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Epiphanien des Schicksals

22.10.2017

Ich war noch jung und lief gedankenlos
dem Duft des Abends hinterher, die Angst
der Welt, des Lebens Abgrund war Gewölk,
ein roter Dunst, der kräuselnd über Wald
und Wingert zog, ein eitles Spiel der Luft,
da hockte er ein Bettler stinkend, krumm,
zerfurcht, am Rand des Wegs, und streckte mir
die Knochenhand entgegen, flackernd ging
sein Blick mir nach, der sich erschrocken ab-
gewandt, noch hörte seltsam ich ein Wort
mir raunen „Denke dankend immer“, doch
die Jugend rann mir ohne festes Bild
dahin, wie Regen auf dem Schieferdach
erst glänzt, dann leckt ihn auf der Wind,
der heiße. Einmal im Gewühl des Tanz-
lokals stand er ein eleganter Herr
in feinem Tweed, die Silberspange am
Revers beim Tresen, während ich verschluckt
vom Tanzgezappel ihn noch sah, wie zart
das schlanke Glas er winkend hob.
Es waren jene Augen, jener Glanz,
mir zugeeignet gleisnerisch wie Wein,
der sprüht und funkelt, wenn fatale Hand
ihn einem schwenkt, der lechzt nach Lebensglück.
So leerte sich das Dasein aus, ein Lied,
das hell beginnt, und immer leiser wird,
der Lerche Schrei, den lockt und zieht ins Blau
der Sommer, aber dunkler Wind entreißt,
ein Harz, das honigblond aus Borken tropft,
und bald verdunstend trocknet und erstarrt,
ein Teich, genährt von einem Mund geheim,
und blitzen Fische auf, es tunkt der Schwan
das Haupt zum jungen Moos, bis jener Mund
sich schließt, verstummt, verstummt, ein grauer Gnom,
der abends immer rührend bläst die Mund-
harmonika im Hinterhof, ein Hündchen jault,
doch eines Abends bleibt es still, so herz-
ergreifend still. Und kürzlich sah ich hier
im Lärm der Leute, die vom Supermarkt
die dicken Beutel heimwärts schleppen, ihn
am Straßenrand verweilen, ungerührt und stumm,
den Engel, goldne Spreu an Haar und Lid,
entrückter Haschischmond der Mund,
der Wange weiße Lilie leicht betaut,
ach, winkte er mir huldvoll, einmal nur,
und könnte Ruhe weisen, stille Sicht
an Weges letzter Biegung, Tal und Strom
ins reine Bild zu bergen, abschiedssanft,
doch glasig war sein Auge, leer der Blick.

 

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