Der Dienst
Du wolltest dienen, eignem Traum entsagen,
verehren, was dir unerklärlich scheint,
ein reines Antlitz, das dir mild aus Lauben
der Abenddämmerung entgegenschwebt,
dem alles Tierisch-Maskenstarrende
ward abgewaschen in azurner Flut.
Du wolltest dich im Farngrün kühlen Schweigens
zusammenfalten, Wortes eitlen Tau
verdunsten lassen hohen Wunderstrahl,
worin die Schattenmücke Seele zittert
und nichts mehr kennt als sich zu Tode summen.
Sind nicht die blauen Wappen ihrer Flügel
schon ganz verblasst wie der Hortensie
erschlaffte Lider, daß sie schlafen kann?
Und war dein Tag nicht eine zweite Nacht,
in der statt Sternen fremde Augen zuckten,
ein fahler Mond die Liebe niedersank
in Wälder, gefiederten Gesangs entwöhnt?
Die bleiche Sehnsucht hat mit deinem Kummer
nur ein Gespenst gezeugt, dem anmutlos
verwachsene Glieder nicht zum Tanze taugen.
Und wirbelt unter Kinderpeitschen es ein Hund,
im Kreis, füllst du den Napf, damit die Zunge
sich Milde schlürft, bis Gras umschäumt den Schlaf.
Sein Antlitz knittrig wie ein welkes Blatt,
und keine Hoheit leuchtet aus den Fetzen
des Pilgers, der auf deiner Schwelle harrt,
er kam vom schwarzen Maar und sucht den Pfad
zur blauen Bucht, das dumpfe Herz zu ritzen
mit den smaragdenen Dolchen scharfen Lichts.
Hast gleichwohl ihm, der dir den Atem nahm,
der wie ein Bettler am Eisengitter wähnt,
der Duft erträumter Rosen wehe an,
hast du den dürren Zweig der Hand berührt,
die ungeküßte, die verknöcherte,
den Zögernden geführt an deinen Tisch,
das Brot des Worts mit ihm zu teilen, im Wein
Erinnerung zu gießen in tönende Schalen?
Hast den Verband du ihm gelöst, den blut-
verkrusteten, und ihm gesalbt die Wunde,
die Wunde, die in deine Nacht geleuchtet
wie eines Rätsels Purpurblüte schön?
Ich küsse deine Hände
Ich küsse deine kleinen Hände,
ich küsse deine weichen Wangen,
dich schrecke nicht das Weltenende,
die Quellen ehre, die uns sangen.
Wir müssen nicht ins Blaue reisen,
auf keine Hügel keuchend klimmen,
du kannst in meinen Reimen kreisen,
in deiner Augen Blau ich schwimmen.
Und find ich, wenn mich Strahlen stechen,
in deinem Haar die Schattenlaube,
mag Schimmern wie durch Ranken brechen,
mag gurren mir die Turteltaube.
Wir müssen nicht groß Worte machen,
das Ungemeine nicht beschwören,
du kannst dem Schweigen Glut entfachen,
an deiner Brust den Quell ich hören.
Verfallene Waldkapelle
Mondweiße Muschel, überlassen
vom Gischt erloschner hoher Flut,
barocke Schnörkel, die verblassen,
du hülltest Herzen in Perlmutt.
Gesprungen die basaltne Schwelle,
von grüner Andacht Moos gekrönt,
verschollen liegt die Waldkapelle,
die Muschel, die einst hell getönt.
Marien ist der Sternenknabe
verdunkelt auf dem Blumenschoß,
floß lächelnd ihm die Gnadengabe,
das Zwielicht legt die Trauer bloß.
Bisweilen rupft ein Lamm Ranunkeln,
die Flimmerglanz aus Ritzen rief,
die Augen eines Kauzes funkeln,
der tags im Tabernakel schlief.
Der Hymnen Glut, die Rosen färben,
hat blauem Weihrauch sich vermählt –
mag sie im späten Vers nicht sterben,
wenn Schwermut auch sich Mohn erwählt!
Vertane Gnaden
Als löste sich im launischen Winde
der Schwermut müd geglühtes Blatt,
als schwebte eine Hand gelinde
und striche dir die Runzeln glatt.
Wie soll dich leiser Hauch erreichen,
umschanzt von Mauern wie im Grab,
wie eines Engels Huld erweichen,
wer eitlem Grübeln sich ergab?
Als tauten heiße Vogelstimmen
aus Nebeln weichen Glanz aufs Gras,
als küsste dich ein süßes Glimmen
von Rosen, rot im grünen Glas.
Wie könntest freiem Sang du lauschen,
braust selbstisch Blut dir nur im Ohr,
wie Rosen mit dem Mohn vertauschen,
den Trübsal dir zum Trost erkor?
Apfelbaum im winterlichen Maifeld
Erinnert sich der Blick,
schenkt uns das Bild Erkenntnis.
Der Einsame des Winters reckt
des Wachstums starren Sinn
zum basaltenen Firmament,
die Mumie erstickten Schreis.
Der Apfelbaum ist alt
und knöchern seine Finger,
doch träumt im Wurzelstock
noch dunkel Lebenssaft.
Gestalt ward er des Schicksals,
das mit der Sonne sang
und zürnte mit dem Wind,
der seine Lust gekrümmt.
Doch denk der Anmut auch,
da lauer Hauch die Blüten
dir auf die Schultern blies,
des Glückes warmen Schnee.
Er hat mit seinem Schatten
des Sommers Mittagsstille
um deine Angst gebreitet
für einen heißen Schlaf.
Und sternenkalte Nacht
gab herbstlich dir ein Glühen,
von goldenem Laub umhüllt,
die reife herbe Frucht.
Die Ferne nah
Schleier in der Morgenfrühe,
ausgeseufzter Dunst,
daß Rose aus dem Feuchten glühe,
streift sie ab die Kunst,
wenn sich die Knospen schließen,
wollt wieder uns umfließen.
Mond erblüht an grauen Gittern,
Lilie trügerischen Lichts,
an dürrem Halm erzittern
Tropfen süßen Nichts,
wenn den Vers sie feuchten,
mag Mohn im Dunkel leuchten.
Weich geschwungene Schale,
umrändert vom Mäanderband
goldgetupfter Male,
birgst von ihrer Hand
gestreute Blütensterne,
nah ist uns die Ferne.
Verse über Verse
Nur wer den Blick kann wenden
vom Stern zur dämmernden Schwelle,
vom Abgrund in die Morgenhelle,
wird kundig das Gebild vollenden.
*
Wen viele Seelen tragen
vom Dunkel in die Bläue,
so stürmische wie scheue,
wird manches Wahre sagen.
*
Wer gebannt nur auf ein Bildnis stiert,
sommerpralle Knospe, Locke wintergrau,
blutbeträufte Klaue, Glanz im Sonnentau,
hat den Vers um einen Fuß kupiert.
*
Trakl singt den tiefsten Schmerz der Nacht,
und sein Mond glänzt kalt wie Elfenbein,
doch das wilde Herz Rimbauds, es lacht,
opfert er sein Blut vorm leeren Schrein.
*
Dichterworte sind nervöse Mücken,
die auf Kehrichthaufen fremder Seelen
funkeln, oder Falter, die entzücken,
wenn sie süßen Glanz aus Wunden stehlen.
*
Talmi-Dichter fuchteln mit Pistolen
die wie echte Verse golden schimmern.
Der Geliebten haben sie befohlen,
nackt aufs Podium zu steigen,
sich die Locken aus der Stirn zu streichen,
unerschrocken in den Lauf zu blicken.
Die Voyeure rings im Saal erbleichen,
hören sie fatale Schüsse knallen,
die Getroffne muß die Brust sich halten
und dann elegant zu Boden fallen.
Selbst die schrillsten Epigonen
schießen nur mit Platzpatronen.
Wechsel der Töne
Wie peinlich, wieder aufzuwachen
in einer grauen Dämmerung,
wo deiner selbst die Spatzen lachen,
daß dir erlahmt des Lebens Schwung.
Wie schön, im Grase aufzuschlagen
das Auge, noch von Träumen naß,
wenn Strahlen blauen Sommers sagen,
daß deine Wange noch zu blaß.
Wie gräßlich, sich umwickelt finden
von Spinnenfäden fremden Worts,
in ätzendem Geschling sich winden,
in Wirbeln eines kahlen Horts.
Wie lieblich, wandeln über Auen,
wo Traumduft um die Knospe schwingt,
dir Anmut gießt der Blick von Frauen
ins Herz, daß es von Liebe singt.
Wir sahen, wie die lichte Schöne
durch abendliche Schilfe glitt.
Die Seele wechselt ihre Töne,
doch schweigt sie, wenn sie zu sehr litt.
Der Meister kann ein dumpfes Stöhnen
verwandeln in den Vers, der gleißt,
doch Maß und Unmaß nicht versöhnen:
die überspannte Saite reißt.
Treuezeichen
Wie warm das mädchenschmale Fenster strahlt,
dem Wandrer in der Nacht ein Treuezeichen,
wenn zarter Umriß sich im Rahmen malt,
mag ihn der Liebe Schattenbild erweichen.
Wie blumenbang das weiche Wasser schäumt,
die kleinste sei der Knospen, dort zu schwimmen
auf scheuem Glanz des Abends, und dir träumt
von Blicken sanft, als würde Sanftmut glimmen.
Und stehst du stumm am bleichen Marmorstein,
wo Moose schon den edlen Namen flecken,
hörst du zwei Spatzen wild ins Blaue schrein,
die auf dem Totenmal sich schnäbelnd necken.
Beschwörungen vor dem Abgrund
Wer meißelt schimmernd transparente Schläfen
aus grauem, schon bemoosten Stein?
Wer setzt, daß uns erweckend Blicke träfen,
ihm Augen in die Höhlen ein?
Du bist es, Träumer, nicht mit schlaffen Nerven,
dem Schwermut tropft der wilde Mohn,
du bist es, Künstler, dem die Sinne schärfen
des Meeres Salze, Proteusʼ Sohn.
Wer reinigt uns in weißen Sühneflammen
die Poren und das Inkarnat
des Worts von Schorf und eklen Schlammen,
wer beizt den Schandfleck vom Achat?
Du bist es, Priester, nicht in Talmilappen,
der Gottes Wein ins Leere gießt,
du bist es, Dichter, mit dem Lilienwappen,
dem Milch und Blut in Versen fließt.
Mit halbgeschlossenen Lidern
O Sonne, raff den Schleier nicht,
wir wollen nackt die Welt nicht sehen,
noch dämpft von unten uns das Licht
ein Seufzen und ein dunkles Wehen.
O Wasser, riesle uns nur mild,
wir wollen nicht ins Rauschen tauchen
den Schmerz, den nur ein Lied uns stillt,
das Lippen leiser Sanftmut hauchen.
O Knospe, öffne dich noch nicht,
uns soll die Wehmut nicht verstören,
an trunknen Bildern der Verzicht,
wenn deine Düfte sie beschwören.
O Lerche, steig noch nicht empor,
dein Jubel macht den Himmel blauer,
wir lauschen noch im Dämmerflor
dem Nachtigallensang voll Trauer.
Der Doppelgänger
Den Unsinns-Brocken
auf dem Pfad des Lichts,
mit einem schwarzen Satz
aus Nietzsches Dynamit
magst du ihn sprengen.
Die Unwort-Krähe
im Silberlaub des Monds,
du kannst sie treffen
mit dem schnellen Pfeil
horazischer Sentenz.
Der dreist mit hohlem Klang
der Schellenkappe
durch dein Schweigen klirrt,
der feilen Sprache Narr,
ihm stößt ein reiner Ton
der Flöte des Vergil
das Talmigold vom Kopf.
Die Fremde, deren Lächeln
am Saum dir aufgeblüht,
hüllt dich in Traumduft ein,
und wachst du auf,
verliert er sich wie Hauch
der Nachtviole,
die sich unter Tränen schließt.
Der sublime Schattenriß,
der immer mit dir schwebt,
zweifelnd dir voraus,
spöttelnd hinterdrein,
schweigend, wenn du sprichst,
schwatzend, wenn du schweigst,
du kannst ihn wie die Fliege,
die lästig schwirrt und sirrt,
mit dem Flügelwind
des Pegasus nicht scheuchen.
Du bist nur ganz im Augenblick,
stehst hoch du im Zenit,
dem Mittag deines Glücks,
und krümmt dein Schatten sich
wie eine Schlange unterm Fuß.
Hier ragst du einsam
auf dem First der Zeit,
der Sonne Sohn,
steigst, Lerche im Azur,
die nur sich selber singt.
Doch auf der Wanderschaft
des langen Nachmittags
schnürt er dich ins Zwiegespräch,
zappelst du im Selbstgespräch.
Es sinkt die Dämmerung,
daß du mit ihm zergehst
und deinen Schatten mischst
mit andern Schatten,
und deiner Stimme heller Schaum
zerstiebt im Rauschen
dunkler Quellen und des Laubs.
Aus dumpfem Schlaf
weckt dich der scharfe Strahl,
und wieder schwillt die Ader
der Sprache dir von Namen
für den Namenlosen,
den Zwielichttänzer,
der Schritt mit deinen Schritten hält,
Widerwort dem Worte sagt,
Einspruch deinem Spruch,
Nein dem Ja und Ja dem Nein,
der wie des Messers Blitz
die dunkle Frucht der Seele spaltet,
daß ihr süßer Saft entquillt
und dich lähmend
bitterer.
Unterm Strich
Wir wissenʼs ja,
unterm Strich,
der zitternden Schattenlinie,
der steinigen Schmerzensfurche,
steht „Verlust“,
steht „Ohne mich“.
Doch auf der Linie balancieren
grüne Bienen,
und in der Furche schlafen
gelbe Falter,
die nicht wissen,
daß ihr Tun ein Ritus ist,
ein Opferkult,
ein Gottesdienst,
ein hoher, grausamer,
ein faltenknisternder,
gestaltenrauschender
und formenwandelnder
für eine Majestät,
die sie von fern nur wittern,
ein Knüpfen fein verwobener Muster,
deren harmonisch-dunklen Sinn
ein ferner Dichter übersehen mag und deuten.
Die Chiffren ihrer bunten Flügel
bleiben ihren Schöpfern Rätsel,
gemalt dem Sonnenauge,
das lächelnd sie goutiert
und wieder bleicht.
Uns ist das Wissen nicht bekömmlich,
wenn es den Nerv des Augenblickes lähmt,
und besser wärʼs, wie Tiere stumm-ergeben
des Tages Faden abzuwickeln,
der Blicke und der Blüten Strahlen
gelassen zu bestehen,
am Abend aber in die Glut zu starren,
die Asche,
die aufblätternd atmet,
aus der uns schon die neue Maske
der ausgebrannten Seele
entgegenstiert,
der überzeitlich hohe Geist,
der kühn mit Pollenfunken
die aufgetane Hyazinthe
der blauen Nacht bestäubt.
Das kluge Hündchen
Purzel heißt das Hündchen,
Flöckchen auch genannt.
Klein sind seine Augen,
groß ist sein Verstand.
Purzel flitzt ins Körbchen,
wenn die Welt ihn neckt,
und tollt froh ins Freie,
wenn ihn Sonne weckt.
Margret heißt das Frauchen,
Gretel auch genannt.
Stark sind ihre Hände,
schwach des Lebens Band.
Purzelchen und Gretel
eint ein Seelenbund,
denn ist Frauchen heiter,
freut sich auch der Hund.
Wirft das rote Bällchen,
Gretel weit ins Feld,
bringtʼs zurück das Hündchen,
wedelt, hüpft und bellt.
Faucht die schwarze Katze
und das Hündchen kuscht,
hörst du Frauchen zischen,
und die Katze huscht.
Hat vorm Bildnis weinend
sie des Freunds gedacht,
legt sein Pfötchen Purzel
ihr aufs Knie so sacht.
Doch ihr Schmerz geht tiefer,
Hündchen fühlt es auch,
und er roch das Pulver,
bösen Giftes Hauch.
Und er schnappt es heimlich,
Frauchen schläft ja noch,
Hündchen gräbt im Garten,
stopft den Tod ins Loch.
Morgens wandern beide
in den Sonnenschein,
mittags schnippelt Gretel
Purzel Würstchen klein.
Und es eint ein neuer
schöner Seelenbund
Purzelchen und Gretel,
Menschenkind und Hund.
O Nacht
Sie flossen mild, die Sonnenstunden,
doch blieb der Schmerz verhüllt im Staub,
der Abend hat die Stirn umwunden
mir stumm mit seinem Purpurlaub.
O Nacht, reiß mich vom Tage los,
nimm mich zurück in deinen Schoß.
Und tropfte Tau von weichen Locken,
als sie die Arme um mich schlang,
des Herzens Wurzeln blieben trocken,
der Träne Salz nur in sie drang.
O Nacht, tauch mich in deine Flut,
lösch aus die spröde Aschenglut.
Wollt mich zu Fahrenden gesellen,
versprühen Mark und Bein im Tanz,
und fand gelähmt mich auf den Schwellen
von ihrer Blicke kaltem Glanz.
O Nacht, saug mich in deinen Schlund,
laß wirbeln mich bis auf den Grund.
Und schenkte ich den Wein in Schalen,
zu träumen mich an Südens Meer,
begann des Moorlands Mond zu fahlen,
das Herz des Trinkers, es blieb leer.
O Nacht, küß mir wie eine Frau
von Stirn und Mund den bittern Tau.
Sie stauten sich, die Abendstunden,
wie Wehmut bang vor Edens Tor,
und seufzten auf die alten Wunden,
troff Milch und Blut auf falben Flor.
O Nacht, fern blüht dein Sternenhain,
laß meines Liedes Funkeln ein.
Die erloschene Blüte
Wenn grüner sich die Matten dehnen
und lieblicher die Luft uns blaut,
mag hoher Strahl das Bild verschönen,
das schon im Innern war ergraut.
Wir werden auf den Hügel steigen,
und vor uns glänzt ein Wasser weich,
wir wollen mit den Blumen schweigen
und wissen unsre Armut reich.
Wir brauchen nicht mehr Wortes Krüge
zu schöpfen, was im Dunkel quillt,
an Blüten haben wir Genüge,
an Augen, die von Tau gefüllt.
Und schlummern wir, wenn Ginster flirren
im Mittagsstrahle, liebesbang,
weckt uns, wenn Bienen trunkner schwirren,
gehörnten Gottes Hirtensang.
Mag uns ein Stern die Stirne kühlen,
der Mond, der Milch ins Haar uns gießt,
wir werden wieder Wärme fühlen,
wenn sich die Nachtviole schließt.
Doch gehen heimwärts wir zu Tale,
hockt dort der Enkel auf dem Stein
und hält uns hin die Bettlerschale,
erloschner Blüte leeren Schrein.
Erinnern wir uns an die Liebe
Gedenken wir der dämmergrünen Wellen,
der Unschuld, die wie Milch von Monden floß,
und konnte sie den Schmerz uns nicht erhellen,
schön war die Knospe, die sich um ihn schloß.
Wir gingen unter grauen Uferweiden,
die ihren Schleier auf den See gelehnt,
und konnten wir nicht ohne Tränen scheiden,
weich war der Glanz, der dir den Blick gedehnt.
Erinnern wir uns an der Nächte Funkeln,
die Liebe, die wie Wein aus Krügen rann,
und konnte er den Schmerz uns nicht verdunkeln,
süß war der Duft, als er zu blühn begann.
Am Abend hörten wir von ferne Glocken,
die unser Herz wie Klageruf versehrt,
und blieben unsre Augen auch nicht trocken,
tief war dein Blick, der mich mit Glanz genährt.
Alfred Lord Tennyson, To Virgil
Written at the Request of the Mantuans
for the Nineteenth Centenary of Virgil’s Death
Roman Virgil, thou that singest
Ilion’s lofty temples robed in fire,
Ilion falling, Rome arising,
wars, and filial faith, and Dido’s pyre;
Landscape-lover, lord of language
more than he that sang the “Works and Days,”
All the chosen coin of fancy
flashing out from many a golden phrase;
Thou that singest wheat and woodland,
tilth and vineyard, hive and horse and herd;
All the charm of all the Muses
often flowering in a lonely word;
Poet of the happy Tityrus
piping underneath his beechen bowers;
Poet of the poet-satyr
whom the laughing shepherd bound with flowers;
Chanter of the Pollio, glorying
in the blissful years again to be,
Summers of the snakeless meadow,
unlaborious earth and oarless sea;
Thou that seëst Universal
Nature moved by Universal Mind;
Thou majestic in thy sadness
at the doubtful doom of human kind;
Light among the vanish’d ages;
star that gildest yet this phantom shore;
Golden branch amid the shadows,
kings and realms that pass to rise no more;
Now thy Forum roars no longer,
fallen every purple Cæsar’s dome—
Tho’ thine ocean-roll of rhythm
sound forever of Imperial Rome—
Now the Rome of slaves hath perish’d,
and the Rome of freemen holds her place,
I, from out the Northern Island
sunder’d once from all the human race,
I salute thee, Mantovano,
I that loved thee since my day began,
Wielder of the stateliest measure
ever moulded by the lips of man.
An Vergil
Geschrieben auf Wunsch der Einwohner von Mantua
anläßlich der neunzehnten Zentenarfeier von Vergils Todestag
Roms Vergil, du, der du singest
Ilions erhabene Tempel, in Schleiern rot,
Ilions Fall, und Rom, das aufsteigt,
Kriege, Sanftmut, Didos Liebestod.
Freund der Fluren, Fürst der Verse,
mehr als jener, der „Werke und Tage“ sang,
Phantasie prägt jede Münze,
die golden aus dem Schatz der Sprache sprang.
Der du den Weizen besingst und das Waldreich,
Acker und Wingert, Bienenstock, Weide, Gestüt,
all die Anmut aller Musen,
oft in einem einzigen Wort erblüht.
Dichter des glücklichen Tityrus,
flötend unter Buchenschatten in Mittagsstunden.
Dichter des dichtenden Satyrs,
den der Hirte lachend mit Blumen umwunden.
Sänger des Pollio, das Glück hochpreisend,
da wieder golden der selige Äon thront,
Sommerwiesen, von Schlangen gemieden,
Erde ohne Plage, Meer, vom Ruder verschont.
Du, der Natur hat im Innern gesehen
allseits von erhabenem Geist durchweht,
hoheitsvoll bei aller Schwermut,
ob die Menschheit wohl am Abgrund steht.
Licht in den versunkenen Zeiten,
Stern, Gold sprühend noch am Geisterstrand,
goldener Zweig du unter Schatten,
Herrschern, Reichen, bejubelt, bald unbekannt.
Deines Forums Lärm ist verklungen,
Schutt ward all der Purpur-Kaiser Dom –
wenn auch deines Verses Woge
ewig rauscht vom Weltenherrscher Rom –
unterging das Rom der Sklaven,
Rom, das nun sich Stadt der Freien nennt,
ich, ein Sohn des nördlichen Eilands,
einst vom Rest der Menschheit abgetrennt,
ich darf, Mantuaner, dich grüßen,
der ich dich liebte, seit erwacht mein Sang,
Virtuose des herrlichsten Maßes,
das je eines Menschen Mund gelang.
Der hohe Pfad
Wenn Pfade uns auch schimmernd rufen,
gleich Flüssen in der Dunkelheit,
wir harren noch auf Schmerzensstufen,
von Flocken fahlen Monds beschneit.
Von innen dringt das eitle Klagen
des Dichters, den die Trübsal lähmt.
Wir werden ihn zum Ufer tragen,
daß ihn der Wellen Lied beschämt.
Dann gehen wir den Pfad, den hohen,
den uns der Schrei der Lerche weist,
bis um die Schläfen Flammen lohen,
die reinen Himmels Odem speist.
Hält wieder Dickicht uns gefangen
und kauern wir im Schattenhag,
wir hörten, wie Entrückte sangen,
wir schauten hohen Lebens Tag.
Die hellen Augen
Die Taube reckt den Hals, denn sie erblickte
die Sonnenkörner auf dem gelben Sand.
Ihr helles Auge war es, das schon pickte,
bevor ihr Schnabel noch die Körner fand.
Doch sieht die Rispen nicht im lichten Laube,
die Lilien nicht, und die empor sich rankt,
die weiße Winde nicht die Turteltaube
wie gelber Falter, der im Dufte schwankt.
Die Katze sieht die Maus als Schattenwesen,
das zittert, wenn der Docht der Iris glimmt,
nicht aber, was sich zarte Hand erlesen,
die Schale, wo die Rosenknospe schwimmt.
Und siehst du, Mensch, die Taube und die Blüte,
und was dich hohen Tages Bildnis eint,
doch siehst du auch die dämmerblasse Güte
im Blumenwort, das nah der Schwelle weint?
Abend am heimatlichen Strom
Wir gingen spät noch auf dem Uferweg,
und hörten wir im Schilf das dunkle Glucksen,
in knorrigen Silberweiden Flügel müde flattern,
gedachten wir versunkener Pfade, südlicher,
wo unsre Schritte süßer knirschten ein und feurig
Odem uns vom blauen Golf noch wehte abendlich.
Doch bogen ab wir aus dem Dämmergrund,
und faule Witterung verstrich im Dunst
von herben Kräutern. Bald zackte sich das Rebenblatt,
der trunkenen Schwermut Sonnenzeichen,
vor einer blauen Höhe, die zart hinunterblaßte
wie die Hortensie, wenn sie unter Schatten schläft.
Doch mieden wir den steilen Rebenpfad,
der uns in Jugendtagen oft zum Kreuz geführt,
an dessen Fuß bisweilen traulich Kerzen flammten,
und auch wir hatten kleine dort entzündet.
So kamen wir zur morschen Eichenbank
und blickten zwischen Brombeerbüschen
und Gestrüpp hinab auf jenes stille Bild,
das uns im Herzen kindlich-wahr geblieben.
Der graue Kirchturm, der mit seinen Glocken
uns den hohen Tag erbaut, der Schiefer,
fremden Glanzes, wie es Blätter sind im Abendtau,
der träge Strom, der Strom, der noch im Halbschlaf
seine Wellen sacht das Röhricht zittern ließ,
der Strom, der uns noch blaue Ankunft rauschte,
war schon das trübe Menschenwort versiegt.
Du wiesest mir die Stelle, wo das Schicksal
die unsichtbare Schneise in den Uferschlamm
geschnitten habe. Oder war es eine Nymphe,
die mit Veilchenblicken ihn, mit ihrer Lenden
milchig-weißem Schaum den Dichter in das Dunkel
lockte? Sie war die Tochter ja des Flusses,
und war er nicht sein Sohn, floß nicht sein Vers
wie seine Wellen sanft und hatte keine Bleibe,
als nur für einen Augenblick den Schimmer uns
zu spiegeln, des Himmels Blitz, den Kuß des Monds?
Der Oger singt
Wie sich dem Aug, dem einzigen, vermischen
das Blau des Himmels und das Grün der See,
wenn aus dem Bart des Nereus Gischte zischen,
verblaßt Apollos Gold auf Lunas Schnee.
Aus zartem Schilf schnitt er die Hirtenflöte,
des Ogers Blick wird feucht an fernem Traum,
die Töne schmelzen in der Abendröte,
und was sie sagen, weiß er selber kaum.
Nun steigen Seufzer aus dem kruden Munde,
der außer Käse gerne Blutwurst schlingt,
nun dämmert auch Kyklopen jene Stunde,
da höher sich Gesanges Flügel schwingt.
„Wo bist du, Galatea, milchbeträufte,
schwimmst mit Delphinen du zum Inselreich,
wo dir ein Akis Rosenblüten häufte,
daß deine mondnen Knie ihr Duft erweich?
Tauch nur im blauen Golf nach Blutkorallen,
du findest röter keine als den Mund,
der meinen schmäht, hörst du ihn trunken lallen
von deiner Lenden kußumrauschten Sund.
Und weiß ich auch, unmöglich kannst du breiten
der Locken Vlies auf zottelkrause Brust,
und kann ich kiemenlos nicht zu dir gleiten,
es überstrahlt dein Bild verwehrte Lust.
Mag Menschenfleisch ich künftig meiden,
von Käse nur mich nähren und von Kraut,
du bist zu fein, in Lammfell dich zu kleiden,
zu schälen Zwiebeln, eines Hirten Braut.
Ich weiß, mein Singsang, meine Flötentöne
umwogen nicht melodisch wie das Lied
des Orpheus deine lilienblasse Schöne,
doch seh ich Eurydike, wie sie schied.“
Was macht er jetzt, der liebeskranke Heros?
Er wirft die Flöte in den Wogenschwall
und stürzt ihr nach, besiegt vom dunklen Eros,
doch Galatea dreht den Purpurball.
Invocationes daemonis
O Eule, rolle die Pupille,
wenn stumm dich die Dryade trägt,
daß uns ein Blitz den Abgrund fülle
wie Mäusen, die dein Schnabel schlägt.
*
Aus Wüsten, Geisterschlangen, gleitet,
daß lieblich uns die Klapper tönt,
als hätte unser Herz geweitet
Musik, die mit dem Tod versöhnt.
*
O schwirre, surre, Satansmücke,
dein Stich ist scharf, dein Gift ist süß,
es löst den Geist in tausend Stücke,
es gaukelt uns das Paradies.
*
Auf deiner Hexe Buckel fauche,
fauch, Katze, uns zum Abschied wild,
hat Traumsud sie nach dunklem Brauche
uns in den Becher eingefüllt.
*
Nun füttern wir im Hof Hyänen,
sie kamen, als der Staat verging,
und flog der Vates einst mit Schwänen,
mit jenen heult ein Dichterling.
*
Ihr roten Seraphim, mit Flügeln
verhüllt Geschlecht und Angesicht,
entblößt die Rolle von den Siegeln,
die Schrift verraucht im fahlen Licht.
Schwache Funken
Das Wort ist Rauch geworden
und ist über uns entschwebt.
*
Der Alte sprach von fernem Ungemach,
wir sahen Kinder auf den Ochsenkarren
und Mütter, deren Stiefel knirschten
auf grauem Eis der zugefrorenen See.
Die Kringel, die er aus der Pfeife paffte,
sie schwirrten auf wie Möwenflügel,
die stäubend sich im Schneelicht aufgelöst.
*
Die grünen Scheite stöhnten in der Glut,
wir hörten feuchte Hölzer pfeifen,
es summte heiser ihre Patina,
die weiße Flamme von der Rinde fraß.
Wir warfen, Kinder aus dem Eifeldorf,
noch dürre Reiser in das Erntefeuer
und faule Blätter, daß uns biß der Qualm.
Wir konnten kaum sie übertönen,
die heiße Hymne, die ins Dämmern stieg,
mit unserm lerchenhellen Fahrtenlied.
*
Noch immer tappen wir wie greise Knaben
und suchen flehend, wenn der Abend sinkt,
den Stern, daß wir im Finstern Wege haben,
den Quell, aus dem sich Trübsal Hoffnung trinkt.
Doch keiner Quelle Singen macht uns trunken,
kein Stern ist, der an Wunders Schwelle führt.
Uns bleiben nur Irrlichter, schwache Funken,
die kalter Odem aus der Asche rührt.
Meditationes vespertinae
… sed carmina tantum
nostra valent, Lycida, tela inter Martia, quantum
Chaonias dicunt aquila veniente columbas.
Vergil, Bucolica IX, 11–13
Blaß war das Blau des entfliehenden Tags,
rötet sich auch die flüchtige Wolke,
an den härenen Rändern gesträhnt
vom silbernen Kamm des launischen Winds.
Tief sirren die Schatten der Schwalben,
die Knospe hat sich geschlossen,
Lid für Lid um den Schmerz,
der umsonst sich Pollen erfleht hat
fernen Geblüts an sehendem Fühler,
der nahe die Narbe betastet,
ungestillt schwankt sie ins Dunkel,
aber betäubend strömen sich aus
Violen der Nacht.
Steh nur still an der moosigen Schwelle,
auf die ein wächserner Mond
Glanz der Vergeblichkeit hinstreut.
Oder wache am dämmernden Fenster,
ob niederwehen noch Funken
auf die dürftigen Halme der Demut,
o Flamme, die statt ihr zu singen
zischend der Liebe die Wimpern versengt hat.
Was du erhofft dir, was du befürchtet,
tropft, ein unschuldig Wasser,
von Lorbeers bitteren Blättern,
zittert, ein fauliger Nachglanz
seelenzerschäumenden Weins,
an blauen Krugs gesprungenem Mund,
bevor er wie glimmende Tränen verrinnt
und im Trüben sich auflöst.
Ein laulichter Wind kommt auf
mit fernerer Botschaft von Süden,
und du gedenkst Dodonas heiliger Eichen,
wie sie flüsternd geredet
an Ioniens Ufern einem sinnigen Mann
vom Licht seines künftigen Tags,
Flattern hörst du von Tauben,
ein Flügeln des sapphischen Melos,
das Chaoniens Sehern
heitere Flocken geschneit hat.
Du aber schließest das Fenster
und gewahrst, bevor du dich wendest
zum blütenlosen Karste des Schlafs,
was wie Schaum chimärisch noch haftet
auf der schimmernden Iris der Scheibe,
das Bild deines nichtigen Daseins,
von dämonischem Odem gehaucht,
Ungestalt einer Seele,
die immer vergebens noch hofft
auf das Antlitz der Sonne des Guten,
daß selig sie schmelze dahin.
Dem Andenken an einen jungen Dichter
Von deinem leisen Sang ist uns geblieben
ein Funkeln wie von Grases Tau.
Sein Wohlklang, den verhärmte Herzen lieben,
war Wehmut nach dem Mund der Frau.
Wir haben deiner Anmut Schmerz gesehen,
der sich wie Weiden erdwärts bog.
Wir konnten blind im Duft der Verse gehen,
der sacht uns in ihr Dämmern sog.
Noch schenkt der Traum ein Rauschen uns von Quellen,
worin sich deine Angst verlor,
daß Knospen süß und bittre Kräuter schwellen
ins Licht, das dich zum Hort erkor.
Uns löst ein weicher Hauch vom Mund die Klage,
der aus dem Moos des Grabes dringt.
Ein Täubchen schwebt ins Veilchenblau der Tage,
wo deine Verse Liebe singt.
Peripetien
Als Sommers Amseln sangen,
da littest du noch sehr.
Im Schneelicht holder Wangen
schien alles ephemer.
Am Schimmer früher Ranken
hat sich dein Durst gestillt.
Als späte Rosen sanken,
ward trüb der Seele Bild.
Dir wogten weiche Locken
auf dichterischer Stirn.
Es taumelten die Flocken
auf matten Fühlens Firn.
Von süßem Strahl erkoren
war dir der Vers erblüht.
Auf ödem Karst verloren
hast du die Glut versprüht.
Als Morgenquellen riefen,
drang schon dein Lied zum Meer.
Als Nachtigallen schliefen,
war Herz und Brunnen leer.
Ein Duft aus Gärten ferner Tage
Mag aus des Dämmers sanftem Laube,
wenn schon der Seele Bild zerfließt,
das Flattern tönen einer Taube,
des Lichtes Flügel, der sich schließt.
Ein Duft aus Gärten ferner Tage,
wo sich im Teich der Mond gekühlt,
mag lösen dir vom Mund die Klage,
die noch in alter Wunde wühlt.
Wo durch die Schattenschilfe Wasser
ins Dunkel hindrängt eines Sees,
mag scheinen dir die Knospe blasser,
die früh erblüht im Samt des Schnees.
Noch einmal strömt ins Gras ein Strahlen,
als tauten Sterne feuchten Glanz,
das Blattwerk seufzt von süßen Qualen,
als flechte sich des Liedes Kranz.
Die Lektion der Wichtel
Dem Andenken an die Gebrüder Grimm
Hörst du es manchmal husten
in deinem Kleiderschrank?
Wer mag so höhnisch prusten,
sagst du dem Spiegel Dank?
Daß es kein Wunsch verfehle,
ist zipflig es bemützt,
das Urbild deiner Seele,
ein Wichtelein verschmitzt.
Was kitzelt dich im Schlummer
und reißt dich aus dem Traum?
Es ist ein Wicht, ein krummer,
mit seines Bartes Flaum.
Sie hausen in den Höhlen
der Mutter Erde tief,
sie kratzen von den Seelen
die Patina, den Mief.
Küßt du ein Mädchen bange,
und rollt ihr Auge wild,
kneift er dich mit der Zange,
daß dir die Hose schwillt.
Sie glühen mit den Echsen,
sie kühlen sich im Schnee,
sie schäkern mit den Hexen
und fühlen mit dem Reh.
Willst feierlich du schreiben
ʼnen Vers wie Hölderlin,
wird kichernd dir vertreiben
ein Wicht den eitlen Spleen.
Sie sind Protuberanzen
der Seele, die vergaß,
daß selbst die Götter tanzen
nach orphisch-trunknem Maß.
Und gehst du mit der Einen
verträumt ins Abendlicht,
siehst du auf schiefen Beinen
im Wiesengrund den Wicht.
Sie sind die Maskeraden,
dämonisch uns vermählt,
das Rätsel der Scharaden,
das unsre Seele quält.
Weißer Reiher auf dem Dach
Der Dunst hat sich verdichtet,
und Wohnung nahm die Seele
in sublimem Rauch.
Urlichts grauer Schaum,
erstarrter Anmut Trance,
steht ein Schemen stumm
auf dem First des Dachs.
Auf Vollendung sann Natur
in Flaum gewordenem Schnee,
der im Lichte stäubt,
strahlenfiedrig aufgebauscht,
und im Dunkel blaut –
in Bein gewordenem Hochmut,
Schilfes Zwillingsbild –
mondsteinhartem Schnabel,
zu ritzen Wassers grüne Haut –
in lebenswilden Augen, eingefaßt
von Todes Onyx-Ringen.
Steht und steht und
schwankt im Traum,
Sturmes Schreigefährte,
gezeugt vom Dämon Luft,
epischer Heroe,
den sich ein Dichter schrieb
größer als Homer,
ein Täter harten Glanzes,
den kühn der Dichter schloß
ins Gitter schmaler Chiffren
aus Dunst und Rauch.
Drei Flügelschläge später
und er ist entrückt,
in hohen Daseins
Dämmerungen gleitend,
undurchdringlich
wie der Abgrund unsrer Brust.
Ars poetica parva
Ist sie staubig auch und haust verkannt,
sieh, der Distel blauen Sommerblicke.
Hat der Rose Duft sie nicht, der bannt,
summend fliegt die Hummel doch zur Wicke.
Pflückt sie niemand im Oktoberlicht,
Äpfel glühen aus dem Schattenlaube.
Haben sie der Beere Schimmer nicht,
gurrend pickt die Körner auf die Taube.
Fließt ein Rinnsal er im schmalen Bett,
feuchtet weicher Vers doch Veilchenaugen.
Schaum der Katarakte macht ihm wett,
daß an seinen Lilien Bienen saugen.
Kann er auch nicht wie sein Bruder Rhein
brausen und das Salz der Ferne schmecken,
wächst an seinem Ufer süßer Wein,
mag sein Plätschern zarte Wünsche wecken.
Fremd vor der Krippe
Ich stand nicht in der Schar der Hirten,
als sie im Kind das Lamm erkannt,
schon gar nicht, die’s zum König kürten,
bei Weisen aus dem Morgenland.
Ich saß ein Sperling auf dem Dache,
mit meinen Schwestern grau und zart.
Ich fiepte, daß der Heiland lache,
und spottete nach Spatzenart.
Ich war die Rose nicht, die schöne,
die in der Nacht heraufgeglüht,
daß sich ans Gnadenwerk gewöhne
die Einfalt und vor Wundern kniet.
Ich war der Ampfer, Staubs Gespiele,
dem ward am Krippenrand so bang,
er sah, wie seiner Brüder viele
der Ochs gerupft, der Esel schlang.
Ich war nicht in der Nacht der Nächte
ein Jubellaut im Engelchor,
war nicht, daß mein ein Dichter dächte,
der Taube Gurren überm Tor.
Ich war nur, als der Ochse scharrte,
ein Gras, das seufzte, schmal, grazil,
ein Staubkorn, das zu fallen harrte
und aus Mariens Mantel fiel.
Erzähl mir, Freund
Erzähl mir, Freund, von Höltys Hainen,
wo Odem süßer noch umhüllt,
wo um die Liebe Quellen weinen
und Vogelsang die Wehmut stillt.
Ich muß auf karger Erde liegen,
wo staubt der Halm, sich an die Brust
nicht mag der Sanftmut Wange schmiegen,
wo gurrt das Dunkel von Verlust.
Sing, Rinnsal, mir von Klopstocks Gründen,
wo schäumend noch die Hoffnung quillt,
wo Liebende den Trank sich finden,
der Glanz in ihre Augen füllt.
Ich muß auf trocknem Karste harren,
wo welkt das Gras und aus der Nacht
der Sehnsucht leere Augen starren,
wo kaltes Krächzen meiner lacht.
Erzähl mir, Freund, von Trakls Tränen,
die glänzten in der Schwester Haar,
als könnte uns der Schmerz versöhnen,
der sich als Rose neu gebar.
So will ich denn empor mich richten
am Kreuzstab, einem Pilger gleich,
und wandern, sie mir nah zu dichten,
die Rose, fern im Himmelreich.
Knospe unterm Mond
Bleich entschlummert unbesungen
eine Knospe unterm Mond,
und bei Herzen, die zersprungen,
hat wohl Orpheus nicht gewohnt.
Mögen Blütenblätter treiben
auf des Wassers grüner Nacht,
Asphodelenschatten bleiben,
ist der Schmerz des Tags erwacht.
Weich verworren sind der Rose
zarte Wimpern unterm Tau,
und die Herzen, schlummerlose,
starren, vom Erinnern grau.
Tropfen hören wir erst tönen,
sprühen sie dem kahlen Stein,
die uns mit der Nacht versöhnen,
Verse funkeln, alter Wein.
Licht im Tod
Du bist nicht mehr, weilst nicht bei Schatten,
wie sie Sibylle wies Vergil,
die ihren Blick betaut, den todesmatten,
wenn Opferblut zur Erde fiel.
Und dennoch hör ich manchmal deine Schritte
im herbstlich hingewelkten Laub,
ist mir, als ob dein Singen Schneisen schnitte
durch winterlichen weißen Staub.
Und atmet auf die Rose aus der Tiefe,
wo längst dir ward das Herz zernagt,
ist mir, als ob dein warmes Herz nur schliefe,
ein Duft, daß Liebe aufwacht, sagt.
Erhellt mein Leben noch des Schwans Gefieder,
dem Abschied seufzt ein Abendrot,
schwebt deine Anmut mir ins Dunkel wieder,
im Leben Schatten, Licht im Tod.
Blume, Liebe, Geist und Licht
Fadenscheinig ward das Kleid der Namen,
Blume, Liebe, Geist und Licht.
Glänzen auf in Gottes Dunkel Samen,
wenden wir das Angesicht.
Knospen, aufgetan dem Hauch der Frühe,
Sapphos Rosen sanken fahl.
Wo ein Traubenwort uns purpurn glühe,
Hügel Theokrits liegt kahl.
Mag noch Hero zu Leander schwimmen,
wenn ihr Licht die Nacht durchdringt,
schluckt die See ihn, Kerzen, sie verglimmen,
ist sie’s noch, die nach ihm springt?
Flüstert seiner Baucis ein Philemon
nach dem Tod noch wunderbar,
hat verwandelt sie ein guter Dämon
in der Bäume trautes Paar?
Gab der Dulder vor den Leidensstunden
Liebe nicht in Brot und Wein,
goß er nicht das Heil aus stummen Wunden,
daß es schmelze, Herz aus Stein?
Macht aus Feuerbechern wieder trunken
uns der hohen Sage Geist,
ist der heiße Hauch noch nicht versunken,
taut er Seelen, die vereist.
Namen, Sterne einem Lied verwoben,
das aus klarem Quell uns spricht,
haben aus dem Dunkel uns gehoben,
Blume, Liebe, Geist und Licht.
Am Licht erblinden
Das Leben, fremder Runen Flirren,
war unser Blick zu trüb,
wir konnten es uns nicht entwirren,
kein Sinn war, der uns blieb.
Verwandelt in des Steines Schweigen,
wo glänzt von Tropfen Moos,
wenn sich der Sonne Strahlen neigen,
wär unsre Wahrheit groß.
Auf grüner Woge sanft uns wiegen,
dem trunknen Schwane gleich,
uns haltlos einer Wange schmiegen,
wie eine Lilie bleich.
Wenn leiser Gnade Flocken stäuben,
verwaistem Grab ein Tuch,
und Flieders Hauch, uns zu betäuben
mit wehem Wohlgeruch.
So bleibt uns nur am Licht erblinden,
daß heller uns die Nacht
das Rosenwort läßt wiederfinden,
am Tränenglanz erwacht.
Als wär kein Herz allein
Geheimnisvoll hat sie geleuchtet,
die Sonne jener Nacht,
das Auge kindlich uns gefeuchtet,
als wär das Herz erwacht.
Es hat gelöst die tauben Zungen
der Engel hoher Sang,
der Dunkelheit mit Licht durchdrungen,
als wär kein Herz mehr bang.
Es staunten Sünder um die Krippe,
die eine Speise barg,
daß keinem brannte mehr die Lippe,
als wär kein Herz voll Arg.
Hat keuscher Sinn das Wort geboren,
es blühe auf der Stein,
schien uns das Leben unverloren,
als wär kein Herz allein.
Verloren auf der Schwelle
Und wenn du fehlst, wie bist du nah.
Die Namen, die dich nennen,
sind Rosen, die im Dunkel brennen.
Verhüllt in Aschen, du bist da.
O Dorn, woran der Tropfen glüht.
Die Worte, die mich ritzen,
sind goldnen Zweiges Blütenspitzen.
Süß ist der Schmerz, der nach dir fühlt.
Und hab ich nur der Blume Bild,
die schwimmt auf dunklem Wasser,
strömt Liebesodem mir noch mild,
wird auch der Schönheit Bildnis blasser.
Das reinem Hauch sich auftut, Tor
zu jener Wunderquelle,
weh, daß mein Atem sich verlor
in eitlem Lallen auf der Schwelle.
Der Pfad der Liebe
Gedenken wir der goldnen Abendstunden,
da sich der Liebe grüner Pfad
um ferner Quellen Rauschen hat gewunden,
der goldnen Stunden vor der Mahd.
Von eigner Fülle beugten sich die Ähren,
und trunken blätterte der Mohn,
am Saume pflücktest du dir rote Beeren,
doch rot war deine Lippe schon.
Und alles, was wir noch zu sagen hatten,
floß weich aus einem Brunnenmund,
ein leises Rinnsal abendgrüner Matten,
das rasch versickert in den Grund.
Doch stummer ist dein Blick in mir versunken
als in den Teich ein Schwanenflaum,
mein Herz hat süßen Lebens Duft getrunken
und fühlte, daß wir welken, kaum.
Verblichen ist das Gold der frühen Stunden,
und deine Lippen wurden fahl,
des roten Mohnes Blüten waren Wunden,
das Brunnenwasser wurde schal.
Kein Moos mag uns den Pfad mit Tau erhellen,
begraben liegt es unter Teer,
im Traume hören wir noch fern die Quellen,
bleibt auch der blaue Krug uns leer.
Die Taube im Mohn
Es schwankte durch die Sommerluft
ein Falter nach dem Fliederduft.
Du strichest hohe Gräser glatt
zum Bett, das grüne Polster hat.
Und schautest du ins Blau empor,
war es dein Leid, das sich verlor.
Die alte Klage war verstummt,
als Bienen deinen Schlaf umsummt.
Ein Tropfen hat dich aufgeweckt,
der wie Erinnerung geschmeckt.
Es fielen schwere Tropfen schon,
da sahst du sie im nahen Mohn.
Die hellen Flügel aufgespannt
lag rücklings sie ins Gras gebannt.
Und aus dem offnen Bauche quoll
der Darm der Taube grauenvoll.
Die Krähe hat sie aufgehackt,
wie lag im Tode sie so nackt.
Du hast ihr aufgewühlt ein Grab,
daß sie im Dunkel Frieden hab.
Du fühltest Wind und Regen kaum,
ein Schatten gingst du wie im Traum.
Dame Künstlerin
Was Dame Künstlerin zusammenschmiert,
ein Albtraum, ein obszönes Laichgekröse,
ward nicht von hohen Musen inspiriert,
nur von dem sauren Anhauch ihrer Möse.
Es gähnt steril ein Uterus,
und anonymer Würmer Fäden zeugen
ihr einen pubertären Kunstgenuß,
wenn Gnomenphalli aus Gebüschen äugen.
Was einer dumpfen Seele ausgepresst,
soll ätzend auf des Bürgers Glatze tropfen,
der grinsend bald das Atelier verläßt,
doch dessen Steuern ihr das Faulbett stopfen.
Sie fühlt es wohl, daß sie verlassen ist
vom Hauch, der Botticelli sanft umflossen
mit einer Anmut, die nur Liebe küßt,
den Blüten, die im Gnadenstrahle sprossen.
Das Blatt auf dem Maar
Des Herdes Flamme war noch nicht verglommen,
gleich jener, die dein Odem mir geschürt.
Wie Schwäne, die im Schlafe heimgeschwommen,
hat uns des Abschieds Woge kaum berührt.
Der Abend hieß uns unter Bäumen gehen,
und alles, was da noch zu sagen war,
verhallte rasch in ihrem sanften Wehen,
wie südwärts schluchzend eine Kranichschar.
Es glänzten aus dem Dämmer auf die Locken,
wo später Strahlen Seufzen sich verfing,
ich fühlte bang den heißen Herzschlag stocken,
als falterblaß dein Winken unterging.
Und als ich schlaflos in das Dunkel lauschte,
das dunkler als dein dunkles Auge war,
war mir, als ob dein Haar noch leise rauschte.
Ich trieb ein Blatt auf einem toten Maar.
Nach Seinem Bilde (1 Mose, 1, 27)
Als hätte, die geleuchtet, Lettern
der Harn der Dunkelheit verätzt.
Als hätten unter bösen Wettern
die Initialen sich zersetzt.
Und jener Augen grüne Seen,
die reinen Spiegel hohen Lichts,
was ließ ins Trübe sie zergehen,
aus ihnen sprechen: „Glaube nichts“?
Die edlen Verse uns zu bergen
verspricht der Urschrift Palimpsest,
doch unterm Schorf von Lügenschergen,
vom hohen Bilde blieb kein Rest.
Aus Haß zerrissen, Liebesbriefe,
die Reue leimt sie sich aufs neu,
der Ähren Auswurf in die Tiefe
liest keine Sonne mehr, bleibt Spreu.
Versickerte des Wortes Quelle
in einem wuchernden Morast?
Sitzt auf des Paradieses Schwelle
der Dämon, der die Rose haßt?
Was ist es, das an Lippen zerrte
und in die Augen füllte Tran?
Es ist der Sünde stumpfe Härte,
es ist der eitlen Seele Wahn.
Noch kennen wir sie von Ikonen,
die Hoheit jenes Angesichts,
doch geistlos sind die Epigonen,
sie malen Schatten fahlen Lichts.
Heilige Nacht
Wie wurde unser Herz geweckt
vom Klang der hohen Glocken.
Die Erde hatte weich bedeckt
die Sanftmut weißer Flocken.
Voll Odem war die Winternacht,
als wir zur Krippe gingen.
Wir fühlten nah die Wundermacht,
der Engel Gnadenschwingen.
Ins Dunkel brach die Knospe blau
wie eine Herbstzeitlose.
Wir dankten unsrer lieben Frau,
der nachterblühten Rose.
Wie wurde uns das Knie gebeugt,
als wir es lächeln sahen,
das Kind, vom hohen Geist gezeugt,
dem Ochs und Esel nahen.
Wir wußten Heil und Leid verwandt,
erblickten wir die Lämmer
gelagert um des Holzes Brand,
den Sternenstrahl im Dämmer.
Schwermut
Das Fleisch verzweifelt, Lust wird seicht.
Der Geist ist mehr nicht als ein Faden
aus Staub, der einem Wandrer gleicht,
fern sich zu finden fremde Gnaden.
Noch grünt die Mistel im Geäst,
wenn schon die leeren Blätter sanken.
Noch glänzen Schalen nach dem Fest,
doch blassen, die sie kränzen, Ranken.
Irrt überm Grab die Seele bang,
kann doch ein Gott ihr nicht mehr geben
das Herz, nach dessen Takt sie sang,
die Augen, sie ins Blau zu heben.
Erblüht auf Gipfeln, Enzian,
das Bild wird grau, der fromme Glaube.
Ins Heck beißt schon Leviathan,
sie kommt nicht wieder, Noahs Taube.
Philosophische Aphorismen
Den Fluch oder den obszönen Ausruf, den der unter dem Tourette-Syndrom Leidende uns entgegenschleudert, nehmen wir nicht für bare Münze, denn wir erachten seine unwillkürlichen Interjektionen nicht für bedeutungsvolle Aussagen. Sie wurden, sagen wir, von einer neuronalen Fehlschaltung im Gehirn des Patienten ausgelöst, aber nicht durch seine Absicht, uns zu beleidigen oder zu beschämen.
Den Fluch und den obszönen Ausdruck, den uns einer entgegenschleudert, dessen Gehirntätigkeit wir als normal oder gesund und den wir nicht als geistesgestört ansehen, nehmen wir dagegen für bare Münze, denn wir erachten sie für bedeutungsvolle Aussagen. Wir fühlen uns durch eine Äußerung unangenehm berührt, beleidigt oder beschämt, wenn wir annehmen, daß der Sprecher mit ihr eine solche Absicht verfolgt, nämlich, uns zu beleidigen oder zu beschämen.
Wie im Falle des Kranken muß es auch im Falle des Gesunden, dessen Äußerung wir ernst nehmen, einen ähnlichen Gehirnvorgang gegeben haben, der bewirkte, daß der Sprecher seine Sprechwerkzeuge auf jene Art und Weise gebraucht hat, die allerdings für uns die Bedeutung einer Beleidigung oder Beschämung hatte. Doch ebensowenig wie dem Feuern der Neuronen im Gehirn des Kranken können wir demjenigen des Gesunden eine semantische Qualität zusprechen.
Von einer Fehlzündung oder Fehlschaltung im Gehirn des Kranken zu sprechen ist freilich eine Façon de parler, denn sie beruht auf einer semantischen Qualifikation des von ihm unwillkürlich Geäußerten, nämlich, daß es die normale Kommunikation unterläuft, während das, was im neuronalen System des Kranken abläuft, rein kausalen Gesetzen gehorcht.
Betrachten wir die Gehirnvorgänge unter dem Elektronenmikroskop oder im Scanner, weist uns nichts darauf hin, ob der eine Vorgang eine nichtssagende Äußerung begleitet, wenn der Kranke einen Fluch und eine Beleidigung ausstößt, oder aber eine sinnvolle Äußerung, zu der wir den Probanden auffordern.
Was immer an grammatisch-semantischen Kriterien gemessen eine bedeutungsvolle von einer nicht bedeutungsvollen Äußerung oder Aussage unterscheidet, der Unterschied kann kein neuronaler oder physischer sein, denn physische Ereignisse haben keine semantischen Eigenschaften, sie laufen diesseits dessen ab, was wir als bedeutungsvoll oder sinnlos, als wahr oder falsch erachten.
Wer die Behauptung aufstellt, alle mentalen Phänomene, also Überzeugungen und demnach auch die sie zum Ausdruck bringenden Behauptungen, seien eine Funktion physischer und näher betrachtet neuronaler Vorgänge und durch diese vollständig determiniert oder sie seien mit physischen und neuronalen Vorgängen identisch, macht keine sinnvolle oder bedeutungsvolle Aussage; seine Behauptung ist inkonsistent, insofern sie sich selbst der semantischen Kraft sinnvoller Äußerungen beraubt. Sie hat somit den semantisch leeren Status dessen, was ein Roboter an syntaktischem Output generieren könnte. Wir werden weder Äußerungen für bare Münze nehmen, von denen wir annehmen, daß ihnen keine bewußten Überzeugungen und Intentionen zugrundeliegen, noch Behauptungen, die implizieren, daß der beliebigen Äußerungen zugesprochene intentionale Gehalt und die ihnen zugrundeliegende Sprecherabsicht für ihr Entstehen irrelevant sind.
Unser Hinweis „Dort geht Freund Peter!“ ist eine bedeutungsvolle Aussage, insbesondere aus dem Grund, weil sie falsch sein könnte, wenn wir uns bei der korrekten Identifikation der Person geirrt haben. Wenn sie falsch ist, wird unsere zugrundliegende Überzeugung oder Meinung, daß dort Peter gehe, unterminiert, während sie durch die Tatsache, daß dort tatsächlich unser Freund Peter geht, bestätigt wird.
Nur Überzeugungen können richtig oder falsch sein, nicht aber physische Ereignisse und neuronale Prozesse; nur Sätze, die eine Überzeugung zum Ausdruck bringen, können grammatisch sinnvoll gebildet und semantisch gehaltvoll sein, nicht aber physische Ereignisse und neuronale Prozesse.
Wenn der Hinweis „Dort geht Freund Peter!“ von einem Roboter generiert würde, der über ein Programm visueller Wiedererkennung mittels Abgleich eingelesener Bilddaten verfügte, betrachteten wir die Äußerung nicht als wahr, auch wenn es sich bei der identifizierten Person tatsächlich um Peter handelt, wie auch umgekehrt nicht als falsch, wenn es sich bei der Person nicht um Peter handelt, denn ihr liegt keine Überzeugung oder Meinung zugrunde, daß diese Person Peter ist. Roboter haben keine Überzeugungen oder Meinungen – und wenn wir Gehirne als Modelle neuronaler Maschinen konzipieren, müssen wir davon ausgehen, daß sie wie alle Maschinen keine Überzeugungen bilden können, deren Äußerung wahr oder falsch sein kann.
Ebensowenig wie wir im Falle des unwillkürlichen Fluchs aus dem Munde des Kranken davon sprechen können, er habe sich im Ton vergriffen, können wir im Falle des Roboters, der uns eine Aussage, die wir als falsch erachten, auftischt, von einem Irrtum oder einer Lüge sprechen; denn wir können weder davon ausgehen, daß er sich irrt, weil er von dem falschen Sachverhalt überzeugt ist, noch daß er lügt, weil er um den wahren Sachverhalt weiß. Maschinen, Roboter und Gehirne, konzipiert als Modelle deterministischer Systeme, können sich weder irren noch lügen – nach dem semantischen Kriterium dessen, was wir Irrtum oder Lüge nennen.
Wenn uns jemand mit dem Hinweis kommt „Dort geht mein Freund, der Staatsminister N. N.“, aber uns gleich um jede Annährung zu vermeiden am Ärmel weiterzieht, können wir davon ausgehen, daß jene Person wohl der Staatsminister N. N., nicht aber sein Freund oder aber weder der ominöse Staatsminister noch sein Freund ist; denn wir wissen um die Renommiersucht unseres Bekannten. In jedem Falle hat er die Verneinung dessen, was jeweils seine Überzeugung ist, geäußert, und also gelogen. Denn lügen können wir nur, wenn wir eine Überzeugung negieren und abstreiten, die wir für wahr erachten.
Neuronale Systeme, deren technisches Modell wir ohne weiteres entwerfen können, sind weder fähig, Überzeugungen von bestehenden oder nicht bestehenden Sachverhalten, also wahre oder unwahre Meinungen zu hegen, noch a fortiori die von ihnen als wahr oder unwahr angenommene Überzeugung als unwahr oder wahr auszugeben und also zu lügen.
Wer die Behauptung aufstellt, Gehirne oder ihre technischen Modelle, Roboter und neuronale Maschinen, könnten wahre oder unwahre Überzeugungen bilden und zum Ausdruck bringen, weiß nicht, was es heißt, Überzeugungen zu haben und aus ihnen wahre oder unwahre Aussagen abzuleiten.
Etwas Wahres oder Falsches zu sagen, heißt nicht, seine Sprechorgane mittels neuronaler Steuerung zu betätigen, sondern zu meinen, was der Satz jeweils sagt, auch wenn seine Verlautbarung nur durch die Betätigung der Sprechorgane und ihre neuronale Steuerung möglich ist.
Ebensowenig wie die Bedeutung eines Satzes durch die Reihe der in ihm enthaltenen Laute bestimmt wird, denn der Satz „Es regnet“ mag je nach Äußerungskontext und Sprecherintention das eine Mal bedeuten „Bleiben wir zu Hause!“, das andere Mal „Nehmen wir den Regenschirm mit!“, ist eine Person durch die Sequenz der in ihrem Gehirn sich abspielenden neuronalen Ereignisse vollständig determiniert.
Peter und Hans, in deren beider Gehirne aufgrund identischer Reize dieselben neuronalen Ereignisse stattfinden, bleiben die uns bekannten unterschiedlichen Personen. Und wenn aufgrund desselben Typs neuronaler Ereignisse Peter mit seiner Äußerung „Es regnet“ meint „Bleiben wir zu Hause“, meint Hans mit derselben Äußerung „Nehmen wir den Regenschirm mit!“
Ebensowenig wie die Linien und Farbflecken eines Bilds mit dem Porträt identisch sind, das wir darauf wahrnehmen, sind die Neuronen und die zwischen ihnen stattfindenden elektrochemischen Signalübertragungen im Gehirn mit der Person identisch, deren Äußerung und Gebaren wir verstehen.
Der Ptolemäer und der Kopernikaner verfügen über dieselbe Struktur visueller Wahrnehmung und ihre Gehirne absolvieren folglich dieselbe Art von neuronaler Informationsverarbeitung, wenn sie den Sonnenaufgang betrachten; doch wenn sie sagen, die Sonne gehe auf, meinen sie etwas sehr Verschiedenes: einmal, daß die Sonne ihren Lauf um die Erde anhebt, das andere Mal, daß sich die rotierende Erdkugel in eine bestimmten Position zu der von ihr umkreisten Sonne begibt. Und wir wissen, daß die eine Meinung mit den kosmischen Tatsachen übereinstimmt, die andere nicht.
Bedeutung und Wahrheit sind keine physischen Eigenschaften von Dingen und Ereignissen, weder von physischen Weltereignissen noch von neuronalen Vorgängen, sondern semantische Eigenschaften von Sätzen und aus Satzsystemen bestehenden Überzeugungen.
Wir verstehen die Bedeutung willkürlicher Körperbewegungen, wenn wir sie als Wirkung einer Absicht verstehen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder einen präferierten Zweck zu verwirklichen; Ziele und Zwecke aber verstehen wir wiederum als Gegenstände von Überzeugungen. So verstehen wir, was einer tut, der eine Musik-CD auflegt, aus seiner Absicht, Musik zu hören; Musik zu hören wiederum verstehen wir als den von der Person präferierten Zweck und als Gegenstand ihrer Überzeugung, die Erlangung dieses Zwecks derjenigen aller anderen möglichen Zwecke in diesem Moment vorzuziehen.
Wir unterstellen die Wahrheit einer Äußerung als Antwort auf unsere Frage, wenn wir sie als Ausdruck der Absicht verstehen, uns eine Tatsache mitzuteilen, beispielsweise, daß der Sprecher gestern unseren Freund Peter gesehen hat; die mitgeteilte Tatsache wiederum verstehen wir als Ausdruck der Überzeugung des Sprechers, nämlich, daß er unseren Freund Peter gestern gesehen habe.
Eine Maschine und ein neuronales System haben, wenn sie uns auf unseren Befehl hin einen informativen Output generieren, weder die Absicht, uns mit einer wahren Mitteilung auf die Sprünge zu helfen oder reinen Wein einzuschenken noch uns gegebenenfalls mit einer trügerischen Nachricht hinters Licht zu führen; wenn sie uns infolge einer Fehlprogrammierung unzutreffende Informationen oder Datensalat liefern, geschieht es nicht, weil sie wer weiß was im Schilde führen.
Wir können Absichten zumeist aus der unmittelbaren Beobachtung von willkürlichen Körperbewegungen erschließen, doch nicht immer die ihnen zugrundeliegenden Überzeugungen. Wir sehen jemandes Absicht, seine Freundin zu überraschen, verwirklicht, wenn er ihr einen üppigen Blumenstrauß überreicht; doch wir können dieser Geste nicht unmittelbar entnehmen, ob er glaubt, er könne sie auf diese Weise erfreuen, beeindrucken oder nach einer vorausgegangenen Verstimmung versöhnen.
Wäre jemandes Absicht, seine Freundin am nächsten Tag mit einem Blumenstrauß zu überraschen, vollständig von seinen vergangenen Erlebnissen und den gegenwärtigen neuronalen Vorgängen in seinem Gehirn determiniert, wäre sie für das, was er am nächsten Tag tut, nämlich einen Blumenstrauß zu erstehen und sich auf den Weg zu seiner Freundin zu machen, gänzlich ohne Belang. Wenn er aber nicht anders handeln konnte, als er handelte, weil sein Handeln vollständig determiniert war, verliert, was er tut, jeglichen Sinn; sein Geschenk wäre kein Geschenk, denn wir können schenken nur, was wir dem anderen auch hätten vorenthalten können.
Wenn wir, was wie äußern, wie der unter dem Tourette-Syndrom Leidende äußern müssen, sagen wir nichts.
Wir können nur etwas Sinnvolles sagen, wenn wir auch hätten schweigen können.
Der Determinist muß Behauptungen aufstellen, die er seiner eigenen Theorie gemäß, daß alle mentalen Ereignisse physische Ereignisse und also vollständig determiniert sind, nicht durch Argumente stützen kann, die mittels logisch korrekter Folgerungen gebildet worden sind.
Wenn wir beobachtet haben, daß immer dann, wenn es regnet, die Straßen naß werden, folgern wir aus der Beobachtung des Regens, daß die Straßen nun naß werden. Die logische Folgerung scheint uns wohl zwingend, aber der logische Zwang ist keine physische Notwendigkeit; und wir können falsche Schlüsse ziehen, wenn wir aus der Tatsache, daß die Straße naß ist, folgern, daß es geregnet hat.
Das logisch wohlgeformte Argument ist ein untrügliches Kennzeichen und einzigartiges Werkzeug der menschlichen Vernunft, mit dem wir aus wahren Aussagen weitere wahre Aussagen oder aus empirisch gut gestützten Vermutungen Folgerungen ableiten können, deren Wahrscheinlichkeitsgrad wir bemessen können.
Wir können uns irren und unwahre Aussagen bilden; die Ereignisse der Natur, ob der Zerfall von Atomen oder das Feuern von Neuronen, mögen indeterministischen oder deterministischen Gesetzen gehorchen, aber sie können sich nicht irren.
Das Ungeheuer aus dem Meer
Das Meer, es ruft.
Das Meer, es kommt.
Die Luft ist weiß vom Salze.
Die Luft ist voller Rauschen.
Der im grünen Abgrund lauert,
wüster Gott im Ozean,
dessen Hauch in Sagen schauert,
schnaubend steigt Leviathan.
Die Woge kocht.
Die Woge schäumt.
Die Luft ist grau von Flocken.
Die Luft ist voller Seufzen.
Weh, die keine Kiemen haben,
keine Flosse trägt ans Licht,
ihnen klafft der Urweltgraben,
sie erstickt, der Dunkles spricht.
Das Meer, es brüllt.
Das Meer, es steigt.
Die Luft ist schwarz von Geifer.
Die Luft ist voller Klagen.
Daß die Arche sie noch finden,
Seelen, die das Heil verdient,
Heimat mag die Taube künden
mit dem Zweig, der schon ergrünt.
Bärtige Vierzeiler
I
Auch glattrasiert sind Kinn und Wangen
des Mannes rauh genug vom Bart.
Die Frauen, die nach ihnen langen,
an Stoppeln wird ihr Fühlen zart.
II
Dem laue Milch ums Kinn geflossen,
der Jüngling denkt, es ist ein Scherz,
noch hat den Wein er nicht genossen,
der dämpft der Liebe heißen Schmerz.
III
Vor jenen Weisen, die wir schauten
auf Stelen im Gymnasium,
mit Bärten, die sich wogend stauten,
Pennälerflaum, wie schien er dumm.
IV
Die silbernen, sturmwindgeblähten,
die Mähnen, sprühender Gesang,
die Feuerbärte der Propheten
erhellten unsern dunklen Gang.
V
Daß er der Frauen Sanftmut fühle,
sprießt borstig einem Mann der Bart.
Daß sie mit Tau die seine kühle,
ist Mädchenwange lilienzart.
VI
Einander Fremde müssen wohnen
die Ricke und das Borstenvieh.
Der Rauhbart soll die Holde schonen,
daß sie den Borsten nicht entflieh.
VII
Zieht unwirsch über ihrer Lippe
das Alter einen Aschenstrich,
denkt er, du bist ja meiner Rippe
entwachsen und ich liebe dich.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette