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Jul 2 12

Im Schatten schlafen

Die Glocken heilen nicht, sie schmerzen
mit der Erinnerung hohlem Klang.

Das Bild des Menschen starrt vor Rissen,
verblasst von so viel Licht.

Die Blüten lindern nicht, sie blenden
wie Schnee entblößter Haut.

Die holden Namen sind verblutet,
zernagt von Liebesgram.

Im Schatten schlafen wäre besser,
beim Schnarchen tierwarmen Glücks.

Doch wär es ja am allerbesten,
niemals erwacht zu sein.

Jun 30 12

Hohe Einsamkeit

Ein Messer ritzt der Schwalbe Schrei
die hohe Einsamkeit.

Die Himmelstafel zeichenlos.
Die Rätsel abgewischt.

Das Machwerk Mensch im Abendblatt
durchstöbert lasch der Wind.

Ich denke keinen, denke mich
sehr fern am Tagessaum.

Ich fühl hinab, bin goldnes Laub,
bin Dung dem Rosentraum.

Ein Messer ritzt der Schwalbe Schrei
die hohe Einsamkeit.

Jun 30 12

Ich dich müssen lieben

Deutsche Sprech V

Du blumenschön, ich Aber-Kraut.
Du mich müssen reißen aus.

Du Rosenduft, ich Hosenstink.
Du mich müssen bleichen aus.

Du Sternenaug, ich böser Blick.
Du mich müssen stechen aus.

Du Wangenrot, ich Teer im Blut.
Du mich machen bluten aus.

Du denken lieb, ich denken Trieb.
Du mich müssen treiben aus.

Du Schwanenbrust, ich Schlangenhaar.
Du mich müssen schneiden aus.

Du sinnen froh, ich spinnen roh.
Du mich müssen fegen aus.

Du Engelflaum, ich Rattenkot.
Du mich müssen kehren aus.

Ich dich lieben dürfen nicht.
Ich dich müssen lieben.

Jun 30 12

Ich spucken dich Liebe

Deutsche Sprech IV

Pömchen an de viel Belechzte

Du sperrangel hinti.
Du sperrangel vorni.
Ich wackel dich ficki.

Ich sperrangel Gosche.
Ich sperrangel Lippe.
Leima, Schleima, Schluck.

Du sperrangel vorni.
Du sperrangel hinti.
Ich wackel dich ficki.

Qualle, Lalle, Zuck.
Reibi, Reimi, Ruck.

Du Schrei. Du Mund.
Klaff Mund, zuck Zung.

Du Schrei. Zischen Zungi.
Schielen Augen in Spitzi.

Ich Schrei. Fallen in Mund.
Du lappen Zung rot auf Kinn.

Ich spucken dich Liebe.
Ich spucken dich Liebe.

Jun 29 12

Bist mich Mops

Deutsche Sprech III

Du schnuffel, du stupsen
mit Schnauze viel kalt, viel nass.

Viel stinken, riechen Kacka.
Ich waschen, machen Friseur.

Du mager, viel Hunger.
Ich Futter, leben dich frisch.

Du von Deutschin gerannt,
viel blond, viel weiß Fleisch.

Sie Fleisch, du Knochen.
Sie blond, du Ruß.

Ich dir Futter, bis platzen.
Bis glänzen, Zunge tropfen.

Zunge rot tropfen, viel lutschen
die Füß. Bist mich Mops.

Machen dich Tanz. Machen klaff.
Binden Schleif um Tanzbein.

Ich dich Kuss. Denken müssen,
sind Augen Frau. Sie mich Kuss.

Jun 29 12

Viel Deutsch zwischen uns

Deutsche Sprech II

Du helle, ich dunkel.
Du Mond, ich Nacht.

Du weich, ich Haar.
Du Haut, ich Bart.

Viel Deutsch zwischen uns,
viel Wasser viel tief.

Du hüpfen mit Busen.
Ich stieren dich Wolf.

Du quälen mit Blond.
Ich leiden mich Hund.

Viel Deutsch zwischen uns,
viel Wasser viel tief.

Du Wäsche, ich Schmutz.
Du Perle, ich Kohle.

Du Kuss, ich heilen.
Du Kuss, ich krank.

Viel Deutsch zwischen uns,
viel Wasser viel tief.

Jun 29 12

Ich nix

Deutsche Sprech I

Ich nix könne.
Ich nix lerne.
Ich nix lese.
Ich nix Schrieb.

Ich nix.

Ich nix schaffe.
Ich nix Heim.
Ich nix Blut.
Ich nix Worscht.

Ich nix.

Ich nix dunkel.
Ich nix helle.
Ich nix lebe.
ich nix Tod.

Ich nix.

Nur brauchen Knete deutsche Staat.
Nur brauchen Liebe deutsche Blond.
Nur brauchen Dickwanst deutsche Bier.
Nur brauchen Wummen deutsche Auto.
Nur brauchen Fluchen deutsche Sprech.

Nur brauchen Spucken – haben selber.

Jun 28 12

Ros solis

Die leisen Winke locken tiefer dich und weiter.
Betaute Wimpern hellen dir den Pfad.
Der Wein entrückter Lippen stimmt dich heiter.
Dein Feingefühl ertastet höchsten Grat.

Für Mücke, Maus und Mann wirkt Schoß die hohe Zeit,
fällt durch den Spalt des Tods der Same Ewigkeit.

Jun 27 12

Können die Stürme jetzt kommen?

Du hast die Hecke sorgsam gestutzt,
die Fensterfugen, die Ritzen verpicht,
die Rosenstöcke mit Bast verzurrt.
Können die Stürme jetzt kommen?

Du hast den letzten Brief verfasst,
vergilbte Blätter geopfert der Glut,
das Lesezeichen aus dem Buch gezückt.
Können die Stürme jetzt kommen?

Noch einmal lehnst du das Haupt zurück
auf Muttererde und tauiges Moos,
dein Sein im Wirbel der Sternnacht zu drehn.
Können die Stürme jetzt kommen?

Jun 26 12

Später Mensch

Die Eule sieht am vollen Mond
den Schatten ihres Hungers nagen.
Die Waldmaus wittert, zittert sich
durch der Farne Urweltschauer.
Der Bernstein zweier Augen prangt.

Du später Mensch, du atmest bang
aus Nachtviolendüften Trost.
Du wiegst mit feinstem Nervengarn
des Anfangs und des Endes Fernen.
Was nah dir pulst, erfühlst du nicht.

Jun 17 12

Die blecherne Münze

Schmückt einmal noch der Abend
sich mit Goldgeschmeide?

Oder war es schon, die aufblitzte
aus dem Wolfsrachen der Nacht,
die hartgebissene Münze?

Hatte der Tag denn nichts
als lästige Fliegen verscheuchen,
brütendes Sinnen beim Ruf der Unken
und im Lügengewand der Fledermaus-Dämmerung
blutrünstiges Trachten?

Der Wohlklang des Du
verlor sich im Rauschen
wetterwendischen Brunnens.

Am Morgen nach den Exerzitien
wahndrängender Küsse
überblies Neuschnee
die nächtlichen Stapfen.

Durch den Dämmer meiner Räume
leuchtet nicht Wappen, nicht Bild.

Auf dem rohen Tisch
zwischen Kerzenstummel und Apfel
erglänzt die blecherne Münze.

Jun 17 12

Späte Stunde

Flämmchen zitterten über dem Schotterfeld.
Im Ried fand ein Schluchzendes nicht Schlaf.

Ich ging dahin, ich wusste nicht wohin.
Hinter mir die Stadt, vor mir ich weiß nicht was.

Mein Abend war ohne Gold und ohne Glut.
Kälte kroch empor, Nässe gluckste.

In den Taschen weder Zwirn noch Faden,
kein Kompass, kein Brevier.

Früchte leuchteten im Gezweig.
Die Erinnerungen waren totgeweint.

Dort war der Kamm, fern glomm der Strom.
Er saß auf der Bank, verhüllt im Mönchsgewand.

Er starrte auf den Fluss. Wozu auch reden.
Er las mir aus dem Herzen Lust und Qual.

„Sei, Freund, mein Gast, ich lade dich gern ein,
in dieser späten Stunde die Gläser zu heben.“

Er erwiderte nichts. Er musste nichts sagen.
Er zog die Kapuze vom Kopf und ich sah.

„Du bist es also, du mir der einzig treue Freund
im fremden Land. Gut denn, lass uns gehen.“

Jun 14 12

Dein Weichtier sinniert

Ich hasse den Mund, den Wärter, den Pförtner,
er öffnet, er schließt, ich habe nur Schlürfen und Schlucken.
Ich liebe den Mund, den Öffner, den Geber,
der mir die Geliebte warm und nass übergibt.

Der Urzeit denke ich nach, wenn das Sprech-Untier,
dem ich versklavt bin, schnarcht, der Freiheit,
in kühlen grünen Meerestiefen zu schwimmen,
berauscht von Algen, vom Korallenlichte betört.

In der Nacht treibt scharfer Atem mir über die Poren
Verdauungsgewölk. In schlaffer Fäulnis
gluckse ich friedlich, ledig der Fron,
der hohen Herrschaft emsig zu züngeln,

hin und wieder zu zittern, gedehnt und gestaucht.
Das peitscht mich, mein Verlies zu durchzucken,
hüpfend, spitzelnd nach Gaumen und Zahn.
Ewiges Faseln scheint dort draußen Gewinn.

Der Lohn der Fron heißt feuchten und schlecken –
das klebt und glitscht, das beißt und sticht.
Im Wechselfieber von sauer und süß, salzig und bitter
will ich nur eins: mich strecken und spucken.

Nur manchmal kehrt Mollusken-Urzeit wieder.
Dann schlüpft die Gespielin in meine Höhle.
Von Seufzern tropfend binden, lösen wir die Knoten
zärtlicher Raserei, bis Ohnmacht uns sättigt.

Jun 14 12

Horaz, Oden, Buch I, 38 (mit freier Anverwandlung)

Liebe, häng nicht hoch grelle Mondesfratzen,
Lampions zum Fest in die alte Linde.
Mich erfüllt dein Sein, wenn ein voller Mond, dein
Lächeln, mich anstrahlt.

Gib ein schlichtes Wort, einen schlanken Zweig, den
reiche, kindlichgut, einem dunklen Menschen.
Mich beglückt dein Mund, wenn er zwischen Küssen
Verse mir hinspricht.

Jun 12 12

Eiche im Hain

Welche Fülle, welche Pracht! Tausend Jahre sang in dir das Licht. Uns gibst Kunde du vom Stehen unter Wettern, der Geduld des Wachstums, dem Segen-Spenden. Und wie weit kamst du, fest Thronende, mit deinen Eicheln, die ahnungslos die Waldtiere auf die Lebensreise mitnahmen? Und dir, Freund, gibt der wie mit wuchtigem Stößel behauene und gekerbte Stamm Halt, wenn du die Stirn gegen ihn lehnst, gibt dir wieder Halt und Maß im Einsamsein, und unter dem Schattendach des Sommers findest du auf dem Mooskissen Schlaf – bis ein Grunzen dich weckt.

Jun 11 12

Die Finten des Leidenden

Nicht den Blüten-Teppich der Schmeicheleien
breite ich ihr auf den Sonnen-Pfad –

in angstvoll verpichter Dunkelkammer
lasse ich die Schimmer
elegant gezogener Wunden
auf und nieder steigen.

Nicht die Glitzer-Tropfen der Lust
lasse ich ihr von der Zungenspitze
auf die Wange perlen
und in erregend-entstellenden Schlieren zischen
durch ihr überpudertes Schweigen –

tiefer ertönt von süßem Verhängnis
in schwärzestem Flöz
ein einsamer Kristall,
von feinsten Stichel-Messern geschliffen.

Jun 10 12

Mit Rosen bedacht

Meine Rose war die weiße,
dein Lächeln die Woge der roten.

Meine weiße strömte zur Nacht hin,
Sterbelust entglomm deiner roten.

Lid für Lid schlossen uns Küsse
fremden Mundes, Segenslippen.

Meine Rose gab ihr Licht hin,
letztes Glühen hauchte die deine.

Meine Rose war die weiße,
dein Lächeln die Woge der roten.

Jun 9 12

Warum die Kind-Frau nicht abgetrieben hat

Die Mutter hat kalt geschwiegen.

„Noch nicht mal in der Schule …
und dann“: So scharf sind Lehrer,
wenn sie falsche Noten geben.

Die Todesberater vom Amt haben
zynisch mit den Köpfen gewackelt.

Der Zeuger war der Vaterschaft nicht mächtig.
Der Vater, der gezeugt hat, wie ein Schaf
die Wollquaste abstreift am Zweig,
der Vater hat es nicht gezeugt,
weil nur sie die ganze freudig-runde Frucht
in sich spüren konnte.
Und als er die Zeugung widerrief,
mit beringten Fingern sie umhalsend,
drehte sie ihm lachend das Weiße
aus den Augen zu und er ward schlaff.

Es war und blieb und sollte sein –
sie wollte es – dies dunkle Wachsen
überwuchs die Fremdheit ihres Daseins
in der Welt – aus eignem Keime
konnte sie sich neu gebären.

Sie wollte angeschaut werden
gläubig-weich und still
vom Kinde ihrer reinen Seele –
sie wollte mit den Tropfen Milch
liebeswarm ihr Hiersein nähren –
sie wollte in der Augen schwarzes Wasser
ihr fleckenloses Bild ertauchen –
sie wollte aus ihren Augen
groß angeschaut werden
mit dem großen Blick,
der nicht zieht und nicht zahlt,
mit dem Blick der Liebe.

Jun 8 12

Ein Kuss, ein Küsschen, ein Kussmund

Irgendein Kuss, ein Küsschen, ein Kussmund
wird es ja sein von den abertausend Küssen,
den gejagten-verhakten,
den rosig-verseufzten,
den zungen-zitternden,
den augen-verträumten,

irgend ein Kuss, ein Küsschen, ein Kussmund
wird es ja sein von allen den Küssen,
der sich verirrt hat
zwischen Mund und Mund,
der sich verwirrt hat
zwischen Auge und Auge,
der sich versteckt hat
in der Achselhöhle,
der sich einsam fand
vor müde geküsster Stirn,

irgend ein Kuss, ein Küsschen, ein Kussmund
wird es ja sein,
der sich kirschblütenzart
sangbar langsam herabweint
dir in den Schoß.

Jun 6 12

Der Aussatz

Das lepröse Fleckchen war erst pfennigklein,
ein Blüten-Brandmal nur von jenen Blicken.

Das Kupferröschen spross in dich hinein,
die Wunden des Erinnerns zu erquicken.

Der Harnisch Aussatz glänzt jetzt um dein Sein,
in Wehgestöber will dich Liebe schicken.

Jun 2 12

Wenn der Stern erlischt

Wenn der Stachel gesetzt ist
und das Saugen beginnt,
das Saugen beginnt –

Wenn der Balg sich auffüllt
und das Blut überrinnt,
das Blut überrinnt –

Wenn der Erwählte sich aufbäumt
und in Wunden sich windet,
in Wunden sich windet –

Wenn der Stachel sich löst
und die Blutbahn erwandert,
die Blutbahn erwandert –

Wenn der Stachler vom Kuss fällt
und im Haar sich verliert,
im Haar sich verliert –

Wenn der Stern erlischt,
der die Botschaft wach hielt,
wach hielt und hielt –

Jun 1 12

So nah, so fern

Die Blätter siehst du schwingen.
Den Wind siehst du nicht.

Die Flügel hörst du rauschen.
Das Ziel weißt du nicht.

Im Abschied bist du nah.
Im Händedruck gibst du dich.

Im Wort, das du verschwiegen,
im Adieu bist du da.

Den Bettler hörst du singen.
Den Namen kennst du nicht.

Die Ringe musst du tauschen.
Den Wert weißt du nicht.

Mai 28 12

Der Weg

Ich bin den Weg gegangen.

Die Ziegelmauer mit den grünen Scherbenblitzen
hieb ich mit Weidenruten.

Mir begegneten Katze und Hund.

Der Hund umbellte seinen Trog –
noch fernhin hörte ich ihn winseln.

Die Katze umstrich mich feucht
und buckelte mir ihre kalte Laune auf.

Manchmal sah ich in verdämmernden Gärten
bunte Lampions, helles Lachen lockte.

Ich verlief in Gassen mich.

Ein Knabe hockte unterm Tor
auf einem Schemelchen, vergnügt mit einer Stulle.
Er stierte in die Gosse, die vom Regen schwoll
und Blatt und Feder mit sich riss.

In einem Hinterhof hörte ich eine Türe knallen.
Oder war es ein Schuss?

Ich sah auf einem Platz gereckte Hälse,
ein Murmeln wogte durch die Menge auf und nieder.

Sie streckten Messern gleich die Zungen
und flehten nach dem Kusse eines Tropfens.

Im Licht der Würmer und schamloser Monde
las ich der Väter Erbe –
entziffert hab Gesetz und Klausel ich,
geheimen Vertrag,
der mein Schicksal scheu besiegelt.

Wie also sterben?
In Luft mich lösen,
mit Erde hart verklumpen,
im Feuer mich zersingen,
im Wasser ungestalt verfaulen?

Auch dies bei letzter Biegung –
der Leidensmann in Schweiß und Blut,
von Nägeln dunklen Sinns gebannt.

Glomm nicht die Dornenkrone
von frischen Rosenknospen?

Galt nicht wie zarte Ironie
aus Augenwinkeln
mir ein lichtes Lächeln?

Ich bin den Weg gegangen.

Mai 25 12

Die unentrinnbaren Ordnungen

Tu groß und bell dawider an,
verbirg dein Herz hinter Schmeichelei,
die Ferse, die du leckst, zermalmt dich.

Das Bild des Lebens prägt auf keine Münze sich,
es lässt mit zarter Hand sich nicht umfassen
wie in dunkel rauschendem Gezweig die Frucht.

Kau nur, zerkau den Kern mit Aberfragen.
Würgst du es ganz, erstickt es dich.

Der Aufgeregte schöpft das Meer mit einer Muschel.
Ruhig wohnt, zu wem die blaue Tiefe schweigt.

Mai 23 12

Atmende Naht

Den Wuchs verdankt die Buche,
einsam entrückt, dem Feind:
Wind hat sie geformt.

Ans Ohr gepresst,
taucht dich die Muschel
in dein inneres Meer.

Aus dem Gesumm des Morasts
kitzelt das Licht,
Blatt für Blatt,
den Sinn am verästelten Nerv.

Die Haut des Wassers trägt
das leichte Leben der Mücke.

Die eine Träne des Abschieds
füllt die Gefäße vertrockneter Liebe.

Rauschen, des Urstromes Wille,
dehnt die Ufer von Silbe zu Silbe.

Mai 22 12

Moselstraße, Frankfurt am Main

Aus fernen Gärten Melodie –
Töne kühlen dein Gesicht.
Lilien sprühen Morgenlicht.

Auf dieses Eiland wurden sie verschlagen.
Ein schwarzer Wind fraß das Gebälk,
ein Wind voll Teer und Aas.

Die Mauer wuchs aus Überdruss und Gram.
In Nächten pochender Qual.
In Tagen blühenden Eiters.
In Nächten rieselnden Marks.
Die Mauer wuchs aus Widersinn und Scham.

Mit blutigen Wattefüßen schlürfen sie durch Luft.
Gott halten sie hin das Narbengesicht,
das Ödem und die Geschwulst.

Die Mauer wuchs aus Überdruss und Gram.
In Nächten schwärender Angst.
In Tagen zungenlosen Dursts.
In Nächten abgenagten Sinns.
Die Mauer wuchs aus Widersinn und Scham.

Ein jeder glänzt im Aussatz seiner Sucht.
Der Liebe unersättlich-blinder Wurm
frisst schmatzend sich durchs Hirngeweide.

Aus fernen Gärten Melodie –
Töne kühlen dein Gesicht.
Lilien sprühen Morgenlicht.

Mai 21 12

Sehnsucht

Glocken riefen nach mir,
ich wurde nicht wach,
ich wurde nicht wieder lebendig.

Der Sehnsucht dachte ich nach,
erfühlen konnt ich sie nicht,
ahnte auch nicht das Bild,
an dem sie emporglomm,

eines Mannes, einer Frau,
eines Kinds, eines Engels,
eines Tiers, einer Blume vielleicht,
die einmal das Kind,
mit bettelnden Augen,
emporgestreckt hat.

O verwehender Duft des Abends
auf leerem Domplatz
südlicher Stadt.

Die Wimpern verkleben
im Gestöber kühler Kristalle,
Flocke um Flocke fällt
auf die hingehaltene Hand,
der Sehnsucht warme Hand,
und sie schmelzen dahin.

Apr 8 12

Die frühen Jahre

„Die frühen Jahre zogen die Nebelgardine
der Langeweile, des Trübsinns, der Bangigkeit
vor die klassischen Bronzen,
die hohen Gestalten des Lebens.“

„So hast, Söhnchen, du also gedöst,
den Kopf auf dem Ranzen,
wie sickernde Frucht
oder hingesunkene Dolde,
als das Schulzimmer unter den Rhythmen
von Pan Tadeusz zu schweben begann?“

„Jeden Morgen habe ich die schweren Vokabeln,
‚Liebe‘ ‚Treue‘ ‚Hingabe‘, ‚Vaterland‘,
auf den Berg gewälzt.
Abends waren sie zurückgerollt in die Mulde –
Glaskügelchen, der Kinderhand entglitten.“

„Wer hat den Vorhang zerrissen,
die Fenster geöffnet,
die Gestalten mit heißen Kristallen entflammt?“

„Es war der Tod, Mutter, der Tod.
Der Tod hat mich zum Leben geweckt.
Über den Salven hüpfte mein Herz.
In den Blutlachen konnt‘ ich mich spiegeln.
Im Prasseln des Feuers rief‘s meinen Namen.
Aus der Schändung der Erde ermaß ich
das Unmaß der Liebe.“

Dez 24 11

Wünsche

Am Einsamkeitspfad, wo ängstlich
er schwebt den Bach entlang,
zeigst wieder du dich,
im Gesicht der Blume zeigst du dich.

Vor dem schattigen Grund,
wo Brackwasser seufzen,
bewahrst den Schritt du
im tauigen Moos.

Im verlassenen Wingert,
wo die scheckige Echse sich
mit dem Schatten der Distel paart,
betörst du, ein herb-linder Duft.

In der Nacht, die sternlos blieb
über des Schlaflosen Bettstatt,
lass ein Weilchen schweben
lieben Lächelns Lampion.

Dez 24 11

Schneelicht

Im Traume hört ich’s summen,
als täten Bienen wummen
mit den Flügeln heiß.

Im dunklen Zimmer schimmert,
mein treuer Engel glimmert
mit den Flügeln weiß.

„Kamst du von fern geflogen,
hast um dein Kind gezogen
blütenweiches Weiß.“

„Mein Flügel wird dich decken,
von Schnee dich zart umnecken
blindgeküsstes Weiß.“

Im Traume hört ich’s summen,
als täten Bienen wummen
mit den Flügeln heiß.

Okt 17 11

Sprich, Schwesterseele, sprich – Zwischen Haff und Kap Hoorn

Gewidmet dem Nemec Dietmar Grassmuck

I

Da war die Muschel,
mein süßes Sausen,
und der nackte braune Fuß
sank ein:

Die sandige Kühle sprach
bis zum herbeigeweinten Schlaf,
sprach mir von einst –
von einst.

Mit Binsen fest umschnürt
fiel hoch ich in den blauen Brunnen.

II

Erst war es der Blitz,
der die Eiche spaltet,
und die Eiche stürzt nicht.

Es blieb der Abdruck
eines Hufs im Heidesand.

Oder das Flammenmuster der Fliesen,
auf das du starrst
im Scheine lang gebrochner Rosen.

So ging das Weh,
Bruder, das Weh.

III

Die Wellen trugen mich von dir, die Wellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

Mein Wehstern wollt ins Südland mich bestellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

Der Algen Haar mocht meinen Leib umschwellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

Mein Herzgelall Delphine übergellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

Der schwarze Schaum tät meinen Schoß entstellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

Die Wellen trugen mich von dir, die Wellen.
Im Schrei des Kranichs kehr ich zu dir wieder.

IV

Die blassen Lilien leg ich dir,
des Sehnens zarte Hände,
auf den schwarzen Samt des Haffs.

Die hellen Lieder heb ich dir,
der Liebe zarte Bojen,
auf den schwarzen Samt des Haffs.

V

Bernstein, deine Lampe
in den Geheimdienstkatakomben.
Dein Astrolabium der Seelenumseglung.

Der Stein tönt hier im prussischen Sand.

Schädel des Pferds,
ausgebalgt im Hungerwahnwinter.
Mit Bitterkraut gestopft an vierzehn Stationen.

Der Schädel tönt hier im prussischen Schnee.

VI

Ich kann nicht sterben,
wenn du lebst
und dein Lebenswehgespinst
aus meinen Sommerfäden webst.

Ich kann nicht sterben.

Du kannst nicht lieben,
wenn du schwebst
und den libellentrunknen Brief
mit meiner Birke Harz verklebst.

Du kannst nicht lieben.

VII

Hörst du mich, erkennst, Bruder, du
meine Stimme?

Auch wenn zwischen uns
die graue Zeit aufgeschichtet hat
Stein und Stein,
Bein und Bein:

Einen Stein überschauerte Moos.
Ein Knöchlein entschloss sich zu tönen.

Wenn der rote Nachtwind überm Haff
den Strandhafer peitscht –
hörst, Bruder, du meine Stimme?

VIII

Bruder, hier bin ich, aus der grünen Nacht
ans Ufer geschwemmt
mit dem Honiglicht des Bernsteins.

Hier der helle Schatten der Möwe,
wenn ihr Schrei auf die Nehrung stürzt.

Hier der Schrei nach dem wirklichen Mund.
Nach dem Blut eines menschlichen Worts.

Dort aber nährt das Geschwisterliche mich,

das dir, Bruder, im Traum geschieht:
die salzige Träne.

IX

Meerbruder, im Schaum glänzten Augen,
als dein Kiel ins Element schrieb:

„Ich liebe, ich siege, ich fliege
euch zu bis nach Kap Hoorn!“

Ja, das sah ich, das las ich
mit jenen Augen.

X

Du klammerst dich um den warmdunklen Leib.
Dein Ohr kreist um das Schnauben.
Dein Herz prasselt in das schwarze Wiehern hinab.

Die Büsche fallen, schon hebt es dich
hoch über die alten Alleen.

Schon zuckt von fern die Wimper der See.

Denk nicht, du müsstest ins Leere erwachen.

Noch umfiedert dein Engel den Traum.

XI

Möwe: für immer
erstarrt sie im Sturz.

So viele Kiesel – so viele Schreie.

Gräser: für immer
ins Licht geritzte Behauptung.

So viele Kiesel – so viele Schreie.

Segel: für immer
schwebt es auf Schaum.

So viele Kiesel …

Nehrung: für immer
ins Schweigen geschaufelter Schnee.

So viele …

Bruder: einmal netzt uns,
Dorn an Dorn,
Erinnerung …

Schmelzwasser,
wie es heimwegs verrauscht.

So, Bruder, so …

XII

Musst männlich du ins tief Verborgne tauchen?
In Fluten, Träumen wähnen letzten Fund?
Was glänzt im Netz – kannst du es noch gebrauchen?

Was du mit heißen Blicken saugst, ist Schwund.
Und tiefer als dein edles Harz gesunken
bin ich in dich, des Blutes edler Bund.

XIII

Nie wieder tropft mit dem Gurren des Morgens
Veilchenlicht, wo glückhaft wogte das Schilf.

Nie wieder hält in den Zwillingshänden
die Schwester das Haupt dir.

Und all die Küsse, wohin, die Küsse,
womit sie den Mund dir verschloss,
den im Halbschlaf plappernden Mund,
wie mit süßen Beeren, hastig gepflückt.

Nie wieder tropft mit dem Gurren des Morgens
Veilchenlicht …

XIV

Das Ruder leg beiseit: Gib dich
dem Wind, dem Dämmerlicht.
Erlausche, was geschwisterlich
die alte Wunde spricht:

Vergeh, mein Weh, verweh, du Traum,
die Nehrung deckt dich zu.
Die Abendglocke hörst du kaum,
dir weiß ich, Bruder, Ruh.

_______________________________________

Diese Gedichte entstanden im Zusammenhang der Produktion einer Sendung des Bayerischen Rundfunks über das Schicksal eines ostpreußischen Knaben, den die Stürme der Zeit an Ufer trieben, an die er nie gedacht hätte.

Die Gedichte verleihen der toten Schwester Dietmar Grassmucks eine Stimme. Sie wurde als Kind zusammen mit den Eltern bei der Besatzung ihres Heimatorts, des wegen seines alten Gestüts berühmten Trakehnen, von der Roten Armee getötet.

Das Radiofeature wurde von Anja Krug-Metzinger und Detlev Wilhelm Klee für den BR2 erstellt und am 20. Januar 2011 unter dem Titel „Zwischen Haff und Kap Horn – die große Odyssee eines kleinen Jungen aus Ostpreußen“ ausgestrahlt.
Für nähere Auskünfte siehe folgende Internetseiten:
http://www.krug-metzinger.de/site/Zwischen-Haff.html
http://www.br-online.de/bayern2/radiofeature/radiofeature-feature-archiv-ID120170441099.xml
http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/feature/grassmuck101.html

Die auf diesen Seiten wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt. Ihre Verwendung, Vervielfältigung und Verbreitung steht unter dem Vorbehalt einer beim Autor einzuholenden Genehmigung.

Autor: Detlev Wilhelm Klee, Frankfurt am Main
E-Mail-Adresse: detlev.klee (at) t-online.de

Okt 17 11

„Liebes Schwesterherz“

Aus den Briefen von Victor, des ukrainischen Burschen des Lagerkommandanten Johannes Gutschmidt

Liebste Schwester, wenn ich abends den Major gebadet habe, sitze ich oft in meinem Versteck. Das ist ein verfallener Pferdestall. Die Pferde haben sie schon alle geschlachtet. Er liegt neben dem Lagerschuppen. Von dort höre ich immer wieder ein schreckliches Winseln, gar nicht menschlich, wie von einem Tier, einer Katze oder einem Wolf, das man quält oder langsam erstickt. Manchmal ist es wie Röcheln, als ob aus der schwarzen Erde Blut quillt. Dagegen singe ich dann an mit unseren alten Liedern. Erinnerst du dich, Schwesterherz, wie du damals mit dem Blütenkranz im Haar getanzt hast, und ich habe gesungen, und Mama hat vor Freude in die Hände geklatscht? So singe ich, aber in mich hinein, und halte mir die Ohren zu, aus Angst vor dem Winseln und dem Röcheln da draußen.

Es ist doch derselbe Mond, der jetzt mich wie ein Flüchtling mit großen brennenden Augen besucht, ein Flüchtling, und ich habe keine Herberge. Derselbe Mond, den jetzt deine Augen schauen, und der von ihm beglänzte Schnee bedeckt hier die russische und dort unsere gequälte ukrainische Erde. Bette, Liebe, sanft deine sanften Blicke auf dieses Leuchten und denke nicht, was darunter liegt.

Gestern gab es Schüsse. Ich bin beim Kommandanten, und er schickt mich in die Küche, zu sehen, was da los ist.Wachsoldaten mit Gewehren standen da, viele, sehr viele Gefangene in ihren zerrissenen Mänteln, mit Lumpen die Füße umwickelt, drängten und stießen und schrieen. Alles gierte nach den großen Kesseln, wo sie das Essen mit Kellen verteilen. Stell dir vor, jetzt haben sie nicht einmal Schüsseln für die armen Kerle – die müssen ihre Mützen hinhalten, und wenn der Brei in der Hast danebenfällt, werden sie weggestoßen. Ja, da sind welche mit Peitschen, die knallen sie auf die Hände und ins Gesicht, wenn der Andrang wie von vor Hunger wahnsinnigen Tieren wieder losbricht. Die Schüsse sind gefallen. Ich weiß nicht, ob sie getötet haben. – Das Elend ist so groß, kein menschliches Herz ist so groß, es ganz zu empfinden. Kann Gott, unser Herr Jesus, der so viel gelitten hat, es empfinden?

Wenn das Winseln aufhört, krame ich oft in meinem Versteck die lieben alten Fotos hervor: Da stehst du wieder mit dem bunten Kopftuch vor unserer strohbedeckten Kate, und es ist Frühling und deine Augen reden mir von Liebe. Oder Vater, wie er in seinem bunten Kittel den Panjekarren zieht –  wie ein Ochs. Was haben die Russen uns angetan, als sie Vater abholten! Erst die Russen und jetzt die Deutschen! Und wie hatten wir gehofft, sie würden uns nach dem Schrecken und dem großen

Hunger bessere Tage bringen! Ach, wir sind doch bloß ein schwaches kleines Bauernvolk, für die Großen nur ein Stiefelknecht, eine Schmeißfliege, die man verscheucht!

Mein liebes Schwesterherz, es gibt in der Wildnis auch ein Gärtchen: Heute habe ich einen Freund gefunden. Ein russischer Künstler. Er macht so schöne Zeichnungen, von Bauern aus dem Dorf, von dem neuen Küchenmeister hier in Kritschew, dem Konrad, hat er eine gemacht – und schau mal, auch von mir. Ja, staune, meine Gute, so sehe ich jetzt aus. Erkennst du noch dein Brüderchen? Bin wohl etwas mager geworden, und in den Rock gehe ich zweimal rein. Und siehst du auch, was ich um den Hals trage? Ja, es ist der Rosenkranz, den du mir beim Abschied in die Hand gedrückt hast.

Liebste Schwesterseele, ich liege im Stall und schaue durch eine Luke in das Glitzern der Nacht. So fern über uns ist ein geheimnisvolles Licht ausgestreut. Sind es gefrorene Tränen oder die leuchtenden Blüten einer anderen Welt, die rein ist, nicht besudelt von Schuld? Bin ich denn ein Sünder, der die Schönheit des höheren Lebens mit den Augen der Seele gar nicht betasten darf? Ich habe zu essen, Schwesterherz, sei ohne Sorge. Mir gibt der Major immer gute Bissen ab. Ich ja, aber die vielen, die so vielen, die allzu vielen, die Gefangenen, sie hungern, und weil sie hungern, fluchen sie, verfluchen die Schönheit, das Leben, Gott den Herrn.

Heute kamen Polizisten in langen schwarzen Ledermänteln ins Lager. Sie haben scharfe Augen. Sie sehen, wer du bist, keiner kann sich verstecken. Und wen sie erkennen, der zittert. Wen sie erkennen, den stoßen sie mit den Gewehrkolben aus der Reihe und führen ihn ab. Ich habe gesehen, wie sie draußen vor dem Lager auf der Wiese die Leute zwangen, sich nackt auszuziehen. Wie haben sie sich geschämt, wie haben sie gebibbert in der schneidenden Kälte. Der Kommandant sagte: Er kann nichts machen. Das sind Juden. Und wie schlägt mein Herz, wie vor einem schwarzen Abgrund: Mein Freund, der Künstler, den haben sie auch geholt. Gott sei ihren armen Seelen gnädig!

Liebes Schwesterherz, unser Herr sagt, leben werden, die schon gestorben sind. Aber hier sind, die leben, als wären sie schon gestorben. Und die Sonne, die liebe Sonne, ist jetzt eine Todesfackel. Und brennt auch weiter in der tiefsten Nacht. Der Tod frisst wie das böse Tier der Apokalypse an den Gliedmaßen der Lebenden. Der Tod frisst sich mit dem scharfen Frost durch die Hände und Füße der Gefangenen, und die Gliedmaßen faulen. Die Gefangenen liegen auf nacktem Boden, sie sind in ihren Erdlöchern vergraben. Da sind sie aufgebahrt und tun bloß so, als würden sie atmen. Erinnerst du dich an die Erdhöhle, die wir gruben, damals in der Sommernacht, neben dem Kirschbaum im Garten, und die Kirschen leuchteten im Sternlicht wie kostbare Tropfen Bluts? Da haben wir unser Heiligstes vergraben, unsere Ikone, unseren Glauben. Den Glauben an die Auferstehung. –  Heute hat man Leichen ausgegraben: denen waren die Weichteile herausgesägt. Jetzt suchen sie nach den Kannibalen. Der Kommandant sagt, die werden erschossen. –  Ich weiß gar nicht mehr, wer nährt sich von was? Das Leben vom Tod, der Tod vom Leben?

Schwesterherz, es wird ja Sommer und im Lager wird der Geruch von Krankheit und Verwesung süßlich mit den hereingeschneiten Blüten. Geh doch jetzt abends für mich in unseren Garten zu den Fliederbüschen und atme den wunderbaren Duft ein – und dann denke in die Ferne, ins Ungewisse, denke an mich.

Heute Nacht rief der Kommandant nach mir. Er konnte wieder mal nicht schlafen. Wälzt sich wohl immerfort zwischen den Wogen, die das Gewissen aufpeitscht. Er hat ja am Tag gesehen, wie sie das schöne Minsk in Schutt und Asche gelegt haben. Da musste ich ihm ukrainische Lieder singen. Und ich habe gesungen, alles was wir Kinder gesungen haben, auch die Osterlieder. Ich habe lange gesungen, für dich, für Mama, für Vater. – Und schließlich ist er eingenickt.

Heute ist Sonntag und ich konnte mich wegschleichen zu unserem Dnjepr. Da bin ich hinausgeschwommen und hörte im Rauschen und Glucksen des Wassers deine liebe Stimme, wie du nach mir riefst, Schwesterherz. Dann bin ich getaucht und es war so still, wie damals in unserer Stube, wenn wir abends das Licht vor der Ikone angezündet haben. –  Da stieß ich plötzlich an etwas Weiches und erschrak, tauchte auf und sah wie ein Gespenst die Leiche eines jungen Mädchens auf dem Wasser treiben. Sie war ganz aufgedunsen, die Augen waren aufgerissen und der Mund so schief. Wie hatte ich Angst, das könntest du sein, Schwester! Da bin ich schnell ans Ufer, lief durch das Schilf, dass es meine Beine blutig riss. Du, zünde doch eine Kerze an vor dem heiligen Bild, Liebe, und bete für uns, dass wir uns wiedersehen.

Heute habe ich den feisten Major gebadet und seinen Schädel glattrasiert. Sein Leib glänzt und bläht sich wie eine Made, die im Speck versinkt. Was habe ich nicht alles schon für ihn gekocht. Braten und Fisch, Palatschinken und Spargel, Wildbret und Bratkartoffeln und die vielen Torten und Kuchen – alles schlingt er in sich hinein. Gestern fuhr er nach Charkow und nahm für unterwegs eine Riesenkeule Schinken mit.

Schwesterherz, hast du es schon bemerkt: Jedes Schicksal hat sein Tier. Die Gefangenen haben ihre Läuse – giftige Läuse, viele, sehr viele bekommen Flecken und Ausschlag von dem Gift, im Fieberwahn irren sie durchs Lager und halbtot schon schreien sie noch letzte Flüche den Lebenden nach. - Der Major hat seine Mäuse, oft höre ich es nachts rumpeln auf seiner Stube. Es ist kein Gespenst, nein, der hohe Herr geht seiner Jagdleidenschaft nach. Am Morgen erzählt er mir stolz, wie viele seiner Erzfeinde er wieder erlegt hat.

Der Kommandant isst nicht, weil er Hunger hat, Hunger haben andere. Schwitzend und bis ihm Tränen kommen schlingt er. Der Major isst für Großdeutschland, als würde es nur groß bleiben, wenn er mehr und mehr Fett ansetzt. – Oder muss er doppelt schaufeln, für sich und den Gewissenswurm in ihm, der unerlösbar ist wie die Schlange des Paradieses? Die kann ja nur ein göttlicher Fuß zertreten.

Es kam die Nachricht, dass Konrad an Typhus verstarb. Eine gute Seele. Vielleicht bekomme ich seine Bibel. – Jetzt verstehe ich, dass die Läuse kein Vaterland achten und der Tod die wahre Internationale ist, die die Völker eint.

Gestern fand ich beim Aufräumen eine dicke Wanze im Bett des Majors. – Wenn alles zerfällt, mitten im Rasen der letzten Schlachten, haben es sich die wahren Sieger schon gemütlich gemacht.

Liebste Schwester, alles ging sehr schnell. Das Lager wird aufgelöst. Tag und Nacht hörte ich das Grollen der näher rückenden Front und wusste nicht, soll ich mich freuen oder fürchten. – Gestern habe ich Abschied genommen vom Kommandanten, er stand schon vor dem Flugzeug, mit dem sie ihn rausholten. Eigentlich wollte ich ihm zum Andenken den Biberpelz schenken, damit er den Frost dieser Zeit nicht vergisst. Es waren doch schwere Schicksalsjahre, die uns festhielten, er auf dem einen, ich auf dem anderen Ufer. Habe es aber doch nicht getan. Er schaute schon wie abwesend, aber seine Händedruck war fest und warm. – Werde ich dich bald umarmen? Gehen wir dann ein Stück Wegs zusammen? Aber wohin?

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Diese poetischen Texte in der Form von Fragmenten fiktiver Briefe entstanden im Zusammenhang mit der Produktion des Radiofeatures „Verlaufsprotokoll einer Katastrophe – Aus dem Tagebuch eines Lagerkommandanten“ für den WDR 3 im Jahre 2009, hergestellt von Anja Krug-Metzinger. Das Feature fußt auf den minutiösen Aufzeichnungen des Tagebuchs von Johannes Gutschmidt, eines einzigartigen historischen Dokuments über das Kriegsgeschehen vor Ort. Der Historiker Christian Hartmann vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich dieses Dokumentes angenommen und es gedeutet. Christian Hartmann stand der Produktion des Features beratend zur Seite.

Major Gutschmidt, kein Nazi, sondern ein alter kaisertreuer Offizier, organisierte während des Ostkriegs in Polen, Weißrussland und der Ukraine für die deutsche Armee sogenannte Durchgangslager, in denen die Heerscharen der sowjetischen Kriegsgefangenen gesammelt, registriert und versorgt wurden. Von hier aus wurden sie zu anderen Lagern oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland weiterverbracht. Hunger, Durst, Erfrierungen, epidemische Krankheiten, Entwürdigungen: Das waren die alltäglichen Schrecken. Obwohl Johannes Gutschmidt alles Denkbare unternahm, seine Gefangenen zu versorgen und medizinisch zu betreuen und bei guter Versorgungslage sogar viel an die Bevölkerung der umliegenden russischen und ukrainischen Dörfer, vor allem an die Kinder, abgab, blieb sein guter Wille gegen die Macht des Schicksals letztlich ohnmächtig und sein ganzes Wirken als Offizier verstrickt in die Herrschaft des verbrecherischen Regimes.

Victor ist der Bursche des Majors, der für sein leibliches Wohl sorgt, ihn bekocht und badet, rasiert und wenn es sein muss sogar in den Schlaf singt. Die Figur ist historisch belegt: Er stammte aus der Ukraine, der Vater wurde unter Stalin in den Gulag verschleppt. Die Briefe an die Schwester sind fiktiv.

Der erwähnte Konrad ist Konrad Jarausch. Er war ein feinsinniger Humanist und evangelischer Religionslehrer, der während seines Kriegseinsatzes in ein Durchgangslager (Dulag 203) versetzt wurde, das von Major Gutschmidt verwaltet wurde. Hier erlag er 1942 dem Fleckfieber, das schon zahllose Mitgefangene dahingerafft hatte. Jarauschs Sohn gab im Jahre 2008 zusammen mit Klaus Jochen Arnold im Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, die Feldpostkarten seines Vaters unter dem Titel „Das stille Sterben“ Feldpostbriefe von Konrad Jarausch aus Polen und Russland 1939– 1942 heraus.

Anja Krug-Metzinger hat im Jahre 2010 für ARTE eine Filmversion des Stoffes unter dem Titel „Tagebuch eines Lagerkommandanten“ produziert.

Zum Radiofeature siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Tagebuch.html

Zu Konrad Jarausch siehe: http://www.sehepunkte.de/2010/09/15225.html

Konrad H. Jarausch, Klaus Jochen Arnold (Herausgeber): „Das stille Sterben“. Feldpostbriefe von Konrad Jarausch aus Polen und Russland 1939– 1942. Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2008

Zu Christian Hartmann siehe: http://www.ifz-muenchen.de/christian_hartmann.html

Zur Filmversion siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Verlaufsprotokoll-einer-Katastrophe.html

Okt 16 11

Brennende Feder — sehendes Herz

Die gefiederte Schlange

Nan Cuz gewidmet, der Heimgekehrten

Schrecklich springt mein Herz,
immer muss ich starren
auf das grüne Feuer,
immer muss ich lauschen
auf das singende Feuer.

Ich sehe und meine Augen sind zu,
ich fühle und meine Hand ist leer,
ich höre und mein Ohr ist ein Nest
für tausend krabbelnde Tiere.

Mein Dorf ist unter grünem Glas erstickt.
Die Stimmen der Lieben sind Geisterstimmen.
Ein Schleier verhüllt die Wege,
das Gesicht der Mutter verblasst.

Der große Schamane hat mich geweckt,
barfuß, wie ich bin, mit losem Haar,
hier mich auf das Moos der Urwelt gestellt.
Betet für mich, Götter!

 

Die gefiederte Schlange

Als ich den grünen Tempel sah,
sprang mir ein Federbällchen aus dem Mund.
Bin ich schon in der anderen Welt,
wo Gedanken wie Tropfen glänzen?

Was würgt ein fremder Gott in mir?
Federn brennen, ritzen meinen Mund.
Federn brennen, kitzeln meine Kehle.
Schlangenzunge ist nun meine Zunge.

Sie leckt nach Licht, ich presse, beiße
den Schlangenkopf mit meinen Lippen.
Ich habe Angst und muss das Fremde küssen.
Es stürzt aus mir hinaus ins Freie.

Da thront die Schlange mit dem Federbusch
und plustert sich hinauf ins Himmelslicht.
„Wo bin ich, Vater?“ – „Im Reiche des Mescal.“ –
„Dann gibt`s für mich kein Gestern und kein Morgen? –

Du schweigst? – Ich soll dich nichts mehr fragen?“ –
„Kein Fragen hilft, kein Weinen nach der Mutter.
Die Tränen sind schon Heimat, neues Leben,
so wie der Glanz des Taus es ist für Blumen.“

 

Die Insel der Dichter

Dort seh ich eine runde Insel.
Sie liegt in einem Wasser,
das man nicht trinken kann,
das keine Wolken spiegelt.

Die Insel schwebt und dreht sich
leise wie ein großes Blatt.
Die Bäume dort, wie sie sich im Winde
wiegen und winken mit den Ästen!

Winken mir zu: „Komm zu uns,
hier kannst du unter warmem Laub
dich in die Stille knien!“
Ist dort mein Schicksalsort?

Ach nein, es sind ja wirklich Hände,
die da winken, sind echte Menschen,
wie schlafend lehnen Wange sie an Wang,
und wie ertrinkend winken sie.

Doch gar nicht mir – es ist das Singen
eines großen Schwans, der schwebt herab
vom Mond und biegt wie Gräser
die Menschen in ein wehes Sehnen.

Die Menschen auf dem Inselreich,
das sie Dichtung nennen oder Seelentrost,
sie träumen sich und mich wie den Gesang
des Schwans und seinen sanften Tod.

 

Der Sorgenkaiser

Er torkelt auf tausend Wünschelruten,
Weltbeherrscher, Sorgenkaiser.
Wasserköpfig quillt und schwillt er
von Wissen, von herzlosem Wissen.

Wie alt ich sei, wie groß?
Ob schön, ob Mauerblümchen?
Wann käm zu mir die Natter Tod?
Und ob ich schlürfen könnt das Morgenrot?

Der Kaiser schwingt die Peitsche
um den Hals der Menschenkinder –
ihre Seelen tun wie Kreisel,
die ihr dunkles Weh austönen.

Mein Herz liegt wohl geborgen
unterm Moos des Weltenbaums –
im Wipfel singt Quetzal, mein Vogel,
selbstvergessen singt es mit.

 

Mit Geistern

Mit den Geistern sprach ich –
und schweigen durft ich unter Blüten.
In den Gräsern las ich:
Lieben ist die Liebe hüten.

Unterm Mondmal schlief ich,
und mit Tränen kam das Träumen.
Meine Toten standen um mich,
keines Wort durft ich versäumen.

Lichtgezwitscher weckte mich –
Nacht und Nachtgespinst verglühten.
Unter goldnen Wolken sang ich:
Lieben ist die Liebe hüten.

 

Letzte Verwandlung

Wann die Zeit reif ist –
reif wie die Früchte, die platzen –
weiß allein die gefiederte Schlange,
weiß allein Quetzalkoatl.

Alles, was ich bis dahin gesammelt
an lieben Bildern, an Opfergaben,
schwebt im Goldnest der Seele
hoch überm Atitlansee.

Quetzal, der Göttervogel, kommt,
sein Gefieder höre ich rauschen.
Ich bin nur noch Zittern nach Ferne,
als würden die Träume jetzt flügge.

Mit heißem Schnabel zerpflückt er
das Nest, die Bilder zerstieben.
Die Rätsel des Lebens verlöschen
im Schwarzblau des Sees.

 

Rückkehr

Ich war im Tempel des Mescal,
wo tausend lichte Korridore
in tausend neue Tempel münden.
Die Säulen stimmen sich zum Chore
im Sonnentempel des Mescal.

In abertausend Tempel münden
die krummen und die graden Pfade,
wo Zeit verweht in Ewigkeit.
Was in Herzen brennt um Gnade,
will in diesen Tempel münden.

Die Zeit verweht in Ewigkeit,
wenn tote Seelen auferstehen,
Hände sehen, Augen fühlen,
Kinder mit den Engeln gehen
auf dem Teppich Ewigkeit.

Hände sehen, Augen fühlen,
und ich kehre heim ins Schweigen.
Ich war im Tempel des Mescal.
Den Betrübten kann ich zeigen
Sterne, die die Wunden kühlen.

Ich war im Tempel des Mescal,
Frucht aus lauter Liebesdingen,
keimst du auf aus Mütterblicken,
blühst, wenn Blick in Blicke dringen,
reifst an Blitzen des Mescal.

 

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Diese Gedichte entstanden im Zusammenhang der Produktion eines Radiofeatures mit dem Titel „Brennende Feder. Sehendes Herz – Nan Cuz, eine deutsch-indianische Malerin“ für den WDR 3 im Jahre 2007 über das Leben der Malerin Nan Cuz, deren Vater als Hamburger Kaufmann in Guatemala tätig war, und sie später, als seine Ehe mit einer Deutschen kinderlos blieb, in seine Heimat bringen ließ. Die kleine Nan muss zum ersten Mal in ihrem Leben Schuhe tragen und wird Irmgard gerufen. Das Mischlingskind verbringt seine Kindheit und Jugend in einer gutsituierten hanseatischen Familie. Dann verliebt sie sich in den eigenwilligen Maler und Schriftsteller Georg Schäfer, mit dem sie im Jahre 1968 das legendäre Buch „Im Reiche des Mescal“ veröffentlicht, ein modernes Märchen, fußend auf den Mythen der Maya und dem Tibetanischen Totenbuch, mit Texten von Georg Schäfer und Illustrationen von Nan Cuz. Es wird ein Kultbuch der Hippiebewegung. Das Bild „Die Madonna von Guatemala“ macht Nan Cuz in den 50er Jahren berühmt, es folgen Ausstellungen in ganz Europa. 1971 kehrt Nan Cuz nach Guatemala und ihren indianischen Wurzeln zurück.
Anja Krug-Metzinger hat unter dem Titel „Brennende Feder. Sehendes Herz – Nan Cuz, eine deutsch-indianische Malerin“ im Jahre 2008 für Radio Bremen und ARTE 2008 einen Dokumentarfilm über das Leben der Malerin gedreht.

Zum Radiofeature siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Nan-Cuz.html
Zum Film über Nan Cuz siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Brennende-Feder.html
Zu Georg Schäfer siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Schaefer

Okt 15 11

Auswahl älterer Gedichte

Wort um Wort

Worte tropfen
Brunnenkunde
aus dem blecke-lecke
wirr bemoosten Munde.

Tropfen klopfen
lichtgesandte zarte Unbekannte,
alles Ungeblühten Mahngeläute,
an die Fensterscheibe
menschenmüdem Schlafe.

Worte tropfen
lässlich unerlässlich,
klirren spitzig,
klatschen hitzig,
auf die harten Wangen
schweigebangem Steine.

Worte flocken
schneelichtweh,
kreisen weiblich
überheimlich
um die wimperndunkle Stelle
stille stillversiegter Quelle.

 

Rheinischer Vorgarten

Hier endet die Welt zwischen Reben,
die sich gichtfingrig
in den Schieferschutt krallen.

Die Grille, der gläserne Mund eines Fauns.
Die laue Luft lüpft gern den Schleier der Nönnchen.

Der Mond, ein blonder Dionysos mit Schluckauf,
hockt sommers dickbauchig auf Hügeln,
dümmlichrund tränengemästet.

Unten im engen Tal drängeln die Wellen,
dem schäkernden Glitzern entrinnend
murmeln sie die kalten Litaneien,
alte, graue Wasserrhetorik, die nicht mal
der Angler mit dem Filzhut versteht.

Wenn der Asphalt schwitzt,
kommen die Kinder getrippelt
und hinter ihnen her der lahmende Hund.

Die üppigen Gärten dampfen am Morgen
ihr Verwunschensein aus.
Eine Kinderschaufel liegt vergessen im Gras.
Schimmliges Obst. Fäule der Vorjahrsblätter.

Auf den Basaltsimsen gurren die Tauben.
Im lauen Ton einer fernen Glocke
vertröpfelt die Zeit.

Die Weidenbäume am Ufer sind alt und müde,
alt und müde wälzt sich der Strom,
müde der Schiffer, müde der Fische, müde der Sage.

Der Mittag bringt Geklapper, Getute, Migräne,
wenn die Hinterhöfe nach Kraut und Fett riechen.
Der Zwerg, der immer schon alt war,
destilliert seine Schwermut im Schifferklavier.

In den feisten Monumenten, den gezierten Epitaphen,
in den Rosenwangen der Marien
bezeugt sich hier Geschichte als Traum.
Blätter und Masken schwimmen zur Mündung anderer Zeit.
Römer, Burgunder, Christen, Sansculotten
und die adretten Fähnleinscharen.

Am liebsten gezeugt wurden Dichter und Kapläne.

Der Abend mit seiner Patina aus Kupfer und Gold
ist der Refrain auf tausend verlorene Tage.
Auf den Pokalen glimmt:
adieu, laß gut sein, laß sein.

 

Der verzauberte Ganterich

Am frühen Nachmittag,
ein frühlingsseichtes Gähnen
überrieselte den Efeu des Hinterhofs,
schwang er sich mit schwülstig-fettem Flügelschlag
auf den Giebel des Nachbarhauses.

Dort bezog er Stellung,
den pythonfeisten Hals windend
und grotesk verdrehend,
stieß er den Schnabel links und rechts,
nach oben und unten,
die Luft walkend und
die blütenklebrige Stille
mit blökendem Geschnaube.

Voll Angst und Grauen war dies Geschrei,
voll Siegeswahn und Todessucht.

Kühn und verflucht hatte er sich emporgeschwungen
von ihrem umgatterten Teich
hoch über die ratlos-blöd nachäugende Gefährtin
und war in der schmatzenden Fülle seines Leibes gesonnen,
über den Dächern der Stadt
nach einer zu schreien,
die ihm Zeichen höherer Liebe entböte,
nach einer Menschengefährtin zu schrein.
Hin und her, auf und ab stakte er grandios
und doch tapsig über die Dachrinne,
wiegte sich über den nächsten Abgrund:
hub an das inbrünstige Verzweiflungsgeschrei,
Stunde um Stunde, bis die Nacht kam,
und mir der Schlaf die unseligen Melodien
des großen Verstörten entrückte.

Spät gegen Morgen riss mich ein Schuss hoch:
ein zerwühltes, panisches Flattern,
und dann dumpf der erstickte Aufprall.

Wie ist verschlossen die Welt,
die ganze Natur, wie traurig.

 

Erpreßter Beischlaf

Auge, das schwärzer glänzt
als die von gnadenlosen Klöppeln
gehämmerten Klänge von Erz.

Lippen, ferner von der Wölbung des Zuspruchs
als die im Morast erstickten Seufzer des Sklaven.

Brüste, die tückischer
auf den sterilen Wellen der Begierde tanzen
als losgelöste Bojen des Meers.

Knie, in die Nacht der Menschenleere
gesprengter Mond.

Doch deine Finger spielen
in den gebauschten Fahnen des Schicksals
wie Skorpione,
die gleichgültig durch Flammen gehen.

Und dein Geschlecht singt
spitzig-kitschige Operettenarien,
auf „Prosit“ lallende Zungen,
gereimte Niedertracht, gleisnerischer
als das Röcheln des Erdrosselten.

 

Hortus conclusus

Ich wollte ganz für mich verschlossen sein,
mich in den alten Garten der Fiktion
erretten vor der Todesfickfriktion,
allen Flennens, allen Fluchens bar zu sein.

Doch der beschworne Frieden war nicht rein
von Fehl: Der Garten flockte von Insekten,
von Zungen, die an Blumen leckten,
dort stand ein Schrat auf einem Bein.

Mein Wachsein summte wie ein Bienenschrein,
von schwarzem Honig überquollen,
verstopft von heißen Blütenpollen,
mein Schlaf pfiff wie ein Mäuselöchelein.

 

Zwei Mädchen in der Pubertät
Vier Minuten im Chinesischen Garten zu Frankfurt am Main

Zuerst erobern sie vogelleicht zirpend und zwitschernd
den künstlichen Wasserfall,
oben der Steinmund,
unten die lachende Lache.

Hüpfen, Krakeln, Hand in Hand:
So luftig gibt sich ihr Frühling.

Dann hocken sie Seit an Seit, gepaarte Distanz,
auf dem kühlen Basalt.
Wie die träumenden Kinder am Brunnen:
Leicht baumeln die Beine,
die Köpfe sinnig geneigt,
Blick an Blick webt sich ein Tuch für den Traum.

Zuletzt mimen sie Touristen
und Cat-Walk-Girls für Viva:
Die eine fotografiert,
die andere wirft sich in Pose –
kopfüber schüttelt sie das Haar,
jetzt effektvoll aus der Kinderspange gelöst,
auf und nieder, bauscht es vollhändig.

So posiert sie kokett,
den Kopf im Nacken, die Hand im Nacken,
auf dass sich die unzüchtige Linse
endlich schmatzend ihr löst.

 

Schacht durch den Kalvarienberg

Feuchtes, glitzerndes Schwarz.
Krötendumpfes Atemverlies.

Glucksende, röchelnde Stille.

Grünspan, aufgewuchert
unter Kalkgeblatt.

Blaugrünliches Gelicht,
wo die Bremse am Kot leckt.

Zerbröckelter Kadaver,
geplättet von panischen Füßen.

Das urinverätzte Eck mit dem
Gekritzel abseitigen Geschlechts.

Schiefergrund mit der zerkratzten Inschrift,
schwach glimmend im Disteldämmerlicht
(namenloser Träne noch deutbar).

Schräg vom versunkenen Schindanger,
dort, wo ein gekränktes Gebell
leere Monstranzen bewacht.

Beim Menhir, an der Gemarkung Grenze,
blendet Gladiolengeflamm und
weithin, nach der Sense lechzend,
Gewoge des Korns.

 

Wahrgesagter Pfad

Braungelborange, vertrockneter, verkrusteter Lehmpfad,
rissig und vom Sonnenlicht erwärmt,
der die nackten Füße gerne geführt,
gleich wohin, nirgendhin, nur den Pfad entlang.

Und dein Gesicht, dein Lächeln,
das hell entzückte Auge oder
der vom dufterfüllten Wind

ausgetrunkne müde Blick
waren dir kaum bewußt.

Und auf den Lippen, die durstig zersprungen
oder vom hastigen Biß in blutende Kirschen verfärbt,
schwebte nicht einmal Gedankenschatten,
der Vorbote eines Worts,
noch gar wie sprödes Blatt herabgesunken
Kräuseln jäher Frage,

ob dies das Leben sei nach Art und Fülle,
das nur dir zu eigen,
ob nicht wohl den Tag unbegangner Horizont umfange,
ob die mit dir gesungen, gebetet, geschwiegen,
in fleischige Abwesenheiten sich zurückziehen
und wie unbemooste Steine quer dir liegen im Weg.

So unbedrängt, so unbedarft zur Unterscheidung
zwischen Gesicht und Wind,
Schatten und Traum,
Gras und Geist
ging im Strauchwerk deiner Duldsamkeit
ein Schwarm schriller Vögel
auf und nieder.

 

Ochs und Esel

Als er das Grautier sieht, der Ochs,
durchzuckt es ihn durch Horn und Bein.
„Ich bin der Au-, der Auerochs,
sei du mein Bru-, mein Bruderlein!“

Der Esel schüttelt das Geohr,
und artig scharrend mit dem Huf:
„So öchsel nach mir durch das Tor.
In freie Welt lockt, der uns schuf!“

Durch Licht und Dunkel, Berg und Tal,
die Freunde ein- und zweisam gehn.
„Siehst du, mein Ochs, den Silberstrahl?
Dort werden wir das Wunder sehn.“

Der Ochs stiert wie der Ochs vorm Berg.
„Ein Was, ein Wu-, ein Wunderding?
Gibt’s dort den Fu-, den Futterberg,
den ich mit Lu-Lu-Lust verschling?“

Der Esel senkt den Blick in Scham.
„Ich sag nur, was ich selbst nicht weiß,
wie einst mein Ahn bei Bileam.“
Die Nacht ist kalt. Die Herzen heiß.

Ein süßer Sang erfüllt den Stall.
Maria wärmt und stillt das Kind.
„An solchem Wu-Wu-Wunder-Schall
wird mein verhorntes Ochsen lind.“

Da hebt das Kind das Haupt empor.
Und Blicke segnen königlich.
„Den König trüg ich gern durchs Tor.
Doch fühl’s, er trägt ja dich und mich!“

 

Vanitas

Die Üppigkeit des Sinns
in Rot und Dunkelrot
im Rosenwort verging.

Was dich mit Schluchzen stillt
an Rosenwortes Duft,
ist dornig-stummes Ding.

Was dich ins Blaue hob,
ein pfingstliches Geblüt,
im Widersinn verging.

 

Was das Beste sei

Abgelöst wesen,
einem Blatt gleich,
das in die tote Aura
des Abends sinkt.

Auge, dem Gedächtnis entrissen,
das die Dinge leer träumt.

Abgelöst vom Gebein,
vom Weh, vom Gesang.

Von allem Weh.

Abgelöst vom Mund,
den Gesichten zu rufen,
dem Geahnten zu hauchen.

Von allem Mund.

Abgelöst von Arm und Hand,
zu modeln, zu halten,
sich ins Geheimnis zu krallen.

Von allem Halt.

Ungleich der Seerose,
die sich schamlos küssen lässt vom Licht,
während sie hoffnungslos dunkelwärts saugt.

Abgelöst wesen,
dem Verwesten gleich,
wenn den zerschossenen Schädel
die Schweineschnauze
über die Böschung von Katyn wälzt.

 

Der unsichtbare Gast

Von da an war es Warten,
ohne Hoffnung auf ein Gesicht,
eine Geste, eines Mundes Erfüllung,
eines Kusses zerspaltene Frucht.

Von da an war es in sich die Süße,
in sich die Zunge der Liebe
erahnendes Warten, die Hand,
ausgestreckt dem plötzlichen Regen.

Am Ende ist es Gewißheit, ist es
Gefühl, ein die Poren besingendes
Schweigen. Der Erwartete
war immer schon da.

Als unscheinbarer Gast saß er
auf dem Schemel am Tisch,
an dem hölzernen Tisch mit der Vase
und den Krusten von Wachs.

Geredet hat er ja nicht,
es sei denn jenes Erinnern kam
wie vom Horn verwunschenen
Sehnens weit von ihm her.

Oder wie nach traubenschwerer Nacht
sich öffnet ein Wald zur Lichtung,
ging ein kühles Lüftchen von dort,
einer Begrüßung recht nah.

Du dachtest wohl, dieses und jenes
sei nötig, eine Spende, eine dir
heiß abgezogne Empfindung,
die Lücke zu füllen, zu schlichten.

Doch war kein Bettler der Gast.
Sein Schleier war ohne Geheimnis,
geduldig bot er dir dar
des Augenblicks dunkelnde Iris.

 

Pfaffendorfer Gärten

Nah über dem Stein,
eingefasst von gelbem, rotem Blattwerk,
dem Stein mit der verblaßten Inschrift
oder wo bald für ein Verstorbenes
eingegraben wird Name und Zahl –

wenn der Abend kommt über den Strom
und in den Gärten trieft
von den vergessenen Früchten Saft –

dann sage,
mit weichen, kühlen Lippen
versuche zu sagen:

Es sind den Einsamen,
den von Liebe durchs Zwielicht Getrennten,
den in den Fluchten des Sommers
kindlichen Sinns Gebliebenen,

in den herbstlichen Dünsten beigemischt
Aromen spätesten Glücks.

 

Vier Masken
In die alten Eichen auf dem Kühkopf bei Koblenz gehängt

Das schöne Mädchen

Komm, blauer Wind, bausche,
bausche das Haar mir,
dass ich erblinde.

Los, weißer Sturm, rausche,
rausche ins Herz mir,
Herz mir entwinde.

Da will den Leib ich
wie einen Fächer
öffnen und schließen.

Da soll mein Mund sich,
flutender Becher,
küssend genießen.

Kommt, Feuerblüten, schneit
unter den Fuß mir,
dass ich mich wiege.

Los, Himmelsvögel, schreit
in die Nacht mir,
wenn ich auffliege.

Da will ich schweben,
zärtlichste Taube,
in silbrigem Schwunge.

Da will sich ergeben
pochendem Raube
Lippe und Zunge.

Kommt, süße Tropfen, salbet,
salbet die Haut mir,
dass ich erröte.

Los, Geisterpfeile, ritzet,
ritzet das Herz mir,
dass es mich töte.

Da will wie tot ich,
von Tränen genährt,
blumenstill leben.

Da soll mein Blick sich,
von Sehnsucht verklärt,
an Blicken beleben.

 

Das Kind

Du, hab mich lieb … Bleib hier bei mir, hier winkt mir deine Hand ins Licht … Hier sind die alten Mauern weiß, so weiß wie ihre Stirn, als Mutter starb … Mein Freund, erzähl mir bald von all dem Leben, das hinter diesen Mauern lebt, sing mir davon, mein Lieber … Legt auch dort ein Kind den müden Kopf an eine liebe Brust, schenkt ihm ein Herz die Wärme? Sing mir davon … Und halt mich fest, ganz nah bei dir, wenn die Mauern wieder dunkeln … wenn das Bangesein wie auf Stelzen herangetrippelt kommt … so krabbelt eine Mücke auf die Spitze eines Halms … Dann ist die Nacht schon da, das Zwitschern und das Summen hat sie in den Schlaf gesperrt … Die Nacht hat kein Gesicht, doch abertausend Sterne … Sag mir, ist dieser große, fremde Glanz aus einem Traum gemacht? … Mir ist so bang, ich fühl dein Herz nicht mehr …  Hörst du nicht rufen? … Hör, ein Vogel ist es nicht, es ist kein Tier … Rief es nicht nach mir? … Mutter ist es nicht … Ist es der Engel, der mich lieb hat, der mich in seine weißen Flügel hüllt? … Hebt er mich nicht empor, ganz sacht, ganz sacht? … Die Luft ist kühl … Die Sterne zittern … So kühl die Luft … Was zieht er mich, so stark, so fest? … Wo ist die Erde, sind die Freunde, sind die Spiele? … Da tief, weit, das weite Land, so weit das Land … und weiter noch der schwarze Glanz, das Meer … Die Luft so kühl, so kühl … Lass mich nicht fallen, Engel … Das Meer ist unter mir, die Wellen reden, reden: Wie klein das Menschenkind, ein Püppchen, ausgestopft mit nichts als totem Stroh … Höre, hörst du mich, lass mich nicht fallen, halte mich, mein Engel, so du mein Engel bist … noch ruft die Stimme, ruft nach mir … Dort, Engel, dort: Die Naht platzt auf, das große Licht strömt aus wie Blut, wie Blut … Das große Licht, es singt, es singt … Es übertönt die Stimme, die mich beim Namen rief … Gewaltig singt das Licht … Ich bin allein, allein … Ich falle, falle, falle …

 

Der hässliche Alte

Mit meinem schwarzen Zahne reiß ich
die glucksende auf, die Ader
der launigen Lust.

Licht vernicht.
Leib entleib.
Hass belass.

Mit dem blutigen Finger schreib ich
das geseufzteste hin in die Luft,
das wonnige Wort.

Spitz der Witz.
Wut das Blut.
Mord das Wort.

Giftigen Sud braue aus der Pisse ich
rosiger Ratten, dem Schweiß der drüsigen
Kröte, der schaumigen Molke des Mönchs,
dem stieß die erloschene Stirn ich gegen die Mauer,
die Mauer, die nie ein Gebet je durchdrang.

Abgefüllt in zart geschwungner Phiole,
gärt der Saft unter dem rötlichen Mond.
Mit hechelnder Zunge durchquer ich die Bettstatt
der Schönen, sprenge den Tran auf die Kissen,
in die heimlichen Buchten träufe ich ihn.

Tut, wenn der Morgenstern zittert,
wie Nachtviole sich duftend
ihr Geschlecht auf, schmiegt sich hinein
die zartgrüne Natter, zischt
in die Höhle sich langhin besonnenen Keimens
den Gegenkeim, den Brand meines Fluchs.

Mit meinem schwarzen Zahne reiß ich
die glucksende auf, die Ader
der launigen Lust.

Licht vernicht.
Leib entleib.
Hass belass.

Mit dem blutigen Finger schreib ich
das geseufzteste hin in die Luft,
das wonnige Wort.

Spitz der Witz.
Wut das Blut.
Mord das Wort.

 

Der männliche Dämon

Ich lebe nicht wirklich.
Unecht wie Falschgeld
werd ich gereicht
von Hand zu Hand.

Ein steriler Hauch
bin ich in den Atem
der Menschen gemischt:
Sie wärmen mich nicht.

Als ich hier ankam,
stand noch der Baum:
ein rauschendes Mal
lichtgläubigen Daseins.

Doch wuchsen schon rings
die Schalen der Lüge,
die mit Tränen und Schleim
vermörtelten Mauern.

Ich saß in der grüngoldenen
Krone des Baums.
Ein einsamer Vogel,
sang aus mir das Licht.

Das Beil unterbrach mich.
Mit dem ächzenden Fall
bin ich verstummt.
Fremdwärts flatterte ich.

Und zerstob in der Luft.
So bin ich in den Atem
der Menschen gemischt:
Sie wärmen mich nicht.

Ich lebe nicht wirklich.
Unecht wie Fabeln
beschatte ich das Denken
des ermüdeten Menschen.

 

Echo der Glocken

Verschmähter Klang. Übernächtigtes Gefühl.
Den warmen Stein riß dir die Ungeduld
vom zart beäugten Pfad des Urstromtals.
Zerschellt ewig denn die Schläfe dieses Traums?

Wie waren deine Wege offen in die Gärten,
die Halme, Sträucher, Moose überströmt von Gold,
und atmend deine Hand ergründete den Teich.
Als hätte Liebe deinen Schmerz gepflückt, entkeimt.

Dein Angesicht ist nun der Dämmerung ergeben.
Das dir von fernen Vätern eingeschreinte Bild,
es sollte Lippen lösen, heischte den Gesang.
Du bist von Rätseln müd, bist abgeschweift.

 

Abendlicht

Glocken geneigter Dolden,
von lauen Winden angestimmt,
so abendlich.

Stummer Menschen Schattenrisse,
vom Scherenschneider Einsamkeit gezahnt,
durchschreiten sich
unmerklich, ohne Schmerz.

Sie wissen voneinander nicht den Traum,
die Kühle eingesunkner Brunnen,
von keiner Lippe angerührte
Schimmer ersten Taus.

Der Himmel öffnet seine letzte Rose
über dem trocknen Lärm der Raupen,
dem scheuen Zirpen
am zarten Saum der Zeit.

Das Menschenich vertröpfelt
in diesem großen Atmen,
das Schwärme heißer Vögel
hebt und senkt.

Das Menschenaug ist Kiesel,
glatt und blass und
überschwemmt von Fluten
astraler Transparenz.

Schweigen entrollt den schwarzen Samt
zu Füßen leichter Seelen,
die wiederkehren
mit dem Rauschen, den Gebeten
weltentrückter Nacht.

Der Übergang des Menschen ist vollendet,
vom Schnee der ausgerauschten Flügel
ganz bedeckter Engel
entschlief auf blauer Schwelle.

 

Greisin am Fenster

So abgelallter Mund
schlürft Odem spät.

Das graue Büschel vor der Stirn –
vom eiligen Pfleger in Gedanken
an das wartende Geschlecht
schief hingeschert –,

so pflanzenhaft verwachsne Hand –
nach all dem Pflücken ungenossner Frucht,
dem Wringen ganz verschlissner Linnen,
dem falschen Händedrücken –
ist auf den Sims gelangt,
tastend nach dem letzten Strahl.

Am offnen Fenster – deinem Alterssitz –,
wenn stadtwärts Leben über Leben fährt
(verborgen hinter Reklametafeln
harrt dein Heiland und das Totenland),
lauschst du, ob wiederkehrt
die blonde Stimme eines längst begrabnen Kinds.

Du tränenblindes Bild
für herbstlich scheuen Schmerz.

Dies Angesicht –
für immer aufgelassner Wingert.

Das Flackern einer Frage
hält noch wach.

Wenn das Herz von Rätseln zugeschneit,
fällt der Kern der grauen Wildnis heim.

Der samtne Saum der Nacht erglimmt.

 

Gefälschte Bilanz

Das Gesicht eines Kindes ist weich,
die Augen drehn sich und spielen,
ein Mund wie Antwort des Winds.
Die Stirn, halb Frage, halb Lust.

Das Alter hat vom Schicksal
die Blattern und schnieft.
Es humpelt, hüstelt
von schwarzem Verdruss.

Wo Freude, wo trauliches Denken
an liebenswerte Gestalt?

Leben, das abseits steht, ist kein Leben,
ist nicht lebenswert.

Die süße Täuschung der Dauer,
die mit kindischem Tand
den Gram der Seele pariert,
ist ein geschminktes Grab.

Können Bilder vertrösten?
Nein. Nur der jetzige Atem,
der die Nacht verdichtet,
das Glück fesselt wie Pech,
nur getauschte Küsse zählen
im Hauptbuch des Lebens.

 

Eden

Mir ist kalt, Schwester!
Wo ist, Mutter, das Licht?
Deine Hand, Bruder, die Hand!

Die Stufen sind Erz.
Das Wasser dort unten
glitzert aus Eden.

Musik erfüllt die durstige Seele.
Bist du mir, entwurzeltes Leben,
als Engel fühlbar erschienen?

Fand ich die einzige Träne
zum Beweis,
dass Liebe Wirklichkeit ward?

Ich küsse dich, Schwester.
Ich bin Licht, Mutter, dir.
Blüten streue, Bruder, ich dir.

 

Frankfurt–Berlin–Warschau

Das junge Grün, das ich schäumen sah,
wo nur, auf welcher Fahrt,
zwischen Stationen mit unbekannten Namen.

Weidengesträuch oder Linde,
ein Fetzen Heimat,
mit 250 km/h vorbeigerast.

Nicht eine Gestalt blieb wahr,
als ein Mal, ein Stein, ein Kreidefels,
mit der Schrift aus Ocker und Grau.

In den fruchtbaren Senken,
einem Dorf der Rhön, an der Werra, der Saale,
hockt vor der Tür
der Krüppel auf zerbrochener Schwelle
und zählt lispelnd
vor den hüpfenden Kindern
Abzählverse auf.

Das Gekicher der Mädchen,
die Vorabendfernsehserien,
den Schwulenwitz, die Passion des Herrn,
all das versteht er nicht,
spurlos zieht durch sein Auge
die Wolke und der Schatten der Wolke.

Wo mag einsam er liegen
zwischen Moor und Gehöft,
wenn des Nachts reihweis
aufgehängt an Bändern
den Hühner die Köpfe abgeschlagen werden?

In diesem jetzt gesanglosen Land
bin ich im Gesetzlosen bei euch
unter Tieren, die sich im Dunkeln
saugend und seufzend
von mir ernähren.

Oder hexengeil reiten, weiße Schatten,
unter dem Grabmal des Monds,
auf den Knochen und Stoppeln
des mir abgestorbnen Gefühls.

Fernher über die funkelnde Ebne der Lausitz
beschämt mich krähenböses Gelächter.

Wann wirst, Sohn des Menschen, du
die runden Augen wieder
im Licht der östlichen Birken waschen?

Unersättlich, schlaflos, knirschend
ist immer dürstendes Sein.
Des Wachseins Wunde
schließt sich nicht.
Unter zuckendem Lid ist es
des Hasenschartigen Traum,
wenn es stottert:
„Und … au-au-aus … bi-bist … du!“

Weidengesträuch oder Linde …
ein Fetzen …

 

Der Geschlagene spricht,
worauf sein Bruder, den es nicht gibt,
einen Psalm auf Dinge singt,
die es auch nicht gibt

Mit dem hübsch verflochtenen Teppichklopfer aus Bast,
ich weiß nicht, an welchem Marzipangeländer ich mich hielt,
mit meiner kleinen, weißen Kinderhand,
schlug meine Mutter mich haltlos
auf den Rücken, den Po,
vor mir sah ich den Weltenbrand,
von dem mir Genosse Heraklit
im nachhinein die dialektische Auskunft gab.

Rhythmisch schlug sie mich –
ich glaube, sie sang.
Ja, so beglückte uns
unschuldige Liebe.
So heftig, so stark,
bis plötzlich der Griff abbrach.

Mutter, ich danke dir, du hast mir die Tiefe der Welt,
des Körpers Nacht offenbart.

Mein Vater buchstabierte mir das Glied,
ein Schattenspieler, launischgewandt,
nie erhob er die Hand,
seine schiefe Zigeunerstimme flößte
wässrige Weisheit mir ein.

Vor dem Crucifixus hab ich die Fassung so ziemlich verloren.
Seitdem entdeckten sich mir
im Inkarnat kyprischen Bilds
die rosigen Stigmen,
der Aussatz der Hoffnung.

Mit ihrem spitzen Lehrerinnenkinn,
den Augen der Eule,
den fahrigschönen Gebärden,
Glocke endloser Echos
aus dem Migne,
Series Graeca, Series Latina,
schlug sie mich,
auf des zarten Knaben Wange schlug sie,
unvergessliche Botschaft,
dass er unrein sei
in der Pisse seiner Angst.

Das braune Weib mit dem Helm
blonder Unwirklichkeit
stieß das Horn mir in die Seele,
das wuchs unter Kretas Monden
und erklang den Ziegenfürsten des Walds.

Das weiße Weib mit der Zwiefalt
schluchzenden Vulva
schnipselte mich aus der Sexmaschine
in pittoreske Tattoos
zwischen warmen Schenkelflaum.

„Wende dich ab von der Tür“,
psalmodiert die Stimme des Bruders,
„von der Tür, die es nicht gibt,
Lieber, wende den Sinn,
nimm die Treppe mit den Stufen
der Schmerzkristalle,
die es nicht gibt,
tauch ab ins mosaische Licht,
unter dem das Gesehne beglückt,
wo im schwarzen Wasser
des menschenleeren Parks,
den es nicht gibt,
die liebe Ewigkeit lang
nicht existente Säulen schweben und
nur rein bildlich zu nehmende Reiher trinken,
und du, ein sanfter Rentner des Seins,
wurzellos wohnst, ganz zentral,
gleich beim Pampelmusenbaum,
der du nichts Höheres weißt,
wie auf der Parkbank sitzen
und die in Tauben verwandelten Possen
abgelebter, substanzloser Zeit
aus ganz und gar ruhigen,
weil unwirklichen Händen
füttern.“

 

Glückliche Nachricht

Du kamst aus den Träumen zurück.
Ich konnte nicht bleiben. „Jetzt,
ohne Kind, ohne Gesicht, soll ich
die letzte Schwelle betreten, das Schweigen?“

Ein Namenloser brachte die Rosen,
die vertrockneten Fledermäusen gleich
am Fensterkreuz hingen.
Und das Geschriebne verblich.

„Hast du Nachricht vom heiligen Land?
Gibt es die Zeder noch und die Lilien?
Und hoch überm Weltgewühl
der Stern, er ist nicht verlöscht?“

„Was einst dunkler Erde entsproß,
Antwort dem Tau, es hat am Zion
noch Lippen, die es sagen, es küssen,
Hände, die den Ölzweig ihm halten.“

 

Köln–Frankfurt

Dünne Sprossen klingen unterm Staub.

Dumm und weiß wie Taubenkot auf den Fialen
stiert ein frischer Petrus aus der Dombauhütte.
Die Tauben werden unter den gotischen Hauben ausgebrütet.
Nach kurzem Trippeln, Flattern, Hacken auf dem Beton,
der den Dom umwürgt,
von Kölscher Fatumseligkeit „Domplatte“ getauft,
siehst du sie kränklich,
das rote Fleisch glänzt aus den Federn,
mit verstümmelten Zehen
ihre alten, dumpfen Riten des Gurrens und Buckelns vollführen.

Auf dieser Intercitystrecke,
Business, Studenten, Massentourismus,
zwischen Siebengebirge und Binger Loch,
dem von den Dichtern und Reiseagenturen meist gepriesenen Deutschland,
mag ich schon nicht mehr aus dem Fenster blicken,
aus Überdruss an den immer gleichen Gedanken,
den immer neu gekränkten Gefühlen.

Wiewohl die Wiese dampft und Regen schliert,
gehen auf dem Campingplatz jenseits der Loreley,
wo unten wirklich „Loreley“ draufsteht,
die ersten Lichter an.

Was hier rumsteht an Natur,
den blechernen Bacchanalen,
den abgekauften Blicken
gab es nach und verstummte.

Grauer Schiefer,
grauer Mond über dem aufgelassenen Wingert,
die giftigen Bojen des Rheins,
der Schlick und Schlamm am Grunde,
am Grunde des Rheins,
und noch darunter, unter Schlamm und Schlick,
Tian.

Ungerührt, mit der Aussicht
auf unbeweinte Gefährten,
blitzen die heimlichen Namen mir auf,
Rhens, Filsen, Bornhofen,
all die Treue, Händedruck und Gebet,
es zittern die Wassermonumente,
die Ölfahnen der Containerschiffe.

Im Gegensinn des Mondgesteins
scheint das schüchterne Flackern des Lebens,
hier in den jetzt bräutlichen Tälern,
wie eine im Morast der Legende
stecken gebliebene Pilgergruppe,
das Ziel ward ausgeblasen,
das Marienbild verblich, Gebete,
verwehte Blüten.
Dort, wo zwischen die schroffen Fluchten
Reflexe der Seine, der schönen Garonne,
die Muschel süßer Namen,
ein bronzener Arm und
ein Purpurflügel
deutsche Dämmerung durchbrach,
wird Kalk gestreut,
spiegle ich mich mit Unbekannten
in den rasenden Fenstern,
sitzen im Bistro vor ihrem Bier
stumme Engel,
Beamte vom Grenzschutz mir gegenüber.

 

Heimweg

Die Oberen siehst du,
nicht dich.

Wenn der Schwall schäumt,
Jauchzen sich den Schatten entringt.

Ermessen musst du
an göttlicher Elle,
aphrodisisch geblendet,
den Abschied.
Des Abschieds hohl dröhnende Schlucht.

Lächelns letzte Blüte
hat vor der Zeit
abgepflückt dir
ein komödiantischer Wind.

Die Höheren sind entrückt.
Rausch ozeanischen Summens.
Echo des Bluts unter Schläfen.
Schnee des funkelnden Glücks.

Dein Zeitmaß,
Hüsteln und Schnaufen.

So schaufelt Sehnsucht ein Grab.

Ein Gesicht,
wert es mit Küssen zu halten,
sinkt.

Ein Name,
hoch über Herzen gebetet,
gellt, ein Fluch
unter Flüchen.

Der ärmliche Schuldiener kommt,
du erkennst sein Schniefen,
er sammelt die Hefte jetzt ein.
Du weißt: Du hast dein Thema verfehlt.

Die Todlosen sitzen an üppigen Tischen.
Flamme ist gelb.
Flamme ist rot.
Flamme, die singt.

Dein Heimweg schämt sich
an hohen Fenstern vorbei.
Die Musik, der Sieg
über Gram und Gebein.

Dein Heimweg führt nicht nach Hause.
Im Ranzen dein Pausenbrot,
das die Mutter dir mitgab.

Mutter lebt lang,
lange nicht mehr.

 

Ich taste nach etwas

Ich gehe durch einsame Höfe.
Mein Leben hat sich zerteilt
in so viele Leben, die mir
nichts mehr bedeuten, die seltsam
widerhallen mit meinem Schritt.

Ausgesetzt auf die einsame Erde
gehe ich durch einsame Höfe.

Wo bist du, Gesicht einer Blume,
das sich mir ins Wirkliche reckt?
Wo seid ihr einst wimmelnde Bienen,
wo des Täuberichs trunknes Gegurr?

Sagen wollt ich: Durchwandere du
meinen Traum.
Nichts ist, nichts ist zu fassen.

Die Bilder, die Winke, der Traum.
Nichts. Nur die Mulde, stille und blau.

Ich rufe nach Gästen, nach Geistern.
Ich reiche mein Herz, mein aufgespartes
Gefühl. Ich taste nach etwas.

Sag mir, sage mir, sprich.
Einen Mund muss es doch geben.
Für jedes gibt`s ja sein andres.
Für die Hand ihren Groschen.
Für die Zunge die Frucht,
die süß ins Zukünftige träufelt.

Ich taste nach etwas.

 

Herbst

Die Wäsche baumelt sehr allein
im Hinterhof. Die Zeit ist gar.
Du fragst den blankgewetzten Stein,
wo blumenweich das Leben war.

Es soll sich wie in Falten
das auf- und abgesagte Leben
in zarten, herben Zeilen halten.
Mag auch der müde Leib erbeben.

Es mag sodann mit wildem Nicken
wie reife, dunkle Trauben
ein Schnabel all die Worte picken
und all die guten Träume rauben.

Der Herbst wird mild,
wenn Liebesschatten handeln
in zartem Einverwandeln.
Wenn fernes Wähnen ist gestillt.

Und fragst du nach dem Trost,
wenn blütenleer die Zeilen stehen,
es ist die Hinterwelt erlost,
wohin die ernsten Seelen gehen.

Bald kommt wie stummer Engel
Schnee, das Glück der letzten Zeile,
wo unter heller Nacht der Flügel
dein Angesicht verweile.

 

Miau

Gestiefelt kommt Herzbube
in die Denkerstube.
Mit verheulten Dramen
bestiefelt er die Damen.

Groß ist die Flausenmuse
der großen Philosoffen.
Sie wird nur übertroffen
von Klein-Beate-Use.

Dichterlein, mach die Show
der verdrehten Augen.
Offenbarung alle saugen,
kläff du dein Wauwau.

Die Nacht miaut und blaut.
Die Seele ist versaut.
Tu dir von den Häuten krätzen
Die verstunknen Dichterfetzen.

 

Dichters Saustall

Sie bleiben mammonlechzend Hormonübermannte,
Propheten mit dem Bocksgeruch,
Dichter mit den Maulwurfsaugen
fürs verweste Abendland –
und die große Intuition
für den verwaisten Schoß.

Sie können nur zitternd schreiben,
so groß ist der Drang,
die Ader schwillt an,
sie keuchen in der Umarmung
über der Mutter der Symbole,
Mord zeugend und
mordend das ganze Zeug.

Sie halten die große Hure im Fett
mit Schnalzen, Rülpsen und Bellen,
Metaphern lassen sie schwellen
ins Gedärm des Tiers.

Sie füttern die babylonische Schlange
mit Schluchzen, Klingeln und Prusten,
mit Schwirren, Klirren und Husten,
sie verfüttern das Kind.

Kinder sind den mannweiblichen
Gottespfuschern die Werkchen,
mit tausend Jungfernhäutchen
zierlich inkrustiert.

Und sie seufzen und blöken so stumm,
die Windellosen nässen sehr,
aus den undichten Stellen
rinnt warmer Urin ins Gefühl.

Dichter, verzwergte
unter des Lebens
rotem Marschallstab,
von seiner Hexenküche
benebelte Dichter.

Dichter, Hexer, Scharlatane,
Drogenfresser, Drogenmacher,
zahnlose Urwortfaschisten,
bissige Wehmutjuden,
beamtete Lebensverklärer,
behütete Nihilisten.

Missionar oder Spitzbub,
wer mag es ergründen?

Schwitzt er für das kniende Bewusstsein
die schwule, die völkische,
die kosmische Seele aus?

Poeten in der Prosaangst
vor dem sicheren, schnellen,
tödlichen Pfeil, dem Satz,
der trifft und ade,
epitaphenscharf.

 

Mein weiches Schülergrab

Wie warst du strahlend aus der bunten Bluse.
Der goldnen Härchen Wahngeflimmer
für aparten Kuss.

Ich liebte dich, ich war dir zugetan,
dein heller Atem leerte mir`s Gemüte.
Den schnöden Optativ, die Ars Latina
warf ich hin, die dummen Eselsbrücklein
für deines Fußes braune Zier.
Der Ablativus Absolutus löste sich
unterm absoluten Regen deines Haars.

Für dich! Für dich! war Sommerkuckucksruf.
An deinen Wimpern zählte ich die Zeit.
Die Zeit, die nicht mehr zählte.

Weißt du all dies, wie ich um deines Lächelns Blüte
schwirrte, wie ich ertrank?

Was hielt mich noch, als mich dein Herzschlag schlug?
Mich hielt nichts auf, in deinen Vogelgruß zu wandern.

Wie war mir wohl zu Haus, als deine Blicke sanftes
Dunkel ums lose Angesicht gestreut.

Wie schneit mir heut
die lose, leise Liebe weich ins Grab.

 

Die Sehnsucht der Ratte

Die rosig schimmernde,
plattgewaltzte Ratte,
ihre Eingeweide triefen
über den Asphalt,
sie war ich, ich war sie,
tat twam asi,
sie war tot und träumte,
sie träumte ihren Tod,
ich lebte meinen Traum,
ich lebte meinen Tod,
im Tode pfiff sie noch,
pfiff ihr altes Rattenlied,
von der Schwalbe träumend,
deren rasender Schatten
ihr den letzten Wegsaum schnitt,
ich war der scharfe Schnitt,
das Sehnsuchtslied der Ratte
bannte in den Traum ich ein.

So bescheidet sich mein Dasein,
der Ratte Todesröcheln auszudeuten,
sitzend als Orakel in der Kneipe,
vor mich hin pfeifend,
die Eingeweide, die mir munter
seit- und abwärts sacken,
schüchtern immer wieder
unters Hemd mir schiebend,
das Auge irrend zeilenstur
auf der Suche nach dem Schatten,
der den Todessaum der Einsamkeit
im Sehnsuchtsfiepen
einer Ratte abgeschnitten hat.

 

Wenig, viel

Wenig Menschen.

Weniges, was dem Spätlicht blieb.

Eine Wiese,
von Herbstzeitlosen erwärmt.

An den Rändern
erblassende Birken.

Wo seid ihr,
Leben spendende Augen,
dunkle Gewissheiten ihr?

Busch und Strauch
hat Nacht gesaugt.

Verweht ist Vogelruf.
Scharren mündet in Schlaf.

Ist kein Flügel
im flüsternden Laub,
dort im Wipfel der Angst
keines mehr wach?

Reglos.
Als hingen Glocken
erinnerungslos im Baum.

Im Moos,
dem Traume sehr nah,
erglimmt der leere Kopf eines Vogels.

Hier ist die Mulde,
wo ärmliches Wasser entrückt.

 

Wie bist du fern auf deiner Reise!

Wie bist du fern auf deiner Reise!
Ich lief den Sonnenpfad entlang,
auf dem dein Herz mit Veilchen sang.
Mein Wehmut-Pochen wurde leise.

Wie bist du fern auf deiner Reise!
Mich dunkelte dein Augenpaar.
Ich barg den Gram in deinem Haar.
Und träumend zog der Mund die Schneise.

Wie bist du fern auf deiner Reise!
Ein Nachbild wie von lieber Hand
sich Sehnsucht im Geblatt erfand.
Wie bist du fern auf deiner Reise!



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