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Das offenbare Geheimnis

29.04.2019

Philosophische Sentenzen und Aphorismen über seelischen Ausdruck

Die Seele ist sichtbar an den Gebärden des Menschen, am Ausdruck des Gesichts, an der Art zu stehen und zu gehen.

Wir sehen es einem Menschen an, was mit ihm los ist, wenn er plötzlich errötet, wenn er stottert, wenn er lächelt oder wenn er erblaßt.

Wir hören es am Klang der Stimme, an ihrer Klangfarbe oder ihrem Timbre, wie dem anderen zumute ist, und nicht zuletzt erfahren wir es aus seinem Mund, auch wenn er uns nichts von sich erzählt, sondern vom Tod seiner Katze oder wie trostlos es sein müsse, aus Blechkonserven zu essen oder zu sehen, daß die grünen Pfade der Kindheit asphaltiert sind.

Die sterbliche Seele des Menschen, und sterblich ist sie ja, bleibt sichtbar, auch wenn wir versuchen, unsere Verlegenheit oder ein schlechtes Gefühl zu verbergen; sie ist keineswegs ein Buch mit sieben Siegeln, sondern gleicht einem Tagebuch, in dem wir nicht einmal verstohlen lesen, weil es im Gesicht, den Blicken, der Stimme offen vor uns aufgeschlagen ist.

Wir sehen es einem Menschen an, ob er heiter, gelöst, mit sich im reinen oder verstimmt, verkrampft und gehemmt ist.

Jeder verbreitet gleichsam um sich die Aura oder Atmosphäre, die aus dem Gemisch seines Charakters und seiner gegenwärtigen Stimmung und Laune besteht.

In all ihrer Anmut kommt sie zur Tür herein und es wird heller im Raum.

Freilich, die Aura, die Atmosphäre, die Stimmung, die Laune, die Klangfarbe der Stimme oder das flüchtige Mienenspiel scheinen ungreifbar wie die Luft – daher der Eindruck, es handele sich um etwas Geheimnisvolles, Tiefes, Unerklärliches.

Die Seele ist nicht etwas, in dem Sinne, wie wir sagen, wir hätten etwas im Zug liegen lassen, nicht etwas, wonach wir fragen könnten: Was?

Das verhängnisvollste Mißverständnis äußert sich darin zu fragen, was die Seele sei; denn sie ist weder etwas noch nichts.

Wir deuten den heiteren Ausdruck des Gesichts, das Strahlen der Augen, die Weichheit der Züge, das verhaltene Lächeln, indem wir sagen: Er ist heiterer Stimmung, sie ist guter Laune.

Jemand, der die Stirn runzelt oder die Nase rümpft, zeigt sein Befremden oder seine Abneigung gegen das, was ihm da vor Augen liegt. Das Stirnrunzeln und das Naserümpfen sind nicht die äußerlichen Zeichen für die Gemütsbewegungen, die wir Befremdung und Widerwille nennen, sondern integraler Bestandteil dieser Gemütsbewegungen. Das Stirnrunzeln ist ein Teil des Gefühls der Befremdung, das Naserümpfen ein Teil des Widerwillens.

Der Ausdruck der Gemütsbewegung steht, können wir sagen, zu dieser in einer internen Relation.

Die Seele ist meist schon gestorben, bevor wir den letzten Seufzer tun.

Wir können die Klangfarbe von Peters Stimme mittels Frequenzanalyse messen, ebenso seine Herzfrequenz, den Pulsschlag, die Hautspannung und die Schweißabsonderung, wenn er aufgeregt ist und errötet. Aber aufgrund dieser und anderer Meßdaten können wir nicht zu dem Schluß gelangen und sagen: „Peter errötet vor Zorn“ oder „Peter errötet vor Scham“ oder „Peter errötet aus Verlegenheit“ – denn den jeweiligen Ausdruck der Gemütsbewegungen des Zorns, der Scham und der Verlegenheit lesen wir aus Peters Benehmen in einer jeweiligen Situation ab und könnten sie aus den noch so exakten Meßdaten nicht divinieren und konstruieren.

Wir sehen und deuten ein ganzes Ausdrucksmuster, nicht nur das Erröten, sondern die Fahrigkeit der Gesten, das Stocken der Stimme, das Senken des Blicks, das Beben der Lippen.

Wir lernen das Verstehen des „Fremdpsychischen“, indem wir verschiedene Ausdrucksmuster nebeneinanderlegen (wie die Muster von Stoffen und Tapeten) und ausprobieren, welche zueinanderpassen, welche sich ergänzen, welche kontrastieren, welche sich ganz oder teilweise auslöschen.

Wir sehen, wie Erröten und Erblassen, Stirnrunzeln und Naserümpfen, Lächeln und Winken gut zueinanderpassen, indes Erblassen und Augenzwinkern, Naserümpfen und Lächeln, Erröten und Sich-in-die Brust-Werfen weniger gut oder gar nicht.

Wir kennen psychiatrische Fälle von Bedeutungsblindheit für den Gesichtsausdruck; wir können dieses Phänomen mit der Unfähigkeit vergleichen, aus der Aufeinanderfolge von Tönen die zeitlich sinnvoll geordnete Tonfolge einer Melodie wahrzunehmen.

Der physiognomisch Blinde sieht Peters Gesicht, doch warum er angesichts des frechen Benehmens seines Zöglings die Stirn runzelt, versteht er nicht; der Amusische hört Klänge und Geräusche, doch keinen Gesang.

Wir könnten sagen, der Bedeutungsblinde für den Ausdruck von Miene und Gebaren hat keinen oder nur einen verengten Zugang zur Seele des anderen, der musisch Taube hat keinen Sinn für das Wesen der Musik und des Gesangs.

Wer auf dem Bild von Leonardo nur farbige Flecken und nicht die Mona Lisa sähe, gliche dem Illiteraten oder dem Amazonasindianer, der auf dem symbolischen Gemälde Grünewalds in Isenheim nichts als die Groteske einer unmenschlichen Folter wahrnähme.

Manches an Gekleckse und Lärm zeitgenössischer Malerei oder Musik scheint eigens für Bedeutungsblinde geschaffen worden zu sein.

Der gute Hörer nimmt nicht nur die Zeitlinie der Melodie wahr, sondern auch ihre Abwandlung und Unterbrechung durch einen Wechsel des Rhythmus, der Tonart, der Klangfarbe, während der Amusische die Melodie wohl zu hören vermag, aber nicht die Feinheiten ihrer musikalischen Abwandlung, die indes einen Bestandteil des musikalischen Ausdrucks darstellen.

Wie könnten wir Schuberts „Winterreise“ verstehen, wenn uns nicht der Ausdruck der schwermütigen Seele aus dem Rattern der Kutsche, dem Rauschen der Linde, dem Quietschen der Drehleier vernehmbar wird?

Wir sehen an der starren Haltung, dem aus dem Fenster in die vage Ferne gerichteten Blick, den halb staunend, halb ungläubig geöffneten Lippen, daß einer, die Todesanzeige des Freundes vor sich auf dem Tisch, in tiefes Nachdenken oder Sinnieren versunken ist. Die Haltung, der Blick, der Gesichtsausdruck sind ein integraler Teil dessen, was wir Nachdenken und Sinnieren nennen.

Da geht einer im Zimmer auf und ab, bleibt immer wieder am Fenster stehen, schaut kurz hinaus, grummelt etwas vor sich hin, geht wieder auf und ab, schaut auf die Uhr, blickt aus dem Fenster, geht wieder auf und ab – wir sehen, er wartet. Sein Benehmen ist ein integraler Bestandteil dessen, was wir Warten und Erwartung nennen; sodaß wir sagen können, das Warten, die Erwartung ist kein bloß innerer Vorgang oder ein dem Beobachter verborgenes Erlebnis.

Einer blättert in einem Album mit alten Photographien aus Kindertagen, hier hält er inne und schaut länger hin, da übergeht er eine Seite, jetzt betrachtet er ein Bild länger und seufzt, dann wieder ein anderes, das ihm ein Lächeln abnötigt, wieder eines, vor dem er innehält, und während er es lange und genau anschaut, kommen ihm Tränen. – Wir sehen demnach, wie sich die Person, angeregt durch das Betrachten alter Photographien, an ihre Kindheit erinnert. Ihr Betrachten, das Seufzen, das Lächeln und das Weinen sind integrale Bestandteile dessen, was wir Erinnerung nennen.

Das Nachdenken und Sinnieren, das Warten, die Erwartung, das Sicherinnern sind wie der unmittelbare Ausdruck der Gemütsbewegungen in Mimik und Gestik sichtbar, sie enthüllen sich dem feineren Auge, sie sind keine rein inneren, verborgenen Erlebnisse.

Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem Verstehen eines Gesichtsausdrucks, einer Gebärde, eines Gedichts und einer Melodie.

Ein irrwitziges Grimassieren, eine abgebrochene oder widersprüchliche Geste (winken und dabei die Zunge rausstrecken), ein Wortsalat und ein chaotisches Hämmern auf die Tasten des Klaviers können wir nicht verstehen, weil es dabei nichts zu verstehen gibt.

Das Gellen und Bellen des eine Affenhorde nachahmenden balinesischen Männerchors (Ketschak) können wir nur halbwegs verstehen, wenn wir die indischen Mythen des Epos Ramayana zu Rate ziehen.

Je fremder die Rasse, die Kultur, die Sitten, umso schwieriger, Mienenspiel und Gestik unmittelbar zu deuten. Welcher schwarze Einwohner Chicagos, welcher Eskimo, welcher bajuwarische Sepp versteht spontan das Lächeln, die Gesten, die Tanzgebärden und den Gesang der Geisha?

Was wir seelischen Ausdruck nennen, ist eine kulturelle Variable, die wir nicht ohne weiteres in exotische Muster einsetzen können, ohne daß diese verschwommen, undeutlich oder unverständlich werden.

Was wir als unsere Biographie begreifen, ist alles, was wir von unserem Dasein zu verstehen geben und von uns erzählen können. Wir sind demnach die Verknüpfung von sehr vielen Ausdrucksmustern des Denkens, Fühlens, Benehmens, die, wie wir von Fällen des psychotischen oder dementen Persönlichkeitszerfalls wissen, nur allzu leicht sich auflösen und zerfallen können.

„Hinter“ oder „unter“ oder „jenseits“ dieser sich überkreuzenden, verdichtenden und auslöschenden Mannigfaltigkeit von Ausdrucksmustern sind wir in gewisser Weise ausdruckslos und leer – eine Erfahrung, die uns nicht fremd ist, wenn wir sie im Lichte dessen sehen, was Pascal und Baudelaire ennui und abime genannt haben; zwischen den ziehenden Wolken ist ja auch nur der blaue Himmel.

Wir haben keine Theorie, keine Hypothese, keine Erklärung für unser Leben – so können wir auch ein Gedicht, wenn es wert ist, von uns verstanden zu werden, nicht verstehen, wenn wir ihm mit einer Theorie der Dichtkunst zu Leibe rücken; wir müssen es mit Bedacht rhythmisch laut hersagen, in dem Rhythmus, den es uns vorgibt, den Klang mit dem in Bildern und Metaphern offensichtlichen oder versteckten Sinn verknüpfen, es in uns nachhallen lassen, versuchen uns an seine Atmosphäre, seinen Duft, seine Stimmung zu erinnern, wie wir uns an einen Traum erinnern, es nach längerer Zeit oder in unterschiedlichen Umgebungen erneut lesen, wenn es regnet, an einem fließenden Gewässer, im Gras, bei Nacht oder wenn wir in der Dämmerung Rosen in einer Vase vor uns aufgestellt haben, bis es uns vorkommt, als wären es unsere eigenen Worte, die wir vor uns hin sagen, als schenkten sie uns den von je gemeinten, kühnsten, gelungensten Ausdruck unserer Empfindungen und Gemütsbewegungen.

Dann aber, wir sehen, einzelne Blütenblätter der üppig aufgequollenen Knospen sind schon auf den Tisch herabgefallen, sagen wir uns: Ach nein, auch das sind wir nicht.

Wir müßten also die Stille zwischen den Zeilen und Worten, das Ausdruckslose zwischen den allzu beredten und sich wiederholenden Mustern unserer Gebärden erreichen, um still zu werden – doch hier brechen alle Wege ab.

Wir können es auch so sagen: Als Kreuzungspunkt unterschiedlichster Muster sprachlichen und gestischen Ausdrucks sind wir eine zufällige Variable im Verhältnis zu allen möglichen Variationen aller möglichen gestischen und sprachlichen Muster; eine universelle Konstante, auf die wir uns mit gutem Gewissen, blind oder in kindlicher Zuversicht stützen könnten, wie die platonische Seele, die aristotelische Substanz oder die kartesische res cogitans, sind wir ja nicht. Dennoch quält uns der metaphysische Drang, mit der Seele etwas zu meinen, das wie die Sonne, auch wenn sie des Nachts aus unserem Gesichtskreis entschwunden ist, nicht erlischt.

Der Tod scheint es muß uns zuletzt über die Illusion aufklären, daß die Seele ein Etwas sei; wir meinen hier, das, was wir Seele nennen, stirbt Stück für Stück, nicht wie der Leib mit einem letzten Atemzug, sondern in der Weise, daß sie mehr und mehr an Ausdrucksmöglichkeiten einbüßt und darangibt, wie wir es im Extremfall des Demenzkranken vor Augen haben; im leichteren Fall verblaßt sie, wird einsilbig, verstummt.

Die Seele kann verblassen wie ein farbiges Muster, eine Photographie, ein Bild, das zu lange dem Sonnenlicht ausgesetzt war.

 

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