Das wilde Herz
Des Menschen Herz bleibt Urwald immerdar,
ist nicht zu roden, auszujäten ist ihm nicht
der Schlingwuchs der Lianen, Milches Fluß
am Gummibaum wird weiter tröpfeln, Duft
der Abendstunden rinnt aus mondnem Kelch,
in Mandelbäumen schreit der Ara auf,
der grüne spreizt den blauen Flügel, stiehlt
Opossum oder Affe ihm die süße Frucht,
und tausendblütig schäumt der Sommer weiß
in Lorbeerwipfeln, Quetzals Vogel pickt,
auch wenn du schläfst, im Avocadolaub,
und näßt der Schweiß dir einen bangen Traum,
dann brüllen Affen Botschaft dunklen Zwangs,
der Farne Zwielicht fleckt ein Jaguar,
und Schlangen küssen züngelnd süßes Aas,
das west verwesend, zeugt verendend, blüht
aus Untergängen, scheitert im Triumph,
das alles schreit und schweigt in dir
und mir inmitten dieses Schattenreichs,
Untoter tödlich asphaltierter Stadt,
tief unter dieser Wildnis seufzt der Mund
der Erde auf, wenn grüner Regen strömt,
hoch über ihr kennt Gnade nicht der Stern
und pfropft auf morsches Holz die junge Brut
der Orchidee und brennt erloschner Haut
des Orangs Löcher ein für Wurmes Mahl,
und alles ist voll Qual des Lichts, Geschrei
der Todeslust, doch ungeheuer ist
die blaue Nacht, wenn krumm ein Schatten schleicht
durchs Unterholz, das manchmal lüstern knirscht,
und dünnes Raspeln stäubt vom fetten Blatt
der feine Schnitt der roten Ameise,
dann gleiten Phosphorrosen in den Schoß
der haarigen Dryaden, gellend reißt
des Papageien Schrei die helle Naht
durch schwarzen Himmels Samt und Wasser gluckst
im Sumpf, ein kleiner Elefant noch halb
im Schlaf rollt seinen Rüssel durch den Schlamm,
dann klirrt es wie zerbrochnes Glas im Traum,
die nächtlich-bange Kokosschale birst,
ein weißer Sud beleckt das dichte Laub,
und eine Höllenorgel brüllt die Glut
der Sonne ihren schwarzen Lobgesang.
Ach nein, du hörst kein Lied in deiner Brust,
nicht einmal Wind, der über Gräser streicht,
und sind auch Gräser dir am Ahnengrab,
dem überwachsnen, seelenblaue Luft,
die über Ozeane kam und sog
sich satt am wilden Ruch von Salz und Tang,
du aber liegst, als wär der Urwald ab-
geholzt, wie eine Laute saitenlos
wurmstichig stumm im warmen Bett und gähnst.
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