslima stand vor mir in der Warteschlange und las in ihrem Buch der Bücher, einer Ausgabe des Koran mit ornamental umrankten Schriftzeichen. Kaum vorstellbar, ihre christliche Schwester täte desgleichen mit unserem Buch der Bücher in der Hand.

Ich gedachte des wahren, wenn auch wahnhaften Leidens eines Pavese und der unheimlichen Tiefe, die es seinem mürben Geist verlieh, verborgene Schichten des antiken Mythos zu berühren.

Genius der Sonne und Anima des Monds. – Goethe war beides.

Die sich in den Wellen der ligurischen Küste spiegelnden einsamen Säulen hohen klassischen Stilempfindens – Phantasmagorien der Geschichte.

Jeder lebt seinem Mythos nach, ohne Hoffnung auf endgültige Entschlüsselung.

Aus den vergossenen Tropfen Bluts ihres Geliebten Adonis läßt Aphrodite Rosen entsprießen.

Die Glieder der Sprache verrenken heißt die Mutter schänden.

Die ihn gebar, bleibt stumm angesichts des Leidens ihres Sohns am Kreuz. – Wie anders? Sie selber ist der Stamm, der ihn trägt.

Die Wahrheit läßt sich nicht photographieren.

Mach einen Schnappschuß – die Geste der wahren Empfindung bleibt, so gestochen scharf die Bildauflösung sein mag, verwischt.

Die klassischen Autoren waren wie die Gelehrten, die Historiker, die Politiker in den humanistischen Fächern geschult, allem voran in der Rhetorik. Doch Vergil, der Meister der epischen Sprache, versagte als Redner.

Wer hätte noch unter den Sprachbildnern den erhaben-demütigen Antrieb, sein Werk einer höheren Macht als Gabe auf den Altar zu legen (so wie Wittgenstein beabsichtigte, es Bach nachzutun und das seine unter das Motto zu stellen: Ad maiorem gloriam Dei)? – Schon Wittgenstein scheute wie vor einer Anmaßung davor zurück; wie lächerlich würde uns heute die Tollkühnheit eines Zeitgenossen anmuten, der sich dessen erdreistete.

An allem irre geworden, was harmonisch resoniert und architektonisch wohlgefügt ist, lassen sie sich für die Pervertierung und Herabwürdigung dessen feiern, was Goethe das Vortreffliche nannte, auch wenn es an Leichenfledderei gemahnt.

Der vernunftfromme, kartesianisch gesinnte Freud ward angesichts der schwellenden Brüste der Erdmutter Gaia impotent und mythenblind.

Die wir gestern sahen, die Spuren des Wilds, hat der Neuschnee verwischt.

Gedichte, allmählich verlöschende Nachbilder des Traums.

Das Echo der Rufe aus dem Abgrund der Zeit, das an den kahlen Wänden einer müden Gegenwart verhallt.

Der ausgeschöpfte Brunnen der Erinnerung.

Die in Abwasserkanäle geleiteten Ströme des Helikon.

Die feinhörige Hand des Chirurgen und Physiognomikers tastet den Verwachsungen unter den verhornten Hautschichten nach; das überlärmte Ohr des Zeitgenossen findet für die leisen Zwischentöne im Vers des Vergil keine Resonanz.

Eine Erschütterung, ein Erdbeben läßt die Wände der römischen Villa erzittern; da bröckelt der Putz wie aufgeklatschte Tünche, und die farbigen Mosaike einer untergegangenen Welt treten ans Licht.

Ich hörte. wie Großvater im wuchernden Gras des Felds die Sense dengelte, Knabe, der auf dem Dach des Schuppens lag, und mir war, als stiegen geisterhafte Stimmen aus dem heiß geschabten Eisen.

Von den herbstlichen Feuern stoben Funken in den dunkelblauen Samt des Abends und brannten Löcher in den Vorhang, durch die sich schon der schwarze Schaum der Nacht ergoß.

Was Nachtwind ins Gras geschrieben, die Seele liest es, eine Eule, die nach ihrer Schwester ruft.

Der Dichter sah im Schnee die Spuren und ihm war, sie müßten von einer verwandten Seele stammen, einem Sternenbruder in der Winternacht, und ging ihnen nach; doch kam er dunkel kreisend an die Stelle zurück, von der er ausgegangen.

Wer abgewichen ist vom ausgetretenen Pfad des Sagens, sieht sich jählings einsam unter fremden Sternen, und die Blüten rings, das grüne Leben scheint ihm unbenannt nur schwach zu atmen, schwach zu duften. Nur eines Orpheus Huld kann ihm den Zauber leihen, die Dinge wieder zu beleben, daß sie ihm mündig geworden neue Namen künden.

Der Sinn des Todes entblößt den Wahn der universellen Machbarkeit und Verfügbarkeit.

Die Behausungen und Gehäuse, vom Haus bis zum technischen Gestell, können uns nur vorübergehend bergen; die Angst und der Tod schlüpfen durch das Schlüsselloch, nisten in den Fugen und Gelenken unserer blitzenden Geräte, wo unheimlich zu knacken und knirschen beginnt, was schließlich zerbricht.

Die natürliche Sprache ist historisch-kontingent und kulturrelativ; sie kann nicht am Reißbrett entworfen und mittels Algorithmen aufgebaut werden.

Der Geist der natürlichen Sprache weht uns an, belebt oder ängstigt; die Sprache der künstlichen Intelligenz atmet nicht.

Wir werden skeptisch gegenüber dem Wunsch nach Unsterblichkeit, wenn uns das Schicksal des Tithonos zu dauern beginnt, dem die Gemahlin Eos dank Zeus zu ewigem Leben verhalf, der aber alt geworden immerdar weiter vergreiste, verschrumpelte und den Zikaden gleich stets schriller seine Stimme erhob, weil ihm ewige Jugend nicht vergönnt war.

 

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