Skip to content

Gegenstrebige Fügung

18.08.2026

Heißes Blut erträumt sich einen Götzen,
der die wilden Herzen niederringt,
laues sehnt sich nach dem Blitz der Peitsche,
unter der erschlaffte Ader springt.

Anmut schmiegt sich an des Scheusals Kralle,
bis sie ihrer Lenden Taft zerfetzt.
Unschuld lockt es in die Labyrinthe,
wo ein Stiermensch sie zu Tode hetzt.

Feuchter Glanz steigt in der Liebe Auge,
würgt sie kalte Hand der Phrenesie.
Der Ophelia sterbensbleiche Lippen
rötet wilder Schwermut Elegie.

Dionysisch läßt sich Unzucht feiern,
Geifer ätzt vestalisch reine Haut.
Freies Wort durchbricht den Firn der Phrase,
wenn Apollos hoher Strahl ihn taut.

Der gewandert durch La Douce France,
schritt im bittern Staub auch der Vendée.
Dem des Wortes Rose glomm auf Wolken,
fand den Enzian nicht mehr im Schnee.

 

Erläuterungen:
Gegenstrebige Fügung ist die Übersetzung des heraklitischen Ausdrucks palintonos harmonie.

Das heiße Blut ist orientalischer Herkunft; es hat sich die Religion der Unterwerfung verordnet.

Unschuld: Ariadne kehrt ins Labyrinth des Ungeheuers zurück.

Ophelia liebt den Prinzen Hamlet, wird von diesem aber zurückgewiesen. Sie verfällt nach
dem tragischen Tod ihres Vaters von Hamlets Hand dem Wahnsinn und geht ins Wasser.
Georg Heym, Arthur Rimbaud und Peter Huchel schrieben Gedichte über das traurige Schicksal Ophelias.

Auserlesene Jungfrauen, Vestalinnen, hatten als römischen Staatskult das Herdfeuer im Vestatempel zu hüten.

La Douce France: Herkunft aus dem altfranzösischen Rolandslied, findet sich auch bei Stefan George.

Hölderlin wanderte von Nürtingen bis Bordeaux, auf dem Rückweg durchquerte er auch die Vendée, deren Aufstand gegen den Terror der Jakobiner von diesen blutig niedergeschlagen worden war.

 

Comments are closed.

Top