Ich hört im Dunkel singen
Ich hört im Dunkel singen,
o Stimme hell und süß,
als wollt sie Kunde bringen
von nahem Paradies.
Ich lief, den Hort zu schauen,
aus dem das Lied erklang,
wie ward im Weltengrauen
dem Irrenden so bang.
Da stieg ich auf zum Gipfel,
dem schroff das Kreuz entragt,
wie trostlos rauschten Wipfel,
da ich mein Leid geklagt.
Holz, Eden einst entsprungen,
es trug die Nachtigall,
sie hat das Lied gesungen,
o schmelzender Kristall.
Einem jungen Dichter
Es sang von Galatea, wie benommen,
am Strand expressionistisch ein Poem,
wie sie, o blaue Flosse, weggeschwommen,
am Aug, dem einen, triefend, Polyphem.
Der floh, ein Knabe noch, in Dämmerlauben
und schlummerte abseits gebahnten Pfads,
er sah im Traum des Himmels weiße Tauben,
wie sie den Lorbeer brachten, ihm, Horaz.
Schlaf ist das Glück der schwermutdunklen Seele,
die scharfe Strahlen scheut, im Mondglanz weint.
Kontemplation der Schönheit sonder Fehle
das Glück der goldenen, das Platon meint.
Voll bitterns Honigs mag das Lied dir lallen,
das Licht bricht süßer sich an Verskristallen.
Vergilbte Fotos
Die bleiche Wange gibt es dir zu fühlen,
kalt rinnt die Träne, und quoll einst so heiß.
Der Rosenkuß in Sommernächten, schwülen,
wühlt in der Brust dir nun, ein Dorn aus Eis.
Liest in den Briefen du aus Jugendtagen,
die Liebeswahn diktiert und Gott sei Dank
du nicht verschickt, kannst du nicht einmal sagen,
ob einst dein Blick in ihrem Blick versank.
Du hörst es flüstern wie in lauen Nächten
und hoffst, des Winters stumme Scholle taut,
es fließen Schatten bloß in Schwermutschächten,
wo kalt der Azur des Erinnerns blaut.
Wie fremd wir aus vergilbten Fotos schauen,
wie gilben, ach, die Bilder schöner Frauen.
Wie fern, wie fremd
Steig einmal noch mit mir auf jene Höhen,
wo Azur uns geblaut und Enzian,
und hauchen unsern Singsang wir ins Wehen,
als wär das Werk der Liebe schon getan.
Ich geh voran und will die Schilfe lichten,
wo dunkel Wasser, hell ein Vogel singt,
wenn geisterhaft die Schatten sich verdichten,
aufs Boot dich heben, das ins Frührot dringt.
Laß wieder uns am offnen Fenster lehnen
und atmen süßen Duft der Sommernacht,
uns Hauch um Hauch die Brust der Sehnsucht dehnen,
als wär das Werk der Liebe schon vollbracht.
Wie Blätter treiben wir, gepflückt vom Winde,
wie fern, wie fremd, daß keins das andre finde.
Glanz auf dunklen Moosen
Dem Andenken an Walther von der Vogelweide
Tautropfen zittern hell auf dunklen Moosen,
es liest der Mond den Spruch am Grabesstein.
Ein weher Duft wölkt über späten Rosen –
lehn dich ans Fenster, Liebe, atme ein.
Dem edlen Sinn hat Knospen aufgeschlossen,
der aus dem Abgrund quillet, Gnadenstrahl,
und schließt sie Nacht, sind Tränen weich geflossen
und lindern ihm des Abschieds stumme Qual.
Hat Liebesleiden nichts als trunknes Lallen,
als wäre es des Liedes schon entwöhnt,
bricht aus dem Dämmer Sang von Nachtigallen,
worin der süße Name widertönt.
An Walther, Dichter, tränk den Geist der Minne,
daß wieder Tau auf deinen Rosen rinne.
Das warme Grab
In lilienlichtem Schnee bin ich gegangen,
war’s Heimaterde noch, war‘s fremde schon,
mir war es gleich, dem unbehausten Sohn
der Nacht, erfroren schien all mein Verlangen.
Das Dunkel kam, kein Stern war mir zu Häupten,
da sah ich flackern geisterhaften Schein
und fand beim Volk der Fahrenden mich ein,
die sich bei Trank und Tanz das Herz betäubten.
Ich nahm den Becher aus der Hand der Schönen,
und ihrer Augen feuchtes Dämmergrün
riß mich zu lyrischem Gesange hin.
Ins Dunkel stieß zurück mich heißes Höhnen.
Fremd bist du, Dichter, leg im Schnee dich nieder,
dem warmen Grab für deine kalten Glieder.
Dämonische Kehre
Der scharfe Wind, der nun verächtlich zischt,
war einst ein Lüftchen lau, das sanft umfächelt
des Denkers Stirn, dem Atem sich gemischt
ins Abendlied und Liebe hat gelächelt.
Der wilde Schrei, die Fäulnis Blasphemie,
die nun die Unschuld peitschen, Bilder flecken,
sie sangen einst und beugten scheu das Knie,
doch ließ der Dämon sie am Blutschweiß lecken.
Der Geist der Andacht, der mit Knospen sann,
hat zierlich aufgewölbt die Waldkapelle,
sie ist verödet, liegt stumm unterm Bann,
Gras überwucherte die reine Schwelle.
Mußt, Dichter, du der Väter Sangart tauschen
mit namenloser Meere grauem Rauschen?
Als ob Narzissen leuchten
Da wir den schmalen Pfad, den windungsreichen,
durchs Rebenlaub zur Waldkapelle gingen,
rann aus der Höhe manchmal süßes Singen
und wildes Brausen konnte Moos erweichen.
Mag uns der Kerze Schein die Augen feuchten,
und lischt sie aus, die Nacht das Herz zernagen,
Tau glimmt am Efeublatt, es will schon tagen,
ein Vogel singt, als ob Narzissen leuchten.
Die dunklen Mächte, die in Leid verstricken,
sie schmeicheln gleisnerisch mit losen Zungen.
Nur Worte, tiefem Schweigen abgerungen,
vermöchten sanften Hauches zu beglücken.
Ach, könntest, armer Dichter, du es leisten,
die Trübsal lähmt mit lichtem Sinn begeisten.
Das leere Kreisen
Andreas Gryphius zum Gedächtnis
Ein Rauschen geht durch Blätter, rot und gelbe,
sie wirbeln auf und liegen endlich stumm.
Den heiß geküßten Brief dreht Trübsal um.
Gesagt ward viel, geredet doch dasselbe.
Der Erdball eiert um die schiefe Achse,
die Sonne zieht ihn an und stößt ihn ab.
Was wunders blüht, sind Boten aus dem Grab,
zu künden, wie ins Leere Fülle wachse.
Der edle Sproß sinkt müde ins Gemeine,
Geruch der Fäulnis löscht den süßen Hauch.
Die Liebe geht verhüllt im Abendrauch,
daß keiner sieht, wie leere Sehnsucht weine.
Wie Galaxien um ein Unding kreisen,
wie Sonnensänge in der Nacht vereisen.
Das Bild zerrinnt
„Die Blüten sieh, wie sanft gewiegt von Wellen
gleich Monden sie auf grünem Grunde treiben
und uns die Nacht, die Schwermut uns erhellen.
Laß, Liebe, noch ein Weilchen uns hier bleiben.
Dich weich zu betten, will ich Gräser rupfen,
daß wir sie wirbeln sehen, mondne Scheiben,
und Schimmer Stirn und Wange dir betupfen.
Hörst du es auch, das wunderliche Girren,
Teichvögel sind’s in ihren Unterschlupfen.
Seh deine Blicke ich zu Schatten irren,
als ob dir Geister toter Kinder winken,
will ich mit Küssen deinen Mund umschwirren,
wie Bienen tun, die in die Knospe sinken,
ihr Hauch ist süß. In Süße zu zerfließen,
will ich von deiner Seele Nektar trinken.“
Erwacht will er die Tür für immer schließen.
Die Fron
Als hörtest du wie unter Chloroform
die eigne Stimme fremd ins Fremdland rufen,
und eigner Schatten käm auf Schattenstufen,
und reichte dir das Pflichtenheft, die Norm.
Du schneidest Halme, doch sie sind nur Rauch,
du hackst die Krume, ist sie auch gefroren.
Dem Ruf der Nachtigall bist du verloren,
kein Veilchen blaut, kein Gras seufzt auf, kein Hauch.
Als dientest du in finstrer Gottheit Fron,
heißt Leben nur das eigne Grab ausheben
und Dichten Moos den Kuß des Abschieds geben:
„Ich lebte Qual und Traum, der Erde Sohn,
ich dürstete nach Himmels lichtem Tranke
und bin verdorrt, o Herz, o Dorngeranke.“
Jenseitsauen
Ist grellen Bilderwahns das Auge müde,
sehnt es in Waldesdämmer sich zurück,
aus heimatlichen Maares grünem Blick
erglänzt dem Irrgegangenen der Friede.
Der schrillen Töne leergedrehte Leier
erweckt der kranken Seele Überdruß,
sie schmachtet nach des Mondes blassem Kuß,
der Veilchen Seufzen unter Mondes Schleier.
Das Mark der Verse ward dem Dichter mürbe,
wie Lymphe aus der Wunde quillt der Sinn,
er hält der Strophe bleiche Muschel hin,
ihm ist, als ob Ophelias Sang erstürbe.
Magst du eratmen einmal noch vom Grauen,
pflück, Dichter, Blumen uns auf Jenseitsauen.
Das Abschiedswort
O Tränen weich,
auf Wangen hingeronnen,
o Wangen bleich,
ihr Matten fahler Sonnen.
Wie wogte mir dein Haar,
da wir durch Schilfe schritten,
wie war dein Antlitz klar,
dein Auge dunkles Bitten.
Ich hatte nur das Wort,
was ich dir konnte geben,
erblüht geheimem Hort,
rot unter grünem Leben.
Siehst du am Tiberstrom
den Mond im Azur stehen,
mag dir noch sein Arom
aus blauen Schatten wehen.
O Wangen bleich,
von Tränen überronnen,
o Tränen weich,
ihr Schimmer dunkler Bronnen.
Der Türmer
Zum Kampf berufen wider Todesviren,
hat Mitleid übermannt das Protein,
entzückt von seinem Selbstvernichtungsspleen,
läßt es der Gast den Preis der Dummheit spüren.
Der Heimat Grenzen unbewacht zu lassen,
bis sich der helle Geist barbarisch trübt,
ist eines Volks, das hin sein Erbe gibt,
sublimes Wort dem Gurgeln dunkler Rassen.
Ein Giftwurm ist die heuchlerische Phrase,
der sich ins Herz des faulen Verses frißt,
daß es der reinen Quelle Glanz vergißt
und Wüste bricht in Sanges Sinn-Oase.
Steigt er dem Türmer gleich auf Wolkenstufen,
wer hört die Glocke noch, den Dichter rufen?
Sonett des einsamen Dichters
Wenn sich im Sommerregen Blätter feuchten,
scheint wieder aufzuglänzen mir dein Lächeln,
küßt sie der Mond, wenn Abendlüfte fächeln,
seh ich im Dunkel deine Augen leuchten.
Und raschelt Laub auf herbstlichen Alleen,
hör Betteln ich wie eines Waisenkindes.
Ein Seufzen aus dem Gras, ein wehmutlindes,
läßt mich am jähen Grat nicht weitergehen.
Klafft aber zwischen Wort und Wort die Lücke,
die wie ein Grab, ein schneebedecktes, blendet,
ist mir, als ob dein Atem Wärme spendet
und meinem Vers die Ranke grünt zur Brücke.
Wähnst, Dichter, du verschattet auch das Leben,
die Schatten unter Liedes Flügeln beben.
Lied des Heimgekehrten
Willkommen, heimatliche Hügel,
behaucht von sagengrauem Fluß,
wo sanft erzittert, Lied, dein Flügel
einst unter Mondes keuschem Kuß.
Mich zog hinweg ein innres Bluten,
wie den Vaganten bittre Nacht,
zu Dämmergärten sanfter Gluten,
von Oleandern angefacht.
Es glänzte Grazie wohl von Steinen,
und Hoheit trug den Architrav,
doch ging geheimer Quelle Weinen
durch meinen malvenhellen Schlaf.
Orangen glommen mir, Zitronen,
den Schmerz hat Zedernhain gekühlt,
im Traume wogten Eichenkronen,
hab Veilchen ich vorausgefühlt.
Willkommen, heimatliche Bronnen,
umkost von Moos und Farngerank,
das dunkle Sehnen ist zerronnen,
da ich in euer Rauschen sank.
Vanitas
Die bange Waldmaus sieht die Sterne nicht
unheimlich aus dem schwarzen Abgrund flimmern,
sie bannt ein maskenhaftes Angesicht
und Augen, die im Finstern tödlich schimmern.
Daß alles eitel, hört, wer einsam liegt
und Regen klopft mit dünnen Silberhämmern,
nicht wie sich klingend eine Kette schmiegt
um sanfter Züge Leuchten und Verdämmern.
Ein Hauch, verwehend in der wehen Welt,
geht dem Verzagten jeder Ruf ins Leere,
er fühlt nicht, wie des Liedes Brücke hält,
macht seufzen sie auch manchen Abschieds Schwere.
Daß blaue Stille wir an Blüten kosten,
die auf den Graten jähen Abgrunds sproßten.
Das Tränenkrüglein
Vom Abendrot behauchte Efeuranken,
sie haben müde Augen noch beglückt.
Daß er an dumpfer Wehmut nicht erstickt,
hauch Duft, o Sommer, um das Haupt des Kranken.
Im Dämmer rieseln aus den Rebenlauben
mondblasse Tropfen auf den Schieferstein.
Ach, daß nicht Liebe seufze so allein,
umflatter Gurren sie von Turteltauben.
Von Taues Kühle aus dem Traum gerissen,
hat weiche Knospe aufgetan den Schoß,
o Lerchen laßt den Faden Schlummer los,
mit hellem Sang das Himmelsblau zu küssen.
Mit Tränen Liedes Krüglein hold zu füllen,
o weine, Muse, wein um uns im Stillen.
Die Bekehrung
Er sah im glänzenden Bau die Ruinen,
die Schlange schleichen im strotzenden Gras,
und tönte die liebliche Bläue von Bienen,
vernahm er das Knirschen und Brechen von Glas.
Und gingen wir spät in des Hochwaldes Dämmer,
Glanz tropfte durchs Laubdach Stern uns um Stern,
vernahm er im stillen Dome die Hämmer,
die an das Kreuz genagelt den Herrn.
Fort war er lange und galt für verschollen,
da sah ich ihn wieder, ein Kind an der Hand,
den Knaben ließ durch die Gräser er tollen,
sein Auge war mild, weil es Heimat empfand.
O daß wir im Dunkel die Lichtung noch finden,
die Quelle der Freude, das Heiltum der Blinden.
Die verlorene Unschuld
Die Rose, Erdnacht, die sich auftut, sei Bildnis der Gnade,
des herrlich und schweigend gespendeten Lichts,
o daß nur ihr Duft uns in Wehdunst nicht bade,
ihr Tau uns nicht spiegle, wie Blicke verzittern ins Nichts.
Gefieder, Geflatter sei sanft wie ein bläulicher Schatten,
der scheu mit dem dunkleren deiner Wimpern sich mischt,
o daß die Stimmen des Himmels doch mit uns ermatten,
sobald das Feuer der Küsse an Tränen erlischt.
Die Blitze aber aus rollenden Augen der Eulen
todsinnendes Gleiten, stumm unter dem eisgrauen Mond,
das Knirschen von Hauern, hilfloser Hasen Aufheulen,
kein Mohn noch so rot, der uns vor dem Schreckbild verschont.
Magst, Muse, den Saum des Lieds du mit Rosen besticken,
nur Unschuld hätte daran noch ein reines Entzücken.
Die Wüste wächst
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Antisemitismus – keine glückliche Begriffsbildung, ist sie doch dem Dunstkreis der Sprachwissenschaften entlehnt. Besser man spricht klar und unzweideutig von feindlichen Einstellungen gegenüber den Juden als Vertretern einer Religionsgemeinschaft, als ethnisch geprägtem Volk und als Nation, nämlich der israelischen. Vorteil: Differenzierungen im Begriffsschema, die sich von der Antipathie über die Aversion bis zum Haß und dem fanatischen Wunsch nach Auslöschung erstrecken.
Der Haß Luthers, der doch den hebräischen Urtext zur Grundlage seiner genialen Übersetzung machte und die hebräischen Studien seines Mitstreiters Melanchthon förderte, die in einem für Deutschland einzigartigen theologischen Curriculum für die höheren Bildungsanstalten und theologischen Fakultäten der Universitäten mündeten – der Haß Luthers war jedenfalls, wie vielfach konstatiert, wohl finster, aber nicht exterminatorisch ausgerichtet, denn er ließ dem Juden den Ausweg der Taufe.
Das Kapitel „Linker Judenhaß“ ist noch nicht ausgeschrieben; zumindest nicht jener Teil, der von Marx und Engels ausstrahlte und einen Niederschlag auch bei jenen Faschisten und Nationalsozialisten gefunden hat, die unmittelbar aus der roten Strömung auftauchten wie Mussolini und Goebbels.
Der christliche Judenhaß hat eine Wurzel im Neid auf den religiösen Exzellenzanspruch des jüdischen Volkes, einzig von Gott auserwählt zu sein; der moderne säkulare Judenhaß im Sozialneid auf die jüdische Exzellenz hinsichtlich Begabung, Intelligenz, Weltklugheit, Reichtum und politisch-diplomatischen Einflusses.
Wie tief der Judenhaß in der radikalen Linken verwurzelt ist, belegen neben zahlreichen anderen Dokumenten die Anschlagspläne von Mitgliedern der RAF auf Synagogen oder das ruchlose Jubelpamphlet, das Ulrike Meinhof anläßlich der Ermordung der jüdischen Sportler durch ein palästinensisches Terrorkommando während der olympischen Spiele 1972 in München im Gefängnis von Stammheim verfaßt hat.
In demselben Maße, wie leidenschaftliches Begehren sein Objekt verklärt, verzerrt und dämonisiert leidenschaftlicher Haß das seine. – Töricht, mit idealistisch-weltfremden Philosophen der Vernunft eine diskursiv angesonnene mäßigende oder gar aufklärende Rolle zuweisen zu wollen, vor allem, wenn Leidenschaft und Fanatismus ganze Massen und Nationen heimsuchen.
Moral und gutes Gewissen sind oft Parasiten des leidenschaftlichen Wahns. – Das Judenmassaker als hygienische Maßnahme zur Reinerhaltung der eigenen Rasse oder als gerechte Vergeltung für das angeblich von Juden verursachte Elend von Massen, denen von ihren Brudervölkern eine Aufnahme in ihr Staatsgebiet verwehrt wird, um sie als Joker im diplomatischen Spiel zu mißbrauchen..
Der Judenhasser jüdischer Herkunft Marx war ein gelehriger Schüler Hegels; und in Hegels Lehren finden wir folgerichtig auch giftige Keime des spezifisch idealistisch geschönten Antisemitismus; ist nach Hegel die jüdische Religion doch eine Art lebender Leichnam und ein getünchtes Grab des Weltgeistes, der sie als starre, leblose Puppe seiner unaufhaltsamen Metamorphosen in Ritualgesetzen hinterlassen hat, die alles freie geistige Leben und den Fortschritt des Bewußtseins ersticken.
Die Verachtung des Ordo und der festen, gewachsenen Form, die Schmähung von tragenden Institutionen und den Umgang vereinfachenden und schlichtenden Sitten – Höflichkeit, Manieren, Galanterie und Ritterlichkeit – sind Zeichen jener fanatischen Gesinnung und perversen Hypermoral, die sich einzig für aufgeklärt hält.
Der Irrtum des Existentialismus, man müsse und könne die eigene Existenz frei entwerfen, ist der verlängerte Schatten der Absolutierung des sich setzenden Ichs bei Fichte. – Heute basteln sie aus den leeren Hülsen einer universalistisch aufgeblähten Ideologie Sprachmasken, Ideenlarven, Geschlechterkostümierungen.
Der totalitäre Geist zersetzt die Form und saugt alles sinnvoll Geformte, sittlich Bewährte, sprachlich gültig Geprägte in ein luftleeres Vakuum, in dem die Lebensgeister ersticken.
Schönheit, Anmut, Exzellenz – sie reizen die Vernichtungswut der egalitären und totalitären Moral.
Der germanische Genetiv wird verabscheut und scheint auszusterben; er gilt dem groben Sprachgefühl des demokratischen Vulgus wohl als Zeichen von geistiger Vornehmheit und aristokratischer Überfeinerung.
Ähnlich wie man keine private Sprache erfinden kann, muß auch jeder Versuch scheitern, eine tragfähige und ausdrucksstarke Lebensform in einem luftleeren Vakuum zu gründen, das von allen ethnisch, religiös und sprachlich geprägten kulturellen Traditionen abgeschnitten ist.
Reimtechnisch und formal komplexe lyrische Formen der östlichen Überlieferung wie das Ghasel, die auf Goethes Spuren Dichter wie Rückert verwendet haben, sucht man vergeblich im „West-östlichen Divan“ – denn er ist eben keine Anverwandlung deutscher Poesie an die alt-persische, sondern ihre Wiedergeburt im Wechselgespräch mit Hafis.
Große Dichtung zeigt das Antlitz ihrer Herkunft, lenkt die Wasser und Ströme ihrer Rhythmen in die Klüfte und Furchen der heimischen Erde, pflanzt ihre Bilder auf ihren Auen und Matten. – Doch hat sie sich unter den Baggern und Maschinen, dem Asphalt und Beton der Weltzivilisation in eine Karstlandschaft verödet, mischt sich in die dichterische Stimme die monotone Klage des Nomaden, der sein Zelt unter dem blitzenden Dolch des Wüstenmonds aufgeschlagen hat.
Die Hütte, das Haus, der Tempel, sie gehorchen in ihrem statischen Aufbau und Gefüge dem universellen Gesetz der Schwerkraft, doch in ihrer Anlage, ihren Proportionen, ihrem ornamentalen Schmuck sind sie einem historisch-kulturellen Ausdruckswillen verpflichtet, wenn wir sein Wirken auch nur in individuellen Abschattungen wahrnehmen können.
Keine ästhetische Form, kein künstlerischer Ausdruck und keine Sangesweise, wie es Hölderlin nennt, sind reine Erfindungen eines monadischen Genies, sondern wurzeln in der Atmosphäre der je spezifischen kulturellen Lebensart. – Die Psalmen sind die Oasen der orientalischen Wüste, das deutsche Lied bildet die Lichtung im Hochwald magischer Dunkelheiten.
In der Blechbaracke und im kollektivistischen Silo kann man hausen, aber nicht wohnen.
Die Pluderhose des persischen Imams steht dem Hohepriester des jüdischen Tempels nicht wohl an.
Kein epischer Hexameter ohne den gleichwiegenden Rhythmus des weinfarbenen Meers.
Ökologie der künstlerischen Stilformen.
Die schlichte Erhabenheit der alten lateinischen Liturgie und das uferlose Wogen der orthodoxen Gesänge.
Der Hirte Arkadiens singt anders, naiver, kraftvoller, beschwörender als der Virtuose des schillernden Ausdrucks und gemischten Gefühls im Fin de Siècle – und doch sind beide Triebe eines tief in die Erde reichenden Wurzelstocks.
Die dünne Luft unter dem kühlen Azur der Verse Mallarmés läßt keine üppigen Päonien schwelgen, aber ist bisweilen durchweht vom betörenden Hauch des Enzians, des Eremiten unterm Gipfelschnee.
Die herbe Melancholie Lorcas durchklirrt das schlüpfrige Rasseln der Armreife, durchschluchzt das Girren und Schnalzen der andalusischen Zigeunerinnen.
Das schillernde Stigma des ambrosianischen Reims auf der Stirn der abendländischen Dichtung.
Die Wehmut in den frühen Versen Hugos von Hofmannsthal ist wie das verklingende Rauschen der Kaskaden und Fontänen in den verwilderten Gärten des Ancien Régime.
In die Stille der Rokokogärten der Fêtes galantes, in die das Kreischen der Säge des Fortschritts einbrach.
Die verhaltene Ekstase des Pas de deux, die vom ausdruckslosen spastischen Zappeln und Zucken des expressionistischen Tanzes abgelöst wurde.
Die Wüste der globalen Indifferenz, die als bunte Vielfalt verkauft wird.
Eine radikale neue Art der Differenzierung des Fühlens, Denkens, Redens und des sozialen und religiös-rituellen Lebens beginnt historisch mit der Bewässerung unfruchtbarer Wüstenregionen oder dem Entstehen der Agrikultur, spirituell mit der Offenbarung auf dem Sinai.
Die Gliederung der Sphären, fruchtbar und steril, hoch und niedrig, heilig und profan, ist das kulturelle Apriori des Homo sapiens.
Die sich abzeichnende Entdifferenzierung im luftleeren Vakuum der globalen Zivilisation erfolgt scheinbar paradox auf dem avanciertesten Niveau von Industrie und Technik. – Doch wird die Wissenschaft als führende Macht resignieren, wenn wie absehbar der zersetzende Geist der Ideologie mehr und mehr in sie einsickert. – Die wissenschaftliche Biologie der Sexualität weicht dem Aberglauben der Gender-Ideologie.
Einige Windmühlen drehen noch ihre Flügel, doch in einem gespenstischen Leerlauf langsamer und langsamer.
„Die Wüste wächst“ – mögen auch Saaten noch schwellen.
Die Polyphonie der Sprachen und Sprechweisen verkümmert zur Monotonie der durch KI generierten Einheitsphraseologie.
„Die Wüste wächst“ – das Gesetz verliert den Glanz seiner göttlichen Herkunft und wird theologisch zerredet. Aber nur der Glaube an seine offenbarte Macht kann gegen die immer gegenwärtigen Gefahren der Wüste, der Verwüstung der Sinne und des Sinns, feien.
Wie die Sprache ist auch das Gesetz keine willkürliche Erfindung menschlicher Schläue und Gewitztheit, sondern ein Gegebenes, in religiöser Sprache ein Geschenk, eine Gabe, eine Offenbarung.
„Die Wüste wächst“ – auch wenn die Quellen noch sprudeln, die Wasser rauschen; aber ihr Rauschen ist wie ein sinnloses Lallen, ihr Sprudeln ein Tau auf glühenden Steinen.
Das Verfehlen
Am Fenster, da sitzt sie, die Alte, und schaut,
sie fühlt die Strahlen wohl, die spät noch wärmen,
doch kaum, wenn südwärts die Kraniche schwärmen,
wie Glanz ihr die runzlige Wange betaut.
Der Knabe, vom Irrlauf durchs Dickicht erhitzt,
schläft zuckend am Waldrand im Moose,
ihm träumt vom Duft nicht der prangenden Rose,
vom Dorn nur, der ihm den Diebsfinger ritzt.
Dem Dichter hat Liebe die Leber zerkocht,
er löscht den Stumpf sich mit bitteren Tränken,
hört nicht die Engel mehr Glocken hold schwenken,
nicht, wie an die Scheibe zart Frauenhand pocht.
O daß wir die Gnade des Lichtes verfehlen,
dem Liede den Stern hoher Heilsnacht verhehlen.
Die überstandene Nacht
Es waren rotgolden die Lauben
im Dämmer noch einmal erstrahlt,
da hat manche Blume ihr Glühen
mit Tau auf den Wangen bezahlt.
Ein Zwitschern stieg zag aus den Gärten,
das bald in den Nachthauch verklang,
da rann dumpfes Schluchzen ins Dunkel,
als ob eine Quelle entsprang.
Wir sind an das Ufer gegangen,
die Schilfe, wie wogten sie weich,
es blaßte der Mond wie in Träumen
die schlafende Rose im Teich.
Und schaute ich dir in die Augen,
sprach dunkel zu mir feuchte Glut:
„Es stürzen die Ufer, die Dämme,
uns reißt auseinander die Flut.“
Ich hab deine Angst hold umfangen
und bettete dich auf das Gras,
verebbt ist das nächtliche Brausen,
hell tönte azurblaues Glas.
Die vergebliche Flucht
Entfliehen wir dem Weltengrauen
in frommen Dichters Dämmerhain,
dort wäscht vom Mal des Fluchs uns rein
der Tränen süßes Niedertauen.
Dort wollen hin das Haupt wir senken,
die dunklen Qualen auf das Moos,
und unterm Azur wolkenlos
mag uns Gesanges Quelle tränken.
Doch können wir das Reich nicht finden,
wo Anmut ihre Blüten pflückt,
wo Duft weht, der in Traum entrückt,
muß sich die Angst durchs Dickicht winden.
Es leuchtet uns, entblößt der Weihe,
kein Licht mehr, das aus Eden quillt,
als ob der Jenseitsfluß anschwillt,
sprüht auf die Gischt der Todesschreie.
Der abgeschlagene Dornbusch
Dorn, der ins Dämmerlicht Geheimes sprach,
was lang geschlummert in der Erdentiefe,
als ob empor es dunkle Sehnsucht riefe,
wird als ein Schimmern süßer Beeren wach.
Als ich den Arm um deinen Nacken schlang,
an Blitzen grüner Feuchte mich zu laben,
an Seufzern, heißer Lippen Purpurgaben,
ist aufgewallt das träge Blut und sang.
Den Schal sah ich am Dorn der Hecke wehen,
die roten Früchte hingestreut aufs Moos
und eine Sichel, kalt und gnadenlos,
den Mond, der dich geheißen hat zu gehen.
Der Dornbusch ist schon lange abgeschlagen,
hat Blüten nicht, nicht Früchte mehr getragen.
Splitter vom krummen Holze
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wer ist – außer dem deutschen Michel – so töricht, Leute im eigenen Haus zu beherbergen, die aus ihrer Absicht, es zu verwüsten, kein Geheimnis machen?
Die Ausnahme konstituiert die Regel.
Im Moment, da wir gewahr werden, falsch abgebogen zu sein, tritt unser wahres Ziel ins helle Bewußtsein.
Es gibt auch Leute, die es sich (finanziell oder psychisch) leisten können, das unfreiwillige Fahrtziel, nachdem sie in den falschen Zug eingestiegen sind, sich nachträglich zu eigen zu machen.
Wir SIND die Möglichkeit, zu handeln und zu unterlassen, zu reden und zu schweigen; die Realität dessen, was wir getan und unterlassen, gesagt und verschwiegen haben, gilt den Richtern der Unterwelt, solange wir leben, noch nicht als unwiderrufliche Manifestation unseres Wesens.
Der Fehler im Satz und in der Rechnung, den wir einsehen und korrigieren, die Tat, die wir bereuen und wiedergutmachen, beweisen, daß wir mehr sein können als das, was wir waren.
Das Chaos überzeugt uns vom Sinn der Ordnung.
In der höchsten Gefahr scheiden sich die Geister. – Wer flüchtet, wer stellt sich dem Kampf, wer rettet wen, wer verrät wen?
Die primordialen Geister sind die Geister des Bluts: Kommt es zum Kriegseinsatz, bangt die Mutter um ihren Sohn, nicht um den der Nachbarin, es sei denn, er ist ihr Schwiegersohn; doch dann zittert sie nicht um ihn, sondern ist seinetwegen in Sorge.
Der Kampf der ethnisch-kulturellen Einheiten, ob Völker oder Nationen, ist gleichursprünglich mit dem Gang der Geschichte. Der utopisch-religiöse Glaube, er löse sich in Wohlgefallen auf, wenn die Ströme der Kulturen in den großen Ozean der homogenen Weltzivilisation münden, ist ein Zeichen übereilten Denkens und geistiger Unreife.
Die einen massakrieren die anderen; wir mußten darauf gefaßt sein. Schrille Töne moralischer Entrüstung anzuschlagen zeugt von mangelnder Einsicht in die Conditio humana.
Der deutsche Antisemitismus, der sich heuchlerisch die Maske des Antizionismus übergestülpt hat, weint angesichts von Massakern an Juden einige Krokodilstränen, doch wenn diese Vergeltung üben, zeigt er die alte Fratze.
Sie haben Heerscharen von Orientalen, die den Judenhaß mit der Muttermilch aufgesogen haben, ins Land geholt und heucheln moralische Empörung, wenn diese tun, was sie nicht lassen können, und den Konflikt zwischen Israel und der islamischen Welt auf den Plätzen und Straßen deutscher Städte austragen.
Die Floskel von den „abrahamitischen Religionen“ stammt von einem theologischen Dilettanten, der nicht minder blauäugig war als der Ertüftler der Ringparabel.
Wie die marmorne Kore, das Selbstporträt und das Stilleben sind die Ode, das Sonett und das Lied charakteristische Formen der europäischen Kultur.
Der west-östliche Divan ist keine Form des Eskapismus und Exotismus, sondern eine Wiedergeburt deutscher Dichtersprache aus den Quellen des Orients.
Je exklusiver die Sitte, desto intensiver das gemeinschaftliche Leben: die Sabbatfeier der Juden oder das altbairische Weihnachtsfest.
Der Trappist will von der Unruhe der Welt nichts wissen; und erführe er davon, muß er darüber schweigen. Den global Vernetzten entnerven die Stimmen und Bilder jenseits der Grenze der Wohnung und des Landes; der Mönch trägt den spirituellen Sieg davon.
Dichtung als Flucht, Eskapismus, Rückzug vor dem Lärm und Grauen der Welt; Wahnsinn des Pan, der sich im silbernen Ton der Flöte mildert und sublimiert.
Die Tora kann nicht zwischen den homerischen Epen und der Edda eingereiht werden.
Die Hermeneutik der Entmythologisierung bleibt ohnmächtig vor dem Geist Gottes, der über den Wassern geschwebt.
Die alle Rede von Volk und Nation als völkisch und nationalistisch diskreditierten, wir sahen sie auf den Straßen und Plätzen die Fahnen des Vietcong, der Rotchinesen oder Palästinenser schwingen und die israelische verbrennen.
Wir sahen die Entwurzelten sich mit exotischen Masken und Emblemen schmücken, wohnten in einer mit Ikea-Regalen verbarrikadierten Wohnung einer japanischen Teezeremonie bei und ließen uns zu Gast bei einem alten Akademikerpaar masochistisch von Free-Jazz-Ruten peitschen.
Die sich rühmen, das Bizarre, Irre, Pathologische zu normalisieren, entblöden sich nicht, das Schöne, Vernünftige, Normale zu pathologisieren.
Neurose, Hysterie, Depression und Psychose sind keine gültigen, authentischen Lebensentwürfe, die sich von selbst verstünden, weil sie der verständigen Borniertheit Herrn Biedermanns unzugänglich bleiben.
Wie sich wissenschaftliche Vermutungen nach dem Grad ihrer Wahrscheinlichkeit und fruchtbaren Anwendbarkeit unterscheiden, so Lebensentwürfe nach dem Grad ihrer sittlichen Bewährung und kulturellen Prägnanz.
Wir denken angesichts religiös-fundamentalistischer Bewegungen wie Hamas und Hisbollah zurück an den fanatischen Orden der Assassinen, die Mordbefehle aus dem berufenen Munde des Alten vom Berge in frenetisch-berauschtem Zustande ausführten. Der Zerfall der säkularen Staaten des Orients führte zu einer Art Wiedergeburt des Islams mit politisch-eschatologischen Auswüchsen wie den Moslembrüdern, die an die radikalen Endzeitströmungen des deutschen Reformationszeitalters erinnern. Während hierzulande der christliche Gottesdienst zu moralisch-sentimentalen Selbstbeweihräucherungsevents entartet, blitzt dort der Ruf des Propheten aus den Gewehrläufen.
„Et pax bonae voluntatis“ – daß er den guten Willen der Beteiligten voraussetzt, wird von den törichten Verkündern des um jeden Preis zu feiernden Friedens verleugnet.
Es bestürzt wahrzunehmen, wie gerade Mädchen und Frauen der Schaum der Phrenesie an den Lippen glänzt, wenn sie die heroischen Taten ihrer Brüder und Männer, die blutigen Massaker am Feind, hochleben lassen; nein, Mitgefühl ist keine menschliche Universalie.
Sich von den Greueln der Welt abwenden und unter das silbrige Laub des epikureischen Gartens flüchten; doch über die Mauern noch dringt Brandgeruch, in das Murmeln des Quells mischen sich die Schreie der Hingeschlachteten.
Der Physiognomie, die Züge der eigenen Abstammung und Herkunft trägt, schenken wir einen Vertrauensvorschuß, auch wenn die Enttäuschung oder das Entsetzen darüber, daß ihr Lächeln die böse Absicht verhüllte, um so größer und schmerzlicher ist.
Wer wolkig, kernlos, zwittrig schreibt, kann sich nicht darauf berufen, daß sich sublime Dinge bisweilen eindeutiger Darstellung entziehen.
Das selbstgefällige Geschwätz der Parlamente und der literarischen Salons bricht ab, wenn die Sirenen heulen und der feindliche Angriff Entscheidungen und Befehle der staatlichen Macht und der militärischen Führung erheischt.
Der große Krieg ist ausgebrochen, der Feind ist über die Grenzen vorgestoßen: Diskurs und Diskussion, welche Torheit! Die Kampfmoral zersetzende oppositionelle Meinungskundgabe, welche Gefahr!
Von der Grenze her, jenseits derer die von ihr erlassenen Gesetze ihre Geltung einbüßen, definiert sich der Begriff staatlicher Hoheit.
Im Morast des Wahnsinns sehnen wir uns nach dem Felsen der Vernunft.
Aber Vernunft – das sind nur schmale Bretter, vorsichtig über das Schwappen und Glucksen des Morasts der Ungewißheit ausgelegt, auf denen wir uns nicht ohne Risiko vorwärtstasten.
Was wir nicht wissen, können wir nicht einmal ahnen.
Das Geschehen überrascht uns an den entscheidenden Punkten; könnten wir es, wie geschichtsphilosophische Propheten wähnen, voraussehen, wären wir nicht überrascht.
Die unbegründbaren Grundlagen unseres Wissens sind Trivialitäten, derer wir nicht ansichtig werden, weil sie vor aller Augen liegen.
Das Wunder des Lichts erfühlen wir, wenn der Schatten der Nacht uns erreicht hat; der Sinn des Lebens erschließt sich uns an der Grenze des Todes.
Die Krise, die Gefahr, der Ernstfall belehren uns über die Gründe des Vertrauens und des Mißtrauens.
Das Mißtrauen wächst nicht ohne Grund mit der Entfernung von der eigenen ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit.
Der soziale und politische Friede ist der durch Konformitäten und Konventionen gedämpfte Konflikt und der mittels militärischer Drohung aufgehaltene Krieg.
Güte ist das Verschweigen all dessen, was für den anderen peinlich, beschämend, demütigend sein könnte.
Glücklich, wer den destruktiven Neidimpuls in Bewunderung des höher Begabten, der reicheren Natur, des genial Veranlagten umzuwandeln vermag.
Oft bleibt uns nichts, als Splitter und Späne aufzulesen; wie wunderbar, grünt am krummen Holze, eines Menschen schon ausgedörrt scheinender Substanz, ein junges Blatt.
O reiner Klang
O reiner Klang aus Paradiesen,
als hätt geschlummert ich am Quell,
du Knospe auf den Sonnenwiesen,
wie war dein sanfter Blick so hell.
Geh ich die überwachsenen Pfade
zum Teich, wo Mondes Blüte schwimmt,
durchströmt mich ungeahnte Gnade,
wenn Tau am Flaum des Schwanes glimmt.
Am Fenster in die Nacht gebogen,
wenn Sommerduft das Weh durchdringt,
fühl ich, dein Herz war mir gewogen,
im Dunkel weich ein Wasser singt.
Der Traum entrückt mich in die Auen,
es seufzt dir unterm Fuß das Moos,
und faßt mich kindlich an ein Grauen,
berg ich den Kopf in deinem Schoß.
„Freund, laß an Liebe uns genesen“,
den Spruch, den Güte dir eingab,
ihn auf basaltenem Mal zu lesen,
knie waidwund ich an deinem Grab.
Im Dickicht wirrer Zeichen
Der Bettler schleicht vorüber,
es riecht nach faulem Brand,
dein Blick wird starrer, trüber,
reckt er den Schorf der Hand.
Preß nur den Schmerz ins Kissen,
bis kalt die Träne quillt,
du mußt den Glanz vermissen,
der Liebe holdes Bild.
Von Mohnes Glut vernichtet,
irrst du im Traum umher,
bis sich die Ferne lichtet,
ein Rauschen kommt vom Meer.
Der Mond, ein Schaum im Wasser,
der Abendhimmel grün,
die Wolken sinken blasser
als welke Lilien hin.
Im Dickicht wirrer Zeichen
strahlt jäh ein süßes Licht,
des Zweifels Schatten weichen,
blüht auf ihr Angesicht.
Die Fahrenden
Wie Glocken die Zelte auf Auen,
von scheckigen Hunden umbellt,
es klirrten die Reife der Frauen,
die Röcke vom Wind lau geschwellt.
Den Mädchen glänzten von Bronze
die Brust und das Angesicht,
ihr Girren entrückte in Trance,
in Dämmer ihr Augenlicht.
Die Burschen trugen das Siegel,
stolz auf die Stirne gebrannt,
der Schneide blendender Spiegel
hat jeden Aufblick gebannt.
Die Schreie der Kinder erstickten
in schäumenden Stromes Gewog,
die Abendröten beglückten,
da purpurn die Wolke entflog.
Es zischten die grünenden Scheite,
zu sprühen die Gluten geschürt,
da hockte sich ihnen zur Seite
die Fremde, vom Singsang verführt.
Als würde man feil um sie wetten,
von Aug zu Aug stob ein Glanz,
es klickten die Kastagnetten,
der Sieger riß sie in den Tanz.
Das blonde Haar wogte noch blasser,
die Wollust hat höhnisch geschnalzt,
ein Wirbel in seufzendem Wasser
sind sie in das Dunkel gewalzt.
Wie unter dem Zwielicht der Sagen
fand man es vom Messer geritzt,
das Kreuz, das sie immer getragen,
das einst ihre Ahnin beschützt.
Verweht ist das Lied, das sie sangen,
es brachte der Unschuld kein Glück,
sie sind in die Wälder gegangen,
sie kehren nicht wieder zurück.
Verhaucht
Die Halme reckten sich empor,
wie seufzend noch von deinem Schritte.
Vergebens starre ich am Tor,
daß auf den Sand dein Schatten glitte.
Der Lippen Wärme, lang verhaucht,
wo du genippt, am grünen Glase.
Der Duft des Sommers ist verbraucht,
vergessen liegt ein Schal im Grase.
Des Seidenkissens weiche Bucht,
wo du dein müdes Haupt gebettet,
hat dumpfen Schüttelns heimgesucht
die Hand, vor der kein Flaum sich rettet.
Da mich gewälzt der arge Traum,
biß sie mich unwirsch in die Wange,
die deine Strähnen hielt im Zaum,
abwesend küß ich sie, die Spange.
Da wir im Dunkel gingen
Da wir im Dunkel gingen
und war kein Stern uns hold,
hobst an du leis zu singen,
das Laub der Nacht ward Gold.
Wo wir uns Schatten deuchten
auf fahlen Mondes Schnee,
kam aus der Ferne Leuchten
vom Wellenschaum der See.
Wir sind an Bord gegangen,
Aurora hieß das Boot,
und deine blassen Wangen
umglühte Morgenrot.
Der Heimat Säume blichen
wie Muster am Gewand,
berauschte Flügel strichen,
von Inseln ausgesandt.
Ob wir es wohl erreichen,
entflohner Liebe Heim,
wo Tag und Traum sich gleichen,
versiegelt scheu der Reim.
Unverhofftes Wiedersehen
Mondhelle Nymphe, lilienbleich,
mir wie aus Schilfen zugeschwommen,
von wildem Duft war ich benommen,
das Mark der Schwermut wurde weích.
Hast neckisch mir ein weißes Haar,
da ich geschlummert, ausgerissen,
mir in die Lippe sanft gebissen,
als wären wir ein Liebespaar.
Und lagen wir im schwanken Gras,
war goldne Flut herabgeflossen,
hat Pracht der Locken sich ergossen,
daß ich des grauen Tags vergaß.
Heut hat der Leiter des Büros
die neue Schreibkraft angewiesen,
sie war’s, die eitler Vers gepriesen,
gebräunt, ihr Dutt ein Schattenkloß.
Der Sieg des Vulgären
Vulgärer Sinn und Neides Faust zerbrachen
den Degen, der geblitzt, als Anmut sang.
Das Lilienblatt ertrank in roten Lachen,
als zügelloser Mob sein Banner schwang.
Der Fromme gab die Psalmen für verloren,
er fand beschmiert sie, kotig und obszön.
Der Rohling hat die Muse kahlgeschoren,
es wird bespuckt, was einmal galt für schön.
Der deutschen Sprache Wirbel und Gelenke,
die tönten, da mit Grazien sie getanzt,
sie knirschen nun, als ob sie sich verrenke,
als zöge sie hinab ein fetter Wanst.
Hüll, Dichter, um den Vers der Moose Kissen,
scheu Schwätzer, die im Hain der Dichtung pissen.
Späte Reue
Was mir geschimmert zauberisch am Saum
der Nacht, da geisterhaft der Vorhang schwang,
zerstob wie voller Mond im Silberschaum,
den wild hinab der feuchte Abgrund schlang.
Als wär die Welt noch nicht vom Lärm entweiht,
glich weiß gefiedert Stille einem Schwan,
es schmolz der Schnee schon, der im Schlaf geschneit,
hat schiefen Munds der Schrei sich aufgetan.
Was mir geflüstert hat aus Blatt und Born,
als trüge mich hinweg ein Hauch, ein Reim,
verirrte sich, ein Ruf aus dunklem Horn,
und fand aus Waldes Dickicht nicht mehr heim.
Doch reichtest, Meister, du das Heil im Wort,
da es wie Regen auf die Wüste fiel,
ein Weiser war zum fern erblühten Hort,
hab ich es abgetan als Gaukelspiel.
Entrücke, Dichter
Wie kränkt mit seinem fieberheißen Singen
der Sommertag die Fremdlinge im Schatten,
die Seelen, die am Morgenduft ermatten
und fallen, wo ins Blau sich Chöre schwingen.
Wie ein Lepröser senkt die leeren Augen
vor wilder Anmut lendenhellem Wogen,
wen Schwermut um die Frucht des Munds betrogen,
aus rohen Träumen Bitterkeit muß saugen.
Hat Winternacht ein stilles Tuch gebreitet,
gedämpft des Lebens zügelloses Schwirren,
wird schriller der Erinnerung Stimmenwirren,
wenn dunkler sich des Leides Höhle weitet.
Entrücke, Dichter, die am Ufer zagen,
auf leichtem Kahn zum Inselreich der Sagen.
Die Morgendämmerung
Als hätten graue Schleier sich gelichtet,
des Himmels Atem gnädig sie gehoben,
ertönen Strahlen, Glanz des Taus zu loben,
die Knospe Hoffnung hat sich aufgerichtet.
Die unterm bang umwölkten Mond verstummten
und mußten ihre Angst ins Dickicht pferchen,
in blauen Äther steigen auf die Lerchen,
es ist, als ob aus Meeren Muscheln summten.
Was mag denn Mensch dich aus der Schwermut wecken?
Vorm Tag hast du den Vorhang zugezogen,
vorm Strom, der fernhin rauscht, dich weggebogen,
und welkes Laub, Vergessen, soll dich decken.
Laß, Dichter, Wohlgeruch aus Versen dringen,
den trüben Geist mit hellen Blüten schwingen.
Einsam in der jähen Stille
Sie pickte ruckend Körner auf im Kreise,
die gestern ich gestreut in weitem Bogen,
mein Schatten ging vorüber, leise, leise,
schon war die scheue Taube aufgeflogen.
Im Klang der Tropfen ist sie mitgeklungen,
geliebte Stimme, Seele sonder Hülle,
ins Fenster war der heitre Strahl gedrungen,
wie blieb ich einsam in der jähen Stille.
Wie oft sind wir den Uferpfad gegangen,
wo Wasser schäumen und Geysire schwelen,
mich faßte ihn zu gehen kein Verlangen,
seit es dich zog zum Strand der Asphodelen.
Laß, Dichter, Verse heller Schwermut schweben,
gleich Schwänen, die vorm kalten Mond erbeben.
Der Grabspruch
Bist du mir nahe im Wehen,
fliehst du, ein Flüstern im Wind,
blendest du mich mit den Schlehen,
doch ich ertaste dich blind.
Seufzt es wie Schaum unter Moosen,
ist es dein sanftes Adieu,
wirbeln die Blüten, die losen,
seh ich dich tanzen im Schnee.
Flackern in nächtlichen Stunden
Kerzen vorm schimmernden Bild,
hab deinen Blick ich empfunden,
Träne der Liebe, sie quillt.
Leise den Sinnspruch zu lesen,
wische den Staub ich vom Stein.
„Freunde, euch nah will ich wesen,
kühlender Hauch, Glut im Wein.“
Gang zum Ahnengrabe
Maschinen fletschen Zähne, Seelen splittern,
ein Schrei leckt heiß um eisengraue Krallen.
Hinsank das Abendlicht der Nachtigallen,
der Winden Leuchten an der Dämmerung Gittern.
Erloschenem Sinn verfaulen die Gedärme,
das Hündchen hinkt ihm nach, dem Obdachlosen.
Im Traum der Liebe neigen sich die Rosen,
ihr Duft verweht, schrickt auf sie vom Gelärme.
Dir singt nicht Walther von der Vogelweide,
siehst du gebrochene Blumen in dem Grase.
Zerrissen ist die minnigliche Gaze,
befleckt der Anmut zartgeblümte Seide.
Komm, Dichter, gehen wir zum Ahnengrabe,
der Schrift leih Träne Glanz, des Armen Gabe.
Wegmarken des Dichters
Hier unterm Eichbaum hast du gern gesessen,
auf morscher Bank entrückt von Schattenspielen,
da Tropfen Lichtes durch das Blattwerk fielen,
als wär die Finsternis der Zeit vergessen.
Und gern gingst du entlang der Gräberreihe,
sannst nach den Sprüchen, lächeltest der Namen,
die still aus Pforten der Legende kamen,
als habe Staub gelöscht die Glut der Schreie.
Am liebsten bist am Ufer du geschritten,
wenn scharfer Gischt am Moos der Felsen nagte.
Wie inniger als Worte Rauschen sagte,
was du ersehntest und was du erlitten.
Wie Efeu, Dichter, laß den Vers erschauern,
ihn feuchten Glanzes wogen, wenn wir trauern.
In toter Stadt Gedränge
Ihr größter Sänger hat sie nie gesehen,
die Marmorfriese mit den Lichtgestalten,
Kolonos Hain, wo süße Stimmen schallten,
an der Garonne nur sah er Anmut gehen.
Der kühler ward vom Glanz der Nacht umzittert
als unterm Kreuz des Südens der Matrose,
hat kaum den Tau geschmeckt am dunklen Moose,
da Grodeks Grauen ihm den Mund vergittert.
Du aber hast in toter Stadt Gedränge
jäh einen Hauch gespürt von Ozeanen
und konntest sie im Lärm der Leere ahnen,
von Lotusinseln wehend Traumgesänge.
Muß, Dichter, auch dein Vers im Karstland wandern,
laß träumen ihn von Flüssen, die mäandern.
Irminsul
Kennst du sie noch, die Irminsul der Heiden?
Carolus hat den Asen sie genommen,
Welt-Säule, die kein niedrer Sinn erklommen:
So mußten Sachsen unter Franken leiden.
In Donars Eiche ließ er Eisen fahren,
daß wilde Seelen nicht in Hainen springen.
In Domen sollten sie lateinisch singen,
den Stabreim Silben opfern, die sich paaren.
Kaum ein Jahrhundert war dahingegangen,
und Sachsens Adel faßte nach der Krone,
dem Reich gab goldene Glorie der Ottone,
daß späte Dichter noch sein Loblied sangen.
Krankt nun der Deutschen Ruhm an Endzeitfäule,
tönt sie zur Nacht erneut, die Weltensäule.
Der Verlassene
Der Becher, den du nicht ganz ausgetrunken,
ich zögere, fühllos ihn auszuschütten.
Worüber deine Augen hingeglitten,
aus dunklen Zeilen schwirren mir noch Funken.
Mir ist, als überwüchsen weiche Moose
die Schwelle, über die du bist geschritten.
Vergebens war der Duft der süßen Bitten,
es neigt ihr Haupt die sonnenmüde Rose.
Das hold auf deinem warmen Schoß gelegen,
mein Hündchen hör ich scharren an der Türe.
Daß doppelt ich der Sehnsucht Stechen spüre,
perlt an der Scheibe sanften Glanzes Regen.
Laß, Dichter, mich auf Verses Wogen schwimmen
zu Ufern, wo die Asphodelen glimmen.
Mildes Leuchten
Ein mildes Leuchten webt um schwanke Lauben.
Daß Seelen sagen, was sie dunkel fühlen,
mag ihre Wunden lichter Tropfen kühlen,
geronnen aus den herbstlich-goldnen Trauben.
Der Flaum der Wolke hat sich noch gerötet,
geküßt vom Strahl auf Abschieds sanfter Schwelle.
Die weiße Knospe Mond schwimmt auf der Welle.
Wacht oder schlummert, was im Dickicht flötet?
Gedämpft ist schilfig-grünen Wassers Tönen,
und auch der Schmerz, den Liebende empfunden.
Ein Flüstern hat wie Schatten sie umwunden,
als würde sanft erloschnes Licht versöhnen.
Mag, Dichter, sich des Verses Blüte schließen,
ihr Duft wird in der Nacht noch um uns fließen.
Jalousien der moralischen Gesinnung
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Selbstverliebte Blender, die umständlich wie in Zeitlupe raffinierte rhetorische Locken auf geistigen Glatzen drehen.
In den Abgrund taumeln, epileptisch betäubt von einer welterlösenden Idee.
Neurotiker wedeln und winseln vor der Hand, die sie züchtigt, und beten das Idol an, das sie mit Füßen tritt, wie der Psychopath das schöne Weib, das ihn demütigt.
Sich selbst anzuklagen und zu geißeln ist in Deutschland eine gesellschaftlich anerkannte Methode der Imagepflege.
Denker des verschmockten Feinsinns: Wortkringler und Begriffsspinnen.
Deutsche Geistesgeschichte: eine Aberratio mentalis, die von Fichte über Hegel bis zu Marx und den Fürsprechern der als farbenfrohe Befreiung gepriesenen bleiern-grauen Uniformierung im Überwachungsstaat als moralischer Anstalt reicht.
Die athenische Kultur erblühte auf dem blutgedüngten Acker der Perserkriege.
Der katastrophalen deutschen Niederlage folgte der kollektive Masochismus der Verramschung der Restbestände des kulturellen Erbes.
Grüne Gesinnung, graues Gehirn.
Das Rinnsal des Gesagten mündet in den Ozean des Ungesagten.
Die großen Worte schillern hübsch wie die Seifenblasen aus Kindermund, bevor sie platzen und dahinschwinden, als wären sie nie gewesen.
Die Pax Romana unter Augustus bot nach dem Sieg über das orientalische Monstrum den Raum der Rekreation, in dem die monumentalen Werke eines Horaz, eines Vergil gediehen.
Schopenhauer, der die Sprache als Schaum und Gischt auf der schwarzen Woge des blinden Willens ihrer semantischen Kraft zu wahren Aussagen benahm, ohne dies selber zu erkennen, war doch einer der wenigen großen Stilisten unter den Philosophen deutscher Zunge.
Je mannigfacher die Gelegenheiten, sich medial zu präsentieren, umso aufdringlicher der Exhibitionismus der Scharlatane und eleganten Schwätzer.
Die Zensur, das zeigen Autoren wie Ovid, Pascal oder Baudelaire, die ihr zum Trotz große Werke verfaßten, kann ein Wetzstein des Verstandes, ein Souffleur zweideutiger Wendungen und ein Jäger sein, dessen Fußfesseln nur der subtile Wortakrobat entgeht.
Die Begabung sitzt heute in der hintersten Reihe, wo sich früher die Schwachköpfe räkelten, und langweilt sich, angeödet von dem seichten Stoff, der den Minderbegabten in den von Einfühlung und „Achtsamkeit“ überquellenden Schalen einer vulgären und stumpfsinnigen Pädagogik dargereicht wird.
Der Status und das Einkommen der Eltern sind oft ein guter Indikator für die Begabung der Kinder; von der Wohlfahrt durchgefütterte Kretins zeugen keine Genies.
Die neuen politischen Rousseauisten sind Feinde der Natur, weil sie Begabungen und Talente ungleich verteilt.
Neue sprachliche Bedeutungen, die sich bewähren, sind nichts willkürlich Gemachtes, sondern tauchen auf wie Boten einer noch kaum bemerkten Sphäre der Wirklichkeit.
Indes, Boten fremder Länder und Sprachen können wir nur verstehen, wenn es uns gelingt, ihre Botschaft in unsere eigene Sprache zu übersetzen.
Ein Bote kam aus dem exotischen Land der physikalischen und chemischen Gesetze und Formeln und tat kund, das altbekannte Phänomen Wasser sei eine Synthese von Wasserstoff und Sauerstoff, die unter wechselnden Temperaturbedingungen ihre molekulare Anordnung variieren. So weit, so gut. Freilich bleibt für all jene, zu denen die Kunde nicht vorgedrungen ist, die gewöhnliche Bezugnahme auf diesen chemischen Komplex erhalten, wenn sie das wahrgenommene Phänomen Wasser nennen. – Doch die seltsame Botschaft jener, die im noch exotischeren Land neurophysiologischer Forschung das menschliche Gehirn untersuchen, die Äußerung „Dieser Stoff ist Wasser“ sei identisch mit elektrochemischen Vorgängen in den Nervenbahnen, wird nicht das Glück einer Übersetzung in unsere altmodische Alltagssprache finden: Denn beim Versuch, sie durch ihr wissenschaftliches Idiom zu ersetzen, wird die semantische Bezugnahme und somit ihre Lebensgrundlage vor die Hunde gehen.
Die Bedeutung einer Aussage wie „Wasser ist H2O“ ist nichts Konstruiertes und Gemachtes, sondern mittels methodischer Forschung entdeckt. Dieser Sachverhalt weist auf die Bedeutungsautonomie all jener Namen und Begriffe, die natürliche Arten identifizieren wie Sonne, Rose, Pferd oder Mann und Frau.
Bedeutungen von Namen und Begriffen für natürliche Arten sind nicht, was wir empfinden, fühlen und intendieren, wenn wir sie äußern.
Wer vor der Floristin auf einen Behälter voller weißer Nelken zeigt und den Wunsch äußert: „Machen Sie mir bitte von den Rosen einen ansehnlichen Strauß“, wird sich hinsichtlich seiner botanischen Kenntnisse blamieren, auch wenn er während seiner Äußerung tatsächlich an Rosen gedacht hat.
Der Mann mit Bart, der von sich behauptet, er fühle sich als Frau oder gar als schwangere Frau, beweist mit seiner Äußerung nicht die Wahrheit seiner Behauptung, sondern die Krankheit seines Gemüts.
Unterschied von grammatischem und natürlichem Geschlecht: Der Ausdruck „DIE Person“ bezieht sich nicht ausschließlich auf Frauen und der Ausdruck „DER Mensch“ nicht ausschließlich auf Männer. – Aber das verstehen sie nicht; das wollen sie nicht verstehen.
Die historischen Kollektivnamen „Ungarn“, „Serben“, „Japaner“, „Armenier“ oder die verächtlich als „Bio-Deutsche“ Titulierten bezeichnen auf ethnischer Zugehörigkeit beruhende kulturelle Gemeinschaften; sie haben demnach den semantischen Rang von natürlichen Arten und repräsentieren nichts Gemachtes, Künstliches, sozial Konstruiertes. Wer dies abstreitet oder mit gesinnungsethischem Denkverbot belegt, will vorgeblich rassistischen Ressentiments Einhalt gebieten, in Wahrheit aber kulturelle und nationale Einheiten dieser Art mittels gesteuerter Überfremdung und als globale Vielfalt gefeierter Demoralisierung zerstören.
Die Jalousien der moralischen Gesinnung sollen die harten Strahlen der Wahrheit verdunkeln.
Im schummerigen Dämmerlicht ist gut munkeln, wo die Lichtscheuen ihre Köpfe zusammenstecken und sich in der Aufzählung der von ihnen erlittenen oder bezeugten Traumatisierungen und Diskriminierungen überbieten.
Wer Wahrheiten im Munde führt, die den Phrasen der moralischen Gesinnung widersprechen, läuft Gefahr, von ihren Wächtern, die um den inneren Frieden und die Anfälligkeit der noch nicht mehrfach Geimpften für das Virus des Zweifels besorgt sind, in einem medialen Schauprozeß geknebelt zu werden.
Was sie nicht mehr kennen, was sie nicht mehr können: sublim empfindend, Sublimem vorzufühlen und ihm nachzudichten, geschweige denn das bedeutsam Schwere spielerisch-leicht zu sagen.
Das Sublime ist den niedrig Gesinnten zuwider, weil es von vornehmer Herkunft und Haltung zeugt.
Demokratische Hunde haben ein fideles Vergnügen, wenn sie an ehrwürdigen Denkmälern das Bein heben.
Plebejer (wie die in der Gruppe 47), die beim hohen Ton des Dichters feixen, scharren, johlen.
Wie sublim das Lilienbanner der Bourbonen verglichen mit der kunstlosen Trikolore der Egalitären.
Nicht wird sich vor der königlichen, der Schwester Orchidee, das Veilchen schämen.
Der Gegensatz zur königlichen Orchidee ist nicht das geringe Veilchen, sondern der widrige Staub, der beide befällt.
Der Gegensatz zum Erhabenen und Sublimen ist nicht das Geringe, Einfache und Schlichte, sondern das Alberne und Vulgäre.
Die unverkürzte Beschreibung deutscher Zustände genügt den Kriterien guter Satire.
Die Wissenschaft am Gängelband der Gender-, Anti-Rassismus-, Anti-Kolonialismus, Klimaschutz- und Gleichheitsideologie, ihr Kotau vor den administrativen und institutionellen Gebern von Drittmitteln an die heroischen Verfechter politisch korrekter Programme und Pseudo-Forschungen, ihr wedelnder Dank an die Auftraggeber in Form von Gefälligkeitsgutachten – das ist aus dem Land von Leibniz, Humboldt, Planck und Heisenberg geworden.
Der Triebtäter, Erotomane, Projektemacher, Blitzkrieger, Welteroberer, der zum Augenblick nicht sagen konnte „Verweile doch, du bist so schön“, Faust, das geheime Vorbild aller Tatmenschen, kriminellen Machtpolitiker und Fortschrittsbesessenen, erblindet am Ende des zweiten Teils der Tragödie; ergriffen von dem Geräusch stechender Spaten und wühlender Schippen wähnt er den Fortgang seiner kolonialen Machenschaften auf gutem Wege – in Wahrheit hört er die Totengräber sein Grab ausheben.
Der Hang zur ruchlosen Machtentfaltung und Entweihung der Erde ist ein Grundzug der Aufklärung, der heute die Endgestalt der westlichen Zivilisation bestimmt. – Man denke nur an den Aspekt der Desakralisierung des rituellen Begräbnisses im Rahmen der Friedhofsverordnung unter Kaiser Josef II., deren wissenschaftlich verbrämter Begründung, sie diene der hygienischen Entsorgung des Leichnams, auch Mozart zum Opfer fiel.
In die scheinbar unsublimierbare Urlust der Vernichtung, die den Sohn des Chaos beherrscht, mischt sich von Anbeginn ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Ohnmacht angesichts der schöpferischen Potenzen, wie sie in den natürlichen Ordnungen zutage treten – ein Gefühl, das die Lust zur frenetischen Wut steigert.
Der dichterische Gesang entstammt dem Rauschen des Wassers, dem nächtlichen Glucksen tauenden Schnees, der ozeanischen Brandung und er kehrt am Ende zum Wasser zurück, und sei es in Gestalt der einsamen Blütenknospe, die, dem Monde aufgetan, auf dem dunklen Strom des zur Mündung strebenden Gefühls dahintreibt.
Sprachen dienen nicht nur der Verständigung, sondern ebenso der Verheimlichung, Verklausulierung und Selbstabschließung kultureller Gemeinschaften; so die Gaunersprachen, die Runen der Druiden, die Geheimsprachen der Auguren, Priester und Diplomaten, die hermetischen Sprachen der Dichter. Wer versteht denn, auch wenn er seinen Stowasser oder Larousse jahrelang unter dem Kopfkissen barg, auf Anhieb einen Horaz oder Mallarmé, wer dringt aus der syntagmatischen Ordnung der indogermanischen Sprachen ohne weiteres in die agglutinierende der altaischen Sprachen wie das Ungarische oder Japanische ein, ohne sich in den schwebenden Bezüglichkeiten ihrer Aneinanderreihungen zu verheddern?
Platon warnte im „Phaidros“ vor den Gefahren, die von der Verschriftlichung auf die mnemotechnischen Fähigkeiten des Menschen ausstrahlen; heute haust der digital gesteuerte, überwachte und betäubte letzte Mensch in den ausgebrannten Ruinen seines Gedächtnisses und auf dem unfruchtbaren Karst seiner gebrochenen personalen Identität.
Verstiegenheit, Entgrenzung, Maßlosigkeit in Theorie und Praxis – deutsche Wegmarken.
Den natürlich-leichten Rhythmus und Wechsel finden, Tag und Traum, Willkommen und Abschied, Leiden und Meiden – das Schwierigste für Geister, die am Gespinst der großen Systemspinne kleben; noch während sie von ihr ausgesaugt werden, hört man ihr fast ersticktes Wispern und Winseln vom kommenden großen Glück. Was meint dies anderes als die nietzscheanische Rache jener, die zur Kurzatmigkeit und Trübsal verdammt waren, an den frei Atmenden und leicht Lebenden, der Thersites-Gestalten an den Anmutigen, Schönen, Wohlgeratenen, der Unfruchtbaren an den Schöpferischen?
Dichters Abendlauben
Wie müde Knospen, hingeneigte, scheinen,
wo Menschen still auf weißen Wegen gehen,
ins Dämmergrau hinschmilzt der Schnee von Schlehen
und blauen Sommers Quellen leiser weinen.
Als ob in schilfig-grünem Wasser bade
die Nereide ihre losen Locken,
verknistern unterm Monde süße Flocken,
zergeht in trunknem Schaum die Serenade.
Und Tropfen, die an Blütenspitzen glommen,
verglühen, windgepflückt, im dunklen Moose,
in holder Knospe birgt sich scheu die Rose,
fern ist, wo Liebe träumt, ihr Duft geschwommen.
Laß, Dichter, im Gewog der Abendlauben
noch Verse zwitschern, gurren Turteltauben.
Der Zeitgeist
Die schlichten Namen läßt er nicht mehr gelten,
will echt von unecht, recht von schlecht nicht scheiden,
wahr reden ist ihm bloß Grimassenschneiden,
womit sich weiße Alte selbst entstellten.
Natur – Konstrukt, ein Spielball dreister Launen,
Kunst – was man ins Museum mag nur hängen,
frei dünkend sich von Tradition und Rängen,
schlägt er den Schaum, und trübe Wasser raunen.
Mag hinter Wortgirlanden, Dunst der Phrase
ein kahler Geist, sich Häßlichkeit verstecken,
der wahrhaft Wache wird sie uns entdecken,
die leere Puppe in der Lügengaze.
Daß, Dichter, dich kein Wortgewirr betöre,
horch, wie sie klappert, die fatale Schere.
Duft aus der Nacht der Mythen
Die Saite, wie im Traume angeschlagen,
weckt ihrer Schwestern golden-grüne Schwingen,
von Meeresbuchten Muschelschaum zu bringen,
der Brunnen Rauschen, weicher Wasser Klagen.
Wie zwischen Ton und Tönen überbrücken
den Abgrund Fittiche gespannter Stille,
die Leere atmet auf in Klangesfülle,
ist Harmonie, Zerrißne zu beglücken.
Von herbstlich-bitterm Hauche wie benommen,
da einsam wir im Abendmonde gehen,
ertönt ihr Summen, wo die Zweige wehen,
so süß, als wäre sie zurückgekommen.
Sind uns verdunkelt Hellas’ goldne Blüten,
ihr Duft weht manchmal aus der Nacht der Mythen.
Reliquien des Sinns
Daß uns verzehrend wir wie Kerzen glimmen,
zum Duft vorm Weihebildnis angezündet,
wie lose Blüten in den Schalen schwimmen,
die man vor Buddhas leerem Lächeln findet.
Daß hell aus weichen Moosen Quellen springen,
des Tages heiße Stirne uns zu kühlen,
wir Flügel sehen sich ins Blaue schwingen,
wenn dunkel wir des Lebens Fülle fühlen.
Wie Tränen zögernd an der Wimper schweben,
und zuckt das Lid, auf Wangen Wärme breiten,
sind sanften Glanzes Worte uns gegeben,
das Leid zu lindern und das Herz zu weiten.
Reliquien des Sinns, birg sie im Schreine
des hohen Worts, vor dem die Seele weine.
Wer will es wissen
Wasser, wollet leiser rinnen,
Blüten tragen, Rätsel raunen,
winden euch in Mädchenlaunen
wie auf mondgebleichten Linnen.
Hemmt der Fels mit Urgewalten
euren Lauf, legt ihm zu Füßen
blauen Samtes weiche Vliesen,
und er glättet ihre Falten.
Sanft erwachte wie von Küssen,
Tropfen fallen, Blasen springen,
sind die Schwestern es, die singen,
seid ihr’s selbst, wer will es wissen.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette