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Jan 7 23

Laß uns mit den Flüssen eilen

Laß uns mit den Flüssen eilen
bis zum offnen Ozean,
laß im blauen Glanz uns weilen,
Tropfen auf dem Enzian.

Liegt das Veilchen auf der Schwelle,
hast es du mir ja gepflückt,
ich gab dir die Mirabelle,
daß ihr Leuchten dich entzückt.

Laß uns mit den Nebeln steigen
ins azurne Mittagsblau,
laß im Abendrot uns schweigen,
träumend rinnen mit dem Tau.

Mußte auch das Veilchen blassen
und die Wange ward dir bleich,
süße Glut hat uns gelassen
Fleisch der Frucht, von Sonnen weich.

 

Jan 6 23

Nasenstüber – Diurnum philosophicum IV

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie ein Nasenstüber sei, was uns weckt und zu denken anregt.

Opposition und Widerspruchsgeist stabilisieren die Zustände.

Der Opponent ähnelt nach und nach dem, wogegen er anrennt.

Der Fromme gleicht mehr und mehr dem Unhold, den er bekämpft, in Grund und Boden predigt, mit Weihrauch zu ersticken sucht, vor dem er das Kreuz schlägt.

Ah, die Schlingen des Begriffs abwerfen, Subjekt und Objekt, Wesen und Erscheinung; doch selbst darin noch, im Abwerfen und Loswerden, welches Würgen, welches Röcheln.

„Der Schein trügt: Auch wenn er ein korrektes Deutsch spricht, von Haus aus ist er Engländer, und seine Muttersprache ist das Englische.“ Hier geht alles mit rechten Dingen zu, und was wir auf solche und ähnliche Art äußern, ist sinnvoll, wenn auch trivial.

Dagegen: „Du bist wohl ein Mensch, aber in Wahrheit bist du eine von einem genetischen Programm aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschine.“ – Auf diese Weise können nur Philosophen die Sprache mißbrauchen.

Der Säugling schreit, sein Schreien, sagen wir, ist ein unmittelbarer und unwillkürlicher Ausdruck seiner Befindlichkeit, von Hunger, Durst, Unbehagen, Angst. – Die Mutter eilt herbei, um ihn zu stillen, zu säubern, zu wiegen, zu beruhigen. Dieser Vorgang wiederholt sich. Schließlich sind wir geneigt zu sagen: Der Säugling schreit nach seiner Mutter, er schreit, damit seine Mutter zu ihm komme.

Aber diese Deutung geht fehl, solange das Schreien des Säuglings das Verhalten der Mutter unwillkürlich und nicht durch eine willkürliche Signalisierung auslöst.

Wenn unsere Verlautbarungen und Sprechakte das Verhalten anderer willkürlich oder willentlich aufgrund ihrer zweckdienlichen Ausrichtung und Formung auslösen, treten wir in den semantisch-logischen Raum des sprachlichen Handelns, in dem gilt: Wir hätten auch schweigen können.

Wir können voraussagen, daß der Säugling, bedrängt vom Gefühl des Mangels, schreien wird; wir können nicht voraussagen, ob der Angeklagte vor Gericht reden oder schweigen wird.

Wenn der Angeklagte die Absicht hegt, vor Gericht zu schweigen, macht er keine Voraussage über den Eintritt eines mentalen Zustandes, der ihm die Rede verunmöglicht; denn nicht sprechen können heißt nicht schweigen.

Das Wörterbuch kann als Instrument der Verständigung, aber auch als Repräsentation des Sprachschatzes zweier natürlicher Sprachen betrachtet werden.

Die topographische Karte kann als Instrument und Mittel der Orientierung, aber auch als projektive Abbildung einer bestimmten geographischen Fläche betrachtet werden.

Das Gedicht kann als Mittel betrachtet und benutzt werden, den Hörer oder Leser in einen bestimmten mentalen Zustand, eine seelische Gestimmtheit, zu versetzen; aber unabhängig von jeder konkreten kommunikativen Situation betrachtet ist es ein Gewebe von mehr oder weniger ungewöhnlichen Wörtern und Wendungen, die in einen eigentümlichen Rhythmus eingebettet sind, der sich von Vers zu Vers und Strophe zu Strophe wiederholt.

„Ich bin hier“ ist die Grundaussage sprachlicher Pragmatik.

„Ich bin hier“ – töricht zu fragen, ob sich der Sprecher nicht vielleicht irre, sinnlos, Zeugen für das Gesagte ausfindig machen zu wollen.

„Ich war dort“ ist die Grundaussage sowohl des autobiographischen Berichts wie der erzählenden Prosa.

„Ich war dort“ – hier können wir, wenn es sich um einen autobiographischen Bericht handelt, nach den zeitlichen und räumlichen Koordinaten fragen, aber auch nach Zeugen, die eine solche deskriptive Aussage bestätigen oder nicht bestätigen.

„Auch ich war in Arkadien“ – hier erfassen wir den imaginären Charakter mythischer Raum-Zeit-Koordinaten und zugleich den fiktiven Charakter der Sprecherposition des Gedichts. Töricht, nachprüfen zu wollen, ob der Sprecher wirklich dort gewesen ist, wo niemand gewesen sein kann.

Wir können aus den Beschreibungen im sechsten Buch der Äneis eine Karte der mythischen Jenseitslandschaft mit ihren Wegen und Flüssen, Sümpfen, Hainen und Inseln der Seligen mit denselben Darstellungsmitteln entwerfen, die wir für die Erstellung einer topographischen Karte Irlands verwenden. Der Unterschied liegt in der Art ihrer Verwendung: Die Karte der mythischen Unterwelt dient uns zur Orientierung bei der Lektüre Vergils, die Karte Irlands der Orientierung bei unserer Wanderung von Dublin nach Connemara.

Ich glaubte, gestern auf der anderen Straßenseite Peter zu erkennen; doch wie sich herausstellte, war es sein Zwillingsbruder Paul. Dagegen ist es unsinnig sich vorzustellen, Odysseus sei bei den Phäaken nicht Nausikaa, sondern ihrer Zwillingsschwester begegnet.

Dem Astronomen hilft sein Wissen über den Mond keinen Deut, um Goethes Gedicht „An den Mond“ zu verstehen.

Der Physiologe, der den neuronalen Hintergrund der Bewegungen unserer Sprechwerkzeuge untersucht, und der Physiker, der die von ihnen hervorgebrachten Luftschwingungen und Klangfrequenzen analysiert, helfen uns keinen Deut bei der Erhellung unserer Fähigkeit, die Bedeutung des Verlautbarten zu verstehen.

Die Erklärung der Bedeutung von Aussagen durch ihre psychologische Funktion ist nicht falsch, sondern unsinnig und verfehlt.

Die Erklärung der Bedeutung eines Gedichts durch seine psychologische Funktion, etwa eine Stimmung, ein Gefühl, eine visuelle Vorstellung hervorzurufen, ist nicht falsch, sondern verfehlt.

Wäre sie falsch, könnte man an den Psychologen die unsinnige Erwartung richten, eine bessere Erklärung zu finden.

Das Auge ist ein Teil der Welt, die es sieht.

Was Augen sehen, das Ding, die Landschaft, das Bild, ist weder im Auge noch im Kopf. Es ist gleichsam nirgendwo.

Wo ist, was Ohren hören, der Klang, das Wort, der Satz? Nicht in den Schwingungen der Luft, nicht in den Schwingungen des Trommelfells, nicht im Feuern der Neuronen.

Wir bewohnen das Haus, aber nicht unseren Körper.

Nur kleine Kinder glauben, sie werden unsichtbar, wenn sie die Augen schließen.

Wir können nicht sagen, wir hören den Klang und das Wort, wir verstehen den Satz, ohne daß ein anderer sagen könnte, er hört den Klang und das Wort und versteht den Satz.

Wir können die Tatsache, daß es regnet, nicht verstehen, ohne den behauptenden Satz, daß es regnet, bilden zu können. Freilich, wir können die Hand zum Fenster hinausstrecken und Regentropfen auf ihr empfinden. Doch die Empfindung der Nässe auf der Hand ist nicht die Feststellung der Tatsache, daß es regnet.

Freilich gelangen wir ohne die Empfindung der Nässe oder die Wahrnehmung der fallenden Regentropfen nicht zur Feststellung der Tatsache, daß es regnet.

Tatsachen existieren nicht ohne das Korrelat der Sätze, die ihre Existenz aussagen. Freilich, ihre Bestandteile wie Regentropfen existieren unabhängig davon, ob wir sagen, daß es regnet.

Der Zusammenhang von Empfindung und Wahrnehmung mit der Bildung von Sätzen, die einen bestehenden oder nicht bestehenden Sachverhalt ausdrücken, ist nicht kausal – also nicht naturwissenschaftlich mittels kausaler Erklärung ableitbar.

Wir hören Tropfen rieseln und denken, daß es regnet; aber der Nachbar im ersten Stock gießt seine Blumen auf dem Balkon.

Wir stellen bedauernd fest, der Freund sei trotz seiner Zusage nicht zu unserer Verabredung gekommen. Was nicht eingetreten ist und nicht existiert, die Tatsache, daß der Freund nicht erschienen ist, kann keinen kausalen Einfluß auf das ausüben, was wir sagen.

Wären wir nichts als durch genetische Codes aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschinen, müßte nicht nur die sprachliche Kompetenz überhaupt, sondern die aktuelle Bildung und Äußerung von Sätzen mit rein naturwissenschaftlichen Methoden erklärt werden können. Aber der Satz „Wir können die Bildung und das Verstehen von sprachlichen Bedeutungen mit naturwissenschaftlichen Methoden kausal erklären“ kann mittels einer naturwissenschaftlichen Methode nicht kausal erklärt werden. Daraus folgt, daß wir keine rein biologischen Maschinen sind.

Wir können Sätze bilden, die Sachverhalte, die nicht bestehen, als bestehend behaupten; solche Sätze sind entweder falsch oder weder wahr noch falsch, sondern Bestandteile von fiktionalen Texten wie Märchen und Fabeln, in denen Tiere sprechen, wie Mythen, in denen Götter mit Menschenfrauen Halbgötter zeugen, wie Legenden, in denen Tote lebendig werden, oder wie Gedichte, in denen Quellen klagen und Blumen seufzen.

Die Annahme, die Muse habe Homer inspiriert, ist keine erklärende Hypothese für die in der Ilias verwendeten Sätze, die weder wahr noch falsch sind, weil sie dem Bereich mythischer Rede angehören. In welchem Labor, mit welchem Experiment sollte sie erhärtet oder widerlegt werden?

Um zu verstehen, was ein Sprecher meint, wenn er sagt: „Vorsicht, Stufe“, müssen wir die Äußerung als Warnung interpretieren; wenn er sagt „Die Sonne scheint“, je nach Kontext als Einladung zu einem Spaziergang oder als Feststellung einer Tatsache auf dem Hintergrund beispielsweise jener Tatsache, daß es soeben noch geregnet hat.

Doch der begriffliche Rückgang auf die Sprecherintention ist kein Universalschlüssel für jede Art sprachlichen Verstehens. Mag der Freund, der uns darüber aufklärt, daß dieser Baum keine Fichte ist, wie von uns angenommen, sondern eine Tanne, die Absicht haben, uns zu belehren, wir verstehen, was er meint, auch ohne Rückgriff auf die Sprecherintention.

„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ – „Das An sich wird zum Für sich.“ – „Alle Menschen werden Brüder.“ – „Die Zahl 1 ist definierbar als die Menge aller Mengen, die nur ein Element enthalten.“ – „Der sinnvolle Satz ist ein Bild eines möglichen Sachverhalts.“ Wir können die Falschheit oder Sinnlosigkeit von Sätzen verstehen, ohne die Intention dessen zu kennen, der sie äußert.

Das expressive und das appellative Moment unserer Verlautbarungen (das nach der Mutter schreiende Kind) haben wir mit den Tieren gemein.

Anzunehmen und zu versuchen, Natur, Geschichte und Kultur mittels einer universalen Methode zu Leibe zu rücken und zu erklären, führt zu einem Mißbrauch der Sprache, mag er auch die Errichtung eines grandiosen Kartenhauses inspirieren wie bei Hegel; ein Hauch von philosophischer Sprachkritik, und es fällt in sich zusammen.

Mag die Vermehrung und Ausbreitung von Pflanzen und Tieren mittels darwinscher Prinzipien der Fitnessoptimierung hinreichend erklärbar sein, die Tatsache, daß gewisse Menschengruppen auf dem Höhepunkt der Vorsorge und Lebenssicherung durch Wohlstand und Technik ihre Fortpflanzungsbereitschaft mehr und mehr einschränken, entzieht sich diesem Typ naturwissenschaftlicher Erklärung.

Es ist absurd und zeugt von begrifflicher Konfusion anzunehmen, daß die Entdeckung des zyklischen Umlaufs der Erde und der Planeten um das Zentralgestirn der Sonne, die kopernikanische Wende, einen kausalen oder internen Zusammenhang mit unseren Lebensfragen habe; denn ob nun die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne kreist, Fragen wie die nach dem, was wir für gut, richtig und schön oder für das Gegenteil ansehen, werden davon nicht berührt.

Nicht die Sprache überhaupt, sondern die Fähigkeit, bestehende und nicht bestehende Sachverhalte oder ontologisch irrelevante logische Relationen und mythische Sphären sprachlich und symbolisch darzustellen, ist das spezifische Humanum.

Was wir mit „Denken“ meinen, kann weder psychologisch noch neurologisch erfaßt, geklärt und erklärt werden.

Überkommen mich Zweifel, heißt dies nicht, daß gewisse Neuronen schwächer feuern (vielleicht im Gegenteil).

Wenn ich an jemanden denke, ist die Wahrheit oder Falschheit meiner Erinnerungen an die Person unabhängig von dem Motiv, das mir die Erinnerung eingeflößt hat.

Gedanken sind keine unsichtbaren seelischen Vorkommnisse oder mentalen Entitäten, keine Modifikationen einer ätherischen Substanz in einer für andere unzugänglichen Innenwelt.

Wir können sehen, was einer denkt.

Jemand geht unruhig auf und ab, schaut immer wieder auf die Uhr, wirft einen nervösen Blick aus dem Fenster, setzt sich hin, blättert in einem Buch, läßt es rasch wieder fahren, geht erneut im Zimmer auf und ab. Wir sehen, daß er wartet, einen Besucher erwartet, und was immer ihm dieser mitbringen mag, es scheinen keine Blumen zu sein.

Der Säugling, der nach der Mutter schreit, wird als kleines Kind gelernt haben, seine Mutter zu rufen.

Der durch den Nasenstüber zum Denken Erwachte wird den Drang, nach jemandem zu rufen, hinunterschlucken, auch wenn er im Sterben liegt.

Über Nacht ist Schnee gefallen, die Stille, Weite, Frische des Eindrucks. Erlöst vom Zwang, etwas zu sagen, etwas zu verstehen. Dann gewahrst du die feinen Risse, die Mulden der ersten Tropfen, das aus dämmernder Tiefe glucksende Wasser.

 

Jan 4 23

Der Abglanz heller Innigkeit

Daß stille Kerzen uns noch schenken
den Abglanz heller Innigkeit,
wenn wir der Liebenden gedenken,
und was sie trennte, Dunkelheit.

Und Schatten geistert an die Wände
der Nachtwind, schauernd mit dem Schein,
wir wölben ihnen Segenshände,
daß sie nicht ruhlos sollen sein.

Daß lichte Trauben uns noch schwingen
in krokusblauem Frühlingshauch,
gedenken wir des Dichters Singen,
und was ihn würgte, Aschenrauch.

So pflanzen wir auf seinem Grabe
den Enzian vom Gletscherfels
und netzen ihn mit heller Labe,
den Tropfen eines keuschen Quells.

 

Jan 3 23

Diurnum philosophicum III

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die leisen Gesten, die uns vom Geheimnis sagen, Geheimnis, das wird sind, nicht kennen, sind wie zarte Schimmer im jungfräulichen Schleier über morgenkühlen Teichen.

Die das Wort traktieren, die Popularen, schwadronieren von großen Dramen, die uns läutern, uns in die Peripetie einer letzten Entscheidung reißen.

Doch werden wir ganz undramatisch von Wellen, die uns wiegen, von Klängen, die uns lösen, gleichsam uns selbst zurückgegeben.

Freilich sind wir Tropfen nur in einer Welle, die steigt und fällt und fällt und steigt, mag sie bisweilen auch in einer öden Wüstenei versickern.

Was zwischen Geburt und Tod uns widerfährt, ist dramatisch nur in der Wiederkehr uralter Rituale, der Rites de passage zwischen Kindheit und Jugend, Jugend und Reife, Reife und Alter.

Der philosophische Trug, das Proton Pseudos, beginnt mit dem dämonischen Glauben an die wahrheitskonstitutive Macht der Geschichte, mit Hegel und Marx.

Die Torheit im Glauben an das, was sie Freiheit und Entwurf nennen, Fichte, Hegel, der frühe Heidegger, Sartre, als könnten wir den formlosen Teig des Lebens in die selbstentworfene Plastik unserer eitlen Selbstvergötzungen transfigurieren.

Der individuelle Entwurf führt zur Erstarrung und den Karikaturen des amusischen und akademischen Daseins, der kollektive mündet in Terror oder dem Wahnwitz des computergesteuerter sozialen Lebens.

Sie hassen oder verachten das Provinzielle, das in überlieferte sittliche Ordnungen ruhig eingebettete Dasein; der rastlose Trieb wütet in ihnen, durch den Goethe Mephistopheles sich in die große Staatsaktion hat stürzen lassen, vor deren Fortschrittssegnungen die zeitlos-schlichten Gestalten von Philemon und Baucis zu weichen hatten.

Die Progressiven hassen oder verachten den freien Bauern, den schweigsamen Winzer mit dem ewigen Grind unter den Fingernägeln, die ernst, fromm und streng eingefügt leben in die Rhythmen der ewigen Wiederkehr der Jahreszeiten, von Aussaat und Ernte, und mit dem eigenen Land, Wingert und Erbe der Macht der Überlieferung huldigen.

Die Revolutionen sind die epileptischen Anfälle und Krämpfe des Molochs Stadt.

Wer dem Fortschritt, ob zur egalitären Demokratie oder zum Thermitenstaat des Kommunismus, beide sind ja in ihrer Art totalitär, rein aufgrund seines provinziellen Gebarens im Tun und Reden auch nur den Schatten eines Widerspruchs entgegenhält, wird bald vom gnadenlosen Strahl der höheren moralischen Wahrheit ihrer herrschenden Eliten ausgetilgt.

Wie Hegel der Kunst nur die befremdlich-museale Schönheit abgeworfener Schlangenhäute zubilligte, während der Weltgeist schon innerlichere Gemächer zur Behausung aufgesucht habe, verwirft der Fortschrittler die plumpen, ranzigen und etwas ungut riechenden alten Kulturen, ihre rätselhaften Sitten, ihre abergläubischen Frömmigkeitskulte, Litaneien und Wallfahrten, ganz zu schweigen von ihrem Gallimathias an unverständlicher Rede.

Ihre gesinnungsethisch reingewaschenen Pädagogen wittern den geringsten Rest von Dung und provinzieller Schlacke, der dir am Fuß, und sei es am Versfuß, kleben mag.

Der provinzielle Dung und der unaustilgbare Schmutz des Lebens sind der Einspruch wider den moralischen Purismus der Aufklärung und die Sozialhygiene der technisch verwalteten und überwachten modernen Welt.

Der Argot, die Zigeuner- und Gaunersprache machen dem Dichter noch ein wenig Hoffnung.

Die rhetorischen Nebel eines unfruchtbaren grauen Lifestyle-Jargons senkten sich über den dichterischen Geist, er atmete noch, doch vernahm man nur mehr ein rhythmisches Röcheln.

Die Karikatur und Parodie des religiösen Heilsgedankens in den messianischen Prophetien einer revolutionär erhitzten pubertären Jugend.

Sprache dient nicht nur und nicht einmal hauptsächlich der Verständigung. Du nimmst ein Wörterbuch zur Hand, um dich im fremden Land verständlich zu machen und was geredet wird zu verstehen; das Wörterbuch dient dir zur Verständigung, aber es ist mehr als ein Instrument der Kommunikation, nämlich eine Repräsentation einer beliebig großen Anzahl von Wörtern der fremden und der eigenen Sprache. Ähnlich der topographischen Karte, anhand derer du einen Weg zu einem bestimmten Ziel zurücklegen kannst: Sie ist mehr als ein Instrument der Orientierung, nämlich die projektive Abbildung einer Gegend mit ihren Straßen und Wegen, Orten und Sehenswürdigkeiten, Wäldern und Flüssen mittels ikonischer und symbolischer Kennzeichnungen.

Wir geben mit Äußerungen wie dem Schmerzensausruf und der Klage, der Freude und des Behagens unserem Befinden Ausdruck, wir nehmen mittels performativer Sprechakte wie der Aufforderung, der Frage, des Hinweises gezielt und zweckgerichtet Einfluß auf den Willen und die Willensbildung unserer Gesprächspartner; das ist angesichts unserer biologischen Konstitution und unserer sozialen Einbettung nicht weiter verwunderlich. Doch daß wir etwas verlautbaren, sagen und aufschreiben, was bedeutsam und sinnreich anmutet, aber unmittelbar keinem Zwecke dient und keine Absicht verfolgt wie einen Erinnerungs- oder Traumbericht, eine Anekdote, eine Fabel, ein Gedicht, dies ist das eigentliche Wunder der menschlichen Sprache.

Sine ira et studio, sagt Sallust, und er meint eben dies: historische Objektivität des Berichts und eine möglichst genaue und ausgewogene Geschichtserzählung.

Das Gedicht ist wie jeder literarisch-fiktionale Text kein Mittel der Verständigung, sondern ein Spiel mit Worten.

Manchmal gleicht es der einsam gelegten Patience, manchmal dem munteren Ballspiel der Kinder, bei denen es keine Gewinner und Verlierer gibt, aber Kombinationsgabe, wacher Sinn für Anspielungen und Andeutungen sowie Freude an der Eleganz und Anmut der Bewegungen gefordert und gern gesehen sind.

Der Geist des Spiels weht bereits als kleine Brise oder duftiger Hauch in die Täler unserer gewöhnlichen Unterhaltung, wenn wir sie durch einen Witz, ein Bonmot, eine Anekdote würzen oder durch eine Erinnerung, eine kleine Geschichte, eine Fabel erhellen.

Die Sprache ist nicht die ancilla rationis, die Dienstmagd der Vernunft.

Die Vernunft ist nur ein Zweig am großen Baum des Lebens, und wenn er Blüten treibt, werden sie von Wurzeln genährt, an die sie nicht heranreicht.

Das Leben hat wohl Ursachen, die uns Biologie und Genetik vor Augen führen, aber es muß sich nicht durch Gründe rechtfertigen wie Hypothesen, die nach der Rechtfertigung ihrer Plausibilität und Wahrscheinlichkeit verlangen.

Sprache ist wie ein pflanzlicher Organismus eigenen Gepräges, der je nach dem fruchtbaren Boden, dem er entwächst, sehr verschiedene, immer aber einzigartige Blüten und Früchte hervorbringt.

Wir können die Wörter einer fremden Sprache mit denen unserer Muttersprache übersetzen, aber nicht die grammatische Struktur, an der sie hängen wie Früchte an rätselhaft verschlungenen Ranken.

Die vermessene Dummheit, an den Formen der grammatischen Struktur einer Sprache herumzulaborieren, gleicht jener, die sich an der Erbsubstanz zu schaffen macht.

Die ins Unbewußte des organischen menschlichen Lebens eingesenkte Sprache ist seine kulturelle Erbsubstanz.

Der von rationalen und moralischen Absichten geleitete Eingriff in die sprachliche Erbsubstanz erzeugt Monster und Chimären.

Der echte Dichter kann nur seiner eigenen Sprache dienen, keinem Globalesisch oder einem gesinnungsethisch gereinigten Esperanto.

Der echte Dichter inspiriert sich an den großen Dichtungen zumindest der alten europäischen Völker, und doch muß er, um die eigene Stimme zu finden, ein sprachlicher Nationalist und Liebhaber seines mütterlichen Idioms sein oder er bleibt ein hohles Windei.

Das Geschwätz der Parlamente vermag nur Einfaltspinsel oder das Projekt der Moderne feiernde Philosophen darüber zu täuschen, daß es von Sprechpuppen im eigenen Interesse geführt wird, das mittels hochtrabender Phrasen von Menschenrechten und Zukunftsvisionen geschickt als Allgemeinwohl getarnt und verkauft wird.

Das tumultuarische, verräucherte Palaver der Stammkneipenrunde, die diskrete Unterredung der Attachés und Diplomaten, das Gemauschel der Teppich- und Diamantenhändler, die Besprechung zwischen Richter und Staatsanwalt, das heimliche Geflüster der Liebenden und tausend andere Dialogsituationen zeigen: Es gibt kein allgemeines, einheitliches oder allein verbindliches Schema und Ethos des Diskurses und Gesprächs; jeder Dialog hat sein eigenes Lokalkolorit, seinen eigenen psychosozialen Hintergrund, sein eigentümliches Idiom.

Es gibt keinen rationalen Dialog zwischen Habermas und seinen Opponenten wie Lyotard, Foucault und Deleuze, die ja die Idealität des herrschaftsfreien Diskurses in Frage stellen.

Welches Grauen oder welche Lachanfälle überkommen einen angesichts von pseudomephistophelischen Visagen oder verlogenen Frömmigkeitsmasken solcher, die sich rühmen, sich selbst verwirklicht zu haben.

Normen wie die des Ausgleichs, der Vergeltung, der Wiedergutmachung oder der Ahndung des Unrechts hat nicht Vernunft in steinerne Tafeln gemeißelt, sondern entspringen der Verletzlichkeit der Lebenssubstanz. Vernunft kann sie nicht begründen, sondern nur praktikable Folgen und angemessene Mittel ableiten, die der Durchsetzung von Normen dienen, wie Arten der Vergeltung oder der Bestrafung.

Nur der einzelne Täter trägt seine individuelle Schuld, freilich im Mythos und bei den Deutschen auch die Eltern, die ihn zeugten, oder seine Nachbarn, ja seine ganze Sippe, auch wenn sie der Tat nicht einmal beiwohnten.

Aus deiner Verpflichtung, mir das geliehene Geld zurückzuerstatten, folgt mein Recht, es einzufordern, solltest du den ausbedungenen Rückgabetermin verstreichen lassen. – Aus der Pflicht folgt das Recht, nicht umgekehrt.

Je mehr Rechte man der von archaischen Impulsen getriebenen und von Aufrührern leicht entzündbaren Masse einräumt, umso mehr verwildert der amtlich gepflegte öffentliche Garten der Pflichten.

Die moderne Demokratie hat keinen singulären Anspruch auf Rechtsstaatlichkeit, auch die Sklavenhaltergesellschaft der Römer, das imperiale England und das über Pickelhauben thronende Preußen waren Rechtsstaaten.

Gut, ich bin immer noch verpflichtet, dem Nachbarn, der mir Geld geliehen hat, die Summe wie ausbedungen zu erstatten; nicht aber, nachdem er mich als arbeitsscheuen Parasiten bei Krethi und Plethi und meinen Freunden verleumdet hat, ihm mit Hochachtung zu begegnen; habe ich meine Schuldigkeit getan, besteht meine Form der Anteilnahme an seinem Schicksal darin, ihn zu ignorieren.

Die angeblich allgemeine Norm, die mich dazu verpflichtet, Hinz und Kunz in gleicher Weise wie meinen Freund und Wohltäter zu achten, haben lebensfremde Theologen oder doktrinäre Gesinnungsethiker wie Kant und Habermas ausgebrütet.

Gott bewahre uns vor dem Weltethos eines Hans Küng oder Jürgen Habermas, denn es ist die alle Lebensfrische und schöpferische Lust erstickende Gärung über der kulturellen Einebnung der lokalen und nationalen Kulturen. Ach nein, es ist nur der süßliche Fäulnishauch über der Verrottung der eigenen nationalen Kultur.

Die Athener hatten ihren Ostrakismos, der die Verbannung des Verurteilten nach sich zog; unser Scherbengericht besteht in der Ächtung der Person und ihren Ausschluß aus der medialen Öffentlichkeit. – Dem Scherbengericht freilich, das Jürgen Habermas über Ernst Nolte einberief, folgte allerdings nicht nur seine Ächtung und sein Ausschluß aus der Öffentlichkeit, sondern auch sein Exil.

Wer dem hohen Ethos der Eliten nicht willfahrt, wird zunächst zur Persona non grata abgestempelt, dann für einen Geisteskranken erklärt, mit dem ein vernünftiges Gespräch zu führen ganz unmöglich sei.

Hegel und Marx: die Paten; Lenin, Mussolini, Hitler, die Enkel und Erben.

Die zugleich absurde und faszinierende Idee: Das Ich, der Geist, die Menschheit durchlebe und durchleide das Drama der Entäußerung und Entfremdung bis zum höchsten Grade des Selbstverlustes, der die Peripetie, den Umschwung der Wiederaneignung in der absoluten Selbsterkenntnis oder der befreienden Tat der Avantgarde einleitet. Die Avantgarde und ihre Schergen können dann, vom Weltgeist oder dem Gesetz der Geschichte autorisiert, getrost darangehen, den leider noch verbliebenen Rest an Äußerlichkeit und Fremdheit, der den reinen Selbstgenuß verdirbt und verhindert, den Bourgeois, den Kulaken, den Juden auszumerzen.

 

Jan 2 23

Was uns an Versen blieb

Das Glück war uns wie Mondes Schwanken
auf Wellen, die ins Dunkel gleiten,
ein goldner Wink aus Rebenranken,
daß wir zur Waldkapelle schreiten.

Und war die Schwelle auch geborsten,
die Lilien welk, verrußt das Bildnis,
noch stiegen Nebel aus den Forsten,
noch rann der Purpur in die Wildnis.

Und ward die Heimat uns genommen,
da unter Lauben wir gesungen,
spät ist ein Schwan ins Schilf geschwömmen,
die Knospe Lächeln aufgesprungen.

Was uns an Versen blieb, der Schauer
von Nachttau in der irdnen Schale,
er wölkt zu Efeus trunkner Trauer,
verzehrt vom gnadenlosen Strahle.

 

Jan 1 23

Mit Flammenzungen singen

Daß wir mit Flammenzungen singen,
der Sang sich wölkend moduliert,
wenn Ambra wir und Weihrauch bringen,
noch Glut die Abschiedshymne schürt.

Frag nicht, woher die Flammen nehmen,
schläft unterm Schnee das Herz vereist,
ob Blitze fahren in die Schemen,
die uns ersticken Mut und Geist.

Daß wir in Sommernächten schwanken
mit Knospen, die sich aufgetan
dem vollen Mond, sich Stimmen ranken
sanft um den weißen Muschelkahn.

Frag nicht, ob uns das Dunkel weiten
noch Rosenlicht und Fliederschaum,
ob Schimmer auf dem Wasser gleiten,
rinnt Mondes Tau im Schwanenflaum.

 

Dez 31 22

Wir sind ein Faden nur

Wir sind ein Faden nur, gesponnen
in bunten Teppichs Rankenspiel.
Wir sind ein Tropfen nur, zerronnen
in dunklen Strömen ohne Ziel.

Der Teppich, dem zum Zwirn wir dienen,
zeigt goldner Knospen Wiederkehr,
bald glänzen Siegel voll Rubinen,
bald schatten Reben, traubenschwer.

Es heben uns die hohen Wogen
für Augenblicke an das Licht,
für Augenblicke schäumt der Bogen,
bis ihn der Teer der Nacht verpicht.

Sind es die Musen, sind es Moiren,
die uns verweben in das Bild,
schmilzt Schnee auf Gipfeln, ungeheuren,
von denen unser Dasein quillt?

 

Dez 30 22

Schattenspiele – zum Tod von Dieter Henrich

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Irrwitz triumphiert nicht trotz seiner Absurdität, sondern wegen ihrer.

Je absurder die Idee, umso faszinierender und wirkmächtiger.

Die Idee, daß die Bedeutungen der Wörter die Schatten der Dinge sind, die sie bezeichnen, die Idee, daß wir aus dem Gebaren des anderen erraten, was wir an uns selbst mit Gewißheit erfahren, die Idee, daß wir immer wieder in Selbstgespräche verwickelt als Monaden existieren, die Idee, daß es eine innere Erfahrung gebe, die wir mittels derselben Methoden und Metaphern beschreiben können wie die äußere Erfahrung.

Man kann vor dem eigenen Schatten erschrecken. Dann gewahren wir, daß er stets mitwandert, und beginnen wie mit einem treuen Begleiter mit ihm zu sprechen, ja ihm die intimsten Geständnisse zu machen. Schließlich haben wir den Gipfel erklommen, und im Zenit des Mittags schwindet er für selige Augenblicke dahin – wir verstummen. Die Sonne zieht weiter, der Schatten taucht wieder auf, und wir setzen das Zwiegespräch fort. Die Sonne sinkt, der Schatten wird länger, fragiler, zerfranst an den Rändern und verschwimmt endlich in der einbrechenden Dämmerung mit all den anderen Schatten, bis wir, selbst Schatten unter Schatten, uns im Schilf der Nacht verirren.

„Wer hält mit Wache?“ – „Ich!“ Nicht das eitle Geschwätz in Ich-Erzählungen zählt, sondern das Wort, zu dem einer steht.

„Ich fühle mich matt“, „Ich habe Peter gestern im Park getroffen“, „Ich erinnere mich nicht an den Namen meines ehemaligen Lehrers“ – diese Sätze versteht jeder, der sie oder ihnen ähnliche bilden und aussprechen könnte.

Wenn wir mit einiger Gewißheit annehmen, daß es sich bei dem Sprecher um keinen Simulanten handelt, können wir davon ausgehen, daß er mit dem Satz „Ich fühle mich matt“ ausdrückt, was er meint.

Aber teilt er uns damit eine unbezweifelbare Wahrheit oder unerschütterliche Gewißheit mit? – Nein, denn es gibt keine unbezweifelbaren Wahrheiten oder unerschütterlichen Gewißheiten, es sei denn, es handele sich um schlichte Tautologien; aber dieser Satz ist nicht tautologisch.

Wir können nicht sagen, daß uns jemand, der ein bestimmtes Empfinden oder eine bestimmte Wahrnehmung ausspricht, etwas Wahres mitteilt. Der Satz „Es hat geregnet“ kann wahr oder falsch sein, die Äußerung „Ich glaube, es hat geregnet“ entzieht sich dieser Alternative.

Wir können aus dem wahren Satz „Es hat geregnet“ folgern, daß die Straße naß ist. Aus dem Satz „Ich fühle mich matt“ können wir dagegen nichts folgern.

Derjenige, der den wahren Satz „Es hat geregnet“ äußert, tut etwas kund, was er weiß. Wissen bedeutet, über eine wahre Information verfügen, eine Information freilich, die uns auch entgangen oder vorenthalten und verschwiegen worden sein könnte, eine Information, die wir auch hätten in den Wind schlagen können. Mit der Äußerung „Ich fühle mich matt“ tun wir nichts kund, was wir wissen, und also auch nicht wissen könnten. Denn wir äußern mit diesem Satz keine Information, die uns auch hätte entgehen oder vorenthalten und verschwiegen werden können, keine, die wir in den Wind hätten schlagen können.

Es ist eine absurde, freilich von Philosophen gern aufgegriffene und verbreitete Idee, Äußerungen in der Ich-Form als informative, deskriptive oder wahrheitsfähige Sätze zu nehmen und sie in Analogie zu jenen Sätzen zu behandeln, mit denen wir kundtun, was wir wissen oder zu wissen glauben.

„Ich weiß, daß p“ ist kein informativer Satz über p, sondern über eine Glaubensgewißheit des Sprechers; denn es könnte auch gelten: nicht-p.

Man vergißt, daß „ich“ kein Begriff für ein etwas, sondern ein Wort der Umgangssprache zur durch Deixis geleiteten Orientierung im sprachlichen Lebensraum ist. „Wer hat das Heft verloren?“, fragt der Lehrer vor der Klasse. „Ich!“ Oder, was damit kongruieren kann und auf den Spielraum der Übersetzbarkeit von Äußerungen der ersten und dritten Person verweist, Hilde antwortet: „Peter!“

„ich“ ist kein Substantiv, es vermehrt seine Bedeutung nicht dadurch, daß wir es substantivieren.

„ich“ ist kein Nomen, sondern ein Pronomen.

Wir unterscheiden die Ich-Funktion als biologisch bis ins urzeitliche Leben reichende Leistung sowohl vom Bewußtsein als auch von der Sprache. Schon der Einzeller, die Amöbe, lebt gleichsam im Schatten der Ich-Funktion, wie jeder Organismus, der durch osmotisch atmende Hautgrenzen vom System seiner Umwelt unterschieden und im ununterbrochenen chemischen und sensorischen Austausch mit ihr im Gleichgewicht oder gleichsinnig mit ihr ist.

Es gibt keinen originären Anfang des Denkens, man kann mit jedem beliebigen Ding beginnen. Du nimmst einen Krug zur Hand und wandelst mit ihm durch Räume und Zeiten, vom Symposion Platons bis zur Hütte Heideggers.

Ich bin immer irgendwann irgendwo, aber nicht „in mir“, „im Kopf“ oder „in einem mentalen Zustand“. – Bin ich freilich im mentalen Zustand des Erinnerns, dann bezieht er sich auf ein Ereignis in der Welt, an dem ich irgendwann irgendwo Anteil hatte. Davon kann ich berichten; mein Freund aber kann einwenden: „Nein, damals waren wir nicht am Bodensee, sondern am Walchensee.“

Sätze, die mit „Ich“ anfangen oder in der Ich-Form auftreten, sind meist nicht aus sich selbst heraus verständlich. „Veni, vidi, vici“ verstehen wir erst, wenn wir wissen, wer es bei welcher Gelegenheit gesagt hat.

Das präreflexive Moment an dem Wörtchen „ich“ ist nur der Niederschlag der Tatsache, daß wer es spielend-leicht wie aufgrund subkutaner Intuition ausspricht, seinen korrekten Gebrauch der in früher Kindheit ausgereiften biologischen Ich-Funktion verdankt.

Erst sagt der kleine Peter: „Peter müde!“, später dann „Ich bin müde“; dies verweist auf keinen Zuwachs an Einsicht, sondern an Beherrschung der Normalsprache.

Wir sprechen uns keine aktuellen mentalen Zustände zu, sondern haben sie.

Wir sagen: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; dagegen: „Gestern war ich zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; in diesem Falle berichten wir von jener Person (und sprechen ihr den betreffenden mentalen Zustand zu), die gestern hätte sagen können: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen.“

Unsere Empfindungen sind mehr oder weniger intensiv, aber sie entbehren im Unterschied zu unseren Wahrnehmungen der Kriterien von richtig und falsch. Ich sage „Das ist eine Fichte!“; der botanisch beschlagene Freund korrigiert: „Das ist eine Tanne.“

Das Grundübel des deutschen Idealismus, das sich der Phänomenologie und dem Existenzialismus weitervererbt hat, sein Ausgang vom welt- und sprachlosen Subjekt, ist seinerseits ein Erbe der kartesianischen ontologischen Differenz zwischen res cogitans und res extensa. Hier ist die Sprache, die sprachliche Lebenswelt, unterschlagen. Ich lerne ja die Dinge benennen, und kann darin korrigiert werden, statt Tanne Fichte zu sagen. Doch bliebe ich meinem Fehler verhaftet, vertiefte sich mein Kontakt zu den Dingen nicht aufgrund der Rede der Sprachgemeinschaft, der ich angehöre.

Daß die Bedingung, der Grund, der Reflexion nicht wiederum Reflexion sein kann, diese logisch-epistemische Trivialität wird uns als tiefe Einsicht verkauft.

Welche absurde Mystifikation, welch ein Taschenspielertrick liegt in der Annahme, das sogenannte Ich habe sich selbst „gesetzt“. – Als habe man das Sophisma von der Selbsterzeugung Gottes vom Himmel der Transzendenz ins Zwielicht der Immanenz verlegt.

Das fatale Wirken schiefer Bilder und verfehlter Metaphern: als wäre meine Aufmerksamkeit darauf, was mir widerfährt, wenn mich eine Empfindung beeindruckt, dem Sehen mit einem inneren Auge zu vergleichen.

Freilich schenken wir dem, was wir für uns so treiben wie Lesen oder Schreiben oder eine Rechenaufgabe lösen, mehr oder weniger große Aufmerksamkeit. Wir lesen einen Satz Fichtes wie „Dem Ich ist ein Auge eingesetzt“ und fühlen, wir haben ihn nicht verstanden, wir lesen erneut mit größerer Aufmerksamkeit; allerdings vergebens – oder vielmehr, wir verstehen, es dämmert uns, weshalb er unverständlich ist.

Mit der Fähigkeit, ich zu sagen, betreten wir den sozialen Raum der Kontrolle, Normierung, Verpflichtung und Verantwortung. Deiner Zusage, mir das geliehene Buch morgen auszuhändigen, muß der korrespondierende Sprechakt in Form der ersten Person vorausgegangen sein. Die psychotische Störung dieser Fähigkeit entlastet den Sprecher, auch wenn er den korrekten Sprechakt geäußert haben sollte, von seiner Verantwortung, sollte er seine Zusage nicht eingehalten haben.

Der sprachliche Lebensraum, in dem wir Ich-Sätze äußern, ist alles andere als subjektiv, nämlich der intersubjektive Raum der gemeinsamen Sprache und der sprachlich übermittelten Bedeutungen sowie die objektive Lebenswelt der materiellen und immateriellen Güter, der sozialen Gepflogenheiten und Institutionen.

Weil sie die erhabenen und tröstlichen Gefühle, die der alte Glaube oder ihr Kinderglaube vermittelt hat, auch nach seiner Zersetzung durch Bibelkritik und Aufklärung nicht ganz missen wollen, finden gewisse Philosophen im trüben Verlies der Innerlichkeit ein winziges Oberlicht, in das bisweilen die Sonne heiterer Jugendtage hineinzublinzeln scheint.

Aber diese Sonne strahlt nur auf einer kitschigen Tapetenwand in der Rumpelkammer der Erinnerung.

Wie töricht, danach zu fragen, wie das Ich wahrzunehmen oder zu erkennen sei! „Ich“ ist eben jene Instanz, der wir das Wahrnehmen und Erkennen zusprechen.

Ich nehme nicht MICH wahr, sondern beispielsweise die Bewegungen meiner Hand, wenn ich einen Schnürsenkel binde.

Wie anders töricht wiederum, Ich und Bewußtsein unmittelbar zu verbinden: Der Rezeptionsraum meines Empfindens ist groß genug, daß ich noch an seinem Rand (dem Rand des Gesichtsfeldes, des Hörfeldes, des Tastfeldes) winzige Lichtflecken, verschwebende Klangfarben oder minimale Temperaturschwankungen bemerke, von denen ich allerdings nicht sagen könnte, daß ich sie bewußt wahrgenommen habe.

Es ist Unsinn, das Modell der Wahrnehmung und speziell der visuellen Wahrnehmung (der Beobachtung) auf das zu übertragen, was wir Selbstgefühl nennen; was wir erleben, wenn wir uns die Finger verbrennen oder der Wein uns mundet. Das Schmerz- und das Lustempfinden sind unmittelbar mit dem, nicht abtrennbar von dem, der sie hat.

Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind philosophische Chimären.

Man lernt sich nicht kennen, wenn man die Augen schließt.

Ich erkenne meinen Freund Peter auf der anderen Straßenseite anhand der Wahrnehmung seiner individuellen Gesichtszüge und seines eigentümlich schleppenden Ganges; aber es ist unsinnig zu sagen, daß ich mich anhand meiner individuellen Gesichtszüge oder dem eigentümlichen Leberfleck am Hals im Spiegel erkenne.

Man kann Peter mit Paul verwechseln, wenn beide eineiige Zwillinge sind; aber man kann sich selbst nicht mit einem anderen verwechseln.

Die mathematische Gleichung zeigt uns, daß der Wert links vom Gleichheitszeichen identisch mit demjenigen rechts vom Gleichheitszeichen ist; doch die Formel Ich = Ich, die hochtrabende Rede von der Selbstidentität oder von der Einheit des Bewußtseins mit sich selbst sind philosophischer Nonsense.

Wie lernt man sich kennen? Nun, seine Fähigkeiten, indem man eine neue Sportart oder Sprache erlernt; seine Empfindungsfähigkeit, indem man sich dem Genuß exotischer Weine oder chinesischer Gedichte hingibt; seine intellektuellen Möglichkeiten und Grenzen, indem man wieder einmal Wittgensteins Traktat liest.

Was Philosophen Bewußtsein und Selbstbewußtsein nennen, ist nicht das Ergebnis einer Erkenntnis, die sich auf einen ominösen inneren Beobachtungsgegenstand bezieht; solche Benennungen sind nur eine hochgestochene Redeweise, ein rhetorischer Nebel um die schlichte Tatsache, daß ich auf die Frage: „Hast du gesehen, daß die Ampel auf Rot gesprungen ist?“ mit „Ja!“ antworte und damit meine: „Allerdings, das ist mir nicht entgangen.“

Es gibt nichts, dessen ich gewahr oder mir bewußt sein könnte, ohne die korrespondierende Empfindung oder Wahrnehmung; es ist daher unsinnig zu behaupten, ich wäre meiner selbst in einem absoluten Sinne, unabhängig von aller Erfahrung, bewußt.

Ich ziehe meine Hand instinktiv zurück, um sie vor dem Feuer zu schützen; ich könnte mir eine siamesische Lebensform mit einer anderen Person ausmalen, bei der ich die Hand dieser mit mir neuronal verdrahteten Person spontan vor dem Feuer zurückziehe. Aber handelt es sich dann noch um IHRE Hand?

Der Unterschied zwischen meinem Schreibtisch und meinem Körper besteht darin, daß jener mein Eigentum, dieser aber ein Teil meiner fühlenden und empfindenden Person ist.

Du hast mir das Buch zurückgegeben: Das Buch ist wieder im Besitz dessen, der als Eigentümer von Dingen die Person ist, die einzig von ihnen sagen kann: „Sie gehören mir.“ Dagegen sagen wir nicht von Gliedern unseres Körpers, daß sie uns gehören, höchstens, daß sie zu uns gehören (wie wenn Kinder „Hände-Übereinanderklatschen“ spielen).

Wenn wir den Satz äußern „Das Buch gehört mir“, setzen wir eine ganze sprachliche Lebenswelt von rechtlichen Institutionen und juridischen Sprechakten voraus, innerhalb deren Personen auftauchen, die sagen können: „Ich kaufe das Auto“, „Ich leihe dir das Buch“, „Ich erhebe Anspruch auf Wiedergutmachung“ und tausend andere Wendungen mehr.

Wer „ich“ sagt, hat noch gar nichts gesagt.

Die Rede vom Selbstverhältnis gehört zu den Mystifikationen der idealistischen Philosophie. Ich mag ein heimliches Verhältnis mit meiner Nachbarin haben, ich habe vielleicht ein gebrochenes Verhältnis zu bestimmten Personen aus meiner Vergangenheit, aber ich habe kein Verhältnis weder mit mir noch zu mir.

Statt sich in gestelzter Rede ein problematisches Selbstverhältnis zuzuschreiben, könnte einer sagen: „Als ich sie mit ihrem neuen Geliebten sah, wollte ich im Erdboden versinken“, „Mir ist, als würde ich mit Prothesen fühlen“, „Früher wußte ich, was ich wollte, heute bin ich ein Schatten meiner selbst“ oder „Allem, was ich tue und sage, fehlt die lebendige Frische.“ – Hier müßten sich Betrachtungen über die pathogene Macht von Gefühlen und Haltungen wie Scham, Willensschwäche und Schwermut anschließen; ohne Rückgriff auf objektive Daten der sozialen und sprachlichen Lebenswelt aber sind sie nicht zu leisten.

Wenn wir vor den Sophismen des Subjektivismus zurückschrecken, lockt uns nicht das angeblich sichere Fundament einer objektiven Wissenschaft oder das abstruse Projekt einer Naturalisierung des Subjekts und des Bewußtseins; vielmehr öffnet sich uns das weite Spielfeld der sprachlich aufgebauten und mitgeteilten Bedeutungen.

Eines Tages entdeckten wir, daß Walfische keine Fische, sondern Säugetiere sind; wir mögen sie weiterhin Walfische nennen, aber setzen das Wort gleichsam in Anführungszeichen. Könnte Philosophen etwas ähnliches mit dem Wörtchen „ich“ widerfahren?

 

Dez 29 22

Die elbische Nacht

Wenn abendblaue Schatten gleiten
auf schneeverwehtem Teich,
willst du ans Ufer mich geleiten,
still schwebend, schwanengleich.

Ich wußte nicht, woher noch füllen
das Wort, den hohlen Krug,
den Brunnen, die den Sommern quillen,
war Schneelicht nicht genug.

Du hast mit Schmelz von zarten Flocken
gesalbt mir Stirn und Mund,
mein Fühlen glühte, unerschrocken,
Nacht tönte hell im Grund.

Und bist du elbisch auch entschwunden
im mondgeküßten Dunst,
das Schweigen hast du mir entbunden,
den tiefen Quell der Kunst.

 

Dez 28 22

Diurnum philosophicum II

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Schritt, Trab und Galopp, die drei Gangarten des Pferdes. Der überzüchtete Mensch kennt deren mehr, wie das Staken des Mannequins, das feierliche Schreiten des Priesters, den Stechschritt des Soldaten, Wandeln, Gehen, Hasten, Laufen, Rennen, Springen, Sprinten, Schleichen, Pirschen, Schlurfen, Schlendern, Stolzieren …

Gewisse Insekten mit Facettenaugen sehen in Farbräume, die uns für immer verschlossen sein mögen. Doch welche andere Gattung erfand Farbpaletten wie die eines Tizian, Tintoretto, Pontormo Rubens oder Monet?

Der Schwerttanz männlicher Kampfesfreude, der Schwanentanz weiblicher Anmut.

Die mythisch-expressive Polarität von Schilfrohr und Schildkrötenpanzer, Flöte und Laute, Pan und Apollo, Musik und Dichtung.

Zwei Arten von Dummheit, die des Instinkts und die des Verstandes; die erste weiß nicht, wohin sie will, die zweite nicht, wie sie dahin gelangt.

Die erste Art ist die gravierende, obwohl die zweite in den Formen von Schusseligkeit, Zerstreutheit, Vergeßlichkeit und Borniertheit eher ins Auge sticht. Denn nicht zu wissen, was man will, ist ein Kennzeichen der Entwurzelung und Degeneration, wogegen kein Kraut gewachsen ist; dem auf dem Weg Verirrten kann durch eine gute Wanderkarte ein Licht aufgesteckt werden.

Der Mann unterliegt bekanntlich mehr der Gefahr, Zweck, Sinn und Ziel seines Treibens aus dem Auge zu verlieren, als die Frau, die stärker unter den gleichsam konventionellen Formen von Dummheit zu leiden pflegt.

Die instinktíve Gewißheit bedarf keiner Gründe der Rechtfertigung, während sie von der intellektuellen meist eingefordert werden können.

Wir üben gestische und verbale Formen der Begrüßung; wer fragt, warum, wird rechtens mit der Antwort abgespeist: „Weil wir Höflichkeit für eine Tugend halten.“ Wer weiter fragt, macht sich lächerlich.

Das helle Tier wittert die Gefahr, zumal im widrigen Gestank verrotteten Fleisches, wenn es sich nicht gerade um Aasfresser handelt; der degenerierte Mensch wird vom Fäulnisgeruch des Untergangs wie die Fliege vom glitzernden Dung angelockt.

Die Schärfe männlichen Verstandes ist eine Funktion taktiler und visueller Orientierung; so gelang die frühe Meisterung der Jagd- und Kriegstechniken oder der Geometrie.

Der tödliche Pfeil Apollos trifft ins Herz, ebenso der anders tödliche, der Pfeil des Eros.

Das Flechtwerk, die gewebten Muster, die fluiden Ornamente rinnen rhythmisch aus weiblicher Hand, ihr Kennzeichen: Sie haben nicht Anfang noch Ziel, sie kehren in sich selbst zurück.

Die sehende Hand des Töpfers und Malers, die fühlende der Liebkosung, die sprechende der Gestikulation.

Das Zeigen ist ein Äquivalent des Sprechens.

Der unendliche Dialog zwischen Auge und Hand ist nicht sokratisch-dialektisch; hier werden keine überflüssigen oder Wesensfragen gestellt, die Hand folgt der Führung durch den Blick , das Auge ist der Hand immer einen Sprung, einen Deut voraus; doch manchmal überläßt das Auge die Hand auch ihrer blinden, gleichsam somnambulen und traumtänzerischen Fühlungnahme und Handhabe der Dinge oder den Routinen und Automatismen des Werkzeuggebrauchs. Das Thema der Unterredungen zwischen Auge und Hand sind die zu handhabenden Dinge wie Messer und Gabel, Schnürsenkel und Türklinken, Schlüssel und Tasten, Seife und Handtuch und die zu bewältigenden Stoffe (oder Substanzen) wie Wasser, Erde oder Feuer, Teig, Leim oder Holz.

Der Schlüssel muß ins Schloß passen, öffnet nur rohe Gewalt die Tür, ist das Schloß zerstört.

Es ist fatal, statt auf die Bremse auf das Beschleunigungspedal zu treten; unklug, die Dame im Schachspiel ohne Deckung zu lassen; blamabel, die ironische Frage als wörtliche mißzuverstehen.

Es ist töricht, wenn auch verbreitete philosophische Unart, anzunehmen, ähnliche Wörter würden auf dieselbe oder analoge Art und Weise Bedeutung vermitteln oder verleihen; aber Herr Müller ist kein Müller, das Bewußtsein ist kein Sein, Ich ist kein Name, die Farbe hat keine Ausdehnung, das Bild ist nicht sein Gegenstand.

Man wird nicht leichter, wenn man sich wie eine Balletteuse auf die Zehenspitzen stellt.

Man wird nicht verständlicher oder glaubwürdiger, wenn man statt mit der platten Wahrheit herauszurücken einen rhetorischen Spitzentanz aufführt.

Der eingebildete Kranke ist krank; nur leidet er nicht an der körperlichen Krankheit, die sich seine Hypochondrie ersann, sondern einer seelischen.

Ein Dichter, der nie den Vers hinschreibt, den er eigentlich schreiben wollte; und so schreibt er weiter.

Das Farbspektrum, das die Physik Newtons zerlegt, ist eigentlich unsichtbar.

Zu fragen, wie die Welt des Tastbaren, Fühlbaren, Sichtbaren, Hörbaren, kurz die Welt der Empfindung, unsere Welt, in die farblose, unsichtbare, stumme Welt der Objekte paßt, ist ähnlich unsinnig wie die Frage, wie man mit toten Figuren wie denen des Schachs ein geistreiches Spiel spielen kann.

Unsinnig, wie zu fragen, was toten Buchstaben den lebendigen Hauch verleiht, sodaß wir verstehen, was wir lesen.

Der Irrtum Kants, daß Anschauung und Begriff verschiedenen kategorialen Ordnungen angehören. Ich sehe keinen Farbklecks, der sich mir mithilfe des Verstandes als Rose entpuppt, sondern eine Rose, und weiß ich nicht, um welche Blumenart es sich handelt, doch eine Blume.

Es gibt kein geistiges Mysterium derart, daß ein an sich unsichtbares, gestaltloses, farbloses, geruchsloses, stummes Etwas sich in eine duftende Rose oder einen verständlichen Lautkomplex verwandelt.

Es gibt kein An sich, das sich in ein Für mich verwandelt. Dies ist der Irrweg der idealistischen und existentialistischen Denker von Hegel bis Sartre.

Wir wissen nicht, ob „Gott“ Gott bedeutet, so wie wir wissen, daß „Mond“ den einzigen planetarischen Trabanten der Erde bedeutet und Wasser H2O.

Die Erde ist zu groß, das Leben zu abgründig, die Sprache zu komplex, als daß wir begreifen oder auf den Begriff bringen könnten, was wir hier treiben.

Homer hatte keine Ahnung davon, daß er in der antiken Welt lebte; wie können wir uns vermessen, anzunehmen, wir lebten in der Neuzeit, der Moderne, der Postmoderne?

Du mußt nichts Besonderes sein oder anstellen – du atmest weiter, solange der Atem nicht aussetzt.

Das kleine Mädchen sagt: „Die Puppe schläft“ und meint damit, wir sollen leise sein, um sie nicht aufzuwecken. Sie zeigt auf ihr schlafendes Brüderchen: Meint sie dasselbe, wenn sie sagt: „Peter schläft“?

Wir verstehen unter „schlafen“ einen Zustand, aus dem man erwachen kann. Meint das Kind dies, wenn es die Puppe mit dem intelligenten Mechanismus hochhebt, der sie die Augenlider aufschlagen läßt, und sagt: „Jetzt ist die Puppe wach!“?

Es gibt keinen Dietrich für alle Zimmer im Grand Palais Abgrund, keinen Universalschlüssel für alle Fragen des Lebens.

Ähnlich wie der Name Berlin an sich nichts bedeutet, sondern Bedeutung erst in Sätzen annimmt wie „Berlin liegt an der Spree“, verhält es sich mit den Personalpronomina, allen voran dem der ersten Person; denn „ich“ und seine deklinierten Formen bedeuten nichts, es funktioniert als Bedeutungsträger erst in Sätzen wie „Ich gehe jetzt nach Hause“, „Gib mir doch bitte Deine Telefonnummer“, „Ich habe Schmerzen“ oder „Ich erinnere mich nicht an seinen Namen.“

Wenn ich sage, daß ich Schmerzen habe, spreche ich, wie Wittgenstein betont, keinem obskuren Wesen eine spezifische Empfindung zu; darin könnte ich mich irren. Nicht aber in meinem Schmerzempfinden.

Wir können den deskriptiven, also wahrheitsfähigen Satz „Er hat Schmerzen“ nur jener Peter genannten Person zuschreiben, wenn wir davon ausgehen, daß Peter nach seinem Befinden gefragt sagen könnte: „Ich habe Schmerzen“, aber auch „Mir geht es gut.“

Wir schreiben Peter spezifische mentale Zustände zu; Peter nicht sich selbst.

Die Fähigkeit, ich zu sagen, weist per se und unmittelbar auf nichts Höheres, Tieferes, Metaphysisches hin, wie die Idealisten und Dieter Henrich meinen, sondern ist das Kennzeichen für die Tatsache, daß ein mit Wahrnehmung und Empfindung begabtes Lebewesen perspektivisch zentriert ist. Diese Tatsache muß auch für Tiere gelten; auch wenn sie nicht in unserem Sinne über Sprache verfügen, wird ihr Wahrnehmen und Empfinden bis zu einem vielleicht schattenhaft-rudimentären Grade zentriert sein.

Es ist kein metaphorischer Gebrauch des Reflexivpronomens, wenn wir sagen: „Der Hund freut sich, sein Herrchen wiederzusehen“, „Die Maus flüchtet in ihr Erdloch, denn sie fürchtet sich vor der Wildkatze“ oder „Die Katze gähnt und langweilt sich.“

Wir drücken mit der Interjektion „Aua!“ aus, was der getretene Hund durch sein Gewinsel kundtut.

Nur Verrückte oder Philosophen haben, was man ein einheitliches Weltbild nennt; der Paranoiker glaubt, daß alle ihm an den Kragen wollen, ja, daß Gott ihn in diese Welt voller Gefahren und Anfechtungen verbracht hat, um ihn zu bestrafen oder zu seinem eigenen voyeuristischen Vergnügen zu foltern; die paranoische Methode dechiffriert alle Erfahrung auf diesen trüben, armseligen Gehalt. Hegel wähnte, der Weltlauf sei eine zwar vertrackte und verwackelte, aber mit der dialektischen Methode zu dechiffrierende Verlaufsbahn von Ereignissen, die in seiner eigenen Existenz mündet.

Die ursprüngliche Mannigfaltigkeit der Methoden zur Bewältigung und Lösung von Schwierigkeiten, Problemen, Fragen: Wegmarken und Karten führen den Wanderer an sein Ziel, mit der veralteten Karte bleibt er stecken; mittels des Umwegs von Einsetzungen und Umstellungen lösen wir die Gleichung, bloßes Raten führt hier nicht weiter; durch Abgleich mit ähnlichen Stellen im Gesamtwerk des lateinischen Dichters vermag der Philologe die Lücke im Manuskript zu schließen, reine Intuition kann ihn in die Irre leiten.

Die natürliche Ungleichheit der menschlichen Individuen zeigt sich nicht nur an der Singularität des Fingerabdrucks, der Handschrift oder der Gehirnwindungen, sondern offensichtlicher noch an der weiten Skala unterschiedlicher Fähigkeiten, Begabungen und Neigungen – von den motorischen Leistungen über die Grade der Aufmerksamkeit bis zu sexuellen Vorlieben und Perversionen; jeder hat sein spezifisches Sensorium, jeder seine eigenwillige Idiosynkrasie.

Dichter, nicht Schriftsteller, ist jener zu nennen, der mit einer Sonderbegabung hinsichtlich der Wahrnehmung von Düften, Farben, Klängen, Gestalten und Rhythmen ausgestattet oder auch geschlagen ist. Indes, wenn ihm die alltäglichen Worte und Wendungen wie Pilze im Mund zerfallen, bleibt er Dichter nur, wenn er eben diese Sprachnot wie Hofmannsthal in seinem berühmten Brief an Lord Chandos in geistreicher und ausdrucksvoller Weise kundzutun vermag.

 

Dez 27 22

Zigeunerspuk

Sie, deren Lieder uns gezogen
hinab zu leuchtenden Korallen,
wie Geister sind sie aufgeflogen,
uns blieb nur schiefergraues Lallen.

 

Der Liebe nachtbetaute Daunen,
wie glänzen sie in Mondes Mulden.
O wollet unsrer Öde raunen,
ihr wehmutdunkler Jugend Hulden.

Und die um Flammengarben stampfen
mit den nomadennackten Ballen,
laßt Seufzer aus den Kehlen dampfen,
in weiche Herzen Triller krallen.

Mit zarten Muschelgriffen Klingen,
die wie vereiste Schmerzen blitzen,
sie schneiden durch die Luft und singen,
und Schatten flackern, die sie ritzen.

Uns aber faßt ein süßes Grausen,
wenn mennigrote Brüste starren,
uns bannt ein somnambules Brausen
von Hirtenflöten und Gitarren.

Im Wind der Seidenfächer scherzen
der trunknen Blicke Schmetterlinge,
sie taumeln um den Kelch der Herzen,
und wenn sie schlürfen, stäubt die Schwinge.

Wir schmecken bittrer Wollust Schauer,
wenn ihre Becher klirrend kreisen.
Die kaum sich aufgetan, die Trauer,
senkt ihre Knospe, da sie reisen.

 

Dez 26 22

Auf dem Pilgerpfad

Wie ist das Sternbild uns verhangen,
im Dickicht unsrer Angst entrückt,
es hüllt kein Schimmer unser Bangen
von Rosen, die das Lied gepflückt.

Doch sehen wir, daß Tropfen flossen
von Blüten, erdwärts schon gebeugt,
und ewig in sie eingeschlossen
den Glanz, der hohen Sinn bezeugt.

Ward uns der Strahl, der Geist, genommen,
das Rauschen ferner Quellen auch,
scheint fahl ein Mond, im Dunst verschwommen,
im dürren Grase seufzt ein Hauch.

Wie fühlen wir uns ganz verlassen,
auf sternenlosem Pfad allein,
wir können Duldens Sinn nicht fassen,
Moos dunkelt um den toten Stein.

Wir fanden keine Weihestätte,
nicht Kelch noch Kreuz, nicht Gral noch Grab,
wo uns gegrünt, geblühet hätte
der eingesenkte Pilgerstab.

So mögen uns die Wellen tragen
zu Ufern ohne Wiederkehr,
wo blasse Asphodelen ragen
in einen Himmel wüst und leer.

 

Dez 24 22

Ein Tropfen Licht

Es ist ein Zittern nur, ein Tropfen Licht
an nächtlich blauem Glase,
es ist ein Mund, der sich ins Dunkel spricht
in schmerzlicher Ekstase.

Die Blüte, die den lichten Tropfen trank,
will einmal noch sich röten,
das Wort sagt monderhellten Quellen Dank,
die es zum Lied erhöhten.

Es ist ein Seufzen nur, ein Hauch der Nacht
in schwanken Uferschilfen,
es ist ein Herz, das bang im Dunkel wacht
bei Ariel und seinen Sylphen.

Undine, sanft vom Abendstern geküßt,
sie mag noch einmal weinen,
das Herz, das geisterhafter Sang umfließt,
will sich mit ihr vereinen.

 

Dez 23 22

Diarium philosophicum I


hilosophische Sentenzen und Aphorismen

Was versteht der Blindgeborene, der ein gutes Deutsch gelernt hat, wenn du sagst: „Ah, dort über dem bewaldeten Hügel steht der Vollmond.“?

Das Kleinkind hat schon die sprachliche Stufe erreicht, auf der es Komparative wie „wärmer“, „schwerer“ oder „schöner“ verstehen oder anwenden kann; dann sagt es aber statt „besser“ „guter“ – ein solcher und andere Fehler sind ein Indikator für die Tatsache, daß eine strukturelle Komponente der grammatischen Struktur aktiviert ist.

Unsere Fähigkeit, bestimmte Fehler zu machen, zum Bespiel Rechenfehler oder grammatische Patzer, dokumentiert bisweilen einen mehr oder weniger hohen Grad von Intelligenz.

Die Einwortsätze des Kleinkindes sind keine Interjektionen, sondern der Ausdruck eines Gedankens, wie der Einwortsatz „Mama“ die Bedeutung haben kann: „Hier ist sie ja, die Mama!“ oder „Es wäre schön, wenn Mama da wäre!“

Was wir Willensfreiheit nennen, zeigt sich in der grammatischen Möglichkeit zur Bildung von irrealen Bedingungssätzen: „Hätte ich nicht so lange getrödelt, wäre mir der Bus nicht vor der Nase weggefahren.“

Denken heißt nicht bloß, an etwas denken; wenn ich an den verreisten Freund denke, impliziert dies ja den Gedanken, daß er verreist ist.

Denken heißt ebensowenig, einen wahren Gedanken haben; denke ich an den verreisten Freund, könnte es sich herausstellen, daß er in diesem Moment schon wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Nehmen wir also an, denken heiße, an einen möglichen Sachverhalt denken, wie an den Freund, von dem ich annehme, er sei verreist, obwohl er schon wieder zurückgekehrt ist.

Könnte indes der verreiste Freund nicht gleichsam einen Doppelgänger losschicken, der „statt seiner“ die Heimreise angetreten hat.

Wir zweifeln, ob wir Freund Peter I, der noch in London weilt, in seinem Doppelgänger Peter II, der an unserer Tür geklingelt hat, ansprechen sollen und identifizieren können.

Im Unterschied zum Kleinkind vermischen wir nicht den realen mit dem fiktiven Namen, nicht den Wolf im Tiergehege mit seinem fiktiven Doppelgänger namens Isegrim aus dem Märchen.

Die Semantik des Namens „Gott“ ist noch nicht geschrieben.

Würde der von Geburt Blinde, der die Blindenschrift erlernt und die Gedichte Eichendorffs und Brentanos gelesen hat, wenn er durch ein Wunder in der Nacht seine Sehkraft erlangte und den Schein des Mondes im Fenster gewahrte, ausrufen können: „Ah, das ist also der von den Dichtern vielbesungene und von den Hunden vielbejaulte Mond!“?

Es ist eleganter Unsinn zu behaupten, „luna“ oder „la lune“ oder „the moon“ bedeute „der Mond“, während die schlichte, aber schwer zu fassende Wahrheit in der Aussage ausgedrückt wird: „luna“, „la lune“, „the moon“ und „der Mond“ bedeuten den Mond oder den einzigen planetarischen Trabanten der Erde.

Hermeneutische Frömmler und Sinnpietisten, die das Wort zwar nicht wie ehedem die Schriftgläubigen ins Kloster, aber dafür in die labyrinthischen Verliese der Texte und Texte über Texte, der Bücher und Bücher über Bücher stecken, aus dem es bei Strafe des Sinnverlustes kein Entrinnen geben könne.

Sie schwätzen nach, was der Herr Papa (der Lehrer, der Priester, der Doktorvater) schon immer gesagt hat, um sich als würdig zu erweisen, seinen Posten zu übernehmen. Oder sie widersprechen dem alten Herrn in einem fort auf schnoddrige und impertinente Weise, um sich pubertär aufzuspreizen und trotzig sich in jene Büsche zu schlagen, vor deren Dunkel der senile Angsthase stets gewarnt hat. – Aber im Dickicht wird ihnen nicht bange, denn hier warten schon jene Brüder der Horde, von der Doktor Freud nicht zu unrecht viel Aufhebens gemacht hat; der Horde, die die alte Elite um den realen oder symbolischen Kopf kürzer zu machen gedenkt.

Abertausende in abertausend Generationen müssen den Mond gesehen und gesagt haben „Dort geht der Mond auf“, damit endlich der Astronom mit der Feststellung aufwarten kann: „Der Mond ist der einzige planetarische Trabant der Erde.“

Daraus folgt: Die Subjektivität des Wahrnehmungsurteils, die durch den deiktischen Ausdruck „dort“ angezeigt wird, ist die Voraussetzung der objektiven kosmologisch-physikalischen Aussage.

Nur Organismen mit spezifischen sensorischen Fähigkeiten kommen zu Aussagen wie „Das fühlt sich rauh an“, „Der Ton ist schrill“, „Das Bier schmeckt fade“, „Da geht der Mond auf“. Das verhindert nicht, nein, ist sogar die Voraussetzung dafür, daß dieselben Organismen Wissenschaft treiben, womit sie ihren subjektiven Wahrnehmungen einen objektiven Gehalt verschaffen.

Aber verschafft uns der objektive Gehalt von Begriffen wie Mond, Stern, H2O und Aussagen wie der Pythagoräische Lehrsatz den Ruhm, den Horaz beanspruchte, weil seine Stirn das Funkeln der ewigen Sternbilder gestreift habe?

„Dem halb Ertaubten klingt der Ton, der dir schrill vorkommt, aber weniger schrill, ja sanft.“ – Nun gut; doch hat er noch eine auditive Wahrnehmung, die er entsprechend qualifizieren mag.

Die Rose duftet, „Rose“ nicht.

Seine Musik hat sich auf den Klang des Namens Mozart wie durch einen seltsamen magischen Zauber übertragen.

Herr Grieskram könnte sich eine solche magische Aufladung seines Namens durch noch so große Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit wohl kaum erwerben.

Das Muster der Tapete, das man im Katalog besieht, sieht der Tapete zum Verwechseln ähnlich. Ja, es ist öfters ein Stück derselben Tapete, die man schließlich käuflich erwirbt und zu Hause an die Wand klebt. Wir werden aufgefordert, einen Probeschluck des delikaten Weins zu wagen, und was wir schmecken, unterscheidet sich in keiner Weise von dem uns kredenzenten vollen Becher, Das Musterhaus ist so, wie das Haus, das man erwerben kann, nur daß hier keiner wohnt.

Das Schema der Sonate, der Fuge, des Sonetts, der Terzine ist keine Sonate, keine Fuge, kein Sonett und keine Terzine. Freilich ähnelt das Schema der Sonate der echten von Schubert im Aspekt einer spezifischen Projektion ihres formalen Aufbaus.

Der Name Berlin bedeutet nichts, es sei denn wir verwenden ihn in Sätzen wie „Berlin liegt an der Spree.“ Und nur ein solcher Satz beglückt uns mit einem sinnvollen Gedanken.

Daraus folgt die semantische Sigularität unserer Art, sprachlich in der Welt zu hausen: Nur mittels grammatisch korrekt geformter Sätze öffnet die Aussage ihr Negligé, zumindest soweit, um das Schimmern ihres köstlichen Inkarnats zu erhaschen.

Der deutsche Idealismus ist eine hybride Scheinfrucht aus der Vermischung der echten und trivialen Verwendung von Begriffen wie „Ich“, „Bewußtsein“ und „Geist“ und ihrer mystifikatorischen in Schein-Aussagen wie „ich ist Ich“ oder „Im menschlichen Bewußtsein kommt der Weltgeist zu sich selbst.“

Man kann nicht alles nach derselben Methode behandeln, wie der Quacksalber Hegel meinte.

Man kann natürlich ein Grafikprogramm entwerfen, mit dem sich eine topographische Karte erzeugen läßt, auf der der Name „Berlin“ neben einem Symbol für Großstadt und der Name „Spree“ neben einem Symbol für Fluß steht; aber für das Programm hat der Satz „Berlin liegt an der Spree“ keine Bedeutung.

Welchen Reichtum an Typologien des weiblichen Geschlechts enthüllt uns der antike Mythos: Nymphe, Dryade, Sirene, Megäre, Mänade, Moira, Muse, Bacchantin, Sylphe, um nur diese zu nennen, oder welchen Reichtum an weiblichen Charakteren die Epen und Dramen, Penelope und Helena, Antigone und Klytämnestra, Elektra, Andromache, Ariadne … Das Ergebnis der urbanen Zivilisierung und Emanzipation des weiblichen Geschlechts ist seine Verflachung, Banalisierung, Entzauberung.

Zu den letzten Kennern der archaischen und mythischen Dimension des weiblichen Geschlechts zählen Baudelaire, Hugo von Hofmannsthal, Knut Hamsun und Friedrich Georg Jünger.

Der gelehrte Mann, das Idol der Aufklärung, ist kurzsichtig, rachitisch, ohne feineren Geschmack für Nuancen, abgedichtet im Verlies der Bibliotheken sowohl vom Blumenhauch wie vom Sturmwind des Lebens. Was soll man über gelehrte Frauen sagen …

Die Katze Baudelaires, die Sylphe Mallarmés und die fade Sinnlichkeit einer Madame Bovary.

Dummheit muß man sich erst leisten können, als Studienrat oder Feuilletonchef beispielsweise, denn sie zeugt vom Mangel und einer Verkümmerung des Instinkts, der in der Wildform des Daseins den stumpfen, vom Knäckebrot der Moral genährten Magersinn, der die Gefahr nicht erkennt, schon vor dem Schatten eines Schattens zurückschrecken läßt, angesichts der Herrscher der Straße, den neuen Nomaden und ihrem keifenden Anhang mit devoten Verbeugungen scharwenzelt und zurückweicht, um in den nächstbesten Gully zu stürzen.

Nicht einmal das jeden scharfen männlichen Syllogismus schlagende Argumentum ad hominem der Frauen, Tränen, lassen sie mehr gelten.

Die Liebesgedichte, die nach der großen Zeitenwende durch die Entdeckung der Alterität und Willkür der sexuellen Zuschreibungen geschrieben werden, wissen sich keinen Reim mehr auf das zu machen, was die großen Dichter der Vergangenheit als Passion und Verhängnis, Treue und Verrat, Faszination und Steigerung aus dem bipolaren Dunkel ans Licht ihrer Sonette und Elegien gehoben haben.

Der elegante Unsinn, dem ganze Generationen zum Opfer gefallen sind, drückt sich in Scheinsätzen aus wie: „Alles ist Interpretation.“ Wie wäre aber dieser Satz zu interpretieren? Nun, er müßte eine Wahrheit zutage fördern, die selbst keiner Interpretation mehr unterläge – und auf diese Weise sich selbst ad absurdum führen.

„Achtung!“, „Vorsicht!“, „Geh zurück!“ sind Ausrufe, die in der entsprechenden Situation von Bedrohung und Gefahr geäußert unmittelbar verständlich sind. Natürlich deuten sie wiederum auf eine propositionale Wahrheit, die sich in Sätzen darstellen läßt wie: „Von links rast ein Auto heran“, „Hier ist eine steile Stufe“ oder „Das ist kein Weg, sondern ein Holzweg.“

Daß objektive Wahrheiten wie die Wahrheit, daß Berlin an der Spree liegt, ihre Relevanz allererst gewinnen, wenn sie in subjektiven Kontexten Verwendung finden, mindert ihre Objektivität nicht im geringsten.

Als Titanenrufe gehandelte Sätze der Philosophie wie „Alles fließt“, „Alle Menschen streben nach Glück“, „Homo homini lupus“ „Gott ist tot“ – wie verflacht, ausgehöhlt und schäbig werden sie alle infolge ihrer Verramschung auf dem Markt der Meinungen.

Widerlegt mittels Zitierung. – Am gründlichsten widerlegt scheint, was am häufigsten zitiert wird.

Der Hase rettet sich vor dem Rachen des Wolfs, indem er einen großen Hymnus auf seinen Erzfeind anstimmt, sich in immer phantastischere Beschwörungen seiner Schönheit, Weisheit und Güte steigert, sodaß Isegrim zunächst aufs höchste geschmeichelt die Pfoten kreuzt und in seiner Eitelkeit gekitzelt den Schweif behaglich hin- und herwiegt, dann aber von der unversieglichen Lobpreisung seiner Tugenden zwar bis zu Tränen gerührt, aber auch gelangweilt und ermüdet wird, schließlich zu gähnen beginnt und träumerisch-versonnen das Haupt senkt und einschläft.

 

Dez 21 22

Versunkenes Leben

Wenn aber Schleier niederwehen,
geküßt vom Abendlicht,
kannst du den blauen Schatten sehen,
der sich um deinen flicht.

Wie Rieseln in verschneiten Auen
umwölkt dich Traumgelall,
du willst wie Schnee der Liebe tauen,
o schmelzender Kristall.

Und Hauch hebt an die Schneegirlanden,
die blind der Mond gewebt,
du hörst in fernen Meeres Branden,
wie eine Stimme bebt:

„Wir lauschten nachts dem Spiel der Wellen,
dem Lockruf aus dem Grund,
die Worte schwirrten wie Libellen
an stummem Blumenmund.

Mit Muscheln hast, mit weißen Steinen,
die Namen du gesät,
daß sie zur Inschrift sich vereinen,
doch war es schon zu spät.

Ich tauchte in den Schaum der Wogen,
in der Korallen Bann,
die grüne Nacht hat mich getrogen,
dein Traum zog mich hinan.“

O daß die Schleier weicher weben,
von Wehtau hold genährt,
jungfräulich um versunknes Leben,
bis es der Tod verklärt.

 

Dez 20 22

Im Wald der Sprache

Wenn es im Wald der Sprache dunkelt,
wie blicken staunend wir empor,
hat wunderbar Gestirn gefunkelt
durch Laubes zarten Dämmerflor.

Uns spricht das geisterhafte Brausen
noch von Dianas Einsamkeit,
wir starren voller Urzeit-Grausen,
wenn über uns die Eule schreit.

Und hören wir aus kühlen Gründen,
wie eine Quelle selig singt,
will unser Vers in Auen münden,
wo süßen Hauchs die Knospe schwingt.

Doch plötzlich bricht sich dumpfes Ächzen,
ein Splittern in die Versgestalt,
titanisch scharfe Messer lechzen
nach Klarheit im Metaphernwald.

Es stürzen Ulmen, Buchen, Eichen
für odemlosen Teerbelag,
die hellen Herzen müssen weichen
vor einem trüben Menschenschlag.

Ob weiße oder schwarze Hände
zersägen ihr das lichte Bein,
nur Liebe pries der Birke Lende,
nur deutscher Vers trug Laub so rein.

 

Dez 19 22

Abendlichtes Schneise

Folg nur des Abendlichtes Schneise
ins Dunkel, das da ewig währt.
Was du noch sagst, o sag es leise,
verhüll die Wunde, die noch schwärt.

Im Schilf des Ufers magst du liegen,
wo träumend schwankt der schmale Kahn,
der grauen Wasser Sang soll wiegen,
o wiegen dich, du blasser Schwan.

Will Mond sein Silberhorn ausgießen
ins schmachtend rieselnde Gerank,
mußt, das vergebens späht, du schließen,
das Aug, vom Tau der Wehmut krank.

Mag sanfte Hand dich Blinden leiten
zum Kahn, der deiner harrt. O Hand
der Liebe, die in abgelebten Zeiten
den Kranz von Mohn und Veilchen wand.

 

Dez 18 22

Verwehte Spuren

Spuren, frisch im Schnee, wo Hasen sprangen,
und wieder Schnee, das Bild wird blind.
Lieder, die uns milde Flammen sangen,
die Seele taut, der Tau verrinnt.

Muscheln hat der Mond zum Strand getragen,
sie blassen, wenn die Sonne sinkt.
Bunten Schaumes Knistern, was wir sagen,
der Schaum des Lichts, den Trübsal trinkt.

Blitzend schält die Schneide Aprikosen,
kühl ist der Griff von Elfenbein.
Ach, dein Lächeln brachte mir noch Rosen,
die späte Glut im Schattenhain.

Birkenanmut wurde umgehauen,
das Gras erstickte im Asphalt.
Fahle Himmel, wollet nicht mehr blauen,
das Herz ist grau, die Lippe kalt.

 

Dez 17 22

Die Knospe Hoffnung

Laß fliehen uns zur Waldkapelle,
noch thront sie droben muschelbleich,
ward brüchig auch die Marmorschwelle,
der Benedeiten Blick ist weich.

Du, Liebe, magst im Stillen sinnen,
ich zünde uns zwei Kerzen an,
und wenn an ihnen Tropfen rinnen,
mag schmelzen auch der Schwermut Bann.

Uns hüllen huldvoll Schattenranken,
worein der Schein des Mondes bricht,
wir fühlen uns auf Wassern schwanken,
umgeistet hold von Rosenlicht.

Und gehen wir durch Dämmerungen,
wird uns zum Abendstern das Lied,
von zarten Sängers Schmerz gesungen,
das Dunkel küß, bis Liebe sieht.

Uns ist, als hab sich süßem Wehen
die Knospe Hoffnung aufgetan,
daß wir im Tal noch schimmern sehen
wie Schnee im Schilf der Nacht den Schwan.

 

Dez 16 22

Geknetet und behaucht

Geknetet und behaucht wird warm
der Lehm in schmutzig-kleinen Händen.
Wie Falten Wassers glänzt der Charme
an transparenten Verses Lenden.

*

Heiß in Muscheln, Formen und Figuren
pressen Kinderhände feuchten Lehm.
Streicht durch Zeilenklüfte und Zäsuren
Odem, flötet schon das Urphonem.

*

Daß sie trocknen, schlafen nasse Ziegel
in Gelassen winddurchseufzter Darren.
Dichter, noch ein Kuß, dein feuchtes Siegel,
daß die weichen Verse nicht erstarren.

*

Töpferscheibe muß sich, muß sich drehen,
und die schlanke Vase wächst heran,
Lüfte sanft durch Blüten wehen, wehen,
durchs Gerank der Zeilen schwimmt ein Schwan.

*

Wasser, sprach der anmutfrohe Weise,
magst du, Dichter, träumerisch dir ballen,
doch er wand sich selbst in dunkler Schneise
Flammenkränze, um im Licht zu wallen.

*

Geformt aus Lehm, ein wahres, schlichtes Bild
für unsre schwache, sterbliche Gestalt.
Daß aber Othem Gottes darin quillt,
macht uns bestürzt, wir taumeln ohne Halt.

*

Die Woge schwillt, die Woge schäumt,
ein Seestern zackt und schwappt am Strand.
Der Stern, den sich ein Vers erträumt,
im nächsten ist er schon verbrannt.

*

Es schüttet seinen goldenen Wein
aus klirrenden Kristalles Schalen
der Abend hin, du trinkst allein,
doch zittern nach die Traumspiralen.

*

Brackwasser läuft in lehmige Mulden
auf Muschelhorn und Ammoniten.
Gefäße, die nur zarte Schatten dulden,
sind in des Urschlamms Nacht geglitten.

 

Dez 15 22

Wie Schwalben ziehen

Wie Schwalben ziehen zu den milden Strahlen
an veilchenblauer Buchten Meer,
streu Irisblüten ich in irdne Schalen,
doch kommst du, Liebe, kommst nicht mehr.

Und Stimmen sind, in Purpurwolken schwebend,
wie fernes Zittern von Kristall,
mir aber tönt, aus dunklen Grotten bebend,
ein Gong, ein dumpfer, aus Metall.

Wie jene kehren heim und rupfen Gräser
und flattern auf und ab im Spiel,
stell auf den Tisch ich hin zwei Gläser,
doch eins ist, Liebe, eins zu viel.

Und Düfte sind, die dunkle Süße quillen,
um Buch und Lampe Traumgerank,
mir aber will den Durst, den heißen, stillen
die Nymphe mit dem bittern Trank.

 

Dez 14 22

Bündisch, einst

Erinnerung an den Nerother Wandervogel

Wehen, Brüder, euch noch Fahnen
in die Ferne bunt voraus,
hört ihr noch den Ruf der Ahnen,
überall sind wir zu Haus?

Bündisch einte uns ein Fühlen,
wenn des Nachts die Flamme sang,
Herz, es konnte kaum uns kühlen
Traube Mond im Rebenhang.

Glitzern, Schwestern, euch noch Locken,
überhaucht von Sternentau,
sagen euch noch Blütenglocken,
Liebesblicke leuchten blau?

Bündisch einte uns ein Glauben,
über dunkler Wogen Schaum
bringen uns der Anmut Tauben
grüne Zweige, Silberflaum.

 

Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/eifelpfade-xxvii

 

Dez 13 22

Leiser Widerhall

Du früher Quellen leiser Widerhall,
muß ich auf dürren Pfaden schreiten,
du weißer Apfelblüten Taumelfall,
die mir aufs Nachtmoos Schneelicht breiten.

Wenn ich im Winter aus dem Fenster seh
zum Milchfleck Mond, das Herz gefroren,
ergreift mich fernen Dufts ein süßes Weh,
von Inseln her, wo du geboren.

Und streune einsam ich am Ufer lang,
das Schilf, es seufzt, das Herz muß schweigen,
hör ich, wenn Wogen schäumen, deinen Sang
aus grünem Schmelz von Muscheln steigen.

In tausend Blicken, traumblind aufgetaucht
im Einkaufsgetto, such ich einen,
von Liebreiz blau, von Unschuld überhaucht,
der mich erheitern könnte: deinen.

 

Dez 12 22

Metanoetisch

Morgens lallst du, trunken zu vergehen,
blinden Saugens, Schluchzens Tülle.
Abends nennst du sehend, die bestehen,
Dinge hohen Glanzes, eigner Fülle.

Frühling war ein Hecheln, Wirren, Wühlen,
Schlaf in Düften, die betäuben.
Herbst läßt dich die blaue Stille fühlen,
in die Worte, Pollen stäuben.

Wie sie leckten, heißen Sanges Zungen,
Schnee von Brüsten der Mänade.
Spät erlischt die Glut, erst, da gesungen
Kühlung plätschernd die Najade.

Sehnsucht, im Gestrüpp der Angst das Lauern,
bang umklammern, was uns kettet.
Und es löst dich gnädig ein Erschauern,
Strahl der Liebe, der noch rettet.

Wintersonne, Bild und Male fahlen,
was vergessen schon, die losen
sammle, Dichter, in kristallne Schalen,
blasse Blätter später Rosen.

 

Dez 11 22

Dunkle Grotte, Rosenhelle

Und manchmal hört man in den Nächten weinen,
als wäre in der dunklen Waldesgrotte
erwacht die Nymphe auf bemoosten Steinen,
die längst verstummte vor dem lichten Gotte.

Dann magst du, Dichter, in die trocknen Furchen
das sanfte Rieseln und das Seufzen leiten,
mag noch mit Schlangen, mit gescheckten Lurchen
das Lied dir lispeln und durch Gräser gleiten.

Bisweilen kratzen auf des Schlafes Schwelle
die schrillen Töne einer Traumzikade,
und Eos hält zurück die Rosenhelle,
wenn Liebe schmerzt der Schmelz der Blütenpfade.

So magst du, Dichter, dich mit Ruten schlagen,
die dunkle Liebe aus dem Strauch geschnitten,
der süß erblühte in den Sommertagen,
wie Grillen schreien, was das Herz gelitten.

 

Dez 10 22

Die fahlen Sonnen der Erinnerung

Wenn fahle Sonnen in den Zweigen schweben,
der Aprikosen Licht im Tal
Erinnerung, ein Traubengold von Reben –
wie schmecken alle Worte schal.

Laß trinken mich von deiner Anmut Ranken
den feuchten Schimmer Morgenlicht,
mich auf dem Plätschern deines Singsangs schwanken –
ein Falter schwirrt noch ums Gedicht.

Wo wir den Weinbergschiefer leicht erklommen
und schauten in der Tiefe blau
den Strom, wo abendrötlich Rosen glommen –
wie werden alle Bilder grau.

In Halme, aus dem bittern Löß gezogen,
flicht deine süßen Veilchen ein,
mit Kerzen heb den Kranz auf weiche Wogen –
zu leuchten auf dem dunklen Rhein.

 

Dez 9 22

Die verlassene Braut

In Zwiedunst ist sie hingesunken,
die goldne Sonnenaprikose,
die schon vom Tau des Traums getrunken,
die Dämmerfäden wirren lose.

Und aus dem blauen Abgrund steigen,
dem Flackern gleich von Rätselchiffern,
Gestirne, kalt wie Gottes Schweigen,
nicht einer ist, sie zu entziffern.

Du hast den öden Pfad verlassen,
und bist gen Süden aufgebrochen,
ich muß im Ried wie Monde blassen
und wähnte Sonnen mich versprochen.

Wenn aber in der Morgenstunde
durchs Fenster zarte Stimmen fließen,
blüht auf sie mir, die dumme Wunde,
ich fleh um Nacht, sie zu verschließen.

Und hör ich nachts in seinem Bauer
den Sittich an das Gitter prallen,
lieg starr ich an der Schlaflos-Mauer,
wie einer Fremden klingt mein Lallen.

Und träume ich, dann von den Gärten,
wo zwischen duftenden Narzissen
ins Gras sich betten die Gefährten,
zu süßem Sang und ach zu Küssen.

Seufzt auf, wo du mir sprachst, der Weiher,
zerrinnt das Witwentuch, der Schnee,
und unterm Strahle schmilzt der Schleier.
Ergrüne, Pfad, auf daß ich geh!

 

Dez 8 22

Jamben auf die Pseudo-Dichter

Die Pseudo-Dichter dichten nicht mit Worten bloß,
sie borgen sich ein Charisma,
den ausgebeulten Nimbus des Poète maudit,
als sei im Blitzlicht wer verfemt,
doch sind sie auch von einem Nachtmahr heimgesucht,
der ihrer Sprache Mark zernagt,
sie mimen Baudelaire mit seinem Pansgesicht,
Verlaines Trübsal, auch nicht schlecht,
wie er betrunken greint „Rimbaud, du Schuft!“
Ja, ein Passionsspiel, close-up, das
verkauft sich gut, schäumt nur die Wunde hell,
die man sich coram publico
an bleicher Dichterstirn hat theatralisch auf-
geschlitzt mit einem zarten Schnitt.
Doch jene litten wahrhaft an der Syphilis
des Geistes, seelischem Skorbut,
in Nächten gottverlassner Obdachlosigkeit,
wo diese Bier am Messestand,
Prosecco labt. Und all das Fördergeld vom Staat:
Da hurt man mit dem Zeitgeist gern.
Wenn heuchlerisch die Wehleidsträne auch
den Schluder-Vers verschmiert,
Unleserliches geht als Hermetismus durch,
der Rhythmus katatonisch starr
sich in den Anus eines Chiffrenfetischs krallt,
erglänzt nur der Furunkel Nichts,
den eingeweihte Interpreten als Symptom
der Krankheit namens Abendland
zu deuten wissen. Doch der Reim, der Blütenkelch
an lichter Strophe grünem Zweig,
gilt ihnen als Anathema, steht unter Kitsch-
verdacht, bigottes Feigenblatt
verhehlter Schwären, die sich beim Geschlechtsverkehr
mit feiler Muse Eichendorff
einst eingebrockt hat oder Goethes geiler Knecht
im hohen Gras bei Ilmenau.
Gottlob, den Lyrik-Mädchen wallt noch rhythmisch frisch
getönt das Haar zum Nymphensteiß,
sie lassen gerne sehen, wie sie in den gold-
gerahmten Spiegel sehen, in-
krustiert mit Muscheln, das Gedicht, wie zart behaucht
von ihrem feuchten Blumenmund,
und Melusine glitzert aus dem Wörterdunst,
es glänzt die Haut vor Selbstgefühl.
Nie traute sie dem muskulösen Arm sich an,
der sie ins trockne Versmaß zieht.
Vorm Knalleffekt schreckt auch la fille sans merci
im Internet heut nicht zurück:
Sie löscht das Licht, ins Schweigen aber, ins Mystère
final, das Liebesdickicht, tropft
mit einem Mal ein Glucksen, wie getauten Schnees:
Sie weint! Nein, uriniert.

 

Dez 7 22

Letzter Küsse Waldarom

In den Rosen seufzt ein Schimmer,
der von deinen Lippen sank,
nur ein Schatten bleibt im Zimmer,
der von deinen Blicken trank.

Rosen in kristallner Vase
mit der Hüfte weichem Schwung,
glitzernd wie der Tau im Grase,
da uns stillte Dämmerung.

Auf den Gängen eilen Schwestern
hin, wo eins im Sterben liegt.
War’s vor Zeiten, war es gestern,
daß uns Lichtgerank gewiegt?

Von den Wänden fließen Schlieren,
fährt man spät noch hin und her.
Schlafen, o im Hain bei Tieren,
Herz, von Glanz und Bildern leer.

Doch sie läßt nicht ab zu schwingen,
Unruh einer kranken Uhr.
Wie von Kindern geht ein Singen
durch den leeren Klinikflur.

Gluten, die auf Wassern schwelen,
letzter Küsse Waldarom.
Fahler Traum seid, Asphodelen,
leise rausche, dunkler Strom.

 

Dez 6 22

Satans Mühle

„Mach endlich Schluß mit diesen Abgesängen!
Des Efeus Schlurfen auf den Friesen klingt
wie Rasseln in verschleimten Atemgängen.

Und jenen Quell, der dürrem Vers entspringt,
laß nur verschütten von Betonidioten,
kein Melancholiker ward je beschwingt,

dem du das trübe Wässerchen entboten.
Schließ den Reliquienladen mit Gebeinen,
in Blech-Hyperbeln eingefaßt, maroden,

Kein frisches Weib wird Talmischmuck nachweinen,
den du aus fahlem Pergament geschnitten,
ihr Auge glänzt ins Blau von Saphirsteinen.

Verhülle nicht, die leuchten, Sonnenquitten,
mit dunkler Verse Laubesüberhängen,
die nur verbergen, was du nicht erlitten.“ –

„Wer bist du denn, mich unwirsch zu bedrängen,
und mir den goldnen Becher zu verwehren,
wenn sich des müden Daseins Schatten längen?

Soll ich die fade Lust von Geistern mehren,
die faulend sich um Fäulnisgötzen ranken,
heiß wetzen, die um Lilien klappern, Scheren,

versagen mir, auf schwarzem Samt zu schwanken
mit Knospen, die sich stumm dem Mond aufschließen,
soll krank ich lallen mit den Geisteskranken?

Soll ich, die mir am Versfuß schüchtern sprießen,
die Veilchen für die Höhnenden zerdrücken,
die Säure auf der Anmut Lächeln gießen?

Wer bist du denn, den Vers mir zu zerpflücken?“ –
„Ich bin dein Gegen-Ich und schlafe neben
dir, um das Traumgesicht dir zu zerstücken.

Ich bin die schwarze Laus in deinen Reben,
die schmatzend frißt und frißt, bis ich es fühle,
kein Traubengold wird deinen Most beleben.

Zart eingefädelt tropft die Hirnkanüle,
und Bilder bröckeln, Wort zersetzt ein Keim,
Ich bin, dein Mark zu mahlen, Satans Mühle,

die bacchisch kreischt, zertrümmert sie den Reim.

 

Dez 5 22

Der erstickte Quell

Zwischen den zerbrochenen Amphoren
seufzen Gräser, Mythensplitter
hüllt, was früher Hymnen Glanz beschworen,
fahler Mond in Schattengitter.

Und die Hirten, die mit Flammen sangen,
Schmerz der Gluten, Liebesfunken,
sind zu fremden Göttern fortgegangen,
Pan und Nymphe sind ertrunken.

Gnadenquell, der heiße Stirnen kühlte,
unter Sternen Psalmen lallte,
daß ein müdes Herz noch Ferne fühlte,
sie erstickten Wahnasphalte.

Und die Dichter, die vom Quell empfangen
Licht, zu lösen dumpfe Zungen,
sind zu dunklen Mächten fortgegangen,
Sternensänge sind verklungen.

 

Dez 4 22

Der Schmerzgefährte

Gezwitscher war herabgeflossen,
verglommen Abendpurpurgold,
o, Liebe, wandle unverdrossen,
Tau sei, des Laubes Nacht dir hold.

Und dämmern ferne auch die Gärten,
wo reines Wasser weicher tönt,
du triffst bald auf den Schmerzgefährten,
der dich mit deinem Schmerz versöhnt.

Er ist vom Kreuz hinangestiegen
und fand den Himmel wüst und leer,
magst dich an seine Seite schmiegen,
die alte Wunde glänzt nicht mehr.

Sind alle Pfade auch verdunkelt
und münden in den Karst der Nacht,
ein Stern ist, der noch einsam funkelt,
der Sängern einst den Sang entfacht.

Die Liebe hält den Schmerz umschlungen,
die Augen feuchtet Liebeskuß,
sie steigen nieder, schilfumsungen,
zur Taufe in den dunklen Fluß.

 

Dez 3 22

Die Fäden rissen

In Mondes dunstig aufgeflockter Molke
ein schwanker Kelch, ins Dämmervlies gehüllt,
von hellen Tönen einer Purpurwolke
wardst, Nature morte, du huldvoll angefüllt.

Umwimpert noch von Schatten, bangen,
hat sich die scheue Knospe aufgetan,
was du an Strahlen gläubig eingefangen,
gibst du zurück, o Blicke, diaphan.

Es wehen Silberfäden, feuchte Funken
dir um die leere Mitte ein Gefühl,
wie Liebende dich in das Wasser tunken,
du Anmut hauchst in kahler Flammen Spiel.

Die Fäden rissen und sie wirren lose,
Gespinst am ausgeseufzten Efeublatt,
im Aschenrauch glüht eine letzte Rose,
o trunknes Lied, das keinen Duft mehr hat.

 

Dez 2 22

Der ausgespuckte Kern

Dies Helle „Rose“ und dies Dunkle „Tod“,
als solltest du zum ersten Mal es nennen.
Die Rose auf dem Grab, blüht sie nicht rot?
Dein wundes Herz scheint sich nicht auszukennen.

Hast du sie leichthin Lächeln nicht genannt,
vertraute Züge, die dir heiter schienen?
Als stünden Sphingen um den Brunnenrand,
verdunkelt sich der Muschelschaum der Mienen.

Liegt es nicht auf der Zunge dir, das Wort,
das einzig wahre? Jene Purpurbeere,
erglüht in früher Kindheit Dämmerhort,
die Traube, o von dunklen Süßen schwere,

gepflückt einst unter lang erloschnem Stern.
Doch plötzlich schmeckst du Bitterkeit im Munde,
und spuckst ihn aus, den abgenagten Kern,
gerötet wie im Fruchtkelch einer Wunde.

 

Dez 1 22

Den schwermutgrauen Herzen

Wundersam, wie Töne fließen, süße,
in eine Welt voll Bitternis und Grauen,
wie sachte streifen unbeschuhte Füße
vereiste Blumen, und sie tauen.

Als ob ein Schnee von Gipfeln leuchte, gehen
schweigend wir hinan zur kargen Stätte,
wo unterm Kreuze kleine Flammen flehen,
daß Liebestod die tote Liebe rette.

Wie lichte Tränen hingeronnen
sind in das Dunkel Lobgesänge,
der Schwestern nannte ferne Sonnen,
schritt barfuß durch die Dornengänge.

Als ob sich fern die Heimat lichte, gehen
singend wir hinab zur Gnadenquelle,
wo um ein keusches Wasser Lilien stehen,
zu schöpfen schwermutgrauen Herzen Helle.

 

Nov 30 22

Da du vorübergingst

Sonniges Blau marokkanischer Fliesen
lag, da du vorübergingst,
in deinem Lächeln, deinem Grüßen,
und mir war, mir war, du singst.

Von Topasen, dämmerfeuchten,
kam, wie aus dem Schilf der Nacht,
aus den Augen Meeresleuchten,
und ich schwankte, schwankte sacht.

Weicher Knospe abendliches Neigen
war des Mundes Rosensinn,
weicher noch sein Duft, das Schweigen,
und er riß, er riß mich hin.

Mond, der über Wellen zittert,
schien mir deine Seele lind,
Fenster, efeuübergittert,
meine war schon, war schon blind.

 

Nov 29 22

Die Märtyrer der Endzeit

So viele exzessive Posen, allzu dick
die Phrasenschminke, die verläuft,
wenn aus fanatisch grellen Augen Feuchte rinnt,
obszön vor einer Kamera.
Sie dünken Zeugen sich der Wahrheit, jenes Wals,
gejagt, gehetzt wie Moby Dick
auf allen Meeren dieser Welt von Satanas,
sie schreien, Ahab, Ahab hat
den Leib durchsiebt, den edlen Leib des Muttertiers,
das huldvoll Jonas trug ans Licht.
Ein Dämon ist der Feind, und die Harpunen, die
er schleudert, heißen geile Gier,
patriarchale männlich-toxische Gewalt,
perverse Lust auf Talg und Tran.
So sieht man spröde Mädchen, Knaben mädchenhaft,
wie trunken von der Heilsvision,
auf Plätzen sich, auf Straßen kleben fest mit Leim,
der Lymphe ähnlich, womit fromm
die Schnecke an dem Blatt von Mutter Erde klebt,
auf allen Vieren, wie Voltaire
gehöhnt, doch müssen sie nicht ein Martyrium
wie jene Zeugen dunkler Zeit
erleiden, die meineidig wurden Gott, dem Staat,
die warf man wilden Bestien vor,
und züngelte die Flamme, war es ein Gesang.
Behutsam birgt man sie, o nein,
man amputiert sie nicht, die kriminelle Hand,
wie’s gern geschieht in Allahs Reich,
woher sie edle Sprossen dieser feinen Kunst
des Lebens gern dem morschen Stamm
der Dichter und der Denker pfropfen, bis am End
ihn fälle Genosuizid,
nein, die auf Bilder alter Meister Schleim und Quark
geschmiert als tristes Menetekel,
daß alles Schöne in die Sintflut sinkt, sie schickt
man gnädig an das Mikrophon,
damit sie vor der Meute geifernder Journaille,
Kassandra gleich vor Trojas Fall,
schrill ihr Lamento psalmodieren, bald, schon bald
versänk Elysium im Meer,
wenn nicht der weißen Phallokraten Sünderschar,
kastriert zum Heil der Welt,
eunuchenhaft Blaustrümpfen Soja-Trank kredenzt.
Das Dogma, ihnen offenbart
allein, thront als Arkanum über dem Gesetz.
Ein infantiles Charisma,
es blendet selbst Frau Lockenstolz, Herrn Bierschmerbauch,
klagt, irren Blicks, den Tränen nah,
psychotisch zappelnd noch im elterlichen Netz,
die Kindfrau vor dem Heuchlerrat,
wir könnt ihr’s wagen, uns die Zukunft, uns die Luft
zu rauben, und es braust Applaus.
Verführtes Kind, Verführerin, kehrt Greta heim,
wo gleich sie in den Käfig schaut,
doch war zu lange sie auf Welterlösungsfahrt,
der Sittich, er verstarb derweil.

 

Nov 28 22

Der kleine Stoiker

Da hüpft er, Mick, mein Mickilein, von weitem hat
er mich erkannt, der treue Hund.
Und wedelnd kreist er um sich selber, wie er blinkt,
der onyxschwarze Augenstern.
Ja, ja, schon springst du hoch und kratzt und tapst und schniefst,
die Schnauze in der Tasche fast
vergraben, wo ein Leckerli für meinen Mick
schon lang auf sein Gejapse harrt.
Was dir begegnet, kleiner Stoiker, dünkt dich
genug, du überschnüffelst nicht
mit deiner feinen Nase, was die Welt begrenzt,
die du bewohnst. Das weißt du nicht,
daß über Fluß und Tal und Berg ein andrer Hund
gelebt, dir ähnlich ganz, wie du
gerufen Mick von einem guten Frauchen, das
dem deinen ähnelte, doch fand
man sie vor Wochen kalt und bleich in ihrem Bett,
der kleine Mick, der Zwillingshund,
lag auf dem Kissen neben ihr, war schon ganz ab-
gemagert und er keuchte schwer,
starb auch dahin, als man die Alte hob zum Sarg.
Du kennst, o Glück, nur einen Tag,
vom ersten Strahl des Morgens bis zum Abendrot,
vom Frühling bis zum weichen Schnee,
doch wüßtest du zu raten und zu sagen nicht,
wär dir die Zunge auch gelöst,
ob diese blütenweißen Flocken Winterzeit,
ob jener Schnee nicht Lilien meint,
den Abgrund zwischen einst und jetzt, ihn füllt dir auf
das dunkle Rieseln deines Schlafs.
Von Tür zu Tür, von Duft zu Duft, von Strauch zu Strauch
durchwandelst du den engen Kreis,
und doch erhellt in deinen Adern sich das Blut
von einem Tropfen Himmelslicht.
O leuchte Herz, das in des Lebens Dunkel pocht,
bleib wach für deinen leichten Traum.
Und fühlst du, wie die Bilder blassen, wie der Blick,
der mütterlich dich oft geküßt,
verschwimmt, leg dich ins Gras, die Augen schließ, laß still
verwehen letzten Sommers Hauch.
Und geht sie dir voraus, die dich umsorgt, geliebt,
und machte dir ein Bett aus Flaum,
magst du ihr folgen und nicht schmachten vor dem Grab,
wo weicher Tau von Veilchen rinnt.

 

Nov 27 22

Einer saß am Straßenrand

Einer saß am Straßenrand,
glotzte auf die Flimmerscheibe,
hielt das Handy in der Hand,
frug sich, wo die Liebe bleibe.

Und er hatte auf der Bank
aufgeschichtet Ahornblätter,
Liebe liegt darunter krank,
hofft nicht mehr auf ihren Retter.

Blatt um Blatt aus feuchtem Gold
fiel zur Nacht, der sternenlosen,
war der Sommer ihr auch hold,
Liebe blich mit Herbstzeitlosen.

Hielt das Handy er ans Ohr,
ob es wie die Muschel klinge,
was sich, Schaum des Lichts, verlor,
Äthernacht ihm wiederbringe.

Doch ihm riß ins Trommelfell
Löcher trostlos-kaltes Klirren,
Dunkelheit wird nicht mehr hell,
Liebe, mußt bei Schatten irren.

Und er hob den Blätterstoß,
warf ihn unwirsch auf die Gasse,
o der Tod lockt mehr als Schoß,
fühlt die Liebe, daß sie blasse.

 

Nov 26 22

Vespertina spes

Über Wolken hoch, verworrnen Wegen
blauer langgedehnter Abendklang,
als gewähre unverhofften Segen
grauen Herzen himmlischer Gesang.

Sag mir, sind es Glocken, die noch schwingen
im verschneiten Wald der Weihezeit,
ist es milder Flammenzungen Singen,
das ein heiles Antlitz benedeit?

Auf den Wassern tief, den hohen Matten
blindlings hingeküßter Abendstrahl,
als beglücke, die verseufzen, Schatten,
Traum zu trinken aus dem Gnadengral.

Sag mir, sind es Knospen auf den Hängen,
die im Hauch des Monds sich aufgetan,
sind es Funken aus den Sterngesängen,
hellen Tones wie von Porzellan?

 

Nov 25 22

Wie im eignen Grab

Wieder sah ich dich nicht, wieder verlosch der Mond
hinter Türmen der Stadt, ohne den Trost, den mir
deiner Anmut Gestalt und
lieblich duftend dein Wort gewährt.

Einsam geh ich noch aus, mottendumpf schwirrt der Blick
über funkelndes Blech, wie es mich graust, seh ich
durch Gardinen den Spuk, das
tragikomische Schattenspiel.

Hockt noch murmelnd ein Weib, reckt mir den Napf und grüßt,
so vertraulich wie dreist. Endlich, der Abend schweigt,
und die Pforte ist auf, die in den Garten führt,
wo wir beide zur Sommerzeit

plaudernd saßen allein, und aus dem Laube troff
weich gefiederter Sang, schimmerndem Schleier gleich
floß dein Lächeln um mich und,
o Hauch, südlicher Meere Schaum

war darin und die glüht, dämmert Dianas Hain,
der Zitrone Geruch. Ich aber schlich zurück,
fand verriegelt das Tor, barg
mich im Gras wie im eignen Grab.

 

Nov 24 22

Der Tropfen Reim

Wie im zarten Morgenlicht
Traumes Ranken bleichen,
tut sich auf dein Angesicht,
Knospe ohnegleichen.

Wicken schüttelt wach der Wind
an verschlungnen Gittern,
Wimpern, die noch trunken sind,
Azur küßt, sie zittern.

Wie ein Hauch die Halme wiegt,
summt des Sommers Süße,
Mund, von weichem Mund besiegt,
öffnet seine Schließe.

Was er kündet, scheint geheim,
Duft aus dunklem Moose,
bis er glänzt, der Tropfen Reim,
an der Purpurrose.

Was dein Lächeln scheu verhüllt,
blauer Blicke Feuchte,
hat den Vers mit Tau gefüllt,
daß die Blüte leuchte.

 

Nov 23 22

Jamben auf die frühen Wirren

Welch seltsames Gemisch (halt dir die Nase zu)
von Veilchenduft und Elendsdung,
der noch wie bäurischen Geschickes Ironie
ihm an lackierten Schuhen klebt,
umschwebt den geckenhaften Schwadroneur.
Die Nickelbrille flügelt auf
dem Nasenjoch, die schwarze Lederweste schmiegt
sich speckig an die Hühnerbrust.
Als habe ihm den Blondschopf Meerfahrt ausgebleicht,
als tränk das Auge noch Azur,
und war, ein Hasenherz, doch nie an Hellas’ Strand,
schielt bangend er nach links und rechts,
ob jene auch, auch sie verweilt im Seminar,
und räuspert sich, hat seinen Quark
der Herr Professor Schmidt zum frühen und
zum Marx des Kapitals, dem Bruch
der Episteme, wie’s der Hohepriester aus
Paris, der Gattenmörder, nennt,
breit ausgewalzt, steht ruckend auf, die Brille rutscht,
er schiebt sie nonchalant zurück,
und man vernimmt ein krauses Kauderwelsch,
Adornos Zwielicht-Idiom,
vermengt wie die Satura mit Fruchtallerlei,
im Rausch der Nacht gepflückt
im leider unbewachten Garten Hölderlins,
und radebrecht von Brot und Wein, vom Göttermahl,
dem wahren Bruch der falschen Zeit.
Der ist nicht ganz bei Trost, denkt sich der dicke Schmidt,
ist noch nicht nüchtern in der Früh,
und in der Runde sieht man, wie sie feixen und
die Augen rollen, mancher gähnt,
doch er bleibt unbeirrt, ein trunkener Prophet,
dem Lorbeer kitzelt schon die Stirn.
Doch der verkannte Vates ist ein armer Hund,
hat sich in diesen Vamp verliebt,
ein Schönchen aus den Westend-Villen, die niemals
im Seminar nach ihm geblickt,
ihn keines Worts gewürdigt, wenn er auch, o Scham,
ihr in den Kasten ein Gedicht
geworfen, ohne seinen Namen, Gott sei Dank,
den Philosophendialekt
gepaukt, und seine Mundart ganz zersetzt, verpantscht.
Sie aber wußte es genau,
und hat auf dem Semesterabschlußfest getanzt
mit einem unbebrillten Kerl,
vor seinen Augen, engumschlungen, ihren Schoß
an ihn gepreßt, die Zunge, rot
und lang, ihm grinsend hingestreckt, gestreckt.
O laß es sein, schmink es dir ab,
rät dir der Dichter, der Diotima im Wach-
traum sang, hat auf Susette er auch
geschaut, du liebe selbst die eigne Anima,
die aus dem Dunst der Angst dir steigt.
Und fühlst du noch die Glut, scheu nicht die Einsamkeit,
den Haken, der die Asche schürt.
O schweres Glück, zur Muttersprache heimgekehrt,
zerfällt dir der Jargon der Zeit.

 

Nov 22 22

Die frühen Geister

Sie kommen wieder, frühe Geister, Schatten,
die leise aus dem Dämmerlaube wehen,
und will das blaue Rauschen uns ermatten,

sind sie es, die am Rand der Brunnen stehen.
Und wandeln Arm in Arm wir durch die Wiesen,
sind ihrer drei, die sich im Tanze drehen,

Mänaden wie auf längst zerfallnen Friesen,
und Flammen züngeln über Brust und Lenden
und Augen glänzen in den Panthervliesen.

Du sagst, wir wollen uns zu Blüten wenden,
die auf den Wassern unterm Monde treiben,
da hockt im Schilf und fleht mit Runzel-Händen

ein graues Weib, wir möchten bei ihr bleiben,
und willst du ihrer Stirne Frost behauchen,
zerrinnt sie wie Eisblumen auf den Scheiben.

Steht hoch das Gras, ins Dunkel einzutauchen,
und sagt dein Blick, was keine Worte können,
schreckt auf uns der Erinnyen heißes Fauchen,

die keiner Liebe zarte Gesten gönnen,
sie kennen uns, sie rufen uns mit Namen,
daß wir dem Fluch, dem alten, nicht entrönnen.

Hat eingesenkt sich väterlichem Samen
das Gift der Schlange aus dem Wundergarten
und müssen, die in Liebe wandeln, lahmen?

O Geister, die auf unsre Schwachheit warten.

 

Nov 21 22

Schweigen, keuscher Schnee

Dein Schweigen ist wie keuscher Schnee,
der still durch Dämmerungen scheint,
wie weicher Tau der Orchidee,
der heim zum Schoß der Erde weint.

Dein Schweigen ist wie Abschiedshauch
der Blüte, die ins Dunkel sieht.
Aus sommerblauem Abendrauch
steigt auf der Mond, mein trunknes Lied.

Mein Lied ist wie das feuchte Laub
der Nacht, betropft von fahlem Licht,
als könne fühlen, was schon taub,
netzt es des Siechen Angesicht,

doch bleibt er liegen, ungerührt.
Ich kehr zu deiner Blume heim,
zum Schnee, der in die Stille führt,
o sinke, Mond, verklinge, Reim.

 

Nov 20 22

Fremde Heimat

Es schienen die vertrauten Wege, und doch
war alles wie im Traume fremd. Der Glanz,
der ausging von den Dingen, von den Farben,
er strahlte auf, verlosch und strahlte wieder,
als wogte er von innen, nicht als warmer
Widerschein der alten Sonne. Ich aber
schritt wie auf gespannten Häuten, die seltsam
gleich den Planken eines Schiffes bebten,
und sie schluckten jedes Schrittes Hall.
Da starrten kahle Äste in die Leere,
verschränkte Finger, Blut troff von den Nägeln,
und Früchte glichen Tropfen dunklen Bluts
wie Trauben in der Dämmerung der Reben.
Der Himmel war ein purpurfeuchtes Linnen,
Turmspitzen stachen Löcher in den Taft,
da wehten Fahnen, Wappen mit Emblemen
monströser Fabeltiere, Mädchen-Echsen,
Sphinxen mit zerquetschter Brust, Mischwesen
aus Tier und Blume, mit Blüten wedelnd
Kraken, aus geplatzten Knospen äugend
Embryonen. Da schwebten Pavillons,
wo Weise ihre dürren Bärte zupften,
auf Knochenpfählen über grünen Sümpfen,
woraus metallisch-blaue Flossen blitzten.
Die Wabenhäuser klebten eins am andern,
statt Scheiben sprühten kristallne Facettenaugen,
wie zerstückelt im Kaleidoskop
vergaß man, wer man war und was man wollte,
aufs glücklichste sich selbst entronnen,
und alle waren eins geschwisterlich,
doch mit sich selber unbekannt,
dem andern Spiegelbild, sich selber blind.
Vorm Duft der Ferne, Sternenbotschaft schützten
Schindeln von Krötenpanzern, Affenschädeln,
aus Toren glotzten Mäuler wie von Fischen,
die den Passanten seufzend in das Innre
sogen, und in Blasen aus sich stülpten,
doch umgewandelt, alte jung, und junge
alt, ja, Männer Frauen, Frauen Männer,
Thersites ein Achill, Achill Thersites.
Ich trat auch in der hohen Weihe Haus,
im Becken war das Wasser parfümiert,
da stand statt des Altars ein Quaderstein
aus schwarzem Onyx, darauf schimmerten
nicht edlen Weines Kelch und nicht Monstranz,
ein Schädel aber, den Rachen aufgerissen,
eines Krokodils, und dem Gebiß
hat Zahn an Zahn man Rosen eingesteckt,
der Priester kam, im bunten Flickenkleid
ein Gnom, sein Amen war ein dunkles Grunzen.
Mich aber riß ein Sturm durch öde Gassen,
in denen sich Verwesungsdüfte seltsam
mit dem süßen Hauch von Veilchen mischten.
Und die vorübergingen, mimten Puppen,
von unsichtbaren Fäden hin und her
gezerrt, kaum wehte sie mein Atem an,
ergoß ein Lächeln sich auf ihr Gesicht,
ein Glanz aus Wachs wie einer zarten Maske
leicht ablösbares Blatt, und Feuchte quoll
in Augenhöhlen, angstumwimpert. Da eilte
ich, ans Ufer zu gelangen, ein Rauschen
zog mich hin wie heimatlichen Stroms.
Schon schwappte mir das Wasser bis zum Knie,
da nahm ein Kahn mich auf, der Fährmann nickte,
und langsam glitten wir auf schwarzen Wogen
an jener Stadt vorbei, die schon im Dämmer
versank, die Wappen blaßten und das Funkeln
der Kristalle war erloschen. Da schwoll
wie aus dem Mund der Muschel säuselnd ein
Gesang, sirenensüß, sich wie ein Schleier
breitend über dumpfen Daseins Schlaf.
Und plötzlich, aufgepflanzt wie ein Gespenst,
stand dort im Uferschilf der zarte Knabe,
in einer viel zu großen Lodenjacke,
mit einer Mütze, filzig-grau, die riß
er jäh vom Kopf und winkte mir damit,
und winkte wirbelnd, wie man Abschied winkt
von einem lieben Gastfreund, und er rannte,
dem Kahn zu folgen, der die Mitte schon
des Stroms gewann und wie im Dunst ein Schemen
entschwand. Dann stand er still, ich hörte noch,
wie seiner Knabenstimme Silberfaden
sich in den Nebelvorhang des Gesanges
wand, da sah ich, kannte ich ihn wieder,
ich war es selbst, der Knabe aus der Stadt
am Fluß, und mußte lange weinen, weinen,
bis fremder Heimat Traumgesang erstarb.

 

Nov 19 22

Komm, gehen wir ins Abendrot

Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo noch unter Flammenruten
trunknen Liedes Rosen bluten,
o Lust der Sonne, Schoß und Tod.

Verweilen wir, sonst schmilzt das Bild,
wo wie Monde Mirabellen
aus dem Laub des Dämmers schwellen,
bis leuchtender die Wunde quillt.

Und trinken wir den Tropfen Licht
eins im Abschiedsblick des andern,
die ins Blütenlose wandern,
schweigen, nur die Träne spricht.

Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo wie Schatten wir uns finden,
die sich umeinanderwinden,
o dunkle Liebe, Schoß und Tod.

 

Nov 18 22

Perdendo, morendo

Auf Wogen goldenen Korns
Flügel, blaue, die ertrinken,
und betört vom Feuermohn
im Herzen süße Stiche.

Regen, Schlieren auf dem Glas,
fahler Wange Schimmer,
Tropfen, Blicke, zögern lang,
und sie rinnen hin.

Im Schluchzen der Sonate,
perdendo, morendo,
hör ich dich vom andern Ufer
meinen Namen rufen.

Auf Herbstes einsamer Schwelle
liegt unter gelben Blättern
einer Taube blasse Feder.
O gurr entrückt in fernen Gärten.

 

Nov 17 22

Das Hündchen Micki

Micki heißt das Hündelein,
mit dem Frauchen, arm, doch fein,
trippelt’s an den Autos lang,
und hebt müde noch das Bein.
Ach, sein Hundeherz ist bang,
kläffen hab ich‘s nie gehört,
Micki, holdes Mißgeschick,
kannst nur flehend fiepen, bloß
winseln, doch mit deinem Blick
hast du gleich ein Herz betört.
Frauchen läßt dich nicht allein,
legst den Kopf auf ihren Schoß,
und sie krault das Vlies dir zart.
Samt hast du von einem Reh,
Wimpern mädchenhaft-apart,
Tupfer auf der Stirn von Schnee.
Und warst doch ein Straßenkind,
jüngst in einem tristen Slum,
wo die Hunde Waisen sind,
in Rumänien. Wie ein Lamm,
das der gute Hirt noch hebt
aus der sternenlosen Nacht,
hat dich, daß sie froher lebt,
Frauchen in ihr Heim gebracht.
Micki, wie du wedelnd rennst,
geh ich zögernd vor die Tür,
und von weitem mich erkennst,
denn ich habe stets zur Hand
für das sanfte, treue Tier
Leckereien. Zartes Band,
das wohl zwischen uns geknüpft,
was ein Dichter Schicksal nennt.
Fühl dein Herz ich, wie es hüpft,
seh dein Auge, wie es glänzt,
weiß ich, daß auch Liebe kennt
Kreatur, bekrallt, geschwänzt.

 

Nov 16 22

Drüben, wo die Liebe wohnt

Psalmen, weicher Wasser Lallen,
Blüten auf dem Strom der Nacht,
sind im Herzen schon zerfallen,
das im Schutt des Traums erwacht.

Augen, die zum Glanz sich feuchten,
offne Knospen, kußbetaut,
wollen uns im Dunkel leuchten,
bis die Brache Abschied graut.

Locken, die im Schneelicht bleichen,
Flügel, flockenübersät,
flattern schon zu fernen Reichen,
wo der Sommer Flammen mäht.

Lichter, die am Fenster zittern,
und sie blassen, glüht der Mond,
Rosen, Seufzer an den Gittern,
drüben, wo die Liebe wohnt.

 



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