Schmach und Dank
Das Leben altert zum Gespenst,
das fade graue Mehl der Rede
stäubt von steinernen Tischen,
das Flüster-Gras, verstummt und ausgeblichen,
gebettet Schicht für Schicht
Gelebtes und Geträumtes gleich,
es wartet auf den Gnadenfunken.
Nur jene grünen auf vom Tod,
die lichten Kronen, die im Dunkel wurzeln,
behaust von Zwitschern und von Tau behaucht,
besamt von Schweige-Blitzen,
erfrischt am Lied der Tropfen,
vom eignen Rauschen selig-müd.
Dem Schlummerlosen knirscht der Balken
vom Spuk des Ungelebten,
im Hinterhof der Leere bellt ein Hund,
noch durch des Mondes Laken sickert ihm die Schmach,
und blättert er nach Trost in alten Alben,
ruft jedes Lächeln „Schlaf!“,
und jedes Auge zwinkert ihm „Leb wohl!“.
Nur jene wandeln dankend in den Tod,
die Dämmerung und Nacht und Grauen
mit Tropfen eignen Bluts erhellen,
auf Wasser, die ins ferne Schattendelta rollen,
Glaubensblüten wehen, weiß und fromm,
nur jene, die dem Ungewissen werfen zu,
die stillen Duldens ihrem Herbst entquollen,
süße Frucht, die nach erhöhtem Dasein schmeckt.
Schimmer in den Nachtvoluten
Die dem Gnadenlicht sich weihten,
dürfen mit den Schatten spielen.
Freie, die auf Schatten reiten,
können nach den Sternen zielen.
Augen, die dem Dunkel wehren
mit dem Glanz von feuchten Gluten,
können lang von Tränen zehren,
Schimmer in den Nachtvoluten.
Worte, die wie Knospen zittern
über grauen Trauermalen,
Worte, zögernd zwischen Gittern,
öffnen sich den Liebesstrahlen.
Tiefer atmen hilft dir nicht
Und tiefer atmen hilft dir nicht,
die Luft ergraut von Aschenpollen,
kein Flügel, der die Flucht verspricht
zu Sängen, reinem Mund entquollen.
Du schließt dich tiefer in dich ein,
die Knospe bleich im Geistertale,
kein Wandrer kommt und gießt den Wein
der Lieder in die Opferschale.
Und deine Sonne schwimmt im Dunst,
erstickte Worte, Blut im Kote,
zertretne Blüten, Lohn der Kunst,
im Mark geronnen, Psalm für Tote.
Die unbeweinte Taube
Die Taube pickt verstreute Samen.
Sie sieht dich nicht, du siehst sie gern,
weiß keinen Sinn, weiß keinen Namen,
so nah ihr wohnt, seid ihr euch fern.
Sie mag den Wind, den Regen kennen,
den grünen Schatten, wo sie gurrt,
doch weiß sie nicht, wie Tränen brennen,
.durchquert der Mond die Schattenfurt.
Sie schaukelt, flattert mit Gespielen,
und neckend krümmt sich Zeh um Zeh,
doch rührt sie nicht, wenn Flocken fielen,
wie weißer schweigt ein Grab im Schnee.
Mag Sonne fühlen ihr Gefieder,
den Hauch, den Sommernacht ihr weht,
ihr Flügel sinkt und steigt nicht wieder,
kein Liebes ist, das bei ihr steht.
Wortkrücken für Zungenlahme
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Dunst kann wieder Wasser werden, die ausgetretene Flamme schweigt für immer.
Der Vater hat es bitter bereut, den Sohn zu diesen engherzigen Philistern ausgesandt zu haben.
Die Unerlösten grinsen am breitesten und grölen am lautesten.
Die innere Leere und den Abgrund der Sinnlosigkeit mit Lektürefetzen zuschütten.
Was Dunst ist, Wolkenschleier, neblige Trübe, und sich nicht zur Dichte und funkelnden Klarheit des Tropfens hat kondensieren wollen, preist der rohe Geschmack und die verfaulte Seele als die große Errungenschaft des freien Ausdrucks.
Keine Gruppe ohne Feindseligkeit, keine Gesellschaft ohne Zensur, Ikonoklasmus, Denkmalschändungen und Umbenennungen von Plätzen und Straßen; hier gibt es nur Gradabstufungen, ob man nun Bücher öffentlich verbrennt oder Autoren mittels Ächtung mundtot macht.
Wer nicht das erwartete poetische Knistern und Prasseln, Rischeln und Rascheln bedient, dem neigt man kein Ohr.
Mit verknoteter Zunge lallen sie von Freimut und Redefreiheit.
Groteske oder makabre Komödie, wenn Hinz und Kunz das unbeschränkte Recht zugesprochen wird, auf den Brettern, die sie für die Welt halten, sich selbst zu verwirklichen.
Die nur eigene Wunden lecken, können fremde Größe nicht einmal sehen, geschweige denn bewundern.
Zwischen ja und nein, wähnen sie, lägen tausend Möglichkeiten.
Wer anklopft, muß das Losungswort sagen, bevor wir ihm öffnen.
Liederliche Erscheinung, ungekämmte Sätze.
Freilich, wer nur grammatisch glatt frisierte Sätze äußert, hat noch nichts zu sagen.
Die kosmischen Konstellationen und die verästelten Strukturen der pflanzlichen und tierischen Organe sind nur eine von vielen möglichen Variationen aus dem Repertoire der aus sich selber tönenden Leere.
Die Perversion hält sich für das Maß aller Dinge.
Für die Schmeißfliege strömt der Dunghaufen nichts als Wohlgerüche aus.
Das Flimmern des Unrats ist für die Abortfliege wie der glänzende Fetisch für den Entarteten.
Kein Satz, also auch kein Gedanke, kann sich selbst enthalten. Sätze, die so tun wie der Satz „Dieser Satz ist wahr“ oder der Satz „Dieser Satz ist falsch“ sind entweder nichtssagend oder widersprüchlich.
Soll ich, nachdem ich erfahren habe, daß der große Schnauzbart dem Komponisten Anton Bruckner einen Klotz von Tempel errichten wollte, seine Symphonien mit neu erwachtem Mißtrauen hören?
Der verkommene Lump, der seine Lumpereien als Ausdruck einer genialen Ausnahmeexistenz rechtfertigt.
In den Aggregatzuständen des Wassers haben wir ein Bild für die Metamorphosen seelischen Lebens und dichterischer Sprache.
Die Adern und Nervenbahnen des Blattes sind Chiffren des Pan.
Es gibt einen internen Zusammenhang zwischen der logischen Tiefe des Gedankens und der grammatischen Oberfläche seines Ausdrucks.
Die in Marmor gemeißelten Namen der Cäsaren und all die verwehten Seufzer der Namenlosen.
Die Vernunft versteht den Unterschied des Sinnvollen und des Unsinnigen, der Wahnsinn versteht nicht einmal sich selber.
Die des Abends ängstlich ihre Tore hinter sich verschließen, kommen aus dem grellen Scheinwerferlicht der Bekenntnisbühne, wo sie von der Ruchlosigkeit des Eigentums predigten.
Wie die scharfen Grenzziehungen und Unterscheidungen von logischen und ontologischen Kategorien vor begrifflicher Verwirrung und überschwänglichem Gerede bewahren, so die Grenzen der Apartheid und die Mauern der Diskriminierung zwischen Mitgliedern wesensfremder oder verfeindeter Kulturen und Rassen vor Übergriffen, sozialen Unruhen und Bürgerkriegen.
Dem Täter fremder Herkunft wird leichter verziehen als dem eigenen Sproß.
Wer da unwillig, verstört und ungeläutert Abschied nimmt, erleichtert sich den Trennungsschmerz, indem er die Werte, die Schönheit, die Früchte des Herkunftsbereichs ins Zwielicht taucht, die Falten und Schründe im Antlitz der Geliebten grell beleuchtet und den schimmernden Apfel durch den Wurm diskreditiert, den er nun in allen findet.
Geistige Kastraten, die von der fruchtbaren Fülle zwischen den stupiden heteronormativen Identitäten von Mann und Frau faseln.
Der Himmel, von dem die von den Flammen der eigenen Passion Gefolterten phantasieren, hat den Realitätsgehalt einer Fata Morgana in der flimmernden Luft der Wüste.
Der vom Lärm der Welt Geschundene sehnt sich nach der Stille des epikureischen Gartens; den Überempfindlichen quälen dort noch das Summen der Bienen und das Flattern der Tauben.
Der Satz, der wie ein Stein ins Gras herabfällt, der Gedanke, der noch unruhig wie eine Lerche darüberschwebt.
Sprachliche Ausdrücke, die uns in der Situation genügen, weil sie wie „Guten Morgen!“ oder „Adieu!“ tun, was sie sagen.
Das Wasser löscht das Feuer, das Feuer erhitzt das Wasser; doch entschwebt es in Dünsten, bleibt es immer noch Wasser. Wasser des Lebens, Feuer des Geistes.
Daß Philosophen die Welt regieren sollen – Traum eines Philosophen, mit dem der Stab der Gerechtigkeit über der Welt zerbrochen wird.
Die Fixen meistern die Lage, die Langsamen und Schwerfälligen gelangen ans Ziel.
Ihre Schänder schminken und maskieren die Sprache wie ein Flittchen und sagen, sie habe es ja selbst gewollt.
Der Dichter, dessen Versen man exotische Duftnoten attestiert, hat nur ein vulgäres Parfum versprüht.
Wenn man gewisse Gedichte schüttelt, treiben die trübenden Schweb- und Gärstoffe nach oben, die sie aufzulösen nicht mächtig waren.
„Weil es mir einfiel“ ist ein Verdikt über den gedanklichen Gehalt.
Für den Versehrten können ein paar klare Gedanken und Sätze der Krückstock sein, mit dessen Hilfe er vor Anbruch der Nacht doch noch nach Hause gelangt.
Dryade
Sie wachte auf und barg die junge Stirne
scheu in eines Blattes grüne Schale.
Um ihre Hüften floß der mütterliche Hauch,
Seufzen, das mit Moos und Farn begrünte.
Sie reckte Arme, denen Rispen sprossen,
eine schüchtern stammelnde Beterin,
in Lüfte, die von wilden Rufen blauten,
aus dem Kelch der Hände gießend Tau.
Und kamen Nächte, da sie Augen suchten,
Funken, knisternd durch ihr aufgelöstes Haar,
der sich an ihren Knien wetzte, Schnabel,
und in die weiche Brust geschlagen Krallen.
Noch brachte ihrer Schwestern Trost der Tag,
wenn der Sonne sie ihr Blütenlächeln schenkten,
dem Wind des Blattgeplauders Heiterkeit,
doch hüllte Dämmerung in Fäulnisodem.
Der Dämon ließ den Sommer ihr nicht wogen,
bittrer knirschte sich in ihren Schoß die Nacht,
sie warf umsonst ihm hin das Opfer süßer Früchte,
unter seinen Eulenblicken welkte ihre Haut.
Und wandelst ferne du
Und wandelst ferne du an Wassern,
wo Funken weißer Blüten stieben,
spielt sanft ein Wind mit Nebelschleiern,
die von den frühen Leiden blieben.
Sind Sonnen dort wie blasse Knospen,
gerankt an hohen Wolkengittern,
Schnee streut ein Mond dir hin von Veilchen,
an denen weiche Tropfen zittern.
Und glaubst du einsam dich, verlassen
auf diesen schwanken Jenseitsgängen,
es nahen schon wie Schwestern Schatten,
die sanft umhüllen mit Gesängen.
Dort fließen Tag und Traum zusammen,
kein Bild bleibt wehem Liebessinnen,
kein Kuß kann mehr das Blut vergiften,
und keine Träne wird mehr rinnen.
Geh stumm
Geh stumm nur deinen Dämmerpfad,
frag nicht, ob rings noch Ähren wehen,
frag nicht, ob längst die Sommermahd
nur tote Stoppeln ließ dir stehen.
Hörst du ein Seufzen in der Nacht,
frag nicht, kommt es von warmen Lippen,
frag nicht, ob es der Wind gebracht
von grauer Gischt an fernen Klippen.
Scheint dir das Leben wie entrückt,
frag nicht, ob kalte Flocken fielen,
frag nicht, ob heißer Hauch gepflückt
dir Blüten von geneigten Stielen.
Der immerwährende Wechsel
Ist alles da, liegt alles dir zu Füßen,
die Kiesel bunt, die Worte rundgeschliffen
von Himmelswassern, die in Meere fließen
und atmen sprühend auf an Blütenriffen.
Und alles stockt und schwindet hin, erbleichen
im Dämmerlichte Moos und Male,
kein Duft, kein Mund kann sie erweichen,
der Schmerzen muschelweiße Opferschale.
Ist alles da, schwebt alles dir zu Häupten,
die Wolken und die Worte weich zerfasert
von Wirbeln, pollengoldbestäubten,
Nymphäensäulen, sternenzart gemasert.
Und alles starrt und alles schweigt, versinken
im Schneegestöber Saat und Seelen,
und keine bleiche Lippe weiß zu trinken
sich Leben aus kristallenen Asphodelen.
Die Schmach
Schmach ist das Stigma aller Lebensschwäche,
der Sud, der ätzend tropft aus Hohnes Lefzen
auf Stirn und Wange, Auge und Geschlecht.
Das Ohr der Reinen warnt nicht ein Geläute
von Silberglöckchen an zerfressenen Gliedern,
sie wittern siecher Seelen Fäulnisdunst.
Doch alles steht im Banne der Verschattung:
der Edle unterm Flügel dunkler Engel,
der unter Gott, die Gottheit unterm Hauch des Nichts.
Und fiele auch ein Schnee, der Halm und Schatten löschte,
aus einem Himmel, den wir gnädig nennten,
verborgene Wunde tränkte ihn mit Blut.
Gedächtnismilde Schauer
Des Kusses goldener Schimmer,
den dir mein Abend hebt
aus einem weichen Wasser,
erhellt die Stirn, entschwebt.
Ein Efeudunkel tropft
gedächtnismilde Schauer,
wenn du vorübergehst
an jener Gartenmauer.
Zwei Kerzen sagen noch
von süßen Liebesqualen,
zwei Knospen blicken noch
aus nahen Blumenschalen.
Die sanften Worte pflück,
die aus dem Dunkel sprießen,
ihr Duft trägt dich zurück
zum Hort, den wir verließen.
Die Wiedergängerin
Aus Dämpfen steigt sie auf, ein Rascheln
von Seidenstoff genügt, Papier, das reißt,
durch Ritzen im Gemäuer sickert sie, ein Seufzen,
verfangene Biene, die im Vorhang schreit.
Aus Abendschauern hohen Laubes tropft
sie auf des Überdrusses Schwelle, glitzert,
ihr Schluchzen hört der Schmerz der Liebe
im Regen, der nicht aufhört in der Nacht.
Sie schwappt, ein blauer Schatten, überm Wasser,
das von verwehten Blütenblättern fault,
sie sät dem Dichter in die feuchten Furchen
ein Knirschen zarter Nachtigallenknochen.
Und sieht sie, wie die junge Lockenschöne,
die Wangen fieberfleckig vom Gewühle,
sich aus dem Hause des Verräters schleicht,
verrunzelt ihre Haut, die Hand verknöchert,
und in sich zischend, hebt sie ihren Buckel
auf einen unsichtbaren Wurzelstock,
streut Perlen auf den Weg, zu leuchten,
mit ihres Speichels süßem Gift betaut.
Aus blauem Abgrund
Wo am Abend Glocken heimwärts läuten,
will ich dämmern, wo von Schattenzweigen
schneien hin, als wäre es in Träumen,
weiße Apfelblüten, will ich schweigen.
Wo aus blauem Abgrund Wolken quellen,
will ich Knospen stillen Lebens denken,
mußte Liebesleid mich auch entstellen,
mußten auch Dämonen mich verrenken.
Wo die Kindheitspfade sich verlieren,
will ich einsam zu den Ahnen gehen,
Odem hoher Weisheit will ich fühlen
bei den Dichtern, die um Blitze flehen.
Das Gewitter
Ein Schleier, Feuchte hauchend, milde,
Gespinste silbergrau geblähte,
in Schauern dumpfer Traumgebilde
verwirrt sich, was die Sonne säte.
Und keinen Flügel mag mehr dulden
der Winde Aus- und Einwärtssaugen,
es füllen sich bemooste Mulden
mit dem Gestank von trüben Laugen.
Die Blitze sind wie Feuerschlangen,
die aus dem Niemandsschlunde zischen,
das Grauen ist ins Tal gegangen,
wo Aschen sich und Rosen mischen.
Und dampft die Erde aus den Schründen,
bleibt noch Getröpfel, leises, laues,
daß Herzen linder sich empfinden,
vom Himmel sinkt ein Band, ein blaues.
Schattenrisse, Puppen, Avatare
Schattenrisse, Puppen, Avatare, die Auto fahren,
essen, schlafen, träumen, sich umarmen.
Statt Mark und Nerven Blindgestrüpp
von Phrasen, durch nummerierte Kapillare
sickert zerstampfter Blüten fade Lymphe.
Was sie einander sind: milchige Flecken
auf der Haut, die mondne Blässe eines Händedrucks,
die, erschlafft der Griff, gespensterhaft erlischt.
Daß ein ernüchterter van Gogh sie malen könnte,
die Leere, wie sie gnadenlose Augen sehen,
das Vakuum, die Transparenz des Nichts,
die um ihr schreiendes Gewese schweigt,
die Leere, die in ihnen schwülstig schwadroniert,
vom Fleischermarkt des knurrenden Tags
bis in den schluchzenden Schlachthof des Traums,
von Allverbrüderung im Schlamm,
von Fäulnissümpfen molchiger Umklammerung.
Und küssen sie, und stechen sie,
mit Wahn-Wulst-Lippen, mit psychotischen Messern,
gluckst, mühsam aufgewallt, das Blut so hohl,
wie klaglos es aus namenlosen Wunden rinnt.
Nicht daß sie einsam wären,
verwehte Blätter auf brackigen Untot-Wassern,
die im bleichen Strahl des Mondes schwappen,
die Möglichkeit zur Einsamkeit ging ihnen aus,
Gespenstern, die an Windes Leine kläffen,
verdunstete zu einem Grinsen, feig von gleich zu gleich.
Der Laich des Glücks ist fahl, ein stummes Einvernehmen,
wenn sie in Schuppen lüsternen, letalen Funkelns
in- und auf- und miteinanderschwärmen,
Geisterfische unterm scheelen Blick der Sonne,
die ihre Reuse jäh ans dämmernde Ufer zieht.
Am Wasser laßt mich liegen
Laßt dämmern mich in hohen Halmen,
am Wasser laßt mich liegen,
bis mich die Schatten überwachsen,
bis mich die Schatten wiegen.
Und rudert ihr zum andern Ufer,
hör ich das Wasser rauschen,
was aufseufzt unterm Schlag der Ruder,
dem Liede will ich lauschen.
Ich fühle noch des Mondes Lächeln
den Schmerz des Abschieds kühlen,
ich fühle noch durch junge Gräser
das alte Dunkel wühlen.
Und kommt es hoch
Die Sonne stieg, die Sonne schwand,
die Erde dreht sich, selbstverloren,
das Blatt des Wortes ist verbrannt,
die Frucht des Weines ist erfroren.
Und kommt es hoch, sind’s achtzig Jahre,
daß Schauern tropft vom Grün der Erde,
wacht auch kein Engel an der Bahre,
es glättet sich die Schmerzgebärde.
Der Mond nahm ab, der Mond nahm zu,
was hast du von der Welt gesehen,
voll Hoffnung bandst du dir den Schuh,
dann weißt du nicht, wohin noch gehen.
Und kommt es hoch, sind’s Südens Strände,
wo Rauschen bleicht das Blau der Meere,
am Salz verwittert deine Hände,
das Herz die runzlig-graue Beere.
Indirektes Licht
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wenn man den Knaben, den Jüngling, den Mann ausschließlich von Kindergärtnerinnen, Erzieherinnern, Lehrerinnen und Dozentinnen umglucken, verhätscheln und beschwatzen läßt, darf man sich nicht wundern, wenn sein Gemüt Wachs in der Hand des Zeit- und Weltgeistes wird, Worte wie Kampf, Abenteuer, Eroberung und Sieg ihm die Haare zu Berge stehen machen und sein Gelüst und Gemächt zur Zeugung verkümmern.
Die wirksamste Methode, rassistische Ressentiments zu erzeugen, besteht in der staatlich verordneten und pädagogisch überwachten Dauerberieselung mittels antirassistischer Propaganda.
Die Erbschuld der deutschen Nation soll mittels Vermischung mit fremden Rassen und Überlagerung durch fremde Kulturen, also durch Selbstauslöschung, getilgt werden.
„Er hat überlegt gehandelt“ heißt nicht: Er hat stundenlang sich im Sessel gerekelt und Pläne geschmiedet, wie er den Garten bestellt, sondern: Er ging zum Schuppen, nahm den Rasenmäher und die Gartenschere, schloß die Maschine an und mähte den Rasen, begutachtete die Rosenstöcke und beschnitt sie kunstgerecht. – „Er hat mit Bedacht gehandelt“ heißt nicht: Er ging beim Schachspiel alle Regeln durch, um sich für den nächsten Zug zu entscheiden, sondern: Er überblickte die Situation und nahm die Dame aus der Gefahrenzone. – „Er hat absichtsvoll gehandelt“ heißt nicht: Er durchmusterte vor seinem geistigen Auge das Wörterbuch der typischen Redewendungen, um die ins Gespräch passende herauszupicken, sondern: Er sagte wie aus der Pistole geschossen: „Du bist ja nicht ganz bei Trost!“
Weil die Decke der Illusion nicht wirklich wärmt, hört man das ständige Klagen und Jammern über unzumutbare Lebensbedingungen.
Wehe, wenn die vom Leben Enttäuschten und die Virtuosen der Klage die Tüchtigen, Gesunden oder diejenigen, die sich immerhin tapfer über Wasser halten, schurigeln, in den Ohren liegen, ihnen Lebensgift in die Suppe mischen.
Der Krüppel kann bisweilen einen feineren Sinn für die Anmut einer Geste und die betörende Grazie einer Haltung an den Tag legen als der gutgewachsene Banause.
Indirektes Licht zeigt oftmals Konturen und Profile, die im direkten und allzu grellen verschwimmen und untergehen.
Die einen sagen, seine Zeilen zeugen von geistiger Zerrüttung, die anderen von echter Inspiration und dichterischer Kraft. – Gibt es hier Maßstäbe der ästhetischen Urteilskraft? Ja, die suggestive Macht der Bilder und die Prägnanz der Worte.
In der Wüste abgestandener Klischees wirkt die Palme eines prägnanten Worts wie eine Fata Morgana.
Im Bereich begrifflicher Analyse sind Zuschreibungen wie „subjektiv“ und „objektiv“ zumeist unzulänglich. Der Wahrnehmungseindruck ermangelt nicht der gegenständlichen Evidenz, weil er anders als durch den Vorgang des Tastens, Fühlens, Sehens oder Hörens nicht zustandekäme.
Auch wenn wir im ästhetischen Urteil über die Qualität ihrer Interpretation divergieren, haben wir dieselbe Klaviersonate gehört. Wir verweisen mittels Heranziehung der Partitur auf dieselbe Sonate, wenn wir sagen, der Pianist habe sich in Takt 32 vergriffen.
Wir können nichts sagen, ohne zugleich etwas zu zeigen. – Wir gebrauchen Namen für Gegenstände und Ereignisse nicht ohne die Möglichkeit, durch die Verwendung von Zeigewörtern wie hier und dort, hierhin und dorthin, zuerst und sodann ihnen einen Ort oder Richtungssinn im raumzeitlichen Koordinatensystem zu geben, dessen kontinuierlich wandernder Mittelpunkt wir ebenfalls mit einem Zeigewort angeben: ich.
Wir können nicht nur mittels Nennen und Zeigen über die geteilte Wahrnehmungssituation reden, sondern ebenso über die mitgeteilte fiktive oder imaginäre Situation wie bei der Erzählung über ein vergangenes Erlebnis oder dem Hinweis auf ein Vorhaben; auch in diesen Fällen gebrauchen wir dieselben Zeigewörter für Raumstellen und Zeitpunkte wie bei der demonstratio ad oculos: „Dort sah ich unseren Freund Peter, der mir, nachdem er mich erkannt hatte, rasch entgegenging.“
Gleiches gilt für Verweise in allen möglichen Sorten von Texten: „Wie oben schon angedeutet“, „Wie ich weiter unten ausführen werde.“
Die Tatsache, daß wir aus logischen Gründen keine letzten Begründungen für unsere Aussagen angeben können, verurteilt uns weder zu resignierendem Schweigen noch legitimiert sie ein zügelloses Schwadronieren.
Die Welt ist gewiß nicht, was wir uns vorstellen, denn wir werden öfters darüber belehrt, daß wir mit unseren Vorstellungen, beispielsweise über die Fauna in der Wüste Gobi, falsch liegen, beispielswese von einem Zoologen, der uns nach einem längeren Aufenthalt vor Ort darüber ins rechte Licht setzt.
Zu behaupten, man wisse, was die Welt im Inneren zusammenhält, beispielsweise ein blinder Drang und Wille, weil man bei geschlossenen Augen lange in sich hineingehört habe, ist vom logisch-semantischen Niveau her nicht besser, als zu behaupten, man wisse, was die Affen innerlich bewege, weil man bei geschlossenen Augen im Zoo lange ihrem Gebrüll gelauscht habe.
Wir können von demjenigen, was der gewöhnliche Gebrauch von Worten in uns an Vorstellungen oder Intuitionen auslöst, nicht auf ihre Bedeutung schließen. Was immer Menschen sich beim Klang des Wortes „Wasser“ mögen gedacht haben, die Bedeutung von H2O hat sich ihnen auf diese Weise nicht erschlossen.
Jagd und Saat, Beute und Frucht, Wildnis und Garten, Zelt und Haus, Nomadentum und Seßhaftigkeit sind die beiden hervorstechenden kulturellen Lebensstile, die noch immer die Tiefenschicht der dichterischen Bildsprache prägen.
Augenscheinlich kann man von den Berichten des Paranoiden über seine Ängste und Fluchten auf etwas schließen, was wir ein ruhiges, angenehmes und unverstörtes Leben nennen dürfen; ja auch umgekehrt, um das Ausmaß der Leiden des ersten zu ermessen, bedürfen wir der Maßstäbe des zweiten.
Um dem für dumm verkauften und übertölpelten Publikum ein sinnfälliges Bild vom ehelichen Leben oder den Freuden und Pflichten der Elternschaft zu vermitteln, hält man ausschließlich Heiratsschwindlern, Ehebrechern, Opfern sexuellen Mißbrauchs und kinderlosen Perversen das Mikrophon hin.
Der dank staatlich gelenkter Erziehungsmaßnahmen und kommerzieller Medienpropaganda banausisch und stumpf gewordene Geschmack reagiert nur noch auf grobstoffliche Reize gewalttätiger Motive oder sentimental-verlogener Selbstenthüllungen, für die sublimen Wonnen der künstlerischen Form und Gestaltung ward er unempfänglich.
Das Seltene den Seltenen.
Die Zeugungsfähigkeit und die Möglichkeit zur Schwangerschaft, also die zweigeschlechtliche menschliche Natur, geben uns den einzig sinnfälligen Rahmen, um von denjenigen Personen in ihren naturwüchsigen und sozialen Rollen zu sprechen, die wir Vater und Mutter nennen.
Auf dem Bühnenraum der Familie spielt sich das Drama der menschlichen Existenz vorzüglich ab, ob als Tragödie oder Komödie, als Rührstück oder Posse.
Familienerinnerungen sind die langwierigsten und verwickeltsten Stränge in unseren Erzählungen, ob wir sie anderen oder uns selbst zum besten geben. Manchmal verheddern sich die Fäden, sodaß wir einen professionellen Hermeneuten benötigen, um sie uns zu entwirren.
Genealogische Linien sind Linien des Schicksals.
Anhand des weiblichen Personals der griechischen Mythologie läßt sich eine universal gültige Psychologie der Frau entwickeln.
Manche mythischen Frauenmasken sind sowohl individuell, denn sie haben Eigennamen, als auch, wie die Nereiden, die Musen, die Dryaden, die Harpyien oder Sirenen, Gruppenwesen.
Die Erzählung vom Krieg um Troja entfaltet die tragikomische Intimität zwischen Aphrodite und Ares.
In der auratische Nähe jener Gottheit, der er sich verwandt fühlt, spricht sich die charakterliche Neigung des Menschen aus, so verführt die Nähe der Aphrodite Paris zu bübischem Allotria und fatalen Turbulenzen, die Nähe der Athene schenkt Odysseus Mut, listige Entscheidungen, Geduld.
Die grundlegende semantische Tatsache, daß bestimmte Namen, nämlich Eigennamen, Individuen benennen und bestimmte andere Namen, nämlich Gattungsnamen, Mengen von Individuen, führt uns zur grundlegenden logischen Form gültigen Schließens: Wenn Nona, Decima und Morta die Eigennamen der Parzen sind und jene Parze, die den Lebensfaden durchtrennt weder Nona noch Decima ist, muß sie Morta sein. Die semantische Form des Namens enthält die logische Form des gültigen Schließens.
Allgemeinbegriffe geben uns oft den Rahmen, innerhalb dessen wir auf ihre Träger oder Inkarnationen zeigen können; so wenn wir mit der entsprechenden Geste äußern: „Da geht unser Freund.“
Die Behauptung, die logische Ordnung von Singularitäten und Mengen sei nur eine zufällige Projektion unserer sprachlichen Einteilung in Eigennamen und Gruppennamen, ist sinnlos, weil jene Ordnung und diese Einteilung die Grenze dessen darstellen, was wir überhaupt sinnvoll meinen und sagen können.
Der letzte Gast
Wenn graue Himmel sich erhellen
und mit dem Tau zerrinnt der Staub,
siehst du, wie edle Trauben schwellen,
Hauch rühren auf das müde Laub.
Die du gepflückt im Dämmertale,
die weiße Knospe, noch verhüllt,
auf stillem Wasser in der Schale
geht auf ihr Schoß, ein Leuchten quillt.
Wenn du dann dämmerst, krank, verlassen,
nur eine Mücke ist dein Gast,
mag deinen Geist kein Grauen fassen,
hörst du ihr Sirren, zärtlich fast.
Weiß nicht mehr
Wie tönt das Singen immer leiser,
wie eines Vogels, der schon ferne schwebt,
weiß nicht mehr, ob es mir gegolten,
ob mir umsonst das Herz gebebt.
Wie wird das Glänzen immer blasser,
wie eines Wassers, das die Wolke schwärzt,
weiß nicht mehr, ob mich Augen meinten,
ob nur ein Irrlicht hat gescherzt.
Wie wird die Schläfe immer tauber,
wie eines, der sich Schlaf aus Giften trank,
weiß nicht mehr, ob mich Zweige streiften,
ob eine Hand ins Dunkel sank.
Wie tönt das Singen immer leiser,
wie einer Nachtigall, da es schon tagt,
weiß nicht mehr, ob es mir gegolten,
ob sich umsonst das Herz zernagt.
Denkstein, Flamme, Lied
Es war der Denkstein an der Grabesstätte,
und die ihm eingraviert, Emblem und Namen,
es waren Trauersang und Grabbeigaben,
wie Schwert und Spange, Reif und Muschelkette,
noch blieben Lichter, die von ferne scheinen,
und blaue Veilchen, die statt unser weinen.
Es kann das Bild, Reliquien der Ahnen,
das Herz erheben zu den Sternenbahnen.
Den Sinn gab uns die Flamme, steinumhegte,
des Hauses Mitte, Wärme heller Nächte,
und die sie barg, Hand, sehende, gerechte,
die unsren Kummer mit der Asche fegte,
und was die Mutter schloß in schöne Schreine,
des Erben Zier, geschliffne Edelsteine.
Doch will Nomadengeist den Herd verheeren,
die harte Hand, des Vaters, wird ihm wehren.
Ums Haus erblühte, was der Edle säte,
ins dunkle Wasser sanken weiße Rosen,
er brach die wilden Ranken, band die losen
von Reben, daß der Traube Lust sich blähte,
und wie vom herben Kräuterduft benommen,
ist ihm ein Schwanenlied ins Schilf geschwommen.
Das Lied, es breitet wie ein Tau den Schimmer,
das Lied, es glänzt ins Dunkel uns noch immer.
Die Sonnendolche ritzen
Die Sonnendolche ritzen,
es schaben Lichtes Krallen,
kein Wort trägt Blütenspitzen,
nur trüben Schleim der Quallen.
Der Glanz von Namen, Blättern
zerklirrt im dürren Laube,
vom stillen Gras der Lettern
blieb Windes Pfiff im Staube.
Was in den Schilfen bebte,
des Wassers dunkle Sage,
kein Hauch, der dich belebte
im hohlen Spreu der Tage.
Noch fluten Ozeane
von Monden fremder Sänge,
noch mildert Schaum dem Schwane
die bangen Übergänge.
Auf blauen Wassers Seide
Auf blauen Wassers Seide,
blauer Lüfte Wellen,
volle Knospen, weiße,
weich verblätterndes Geschmeide,
Rosen, die aus dunkler Ahnen Furchen quellen,
kühle Tropfen, heiße.
Irisierende Kristalle,
kühlen Odems Epigramme,
schreiben Rätselschimmer auf die Erde,
Flocken, zagend lang im Falle,
löschen aus die zarte Flamme,
später Rosen Schmerzgebärde.
Auf dünnen Pergamenten,
hohen Leidens Opferfluren,
blühen aus den trocknen Ritzen,
sprießen aus den Staub- und Grab-Pigmenten
Farn und Gräser zierlich auf zu Sinnfiguren,
verschränken sich zur Aura dunkler Bilder weiße Blütenspitzen.
Der Abschiedsgruß
Die ihren Abschiedsgruß gewinkt,
die Hand gleicht einer trägen Knospe,
die duftlos unter Gräser sinkt.
Die Seele, der dein Winken galt,
ward einer Lerche Melodie,
die tief im blauen Grund verhallt.
Der Kuß, der Hauch, der dich geweckt,
wie Regen trocknen Schiefer tränkt,
hat zarte Adern aufgedeckt.
Was kühlen Schimmer brachte, schwand,
die Wolke, Spiel des blinden Winds,
die Sonne sticht, das Herz wird Sand.
Wie im Traum gesprochen
Wie im Traume spricht der Mond
zum Wasser: „Zittre nicht, dein Schlaf sei glatt,
sei mir wie ein edler schwarzer Samt geschont,
in deinem Schoße birg mein goldnes Blatt.“
Wie im Traume sagt das Wasser
zu dem Monde: „Neige deine
Knospe mir, zagen macht sie blasser,
höre, wie ich schluchze, wie ich um sie weine.“
Doch der Mensch, er geht im heißen Strahl
und spricht zu seinem Schatten: „Hülle
mir der Liebe Bild, mach die Sehnsucht fahl,
daß ein Werk mir alle Leere fülle.“
Und zum Menschen spricht der Schatten:
„Verhüll ich auch das schöne Bild,
wird doch bald dein Werk ermatten,
das nur blüht, wenn ihm die Träne quillt.“
Das Sinngeflecht
Ein Geflecht harmonisch fein verzweigt,
des Blattes zarte Adern
trinken Licht
und winden sich ums grüne Leben.
Und wenn sie ihrem Dienst entsagen,
winkt in der sanften Glut des Untergangs
wie eine Abschiedshand das Blatt,
bevor es kraftlos niedertaumelt,
uns in ein ährengoldenes,
ein abendrotes Farbenspiel.
So auch des Sinngeflechtes Zeichen,
die Samen, die aus feuchten Furchen sprießen,
Gräser, Schilfe, die am Rand von dunklen Wassern wehen,
Knospen, die auf sanften Wogen treiben,
sie spenden Leben dem Gedicht,
und trinken Sinn,
sie winden sich ums Chlorophyll
des hell Gesagten
und zittern still, ein Schattenlaub
des Ungesagten.
Das Blatt der dichterischen Zeichen aber gilbt,
wenn aus der Heimaterde unsres Ahnens
die Lebenswasser nicht mehr steigen,
und ohne des Verglühens Pracht,
wenn uns im Himmel blauer Daseinsfreude
die hohe Sonne fahlt,
fällt schmutzig-welk es auf die trüben Pfade,
wo plumpe Klauen trampeln
und barsche Schnauzen wühlen.
Als würden Schmerzen Flaum
Du fühltest noch das Weiche, Warme,
dein Dunkel schaukelte, ein Nest,
als hielte dich in ihrem Arme
die Göttliche, die nicht verläßt.
Ein banges Flattern einer Taube
trägt dich, als würden Schmerzen Flaum,
in hohen Sommers Dämmerlaube,
die seufzend schwankt im Himmelsraum.
Als hätte Nacht sich dir versöhnet,
hörst weiches Gurren du im Schlaf,
ein sanftes Herz, das wärmer tönet,
weil es die liebe Schwester traf.
Dunklen Lebens Odem
Auf weiche Wellen leg den Veilchenkranz,
den unter Tränen lächelnd du gewunden,
und dunkelt er und schwindet ganz,
dem Freund, der schied, bleibst du verbunden.
Laß spielen sanft im Haar den Abendwind,
geh barfuß auf dem Moos von alten Gärten,
die weißen Knospen, die schon schläfrig sind,
erinnern dich an ihn, den Schmerzgefährten.
Und duftet zwischen Schatten lilienblaß der Mond,
in zarten Grases Rauschen magst du tauchen,
wie damals Mund an Mund ihr es gewohnt,
des dunklen Lebens Odem euch zu hauchen.
Arthur Symons, April Midnight
Side by side through the streets at midnight,
Roaming together,
Through the tumultuous night of London,
In the miraculous April weather.
Roaming together under the gaslight,
Day’s work over,
How the Spring calls to us, here in the city,
Calls to the heart from the heart of a lover!
Cool the wind blows, fresh in our faces,
Cleansing, entrancing,
After the heat and the fumes and the footlights,
Where you dance and I watch your dancing.
Good it is to be here together,
Good to be roaming,
Even in London, even at midnight,
Lover-like in a lover’s gloaming.
You the dancer and I the dreamer,
Children together,
Wandering lost in the night of London,
In the miraculous April weather.
Mitternacht im April
Seite an Seite durch die Straßen um Mitternacht
schlendern wir hin,
durch den nächtlichen Lärm von London
in der wundertätigen Luft des April.
Gemeinsam wandeln wir unter den Gaslaternen,
des Tagwerks Dunst ist zerstiebt,
wie der Frühling uns ruft, hier in der Stadt,
ins Herz uns singt aus einem Herzen, das liebt!
Kühl bläst der Wind, frisch an unsere Schläfen,
er läutert, er entrückt,
nach all der Hitze, dem Rauch und dem Rampenlicht,
wo du tanzt und ich sehe, wie es dir glückt.
Gut ist es, hier miteinander zu gehn,
gut, wir mitsammen allein,
selbst in London, selbst um Mitternacht,
Liebenden gleich im Liebesdämmerschein.
Du der Tänzer und ich der Träumer,
einander wie Kinder still,
die verloren durchs nächtliche London wandern,
in der wundertätigen Luft des April.
Genug, genug
Von jenem Nachtgesang,
als Blütenwelle trug,
blieb nur ein fahler Klang,
genug, genug.
Des Laubwerks lichtes Grün,
da deinem Sonnenblick
das Leben tiefer schien,
kein Sommer bringt zurück.
Durchklirrend deinen Schlaf,
als er an Zwirnen hing,
der silberne Seraph
war nur ein Talmi-Ding.
Vom Blumenwort,
da über stumme Mauern trug
dich blauer Falter fort,
genug, genug.
Von Traumes Duft umspielt
der Veilchenkranz,
den hohe Anmut hielt,
verwelkt, verwittert ganz.
Vergißmeinnicht,
das deiner Dämmerung geblaut,
bang-süßes Morgenlicht,
ist wie dein Herz ergraut.
Des Liedes leichter Kahn,
der nicht nach Ufern frug,
sank mit dem Schrei des Pan,
genug, genug.
Arthur Symons, White Heliotrope
The feverish room and that white bed,
The tumbled skirts upon a chair,
The novel flung half-open, where
Hat, hair-pins, puffs, and paints are spread;
The mirror that has sucked your face
Into its secret deep of deeps,
And there mysteriously keeps
Forgotten memories of grace;
And you half dressed and half awake,
Your slant eyes strangely watching me,
And I, who watch you drowsily,
With eyes that, having slept not, ache;
This (need one dread? nay, dare one hope?)
Will rise, a ghost of memory, if
Ever again my handkerchief
Is scented with White Heliotrope.
Weißer Heliotrop
Das Fieber-Zimmer und dies Bett, so weiß,
die Röcke überm Stuhl, zerknüllt,
Roman, halb offen, hingemüllt
zu Hut, Haarnadeln, Quasten, Schminke, rings im Kreis.
Der Spiegel, der dein Antlitz sog
in seiner Tiefen tiefsten Grund
und wie für einen Mysterienbund
der Anmut Bilder in sein Dunkel zog.
Und du, halb angezogen, halb erwacht,
starrst mich aus schrägen Augen an,
und ich, der dämmernd nur dich sehen kann,
mit Augen, die Übermüdung schmerzen macht.
Dies Bild (muß manʼs fürchten, nein, warʼs Hoffnung, die es wob?)
wird, ein Gespenst von Gestern, auferstehen, falls
ich mein Taschentuch mir abermals
besprenge mit dem Duft von weißem Heliotrop.
Arthur Symons, To a Grey Dress
There’s a flutter of grey through the trees:
Ah, the exquisite curves of her dress as she passes
Fleet with her feet on the path where the grass is!
I see not her face, I but see
The swift re-appearance, the flitting persistence—
There!—of that flutter of grey in the distance.
It has flickered and fluttered away:
What a teasing regret she has left in my day-dream,
And what dreams of delight are the dreams that one may
dream!
It was only a flutter of grey;
But the vaguest of raiment’s impossible chances
Has set my heart beating the way of old dances.
Auf ein graues Kleid
Durch die Bäume flattert ein Grau:
Ah, köstlich fließt um ihren Fuß, wenn sie geht,
der Bausch ihres Kleids auf den Pfad, wo Gras steht!
Ich sehe nicht ihr Gesicht, ich sehe nur
rasch auftauchend wieder beharrlich schwirren
dort in der Ferne das grauweiße Flirren.
Das Flackern und Flattern verblich:
Welch ein Gift der Reue, das in meinen Tagtraum rann,
und welche Träume des Glücks sind die Träume, die ich
träumen kann!
Das flackernde Grau, ein verlöschender Strich.
Doch des Glückes Saum, unmöglich zu fassen,
hat mein Herz im Walzertakt schlagen lassen.
Algernon Charles Swinburne, The Roundel
A roundel is wrought as a ring or a starbright sphere,
With craft of delight and with cunning of sound unsought,
That the heart of the hearer may smile if to pleasure his ear
A roundel is wrought.
Its jewel of music is carven of all or of aught –
Love, laughter, or mourning – remembrance of rapture or fear –
That fancy may fashion to hang in the ear of thought.
As a bird’s quick song runs round, and the hearts in us hear
Pause answer to pause, and again the same strain caught,
So moves the device whence, round as a pearl or tear,
A roundel is wrought.
Das Roundel
Ein Roundel ist gemacht wie ein Ring oder heller Sternensphäre gleich,
mit Lust und List des Stils und Lauten ungeahnt,
es läßt das Herz des Hörers lächeln: Zu plätschern in des Ohres Teich
ein Roundel ist gemacht.
Sein Edelstein aus Klang ob ungraviert ob bilderreich –
Liebe, Lachen oder Klagen – an Verzückung oder Angst gemahnt –
Phantasmen fluten über bangen Denkens Deich.
Wie eines Vogels Lied geht es im Kreis, und unser Herz sinkt bleich
in jede Stille, springt wieder auf, hat es ihm seinen Weg gebahnt,
so kreist das Lied: Wie eine Perle rund, wie eine Träne weich
ein Roundel ist gemacht.
Blumenrondel
Die junge Knospe, träumerisch gewiegt,
gibt ihren Duft der Nacht, dem Wind.
Und wenn der Tau von weichen Lidern rinnt,
hat ihren Schwestern sie sich angeschmiegt.
Das Blumenwort, das sich aus Liebe gibt,
wenn all die Blüten auch verloren sind,
hat seine Knospe lang im Traum gewiegt,
verströmt den Duft der Nacht, dem Wind.
Wenn schon im grauen Dunst sein Duft versiegt,
und alle Falter, es zu küssen, ferne sind,
Schlaf schneien Flocken, machen blind,
das Wort, das sich der weißen Stille fügt,
als junge Knospe hat es sich im Traum gewiegt.
Edmond Haraucourt, Rondel de l’Adieu
Partir, c’est mourir un peu,
C’est mourir à ce qu’on aime :
On laisse un peu de soi-même
En toute heure et dans tout lieu.
C’est toujours le deuil d’un vœu,
Le dernier vers d’un poème ;
Partir, c’est mourir un peu,
C’est mourir à ce qu’on aime.
Et l’on part, et c’est un jeu,
Et jusqu’à l’adieu suprême
C’est son âme que l’on sème,
Que l’on sème à chaque adieu :
Partir, c’est mourir un peu…
Abschiedsrondel
Es ist ein kleines Sterben, geht man fort,
ein kleiner Tod an dem, was einer liebt:
Es quillt aus eignem Grund, was jeder gibt,
zu jeder Stunde und an jedem Ort.
Und immer tönt ein schmerzlicher Akkord
im letzten Verse, den man niederschrieb.
Es ist ein kleines Sterben, geht man fort,
ein kleiner Tod, was von der Liebe blieb.
Und man geht, das Spiel, es setzt sich fort,
bis hin zum Scheidegruß vorm letzten Hieb,
die eigne Seele war, was man zerrieb
und streute aus in jedes Abschiedswort:
Es ist ein kleines Sterben, geht man fort …
Duft für nichts
Sprechen wir nicht von Schwingen,
niedergedrückt vom Knie der Nacht,
wie möchte uns das Lied gelingen.
Und können wir nicht schweigen,
mag, was wir sagen, unbedacht
in graues Rauschen sich verzweigen.
Sprechen wir nicht von Samen,
abgemäht von der Sense des Lichts,
modern in uns die göttlichen Namen.
Und können wir nicht geben,
mag, was wir atmen, Duft für nichts,
in graue Nebel niederschweben.
Der Talmi-Dichter
Gelblicher Brei, den röchelnd er gespuckt,
ein blutig Klümpchen auf die große Bühne,
war seine halb verdaute Dichterseele,
Ruhm ihm, weil er sich nicht daran verschluckt.
Im Krampf leckt er die Glans des Mikrophons,
aus Silbenbüscheln schüttelnd schwüle Funken,
und tut gerissen, lallt, als sei er trunken
und stammle halb im Schlaf des schwarzen Mohns.
Nicht Orpheus ist, was aus ihm stöhnt,
es ist der Fleischwolf dumpf zerschmatzter Phrasen,
was alle Schicksalsblinden in der Zeitung lasen,
Euterpe habe mit den Furien sich versöhnt.
Nicht lauscht ihm mehr Ophelia,
die Blume unter Blumen schwamm entronnen,
von falscher Seufzer Schleim umsponnen,
fühlt der Enterbte sich der Fülle nah.
Der Wein, gesprossen unter Gottes Glut,
das Wort mit goldenem Sinn zu netzen,
kann die Betrübten nicht ergötzen,
wahllos vermengt, verpanscht mit Sud.
Das Wort, das Blatt
Kaum ist das Blatt, das Wort ergrünt,
hat es dein Herbst schon ausgebleicht.
geküßt von einem kühlen Hauch,
das Wort, das Blatt, es fällt so leicht.
Mit tausend Blättern weht es hin,
sie knistern, treibt der Wind sie fort,
und stumm wird, fahl der grüne Sinn,
versinkt im Schnee das Blatt, das Wort.
Und hat das Moos den hellen Stamm
mit seiner Patina verfärbt,
unlesbar ward das Epigramm,
das in die Rinde du gekerbt.
Und wäre es geritzt in Stein
und prangt noch lange überm Grab,
die Veilchen seufzen dort allein,
wenn ihnen Tau zu weinen gab.
Bleib menschlich nicht in allen Dingen,
sei Nacht, suchst du nach Sternenlicht,
Fontäne werde, heller aufzusingen,
Adonisflamme röte dein Gesicht.
Die Menschenform ist starr geworden,
daß Himmels Blitze sie zerspalten,
in grünes Sprühen wandere nach Norden,
nach Süden, dich wie Malven zu entfalten.
Das Wort ward trüben Fühlens Schleier,
mag Gottes Sturm ihn von dir reißen,
mit Adlerblicken siehst du freier,
wie unter dir die Ströme gleißen.
Verwandle dich, wenn Nachtluft bringt
dir Traumaromen ferner Meeresgärten,
in einen Flötenton, der höher schwingt
als dumpfer Hörnerklang von Schmerzgefährten.
Den Nachtwind reden machen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist überhaupt keine Frage.
Ein unlösbares Problem ist gar kein Problem.
Sich unterhalten ist wie Walzer tanzen, nur daß nicht immer klar ist, wer führt, oder bisweilen klar wird, daß jetzt der andere führt; in jedem Falle sollte man sich hüten, dem anderen auf die Füße zu treten, auszuscheren oder plötzlich in einen expressionistischen Ausdruckstanz zu verfallen.
Die Schrittfolge können wir lernen, die Satzfolge nicht.
Der logische Schluß (die Logik überhaupt und alles, was wir intelligentes Handeln nennen) beruht auf Intuition; wäre dem nicht so und beruhte der logische Schluß auf der Anwendung einer Regel, müßten wir ihre logisch stimmige oder kluge Anwendung ihrerseits an einer anderen Regel überprüfen; ein Prozeß, der kein Ende nähme.
Der logische Schluß ist eine intelligente Handlung, aber nicht das Resultat einer Reflexion.
Der logische Schluß ist nicht das Ergebnis einer intelligenten Handlung, sondern verkörpert sie.
„Wenn die Sonne scheint, erhöht sich die Lufttemperatur.“ – „Die Sonne scheint“ – Jetzt müßtest du sagen: „Also erhöht sich die Lufttemperatur.“ – Freilich, es ist dir unbenommen, einfach den Mund zu halten.
Wir können von nichts und niemand reden, könnten wir nicht von uns reden.
Jemanden anzureden impliziert, angeredet werden zu können.
Wir müssen uns intuitiv und vorreflexiv in einer raumzeitlichen und sozialen Position verkörpern, wenn wir reden und mitreden wollen. Diese Position markieren wir durch das Pronomen der ersten Person Singular.
Wir müssen nicht reflexiv auf uns Bezug nehmen, wenn wir uns ins Gespräch einbringen oder dem Freund auf der anderen Straßenseite zuwinken und ihn auffordern, zu uns zu kommen.
Die Anwendung einer Regel auf den Einzelfall ist eine intuitive Ableitung und keine Form des Wissens; denn Wissen meint die Kenntnis der Regel, nicht aber, wie sie anzuwenden sei.
In der Kodifizierung des Gesetzes finden wir ein rechtliches Regelwerk, nicht aber die Regel, wie es auf den Einzelfall anzuwenden ist. Das ist Sache der Intuition und Urteilskraft des Richters.
Das Richtige tun heißt nicht, sich eine Reihe möglicher Handlungen vor Augen führen und aus ihr die richtige auswählen; es meint zumeist, ohne weiteres oder geistesgegenwärtig das der Situation Angemessene auszuführen, beispielsweise einen Umweg zu machen und den Schritt zu beschleunigen, wenn finstere Gestalten bedrohlich näherrücken, das Fenster vor dem Sturm zu schließen oder den Herd nach Gebrauch abzustellen.
Gelehrsamkeit schützt vor Dummheit nicht.
Es ist ein auch unter Philosophen weit verbreiteter Irrtum zu glauben, Wissen sei ein Maß für Klugheit und Intelligenz.
Wenn wir plausiblerweise davon ausgehen, daß Chinesen im Durchschnitt intelligenter sind als Deutsche oder Schwarzafrikaner, impliziert diese Annahme nicht, daß Hans nicht intelligenter reagiert hat als Li und Margarete weniger klug als Shari.
Die Zuordnung psychologischer Prädikate sowohl zu Personentypen oder Charakteren als auch ethnischen Gemeinschaften ist ein Erbteil der Antike. Waren also schon Herodot, Thukydides, Theophrast, Caesar, Tacitus, die alte und neue Komödie und tutti quanti vom Gift des Vorurteils oder gar des Rassismus verseucht?
Die sich und andere bis zum äußersten Grad geistiger Erschöpfung und Verblödung mit Informationen, Meinungen, Gesinnungen füttern, führen das große Wort in den Medien und der akademischen Welt.
Die Zuordnung psychologischer Prädikate wie freundlich, klug, heimtückisch ist keine Form des hypothetischen Schlusses von der Beobachtung des Verhaltens, das wir freundlich, klug, heimtückisch nennen, auf die Gesinnung und innere Haltung des Beobachteten, die wir als freundlich, klug, heimtückisch qualifizieren.
Wir sehen die Freude, die Erregung, die Scham, die Verlegenheit an der Miene, der Gestik, der Körperhaltung von anderen unmittelbar, wir schließen nicht von der Mimik und Gebärde auf geistige Zustände dieser Art, insofern wir ihren physiognomischen Ausdruck an uns selbst beobachtet hätten.
Wir wissen gar nicht, wie wir aussehen, wenn wir erfreut, erregt, beschämt oder verlegen sind.
„Mondtrübe Lache“, „Karstland versickerter Brunnen“, „Nachtgesang des Wassers“, „Schwebende Pagode leise tönenden Porzellans“ – die Bilder des beschädigten oder erfüllten Daseins, die uns in der Dichtung begegnen, sind Mythogramme des Lebens, die sich natürlicher Phänomene oder artifizieller Gegenstände als Chiffren bedienen.
Doch sind sie keine Vergleiche, die sich der Reflexion und dem Räsonnement restlos erschlössen.
Die wohlfeile Rede, wir könnten mit den Mitteln unserer dürftigen Sprache das angebliche Wesen der Dinge nicht erreichen und der Dichter sei unredlich, der nicht sein banges Schlottern am Abgrund des Schweigens, sein eitles Ringen mit der Sprachnot stammelnd exhibiere, ist ein geistiges Zerfallsprodukt des metaphysischen Mißverständnisses von der letztlichen Opazität sprachlicher Bedeutung, einer verfehlten Metaphysik über die vermeintlich unüberbrückbare Inkongruenz von Sprache und Welt.
Die großen Meister, nicht nur der Sprache wie Homer, Vergil und Goethe, sondern auch der Musik wie Bach, Mozart und Bruckner vermochten noch den sublimsten Regungen der Seele Gestalt zu verleihen, die feinsten Verästelungen der Blätter vom Baum des Lebens nachzuziehen.
Den Nachtwind reden machen von den Düften und Gerüchen, die er aus verborgenen Gärten und tropfenden Lauben, von der weißen Wäsche auf Balkonen und dem eingesunkenen Humus der Gräber mitbringt.
„Philosophie“ ist kein Euphemismus für Kopfschmerz.
Oft lassen wir uns von den falschen Bildern in die Irre führen, so von der Denker-Statue eines Rodin, als sei Denken eine Art verbissenen oder schweißgebadeten Grübelns.
Die Seele ist die ins helle Licht des Tages getauchte Physiognomie des Körpers, nicht sein Schatten.
Freilich, der vom Dunkel der physischen oder spirituellen Nacht umfangene Körper hat seine eigene Ausdruckswelt.
Jemanden ungeduldig, unzuverlässig oder jähzornig nennen heißt erwarten, daß er den Faden vor Hast nicht in die Öse einfädeln, uns nicht wie versprochen am nächsten Tag das Buch mitbringen, bei der leisesten Irritation aufspringen und die Tür hinter sich zuschlagen wird. Es heißt nicht, zu glauben, diese charakterlichen Dispositionen hausten gleich Kobolden im Verlies seiner Seele, bereit, bei jeder Gelegenheit hervorzupreschen.
Liebe ist kein mentaler Zustand, sondern die Neigung, auf gewisse Art und Weise zu reden und zu handeln, beispielsweise, den durch die Mißachtung der Kollegen aufgebrachten Geliebten zu begütigen, ihm die üble Laune aufzuheitern, sich in der Sonne seiner guten zu baden.
Die Substanz des dichterischen Wortes ist wie der Tee, der mit heißem Wasser aufgegossen nach einer Weile seinen köstlichen Geschmack in das feuchte Element transfiguriert – die Teeblätter sind wie die Zeichen der Worte, die wir, haben sie ihre Essenz und ihren Duft mitgeteilt, mit dem Sieb aus der Kanne nehmen.
Freilich, die einmal für den Aufguß verbrauchten Teeblätter sind schal geworden, nicht so die Blätter des Gedichts.
Der erlesene Wein muß lange im dunklen Keller reifen. So auch die köstlichen Trauben, die am Hang des Dichters in der Herbstsonne glühten; die Mühe, die es bereitete, sie im Tau der Dämmerung zu ernten und im Gleichtakt stampfend zu keltern, bleibt am vollendeten Werk verborgen.
Von der Traube bleiben im Wein die goldene Farbe und der sublime Duft.
Freilich, der vulgäre Geschmack findet seinen grauen Rausch vorzüglich in gepanschten Sorten.
Der Geschmack für das Sublime und das Verlangen nach überirdischer Harmonie und beseligendem Wohlklang sind wie die Neigung zur Herabsetzung und satirischen Verzerrung des Lebens angeborene Neigungen.
„Demokratische Bildung“ oder aalglatt und begriffsschlüpfrig „Bildung für alle“ ist nur ein Euphemismus für die Vulgarisierung des Geschmacks und die Verpanschung sublimer Werke mittels „Interpretation“.
Im Zug der flüchtigen Wolken, im Tau, der vom Blatt perlt, im Blumenschauer des Frühlings, im Flockentanz des Winters, dem Wechsel der Tage und Nächte, dem immer wieder sich drehenden Ring der Jahreszeiten, im goldenen Lichte der Locken, das an den herrischen Fels des jugendlichen Nackens brandet, in der grauen Strähne, die Falten der Stirn dürftig bedeckend, gewahren, sehen, erfühlen wir unser unentrinnbares Schicksal.
Wir sind nicht verpflichtet, uns in die Ismen und Schablonen, die Parolen und Tagesbefehle des Zeitgeistes zu schicken.
Am Verblassen alter Namen, an ihrer sie ins Mysteriöse verdunkelnden Patina ermessen wir das historische Schicksal des Sprachgeistes.
Interpretation als Aderlaß am wehrlosen Leib des Gedichts.
Rilkes lyrischer Klageton, synthetisiert zum Sound.
Während des Ersten Weltkriegs wollte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, im Einsatz als Ingenieur bei der österreichischen Marine, den Dichter Georg Trakl, der traumatisiert von den Kämpfen im ostgalizischen Grodek (Alle Straßen münden in schwarze Verwesung) im Lazarett lag, besuchen. Er kam an, nur um vom Tod des Dichters zu erfahren. Worüber hätten sie sich unterhalten, der Philosoph, der damals auf der vergeblichen Suche nach der logischen Urform des Satzes war, und der Dichter, dem die wilde Klage aus zerbrochenem Munde floß?
Zum Glück hat noch kein Zeitgeistgeck und Modekünstler die Szene als Stoff eines düster-pazifistischen Dramas oder einer atonalen Oper verheizt.
Wir sind nicht verpflichtet, im trüben Laich des großen Geschwätzes mitzutreiben und unsererseits einen schlüpfrigen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten. Doch sollten wir stets auf dem Sprung sein, um uns selbst vor dem faulen Atem und der Zudringlichkeit selbsternannter Welterlöser zu retten.
Heiße Uhr
Schnee, an lauer Luft getaut,
Glanz, vertaner Liebesblick,
Blume, Strahl am Blatt gestaut,
kehrt als blasser Mond zurück.
Sanft von Schatten überrankt
warme Tiere schlafen schon,
Knospe, die in Träumen schwankt,
stillen Tropfen, Ton für Ton.
Heiße Uhr, die panisch tickt,
Herz, das keine Zeit sich fand,
da ein weicher Sang erquickt,
dich zog auf der Norne Hand.
Stimmen, fliegende Fische
Gespenstisch schimmernd, vom Mond beleckt,
Stimmen, als hätte der harte Kropf des Tages
sie libellenflügeldünn und transparent gepreßt,
der rosige Schlund der Nacht sie ausgespien.
Flatternd, schwirrend, schmachtend,
Stimmen, als hätte ein Witzbold den Taubenschlag
geöffnet, wo sie die Unschuld selber
girrend auf ihren kotigen Stangen hockten.
Stimmen, fliegende Fische, steigen
aus dem schwarzen Strom abendlichen Schweigens,
sie fliegen, manche dicht bei dicht,
Flosse an Flosse rhythmisch schlagend,
Schuppe reibend an Schuppe,
heiß sirrenden Purpurstaub raspelnd,
Tropfen hellen Schmatzens tupfend,
manche, goldener Triolen schwerelose Ranken,
und Seufzertrauben, betaut von Tremoli,
schlüpfen durch, höher treibend, als wollten sie
des faden Laichens überdrüssig einmal
Sterneneinsamkeit auf glotzendem Auge funkeln fühlen,
die kleinen jungen aber können nur mit zarten Bärten
den Schaum durchpflügen, der leise knallend platzt,
oder schwärmen unter einem fetten Mutterschatten,
der mit Schluchzen, Keckern, Grunzen
ihr quecksilbriges Gelispel begluckt,
andere klirren leise, zeigen nervenfeine Risse,
wenn ihre Flügel durcheinanderblättern,
Porzellan, bemalt von Grottennymphen.
Nun verblassen sie, sie stürzen hin,
dumme Kinderhände, die aufs Wasser patschen,
sie tauchen ab, Klanggespinste, die zerfasern,
sind vor einem großen ernsten Mond verstummt,
der trostlos im Gestrüpp des Ufers,
ein vergessener Lampion, hängenblieb.
Ein dumpfes Gurgeln, dann ist das Wasser stumm und glatt.
Nacht und Tau
Die Knospe zögert, schwankt verschlossen,
stellt keinem dumpfen Blick sich bloß,
dem Strahl, der seiner Pracht vergaß,
tut unverhofft sie auf den Schoß.
Der Tee schwimmt lose in der Kanne,
schenkt heißem Wasser die Substanz,
des Blattes träumerisches Herz,
im Hauch, im Duft gibt er es ganz.
Die Veilchen auf verwaistem Anger,
wie ist ihr weicher Blick voll Tau,
sie nähren Dunkelheit und Licht,
die Grabesnacht, das Himmelsblau.
Tage, Nächte
Das kahle Holz wirft seinen Schatten
auf Saat und Grab, auf Firn und Grün.
Doch Mittagssonne schlürft ihn auf,
er kann des Nachts im Mond nur blühn.
Am Tage wandeln wir im Dunkel,
erlosch in uns das hohe Licht,
in Nächten rührt uns an ein Strahl,
wenn Liebe aus der Ferne spricht.
Was keuchend wir wie Honig fingern
aus warmer Wabendunkelheit,
es tropft, ein sanftes Lied, im Schlaf,
benetzt die Stirn mit Lieblichkeit.
Der Lehm, behaucht mit faulem Odem,
zerfällt, der Klageton verhallt,
der Lichtkristall des Liebesworts
hat sich aus süßem Tau geballt.
Dämonen sind uns Tage, Nächte,
die Sonne trinkt von unserm Blut,
Gezeiten hat vom Mond das Meer,
das in uns braust und blauend ruht.
Mythogramme
Aus dem Wasserspiegel alter Namen
leuchtet uns, von grünen Schatten überrankt,
des Lebens mythische Gestalt.
Von samtenen Augen, abendstillen Teichen,
um die langer Wimpern Gräser zittern,
lächelt feenhafter Glanz herauf.
Im schroffen Strunk der Eiche, vom Blitz gespalten,
die üppig noch von Laubwerk strotzt,
quillt dryadenhell ein Rauschen auf.
Wenn, ein weißer Schmerzensdunst, die Schwäne
langsam im Uferschilf verfließen, blitzen
unter toten Blättern Flossen nymphenstumm.
Und kämmt das Kind die Puppe, lallt sie ihm,
von seines Kammes Nervenfunken aufgeladen,
der Gaia Zaubersprüche, die wie Schlangen bannen.
Der Junge läßt die Schnur des Drachen fahren,
von der Erde hartem Herzen abgenabelt,
versprüht, ein Feuervogel, sich ins kalte Blau.
Der Dichter, nachts an seines Fensters Einsamkeit gelehnt,
hört übem grauen Maschinenlied der Endzeitstadt
das dunkle Gurgeln des Leviathans.
Evokationen
Was schürt im aschengrauen Herzen Glut?
Bewunderung des Hohen, Großen, Edlen,
Aufblick in Laubes grün leuchtende Ranken,
zum schimmernden Wuchs aus dunkler Erde,
die keines Maulwurfs Schaufel noch durchwühlte,
schöner Wuchs der Bäume, Akanthuslocken
schlanker Säulen, Halme deklinierend fromme Chöre,
anmutige Gestalt des hochgestimmten Sagens,
die uns wohl überragt, doch lächelnd zu sich winkt.
Was rührt uns auf, hinabgedrückt vom Joch der Rätsel?
Heller, sanfter Wunder Ahnungen,
die lieblich deutbar wie Wolken unterm Monde wandeln,
Seufzen, wenn morsche Hölzer Atem des Erinnerns schöpfen,
der Flammen Rede, die klarer spricht als unser Schmerz,
zuckt sie auch gespenstisch über des Einsamen Zimmerwände,
zu fühlen, lauschend in die Nacht gelehnt, wie ferner Gärten
Hauch von Vogelrufen warm durchsprüht,
vom Dunst der Früchte feuchter Wohlgeruch
uns wahrer zu empfinden heißt.
Was gibt uns Halt, auf blauem Eis der Zweifel schlitternd?
Die kleine, sanfte Hand, die uns die Knospe reicht,
Flora mit dem Veilchenkranz und ihre Schwester
Sappho, die Schnee in einer Silberschale sammelt,
Kirschblüten, Schaumkraut, Hirtentäschel, Mädesüß,
und rutschen wir in Traumes Gletscherspalte,
das dumpfe Flattern, Taubenflügel,
wie fromme Herzen höherschlagend, Glocken,
die uns aus uns selber rufen in den Tag,
und wären wir im Firne eingeschlummert,
was uns weckt, im Frühlicht niederweinend, Tau.
Was aber richtet auf, die welk sich neigt, die Blume Wort?
Die altem Volk die Wurzeln hegt, mütterliche Erde,
sie saugen, ins Ahnendunkel sich verzweigend, Lebenswasser,
der seine Knospe mit Blitzen öffnet, heimatlicher Himmel,
sanfter Liebeslüfte blaues Wiegen, schwesterlicher Wind,
und will verzagend es ins Blütenlose blättern,
träufelt ihm, am Abgrund kühn, der Dichter,
der lang in seinem Schmerzensdufte Schatten träumte,
aus dem Wunderhorn den Glanz der Tränen hin.
Erweckungen
Was schürt im aschengrauen Herzen Glut?
Bewunderung des Hohen, Großen, Edlen,
Aufblick in Laubes grün leuchtende Ranken,
zum schimmernden Wuchs aus dunkler Erde,
die keines Maulwurfs Schaufel noch durchwühlte,
schöner Wuchs der Bäume, Akanthus schlanker Säulen, Chöre frommer Mädchen,
anmutige Gestalt des hochgestimmten Sagens,
die uns wohl überragt, doch lächelnd zu sich winkt.
Was rührt uns auf, hinabgedrückt vom Joch der Rätsel?
Heller, sanfter Wunder Ahnungen,
die lieblich deutbar wie Wolken unterm Monde wandeln,
Seufzen, wenn morsche Balken Atem holen,
der Flammen Rede, die klarer spricht als unser Schmerz,
zuckt sie auch gespenstisch über einsamen Zimmers Wände,
zu fühlen, lauschend in die Nacht gelehnt, wie ferner Gärten
Hauch von Vogelrufen durchwimmelt, feucht von Wohlgeruch,
uns wahrer zu empfinden heißt.
Was gibt uns Halt, auf blauem Eis der Zweifel schlitternd?
Die kleine, sanfte Hand, die uns die Knospe reicht,
Flora mit dem Veilchenkranz und ihre Schwester
Sappho, die Schnee in einer Silberschale sammelt,
Kirschblüten, Schaumkraut, Hirtentäschel, Mädesüß,
und rutschen wir in Traumes Gletscherspalte,
das dumpfe Flattern, Taubenflügel,
wie fromme Herzen höherschlagend, Glocken,
die uns aus uns selber rufen in den Tag,
und wären wir im Firne eingeschlummert,
was uns weckt, im Frühlicht niederweinend Tau.
Was aber richtet auf, die welk sich neigt, die Blume Wort?
Die altem Volk die Wurzeln hegt, mütterliche Erde,
sie saugen, ins Ahnendunkel sich verzweigend, Lebenswasser,
der es mit Blitzen angeglüht, heimatlicher Himmel,
sanfter Liebeslüfte blaues Wiegen, schwesterlicher Wind,
und will verzagend es ins Blütenlose blättern,
träufelt ihm, am Abgrund kühn, der Dichter,
der lang in seinem Schmerzensdufte Schatten träumte,
aus dem Wunderhorn den Glanz der Tränen hin.
Zwillingsfalter
Wir wollen dunklen Glanz uns geben
und tiefer uns ins Schweigen weinen.
Wir wollen uns wie Knospen heben,
die duftend süßer sich bescheinen.
Wir wollen unsre Augen schließen,
im Herzen inniger zu sehen,
wie Seufzer weißer Blüten fließen,
ersterbend ineinanderwehen.
Wir wollen Zwillingsfalter trunken
am Schmerz der Sommernacht verglühen,
im hohen Geisterflug der Funken,
die aus dem Schoß der Rose sprühen.
Überwachsen
Vom Schluchzen, ins Moor hinabgeronnen,
blieb noch der Tau, glänzt noch der Schaum
am Moos, besamt von feuchten Sonnen.
Zum Spiegel gehe, sage „Traum!“
Kristalle träufelnd, grüne Vase,
die blasse Lilie flüstert trunken,
wie dunkel ist von Duft Ekstase,
wenn mir das weiche Lid gesunken.
Vertrocknet in den Mumienfalten,
Milchflocken, Bienen, Seelenflusen,
der Schmerzachat im Schlaf gespalten,
Blutstropfen in den Dämmerdrusen.
Von Harz umflossene Libelle,
im Bernsteintropfen eingeschreint.
Gesanges überwachsene Quelle
hat in der Nacht umsonst geweint.
Rettungen des Reims
Ich seh auf meinem Teppich Rauhreif schimmern.
Durchs offene Fenster strahlt der kalte Mond.
*
„Für dich!“ stand auf dem Titelblatt.
Doch waren alle Seiten unbeschrieben.
*
Verhangen war dein Blick. Ein Sklave,
gefesselt an ein fernes Bild.
*
Ich rief die hohen Namen in die Nacht.
Gezwitscher schüttelt aus dem Laub der Mond.
*
Mit Blütenblättern treibst du auf dem Wasser,
die Tiefe denke nicht, die tausend Faden.
*
Dreh nicht den Stein des Wortes um,
ihm wuchs im Erdreich keine Patina.
*
Wir kehren, schichten sie, die dürren Blätter,
all ihre trüben Zeichen, Flamme singt sie rein.
*
Der Schatten weicht nur einen Augenblick,
wenn du im Mittag deiner Liebe stehst.
*
Ich ließ das Senkblei in die Tiefe gleiten,
doch war kein Grund, auf den es traf.
Du wolltest dich mit Wolken weiten,
und ihre Schatten rankten Schlaf.
*
Der Himmel sagte „Blau!“, die Erde „Dunkel!“
Der Stern sprach „Seufze!“, das Wasser „Funkel!“
*
Wolke singt: „O fließe!“, Wasser klagt: „Ach bleibe!“
Blume sagt „Ach trage!“, Wasser ruft „O treibe!“
*
Ein Vier-Blatt an dem zarten Stengel
der Reim grünt in die Morgenhelle,
die Düfte rufen einen Engel,
schon sitzt er singend auf der Schwelle.
*
Im Reime fließen sie in eins,
der Ströme grün und goldne Töne.
Es gibt die Zauberglut des Weins,
daß Liebesgeist den Schmerz versöhne.
*
Silberdistel und Vergißmeinnicht
stehen nah bei stillen Pfaden,
unsre Worte haben kaum Gewicht,
Pfauenaugen, die im Lichte baden.
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