Das Winken und der Wink
Logische Intuitionen und empirische Evidenzen
Wenn ich weiß, dass du aus Frankfurt stammst, oder weiß, dass du aus Koblenz stammst, und weiß, dass alle Frankfurter Hessen und alle Koblenzer Rheinländer sind, dann weiß ich auch, dass du ein Hesse beziehungsweise dass du ein Rheinländer bist. Ich benötige für die Einsicht, dass, wenn alle A B sind und alle B C, dann auch alle A C sind, keine zusätzlichen logischen oder empirischen Informationen, auch wenn die Tatsache, dass du aus Frankfurt oder Koblenz stammst, ein simples empirisches Datum ist.
Wir sagen, es handele sich bei Einsichten dieser Art um logische Intuitionen oder logische Ableitungen. Deren epistemische Besonderheit besteht darin, dass sie durch das bloße Verstehen des Satzes, der sie ausdrückt, begriffen werden können. Sicher, sie können anhand von Beispielen wie dem genannten nahegelegt werden, aber nur so lange und bis zu dem Augenblick, da der Groschen fällt.
Analog ist die Einsicht, die ich gewinne, wenn ich erfahre, dass du mit Peter befreundet bist, nämlich diese, dass Peter mit dir befreundet ist. Wir sagen, diese Einsicht ist evident auf Grundlage der Symmetrie der genannten Relation. Wir verstehen Freundschaft als Beziehung zwischen mindestens zwei Personen, und es sind die Eigennamen der Personen, die wir in die Leerstellen des speziellen Relationsausdrucks einsetzen: xFy. Wenn wir daher die Formel des allgemeinen Relationsausdrucks xRy betrachten, begreifen wir spontan, dass es sich um eine symmetrische Relation handelt, die wir deshalb auch umkehren können, indem wir schreiben: yRx.
Woran erkennen wir, dass es sich bei diesem Relationsausdruck um den Ausdruck einer logischen Intuition und nicht um den einer empirischen Evidenz handelt? Du könntest ja sagen: „Wenn ich sehe, dass Sachsenhausen auf der einen Mainseite und Frankfurt gegenüber auf der anderen Mainseite liegen, leite ich von dieser empirischen Erfahrung die Evidenz ab, dass die beiden 0rte sich gegenüberliegen. Und wenn ich dies weiß, ist mir unmittelbar evident, dass, wenn Sachsenhausen Frankfurt gegenüberliegt, dann Frankfurt Sachsenhausen gegenüberliegt.“ Wir sagen dazu, dass die symmetrische Beziehung des Sich-Gegenüber-Liegens von Orten eine Exemplifikation der formalen Beziehung zwischen Funktionswerten x, y ist, deren Symmetrie einfach dadurch ausgedrückt wird, dass die Werte ihre Plätze tauschen können, ohne dass die Wahrheit verlorengeht, die durch Einsetzen von Eigennamen in die Formel behauptet wird.
Woher weiß ich, dass du die Gleichung „5 + 3 = 8“ nicht bloß auswendig gelernt hast und gedankenlos nachplapperst, sondern als logische Wahrheit erkannt hast? Ich erkenne dies sofort, wenn du in der Lage bist, aus der genannten Gleichung die äquivalenten Gleichungen „3 + 5 = 8“ oder „8 = 3 + 5“ abzuleiten. Eine noch tiefere Einsicht in die Struktur der Gleichung billige ich dir zu, wenn du darüber hinaus in der Lage bist, die zu der genannten Gleichung äquivalenten Gleichungen „(3 + 5) – x = 8 – x“ oder „(3 + 5)x = 8x“ abzuleiten, wobei x ein identischer Wert sein soll.
Einen noch höheren Grad an logischer Einsicht messe ich dir dann zu, wenn du jetzt noch den Schritt von der Arithmetik zur Algebra gehst und die genannte Gleichung in den algebraischen Ausdruck „a + b = c“ transformierst und diesen den gleichen Ableitungen wie die arithmetische Gleichung unterziehst, nämlich: „b + a = c“ und „c = a + b“ und „(a + b) – x = c – x“ und „(a + b)x = cx“.
Woher nehmen wir die Gewissheit, dass du auf die letzten Formeln nicht durch Ausprobieren oder empirisches Experimentieren, sondern durch Nachdenken gekommen bist? Wir gehen davon aus, dass wir über eine apriorische logische Intuition verfügen, nämlich die logische Intuition der Identität. Wir wissen, der Ausdruck links vom Gleichheitszeichen und der Ausdruck rechts vom Gleichheitszeichen sind zwar in der Gestalt ihrer Zeichen verschieden, in der gemeinten Einheit oder dem Ergebnis aber identisch. Was wir wissen, wenn wir logische Betrachtungen dieser Art anstellen, hat seinen Ursprung im Wissen dessen, was das Gleichheitszeichen bedeutet. Wir können das Wissen von der Identität und Gleichheit zwar anhand von Beispielen gleichsam nahelegen und wecken, wie wenn wir schreiben „1 = 1“ oder „a = a“, aber nur so lange und bis zu dem Augenblick, da der Groschen fällt.
Wir bemerken, dass Identität kein empirischer Begriff ist, denn nichts Reales kann auf Dauer mit sich identisch bleiben, da es den kontinuierlichen Modifikationen im Raum und in der Zeit ausgesetzt ist. Es ist mit den Dingen wie mit dem Schiff des Theseus, das Planke für Planke umgebaut wird, bis am Ende alle Teile ausgetauscht sind: Wir nennen es auch dann noch Schiff des Theseus, aber seine materielle Identität hat es längst eingebüßt.
Wenn ich erfahre, dass du glaubst, dein Nachbar sei dein geschworener Feind, dann weiß ich, dass diese Glaubensgewissheit oder Überzeugung dir unmittelbar evident ist. Dabei ist die Tatsache, dass dein Nachbar dir in Wahrheit gar nicht feindlich, sondern freundlich gesinnt ist, von keiner epistemischen Relevanz. Wenn du den Satz: „Ich glaube, mein Nachbar ist mein Feind“ akzeptierst, ist dir der mentale Zustand deines Glaubens und Fürwahrhaltens unmittelbar einleuchtend und evident.
Glaubensgewissheiten oder Überzeugungen sind wie andere unmittelbare Einsichten in den eigenen mentalen Zustand (mentale Zustände wie Hoffen, Befürchten, Wünschen, Erwarten, Vermuten, Zweifeln usw.) empirische Evidenzen. Sie spiegeln die Art und Weise wider, wie Wesen wie wir epistemisch gebaut sind oder wie wir unsere Art und Weise zu existieren und zu erleben verstehen.
Wir können nicht glauben, dass es andere formale Strukturen unserer Art und Weise zu verstehen geben könnte, die den mentalen Zustand des Glaubens vermissen ließen. Wenn wir glaubten, dass wir keine Glaubensüberzeugungen hätten, hätten wir eben diese Glaubensüberzeugung. Wir können nicht glauben, dass wir nichts glauben, wir können nicht annehmen, dass wir nichts annehmen. Nennen wir also den mentalen Modus des Glaubens, Annehmens oder Fürwahrhaltens den transzendentalen Urmodus unserer mentalen Zustände oder unserer Art zu sein.
Glauben oder Überzeugtsein ist deshalb als Urmodus ausgezeichnet, weil auch die mentalen Modi des Wahrnehmens, Erinnerns, Erwartens, Wünschens usw. auf diesen Modus gleichsam aufgetragen oder aufgezogen sind: Wenn ich etwas wahrnehme, glaube ich, etwas wahrzunehmen, wenn ich mich an etwas erinnere, glaube ich, mich an etwas zu erinnern, wenn ich etwas erwarte, glaube ich, etwas zu erwarten, wenn ich etwas wünsche, glaube ich, etwas zu wünschen usw.
Der Urmodus des Glaubens ist gleichsam die formale Struktur, die all unsere empirischen Evidenzen wie, dass ich jetzt etwas Blaues sehe oder jetzt etwas Kaltes fühle, annehmen. Denn, wie wir genauer sagen müssen: „Ich glaube, jetzt etwas Blaues zu sehen“ und „Ich glaube, jetzt etwas Kaltes zu fühlen“. Der semantische Gehalt dieser evidenten Aussagen ist empirisch, die Tatsache, dass sie evident sind, verdankt sich der transzendentalen Form der Glaubensgewissheit.
Logische Intuitionen und empirische Evidenzen geben uns die Basis-Ausstattung unserer Art zu sein. Auf ihrer Grundlage wissen wir noch nichts Konkretes über die Welt, in der wir leben – es sei denn wir sagen, wir wissen etwas über die Welt, insofern wir uns als Bestandteil dieser Welt auffassen und betrachten. Und wie sollten wir nicht?
Wir wissen demnach, dass die Welt, in der wir leben, so strukturiert ist, dass in ihr die Existenz von Wesen möglich ist, denen logische Intuitionen und empirische Evidenzen zugänglich sind.
Wir bemerken: Eine Welt, die Wesen unserer Art enthält oder generiert, kann kein systematisch abgeschlossener physikalisch-biologischer Mechanismus sein, dessen Abläufe von vollständig determinierenden Gesetzen bestimmt würden. Diese Aussage gilt natürlich auch für den speziellen Fall unseres Gehirns und seiner physikalisch-biologischen Prozesse. Ein Mechanismus, gleichgültig welcher Komplexität, entbehrt des logischen Sinns oder des Sinns für logische Intuitionen. Ein solcher Mechanismus schließt die Möglichkeit der Existenz von Wesen unserer Art, denen logische Intuitionen und empirische Evidenzen zugänglich sind, aus.
Wir schließen daraus, dass auch ein speziell aufgebauter Mechanismus, nämlich der physikalisch-chemische und biologische Mechanismus der darwinistischen Evolution, die Existenz von Wesen unserer Art weder generieren und einschließen noch erklären kann.
Eine Welt nach dem Modell des Mechanismus könnte nur unwillkürliche Bewegungen hervorbringen. Ob es sich um die Bewegungen der Protonen, der Atome oder der Moleküle handelt, die Bewegungen der Sonnen, der Planeten oder der Galaxien, um die Bewegungen der elektrisch-chemischen Impulse der Neuronen oder der Hormone, um die Bewegungen der Pflanzen oder der Tiere – keine dieser Bewegungen hat die Struktur der Bewegung, die wir willkürlich nennen, weil wir annehmen, dass sie einer bewussten Absicht und dem mentalen Zustand, der sie repräsentiert, entspringt.
Du gehorchst nicht den Muskelreflexen deiner Beine, wenn du dich aus dem Haus machst, um die anstehende Verabredung einzuhalten. Du hast versprochen, dich mit mir zu verabreden, und weil du dein Versprechen hältst, hast du jetzt die Absicht, aus dem Haus zu gehen, die du dadurch verwirklichst, dass du die Muskeln deiner Beine willkürlich in Bewegung setzt. Natürlich funktioniert die Bewegung des Gehens im Hintergrund auch auf Basis unwillkürlicher Nervenimpulse und Routinen von Bewegungsmustern. Doch dass du, um deine Absicht zu verwirklichen, eben diese Nervenimpulse jetzt freisetzt und diese Routinen jetzt walten lässt, ist der willkürliche Ursprung des ganzen Vorgangs.
Wenn du mich von Weitem kommen siehst, hebst du die Hand und winkst mir zu in der Absicht, mich darauf aufmerksam zu machen, dass du da bist und wo du dich befindest. Dein Winken ist eine Willkür-Bewegung, von der wir die unwillkürliche Bewegung deiner Hand, um deine Augen zu bedecken, wenn du von der Seite plötzlich einen bedrohlichen Schatten wahrgenommen hast, unterscheiden.
Anders als die willkürlichen Bewegungen der Beinmuskeln dienen die willkürlichen Bewegungen deiner Arm- und Handmuskeln nicht nur dem Zweck der Bewegung, sondern darüber hinaus der Zeichengebung. Du winkst, um mir einen Wink zu geben. Zeichen zu setzen ist der ausgezeichnete Modus der Willkür-Bewegung. Das bemerken wir, wenn wir den Stift über das weiße Blatt Papier führen und Buchstaben und Wörter und ganze Sätze darauf notieren, indem wir mittels der gelernten Willkür-Bewegungen des Schreibens Buchstabe für Buchstabe aufzeichnen.
Mittels Winken anderen Personen Zeichen zu geben umfasst den Vorgang, die Aufmerksamkeit der Gemeinten auf ein Ziel zu lenken, sie heranzuführen oder sie im Gegenteil zu warnen, sich einem Zielort zu nähern. Wir scheinen mit der Gabe vertraut, solche Willkür-Bewegungen von Personen, die uns damit etwas sagen, uns lenken oder warnen wollen, ohne weiteres zu erkennen und zu verstehen. Oder haben wir es uns mühsam angelernt und antrainiert, sowohl durch Willkür-Bewegungen Zeichen zu geben wie sie zu erkennen und zu verstehen? Dafür spricht, dass wir nur Zeichen erkennen und verstehen, die zu geben wir selbst in der Lage sind, weil wir uns die Willkür-Bewegungen antrainiert und gelernt haben, mittels derer wir sie geben.
Zeichen zu geben und zu deuten ist ein weites Feld voller möglicher Missverständnisse und Missdeutungen. So könnte ich wohl gesehen haben, wie du mir mit der Hand winkst, doch daraufhin befragt, ob du mich bereits aus so großer Entfernung bemerkt habest, um mir sogleich zu winken, erfahre ich, dass du überhaupt keine Geste des Winkens vollführt, sondern eine Wespe verscheucht hast. Eine Wespe zu verscheuchen mag zwar eine Willkür-Bewegung sein mit dem eindeutigen Zweck, damit zu erreichen, dass das lästige Insekt verscheucht werde (obwohl sie auch eine unwillkürliche Bewegung der Abwehr sein könnte), aber ganz und gar keine Geste oder Zeichengebung. Ich habe dies missverstanden, weil ich deine Bewegung irrtümlich als Zeichen gedeutet habe, obwohl sie keines war.
Wir müssen also in der Menge der Bewegungen einerseits zwischen unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen unterscheiden und andererseits innerhalb der Menge der willkürlichen Bewegungen die rein willkürlichen Bewegungen von den Zeichengebungen.
Wenn wir eine rein willkürliche Bewegung, die nicht zu den Zeichen gehört, mit der willkürlichen Bewegung einer Zeichengebung verwechseln können, dann sicher auch eine unwillkürliche Bewegung mit einer willkürlichen. Du siehst, wie dein Gegenüber geheimnistuerisch mit den Augen zwinkert und deutest dies als Zeichen für eine beinahe intime Annäherung, doch es stellt sich heraus, dass dein Gesprächspartner unter einem nervösen Tic leidet.
Ich sehe dich aus dem Haus kommen. Woher weiß ich denn, dass du mit deinem Gang die Absicht verfolgst, einer Verabredung nachzukommen? Wärest du wie eine an Drähten aufgezogene Puppe oder ein vollprogrammierter Automat, die Bewegung deines Gangs unterschiede sich in nichts von der Bewegung, die ich jetzt wahrnehme und von der ich annehme, sie sei das Ergebnis deines WILLENS und deiner WILLKÜR, nämlich deine Verabredung einzuhalten, die du ja auch hättest absagen können?
Gibt es eindeutige Kennzeichen oder Kriterien zur Unterscheidung einerseits von unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen und andererseits von rein willkürlichen Bewegungen und Zeichengebungen? Oder sind wir, wenn wir auf den letzen Ursprung der Bewegung in der Person zurückgehen, genötigt, sie nach Absicht oder Absichtslosigkeit, nach Willkür oder Zwang im Ursprung ihrer Bewegung zu befragen, um nur so herausfinden zu können, welcher Art die von uns beobachtete Bewegung der betreffenden Person sein mag?
Vertiefen wir die Frage zuletzt noch, indem wir bemerken, dass die Sprechbewegungen unter den ausgezeichneten Willkür-Bewegungen der Zeichengebung die ausgezeichnetsten zu sein scheinen. Denn wenn du mir in der Nähe unseres Treffpunktes statt mit der Hand zu winken von weitem zurufst: „Hallo, hier bin ich!“, verstehe ich diesen verbalen Wink auf Anhieb. Ich käme nicht im Entferntesten auf die Idee, dir zu unterstellen, dass dir bei der Hervorbringung dieses Ausrufs unwillkürliche Bewegungen deiner Mundmuskeln, deiner Lippen und deiner Zunge unterlaufen sind. Du warst nicht wie bei Reflexbewegungen gezwungen, den Ausruf zu tun, sondern hast ihn willkürlich, wie wir sagen, aus freien Stücken oder vorsätzlich, hervorgebracht und hättest ihn auch unterlassen können, wärest du anderer Stimmung gewesen oder hättest andere Absichten verfolgt, zum Beispiel, mir keine vertrauliche Nähe der Begegnung mit einem solch offenherzigen Ausruf zu suggerieren, sondern dich vorerst zurückhaltend und reserviert zu verhalten.
Wir bemerken abschließend, dass wir an der sprachlichen Zeichengebung durch die Willkür-Bewegungen der Sprechakte ein wahrnehmbares und verständliches Kennzeichen oder Kriterium an der Hand zu haben scheinen, um unwillkürliche von willkürlichen Bewegungen und rein willkürliche Bewegungen von willkürlichen Zeichengebungen unterscheiden zu können.
Lassen wir uns angesichts einer solch erfreulichen Aussicht die Laune nicht durch marginale oder Ausnahmefälle verderben, wenn wir wieder einmal von sprechenden Papageien, zeichengebenden Affen oder anderen Sprechautomaten hören. Der Unterschied ums Ganze kommt einfach dadurch zu Tage, dass wir im Gegensatz zu diesen Exemplaren unser menschliches Gegenüber in Fällen, in denen es sich unklar oder unverständlich ausgedrückt hat, befragen können – und dann hoffentlich eine Antwort erhalten, die uns fürs Erste zufriedenstellt.
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