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Mai 27 21

Rettungen des Reims

Ich seh auf meinem Teppich Rauhreif schimmern.
Durchs offene Fenster strahlt der kalte Mond.

*

„Für dich!“ stand auf dem Titelblatt.
Doch waren alle Seiten unbeschrieben.

*

Verhangen war dein Blick. Ein Sklave,
gefesselt an ein fernes Bild.

*

Ich rief die hohen Namen in die Nacht.
Gezwitscher schüttelt aus dem Laub der Mond.

*

Mit Blütenblättern treibst du auf dem Wasser,
die Tiefe denke nicht, die tausend Faden.

*

Dreh nicht den Stein des Wortes um,
ihm wuchs im Erdreich keine Patina.

*

Wir kehren, schichten sie, die dürren Blätter,
all ihre trüben Zeichen, Flamme singt sie rein.

*
Der Schatten weicht nur einen Augenblick,
wenn du im Mittag deiner Liebe stehst.

*

Ich ließ das Senkblei in die Tiefe gleiten,
doch war kein Grund, auf den es traf.
Du wolltest dich mit Wolken weiten,
und ihre Schatten rankten Schlaf.

*

Der Himmel sagte „Blau!“, die Erde „Dunkel!“
Der Stern sprach „Seufze!“, das Wasser „Funkel!“

*

Wolke singt: „O fließe!“, Wasser klagt: „Ach bleibe!“
Blume sagt „Ach trage!“, Wasser ruft „O treibe!“

*

Ein Vier-Blatt an dem zarten Stengel
der Reim grünt in die Morgenhelle,
die Düfte rufen einen Engel,
schon sitzt er singend auf der Schwelle.

*

Im Reime fließen sie in eins,
der Ströme grün und goldne Töne.
Es gibt die Zauberglut des Weins,
daß Liebesgeist den Schmerz versöhne.

*

Silberdistel und Vergißmeinnicht
stehen nah bei stillen Pfaden,
unsre Worte haben kaum Gewicht,
Pfauenaugen, die im Lichte baden.

 

Mai 26 21

Von dichterischer Gleichnisrede

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Damit etwas als zweideutig gewertet werden kann, muß etwas anderes als eindeutig einleuchten.

Wäre alles zweideutig, wir könnten es nicht einmal wissen.

Müller heißen viele, doch der gemeinte wohnt in dieser Wohnung; oder ist der gesuchte Dieb.

Wir können mit dem, was wir sagen, den Sinn verfehlen; wäre dem nicht so, wir wüßten nicht, ob wir ihn jemals getroffen, ja überhaupt je etwas Sinnvolles geäußert haben.

Wir werden zurecht auf unseren Irrtum hingewiesen, wenn wir eine Tanne mit einer Fichte verwechselt haben. Wir können uns nicht mit der modischen Phrase herauswinden, alle Systeme der Klassifikation, alle Taxonomien und Ordnungssysteme seien arbiträr und willkürlich.

Wenn der eine Sprecher eine Tanne mit einer Fichte verwechseln kann, so mag ein anderer einen fir tree mit einer spruce, wieder ein anderer einen sapin mit einer épicéa verwechseln. Doch was jedes Mal dem Deutschen, dem Engländer und dem Franzosen widerfährt, ist dasselbe (dieselbe Art der Verwechslung).

Die wissenschaftliche Taxonomie belehrt uns, daß wir nicht ohne weiteres eine Tanne mit einer Fichte verwechseln können, sondern beispielsweise eine Weißtanne mit einer Rotfichte, ja eine Weißtanne mit einer Blautanne.

Wenn wir etwas anderes meinen als was wir sagen, wird uns das Leben korrigieren, der Kellner uns das bestellte Bier servieren, auch wenn wir an ein Glas Wein dachten.

Wenn wir der Gastgeberin zu ihrem Ehrentag feierlich einen Kaktus überreichen, verdienen wir ihr spöttisches Lächeln zurecht.

Auch wenn wir Virtuosen der Farbwahrnehmung und Farbbenennung sind und spielend Lindgrün, Tannengrün, Farngrün, Algengrün, Smaragdgrün, Turmalingrün, Jadegrün und manche andere Grünnuancen unterscheiden gelernt haben, genügt uns der simple Hinweis darauf, daß die Ampel auf Grün gesprungen ist, um zu wissen, wie wir uns zu verhalten haben.

Wie wir nicht in einem Atemzug ja und nein sagen oder an allem zugleich zweifeln können (ohne uns dem Verdacht der Verrücktheit, Unredlichkeit oder aufdringlicher Geltungs- und Großmannssucht auszusetzen), müssen wir an der Identität und Eindeutigkeit bestimmter Begriffe, Namen und Aussagen festhalten, um andere überhaupt ins Zwielicht der Zweideutigkeit rücken zu können.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Doch wir haben es ja reichlich, von Mutter Natur und Stiefmutter Kultur.

So existieren wir nicht wie gewisse subatomare Teilchen in einem permanenten Unbestimmtheitszustand fluider Scheinexistenz und verwandeln uns nicht erst dann, wenn uns der Nachbar mal wieder in ein Schwätzchen verwickeln will und uns mit „Na, Herr N. N.!“ oder „Na, Frau N. N.!“ auf dem Treppenabsatz begrüßt, spontan in das jeweils angesprochene Geschlecht. Hier sorgt die Natur in den allermeisten Fällen gnädig für Eindeutigkeit und die Kultur zieht den Hut sprachlicher Konvention vor ihr.

Wenn wir unsere visuelle und sprachliche Farbpalette verfeinern und nicht eintönig und einsilbig immer nur von Blau reden, sondern von Himmelblau, Veilchenblau, Kobaltblau, Königsblau, Türkisblau, Caerulean und Azurblau, implizieren wir damit nicht, der Farbbegriff Blau sei aufgrund unserer nuancenreichen Sensorik und unserer ausgetüftelten Sprachpalette zu einer bloßen Fiktion oder in ontologische Unbestimmtheit herabgesunken.

Licht und Dunkel, Tag und Nacht, die Tageszeiten, die Jahreszeiten, Blühen, Reifen und Vergehen, die Gestalten, der Formenreichtum und die Taxonomien von Flora und Fauna – all dies sind Variationen auf das schicksalhafte Motiv der Ordnung, der Struktur, der sprachanalogen Gliederung natürlicher und künstlicher Formen, schließlich der logisch-grammatischen Ordnung der Sprache selbst.

Die Gestaltformen und Ausdruckscharaktere des Gedichts, vom Vers über die Strophe bis zu den Einzelformen der Ode und Hymne, von Terzine und Sonett, des Liedes und des Liederkranzes haben ihr Gleichnis in den Metamorphosen der Elemente, von Erde, Wasser, Feuer und Luft, den Bildungen und Wandlungen der Wolken, den Organen von Pflanzen und Tieren.

Arroganz technomorphen Denkens oder alles verrechnende Überheblichkeit verkennt die Koinzidenz, die Korrespondenz und tiefere Harmonie von Auge und Licht, Ohr und Klang, Sinnesorganisation und Sinn, Sprache und Leben.

Die Gleichnisrede des Gedichts legt Zeugnis ab von dieser Koinzidenz, Korrespondenz und Harmonie.

So begriff Hölderlin die Frucht des Weinstocks oder die Gabe des Dionysos, das Gedicht, in der alten mythologischen Gleichnisrede als Frucht der Hochzeit von väterlichem Strahl und mütterlichem Dunkel, von Himmel und Erde.

Der rechtens Gerügte blickt verlegen unter sich, der öffentlich Beschämte errötet und schleicht davon, der verdientermaßen Gelobte und mit einem Preis Ausgezeichnete nimmt Lob und Preis lächelnd und dankbar entgegen; die Rede ist schöpferisch, das Wort ist Tat und schafft seelische und moralische Wirklichkeiten.

Wer als befugter Repräsentant der strafenden Justiz dem überführten Kriminellen eine nichts weniger als heitere Epoche seines Erdenwallens ankündigt, schafft mit seinem Urteilsspruch eine höchst einschneidende soziale Realität, wer über den Oberbefehl verfügt und den Krieg erklärt, hat womöglich eine das Leben großer Massen prägende historische Zäsur bewirkt.

Der moralisch Empörte und der moralisch Blinde wollen mit dem sophistischen Hinweis auf die Wandelbarkeit und die Positivität von Recht und Gesetz die Eindeutigkeit der als strafwürdig geltenden Tat vernebeln und den Unterschied des rechtlich Erlaubten vom kriminellen Akt verwischen.

Bilden moralische Empörung und moralische Stumpfheit nicht oft den Januskopf desselben fragwürdigen Charakters?

Hätten wir aufgrund sorgfältiger Beobachtung des Nahrungsverhaltens der Waldtiere gewisse Eigenschaften von Früchten, Beeren und Pilzen nicht eindeutig objektiviert, die einen als nahrhaft, die anderen als giftig in unserer Taxonomie der Flora rubriziert, wären Magenverstimmung, Übelkeit und Erbrechen noch die geringfügigsten Folgen.

Wer die Aggregatzustände des Wassers, Regenschauer und kristalline Flocken, Tau und Reif, Dunst und Nebelschwaden, die frostigen Chiffren am Fenster, tropfende Eiszapfen, aber auch die Wandelgestalt der Wolken, Cumulus, Cirrus, Stratus, als symbolische Zeichen der Seele liest und verwendet, schreibt Gedichte.

Wer im gespenstischen Nebel des Morgens das unverhoffte Blau des Tages durchblicken läßt, kann, ohne es ausdrücklich zu machen, einen allgemeingültigen seelischen Vorgang dichterisch benennen und durch Benennung beschwören.

Sich natürlicher Formen und Vorgänge als Gleichnis zu bedienen, sollte nicht als poetische Lizenz mißverstanden werden, vor der am Gegenstand zu bewährenden und zu bewahrheitenden Genauigkeit des Nennens in ein vages, unbestimmtes Stammeln und selbstgefälliges Assoziieren oder in das Suchen nach verstiegenen Vergleichen auszuweichen.

Die Gleichnisrede kann aus allen sensorischen Quellen schöpfen, Tasten, Fühlen, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören, und mit dem dargereichten Trunk seelischer Dürre und geistiger Engstirnigkeit abhelfen; so kann das frische Wasser kühlen und erquicken, das morastige, brackige beklemmend dunsten, Tauwasser unter verschneiten Büschen ahnungsvoll sickern und glucksen, der Nebel sich zu einem lichtlosen Labyrinth verdicken oder von einem kaum noch gehofften Frühlingshauch zerstreut werden.

Wie man mittels Grautönen und Variationen von Schwarz-Weiß-Mischungen in Tuschzeichnungen alle möglichen seelischen Imponderabilien darstellen kann, so auch anhand der Aggregatzustände des Wassers und der Wolkenbildungen in dichterischer Sprache.

Der die konventionelle Gleichnisrede vom alle Stimmen und Konturen verschluckenden Nebel gebrauchende Dichter tut gut daran, nicht seinerseits in sprachlichem Nebel herumzutappen, sondern die Vergleichsgegenstände und gleichsinnigen Aspekte seiner sprachlichen Mittel sicher und bewußt auf subtile und genaue Art und Weise zu setzen und zu benennen.

Wenn der Nebel des Gedichts gleichsam wider alles Erwarten und auf geradezu magisch-wundersame sprachliche Weise gelichtet wird, sind wir dem Glück des gelungenen dichterischen Ausdrucks nahe, weicht er aber nur dem angestrengten Blasen und Fächeln eines hohen rhetorischen Aufwands, läßt uns die mühsam errungene Aussicht eher verlegen oder verdrossen zurück.

Das gute Gedicht vermag der dürstenden Seele den Trunk aus einem bisher verborgenen Quell zu reichen, aber auch dem hungernden Geist eine Münze in die Bettelschale zu werfen, und ihr heller Klang läßt umso mehr aufhorchen, wenn ihr das geheimnisvolle, edle Siegel einer fremden Königsherrschaft aufgeprägt ist.

Es ist ein Ausdruck von Stupidität, zu glauben, man könne die Bedeutung eines Gedichts als Wegmarke auf dem Lebensweg des Dichters verstehen. Wie dann Ilias oder die Siegeslieder verstehen, haben wir doch von Homer und Pindar nur Bruchstücke meist legendärer Biographien.

Hätte die als engherzig-pietistisch stigmatisierte Mutter Hölderlin, so die albernen Unterstellungen der zeitgeistig befangenen Deuter, sein väterliches Erbteil ausbezahlt, wäre er vor einem unsteten Nomadenleben bewahrt worden und ihm wie Mörike ein beschauliches Dasein in einer schwäbischen Pfarre beschieden gewesen. Aber dann hätte er, bürgerlich saturiert, nicht die großen Elegien und Hymnen wie die Friedensfeier oder Patmos geschrieben.

Wer die Dichtungen Hölderlins als Versatzstücke der Psychologie, Psychiatrie oder Soziologie mißbraucht, beraubt das Dichterwort seiner Eigenständigkeit, Ausdrucksmacht und inneren Würde.

Diotima ist nicht das über dem Brokatdeckchen der Biedermeieranrichte schwebende idealisierte Bild einer Dame der guten Gesellschaft, die sich Dienstboten leisten konnte und deren Hände nicht vom Wäschewringen rot aufgequollen waren, sondern die Chiffre für eine äußerste Empfindungsmöglichkeit und sublime Fühlweise der menschlichen Seele.

Es hätte auch, wie bei Baudelaire, eine schöne, verführerische Mulattin sein können. Und diese ist wiederum nicht das idealisierte Bild vorzivilisatorischer Triebmächte, die bedauerlicherweise dem französischen Kolonialismus zum Opfer gefallen sind, ebensowenig wie nur das exotisch geschminkte, Zigarre rauchende Gegenbild der enggeschnürten, gepuderten Pariser Salondame.

Man kann dichterisch alles durch die Blume sagen.

Die befruchtenden Quellwasser des Reims versickern in der deutschen Trümmer- und Bruchlandschaft nach dem Krieg, ihr letztes Rinnsal, an dem immerhin noch eine ansehnliche Flora und vielblättrige Blumensprache dichterischer Gleichnisrede sproß, finden wir bei Wilhelm Lehmann.

Dann kamen die Blaumänner, jene Ingenieure und Techniker der Rede, die den Musenkuß als regressive Form eines infantilen Eros verdächtigten und jede Bezugnahme auf außeralltägliche, gar göttliche Quellen der Inspiration als Eingeständnis eines von Archaismen überwucherten Geistes denunzierten, dem die Neonsonne der Sprachlabore noch nicht die unerläßliche Aufklärung über die Trostlosigkeit des Lebens und die Eitelkeit und Unbezüglichkeit aller dichterischen Symbolik und Gleichnisrede verabreicht hat.

Jetzt klöppeln wieder zarte weibliche Hände barock verschlungene oder rokokohaft durchbrochene lyrische Spitzen, mit denen sie bisweilen aber nur rätselhaft starrende Blicke gedanklicher Unschärfe und ein in begrifflichem Zwielicht frostig schimmerndes Inkarnat verhüllen.

 

Mai 25 21

Heimgekehrt

Wir gehen still am Ufer lang,
aus Laubgewölben, übersponnen
von Fäden ferner Sonnen,
tropft noch ein Geistersang.

Schon dampft es hoch im Tal,
schon hören wir die Glocken
zum Willkomm uns frohlocken,
der Schiefer rötet sich am Strahl.

Als wären wir noch heimgekehrt,
als könnt in den Keramikkrügen
der Oleander nicht betrügen,
hat trautes Bildnis uns betört.

Als wollten auf die Grabesstatt
wir stille Veilchen legen,
als brächte es uns Segen,
betauten wir das Efeublatt.

Doch weichen, gehen wir zurück,
auch wenn von jenen Bruchsteinmauern
die blauen Wicken nach uns schauern,
wir bangen um das scheue Glück.

 

Mai 24 21

Einsam in den Städten

Die Chöre, die in Auen sangen,
behaucht von Myrten-, Veilchenkränzen,
die Herzen, die wie Blumen schwangen,
die unter Tränen milder glänzen.

Propheten mit den Flammenzungen,
die dürren Gräser zu entzünden,
ihr Odem war von Gott durchsungen,
dem Azur, wo die Seelen münden.

Der Dichter, einsam in den Städten,
er steht am Fenster, um zu lauschen,
ob ihm die Nacht noch Vögel retten,
ob irgendwo noch Blätter rauschen.

 

Mai 23 21

Versunkenheiten

Sie kehren nicht zurück, die Lerchenstimmen,
die in den Rauch des Abendlichts gesunken,
und haben doch aus Himmels Sonnenteichen
die Kehlen violetten Schmelz getrunken.

Der Spiegel ist zerkratzt, Opal des Wassers,
gefleckt von Lilienschaumes Glimmen,
und gab er doch Gesang von Sommernächten,
auf weißem Blütenblatt des Monds zu schwimmen.

Der Anmut goldne Locken, sie ergrauen,
wie Augen, die im Tränenglanz verschwimmen,
sind Anemonen auf den Abendauen.
Sie kehren nicht zurück, die Lerchenstimmen.

 

Mai 22 21

Das scheue Täubchen

Wie es sacht sich niederduckt
unter Blätter, auf dem Zweige,
geht der Sommertag zur Neige.
Wieʼs im Traum noch gluckt.

Und es träumet ihm vom Gold,
das die Wolken abends tragen,
Flammenfracht von Sonnentagen,
die ins dunkle Wasser rollt.

Kleines Herz, es ist betäubt,
wenn der Zweig im Dunkel schaukelt,
Kobold Mond im Zwielicht gaukelt,
wie sich das Gefieder sträubt.

Hoher Strahl verscheucht die Nacht,
hört es gurren seine Schwestern,
die sich necken, die sich lästern,
banges Herz, es lacht.

Und es flattert ungescheut
auf die Mauer, äugt nach Kernen,
schwarzen Sonnenblumensternen,
die ein Freund ihm hingestreut.

Taubenfüße trippeln lind,
Schnabel pickt, was rasch gefunden,
Sonnenfrüchte wollen munden,
leichtes Herz, gib dich dem Wind.

 

Mai 22 21

Abendblaue Veilchen

Abendblaue Veilchen glänzen
taubehaucht, aus dunklen Schneisen
sprüht noch Blühen uns von Kränzen,
die auf weichem Wasser kreisen.

Golden ist der Wein der Küsse,
purpurn ist des Liedes Mund,
hat der Fruchtkelch zarte Risse,
bleibt die Süße auf dem Grund.

Wenn sich über Schattenmauern
unsrer Blicke Knospen ranken,
öffnet sie ein jähes Schauern,
wollen mildem Strahl sie danken.

Glüht der Mond uns an der Traube,
wandern wir mit Wolken schon,
gurrt der Tod uns wie die Taube,
flügeln wir um weißen Mohn.

 

Mai 21 21

Ich hab an dich gedacht

Ein Schauer unverhoffter Funken
war dir vom Laub der Sommernacht
ins warme Blut herabgesunken,
da habe ich an dich gedacht.

Und gingst du über Rebenhügel,
wie blaue Seide floß der Rhein,
umwehten dich Gesanges Flügel,
das mochte wohl mein Engel sein.

Als dich gequält der Dornen Zwicken
im Phrasendickicht, kraus und wüst,
hat deinen Gang mit blauen Blicken
mein stilles Veilchen bald versüßt.

Und mußtest du bei Schatten liegen,
die Sonnenblume war geknickt,
kam schnurrend sich an dich zu schmiegen
ein Kätzchen, das ich dir geschickt.

 

Mai 20 21

Glucksende Tropfenpsalmodie

Glucksende Tropfenpsalmodie,
wimpernwirrender Blumenschauer, Muschelspeier
sprühen odenstrophenlang und ebben sie,
stickt der Mond aus feuchten Funken Schleier.

Seufzende Regenpfützenelegie,
grüne Tränenmulden, schwankende Rohre
lispeln sich farbigen Schaum und stocken sie,
sickert Sommers Nachglanz in die Moore.

Schnalzende Hagelrhapsodie,
eisgebeizte Backen, glitzernde Dämonen-
zähne knirschen schief und schmelzen sie,
lächeln im Sonnenodem Anemonen.

 

Mai 19 21

Holder Knabe

Die Sonnenfäden, holder Knabe,
sie glänzten dir im wirren Haar,
du fühltest kaum, wie milde Labe
aus blauem Kelch geflossen war.

Du gabst dem Dunkel sie verloren,
den Purpurball, die feuchte Glut,
und siehst nicht, wie für dich erkoren
ein Schwan im Blumenodem ruht.

Wir hätten kniend uns gefunden
wie Hirten vor dem Sonnenkind,
im Lied das süße Weh empfunden,
das wie der Tau der Rose rinnt.

Nun zittert über deinem Grabe
der Efeu, schon ergraut von Staub,
von droben rauschet, holder Knabe,
sternloser Nächte schwarzes Laub.

 

Mai 18 21

Der Trost der Turteltaube

Wir wollen durch die Stoppeln gehen,
ist auch das Leben worden karg,
wir fühlen noch im sanften Wehen
den Geist, der sich ins Schweigen barg.

Wir wissen nicht, ob Morgenstrahlen
uns heben auf den First der Zeit,
ob abendlich uns Blüten fahlen
und Ströme rauschen Dunkelheit.

Wir hofften auf den Glanz der Traube,
die unter roten Blättern schwingt,
uns blieb der Trost der Turteltaube,
die einsam zwischen Schatten singt.

 

Mai 17 21

Das Dichterwort

Wir fühlen es am Nerv des Blatts
und schmecken mit ihm Tropfen,
verfolgen wir die Spur des Tiers,
wirft in die Lichtung dieses Worts
das Schweigen seinen Schatten.

Wie Honigwachs, so schmilzt es weich
auf deiner heißen Haut, der blinden,
doch findest du den feinen Docht,
kannst du es nachts entzünden.

Die Nacht des Laubs glänzt auf und schauert,
der Überwuchs am Marmorfries,
den harter Meißel seines Traums
dem Dunkel abgetrotzt.

Was auf dem grünen Wasser schwimmt,
ist wie das Dichterwort erglüht,
ist Knospe wohl, doch ungreifbar,
von fernem Stern behauchter Staub,
und sinkt herab im Wellenspiel
und steigt im Spiegel hell empor.

Der alte Mann kehrt aus dem Grün
und bürstet sich von dem Revers
den losen Schnee der Blumenpollen,
der schrickt er aus dem Schlafe auf
gespensterhaft ihm leuchtet.

 

Mai 17 21

Weiß nicht, wie mir geschah

Ob Seufzen füllte Blumenschalen,
ich weiß nicht, wo ich war,
ob hoch mich hoben Liebesstrahlen,
weiß nicht, wie mir geschah.

Ob Dornicht oder Flügel streifte,
ging ich den Traubenpfad,
weiß nicht, ob sie zum Glücke reifte,
entzückten Lichtes Saat.

Ob treue Schatten um mich rankten,
weiß nicht, wie lang ich schlief,
ob Mondes Blütenwasser schwankten,
weiß nicht, was nach mir rief.

 

Mai 16 21

Knirscht es im Gebälk der Nacht

Knirscht es im Gebälk der Nacht,
stieben auf Kometenfunken.
Auf den Spiegel kalter Pracht
ist der Lilien Schnee gesunken.

Welle sagt den Uferschilfen
weiches Nein und zages Ja.
Nachtigallen, sie verstummen,
singt ihr Lied Ophelia.

Wie die Erde Flocken stillen,
träumt der Schmerz vom kühlen Grab.
Taut der Reif im Rosenodem,
quillt ein Glanz vom Aronstab.

 

Mai 15 21

Gilbert Keith Chesterton, The Donkey

When fishes flew and forests walked
And figs grew upon thorn,
Some moment when the moon was blood
Then surely I was born.

With monstrous head and sickening cry
And ears like errant wings,
The devil’s walking parody
On all four-footed things.

The tattered outlaw of the earth,
Of ancient crooked will;
Starve, scourge, deride me: I am dumb,
I keep my secret still.

Fools! For I also had my hour;
One far fierce hour and sweet:
There was a shout about my ears,
And palms before my feet.

 

Der Esel

Als Fische flogen, Wälder walzten,
die Feige schwoll am Dorn
und droben troff des Mondes Wunde,
da warʼs, daß ich geborn.

Ein Monsterkopf, wehschreiend Vieh,
der Ohren Federlesen,
des Teufels Humpel-Parodie
auf viergehufte Wesen.

Aussatz der Erde, wüst und krumm,
uralter Wille, doch verbogen,
schröpf, peitsch, verhöhn mich: Ich bin stumm,
mein Herz bleibt dir entzogen.

Toren! Hold war ein Augenblick
auch mir, der wilde, süße:
Den Ohren ward Gesang zum Glück,
Palmgrün trug meine Füße.

 

Mai 14 21

Das sanfte Laub

Hat das Wetter sich verzogen,
perlt von Strünken Glanz,
zitternd aus dem Grund gebogen,
Tulpe, sie ist ganz.

Daß sie Tod vorm Chaos schütze,
teerten sie die Bahn,
und durch eine dunkle Ritze
bricht der Löwenzahn.

Schwarze Höhlen ließ das Feuer,
Augen ausgeglüht,
und du staunst vor dem Gemäuer,
wo Clematis blüht.

Ist der Liebe Ring zerbrochen,
und ihr Herz ward Staub,
bist du wie ein Tier gekrochen
in das sanfte Laub.

 

Mai 14 21

Nun ist das Herz so kühl

Nun ist das Herz so kühl,
und flammen Wolken droben,
ins Abendrot verwoben,
sanft ist das Herbstgefühl.

Die Welt wird uns zum Bild,
wenn wir am Fenster sinnen
und süße Düfte rinnen
ins Blut, das leiser quillt.

Als hätten wir gehört
den Nachtgesang der Flüsse,
umhauchen uns die Küsse,
die Sommer uns verwehrt.

Hat Rauschen sie entrückt,
auf Wassern rosa Blüten,
wie Lippen, die verglühten
im Abschied, der uns glückt.

 

Mai 13 21

Andrew Marvell, The Mower to the Glow-Worms

Ye living lamps, by whose dear light
The nightingale does sit so late,
And studying all the summer night,
Her matchless songs does meditate;

Ye country comets, that portend
No war nor prince’s funeral,
Shining unto no higher end
Than to presage the grass’s fall;

Ye glow-worms, whose officious flame
To wand’ring mowers shows the way,
That in the night have lost their aim,
And after foolish fires do stray;

Your courteous lights in vain you waste,
Since Juliana here is come,
For she my mind hath so displac’d
That I shall never find my home.

 

Der Mäher an die Leuchtkäfer

Ihr Lebenslichter, seid lieblich ihr entfacht,
mag Nachtigall noch lange weilen,
sinnend durch die Sommernacht
an ihrem Wunder-Sange feilen.

Ihr ländlichen Kometen, ihr kündet
nicht von Krieg, vom Tod des Fürsten nicht,
ihr seid als Grablicht nur entzündet
dem Gras, wenn es die Sense bricht.

Ihr Leuchtkäfer, euer Lichter-Chor
weist spätem Mäher seine Scheuer,
der in der Nacht sein Ziel verlor,
genarrt von Sumpfes Fäulnisfeuer.

Umsonst habt freundlich ihr gefunkelt,
denn Juliane ging des Wegs daher,
so hat sie meinen Geist verdunkelt,
ich finde nie nach Hause mehr.

 

Mai 12 21

Der Sprung in der Glocke

Weltenglocke ist gesprungen,
stopf dir nur die Ohren zu,
magst dich in den Kissen wälzen,
Mißton läßt dir keine Ruh.

Im Gewölbe dumpfer Träume
geht das Scheppern hin und her,
dulden mußt du, schwacher Dulder,
frage nicht, warum, woher.

Keine Sehnsucht kann uns retten
in der Kindheit grünen Hag,
als uns sanften Klanges netzte
Himmels blauer Wellenschlag.

Heimlich öffnet sich ein Fenster,
haucht uns Sommernacht einmal,
und aus ferner Heimat Gärten
lindert süßer Sang die Qual.

 

Mai 11 21

Glückliche Wendung

Tausend Samen
wehen hin im Wind.
Tausend Namen,
die vergessen sind.

Kommt die glückliche Wendung,
ein weiches Gurren der Taube
im jäh sich wiegenden Laube,
fühlt das Dasein Vollendung.

Flocken decken
Zeichen grauen Steins.
Schatten flecken
Stirnen hohen Seins.

Sendet Süden die Schauer,
darf Hortensie sprühen,
wildes Weinlaub erglühen,
hüllet Charis die Mauer.

 

Mai 10 21

Sechs Augenknöpfe und drei Stummelschwänzchen

Drei gescheckte Hündchen waren drollig,
ihre kleinen Augenknöpfe blinkten,
ihre Stummelkringelschwänzchen winkten,
griente auch ihr Herrchen finster-prollig.

Wir stehen vor der Post in langer Schlange,
bricht los im Hinterhof ein wüstes Kläffen,
ein Hündchen-Trio, drei, die gern sich äffen,
flitzt hin in schön geflecktem Überschwange.

Die Schlange rückt, wo sie nur immer bleiben.
Ein Pfiff, ein Wirbel waren sie zur Stelle.
Sechs blanke Augenknöpfe blitzen helle,
drei Schwänzchen, die drei Fragezeichen schreiben.

Er ist jetzt dran. Pfeift durch die Zähne, zischt ein:
„Ihr wartet hier!“ Die kleinen Racker weichen,
drei Schwänzchen starren, jähe Ausrufzeichen,
sechs kleine Knöpfe äugen schlußpunktklein.

Wie drollig trippeln ist auf allen Vieren,
synchrones Wedeln scheint ʼne feine Sache,
nur kuschen Pfiff auf Pfiff – daß ich nicht lache.
Und doch: Einmal in buntem Fell sich inkarnieren!

 

Mai 9 21

Feuer rinnt hinab

Sie singen leise vor sich hin,
um sich wieder gut zu werden.
Wer leiht ihnen Wort und Sinn,
wer die innigen Gebärden?

Die wie dünne Seide reißen,
feuchte Firnen auf den Matten.
Krokus, an dem Tropfen gleißen,
lüftet Morgenwind die Schatten.

Flocken auf des Dunkels Farnen,
weiches Schmelzen, zages Tändeln.
Zwitschern, Glanz von Zwillingsgarnen,
die leicht umeinander bändeln.

Feuer rinnt hinab zu Tale,
Seelen, auserkoren, fangen
es in blauer Knospe Schale,
gießenʼs aus den Scheuen, Bangen.

 

Mai 8 21

Die Taube äugt

Die Taube äugt im Morgengrauen
vom Dach nach Krümeln, kleinen Bissen.
Dann fliegt sie, mochte sich getrauen,
auf den Asphalt, sie aufzupicken.

Wer hat sie ihr wohl hingestreut?

Der Morgenstrahl verlockt den Dichter,
im Hang dem Ginster abzuschauen,
obʼs Blumenlippen sagen lichter,
dem Flieder, ob noch Verse blauen.

Wer hat die Liebe ihm erneut?

 

Mai 7 21

Durchs Knospendunkel

Durchs Knospendunkel wühlt der Strahl,
streift tastend tausend Perlen, feuchte,
von Wimpern um den blauen Gral,
daß wieder er von Wundern leuchte.

Ins Laub bläst Gold der Abendwind,
wo träumen hinter Schattengittern
die Sänger, die verzaubert sind
von Pan, und trunkne Flügel zittern.

Ins Fenster weht die Sommernacht
der alten Frau den Duft der Gärten,
sie sieht im Spiegel, scheu erwacht,
die Aura lang verblühter Zärten.

 

Mai 6 21

Die Träume kriechen unters Bett

Der Mond löscht seinen schwachen Span,
als hätte er die Erde satt.
Was hat der Teich ihm angetan,
der selbstlos ihn gespiegelt hat?

Der Wind schlüpft in ein Abflußrohr,
als wäre er des Schweifens müd.
Das Laub erstarrt. Warʼs nicht zuvor,
daß er sich fühle, aufgesprüht?

Der Blumenduft mischt sich mit Aas-
geruch, er ist das Locken leid.
Der Falter sinkt ins dürre Gras
und war zum Liebesmahl bereit.

Die Träume kriechen unters Bett
des Dichters, der nicht schlafen kann.
Die Leere macht der Glanz nicht wett,
der mit der kalten Träne rann.

 

Mai 5 21

John Donne, The Funeral

Whoever comes to shroud me, do not harm
Nor question much
That subtle wreath of hair, which crowns my arm;
The mystery, the sign, you must not touch,
For ’tis my outward soul,
Viceroy to that, which then to heaven being gone,
Will leave this to control
And keep these limbs, her provinces, from dissolution.

For if the sinewy thread my brain lets fall
Through every part
Can tie those parts, and make me one of all,
Those hairs which upward grew, and strength and art
Have from a better brain,
Can better do’it; except she meant that I
By this should know my pain,
As prisoners then are manacled, when they’are condemn’d to die.

Whate’er she meant by’it, bury it with me,
For since I am
Love’s martyr, it might breed idolatry,
If into other hands these relics came;
As ’twas humility
To afford to it all that a soul can do,
So, ’tis some bravery,
That since you would have none of me, I bury some of you.

 

Das Begräbnis

Wer immer einst das weiße Linnen um mich bindet,
tuʼs fraglos und nicht schnüre
den feinen Kranz auf, Haar, das meinen Arm umwindet,
geheimes Zeichen nicht berühre.
Ich wese noch in diesem Kranz,
dem Vizekönig mir, der zum Himmel schon gekehrt
ihm anheimgibt ganz
die Glieder, daß wie eignes Land sie bleiben unversehrt.

Wie Nervenstränge, die das Hirn
mir flicht durch alle Teile hin,
sie binden und mich halten wach wie fester Zwirn,
so können diese Haare, die freien Wuchses Kraft und Sinn
von einem bessern Hirn empfingen,
es besser leisten; oder sie war so gesinnt:
Schmerzen sollen mich erst recht bezwingen,
Gefangnen gleich in Fesseln, die zum Tod verurteilt sind.

Wie sieʼs auch meinte, Erde soll sie mit mir decken,
denn da ich ende
als Märtyrer der Liebe, könnten Götzenkult sie wecken,
gerieten die Reliquien in fremde Hände.
Wennʼs denn Ergebung war,
daß ich so alle Kraft der Seele gab,
wird eine kleine Kühnheit offenbar:
Nichts hast du von mir, ich nehm einen Teil von dir mit ins Grab.

 

Mai 4 21

Laßt uns die Abendstrahlen ehren

Laßt uns die Abendstrahlen ehren,
ins Wasser rieselt mattes Gold,
die Sommersonne war uns hold,
wie sollten wir den Schatten wehren.

Noch rinnt Gelispel Laubes Schwanken,
und schäumte Sang von Strömen groß,
bald sind wir grünen Wogens los,
wenn um das Kreuz sich Seelen ranken.

Laßt uns mit Dankestränen scheiden,
ins Wasser sinkt der volle Mond,
uns hat der Blumen Duft belohnt,
wie sollten wir die welken meiden.

Noch geht des Waldes Herzschlag leise,
und klopfte er der Sonne wild,
bald liegen wir von Tau gestillt,
sacht schließt sich goldnen Lichtes Schneise.

 

Mai 3 21

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken,
ein sonnenwarmes Blatt der Linde
mag sich auf deine Stirne senken,
tropft Schlummer mit dem Harz der Rinde.

Es bleibt das Wünschen leer wie Bilder,
wo üppig Knospen duftlos blenden,
der Gabe Glanz sei matter, milder,
ein Schnee, der taut auf warmen Händen.

Was können wir uns Schöners geben
als Zweige auseinanderbreiten,
die Lichtung weisen süßem Leben,
zum Saum des Morgens es geleiten.

Wie Rosen über Zäune ranken,
ist liebenswürdig alles Gönnen,
mit hundertblättrigen Gedanken
magst selber dich beschenken können.

 

Mai 2 21

Wir warten, Herr, auf deinen Tag

Der Hort der Heimat liegt im Nebel,
die Seele beißt auf ihren Knebel.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

Vor bunten Kacheln baumeln Lämmer,
die Seele plätten heiße Hämmer.

Wir hoffen, Herr, auf deinen Blitz,
verblüffend selbst Titanenwitz.

Des Hoheliedes Lilien dorrten,
die Seele würgt an faulen Worten.

Wir harren, Herr, auf deinen Zorn,
fegt er die Spreu und liest das Korn.

Hier findet Grazie kein Wohnen,
die Seele mimen längst Dämonen.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

 

Mai 1 21

Was unsern Atem braucht

Ihr Weiheglocken, blauen Dämmers Mahnen,
wie Engel seid ihr uns verschollen,
versunken wie der Geist der Ahnen,
der einst im Maar emporgequollen.

Doch geht ein Angelus in Versen, reinen,
wenn helle Tropfen, weiche Reime,
die wie an Veilchenwangen niederweinen,
an Pulse rühren uns, geheime.

Ihr Ginsterfeuer in den Eifeltälern,
hat fahles Nachtmahr euch verschlungen,
welch Kummer könnte Lippen schmälern,
die grauem Schiefer Glut gesungen?

Doch manchmal weht aus alten Weisen,
als weckte Aschen auf ein Hauchen,
Gefunkel, Herzen, heiß zu preisen,
die um zu glühen unsern Atem brauchen.

 

Apr 30 21

Nur wer schweigt, vernimmt

Was sich aus stummer Erde speist,
des Blattwerks grüne Dauer,
hat sternenlose Nacht verwaist,
wie dunkeln Laubes Schauer.

Das grüne Leben wuchert hohl,
Traumadern, unerglühte,
bis es sich neigt vor dem Idol,
erzitternd weiße Blüte.

Das Leben, das sich selber schlingt,
im Kreis gebogne Schlange,
ist gnadenlosem Licht verdingt,
und vor sich selber bange.

Was sich dem Hauch der Rose neigt,
es stillt die Abendröte,
was sich verloren ist und schweigt,
vernimmt die Zauberflöte.

 

Apr 30 21

Weiße Knospe kreist allein

Weiße Knospe kreist allein
auf der Asphaltlache,
eingesprengt ein Glorienschein
in der grauen Sprache.

Lilienblasses Angesicht
auf gestärktem Linnen,
einer Träne kleines Licht
will ins Jenseits rinnen.

Dunklem Wasser hingestreut
Schnipsel weher Briefe,
daß die Schrift sich noch erneut
aus des Urleids Tiefe.

Kranker Puppe zugetan
schaukelt Kind die Wiege,
summt herbei sich Flaum vom Schwan,
daß sie weicher liege.

 

Apr 29 21

Robert Burns, My heart’s in the Highlands

My heart’s in the Highlands, my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherever I go.

Farewell to the Highlands, farewell to the North,
The birth-place of Valour, the country of Worth;
Wherever I wander, wherever I rove,
The hills of the Highlands forever I’ll love.

Farewell to the mountains, high-cover’d with snow,
Farewell to the straths and green valleys below;
Farewell to the forests and wild-hanging woods,
Farewell to the torrents and loud-pouring floods.

My heart’s in the Highlands my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherev’r I go.

 

Mein Herz ist in den Highlands

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

Lebt wohl, ihr meine Highlands, mein Nordland, lebe wohl,
du Hort des Heldenmuts, des hohen Sinns Idol.
Wo ich auch wandern mag, wohin ich auch vertrieben,
die Hügel meiner Highlands, sie will ich immer lieben.

Lebt wohl, ihr Bergesgipfel, beglänzt von hohem Schnee,
ihr Täler, grüne Mulden, ich rufe euch ade,
lebt wohl, ihr Wälder und ihr schroffen Waldeshänge,
lebt wohl, ihr wilden Wasser und Wassers wilde Sänge.

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

 

Vertonung Arvo Pärt:
https://www.youtube.com/watch?v=6UadEvSJMrQ

 

Apr 28 21

Jules Supervielle, Encore frissonnant

Encore frissonnant
Sous la peau des ténèbres
Tous les matins je dois
Recomposer un homme
Avec tout ce mélange
De mes jours précédents
Et le peu qui me reste
De mes jours à venir.
Me voici tout entier,
Je vais vers la fenêtre.
Lumière de ce jour,
Je viens du fond des temps,
Respecte avec douceur
Mes minutes obscures,
Épargne encore un peu
Ce que j’ai de nocturne,
D’étoilé en dedans
Et de prêt à mourir
Sous le soleil montant
Qui ne sait que grandir.

 

Noch fröstelnd
unter der Haut der Finsternis
muß ich jeden Morgen
einen Menschen neu erdichten
aus all dem Wirrwarr
meiner abgelebten Tage
und dem bißchen, was mir bleibt
von jenen, die noch kommen.
Erneut Gestalt geworden,
gehe ich zum Fenster,
zum Lichte dieses Tags,
und komm ich aus dem Zeitengrunde,
ehr ich voller Milde
meine dunklen Augenblicke,
spare mir ein wenig auf
von dem, was mir die Nacht
an Sternen lieh im Innern
und an Kredit fürs Sterben
unterm Anstieg einer Sonne,
die nur eins kennt: älter werden.

 

Apr 28 21

Wozu wieder aufgewacht

„Ist es Abend, ist es Nacht,
will nur rasch durchs Fenster sehen,
ob noch Menschenschatten gehen,
wozu bin ich aufgewacht.“

Wie steht voller Mond für sich allein,
doch dein Kummer sieht ihn nicht,
sprössen ihm in seinem fahlen Licht
Blüten milder als im Sonnenschein.

„Wurde wach ich, weil es tropft
in das hohle Messingbecken,
süßer wäre mein Erschrecken,
hätt wer an die Tür geklopft.“

Wie von siechem Warten taub
hörst du nicht den Regen rinnen,
Geister, die dein Herz umspinnen,
den Kokon aus wachem Staub.

„In der Flasche blinkt noch Wein,
Tränen, ihr könnt schöner funkeln,
mich zu retten vor dem Dunkeln,
wollest, Schlaf, du endlos sein.“

Schlafe nur, der Engel wacht,
magst des Morgens Knospe sehen,
ihre Schauer fühlen und verstehen,
wozu du wieder aufgewacht.

 

Apr 27 21

Das warme Blut

Die scheue Maus, sie duckt sich unters Laub.
Daß nur nichts raschelt, nur nichts bauscht.
Doch eine schwarze Beere lag im Staub.
Wie sie sich wiegt, als wäre sie berauscht.

Ins Dornendickicht ist der rote Ball gerollt.
Die weiche Hand, sie zuckt zurück, belehrt.
Wie sich der Knabe unbekümmert trollt.
Das warme Blut, es blieb ihm unversehrt.

Die Greisin sitzt am offnen Fenster lang,
das weiße Haar gelöst im Abendwind.
Aus dunklem Blattwerk kommt Gesang,
weil kleine Sänger ihre Schwestern sind.

 

Apr 26 21

Heimkehr im Winter

Der blaue Blick kommt wieder mir entgegen
des Knaben, der statt meiner einst gespielt
und singend schritt und tänzelte im Regen,
beglückt, wenn herrisch Wind im Haar gewühlt.

Ist nicht der Glanz der Iris milchig eingetrübt
vom Gang durchs Dickicht wirrer Zeichen?
O, hätte ich den Knaben mehr geliebt,
wär’s ihm gelungen, ganz mir zu entweichen.

War nicht das Kreuz des Südens ihm bestimmt
und der Lagune Schein im Blütenfeuer?
O, hätte ich den Scheuen, daß er schwimmt,
hinabgestoßen in den Strom der Abenteuer.

Nun kam in meinen Winter er zurück,
nur kleine Flammen hab ich, ihn zu hegen,
doch manchmal singt er noch mit trübem Blick,
was er gesungen hatte einst im Regen.

 

Apr 25 21

Manchmal sprüht die Flosse

Vergeßnes fällt aus alten Briefen,
vertrocknet blaß ein Blütenblatt,
ein Knittertüll von zarten Riefen,
die einst ein Aug gewässert hat.

Ward auch die Träne Dunst im Grabe,
dem Glanz des Blicks, vom Wurm verdaut,
hat einmal Sommers Wundergabe,
die Akelei am Weg geblaut.

Wir gehen taub am Trost vorüber,
den krankem Kind die Puppe spricht,
das graue Rauschen ist uns lieber
als helles Wort, ein Dorn, der sticht.

Doch manchmal sprühet uns die Flosse
im Marmorbecken eines Traums,
es weckt uns manchmal ein Genosse,
der Troubadour im Laub des Baums.

 

Apr 24 21

Die Lektion des Kindes

Eine Antwort auf die Krähe von Ted Hughes

Die Trübsinn-Nebel, öder Träume Dunst,
die uns die nahe Sicht, den Sinn, benehmen,
des Moorlands feuchte Schleier lichtet Kunst,
die Sonne scheucht die trügerischen Schemen.

Wenn wilde Krähe nicht von Liebe spricht
und weiße Haie in die Tiefe biegen,
gebricht’s dem Schöpferworte nicht an Licht,
um unsern Unflat schwirren ja die Fliegen.

Reißt uns des Dämons Wut vom Wunder los,
und sehen wir im Blütenblatt nur Wunde,
die Rose bebt, ein unbewußter Schoß,
ihr Duft erleichtert Kranken manche Stunde.

Entgeistert Mann und Weib ein Schattenreich,
wenn sie sich Haut und blinder Stachel sind,
der blaue Blick des Sommers macht sie weich,
die Frucht am Zweig, der überhängt, das Kind.

Das Kind spricht Liebe, ihm galt die Lektion,
und sei es nur zerzauste Puppe, die es küsst,
zu denken, daß sein Lächeln blind, ist Hohn,
die Liebe sieht es schön, was Rohen häßlich ist.

 

Apr 23 21

Ted Hughes, Crow’s First Lesson

God tried to teach Crow how to talk.
‘Love,’ said God. ‘Say, Love.’
Crow gaped, and the white shark crashed into the sea
And went rolling downwards, discovering its own depth.

‘No, no,’ said God. ‘Say Love. Now try it. LOVE.’
Crow gaped, and a bluefly, a tsetse, a mosquito
Zoomed out and down
To their sundry flesh-pots.

‘A final try,’ said God. ‘Now, LOVE.’
Crow convulsed, gaped, retched and
Man’s bodiless prodigious head
Bulbed out onto the earth, with swivelling eyes,
Jabbering protest–

And Crow retched again, before God could stop him.
And woman’s vulva dropped over man’s neck and tightened.
The two struggled together on the grass.
God struggled to part them, cursed, wept–

Crow flew guiltily off.

 

Krähes erste Lektion

Gott wollte Krähe beibringen zu sprechen.
„Liebe“, sprach Gott, „sag: Liebe.“
Krähe starrte, und der weiße Hai krachte in das Meer
und rollte weiter abwärts, seine eigene Tiefe zu finden.

„Nein, nein“, sprach Gott. „Sag: Liebe. Versuch es jetzt: LIEBE.“
Krähe starrte, und eine Schmeiß-, eine Tsetse-Fliege, ein Moskito,
schwirrten hervor und abwärts
zu ihren diversen Fleischtöpfen.

„Letzter Versuch“, sprach Gott, „jetzt: LIEBE.“
Krähe schüttelte sich, starrte, würgte und
des Mannes körperloses Monster-Haupt
kollerte auf die Erde, mit verdrehten Augen,
Einspruch brabbelnd –

Und wieder würgte Krähe, bevor Gott sie daran hindern konnte.
Und des Weibes Vulva fiel auf des Mannes Nacken und zog sich zusammen.
Die beiden rangen miteinander im Gras.
Gott rang darum, sie zu trennen, fluchte, weinte –

Krähe flog schuldbewußt davon.

 

Apr 22 21

Jean Moréas, Je songe à ce village

Je songe à ce village assis au bord des bois,
Aux bois silencieux que novembre dépouille,
Aux studieuses nuits, — et près du feu je vois
Une vieille accroupie et filant sa quenouille.
Toi que j’ai rencontrée à tous les carrefours
Où tu guidais mes pas, mélancolique et tendre,
Lune, je te verrai te mirant dans le cours
D’une belle rivière et qui commence à prendre.

 

Ich denk an jenes Dorf, am Saum des Walds entrückt,
am stillen Wald, ihm raubt das Laub Novemberwind,
wo hohen Sinns die Nacht, da seh ich sie gebückt,
die Alte, überm Feuer, wie sie den Faden spinnt.

Dich, die ich an jedem Wegkreuz wiedertraf,
wo du mir nachgeblickt, schwermutsvoll und zart,
Mond, ich seh dich wieder, wie du dich beugst herab
auf schönen Baches Spiegel, der schon im Frost erstarrt.

 

Apr 21 21

Thomas Hardy, Afterwards

When the Present has latched its postern behind my tremulous stay,
And the May month flaps its glad green leaves like wings,
Delicate-filmed as new-spun silk, will the neighbours say,
“He was a man who used to notice such things”?

If it be in the dusk when, like an eyelid’s soundless blink,
The dewfall-hawk comes crossing the shades to alight
Upon the wind-warped upland thorn, a gazer may think,
“To him this must have been a familiar sight.”

If I pass during some nocturnal blackness, mothy and warm,
When the hedgehog travels furtively over the lawn,
One may say, “He strove that such innocent creatures should come to no harm,
But he could do little for them; and now he is gone.”

If, when hearing that I have been stilled at last, they stand at the door,
Watching the full-starred heavens that winter sees,
Will this thought rise on those who will meet my face no more,
“He was one who had an eye for such mysteries”?

And will any say when my bell of quittance is heard in the gloom,
And a crossing breeze cuts a pause in its outrollings,
Till they rise again, as they were a new bell’s boom,
“He hears it not now, but used to notice such things?”

 

Hernach

Verriegelte die Gegenwart die Türe hinter meinen bangen Tagen,
und wirbelt Mai die grüne Freude, Blatt um Blatt, gleich Schwingen,
wie frisch gesponnen filigrane Seidenkringel, wird mancher Nachbar fragen:
„War er ein Mann, der gern den Sinn umhüllt mit solchen Dingen?“

Stürzte durch die Dämmerung geräuschlos, wie sich Lider senken,
des Abendtaues Falke, bög die Schatten kreuzend ein
auf Hochlands windgekrümmten Dorn, mag werʼs sieht sich denken:
„Ihm muß dieser Anblick wohlvertraut gewesen sein.“

Wandelte ich durch Nacht, die von Faltern schwarz und warm,
und huschte durch das Gras der Igel voller Bangen,
mag einer sagen: „Ihm lag daran, solch unschuldigen Kreaturen geschehe kein Harm,
doch er konnte wenig für sie tun und nun ist er gegangen.“

Stünden auf der Schwelle, die hörten, daß ich im Frieden schied dahin,
und schauten auf zum voll besternten Himmel einer Winternacht,
käm ihnen, die nimmer sehn mein Angesicht, wohl in den Sinn:
„Für solche Mysterien war sein Auge wie gemacht“?

Wird einer, tönt im Finstern meine Sterbeglocke, sagen,
da ein Windhauch einbricht in ihr langsames Verklingen,
bis es wieder schwillt, als würde neue Glocke angeschlagen:
„Er hörtʼs nicht mehr, doch offen war sein Sinnen solchen Dingen“?

 

Apr 20 21

Das glückliche Osterhäschen

Ostersonntag in der Frühe,
Rauhreif funkelt auf dem Grase,
nach dem Melker muhen Kühe,
spricht zum Jüngsten Mutter Hase:

„Häschen, gutes Häschen mein,
trag den Korb mit bunten Eiern
zu den lieben Kinderlein,
denn sie wollen Ostern feiern.
Bist du auch noch zart und klein,
deine Löffel wedeln lang,
laß von keinem Schrat dich schrecken,
mache dich kein Unhold bang.
Magst die Eier listig stecken
zwischen Halme, Osterglocken,
Kinder sollen sie entdecken,
werden lachen und frohlocken,
weil mein bester Hasenmatz
brachte diesen bunten Schatz.“

Häschen hoppelt, Häschen eilt,
mit dem Korb auf seinem Rücken,
trägt ihn treulich unverweilt,
doch die Schulterriemen drücken.
Siehtʼs von Moosen sanft umfaßt
eine Mulde voller Veilchen,
wirft es ab die schwere Last,
hier zu dösen – nur ein Weilchen.

Doch kaum ist es eingenickt,
kommt ein Zwitschern aus den Blättern,
und das Häselchen erschrickt,
denn die Lerche hört es schmettern:

„Häschen, gutes Häschen mein,
trag den Korb mit bunten Eiern
zu den lieben Kinderlein.
denn sie wollen Ostern feiern!“

Häschen hoppelt, Häschen düst,
ist von frischem Mut beseelet,
doch im Wald, o weh, begrüßt
es ein Schrat, sein Auge schwelet.
Bis zum Knie wallt seine Mähne,
einen Pflock umkrallt die Faust,
spricht der Unhold, fletscht die Zähne,
daß es unserm Häschen graust:

„Hier verlischt das Licht der Freude,
meiner Seele rauhe Haut
kennt nur Stacheln, kennt nur Räude,
hast die Eier wohl geklaut,
gib sie mir, will sie zerschlagen,
pfeife meine Füchse her,
sollen dich zum Teufel jagen.“

Mut hat da kein Häschen mehr,
doch sie kommt gar wundersam,
Rettung kommt aus grünem Laube,
wird sogar der Wilde zahm,
spricht herab die Turteltaube:

„Meinem Hasen sollst du lassen
Liebes- und nicht Diebesgut,
sonst wird alle Welt dich hassen,
selbst des Unholds wilde Brut.“

Läßt der Schrat den Stecken fallen,
seht, wie unser Häschen springt,
Häschen, glücklichstes von allen,
das den Kindern Freude bringt.

Kommt es heim, sinkt müd ins Bettchen,
froh getaner Hasenpflicht,
reicht die Mutter Kräuterblättchen.
Die Geschwister lauschen fein,
Ohr an Ohr geneigt im Kreise,
was erzählt das Brüderlein
von der ersten Osterreise.
Nein, vom Unhold spricht es nicht,
nur von einer Lerche Singen,
nur von einer Turteltaube,
Taube mit den holden Schwingen,
die gegurrt aus grünem Laube.

 

Apr 20 21

Nereide

Ein grüner Schatten, Nereide,
wenn Blütenkronen leiser gleiten,
als ob ihr feuchter Blick uns miede,
fällt es wie Schnee auf graue Weiten.

Das dunkle Rauschen ist geflohen
in eine harte Muschelschale,
die Geisterflammen, die fern lohen,
erstickt ein Schrei mit einemmale.

Sie sinkt in Krämpfen einer Qualle,
als stürze sie zur Schwester nieder,
zum hohen Purpur der Koralle,
der Blütenschaum kehrt heller wieder.

Uns quält ein Schweigen wie am Grabe,
kein Trösten schenkt die Lilienreine,
des kühlen Mondes Totengabe,
doch Tränen hat Poseidon keine.

 

Apr 19 21

Der Heimat ferne

Gehen wir auf weichen Moosen
unter Mondes banger Leuchte,
rote Tropfen dort sind Rosen,
Veilchen deine Augen, feuchte.

Tauchen wir die spröden Hände,
Wellen, die sie sanft umfangen,
weiße Tupfen dort sind Schwäne,
Schnee, der dämmert, deine Wangen.

Liegen wir, der Heimat ferne,
Herz an Herz auf Grases Strähnen,
stumme Funken dort sind Sterne,
alles sagen deine Tränen.

 

Apr 19 21

Wenn die Rosen fahlen

Laß, Weide, deine Silbersträhnen fließen,
und mildern Schatten stumme Glut des Lebens,
will ich der Bilder müd die Augen schließen.

Schenk, Wasser, sanftes Rauschen nicht vergebens,
an Blüten, die im trüben Monde schwanken,
will letztes Glück ich fühlen, Huld des Schwebens.

Hüll, Abend, mich in deine Rosenranken,
rinnt auch ihr Blut in dunkle Opferschalen,
sie sind die Gaben, hoher Nacht zu danken.

O Schlummer finden, wenn die Rosen fahlen.

 

Apr 18 21

Chor der Dinge

Saft der Beere, goldenes Licht des Honigs,
Traubendunkel, ihr auch, scharfe Bisse der Zitrone,
holde Boten unsichtbarer Erde,
daß ein frommer Sinn noch in uns wohne.

Sirren einer Mücke, Zwitschern, Blöken, Rauschen,
Tosen, stehst du auf basaltener Brücke,
die auf Farn und Blättern trommeln, Hagelschlägel,
Chor der Dinge reiße dir das Herz in Stücke.

Weiße Spitzen, die der Frost zur Nacht geklöppelt,
transparente Vliese auf bemoosten Steinen,
die im Schlafe zucken unter starrem Spiegel, Flossen,
atme, glühe, bis ans Licht sich Anemonen weinen.

Pflaumen, Kirschen, Aprikosen, mütterlich hat Regen
blank gewaschen Früchte, so dem hohen Sommer glücken,
aber die wie Mondes geisterhafte Blüte schweben,
Liedes scheue Knospen wollen wir im Herbst des Lebens pflücken.

 

Apr 17 21

Blind für das Wunder

Erinnerungen an Gemälde von Monet,
Watteau, Mantegna, Poussin und Chardin

Den Flügel hat geformt der Wind,
Gesang schwebt über weichen Wellen.
Wir torkeln für die Wunder blind
und hören nur die Narrenschellen.

Die kleinen Blüten leuchten groß,
Monet sah sie im Dunkel scheinen.
Wir sagten uns vom Wunder los,
von Tränen, die um Schönes weinen.

Der weiße Knabe von Watteau,
im heitern Himmelslicht verloren,
wir werden seines Blicks nicht froh,
der sanfte Herzen sich erkoren.

Der harte Leib des toten Herrn,
Mantegna sah den Krampf der Hände,
uns Lauen rückt das Wundmal fern,
das blutige Linnen um die Lende.

Den Himmel malte Poussin grell
vom Blitz, den Schrei des Unglücks finster.
Wird uns die Liebe einmal hell,
sind Lippen es von fahlem Ginster.

Dem Silberkelch gab matten Glanz
Chardin, dem Pfirsich Purpurschimmer.
Wer macht den Kelch uns wieder ganz,
sind Scherben wir, verblaßt für immer?

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=monet+seerosen&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwj21Z33iYbwAhWkgP0HHeCcCNQQ_AUoAXoECAEQAw&biw=980&bih=519

https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_(Gem%C3%A4lde)

https://de.wikipedia.org/wiki/Beweinung_Christi_(Mantegna)

https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/gewitterlandschaft-mit-pyramus-und-thisbe

https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Jean-Baptiste-Simeon-Chardin/694795/Stillleben-mit-Pfirsichen,-einem-Silberkelch,-Trauben-und-Waln%C3%BCssen.html

 

Apr 17 21

Die kranke Seele

Ins Dunkel schimmert heim der Bach,
dort harrt des Wilds die Futterkrippe,
ein Hunger hält die Seele wach,
o nährte sie die Blumenlippe.

Es lädt der Abendstern zum Fest,
was Atem hat, in Waldes Kühle,
kein Flaum blieb in der Seele Nest,
o daß sie Hauches Wiegen fühle.

Wellt sich der dunkelblaue Saum,
wenn Engel an die Glocken klopfen,
die kranke Seele hört es kaum,
o Tränen, Milde ihr zu tropfen.

Den dunklen Schlaf des Walds erhellt
das trunkne Lied der Nachtigallen,
was hat die Seele so entstellt,
o schenke, Mond, ihr noch ein Lallen.

 

Apr 16 21

Wird eine Sonne dort auch scheinen

Wird eine Sonne dort auch scheinen,
an Wasser weich ein Pfad sich schmiegen,
Schneeglöckchen lächeln, Veilchen weinen,
wo du und ich im Grase liegen?

Doch müssen wir als Schatten leben
im Uferschilf an trübem Flusse,
laß uns wie Dunkelfalter schweben,
die um sich taumeln wie im Kusse.

Wird dort ein Hündchen munter hüpfen,
den Ball mir legen vor die Füße,
ein Kätzchen auf den Schoß dir schlüpfen,
sein sanftes Fell dir schmeicheln, Süße?

Doch duldet kein Bellen, kein Miauen
das stille Reich der Lilien, der Rosen,
mag man uns Engel anvertrauen,
zwei kleine, die mit uns scherzen, kosen.

 



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