Blüten, Stern um Stern
Dir ist am Saum der Nacht
ein heller Stern erschienen,
von seinem Strahl erwacht
willst du dem Tage dienen.
Ist auch die Mühe hart,
und Tränen müssen quillen,
die Herzen werden zart,
wenn sich die Kelche füllen.
Nicht hat die müde Hand
umsonst gewühlt in Erden,
das Kleinod, das sie fand,
soll Glanz im Dunkel werden.
Ein Wind weht sanften Klang,
ein Hauch kommt schon zu kühlen,
im Sonnenuntergang
kannst Trost im Tode fühlen.
Und was dich stiller macht,
ist süßer Duft von Rosen,
eine Wehen aus der Nacht
sagt dir vom Grenzenlosen.
Sind auch die Lieben fern,
und leiser singt die Quelle,
sind Blüten, Stern um Stern,
gestreut auf deine Schwelle.
Die graue Sprache
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Knabe“ scheint ebenso wie „Fräulein“ aus der Rede des trost- und blütenlosen Kontinentes Alltag auf eine jener Inseln geflohen zu sein, auf denen man, wie auf den von der Sonne und dem Lächeln unbekümmerter Herzen gesegneten des südlichen Ozeans, sich ritueller, also schöner Formen des Umganges befleißigt und um treffende, also würdige Formen des Ausdrucks bekümmert.
Denkst du bei „Knabe“ nicht gleich oder doch ein wenig später an die schönen Hände des Dichters Robert Walser, an seine von süßen Rätseln glänzenden Augen und die hellen Strohbüschel der Haare, die wie vom Mutwillen des Windes von einer unaustilglichen Störrigkeit zeugen? Dringt dir nicht wie aus abendlich dämmerndem Hausflur, wo gemächlich die sanften Wogen streifend das Ruder der eichenen Uhr auf- und niederschwingt, aus dem Wort „Fräulein“ ein Duft von Eau de Cologne in die Erinnerung, die auf schweren Teppichen leise, um kein empfindsames Herz aus dem leichten Schummer zu reißen, sich in die bäuerliche Wohnküche vorwagt, um vor dem Fenster mit den Geranien und Veilchen die alte Dame, eingewickelt in ein kariertes Tuch, zu entdecken?
Verkleinerungsformen wie Mädchen, Fräulein, Kindlein, aber auch Männlein und Bübchen haben den Hautgout des Wirklichkeitsfremden bekommen, insonderheit trägt das Fräulein das Stigma der Verachtung, da man der zum Mannweib emanzipierten Frau das Altrosa eines demütig-jungfräulichen Daseinsschleiers herabzureißen als große Geste der Ernüchterungs- und Befreiungsorgie erachtet hat.
Wenn wir sagen, daß sich Kätzchen balgen oder Katzen miauen, müssen wir nicht wissen, welche unter ihnen Kater, welche Katzen weiblichen Geschlechtes sind.
Wer glaubt, gemäß der Aussage „Jeder packte seine sieben Sachen zusammen und ging nach Hause“ kämen nur Männer ins traute Heim zurück, ist dümmer, als die deutsche Grammatik erlaubt.
Ist „der Rhein“ männlichen, „die Mosel“ weiblichen Geschlechts, weil der eine ein mächtiger Strom, die andere ein sich lieblich dahinschlängelnder Fluß ist? Doch wie steht es um „die Elbe“, „die Donau“, „die Weser“? Hier steigen die bunten Nebel uralter Mythen, wie bei „der Sonne“, „dem Mond“ oder „der Venus“, in die nahe wohnenden Labyrinthe der weitverzweigten grammatischen Formen.
Bei Nomina wie „Bruder“ und „Schwester“ oder „Vater“ und „Mutter“ ist die typisch germanische Wortbildung des Substantivs durch das Suffix -er am Wortstamm ja mit Händen zu greifen. Sie müßten freilich ideologisch verblendet oder bedeutungsblind sein, wenn ihnen bei „Schwester“ und „Mutter“ die grammatische Tatsache verborgen bleibt, daß diese Nominalbildung gerade nicht dazu dient, das natürliche Geschlecht zu bezeichnen.
Aber sie sind es, beides, ideologisch verblendet und bedeutungsblind.
Nominalbildungen wie „Verbraucher“, „Besitzer“, „Nutzer“, „Fahrer“, „Helfer“ oder „Sprecher“, aber auch solche wie „Kunde“, „Bote“, „Kollege“, desgleichen Pronominaladjektive wie „keiner“, „jeder“ und „mancher“ bezeichnen keinen Angehörigen eines natürlichen Geschlechts, sondern jeweils die Person, ob Mann oder Frau, die das Gemeinte ausführt oder darstellt; es heißt also korrekt: „Sie war unter den Helfern immer an vorderster Stelle“; „Sie ist ein gewandter Nachrichtensprecher/ein verschwiegener Bote/ein anspruchsvoller Kunde“; „Unter allen Kollegen steht sie mir am nächsten“; „Die Verbraucher, darunter auch die meisten Frauen, waren mit dem Produkt sehr zufrieden.“ Nur wenn das natürliche Geschlecht der Person unmittelbar relevant ist, heißt es etwa: „Sie war meine ehemalige Lehrerin.“ Aber es grenzt ans Lächerliche zu sagen: „Da tobten die Affen und Äffinnen“, „Viele Hessinnen und Hessen mögen Grüne Soße“ oder „Jeder und jede ging nach Hause.“
Früher schliefen sie mit dem Chef, dem Direktor, dem Professor und wurden Chefsekretärin, die rechte Hand des Unternehmers, oder ihr besonderer Service wurde mit einer Assistentenstelle honoriert. Heute ist es dank Quote noch bequemer, wenn auch ebenso heuchlerisch, verlogen und verächtlich. Allerdings hatte die alte Methode den schönen Nebeneffekt, daß sie nach dem Geschmack der speckigen oder eleganten Hurer und Ehebrecher zwar dumm sein durften, aber gewisse Merkmale erotischer Anziehung, ein hübsches Gesicht, einen üppigen Busen oder immerhin Glanz in den Augen, aufzuweisen hatten; der unschöne Nebeneffekt der heute geltenden Selektion zeigt sich darin, daß die per Quote Erwählten sowohl dumm als auch häßlich sein dürfen.
„Sie ist mit einem Finnen verheiratet“; „Er ist mit einer Finnin verheiratet“ – schön und gut. Aber wenn wir sagen „Die Finnen sprechen eine seltsame Sprache“, meinen wir nicht, daß der weibliche Teil dieses Volkes stumm ist.
Es ist dieselbe Mentalität desselben Volkes, das früher botmäßig und inbrünstig „Heil!“ schrie und heute die Muttersprache durch ein amtlich verordnetes Kauderwelsch schändet und notzüchtigt.
Pöbelgesinnung, ob in der „Literatur“ oder der „Wissenschaft“, setzt, was alle sagen, wie jeder daherredet, mit dem gleich, was wahr, schön und gut sein muß.
Wenn es so häufig geschieht, muß ein Goldkorn der Wahrheit dahinterstecken; wie bei der gleichzeitigen Zunahme der Störche im Moorland um den Ort Gockelhausen und der steigenden Geburtenrate der Gockelhäusler.
Von der Küche zum Katheder, vom Wiegenlied zum akademischen Geschwätz – der kurze Weg zu einem langen Niedergang.
Die Stupidität und Verbohrtheit, die sprachliche Verwahrlosung, die für die Verwendung des Pronominaladjektivs „jeder“ die Verkuppelung und Ergänzung durch „jede“ fordert, hätte in der nach den strengen Maßgaben eines Melanchthon geführten protestantischen Klosterschule, im Gymnasium der Jesuiten oder in der altpreußischen Lehranstalt den sofortigen Schulverweis nach sich gezogen.
Weg ohne Ziel: von der Preußischen Akademie mannhafter Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts zur Akademie für Sprache und Dichtung einer hysterischen Damenriege unserer Tage.
Das wahrhaft tückische Virus, das sie befallen hat, führt zu seelischer Atemnot und geistiger Lähmung. Um uns zu schützen, müssen wir von seinen Trägern und Verbreitern gebührenden Abstand halten.
Die Verhunzung und Verhäßlichung der Muttersprache ist ein Symptom einer geistigen Erkrankung, die das Bild der Mutter wie Läuse den Rosenstock angefressen hat.
Die Gestalt der Gottesmutter ist der echte Widerspruch gegen die Annahme, wir seien dem evolutionären Selektionsspiel ausgesetzte biologische Maschinen, das Tun und Sagen ihres Sohnes der eigentliche Widerspruch gegen die Annahme, Geschichte sei die Sinngebung des Sinnlosen.
Der Rosenkranz schlang sich um die knöchernen Finger des alten Fräuleins, als es auf dem Sterbelager ruhte.
Es ist würdiger, sein Leben Maria zu weihen, als es in sinnlosem Treiben für die Emanzipation der Frau (oder gleich der ganzen Menschheit) aufzureiben.
Die Verhaltensmaßnahmen der Hygiene, an der sie die neue Gestalt des totalen Staates nach dem Muster jakobinischen Gesinnungsterrors erproben und als gar nicht sokratische Maieutiker einen Untoten ans Licht zerren, ist wie ihr Ahnherr, die moderne Labormedizin, Technik ohne Sittlichkeit; während die hygienischen Vorschriften der alten Juden der sittlichen Haltung des Menschen vor Gott dienten.
Das Volk der rituellen Reinigung vor dem Gott der höchsten Reinheit, denn sie sollten heilig sein wie er heilig ist, wurde von den Rassehygienikern der physischen und sittlichen Fäulnis bezichtigt, denn wer sich so oft und so penibel reinigen muß, so der perverse Gedanke, muß im Schmutze hausen. Die neuen Hygieniker des totalen Staates verdächtigen jene, die sich seinen rituellen Vorschriften verweigern oder sie in Frage stellen, sich im Schlamm des Widerspruchs und der Illoyalität zu suhlen. Die öffentlichen Zwangswaschungen haben schon begonnen.
Ironie der Geschichte: Die schmutzigen Juden von einst kehren heute, sic manet infamia mundi, als dreckige Nazis zurück.
Am Höhleneingang ihrer gefeierten Staatsform lauert die Furie der Pöbelinstinkte, gesäugt wird sie von einer grausamen Wölfin mit der giftigen Milch des Handelsgeistes und der globalen Industrie. Dichter, die das widrige Schauspiel besingen, werden mit Preisen überhäuft.
Das Genie ist wie ein Briefpartner, der einem schöne Briefe schreibt, ohne daß wir ihm bislang von Angesicht zu Angesicht begegnet sind; wir staunen, wenn er uns beim ersten Treffen entgegenkommt: Das Gesicht, der Gang, die Haltung, das Mienenspiel, sie mögen uns überraschen oder enttäuschen, doch stimmen sie nur in oberflächlichen Zügen mit dem Bild überein, das wir uns beim Lesen seiner Briefe davon gemacht haben.
Ins Wirkliche zu tauchen und das Wort nicht von selbstischen Tränen, sondern vom Tau der Abenddämmerung glänzen zu lassen, ist bisweilen wie der jähe Griff des Traumwandlers in das Loch, worin die Brut der Schlangen zischt.
Der Dämon der Stadt und die Furie kultureller Vernichtung recken ihr kahles und augenloses Haupt im Beton-, Glas- und Eisen-Brutalismus der Titanenburgen in den götterlosen Himmel, Bauten, in denen sich die Macht des Geldes und der Verwaltung des Ameisenstaates konzentriert. Im Berlin, Nürnberg und München Albert Speers, im Rom Mussolinis, im Moskau und Kiew Stalins, im Bukarest Ceaușescus zeigte sich der Dämon in seiner nackten, erdentbundenen Potenz; doch kehrt er in verwandelter Gestalt in die Metropolen zurück, wenn er sich durch das Niederreißen alter Bestände und Denkmäler Platz geschaffen hat.
Das Kauderwelsch, das die Sprache Goethes abgelöst hat, ist das von allen heimischen Idiolekten gereinigte Esperanto des Dämons der Weltstadt.
Goethes Sprache ist wie der im Regen und Dunst jäh aufgehende farbige Bogen anmutig, bildhaft, berückend; das Kauderwelsch des Dämons ist abstrakt, grau, unanschaulich, er duldet noch tote Metaphern, doch verstopft er alle Zuflüsse, aus denen etwas Geheimnisvolles zwischen den Zeilen aufquellen, aufatmen könnte. Was dem hausbackenen Verstand wie unvorhersehbar, eine von namenlosen Blüten schimmernde Aussicht durch eine wundersam sich auftuende Schneise anmutet, die Sprache Goethes, wird von der vom technischen Idiom gehäuteten Sprache gänzlich verdunkelt.
Die graue Sprache, Staub auf der Zunge derer, die da gesanglos wohnen. Kein Speichel, kein Wein löst die Gifte auf, an denen die Seele bei lebendigem Leibe versiecht.
Das grammatische Gewimmel der Geschlechter in der zu Tode gegenderten Sprache der öffentlichen Meinung ist nur ein vorübergehendes Symptom des geistigen Zerfalls; am Ende wird wie das natürliche auch das grammatische Geschlecht neutralisiert.
Wenn Menschen in der Retorte gezüchtet werden, wenn die künstlich Gekeimten und genetisch Optimierten ihr von keinem störenden oder überwältigenden Gefühl verunsichertes oder gesteigertes Roboterdasein absolvieren, fallen die Namen Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die Begriffe Liebe, Treue, Passion, Opfer und Hingabe dem Zensurmesser der neuen Sittenwächter anheim.
Was verlorengeht auf dem Weg zum reibungslosen, tristen Leben im Futteral der Technik (der Tod wird nur ein jähes Verlöschen des Displays sein) und zum schalen Diskurs auf gleicher Augenhöhe mit Hinz und Kunz (wer größer ist, wird um einen Kopf kürzer gemacht), das sind der Duft der Anmut und die weiße Orchidee im Knopfloch des Mantels der Sprache, die wir nur einem Einzigen, einem Auserwählten schenken.
Die leeren Waben
Ach, wir Flügellosen,
wollten wie die Bienen
hohem Lichte dienen.
Wer schenkt uns die Rosen?
Und wir bauten Waben
aus dem Glas der Träume
an des Abgrunds Säume
für die Sonnengaben.
Wie sie immer füllen
mit des Liedes Süße,
wenn auf keiner Wiese
Duft mehr, Tropfen quillen.
Sonne war vergangen,
und wir Blinden irrten.
Wo uns Licht der Myrten,
wo der Knospe Prangen?
Unsrem dunklen Herzen
lieh nur Mond sein Dämmern,
über banges Hämmern
liebte er zu scherzen.
Sind Engel noch
Dem Andenken an Monsignore Dr. Kurt Esser
Sie glimmen auf, sie zittern sich ins Helle
in Ritzen des Asphaltes, Mohn und Gräser,
sie rufen Distel, Heide, Bibernelle.
Vergessen blinken matt Kristall und Gläser,
verrauscht sind die Gelage, Lärm und Girren,
wie nie gewesen Zwitschern, Flügelschwirren.
Es kehrt zurück der herbe Wind der Steppe
und seufzt an trocknen Brunnen und Altären,
versiegten Hymnen, zieht des Staubes Schleppe
den Götzen über aus Metall, Schimären.
Die flohen vor dem Gott, zersprengte Truppen,
ihr Abbild grinst, verkohlte Kleiderpuppen.
Aus Kellerlöchern züngelt Brut der Schlangen,
nachts ziehen Reh und Hirsche durch Alleen,
Schakale bellen, in den Höfen prangen
von Träumen wölkend wilde Orchideen.
Ein dumpfes Läuten steigt aus Dämmerungen
von Glocken, die ein irrer Geist geschwungen.
Und Trübsal sickert, Mondes Schnee zu streuen
auf kalte Fliesen in den Korridoren,
kein Vogelsang mag Einsamkeit erfreuen,
die Sonne blakt, im Aschenwind verloren.
Wo sind die Frommen, wo die zehn Gerechten,
blieb rein kein Herz vor diesen Todesmächten?
Dort spielen Kinder nackt, die übrig blieben,
sie haben sich geheim ein Nest gefunden
bei Lämmern, die sie hüten, die sie lieben,
ein Stern durchglitzert ihre bangen Stunden.
Sind Engel noch, mit Manna sie zu speisen,
mit ihnen weit ins heilige Land zu reisen?
Dämmerung und Mohn
Und aus Augen, feuchten,
fahler lohten schon
Dämmerung und Mohn,
kam ein sanftes Leuchten.
Lilien, angehaucht
von den Seufzern, matten,
eure Lippen hatten
allen Duft verbraucht.
Zeiger, blinde Schwingen,
Uhren voller Sand,
in die Nacht verbannt,
Herzen, die nicht singen.
Kalter Tropfen, Mond,
in den Staub geronnen,
leergeweinte Bronnen,
Wüsten, unbewohnt.
Die Dämonen scheuchten,
Augen, schwarzer Mohn
lähmt die Lider schon.
Wo ist euer Leuchten?
Liebe, bleib nicht stehen
Liebe, bleib nicht stehen,
fühlst du wunderbar
dein gelöstes Haar
wild im Winde wehen.
Auf dem dunklen Wasser,
zwischen Rohr und Moosen,
wird das Licht der Rosen
fahler schon und blasser.
Sieh, an sanften Matten,
unter grauem Rauch,
blassen Falter auch,
Sehnsucht will ermatten.
Und wo Ginster sprühten
goldnen Staub ins Blau,
trinkt der Mond den Tau,
Träume, die verglühten.
Liebe, bleib nicht stehen,
fern ergrünen Lauben,
gurren Turteltauben,
kommt ein süßes Wehen.
Maurice de Guerin, Ma sœur Eugénie
I
En l’âge d’enfance,
J’aimais à m’asseoir
Pour voir
Dans le ciel immense
L’oiseau voyager
Léger.
Quand le ciel couronne
Les horizons bleus
De feux,
Plus d’un soir d’automne
Aux bois m’a surpris
Assis,
Écoutant les ailes
Qui rasaient les toits
Des bois,
Bruissant entre elles
Comme les flots clairs
Des mers.
II
Et ces mélodies
Pénétraient mon cœur
Rêveur,
Et mes rêveries
Faisaient mieux qu’un roi
De moi.
Ma sœur Eugénie
Au front pâle et doux,
Chez vous,
Bois pleins d’harmonie,
Aux soupirs du vent
Souvent
Mêlait sa romance
Qui faisait pleuvoir
Le soir
La douce abondance
Des pleurs qu’au désert
On perd.
III
Elle aimait mes rêves
Et j’aimais les siens
Divins ;
Et nos heures brèves
Passaient sans témoin
Au soin
De faire l’échange
De biens entre nous
Si doux ;
Mille rêves d’ange
Allaient de son sein
Au mien.
Quand la feuille grise
Sous le vent follet
Roulait :
« Vois comme la brise
Fait de ces débris
Des bruits, »
Disait Eugénie ;
Et toutes les fois
Qu’au bois
La feuille flétrie
Au vent qui passait
Tombait,
Elle, sans parole,
Mais levant tout droit
Son doigt,
Montrait ce symbole
Qui dans l’air muet
Tournait.
IV
À travers les branches
Et parmi le noir
Du soir,
Si des ailes blanches
Reluisaient soudain,
Mon sein
De mille pensées
Soulevant le poids,
Ma voix
Disait : « Nos années
Sont ces passagers
Légers. »
V
Sur nos têtes frêles,
Poussés par les vents,
Douze ans
Ont battu des ailes
Depuis les accords
D’alors ;
Mais leurs ailes lourdes
Dans l’ombre des soirs
Trop noirs
Passent toutes sourdes
Sans bourdonnements
Charmants.
VI
Voici qu’une année,
Du mont éternel
Du ciel
Vers nous inclinée,
Sur nous va passer,
Glisser.
Vous qui, par les plaines
Écoutez les chants
Errants
Des choses lointaines,
Quel est aujourd’hui
Celui
De l’an qui s’avance ?
Est-cee un oiseau doux
Vers nous
Portant l’espérance
Et le rameau frais
De paix ?
VII
Quel bruit font ses ailes
Je voudrais avoir
Ce soir
De sûres nouvelles
De ce nouvel an
Venant :
Aura-t-il les charmes,
Ma sœur, de ces jours
Si courts
Où toutes nos larmes
Venaient du bonheur
Du cœur ?
Meine Schwester Eugénie
I
In den frühen Zeiten
blieb ich gerne stehen,
um zu sehen,
wie die Vögel gleiten
durch den blauen Schoß
schwerelos.
Wenn des Himmels Pracht
ungeheuer
krönten Feuer,
in manchen Herbstes Nacht,
saß ich wie in Träumen
unter Bäumen,
hörte ich das Schnellen
der Gefiederfächer
über grüne Dächer,
und die lichten Wellen
rauschten hin und her
wie im Meer.
II
Die schönen Weisen,
ins Herz gedrungen kaum,
wurden Traum,
und im Traum zu reisen
krönte mich
königlich.
Meine Schwester Eugénie,
das Antlitz fahl und weich,
in deinem Reich,
Hain voll Harmonie,
Geseufz im Wind
gab hin das Kind
ihre Liebestöne,
Tränen, hell entsprungen
Dämmerungen,
Überfülle schöne,
Tränen, schnell zerronnen
unter Wüstensonnen.
III
Sie liebte meine Träume,
und so ich die ihren,
die von Göttern rühren.
An der Fluchten Säume
wachte zeugenlos
uns der Eifer bloß,
Duft der Worte weich,
den er blies,
bleibe süß.
Tausend Träume engelgleich,
ihrem Schoß entschwebt,
haben mich belebt.
Und ein trunknes Blatt
kam in Windes Wirren
in ein Schwirren:
„Hör, wie Hauchen matt
aus den Trümmern
lockt noch Wimmern“,
Eugénie hat es gesagt.
Und ein jedes Mal,
wenn im grünen Saal,
ein Blatt, das schon zernagt,
von Windes List
gefallen ist,
hob sie schweigend
ihre ausgestreckte Hand,
bevor es schwand,
auf das Sinnbild zeigend,
das aus stummem Blau
sank ins tote Grau.
IV
Sah es durch Zweige gleißen,
durch die Nacht
so sacht,
die Fittiche, die weißen,
in jähem Widerschein,
hob mein Herz den Stein,
Bilder, wunderbare,
machten es gesund,
und mein Mund
sprach so: „Unsre Jahre
sind wie solche Reisen
durch des Äthers Schneisen.“
V
Über unsren Häuptern zart
sind in Windes Fron,
zwölf der Jahre schon,
die Flügel, und ihr Kampf ist hart,
wie ferne liegt die Einigkeit
der frühen Zeit.
Und sie streifen bang,
in abendlichen Schatten
zu ermatten,
vorüber ohne Widerklang,
Rauschen ist verwehrt,
das so liebenswert.
VI
Doch der Zeiten Reigen
wird sich drehen,
und von Himmelshöhen,
die sich gnädig zeigen,
beflügelt unser Gehen
Wehen.
Und du hörst ein Singen,
süßer Sänge
Widerklänge,
von fernen, fernen Dingen.
Reißt aus jenem Licht
sich nicht
ein erstes Strahlen los?
Ist es die Taube süß,
die uns ließ
den grünen Zweig im Schoß,
der Hoffnung Unterpfand
für ein Friedensland?
VII
Was auch die Flügel sagen,
ich möchte angefacht
von dieser Nacht
die hohe Kunde wagen
von neuen Zeiten,
die sich uns bereiten:
Werden ihre Zauber bannen,
Schwester, wie die fernen Tage,
goldner Rauch der Sage,
da uns Tränen einzig rannen
aus dem Bronnen
süßer Wonnen?
Abschiedsschimmer
Dem Andenken an Hildegard Hilten
Was war es, das ans Ufer dir gehoben
der Geist des Wassers, sahest wohl die Blasen
aus grünem Grunde Melusine loben,
des Schilfes Blüten, bleich von Fäulnisgasen.
Du wandtest dich, und unter Mondes Schwanken
verfingst du dich in trüben Sinnes Ranken.
Was war es, das in abendlichem Grauen
sich aufgetan wie Knospen, Schmerz der Tiefen,
als würden Augen dir entgegenblauen
von Wesen, die im schwarzen Maare schliefen.
Und als sich deine Lippen öffnen wollten,
erstarb der Laut, der ihrem Glanz gegolten.
Was war es, das auf Veilchen, Rosenblüten,
verstreut von Kindern, und du warst mit ihnen,
wie Engel, die ein wundes Herz behüten,
vorbeiglitt unter Wolkenbaldachinen.
Es stiegen mit den süßen Flammen Düfte,
die blauen Hymnen in die Abendlüfte.
Was war es, das im dunklen Sterbezimmer,
nur weiße Lilien wachten, euch zu leuchten,
auf treue Augen hob den Abschiedsschimmer,
als du dich beugtest, ihr den Mund zu feuchten.
Du hast die dürren Finger ihr umwunden
mit jenem Kranz der Rosen und der Wunden.
Die Purpurranken
So hell die Nacht. Als wären alle Dinge
von Schleiern zart, behaucht von lichtem Staube.
dein Schatten weht voran wie trunkne Schwinge,
und Kerzen flackern im Kastanienlaube.
Jetzt ist zu schlafen nicht die Zeit, zu dämmern,
das Herz wird weicher unter Strahlenhämmern.
Im Schilf Geflirr. Als würden Mondes Mücken
in Wirbeln träumen, bücke dich, wirst hören,
wie grünen Wassern Nachtgesänge glücken,
im Grase atme Wehen dunkler Föhren.
Jetzt ist zu zweifeln nicht die Zeit, zu zagen,
schon quillt ein goldnes Licht, der Liebe Sagen.
Wie Schnee schmilzt Einsamkeit. Du fühlst, wie Flammen
die Schläfen tauen, deine Seufzer fließen
mit Strömen eines hohen Chors zusammen,
schon leuchten Kelche, Wein des Fests zu gießen.
Jetzt ist zu zögern nicht die Zeit, zu schwanken,
der Morgen glüht, der Ankunft Purpurranken.
Träume, Bettelworte
Und Worte werden wie ein Duft von Rosen,
wie sanfter Hauch von Blumenlippen fließen,
sinkt Schimmer auf den grünen Samt von Moosen,
wird hoher Geist Gesang ins Dunkel gießen.
Die einsam wandelten, bekrönt mit Kränzen,
geleiten Engel heim zu Chor und Tänzen.
Und wir inmitten, Schwester, all die Trauer,
die unsern Schritt gelähmt wie düstre Schleppe,
fällt ab, die Knospe öffnet sich dem Schauer,
und Hand in Hand beschreiten wir die Treppe,
da uns entgegenlächeln holde Wesen,
ach wir, von Gram und Düsternis genesen.
So will ich glauben, was wir nächtens schauten,
wie aus Umarmungen sich Strahlen hoben,
wie sie auf Ahnens Schneefeld Veilchen tauten,
wird wahrer uns, schon seufzt es uns nach oben.
Die grauen Seelen, blinder Worte Tappen,
sie werden sehend vor den Lilienwappen.
Und rinnen Träume nur aus wundem Herzen,
laß sie nur, Schwester, fern ins Dunkel fahlen,
sie schwanken wie auf dunklen Wassern Kerzen,
von einem Kind gepflanzt auf Blütenschalen.
Und sind es Träume bloß und Bettelworte,
sie klopfen sacht an Edens hohe Pforte.
Die lichten Höhen
Laß, Schwester, uns zu lichten Höhen
auf stillem Pfad, von Moosen weich,
ins Helle laß uns schweigend gehen.
Hier wird der Liebe Wange bleich,
auch wenn sie Küsse fast entzünden,
ein dunkler Odem steigt und läßt
die Flammen nicht im Herzen münden.
O fliehen wir des Dämons Pest.
Es sollen Flügel uns umbrausen
von Engeln, die mit heißem Schwert
uns wehren schwanker Seelen Grausen.
O seien wir der Liebe wert.
Laß, Schwester, uns am Kreuz nicht zagen,
das in die goldnen Lüfte schreibt
die Zeichen edlen Bluts, sie sagen,
wie Liebe sich im Schmerz verleibt.
Fühlst du uns jäh emporgehoben,
wie Blüten hebt ein Wasserschwall,
siehst du schon zittern Lichter droben
wie Blicke aus dem tiefen All.
Und die dort wie in Träumen schweifen,
an Schläfen Flammen, Schnee die Haut,
noch können sie es nicht begreifen,
wie ihnen Himmels Gnade blaut.
Und jenen, die dort einsam schreiten,
sie tragen Lilien, Ehrenpreis,
sind Boten freundlich, die sie leiten
zu der Erwählten frohem Kreis.
Und seh ich, Liebe, wie ein Wehen
dich mir entführt in jenes Glück,
bleib ich am Abgrund lächelnd stehen,
und sänke ich in Nacht zurück.
Ungeborene Gestalten
In einem Nest, dem Beutel hellen Schlummers,
in stummer Seele Teichen, überlebten
den Lärm der Tage und die Nacht des Kummers
ein zart Gewürm und die sich Glocken webten
aus Sonnenfäden, schwarz behaarte Spinnen.
O Leben, wo sich Aas und Anmut minnen.
So Glück wie Qual, die Nächte durch zu meißeln
an einem weißen ungeheuren Brocken,
mit seinem Widersinn sich selbst zu geißeln,
und ringsum stäuben Träume, tote Flocken.
Und hoffen auf gewiegten Hammers Sausen.
O Bildnis, das zutage tritt im Grausen.
Und ewig wühlst du dich mit tauben Krallen,
verhextes Tier, durchs Seufzen feuchter Stollen,
und suchst den Born, den Nabel goldner Hallen,
woraus dir einst das Schlummerlied gequollen,
doch sinkst du schlaflos nur in graue Tiefen.
O Rehe, die am Fuß Dianas schliefen.
Was unter Krusten gluckst, in Geistes Falten
verharscht, entsickert überwachsnen Wunden.
Der Liebe ungeborene Gestalten,
ein Obdach haben sie im Schmerz gefunden
und Küsse trinken sie, um zu erblinden.
O Hymnen, sie dem Dunkel zu entwinden.
Poiesis
Aus fahlen Schwaden, Nebelbänken falten
sich auf amöbenweich an Armen, Beinen
versunkner Schauer wölkende Gestalten,
und graue Lymphen ballen sich und weinen.
Wir wollen ihre Glieder, die noch fließen,
mit Blicken binden und in Formen gießen.
Es zittern Halme auf aus braunen Schlacken,
ein Hauchen streut sich Veilchen auf die Krumen,
schon rinnen Locken über weichem Nacken,
und Anmut pflückt und windet sich die Blumen.
Wir wollen ihre Hände, scheue Schwalben,
mit Küssen halten und mit Versen salben.
Ein Rascheln wie von Blättern, herbstlich-roten,
ein dumpfes Tröpfeln wie auf Schieferplatten,
als wären Schritte es von hohen Toten,
als wären Stimmen es von sanften Schatten.
Wir wollen ihre Seelen, die noch tönen,
in Teiche leiten und mit Blüten krönen.
Wie Mücken, die erglühter Mond entzündet,
so schwirren Funken kaum gefühlter Dinge,
wie eine Knospe, in die Mondtau mündet,
so trieft der Ahnung feuchte Schwanenschwinge.
Wir wollen ihre Keime, die noch leben,
wie Perlen reihen und zur Sonne heben.
Und manchmal glotzt Chimaira auf den Schwellen,
im Abgrund wimmelt es von schwarzen Flocken,
und manchmal gluckst die Nacht aus Aberquellen,
die dürren Zungen will ein Lallen locken.
Wir wollen uns vor Dämons Odem hüten,
und schweigend sinnen vor den Lilienblüten.
Die hohen Maße
Wir haben nur vom hohen Lichte Dauer,
es löscht von müden Lidern Traumes Feuchte,
und was sie öffnet, ist ein Liebesschauer:
Das Dunkel seufze und das Wasser leuchte.
Wenn Veilchen unsre Schläfe scheu umblauen,
sind Tropfen auch, die gnädig sie betauen.
Nur hohe Maße geben uns die Richte,
denn jedem wahren Schritt ergrünt die Schwelle,
der tiefe Atem leiht dem Sinnen Dichte,
was dunkel keimt, erglänzt an rechter Stelle.
Und die im Dienst der Sonne sich verzehren,
sie dürfen Mondes Blüte auch verehren.
Wie Schatten stolze Reben überdeckten
und Sonne küßte nicht den Glanz der Trauben,
wenn keine Pfähle sich ins Blaue reckten,
um die sich Ranken hoch und höher schrauben.
Und wir? Wie trostlos siechen die Gedanken,
die ohne Halt auf dunkler Erde wanken.
Wir wissen ja, ins Fenster schaut die Leere,
wenn wir die Nächte auch mit stillen Kerzen
versöhnen wollen mit des Abschieds Schwere,
wir fühlen es: das Beben treuer Herzen.
Doch wollen wir der Rosen Maß bestehen,
und auf Gestirne hoffen, wenn wir gehen.
Die zahmen Amazonen
Sie wähnen sich des Dämons Bräute,
das Haar geschwenkt in schwarzen Wind,
zerkratzen sie sich ihre Häute,
und Anmut dunkelt, Blut wird Grind.
Ihr Mund ist welk von trübem Lallen,
betäubt ist ihnen Schmerz und Schoß,
sie wollen keinem Blick gefallen,
der unter Blättern legt sie bloß.
Sie peitschten gern wie Amazonen,
doch ihre Schenkel pressen nur
die Kissen, die wie Schwäne thronen
auf blauen Wogen aus Velours.
Abhold des Liedes Pollenschwirren,
macht würgen sie der Hauch der Nacht,
sie liegen, Mücken-Funken irren,
im Dunkel stumm, da Orpheus wacht.
Sie sehen sich als heiße Stuten,
die Mähnen flattern schlangenwild,
doch wenn des Morgens Rosen bluten,
umpfercht der Traum sie ungestillt.
Der spitzen Knospe ihrer Brüste
quillt keine Milch aus warmem Grund,
wie trockne Gräser öder Küste
verschmäht der Falter ihren Mund.
Wenn Horizonte weich verfließen,
umfassen sie des Pfeiles Schaft,
den zarten Täuberich zu schießen,
doch lähmt sein Gurren ihre Kraft.
Sie reiben Lippen, die nicht küssen,
am Mulch zerfetzter Verse lang,
den Durst, der ihr Gemüt zerrissen,
stillt ihnen keines Wassers Sang.
Sie sind nur zahme Amazonen,
der Blicke Pfeile trafen nicht,
sie neigen, bleiche Anemonen,
ihr müdes Haupt ins Dämmerlicht.
Capriccios
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Das Werk der Hand markiert den Eingang zur Kultur, es sind geprägte Formen, Gestalten des Geistes, die durch die Ennervationen der Hand ihre individuellen Gesichtszüge erhalten.
Auf den Amphoren und Vasen der Alten winden sich die Muster des Lebens, und der Wein, den sie bergen, die Blumen, die in ihnen leuchten, verströmen den Duft der heimatlichen Erde, zeugen vom Licht des heimatlichen Himmels.
Das Emporkommen der Massen und der Maschinen, die Herrschaft der Massenproduktion und des Massengeschmacks leiten den Untergang der Hochkultur ein.
Das mutwillige, bösartige und am Ende resignative Verwischen der Geschlechtergrenzen ist nur ein weiteres Symptom der eigentlichen Krankheit, geistiger und sittlicher Fäulnis.
Des Deutschen kaum mächtige Damen in den Redaktionen der öffentlichen Meinung werden die Werke von Hegel, Fichte und Schelling, von Herder, Goethe und Schiller nach rassistischen und antifeministischen Merkmalen durchforsten und durchsieben und wie die Tauben des Märchens die wenigen guten, die ihren eisernen Kriterien standhalten, in den Topf werfen, der von der dunklen Soße der gendergerechten Sprache überquillt.
Die unmündigen Zöglinge und Dienstleister des Zeitgeistes müssen sich einem amtlichen oder offiziösen Orwellschen Sprachdiktat fügen und statt der korrekten Bildungen „die Kandidaten“ oder „der Lärm der Nachbarn“ die abstrusen und abstoßenden Formen lesen und schreiben: „die Kandidat:innen“ oder „ der Lärm der Nachbar:innen“; was dem mit der deutschen Grammatik selbst auch nur ein wenig Vertrauten ins Auge sticht, ist der Wegfall der grammatisch geforderten Flexionsendungen der Maskulina (-en, -n), die ein galliger Humor durchaus als sprachliche Variante der Kastration auffassen darf; denn daß es die männlichen Formen trifft, die ihre Endungssilben opfern müssen, ist ja kein Zufall.
Was hülfe eine Reform an Haupt und Gliedern, was eine Roßkur, wenn das Mark schon in Fäulnis übergegangen ist.
Der Zyniker ergötzt sich an der Vorstellung eines deutschen Kalifats, das jenen Damen, die ihm mit ihrer stupiden Gesinnungsethik den Weg gebahnt haben, die Burka überstülpt, die ihnen ein Zeichen der Autonomie dünkte.
Das Geschrei nach mehr, nach egalitärer Bildung kommt aus dem Munde der Unbegabten, jener Dummköpfe, die nicht sehen oder sehen wollen, daß der Genius kein menschlicher Samen ist, auch wenn er im Garten der Kultur aufs herrlichste erblüht.
Er hatte alles gelesen und traute seinen eigenen Worten nicht mehr.
Deutscher Geist, der an der Franzosenkrankheit namens Dekonstruktivismus versiechte, an der Auflösung der subtilen Nervenfasern genauer Wahrnehmung und der feinen Gewebe logisch strenger und sprachlich nuancierter Darstellung.
Was sie ihren devoten Schülern, die ergriffen um ihr Sterbelager stehen, noch zu Protokoll geben, ist das monströse Zeugnis eines letalen Deliriums.
Der stumm grinsende und dümmlich feixende Affe, den sie als ihren Ahnen verehren, hat sich trotz all ihrem Gerede, ja gerade durch dieses, in den Leitern und Moderatoren ihrer Kulturredaktionen inkarniert.
Wie die kaltherzigen Theoretiker der Macht es prophezeit hatten, sind heute die Entscheidungsträger ausführende Organe der Wissenschaft und Technik, der tödlichen Maschine, die keine Seele hemmt und keine Besinnung mehr abzustellen vermag.
Die Wahrheit der Offenbarung, eingetaucht ins Abendlicht des eucharistischen Mahles, verblaßte bei Hölderlin, trotz aller Leuchtkraft der Bilder, zum eschatologischen Traum, der wie ein Schnee die Furchen und Schründe deutschen Elends überdeckt hat, doch schon bald unter dem säuerlichen Odem revolutionärer Spießer und dem Biergeruch der Schulmeister dahinschmolz.
Unter dem Anhauch des Genius beginnen selbst die unscheinbaren Gräser und Halme geisterhaft zu wehen.
Um die Türme dieser Kirche flattert keine weiße Taube mehr.
Dem Zeitgeist Hörige spannen selbst die Forschung, die heute nur noch in Einrichtungen wie dem CERN oder der NASA wissenschaftlichen Kriterien genügt, also die Pseudo-Forschung von sogenannten Gesellschafts- und Kulturwissenschaftlern als elende Schindmähre vor den Karren ihrer angeblich höheren Moral.
Die nicht an die Metamorphose der Seele und die Möglichkeit ihrer Entpuppung unter ferneren Sonnen glauben mögen, sind – ein Blick genügt – ihrer auch nicht würdig.
Diotima lebt in der Dichtung Hölderlins wie eine schlafende Knospe, die nur aufgeht unter den Tränen des ergriffenen Lesers.
Die Einsamkeit, der leere Raum zwischen Sternen, ist sowohl der Grund der Schwermut als auch die Bedingung dafür, daß bisweilen sanft berührende Strahlen hinüber- und herüberwechseln.
Zu große Nähe entzieht uns den Umriß des Baumes, zu große Ferne die zierliche Maserung des Blatts.
Die Kastration des Mannes gilt für ein Projekt zur Herbeiführung des ewigen Friedens.
In einem seltsamen Puritanismus der sexuellen Überschreitung wird das Begehren des Mannes als toxisch denunziert.
Der helle Glockenklang der Stimme der Kastraten flügelt freilich gefahrlos über den Sümpfen der giftigen Kröten und Vipern.
Weihestunden, Weihestätten, nicht mit frevler Hand zu betastende Dinge – sie werden von den aufgeklärten Schildbürgern und Duckmäusern wie gefährlicher Sondermüll in die tiefsten Schächte des Erdreichs verbannt.
Kein großes Volk blüht ohne den Kultkalender seiner Heiligen.
Die Enterbten und Kinderlosen geben die Zukunft des eigenen Volkes preis, um die Zukunft der Menschheit zu retten.
Zwischen den Worten der Dichtung rauscht wie um die Inseln der Seligen das Meer des Ungesagten.
Nullen ergeben keine Summe, das von allen Traditionen entblößte Kollektiv keine geistig-symbolische Welt.
Die Schadenfreude, wenn sie verirrte Diener der Hierarchien, und allen voran der heiligen, der Nestbeschmutzung zeihen können.
Man muß in Höhlen hinabsteigen, um das mystische Licht neuer Kulte zu erblicken.
Besser der goldene Tropfen des hohen Gedichts, dessen sublime Blume den Gestank der Welt und die eigenen unguten Ausdünstungen für Augenblicke vergessen macht, als der billige Fusel der Journale, nach dessen Verzehr der Katzenjammer geistiger Öde nicht ausbleibt.
Nach Freud bewährt sich des Mannes Reife in der Zeugung, ob leiblich oder geistig, die seine symbolische Kastration durch den Vater wettmacht. Die Frau trägt ja die Möglichkeit zur Reife im eigenen Schoß.– Da schreit der Zeitgeist auf, fühlt sich sein perverser Hang zum ungezügelten Eros doch betrogen.
Auch Freuds Werke werden entsorgt, zählte der Guru enthemmter Adepten wie ein Patriarch der alten Kirche doch Homosexualität neben Masochismus, Sadismus, Fetischismus oder Koprophilie zu den Perversionen.
Mnemosyne und Lethe – Schwestern, die als Dienerinnen beim Gastmahl den Wein der Dichtung kredenzen.
Die Spitzel der totalitären Regime kassierten ihren Judaslohn, die heutigen Denunzianten machen es umsonst.
In Kriegszeiten werden der Deserteur und der Verräter standrechtlich erschossen, in Bürgerkriegszeiten droht ihnen der soziale Tod.
Der Globalismus des Geldes, der Unterhaltungsindustrie und der egalitären Sklavenmoral ist der neue Kollektivismus, der die Gleichheit aller mittels Uniformierung der Gefühle, Gedanken und Sitten und durch die „Dekonstruktion“ der Völker, Nationen und Rassen herbeiführen wird.
Sie glauben den Abgrund zwischen Mann und Frau mit einem ideologischen Nebel füllen zu können, doch sie wohnen auf getrennten Gipfeln, die verschiedenen Klimazonen angehören; blüht auf den Matten des einen der Enzian, glänzt auf denen des anderen noch der Schnee. Nur die Engel der Liebe gleiten von hüben nach drüben.
Ich bin ein Scherben nur
Ich bin ein Scherben nur,
aus einem Bild gesplittert,
verblaßten Glanzes Spur,
in Staub und Schuld verwittert.
Im Dunkel lieg ich blöd,
weiß nichts von Sonnentagen,
die Nächte sind mir öd
von Mondes wüsten Sagen.
Was soll ich liegen fahl,
entweiht wie Kelch und Kronen
in Furchen, schwarz und kahl,
die ohne Blumen wohnen.
Ich harre aufs Geschick
des Meisters, mich zu fügen
ins schöne Mosaik,
den Engeln zum Vergnügen.
Mit hellen Engeln
So laß uns, Schwester, Hand in Hand
durch dieses Dunkels Wildnis schreiten,
dein Lächeln ist das Unterpfand,
daß helle Engel um uns gleiten.
Ihr Flügel spreitet uns zur Sicht
die Halme, die sich huldvoll beugen,
dein Lied, es ist das süße Licht,
der Seele Ankunft zu bezeugen.
Und schluchzen Abgrunds Stimmen heiß,
und zischen zwischen Schatten Schlangen,
ein Flügelrauschen macht sie leis,
dein sanftes Auge sie befangen.
Wir steigen bis zum Leidenspfahl
und dürfen in das Offne schauen,
in knospenheller Gärten Tal,
wo mildem Strahle Wasser blauen.
Und hat das Schicksal mir verwehrt,
mit dir zum Freudenquell zu gehen,
du gehe, Schwester, unbeschwert,
beglückt seh ich dein Haar noch wehen.
Hoher Engel, rausche leis
Golden-rotes Abendlicht,
fließ auf graue Matten,
müdes Menschenangesicht,
fleh um sanfte Schatten.
Hoher Engel, rausche leis,
wind den goldnen Faden
um der Seele schwankes Reis,
binde es in Gnaden.
Weiße Blüten auf dem Teich,
letzten Schimmer sprühet,
harte Herzen, werdet weich,
dunkle ihr, erglühet.
Hoher Engel, rausche leis,
wind den goldnen Faden
um der Seele schwankes Reis,
binde es in Gnaden.
Verfallener Wingert am Rhein
Wie scheint die alte Landschaft trist,
ergraut sind Efeus Überschwänge,
und keiner, der dich dort vermißt,
verwildert sind die Laubengänge.
Galt nicht ein Lächeln dir, ein Blick,
ein sanftes Wort, das zwischen Reben
wie Traubenglanz den Weg zurück
dir wies ins knospenoffne Leben?
Die Regung liegt, die Lust erstarrt
wie ausgedörrte Echsenhäute,
und unterm Brodem fault verscharrt
das Bildnis, das dein Auge freute.
Und steigst du keuchend hügelan,
im Dornicht zwischen Krüppeleichen
faßt dich ein jäher Schauer an,
siehst du des Wildes Knochen bleichen.
Versinke nur im dürren Gras,
das mit dem Winde Dunkles spricht,
und seine Blüte aus Topas
leg dir der Mond aufs Angesicht.
Seid ihr schon nahe, Engel?
Wie seltsam, durch ein Schwirren, ein Erbeben
geraten Glas und Glocke in ein Schwingen,
ein heller Ton, ein dunkler, drängt das Leben,
mit schon erschlaffter Zunge aufzusingen.
Und fällt ein Strahl durch trüb verwischte Scheiben,
ein Funke greift sich müden Staubes Faden,
der Tote mag im Grabe nicht mehr bleiben,
im Golde sich ein fahler Leichnam baden.
Wir sind wie Wasser, die das Dunkel gießen
in schwanke Uferschilfe, und sie schauern,
wir sind die Schwelle, Ströme zu begrüßen,
die uns entrücken von bemoosten Mauern.
Seid ihr schon nahe, Engel, Feuergeister,
so strecken wir uns hin wie dürre Späne,
den Klumpen Ohnmacht eurem hohen Meister,
dem heißen Wind Gefieder blasser Schwäne.
Wie werden deine Worte schlichter
Wie werden deine Worte schlichter,
wenn wolkenloser Himmel blaut,
wie wird der Schnee der Worte lichter,
wenn Sonne ihre Flocken taut.
Es leuchten Früchte auf den Pfaden
in deiner Verse Abendzeit,
und einer Spinne Silberfaden
umwickelt ihr betautes Kleid.
Auf Wassers weichen Nachtgesängen
treibt deines Wortes Knospe hin,
es öffnet Mondes Untergängen
erschauernd sich ein süßer Sinn.
Und reißt die Welle dich in Klüfte,
ins Dunkel ohne Wiederkehr,
die liebend du gehaucht, die Düfte,
ein Wind trug sie ans Ufer her.
Der Wein der Erinnerung
Du siehst der Knospe kleine Sonne leuchten,
im Wind die weichen Blütenblätter beben,
die Blumenwangen röten frisches Leben
und Tropfen trockne Lippen mild befeuchten.
Sieh auch die große Sonne deines Lebens,
erfühle nur den hohen Sinn der Strahlen,
er wirkt auf grünen Pfaden nicht vergebens,
auch wenn im Wintermond die Seelen fahlen.
Es neigt die weiße Blume manchen Traumes
auf Wassers dunklen Spiegel sich hernieder,
ein Schauer überrinnt die zarten Glieder,
ein Sang entquillt der Einsamkeit des Raumes.
Und scheint erloschen Licht und Duft der Bilder,
der Schimmer früher Gärten wie versunken,
am Abend leuchtet dir ihr Abglanz milder,
hast du Erinnerns goldnen Wein getrunken.
Es dunkelt schon die Lust der Glieder
Wozu denn durch das Schattendickicht streifen,
wenn wir zu Hause trockne Pollen finden,
wir können nicht wie süße Früchte reifen,
die gelbe Sonnen drängen, sich zu ründen.
Wozu für Blume, Tier und Menschen Namen,
sie wehen hin wie lose Blütensamen.
Wir gingen einsam durch die Traum-Alleen,
im Herbst des Herzens gilbten schon die Blätter,
und immer taucht ein Mond in ferne Seen,
und immer zackt auf Matten Gottes Wetter.
Wozu denn atmen, ahnen, Zeichen schreiben,
Eisblumen tauen sie auf warmen Scheiben.
Nacht kommt, es dunkelt schon die Lust der Glieder,
zerbrochen ist der Ring der Weihezeiten,
und seiner Mitte Leere tönt nicht wieder,
der Tau der Knospe will ins Innre gleiten.
Wozu denn atmen, reden, etwas scheinen,
wenn Veilchen auf vergeßnen Gräbern weinen.
Wenn wir im Dunkel liegen
Wir sind’s ja nicht, die singen,
wenn dürre Lippe quillt,
die Spende, die wir bringen,
gebührt umkränztem Bild.
Die Schwingen, die sich regen,
sind sie am Hauch erwacht,
betaut ein milder Segen,
zu funkeln grüner Nacht.
Nicht wir, es sind die Quellen,
von Moosen weich umringt,
die Trübsal zu erhellen,
was blauen Fernen singt.
Scheint uns der Geist gespalten,
der Seele Mund verstimmt,
soll uns am Abgrund halten
die Rose, die noch glimmt.
Wenn wir im Dunkel liegen,
rauscht fernes Strömen tief,
was uns der Tag verschwiegen,
ein Gott war, der uns rief.
Das Lilienwappen
Foy, Chevalerie, Sapience
Der hohen Gnade Zeichen,
die Lilie, königlich,
ein Engel durfte reichen
aus himmlischen Gefilden,
ein Wappen sich zu bilden,
dem König Chlodewich.
Die Lilie leiht dem Throne
der Anmut süßes Licht,
sinkt auch herab die Krone,
ihr Zauber dunkelt nicht.
Die Lilie wuchs auf Wiesen,
der Jungfrau reiner Sinn,
wo klare Wasser fließen,
und Falter schöner schweben,
erlöster Seelen Leben,
um ihre Königin.
Die Lilie leiht dem Throne
der Anmut süßes Licht,
sinkt auch herab die Krone,
ihr Zauber dunkelt nicht.
Denk doch, die sie verdrängte,
der Trikolore nach,
wo roher Sinn sich sprengte
die häßlich-grellen Farben,
die Edelmut verdarben,
Europas große Schmach.
Die Lilie blüht noch immer,
von Sehnsucht überblaut,
sie gibt noch Duft und Schimmer,
von Tranen sanft betaut.
Stilles Schauen
Wie lange wir aufs Wasser schauten,
am Moos der Mauer, warm vom Tag,
und uns am Abendstrahl erbauten,
der auf dem grünen Wasser lag.
Und fern in jene zarten Matten,
von Krokusblüten überhaucht,
die morgens wir gesehen hatten,
war Mondes Wanderstab getaucht.
Schon hatte auf der Frucht der Reben
die Dämmerung den Tau gebleicht,
wir fühlten, wie das warme Leben
vor kühlem Sternenzauber weicht.
Das Sonnenlicht, des Stromes Rauschen,
sie hatten alles uns gesagt,
wir mußten groß nicht Worte tauschen,
und Stille war, da keiner klagt.
Der Strahl, das Wasser waren Zeichen,
die uns mit hohem Sinn genährt,
kein Mühen kann das Glück erreichen,
das stilles Schauen uns gewährt.
Der wehe Hauch
Wir saßen auf der Gartenbank,
die hellen Kirschenblüten fielen,
des lauen Windes Duft-Gespielen,
ein Schauer ging durchs Blattgerank.
Und manche hing in deinem Haar,
die ich wie mondne Flocken pflückte.
Wie feiner Duft, der leicht entrückte,
war was du sagtest, warm und wahr.
Ich aber schwieg, und meine Hand
grub sich ein Schlafnest in der deinen.
Als müßten wir wie Kindern weinen,
zog ein Geläute übers Land.
Es dämmerte, ein goldner Wein
rann in den Kelch der Abendstunde.
Der wehe Hauch aus Blumenmunde
schloß uns in eine Knospe ein.
Der Wurm
Der Wurm, er nagt im Herzensgrund,
wir spüren dumpf des Zahnes Grauen,
wir können diesen Wurm nicht schauen,
doch fühlen wir uns nicht gesund.
Und hat er sich zur Nacht gelabt,
ist unser Träumen voller Grauen,
wir können diesen Wurm nicht schauen,
er ist ein Wurm, doch geistbegabt.
Sein Gift macht unser Sinnen weich,
ein Mißklang mindert unser Sagen,
die Blüten, die wir heimwärts tragen,
sind auf der Schwelle welk und bleich.
Ein Gegengift nur glüht im Wein,
Gesanges Kelch an Weihetagen,
in Blumen, die zum Bild wir tragen,
der Liebe Blicke, wahr und rein.
Sind Stirn und Lippe uns erblaßt,
und fern und ferner ebbt das Tönen
von Glocken, die mit Gott versöhnen,
betäubt mit Gift noch, was uns haßt,
flehn wir um Engels sanfte Hand,
mit Öl das Antlitz uns zu schönen,
das Haupt mit einem Kranz zu krönen.
O Tränen, löscht des Herzens Brand.
Blätter abgetanen Lebens
Wir haben nur den Himmel, wenn er blaut,
den Duft, der aus der Kindheit Gärten weht.
Wir lauschen noch dem Glucksen, wenn es taut,
und sehn, wie Mondes Lilie untergeht.
Schon Halmes Schwanken, gar ein Blütenschnee,
der Glanz, der zwischen Uferweiden lockt,
macht uns verlegen, tut im Herzen weh,
und unsres Sagens banger Rhythmus stockt.
Was schweigend auf der Nacht der Ströme treibt,
sind Blätter abgetanen Lebens, sind,
die einst in vollen Knospen sich verleibt,
des Liedes Blumen, deren Duft so lind.
Das schmerzlich Schöne
Die Halme hat ein Hauch bereift,
auf fernen Matten sinnen Strahlen.
Die nur der hohe Geist begreift,
entschlafen sind des Lebens Qualen.
Die Sonne, die uns hold genährt,
ist schon in blaue Nacht gesunken.
Der Kelch des Festes ist geleert,
den Wein, wir haben ihn getrunken.
Wenn Einsamkeit bei Sternen wohnt,
hebt dunkle Quelle an zu klagen,
und seine Lilie senkt der Mond
auf Wasser, die sie heimwärts tragen.
Dem Aug, das innig angeschaut,
das sanfte Bild des schmerzlich Schönen,
hat Dichters Sinn es anvertraut,
mag es verschwimmen auch in Tränen.
Zart gemalt auf Scheiben
Nicht mögen wir ein Sehnen mischen
in goldnen Abends stilles Bild.
Wie trügen Dünste und verwischen
das Blau, das aus der Höhe quillt.
Wie Engel, zart gemalt auf Scheiben,
ihr Fittich rauscht der Nacht allein,
so wollen wir im Schatten bleiben,
betasten nicht, was atmet rein.
Und tragen uns wie Blüten Wasser
die Bilder unsrer Kindheit fort,
o Blüten immer blaß und blasser,
der Duft verweht von jenem Hort.
Wie Saaten hoher Sommertage
ward hingemäht, was wir vermeint.
Doch blaut der Himmel ohne Klage,
auch wenn die dunkle Quelle weint.
Elegisch
Tiefe des Augenblickes im Zögern, im Zittern des Tropfens,
während im Abendhauch willig die Blüte schon schwankt,
und ein süßer Schauer geht durch den Blutkelch der Rose,
löst sich vom Saume der Glanz: lichtet das Dunkel ein Klang.
*
Einst, die uns sangen, einst am Ufer, aus Schilfen die Wasser,
und dein Fuß glitt weich über die Moose des Pfads,
waren es Stimmen der Toten, Geister, die auf uns warten,
und dein Auge, es gab Antwort, feucht schimmernd dein Blick.
*
Die Nische, schattiger Schrein, wo einst der Engel gestanden,
und sein leuchtender Blick hob aus dem Dunkel den Schmerz,
fromme Hand, die weißer Blüten Dank ihm gestreut hat,
leer ist die Muschel des Lichts, lange verdorrt schon die Hand.
*
Wie uns südlicher Buchten Blütenlippen behauchten,
dämmernder Wellen Schaum sprenkelte bronzene Haut,
aber von schwimmenden Inseln, versteckt hinter rötlichen Ranken,
tönte die Abendmusik, atmendes Holz und ein Horn.
*
Ging im herbstlichen Rebenhügel, es troff von den Trauben
Tau und dunklerer Glanz kam von den Wassern des Rheins,
ging mit dir nicht, ein warmer Schatten, der Engel der Liebe,
auf den Lippen das Lied, das dich ans Ufer geführt?
Die tragischen Masken
Schäumt ihnen gleich von bunten Blasen die wulstige Lippe,
ekelt empfindsamen Sinn doch ihrer Phrasen Gestank.
Wanken sie auf Kothurnen daher, den Stelzen des Dünkels,
und es baumelt der Zopf albern gefärbt im Genick,
werden sie gleichwohl die Masken im Matsch des Chaos verlieren,
und das Gestöhn ihres Wahns weht in den Abgrund der Sturm.
Heuchler, die wähnten, sie wären des Weltgeists tragische Masken,
müßten den bacchischen Wein panschen mit süßlichem Sud,
wie am Ende sie nackt auf allen Vieren hinkriechen,
zeigt: der Sinn ihres Tuns war nur ein komisches Spiel.
De gustibus disputandum
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wer auf der Schwelle zögert, wird im Gespräch verstummen.
Wer zu zaghaft und kaum hörbar anklopft, dem wird nicht aufgetan; desgleichen, wer wütend gegen die Türe hämmert.
Sicherheit des Geschmacks ist ein Adelszeichen.
Geschmackssicherheit ist der Trittsicherheit vergleichbar, beides ist dem Gedeihen des Lebens bekömmlich.
Der Gaumen trifft instinktiv die Wahl zwischen der verdorbenen und der nahrhaften Kost. So weiß der Kenner zwischen dem surreal schillernden Fäulnissud des Spätstils und dem funkelnden Wein des klassischen oder dem klaren und nüchternen Wasser des primitiv-archaischen Stils zu unterscheiden.
Gefällige Ordnung der Vasen und Bilder, monochrome und fein geschwungene Ornamentik auf Tassen und Tellern, verhalten atmender Blumenduft: Zeichen guten Geschmacks.
Kritik, Polemik, die Häufung der Fragen nach dem Weshalb, Wozu, Wohin: Zeichen verunsicherten Daseins, das seinen dunkelnden Horizont mit grellen, phosphoreszierenden Bildern verstellt.
Kunst als Droge: betäubender Rhythmus, bacchisch schwirrende Zymbeln, Farbmischungen von der Palette des Todes, dünne, krakelnde Linien, Späne des Albtraums, gemasert und gemustert vom Magneten der Angst.
Verlust der Mitte: dürr oder verfettet, Hauch oder Sturmwind, Metaphernflöckchen oder Phrasenhagel, Lallen oder Gebrüll, Grases Wink oder Gases Knall.
Bacchus kommt schon betrunken zum Gastmahl und liegt in Zuckungen unterm Tisch, wenn der ergraute Sokrates rüstig in die Morgensonne schreitet.
Der Argwohn gegen den Ritus und der Haß auf die Ordnung einen den Heißsporn und den Haltlosen, den Sabbat- und Sonntagverächter und den Sansculotten des Geistes.
Es sind nicht mädchenhaft zarte Kehlen, die das strenge Metrum der Ode und das schimmernde Band des Refrains als engend und würgend empfinden, sondern von Dünkel und Trotz geschwollene Hälse krakeelender Knaben.
Unsicherheit des Tritts ist auch ein Zeichen von Lähmung und Blödigkeit; ebenso der Graue Star des künstlerischen Blicks.
Sie wissen nicht, wohin sie die Zeile führt, wohin die losgelassene Furie der Assoziationen sie reißt, ob in den Sumpf verrottenden Gestalten oder zum Talmiglanz und Flitter karnevalesker Umtriebe.
Sie harren des Lobes und der Auszeichnung mit einer Tapferkeitsmedaille von Händen des Präsidenten der Akademie für Dichtung, wenn ihr Ziel für unerreichbar gilt, ihr Gang ein Stolpern und Stottern durch finstere Labyrinthe und ihr Metrum der panische Puls der Tachykardie ist.
Nach der Verwüstung der von bodenständigen Winzern gepflegten Rebengärten kommen die Nomaden von Ampfer, Lattich, Mohn und Bilsenkraut.
Der köstliche Wein des Horaz, der billige Fusel der Journale.
Köstlich ist der Wein der Verse, der kein Kopfweh und keinen Schwindel verursacht und nach dessen tröstendem Zuspruch man nicht mit einem Kater erwacht.
Das schlichte Wort wird in der Hand des Meisters kostbar wie der fehlende unscheinbare Stein im Mosaik.
Die raffiniert lässig geschminkte Schönheit, die mit lang geübtem schizoid-verstörten Blick den Lyrikpreis entgegennimmt, trägt über den Laufsteg der Haute Écriture sich in den Hüften wiegend ein Fetzenkleid von ihrem Schoßhündchen zerbissener Metaphern und unter der gebuchten Sonne tropischer Langeweile gebleichter Muster.
Wenn Leute sich als Juden ausgeben können, die am Schabbes im Kino und in der Kneipe hocken oder ihre ominösen Nasen in die Betroffenheitskamera strecken, dann dürfen sich auch Leute ihrer ekklesiastischen Erwähltheit rühmen, die sonntags faul im Bette lungern, wenn die Glocken zum Hochamt erschallen.
Die goldenen Körner der Namen, die, kaum daß man sie streift, aus den Fruchtkapseln reifer Prosa springen, die sanften Blütenrispen der Metaphern, deren holder Duft aus den schön gerahmten Beeten der Zeilen steigt, sind ein Zeichen des hohen Stils eines Herder und Goethe.
Der rechte Name ist die weiße Blüte, die auf dem glitzernd strömenden Wasser klassischer Prosa treibt.
Mit „Goethe“ ist ein Kontinent bezeichnet, mit „Homer“ eine Welt.
Mit „Linné“ ist eine steile Klippe bezeichnet, von der ein Wanderer auf die gischtende Brandung des immer zeugenden Lebens herabblickt.
Die Pflanzer, die Bauern, die Winzer schaffen die Kultur, und der Stil ihrer Krüge und Amphoren ist schlicht, die einfachen Rhythmen ihrer Lieder tragen sie über die Furchen des Ackers und die gewundenen Pfade des Wingerts bis auf die sternklare Schwelle der Nacht.
Das Herz des Ritters ist noch wild, er bedarf des sänftigenden Weins der epischen Verse.
Die Bewohner der urbanen Villen sind niedergelassene Händler, ihr überfeinerter Geschmack empfindet den schlichten Wein der heimatlichen Gesänge als fade, sie dekantieren die bunt bemalten Flaschen von exotischer Lese, die sie aus den Kolonien mitbrachten.
Lyrik-Mädchen mit verstörtem Blick, das vom Laichen gleich zum Leichnam springt. – Gewiß, bizarre Schönheit findet ihre Verehrer unter den Matadoren des Literaturbetriebs.
Die Namen und die grammatischen Kategorien bergen die geheime Ordnung des Lebens, an der nur der Lebensmüde und der dämonisch Besessene Anstoß nehmen.
Die Kategorie des grammatischen Geschlechts zählt unter die Muster des Lebens, wie wir es leben, nicht zur Natur der Dinge an sich. So teilen wir die alte indogermanisch-trinitarische Ordnung der drei grammatischen Geschlechter mit den klassischen Sprachen, während die romanischen sich mit der Dualität begnügen (das Englische hat das archaische Muster schon an den Nagel der Bequemlichkeit gehängt oder mit Ockhams Rasierklinge abgeschnitten). Es geht dabei nicht um die Natur von Männern und Frauen, wie es dumpfe Unken aus der moralischen und geistigen Dämmerung rufen, sondern um die Struktur des menschlichen Geistes, um an einen Sachverhalt zu erinnern, den der Ethnologe Claude Lévi-Strauss anhand der Grammatik der Verwandtschaftsverhältnisse aufgewiesen hat.
Mit dem Ende der Kultur brechen die Barbaren ein; doch hierzulande sprossen sie auch autochthon wie das Unkraut im der Verwilderung anheimgegebenen Garten.
Der Mythos hob die Griechen in den Strahl, der golden und purpurn von beschneiten Gipfeln brach.
Uns bleibt nur die Erinnerung an die grünen Oden der Flüsse oder die Dunkelheit des brackig-stummen Wassers, das sich gefährlich am Bollwerk der Gegenwart staut.
Hierarchien sind der Hemmschuh des Chaos, der Katechon seelischer Verwüstung und sozialer Verwilderung.
Die aus dem Morast auf die Befehlsstände Emporgerückten bleiben die Niederen, Räuber und Parasiten, wie jene Deutschen, die sich unter dem blendenden Schein einer neuen Ordnung an fremdem Eigentum bereicherten.
Wer sich an allzu scharfen Gewürzen den Magen verdorben hat, muß den harten Kanten der Genügsamkeit kauen.
Jener, der sich vom schäumenden Gepränge festlicher Verse hinabbeugte zu den eintönigen Wogen des Lieds.
Als der Wundertäter beim Gastmahl zu Kana das wenige Wasser in überströmende Krüge Weines verwandelte, gab er nicht dem tierischen Wunsch der Darbenden nach paradiesischen Räuschen nach, sondern setzte ein Zeichen seiner charismatischen Macht zur Verwandlung der Welt und zur Wende der Zeit.
Das Fest der Götter und Menschen, mit dem der Dichter die Wende der Zeit beschwört, weiß von keinen schwer beladenen Tischen, die von Wildbret und Champagnerwein duften und glänzen, sondern kennt als heilige Speise einzig das im Gesang mitgeteilte Wort.
Eine rhetorische Frage ist keine Frage; ein verlogenes Versprechen ist kein Versprechen; ein mißglücktes Gedicht ist kein Gedicht.
Der Wegweiser, der auf sich selber zeigte, gäbe keine Orientierung.
Leute, die nur von sich reden, langweilen meist, denn der Vorrat ihrer wirklichen oder angelesenen Erlebnisse ist rasch erschöpft. – Das Gedicht, das nur vom Dichten spricht, führt uns am glitzernden Band der Eitelkeit im Kreise herum.
Die Diagnose „hermetisch“ für ein als erlesen verbuchtes und erfolgreich in den Handel geschleustes Gedicht ist meist eine Verlegenheitsgeste vor seiner dürftigen Aussage und ihrem in Nebelfetzen aufgelösten oder von wallenden Schleiern verhüllten Ausdruck.
Was haben jene zu sagen, die, was sie sagen, nur in zerbeulten und fadenscheinigen Lumpen oder durchlöcherten Jacken vorführen?
Bettler halten die Schale schweigend hin. – Echt klingt das Lied, das ein generöser Passant wie die Silbermünze in die leere Schale wirft.
Das Echtheitssiegel des guten Gedichts: Wenn man es wiederlesen mag, wenn es beim erneuten Lesen anders klingt, anders gefällt. – Wer will den gepanschten Wein, der einem Kopfweh bereitete, am nächsten Tage wieder trinken?
Die Kultur der Juden wurzelt in der Unterscheidung von Eßbarem und Nichteßbarem, von Rein und Unrein, Heilig und Profan; ihre Wurzel ist abgestorben, wenn auch ihnen gilt: pecunia non olet.
Das Geld, das keine Grenzen der Nationen, Völker, Sprachen und Kulturen kennt, zersetzt schließlich auch den Geschmack für die schöne Kunst und das gute Gedicht, denn da auch das lyrische Gedicht zur Handelsware herabsinkt, da auch seine flüchtige Schönheit käuflich ward, und es nicht mehr zur höheren Ehre des Fürsten, Gottes oder des Lebens komponiert und gesungen wird, muß es, grell geschminkt, mit freizügigem Dekolletee und wackelndem Hintern, nicht nur den vulgären Geschmack des ungebildeten Bürgers und des dekadenten Freiers aus den Feuilletons und Literaturmagazinen reizen, sondern auch den launigen Zuhälter-Gusto des Verlegers übertölpeln.
Der Dichter ist gehalten, um sein Dasein zu fristen, dem verrohten oder entfesselten Geschmack eines Publikums und von Lektoren und Rezensenten wie der Priester durch sein Gespür für das Säuseln der Eichen von Dodona instinktiv nachzuwittern, von Händlern und Verlegern, die ihm des Reibachs und Renommees wegen lobhudeln und um deren ästhetischen Stiefel er wiederum wegen der Villa in der Toskana oder der verwöhnten Geliebten im Westend speichelleckerisch wedelt, und vor allem von Preisrichtern, die gleich Radamanthys, Aiakos und Minos sein Dichterleben auf die Seelenwaage ihrer unterweltlichen Kriterien legen, um über den Rang und Wert seines unwirklichen Daseins im literarischen Schattenschilficht zu befinden.
Man denkt, es war die Sonne, die in aller Unschuld ihres Strahlens die schönen, leuchtenden Muster der Tapete ausgebleicht hat; aber dann entdeckt man zu seinem Entsetzen, es war, der von innen wächst und wuchert, der Schimmel in der Wand.
Öffne nur das Fenster, Liebe
Ja, öffne nur das Fenster, Liebe,
schon spielt die Luft, die sommerlaue,
mit deinem Haar, das Herz, das trübe,
erheitert dir die veilchenblaue.
Schließ nur die Augen und erfühle,
wie warmer Sonne Hauch dich kose,
und käme dir von Wassern Kühle,
gib dich dem Schauer wie die Rose.
Mag Flieders trunkner Odem reichen,
in Traumes Gaze dich zu hüllen,
ein Abendstrahl die Saite streichen,
mit goldnem Klang dich zu erfüllen.
Und streckst du dich auf weichen Sammet,
daß offen nur das Fenster bleibe
und weiße Blüten dir entflammet
der Mond auf deinem weißen Leibe.
Der neue Bund
Die Himmel trugen blaue Seide,
die weiche Lüfte manchmal rafften
zu Funkenknäueln leisen Knisterns,
im Hauch der Kräuter schlief die Heide.
Es flammten noch die goldenen Zungen
des Ginsters in die Dämmerung,
uns war, da wir sie kaum berührten,
als hätte uns das Licht gesungen.
Wir stiegen schweigend zur Kapelle,
die wie des Mondes bleiche Muschel
auf dem Moränenhügel schwebte,
und frommes Bangen nahm die Schwelle.
Es floß der Purpurwein der Gnaden
In unsrer Augenkelche Dunkel,
wir durften unsre starren Wunden
im Strahl des hohen Bildes baden.
Und als wir durch den Ginster gingen,
erglänzte Tau auf seinen Lippen,
wir schieden, neuen Bunds Geschwister,
von ferne hörte ich dein Singen.
Abend am Totenmaar
Nebel-Stimmen überm Maar,
fahle Lichter toter Seelen,
ruheloser Geister Schar
flattert in den Dämmer-Höhlen.
Seufzen, das am Ufer quillt,
Atem aus den Brodem-Becken,
Perlentropfen, giftgefüllt,
die den Flaum der Schwäne flecken.
Und du hier, mein Sonnenkind,
sind die Brüder denn ertrunken,
weißt du nicht, wie Rosen sind,
Schwestern, die mit Kronen prunken?
Flockt auf Pfade Blütenschnee
an den Wassern sanfter Sänge,
schmilzt auch dir das dunkle Weh
unterm Glanz der Traubenhänge.
Die Täubchen
Hier gingen wir einst Arm in Arm
auf weichen Moosen unter Lauben,
ein Gurren hatte soviel Charme,
es kam von kleinen Turteltauben.
Wir gingen schweigend vor uns hin,
es lag in deines Blickes Funkeln
mehr als in Worten heller Sinn,
den neue Worte leicht verdunkeln.
Du hast uns Beeren abgepflückt,
und manche streutest du ins Grase,
damit ein Täubchen sie aufpickt.
Wie blaute uns des Himmels Gaze.
Nun ist das Himmelsblau verdeckt,
von dunklen Schleiern überzogen,
kein Gurren, das die Herzen neckt,
die Täubchen sind dir nachgeflogen.
Mondsichelmadonna
Im Mai gehst du, das Bild zu finden,
bemoosten Pfad im Blütenschnee,
der wehte unter lauen Winden
aufs Gras herab und fetten Klee.
Gedächtnis hat den Sinn erweichet,
die Abendluft ist sehnsuchtsblau,
die schönen Lilien keusch erbleichet
trägst du zu Unsrer Lieben Frau.
Dort überm dämmernden Altare
ist sie von Feuerduft umweht,
daß er sich mit der Anmut paare,
der Mond ist es, auf dem sie steht.
Und was sich unterm Fuß ihr windet,
das Ungeheuer mit dem Horn,
mit Blicken, daß dein Herz erblindet,
erlahmt an ihres Geistes Sporn.
Ein golden Licht umspielt die Locken,
ihr Blumenmund sagt Wahres zart,
es schneien ihre Gnaden-Flocken
auf unsre dunkle Erdenfahrt.
Du legst die Lilien ihr zu Füßen,
ihr Leuchten kam aus dunklem Keim,
du wendest dich, die Nacht zu grüßen,
und unter Sternen gehst du heim.
Poetik des Wassers
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Als wären die Wimpern gezählt.
Und die daran schwebt, die zögernde Träne, ist wie der Augenblick des Gedichts, bevor es den Glanz ins Dunkel niederrinnen läßt.
Vollkommenheit des Lebens zeigt sich am harmonisch gegliederten Leib.
Der Bau der Pflanzen und Tiere ist vollkommen.
Der Bau der Pflanzen und Tiere ist ein architektonisch-rhythmisches Modell des Gedichts.
Korrespondenz von Herz und Hand, Atem und Gefühl.
Korrespondenz von Metrum und Rhythmus, Herzschlag und Atem.
Maserung des Blatts, unentzifferte Inschrift des Lebens.
Gott langweilt sich nicht in seiner monotonen Ewigkeit, sondern erfährt und entziffert und vernimmt sich in den Körpern und Sprachen seiner Geschöpfe.
Verwischte Zeilen kann man freilich nicht lesen.
Die schwere Zunge des Epigonen, vom Fusel der Journale ins Stammeln geraten, gibt uns kein Maß für das Rauschen goldener Oden-Ranken.
Wohlgefügtheit und Wohllaut sind Apollos Gaben für das Glück des Gedichts.
Ein jeder Mißklang weist auf einen Sprung im Gefäß des Gedankens.
Die verstimmte Seele muß man ruhen lassen.
Wenn sie zu singen genötigt wird, kommt nur ein Krächzen aus verzerrtem Munde.
Das Wasser ist die keusche Muse des Sängers.
Das Wasser seufzt und flüstert, das Wasser gluckst und murmelt; manchmal stockt es wie erschrocken, dann wieder strömt es heiter zwischen Ufern von Eppich und Lilien dahin.
Der Tau des Blütenblatts ist wie der scheue Glanz des dichterischen Bilds.
Das Wasser, in dem der Staub des Unsäglichen hinweggespült wird, ist die Mikwe des Gedichts.
In der Jauche des Geredes gilbt der Fittich des Schwans.
Das Wasser glitzert, wenn es der Strahl der Höhe weckt.
Die Aggregatzustände des Wassers sind mythische Bilder für die Seele des Gedichts.
Der grüne Teich der Elegie, der unterm Mondlicht blaßt; der Gipfelschnee des Hymnus, der von Rosen des Abendlichtes blüht.
Der Rhythmus staut sich stäubend wie der Bergbach am Fels, er ründet und klärt sich wie das grüne Auge des Alpensees.
Das begradigte Flußbett wird unfruchtbar.
Das Metrum ist keine künstliche Uferbefestigung, auf daß der Fluß der Verse schneller ströme.
Die ruhig auf ihm schwimmt, die Blüte kann das Wasser nicht verneinen.
Die Sprache des Gedichts verknotet kein Nein, kein Nie und kein Obwohl.
Auch wenn wir am unaufhaltsamen Gang des Wassers die Neigung der Schwere verspüren.
Daher die Schwermut, die allem Schönen als Schatten des Vergehens eingewoben ist.
Die Zunge kann, die sie genährt, nicht verneinen, der Heimat köstliche Laute.
Die Brandung ist betäubend, die Welle klatscht an den Kai, der Tropfen klingt und zerspringt, die leise getaumelt, die Flocke schmilzt hin.
Die den reinen Quell mit Unsinnsmüll verschmutzen und dem Ausfluß siecher Seele, werden nicht verklagt, sondern – sic gloria transit maiorum – mit Preisen dekoriert.
Ausschlags fleckige Sonnen, Knospen verrotteter Sümpfe, bizarre Zeugnisse geistiger Zerrüttung und sprachlicher Verwilderung werden in Anthologien abgedruckt, aus denen – Gott sei Dank – die Gedichte eines Hofmannsthal oder George verbannt sind.
Wie Wasser, die Gras und Knospen nähren, sind des Wohllauts Wellen, die an den Ufern der Nacht den Schimmer sanfter Träume spiegeln.
Wie der Besessene den hohen Ruf der Glocken schmäht, verlacht der kranke Geist das Schluchzen der nächtlichen Quelle.
Wie das dürstende Reh den Tau der Moose leckt, erquickt die Sehnsucht sich am Lied.
Das Glück des Gedichts ist wie mit offenen Augen in grün leuchtende Wellen tauchen.
Dichten ist wie das Spiel der Knaben, die kleine Boote aus Papier auf sanfte Wogen setzen; und sie gleiten dahin, wer will sie halten, sie verschmelzen mit dem bunten Schaum und verblassen in der Dämmerung.
Dichten ist wie das schöne Tun der Frommen am Indus, die dem heiligen Wasser kleine Lichter auf Blumenschalen anheimgeben; und sie gleiten dahin, wer will sie halten, ihr Flackern verschmilzt mit dem Dunst der Dämmerung und verlischt in der Ferne.
Dichten ist wie das Blumenopfer der schönen Frauen auf Bali, die dem Bild des lächelnden Gott-Jünglings Blüten streuen, Kerzen und wohlduftende Körner entzünden und ihm mit dem transparenten Wallen ihrer Schleier huldigen.
Wenn die Zeile unlesbar ward durch ein Seelenwasser, magst du den Sinn, dem es geflossen, wohl noch erraten.
Das Gedicht ist wie das einsame Licht in einem schmalen Fenster an jenseitigem Ufer.
Treue ist wie der Gedanke daran, die Blumen wieder mit frischem Wasser zu erquicken.
Mit Mund und Zunge bilden wir den Laut, doch auch mit Speichel, und ob er nährend oder giftig ist, entscheidet, wie wirʼs meinen.
Wenn wir in der Dämmerung den Fluß entlang gehen, weht mit des Wassers Hauch das Geranke unsrer Seele.
Ein Tropfen Gnade in der Wüste des Geistes, und ein Grün keimt auf.
Ist der Himmel bleiern und rings die Erde wüst, erflehen wir den Tau der Nacht.
Den Sterbenden, der schon verstummte und dessen Lippen rissig sind, tränkst du zum Abschied noch mit klaren Lebenstropfen.
Das Wasser trägt die leichte Blüte, das schartige Messer versinkt.
Die moosgrünen Funken, die Tupfen Goldes, die auf den Mosaiken des Brunnens zittern, die rosigen Seufzer, die im Schlafe kleiner Veilchen Lippen öffnen, sind wie Schuppen eines Nymphenlieds.
Der Gott der Hirten
Sein Blick so starr wie einer Eule
folgt dir im Dunkel bis nach Haus,
und witterst du im Traum die Fäule,
ist es der Balg der toten Maus.
Sie schnitten ihn aus Eichenbohlen,
ein Klotz auf einem kahlen Stein,
verrieben Mennige und Kohlen
und strichen sie auf Stirn und Bein.
Gekröse war die Opfergabe,
sie sprengten ihm das dunkle Blut,
und daß er nächtens Sonnen habe,
entfachten sie in Schädeln Glut.
Sie wühlten durch die Asche Rinde
und rieben sie der Kuh, dem Weib,
daß neue Frucht ihn wieder ründe,
zur Sonnenwende auf den Leib.
Und wurden bleich des Gottes Glieder,
sein Aug vom Schnee des Mondes blind,
ertönten rings die Hirtenlieder,
die trunken und voll Schwermut sind.
Es ducken sich vor diesem Götzen
das Reh so scheu, das Lamm so bang,
und nur die sich am Blute letzen,
reizt dieses Scheusal zum Gesang.
Denn seiner wilden Blicke Rede
hetzt sie zum Kampf um Vieh und Mal,
wie Liebeswahnsinn rast die Fehde,
der Vorzeit Flamme flackert fahl.
Er kehrt zurück, der Gott der Herden,
in Hinterhöfen schwelt sein Brand,
ihm müsse neu geopfert werden,
erheischt das Zeichen an der Wand.
Die helle Nacht
Wie rein Erblühte Anmut künden.
Die Nacht ist hell von Blütenschaum.
Die sich um schwarze Borke winden,
des Efeus Ranken flüstern kaum.
Wir liegen auf dem Vlies des Maien,
und kommt vom Fluß ein sanfter Hauch,
sinkt aus dem Dunkel stilles Schneien,
hüllt bräutlich den Holunderstrauch.
Der Blütenschnee ist wie dein Schweigen,
ein Leuchten, rein und namenlos,
wenn sich mir deine Lippen neigen,
sagt mir ein Tau von dunklem Moos.
Und haben milchig-bleiche Strahlen
der Geister Schatten aufgeweckt,
sehn wir die weißen Blüten fahlen,
von Mondes Küssen süß erschreckt.
Wir gehn den Uferweg, im Osten
beträufelt Wolken roter Wein.
Mit Blüten, dunklem Grund entsproßten,
war helle Nacht des Glückes Hain.
Ihr weichen Liebesblicke
Ihr weichen Liebesblicke,
ihr Veilchen, traumbetauet,
wenn ihr dem leisen Glücke
zu öffnen euch getrauet.
Ihr scheu erglühten Wangen,
Magnolien keusch geründet,
wenn dämmerndes Verlangen
in Knospen sich entzündet.
Ihr Lippen, die erbeben
wie rote Zwillingsrosen,
wenn Falter sie umschweben
in Sommern, wolkenlosen.
Ihr Hände, warme Schalen,
gleich einer Glucke Flügel,
die blassen Stirnen malen
der Treue Abschiedssiegel.
Auskunft und Ankunft
Wir sind die Gaffer nicht in Platons Höhle,
wir sehen keine Schatten an der Wand,
wir sind die Gaukler nicht beim Schattenspiele,
es funkelt unser Geist in Blickes Glanz.
Die Sonne, die uns scheint, ist wahren Scheines,
das Herz, das in uns schlägt, ist Lebensglut,
und wenn das Blut im Dunkel muß erkalten,
sag unser Auge dankbar sein Adieu.
Wir reden nicht mit äußerlichen Lauten,
denn was wir meinen, ist das Erz der Tat,
und trübte Unsinn eitlen Atems Welle,
zerläuft sie ungestalt im öden Sand.
Wir suchen im Gewirr der Lebenslinien
nach dem Gesicht, das sich darin verbarg.
Das Innre liegt dem hellen Auge offen,
wer Dunkles ahnet, darf verschwiegen sein.
Wir fühlen wahrer uns im Kampf um Zeichen,
und was wir schmücken froh im Zeichendienst
an Wappen, Siegeln, Fahnen und Emblemen,
veredelt unsre Lust, bekränzt das Leid.
Wir tasten blind nicht nach dem Rettungsfaden,
der aus dem Labyrinth der Träume führt,
wir gehn im Freien unter hohen Feuern
den Pfad der Blumen bis zum kahlen Stein.
Wir hören Wahres, wenn die Wasser singen,
nicht trügt der Duft der Veilchen, nicht der Gruß
des Lächelns, den uns Freundlichkeit erweist.
Wir fragen nur, was Auskunft uns mag geben,
ein Blick der Liebe soll die Antwort sein.
Wir geben keinen Heller auf die Phrasen
aus einem Mund, der hohlen Trost verspricht.
Denn haben wir uns auf dem Weg verstiegen,
zeigt alle Pracht der Aussicht uns kein Ziel,
so kehren wir zurück, woher wir kamen,
und legen abends uns ins Ufergras,
ein letztes Mal des Wassers Sang zu lauschen.
Im sanften Rieseln tönt uns der Refrain:
Was innen, das ist außen, was außen, innen.
Sommerabend in Alt-Metternich
Dem Andenken an Johann, Katharina und Hildegard Hilten
Der Alte hockte auf des Hauses Schwelle,
die Luft des Abends brachte Wohlgeruch,
er stopfte seine Pfeife und sie qualmte,
ihr weißes Wölkchen kringelte ins Blau,
wo zwischen Mücken frohe Schnäbel sirrten.
Die Arbeit war getan, das Feld bestellt,
die Kühe scharrten manchmal wie im Schlafe,
und manchmal wieherte der dürre Gaul.
Wie hellte ihm das Angesicht ein Lächeln,
wenn Mutter mit dem bastgeflochtnen Korb
nach Hause kam, im Korbe unten Äpfel
und Pflaumen, doch Fliederbüschel rot und weiß
darüber, sie brachten Duft des Sonnentages
uns in der kühlen Stube Dämmerung.
Und hatten wir heißen Kinder uns ereifert
beim Spiel, den flachen, glatten Kieselstein
mit Teufelswürfen hüpfen und tänzeln zu lassen,
es spritzte grüner Mosel Wellenglanz,
erscholl sie fern, die Glocke edlen Namens,
der hohe Ruf zum Angelusgebet.
Da brach der Alte auf, mit seinem schwarzen,
zerbeulten Hut und seinem steifen Rock,
nahm selbst den Rotschopf mit, der wohl verlegen
die Blicke senkte, doch dann kehlig sang.
Da ging die Mutter hin mit ihrem schönen
geblümten Kleid und einem alten Buch
mit Goldschnitt. Aber innig tönte der Hymnus
auf das erwählte Leben, wenn Abendrot
die bunten Fenster mit heiterm Geist voll Andacht
verklärt hat. Doch in der Küche hörst du Klappern,
die fette Suppe brodelt auf dem Herd,
Großmutter tränt das Aug vom Zwiebelschneiden,
der Enkel wischt den dunklen Eichentisch
und stellt die Teller auf und eine Vase
mit jenem Flieder aus dem eignen Hort.
Dort dämmern schon die Büsche süßer Beeren,
und auf dem Ast des morschen Kirschenbaums
blitzt einer Eule geisterhaftes Auge.
Im Zimmer spricht mit Schatten Kerzenschein,
sie sitzen beieinander, zärtlich flüsternd,
sie warten auf des Pflasters Widerhall.
Das Gold des Abends tropfte von den Wangen,
im dunklen Spiegel zitterte ein Traum.
War alles still, nur manchmal Wassers Lallen,
der Biene Summen, die im Vorhang hing.
Traumgeranke
Veilchen hatten, Lilien weiß
deine Lockennacht umwunden,
und von blauem Ehrenpreis
dufteten die Abendstunden.
Gingen wir den Fluß entlang,
war dein Sagen, war dein Singen
weicher als der Wellen Gang,
die den Schwänen Träume bringen.
Sah ich in dein Angesicht,
frug ich bang den feuchten Schimmer,
ob die Quelle weiter spricht,
sagte mir dein Auge: immer.
Lagen wir im hohen Ried,
fühlten mild die Erde schwanken
und in grünen Wassers Lied
Seele sich um Seele ranken.
Einsam am Fenster
Wie tönt er weit, der Ruf, wie weit
vom hohen Dom die Glocke.
Du schwebst hinab zur Dunkelheit
wie eine träge Flocke.
Die Stimmen, weich ins Blau gedehnt,
der Erde Mund entquollen,
der Lieder Trost, wie Tau ersehnt,
zerrann in stummen Stollen.
Glüht mild der Mond, verdüstern bald
ihn Wolken wie Gespenster,
das Leben dünkt dich grau und kalt,
stehst einsam du am Fenster.
Zerreißt das schwarze Tuch der Wind,
narrt toter Knospe Strahlen,
gedenkst du, die vergeblich sind,
der Liebe süßen Qualen.
Die Jungfrauen mit den Lampen
Math. 25
Sie gehen hin mit ihren Lampen,
sie gehen weit, es dämmert schon,
da rasten sie am Rand des Weges
und nicken ein. Zur Mitternacht
erhebt sich ein Geschrei, und Rufe
erschallen: Er naht, der Bräutigam!
Sie füllen Öl in ihre Leuchter,
wie brennt das Licht zur Mitternacht,
wie leuchtet es auf dunklem Pfade.
Doch weh, den einen fehlt das Öl,
die andren können es nicht leihen.
Der Bräutigam geht in den Saal
des hohen Fests, und die ihm leuchten,
sie nimmt er mit zum Hochzeitsmahl,
die Trüben müssen draußen bleiben:
Wie fällt die schwere Tür ins Schloß!
Von drinnen tönt ein hymnisch Singen.
Wie sinkt der Schmerz in sein Verlies,
da goldnes Licht die Fenster spiegeln.
Was sind die Lampen, ist das Öl,
wer ist der Herr der hohen Feier?
Die Lampen sind des Menschen Herz,
das Öl sein Hoffen und sein Glauben,
es schenkt das Licht zur Mitternacht
Erwählten, die es konnten wahren.
Messias heißt der Bräutigam,
er kommt zur ungewissen Stunde
und lädt zum Feste, die bereit.
Wie hallt der Schlag des schweren Tores
durchs öde Tal der Dunkelheit!
Klärungen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Was wir „ich“ nennen, ist keine Sache, keine Entität, keine Substanz, die, wenn ich sage „Ich meine“, die Instanz abgäbe, die sich diese Meinung gebildet hat, als wäre ich das sprachliche Medium, das sie ausplaudert.
In dieser unsinnigen Verdopplung von kleinem „ich“ und großem „Ich“, äußerem Ich, das sagt und ausführt, was das innere Ich sich vorgestellt und gedacht hat, zeigt sich das unlösbare Dilemma der sogenannten Philosophie des Bewußtseins.
Die nicht vorhandene Entität namens Ich ist keine Einbildung oder Illusion, die als solche entlarvt werden könnte, wie das Spiegelbild, das verschwindet, wenn wir das Spiegelglas zerschlagen.
Was Mach in der reflektierenden Scheibe entdeckte, war nicht sein Ich-Bewußtsein, sein Selbst, das ihm unvermutet aus den Augen zublinzelte, sondern der alte Adam, dessen Aussehen er, hinter seinen Bücherbergen vergraben, beinahe vergessen hatte.
Was wir mit „ich“ meinen, zeigt sich beispielsweise in der Einsicht, daß rechts von mir links von dir ist.
„Ich“ kann kein Gedanke sein. Was hätte er zum Inhalt? Und wäre das Subjekt des Gedankens nicht wieder jener, der von sich sagte: „Ich“?
„Ich“ ist nichts, was ich weiß; wäre es so, könnte ich es plötzlich nicht mehr wissen.
Wenn ich etwas glaube und annehme, setze ich voraus und impliziere, daß dies auch andere glauben und annehmen können.
Ich ist kein Gedanke; woran denn?
Wäre ich der Inhalt eines Gedankens, woher wüßte ich, daß es MEIN Gedanke ist?
Zu sagen: „Ich bin es, der sieht, hört, fühlt“ oder „Ich bin derselbe, der von sich sagt, er sei es, der sieht, hört, fühlt“ ist nur ein philosophisch verquaster und sinnloser Ausdruck für die schlichte Äußerung: „Ich sehe, höre, fühle.“
Ich ist kein Gedanke, schon gar nicht der Gedanke, derselbe zu sein, der den Gedanken hat. Als dasselbe bezeichnen wir nur Gegenstände wie „der Nachbarshund“ und „der Hund, der nachts immer bellt“, wenn wir uns bei ihrer Identifizierung auch irren können. Wir können uns aber nicht darin irren, uns die Gedanken zuzuschreiben, die wir nun einmal haben.
Ich, das Selbst, das Bewußtsein sind keine Formen oder Gegenstände des WISSENS. Wären sie es, könnte ich mich darin irren, Schmerzen in MEINER Hand zu fühlen.
Die Annahme, das Ich, das Selbst, das Bewußtsein, und wie immer all diese Chimären und Gespenster der „inneren Erfahrung“ heißen mögen, seien Formen oder Gegenstände des Wissens, ist der Grundirrtum des kartesischen Systems und seiner Adepten im deutschen Idealismus von Kant über Fichte bis Hegel.
„Ich weiß, daß ich es weiß“ ist keine Klärung der Aussage: „Ich weiß es.“
Nur wenn ich annehme, das Selbst sei eine Form und ein Gegenstand des Wissens, benötige ich ein Kriterium für die zweifelsfreie Zuschreibung des Gedankens „Dies ist meine Hand“ an den Sprecher. Aber mit der Zuschreibung von Gedanken an den, der sie sich zuschreibt, geraten wir in einen unendlichen Regreß, denn wir bedürfen wiederum eines Kriteriums für die Korrektheit unserer Zuschreibung zweiter Stufe.
„Ich“ zu sagen und zu meinen ist, mit Gilbert Ryle zu sprechen, kein Kennen, sondern ein Können, kein Wissen, sondern eine Fähigkeit.
Das kleine Mädchen mit dem Namen Hilde hat gelernt, „Hilde Suppe“ zu sagen; es verweist damit auf seine leibhaftige Person, nicht auf sein Bewußtsein oder sein Selbst, und ihr dringendes Anliegen, etwas zu essen zu bekommen.
Sprechen ist eine Fertigkeit wie Töpfern, Fahrradfahren und Zeichnen.
Habe ich Fahrradfahren gelernt, sage ich mir nicht im Kopf etwelche Regeln und Maximen auf, die es einzuhalten gälte, wenn ich in die Pedale trete, um auf den Fahrradweg zu gelangen, wenn ich an der roten Ampel halte oder ein Handzeichen gebe, um meine Absicht zu bekunden, rechts abzubiegen.
Habe ich sprechen gelernt, sage ich mir nicht im Kopf alle möglichen grammatischen Regeln vor, die es anzuwenden gälte, wenn ich dem Kollegen eine Frage stelle, die Freundin zum Geburtstag beglückwünsche oder eine möglichst sachliche, doch höfliche Mail an den Arbeitgeber formuliere.
Ich spreche überlegt, ohne lange Überlegungen im Kopf anzustellen, bevor ich auf die Frage des Passanten nach dem Weg antworte.
Meine Zunge ist nicht der Dolmetscher eines „mentalesischen“ Idioms, das angeblich mein Gehirn produziert.
Aristoteles hat als erster die Regeln des korrekten logischen Schließens aufgestellt; doch wenn ich von der Wahrnehmung des Rauchs auf das Vorhandensein eines Feuers schließe, habe ich nicht zuvor die Schlußregel im Kopf aufgesagt: Wenn q, dann p; q, also p.
Eine Schlußregel anzuwenden, kann sinnvoll oder unangebracht sein; die Entscheidung, daß es sinnvoll oder unangebracht ist, die Regel hier und jetzt anzuwenden, kann nicht wiederum durch die Berücksichtigung einer Meta-Regel, die mir die Anwendung der ersten Regel ermöglicht, als sinnvoll oder unangebracht erwiesen werden.
Wäre Denken das Anwenden von Regeln, käme ich nie zu einem Gedanken.
Wäre Sprechen die Anwendung grammatischer Regeln, brächte ich kein Wort hervor.
Die antike Rhetorik hat die Ausdrucksformen und Stileigenschaften verschiedener Redetypen in Handbüchern zusammengestellt und mit Vorschriften und Anweisungen nebst sinnigen Exempeln ausgestattet, deren Beachtung einen Redner auf die Bahn einer erfolgreichen Karriere als Anwalt und Politiker geleiten sollte. Doch nur der Anfänger vertraut der rhetorischen Mnemotechnik und schlägt gleichsam im Kopf im Handbuch nach, welche Begrüßungsformeln und Willkommensgesten ihm in der Senatsversammlung dienlich sein könnten. Der alte Fuchs und gewandte Redner spricht spontan, wählt ohne Federlesens aus der Fülle der angebrachten Exempel das treffende aus, mäßigt und steigert die stimmliche Intonation, wie es sein Gegenstand und die gespannte oder erlahmende Aufmerksamkeit seiner Zuhörer erfordert, ohne im Kopf im Handbuch der Rhetorik nachschlagen zu müssen.
Der Zeichner, der Maler verfügt über die Fähigkeit, zu zeichnen und zu malen. Er hat sich im Studium und in der Lehre bei einem Meister die unterschiedlichsten Techniken angeeignet, kennt die Wirkung der Perspektive, weiß um die suggestiven Reize von komplementären und kontrastierenden Farbwerten und das betörende Spiel von Licht und Schatten. Er mag als gelehrter Kopf eine Menge Wissen aus der Kunstgeschichte und der Farbenlehre angehäuft haben. Aber was er tut, wenn er sich des Zeichenstifts oder der Palette bedient, ist keine Anwendung des Wissens über die Kunst des Zeichnens und Malens nach lehrbuchartigen Vorschriften und Regeln, sondern ein spontaner schöpferischer Akt der zeichnerischen Darstellung und des malerischen Ausdrucks.
Beruhten Zeichnen und Malen auf der methodischen Anwendung erlernter Regeln, wimmelte es nur so von genialen Künstlern vom Schlage eines Dürer und Monet, eines Rembrandt und van Gogh. Dumme Leute behaupten das ja, das eine wie das andere.
Manche Leute haben ganze Wörterbücher, Grammatiken und Stillehren verschluckt, bringen aber keinen einzigen wohlgeformten, geschweige denn glänzend formulierten Satz zustande.
Auch wer das Organon des Aristoteles auswendig gelernt hätte, wäre vor den logischen Fallstricken der Alltagsprache nicht gefeit.
Fehlschluß von der Sichtbarkeit der Wirkungen unserer Fähigkeiten (willkürliche Bewegungen, artikulierte Laute, materielle Symbolisierungen) auf die Unsichtbarkeit ihrer verborgenen Ursache („der Geist“, „das Ich“, „das Bewußtsein“).
Fehlschluß von der den Sinnen verborgenen Heimstatt unserer Fähigkeiten auf die Unsichtbarkeit und Monadenhaftigkeit des Geistes.
Es bedarf sprachlogischen Fingerspitzengefühls, um die winzigen Verknotungen und fadenscheinigen Stellen im Webtuch der Alltagssprache zu ertasten.
Wäre das Komponieren einer Sonate die Anwendung der Regeln der Sonatensatzform, es wimmelte rings von musikalischen Genies vom Schlage eines Mozart und Schubert. Dumme Leute behaupten das ja, das eine wie das andere.
Die Übertragungen der Tragödien des Sophokles durch Hölderlin sind, gemessen an den strengen Kriterien und eisernen grammatischen Regeln des Philologen, an vielen Stellen verfehlt, bizarr, mißlungen, als dichterische Leistung aber vollkommen und unnachahmlich.
Klugheit, Gedankenschärfe, Intelligenz lassen sich nicht durch Bildung erwerben.
Stopfe den Blöden voll mit der Logik des Aristoteles, den Stumpfen mit den feingeschliffenen Sätzen Lessings, den tropfenweich irisierenden Goethes, er verliert sich weiterhin in konfusen Schlüssen vom Faktischen auf das Notwendige, von der Koinzidenz auf das Gesetzmäßige, er gefällt sich weiterhin in nuancenlosem Kauderwelsch, in farblos-mattem Jargon.
Ein Rezept macht noch keinen Meisterkoch.
Wären Erfindungen methodische Anwendungen und Exemplifizierungen von Regeln, es gäbe kein Rad, kein Schiff und kein Flugzeug.
Der Schluß von den Prämissen „Wenn die Lage unübersichtlich ist, warten wir ab“ und „Die Lage ist unübersichtlich“ auf den Satz „Wir warten ab“ ist korrekt; aber in der Praxis versagt er, denn manche Lagen, und seien sie noch so unübersichtlich, verlangen ein sofortiges beherztes Eingreifen.
Die praktische Urteilskraft unterwirft sich keinem formalen System von Maximen und Regeln, sondern trifft ihre unvorhersehbaren Entscheidungen nach Maßgabe dessen, was wir die Lage der Dinge nennen.
Geschmack kann man bilden, verfeinern, veredeln, aber nur in der bunten Lebenswelt der Empirie, nicht in der grauen Bücherwelt der Philosophie.
Der Taktvolle lenkte geschickt vom Thema ab, als es peinlich wurde. Doch wandte er keine Maxime aus dem Lehrbuch über gute Manieren an, sondern überblickte geistesgegenwärtig die Situation, sah den Anflug von Verlegenheit auf dem Gesicht seines Gegenübers, spürte seine Angst vor einer Bloßstellung und handelte instinktiv.
Ausdrucksvoll singen oder musizieren heißt nicht bloß getreulich den Anweisungen der Partitur folgen; was hinzukommt, nennen wir zurecht, wenn auch aus Verlegenheit, bisweilen das „Je ne sais quoi“.
Nicht die Kenner, sondern die Könner, nicht die Gelehrten, sondern die Gestalter erschaffen, formen, inspirieren, was wir eine Kultur nennen.
Was die Klarheit der Darstellung trübt, sind die Schwebstoffe unlösbarer Fragen und opaker Begriffe. Manchmal setzen sie sich, wie bei der langen Lagerung des Weins, als Sediment und Bodensatz ab. Dann kann der klare und kostbare Rest in ein sauberes Gefäß umgefüllt werden.
Nicht die Aufklärung durch enzyklopädisches Wissen macht die Herzensbildung, sondern die Klärung des geistigen Weins, in den wir das ungesäuerte Brot schlichter Worte tunken.
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