Sie sang im REWE
Wie viel Ferne sickerte dir
in das verwaiste Auge,
gleich Flecken der Sonne.
Sie sang im REWE,
mit der Kehle,
mit dem Wiegen der Arme,
den wach geschüttelten Brüsten,
den warmen Wellen des Bauchs.
Im Rhythmus des Kinderliedes
schob und bog und hob sie den Wagen
und das Zeugnis ihres atmenden Fleisches,
das Zeugnis ihrer atmenden Seele,
das ihr lachend leuchtete,
ihr entgegenjauchzte.
Mit Blicken magisch
gleich Erde und Mond verzurrt,
kreisten Mutter und Kind
um das Zentralgestirn.
Wie viel Ferne sickerte dir
in das verwaiste Auge,
gleich Flecken der Sonne.
Dunkles Grün überredet den Purpur
Nackt wie deine Füße ist dein Sinn,
und herbe Kräuter kitzeln dich.
Ein rosiger Schein, aus Muschelschmelz
gestreut, dichtet dir heimlich im Haar.
Ich singe dir, wenn leichtgeknüpft
ein Schlummer dich umspinnt.
Worte und Wasser, Wasser und Worte,
rinnen dir über die Lenden,
strömen mit deinem Blut.
Ich habe es geschöpft
mit bloßer Hand,
ich habe sie beseelt
mit bloßem Mund.
Schon schleicht krötenfeuchte Kühle aus dem Grund.
Mit Nebeln steigt des Waldkauzes beschwörender Ruf.
Dunkles Grün überredet den hochtönenden Purpur,
der nachgibt und schweigt.
Überm Rath
Ein Gang vom Schönstätter-Kapellchen in Koblenz-Metternich bis zu den Moselfischern von Güls
Wenn du dein Herz der Madonna weihst, findest du Beheimatung in ihrem Herzen. So heißt es, so sagen sie, so steht es geschrieben. Mutter hatte die zerlesenen Broschürchen über den Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Josef Kentenich, aus Vallendar mitgebracht. Darin las sie, oder vielmehr sie pickte wie ein hungriges Vögelchen die Worte und Buchstaben aus den Zeilen. Und mit den Lippen formte sie die Laute vor sich hin. Und die Laute streute sie wie Küsse in die Luft.
Der Gang zum sogenannten Schlösschen auf dem ersten Eifelhügel in der Trierer Straße, wo es bald abbiegt Richtung Windmühle und zu dem Flecken Bisholder, und die Rosenkranzandacht in der Gnadenkapelle waren Pflicht, zumal im Marienmonat Mai, und waren eine mit künstlichen Perlen und Talmiglimmer ausgezierte Schatulle für ein süß-quälendes Geheimnis. Der Rosenkranz hat zwar 59 Perlen und Stationen, war dir Schlingel aber ein über die Ufer des Traumes schwappendes, lichtschäumiges Wasser, in das du untertauchtest, nach Luft schnappend. Da durftest, kleiner Racker du, mit nichts als Erdbeerkuchen und Durch-den-verwilderten-Garten-Stromern im Sinn, Tapferkeit lernen, bis die Knie wundgescheuert waren – damals liefst du ja, wenn immer es das Wetter erlaubte, erfreulicherweise in kurzen Lederhosen herum.
Mysteria gaudii, mysteria doloris, mysteria gloriae. Geheimnisse der Freude, Geheimnisse des Leidens, Geheimnisse der Glorie. Und ein kleines Geheimnis für das Kind: Die gebeteten „Gegrüßet seist du, Maria“ verwandeln sich in den Händen der Madonna in echte Rosen.
Was ist denn geblieben, mein Herz? Hoffentlich mehr als der betörende Duft des Weihrauchs, den auch der Teufel und seine ausgefuchsten Feuilletonisten nicht aus dem Sinn verbannen können, und die Sehnsucht nach jenem Glück der Entrücktheit von Zeit und Welt, die geschah, sobald der Schmerz in den Knien nachließ und verschwand.
Gehen wir über die Felder, nehmen wir uns Zeit, wenn die Schatten schon länger werden und die Äpfel in der Dämmerung glühen. Gehen wir und reden oder schweigen wir. Du zeigst mir den Obelisken mit dem preußischen Adler und dem Eisernen Kreuz auf dem Kimmelberg, errichtet zum Gedenken an die Gefallenen der Völkerschlacht von Leipzig im hundersten Jahr nach dem Ereignis. „Den Toten zu Ehren, den Lebenden zur Mahnung.“ Hier bist du oft gesessen, auf dem kalten Basalt aus den nahen Steinbrüchen bei Mayen, mit dem Blick ins Tal, drüben Sankt Kastor, Liebfrauen mit der lieblichen Mondsichelmadonna, Sankt Florin, dann die der Stadt Koblenz von der Kaiserin Augusta gestifteten und von Peter-Joseph Lenné ausgeführten Rheinanlagen, die Balduinbrücke, vor dir die Mosel, auf der die römischen Ruderboote Legionen und köstliche Fracht aus dem Süden, aus Gallien und der Provence, brachten (über die Vogesen musste alles über Land geschleppt werden, damals, und erst bei Epinal gingʼs wieder flussaufwärts). Dann kamen die Treidler mit den schweren Kaltblütern, der Erzbischof Balduin kam von seiner Residenz in Trier höchstselbst auf eigenem buntbewimpelten Schiff und ankerte vor seiner Trutzburg, die den Koblenzern unwirsch-düster entgegenblickt.
Auch nach dem Bau der Staustufe fror die Mosel noch zu. Damals, als du mit der Mutter täglich über das Eis gegangen bist, Richtung Krankenhaus Kemperhof, da lag der Vater nach dem schweren Unfall. Es war spät am Abend, ihr kamt vom Fährhaus am Stausee, was hattet ihr zu feiern, der Fahrer beging Fahrerflucht, Mutter lag die ersten Wochen wegen Gehirnerschütterung im verdunkelten Zimmer in der Wohnung der Großeltern. Du durftest nur auf Zehenspitzen dann und wann hineinschauen. „Ja, ist gut, sei schön brav und mach deine Hausaufgaben!“ Vater wollten sie das zertrümmerte Bein amputieren, da half nur noch Beten.
Jetzt erst spürst du mit dem sich erwärmenden Stein, über die Nerven deiner starken Beine spürst du die Verbindung, knüpfst du dich an, weißt dich auf dem Kimmelberg in der Mitte der Welt und des Daseins. Ja und ja! Drüben der Rhein hat über die Donau die Verbindung zum Schwarzen Meer, und auf dem Kimmelberg weht es aus dem Orient zu dir her. Die Mosel verbindet dich über Lothringen mit Gallien und der mediterranen Welt. Ja, erspüre mit dem Allerwertesten den Sinn des Seins und betrachte das Lebensgeflecht deiner Nerven, Adern, Venen, Kapillaren, der Gedanken und dich wie ziehende Wolken beschattenden Empfindungen als göttliches Abbild der Ströme und Winde, der wandernden Vögel, Herden und Fische.
Wie köstlich ist dieses Fühlen, wie selten, wie schnell wird es fahrig, wie schnell übertäubt. Der Dämon der Vernichtung und der Dämon der Taubheit sind Zwillinge, die auf ewig die Heiligkeit des Lebens, die schlichte Freude des Daseins, den rechten Anstand der Liebe bespucken, würgen, niederreißen. Die schwärzeste Welle der Vernichtung riss am 6. November 1944 die altehrwürdige Stadt in Tod und Verwüstung. Kirchen wie Sankt Kastor, Liebfrauen, Sankt Florin, wo der große Nikolaus von Kues ein Kanonikat innehatte, zusammen mit dem Bürresheimer Hof, dem Alten Kaufhaus und dem Schöffenhaus am Florinsmarkt, die Herz-Jesu-Kirche, Klöster wie das ruhmreiche Dominikanerkloster an der Weißergasse, Schulen, auch deine Schule, das Görres-Gymnasium, die ehemalige Jesuitenschule, die Fachwerkhäuser der Altstadt, die prächtigen Bürgerhäuser der Vorstadt, das kurfürstliche Schloss – geisterhaft starrende Ruinen.
Dir geschah die Injektion der Betäubung, du weißt es, hier auf dem Kimmelberg, als du Norbert, des Küsters Sohn, Liebling der Musen, sangesfroh und lebensklar, der mit dir gewandert ist, mit dir gesungen und gebetet hat, mit seelenlosem Pubertätsgewäsche übergangen, vor den Kopf gestoßen hast. Als wäre über Nacht eine gelbliche Reptilienhaut dir über den Augapfel gewachsen, als wären die Poren der Haut mit dem eklem Schleim enthemmter Drüsen versiegelt worden. Mit einem sich verengenden magischen Eisenring um die Schläfen bist du herumgehampelt und am Leben vorbeigestolpert.
Auf jetzt, keine Fissemadenten mehr, zum Weg Überm Rath nach Güls! Du hast doch hoffentlich eine Hasenpfote oder Kastanien in der Hosentasche, die gegen den Kobold und Troll helfen, der hier sein Unwesen treibt? Die Jesuiten, am Studium der Antike ernüchterte heimliche Atheisten, verbreiteten das Gerücht, ein böser Troll treibe auf ihrem Fronhof und den Stallungen zu Güls sein freches Unwesen. So hielt man sich Diebsgesindel vom Halse. Man raunte, der Dämon sei die ruhelose Seele eines gewissen Servatius, eines Treidlers an der Mosel, der im 17. Jahrhundert den Strick nahm. Erst spukte er bei seinem Weib herum, doch die trieb ihn mit Weihrauch aus. Andere meinten, der Troll sei der verstorbene böse Vogt aus dem Mainfränkischen, der in der Mosel ertrunken ist, ein wahrer Menschenschinder und Aasgeier. Auch er ging öfters den Weg Überm Rath, bis er ihn nicht mehr ging. Mancher hört ihn in der Nacht, er schreit, wie die Eule schreit.
Jetzt sind wir bei den Moselfischern und erweisen Respekt vor ihren Fängen: Zander, Stör, Rotauge, Karpfen, Hecht, Meerforelle, Lachs und Aal. Das Wunder der Aale. Sie kommen um die halbe Welt, um in Rhein und Mosel zu wachsen und das Fett für das kommende Abenteuer anzuspeichern. Dann durchschwimmen sie Jahre lang tausende Kilometer gegen den Golfstrom des Antlantischen Ozeans, während ihnen der Darm verkümmert und die Geschlechtsdrüsen sprießen, um in ihrer alten Heimat zu laichen und zu sterben. Und ihre Brut tut es ihnen nach. Bis der Kreislauf des Lebens vollendet ist.
Lieber verhaue ich schöne Popöchen
Hiermit entbiete ich mich, dem anspruchsvollen Publikum in moralibus atque rebus aesteticis strengstes Genüge zu tun und einem jeden Kot-Poeten und stinkigen Sudelkopf, der sich daran erhitzt, den Ausdruck der echten, großen, animalisch-sublimen Empfindung durch das urinös-ruinöse Gekröse und Geschwiemel seiner parfümierten Fäkal-Metaphern, kritisch-ätzenden Vergleiche, affektierten Straps-Posen und masturbatorischen Manierismen zu besudeln und zu ersticken, ich sage: für jede dieser Gemütsvergewaltigungen und Geistesverbrechen einen peitschenknallenden Streich und strammen Schlag auf den Allerwertesten zu versetzen.
Aber gelt, sie haben Glück und ich werdʼs nicht tun – verhaue ich doch viel lieber als zeitgeistig-blatternnarbige, lyrisch verfurzte, intellektuell verpickelte Federfuchserärsche die allerrosigsten Popöchen allerzartester Mädchen, auf dass sie züngelnd hauchen und kokett stöhnen.
Brüderhaus Koblenz, Kindertrakt
Was hattest du zu beichten, damals? „Mein Vater, vergib mir, ich habe gesündigt!“ Widerlaut und Widerwort? Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Handlungen. Allein oder mit anderen? Geklaut hast du nicht, damals nicht, mein Lieber. Gott hatte dich nicht verlassen, doch warst du schon auf dem Sprung, ihn zu verlassen. Erste Induktionen durch Berührungen und Blicke. Das war später, als sie ihren überquellenden Busen dir im Gedränge der Bushaltestelle in den Rücken stieß. Hannelore, Eva, Burgel? Nein, Hannelore. Und wie du knallrot anliefst, wenn der Name ihres Vaters wie ein Stein auf den Mittagstisch fiel, der war ja Mitglied im Schützenverein wie Großvater auch. Zehnmal „Vater unser“. Fünfmal „Gegrüßet seist du, Maria“.
Der Kindheit großen Wahrheiten eine war der Schmerz. Nächtens das Pochen, das Glucksen, das Ziehen. Als schütteten stinkende Dämonen aus entmarkten Knochen giftschäumenden, heißen Sud in das rechte Ohr, das böse Ohr. Sie ließen nicht eher ab, bis dass Wimmern und Jammern dich auf den mit Glasscherben bestreuten Strand des Halbschlafs warfen. Vater trug dich seelenloses Bündel auf dem Arm durch das Zimmer, immer von einer zur anderen Ecke. Dann kam der dumpfe Mollakkord von Schule, Dr. Wrede, HNO, Hohenzollernstraße, und Schmerz. Dr. Wrede spähte mit dem Spekulum, unanständig mit gespreizten Beinen über dich gebeugt, dir in die Nasenlöcher und das Ohr. Hörprobe. Du wurdest ins hintere Eck platziert, Dr. Wrede nuschelte etwas in die vorgehaltene Hand. Hast duʼs vernommen? Bei Nichthören bist du wieder durchgefallen und wurdest herabgestuft in den Hierarchien der Lebenden zu den hinteren Reihen der Lebenssimulanten zweiter Stufe, dritter Stufe …
Brüderhaus Koblenz, Kindertrakt. War die Mutter in der Kapelle des Krankenhauses, in der sie auch kniete, als später der Großvater hier lag, dann der Vater? Sicher. Auf einem fahrbaren Bett mit Kindersicherung aus weißen Gitterstäben rollten sie dich in den OP. Auf den Operationsstuhl wurdest du festgeschnallt, damit das Zielobjekt, die entzündeten und eitrigen Mandeln, Dr. Werde nicht aus dem Blick geriet. „Du musst jetzt tapfer sein!“ Und ein kalter, äthergetränkter Lappen wurde dir mit harter Hand auf das Gesicht gepresst. „Zähle bis zehn!“ Kamst du bis vier, fünf, sechs? Du bist schwerelos durch ein heftiges, lautloses Schneien gefallen. Du hattest keine Kehle mehr, um nach der Mutter zu rufen. Du hattest keine Hände mehr, um dich an ihrem schwarzen Haar festzuklammern. All deine Schulhefte, der Schulranzen, die Spielsachen, Schuhe und Socken waren tief unter den anschwellenden Schneemassen vergraben. Zwei blaue Augen wanderten auf der grellen Schneewand hin und her, sie ließen dich nicht los. Wer rief nach dir, rief deinen Namen?
Du erwachtest vom Würgen des Erbrechens von Eiter und Blut, das einer der Brüder in einer blechernen Schüssel auffing. Dann verging der Tag und die Nacht, die Zeit verging. Die Abende wurden lang bei der Sehnsucht, die das Quietschen der Straßenbahn dir ins Herz schnitt. Dann kam abends der Vater. Er brachte dir ein blechernes Szenarium von Indianern, Trappern, Pferdchen und einem Indianerzelt mit einer Feuerstelle, in der eine winzige Birne Glut gab. Er war also da und hatte dich lieb. Aber warum kam er denn allein? Und die Mutter kam allein, brachte Eis als Wohltat für die wunden Stellen im Hals. Warst du der Grund, weshalb sie das Leben nicht mehr teilten? Dein Kranksein war doch kein solcher Grund!
Mit einem Gogo-Mobil, das gehörte als große, neue Errungenschaft der Hebamme, der Nachbarin, fuhr sie dich über die Trierer Straße, nach Hause, ins Oberdorf. Der Sonne entgegen, während tief in den Brombeerbüschen auf dem Metternicher Kimmelberg die kleine, blass-gelbe Honigscheibe des Mondes hing und ihr wesenloses Dasein träge vertröpfelte. Du wähntest, zwischen den Häusern die lieblichen Wellen der Mosel aufblitzen zu sehen. Als würde das Leben dir lächeln.
Blumen-Rückläufling
Säuselnde Veilchen –
ihr Gespielinnen der Lüfte, augentröstlich
bleibet ihr uns ein blauendes Weilchen.
Sonnengläubige Astern –
ihr lichten Wimpern an feuchtem Auge,
gebet den Menschen euch Stern um Stern.
Groß ersungene Rosen –
ihr geküssten Wangen königlichen Hauptes,
stillet mit Düften der Tierseele Tosen.
Demütige Halme –
ihr windgeschriebnen, trunken Verwehten,
berget den Sterbenden im Lispel-Psalme.
Äderchen und Striemen
In Gelehrsamkeit würdig erstickt.
Ein Banause steigt auf den Thron und brüstet sich mit der Schlichtheit seiner Insignien und der Tölpelhaftigkeit seines Gebarens.
Das Hässliche hassen, lieben, was liebenswert.
Der Edle beugt sich vor dem Edlen, der Gemeine steigt ihm auf die Füße.
Eben noch johlten sie in den Gassen, warfen Steinchen ans Fenster des Idioten, quälten die Katze des krummen Küsters. Jetzt schau dich um: Sie gehen an Stöcken, fahren ihren zittrigen Arm durch die Luft, glotzen mit triefender Nase hohem Weiberhintern nach.
Der letzte Band von Proust lag neben dem Krankenbett. Noch sterbend pochte er auf seine Bildung.
Als könnte dadurch, dass man sie täglich durch alle Medien jagt, die Wiederholung alter Verbrechen verhindert werden.
Wenn du einen liebst, schließt du alle anderen aus. Jenseits der Aureole des Einzigen verschwimmen alle anderen zu einer gleichgültigen Masse.
In der Aristokratie gelangt der Dumme aus genealogischen Gründen an die Macht. In der Demokratie gibt einfach die Mehrheit den Ausschlag, also die Dummheit an sich.
Sie lügen, indem sie ihre Meinung ehrlich kundtun.
Die sich verloren fühlen, sind liebenswürdig, weil sie unbewusst am Ideal hängen, am Göttlichen.
Hippokrene. Die Quellen der Dichtung sind wirkliche Quellen.
Die Persönlichkeit des Mannes steigt auf und ab zwischen Testikeln und Bizeps. Es braucht den Infarkt, um der Mitte des Herzens zu gedenken.
Urzeit und Märchen sind im Haar der Frau vermählt.
Sie haben keine Zukunft, weil sie nicht zeugen. Sie zeugen nicht, weil sie keine Zukunft haben.
Es ist wie das Wehen des Haars, wenn sich insektenzart ein Schimmer darin verfängt. Es ist wie der Klang aus lebendig erwachtem Holze, dir zugeeignet seit ehedem, der dich über die Zinnen der Zeit hinwegreißt.
Dichtern verbirgt sich die Wahrheit gleich neckischem Mädel hinter dem Dickicht der Metapher. Ab und an blitzen zwei blaue Augen hindurch.
Der Menschheit für Zeiten tiefen Hungers lange entwöhnt, kehrt der Prophet an den Strand zurück. Welche Zeichen malt sein Finger als erste in den Sand?
Plötzlich wie nach dem Regen die offen atmende Klarheit über Gras, Vieh und Mensch. Alles ist an seinem Platz, alles steht fest, versonnen gehst du deinen Pfad.
Manchen schmilzt die Erinnerung dahin wie ein süßer Bonbon im Mund. Manchen wandert sie wie ein inoperabler Granatsplitter durch Kopf und Sinn.
Die Art des Sterbens entspricht dem innersten Wesen und Geheimnis des lebenden Menschen. Manche fallen herab wie Marionetten, denen die Fäden durchschnitten werden. Manche schreien sich tagelang fest ins Dableibenwollen. Manche veratmen und enthauchen wie warmer Dunst, der nach schwerem Ritt von der Kruppe des Pferdes aufsteigt.
Wenn nicht ein einziger Buchstabe, ein Tüttelchen göttlicher Sprache und göttlichen Sinns eingesenkt sind in die Leere der Welt; wenn nicht eine einzige Träne eines der Cherubim in die Falten des Seins gerollt ist, sind alle die tausend Buchstaben der heiligen Bücher eitel und abermals eitel.
Wer Gerechtigkeit will, muss Ungleichheit wollen.
Die Hässlichen im metaphysischen Sinne rächen sich mit dem Gift des Schuldgefühls, das sie den von der Natur Begnadeten einflößen.
Sie schleichen bescheiden einher und verhüllen notdürftig ihre Seelen-Skrofeln mit einem moralischen Mäntelchen.
Demut ist eine zweischneidige Tugend: Den Hochgesinnten macht sie frei, den Niedriggesinnten macht sie befangen.
Die Erfahrung schluckt am Ende die moralische Quintessenz: Alles taucht ins Zwielicht zurück.
Der verschnupfte Kleine klagt, er könne den Duft der Blume nicht gewahren. Der verschnupfte Große freut ich an ihrem Wuchs und teilt die Freude mit dem ersten Besten.
Die Zwerge hauen den Lilien, die sie überragen, die Köpfe ab. Vernichtung der Schönheit im Namen der Gleichheit.
Als wär es geträumt
Als würdest du es wie eine Falte im Betttuch
mit bedächtigen Händen glattstreichen.
Als wäre es unschuldig wie der Schatten,
der gleichmütig huscht über Bein und Stein.
Als würdest du daran wehrlos erschauern wie das Wasser,
über das ein treuloser Wind schleicht.
Als würde es innen und dein wie der eingeschlafene Arm,
von frischen Pulsen durchströmt.
Als fühlte es rein sich und frei wie das Lid,
dem die Mutter ein Körnchen entnahm.
Als wär es geträumt wie das glückliche Wort,
das eins das dich liebt auf die Schläfe dir küsst.
Zwiespruch
„Du stehst zwischen Nichts und Nichts.“
„Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“
Einer knipst das Licht an.
Ein anderer knipst es wieder aus.
Oder ist es derselbe?
Eine Woge schwemmt das Gut an Land.
Eine andere reißt es wieder fort.
Oder ist es dieselbe?
Einer begrüßt dich lächelnd beim Eintritt.
Ein anderer geleitet ernst dich zur Tür.
Oder ist es derselbe?
Bleibt das Zugesagte heil
bis an das Ende der Tage?
Einmal für immer.
Oder verflüchtigt es sich
wie die Wärme des Händedrucks?
Einmal für nimmer.
An den Papst in Rom
Lieber Heiliger Vater,
du heißt ja Franz wie mein Onkel. Der ist Bauer in der Eifel und geht im Mai oft zu der Marienkapelle auf dem Berg, da ist das Gnadenbild. Ob er auch mal eine Schale mit bunten Blüten mitbringt und der Maria auf den Altar stellt, weiß ich nicht. Glaub es eigentlich nicht. Du hast es getan, hab ich alles im Fernsehen gesehen: Das war so lieb von dir.
In meiner Kinderbibel ist ein Bild vom Heiligen Franziskus, wie er mitten in einer Schar von Vögeln steht. Zwei Vögel sitzen ihm auf den Schultern. Und er spricht mit den Vögeln. Was er ihnen wohl Liebes gesagt hat? Du musst mir eins versprechen, lieber Heiliger Vater: Auch du musst mit den Vögeln sprechen, bald, da kommen sie geflogen, im Frühling – und noch mit anderen Tieren, wenn sie zu dir kommen und du auf dem großen Platz vor dem Dom spazieren gehst.
Noch zwei Wünsche habe ich, lieber Vater: Wenn du das nächste Mal auf den Balkon am Dom gehst, bring nicht wieder diese alten Männer mit, die bloß um dich rumstehen und grinsen. Da sollen lieber schöne, strahlende Engel mit Heiligenschein ihre weichen Flügel um dich legen.
Und mein letzter Wunsch: Bitte übertreibe es doch nicht mit der Armut. Bei uns gegenüber wohnen auch arme Leute in einem Fachwerkhaus: Da riecht es nicht gut aus der Tür und wenn im Sommer die Fenster offenstehen, hörst du schreien und fluchen. Du willst doch nicht den Dom und all die hübschen und prächtigen Kirchen in Rom abreißen lassen, weil sie so reich geschmückt sind – für den lieben Gott?
Bitte ziehe doch die alten schmutzigen Latschen aus, die du aus Argentinien mitgebracht hast, und schlüpfe geschwind in die roten Schühchen, die unser letzter Heiliger Vater, der sanfte Großvater aus Bayern, so gern getragen hat – ʼs wär so schick!
Ich mache einen Knicks und küsse von Herzen deinen Ring.
Aus dem fernen Land am Rhein
Deine Hilde
Weich noch
Weich noch in müden Gesten,
veilchenumsungen,
hebst du die Arme entgegen
einem dich meinenden Tag.
Die hohen Buchen bleiben
und schwesterlich ihre Schatten.
Betaut dich wieder ein Glitzern
an den Ufern des Rheins.
Und wie Kosen von Moos
an deinen Füßen bloß.
Kommen die Sterne geflüstert,
Schlaf fällt dir in den Schoß.
Vor sich hingesprochen
Trittst du zu nahe an ihn heran,
behaucht der Spiegel –
und das Bild verschwimmt.
Narrt dich törichter Drang,
dich jenseits des Spiegels zu fassen,
zerstörst du das Ding.
Rollt dem gaffenden Fant
die Sehnsuchtsträne ins Wasser,
zittert alle Schönheit dahin.
Einem von Träumen gefetzten Nerv
knospet kein Auge des Tags:
Ohne Weltlicht dunkelst du ein.
Besessen am Daseinsknochen
nagend, überschmatzest du
des Lebens leise Liebesweise.
Engel und Musen
„Auch wenn du nicht an Gott magst glauben,
der Glaube an die Kirche kann dich retten.“
Nachts zittert jäh das heilige Wasser im Taufbecken
der Kirche Santa Maria Maggiore zu Rom:
als hätte der scheue Mund einer Nymphe getrunken
oder ein schlafloser Putto keck seinen Finger getaucht.
Im Dämmerschein traumversunkener Blüten
der vatikanischen Gärten
küsst mit jedem Rufe die Nachtigall Stern um Stern,
schüttet schlafwandelnd ein jugendlicher Papst
Rosenblätter in die Aureole der Großen Mutter.
Und dir mischt sich ins schneeverwehte Gebimmel
winterwendender Glocke
ein südlicher Chor von Engeln und Musen:
Dein Herz ist der hämmernde Klöppel.
Aber sprich nur ein Wort …
Wie Speichel von aufgeworfner Lippe spritzt
das Lügenvirus ins Gesicht.
Ein trockner Fant umwedelt dich gewitzt
und dreht zuletzt dir ab das Licht.
Der eine im Schwur, die andre im Liebesplausch
tischen vergiftete Früchte dir auf.
Für Schönheit Trug, für Wahrheit kalten Rausch
ist feigen Lebens feiger Kauf.
Ist dir in reinem Kelch nicht still verwahrt
ein Wort, das wieder dich belebt
mit Wahrgefühl und Liebeswerken zart,
das huldvoll zu dir niederschwebt?
Unterm Schnee
Unterm weichen Schnee-Plumeau
atmetʼs glaubensfroh.
Ein stelziges Vögelchen
mustertʼs unverdrossen
mit seinem Vierzeh aus.
Alle Welt liegt taub und dumm.
Jedes Stimmband ist erschlafft.
Jedes Hüsteln wird vermahnt.
Etwas kribbelt, und ein Mäuslein flitzt.
Da gluckst es in den Höhlungen.
Vipernzart leckt das Licht.
Glucks, glucks.
Pitsch, pitsch.
Ein Herz sagt zum andern:
Poch, poch.
Tropf, tropf.
Ein Schneeball trifft.
Flutsch.
Ein Kinderlachen kollert hinterher.
Tabauz.
Von sehnsuchtswarmem Atem
hebt das weiße Linnen sich.
Unterm Schnee da blüht es.
Unterm Schnee da glüht es.
Höher denn alle Vernunft
Plaisir dʼamour ne dure quʼun moment.
Chagrin dʼamour dure toute la vie.
Ihre Schauer rieseln tränenblind.
Ihre Wüsten dörren Leib und Geist.
Jedes Herz ist ohne sie verwaist.
Jede Bitte schlägt sie in den Wind.
Ihre Schauer rieseln tränenblind.
Ihre Wüsten dörren Leib und Geist.
Hohe Würden neckt sie fesch und dreist.
Hohen Sinn bläst sie in Tor und Kind.
Was sie eben küsste warm und lind,
ist in starre Maske schon vereist.
Ihre Schauer rieseln tränenblind.
Ihre Wüsten dörren Leib und Geist.
Im Vorbeigehen
Es ist ein Kiesel. Er liegt in der Sonne.
Ob er schon warm ist?
Es ist ein Kiesel. Dort liegt er gut.
Ich lasse ihn liegen.
Sollte ich ihn denn mit den Fingerspitzen
aufheben und vor Augen halten?
Sähe ich wohl an den feinen Eben- und
Unebenheiten die dunkle Arbeit der Zeit?
Steckte ich ihn in die Hosentasche als Zeichen,
das mir ein liebes Erinnern bewahrt?
Es ist ein Kiesel. Er liegt in der Sonne.
Ich lasse ihn liegen.
Herabgeträufelt
Der Abend atmete Rosenwasser,
von zarter Fingerkuppe
herabgeträufeltes Erinnern.
Wir waren weit hinausgebogne Schatten,
geschmält vom Gegenlicht,
die gleich Finger-Zeigern stündlich
sich nähern, kreuzen, fliehen, nähern.
Dir wickelte das Haar
der seidenlüsterne Wind,
er feilschte mit dem Duft
von goldenen Früchten
aus dem Süden der Gärten.
Mir erhellte die Nacht
bis ins tiefe Spiegelbild
deiner Augen Zwillingslicht.
Die Kroken grüßen dich
Sie beten auf zum Himmelslicht.
Sie schmelzen dir des Sehnens Sinn
und küssen dir die Trübsal hin.
Sie mahnen dich zur Liebespflicht.
Die Kroken grüßen dich:
„Wolle doch das Glück bezeugen,
einmal fromm den Schoß beäugen,
dem wir opfern, du und ich.“
Es winken dir die Krokusköpfchen:
„Geh mit unserm Licht zu ihr.
Näss den Wurzelgrund in dir.
Bewahr uns nur ein Liebe-Tröpfchen.“
Fremdgegangenes Leben
Hör in blindgeweinten Nächten,
hoch über den Kümmernisschluchten,
deinen Flügel ich rauschen,
Engel der Liebe, knie ich nieder –
wild hämmert das Herz
gegen die Mauer der Brust –
suche Kühlung der Stirn im Schnee
mir angewehter Namen,
befremde den Sinn im Flackern
von Nachtkerzen, Lupinen,
aufleuchtendem Erinnern
an Blumen unwirklichen Glücks.
Hupen, Gekicher, Geklopfe des Morgens,
als prasselten Bienen ans Fenster,
gedämpft wie unterm Bahrtuch,
wecken nicht mehr mich auf.
Besens Elegie
„Kehr aus, geschwind!“
Ihr Griff ist heiß und sehnenstreng.
Die Hitze flutet durchs Gestängʼ.
Ich fürchtʼ mein Reisig brennen.
Wenn sie mich an den Busen drückt,
wird mir die holzne Seelʼ entrückt.
Ich wollt ins Besenlose rennen.
Sie wirbelt mich durch Haus und Stall.
Ich fressʼ den Kehricht überall.
Wollt ihr geheimen Winkel nennen.
Wenn sie sich stöhnend niederhockt,
bin ich an ihren Schoß gelockt.
Wollt ihr mich besentreu bekennen.
Weil ich nicht habe Herz und Sinn
und nur ein alter Besen bin,
muss ich von Liebʼ mich trennen.
Ihr Griff ist heiß und sehnenstreng.
Die Hitze flutet durchs Gestängʼ.
Ich fürchtʼ mein Reisig brennen.
Musensau
„Was grunzt denn hier?“
Schnauze ist mir Gott und Geist.
Mit feuchter Wut wühle ich erdenwärts.
Bacchantisch quieke ich sonnenwärts.
Ich bin die Bache wild und feist.
Zitze ist mir Lust und Sinn.
Des milchdrallen Leibes Überquell juckt.
Die nuckelnde Brut meiner Frischlinge zuckt.
Ich bin die Bache Säugerin.
Borste ist mir Qual und Tanz.
Des Keilers Haderer schenk ich das Blut.
An härtester Rinde schab ich mich gut.
Ich bin die Bache Borstenglanz.
Waldmäuselei
„Was fiept denn hier?“
Mein Schlösslein ist verbauscht mit Moos,
mit Grasgezupf und Flechtenwisch.
Wurzelwärts hab ichʼs mit Pfötlein bloß
gegraben. Hohle Nüsse sind mein Tisch
und Bett von feinstgenagetem Rokok.
Mein Schränk sind voll von Sämerein,
von süß Hutzelbeer und weißem Haferflock.
Aus Gängen zieht es krautgewürzt von Träumerein.
Nächtens schau ich wohlumfellt aus einem Fensterspalt
zum Blätterhaupt der Götterriesen ʼnauf.
Hab mir zum Fiepgebet fein umgeschnallt
des liebe-langen Schwänzleins Lauf.
Wennʼs knittert, wenn es knirscht von bösem Bein,
schlepp ich den Bauch, gedickt von Mäuselei,
husch in mein Kräuterbettchen ʼnein.
Bald brockt mein Mäuserich mir sämʼge Nascherei.
Bocksgesang
„Was blökt denn hier?“
Scharfer Azur nach den Nebeln,
über den Knochen der Urwelt entfacht,
sengt meine Flanken im Sturz,
presst mir die Lungen zum Schrei.
Wenn es wie Mondlicht mir
den äsenden Lippen, Sehnsucht
den Lefzen entträuft,
juckt mir vom wachsenden Horne die Stirn.
Es zieht zu den bröckelnden Klüften mich,
mit des Gehörns zuckendem Doppeldolch
schlitz ich heiseren Ton aus dem Dunst,
der den Flanken der Zicken entsteigt.
Über dem Abgrund einzig den Adlern vertraut,
erheitert mich tödliches Spiel,
dem steilen Jungbock Stirn an Stirn
den spritzenden Samen zu rauben.
Scharfer Azur nach den Nebeln
presst mir die Lungen zum Schrei.
Wurmeswahn
„Was gleißt denn hier?“
Immer feucht und immer nächtig
ist mein Reich alltodesmächtig –
Darm bin ich mit einem Zahn,
nage mir die Todesbahn.
Glitschig, schwitzig, kotesprächtig
wesʼ ich prall und leichenmästig –
stülpe um den Lebensplan,
kote aus den Liebeswahn.
Wanst durchbeiß ich, Hirn durchscheiß ich,
Mädchenlippen schlinge in mich -
alles Werk macht ungetan,
allen Sinn zersetzt mein Zahn.
Katzenmusik
„Was seufzt denn hier?“
Meine Pfötchen darf allein
mit dem rosa Züngelein
ich nur königinnenrein
lichten, lüpfen, lecken.
Goldne Sonne, scheinst herein
in mein rosa Zimmerlein –
mag von wilden Innerein
scharfe Lüste schmecken.
Blonder Mond, du scheinst herein
in mein Liebesnestelein –
mag aus dunklen Seufzerein
süße Schauer wecken.
Hundeleben
„Was stinkt denn hier?“
Ich will wieder wuffen,
wennʼs nach Bratwurst riecht.
Wuffen will ich, willʼs!
Schnurr, die Katze, will ich knuffen,
wenn sie vom Kirchhof kriecht.
Knuffen will ich, willʼs!
Ich will mich hündisch fläzen
auf meinem Hüttendach.
Fläzen will ich, willʼs!
Dicke Bücher will ich läzen
den lieben, langen Tach.
Läzen will ich, willʼs!
Sexualgroteske
Während wie stets um die Zeit des wehstürmenden Glockenläutens Mann und Weib sich begatten, beginnt es im Innern des mit herben Kräutern gestopften Strohballens, auf dem sie hausen, zu seufzen und zu knistern und zu zwitschern, bis endlich beißender Qualm das Paar in den finalen Spasmus treibt. Die halberstickte Frau kann noch zischen: „Achtung, Zikaden!“ – da rollen die Einbände der inmitten des Zimmers zur Pyramide gestapelten Bücher gleich sanft herabgeschälten Pfirsichhäuten dem Mann sich um den nackten Leib und bilden züchtige Bandagen, zwischen denen das rosige Fleisch sich wölbt und quillt. Das ausgeseufzte Weib rotiert rasend schnell im Spiegel, ein pfennigkleines, milchblindes Auge. Was blieb dem ratlos ins Leben ejakulierten Mann? Er kugelt zwergenbucklicht kreuz und quer von Wand zu Wand, endlich rollt er aus ins erhabene Zwielicht der Zimmerecke, wo hoch oben das Weihbildnis Mariae Septem Dolorum unter dem roten Fieberschein der Kerzen flackert. Sardonisch lächelnd schiebt die Madonna das blaue Gewand vom schwellenden Busen: Heiß beißende Tropfen fallen jenem auf die Zunge, die er im schwerblütigen Rhythmus des Gebets mit dem kalten Trotz der Vipern wieder und wieder in die Leere eines ganz gewöhnlichen Wintersonntagabends stößt.
Licht und Irrlicht
Einer kann dir heimleuchten. Und weil du guten Glaubens bist, kann er umgekehrt dich an den Abgrund führen. Herabzustürzen überlässt er gnädig dir selbst.
Reife und Tauglichkeit der Sinnesorgane stehen am Anfang der Zuweisung von Führung und Macht. Der Mann mit dem schärfsten Auge geht der Jägerhorde voran. Wer die Spur des Wilds erspäht, wer den Angstschweiß des verfolgten Tieres wittert, er geht voran, zum Führer ist er berufen.
Über den individuellen Sinnesorganen beleuchtet das kollektive Organ allgemeiner Orientierung die soziale Szene: die Sprache.
Die ärgste und tückischste Verwirrung greift an der Wurzel sprachlicher Bedeutung an: Würdest du den rechten Sinn und Gebrauch der Wörter „gut“ und „schlecht“ nicht kennen, ja meinen „gut“ sei, was alle „schlecht“ nennen, und „schlecht“, was „gut“ genannt wird, ist es um dich geschehen. Du schlägst auf den dir Wohlgesinnten ein und frisst dem Feind das Gift aus der Hand. Du rennst tanzend ins Feuer und löschst die Wunde mit Salz.
Gutes und Schlechtes sind ganz auf die individuelle Haut geschriebene Werte, sie feiern in den je eigenen Hirnen und Mägen und Eingeweiden fröhlich die partikularistischsten Urständ. Zugleich sind sie universal und als solche die moralischen Grundvesten des Kollektivs. Was dir wehtut, muss auch ich fürchten. Was mich erheitert, wird auch dir guttun. Sorgst du für mein Wohl, bin ich geneigt und verpflichtet, das deine zu fördern. Wohlverstandene Eigenliebe ist der fruchtbare Regen auf die öffentliche Saat.
Das Gute und das Schlechte sind die ersten und letzten Lebensrichtungen, sind Licht und Irrlicht überhaupt. Gut ist die Richtung zur Mutter, in Höhle und Haus der Eltern, in die Heimat der Ahnen als vertrautes Umfeld. Sie verspricht Schutz, Wärme und Nahrung. Überwintern, Überleben. Plötzlich wie durch Zauber in die flirrende Steppe versetzt, es wispert und schnattert aus dem hohen Gras, unverständliche Laute dringen an dein Ohr, nackte Männer mit Speeren und langen Penisschäften umstellen dich – und du wirst flehen, aus dieser Traumverschlagenheit in der Fremde zu erwachen.
Die Richtung zur Fremde, ein tapfer auszusprechendes Wort, wird erst gut, wenn die Heimat von Feinden und Fremdvölkern erobert und besetzt, von Sonne, Sturm und Wellen verwüstet, durch einen neuen Herrscher fremden Glaubens von den Anhängern des alten gesäubert wird. Dann gilt es männlichen Mut, über die Wasser zu segeln, Neuland urbar zu machen, Kolonien und Pflanzstädte zu gründen.
Der alte Mann, am Ende seiner Tage, besteigt den Hügel, an dem seine Grablege bereitet ist. Von hier lugt er ins Land, überschaut die vorm Wind sich biegenden vollen Ähren, die Obstgärten, den Fischweiher, an dem die Enkel sich tummeln, alles, was unter dem Segen seiner Hände gedieh. Wie weit schaut er, in welche Zeitentiefe reicht sein Blick? Ein Jahrhundert mag er mit Augen umfassen, schaut er auf die Kapelle am Rande des Gutshofes, für die er das Altarbild gestiftet hat, berührt er eine dem bloßem Auge verschlossene Fülle der Ereignisse, die sich über Jahrtausende erstreckt. Der Kosmologe, der auf dem Screen die Frequenzen der Hintergrundstrahlung betrachtet, schaut in eine weder dem bloßen Auge noch dem menschlichen Sinn fassbare Zeitentiefe, die an den unbegreiflichen Beginn der Zeit überhaupt herabreicht. Der Kosmologe kann nicht verstehen, das heißt an menschlichen Maßen ermessen, was er sieht. Der alte Mann versteht mehr, als er mit bloßem Auge erfasst.
Einschusslöcher und Knospen
Durch Krankheit genesen.
Das Großgeartete der alten Kirche waren die Wasseradern im Erdreich: gespeist von Nil und Tiber der Vorwelt; war die erhaben-groteske Ikonostase mit den behauchten, beweinten, geküssten Bildern erhöhten Lebens, dank zähester Arbeit der Kritik von ihren besessenen Nagern zum Einsturz gebracht.
In principio: In die Stille schmatzen und schnalzen, fiedeln und trillern, lispeln und lallen, weinen und greinen, winseln und wimmern Lust und Lustbegier.
Thron und Altar: die kulturell fruchtbarste Symbiose. Ihre Kinder, die Finesse des Ausdrucks, die Gemessenheit der Bewegung, der Tanz der Masken, das Dunkel geraunter Bekenntnisse und Gebete, sie gaben Zeugnis von der Verdichtung noch des banalsten Inhalts zur Transparenz und irisierenden Oberfläche der mit sich selber spielenden Form.
Singen, um zu träumen, und das Geträumte, wie Wunde letzter Tropfen Bluts, stillen mit Gesang. Singen, um zu träumen, und in das Geträumte ersterben, wie in das golden dämmernde Weben des Abendhimmels bei Claude Lorrain.
In principio: In die Stille rollt ein speichelfädenumzittertes Knäuel ineinander verfingerter, verhornter, verschlungener Zwerge, das bucklichte Leben als Verein sich ins hellste Bewusstsein neckender und leckender, meckernder und keckernder, keifender und kneifender Missgestalten.
… dir hingestreute Lächelns-Blüten.
Ach, die Tür war nur angelehnt
Die Tür war nur angelehnt. Und die Düfte des Gartens, im grünen Vorhang, den der Regen bauschte, schäumten sie nicht durch den Spalt? Ein beherzter Schritt hätte genügt, die Frische der Sinne und die Vernunft des Herzens, zu sehen, es ist nicht Trug und nicht Traum. Denn nur zeugend wirst du gezeugt, in der Hingabe kehrst du zurück. Du wärst nackt durch den Garten gelaufen, deinen Rücken ritzten die Weidenbüsche, aus dem Wasserbassin, eingefasst mit dem flechtengelben Basalt, wäre dir ein lächelndes Gesicht aus der Tiefe der Zeit emporgetaucht, dein größeres, dein gelöstes Selbst, bekränzt wie ein trunkner Horaz. Nach all dem Klagegetöne der Nacht, unterbrochen vom irren Gefasel aus gläserner Kehle, überkroch das Ginsterlicht des Morgens die Schwelle. Durchschnitt nicht dein Herz das erste Quietschen der Straßenbahn? Dich immer schneller in der Pirouette des Eigensinns drehend, zerflossen die Bilder der Dinge zu einem bläulichen Brei, verschmierten im Namenlosen. Du hast dich, ins Abseits, ins Unansehnliche hinweggeschüchtert, wieder gegen die Wand gedreht, buckeltest den blinden Schildkrötenpanzer, aus der Angstdrüse gehornt, mit süßlichem Harnstoff gewachst, gegen die Welt, im Trotz der Krankheit, im Trotz des Alleinseins. – Die Tür war nur angelehnt.
Notizen zur Geschichte als Wissenschaft
Eine Kritik des hermeneutischen Dogmas
Diese Notizen umkreisen essayistisch das methodologische und wissenschaftstheoretische Kerngebiet der Geschichtswissenschaft. Sie dienen aber einem weiterreichenden Zweck, nämlich dem seit beinahe zwei Jahrhunderten aufgestiegenen und in der Philosophie durch Schleiermacher, Nietzsche, Dilthey, Heidegger und Gadamer aufgerichteten, bis dato zur herrschenden Überzeugung in allen Geistes- und Kulturwissenschaften behaupteten Dogma von der Notwendigkeit des theoretischen Apriori der Interpretation zu widersprechen. Die These lautet: Die sogenannte philosophische Hermeneutik ist ein Irrweg der Theorieentwicklung. Wer verstehen will, aus welchen Motiven die historisch Handelnden getan haben, was immer sie taten, muss sein sogenanntes Vorverständnis und die seiner Gegenwart entstammenden interpretativen Muster ausklammern und das beachten und in die Erklärung historischer Begebenheiten als kausalen Faktor aufnehmen, was jene Akteure selbst zu ihren Motiven und Handlungen geäußert haben oder was an Motiven und Intentionen aus den über ihre Taten und deren beabsichtigte Folgen und Wirkungen ermittelbaren Quellen und Dokumenten zu ersehen ist.
Die Geschichtswissenschaft (GW) ist wie jede Wissenschaft eine Form des Wissens. Gewusst werden kann nur das Wahre, der Inhalt eines Satzes der Form (F)x. Sätze, die als wahre in den Thesaurus der Geschichtswissenschaft eingehen, haben die Form: F(a), wobei a für einen historischen Namen steht (Caesar) und F für eine Relation, die angibt, was der Genannte zum Zeitpunkt t am Ort l getan hat (überschritt am 10. Januar 49 v. Chr. den Rubikon an der Grenze zwischen Gallia Cisalpina und Italien). Ein Satz dieser Form ist wahr, wenn er durch unabhängige Belege wie historische Dokumente und Zeitzeugen als wahr bestätigt worden ist. Sind keine Belege vorhanden, die den Satz bestätigen, gilt er nicht als wahr, sondern allenfalls als Vermutung. Tauchen Belege aus den Quellen auf, die den Satz als falsch erweisen, wird er von der GW verworfen.
Der Inhalt der Sätze der GW ist das Vergangene im Sinne menschlicher Geschichte. „Caesar überschritt am 10. Januar 49 v. Chr. mit seinen Truppen den Grenzfluss Rubikon“ ist ein wahrer Satz der GW. Der Satz ist wahr, weil er durch historische Quellen bezeugt ist, so durch die vom römischen Senat autorisierten Aufzeichnungen über das politische Geschehen, die Annalen. Der Annalist könnte sich bei der Angabe des Datums geirrt haben: Mindestens eine weitere Quelle muss demnach die erste Quelle bestätigen oder ihre Falschheit belegen. Die zweite Quelle, die den Satz bestätigt, sind die Aufzeichnungen Caesars über den Bürgerkrieg.
„Alea iacta est“ – diesen Satz habe er beim Überschreiten des Rubikon geäußert, bezeugt Caesar. Damit ordnet er das einzelne Geschehen, ein kollektives Handeln auf Geheiß seines imperialen Marschbefehls, in die umfassendere Einheit der römischen Geschichte ein: Mit der Weigerung, den Befehl des Senats vom 7. Januar 49 v. Chr., sein Imperium über die Provinzen Gallien und Illyrien niederzulegen, und dem aus Sicht des Senats ungesetzlichen Überschreiten des Rubikon und dem Truppenaufmarsch auf Rom hat Caesar den Bürgerkrieg zwischen der alten senatorischen Macht und seinen Truppen entfacht, der schließlich zum Untergang der senatorischen Republik und der Errichtung der Kaisermacht in Rom führen sollte. Diese deutende Einordnung des singulären Geschehens am Rubikon ist sinnvoll und konnte von neueren Historikern übernommen werden.
Das Überschreiten des Rubikon ist eine Handlung, die eine komplexe (zusammengesetzte) Absicht voraussetzt: Caesar gibt seinem Wagenlenker den Befehl, den Wagen in Richtung jenseitiges Ufer in Gang zu setzen. Indem Caesar den Fluss überschreitet, verwirklicht er die Absicht, mit seinen Legionen nach Rom zu gelangen. Indem Caesar mit seinen Truppen auf Rom marschiert, verwirklicht er die Absicht, dem Senat seine Weigerung, das Imperium abzulegen und seine Truppen zu entmachten, vor Augen zu führen. Indem Caesar in Rom einmarschiert und dem Senat feindlich gegenübertritt, verwirklicht er die Absicht, die Macht des Senats zu beschneiden und seinem Imperium zu unterstellen. Indem Caesar den Senat seinem Imperium unterstellt, verwirklicht er die Absicht, den Senat als institutionelle Trägerschaft des republikanischen Patriziats zu entmachten. Indem Caesar die senatorischen Familien ihrer angestammten staatlichen Repräsentanz beraubt, verwirklicht er die Absicht, eine neue Herrschaftsform, die man vage als „Caesarismus“ benennen könnte, zu institutionalisieren. Bis hierin kann die GW die komplexe Handlungsabsicht Caesars, die ihn zum Überschreiten des Rubikon bewog, mit dem guten Grund analysieren, als sie annehmen darf, dass die analysierten Elemente der komplexen Absicht Caesar selbst mehr oder weniger deutlich bewusst waren. Dabei nimmt der Grad an Bewusstheit der komplexen Absicht für den Handelnden mit dem Grad der Entfernung von der Basisabsicht ab, die zur physischen Basisaktion und Primärleistung, hier also der Flussüberquerung, führte. Caesar zu unterstellen, seine komplexe Handlungsabsicht enthielte als Letztelement auch die Absicht , in Rom das Kaisertum im Sinne des Augustus zu etablieren, wäre ersichtlich falsch, da Caesar von der Struktur augusteischer Herrschaft nichts gewusst haben konnte.
Um seine Absicht mit der Überschreitung des Rubikon zu verwirklichen, muss Caesar die Verfügung über ein komplexes System von wahren Meinungen zugeschrieben werden. Er muss annehmen, dass der Rubikon jenen Grenzfluss darstellt, der sein Herrschaftsgebiet von Italien, dem Einfluss- und Machtbereich des römischen Senats, trennt; dass seine Legionen ihm in Treue und Loyalität verbunden und verpflichtet sind; dass seine militärische Stärke und sein militärisches Know-how der militärischen Stärke der Senatspartei und dem militärischen Know-how ihres Generals Gn. Pompeius überlegen seien und manches andere dieser Art. Wahre Meinungen dieser Art, die der Verwirklichung von Absichten zugrundeliegen, beruhen bei biologischen Wesen wie Menschen auf den Funktionen der Wahrnehmung und der Erinnerung: Caesar hat sich die wahre Meinung von der Loyalität seiner Truppen aufgrund der Wahrnehmung ihres ergebenen und gehorsamen Verhaltens gebildet; er wusste von der Bedeutung des Rubikon als des Grenzflusses zu Italien, weil er ihn bereits bei seinem Aufbruch nach Gallien im Jahre 58 v. Chr. gesehen hatte. Die wahre Meinung über den Fluss beruht in diesem Falle also auf einer aktuellen Wahrnehmung, die durch eine im Gedächtnis gespeicherte erste Wahrnehmung, eine Erinnerung, bestätigt wird. Caesar kann auch der falschen Meinung gewesen sein, durch seine göttliche Abstammung sei er zu Höherem berufen. Auch Irrtümer und mythische Vorstellungen können handlungsorientierend sein und Absichten zur Entscheidung führen. So könnte die mythische Vorstellung seiner göttlichen Abstammung Caesar zu der weiteren wahren Ansicht geführt haben, er sei im Vergleich mit der gemeinen Menge zu Leistungen fähig, die den eigenen und den Ruhm Roms weithin nach Ort und Zeit erstrahlen ließen. Der Mythos könnte hier einen Menschen zu Höchstleistungen getrieben oder verpflichtet haben, die sich im historischen Kalender als Ereignisse und Daten in Großschrift oder Versalien lesen.
Eine Absicht hegen, heißt nicht sie verwirklichen, einen Plan schmieden nicht, ihn in die Tat umzusetzen. Gewiss hat Caesar nach oder schon während der Pazifizierung Galliens und der Ausdehnung seines Herrschaftsgebietes die Absicht gehegt, sein Imperium über die vom Senat zugebilligte Frist zu verlängern. Er hätte freilich diesen Plan aufgeben können, als er sich dem Rubikon näherte. Für die tatsächliche Entscheidung, den Grenzfluss zu überschreiten, bedurfte es also zumindest eines zusätzlichen Antriebs, der über die Motive der zeitlich zurückliegenden Primärabsicht hinausging. Dieses Motiv kann von der guten Laune oder Tagesform bis zu Informationen reichen, wie von der Schwäche des Gegners berichten.
Caesar hat den Rubikon überschritten, den Grenzfluss zwischen Kernitalien und der Provinz Gallia Cisalpina und durch diese Handlung „Geschichte geschrieben“. Flüsse sind wichtige Gegebenheiten für den Stoff der GW. An den großen Flüssen und Deltas wie Ganges oder Nil entstanden die frühen Hochkulturen. Flüsse bilden Nahrungsquellen, dienen der Schifffahrt und bilden natürliche Grenzen. Allein dieses Thema verweist die GW auf ihre Hilfsdisziplin Geographie. Aber auch Fachgebiete wie Ernährungswissenschaft, Medizin (Immunologie, Epidemiologie) und Humangenetik unterstützen die GW neben den Hausdisziplinen Archiv- und Quellenkunde sowie Archäologie bei ihrer Arbeit, wahre Sätze über die HG zu finden.
Die GW ist eine systematische Verknüpfung von wahren Sätzen, deren Inhalt das Vergangene im Sinne menschlicher Geschichte (Humangeschichte) darstellt. Das für die GW relevante Vergangene ist nicht die Geschichte der Entstehung der Materie und ihrer Bestandteile, nicht die Evolution des Kosmos, der Galaxien und Sternsysteme wie des Sonnensystems mit dem Sonnenplaneten, den wir bewohnen, nicht die Evolution der Organismen bis hin zur Entstehung der Hominiden und auch nicht die Evolution der Hominiden bis zur Entstehung des Homo Sapiens. Der Inhalt der wahren Sätze der GW muss von schriftlichen oder mündlichen Quellen belegt sein. Deshalb muss die GW die Anfänge der HG mit den frühesten Aufzeichnungen in Keilschrift markieren, die die Sumerer anfertigten. Völker, die keine Aufzeichnungen über ihre historischen Taten hinterlassen haben, sogenannte schriftlose Völker, sind daher kein Gegenstand der GW, sondern Gegenstand der Ethnologie, die ihre Geschichte per Analogie heute lebender schriftloser Völker rekonstruiert. Dieses Verfahren muss wegen des Mangels an historischen Belegen im Ungefähren bleiben und führt nicht zu Wissen im Sinne des Wissens der GW.
Nur der Mensch gibt sich und seinesgleichen Namen, er ist das namengebende Tier. Mit dem Namen wird er gerufen, und er spricht den Nachbarn mit Namen an, denn er vertraut ihm und ist ihm Freund, er beschwört den Namen des Feindes, den er fürchtet und bannen will, er flüstert den Namen des Herrschers, vor dem er sich verbeugt und auf dessen Gnade er hofft, er ruft den Sklaven mit seinem Namen, auf dass er ihm befehle, er seufzt über sein Weh und jubelt über die Segensfülle vor dem Bild des Gottes, den er mit vielen Namen anruft und preist.
Die Zugehörigkeit zu einer Familie, einem Clan, einer Gruppe und einem Volk (genealogische Einheit = GE) wird durch Verleihung des Namens symbolisch ausgedrückt. Die Überlieferung des Namens einer Familie oder Gruppe ist der rote Faden, der sich durch die Geschichte spinnt. Zahllose Fäden dieser Art schlingen sich mit- und umeinander, verknäueln, verknoten und lösen sich. Die Abfolge der Generationen, die Tafeln der Stammbäume, die Genealogie steht am Anfang der GW. Die Geschichte einer GE endet, wenn der Name aus dem Gedächtnis der Geschichte getilgt oder allmählich vergessen wird.
Namen sind die frühesten und wichtigsten Quellen der GW: Erst der Fund der Gravur des Namens David in Jerusalem hat die Existenz und Datierung des Königtums bezeugt. Erst die namentliche Unterschrift besiegelt die Echtheit des Dekrets, des Gesetzes, der Bulle. Und erst für die Glorifikation des großen Namens werden Feinde besiegt, Reiche errichtet, Throne zerschmettert.
Wer sich und seinesgleichen Namen gibt, ist nicht nur der Sprache mächtig, sondern auch seiner selbst bewusst – in beiderlei Sinne: Er ist seiner Wahrnehmungen, Erlebnisse und Handlungen bewusst, und er will selbstbewusst das enge Gehäuse seiner Lebensfrist öffnen auf ein Bleiben in der Zukunft. Er weiß, er wird sterben und mit seinem Leib wird sein Name vergehen. Deshalb gibt er den Namen an seine Kinder weiter, deshalb baut er Haus und Monument, deshalb gründet und zerstört er Staaten und Reiche.
Galaxien, Sterne, Mineralien, Zellen, Organismen existieren unabhängig davon, ob wir sie beobachten oder nicht. Sie sind ontologisch objektiv. Sitten und Gebräuche wie Heiratsregeln, Spiele oder das Geld, Rechte und Pflichten, Gesetze und Gerichte, Herrschaftsformen und Verfassungen, Erlasse und Dekrete, alle die menschliche Gemeinschaft konstituierenden sozialen Institutionen existieren nur, insofern sie von Menschen als solche wahrgenommen und anerkannt werden. Institutionen, die ihre Existenz der Wahrnehmung und Anerkennung durch den Menschen verdanken, sind ontologisch subjektiv. Ihre Existenz erlischt, wenn die Wahrnehmung nachlässt und die Anerkennung zusammenbricht.
Wenn ein Paar vor einer gesetzlichen Instanz wie dem Richter, Priester oder Standesbeamten und einbestellten Zeugen seinen Willen zur Ehe bezeugt und durch Zusage, Austausch von Symbolen und Abgabe von durch die Zeugen beglaubigten Unterschriften besiegelt, gilt die Ehe als geschlossen. Wird sie gebrochen, ergeben sich je nach gesetzlicher Vorgabe mehr oder weniger einschneidende Folgen wie Ächtung, Eigentumsverlust und Verlust des Sorgerechts an den Kindern. Weil das Institut der Ehe nur kraft Anerkennung durch die Gemeinschaft existiert, stellt es naturgemäß eine ontologisch subjektive Gegebenheit dar. Dennoch können die Auswirkungen und Wandlungen dieser sozialen Einrichtung über kurze und lange Zeiträume hin objektiv betrachtet und analysiert werden. Genau diese objektive Betrachtung und Analyse ist die Aufgabe der GW, die auf den Erwerb von historischem Wissen und die Erweiterung ihres Wissensbestands um wahre Sätze strebt. So kann der Historiker in den Archiven von Kirche und Amt die Genealogie der Namen im Medium des Instituts der Ehe an den Registern verfolgen. Diese Register mit Datierung, Namenseinträgen, Stammbäumen und Amtssiegel sind die echten Quellen einer auf Objektivität und Wahrheit zielenden GW. Das Institut der Ehe ist demnach ontologisch subjektiv, aber erkenntnismäßig (epistemologisch) objektiv, weil es den Kriterien der objektivierenden Erkenntnisverfahren der GW offensteht.
Die GW hat kein anderes Interesse als die Wahrheit ihrer Sätze, sie blickt in keine andere Perspektive als die Erweiterung ihres Wissens um wahre Sätze über die HG. Das hindert sie nicht, sondern motiviert sie, die in alle historischen Handlungen eingebetteten Interessen und Perspektiven der zeitgenössisch Agierenden ins Auge zu fassen und objektiv darzulegen. Mit welcher Perspektive überschritt Caesar den Rubikon? Um das von ihm durch Gebiets- und Machtzuwachs in Gallien und der Schweiz angereicherte Imperium zu bewahren und auch auf Kosten eines verheerenden Bürgerkriegs gegen den Senat zu verteidigen. Aus welchem Interesse hat sich der römische Senat mit Pompeius verbündet? Um in dem bedeutenden Militär einen starken Gegner und General der senatorischen Truppen im Krieg gegen Caesar zu gewinnen.
Das Interesse ist neben dem System der subjektiven Annahmen (Glaubenssystem) ein wesentliches Analysandum der GW. Sie fragt: Cui bono? Das Interesse lässt die Entscheidung des unter Handlungsdruck Agierenden zu einer Seite ausschlagen: Sollte Caesar dem Befehl des Senats willfahren und hinfort ein bequemes Rentnerdasein führen, dem Luxus frönen und seine Libido kitzeln, oder sollte er alles auf eine Karte setzen und trotz der anstehenden Mühen und Herausforderungen den Schicksalsfluss überschreiten?
Was für Caesar den Ausschlag gab, ist klar: Bei seiner Herkunft, seinem Charakter und seinen großen Ambitionen stand nur der Weg zum Ruhm offen. Neben dem gewichtigen Faktor des Interesses an der Erlangung von Ruhm (gloria, Verewigung und Vergöttlichung des Namens) und der Ausdehnung der Macht spielte das Glaubenssystem bei der Entscheidungsfindung wohl eine wenn auch aparte Nebenrolle: Glaubte Caesar doch oder imitierte den Glauben an seine mythische Herkunft von der Göttin Venus, die ihm wie dem gemeinsamen Urahnen der Römer Aeneas auf die Glorifikation seiner göttlichen Genealogie verpflichtete. Interessen und subjektive Annahmen (seien es triviale Wahrheiten oder Mythen) sind als Motivatoren und Hintergrundannahmen von hoher Relevanz für die Entscheidungsfindung der historisch Handelnden – und demgemäß ein Hauptthema der objektiven Analysen der GW.
Um die Glaubwürdigkeit von Zeitzeugen bewerten zu können, bedarf die GW eines oft erheblichen Ausmaßes an subtilen Analysen. Der einfachste Fall ist derjenige, bei dem ein Zeuge durch andere Zeugen bestätigt oder widerlegt wird. Komplex sind die Fälle interessegeleiteten Handelns und Redens. An den Extremfällen von Siegern und Besiegten (Opfern) lässt sich das klarmachen: Der Sieger wird den Einsatz von brutalen und unmenschlichen Mitteln zur Erlangung des Sieges leugnen, bemänteln oder als ungewollte Folgeschäden verharmlosen, um sich reinzuwaschen und sein Image als lauterer Herrscher und vertrauenswürdiger Bündnispartner zu wahren. Der Besiegte wiederum wird, wenn ihm die Aufmerksamkeit eines moralisch verfeinerten Publikums sicher ist oder ihn gar Entschädigungen gemäß der Schwere seiner Leiden locken, allen rhetorischen Aufwand bemühen, um das Erlittene mit den grellsten Farben und blutrünstigsten Detailschilderungen zu vergrößern. Hier abzuwägen und die Mitte des Plausiblen und Wahrscheinlichen zu finden ist ein heikles Unterfangen und lässt die GW zu Recht davor zurückschrecken, solcherart ermittelte Sätze vorbehaltlos ihrem Vorrat an wahren Sätzen hinzuzufügen.
Die im eigenen Namen handeln, handeln immer auch im Namen anderer. Der einsame Entschluss Caesars, den Rubikon zu überschreiten, ruft bald die Bildung einer Gruppe von Anhängern hervor, die von sich sagen: „Wir Caesarianer“. Die Feinde in der Senatspartei sagen von sich: „Wir Republikaner“. Der Humus und Fundus solcher Gruppenbildungen ist ein Komplex genalogischer Einheiten (GE): Auf Seiten der Caesarianer der Stamm der alten Gens der Julianer, auf Seiten der Republikaner die Elite der senatorischen Familien Roms. Um diesen engeren Kreis der GE fügen sich zwanglos Mitglieder, die aus je eigenen Interessen und Ambitionen wie Gier nach Geld, Prestige und Macht unabhängig von Verwandtschaftsbeziehungen sich der einen oder anderen Gruppe anschließen.
Was im Jahre 49 v. Chr. am Rubikon geschah, erfüllte seinen Sinn – ist man zu sagen geneigt – im Jahre 31 v. Chr. mit dem Sieg des Octavian in der Seeschlacht von Actium, in der die Bahn zum Prinzipat des Caesar Augustus freigemacht wurde. Indes konnte Julius Caesar am Rubikon mangels prophetischer Gaben nicht antizipieren, was 18 Jahre später bei Actium geschehen sollte. Was Resultat unter anderem seines Handelns im Jahre 49 war, konnte nicht im Sichtfeld seiner damaligen Entscheidung und nicht Motiv seines Handels gewesen sein. Nur Octavian konnte nach seinem Sieg bei Actium post festum den Sinn der Ereigniskette der Jahre 49 bis 31 v. Chr. in der Errichtung des Prinzipats sehen. Das mythisch grundierte Großepos des Vergil feiert eben diesen Sinn und deutet die Inthronisation des Princeps Augustus und die Wiederauferstehung der Sacra Roma aus den Trümmern des Bürgerkriegs als den von der göttlichen Vorsehung verfügten Sinn der Geschichte Roms und der Römer überhaupt. Die christlichen Theologen typologisieren in dem in der vierten Ekloge des Vergil verkündeten Heilsbringer eines künftigen Friedenreiches den Christus und preisen den unter der Ägide des Augustus erschienenen Gottessohn als den endgültigen Sinn der Geschichte, deren Endzeit mit dem Tod und der Auferstehung des Erlösers begonnen hat und deren Erfüllung und Ende mit seiner Wiederkunft gehofft und erwartet wird.
Große Deutungen dieser Art, wie sie im Rommythos oder in der christlichen Heilsgeschichte und Eschatologie vorliegen, muss die GW als Glaubenssystem neben allen anderen Glaubenssystemen gleichmütig betrachten und auf ihre Kraft bei der Entscheidungsfindung und der Motivation der historisch Handelnden im Einzelnen befragen. Sie selbst enthält sich aller Rekonstruktion, die auf die Einordnung des einzelnen Geschehens in einen übergeordneten Deutungsrahmen abzielt, der selbst nicht durch die Verknüpfung wahrer Sätze im Sinne der GW, sondern durch mythische, religiöse und ideologische Inhalte geprägt ist.
Die GW verbleibt in analytischer Askese an der Front der Ereignisse in der jeweiligen historischen Gegenwart, an der die Linien immer wieder aufreißen und die Horizonte offen sind. Sie weiß um die Kontingenz der Ereignisse und der Folgen von Entscheidungen und Handlungen: Caesar hätte stürzen und im Rubikon ertrinken können – die alte Republik und die senatorische Macht hätten sich, gefeiert von geistreichen Ideologen und Propagandisten wie Cicero, noch ein oder zwei Zeitalter gehalten und wäre vielleicht unter dem ersten Ansturm der Germanen untergegangen. Weil der Ereignishorizont der HG keine übergeordneten Zwecke und Sinngebungen aufweist, sondern nur Zwecksetzungen und Sinngebungen, die sich die geschichtlich Handelnden selbst setzen, übt sich die GW je aufs Neue in moralischer und theologischer Abstinenz und zeigt den überhitzten Moralisten und Sinnsuchern die kalte Schulter des analytischen Nihilismus.
Die Sinnhorizonte, welche die GW als Orientierungen, Maßgaben und Motive für Handlungen ermitteln kann, sind diejenigen, die sich die historisch Handelnden selbst gegeben haben und denen sie im Ausnahme-, Konflikt- und Kriegsfalle ihr Eigentum, ihre Zukunft, ihr Leben als Unterfand anheimgestellt haben. Diese von der GW als nicht mehr nachgebendes erzenes Fundament zu ermittelnden Sinnhorizonte erwachsen einem biologisch fundierten, in das Bewusstsein der Handelnden in der Form des Mythos hineinragenden Grund: den Bestand der eigenen Daseinsform zu erhalten, ihre Macht zu vergrößern und mit dem weitesten Horizont an Zukunft zu verbinden. Dabei sind die Daseinsformen vielfältig, steigen aber auf einer Stufenleiter wachsender Komplexität von den herrschenden Familien über die sippenförmigen Gruppen über die durch gemeinsame Kulturtechniken und Traditionen verbundenen Gruppen bis zu Großformen wie Volk, Nation, Staat und Reich auf.
Die stärkste historisch wirksame Motivation ist diejenige, die zu wagemutigen Entscheidungen führt, welche das Opfer des eigenen Lebens und das von Verwandten und Mitgliedern der Eigengruppe in die Waagschale werfen. Hierbei zeigt es sich, dass der Mensch vorgeblich oder wirklich nicht für weltlichen Tand und bloße sogenannten materiellen Interessen zu sterben geneigt ist, sondern für Zeichen und Symbole. Mythische Identitätszeichen stehen für die Einheit, Geschlossenheit, Verschworenheit und Loyalität einer Gruppe und ihrer Mitglieder. Wie tief diese Zeichen in das dunkle Erdreich der Frühgeschichte reichen, lässt sich an der Bezugnahme der meisten alten Wappen- und Gruppenidentitätszeichen auf das Tierreich ablesen. Die römischen Legionen und Heere kämpfen um die Präsenz des Legionsadlers, die adligen Herrscherfamilien um die Markierung ihres Territoriums mit dem Löwen, dem Adler, dem Bär oder dem Stier. Florale Elemente wie die Lilien der Bourbonenkönige Frankreichs scheinen schon auf eine verfeinerte Lebensart hinzudeuten. Dass das abstrakte Zeichen des ungegenständlichen, der Tierwelt entrückten Davidsterns in das Zentrum der exotischen Heraldik des jüdischen Volkes aufgestiegen ist, sei als Beleg für die Singularität des monotheistisch definierten Gruppenbezugs am Rande vermerkt.
Die GW klammert methodisch streng jeden Anspruch einer Weltauffassung ihrer Zeitgenossenschaft auf epochenübergreifende Deutung der Geschichte aus den ihr zu Gebote stehenden methodischen Mitteln der Interpretation aus: Die Weltauffassungen ihrer Gegenwart sind der GW wie die Mythen der alten Völker nicht Mittel, sondern Gegenstand der Untersuchung.
Nachdem Alexander durch den Sieg in der Schlacht von Cheironeia die imperiale Überlegenheit des Makedonenreiches über die Griechen unter Beweis gestellt hatte, konnte er im Jahre 334 v. Chr. den großen Feldzug gegen den persischen Großkönig und seine Satrapen in Gang setzen. Die Entscheidung Alexanders hatte zwei Grundlagen: seine Befehlsgewalt als König und oberster Feldherr und der mythische Sinnhorizont, der mit dem Epos Homers um den trojanischen Krieg beginnt und sich mit dem realen Krieg, den die Griechen in den Jahren 490 bis 479 v. Chr. mit den Persern unter den Großkönigen Darius und Xerxes ausfochten, überlagert. Alexander hat sich von Jugend auf mit dem griechischen Kriegshelden der Ilias par excellence, Achill, identifiziert. Achill und alles von Homer in seinem Epos geschilderte Geschehen hatte für den Makedonenherrscher den Rang unbezweifelbarer Realität. So unternahm er als ersten rituellen Akt nach der Besetzung Kleinasiens einen Besuch der Grabstätte des von ihm aufs Höchste verehrten Heros.
Für Alexander und seine Zeitgenossen bildeten demnach die beinahe eineinhalb Jahrhunderte von den Perserkriegen bis zu ihrer Gegenwart ein Sinnkontinuum, eine unabgeschlossene Epoche, deren zeitlich datierbarer Abschluss im Sinnhorizont der historisch Handelnden allererst durch einen Rachefeldzug und die endgültige Unterwerfung des Erbfeindes zu erreichen wäre.
Nur der vom Bewusstsein der Zeitgenossen geprägte Begriff von Epochen und zeitlichen Perioden, die mehrere Generationen und viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende, überbrücken können, ist nach seiner genauen Klärung und Analyse ein methodisch korrekt verwendbarer Begriff der GW. Die gilt naturgemäß auch von Epochenzuschreibungen, die in der Gegenwart von Gruppen vorgenommen werden, die ihr Dasein als Mitglieder ihrer Gruppe auf mehr oder weniger weit zurückdatierende Ursprünge zurückführen. Klerus und Laien der Römisch-Katholischen Kirche leben unter einem Sinnhorizont, dessen zeitliches Ausmaß etwa zwei Jahrtausende zurückreicht.
Die GW hat nichts weiter zu tun, als diese von den historisch Handelnden ausgeprägten Epochen- und Periodenbegriffe in Hinsicht auf formale Richtigkeit bei Datierungs- und Definitionsfragen zu klären und ihrem methodisch-begrifflichen Thesaurus ohne inhaltliche Modifikationen gutzuschreiben.
Sein Start war schon – pardauz – dahingestolpert. Als hätte müssen der Regisseur persönlich den Engelzwerg mit einem Klaps auf den auratischen Popo hin auf die Bühne schubsen – sonst hätt er wohl gekniffen: „So spanne jetzt die Flügel aus!“
Doch die Flügelchen, sie klemmten, waren wie verwachsen, gar nicht prächtig ausgereift mit Farben und Finessen wie bei den großen Cherubim. Dann und wann sah man es stäuben von Fädchen und von Flusen, wenn der Engel wider alles Hoffen das trotzige Gefieder nach Hühnerart aufflattern ließ. Und hob nicht ab.
Dann kam die Nacht und kam die Stunde. Und alles wurde still. Die Menschen wurden still und still die Tiere. Ganz leise hob den Schnee ein Seufzen wie bange Menschenbrust. Den schwarzen Samt der Erdennacht durchschnitt das Leuchten eines Sterns. Oder war es fern das Sicherinnern eines süßen Lieds, das jetzt mein Engel sang?
Als Großmama im Sterben lag, flüchtet der Bub sich hoch unters Dach in die stickige Besenkammer und schmiegt die Wange in die Hand. Hört er es einmal nicht heimlich rauschen, rauschen lieb und lind? Kommt es nicht aus jener trüben Ecke, wo die Besen schlafen?
Es war der Wind, der kosend sich verfing in einen hellen Federflaum wie eines Engels Flügel. Und in dem abgetanen Federzeug verbarg sich jetzt ein scheues Nest von zwitscherheißen Schwälbchen. Ach lebten wohl sie für den Engel fort!
Der Traumlotse
Gedichte für Andrzej Wajda
Der Traumlotse
Gedichte für Andrzej Wajda † 9. Oktober 2016
I
Wehmut,
eines Waldhorns Echo im Traum,
überwölkt mein Land.
O gib mir den Schatten,
der spricht!
So nimm, was mir blieb:
vom Abend die Trauer,
vom Haar die Asche.
So nimm, was mir lieb:
der Nächte Geduld,
den Hauch pflück vom Mund.
O gib mir den Schatten,
der spricht!
II
„Durch das Schneelicht der Birken,
die sogen Honig und Traum,
ruf ich nach dir.
Weiße Asche liegt ausgestreut.
Aus dem Gewieher der Pferde,
die Hufe blitzten ins Herz,
ruf ich nach dir.
Schwarzer Schädel liegt augenlos.
Aus dem grünen Seufzen des Teichs,
da Sehnsucht dem Gärtchen entquoll,
ruf ich nach dir.“
„Hier, mein Kind, ich bin hier.“
III
Zigan, du spiele voran.
Jude, schmück deine Bude.
Pope, küsse das Buch.
Maria ist die Rose.
Maria ist die Lilie.
Fremde Macht
hat mich behaust.
Heimat schöpft mir
Mund und Faust.
Ich lade euch zu glänzendem Tisch.
Ich blühe rot und weiß,
ich blühe in Rosen und Eis.
Fremde Macht
hat mich entfärbt.
Flamme und Schnee
hat mich beerbt.
Ich leuchte im Birkenbaum.
Dem Leben die Bleibe.
Den Toten der Traum.
Maria ist die Rose.
Maria ist die Lilie.
Zigan, du spiele voran.
IV
Was tagt mir in der Trauernacht?
Wer hebt die Hingesunkene auf
am Grabmal des Sohnes
und sieht durch den Schleier?
Das Licht im Lächeln des Enkels,
die Hand, die treu blieb, die Hand.
Die Lilien Hymnen.
Die Rosen Grüße.
Gebete geläuteter Glocken.
Oben das Licht der Wolke.
Unten, durchzuckt
von grünen Blitzen,
der Fluß.
V
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
Die entschwebten wie Atem im Frost.
Die im Morast erstickten.
Die unter der Peitsche schwiegen.
Die an durchlöcherten Mauern seufzten.
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
Die warteten bis in das Grab
auf den Vater, den Sohn, den Bruder.
Die sich vor dem Gitter küßten,
das den Pfad ans Ufer versperrte.
Die in den Abwasserkanälen blind wurden
an der Gärung des Bösen.
Denen der Wald sein grünes Geheimnis
in einem trockenen Knall für immer verschloß,
als stumm sie niederknieten.
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
VI
Schnee unterm Schlitten knirscht:
Tau wird kommen, wird frommen!
Ihr kaut schläfrig am Herd
ledernen Reim.
Glut unter der Asche sprüht:
Wahnhunde hecheln über das Land!
Euch biegt Abendwind
wie dürres Gras im Ried.
Keim unterm Steine seufzt:
Blitz wird ritzen, wird retten!
Ihr schwitzt unter Masken
alten Mummenschanz.
Mein Adler schreit im Zenit:
Träume bleichen, Wolken weichen!
Ihr webt der Wehmut
fahles Gespinst.
Schnee unterm Schlitten knirscht:
Tau wird kommen, wird frommen!
VII
Als Messias habt ihr
flimmern sehn
den Helden aus Gips.
Beim ersten Regen
zieht er Schlieren,
erblüht sein Aussatz.
VIII
Wozu lieh ich dir
die edlen Gaben?
Die Hand – sie zu reichen.
Die Zunge – wahr zu sprechen.
Das Auge – den Horizont zu trinken.
Das Ohr – den Anruf zu hören.
Den Mund – die Stirn zu küssen.
Das Herz – tapfer zu sein.
Wozu, sag mir, wozu?
IX
Das gemeinsame Leben spielt hell
um die hellste Abwesenheit,
das Gedenken der Toten.
Die Liebe pflückt ihren Sinn
mit den ärmlichsten Blumen
vor dem beschrifteten Stein.
Die Kunst beugt sich
ins Schlichte zurück,
ein kniender Engel.
Was ist mir das Leben,
wo irrt meine Liebe,
wozu mir die Kunst?
Wo – wo sind meine Toten?
X
Die dunkle Süße blieb
verborgen in der Frucht.
Sie riss ein Sturm herab.
Die Seele, die im Händedruck
geschieht, blieb unsichtbar
im grobgekörnten Film.
Das Nachbild schattenleisen Glücks
überblenden
scharfe Wahnkristalle.
Der ernste Denkstein
schmilzt dahin
im blinden Mond.
XI
Meine schlanken Birken schweben.
Meine hellen Lieder heben
dein Herz aus dem Schlaf.
Masken schimmern auf den Wegen.
Meine schönen Töchter legen
sich warm an dein Herz.
Flocken flüstern, Blüten schwingen.
Meine dunklen Lieder singen
dein Herz in den Schlaf.
XII
Das Schilf erschauert weich –
das Wasser wiegt dich leicht,
die Liebe macht mich schwer –
wir sinken gleich bei gleich.
Wir halten uns mit Blicken –
der Abschied macht mich schwer,
die Liebe macht dich leicht –
Mund will an Mund ersticken.
Wir sinken gleich bei gleich –
ich kaure in den Klüften,
du löst dich in den Lüften –
das Schilf erschauert weich.
XIII
Vorübergehend an den Sehnsuchtsblicken,
beim stummen Winken aus erloschnem Fenster,
seid ihr geschwisterlich einander näher,
als Wand an Wand behauste Nachbarn sind.
Der viel geküsste Brief mit den umrankten Silben,
den treue Herzen durch verwaiste Zonen trugen,
bringt aus der Ferne euch die Seele näher
als flüsternd Mund an Mund getautes Liebeswort.
XIV
Dahingemäht
die Blüte der Jugend –
die Helden ohne Grab.
Knirscht nicht der Kies auf dem Wege
von unverhofften Schritten?
Glimmt zwischen den Ähren der Mohn nicht
wie Kosen von ehedem?
Die Trauer beschmutzte die Schmach,
Bruder den Mörder zu nennen.
Ruft aus dem Geläute des Abends nicht
der Geliebte mit Namen dich an?
Funkelt nicht über dir, gebahrt unter Linnen,
dem du entgegengeweint, der Stern?
Dahingemäht
die Blüte der Jugend –
die Helden ohne Grab.
XV
Der Schleier verhüllt meinen Gram
um all die vergessenen Namen.
Am Ginster rupf ich Blüte um Blüte
für all die vergessenen Namen.
Liebe ruft mich in die alte Nacht.
Liebe ruft euch in den jungen Tag.
Ich hock, das Mütterchen mit dem Korb
voll Veilchen, an der Kirchenpforte.
Die Kinder trippeln herbei, sie
zu flechten in das Haar der Braut.
Liebe ruft mich in die alte Nacht.
Liebe ruft euch in den jungen Tag.
__________________________
Diese Gedichte entstanden im Auftrag der Anja Krug-Metzinger Filmproduktion im Rahmen der Produktion eines Radiofeatures für den WDR3 (Redaktion: Gisela Corves) mit dem Titel „Der Traumlotse. Das Kino des Andrzej Wajda“ und eines Dokumentarfilms für ARTE (Redaktion: Mechtild Lehning) mit dem Titel „Der Traumlotse. Das Kino des Andrzej Wajda/L’aiguilleur des rêves. Le cinéma d’Andrzej Wajda“ über den Regisseur Andrzej Wajda. Eine Auswahl der Gedichte findet Eingang jeweils in das Hörstück und den Film.
Das Radiofeature wurde am 8. Dezember 2012 um 12.05 Uhr und am 9. Dezember 2012 um 15.05 Uhr auf WDR3 ausgestrahlt. Der Dokumentarfilm wurde von ARTE in der Reihe Kulturdokumentation am 6. Februar 2013 um 22.30 Uhr ausgestrahlt. Eine Wiederholung läuft auf ARTE am 26. Februar um 3.30 Uhr.
Nähere Informationen unter:
http://www1.wdr.de/mediathek/audio/feature-depot/index.html
http://www.krug-metzinger.de/site/index.html
Einfaches Lied
Du bist die herrlichste der Rosen.
Was wäre mir heißerer Sporn
als der mich ritzt, dein Dorn?
Du bist die blondeste der Sonnen.
Was blendete mich mit lieblicherem Gram
als Liebe, die ging und nicht kam?
Du bist das süßeste der Lieder.
Was siegelte mir milder den Mund
als Küsse, die Abschied geben kund?
Die Rose des Gedichtes duftet nicht
Die Rose des Gedichtes duftet nicht –
und dennoch mag sie uns betören,
wenn kühn erwählt von zarter Hand
ihr warmgeküsster, ihr mit hergezählten
Tränen reich beperlter Schein –
wenn aus alten Verses gläsern-weichgebognem
Kelch ihr junges Haupt aufragt.
Die Rose des Gedichtes leuchtet nicht –
und dennoch mag sie uns bedeuten
nicht ganz erloschner Liebe
fernes Wehmutwinken –
die wehe Purpurröte
Blatt an Blatt entflammter Seele,
die durch ihres sanften Niederbrennens
Opferglut vertröstet und verzögert
die große Nacht, die rosenlose tote.
Die Rose des Gedichtes welkt nicht hin –
und dennoch mag sie uns betrüben
mit ihrem süß verschwiegnen Sein,
ihrer herzlos verprassten, kühlen Pracht.
Uns belebt der Wunsch, sie zu entblättern
und wie Tropfen Opferbluts
auf die Schwelle hinzuschütten
das fahle Licht des Ideals,
dem letzten Gast zu hohem Gruße.
Poetologisch
Die Birken rauschen nur in dir
und nur in dir ist jene Trauer,
die in ihren schweren Zweigen
scheinbar fällt und fällt.
Die Welt der Dinge, diese Welt,
ist ohne Sinn und Seele.
Der Wind bauscht jene Zweige:
Es bleibt totenstill.
In Tiergesicht und Tiergeheul
kriechst du dir entgegen.
Verweile doch beim Lächeln der Verkäuferin:
Darin bist du dir ganz nah.
Der Dichter mit dem Blatt im Mund
ist ein milder Scharlatan.
Die Äolsharfe sagt es dir nicht:
Zittert sie von Engelshauch,
ist es die Wolke Mäusedreck,
die ein Penner warf?
Hefewanst und Silberblick
Hefewanst und Silberblick
sind das Paar der Wahl.
Ist ihm Kopf und Seele kahl,
unterm Wanste liegt ihr Glück.
Silberblick und Hefewanst
pflogen hohen Ton:
„Deine Rose schwimmt ja schon!“
„Zeig mir, ob du tauchen kannst!“
Hefewanst und Silberblick
trieb es in den Wald.
Was da durchs Gehölze knallt,
ist ein rotes Strindbergstück.
Hefewanst und Silberblick
wollten nicht mehr sein.
Ihm platzt treu das Wänstelein.
Sie gähnt – und macht die Nägel schick.
Hasenfuß und Nimmersatt
Hasenfuß und Nimmersatt
sind das Paar der Wahl.
Was er ihr bei Rewe stahl,
macht die Bettwurst nimmer satt.
Hasenfuß und Nimmersatt
sind sich fiedelbumm.
Er liest ab ihr seelendumm,
was sie auf den Lippen hat.
Nimmersatt und Hasenfuß
trieb es in den Wald.
Klopfen seine Schläfen bald,
blitzt sie dem Blau des Arsches Gruß.
Hasenfuß und Nimmersatt
wollten nicht mehr sein.
Er hackt brav ab das Füßelein.
Sie gähnt – und streicht die Haare glatt.
Naseweis und Lotterfee
Naseweis und Lotterfee
sind das Paar der Wahl.
Was ihm hirnlich Qual,
kitzelt ihr im dicken Zeh.
Naseweis und Lotterfee
tun einander gut.
Was ihn reizt aufs Blut,
lobt sie übern grünen Klee.
Naseweis und Lotterfee
trieb es in den Wald.
Es durchstöhnt ihn kalt,
während es ihr glüht so weh.
Naseweis und Lotterfee
wollten nicht mehr sein.
Er sticht brav das Äderlein.
Sie gähnt – und kocht sich Tee.
Epiphan II
Es muss nicht gleich dir Luft
von anderen Planeten wehen.
Ein leiser Wink, ein Hauch genügt,
wenn sich in Silberfäden
der Birke Hochgefühl verpuppt.
Oder vergessner Sage Dunkel
aus dem Efeu quillt.
So erfrischt dein Antlitz Regen
wie Freundesgruß das Herz.
Der kühle Kellerdunst aus Most
und angefaulter Frucht
durchschauert dich mit Schlafens-
oder Sterbenswunsch.
Wort- oder Sternenlicht,
die kleine Pfütze Himmel
spiegelt dein Gesicht.
Epiphan I
Da war ein Glanz in jenen Augen,
den Brunnen Weh und Wahn,
der alles Sehnen überblaute.
Zu abgrundschön,
nicht zu enttauchen.
Da war ein Duft um jenen Wink
in eine Rosenstille
sanften Glimmens.
Zu heimwehsüß,
nicht zu vergehen.
Da war ein Licht um jenen Mund,
ein Lächelns-Sog
zu tränenblindem Kuss.
Zu Deutens voll,
nicht zu verstummen.
Lux lucet in tenebris
Der Teddy war durchfeuchtet und aufgebläht.
Seine zerknautschten Ohren, an denen
das Kleine wohlig gesaugt hatte,
lehnten komödiantisch zugespitzt am Grabstein,
auf dem dickliche Putten träumten.
„Im Herzen unvergessen“
stand auf dem fetten Gipsherzen.
Die Kinderleiche nebenan blieb unbedacht.
Gras hatte die Blumen erstickt.
Auf dem fauligen Holzkreuz waren noch lesbar
der Name und die kurze Lebensspanne.
Jenen anderen wurde von Untermenschen
das Grab verwehrt.
Ihrer sollte ganz und gar nicht gedacht werden.
Sie verendeten als kollektive Asche,
ineinander vermengt wie die Gebisse, Haare, Schuhe,
von denen sie zu rechter Zeit entsorgt wurden.
Und jene, sag mir, jene, die jenseits der Asche
geheiligt ward,
auch sie wegen des Stigmas ihres Bluts verbracht
wie die anderen alle,
vollendete sie, wie ihr Letzter Wille bekundet,
den Kreuzweg, der sie ad orientem geführt,
und starb in das Kreuz des Heils hinein?
Oder ist sie geheiligt, da sie Asche bei Asche
der Erlösung entsagt hat?
Lux aeterna luceat eae.
Der Exodus, der wir sind
Wo Frucht und Brut und Zucht
den Reigen bilden,
heute, morgen, immerdar –
wie taucht das Auge tief in Wolkenlandschaft ein
und tiefer lauschen Waben zum Gewürm.
Das Ohr saugt frischen Ton
aus sterbedünnem Hüsteln.
Der Mund erkaut sein Recht
aus Mulch so abgelebten Tags.
Wie überleckt der Silberfaden
die Schatten späten Laubs
mit den Gespinsten tödlich-schön.
So sammeln sich in Sinneshöhlen
mit Blicken, Tönen, Düften
die Honigbröckchen Ewigkeit.
Wie Tier und Tier einander
in Paarung sterben,
sich im Sterben paaren.
Und du und ich, wir sind dem Kreis enthoben,
vom Reigen abgetan, der selbst sich leert und füllt,
dem Herzen ausgerissne Wurzel des Gesangs.
Wie erborgte und geraubte Dinge
schmuggeln wir die dunklen Worte
als zugesagte, als versagte Zeichen
durch das Dickicht hingelebter Augenblicke
bis zur Grenze, die uns stetig flieht.
Späte Lockung
Mir war danach, dich zärtlich anzustupsen,
zu schaun, ob du mir zugeneigt.
Ich weiß, vom graden Weg dich wegzuschubsen,
die Weichheit meiner Küsse übersteigt.
Und bist du auch ein Ausbund blonder Tugend,
der nie ins Herz sich blicken lässt –
in meine Gärten lockt der süßen Jugend
Gesang zu ausgelassnem Fest.
Bei Büschen wilden Flieders will ich dir stutzen
der Altersweisheit rauhen Bart.
Mit frischer Zunge werd ich deine Ohren putzen,
dann wirst du willig, wirst du zart.
Südfriedhof, Frankfurt am Main
Auf dem Friedhof unter milder Birke
raschelst Denkens scheu du mit der Zeitung.
Die Bank aus Holz, mit Flechten überleckt,
ist hart. Dein Herz, ein Totenlicht, ist weich.
Es kommt dir vor, als lauschten groß die Toten
rings in dich hinein, ob sie die Stelle fänden,
des Widerhalles Wunde für ein Klagen.
Sie finden deine frauliche Geduld.
Dir ist, als pulse deine Einsamkeit von
Stimmen, Summen, Singen, süßem
Lispeln, Seufzen, angelischem Diskant
von einem Kind, das jüngst verstarb,
von einer Kind-Geliebten, die wohl,
das Haupt von warmen Segenshänden
gewiegt, entschlief. – Du wandelst,
unentstellt von Taggedrängen,
du schlenderst leicht und wehmutweich
gehobener, geliebter durch der Gräber
Reihen als in Promenaden, mit eitlen
Rosen hübsch. – Gib dich der Betrachtung
morbider Fühligkeiten hin,
Engelsschmachten, Todesputten, schlecht
verklärten Jesussen, zerbeulten Kränzen
aus Kupfer oder Blech. – Und schau
und lies und murmle innig vor dich hin
die alten Trost- und Heilungssprüche.
„Habe keine Furcht, ich bin mit dir.
Weiche nicht, ich bin dein Gott.“
Der dies dem Volk der Völker
gottbegeistert wies – das denke! –,
hat die Schreckensnacht Assurs
erlebt, erlitten. – Du frag einmal:
Wie konnte solcher Rettungsspruch
und über welche Brücken, Dornen-
pfade, Labyrinthe, welche Sprachen,
Zeichen, Wundenmale zu uns,
zu dir, zu mir gelangen? Tropft solcher
Spruch nicht wie der Tropfen, den
Abraham wohl nicht verwehrt, dir in die
Herznacht, deiner Liebe Wunde?
Frage nicht – schau
Du fragst und zwinkerst dabei fein
und spitzbübisch mir zu:
Wieso ich heiter könne sein
bei später Stunde blauem Schein.
Fiel nicht die Türe zu?
Du, Liebe, frage nicht mehr – schau
mit liebefeuchtem Blick:
Ein Käfer leckt den süßen Tau,
ein Stern erglimmt im Abendblau.
Uns nährt ein stilles Glück.
Die Tiburtinische Sibylle
Frei nach der Legenda Aurea und dem Kapitel
„Das Gesicht des Kaisers“ aus dem Buch
„Die Wunder des Antichrist“ von Selma Lagerlöf
Ein schwarzer Brocken ragt der Berg
der Götter in die ungeheure Nacht,
die hat nicht Augen, hat nicht Ohren,
Sterngefunkel nicht und auch nicht
des Tibers dunkles Rauschen. Mit Angst
ist alles übertüncht, verhängt, erstickt,
wie Totenzimmer sind mit schwarzem Samt.
Der Kaiser flieht den Schlaf. Er wälzt sich
unter seidnem Tuch, er reißt die Augen auf,
ihn ängstet vor den grauen Traumgesichten,
die seiner harren Nacht um Nacht gleich
Harpyien, die edle Speisen, vor ihm aufgetischt
in goldnen Schalen, mit bösen Schnäbeln
wild zerhacken und verschlingen und ihn selbst,
des Reichs erhabnen Kaiser, ihn Augustus,
mit ölig-weichem Kot besprühn
zum Ekel seiner und des Hofes Abscheu.
Er muss, was ihm gebührt, den Ruhm,
den Glanz, die Ehre eines Gottentsprungnen,
dem Reiche neu verkünden und sich selbst
durch höchste Weihen für alle Zeiten
dem Hohn, dem Todverfallensein
entziehn. So windet er sich zittrig
aus dem Schlaf und heischt die Sänfte
für den Schicksalsgang zum Kapitol.
Das Opfer seinem Genius, das edle Paar
von weißen Tauben, hüllt er innig-müd
unter die Toga mit den Purpurstreifen.
Schlaftrunken gurren sie im Weidenkäfig,
er presst ihn an das Herz – und lauscht.
Wie ist die Nacht so still, es regt sich
kein Wind, so stumm, als wär der Fluss
verebbt, so finster, als wär das Firmament
in eine See aus schwarzem Teer getaucht.
Er fragt den Opferpriester, der ihm folgt
mit einem Reisigbündel und der Fackel,
was diese Nacht von andern Nächten scheide.
Der Priester hält die Fackel ans Gesicht:
„Ein Zeichen ist die Starre allen Lebens,
die Leere dieser Nacht ist selbst von Göttern
betretbar nicht und nicht erfüllbar.
Es scheint, als atme sich der alte Äon aus,
den neuen zu benennen weiß ich nicht.“
Am Gipfel finden sie das Rasenstück
am harten Fels, wo lange vorbedacht
der Tempelbau für seinen Genius.
Hier will der Kaiser just in dieser Nacht
den hohen Geist in ihm, der durch das
Labyrinth des Bluts an jeden Anfang reicht,
zum Segen zwingen mit der Opferung
und dem Gebet. Doch was ist dies?
Gelehnt im Dämmer an die Felsenmauer,
statuenstarr der schwere Leib der Frau,
ins Riesenhafte mit dem Stein verwachsen,
die Züge ganz verwittert, der Haare
graue Asche ins Gesicht geweht.
Sie scheint zu schlafen, träumt sie?
Doch träumt sie nicht, Sibylle sieht.
Sie blickt in fernen Horizont der Nacht
auf ärmliches Gefild am Grenzsaum
des Imperiums: Hirten sind geschart
mit ihrem Vieh um den fahlen Schein
der letzten Glut. Doch neben Lamm
und Schaf sind dort nicht ausgestreckt
in sanftem Ruhen Schakal und Wolf?
Da erstrahlt mit wunderbarer Macht
ein Stern, der bannt sie. Und sie wandern.
Doch der Kaiser muss sein Opfer bringen,
und er fasst den weißen Täuberich:
Der glatte Vogel gleitet aus der Hand
und schwingt sich in die dichte Nacht.
Kraftlos sackt die Hand des Herrschers
in den Schoß. Und der Kaiser krümmt sich.
Sibylle schaut: Um den weißen Stern, der
kometenhaft sich bauscht, erscheinen
von überallher weiße Engelscharen,
die mit zaubrischem Gesang ihr altes
Herz verjüngen. Die Wesen kreisen, flattern,
ihr Gesicht ist mildes Lächeln und ihr Haar
ein goldnes Blitzen durch die weite Nacht.
Das zweite Täubchen greift die schwere Hand
des Kaisers: Er will es, muss es halten,
der Priester senkt die Fackel schon und
murmelt sein Gebet. Die Hand bleibt schlaff:
Die Taube schwirrt nach oben in das Freie.
Augustus bricht in die Knie, schuldbewusst.
Da wendet sich mitleidig die Prophetin
dem Elend dieses Kaisers zu und hilft,
die Greisin hilft dem Herrscher auf
und spricht: „Augustus, Herrscher bist du wohl
in dieser heiligen Stadt, in dieser Zeit.
Doch was ich dir jetzt zeige, das ist größer
als die Größe deiner Macht und deines Reichs.“
Sie zeigt nach Osten, und auf einmal bricht
durch die bange Stille Rauschen, es singen
unverhofft die Vögel, die Winde säuseln
und im hohen Rund erstrahlen Stern und Stern.
Nun flattert rings das Paar der freien Tauben
und setzt sich links und rechts ihm auf die Schulter.
Vom Kaiser fällt jetzt ab das Grauen,
und heiter wird sein Sinn, er sieht,
wohin Sibylle zeigt, er sieht am Himmel
das hohe Bild der Jungfrau mit dem Kind.
„An diesem Ort“, Augustus spricht,
„will ich zur Heiligung und zum Gedenken
einen Altar uns stiften und ich heiße ihn
ara coeli, denn was des Himmels,
nur dem gebührt die Ehre und der Ruhm.“
Im Schatten schlafen
Die Glocken heilen nicht, sie schmerzen
mit der Erinnerung hohlem Klang.
Das Bild des Menschen starrt vor Rissen,
verblasst von so viel Licht.
Die Blüten lindern nicht, sie blenden
wie Schnee entblößter Haut.
Die holden Namen sind verblutet,
zernagt von Liebesgram.
Im Schatten schlafen wäre besser,
beim Schnarchen tierwarmen Glücks.
Doch wär es ja am allerbesten,
niemals erwacht zu sein.
Hohe Einsamkeit
Ein Messer ritzt der Schwalbe Schrei
die hohe Einsamkeit.
Die Himmelstafel zeichenlos.
Die Rätsel abgewischt.
Das Machwerk Mensch im Abendblatt
durchstöbert lasch der Wind.
Ich denke keinen, denke mich
sehr fern am Tagessaum.
Ich fühl hinab, bin goldnes Laub,
bin Dung dem Rosentraum.
Ein Messer ritzt der Schwalbe Schrei
die hohe Einsamkeit.
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