Diminuendo
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Mit der Sprache über die Sprache gegen die Sprache denken.
Wenn wir uns an den Namen des Freundes aus Kindheitstagen nicht erinnern, können wir nicht im Buch der Erinnerung nachschlagen.
Die verfängliche Vorstellung, unsere Erinnerungen hingen wie Würste in der Vorratskammer des Gedächtnisses, das Gedächtnis sei eine Art Speicher oder Rumpelkammer, ist ein schiefes Bild, das uns der gedankenlose Sprachgebrauch aufdrängt.
Das Buch hat ein Register, das Lexikon Lemmata, das Gedächtnis hat keine Metaebene seiner selbst.
Wir können über die Sprache nur mittels und innerhalb der Sprache nachdenken. Wir können als deutsche Romanisten über Dantes Wortgebrauch in deutscher Sprache handeln; aber wir können die Sprache nicht von einem außersprachlichen Terrain aus betrachten.
Wir können grammatische Strukturen nicht auf neuronale Netzwerke abbilden.
Dagegen können wir logische Strukturen wie die Wahrheitsfunktionen der durch Junktoren verknüpften Sätze auf elektronische Strukturen abbilden (Schalter ein, Schalter aus).
Aber dies zeigt nur, daß grammatische und logische Strukturen nicht isomorph sind.
Das Gleiche ist nicht dasselbe.
Der Mann, der vor einer Stunde in das gegenüberliegende Haus trat, und derjenige, der jetzt das Haus verläßt, muß nicht derselbe sein, auch wenn uns das Gedächtnis dies suggeriert, weil er ihm sehr ähnlich sieht (er könnte sein Zwillingsbruder sein).
Wir erinnern uns daran, in dieser und jener Stadt, dieser Straße und jenem Haus gelebt zu haben; dann hat unsere Erinnerung eine Lücke; hernach sehen wir uns gleichsam wieder aus dem uns vertrauten Haus treten. Sind wir es aber oder jemand, der uns sehr ähnlich sieht?
Die Erinnerung hat wie die Sprache keine Metaebene, von der aus wir ihre Aussagekraft ermessen und beurteilen könnten; wir können Erinnerungen nicht durch Erinnerungen verifizieren.
Der Passant erinnert uns an unseren alten Freund Peter, wir sagen uns: „Das ist doch Peter, er hat sich in den vergangenen Jahren wohl stark verändert, er hat sich die Haare gefärbt, trägt jetzt elegante Kleidung, seine Mimik, seine Gangart wirken seltsam, so beinahe, daß er wie Hans ausschaut.“ Doch wenn wir ihn fragen und er behauptet, nein, er sei nicht Peter, sondern Hans, fühlen wir uns genarrt oder glauben zu träumen.
Ein digitaler Stimmengenerator gibt ein Gedicht von Trakl ton- und ausdruckslos wieder; dann hören wir dasselbe Gedicht ausdrucksvoll von Oskar Werner rezitiert. – Was Ton und Ausdruck meinen, ist schwierig zu fassen, aber das Eingangstor zur dichterischen Sprache.
Der Atembogen des Gedichts. Auf welchen Pfeilern ruht er auf? Er schwebt im Leeren.
Der Zeigefinger zeigt auf den Gegenstand; worauf die musikalische Geste, worauf die poetische Metapher?
Die Rose Liebe, die nicht stirbt. – Nun kennen wir nur Rosen, die welken.
Auf die Rose, die welkt, können wir zeigen; nicht auf die absolute Rose des Gedichts.
Der Lehrer zeigt auf das Reagenzglas; er fordert die Klasse auf, genau hinzuschauen (ob es aufgrund der chemischen Reaktion beispielsweise angelaufen ist).
Der Wanderführer zeigt auf die Burgruine, die sich auf dem gegenüberliegenden Hügel erhebt; seine Geste besagt: „Dorthin wollen wir gehen.“
„Der Mönch am Meer“ auf dem Bild von Caspar David Friedrich ist die Verkörperung der romantischen Geste ins Grenzenlose, Ungeheure, Übermenschliche.
Aber, könnte man sagen, auf das Grenzenlose können wir nicht zeigen, nur auf etwas, was räumlich abgegrenzt ist. – Wie also funktioniert die Bild-Metapher?
Wenn der Tristan-Akkord als mehrdeutig empfunden wird, folgt daraus nicht, daß er eine musikalisch unklare, zwittrige, obskure Geste wäre.
Der falsche Ton; Emphase, wo Verhaltenheit angemessen wäre, Ermattung, Ausdrucksleere, wo die Kurve der Empfindung anschwillt; ein zu heftiger Anschlag der Tasten, wo die Seele aushauchen will.
Muß der Schauspieler empfinden, was er sagt, oder gefühlsmäßig in seiner Rolle aufgehen? Doch derjenige, der den König Lear gibt, muß äußerst konzentriert, gleichsam innerlich still, mit angehaltenem Atem bei sich bleiben, auch wenn er den Wahnsinn des Gequälten im Heulen der Sturmnacht darstellt.
Die betrogene Geliebte hört den falschen Ton aus den Treueschwüren des Untreuen untrüglich heraus, auch wenn sie von einem exzellenten Schauspieler vorgebracht würden, der in der Rolle des Don Juan überzeugte.
Wenn der Heiratsschwindler die Getäuschte um ihr Vermögen gebracht hat, wissen wir nicht, ob ihre weibliche Intuition zu schwach oder ihre qualvolle Sehnsucht zu stark gewesen ist.
Individuum est ineffabile.
Das Wesentliche, Individuelle, Singuläre (und das, was wir sind, was uns ausmacht) läßt sich nicht sagen; wir können nur Vergleiche zur Verdeutlichung heranziehen: „In seiner Nähe fühlte ich eine Bedrückung wie vor einem aufkommenden Gewitter an einem schwülen Sommernachmittag.“ – „Die Klarinette tönte wie jammerndes Quäken.“
Wir helfen uns, und oft nicht ungeschickt, mit synästhetischen Brücken: Ihr Gang ist schwebend, sein Witz ist blendend, scharf, ätzend, beißend, der Geschmack des Weins ist abgestanden, faulig, wässrig, fade.
„Dieser Riesling hat eine leicht säuerliche Note, abgemildert durch einen fruchtigen Beigeschmack von Quitten und Stachelbeeren.“ Wie dem auch sei; aber wir können nicht anhand einer solchen noch so blumigen Beschreibung des Connaisseurs den gemeinten Riesling in einem Blindversuch aus einer Reihe von aufgetischten Weinen herausschmecken.
Keine Beschreibung ist hinreichend detailliert, um ihr Objekt eindeutig zu identifizieren. – Um Objekte eindeutig zu identifizieren, gebrauchen wir Eigennamen, die ihnen gleichsam in einem einmaligen Taufakt verliehen worden sind. – Bei der Erwähnung des Namens „Georg Trakl“ wissen wir, wer gemeint ist; den verbreiteten Eigennamen „Peter Müller“ müssen wir mindestens um ein oder zwei spezifische Daten ergänzen (Geburtsdatum, Geburtsort), um aus der Heerschar aller Müllers den gemeinten Peter herauszufischen.
Die Stimmigkeit des gesuchten Worts, der erwünschten Wendung ertasten, fühlen, wittern; was der Dichter aus der ersten Aufzeichnung gestrichen hat, verrät uns manches über sein sprachliches Witterungsvermögen, seinen poetischen Instinkt; aber auch die Tatsache, daß manche, seltene Dichter wie Hofmannsthal kühn, sicher, beinahe unwillkürlich geschrieben zu haben scheinen, denn wir sehen keine einzige Korrektur im Autographen.
Und wenn die Hand, man möchte sagen kopflos, wie im Schlaf, somnambul, geschrieben hätte, wie ein Windhauch durch Halme streicht, über die Zeilen hinweggeglitten wäre?
Gräser, Halme, Ziffern. Sie biegen sich im Wind, recken sich wieder empor.
Freilich, die Ècriture automatique versagt oder speit nur kümmerliche Wort-Ejakulate aus, wenn nicht ein Breton, ein Artaud oder Soupault in ihr herumgeistert, sondern ein mit Zeitungsphrasen vollgestopfter deutscher Michel an ihr entlangstolpert.
Dostojewskij mag als der große Sentimentale und religiöser Hysteriker faszinieren, aber er enttäuscht als magerer, anämischer Stilist, der hinter der Fülle und Plastizität eines Puschkin oder Tolstoi zurückfällt.
Dem kleinen Journalisten und dem allseits bewunderten Groß-Schriftsteller sieht man die hingeschluderten Sätze, die windschiefen Bilder und die häßliche Warze auf der hochgereckten Nase rhetorischer Übertreibung nach, wenn sie nur das bunte Fähnlein der richtigen Gesinnung auf dem Schindanger ihrer Bekennerschreiben aufpflanzen.
Grell bemalte, sterile Trans-Puppen, die von der glorreichen Zukunft der um etliche Geschlechter bereicherten Menschheit schwadronieren..
Früher absolvierte der deutsche Michel sein geistiges Notabitur ohne Beanstandung, wenn er im Aufsatz hinreichend oft die Begriffe Reich, Führer und Überlegenheit der germanischen Rasse hinschmierte, heute schinden Begriffe wie Toleranz, Gleichheit und Überlegenheit der westlichen Werte dasselbe heraus.
Adam scheint im Paradies mit dem alten Herrn noch auf Augenhöhe konferiert zu haben, wenn er, zwar in dessen Auftrag, diesem gleichsam nachspricht und den Tieren Namen gibt.
Warum den Tieren, nicht aber den Blumen, fragen wir den jüdischen Geist. – Die alten Hebräer brachten ja ihrem eifersüchtigen Gott hekatombenweise blutige Tieropfer dar, nicht wie die leicht geschürzten Gauguin-Mädchen der ozeanischen Sonneninseln ihren lächelnden Götzen wohlriechende Blumengebinde.
Die Sprache des Paradieses, in der sich der Schöpfer mit seinen Geschöpfen unterhielt, glich sie dem logisch reinen Kristall des frühen Wittgenstein, dessen subtile und streng symmetrisch angeordnete grammatische Gitter keinen Schatten des Mißverstehens warfen? – Wie aber konnte Satan, die Schlange, in derselben Sprache lügnerisch-diabolisch zischen?
Aus dem Paradies vertrieben, scheint Adam alsbald die Fähigkeit verloren zu haben, sich mit Gott in dem alten Idiom auf Augenhöhe zu unterreden. – Der Glaube gewisser Propheten und Dichter, Reste der paradiesischen Sprache seien wie im Bernstein eingeschmolzene Insekten und Falter in urtümlichen Schriftzeichen und enigmatischen Sprachbildern der Vorzeit enthalten; Glaube, der von den sprachmagischen Spekulationen der jüdischen Kabbala bis zur deutschen Mystik, zu Böhme, Hamann und Novalis reicht.
Freilich, Adam benannte, was Gott ihm zeigte; schöpferische Kraft war seinem Nennen nicht vergönnt. – Hätte Gott Adam, wenn er bei der Benennung von der Nomenklatur Linnés abgewichen wäre, korrigiert?
Die Intuition der reinen Poesie, als könne das dichterische Wort ins Dasein, wenn auch nur ins Dasein des Gedichtes, rufen, was es beschwört.
„Kein Ding sei, wo das Wort gebricht“ – diese gnomische Wendung Stefan Georges definiert eine Poetologie, keine Ontologie.
Ein Murmeln, ein Flüstern, ein Raunen löst sich wie der Nebel über dem Hochgebirgssee im einbrechenden Strahl des Morgens auf in eine klare, azurblaue Stille.
Das Rinnsal dichterischen Wortes seufzt hin und versickert nach und nach im blütenlosen Karst des Schweigens.
Auf dem Stein bleibt lesbar noch der Name, und auch er wird halb schon von Moos und Efeu verdeckt.
Wir nehmen am Abend das Buch wieder zur Hand, worin wir gestern gelesen, doch das Lesezeichen ist ihm entglitten; so legen wir es zurück zu den anderen, löschen die Lampe und starren in das Dämmerlicht, das fahler und fahler aus dem Fenster fließt und schon über die Schwelle des Traumes leckt.
Die gellende Stimme der doktrinären Behauptung wird brüchig, die jubelnden Rufe der hohlen Begeisterung verhallen, das forcierte Crescendo der weltumgreifenden moralischen Aufrufe bricht ab, die lüsternen Schreie auf dem Markt der Meinung ersticken in einem apokalyptischen Rauch.
Der Großsprecher aus der ersten Reihe wird kleinlaut. Ist er unglücklich verliebt, liegt seine Mutter im Sterben, hat er angefangen, im „Nachsommer“ zu lesen?
Der im Seminar als ideologischer Rädelsführer stets eine dicke Lippe riskiert hat, ist plötzlich verstummt. Wurde er von seiner Freundin betrogen, hat die Revolution sich als käufliche Mätresse entpuppt, da sie ihre zerbeulte Lederjacke wegwarf, in Seidenkleider und verführerische Dessous schlüpfte und bei jenem feschen Beau, ja dem mit der blonden Strähne, der diamantverzierten Uhr und dem Sportwagen, einzog?
Nach dem Brausen des Sturms der Geschichte, dem Geklirr der Waffen auf den Schilden des Siegs dämpft Horaz den hohen Ton der Ode, und seine Stimme wird leise wie das Säuseln im Laubdach bukolischer Dämmerung, unter dessen lieblich flirrenden Schatten er dem Freund aus irdenem Krug den schlichten Sabinerwein einschenkt.
Das Rauschen des Brunnens der Erinnerung wird leiser, ein Murmeln und Glucksen, das, als hätten wir es geträumt, nun gänzlich versiegt.
Das Wort der Gnade
Dein Wort war wie ein stilles Schneien
in sternenloser Mitternacht.
Dein Wort war wie ein Benedeien,
das welken Blüten Tau gebracht.
So wollen wir im Dämmer schreiten
auf hellem Pfad zum hohen Schrein,
wo Engel uns das Mahl bereiten,
das du gesegnet, Brot und Wein.
Dein Hauch war wie ein heißer Odem,
der Spreu und Spelz ins Dunkel blies.
Dein Wort, das Korn, sank aus dem Brodem,
das Licht der Hoffnung ins Verlies.
So laßt uns tiefe Furchen graben
durch treuer Herzen Fruchtgebiet,
zu harren auf der Sonne Gaben,
die lichte Saat, das hohe Lied.
Wie Rauschen ward zu Lallen
Als hätte sie bezaubert Sapphos Mond,
ist die am Tag noch schlief,
die Knospe aufgegangen.
Wie hat geträumt sie tief,
vom eignen Schoß umfangen,
nun singt den Duft das Herz, vor dem sie thront.
Als hätte vollgepumpt es Benn mit Bier,
ist das mit Wolken flog,
das Lied ins Loch gefallen.
Wie sich der Fittich bog,
wie Rauschen ward zu Lallen,
nun knistert ihm das Herz wie Schmierpapier.
Als wir bei den Schatten lagen
Von schwankem Kahne kam ein Singen,
am Ruder tropfte Reim um Reim,
und höher rauschten sehnend Schwingen,
die Kranichschwärme flogen heim.
Was noch wir hätten sagen mögen
auf Pfaden zwischen Tag und Traum,
sank schauernd von den Laubenbögen,
und perlte hin und glänzte kaum.
Spät, da wir in die Lichtung traten,
war sie von Dahlien noch besonnt,
wie Mädchen, die um Schonung baten,
mit Augen blau, mit Locken blond.
Und als wir bei den Schatten lagen,
barg ich mein Haupt in deinem Schoß,
was keines Mund noch konnte sagen,
rann stummer Tau von stummem Moos.
Wir gingen durch die Nacht
Wir gingen durch die Nacht, wo goldne Trauben
wie Küsse süß uns angeglüht,
doch keiner mochte von den Reben rauben,
Durst war noch wach, die Herzen müd.
Dein Fuß, wie er an Feuerlilien streifte,
blieb taub, als netzte ihn der Tau,
Korallenblatt, das schon ins Zwielicht reifte,
zog es mein Herz zurück ins Blau.
Ein jeder Blick, der blind in deinen feuchten
hat tauchen wollen, ward genarrt,
weil deine Geißel-Wimpern ihn verscheuchten
vom Abgrund, wo der Schmerz verscharrt.
Und jedes Wort zerfiel in deinen Ohren
zu dunklem Rieseln, weißer Gischt,
dein Wort, das wehe, blieb mir unverloren,
ein Schlegel, der mein Schweigen drischt.
Der Sprachkristall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Einen Kuß, ein Empfinden nennen wir süß, ein anderes bitter; einen Ton hoch, einen tief; eine Klangfolge schwebend, sinkend, steigend, unentschieden; eine Farbe hell oder dunkel, düster oder heiter.
Wenn wir eine Blume, die Nelke heißt, als Veilchen bezeichnen, haben wir uns geirrt und werden zurecht korrigiert. – Wenn wir ein trauriges Lied nicht als traurig empfinden, können wir nur schwerlich eines besseren belehrt werden.
Können wir lernen, ein trauriges Musikstück als ein solches zu empfinden, aufzufassen, zu verstehen?
Ist wie Kultur des Geschmacks Gefühlskultur möglich?
Wir schließen nicht aus der traurigen Miene, der verzagten Stimme, der schlaffen Geste, dem schleppenden Gang, daß dieser Mensch traurig ist: Wir sehen es. – Wenn der Mensch ein Schauspieler ist, der Hamlet darstellt, sehen wir es gleichfalls; aber wir schreiben die physiognomischen Erscheinungen, die wir als Ausdruck von Traurigkeit oder Melancholie auffassen, nicht dem Schauspieler zu, sondern der Figur, die er spielt, der Rolle, die er verkörpert.
Woran erkennen wir den Simulanten des Gefühls? – Der da Mitgefühl mit den Armen in Übersee heuchelt oder medial effektvoll (und lukrativ) inszeniert, aber seine Mutter, seine Frau, seinen Freund im Stich läßt.
Wir könnten in das Gehirn des traurigen Menschen blicken, aber nicht am MRT-Scan ersehen, daß er traurig ist; wir könnten es vielleicht anhand der Aufnahme des Gehirnes (aufgrund vergleichbarer Fälle) folgern.
Wir beißen in den Apfel und empfinden einen sauren Geschmack; die chemische Formel der Säure suggeriert uns keine entsprechende Geschmacksempfindung.
Gibt es „da draußen“ die objektive, aller sinnlichen Qualitäten und allen Sinnes bare Welt, die Welt der Physik, auf die wir, was wir qualitative Eigenschaften nennen, projizieren?
Freilich, der Schnee ist ein Kristall, den der Physiker objektiv zu beschreiben vermag; aber die Jahreszeit, die ihn uns auf Dach und Wiese weht, ist ein Teil unserer Lebenswelt, den es nur „gibt“, insofern wir von Winter, Kälte und Schneeverwehungen im Horizont unserer sensiblen und begrifflichen Möglichkeiten reden.
Der Schnee des Gedichts weist freilich auf kein objektives Datum im Kalender, sondern auf einen chronometrisch unbestimmten Moment im Jahreszyklus der Seele.
Der Gesichtsraum ist wie der Klangraum, ja wie der logische Raum, gleichsam systematisch in sich abgedichtet und geschlossen; aber dann hat es keinen Sinn zu fragen, ob es da ein Draußen gibt, in dem er wie der Handspiegel in der Schublade verborgen liegt.
Die Farbe und der Ton sagen primär sich selber aus; wir können sie freilich sekundär zur Warnfarbe und zum Signalton verwenden.
Seine Umgebung färbt, tingiert, variiert den Sinn. – Der Kammerton a hat eine andere Wertigkeit in der Dur- oder Mollumgebung, nicht zu reden von der diatonischen oder mixolydischen.
„Ich komme wieder.“ – „Ich gehe jetzt.“ – Wie anders, wenn es die Mutter zum Kind sagt, die Geliebte zum treuen oder untreuen Liebhaber, wie anders, wenn der Seelsorger zum Genesenden oder Sterbenden.
Wir fühlen nicht, daß wir metaphorisch reden, wenn wir das Wetter heiter, die Miene verschlossen, das Augenzwinkern verschmitzt oder das Lob speichelleckerisch nennen.
Der philosophische Mythos der Bedeutung erwächst aus ihrer Verwechslung mit einer mentalen Eigenschaft, als schwebe sie gleichsam oberhalb der Sprache im luftleeren Raum.
Wenn wir sowohl eine Entscheidung als auch eine Handlung oder die Leitung einer sozialen Institution gerecht nennen, ist Gerechtigkeit dann nicht eine Art mentaler oder geistiger Eigenschaft, die wir losgelöst von den Entscheidern, Handelnden oder Leitern identifizieren können (wie Platon meinte)?
Die Sonne des Guten, die wir an den farbigen Brechungen dessen nur erahnen, was uns gut dünkt (auch wenn es schlecht ist).
Der Kristall der Idee, der umso reiner ist, je weniger farbiges Licht er streut.
Der Spielleiter mischt und verteilt die Karten unter den Teilnehmern zu gleichen Teilen, ohne viel nachzudenken, gleichsam automatisch (oder im Dunkeln).
Tugenden wie Gerechtigkeit, Klugheit oder Mäßigung, die wir in der antiken Mythologie und Dichtung zu gleichsam lebenden Allegorien erhoben finden, sind Personifikationen jener Attribute von Handlungen, die wir gerecht, klug oder maßvoll nennen.
Aber wenn der Satz „it is snowing“ und der Satz „Es schneit“ dasselbe meinen, drücken sie dann nicht denselben Gedanken aus? Doch gewinnen wir die Identität dieses Gedankens anders als durch den sprachlichen Ausdruck jener Sätze, von denen wir natürlich mit Recht behaupten, daß der eine jeweils die adäquate Übersetzung des anderen darstellt?
Der Schüler lernt den Unterschied zwischen andante, allegro und allegretto; der Lehrer erinnert ihn an den Unterschied zwischen Schreiten, Eilen und Rennen, an die Gangarten des Pferdes Tritt, Trab und Galopp. Ist das eine die Übersetzung des anderen?
Der iambische Vers verlangt ein schnelleres Lesen als der Hexameter oder der Vers der alkäischen Ode.
Wir bedürfen keines objektiven Zeitmessers, gleichsam eines poetischen Metronoms, um die Verhältnismäßigkeit der unterschiedlichen Leserhythmen des Iambus, des Hexameters und des alkäischen Verses zu ermessen.
Wir fühlen, wenn einer Goethes Marienbader Elegie zu hastig, zu laut, zu pointiert liest. Hören wir, um dies beurteilen zu können, ein metrisches Paradigma im inneren Ohr ab?
Ohne Wiederholung oder wiederholende Variation kein Rhythmus, ohne Spiegelung oder spiegelbildliche Umkehrung oder Verzerrung kein dichterisch-lebendiger Ausdruck.
„Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen“ – die Wendung Goethes scheint ohne Beispiel und poetisches Muster, und dennoch ist sie aus sich selber evident.
Das Erste und Letzte, das Früheste und Währende, worauf wir unsere Weltorientierung und unsere sprachliche Äußerung stützen, ist das, was sich von sich aus zeigt (Heidegger), das Urphänomen (Goethe).
Mit dem Licht haben wir sich komplettierende oder kontrastierende Farben, mit dem Klang Zusammenklang und Mißklang, mit dem Gefühl Lust und Erschrecken.
Der fein geschliffene Kristall bündelt und reflektiert die Strahlen der Sonne; das Gedicht ist ein Sprachkristall, er bündelt und reflektiert die Strahlen des Gemüts.
Manch ein Kristall hat trübe Stellen und opake Flecken; hier verfangen sich die von uns ausgesandten Strahlen, hier sind wir blind.
Ganz glatte, ebenmäßige Flächen, die nichts als abgedroschene Plattheiten oder fadenscheinige Metaphern darstellen: In ihnen spiegelt sich unser müdes Gesicht. – Aber wir lesen keine Gedichte, um dies zu sehen.
Indes, andere blinde Stellen, Schatten und Flecken entstehen und sind unvermeidbar aufgrund von unwillkürlichen Verbiegungen und Überschneidungen der Kristallgitter; hier fühlen wir am Rand des Rätselhaften oder Unverständlichen die Ohnmacht der Sprache und die Intransparenz und Willkür des Schicksals, ähnlich der „Verunreinigung“ und „Verschattung“ des leuchtenden Bernsteins aufgrund von eingeschmolzenen Insekten und Faltern. – In den späten Hymnen und hymnischen Entwürfen Hölderlins scheinen solche blinden Stellen, Schatten und Flecken sich bisweilen zu häufen.
Kristall des Gedichts, der nicht unsere momentane Befindlichkeit widerspiegelt, sondern in einer gleichsam unberührbaren Ferne aufglänzt, der Ferne einer ungeahnten Möglichkeit des Fühlens und Denkens.
Die Gitter des Sprachkristalls bilden die Rhythmen des Gedichts, Reime Tropfen des Lichts, die an ihnen gleichsam gefroren sind.
Mehr oder weniger im gleichen Abstand sind an den zueinander symmetrischen Gittern des Sprachkristalls die Moleküle der Worte, aber auch die Leerstellen der Atempausen angeordnet; zu den wichtigsten Molekülen zählen die Namen für Gegenstände, Begriffe und Personen.
Die Namen des Gedichts gehören zu einem anderen Kalkül als beispielsweise die Namen des historischen Berichts oder der wissenschaftlichen Darstellung; die Namen der botanischen Darstellung wurden ursprünglich mittels hinweisender Definition gelernt: „Dies ist eine Rose“. Die Rose des Gedichts mag ein Ableger der Rose unserer Gärten sein, aber sie rankt sich statt über einen Zaun über das Gitterwerk der Sprache, und dieses hat anders als unser Garten keinen Ort in der realen Welt.
Wo befindet sich die Rose der Divina Commedia? Nun, in dem von Dante beschriebenen und evozierten Himmel, der wiederum eine imaginäre Doublette des Himmels über Italien ist, doch seine Grundfarbe ist nicht Blau, sondern Gold.
Der Sprachkristall des Gedichts reflektiert das Licht in den Farben eines imaginären Spektrums.
Der Sprachkristall des Gedichts entsteht aus dem Dunst oder der kristallisierenden Schmelze der dichterischen Intuition. – Welche Formen und Gestalten er im einzelnen ausbildet, ist vorab nicht determiniert, nicht voraussehbar, und kann vom Dichter nur geahnt, nicht geplant werden.
Die dichterische Intuition bedarf geeigneter Bedingungen, wie die Wassertropfen der Wolken frostiger Winde, sollen Schneekristalle sich bilden.
Keine Schneeflocke wie die andere.
Bei bedeutenden, wenn auch gewagten Übersetzungen wird aus einem Bergkristall ein Achat.
Manche kristallinen Formen wie die Schneeflocke zergehen unter dem ersten Anhauch; andere, hart geronnen wie der Quarz, scheinen für die Ewigkeit gemacht.
Das Lied eines Eichendorff und die Ode des Horaz.
Bei der Kristallisation schießen molekulare Strukturen an einen kristallinen Kern an, der auch als Keimling künstlich in die Lösung versetzt werden kann.
Der kristalline Keimling des Gedichts ist der dichterische Einfall, der Zufallsfund am Wegesrand, das, was Goethe die Gelegenheit nannte.
Freilich, der Kristall ist nur einer der Idealtypen dichterischer Gestaltung, wir können daneben beliebig viele natürliche Formen als poetologische Muster und Modelle typologisch ordnen und beschreiben wie Wolken, Knospen, Waben, Korallen, Muscheln, Medusen, Muster von tierischen Fellen oder Chitinpanzern, Augen, Gehirne …
Mögen wir Gedichte mit bunten Fensterscheiben vergleichen; doch welche Farben auf ihnen leuchten, welche Ornamente oder Bildmotive sie zieren, bleibe dahingestellt, nicht zu reden davon, ob das lautere Licht der Morgenfrühe, ein verblassendes Abendrot oder das Zwielicht der Mondnacht auf sie fällt.
Am Jenseitsufer
Sieh Schatten uns an jenem Strome stehen,
den man nur einmal überquert,
wo keine Sonnen auf- und niedergehen
und sich die Seele vom Beseelten leert.
Am andern Ufer lodern manchmal Flammen,
und Blüten treiben von dorther,
wir legen sie zum Rätselbild zusammen,
befragen es nach wann und wer.
Wir lösten uns von Furcht und wildem Brennen,
das jene peitscht zu Ruhm und Schmach,
wir gaben auf, mit Namen uns zu nennen,
es schwand der Schorf, wo Liebe stach.
Und sind verstummt der Vögel Wunderkehlen,
im Schilf des Traumes singt der Wind,
weiß ist die Nacht vom Schnee der Asphodelen,
der Tag ist fahl, wo Mondtau rinnt.
Wir haben nichts als miteinander wehen
wie Blätter in verwaistem Hort,
und ist kein Gott, der hörte unser Flehen
und spräche der Entwerdung Wort.
Nacht rankt sich um der Liebe Bild
Wir wollen unter Sternen schweigend wandern,
vom Strahl geküßt, von Tau beweint,
auf Pfaden, die wie Bäche zart mäandern.
Das Wort trennt, doch der Schmerz vereint.
Mit trunknem Lidschlag lockend, Anemonen,
die Schwestern deines sanften Blicks,
ihr Seelen, die auf Seufzer-Auen wohnen,
o Blüten ewig fernen Glücks.
Wie aufgetan des Traumes Fühlern, Rosen,
die Schwestern meiner süßen Qual,
ihr Seelen, um die Pan und Orpheus losen,
zu lodern auf beim Göttermahl.
Wir wollen Schlaf uns aus dem Rauschen trinken,
das dunkel zwischen Herzen quillt,
die Sterne, die den Pfad gewiesen, sinken,
Nacht rankt sich um der Liebe Bild.
Du schaust mir weinend nach
Du schaust mir weinend nach
aus Veilchen-Augen,
ein Seufzen hält mich wach
wie Muschel-Saugen.
Und rüttelt Nachtwind wild
an Tür und Riegel,
seh ich, dein Schattenbild
fließt aus dem Spiegel.
Geh ich am Fluß entlang,
wo wir auch gingen,
hör ich dich bang, so bang
aus Wellen singen.
Wenn mir an Maaren graut
der Sonnen-Ginster,
wird, wo dein Blick geblaut,
der Himmel finster.
Mag mit entflammtem Gas
mein Geist verglimmen,
tönt fern dein Mund aus Glas
wie Engelsstimmen.
Am letzten Ufer
Käm wieder süß das Wehen,
wenn wir im Abendrot
am letzten Ufer stehen,
wir sagten ja zum Tod.
Und neue Wellen tragen
uns Sterne an den Saum,
es zieht der Große Wagen
durch trunknen Daseins Schaum.
Wär unser Weh verklungen,
das uns im Dämmerlaub
die Nachtigall gesungen,
wir sagten ja zum Staub.
Nun haben Geisterstimmen
die Wasser uns gebracht,
nun heißen sie uns schwimmen
in uferloser Nacht.
Satans Komödianten
Nach einer wahren Begebenheit
Sie haben sie sofort gewittert, Zecken,
die träumend im Laub des Dämmers schaukeln, jäh erwachend,
pulst unter ihnen warm das Blut des Rehs,
und stürzen sich hinab, zu saugen, saugen.
„Siehst du die Kette am Hals der Alten, siehst du
den Diamanten?“ – „Ja, und am Arm der Reif
aus purem Gold!“ Die alte Dame, wer mag
sie sein, die zitternd im Café ihr Eis schlürft,
die Kette aber klirrt hell auf den Tisch,
am Becher scheppert ihr der Reif, der goldne?
Sie ist die Ahnin, Mutter, Gattin, Schwester,
das Kind, das die zerdrückte Puppe im Arm
von seinen Eltern auf dem Leiterwagen
durch Marsch und Moor gezogen vor den Greueln
gen Westen floh, das Mädchen, das nähte, strickte,
und während es wusch und buk, versonnen sang,
die Frau, die dem Mann, dem treulosen, treu blieb,
Kinder gebar, und hat sie ernährt, mit ihnen
musiziert, es ist die alte Dame,
die ihre graue Kindheit und glanzlose Jugend
mit ein wenig Goldstaub und dem Schimmer
von Edelsteinen übermalen mag.
Wer sind die lauernden Zecken, die an fremdem,
unschuldigen Blut erwachen? Die entarteten
Söhne des falschen Propheten, Parasiten
auf dem schwelenden Wohlstandsmüllberg deutschen
Untergangs. Sie folgen dem Opfer, das krumm
am Krückstock sich den bitteren Heimweg ertastet.
„Du die Kette, klar, und ich den Reif!“
Sie schleichen an, hört hecheln man die Zungen,
o, sie tänzeln wie Katzen, mauzen sie etwa,
schmutzig grinsende Gecken in Markenklamotten,
kahl an den Ohren, die taub sind für Trakls Gesang,
sie müssen ihren Salär nicht erhöhen, der ihnen
vom kastrierten Vater Staat und dummen
Gleichheitsfrömmlern gepäppelt wird, sie wollen
die Deutsche, dem Tod schon nah, entehren.
Schamlos-dreist wie Satans Komödianten
sprechen sie die Greisin an, vertraulich,
wie Nachbarn tun und höfliche Passanten.
„Schönes Wetter heut!“ – „Vorsicht, dort
die Stufe!“ – „Fein der Schmuck, den Sie da tragen!“
Und einer reißt die Kette ihr vom Hals,
der andre dreht mit hartem Griff den Reif
vom Arm. Sie taumelt, stiert entgeistert, öffnet
den bleichen Mund, doch kommt kein Schrei. Die aber
eilen fröhlich zu der Brüder Schar,
sich einer großen Tat zu rühmen. Und würde
man sie fassen, Milde walten ließe
das Gesetz und schonte sie, die wahren
Opfer, scheel beäugt, die Dunklen von der Weißen,
sie hätten symbolisch sich nur angeeignet,
was ihren Vätern geraubt von deren Vätern
beim kolonialen Zug im Orient.
So wird der Schaum des Anwalts sie entlasten,
und erst das Elend ihrer Flucht, in grellen
Farben von gedingten Pädagogen ausgewalzt,
und war’s ein Sommerausflug auch mit Tanz
und Allotria auf einem weißen Luxusschiff,
wird eine feige Richterin zu Tränen rühren.
Das Leid, das Grauen, in das die Bestien
ihr Opfer stürzten, kommt hier zur Sprache nicht.
Doch stünden sie vorm eignen Kadi,
wie lautete sein Spruch? „Hackt ihnen ab
die Hand, die ganz verfaulte, die verdorrte!“
Doch mein Spruch schneidet tiefer: „Lasset Schweine
hungern, hackt dann die Hände ab, die Arme,
werft sie den Tieren vor und laßt die Schurken,
während sie verbluten aus den Stümpfen,
das Satyrspiel betrachten, wie sie grunzend
sich auf die Glieder stürzen und sie fressen.“
Wie aber richten, die sie zu uns ließen,
Blutsauger, Räuber, Messerstecher, Schänder,
den Grenzschutz opfernd für den edlen Wahn,
am deutschen Wesen soll die Welt genesen,
die Heimat opfernd in dem wilden Trieb,
des Volkes Antlitz grell zu tätowieren?
Ach, ihre Hauptstadt hat ja viele Straßen,
und jede Straße hat der Lampen viel,
da mögen manche lange Schatten werfen …
Wie ein Hirte
Wenn wir unter Purpurwolken gehen
und die Abendsonne sinkt,
seh die Träne ich im Aug dir stehen
und den Schatten, der uns winkt.
Leise rauschen hören wir die Wasser
über mattem Marmorrand,
und die Veilchenkränze scheinen blasser,
die der Liebe Licht uns wand.
Will ich dir die hohen Halme glätten,
daß du liegen mögest weich,
kann ich noch den zarten Falter retten,
Bild der Seele, sehnsuchtsbleich.
Wenn um dich wie Schwäne trunken tauchen
Träume auf dem dunklen Strom,
will ich dir, o Melusine, hauchen
Liedes süßestes Arom.
Wie ein Hirte will ich bei dir wachen,
der sich über Scheite neigt,
um aus Aschen Funken zu entfachen,
bis die Morgensonne steigt.
In der Abendstunde
Lehnst du am Fenster in der Abendstunde,
wenn Sehnen glüht im Dufte von Jasmin,
kühlt dunkler Quellen Rauschen dir die Wunde,
ist wieder nah, was lang verloren schien.
Vernimmst du, was getragen wie auf Flügeln
der Dämmerung, den feierlichen Klang
der Glocken rinnen von den Rebenhügeln,
glänzt dir im Dickicht heimatlich ein Gang.
Und zögern auf den Uferwegen Schatten,
als sänge es im Schilf, verschließt der Mond
der Veilchen Lider, die im Kuß ermatten,
weißt du, der Sonne Knecht, dich reich entlohnt.
Du siehst im Wasser Blütenbüschel treiben,
den Flaum verschwimmen fahl von einem Schwan,
du weißt, die Blüten werden dir nicht bleiben,
im Röhricht schaukelt auf und ab ein Kahn.
Magst, wenn der Fährmann winkt, ihn leicht besteigen,
mit jener Anmut, die den Göttern hold,
magst, wenn er klagend singt, du willig schweigen,
bis goldener Schaum um Asphodelen rollt.
Will es dir aber vor den Träumen grausen,
als harrte deiner der Erinnyen Schar,
verstocktes Herz läßt Vampir-Gift aufbrausen,
doch nur das rein Empfundene ist wahr.
Die Wolken ziehen weiter
Wir geben auf, die Wolken ziehen weiter
vom Urstromtal zum Mythenmeer,
und hatten wir den Mond noch zum Begleiter,
verfing im Netz sich Ahasver.
Was ließ uns, Liebe, denn den Schritt verhalten,
verharren hier im harschen Karst?
Ist es die Müdigkeit und das Erkalten
der Sehnsucht, die ins Dunkel barst,
daß wir den Garten finden, wo die Blüte
im Teich schwimmt melusinenbleich,
von Tränen, Tau der Himmelsgüte,
verhärmte Herzen werden weich?
So laß uns auf den kalten Aschen liegen,
sprüht noch ein Funke, stell dich blind,
mag uns im Traum mit heißem Hauchen trügen
der Wolken wilder Freier, Wind.
Wir gehen durch Ruinen
Wir gehen durch Ruinen wie in Träumen,
wo immer Flüstern dunkel rinnt und stockt
und wieder anhebt, Flüstern oder Weinen.
In Pfützen badet seine Stirn Narziss,
der Mond, und die einst grünes Licht verströmten
aus Gärten in die Abenddämmerung,
die Pfade sind von dumpfer Egge Zahn
zerwühlt, die Gärten übertüncht von saurem Kalk.
Die Brunnen fielen trocken, der den Krug
des Worts in sie gesenkt und schöpfte Rauschen,
tot ist der Dichter, keiner kennt sein Grab.
Wir gehen wie Gespenster durch Gemäuer,
in Zimmer, wo tote Zeit im Uhrwerk tickt
wo Angst und Langeweile sich begatten,
.fruchtlos. Die Vase mit verwelkten Blumen
steht auf dem Tisch, sie lebten, Anemonen
und Veilchen, aber ringsum wippen Puppen,
wie auf Schaukeln von Geisterhand gewiegt,
an Fäden Lichtes zappelnd, die aus kleinen
Apparaten, die wie Talismane
sie bang umklammern, in die Hirne münden.
Und was sie reden, ist wie einer Spieluhr
ewig freudlos abgespultes Lallen,
und was sie sehen, wird im Herzen blind,
ihr Auge sammelt keinen Trost aus Tränen,
den Schorf von Wundenmalen abzuwaschen.
Dort, wo das Bild hing über Jahr und Tag,
das Bild des Mädchens mit der Turteltaube,
gähnt uns ein helles leeres Viereck an.
Die alte Frau, die jene Blumen pflückte,
sie noch voll Anmut angeordnet hat,
liegt in der dunklen Kammer wie gebahrt,
das Kind, das sie gewiegt mit gichtigen Fingern,
hat noch gestreift ein Flügel, es liest ihr vor,
und manchmal singt es Lieder ihrer Jugend,
die es wohl liebt, doch schon nicht mehr versteht,
denn seine Sprache ist der Heimat schon
entwurzelt, selten leuchtet Sinngrün auf
ihr zwischen Ritzen in Asphalt und Teer.
Wir gehen durch Ruinen wie durch Träume,
ein schwarzer Wind fegt tote Blätter auf
und strotzt von toter Blumen Fäulnisdüften.
Wir wenden uns und steigen auf den Hang,
wo an den alten Reben letzte Trauben
runzeln, und keiner keltert sie zu Wein,
auf weißem Tuch bei schlichtem Brot zu funkeln,
zum Mahl, das Tag und Nacht und Seligkeit
und Qual im hohen Strahl verschmelzen hieß.
Wir finden sie, die kleine Waldkapelle,
die Purpurmuschel aus des Gnadenflut,
die Angel schrillt, und die sie segnend hielt,
die weiße Lilie, ist hinabgestürzt,
die Himmlische, und die der Hymnen Odem
einst gebauscht, die graziöse blaue Faltung,
unwiederbringlich zersplittert liegt das Bild,
vor dessen Majestät die Knie der Ehrfurcht
sich gebeugt, auf daß entzündet ward
der Docht der Herzen, aus den Katakomben
in chorisch leisen Schritten am Gängelband
des Lichtgesangs zum göttlichen zu steigen,
dem Antlitz, dessen Leuchten schön belebt.
Hier wölkt erloschener Kerzen Rauch zur Apsis,
die leere Höhlung, die kein Klang mehr füllt
Wir wenden uns, die Eichenbank zu finden,
wo Tropfen milden Lichts die Schläfen kühlen.
Wir tasten nach der Seele uns wie Schatten,
die eins ins andre gleiten, stumm. Wir hören,
wie fern ein Flüstern dunkel rinnt und stockt
und wieder anhebt, Flüstern oder Weinen.
O frage nicht
Ein welkes Blatt, das taumelnd fällt,
frag nicht, ob Linde oder Eiche,
Blatt, das kein Hauch, kein Schatten hält,
frag nicht, ob mir, ob dir es gleiche.
Ein Wort, gesunken wie ein Blatt
aufs Wasser, das nachtwärts sich windet,
ein Wort, gebadet mondesmatt
vom Wasser, das ins Schweigen mündet.
Ein Duft, der abendlich verweht,
frag nicht, ob Rose oder Flieder,
Duft, der im Dunkel untergeht,
frag nicht, ob jemals er kehrt wieder.
Ein Traum, behaucht von frühem Duft,
zeigt dir, zeigt mir die Glut von Rosen,
den Flieder blau in blauer Luft,
zeigt darbend uns im Blütenlosen.
Du bist nicht tot
Dort ist die Bank, wo wir oft saßen,
und Strahlen küßten dich und mich,
und von den Stullen, die wir aßen,
hast du gebrockt dem Täuberich.
Die Glockenblume tönt noch immer,
die wie dein Blick ins Blaue schweift,
und deiner Wangen weicher Schimmer
tropft an der Beere, die dort reift.
Und was in Wipfeln schilpt und schaukelt,
von Zweig zu Zweig schlaftrunken schlüpft,
ist wie dein Flattern, hauchumgaukelt,
bist Amsel du im Gras gehüpft.
Rührt sie der Wind, und Veilchen weinen,
verblaßt im Traum das Abendrot,
fühl ich, dein Schatten sinkt auf meinen,
fühl ich, du lebst, du bist nicht tot.
Wie aus der Ferne
Wer ruft uns aus der Ferne noch?
Sirene nicht, erloschen ist die Sonne Homers,
erloschen ist der Schaum der Wiederkehr.
Kein Engel reicht uns mehr den Becher,
woran ein Tropfen Himmel perlt,
auf diese Schädelstätte.
Und jener Tau, der unterm stummen Mond
dem Kelch der Lilie entquoll,
am blütenlosen Tag ist er verdampft.
Das Lied, das aus dem Quell des Helikon
auf Sapphos Perlmuttschimmer floß,
erstickte schwarzer Teer, Asphalt.
Da ist ein Wehen in der Dunkelheit,
wenn du am offenen Fenster stehst,
versunkener Gärten Duft und Schmerz.
Da ist ein Seufzen in der Dämmerung,
wenn du allein am Waldrand sitzt,
grau unter junger Eichen Grün.
Da ist ein Singsang in der tiefen Nacht,
wenn einsam du und traumkrank liegst,
von einer Liebe, die entschlafen lang.
Siehe:
Robert Schumann, Davidsbündlertänze, 17, Wie aus der Ferne
https://www.youtube.com/watch?v=IBVCAD4TzR0
Frauenleben
Als sängen feinste Adern in der Haut,
als schluchzten ihr im Schoße Venen.
Im ersten Blick hat sich die Glut gestaut,
den zweiten schon verdunkelt Sehnen.
Ein Kuß bog Rosen über ihr Gesicht
und Lächeln hat es übergossen.
Ihr erster Blick hielt einen Kelch ins Licht,
dem zweiten war Nachttau entflossen.
Sie hat gleich Wicken seinen Arm umrankt,
um zwischen Tag und Nacht zu schweben,
doch Liebe war, was über Wassern schwankt,
ein Boot, dem Mast und Planken beben.
Sie sah, wie aus dem Mund der Blume kroch
der Falter mit geflammten Streifen,
sie sah aus einem blauen Wolkenloch
den krummen Schnabel nach ihm greifen.
Im Schilf, als er von fernen Inseln sprach,
hat sie den goldenen Ring verloren.
Und als er ging, ließ schon mit Klopfen nach
das Kind, das sie ihm nicht geboren.
Sie warf den Schmuck von sich wie schnöden Tand,
schnitt sich das Haar, um klar zu sehen,
sie ließ der Treueschwüre loses Band
im schwarzen Wind des Abschieds wehen.
Doch alt zu werden, einsam, ohne Kind,
gefesselt nur an eigne Sorgen,
war Schorf auf einer Wunde, tauber Grind,
und Träumen hieß von Fremden borgen.
Allein ging sie mit ihrem kleinen Hund
am See entlang, das Herz zu kühlen.
Der blasse Mond ließ sie, vollkommen rund,
die Trümmer ihres Lebens fühlen.
Antoine Watteau, Gilles
Auf Grabeshügeln sitzen wir und träumen,
es scheint uns zwischen Aschenwolken Licht
aus einer andern Welt, aus einer goldenen.
Dort schwebt ein Rosenblatt, es ist ein Mund,
den er gemalt, der liebliche Watteau,
und diese zart gesproßte Liebesknospe
ist einer Hirtin hingegebene Brust.
Doch jenes blasse Blau, das uns am Abend
in Wellen noch umspielt und leerem Schaum,
lockt zwischen Meer und fahlem Himmel schwappend
höfisch-feine Damen nach Kythera,
der Insel, wo ihr holdes Gegenbild,
die Göttin aus der Wundermuschel stieg.
Und über alles dieser feuchte Schimmer
von Bernstein, geronnen aus dem Purpurblut
urzeitlich-dunkler Bäume, der ferne Blick
der trunknen Puppe Gilles, o welche Mücke,
welche Biene ist ihm eingeschmolzen
und saugt ihm alle heißen Tränen weg.
Die Komödiantin schaut uns an, die Muse,
gewandet ins Perlmutt des keuschen Schnees,
des kalten, der das Herz gefrieren macht,
das kindliche des traurigen Pierrot.
Wer hat den Hut ihm aufgesetzt, die Haube,
hat ihm mit rotem Band den Schuh umneckt?
Colombine mit rötlich-blonden Locken,
die auch die Hände ihm geküßt, die Waisen,
von eignem Werk verlassen, fremdem Dienst,
um müßig nur ins süße Nichts zu baumeln.
Und die Geselligen, die Lustgefährten,
sie machen mit dem tumben Esel Jux,
ihn schert es nicht, der allem abgewandt.
Hat auch dich bespuckt, mit Kot beworfen
der puritanisch-rohe Geist, der Sansculotte,
der grelle Flicken hißt statt Lilienbanner,
weil du ein Décadent, ein Müßiggänger
den frommen Eiferern erschienst, die jauchzend
zuletzt der Pastorale graziösen Hirten
und seine Diana aufs Schafott gezerrt?
Gilles, dein Gott, es ist der Faun, der grinst,
jäh bricht er durch die Rokokogirlanden
mit dem Gehörn des Bocks, des tragischen,
und einer Flöte silberkühlen Tau
träuft er ins taube Ohr der Langeweile.
Dann flattern dir die Hände, Harlekin,
wie Vögel, die ihr Nest nicht wiederfinden,
und deine Füße zucken, bis du tanzt,
dann schließt du deine Augen, schmerzlich-froh.
Ja, sitzen wir auf Grabeshügeln, träumend,
weht uns ein Lied aus alten Gärten an
und mischt den Honig mit der herben Asche.
Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_(Gem%C3%A4lde)
Der Herbst der Liebenden
Daß uns das Licht ein wenig länger halte,
wie Falter jäh am Kelch der Orchidee,
nur zögernd uns ins Dunkel Abend falte,
der Mond sehr leise sage: Traum, verweh!
Daß wir nicht wie durch blinde Spiegel irren
wie flockenaufgescheuchtes Wild im Schnee,
und hören wir die Schwalben ferner sirren,
des Sommers denken, der uns angelacht
mit roten Beeren und mit grünen Myrrhen,
der Traubengluten, die der Herbst entfacht,
wenn Tränen scheu von Lilienwangen gleiten.
Bevor wir sinken in die hohe Nacht,
soll Arm in Arm mit uns die Grazie schreiten
im Park Watteaus, wo auf dem feuchten Grün
die Schwäne ihre Flügel zitternd breiten,
und Vogelrufe, Zwielicht teilend kühn,
das Herz Pierrots in blaues Dämmern tragen,
bis schwärmerische Blicke sanft verglühn.
Und wächst das Schweigen, wollen wir nicht klagen,
es birgt ein süßes Lied wie eine Rinde,
in Blüten singt es fernen Sonnentagen.
Daß uns das Licht in leisen Reimen münde.
Der Tag des Liebenden
Wenn Tauglanz weicht die Nacht,
die Schwalben heller sirren,
des Himmels Kelche klirren,
hab ich dein längst gedacht.
Geh ich im Mittagsstrahl,
den wirren Sinn zu tunken
in hohen Geistes Funken,
blaßt schon der Mond, dein Mal.
Und werden Schatten lang,
gedämpfter tönen Saiten,
wenn müde Hände gleiten,
wird um dein Lied mir bang.
Komm ich am Abend heim,
fließt mir im dunklen Zimmer
von deines Auges Schimmer
noch Licht in einen Reim.
Und schweigt die Nacht, ist mir,
als gingen deine Schritte
durch meines Herzens Mitte,
als tät sich auf die Tür.
Das Verstummen der Vögel
Alles stumm. Reckt auch Tentakel fern
die Sonne schon und stülpt sie gierig
um die Holunderbüsche deines Traums,
sie knistern, schrumpeln, trockne Larvenhäute.
Und bist du wach und siehst, wie Rosenglut
in wirren Fasern an der Decke fiebert,
wie sich in schwülem Hauch der Vorhang bläht,
scheint dir von einem Kokon leeren Brütens
die Welt umsponnen, stumm ist alles, stumm.
Kein Vogelruf, nicht einer, dem seit Stunden
du harrst entgegen. Frohe Amsel, wo,
was machte dir dein Morgenlied zuschanden,
ihr Schwalben, wurden euch die Flügel steif,
wollt ihr den Sommer nicht mehr herrlich künden
mit eurem Schwirren, eurem Sirren heiß,
sind hier die Krümel Staub geworden, Spatzen,
daß keines flattert mehr und schrillt und pickt,
was hat das Gurren euch verleidet, Tauben?
Die Sonne, die mit Feuerzungen wühlt
im Krug des Liedes, findet keinen Tropfen.
Zerbrochen liegt der Krug, den Nacht für Nacht
uns angefüllt mit süßem Tau das Leben.
Und Zwitschern färbte blauer blaue Luft,
daß Atem noch den Geist des Dumpfen hellte,
die wunde Seele tauchte ein ins Bad
von Kräutern, Harz und Wohlgeruch der Wälder.
Kein Vogelsang, kein Freudenruf, wie tot
und leer die Zeit, als wär’s der Zeiten Ende,
als wär im Lebensteppich ausgerupft
von der Harpyie krummer Rachekralle,
des Unheilvogels, der nicht singen kann,
das schönste seiner Muster. Lose Fransen,
die dir geblieben wie ein Büschel Gras –
kein Gott kann sie ins schöne Bild mehr weben.
Angelus novus
Des Edlen harren wir, des Gottgesandten,
in dieser Nacht, bis uns sein Sternenwort
aufgeht, heim trägt sein Fittich den Verbannten.
Der Seele Reis, verwildert, schon verdorrt,
wird er mit seinem Gnadentau berücken
zu neuem Blühen im erfrischten Blau,
am Tage, da die leisen Gesten glücken,
Geranke um den holden Strophenbau
des Lieds, das wir um Veilchen scheu ergänzen.
Er geht durchs Dunkel und das Dunkel glimmt,
er taucht in Wasser und die Wasser glänzen,
er ist es, der vom Grab die Kerze nimmt
und stellt sie uns ans Fenster, still zu brennen,
daß an die Tür pocht, wer da einsam ist.
Er ist es, den wir von den Hymnen kennen,
die deutschen Dichters keuscher Mund geküßt.
Der Knospe gleich, vorm Nachthauch bang verschlossen,
treibt unser Geist auf sternenlosem See.
Daß sie, vom Sang des Hohen überflossen,
sich auftut, und ihr Leuchten ist wie Schnee.
Doch gleichen wir der Knospe, die, erfroren,
gespenstisch glitzert, und ihr Herz ist taub,
sind auch dem Frühlingsboten wir verloren,
und taut uns auf sein Hauch, bleibt nurmehr Staub.
Am Waldrand auf der Bank
Du senkst den Blick, ich atme leise,
ein Schatten geht durchs Gras,
schon tönt des Wassers Abschiedsweise,
Luft klirrt, ein grünes Glas.
Leg, Schwester, deinen Kopf an meinen,
und sprich uns wie im Traum.
Daß unsre Herzen endlich weinen,
weh, Vogelsang, vom Baum.
Wenn eins im andern wir uns fühlen
und Quellgeist niedertaut,
wir sind noch warm, mag Dunkel wühlen
im Haar, das schon ergraut.
Und scheinen wir, den Mund versiegelt,
im Bann der Nacht zu sein,
fliegt auf das wilde Herz, beflügelt
vom ersten Sonnenschein.
Zeichen und Sein
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Du wirfst eine Münze in den Musikautomaten und nach einer Weile ertönt das Musikstück, das du ausgewählt hast.
Dein Freund bittet dich, das Lied zu singen, das er so gerne hört und du so gut zu intonieren verstehst; du lächelst, besinnst dich eine Weile und fängst zu singen an.
Du schaust dir halb vergilbte Fotos aus Jugendtagen an; da sind die Kameraden, die Pfade, die Abtei, das Eifelmaar, das Lagerfeuer – und du erinnerst dich an das Lied, das ihr um das Feuer sitzend gern gesungen habt.
Hat das Foto von der Lagerfeueridylle eine Funktion im Mechanismus deiner Erinnerungen analog der Münze, die du in die Musikbox einwirfst oder analog der Aufforderung deines Freundes, ihm sein Lieblingslied vorzusingen?
Einer lacht während einer Trauerfeier, der Aufführung von Goethes Iphigenie auf Tauris oder der Kindertotenlieder von Gustav Mahler. – Gefragt, was mit ihm los sei, antwortet der ungehobelte Kerl: „Ich lache, wenn es mir paßt! Und solche Anlässe haben auf mich nichts weniger als eine besinnliche und erbauliche Wirkung, sondern im Gegenteil die ästhetische Wirkung, mich auf unwiderstehliche Weise zu kitzeln!“
Wenn die Bedeutung von Zeichen, also auch jener rituell-gestischen der Trauerfeier, jener dramatisch-verbalen des Goetheschen Schauspiels und jener liedhaft-tonalen von Mahlers Liedern, identisch mit ihrer ästhetischen Wirkung wäre, was könnten wir dem schamlosen Lacher entgegenhalten oder mit welchen guten Gründen ihm sein ungebührliches Betragen zum Vorwurf machen?
Wer sich des Lachens nicht erwehren kann, wenn er ästhetisch gekitzelt wird, den können wir nicht rügen. Ist die Bedeutung ästhetischer Zeichen nichts anderes als ihre Wirkung, können wir den Lacher nicht tadeln und eines Mißverständnisses oder einer Mißdeutung der dargebotenen Zeichen zeihen.
Wirkungen lassen sich verstärken, wenn wir die sie verursachende Kraft vergrößern; doch mögen wir immer lauter schreien oder immer grellere Symbole malen, der Begriffstaube oder Begriffsblinde wird darum nicht besser verstehen, sondern überhaupt nicht.
Worte, die umso eindringlicher wirken, je leiser man sie spricht.
Die Bedeutung kann nicht identisch mit der akustischen, visuellen oder ästhetischen Wirkung der sie übermittelnden Zeichen sein.
Die Bedeutung ist keine Wirkung einer die Darbietung des Zeichens begleitenden akustischen oder visuellen Ursache.
Der Neurologe oder Psychiater, den wir im beschriebenen pathologischen Fall zu Rate ziehen, könnte sich folgendermaßen äußern: „Der Klient zeigt eine seltene Verknüpfung und Verschaltung von neuronalen Synapsen, die zur Folge haben, daß er bei Anlässen, die beim Durchschnitt der Rezipienten eine eher kontemplative oder traurige Stimmung hervorrufen, im Gegenteil zu ausgelassener Heiterkeit und Lachanfällen neigt. Diesen Sachverhalt können wir aufgrund experimenteller Untersuchungen in einer kausalen Erklärung seines Verhaltens wissenschaftlich darstellen.“
Wenn das Lesen und Verstehen von Zeichen, also die Interpretation von Bedeutung, nicht durch wissenschaftlich-kausale Erklärung auf ursächliche Vorgänge und Mechanismen reduziert werden können, müssen wir folgern, daß sie nicht als Verhaltensdispositionen aufgefaßt werden dürfen.
Wird der Schwellenwert seiner Belastbarkeit erreicht, zerbricht das Glas. – Wird Wasser auf 100 Grad Celsius erhitzt, beginnt es zu verdampfen.
Wird dem Amusischen zum x-ten Male die Sonate von Mozart vorgespielt, versteht er genausowenig wie beim ersten Mal.
Der musisch Begabte kann auf dem Klavier nach dem ersten Anhören über das Sonatenthema frei improvisieren.
Wird der Hund auf die Wahrnehmung des visuellen oder akustischen Signals als Zeichen für Futter konditioniert, läuft ihm schon der Speichel, wenn er nur das Blinken der Lampe oder das Klingeln der Glocke wahrnimmt.
Ein Signal teilt uns seine Botschaft, einen Hinweis, eine Warnung oder Aufforderung, mit, wenn wir danach handeln. Ja, man könnte sagen, ein Signal lesen heiße, dem Hinweis folgen, die Warnung nicht in den Wind schlagen, die Aufforderung beherzigen.
Das Emblem mit dem Umriß eines weiblichen Körpers an der Tür sagt Männern, daß sie hier nicht eintreten sollen.
Man könnte sagen, als Männer – zumindest Ehrenmänner – definieren sich diejenigen Personen, die sich diesem Hinweis gemäß verhalten.
Der Hinweis seiner Assistentin, daß sich im Wartezimmer keine Person mehr aufhält, mag den Arzt veranlassen, die Praxis zu schließen; der Blick auf die leere Leinwand mag dem Maler ein Anreiz sein, seine Farben zu mischen oder seinen Bleistift zu spitzen und anzusetzen.
Die Feststellung, daß es nicht regnet, kann die Aufforderung implizieren, jetzt einen Spaziergang zu unternehmen.
Die Negation einer korrekten Verknüpfung von Wortzeichen bedeutet keinen negativen Sachverhalt: „Niemand ist im Zimmer“ heißt nicht, wie im Wunderland von Alice, daß jemand namens Niemand dort weile.
Die Verbindung zwischen dem Klingelsignal und dem Speichelfluß des Hundes ist kausal konditioniert; dagegen ist die Verbindung zwischen dem Laut oder Schriftzeichen „Rose“ und der Rose konventionell und erlernt.
Das Warnsignal mit den herabstürzenden Felsbrocken teilt uns mit, daß es auf der Wegstrecke zu Ereignissen kommen kann, die für Passanten und Autofahrer gefährlich sind. Solche Ereignisse sind mögliche Tatsachen.
Das Wortzeichen „Rose“ teilt uns nichts Faktisches über die Blume, die es bezeichnet, mit.
Nur die satzwertige Verbindung von Wortzeichen wie „Rosen sind Blumen“ teilt uns etwas Faktisches mit.
Dagegen teilt uns die dichterische Wortverbindung „Blumen des Bösen“ nichts Faktisches über Blumen mit.
Der Unterschied zwischen dem faktischen und nichtfaktischen Sinn von Wortzeichen und ihren satzwertigen Verbindungen liegt nicht immer auf der Hand. Der Satz „Johannes schenkte seiner Frau einen Strauß Rosen“ kann der wahrheitsgemäße Eintrag in einem Tagebuch sein oder der fiktive Bericht in einem Roman.
Das Verhältnis von Zeichen und Sein, Bedeutung und Faktizität ist eine Funktion des Verwendungszusammenhangs der Zeichen.
Der mit einer Zeigegeste auf eine Nelke erfolgte Hinweis „Das ist keine Rose“ bezieht sich nicht auf eine nichtvorhandene Tatsache oder auf die Negation einer Tatsache, sondern auf die Unzulässigkeit, das konventionelle Zeichen „Rose“ zu verwenden. Er ist ein Hinweis auf den Verwendungszusammenhang des Zeichens „Rose“.
Der mit einer Zeigegeste auf eine Rose erfolgte Hinweis „Das ist eine Rose“ ist sowohl die Erklärung der Bedeutung des Zeichens „Rose“ als auch die Unterrichtung über seine korrekte Verwendung.
Der mit einer Zeigegeste auf eine Rose erfolgte Hinweis „Das ist eine Nelke“ enthüllt uns ein mangelndes Sprachverständnis oder eine gravierende Fehlsichtigkeit. Wir dürfen uns im ersten Fall herausnehmen, den Sprecher zu korrigieren.
Wäre die Verwechslung der Zeichen „Rose“ und „Nelke“ eine ankonditionierte Verhaltensdisposition, könnten wir den Sprecher nicht ohne weiteres tadeln und korrigieren, sondern müßten ihn der Prozedur einer Umkonditionierung unterziehen.
Zu Zeiten der alten Plattenspieler machten sich die Leute einen Jux daraus, die Geschwindigkeit der Grammophonplatte willkürlich zu verlangsamen oder zu beschleunigen, um sich an dem verzerrten Klangbild zu verlustieren.
Den Musiker oder Sänger, der das in der Partitur vorgeschriebene Tempo und den angegebenen musikalischen Ausdruck wie Andante oder Allegro verpatzt, pflegen wir einer Unaufmerksamkeit zu bezichtigen oder einer interpretatorischen Unfähigkeit zu verdächtigen.
Der Sänger, der nicht anders singen könnte als eine Grammophonplatte Töne erzeugen, gälte uns für keinen Sänger.
Einen Apparat, der die Notenschrift automatisch ablesen und in entsprechende Töne und Akkorde zu übersetzen vermöchte, würden wir nicht als korrekten Interpreten des Musikstückes bezeichnen. Würde er die Partitur nicht korrekt ablesen, sagten wir von ihm nicht, daß er einen Fehler begangen habe, sondern daß sein Mechanismus nicht mehr richtig funktioniere.
Der Papagei kann sich nicht versprechen. – Er kann auch das soeben Geplapperte nicht widerrufen.
Der Papagei kann sich nicht sagen: „Er liegt mir im Schnabel, der Laut, den ich von mir geben will.“
Der Papagei und der digitale Roboter können weder aus Versehen die Unwahrheit sagen noch absichtsvoll lügen.
Unsere Fähigkeit, Zeichen mißbräuchlich oder inkorrekt zu verwenden, ist eine Mitgift unserer sprachlichen Kompetenz.
Wer dank eines untrüglichen psychologischen Mechanismus unfähig wäre, die Bedeutung eines Zeichens zu verkennen, hätte es nie verstanden.
Aus diesen Erwägungen folgern wir, daß unsere Fähigkeit, Zeichen wahrzunehmen, zu lesen und zu interpretieren, nicht auf einem Mechanismus beruhen kann, sei er uns psychologisch ankonditioniert oder genetisch-neuronal in unserem Gehirn verdrahtet.
Die Wahrnehmung des Zeichens „Rose“ ist epistemisch völlig verschieden von der Wahrnehmung des Gegenstandes, den es bezeichnet.
Das Sein der Zeichen ist ontologisch völlig verschieden vom Sein der Dinge oder Sachverhalte, die sie bezeichnen.
Anzunehmen, ästhetische Zeichen, ob nun dichterischer, malerischer oder musikalischer Natur, übten eine Wirkung ähnlich der von Signalen aus, ist semantischer Unfug.
Die Rose des Gedichtes duftet nicht.
Wo befindet sich die Himmelsrose? In der Göttlichen Komödie Dantes; der Astronom weiß nichts von ihr und der Botaniker lächelt, wenn ihn das Kind fragt, wieso sie in seinem Pflanzenbuch nicht vorkommt.
Freilich, die Bedeutung des Zeichens Himmelsrose befindet sich nicht in Dantes Gedicht, wie das Erinnerungszeichen der vertrockneten Rosenblüten zwischen den Buchseiten liegt.
Die Deixis im Gedicht ist imaginär.
Wenn Baudelaire in dem Gedicht Invitation au Voyage mit den Versen anhebt:
Mon enfant, ma sœur,
Songe à la douceur
D’aller là-bas vivre ensemble !
Kind du, Schwester mein,
laß die süßen Träume ein,
wie dorthin wir gehen, um vereint zu leben!
weist er mit dem deiktischen Ausdruck là-bas nicht auf einen realen Ort, an den mit ihm zu reisen er die Geliebte auffordert, sondern auf einen imaginären oder mythischen Ort, ein utopisches Gefilde, das wir auf keiner Landkarte ausmachen können.
Die Zeit der Ankunft der Götter, die Hölderlins späte Hymnen beschwören, ist kein Datum im realen Kalender, und die Tages- und Jahreszeiten, die er in seinen Elegien oder in seinen Turmgedichten evoziert, sind mythische Zeiten im Leben der Seele, der Seele, die keinen realen Sitz in der Person des Dichters hat, sondern einzig einen imaginären im gedichteten Ich.
Das Lied des Lebens
Als Tropfen nachts auf Blatt und Blüte fielen,
und auch im Dunklen war ihr Klingen hell,
erregten Rhythmen uns in Wechselspielen,
als höbe, senkte sich ein sanfter Quell.
Wir sahen spiegelbildlich Blattes Spreiten
und Blüte, die mit Blüte sich verzahnt,
daß Ströme münden in den Meeresweiten,
hat uns ans Sängerglück Homers gemahnt.
Ja, noch die Gräser, die im Wind sich wellten,
sie machten fühlbar uns des Epos Gang,
und selbst die Schreie, die vom Abgrund gellten,
hat es verwandelt uns in Lobgesang.
Und Sappho sah in Augen dunkle Gluten
und hat gespiegelt sie im Gartenteich
von Versen, wo rings wilde Rosen bluten
und Veilchen weinen, von Selene bleich.
Und lagen wir vom Gras der Nacht umschlungen
und fühlten pochen Herz am Herzen heiß,
ist neben uns des Lebens Lied entsprungen,
ein klarer Quell, umkränzt von Edelweiß.
Was uns blieb
Uns blieb ein Flüstern aus versunkenen Gärten,
wie einem, der am Weg noch lauschend steht,
da schon das gelbe Laub des Lieds verweht,
und wählt das Schweigen sich zum Weggefährten.
Und wo die Musen Hesiod gelächelt,
im Antlitz Glanz vom Quell des Helikon,
hat Schwermut uns getropft von schwarzem Mohn,
des Irrsinns dürre Zunge uns gehechelt.
Uns blieb ein Seufzen von verwunschenen Wogen,
wie einem, der das Ruder hingestreckt,
da schon das morsche Boot, das schwanke, leckt,
und sieht im lichten Staub, die Götter trogen.
Wo um das Bild der Liebe Flammen sangen,
daß Sappho schwitzte und zugleich doch fror,
stieg uns ein kalter Hauch aus einem Moor,
und war kein Bild, das Feuer konnte fangen.
Daß uns die Kreatur noch rette
Ihr Haar floß über eine Brücke,
sie dachte: „Stürz ich mich hinab!
Daß nur die Seele mir zerstücke,
sei Wasser du mein weiches Grab!“
Da hörte sie ein winselnd Klagen,
das Hündchen schaute an sie groß,
es hatte treu im Maul getragen
die Zeitschrift, doch ließ nun sie los.
Und seine dunklen Augen sprachen:
„Tat dir auch weh die böse Welt,
und hat, als ihre Stacheln stachen,
die Liebe dir die Lust vergällt,
gedenke doch, bevor du springst,
der Kreatur, dir einzig treu,
daß du sie nicht ins Elend bringst,
ihr sanfter Blick dich noch erfreu!“
Da ward ihr zum Geländer Weinen,
das Hündchen bellte schon voraus,
die Wasser nagten an den Steinen,
ein Wedeln lockte sie nach Haus.
Der abwesende Gott
Wir sehen sie, als lichteten sich Nebel,
als hauchte dunklem Laub ihr Odem Gold,
als täten Ranken ihrem Blick sich auf.
Und ist es auch antiker Vase Bildnis,
gegraben, halb geborsten, aus dem Schutt,
von Moosen wie von Schatten überwachsen,
die fein geschwungene Linie scheint zu zittern
und matt zu glänzen noch ein Inkarnat,
um das ein Wasserschleier weicher Falten
ein Träumen aus geheimer Quelle gießt.
Als schluchzte unterm Schritt der Bakchen Gras,
und Wein, der aus dem trocknen Felsen sprudelt,
wird er geweckt von heißem Thyrsosstab,
fängt die Entrückte auf in blanker Schale.
Und tönt es nicht im Wind, der ihre Locken
aufdreht und gierig zerrend am Gewand
die volle Brust entblößt, und taumelt nicht
Silen, der Becher, den er kaum noch hält,
umtropft von Glut, doch wo ist er, der Gott,
dem Urzeitrausch bekränzt das Haupt mit Reben,
Dionysos? Entflohen zu den Musen,
heißt es, ins Dichterland Erinnerung,
wo ihn noch eine Weile Purpurtrauben
am Rebstock eines Distichons verlocken,
und zärtlich noch umfächeln Fittiche
der schwermutwilden deutschen Elegie.
Auch sagt man, er sei in einen See gestürzt,
die Wassernymphe trank den Feuergeist.
Ist jener es, wo sich die Schwäne wiegen,
ein Schnee umsäumt von Sapphos Blütenschnee,
ist jener es, wo abends hell im Schilf
die Woge schäumt und Seufzen sie verdunkelt,
als käme aus der Tiefe Klagesang?
Vom Abgrund her
O pflücke ab, wie eine staubige Beere,
die Seele mir vom Wildwuchs toter Zeit,
heb mich aus dumpfen Wucherns Dämmersphäre
in deine wolkenlose Ewigkeit.
Laß nur des jähen Abschieds Wunde bluten,
wo du vom mütterlichen Zweig mich reißt,
die Tropfen tauchen blind in blaue Fluten,
wo deiner Blüten stilles Schneelicht gleißt.
Und seh ich Augen noch auf fernen Auen,
wie Veilchen schauern sanft im Abendwind,
fühl ich der Liebe Bilder niedertauen,
weiß, wer sie malte, jenes blasse Kind.
O höher, immer höher laß mich steigen,
fern von der Menschen hassensblankem Blick,
und bin ich würdig nicht der Reinen Reigen,
laß unterm Kreuz des Südens mich zurück.
Vom Abgrund rufe ich und hoffe Flügel,
zu tragen mich zum Freudentag empor,
doch löst kein Gott der Schwermut Rätselsiegel,
an das mein trübes Sinnen sich verlor.
Tränen, nein
Schwingen, ja, doch grinsend abgeschnitten,
und brüsk zerstreut der Federn Grau und Blau.
Und was noch schwebt und was noch schwirrt inmitten,
sinkt auf sterile Halden und wird grau.
Worte, ja, doch wie ein Schwarm von Mücken,
metallisch funkelnd auf enthaartem Aas.
Und was wie Wollust fletscht, ist das Entzücken,
wenn jedes sich ergötzt am Fäulnisgas.
Lieder, nein, denn heiße Hämmer stampfen
ein Loch ins Wurzelreich, ins dunkle Moos.
Und was du schluchzen hörst, ist das Verdampfen
von Blüten unter Feuerzungen, Stoß um Stoß.
Tränen, nein, nur Öl und Säure tropfen
aus der Maschine aufgerissenem Lid.
Und keine Früchte sind, aufs Gras zu klopfen,
wie ehedem im herbstlich-stillen Ried.
Tau der Stille
Wenn wir uns gegenüberstehen,
die Tränen, die von Blüten rinnen
aus einem wehbetauten Innen,
kann ich sie fühlen, du sie sehen?
Die Worte, die wie Bienen schwärmen,
sie suchen in der süßen Fülle,
was ein sie schläfert, Tau der Stille,
wer mag um herbes Harz sich härmen.
Im Dämmer, da wir blindlings tasten,
erglimmen zwischen Zweigen droben
uns Blicke, die das Dunkel loben,
wie leicht des Abends Schatten lasten.
Und hat der heiße Tag geblendet,
schon wollen Dunkelfalter flügeln,
die weichen Wasser Traumlicht spiegeln,
o hohe Nacht, die uns vollendet.
Wellen, Wolken, Worte
Keiner kann das Schicksal wenden,
ob er jäh zusammenbricht,
während er noch spricht,
ob er lächelnd darf den Satz vollenden.
Die ferne Linie sieh, das blaue Band,
noch hörst du nicht die Wellen,
wie sie schäumen, wie sie schwellen.
Sinkt je dein Fuß in jenen warmen Sand?
Wie die Schwalben tiefer streichen
unter dunklen Wolkenkissen.
Ob Tropfen uns den Mund noch küssen,
ob harte Stirnen sie erweichen?
Die Rebe, die zur Sonne drängt,
und was an Feuer birgt die Traube,
glüht es um deines Abends Laube,
verzehrt, was deine Schläfe engt?
Die Ranke Nacht, ums Herz gezweigt,
mag süßer Blicke Tau noch tragen.
Das letzte Dunkel, alles schweigt –
wirst du ein Wort des Dankes sagen?
Gedankenlyrik
Hölderlin
Der golden-stille Rauch
stieg abendlich aus deutscher Elegie.
Dann kroch ein kalter Hauch
aus Knochengruben und rief: Flieh!
*
Mann und Weib
Das ließen sie nicht gelten.
Wer? Die anstatt zu zeugen,
unters Kreuz der Liebe sich zu beugen,
das Leben um die Zeche prellten.
*
Das Lied
Heroisch war der erste Ton,
da eines Mannes dunkles Sehnen
die Flöte schnitt, umkränzt mit Mohn
das Blau des Dämmers blauer sich zu dehnen.
*
Das Leid
Ja, Fatum ist, daß Leid geschieht.
Doch wollen wir es tragen,
solange uns das Lied
Licht schenkt an dunklen Tagen.
*
Vater und Mutter
Schrillt weh in ihrem Ohr,
wie nächtlich-wildes Weinen.
Daß Liebe führt der Sorgen Chor,
dünkt lästig den Gemeinen.
*
Gott Vater
Ein Vater spricht den Frommen Gott
im Strahl, im Schattenspiele.
Für Stern und Blume hat nur Spott
der Feind der Schöpfung, der sterile.
*
Imago Dei
Verätzt von eines Dämons Spucke,
der Anmut, reiner Liebe Bild.
Daß Geilheit am Gemächte jucke,
ward es gehäutet wie ein Wild.
*
Salz und Wort
Daß wir das Wahre wahrer schmecken,
gesalzen hat des Wortes Brot der Geist.
Nun werden wir mit schalen Wecken,
von Lüge überzuckert, abgespeist.
*
Post festum
Wir sehen umgestoßen Krug und Vase
und Schatten ranken an bemalter Wand,
auf nackten Fliesen bauscht laszive Gaze,
als hätte abgestreift sie bange Hand.
*
Des Schauens müde
Und sind des Schauens wir am Abend müde,
die Bilder fahlen und das Licht wird Schaum,
und was uns zittert am erschlafften Lide,
woher die Träne rührt, wir ahnen’s kaum.
So tasten wir die Lippen uns wie Blinde,
erflehen Trank von hingeneigtem Mund,
und bricht ein Seufzen durch des Dunkels Rinde,
ist es wie Wein, der kühlt, was innen wund.
Wir wollen mit geschlossenen Augen lehnen
am offenen Fenster hoher Sommernacht,
und ferne Quellen singen unser Sehnen,
und Gärten sind, die süßen Duft gebracht.
*
Die trübe Lache
Die Quelle, die in frühen Liedern singt,
ist ungetrübt und zweifelt nicht,
weil sie der Erde dunklem Schoß entspringt,
trägt sie der Jugend Blütenlicht.
Der Knabe, der an Sevillas Brunnen saß,
er schwang den Arm, der Kehle Krug
ergoß den Strahl so heiß und doch voll Maß,
das Herz, es schrie: Genug, genug!
Die trübe Lache, die ein Abraumwind
auf dem Asphalt zum Kräuseln bringt,
zeigt uns, wie dumpf wir ohne Musen sind,
o Lied, das siech nach Atem ringt.
Immer ferner, immer fremder
Daß wir in hellen Augen Schatten sehen,
und uns den Wohlgeruch des Worts, den süßen,
sogleich ins Blütelose treibt ein Wehen,
und wie uns freundlich frische Menschen grüßen,
die fremd uns sind wie Bäume, längst verdorrte,
und auch wir selbst, wenn wir die Türe schließen
und reden vor uns hin, sind uns die Worte
wie eines andern, den wir kaum gekannt,
und hausen doch mit ihm am selben Orte
und fühlen keine Faser ihm verwandt.
Dünkt es uns nicht wie eine von den Sagen,
daß jene alte Frau, aufs Bild gebannt,
das wir am Herzen durch das Dunkel tragen,
in ihrem Leib uns barg neun Monde lang?
O könnten wir der Liebe Schatten fragen:
In welchen Fernen mündet unser Gang?
Das Heimchen
In der Nacht, plötzlich, war es da.
Dort im staubigen Gras,
am dürren Halm der Asphaltnarbe,
einsam, unsichtbar,
heroisch das Dunkel sich öffnend,
ins weiche Blatt der Dunkelheit
die Seufzerbrücke,
den Notenschlüssel
seiner Nachtmusik
ritzend.
Ein Flügel die Harfe,
ein Flügel, der sie streicht.
Ein Flügel mit hornigen Rippen,
ein Flügel, der sie vibrieren macht.
Es ist das männliche Tier,
und männlicher Drang,
männliches Sehnen und Segnen
bringt das Lied in die Welt,
und wie ein Tau goldener Lust,
was uns an Schönheit betört.
Plötzlich, inmitten der Nacht,
und von einem geflügelten Nichts
zittert die Dunkelheit.
Und du, der aus dem Fenster gelehnt
den süßen Wehsang vernahmst,
den gaukelnd-gedehnten,
den bangend-entrückten
Zwieklang animalischer Muse,
stockend-verlockend,
klagend-behagend,
der durch die Sprach-Membran
dunkelsten Selbstgefühls sickert,
hast du das Salz deiner Einsamkeit
schluchzend nicht aufgelöst,
den Schmerzkristall nicht
in Meergesängen der Nacht?
Eros öffnet der Nacht
den Mund sich zum Lied,
Lied, das wirbt und das rühmt.
Eros der Sänger,
wenn girrend die Grille nachts zirpt,
Eros, wenn aufseufzt das Dunkel,
der die Harfe sich bog,
den sausenden Flügel sich flocht,
Eros.
Vergehend Ton um Ton,
verzückte Grille, sie rühmt,
umwirbt sie ihr Gegenbild,
sich selbst und was sie sich schuf,
von Gestirnen umkränzt,
Liebesmacht,
die tausend Grillen
aus einem Lied erschafft,
auf daß ihr Ruhm ertöne
tausendfach.
An die Himmlische
Daß wir an deinem Blick die Höhe finden,
und krümmt sich unter Unsinnsbrocken auch
das schwache Wort, laß es empor sich winden
zu deinem Mund, zu deiner Lilie Hauch.
Du schwebst im Azurlicht, im wolkenlosen,
und neigen wir umdüsterten Gemüts
zur Erde uns wie ausgeblühte Rosen,
heb an die müde Knospe Herz, schon blüht’s.
Wie Schleier heiter, Flammenvliese wallen,
wenn um dich singt der Flügel weicher Wind,
genüge uns der Lieder leises Lallen
in dunkler Schlucht, wo dir noch Quellen sind.
Die Heimsuchung
Sie ragte schwebend schon, als ich erwachte,
falls ich erwachte, ragte schimmernd auf,
als ob im schlaffen Flausch des Vorhangs Zwielicht
Novemberdämmerung verhieß. Die Haut,
so weiß wie Kalk – doch war es Haut, nicht Firnis
toten Lichts, nicht Mehl des Geistermahls,
zerrieben zärtlich von Persephone?
Und eine aufgebrochne Purpurfrucht,
ein Mund, der nur in Tropfen reden konnte,
die dünne Schlieren formten, trüben Schmelz,
im fahlen Inkarnat zur Aber-Frucht,
die bitter ward, verrunzelt und verblaßt.
Und nenne Augen nicht, was keinen Blick,
was einen grauen Strahl mir zwischen wirrem
Tang des Haars und spröden Büscheln trieb
ins Angesicht, daß es von Pusteln juckte.
Was wollte sie von mir, die Schwärmerin,
lebendig tot, was ich ihr schuldig blieb,
was sie vergessen hat wie ein Geschmeid
in meinem Bett, bevor sie schied, ein Flattern
wie eines Flügels, der ins Leere flog?
Ich wußte es, mein Herz war das Geschmeide,
das sie vermißte, das warme Blut im kalten
Schattenreich, und als ich’s blitzen sah,
war es ein Messer, krumme Harpyienklaue,
da schrie ich auf und berstend war mein Schrei,
daß jäh ein Wind das Fenster aufgeschlagen
und wirbelte das Grauen aus dem Raum,
des Albtraums hohle Maske und Gespinst.
Kam‘s nicht wie Blumenodem ferner Gärten,
von Auen einer längst verwelkten Welt,
da liebend wir gewandelt Hand in Hand
und uns das Herz geküßt ein Duft von Veilchen?
Und hielten wir des Krugs umflorten Mund
der Quelle hin, schwang sich aus dunklem Glucksen
Nymphenton, und Lippen glänzten feucht.
Und ist ja dieses Kythera gebannt,
seit deine Taube ihr Genist verließ,
ein anderes am Acheron zu bauen,
so fern, kein leises Gurren dringt herüber,
leb ich in kahlen Verliesen dumpf dahin,
wo meiner Feigheit Seufzer widerhallen,
umsonst die Hoffnung, daß du wiederkehrst,
Ikone du des Ungelebten, o Gespenst,
mein Herz entreißend mich von mir erlöst.
Das Wasserzeichen blieb
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Auf einem immer unruhiger werdenden Strom in einem kleinen Boot treiben, in banger Erwartung des nahenden Wasserfalls.
Im Boot der Sprache, ruderlos.
Oder nimm den Strom für die Sprache: Manche, die lange darin schwammen, steigen ans Ufer, um dort für eine Weile auszuruhen. – Andere kehren, gleich Eremiten, nicht wieder zurück.
Manche, die, in Panik geraten, überhastete Schwimmbewegungen machen, gehen unter.
Strom, nach dessen Quelle wir nicht fragen, in dessen Gegenrichtung wir nicht schwimmen können.
Dichten gleicht eher dem Tauchen als dem Kunstschwimmen.
Der Strom der Sprache mündet ins Schweigen.
Oder: der Strom das Schweigen, die Sprache das schwankende Boot.
Der Traum, der Traum des Gedichts, gleicht der Wolke, die sich im Wasser spiegelt.
Die Antwort ist ein Spiegelbild der Frage.
Der sinnlose Satz gleicht einem blinden Spiegel.
Die ausführende Handlung ist keine Folge der Aufforderung, sondern ein Zeichen dafür, daß sie verstanden wurde.
Du verstehst, was ich von dir verlange, aber dein Verständnis bezeugt kein mentales Bild, das dir vorschweben mag, sondern das, was du tust.
Die Reflexion oder die Illusion, ein Gedanke und der ihn ausdrückende Satz könnten sich selbst enthalten, ist die Chimäre der idealistischen Philosophie.
„Wer?“ und „Was?“, „Wo?“ und „Wann?“ sind elementare Fragen; aber ihre Beantwortung mittels deiktischer Ausdrücke wie „dieser“ und „jenes“, „dort“ und „dann“ schwebte im Leeren, wäre sie nicht in einem Koordinatensystem verankert, dessen Nullpunkt wir mittels des deiktischen Indikators „ich“ angeben.
Wir können die Orts- und Zeitangaben mittels festgelegter Koordinaten objektivieren, nicht aber den Nullpunkt.
Jede raumzeitliche Lokalisierung hat nur Bedeutung in dem per definitionem festgelegten Rahmen eines Meßverfahrens. Wir können den zeitlichen Anfang des Universums auf diese Weise spezifizieren, aber ohne unserer Messung ein definites Meßverfahren zuzuordnen hat der ermittelte Wert keine Bedeutung.
Der Herbst, von dem das Gedicht Hölderlins, Verlaines oder Trakls spricht, die Jahreszeiten, die im japanischen Haiku nicht fehlen dürfen, verlangen nach keiner objektiven Datierung im Jahreskalender.
Die Jahreszeiten des Gedichts haben keine Daten im Kalender einer meßbaren Realität, sie sind Jahreszeiten der Seele in den Annalen einer mythischen Welt.
Wortfüllsel und Sprachhülsen im Gedicht sind die Watte, womit der hilflose Schreiber die undichten grammatisch-gedanklichen Gelenkstellen verstopft.
Schmachtfetzen, über lyrischen Leichnamen wehend.
Wo kein Inkarnat mehr schimmert, sollen fetthaltige Metaphern und schlüpfrige Vergleiche herhalten.
Bleiche Knochen, aus dem Morast der Sprache gescharrt, denen der Lampion eines Jahrmarktmonds einen gauklerischen Schimmer verleiht.
Wie lange kann ein Koloß aus Metall, Plastik und Silikon auf den dünnen gläsernen Beinchen einer irre klirrenden Sprache Richtung Zukunft staken?
Freilich, einem Autor, der sich nur von Fettbrühen ernährt, rinnt das Schmalz von den Zeilen; doch einem, der den Asketen im Dienste der Welterlösung mimt, klappert des Verses dürres Totengerippe.
In der Ariadne auf Naxos paaren sich Opera buffa und Opera seria, die leichtlebige Zerbinetta ist die Doppelgängerin der tragisch liebenden Ariadne, Bacchus aber zugleich Hermes, der Todesbote, ein Todesbote indes, der Ariadne zu den Jenseitsblumen der Jenseitsauen geleitet.
Im dichterisch-musikalischen Laboratorium, wo die Liebenden gleich chemischen Substanzen mittels des Katalysators eines ineinander fließenden Wechselgesangs zu unvorhergesehenen Metamorphosen angeregt werden.
Die sublime Sprache des Gedichts ist eine Form der indirekten Mitteilung; die Evokation der Tageszeiten löst der bang aufseufzenden und von schweren Traumgesichten heimgesuchten Seele die Zunge und läßt ihre Erwartung sich am Tau des Morgens erquicken, den hohen Strahl die Knospe ihrer Lust öffnen und die Angst des Vergehens weich im Laub der Dämmerung verzittern.
Wenn man all den Auswuchs journalistischer Phrasen und zeitgeistiger Begriffe jätete – was bliebe? Die Sprache Goethes, Lichtenbergs, Wittgensteins? Oder ein Aschenhäuflein des Ungesagten?
Wittgenstein floh vor dem metaphysischen Geschwafel der Akademien und dem geistreichen Weibergeschwätz der Salons in den teuflischen Lärm der Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die stillen Wälder Norwegens. Vor den ideologisch-perversen Glossolalien der Hochschulkatheder und dem pornographischem Geschnatter der digitalen Medien rettet uns heute nur der Exodus in die monastische Wüste des Schweigens.
Als würden die Schriftzeichen auf den vergilbten Briefen der Liebe sich wie unter einem Geisterhauch auflösen, als bliebe nur, gespenstisch schimmernd, das Wasserzeichen.
Was denn blieb von dem Knaben, der du warst, einsam am Strom, und hast Kieselsteine darüber hüpfen lassen, was von dem silbernen Ton der Stimme, die in das Te deum zur Apsis emporstieg, was von der irdenen Bronze der Hand, da sie sich Nüsse gesammelt, geschält?
Hat die Erinnerung ihr Bild bewahrt, gleich der Ikone in der Nische des Treppenaufgangs, wo ihr die Kerze geflackert? Die Ikone ward schwarz von Ruß, die Kerze erlosch.
Die Deixis des Gedichts weist auf einen imaginären Ort, in eine mythische Zeit.
Das Leid ist ewig, ewig die Klage, und der Duft der erloschenen Rose schwebt noch über dem Abgrund der Stille.
Die Stille sinkt, wie nach den Blitzen feiner Regen, und was wir nicht gesagt, als Wipfel dunkel rauschten, ertönt mit heller Tropfen Widerhall von regungslosen Blättern.
Und fällt auch Schnee auf Schnee, löscht Bild das Bild, bleibt in der Dämmerung ein matter Abglanz uns, die einsam Arm in Arm ins Schweigen weiterwandern.
Ariadne auf Naxos
Kam der neue Gott gegangen,
hingegeben war ich stumm.
(Hugo von Hofmannsthal, Libretto zur Oper von Richard Strauss)
Verschmachtend liegt die Schöne an dem Strand,
im Inselschilfe dämmert rings die Welle,
und lüstern lüpft der Wind ihr das Gewand.
Najadenanmut schäumt aus Porphyrquelle,
Dryade rankt ihr Flüstern um ein Reis,
und Echo legt es auf der Lippen Schwelle.
Doch Ariadnes Herz ist starr wie Eis,
weil Theseus sie verriet, ist es erfroren,
und weder Seufzen süß noch Hauchen heiß
kann Tropfen wecken in den tauben Poren.
Und einer Muschel Leere fühlt ihr Schoß,
die Perle schmolz, vom Kuß des Monds geboren.
Da glänzt im Abendrot das dunkle Moos,
als hätte seinen Purpurwein vergossen
der wilde Gott, der singt, Dionysos.
Und sie erwacht, zum Tode schon entschlossen,
und er erglüht, wie einer Traube Blut
ist er in eines Herzens Grab geflossen.
Die Gottheit kommt in hoher Flammenflut,
doch wer mag, sterbensmüd, sie überstehen,
und stumm sich geben nicht der schönen Glut –
o Aschen, die stumm ins blaue Nichts verwehen.
Singen im Regen
Wir hören den Regen auf Blättern,
uns seufzen die Tropfen im Moos.
Im Herzen rieseln die Lettern,
stumm bleibt, voll Rätsel, der Schoß.
Wir gehen im Regen, wir gehen,
das Auge erfrischt sich am Glanz,
den Zweige und Ranken verwehen,
den Tropfen versprühen im Tanz.
Wir singen im Regen, wir singen,
am Feuchten erquickt sich der Reim.
Wo heitere Tränen entspringen,
bei Wolken sind wir daheim.
Wir finden nicht, was wir suchen,
wir suchten nicht, was uns fand.
Und rauschen im Wetter die Buchen,
faßt deine Hand meine Hand.
Wir sind wie zitternde Lauben,
wo weiche Dämmerung tropft.
Als flatterten auf wilde Tauben –
o Herz, das ans Schwesterherz klopft.
Die Rose sinkt
Die Rose sinkt,
der Sonne gleich,
die untergeht.
Und auch ihr Duft,
der uns belebt
die graue Luft,
verweht.
O laß vom Abendrot
dir sagen,
groß ist ihr Tod.
Auf Wolkenmatten
blüht wie süßes Klagen
um geliebte Schatten,
glüht wie Gipfelschnee
jungfräulichen Tagen,
makellosen,
ein Korallensee
von Rosen.
Der Liebe Lied,
ein Geisterschwan,
das wir gehört,
als alle Welt
im Tau entschlief,
am grellen Lärm
ist es zerschellt
wie Porzellan.
Der einsam
kehrte auf den Stern
der Stille heim,
vernahm
noch einen leisen Reim,
doch fern, sehr fern.
Eskapistisch
Hier fleckt den Schnee der Krokuswangen
ein Sud aus Ruß und Gas,
und süßes Nachtigallenbangen
wird schwarzer Galle Fraß.
Laß uns die Stirn im Glitzern baden
Saharasternennacht,
nomadendunkle Lieder laden
ins Zelt, das Glut bewacht.
Hier seufzt in Schilfen, die versanden,
der Sehnsucht mürbes Herz,
die Kränze, die Eroten wanden,
vergrämt Frost noch im März.
O laß in hohe Luft uns steigen,
bis Dunst und Trübsal sinkt,
wo milden Strahlen wir uns neigen,
Traum aus Kristallen trinkt.
Charlotte Corday
Das du am Busen bargst, Corday,
das blanke Messer, blieb dort kalt,
doch wurde es, von Blut umwallt,
in kaltem Herzen heiß, Corday.
Es sank die Feder dir, Marat,
sie schnitt durch Adern, schmatzte laut,
du fühltest sterbend deine Haut
noch jucken nach mehr Blut, Marat.
Als dich der Karren trug, Corday,
zum Orgienort des Hochgerichts,
da wußtest du, es war für nichts,
doch recktest du dich stolz, Corday.
Verklärten Bilder dich, Marat,
zum Märtyrer erlöster Welt,
starbst du im Bad doch, großer Held,
und nicht auf Golgatha, Marat.
Suchst Hochsinn du, schau auf Corday,
der Normandie getreues Kind,
fragst du, was Heroinen sind,
denk an Lucile, denk an Corday.
Anmerkungen zum Verständnis:
Charlotte Corday, Sproß aus einem alten Adelsgeschlecht der Normandie, wurde am 17. Juli 1793 in Paris durch das Fallbeil hingerichtet, nachdem sie vier Tage zuvor den Revolutionsführer Jean Paul Marat im Bad seiner Wohnung erstochen hatte.
Lucile Desmoulins starb am 13. April 1794 unter der Guillotine, nachdem sie während der Exekution ihres Mannes Camille Desmoulins das Volk zum Aufstand gegen die jakobinische Terrorherrschaft aufgerufen hatte. Georg Bücher verleiht ihr in seinem Drama Dantons Tod das Pathos romantischer Liebe, die dem Geliebten in den Tod folgt, und läßt sie angesichts der Hinrichtung ihres Mannes ausrufen: „Es lebe der König!“
Kußhand für Verlaine
Aus bemoosten Felsenspalten
troff ein Singsang wunderlich,
und aus Brunnens Rieselfalten
tratest du und küßtest mich.
War uns fliehen dunkle Wonne
in der Liebe Labyrinth,
unsren Schatten sagte Sonne,
daß sie eines Wesens sind.
Wo verlöschend Rosen sanken
auf des Wassers Indigo,
überwuchsen Purpurranken
zarter Gitter Rokoko.
Kosten unter der Fontäne
Schimmer Putto und Delphin,
zogen glasgehauchte Schwäne
eines trunknen Dichters Spleen.
Gaukler, die verschmitzt uns grüßten,
Süßholzraspler, Pansgesicht,
Schranzen, die den Trank versüßten,
schlüpften aus Verlaines Gedicht.
Dir gefiel’s, Pierrot zu necken,
mir, Emilien mittels Kuß
in den Nacken sanft zu wecken.
Schrie Dottore: „Jetzt ist Schluß!“
Auf ruderlosem Kahn
Dort waren deine Locken übersprenkelt
von Tropfen eines kristallinen Lichts,
sie rannen auf den dunklen Pfad herab,
und meine somnambulen Augen tranken.
Und was im Rascheln lichter Lauben spielte,
war nicht der Heimathauch der Sommernacht,
es floß aus topasblauen Sphären nieder,
quoll über sterngesäumten Brunnenrand.
Das Seidentuch, das deinen Leib umspannte,
hat sich, von meiner Stirn kaum angerührt,
ins Rieseln aufgelöst von Wasser-Falten,
die sie gekühlt wie goldner Flosse Taft.
Und schäumte uns die Nacht wie Träumern trunken
ihr Indigo am ruderlosen Kahn,
zog über uns der Hochgesang der Wolken,
schwieg unter uns der süßen Blüten Schnee.
Und stieß uns einer Nymphe tiefes Seufzen
das Boot ins Schilfrohr, flatterte jäh auf
der kleinen Sänger Schar, und es erbebte
ihr Nest, des Röhrichts heimliches Gespinst.
Ja, deine Hand nahm meine Hand, die bange,
du führtest uns, die alles vorgefühlt,
auf eine Lichtung, nahe bei der Weide,
die ihre Trauer schlaff ins Wasser hing,
hobst auf das Schimmern der Fasanenfeder,
und hast, bevor du schiedst, sie stumm geküßt.
Fern glomm noch Licht in deinem Haar, verglomm.
O dies geschah, und wie des Wunders Zeuge
ist mir die Feder, die ich aufbewahrt.
Fahle Sonnen
Von Moos bewachsen dämmern die Figuren,
der Jugend Weggefährten, erstarrt zu Stein.
Der Asphalt hat erstickt die Sommerfluren,
wo du gewandelt bist, zu zweit, allein.
Vergilbter Briefe fieberhafte Züge,
mit schmerzgedehntem Zwischenraum,
und vieler Diminutive süße Lüge,
du lächelst und verstehst sie kaum.
Das mußt du sein, auf Fotos, halb verblaßten,
das Kind, der Knabe, der reife Mann,
frag nicht, warum die Wimpern dunkler lasten,
ein grader Blick sich senken kann.
Wie kann es sein, daß die du früh gesungen,
die himmelhelle Melodie,
kaum ist der Schrei der Kraniche verklungen,
nun wölkt wie eine Elegie?
Die Sonne, deinem Hochsinn einst gewogen,
ein Lampenflackern auf dem Boot,
das jenseits schon ins Uferschilf gebogen,
wie fahl und fahler wird ihr Rot.
Fata Morgana
Kaum haben wir zu Lebens schmalen Pfaden,
im Wahn, daß golden uns ein Leuchten labe,
des Schlafes wilde Ranken auseinander-
gebreitet und beschnitten, stehen wir
allein vor einem transparenten Himmel,
um Schatten flehend, Wolken, Gnadentropfen.
Ich trug den Durst wie einen hohen Krug,
gleich Frauen, die sich müd der Anmut recken,
auf meiner Schulter, doch ihn mir zu füllen
fand nirgends ich der Quelle keuschen Mund.
Da traten Schatten aus dem Tor des Traums
und wehten mir zur Seite, schwarze Flügel,
die leise rauschten: „Wir, die Schmerzgefährten,
wir wollen zu dem Wasser dich geleiten,
das deiner Seele dürren Wurzelstock
erquickt, bis ihm entsprießt dein Immergrün.“
Wir flogen über Schründe hin und Steppen,
Land, ausgemergelt von der Gottheit Glut,
ich aber sah die Kreaturen in der Tiefe,
wie sie verschmachtend eins des anderen Haut
aufritzten, sich an fremdem Blut zu stillen,
wie Zungen schnalzend Tränen, erpreßte, leckten
und Blicke sich von Wimpern Schatten rupften.
Und glänzte lächelnd schon wie Paradieses
Fata Morgana grasumstrotzt der Teich
und flossen Melodien in mein Herz
vom Liebesfest der goldnen Trunks Gestillten,
riß los ich mich aus der Harpyien Fängen
und stürzte auf den Ufersand, der stündlich
wächst und glimmt des Nachts wie Sternensalz –
o laß verschäumen Sehnsucht auf dem Meer.
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