In hoher Nacht
O hohe Nacht,
und die dort glüht
wie feuchter Mond,
die Träne –
Was dort glüht
in samtner Pracht,
ist kein Mond
der hohen Nacht –
Was dort glüht
in hoher Nacht
wie feuchter Mond,
die Träne.
Triolett von der Wolke
Über uns schwebt die Wolke, das Wort,
wir liegen still und sterben im Freien.
Wir hören ein Singen an jenem Ort,
über uns leuchtet das heilige Wort,
in blauer Leere blühtʼs immerfort,
es hüllt unseren Traum in sein Schneien.
Über uns schwebt die Wolke, das Wort,
wir liegen still und sterben im Freien.
Triolett von den Lichtspänen
Zerrupfte Blüten, Saum aus Blut,
zerklirrtes Glas, goldgrüne Blitze,
das Wort spritzt hoch aus Geistes Glut,
zerrupfte Blüten, Saum aus Blut,
das Wort brennt auf der Tränenflut,
glimmt bis in Ginsters Zungenspitze.
Zerrupfte Blüten, Saum aus Blut,
in Spänen Lichts goldgrüne Blitze.
Triolett auf mein Wort
Küß, mein Wort, die Lilien wieder,
Wort, der Schmerzen weißer Schleier.
Schwäne, spreitet das Gefieder
auf den Schmerz der Lilien nieder.
Wort so alt, erblühe wieder.
Schwäne, trinkt aus meinem Weiher.
Schnei, mein Wort, auf Lilien nieder,
Wort, der Schmerzen weißer Schleier.
Triolett vom zarten Schmerz
Das grüne Glas des Abendhimmels tönt,
ein zarter Schmerz, die weiße Anemone,
der laue Wind hat dein Gesicht verwöhnt,
das grüne Glas des Abendhimmels tönt,
der Abend hat den zarten Schmerz versöhnt
mit eines Waldhorns dunklem Tone.
Das grüne Glas des Abendhimmels tönt,
ein zarter Schmerz, die weiße Anemone.
Triolett vom dichterischen Wort
Von Wellen Schaum, der Wolken Blau,
der schlanken Ähren goldnes Flirren,
ein Wimpernzittern von der Frau,
ein Wogen-Grün, ein Schiefer-Grau,
der Augen Rätsel schenkt der Pfau,
so kann das Wort durch Strophen irren.
Von Wellen Schaum, der Wolken Blau,
der schlanken Ähren goldnes Flirren.
Triolett vom Dung
Im Urschlamm zeugt der Geist in Atemblasen,
die sich als Blüten öffnen oder Augen.
Der Dung ist geistlos, stinkt von üblen Gasen,
er ist der Tod feingliedriger Ekstasen.
Der Dung der Sprache sind die Stinke-Phrasen,
an denen augenlose Würmer saugen.
Im Urschlamm zeugt der Geist in Atemblasen,
die sich als Blüten öffnen oder Augen.
Triolett von Seele und Phallus
„O Seele, wenn du singst, kann ich nicht schäumen.“
„O Phallus, wenn du stehst, kann ich nicht singen.“
So muß die Seele für den Phallus träumen,
so muß der Phallus für die Seele schäumen,
auf daß sich Gischt und Muschel nicht versäumen,
wird Lebenslied den Liebesschaum durchdringen.
„O Seele, ich singe dich mit meinen Schäumen.“
„O Phallus, ich steh in dir mit meinem Singen.“
Triolett vom Segen
Segenshauch aus kühlem Brunnenmund,
Schmerzenstau, o Rosenlicht-Gedanke,
das Blatt, das Sonnengriffel stach dir wund,
kühlt nun der Segenshauch aus Brunnenmund.
Und nirgends wird gekränkter Geist gesund,
wo sich nicht Rose um den Efeu ranke.
Segenshauch aus kühlem Brunnenmund,
Schmerzenstau, o Rosenlicht-Gedanke.
Triolette vom Hauch
Wir brachen auf aus Schmerz und Stein
zu schlafen unter Blütenhauch.
Wir tranken Traum aus dunklem Wein,
der Schmerz zerbrach den stummen Stein.
Wir brannten, Kerzen am Wunderschrein,
der Schmerz hing über uns im Rauch.
Wir brachen auf aus Schmerz und Stein
zu schlafen unter Blütenhauch.
Wir brachen auf aus Schmerz und Stein
und kehren wieder im Hauch von Blüten.
Wir schrieben mit Griffeln auf totem Bein,
daß Gottes Atem erwecke den Stein.
Wir mußten uns dem Kreuze weihn,
bis Tropfen Blut in Rosen glühten.
Wir brachen auf aus Schmerz und Stein
und kehren wieder im Hauch von Blüten.
Triolett von den Kristallen
Wie Schneekristalle langsam fallen
und Tücher reiner Stille breiten,
so möchten keusche Lippen lallen
und Flocken-Worte niederwallen.
Tag und Schmerz und Traum verhallen,
wenn liebe Schatten leise schreiten.
Wie Wortkristalle langsam fallen
und Tücher reiner Stille breiten.
Triolett vom Schaum
Das Wort, das schimmert in der Nacht,
es ist die Nymphe, schaumgeboren,
Stern und Blüte, Träne unbedacht,
es zündet, mündet in die Nacht,
es ist aus Purpurschaum gemacht
und bleibt der Liebe unverloren.
Das Wort, das schimmert in der Nacht,
es ist die Nymphe, schaumgeboren.
Triolette von der Mücke
Dem Andenken an Rainer Maria Rilke
Sie summt im Innern, All ist Schoß,
sie wird nicht stumm vor Todesschatten,
ihr Seelenpunkt ist sternengroß,
sie endet nicht, sie sinkt zum Schoß.
Der Sonnenfaden läßt nicht los,
wenn ihre Flüge sanft ermatten.
Sie hüpft im Innern, All ist Schoß,
ihr zittern keines Traumes Schatten.
Sie tastet süße Tropfen Licht,
wir werfen Worte in die Nacht,
daß Stern gebäre das Gedicht,
erflehen einen Tropfen Licht,
daß Tod und Traum ein Wahres spricht.
Wir sind zum Ewigen erwacht.
Sie tastet süße Tropfen Licht,
wir werfen Worte in die Nacht.
Farai un vers de dreyt nien:
non er de mi ni d’autra gen,
non er d’amor ni de joven,
ni de ren au,
qu’enans fo trobatz en durmen
sobre chevau.
No sai en qual hora.m fuy natz:
no suy alegres ni iratz,
no suy estrayns ni sui privatz,
ni no.n puesc au,
qu’enaissi fuy de nueitz fadatz,
sobr‘ un pueg au.
No sai quora.m fuy endurmitz
ni quora.m velh, s’om no m’o ditz.
Per pauc no m’es lo cor partitz
d’un dol corau;
e no m’o pretz una soritz,
par Sanh Marsau!
Malautz suy e tremi murir,
e ren no sai mas quan n’aug dir;
metge querrai al mieu albir,
e non sai tau;
bos metges es qui.m pot guerir,
mas non, si amau.
M’amigu‘ ai ieu, no sai qui s’es,
qu’anc non la vi, si m’ajut fes;
ni.m fes que.m plassa ni que.m pes,
ni no m’en cau,
qu’anc non ac Norman ni Frances
dins mon ostau.
Anc non la vi et am la fort,
anc non n’aic dreyt ni no.m fes tort;
quan non la vey, be m’en deport,
no.m pretz un jau
qu’ie.n sai gensor et bellazor,
e que mais vau.
Fag ai lo vers, no say de cuy;
e trametrai lo a selhuy
que lo.m trametra per autruy
lay vers Anjau,
que.m tramezes del sieu estuy
la contraclau.
Ich schöpfe einen Vers aus lauter Leere,
ihn bedrückt nicht Lebens Schwere,
für Liebe, für Jugend ohne Kehre
nennt er niemand,
er kam im Schlaf mir in die Quere,
da ritt ich über Land.
Weiß nicht den Stern, dem ich geboren,
ob heil ich bin, ob schon verloren,
hinter oder vor den Toren
fand ich keinen Stand,
mich hat die Nacht heraufbeschworen
an eines Hügels Rand.
Weiß nicht, ob lang ich schlief,
ob lange wachte, keiner rief.
Es erschrak das Herz so tief,
daß es fast entschwand,
doch warʼs nur eine Maus, die lief,
Sankt Martial, deine Hand!
Fühl mich krank, als müßt ich sterben,
weiß nicht, was mich will verderben,
ein Arzt, zu wetzen Wundes Kerben,
ist mir nicht bekannt,
gut wär er, leimte er die Scherben,
schlecht, fräße mich der Brand.
Ein Rätsel liegt in meinem Bette.
Nicht, daß ich sie erraten hätte,
Nicht, daß sie kose oder kette,
hat mich gebannt,
Normannin nicht und nicht Kokette
knüpft auf hier das Gewand.
Nie sah ich sie, doch lieb ich sie,
sie tat mir Recht, mir Unrecht nie,
ihr Fernsein ist mir Poesie,
ihr Bild ist eitel Tand,
weiß eine Schöne mit Esprit,
die ist mir mehr verwandt.
Der Vers steht da, weiß nicht den Sinn,
ich reiche ihn an jemand hin,
der ihn reicht, und so von Anbeginn
bis Anjou – und wieder mir gesandt,
les ich ihn endlich mit Gewinn,
den Schlüssel in der Hand.
Musikalische Interpretation:
https://www.youtube.com/watch?v=UyZCeFl1iI4
Triolett vom Krötengeist
Ihm schwebt der Gott im warmen Laich,
er hockt am Teich der Ewigkeit.
Sein Herz wird wie die Wolke weich,
sein Laich beerbt das Gottesreich.
Wenn Wolken blauen auf dem Teich,
sein Quaken webt dem Mond ein Kleid,
beschwört er hymnisch seinen Laich.
Er sinnt am Teich der Ewigkeit.
Triolett vom hohen Busen
Ein Pflug der Lüfte, eines Seglers Bug.
Der Blicke Halme rauschen, hingemäht.
Kein Durst hat an den Krügen je genug.
Die Träume-Blasen schillern an dem Bug.
Er ist sich Lebensfülle praller Trug,
bis ihn der Gott des heißen Pfeils erspäht.
Das Blau der Luft verdunkelt dieser Bug.
Der Blicke Halme rauschen, hingemäht.
Triolett vom eitlen Fatzken
Es blinkt ihm stets ein Blick zuviel
und surrt einher wie eine Biene,
zu sammeln Honig im Gewühl,
ein Grinsen und ein Blick zuviel
bestäubt der Klatscher Hochgefühl
und wildert in der Kennermiene.
Es ist ein zwinkernder Blick zuviel,
der surrt einher wie eine Biene.
Lanquan li jorn son lonc e may
M’es belhs dous chans d’auzelhs de lonh,
E quan mi suy partitz de lay,
Remembra’m d’un’ amor de lonh.
Vau de talan embroncx e clis
Si que chans ni flors d’albespis
No-m valon plus que l’yverns gelatz.
Be tenc lo Senhor per veray
Per que formet sest’ amor de lonh,
Mas per un ben que m’en eschay
N’ai dos mals, quar tant suy de lonh.
A! quar no fuy lai pelegris,
Si que mos fustz e mos tapis
Fos pels sieus belhs huelhs remiratz!
Be’m parra joys quan li querray,
Per amor Dieu, l’ostal de lonh,
E, s’a lieys platz, alberguarai
Pres de lieys, si be’m suy de lonh,
Qu’aissi es lo parlamens fis
Quan drutz lonhdas et tan vezis
Qu’ab cortes ginh jauzis solatz.
Iratz e dolens m’en partray,
S’ieu no vey sest’ amor de lonh.
No’m sai quora mais la veyrai,
que tan son nostras terras lonh.
Assatz hi a pas e camis,
e per aisso no’n suy devis.
Mas tot sia cum a lieys platz.
Jamai d’amor no’m jauziray
Si no’m jau d’est’ amor de lonh,
que mielher ni gensor no’n sai
ves nulha part, ni pres ni lonh.
Tant es sos pretz ricx e sobris
Que lai el reng dels Sarrasis
fos hieu per lieys chaitius clamatz.
Dieus que fetz tot quant ve ni vay
E formet sest’amor de lonh
Mi don poder, que cor be n’ai,
Qu’ieu veya sest’amor de lonh,
Verayamen en luec aizis,
Si que las cambras e’l jardis
Mi resemblo novels palatz.
Ver ditz qui m’apella lechay
e deziros d’amor de lonh,
que nulhs autres joys tan no’m play
Cum jauzimen d’amor de lonh.
Mas so qu’ieu vuelh m’es tant ahis,
Qu’enaissi’m fadet mos pairis
Qu’ieu ames e nos fos amatz.
Wenn Mai erhöht des Tages Schein,
tönt schön mir Vogelsang von ferne,
und bin ich dann mit mir allein,
gedenk ich wohl der Liebe der Ferne.
Und geh gedrückt wie in der Nacht,
Gesang und Weißdorns Blütenpracht
hat Winters Kälte überblaut.
Ist meines Gottes Geist auch rein,
der mir gepflanzt die Liebe der Ferne,
so reicht er mir für jeden Wein
zwei Gläser Essig: Ich sei ferne.
Wär ich zum Pilger nur gemacht,
dann hätte Stab und Pilgertracht
ihr schönes Auge angeschaut!
Sie wird der Zuflucht Freude sein,
du Gott der Liebe, ich komm von ferne,
ich darf, will sie, ihr Gastfreund sein,
ihr nahe, komm ich auch von ferne,
Geplauder nun dem Liebsten lacht,
den Liebe hat so nah gebracht,
wo freudig-hoher Sinn erbaut.
Mich wird betrüben harte Pein,
erblick ich nicht die Liebe der Ferne.
Ob je mir gilt ihr Augenschein,
wer weiß, die Länder sind so ferne.
Ich hab die Wege nicht bedacht,
und all die Stätten, unbewacht.
Doch alles sei ihr anvertraut.
Nie wird die Liebesfreude mein,
es sei denn Liebesfreude ferne,
ich kenne keine so schön und fein,
an keinem Orte, nah und ferne.
So reich ist ihrer Seele Fracht,
daß unter Sarrazenenmacht
ich gern als Dieb würd angeschaut.
Gott, der schuf der Wesen Sein,
er schuf auch diese Liebe der Ferne,
o laß die Kraft ins Herz hinein,
damit ich sehe die Liebe der Ferne
ganz nah, von Anmut überdacht,
als wären Kammer und Gartenpracht
mir zu Palästen neu erbaut.
Wahr spricht, der dieses Lechzens Pein
und Sehnen nennt die Liebe der Ferne,
denn keine Freude scheint mir so rein
wie die Freude an der Liebe der Ferne,
doch ist mein Wünschen ohne Macht,
die Feinde haben es vollbracht:
Mein Lieben findet keine Braut.
Musikalische Interpretation:
https://www.youtube.com/watch?v=3aw_dY3-MmU
Triolett vom kleinen Geist
Er scharrt und pickt die windgesäten Samen,
vorm Frost steckt er den Kopf ins Federkleid,
er gackert in die Sonne seinen Namen,
doch hat einmal der Wind verstreut die Samen,
ermattet er, denn seine Flügel lahmen.
Ihm glänzt im Nest kein Ei der Heiterkeit,
und streut der Sommerwind auch frische Samen,
er reckt den Kopf nicht aus dem Federkleid.
Triolett vom hohen Geist
Der hohe Geist durchmißt die Welt
und kehrt in sich zurück und schweigt.
Er wäre fast im Lärm zerspellt,
doch kehrt er heim in seine Welt,
wo Stille sich ihm zugesellt,
und stilles Leuchten aus ihm steigt.
Der hohe Geist durchmißt die Welt
und kehrt in sich zurück und schweigt.
Quan lo rius de la Fontana
S’esclarzis, si cum far sol,
E par la flors aiglentina,
E’l rossinholetz el ram
Volf e refranh ez aplana
Son dous chantar e l’afina,
Dreitz es qu’ieu lo mieu refranha.
Amors de terra lonhdana,
Per vos tot lo cors mi dol,
E no’n puesc trobar mezina
Si non al vostre reclam
Ab maltrait d’amor doussana
Dins vergier o part Cortina
Ab dezirada compahna.
Pus tot jorns m’en falh aizina,
No’m meravilh si n’ai fam,
Quar anc genser crestiana
Non fo, ni Dieus non o vol,
Juzia ni sarrazina.
Ben es selh paguatz de mana,
Qui de s’amor ren guazanha.
De dezir mos cors no fina
Vas selha res qu’ieu pus am,
E cre que’l voler m’enguana
Si cobezeza la’m tol;
Que pus es ponhens d’espina
La dolors que per joy sana,
Don ja no vuelh qu’om m’en planha.
Quan pensar m’en fai aizina
adonc la bays e la col,
mas pueys torn en revolina
perqu’em n’espert e n’aflam,
quar so que floris non grana.
Lo joys que mi n’ataina
tot mos cujatz afaitanha.
Senes breu de parguamina
Tramet lo vers en cantan
En plana lengua romana,
A’N Ugo Bru per Filhol.
Bo’m sap quar gent peitavina
De Berri e de Guizana
S’esjau per lieys e’n Bretanha.
Wenn wieder rinnt und rieselt die Quelle
so klar ans Licht, wie stets sie tut,
wenn dann die Heckenrose glüht,
im Laube singt die Nachtigall,
es schwimmt ihr Lied auf Windes Welle,
der süße Sang, den sie versprüht,
er ruft mir zu, ihm nachzuweinen.
Die Liebe winkt aus ferner Zelle,
mir trinkt der Schmerz vom warmen Blut,
kein Heilkraut kann ich finden,
nur ihres Namens Widerhall,
für süßer Liebe wunde Stelle,
im Garten oder in den Spinden,
für meine Sehnsucht nach der Einen.
Nicht einen Tag kann ich verwinden,
wen wundertʼs, daß ich Hungers lall,
ist sanfter doch auf keiner Schwelle
ein Christenkind, und Gott sei Hut,
nicht Jüdin noch Araberin zu finden.
Wie Manna fälltʼs aus Wolkenhelle
dem Mann, dem ihre Augen scheinen.
Vor Liebesdrang die Sinne schwinden,
ihr gilt mein Lieben überall,
weh, daß ein Wahn es mir vergälle
wenn es auf Lüsternheit beruht.
Wie Stachel sticht es ins Empfinden,
die Heilung bringt die Freudenwelle.
Doch Mitleid brauche ich von keinen.
Wenn Seelenbilder mir verkünden,
wie ich sie küsse herzensgut,
gleich wirbeln sie um mich, entzünden,
als stürzte ich durch einen Feuerfall,
sie reifen nicht in Früchtebälle.
Die Freuden, die mich schinden,
sie wollen lebend mich entbeinen.
Ganz ohne Pergamentes Binden
vermach ich diesen Vers dem Lied
aus okzitanisch-reiner Quelle
an Ugo Brun durch Filhols Mut.
Wie schön, wenn in Poitiers sie münden,
erheitern Berry und Guyennesches Gut
und die bretonischen Gemeinen.
Musikalische Interpretation:
https://www.youtube.com/watch?v=L5EY1IgUMso
Der Tod als Hüter der Subjektivität
Sentenzen und Aphorismen über den Tod als existentielle Möglichkeit subjektiven Daseins
Das Rätsel im Begriff Gottes ist die Vereinbarkeit der ihm notwendig zugesprochenen Attribute ewigen Lebens oder des Daseins in der Dimension der Ewigkeit und des seiner selbst bewußten Lebens, kurz: die Denkmöglichkeit eines ewigen Ich.
Denn wir sehen den Zusammenhang des seiner selbst bewußten Lebens und des sterblichen, todgeweihten Daseins als einen internen, inneren, notwendigen Zusammenhang.
Daß wir vereinzelt, konkret verleibt und subjektiv an das Leben als unser jeweiliges Erleben gebunden sind, gilt uns als gleichsinnig damit, sterblich zu sein.
Es widerstrebt uns, annehmen zu sollen, daß ein Farbeindruck keine zeitliche Begrenzung haben könnte. Es wäre so gut, wie nichts zu sehen.
Ohne die Fragilität, Korruptibilät und Finalität der wesentlichen institutionellen Begriffe unseres sozialen Umgangs wie Liebe oder Freundschaft hätten wir keinen Zugang zu ihrer wahren Bedeutung, bliebe uns die Intensität, mit denen sie unser Leben beleben, verschlossen, ihr Sinn schwände gegen null.
Das befruchtete mütterliche Ei – es bildet ein Modell oder Denkbild für den internen Zusammenhang der biologisch gegebenen Individualität oder Singularität und jener Lebensstufe, die wir verkörpern, wenn wir wachsend, reifend, fruchtend und befruchtend oder leidend unser inne werden. Wir sehen die Natur anders, anders als der Naturalismus, wenn wir das befruchtete, zur Entfaltung durch Selbstteilung ausgerichtete und somit auch auf den Zerfall des Zellorganismus angelegte Ei als Virtualität oder Potenz des subjektiven Lebens betrachten.
Das subjektive Dasein beginnt nicht mit der Ausbildung komplexer Nervensysteme, sondern in nuce mit der Umhüllung des Zellkerns, mit der Haut im weitesten Sinne – vielleicht sogar mit den ersten Hüllen der atomaren Kerne.
Leben heißt gleichsam zehren und sich verzehren, natürlich von und nach all jenen Lebensgütern, die wir in uns aufnehmen, von den Speisen und Getränken bis zu den Gesten, den Worten oder dem Lächeln der Mitmenschen.
Wir begreifen den Sinn des Lebens am Leitfaden der uns als sterblichen Lebewesen mitgegebenen Sinnbezüge wie den Altersstufen oder Zeitstufen unserer subjektiven Existenz. So sind wir als Kind verspielt und neugierig, als Jugendlicher erotisch oder abenteuerlich, im reifen Alter tatkräftig oder vorsorgend, im hohen Alter nachdenklich oder besinnlich. Die Lebens- und Sinnbezüge von Spiel, Erotik, Sorge und Besinnlichkeit eröffnen sich solcherart im Horizont unseres sterblich-subjektiven Daseins.
Wir erkennen den Wert eines materiellen Gutes oder einer menschlichen Beziehung am Grad ihrer Gefährdung und Bedrohung. Wäre das teure Spielzeug unzerstörbar, wozu das Kind ermahnen, es pfleglich zu behandeln, wäre die Freundschaft oder Liebe nicht der Gefahr der emotionalen Ausdünnung und Anämie ausgesetzt, wozu sie pflegen mittels Ritualen der Aufmerksamkeit wie Zuwendungen und Geschenken?
Wir können das Vorhaben, ein Gut oder eine Stellung, eine geistige Vertiefung oder einen Rang zu erlangen, nicht auf die lange Bank schieben, unsere Kräfte und Chancen sind begrenzt; wir müssen sie jetzt, spätestens morgen, aufrufen, befeuern, in Taten und Werke leiten, sonst ist es zu spät.
Wir sagen von dem notorischen Träumer und Hans-guck-in-die-Luft, er habe den Ernst des Lebens nicht begriffen – den Ernst, der uns aus der Facies hippocratica anblickt.
Wir gehen wohl nicht zu weit, wenn wir behaupten, im Raum der schöpferisch-geistigen Produktivität des Menschen von der Ökonomie bis zum Recht, von der Technik bis zur Politik, vor allen aber in den künstlerischen Bereichen eine leise Hintergrundmusik vernehmen zu können: jene orphischen Schicksalsklänge, die aus der Tiefe steigen.
Die intensivsten Erlebnisse des subjektiven Daseins wie Freude und Trauer haben ihren inneren Bezug zur Sterblichkeit und Vergänglichkeit: Wir freuen uns über eine Geburt und die Wiederkehr des verloren geglaubten Freundes, Geliebten, Kindes, wir trauern um ihren Verlust.
Wir trauern nicht nur um den objektiven Verlust, sondern immer auch, weil dieser uns an unseren Tod gemahnt.
Wenn die Gefahr bestünde, daß alle Kirchen zu Moscheen umgewidmet würden, müßten die Christen wieder zur heroischen Haltung der Ritter und Kreuzfahrer zurückfinden, wollten sie nicht wie die schlafenden Jünger auf dem Ölberg Verrat an ihrem Herrn und Meister begehen oder den Verlust ihrer eigentümlichen religiösen Kultur in den Kauf nehmen.
So steht es um die Fragilität der je eigenen Sprache, Sittlichkeit und Kultur: Wer nicht geistig untergehen will, muß die ultima ratio in den Blick nehmen.
Das Wehmütige an der Liebe, das Schmerzliche an der Lust: jenen verhängnisvollen Schatten zu fühlen.
Das nur dem Sterblichen eigene Verlangen nach der Ewigkeit ist das sublimste: sich einzufügen, einzuschwingen in höhere, weiter ausgreifende Gebilde wie die Kunst oder die Kirche, die über das eigene Ende hinausragen, wie der abgründige Wunsch, endlich wie der Strom in das Meer in den Himmel des ewigen Lebens des Ewigen zu münden.
Die unheroische, scheinbar gelassene Haltung des Nihilisten rührt entweder aus geistiger Stumpfheit oder der Entscheidung, keinen überindividuellen Wert und Sinn anzuerkennen – aber vielleicht rührt auch diese aus seelischer und geistiger Abstumpfung.
Der glückliche Augenblick, den am ehesten die Musik eines Bach, Mozart, Beethoven oder Mahler eröffnet, der Kairos der Seele, er ist wie ein Loch im fortlaufenden Zeitband, durch den das Blau eines anderen Himmels scheint, oder wie ein Strudel im Zeitstrom, aus dem eine Insel der Hesperiden emportaucht.
Aber Liebe, die nach dem Immer schreit, kann den Verlust nicht bestehen, ohne um die Möglichkeit der Wiederkehr zu fragen, zu flehen, zu beten.
Es ist ja nichts Höheres oder Ideales, wonach sie verlangt, sondern einmal noch in jene Augen zu schauen, einmal noch jene Hand zu fühlen …
Ist nun unsere mentale und personale Identität an die Leiblichkeit und ihre Vergängnis gebunden, müssen wir in der Heilslehre, wonach die Auferstehung die Wiederkehr der individuellen Seele in einem analogen neuen Leib verlangt, die radikalste und sinnreichste Konsequenz erblicken.
Wir können keine Identität außerhalb der Zeit konstruieren, sondern sie im Begriff Gottes nur voraussetzen.
Das Modell des Überstiegs über die stygische Flut des Vergessens, in der uns Bild um Bild, Name um Name versinkt, ist die Treue, die Treue Gottes im Versprechen an sein Volk, den heiligen Bund gegen die zeitlichen Mächte der Verneinung, des Abfalls und Verrats zu halten, Treue, deren schwacher Abglanz uns in der Tapferkeit begegnet, mit der ein menschliches Treuebündnis erhalten und verteidigt wird.
Der Tod ist der Hüter der Subjektivität: Wir sind, was wir sind, erlebniszentrierte Lebewesen mit unseren Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und Entscheidungen, nur als sterbliche Subjekte. So empfinden wir Wärme, wenn wir nicht mehr Wärme oder nicht mehr diesen Grad von Wärme empfinden, so im Tiefsten die Wärme des Lebens, wenn uns jener kalte Odem anweht – wir empfinden, fühlen und denken nur im Kontrastbild und Scheidewasser der vergehenden Zeit. Und wir wissen um uns selbst, wenn wir nach dem zeitweiligen Verblassen oder dem kleinen Tod unserer personalen Identität aus dem Schlaf erwachen.
Im Wissen, daß der kommende Sturm es niederreißen wird, dennoch mutig, tapfer, freudig das Banner hissen.
Der Tod schließt uns in jene existentielle Einsamkeit ein, die keine Lust, kein kollektiver Rausch, kein symbiotischer Wahn auf Dauer aufhebt; und doch ist diese Einsamkeit eine Behausung mit Türen und Fenstern, durch die wir weit in die Ferne blicken, durch die wir den Nachbarn, den Freund, den Geliebten als Gast empfangen können. Und würden wir anders hausen, sähen wir nichts, empfingen wir niemanden.
Ein jedes unserer Worte ist ein Sterbenswort, ein Sterbenswörtchen. Wir wohnen in der Sprache jeder auf seiner Sprachinsel, und nur so können wir sprechen, weil unsere Worte in unseren Ohren, in unseren Herzen, in unserer Erinnerung widerklingen. Und doch teilen wir das Brot der gemeinsamen Bedeutung mit den anderen, die unsere Sprache reden, und so winken wir uns zu von Insel zu Insel.
Wie schnell verweht das Gesagte, wie schnell verlischt der mit noch so weichen Lippen gekoste Buchstabe. Es bleiben die Namen, solange wir als bewußte Subjekte leben: unser Name, die Namen der Freunde und Geliebten, und andere, andere … und jener Name, der unaussprechliche, der über den Gipfeln der Zeit erglänzt wie ewiger Schnee.
Diese Gedichte entstanden für einen Dokumentarfilm von Anja Krug-Metzinger für ARTE und ein Radiofeature für WDR3 mit dem Titel „Der Traumlotse. Das Kino des Andrzej Wajda“ aus dem Jahre 2012. Eine Auswahl der Gedichte fand Eingang den Film und das Feature.
Der Traumlotse
I
Wehmut,
eines Waldhorns Echo im Traum,
überwölkt mein Land.
O gib mir den Schatten,
der spricht!
So nimm, was mir blieb:
vom Abend die Trauer,
vom Haar die Asche.
So nimm, was mir lieb:
der Nächte Geduld,
den Hauch pflück vom Mund.
O gib mir den Schatten,
der spricht!
II
„Durch das Schneelicht der Birken,
die sogen Honig und Traum,
ruf ich nach dir.
Weiße Asche liegt ausgestreut.
Aus dem Gewieher der Pferde,
die Hufe blitzten ins Herz,
ruf ich nach dir.
Schwarzer Schädel liegt augenlos.
Aus dem grünen Seufzen des Teichs,
da Sehnsucht dem Gärtchen entquoll,
ruf ich nach dir.“
„Hier, mein Kind, ich bin hier.“
III
Zigan, du spiele voran.
Jude, schmück deine Bude.
Pope, küsse das Buch.
Maria ist die Rose.
Maria ist die Lilie.
Fremde Macht
hat mich behaust.
Heimat schöpft mir
Mund und Faust.
Ich lade euch zu glänzendem Tisch.
Ich blühe rot und weiß,
ich blühe in Rosen und Eis.
Fremde Macht
hat mich entfärbt.
Flamme und Schnee
hat mich beerbt.
Ich leuchte im Birkenbaum.
Dem Leben die Bleibe.
Den Toten der Traum.
Maria ist die Rose.
Maria ist die Lilie.
Zigan, du spiele voran.
IV
Was tagt mir in der Trauernacht?
Wer hebt die Hingesunkene auf
am Grabmal des Sohnes
und sieht durch den Schleier?
Das Licht im Lächeln des Enkels,
die Hand, die treu blieb, die Hand.
Die Lilien Hymnen.
Die Rosen Grüße.
Gebete geläuteter Glocken.
Oben das Licht der Wolke.
Unten, durchzuckt
von grünen Blitzen,
der Fluß.
V
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
Die entschwebten wie Atem im Frost.
Die im Morast erstickten.
Die unter der Peitsche schwiegen.
Die an durchlöcherten Mauern seufzten.
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
Die warteten bis in das Grab
auf den Vater, den Sohn, den Bruder.
Die sich vor dem Gitter küßten,
das den Pfad ans Ufer versperrte.
Die in den Abwasserkanälen blind wurden
an der Gärung des Bösen.
Denen der Wald sein grünes Geheimnis
in einem trockenen Knall für immer verschloß,
als stumm sie niederknieten.
Eine Stimme für die Toten!
Meine Stimme für die Toten.
VI
Schnee unterm Schlitten knirscht:
Tau wird kommen, wird frommen!
Ihr kaut schläfrig am Herd
ledernen Reim.
Glut unter der Asche sprüht:
Wahnhunde hecheln über das Land!
Euch biegt Abendwind
wie dürres Gras im Ried.
Keim unterm Steine seufzt:
Blitz wird ritzen, wird retten!
Ihr schwitzt unter Masken
alten Mummenschanz.
Mein Adler schreit im Zenit:
Träume bleichen, Wolken weichen!
Ihr webt der Wehmut
fahles Gespinst.
Schnee unterm Schlitten knirscht:
Tau wird kommen, wird frommen!
VII
Als Messias habt ihr
flimmern sehn
den Helden aus Gips.
Beim ersten Regen
zieht er Schlieren,
erblüht sein Aussatz.
VIII
Wozu lieh ich dir
die edlen Gaben?
Die Hand – sie zu reichen.
Die Zunge – wahr zu sprechen.
Das Auge – den Horizont zu trinken.
Das Ohr – den Anruf zu hören.
Den Mund – die Stirn zu küssen.
Das Herz – tapfer zu sein.
Wozu, sag mir, wozu?
IX
Das gemeinsame Leben spielt hell
um die hellste Abwesenheit,
das Gedenken der Toten.
Die Liebe pflückt ihren Sinn
mit den ärmlichsten Blumen
vor dem beschrifteten Stein.
Die Kunst beugt sich
ins Schlichte zurück,
ein kniender Engel.
Was ist mir das Leben,
wo irrt meine Liebe,
wozu mir die Kunst?
Wo – wo sind meine Toten?
X
Die dunkle Süße blieb
verborgen in der Frucht.
Sie riss ein Sturm herab.
Die Seele, die im Händedruck
geschieht, blieb unsichtbar
im grobgekörnten Film.
Das Nachbild schattenleisen Glücks
überblenden
scharfe Wahnkristalle.
Der ernste Denkstein
schmilzt dahin
unterm Buffo-Mond.
XI
Meine schlanken Birken schweben.
Meine hellen Lieder heben
dein Herz aus dem Schlaf.
Masken schimmern auf den Wegen.
Meine schönen Töchter legen
sich warm an dein Herz.
Flocken flüstern, Blüten schwingen.
Meine dunklen Lieder singen
dein Herz in den Schlaf.
XII
Das Schilf erschauert weich –
das Wasser wiegt dich leicht,
die Liebe macht mich schwer –
wir sinken gleich bei gleich.
Wir halten uns mit Blicken –
der Abschied macht mich schwer,
die Liebe macht dich leicht –
Mund will an Mund ersticken.
Wir sinken gleich bei gleich –
ich kaure in den Klüften,
du löst dich in den Lüften –
das Schilf erschauert weich.
XIII
Vorübergehend an den Sehnsuchtsblicken,
beim stummen Winken aus erloschnem Fenster,
seid ihr geschwisterlich einander näher,
als Wand an Wand behauste Nachbarn sind.
Der viel geküsste Brief mit den umrankten Silben,
den treue Herzen durch verwaiste Zonen trugen,
bringt aus der Ferne euch die Seele näher
als flüsternd Mund an Mund getautes Liebeswort.
XIV
Dahingemäht
die Blüte der Jugend –
die Helden ohne Grab.
Knirscht nicht der Kies auf dem Wege
von unverhofften Schritten?
Glimmt zwischen den Ähren der Mohn nicht
wie Kosen von ehedem?
Die Trauer beschmutzte die Schmach,
Bruder den Mörder zu nennen.
Ruft aus dem Geläute des Abends nicht
der Geliebte mit Namen dich an?
Funkelt nicht über dir, gebahrt unter Linnen,
dem du entgegengeweint, der Stern?
Dahingemäht
die Blüte der Jugend –
die Helden ohne Grab.
XV
Der Schleier verhüllt meinen Gram
um all die vergessenen Namen.
Am Ginster rupf ich Blüte um Blüte
für all die vergessenen Namen.
Liebe ruft mich in die alte Nacht.
Liebe ruft euch in den jungen Tag.
Ich hock, das Mütterchen mit dem Korb
voll Veilchen, an der Kirchenpforte.
Die Kinder trippeln herbei, sie
zu flechten in das Haar der Braut.
Liebe ruft mich in die alte Nacht.
Liebe ruft euch in den jungen Tag.
Siehe auch:
http://www1.wdr.de/mediathek/audio/feature-depot/index.html
http://www.krug-metzinger.de/site/index.html
Triolett vom gnostischen Ei
Der Wundervogel Edens huderte ein Ei,
des Innewerdens Sterbedotter auszubrüten.
Des Dämons Fingernagel ritzte es entzwei.
Zum Zeugnis, daß im Paradies man einsam sei,
erhob wer, ich oder du, den ersten Lebensschrei,
und Selbstgefühles schwarze Nervenrosen blühten.
Der Wundervogel Edens huderte ein Ei,
des Innewerdens Sterbedotter auszubrüten.
Triolett vom Tropfen
Morgentau zückt Licht am Blütenrand.
Nasse Glut, verzehrend dunkle Blicke.
Spiegel, den ein stiller Gott sich fand,
zittert lichter Tau an Abgrunds Rand.
Kuß der Quelle, wenn die Hoffnung schwand.
Niederstürzend springt sein Glanz in Stücke.
Träne zitternd an der Wimper Rand.
Nasse Glut, verzehrend dunkle Blicke.
Triolett vom hohen Augenblick
Im hohen Augenblick ist es entschieden,
im Blitz des Worts, im Donnerklang der Tat,
ob Untergang, ob Sieg, Sturm oder Frieden,
im hohen Augenblick ist es entschieden.
Die Sonne spricht, es wachsen Pyramiden.
Die Sonne spricht, es rauscht der Halme Mahd.
Im hohen Augenblick ist es entschieden,
im Blitz des Worts, im Donnerklang der Tat.
Triolett vom Fragezeichen
Es ist vom Paradies die kluge Schlange,
die um den Lebensbaum sich windet,
es ist an Aphrodites Kleid die Spange,
des schönen Gartens Wächterschlange,
der Schönheitsfleck auf schöner Wange.
Es ist vom Paradies die kluge Schlange,
die sich als Rätsel um das Leben windet.
Triolett vom Punkt
Er zeigt dem Atem seine große Wende,
er gibt im Satz Gedanken volles Maß,
daß flüchtig nicht der Mensch den Sinn verschwende,
zeigt er dem Atem seine große Wende.
Wo lauter Mund, vorlauter, Stille fände,
liegt er, ein Denkstein, schwer im zarten Gras.
Er zeigt dem Leben seine große Wende,
dem ganzen Satz das ausgeschöpfte Maß.
Triolett von den Auslassungspunkten
Die Leere zwischen ihnen birgt die Fülle,
sie bilden leiser Seelen zarte Stapfen
im Schnee des Ungesagten, weißer Stille
geschlossne Lider birgt geheime Fülle.
Sie sind auch böse Nägel fürs Gebrülle.
Im Nebel zittern sie wie pralle Zapfen,
die Leere zwischen ihnen birgt die Fülle,
im Schnee des Ungesagten zarte Stapfen.
Triolett von der Nachtigall
Fern der Stimme aus Feuer und Samt,
Sternenbote der Wiederkehr,
sind zum Kauderwelsch wir verdammt,
ohne Gesänge aus Feuer und Samt,
die keine Nachtigall mehr entflammt,
schlagen die Herzen stumm und leer,
fern der Stimme aus Feuer und Samt,
Sternenbote der Wiederkehr.
Triolett vom umgehauenen Lindenbaum
Dein Duften war Gebet in lauer Nacht,
Verkündigung des Friedens war dein Rauschen,
dem Unmut hat dein Blühen Licht gelacht,
Gebet war Duft aus deiner Krone Nacht.
Der Dämon Fortschritt hat dich umgebracht,
um Herbstes Purpursaum in Teer zu tauschen.
Dein Duften war Gebet in lauer Nacht,
Verkündigung des Friedens war dein Rauschen.
Triolett von der verlorenen Heimat
Ich sah es blühen unter Kies und Teer,
im alten Garten war ich blind von Düften,
ein Herz, von grauen Bildern voll und leer,
sah Wunderblüten unter Kies und Teer.
Der Heimat blaues Hyazinthenmeer,
o leuchte blauer mir aus blauen Lüften!
Ich sah es blühen unter Kies und Teer,
im alten Garten war ich blind von Düften.
Triolett von der Wärme
„Wenn ich die Augen schließe, fühle ich das Kruzifix … als eine strahlende Wärme.“
Dem Andenken an Alfred Döblin
Wie sprechen, wenn das Herz im Schnee einschlief?
Erwärm, beseele, Licht der Kreuzesnacht,
das Wort wird hier am Zaum des Mundes schief,
das Wort, das wie das Herz im Schnee einschlief,
nur wenn sein Durst nach deinem Blute rief,
tropft Glanz in des Gedichtes dunklen Schacht,
das Herz erwacht, das dumpf im Schnee einschlief,
weil Wärme strahlt das Licht der Kreuzesnacht.
Triolett von der Angst der Welt
Wie leben in der Angst der Welt.
O Licht jenseits von Gram und Lust,
sei, keusches Wort, von ihm erhellt,
zu sagen von der Angst der Welt,
zu singen, wenn der Grabstein fällt
im Wogen neu beseelter Brust.
Wir leben in der Angst der Welt
vom Licht jenseits von Gram und Lust.
Triolett vom leeren Ort
Gottes Geist im Tau zergeht,
schwarzer Winde dumpfes Wühlen,
Schmerz und Liebe sind verweht,
Gottes Geist im Tau zergeht.
Fahl ein Mond durch Nebel geht.
Nur die späten Rosen fühlen,
Gottes Geist im Tau zergeht.
Schwarzer Winde dumpfes Wühlen.
Triolett von den Flocken
Flocken, weiß und rätselstumm,
Funken weher Traumkristalle,
schneit auf Pfade, hohl und krumm,
Flocken, weiß und rätselstumm,
Stille aus Elysium!
Weckt in Herzen Tau Gelalle,
Flocken, schmelzt nicht rätselstumm,
tönt im Lied, o Schmerzkristalle!
Triolett vom Flug der Glocken
Die Glocken flogen all nach Rom,
wenn schwarz verhängt sind Kreuz und Seelen,
vom Kirchlein und vom großen Dom
die Glocken flogen all nach Rom,
wir harren auf den Hymnenstrom,
der brausend bricht aus tausend Kehlen,
die Glocken flogen heim von Rom
und Licht vom Kreuz fließt in die Seelen.
Triolett vom Dorftrottel
Er schlich an Häuserwänden lang,
kein Mund war ihm für Hauch und Küsse,
es ward den Kindern angst und bang,
schlich er an Häuserwänden lang,
unheimlich tönte sein Gesang.
Großmutter gab ihm Milch und Nüsse.
Er schlich an Häuserwänden lang,
kein Mund war ihm für Hauch und Küsse.
Triolett vom doppelten Hanswurst
Bin ich der Hanswurst oder du?
Wir können nur einander klagen,
mir knistertʼs aus der Bux Froufrou,
du bist der Hanswurst, nein, bist du,
du gluckst beim Lieben Ui-und-huh.
Wir müssen unsern Dichter fragen:
Bin ich der Hanswurst oder du?
Triolett vom Stiefelknecht
Wer hat den Stiefelknecht befreit?
Großvater selbst hat ihn entlassen.
Dem er zu Diensten allezeit,
der hat den Stiefelknecht befreit.
Als es am Grabe hat geschneit,
der Enkel konnte es nicht fassen,
da war der Stiefelknecht befreit.
Der lag im Grab, der auf der Gassen.
Triolett vom Büstenhalter
Ach, Busenschmeichler, Blickedieb,
was, muß ich dich denn ausrangieren,
der einst an Spitzen Funken rieb?
Ach, Busenschmeichler, Blickedieb,
du machtest mir die Liebe lieb,
erschlafftes Weib magst nicht mehr zieren,
ach, Busenschmeichler, Blickedieb,
ich muß dich leider ausrangieren.
Triolett vom Triolett
Ich bin ein kleines Triolett
und fuhr von Wien bis nach Berlin,
ob dort ein Dichter gern mich hätt,
mich klitzekleines Triolett,
doch gabʼs in Kreuzberg ein Gefrett,
denn alle hielten es für ʼn Spleen,
die Sache mit dem Triolett.
Adieu, Berlin, und Servus, Wien!
Triolett vom schönsten Reim
Du bist allein mein schönster Reim,
nur du kannst meinen Vers vollenden,
und summte ich im Honigseim,
du bist allein mein schönster Reim,
und trüg ich goldne Äpfel heim,
wenn deine hellen Blicke blenden,
blitzt auf darin mein schönster Reim,
nur du kannst meinen Vers vollenden.
Tod in Eden
Seele, sternentsponnen,
Träne, stumm geronnen,
Knospe, die in Eden schlief.
Nur die Engel sahen,
bei der Sterne Nahen,
Schmerzen in der Knospe tief.
Wer kann dich erwecken,
ohne aufzuschrecken
Wurm, der von der Knospe nagt,
Raupen, die dich schlingen,
Winde, die dich wringen,
bis dein Rosenherz versagt?
Wollest dich entfalten,
in die Sonne halten
weicher Lippen Purpurblatt.
Einmal nur erfühlen,
wie dich Tropfen kühlen,
Mondes Milch und Küsse matt.
Willst in süßen Hauchen
dein Geblüt verbrauchen,
harren, bis ein Flügel winkt,
auf ein fremdes Leben,
still mit ihm zu beben,
wenn ein bunter Falter trinkt.
Und dich narrt ein Freien,
schwarzer Flocken Schneien,
Wind, der roh die Blüten reißt.
Und dich narrt ein Säuseln,
kalter Lippen Kräuseln,
Wurm, der stumpf ins Herz sich beißt.
Stanze auf einen alten Hut
Wie lang mußt er dem Schädel sich anschmiegen!
Wie roch er bald nach Schweiß und saurem Geist!
Wo hing er überall? Wo Karten fliegen,
wo Wein und Witze perlen, qualmgespeist,
und still im Flur, wenn Seufzer um ihn stiegen.
Nur erster Klasse ist er nicht gereist.
Doch endlich mußte er ins Abseits rollen,
als jenem Schädel bös die Adern schwollen.
Stanzen auf die Wolke
Du spielend windgerupftes, windgezupftes
Gespinst aus Tropfen und Kristallen, mild
von Windes Mund ins blaue Nichts getupftes
Geschwister weißer Schleier, Traumgebild,
von heißen Sonnenschnäbeln bald zerrupftes,
wie gleichest du im Schimmern deiner Seide
der Seele und der Dichtung, ihrem Kleide.
Die Spiele deines Formenwandels künden
wie Strophen dunklen Lebens hellen Sinn,
wenn Zirrusʼ Federn sich am Licht entzünden,
wenn Kumulus hält Wonnewangen hin
und Stratus läßt Tristesse in Tränen münden,
will Nimbus blitzend seifen Iovisʼ Kinn.
Wie gleicht das Leben Wolkenschleiers Wehen,
in Tränen blühen, lächelnd untergehen.
Stanze auf ein seidenes Tuch
Das Tuch aus Musselin und weichen Seiden,
das manches Mal mich trog wie Sommers Blust,
bemalt mit Wolkenschafen, daß sie weiden
auf Abendhügeln deiner Mondesbrust,
mag deinen Hals so schmeichelnd noch bekleiden,
es dir zu rauben lockt mich Liebeslust.
O, wäre ich in Nächten solch ein Fetzen,
wenn holde Träume ihn mit Tränen netzen.
Die Entarteten
Manche brauchen eine gehörige Tracht Prügel, um überhaupt noch etwas zu empfinden. Und manche verspüren nur auf solch bizarre Weise einen Rest von Daseinslust.
Andere tappen blind wie durch finstere Nacht und machen dabei noch Karriere.
Wo du Licht am Weltenausgang siehst, sehen sie Mäusedreck und Rattenkot.
Das Kranke halten sie für eine verkappte und mißverstandene, eine leicht zu entlarvende Larve der Gesundheit.
Andererseits sehen sie auf den Gesunden, der tapfer sein Tagwerk vollbringt und dabei IHREN Lebensunterhalt bestreitet, scheel herab und denunzieren sein Befinden als eine besonders heimtückische Form der Krankheit.
Sie drehen dir das Wort im Halse herum.
Wenn du „Nein!“ sagst und ihnen die Tür weist, decodieren, dekonstruieren und dechiffrieren sie darin ein durch Borniertheit, Verklemmtheit und Fremdenfurcht verhindertes, aber eigentlich gemeintes „Ja!“.
Zu gewahren, zu bedenken, daß die Sprache eine moralische Veranstaltung ist und das Wort getauft ist im Namen des Geistes der Wahrheit, verhindert sie der Dämon, der sich vom Lügenschwall aus ihren übelriechenden Mäulern ernährt.
Wahrheit ist ihnen eine boshaft maskierte Lüge, die keine anderen neben sich dulden mag.
In ihren Schulen, in deren egalitärer Stickluft keine Frucht gedeiht, die über die anderen hervorglänzen dürfte, können alle, Krethi und Plethi, das Zeugnis der angeblichen Reife erlangen.
Schönheit ist ihnen ein Greuel, den sie fliehen wie der Teufel das Weihwasser. In diesem Spiegel erblicken sie ihre eigene häßliche Fratze.
Diejenigen, die Schönes lieben, Schönes schaffen, halten sie für ästhetische Asthmatiker und für Etepetete-Neurotiker, weil sie sich nicht wie sie von den Ausdünstungen ihrer Hinterpforte oder denen eines großen avantgardistischen Sesselfurzers inspirieren lassen.
Wenn ein Kerl sein Gemächt in den Kotausgang eines anderen steckt, halten sie dies für ebenbürtig, gleichwertig, ja höherwertig als den Akt, durch den ein neues beseeltes Leben gezeugt werden kann.
Ihr Feindbild ist der Treuebund von Mann und Frau, weil in ihm jene Exklusivität und Ausschließlichkeit walten, die sie in allen Angelegenheiten verketzern.
Der verweibte Mann, gelangweilt und innnerlich verödet, aber hysterisch anspruchsvoll, ein vor sich hin vegetierender Magen-, Hoden und Hautsack ohne Ziele und Ideale, der sich angesichts des Dschihadisten mit der Knarre in der Hand in die Hosen macht: das Produkt von Jahrzehnten egalitärer, pazifistischer, feministischer Umerziehung, die verdorbene Frucht, die demnächst ein Lüftchen vom Baume fegt.
Aber der Mann reift zum kleinen oder großen Helden des Lebens und der Kunst erst, wenn er in der Frau das mütterliche Wesen erkennt und seine Wildheit zu ihren Diensten bannt und veredelt. Das ersehen wir aus der hohen Minne der Walther, Goethe, Mozart.
Der Weibmann und das Mannweib: die letzte Paarung, die letzte Züchtung vor dem Untergang.
Sie wollen nicht verstehen, daß die Rede von der Natur des Menschen, vom naturgemäßen Leben und Handeln, wie wir sie den Aussagen der klassischen und stoischen Lehre und gewiß auch den Briefen des Apostels entnehmen, sich nicht bloß auf biologische Tatsachen bezieht, sondern die biologisch gegebene Natur im Licht der sprachlich-normativen Vernunft erschließt: So ist der exklusive Bund oder die Ehe von Mann und Frau ethisch ausgezeichnet, weil nur in ihr mit der natürlichen Tatsache der möglichen Nachkommenschaft die moralische Tatsache der gesteigerten Verantwortung für die Zukunft der eigenen Familie und Gruppe das Licht der Welt erblickt.
Nun, ihnen ist ja die Sprache kein moralisch hochstehendes Wesen, das wie die eigene Gattin Ehre verdiente und mit dem man selbst Ehre einlegte, sondern eine billige Hure, die sie an den Haaren durch die Gosse und Jauche der Verachtung und Schändung zerren, um ihr all die Flüche auf das Leben zu entpressen, die ihr Not und Verzweiflung abringen.
Sie gönnen der Sprache nur noch das schiefe Maul für die Nachricht, die Sensation, das Feuilleton des letzten literarischen oder pornografischen Schreis, die in die Welt zu setzen ihr letzter, unwürdiger, kümmerlicher Dienst ist.
Sie lassen den heimatlichen Garten verwildern, die glänzenden Früchte fallen zu Boden und faulen unbesehen vor sich hin, der Teich ist verschlammt und morastig, unbeschnitten, ungepflegt verwuchern und verzwergen die üppigen Rosen, der ungehinderte Flug exotischer Samen sprießt im Wildwuchs auf in verholzenden, harzigen Gewächsen, deren lappige Blätter den heimischen Tulpen und Astern, den Erdbeer- und Kartoffelpflanzen das Licht rauben, den Atem benehmen. Die Nachtigall floh lange schon vor den verwilderten Hunden, die hier in den Abend heulen.
Sie begreifen nicht, nein, sie haben begriffen, daß das europäische Abendland christlich getauft ist, seine höhere Wahrheit, die es zu einer geschichtlichen Existenz unter transzendentem Siegel macht, ist weder das Auto, das Flugzeug, das Smartphone oder das Büro noch die Moschee, sondern die Kirche. Und wenn sie es begriffen haben, dann unterliegen sie den Einflüsterungen Satans, wenn sie die heiligen Stätten den Ungläubigen preisgeben oder zu einem Judaslohn für ihre Umwidmung in Bordelle ihres Kulturbetriebs verramschen.
Sie kennen keine Rassen mehr, sie kennen keine Kulturen mehr, sie kennen keine Völker mehr – nur noch den schmuddelig-grauen Mischmasch stumpfen Dahinvegetierens und Bastardisierens, den sie Bevölkerung nennen. Wehe, wenn ein Volk mit eigenem Gesicht, eigener Sprache, dem Duft eigentümlicher Gesittung und Anmut über andere hervorzuragen sich erkühnte, dreimal wehe, wenn es, horribile dictu, das eigene Volk wäre.
Ironie der Sprachgeschichte: Wer heute „Volk“ sagt, ist in ihren Augen verdächtig, weil er damit einen Anspruch auf Exklusivität, Prägnanz, ja Noblesse anmeldet. „Volk“ hat schon den Hautgout, den Wörter wie „Adel“ und „Elite“ längst mit sich führen.
Alles, was herber oder süßer mundet als ihr geschmackloses Gesundheitswässerchen, gilt ihnen für vormodern, antiquiert, abgestanden. Wie heillos sprudelt hier die Quelle der Dummheit: Hält doch jede Zeit sich für modern und im Dünkel des unmittelbaren Daseins (und dies ist der eigentliche Dünkel gegenüber den Toten) für erhaben über die vergangenen Epochen. Aber auch diese verfuhren nicht anders, und die kommenden werden es wiederum anders nicht treiben. Mit einem dümmlichen Begriff eines dümmlichen, sich selber in den Hintern kriechenden Relativismus setzen sie sich die Pappkrone der Auserwähltheit und den falschen Doktorhut für die marktschreierische Verkündigung letzter geschichtsphilosophischer Erkenntnisse auf.
Ärger als die Modernisten treiben es die Postmodernisten: Für sie ist alles, was hinter ihnen liegt, was ihnen seelisch und geistig zu anspruchsvoll ist, weil es Maßstäbe des Wertvollen, Geistvollen, Sublimen aufrichtet, also Sophokles, Pindar, Platon, Horaz, Goethe und Hofmannstal nichts als der vor sich hin modernde Dunghaufen des alten Europa. Für sie ist das Volk, die Nation, der Staat, die Gesellschaft kein gegliederter Organismus, in dem der Gestaltungswille und die Wertentscheidung der Handelnden und Schöpferischen die Richtung weisen, sondern ein wuchernder Zellverband mit interessanten, aber willkürlich oder kontingent abgesonderten Teilen, ein geist-, ziel- und steuerungsloses Konglomerat, in dem die entartete Zelle gleichberechtigt neben der gesunden Zelle metastasiert.
Es gibt keine moralische Nötigung, sich „prae“ oder „post“ irgendetwas zu historisieren: Wer sich im Kielwasser des Schnauzbartes versteht, bleibt in seinen Strudeln hängen und gewinnt nie freie Ausfahrt.
Literarhistorische Kretins, die den Reim, den gefügten Rhythmus, den Resonanzkörper der gereimten Strophe als antiquiert und unzeitgemäß verschreien, haben nie einen Blick in die Kampflinien des 18. Jahrhunderts geworfen, in dem die Feinde des Reims durch Klopstocks Dichtung in freien Rhythmen einen vorläufigen Sieg errangen.
Aber es ist auch so klar, warum sie den Wechselsang und den Flügelschlag der gereimten Verse mißbilligen und diskreditieren: Stellen sie ihnen doch ein Maßwerk der Ordnung und Harmonie vor Augen, an dem ihre faulen, über den platten Boden kriechenden Triebe niemals emporranken können. Da es in ihren Köpfen drunter und drüber geht, da in ihren Herzen der Teufel Beelzebub austreibt, darf es in der Kunst und Dichtung nicht anders sein: Die Söhne des Chaos wollen am Chaos sich mästen.
Eine Form wie die Stanze mutet sie befremdlich an, als wäre sie von der Patina und dem phosphoreszierenden Grünspan hohler Worte überwuchert. Sie wollen, sie können nicht in würdevoll-gemessenen Schritten den kühnen oder wuchtigen Schwung einer Freitreppe emporsteigen, um auf einer schmalen Aussichtsfläche einen großen Blick in die unbetretene, geheimnisvoll umwölkte oder gerade sich lichtende Ferne zu werfen: Aber genau dies ist die Form und Gestalt der Stanze, genau diesen seelischen Verlauf verlangt sie ihnen ab, vergebens, denn sie sind Kriecher, Schleimer, geduckt schleichende Wesen der Niederwelt.
Ihr großes Vorbild, dem nicht nachzuahmen sie fanatisch und in nie zu erschöpfender Dankbarkeit eifern, ist der Mann mit dem Schnauzbart: Alles, was er glaubte oder was geglaubt zu haben sie ihm unterstellen, negieren sie bis zur tödlichen Konsequenz. Glaubte jener an die geistige Überlegenheit des deutschen Volkes, arbeiten sie mit ausgefuchsten pädagogischen Programmen eifrig an der eigenen Verblödung, um jenen Glauben für immer der Unwahrheit zu überführen. Glaubte er an die Überlegenheit der germanischen Völker, setzen sie alles daran, mittels neuer bevölkerungspolitischer Strategien das eigene Volk in neuen Hybridformen teils biologischer, zur Hauptsache aber kultureller Kreolisierung untergehen zu lassen. Glaubte jener an die Souveränität der Nation, die einzig dem Volk auf eigenem Grund das Überleben garantiert, geifern sie, Begriffe wie Volk und Nation mit Schmutz zu besudeln und die eigene Souveränität in tierischer Demutsstarre gegenüber fremden Mächten und Völkern zuschanden gehen zu lassen. Glaubte jener an reine Artungen von Blut und Kunst, kreuzen sie Pferd und Esel, ohne zu bedenken, nein, vielmehr in der beruhigenden Gewißheit, daß so nur unfruchtbare Nachkommen entspringen, stecken sie die blaue Blume ins Urinal, und begeistern sich daran, wenn sie hinsiecht und verblaßt. – Es nimmt wunder, daß ihrer viele wider den Dunst der großen Fleischtöpfe wüten, wo jener doch Vegetarier war.
Sie verschmähen und schmähen den Wert des Eigenen, des Eigentümlichen. Indes, es brauchte Jahrhunderte der Gärung und Reifung, bis aus den namenlosen Strömen des Volkslieds das schwimmende Eiland des Goetheschen Liedes emportauchte, es brauchte Epochen für Imperien, Kaiser, Ritter, den Kult der Minne und die Sublimierung höfischer Sitten, bis in Wien das Wunder Mozartischer oder Straußischer Musik erklang. Und wie lange mußte die Wiener Zunge raunzen und scharmieren, bis sie ihr größter Hermeneut, Josef Weinheber, in den Rang der Dichtersprache erhob!
Sie haben alle Maßstäbe des Guten, Wahren, Schönen über Bord geworfen, aber das Schiff wurde dadurch so leicht wie eine Nußschale, den Stürmen und Strömungen des Schicksals steuerlos ausgesetzt, sodaß es über die Meereswüste blindlings in die geschichtslose, gesichtslose Zone entgleitet.
Wenn aber der morbide, dekadente, faulige Geist der Entarteten die kulturellen und politischen Eliten durchsäuert, warum dann nicht jenen das Feld überlassen, die dunkleren, heißeren Blutes die im Dienst an der Produktion verhäßlichten und durch Unmütterlichkeit verrohten Frauen einsperren oder ihre Schamlosigkeit verhüllen, die Straßen von der Gülle diebischen und heimtückischen Gesindels reinigen, die geistigen Schändungen in Theatern, Opern und Kunsthallen durch Zerschneiden der Blutzufuhr beenden und die endgültige Selbstaufgabe des Mannes qua Konversion mit der Vielehe vergüten werden? Jene werden freilich auf den Rummelplatz ihres medialen Geheuls und auf den Antikult des Schnurrbart-Götzen im Dienste ihrer moralischen Selbstbeweihräucherung Verzicht tun müssen. Vielleicht kehrt dann endlich die Stille ein, die der Selbstbesinnung und geistigen Produktion der Einsamen und Innerlichen, jenem neuen geheimen Deutschland unter dem geisterhaften Schimmern des Halbmonds, förderlich sein wird.
Frucht des Erinnerns
(adonische Kadenz)
Purpurner Apfel, es rollte
Schicksal uns zu auf den Pfad der
irrenden Falter. Wer bot ihn
bebenden Lippen?
Goldener Vorhang, dein Haar, es
hüllte den Tau deiner Augen,
über uns glommen durchs Laubwerk
Sterne wie Tränen.
Jahre verschwiegen, nach innen
grünender Zweig, bis ihm einmal
purpurn erglänzte die Frucht der
Schwermut des Abends.
Stanze auf den versunkenen Garten
Hier lagen karger Kindheit Nuß und Quitte,
ein grüner Teich war Heim für Molch und Floh.
In Polstern Schnees sah man des Knaben Tritte.
Er barg ein buntes Ei in Moos und Stroh.
Am Schuppentürchen glänzten zarte Schnitte,
geheime Zeichen: Dieses Herz war froh.
Versunkner Garten, Träume ohne Erben,
dein Pollenflug umgeistert noch mein Sterben.
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