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Okt 7 16

Stanze auf einen weißen Kindersarg

Du schimmerst zart und weiß wie ein Baiser,
du schwebest wie ein Wölkchen auf der Bahre,
es wiegt so wenig deiner Unschuld Schnee,
als tauten dich die Kerzen am Altare.
Wenn Erde auf dich fällt, so schreit ein Weh
in einer Mutter auf, es schreien Stare.
O, unerweckten Falters Kokonhülle,
bald öffnen Engel dich in Gottes Fülle.

Okt 7 16

Stanzen auf das Licht der Kerze

Dein Flackern singt in mütterlichem Wiegen,
Refrain von Küssen ist dein Wimpernschlag.
Wenn Funken deinem Liebesdienst entfliegen,
erglänzt in Augen Lächeln, süß und vag.
Die schwarze Flut war bis ans Herz gestiegen,
da brach herein mit dir der Gnadentag.
O, Licht der Kerze, deine Düfte sind Gebete,
von Honiglippen zart ins Herz gewehte.

Du sänftigst wilden Sinn, der Wehmut Wirren,
und hüllst in goldne Schleier Harm und Weh,
wenn fromme Weisen deinen Schein umschwirren,
wie trunkne Bienen reiner Lilien Schnee.
Und wenn die Nächte auch von Frösten klirren,
dein Gnadensinn erwärmt wie eh und je.
O, Licht der Kerze, deine Schleier weben
die guten Engel, die voraus uns schweben.

Okt 6 16

Mirakel gibt es obendrein

„Gnädige Frau, es windet so,
ich glaube fast, ihr Hut fliegt weg!“

„Ach, lassen Sie ihn fliegen,
ich komm ja selbst so schlecht vom Fleck!“

„Mein lieber Herr, ihr Pfeifchen schmaucht,
ich fürchte fast, ihr Bart fängt Feuer!“

„Ach, lassen sie ihn brennen,
meine Visage ist mir eh nicht ganz geheuer!“

„Mein Fräulein, ich höre da ein Zischen,
ich glaube fast, ihr Schal wird eine Schlange!“

„Ach, lassen sie das Schicksal walten,
mir ist um meinen Hals nicht bange!“

„Großmama, ich hör es leise fiepen,
ein Schnäblein pickt aus deinem Haar!“

„Ach, Kindchen, fiep und träller mit,
ʼs ist aus dem Lied die Vogelschar!“

„Großpapa, es lugen aus der Hosentasche
zwei Augen dir mit schwarzem Glanz!“

„Ach, Jungchen, laß es äugen,
es ist das Mäuslein Ringelschwanz!“

„Mein lieber Gott, du hast ja am Arm
ein Anker-Tattoo und trägst ʼne Seemannsmütze!“

„Ach, Junge, ich singe auch ein Shantylied,
wenn ich wieder segle auf eurer Weltmeerpfütze!“

Okt 6 16

Die Rose ist erwacht

Im Seufzen flackernder Kerzen,
ihr Träume zweifelnder Herzen,
jenseits blüht ein Schnee.
Der Blicke blindes Tasten,
der Hände dunkles Hasten,
der Mond wird Milch im See.

O Glocken, blaues Läuten,
ihr wollt die Träume deuten,
die Sterne hoher Nacht.
Wenn dann die Kerzen schweigen,
sich Blick und Hand verzweigen –
die Rose ist erwacht.

Okt 5 16

Orpheus

Sommerabendgrillen
hüpfen an den Teichen.
Quake-Frösche weichen,
Orpheus träumt im Stillen.

Liebe, der Abend ist groß,
purpurner Samt ist sein Schoß,
laß uns die Knie in ihn beugen,
laß uns die Sanftmut bezeugen.

Abendblaues Läuten,
Falter trinkt aus Blüten,
Orpheus will behüten
Herzen, die sich scheuten.

Liebe, die Nacht ist so tief,
purpurner Falter entschlief,
laß uns vom Sänger beglücken,
laß den Gesang uns entrücken.

Okt 4 16

Kurze Widerlegung des Materialismus

Wir gehen von folgender Annahme aus: Wenn der physische Gegenstand wesentlich oder notwendig kein subjektives Moment, ob Erleben oder Gedanke, in sich enthalten kann, ist der Materialismus oder der theoretische Versuch, das psychische und mentale Leben auf das physische und materielle Sein zu reduzieren oder mit ihm zu identifizieren, unwahr.

Wir können den Materialismus so widerlegen: Wenn jeder Gedanke auf einen Hirnzustand abbildbar und reduzierbar wäre, müßte auch der Gedanke, daß jeder Gedanke auf einen Hirnzustand abbildbar und reduzierbar wäre, auf einen Hirnzustand abbildbar und reduzierbar sein. Doch dieser Gedanke kann kein Hirnzustand sein, denn er umfaßt die Menge aller möglichen Hirnzustände, und wäre als der Gedanke, daß diese Gesamtheit aller möglichen Hirnzustände die Gesamtheit aller möglichen Gedanken repräsentiert, eo ipso selbst kein Hirnzustand mehr.

Wir können den Gedanken, daß alle Gedanken oder mentalen Zustände Hirnzustände sind, demnach beliebig iterieren und ad infinitum auf sich selbst anwenden. Die Menge der möglichen Hirnzustände ist vielleicht unbegrenzt, aber die Menge der möglichen Gedanken ist überabzählbar unendlich groß, denn ich kann wie durch Addition der Eins bei den Zahlen durch Iteration seiner Selbstanwendung (oder durch seine Negation) einem Gedanken immer den nächsten folgen lassen. Wenn die Menge der möglichen Gedanken die Menge der Hirnzustände, die ihnen korreliert werden sollen, um Potenzen übersteigt, kann die Grundannahme des Materialismus, daß jedem mentalen Zustand ein Hirnzustand korreliere oder mit ihm identisch sein müsse, nicht wahr sein.

Wir können den Materialismus auch so widerlegen: Wir können jedem Gedanken prinzipiell seine Negation folgen lassen. Aber negative Tatsachen wie die Tatsache, daß es NICHT regnet, sind keine natürlichen Tatsachen, sondern Funktionen unseres Denkens, die wir benötigen, um den Horizont des Denkbaren abzutasten. Negative Tatsachen sind nur möglich im semantischen Raum unseres Glaubens und Fürwahrhaltens. Neurologische Zustände sind Zustände jenseits oder diesseits unserer Formen des positiven oder negativen Behauptens und Fürwahrhaltens. Also sind Negationen, wie die Aussage „Jetzt regnet es nicht mehr“ neuronal nicht hinreichend abbildbar und reduzierbar. Kurz gesagt: In der Natur gibt es keine negativen Sachverhalte, die Bildung der Negation ist aber ein wesentliches Verfahren unserer geistigen Tätigkeit.

Wir können den Materialismus auch so widerlegen: Ein Kennzeichen des Geistes ist seine Intentionalität oder die Fähigkeit, einen Gedankeninhalt oder gedanklichen Gegenstand zu haben. Dabei hat die semantische Form des Enthaltens und Enthaltenseins des Gedankeninhalts im entsprechenden Gedanken oder des mentalen Gehalts im mentalen Zustand wie das Enthaltensein des mentalen Gehaltes „Rot“ im entsprechenden Farbeindruck keine Ähnlichkeit mit dem räumlichen Enthalten und Enthaltensein eines Dinges in einem Behälter. Ein Neuron mag bestimmte chemische Stoffe aufnehmen und zeitweilig enthalten, aber niemals einen gedanklichen Gegenstand. Es gibt weder intentionale Zustände rein materieller Natur noch materielle Zustände, die den intentionalen Zuständen des Geistes analog sind, ihnen entsprechen oder ihnen korreliert werden können.

Wir können den Materialismus auch so widerlegen: Wenn ich an meinen Freund Peter denke, könnte ich zwar glauben, an Peter zu denken, in Wirklichkeit aber denke ich an Karl, denn in diesem Moment verwechsle ich Peter mit Karl. Aber diese Täuschung lag nahe, denn Karl ist der eineiigige Zwilling von Peter. Das neuronal repräsentierte Bild, was immer dies heißen mag, auf das sich mein Hirnzustand bei der Erinnerung an Peter bezieht, unterscheidet sich dabei nicht von dem Bild, auf das sich mein Hirnzustand bei der Erinnerung an Karl bezieht. Wenn ich mich bei der Addition zweier Zahlen verrechne, haben beim Zustandekommen dieses Rechenfehlers die synaptischen Verbindungen in meinem Gehirn fehlerfrei funktioniert, denn ich erhalte eine Zahl als Summe, wenn auch die falsche. Täuschungen, Verwechslungen, Irrtümer semantischer Natur finden auf der physischen Ebene keine Parallele. Im Übrigen würde der Gedanke an Peter, in dem sich der Gedanke an Karl verbirgt, in diesem Falle durch ein und denselben Hirnzustand repräsentiert: An diesem könnte demnach nicht ausgemacht werden, welche Identität der intentionale Gegenstand des Gedankens wirklich hat.

Wir können den Materialismus auch so widerlegen: Wenn ich die Zahl 8 mit einer Primzahl verwechsle, kannst du mich korrigieren, indem du mich auf die mathematische Regel der Bildung und Bestimmung von Primzahlen hinweist. Der Begriff des Irrtums im semantischen Sinne findet auf physische Vorgänge keine Anwendung: Sie folgen keiner Regel, sondern gesetzlichen Abläufen oder statistischen Regelmäßigkeiten. Sie können auch nicht im semantischen Sinne korrigiert werden, denn sie begehen keine Fehler und Irrtümer, sondern erleiden höchstens „Pannen“ und Funktionsausfälle.

Im Folgenden führe ich einige weitere Gründe an, die den Wahrheitsanspruch des Materialismus in Frage stellen:

Den Farbeindruck „rot“ zu haben kann keine Transformation der Lichtstrahlen sein, die von der roten Rose ausgehen. Der Farbeindruck ist ein mentaler Zustand, Lichtstrahlen sind rein physische Zustände, wir finden dazwischen keine begrifflichen Übergänge oder konzeptuellen Metamorphosen. Dasselbe konstatieren wir bei allen Sinneseindrücken und Empfindungen: Der Schall ist nicht das Gehörte, das Gewicht des Buches in der Hand ist nicht die Druckempfindung, die mit dem Sonnenlicht angestrahlte Wärmeenergie ist nicht die Wärmeempfindung.

Wir können psychologische Prädikate und Aussagen wie „Ich habe jetzt hier einen Rotempfindung“ nicht durch physiologische oder physikalische Prädikate und Aussagen übersetzen und ersetzen; diese Übersetzungsleistung wäre aber eine Voraussetzung dafür, den Wahrheitsanspruch des Materialismus einzulösen. Auch wenn es gelänge in dem erwähnten Satz den psychologischen Ausdruck „Rotempfindung“ durch eine lange Reihe von mit der Konjunktion „und“ verknüpften wahren physikalischen Aussagen über Lichtfrequenzen, Nervenbahnen der Netzhaut, Hirnareale und Hirnzustände zu übersetzen und zu ersetzen, blieben die deiktischen Ausdrücke „jetzt“ und „hier“ unübersetzbar und unersetzbar. Nehmen wir an, wie gehen naiv davon aus, „jetzt“ und „hier“ durch zeitliche und räumliche Koordinaten übersetzen und physikalisch objektivieren zu können. Die Frage ist dann: Welchen Zeitpunkt und welche Raumstelle sollen die Koordinaten angeben – den Ort, wo jetzt die rote Rose steht, oder das Hirnareal, in dem die Rotempfindung erzeugt wird. Aber wo ist die Rotempfindung, wenn ich davon rede, daß diese Rose dort rot ist? Im Auge? Im Kopf? Aber gefragt, wo ich das Rot wahrnehme, zeige ich wohl kaum auf meinen Kopf, sondern auf die Rose dort vor mir. Die korrekte Verwendung von deiktischen Ausdrücken setzt eben das voraus, was der Materialismus durch Übersetzung von Psychologie in Physiologie ablösen will, das sprechende Subjekt, aus dessen Ich-Perspektive es einzig sinnvoll ist und allein sinnvoll sein kann, deiktische Hinweise wie „jetzt“ und „hier“ zu verwenden. Die angemessene Verwendung physikalischer Prädikate setzt demnach die Verwendung psychologischer Prädikate voraus und kann demzufolge diese nicht ersetzen und überflüssig machen.

Wenn wir beliebig viele Neuronen verschalten und hierarchisch immer komplexer anordnen, können wir mittels solcher Modelle evolutiven Wachstums nicht den prinzipiellen Abstand oder die begriffliche Differenz zwischen physischen Komplexen und mentalen Zuständen „überspringen“. Die neuronale Komplexion erreicht trotz exponentiellen Wachstums gleichsam nie den Limes, an dem sie sich mit dem Mentalen berühren würde. Demnach erklärt die darwinistische Neurobiologie nicht, was sie zu erklären vorgibt. Umgekehrt glauben wir annehmen zu dürfen, daß durch Abbau neuronaler Komplexion wie infolge von Demenzerkrankungen die Hirnfunktion in Mitleidenschaft gezogen wird, die für die Erzeugung höherer mentaler Zustände wie des Ich-Bewußtseins zuständig ist. Aber wenn infolge von zu starker Lichteinstrahlung das Gesicht der Mona Lisa allmählich verblaßt, wäre es ein Fehlschluß, daraus zu folgern, daß es eine interne Beziehung zwischen dem Umgebungslicht des berühmten Gemäldes und dem auf ihm abgebildeten Sujet gibt. Ebensowenig erschließt sich uns aus dem negativen Befund, daß der Abbau bestimmter Hirnareale zur Verminderung und Einbuße der Ich-Funktion führt, das Bestehen einer internen Beziehung oder die Art der internen Beziehung zwischen diesen Hirnarealen und dem mentalen Ich-Zustand.

Für verpflichtende Äußerungen wie Zusagen, Versprechen, Eide oder unter Verträge geleistete Unterschriften können wir haftbar gemacht und zur Verantwortung gezogen werden. Selbst für jede harmlose Aussage gilt der Anspruch, bei Nachfragen ihre Geltung durch Hinweis auf andere Aussagen, mit denen wir sie begründen oder wahr machen, zu belegen. Wir nehmen dann implizit oder explizit die logische Form oder Regel in Anspruch, nach der unsere Aussage entweder im Nachweis einer passenden Wahrnehmungsaussage begründet ist oder aus nachweisbaren wahren Prämissen als Konklusion logisch folgt. Wir leben, sagen wir, im Reich der Gründe, insofern wir als sprechende Subjekte unserer Sinne mächtig und für unser bewußtes Handeln mehr oder weniger verantwortlich sind (auch wenn wir gegebenenfalls von triebhaften Impulsen überrannt und unserer Verantwortlichkeit auf Zeit beraubt werden, aber auch dies könnten wir nicht, wenn wir nicht cum grano salis verantwortlich Handelnde wären). Die Natur indes ist das Reich der Ursachen oder jedenfalls statistisch regelmäßig ablaufender Vorgänge, die wir (außer in Fällen magischen Aberglaubens) nicht zur Verantwortung für die Folgen ziehen können, wie sie sich aus Vulkanausbrüchen, Erdbeben oder Taifunen ergeben.

Wenn wir als sprechende Subjekte unsere Äußerungen (gegebenenfalls) zu beglaubigen oder zu vertreten oder zu verantworten haben, wohnen wir eo ipso durch die nackte Tatsache der Sprache nicht nur nicht einzig und allein im Reich der Ursachen, sondern immer schon im Reich der Gründe und demnach in einem moralischen Universum, auch wenn wir noch keine moralische Regel oder Norm explizit aufgestellt haben. Nach dem Humeschen Gesetz können wir bekanntermaßen aber aus dem Reich der Ursachen oder der Natur keine moralischen Normen ableiten: Also sind wir zumindest sprachlich-moralisch Bewohner zweier Welten.

Wir leben als sprechende Lebewesen auf der Schwelle von der Vergangenheit zur Zukunft. Wenn wir ein Versprechen oder die Zusage machen, ein geliehenes Gut in zwei Wochen oder Monaten oder Jahren zurückzuerstatten, gehen wir davon aus, daß wir mittels der Kausalität unseres Willens oder der Freiheit die Kausalreihe des Nichtbewußten oder der Natur soweit beeinflussen und in unseren Dienst stellen können, daß wir die Unlust und den Widerwillen, die Müdigkeit oder die Präferenz für bequemere Dinge am ausbedungenen Zeitpunkt überwinden und unseren ursprünglichen Zweck, das Gut zurückzuerstatten, verwirklichen werden. In den natürlichen Abläufen finden wir keine Schwelle von der Vergangenheit zur Zukunft, die durch ein intentionales Bewußtsein gekennzeichnet wäre, das sich auf die Erfüllung gedanklich antizipierter Zustände richtet.

Unser Verhältnis als sprechende Wesen zu unseresgleichen kann nicht nur durch Systeme kausaler Zuordnung oder rein statistischer Häufung beschrieben werden, wie wir es aus den natürlichen Ordnungen von physischen Gegenständen, Pflanzen und Tieren kennen. Blumen vermehren sich beispielsweise über die angepaßten Verhaltensdispositionen von Insekten, Tiere paaren sich unter dem Zwang hormoneller Ausschüttungen, und ihr Paarungs- und Brutverhalten wird über angeborene Signalübertragungssysteme reguliert. Wir regulieren unser Verhalten über sprachliche Kommunikationen, die in solch einem Maße variabel und modifizierbar sind, daß wir ihre Ergebnisse nicht oder nicht immer vorausschauen können. Auch wenn unser Gruppenverhalten durch Traditionen und Gebräuche in kulturelle Formen wie Ehe, Familie, Freundschaft geleitet wird, sind wir dabei nicht durch natürliche Gesetze determiniert, sondern durch kulturelle Konventionen in unseren Neigungen, Absichten und Zielsetzungen mehr oder weniger positiv oder negativ beeinflußt. Mehr oder weniger heißt, mehr oder weniger stark und streng mit Sanktionen behaftet. So sind sogenannte Tabus auf das Verhältnis der Geschlechter oder auf das Verhältnis zu den Toten in vielen traditionsverhafteten Gruppen stark durch Strafen bewehrt, während die Überschreitung der Konvention, bei einer roten Ampel nicht über die Straße zu gehen, milde sanktioniert ist. Die Einübung in kulturelle Konventionen geschieht durch Erziehung und Gewöhnung, sodaß wir aufgrund der Künstlichkeit der Konventionen auf einen mehr oder weniger großen kulturellen Spielraum bei der Erziehung schließen können. Von Gewöhnung und Erziehung können wir bei Pflanzen kaum oder gar nicht, bei Tieren nur im übertragenen Sinne sprechen. Was uns bei der Aufzucht ihrer Brut bei Vögeln und Säugern an unsere Formen der Erziehung erinnert, sind Formen der selbst natürlich disponierten Konditionierung des Verhaltens. So lernen Singvögel die Muster bei der Wahrnehmung ihrer natürlichen Feinde erkennen. Unsere Formen der Erziehung dagegen können nicht auf Formen der Verhaltenskonditionierung reduziert werden: Freilich gewöhnen wir uns daran, Muster im Ausdrucksgebaren der Mitmenschen wie das Lächeln oder den Ausdruck von Wut und Ekel wahrzunehmen, doch müssen wir lernen, aufgrund dieser Wahrnehmungen die Bedeutung des Ausdrucks zu erkennen und sie als intentionalen Gehalt eines mentalen Zustands zu verstehen, während Tiere aufgrund der Musterwahrnehmung auf ein konditioniertes und oft auch angeborenes Verhaltensrepertoire zurückgreifen. Die von ihrer Verwandten gelegte chemische Spur ist für die Biene kein konventionelles Zeichen, das sie erkennen und dechiffrieren müßte, sondern ein Reiz, auf den durch Nachverfolgung reflexhaft zu reagieren sie keine Wahl hat, während wir die Einladung unseres Nachbarn zu einem Festmahl aufgrund uns wichtiger erscheinender Gründe ausschlagen können (wie wenn wir am betreffenden Termin unsere kranke Schwester besuchen wollen).

Hier ersehen wir den begrifflich fundamentalen Unterschied zwischen Ursachen und Gründen, Determinanten und Überzeugungen: Der Materialist muß in fataler Konsequenz die begriffliche und mentale Autonomie von Gründen und Überzeugungen leugnen und annehmen, daß alle Gründe nur verkappte Ursachen seien. Damit verengen sich die Bahnen unseres Handelns auf jene Menge von Verhaltensdispositionen, die durch entsprechende Reize unwillkürlich wie bei der Biene durch die hormonelle Spur ihrer Verwandten oder auf konditionierte Weise wie beim Jungvogel durch das Wahrnehmungsmuster des Greifvogels ausgelöst werden. Wenn wir statt der Einladung des Nachbarn zum Festessen zu folgen den Besuch bei der kranken Schwester präferieren, geschieht dies in materialistischer Sicht aufgrund einer Determinierung unseres Verhaltens durch Formen der Konditionierung, nicht aber, wie wir aufgrund kultureller Konventionen anzunehmen geneigt sind, aus freien Stücken, weil uns das Wohl der Kranken wichtiger ist als unser eigenes Wohl, auch wenn es durch besagtes Festmahl gesteigert würde.

Wenn wie der Materialist konsequenterweise annimmt unsere Gründe für eine Überzeugung identisch mit den Ursachen wären, die uns dazu disponieren oder determinieren, diese Überzeugung zu haben, wären auch die Gründe für die Überzeugung, daß der Materialismus die wahre Theorie vom Verhältnis des Mentalen und des Physischen darstellt, durch eine Reihe von Ursachen determiniert, die uns dazu disponieren oder determinieren, diese Theorie zu präferieren (beispielsweise weil wir mit ihnen unser Dasein darwinistisch vorteilhafter fristen können als mit anderen Überzeugungen). Damit erwiese sich der Materialismus als eine Theorie, die nicht falsch sein und also nicht korrigiert werden könnte, denn Überzeugungen, die von natürlichen oder objektiven Determinanten bestimmt werden, zu denen es keine Alternative gibt, sind keine echten Überzeugungen und somit weder wahr noch falsch, sondern einfach grundlose Behauptungen – womit sich der Materialismus selbst ad absurdum führt.

Die Theorie des Materialismus entlarvt sich aufgrund der Identifikation von Gründen mit Ursachen und von Überzeugungen mit den natürlichen Determinanten, die sie generieren, als eine Theorie ohne Argumente, das heißt eine Weltanschauung oder Ideologie: Denn Argumente sind logisch korrekt verknüpfte Gründe. Zu sagen, daß etwas der Fall ist, und gleichzeitig zu sagen, daß dies zu sagen, keinen Grund hat (weil der vorgebliche Grund in Wahrheit eine Ursache ist, die die Äußerung determiniert), heißt nichts zu sagen.

Wir sind als sprechende Wesen unserer Existenz bewußt. Bewußtsein aber ist kein mentaler Behälter, in dem wir steckten, oder eine Art mentales Feld, an dessen Rand wir noch eben etwas empfänden oder uns als schwaches Licht sähen, während in seiner Mitte und in seinem Zentrum das helle Licht des Ich-Bewußtseins erstrahlte: Da Bewußtsein überhaupt keine räumlichen Dimensionen hat, ist es barer Unsinn, aus der Tatsache, daß die neuronalen Netze des Gehirns kein steuerndes Zentrum aufweisen, zu folgern, es gebe kein Ich-Bewußtsein und kein Ich. Und umgekehrt: Ließe sich ein steuerndes Zentrum des neuronales Netzes nachweisen, wäre es damit noch nicht als Sitz des Bewußtseins oder Ich identifiziert oder könnte an ihm eine Spur des phänomenalen und des Ich-Bewußtseins ausgemacht werden.

Wir können die Existenz des Geistigen nicht aus physischen Tatsachen ableiten und erklären, vielmehr müssen wir die Tatsache des Ich als subjektiven Bezugspunkt unseres mentalen und sprachlichen Lebens voraussetzen. Wenn wir logische Evidenzen wie die Evidenz des zu vermeidenden Widerspruchs nicht aus anderen logischen Sätzen ableiten, sondern ihre Geltung bei Strafe des Versinkens in logisch-semantischen Unsinn voraussetzen müssen, werden sie deshalb nicht weniger gültig.

Die Welt der Gründe, in der wir sprechend und handelnd leben, ist durch Netze des rationalen oder vernünftigen Glaubens und Fürwahrhaltens mehr oder weniger kohärent und konsistent verknüpft. Kohärenz und Konsistenz als fundamentale Eigenschaften des Glaubens und Fürwahrhaltens sind aber keine natürlichen Eigenschaften und auf keine Weise auf natürliche Prozesse abbildbar und reduzierbar. Wenn wir unsere Verabredung einhalten wollen, müssen wir eine vernünftige oder sinnvolle Reihe von Handlungsschritten vollziehen, um den, der auf uns wartet, nicht zu enttäuschen. Dabei beziehen wir natürliche Zustände und Vorgänge, wie die Regulation unseres körperlichen Gleichgewichts und die nervös-muskuläre Steuerung unserer Gliedmaßen, aber auch den natürlichen Ablauf der Zeit durch Registrierung der Uhrzeit, in unser zweckgerichtetes Handeln ein. Wir wissen, falls wir nicht rechtzeitig aus den Federn kommen, geht die Sache schief. Die Modellierung negativer Sachverhalte durch konditionale Satzbildungen gehört dabei zu unseren rationalen Mitteln der Handlungs-und Lebensbewältigung. In der Welt der Ursachen oder der Materie finden wir keine Entsprechung zu dieser ausgezeichneten Weise rationalen Vorgehens.

Ein alternder Mensch pflegt hin und wieder über das Altern nachzusinnen, wenn er die Irrungen und Wirrungen der Jugendzeit Revue passieren läßt oder sich fragt, ob es sich gelohnt hat, jener erotischen oder anderer Abenteuer wegen auf die Erfüllung eines bestimmten Wunsches nach Bildung oder Selbstbildung Verzicht getan zu haben; oder ob in dem sich nähernden Dunkel des Abschieds da und dort ein schwaches Licht glimmt, das er noch einmal anfachen sollte: eine Freundschaft der Jugend, ein Gesprächspartner des reifen Alters oder ein Sehnsuchtsort, den er noch einmal oder überhaupt einmal aufsuchen könnte. Augenscheinlich sind solche Weisen der Erinnerung und Selbstbesinnung an die natürliche Tatsache gebunden, ein körperliches Dasein zu führen und mit dem biologischen Schicksals des eigenen Körpers und seiner Altersstufen auf das Intimste verwoben zu sein; aber die von unserem biologischen Schicksal getakteten Zeiten, an die wir uns erinnern, sind nicht die Zeitabläufe, die gewisse neuronale Vorgänge gebraucht haben, um jene Informationen zu verarbeiten, die mit unseren Wahrnehmungen und Erlebnissen kausal verbunden waren, sondern die Dauer unserer mentalen Zustände, wie das Erlebnis eines lang sich dehnenden Sommertages der Kindheit oder das quälend-lange und schmerzlich-schöne jahrelange Warten auf die Wiederbegegnung mit einer geliebten Person; denn wir können, auch wenn wir tausend andere Dinge gleichzeitig getan haben, doch von uns behaupten, daß wir die ganze Zeit auf jene Wiederbegegnung gewartet haben; wir können behaupten, daß wir uns viele Monate lang auf die Abschlußprüfung vorbereitet haben, auch wenn wir zeitweise Dinge trieben, die mit der Prüfung nicht das geringste zu tun hatten, wie einen Abend im Theater zu verbringen. Wir befinden uns auch im mentalen Zustands des Wartens, wenn wir im Wartezimmer des Arztes sitzen und uns in ein mitgebrachtes spannendes Buch vertiefen, und wenn wir uns fragen, was wir hier tun, sagen wir uns nicht, daß wir halt ein Buch lesen, sondern ein Buch lesend im Wartezimmer des Arztes warten. Ja, wir können davon ausgehen, daß diese Art des Wartens nicht einmal eine Repräsentanz oder Instantiierung in einem Hirnzustand findet oder finden muß, und dennoch sind wir im mentalen Zustand des Wartens. Wenn es aber mentale Zustände geben kann, denen keine oder keine eindeutig zugeordneten Hirnzustände korrelieren, ist der Materialismus widerlegt.

Wir gelangen schließlich dazu, unsere Fragerichtung radikal umzukehren: Wir fragen nicht, wie aus nichtbewußten, rein materiellen Vorgängen das sich seiner bewußte Leben entspringt, sondern wie wir die kosmisch-natürliche Evolution im Lichte der Tatsache unseres bewußten sprachlichen Lebens sehen und so weit wie möglich verstehen können. Wir haben ja in der Sprache selbst eine natürliche Tatsache, denn das Sprachvermögen als Grundlage aller höheren geistigen Tätigkeit ist uns angeboren. So kommen wir am Ende dieser Überlegungen nicht umhin anzunehmen, daß die metaphorischen Rede von der geistdurchwirkten Natur oder die metaphorische Rede von Gottes Schöpfung und seiner in der Natur wirkenden Providenz mehr als ein Körnchen Wahrheit enthält.

 

Ein Vortrag von Franz von Kutschera zur Vertiefung:
https://www.youtube.com/watch?v=ugCZqrStplE

 

Okt 4 16

Das Wunder

Wie kommtʼs, daß jener Nebelfleck
in kosmisch fernsten Zeiten
nicht dumm zerstäubte wie ein Dreck,
in ungeheuren Weiten

gezündet ward Atom und Molekül
zu festen Feuerballen,
in geistreichem Gestaltungsstil
nicht auseinanderfallen,

und wurden Stern und Sternenhaufen,
Milliarden und Millionen,
die um eine leere Mitte laufen,
im Augenblick Äonen?

Wie kommtʼs, daß jenes dünne Gas
den Lichtsinn konnte hissen,
der dich und mich auf Geistes Glas
jetzt spiegelt, uns zu wissen?

Okt 3 16

Der Sprachgeist

Wer gab dem Wasser epischen Glanz,
wer Flammenzungen hymnischen Sang?
Wie wird der Himmel traumblau erst ganz,
wem weint der Regen mit lyrischem Klang?

Wer gab der Liebe den roten Mund,
der leuchtenden Rose den schattigen Reim?
Wer biegt den krummen Vers erst rund,
wenn im reinen Reim er findet heim?

Wer trinkt aus Augen himmlisches Blau,
wer hört die Toten pochen im Stein?
Wen nährt der Erde Tränen im Tau,
wer verwandelt Wasser in Wein?

Okt 3 16

Nocturne

… und gewährt wird dem Atem des Worts
Gesang, auf den Wolken niedertauender Sterne
zu wandeln, mit dem Dufte der Wahrheit
die Seele zu finden in ihrer Nacht …

… auf dürftigem Pfad, da der plumpe Fuß
zu straucheln beginnt, fern rauscht aus Fabriken
künstlicher Sinn, es rieselt mit scheuen Tropfen
Singsang in das ausgedörrte Gehör …

… und es keimt eine Lichtgestalt, die nächtige Luft
schlägt ihr Totenlinnen zurück, ein Antlitz,
mit dem Mal auf der hohen Stirne, erblaßt …

… und es spricht den Regen, spricht die schräg auf den Balkon
des Wartens fallenden Strahlen, spricht Tränen auf das Gras,
spricht das Blau und das Grau in die wandernden Schatten …

… und es hebt sich mit den aus der südlichen Kammer der Qual
wehenden Lüften, mit den aus der östlichen Kammer des Leids
wehenden Seufzern, ein Blütenblatt wird es ohne Hoffnung
auf Erde in das große Schweigen der Nacht getragen …

… und es trudelt, selbstvergessen, sinkt herab auf die einsame Schwelle,
wo ein Liebendes saß, ein dunkler Schmerz sich ins Rätsel krümmte,
wo ein Kind seine Stulle kaute und dem Plätschern lauschte,
wenn der Rinnstein schwoll und in seinem Rücken die Leere …

… o, käme ein Mensch der Seele, die Blüte zu heben,
zu küssen und leise vor sich hin zu summen,
liebend Worte zu schenken sich erhellendem Ton,
der aufwirbelt und stäubt, o flockenzarter Ruf,
o rein in die Nacht gesungner Kristall …

Okt 2 16

Der Dichter Trunkenbold

Lyrisches Spiel

 

Auf Moos und Gras obszön hingestreckt der Dichter, schnarchend lallt er vor sich hin. Es nähert sich ihm die schöne Maske der Poesie und beugt sich über den Berauschten.

 

Poesie:

Da schnarcht der Trunkenbold,
sein Hosenlatz steht offen,
als wäre ihm das Leben hold,
wir aber stehn betroffen.

Wir können es nicht dulden,
wenn unsre Diener fallen,
vergeuden, was sie schulden,
in wüstem Traumeslallen.

 

Sie schüttelt einen Zweig, Tauperlen rieseln auf den Schlafenden.

 

Dichter:

Bist du es, meine Schöne,
ich schmecke was von Tränen,
hat dich mein Blöke-Gähnen
betrübt, mein Traumgestöhne?

Ich schmecke Schmelz von Frauen,
doch greif ich leere Schemen,
die aus dem Dunkel tauen,
ich brauche neue Themen.

 

Die Poesie hat inzwischen eine Schar anmutiger Elfen und nackter Zwerge um sich geschart, die nun einen teils graziösen, teils wilden Reigen um den Erwachten vollführen.

 

Elfen:

Stier uns nicht allen auf die schönen Beine,
erwähl die eine, sonst kriegst du keine.

Hast du einer gefallen, winkt dir Liebe von allen,
bist du blind für die eine, bleibst du alleine.

 

Zwerge:

Wir gehen zu Werke mit Spitzen und Spaten,
wir wollen in frischer Quellen Kristallen waten,
wir werden dir die Haare rhythmisch waschen,
kannst bei uns vom Honig der Träume naschen.

 

Der Dichter hat sich erhoben, knöpft sich umständlich die Knöpfe des Hosenlatzes zu.

 

Dichter:

Ich will nicht euren Honig schlecken,
nicht in kaltes Wasser springen,
ich will auf weichen Schoß mich strecken,
ob Mädchen oder Moos, und singen

hohe Töne von meertiefen Leiden,
tiefe Töne von sternhohen Seligkeiten.

Doch um zu singen, darf mir meine Kehle
nicht heiser sein, drum gebt mir Wein,
so sing ich euch wie Philomele,
gebt mir den Zaubersaft vom Rhein.

 

Die Maske der Poesie kramt in ihrer großen perlenbestickten Reisetasche und zieht endlich einen silbernen Flachmann hervor und reicht ihn dem Dichter.

 

Poesie:

Da hast du Glück, nimm nur das,
es ist ein edles Naß,
zu magischem Genuß bestimmt,
es macht die Kehle weich,
die arme Seele reich,
darin die Zunge schwimmt,
ein Fisch im grünen Teich.

Du wirst die Schönheit sehen
aus Fäulnis auferstehen,
und was die Kröte quakt,
ist Wahrheit unbefragt.

Komm, Lieber, nimm zur Brust,
was dir deine Lebensgeister
reißt aus dem Schmierenkleister
deiner lahmen Lust.

 

Inzwischen hat die Maske der Poesie eine alte, runzlig-nackte, grauhaarige, blatternarbige, bucklige Zwergin herbeigelockt, der immer wieder ein dunkles Glucksen entfährt, und führt sie vor den stieren Blick des Dichters, der das Fläschchen leergetrunken mit einem lauten Rülpsen ins Gras geschleudert hat.

 

Dichter:

Mich wiegt ein süßer Zauber bang,
mich bannt ein dunkler Liebeszwang,
zu singen deine Schöne.

Wie konnte leben ich so lang,
verdorrt und ohne Widerklang
deiner Seelentöne.

Das Schimmern deiner Haut wie Tau,
die Haltung einer edlen Frau,
sie wölben meine Strophen.

Wie mystisch ist die trunkne Schau
in deiner Augen Wunderblau,
mein Vers ist dein Alkoven,

worin du deiner Glieder Glanz
entrollst wie einer Nymphe Schwanz,
dein Atem haucht mir Reime,

wie Blumen, die uns zugeneigt,
wenn Lenz aus Morgennebeln steigt,
o Glückes Liebeskeime!

 

Die häßliche Zwergin hat derweil zwar heftig gegluckst und geschluchzt, doch am Ende entreißt sie der Maske der Poesie ihre Tasche und schlägt dem verzückten Dichter damit ein paar Mal aufs Haupt, daß er aus seiner Vision erwacht und der dürftigen Wahrheit ansichtig wird.

 

Häßliche Zwergin:

Erwacht bist du aus deinem Wahn,
wie blaß ist deine Wange.
Nun wird dir angst und bange,
das schöne Lied ist abgetan.
Das schöne Lied ist abgetan,
erwacht bist du aus deinem Wahn.

Es stiert dich an die trübe Welt,
die grelle Fratze Aberwitz.
Ein fauler Zauber ist der Blitz,
der deinen stumpfen Sinn erhellt.
Was deinen stumpfen Sinn erhellt,
sind grelle Fratzen trüber Welt.

Erwacht bist du aus deinem Wahn.
Nun mußt du lieb- und reimlos bleiben
oder seichte Prosa schreiben.
Das schöne Lied ist abgetan.
Das schöne Lied ist abgetan,
erwacht bist du aus deinem Wahn.

 

Da packt die Maske der Poesie die Zwergin und stopft sie in ihre große Tasche, daß sie nur noch mit verdutzten Kinderaugen daraus hervorschaut.

 

Poesie:

Laß wirren dich nicht von dem armen Kind,
und gönn ihm seine heiße Rache.
Schau doch, ich mache dir selbst Schmutz und Grind
zum schönen Liede, schau und lache.

Lach und schaue, alles ist noch offen, ungetan,
und bist du auch ein Trunkenbold,
erblickst du Wahrheit noch im Wahn,
ich bleibe dir getreu und hold.

Okt 1 16

Stanze auf den Weihrauch

Er hebt uns freundlich auf sein blaues Schweben,
er nimmt vom Feuer seine Wandlungsmacht,
und aus dem Harz tropft makellos das Leben,
zum Schlußstein wölkt mit ihm erlöst die Nacht.
Das Liebesopfer hat den Duft gegeben,
der sanftes Lächeln Cherubim entfacht.
Der Weihrauch webt den Geist der Liturgie,
er würzt das Heil mit höchster Harmonie.

Sep 30 16

Terzinen von Gott als Maler

Wenn Gott ein Künstler wär, wie wär sein Stil,
barock, das ging wohl an, hätt auf gut Glück
er seine Farben angerührt und nach Gefühl?

Das Hexaemeron wär ja sein Meisterstück,
die frühen Tage vor dem Sündenfall,
gestaltet still von einem stillen Blick,

die Wogen Lichts, bezaubernd überall,
wie vollen Atems Schöpfen und Ergießen,
die Farben grüßen sich im Widerhall,

wo Meeres und der Liebe Wellen fließen,
sind Sterne Augen, die im Wasser schauen
die Liebesblicke, die sich selbst genießen.

Und auch an Blüten will er sich erbauen,
wenn düfteschwer sich Rosen vor ihm neigen,
und an den Rosen edle Tränen tauen.

Der Tag wird festlich mit der Tiere Reigen,
die bunte Federn spreizen, Augen weiten,
mit schimmernd weichen Fellen Prunklust zeigen,

mit Horn und Huf Spalier sie dann bereiten
dem Manne und der Frau im schönen Garten,
wenn nackt und lächelnd hoch einher sie schreiten,

im Garten Eden, wo die beiden zarten,
sich Blumen holder Kosenamen geben,
doch einer ist, der sie gemahnt zu warten,

bevor in goldnen Träumen sie entschweben,
an jenem Baum die goldne Frucht zu sehen,
aus ihr erschlürfen sie das frohe Leben.

Der Meister muß bis an die Grenze gehen,
und mischend immer Licht und Schatten,
des Guten Sonne wird auf Eden stehen,

im Lebensbaume doch den schönen Gatten
die Schlange lauern, ihren Geist zu trüben.
Und mußte so ihr Liebesdienst ermatten.

Und Eva, alt und grämlich, mochte lieben
nicht mehr die Blumen, einst ihr Ehrenpreis,
und Adams Daseinslust und Mut zerstieben.

So malt der Meister wider sein Geheiß
die Mißgestalt, die Sünde und den Tod,
das Bild gerät erbärmlich aus dem Gleis.

Er willʼs zerreißen, widerrufen das Gebot,
daß Lichtgebornes zeuge wieder Licht –
da kennt er einen Ausweg aus der Not,

er malt ein neues Bild, nur ein Gesicht,
das alle Schatten rettet wie ein Spiegel
und alle Schöpfung vor dem Zorngericht:

Maria, zweiter Schöpfung reines Siegel.

Sep 30 16

Stanze auf die Glocke

Sie weckt das Herz und gibt der Seele Halt
im warmen Bronzeton, wenn dunkle Stunden
den Pfad aufweichen, beugen Wohlgestalt
und Licht des Lebens. Sanft schließt sie die Wunden
mit Küssen, bis der Stumme wieder lallt.
Gebet ist sie, hat Geist der Luft entbunden.
Die Nacht wird heilig immer, wenn sie läutet,
im Glockenruf ist höchster Sinn gedeutet.

Sep 30 16

Stanzen über den versunkenen Ort

Der Kiesel Schimmerspur und stille Räume
erschließen sich der Ahnung noch, hoch streift
ein Düsenjet der Wolken weiße Schäume.
Und eines Vogels Schatten, der ans Herz dir greift.
Hier gingst du oft, hier standen Eichenbäume,
die längst unfrommes Walten hat geschleift.
Nun glänzt die Frucht ungreifbar wie Gefunkel
des fernen Sterns, den Ort hüllt Heckendunkel.

Du warst im Nirgends allem Ursprung ferne,
da Namen lieblos, Liebe namenlos
sich wirrten. Asche löschte Blütensterne,
und Asche ward des Blumenwortes Schoß.
Der Kindheit helle Prozessionslaterne
erlosch mit deiner Eichen frommem Moos.
Nun mußt du beten, daß ein Gott entbinde
den toten Ort aus deiner Seele Rinde.

Sep 29 16

Auferstehung

(dritte asklepiadeische Strophe)

− ∪ − ∪∪ −/− ∪∪ − ∪ −

− ∪ − ∪∪ −/− ∪∪ − ∪ −

− ∪ − ∪∪ − ∪

− ∪ − ∪∪ − ∪−

 

Sind wir zweisam im Leib, Mund an den Mund gepreßt,
Bein umschlungen von Bein, mischen sich trunken nicht
Seufzer wie Farben im Abend,
trinkt doch Auge aus Augen sich.

Wenn ein Wanderer geht einsam durch weiße Nacht,
Schnee stäubt ziellosem Tritt nieder von kahlem Zweig,
und er weiß nichts von Glück, tönt
manchmal heimatlich Vogelruf.

Aber zu gehen zu zweit, Atem an Atem lehnt,
und was über uns rauscht, Wehen aus andrer Zeit,
Flügel hohen Geschickes,
öffnet Herz uns und Mund zugleich,

öffnet Herz uns und Mund Quellen des Morgenlichts,
taut aus höherer Welt Echo erlöster Qual,
stimmen wir in den Chor der
auferstandenen Seelen ein.

Sep 28 16

Erde sind wir, Pollen von Licht

(sapphische Strophe)

—◡ | —◡ | —◡◡ | —◡ | —◡

—◡ | —◡ | —◡◡ | —◡ | —◡

—◡ | —◡ | —◡◡ | —◡ | —◡

—◡◡ | —◡

 

Erde sind wir, tränenbefruchtetes Schweigen,
Feuermale, zuckend aus dunklen Schöpfungs-
kernen, bis uns Nächte der Angst verklären
Lieder der Liebe.

Blütenoffen sproßte uns Mund um Mund, die
Lüfte strömten dunkles Geheiß den frühen
Seelen, rissen ihnen von weichen Lippen
Worte wie Pollen.

Kommen Winter, fallen die Sterne wie Flocken,
fallen gottverlassene Bilder vom Himmel,
sind vergraben Pollen und Licht im Schoß der
duldsamen Erde.

Warten, Herz an Herz, in den Schattenlauben,
hören, was da klopft, was da seufzt hinan ins
Sternenlicht der höheren Welt, bis wiederkehrt
Anmut und Melos.

Erde sind wir, Pollen von Licht, gezeugt, um
wahr zu machen heiligen Sinn mit Blüten
edlen Dufts und herbstlichem Lied, wenn wieder
sinken die Rosen.

Sep 28 16

Rondo für Kinder

Ei, die Butzeline,
unsere süße Biene,
sie ist kommen heim.

Sie trägt auf ihrem Köpfchen
ringelrunde Löckchen,
gelb wie Honigseim.

Ihren langen Schal
schleppt wie dazumal
sie nach sich auf dem Gang.

Wo immer sie gewesen,
jetzt ist sie frisch genesen
und nicht mehr klein und bang.

Zupfst du ihr am Röckchen
leis ein Kringelflöckchen,
singt sie dir ihr Lied:

„Ich komm aus fernem Land
von einem Palmenstrand,
golden glimmt der Sand.

Dort wiegen grüne Wellen
fischschuppige Mamsellen,
die im Schaum zerschellen.

Männlein aus Muscheln bauen
Türmchen, von wo sie schauen
die Wogen im Abendlicht blauen.

Der Mond mit dickem Bauch
singt hinter goldenem Rauch
ein Lied, wieʼs dort der Brauch:

ʼIch komm aus fernem Land
von einem Palmenstrand,
golden glimmt der Sand …ʽ“

Sep 27 16

Kinderlied

Weiche Wölkchen schwimmen
zum Fenster hinein,
ei, wie fein.

An der Decke glimmen
Lichtmücken klein,
Sternkäferlein.

Hörst duʼs nicht singen, mein Kind,
im Abend singt es so lind,
vom fernen Märchenland,
woʼs Kind ein Ringlein fand.

Ein goldenes Ringelein,
das dreht es hin,
das dreht es her,
schon ist es nicht mehr allein.

Da kommt ein kleiner Zipfelmann
schleppt einen roten Rucksack heran.

Was mag wohl in dem Säcklein sein?
Etwas Wendiges,
etwas Lebendiges?
Etwas, das schnurrt,
etwas, das knurrt?

Dreh nur an dem Ringlein, mein Kind,
einmal hin,
einmal her,
dann weißt du es geschwind.

Sep 26 16

Wo ist dein Mund?

Der Nebel wallt.
Tropfen zittern
im losen Spinnenweb.

Mir ist so kalt.

Wo ist dein Mund,
Wärme hauchend,
lieblich fauchend,
kußgesund?

Die Nacht war schwer.
Wolken zogen
über eine tote Welt.

Ich bin so leer.

Wo ist dein Mund,
bübisch spitz,
rot von Witz,
schelmisch rund?

Die Stadt wird laut.
Menschen huschen
in ihr Schattenspiel.

Wieʼs mir graut.

Wo ist dein Mund,
Kirschen schluckend,
Kerne spuckend,
vom Küssen wund?

Sep 26 16

Fern ein Einsames singt

Wenn Nacht und rieselndes Wasser,
fern ein Einsames singt,
schwebt dein Herz noch blasser,
ein Mond, der mit Schatten ringt.

Schwebt dein Herz am Ufer
des blauen Stromes der Nacht,
hört es den einsamen Rufer,
ein Kind, aus den Wellen erwacht.

Hörst du kindliches Weinen,
das Wasser rieselt im Traum,
will dein Herz versteinen,
es fällt durch den Sternenraum.

Will dein Herz versteinen,
wenn fern ein Einsames singt,
mußt mit dem Kind dich vereinen,
ein Mond, der ins Wasser dringt.

Sep 26 16

Träume der Sommernacht

Ihr Geister lilawölkender Luft,
Träume schwebender Rosen,
ihr hüllt meinen Schmerz in Duft,
Tränen glitzern auf Moosen.

Ihr Schleier im Luna-Schein,
Nebel der seufzenden Wasser,
ihr salbt mit Tau meine Pein,
blasser wird sie, blasser.

Ihr Träume der Sommernacht,
Düfte schlafender Blüten,
ihr wiegt meine Wehmut so sacht,
als würde ein Fittich behüten.

Sep 25 16

Schnee, Milch und Blut

Es ist ein Lächeln,
das den Schmerz bedeckt
wie Schnee.

Es ist ein Lispeln,
das die Ohren neckt
wie Flaum.

Es ist ein Weinen,
das Einsame rührt
im Schlaf.

Es ist ein Duften,
das heimwärts führt
den Traum.

Es ist ein Schweigen,
das den Sinn erweicht
wie Wein.

Es ist ein Sehnen,
das die Seele bleicht
wie Milch.

Es ist ein Sagen,
das den Geist beschwert
wie Stein.

Es ist ein Wehen,
das die Seele leert
vom Tand.

Es ist ein Leuchten,
das von innen glüht
wie Blut.

Es ist ein Rauschen,
das den Sinn versprüht
wie Sand.

Sep 25 16

Gnostischer Psalm

Christus hängt ewig am Kreuz,
ewig erhöht ihn Schmerzensglorie.

Und die Glorie ist das Kreuz,
denn die Gnadengaben
fließen aus den Wunden.

Christus muß sterben immerdar,
denn Satan findet Ruhe nie.

Und die Ruhe ist im Leid,
das sich getröstet weiß
von des Herren Abschiedstränen.

Christus ist das Schöpfungslicht,
dort am Kreuz erlosch das Licht.

Und das Urlicht war im Wort,
das die Liebe sprach,
wo an Liebe es gebrach.

Der Sohn ist mit dem Vaters eins,
so starb der Vater mit dem Licht.

Und das Licht erstrahlt nur hell,
wenn der Vater aufersteht
aus der Nacht des Schweigens.

O Nacht in uns, wir sind Gottes Grab,
und Schweigen unser täglicher Tod.

Und das Brot des Lebens,
um das wir immer weinen,
ist eines toten Gottes Wort.

Sep 24 16

Der Tropfen am Blatt

Herr, ich bin ein Tropfen, der zittert
an dem kleinen Blatt,
dem falben Blättchen,
das im Atem deines Wortes schwingt –

Herr, ich kann mich nicht halten,
wenn du mich nicht hältst,
Herr, ich falle, halte mich –

und das Blatt schwingt und bebt,
und der Wind weht und geht
und kommt erneut,
alles zu wenden –

Herr, ich bin müde und alt,
wenn du mich nicht hältst,
Herr, falle ich, ich falle –

und der Tropfen zittert,
er zittert am äußersten Rand
der dämmerden Welt,
falb ist das Blatt und welk –

es will das Blatt sich lösen
vom Zweig, der es nicht hält,
vom Baum, der müde
dem alten Wandel willfahrt –

und der Tropfen fällt,
er fällt durch all den Herbst
des abgeblühten Lebens,
das sich durchsichtig wird
wie ein spiegelndes Glas –

und der Tropfen fällt
er fällt die ganze Nacht
und der Silberton der Sterne
erweckt ihm keine Antwort mehr –

er fällt in das uralte Schweigen
der Moose und Gräser,
der stummen Schatten am Grund –

Herr, es ist gut, laß mich fallen,
wohin dein Atem mich befiehlt,
ich war nur Zittern,
ich war nur Glimmen
im Wort deines ewigen Lichts.

Sep 23 16

Das eingeschlagene Fenster von Chartres

Sie kollern umeinander,
grelle Clowns im Vorstadtzirkus,
geben sich Watschen, stellen sich das Bein,
und als Natur tritt auf ein zerzaustes Äffchen,
das ihnen kreischend Beifall klatscht
und mit dem Hut einherhüpft
und sammelt die Münzen ein.

O, die hohe Vision
strenger Liebesränge,
göttlicher Strahlen,
heiliger Zahlen,
himmlischer Sänge,
farbengesegneter Lichtpassion,
in der große Fensterrotunde
ewiger Schöpfungsstunde
von Notre Dame in Chartres.

Einander halsend
sagen sie sich leb wohl,
einander würgend
ersticken sie an Küssen,
mit den Pfeilen der Blicke
blenden sie sich,
mit dem Lasso der Blicke
fangen sie das Bild,
im vollklimatisierten Gehenna
kreuzen sie die kalten Flammen
ihrer Zungen.

O, die hohe Vision
strenger Liebesränge,
göttlicher Strahlen,
heiliger Zahlen,
himmlischer Sänge,
farbengesegneter Lichtpassion,
in der große Fensterrotunde
ewiger Schöpfungsstunde
von Notre Dame in Chartres.

Die Samen der Todeslust
schwänzeln durch die Teiche
des sinkenden Sommers,
unter den Algen wuchernder Langeweile,
unter den Schatten der Weiden,
die lange warten auf den Wind,
der sie aus den Träumen weckt –
doch sie bleiben regungslos.

O, die hohe Vision
strenger Liebesränge,
göttlicher Strahlen,
heiliger Zahlen,
himmlischer Sänge,
farbengesegneter Lichtpassion,
in der große Fensterrotunde
ewiger Schöpfungsstunde
von Notre Dame in Chartres.

Ihre Worte sind Tropfen,
die aus der großen Wolke fallen,
die der Atem des Leviathan
vor sich hertrieb bis über den Asphalt
ihres babylonischen Irrsals,
wo sie hierhin und dorthin rinnen,
sinnlos,
ohne die Rose zu tränken
mit einem Zeichen,
auf daß sie aufs neue erblühe.

O, die hohe Vision
strenger Liebesränge,
göttlicher Strahlen,
heiliger Zahlen,
himmlischer Sänge,
farbengesegneter Lichtpassion,
in der große Fensterrotunde
ewiger Schöpfungsstunde
von Notre Dame in Chartres.

Sep 22 16

Das pralle Leben

Wenn sie nicht mit solchen Lappen
müßten ratschen, wenn sie nicht
umeinander wie die Quappen
Maul an Maul sich müßten kitzeln –

wenn sie nicht mit Klebefäden
Blick für Blick sich wickeln
täten ihre hohlen Bläden,
ihre ausgelaugten Hirne –

doch sie sind in einen Sumpf
geworfen wie die Lurche,
und zeugend Rumpf an Rumpf
sterbenʼs aufeinander blind.

Ein jeder hält den Beutel hin,
den Hautsack bleicher Gier,
und abends zählenʼs als Gewinn
sich vor die Silberfische.

„Ich kann höher singen!“
„Ich kann lauter rülpsen!“
„Ich könnt dich niederringen –
aber machʼs net, bin zu fein!“

Das geht noch so ʼne Zeit
oder noch ein Jahrhundertlein –
dann langt aus der Ewigkeit
eine Hand und läßt das Wasser ab.

Sep 22 16

Sinngedichte

Die Wolke

Ich stamme aus dem Meer, muß darin auch vergehn,
und flog doch himmelhoch, kam bis zum Kaukasus.
Gestalten wurden mir, so schön und weich und weiß
wie Aphrodite selbst, und schaurig wie Hephaist.

 

Der Fels

Ich bin die Urgestalt im sinnenfernen Reich,
endlich verzehrt auch mich die Zeit, das Weltgericht.
Der Tropfen leiser Klang zerfurcht mir das Gesicht.
An Windes warmem Kuß wird meine Härte weich.

 

Die Quelle

Sie ist der Mund der Erde, der von Zukunft spricht,
von der Lust, die Nähe zu begrünen und die Ferne
heimzuholen in den frischen Trunk des müden
Wanderers, der ihrem Lebensliede lauscht.

 

Die Blume

Sie weist ein dunkles, ewiges Bestreben,
sich dem Fels, dem dunklen Abgrund anzuschmiegen,
in magischen Farbentänzen sich im Licht zu wiegen,
zu dienen mit dem Duft der Fruchtbarkeit dem Leben.

 

Das wilde Pferd

Es springt und tänzelt aus dem Traumgeäst,
des Lebens Harmonie singt aus dem Schwellen
der Glieder, sie tauchen aus azurnen Wellen
an das Ufer, wenn es aus den Nüstern bläst.

 

Die Puppe

Sie ist des Menschen Bild mit ihren Nähten,
die ein fremder Wille dehnt und zieht.
Und keine Träne ist, die ihr erblüht,
wenn die Rosen sinken hin, die späten.

 

Der Mensch

Er beugt den Schicksalsblitzen seinen Rücken,
die Frucht zerfällt in seiner Hand
und seine Freude blüht an Todes Rand.
Der Wunde dunkler Sang mag ihn beglücken.

Sep 21 16

Das alte Wort

Das immer wieder polierte Silber
täuscht Jugend vor
mit mattem Glanz.

Die eifrig geglättete mürbe Erde
aus Ton und Lehm,
Kinderhände patschten darüber,
lacht in falscher Frische.

Das ausgeleierte Seil
aus Hanf oder Bast
grinst mit tückischem Schein
an der dünnen Stelle,
wo es reißen wird.

Doch das scheinbar vernutzte Wort,
die abgeschliffene Wendung,
das alte Wort,
kannst du wie einen Kieselstein,
einen glatten, flachen,
über das Wasser verstummten Gesprächs
springen und hüpfen lassen –
wo er einschlägt,
schäumen die Wünsche auf.

Das tausendfach gesungene Amen
taucht tiefer und tiefer
in Gottes Schoß.

Das tausendfach zugesprochene Ja
ist tausendfach entzündet
ein Stern, ins Dunkel geworfen.

Das schartige Messer des Nein
blitzt heller mit jedem Mal
in der Nacht des Verrats.

Jedes warm gepriesene „Schön!“
ist der Blume gleich,
die aus dumpfem Schlaf
ihre Knospe auftut
dem Auge des Tags.

Ein jedes „Gebenedeit!“
ist ein Tropfen Öl,
der in die Schale geträufelt
die Flamme der Andacht
freudiger flackern läßt.

Sep 21 16

Walther von der Vogelweide, Palästinalied

Allerêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge siht
Daz reine lant und ouch die erde
den man sô vil êren giht.
Mirst geschehen des ich ie bat,
ich bin komen an die stat
dâ got mennischlîchen trat.

Schoeniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
Sô bist duz ir aller êre.
waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein magt ein kint gebar
hêrre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Sît liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
wol dir, sper kriuz unde dorn!
wê dir, heiden! deist dir zorn.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, datr inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den niemen mac
Sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Do er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
Dô fuor er her wider ze lande.
dô huob sich der juden leit,
Daz er hêrre ir huote brach,
und man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
Dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
Und der arme den gewalt
der dâ wirt an ime gestalt.
wol im dort, der hie vergalt!

Kristen juden unde heiden
jehent daz diz ir erbe sî:
Got müez ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu welt diu strîtet her:
wir sîn an der rehten ger,
reht ist daz er uns gewer.

 

Jetzt erst lebe ich wert mir ganz,
seit mein sündiges Aug erblickt
das reine Land und seinen Glanz,
dem alle Welt den Lobpreis schickt.
Mir ward zuteil, was ich erbat,
ich bin gekommen zu der Stadt,
wo Gott als Mensch gewohnet hat.

Von allen Landen schön und erhaben,
die ich habe je gesehen,
gebühren dir die Ehrengaben.
Welch Wunder ist allhier geschehen!
Daß eine Magd ein Kind gebar,
den Herrn über aller Engel Schar,
war das nicht überaus wunderbar?

Hier ließ er zur Reine sich taufen,
auf daß auch der Mensch rein sei.
Er mochte den Häschern nicht entlaufen,
auf daß wir Knechte würden frei.
Sonst wären wir alle todeskrank.
Speer, Kreuz und Dorn, euch sei Dank!
Weh euch Heiden, ihr lebt mit ihm im Zank.

Zur Hölle stieg der Sohn von da
aus dem Grab, in dem er gelegen.
Immer war der Vater ihm nah
und der Geist, und all ihr Segen
bleibt in ihm, sie sind vereint,
schlicht und glatter als vom Reis gemeint,
das dem Abraham selbdritt erscheint.

Da er den Teufel zur Schande versehrte,
wie noch kein Kaiser führte den Streit,
kehrte er wieder zurück auf die Erde.
Da hob an der Juden Leid,
weil er, der Herr, ihre Wacht überwand
und man seither in ihm das Leben erkannt,
den einst schlug und stach ihre Hand.

In diesem Land hat er verkündet
den Tag von Furcht und Zittern,
da die Witwe ihr Recht sich findet
und die Waise muß nicht verbittern
und der Arme klagt wider die Gewalt,
seines Daseins Ungestalt.
Wohl dem dort, der hier die Schuld vergalt!

Christen, Juden und Heiden
sind um dies Land im Erbenstreit:
Gott soll nach Recht entscheiden
im Namen seiner Dreifaltigkeit.
Alle Welt steht hier Wehr an Wehr:
Unser ist das wahre Begehr,
Recht ist, daß er es uns gewähr.

Sep 20 16

Schabernack

Es sind gar kurze Gesellen
mit Hüten von Gras und Mohn,
die rascheln über die Treppe,
die knistern dir zum Hohn.

Ihr Genosse ist der Wind,
rauschen dunkel die Bäume,
knarzt es hell im Spind,
flackern ihre Herzen wild.

Sie rütteln an den Türen
und streuen Sand ins Bett.
Sie bauschen die Gardinen,
bestreichen die Fliesen mit Fett.

Sind recht traurige Tierchen,
neiden den Kindern das Spiel,
schielen auf das Pläsierchen,
wenn Fritz seine Fritzin küßt.

Seht, da schleicht Klein-Schreck,
streut Erbsen auf die Schwelle,
kauert und kichert im Eck,
wenn Opa kriegt eine Delle.

Seht, da huscht Butzeline,
eine Schleppe ist ihr Schal.
Sie stupst vom Stuhl die Puppe,
sie fühlt sich so fatal.

Zebulon mit dem Zopf
ist des Schabernacks Meister.
Er schüttet Milch aus dem Topf
auf das dösende Hündchen.

Und es kläfft und alle rennen,
suchen, wer wieder tat den Tort.
Doch die Schlawiner trugen
längst des Windes Flügel fort.

Sep 20 16

Brausepulver

ist dich kitzlich
grüne schaum
macht dich witzich
blauer daum

*

Meine kleinen Kinkerlitzen
habe ich dir anvertraut.
Schone ihre feinen, spitzen
Öhrchen – schnarche nicht so laut!

Du mußt sie täglich kämmen,
denn ihr Haar ist dick.
Laß sie artig schlemmen,
meide ihren Zwillingsblick!

Du mußt mit ihnen Gassi gehen,
wenn sie singen im Duett.
Wenn sie sich umeinanderdrehen,
ist es schon zu spät.

Litz malt gern Porträts vom Bruder,
Kinker ruft: „Das ist ja Litz!“
Alles läuft dir aus dem Ruder,
nennst du Litzchen Fritz
(oder Kinker Stinker).

*

mäusele mäusele
wittu ins häusele?

katz-die-kratz
tatzel-die-tatz

*

weiß net weiter
hab köi leiter
hab köi fade
bin öi made

*

tu züngeli
wittu lall?
wittu prall?
husch ins häuseli!

*

Kauze wollte nicht mehr kauzen,
wollte wie die Katze mauzen.
Doch als er die Katze äffte,
mauzte Kauze nicht – er kläffte.

*

zähl mich nit mit
ging ich schütt
zähl mich aus
bin ich laus

*

musa longa li
pitzo patzo watsch
musa longa li
pitzo patzo ratsch

*

Grüne Brause,
aus der Schaum,
geh nach Hause
Schaum war Traum.

Sep 19 16

Was ich sah II

Ich sah die Wunde,
die in allen Wesen brennt.

O, dunkle Stunde,
da sich die Rose kennt.

Ich sah die Unschuld
ihren Kreuzweg gehen.

Ach, der Liebe Huld,
wenn die Blüten verwehen.

Ich sah die Tränen,
die von Wehmut künden.

O, dunkles Sehnen,
wenn die Ströme münden.

Ich sah die Sonne
aus den Wunden glühen.

O, bittre Wonne,
wenn die Rosen blühen.

Ich sah die Güte
sich ins Dunkel neigen.

Maria, du behüte,
wo deine Lilien schweigen.

Ich sah den Überdruß
aus den Lüsten rauchen.

O, gnädiger Genuß,
in die Stille tauchen.

Ich sah das Leiden
sich aus Küssen trinken.

O, süßes Scheiden,
wenn die Rosen sinken.

Sep 19 16

Flatus vocis

Kurze Betrachtung des philosophischen Nominalismus

Wenn alle wie von einem zur Totalerschlaffung führenden Virus befallen zu Hause blieben – vom Pförtner und Hausmeister über die Angestellten bis zu den Chefs – und das ganze Bürogebäude gähnte vor Leere: Dann ist das Unternehmen, das es beherbergt, lahmgelegt und wenn dieser Zustand andauert, dem Untergange geweiht.

Wenn die Mitglieder eines Chores oder Orchesters, eines Schachclubs oder Schützenvereins ihre gemeinsame Betätigung satthaben und nicht mehr zu ihren regelmäßigen Treffen erscheinen, löst sich der Chor, das Orchester, der Schachclub und der Schützenverein mit einem Schlage auf. Es hilft nichts, darauf zu verweisen, daß es ja da noch den amtlichen Eintrag im Ordnungsamt gebe.

Wenn der Freund den Freund nicht mehr Freund nennt, sondern beginnt ihn wie Hinz und Kunz oder gar als Feind zu betrachten, ist die Freundschaft am Ende. Es hilft nichts, auf jenes sentimentale Dokument eines Freundschaftbundes zu verweisen, das die Freunde in glorreichen Tagen gemeinsamen Sinnens, Unternehmens und Kämpfens untereinander abgeschlossen hatten. Das Papier ist tot und null und nichtig, wenn der lebendige Atem der Freundschaft verweht ist.

Wenn die Frau den Mann, der Mann die Frau betrogen hat, ist es aus mit der Ehe, es nützt wenig, auf beider Ringe hinzuweisen: Sie sind nur noch Metall, keine echten Symbole des Ehebundes mehr.

Morgen überkommt die Deutschen die unbezwingliche Nostalgie nach der alten Währung Deutsche Mark: Keiner rührte mehr den Euro an, keiner achtete mehr einen Cent als werthaltige Münze – sofort verlöre der Euro seinen Wert als Zahlungsmittel, und jeder Hinweis auf die ungeheuren Mengen Geldes, die in dieser Währung in den Kassen der Geschäfte, Banken und Börsen gehortet oder notiert sind, wäre nutzlos, wenn alle der Währung ihre Anerkennung als gültiges Zahlungsmittel verweigerten.

Wir bemerken: Unser kulturelles Leben oder der Sinn unseres Erdenwallens wird gerahmt und gefaßt von institutionellen Begriffen und Konzepten wie Liebe, Freundschaft, Ehe, Geld, Unternehmen, Vereine und viele andere – nur haben diese kein autonomes Dasein unabhängig von den Intentionen und Willensbekundungen derjenigen, die sie tragen und mit Leben erfüllen.

Doch zu sagen, es widerspreche der Vernunft, wenn wir einen Sachverhalt wie daß 3 x 3 = 9 oder ein Apfel vom Baum auf den Boden und nicht in den Himmel fällt als bestehend und gültig bestimmen und zugleich sein Bestehen und seine Geltung bestreiten, weist dies nicht auf die von unseren Intentionen und Willensbekundungen unabhängige Existenz der Vernunft hin?

In der Tat, wir wollen eine Unabhängigkeit DER Vernunft oder der VERNUNFT in diesem Sinne bestreiten. Zu sagen, es sei unvernünftig, p und nicht-p zu behaupten, heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß wir dem Sinn unseres Redens den Boden abgraben, wenn wir widersprüchliche Sätze aufstellen. Wenn du wüßtest, daß ich so unvernünftig wäre, p und nicht-p zu behaupten, würdest du mir kein Wort glauben, kein Versprechen abnehmen, keine Verabredung mit mir treffen und jede von mir erhaltene Auskunft mit einem Fragezeichen versehen. Und wenn wir davon ausgehen müßten, daß über Nacht alle Redeteilnehmer verrückt geworden sind und mit dem Widerspruch liebäugelten, würde über kurz oder lang nicht nur alle Rede auf dem Erdkreis verstummen, sondern alles soziale Leben hienieden zusammenbrechen. Die Vermeidung von logischen Inkonsistenzen und dialogischen Widersprüchen ist aber kein Gesetz wie das mathematische Gesetz des Erhalts der numerischen Identität bei den rechnerischen Verfahren oder das physikalische Gesetz des Energieerhalts oder der Gravitation. Denn was wir Vernunft nennen, ist die normative Kraft, mit der wir unserer Rede Leben, Sinn und Geltung einhauchen, und ganz unähnlich der physischen Kraft, gemäß der ein Apfel zu Boden fällt.

Wer sich weigert, für seine Annahme, er könne ein perpetuum mobile entwickeln, Argumente anzugeben, kann es entweder nicht (und in der Tat hat bislang keiner ein Argument für diese Annahme finden können) und hat damit in dem (fiktiven) Dialog mit allen, die seine Behauptung bestreiten, schon verloren oder will es nicht, und ist damit erst gar nicht in einen Dialog eingetreten. Wir sagen dazu, es sei unvernünftig, in eine Argumentation mit leeren Taschen einzutreten, und es sei ebenso unvernünftig, sich jeder Auseinandersetzung zu verweigern. Wir meinen aber mit dem Hinweis auf die Unvernunft eines solchen Handelns, daß es unfruchtbar, eitel oder sinnlos sei – und mehr können wir nicht meinen.

Was wir anhand der Betrachtung unseres Sprachgebrauchs über den Begriff der Vernunft sagen können, ist also dies: Wir nennen Vernunft die unbestimmte Menge aller möglichen Sprechakte des Aufforderns, Ratens und Empfehlens und des Warnens, Abratens und Mißbilligens, mit denen wir unser Reden und Tun unter Angabe mehr oder weniger plausibler Gründe normativ einschränken. Vernunft ist demnach ein Sammelbegriff für unsere sprachlichen Äußerungen, mit denen wir das Tun und Lassen, das Reden und Schweigen loben oder tadeln, insofern wir unser Lob und unseren Tadel auf gute Gründe stützen können oder stützen zu können vermeinen.

Insofern die Vernunft unser argumentativ gebändigtes Reden lenkt, ist sie eine Form oder ein institutionelles Konzept des sozialen Lebens und wie alle institutionellen Begriffe ohne die normative und intentionale Kraft, die wir ihnen durch unsere Intentionen und Willensbekundungen einhauchen, nicht vorstellbar.

Was sollen wir von Aussagen halten, die sehr komplexen Gebilden wie der Wirtschaft, dem Recht, der Wissenschaft oder der Politik eine je eigentümliche Vernunft, vulgo Rationalität, zusprechen? Liegt dann nicht der klare Sachverhalt zutage, daß es sich dabei um autonome Strukturen oder Systeme handelt, die nach spezifischen Regeln des rationalen und irrationalen Handelns funktionieren?

Recht, um nur dies als Exempel zu betrachten, nennen wir den Bereich menschlichen Redens und Tuns, in dem menschliche Handlungen nach Maßstäben des Richtigen und Falschen, des Normgemäßen und von der Norm Abweichenden gemessen, beurteilt und sanktioniert werden. Wenn wir kulturell erlahmt und der sozialen Selbstbehauptung nicht mehr mächtig das Strafrecht nicht mehr anwenden und den Dieb, den Räuber, den Mörder ungeschoren davonkommen lassen, bleibt der Hinweis auf das Strafgesetzbuch, die Strafrichter und die Gerichte fruchtlos: Wir haben das Recht der normativen Kraft, mit dem wir ihm Leben einhauchen, beraubt.

Doch, wird der Strukturalist sich aufbäumend fragen, was ist mit den syntaktischen Strukturen der Sprache, sind sie nicht vom Tun und Lassen der Sprecher unabhängig, insofern ihr Reden immer an die Beachtung und Verwirklichung dieser vorgegebenen Strukturen bei Strafe des Versinkens in sprachlichen Unsinn oder Sprachlosigkeit gebunden ist?

Nehmen wir an, eine Sprachgemeinschaft verordne sich die völlige Abstinenz von der Sprachhandlung des Fragens (oder werde von einem mächtigen Tyrannen dazu verdonnert), dann bricht über kurz oder lang das soziale Leben zusammen, denn der Arzt könnte den Patienten nicht mehr fragen, wo es weh tut, der Lehrer nicht mehr den Schüler, wie die Lösung der Aufgabe lautet, der Passant nicht mehr den Polizisten, wo das Rathaus ist, der Standesbeamte nicht mehr die Verlobten, ob sie sich das Ja-Wort geben. Das soziale Leben bricht infolge eines generellen Frageverbotes deshalb zusammen, weil das Fragen gleichsam ein soziales Existential darstellt, ohne das wir unser Dasein nicht orientieren und gestalten können.

Die Frageform hat in unserem Sprachkreis die syntaktische Form der Umstellung des Prädikatsausdrucks (Du gibst mir das Buch. Gibst du mir das Buch?), in der mündlichen Äußerung heben wir den Ton gegen das Satzende an, in der schriftlichen Form verwenden wir ein Fragezeichen am Satzende. Das könnten wir anders regeln, indem wir beispielsweise vor und nach dem Sprechakt einen Sonderlaut einfügten oder sonstwie. Die Intention zu fragen geht also der grammatischen Funktion voraus und ist von ihrer syntaktischen Ausgestaltung gänzlich unabhängig.

Ebensowenig wie es DIE Vernunft oder die VERNUNFT als autonome Größe gibt, können wir von DER Sprache oder der SPRACHE reden: Wenn wir nicht reden, ist die Sprache tot, denn sie ist nichts als ein Sammelbegriff für die unbestimmte Menge aller möglichen Sprechakte, mit denen wir uns verständigen oder auf die Nerven gehen.

Wir kommen immerhin bei diesen bisweilen enttäuschenden Betrachtungen zu einem positiven Schluß: Was die Menschen bewegt und antreibt, am Leben hält oder am Leben verzweifeln läßt, ist wie die Quelle all unserer wesentlichen institutionellen Begriffe und Konzepte wie die Liebe, die Freundschaft, die Ehe, das Recht oder die Kunst in sich weder vernünftig noch unvernünftig, weder rational noch irrational, sondern steht außerhalb der Dimension der Vernunft – es ist das Leben selbst und die Intentionen und Willensbekundungen, mit denen wir ihm in seinen Ausdrucksgestalten Sinn verleihen (oder ihm den Sinn verwehren). Indes, um unser Leben auf geordneten Bahnen führen zu können, müssen wir unser Reden und Tun normativ einschränken – das nennen wir vernünftig oder unvernünftig reden und handeln. Aber wir leben um keines höheren oder autonomen Zweckes willen, auch nicht unter dem Geheiß einer moralisch erregten Vernunft, denn das Leben ist sich genug (auch wenn es keine Genüge finden oder fühlen mag).

Vielleicht wird der Gläubige einwenden: Die Kirche existiert unabhängig von den Intentionen und Willensbekundungen ihrer Mitglieder; auch wenn morgen keiner mehr die heiligen Handlungen ihres sakramentalen Lebens wie die Taufe, die Buße oder die Eucharistie, weder Priester noch Gläubige, vollzöge, wäre die Kirche kraft ihrer transzendenten Stiftung nicht tot.

Hier können wir nur sagen, der Geist weht, wo er will – und wenn er aufgehört hat zu wehen, führt der Organismus, der unter seinem Anhauch lebte, das Dasein eines Gespenstes. Der Geist ist also auf transzendenter Ebene, was die normative und intentionale Kraft auf jener Ebene ist, auf der wir unserem Reden und Tun durch unsere Absichten und Willensbekundungen Leben einhauchen.

Sep 19 16

Walther von der Vogelweide, Unmutston

Nû wil ich mich des scharpfen sanges ouch genieten:
dâ ich ie mit vorhten bat, dâ wil ich nû gebieten.
ich sihe wol daz man hêrren guot und wîbes gruoz
gewalteclîch und ungezogenlîch erwerben muoz.
singe ich mînen höveschen sanc, sô klagent siz Stollen.
dêswâr ich gewinne ouch lîhte knollen:
sît si die schalkheit wellen, ich gemache in vollen kragen.
ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen:
dâ wil ich mich allerêrst beklagen:
vind ich an Liupolt höveschen trôst, so ist mir mîn muot entswollen.

 

Nun will auch ich den scharfen Ton nicht mehr verhehlen:
Wo ich einst furchtsam bat, da will ich nun befehlen.
Ich sehʼs nun ein: der Herren Lohn, der Frauen Gaben
sind mit Gewalt und Dreistigkeit ganz leicht zu haben.
Sing ich im hohen Ton, verklagt man mich bei Stollen.
Fürwahr, auch meine Ader schwillt ganz leicht vor Grollen:
Wenn Bosheit ihnen schmeckt, sie dran ersticken sollen.
In Österreich lernt ich einst das Singen und das Dichten:
Gleich mache ich mich auf, mein Leid dort zu berichten:
Find ich an Leopolds Hofe Schutz, ist mein Zorn gleich abgeschwollen.

Sep 18 16

Walther von der Vogelweide, Nemt, frouwe, disen kranz!

‚Nemt, frouwe, disen kranz!‘
alsô sprach ich zeiner wol getânen maget.
‚Sô zieret ir den tanz,
mit den schœnen bluomen, als irs ûffe traget.
Het ich vil edele gesteine,
daz müest ûf iur houbet,
obe ir mirs geloubet.
seht mîne triuwe, daz ichz meine.‘

Si nam daz ich ir bôt
einem kinde vil gelîch daz êre hât.
Ir wangen wurden rôt
same diu rôse, dâ si bî der liljen stât.
Do erschampten sich ir liehten ougen:
doch neic si mir schône.
daz wart mir ze lône.
wirt mirs iht mêr, daz trage ich tougen.

‚Ir sît sô wol getân,
daz ich iu mîn schapel gerne geben will,
So ichz aller beste hân.
wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil.
Die stênt sô verre in jener heide.
dâ si schône entspringent
und die vogele singent,
dâ suln wir si brechen beide.‘

Mich dúhte daz mir nie
lieber wurde, danne mir ze muote was.
Die bluomen vielen ie
von dem boume bî uns nider an daz gras.
Seht, dô muost ich von fröiden lachen,
do ich sô wünneclîche
was in troume rîche,
dô taget ez und muos ich wachen.

Mir ist von ir geschehen,
daz ich disen sumer allen meiden muoz
Vast under d’ougen sehen:
lîhte wirt mir einiu: so ist mir sorgen buoz.
Waz obe si gêt an disem tanze?
frouwe, dur iur güete
rucket ûf die hüete:
owê gesæhe ichs under kranze!

 

„Nehmt, meine Dame, diesen Kranz“,
so sprach ich zu einer jungen Schönen.
„Ihr zieret mit ihm den Tanz,
wenn schöne Blumen euer Haar verwöhnen.
Wären Edelsteine mir zu eigen,
die müßten Euch zu Häupten prangen,
das dürftet Ihr verlangen.
Meine Treue würde so ich zeigen.“

Sie nahm, was ich ihr bot,
einem Kinde gleich, das Artigkeit bezeigt.
Ihre Wangen wurden rot,
wie die Rose, der die Lilie sich neigt.
Sie schlug die Augen schamhaft nieder,
und machte einen anmutigen Knicks.
So ward mir die Gunst des Augenblicks.
Gewährt sie mir noch mehr, vertrau ichʼs keinem meiner Lieder.

„Ihr wollt mir so gefallen,
daß ich meinen Kranz Euch gerne geben will,
es ist der schönste von meinen allen.
Ich kenne der weißen und roten Blumen viel.
Sie blühen auf jener Heide,
wo sie voll Anmut entspringen
und wo die Vögel singen,
da wollen sie pflücken wir beide.“

Mir dünkte, was mein Gemüte
da erfüllte war Glückes Übermaß.
Es schneite Blüte um Blüte
nieder von dem Baume auf das Gras.
Seht, da hab ich vor Freude gelacht,
als ich so wunderbar
im Traum beglücket war,
dann brach an der Tag, ich bin erwacht.

So verzaubert bin ich von ihr,
daß ich diesen Sommer allen Mädchen groß
in die Augen schaue hier:
Vielleicht erscheint sie mir: Dann bin ich allen Kummer los.
Was, wenn sie sich mischt in diesen Tanz?
Meine Lieben, tut mir die Güte
und hebt ein wenig eure Hüte:
Ach, erblickte ich sie unter dem Kranz!

Sep 18 16

Was ich sah I

Ich sah die Rose, sah den Abendstern.
Auch Moselaners Goldlack sah ich gern.

Ich sah in Augen, die traurig verglühten.
Und einen Mund, dem Lieder erblühten.

Doch niemals sah ich einen Wandelgrat
zwischen Liebe und Verrat.

Ich sah der Moribunden Masken schmelzen.
Sah knacken Großmauls Lügen-Stelzen.

Ich sah des krummen Mannes graden Sinn.
Ich sah im Wimpernschlag den Weltbeginn.

Doch niemals sah ich einen Wandelgrat
zwischen Liebe und Verrat.

Ich sah den Bösen von der Gnade zehren.
Den Weisen sich vom Narren belehren.

Ich sah die Rose in ein Grab versinken.
Den Abendstern in Milch ertrinken.

Doch niemals sah ich einen Wandelgrat
zwischen Liebe und Verrat.

Ich sah die Lust die Liebe äffen.
Die Fratze nach der Anmut kläffen.

Ich sah die Schufte hundsgemein.
Ich sah der Andacht Flamme rein.

Doch niemals sah ich einen Wandelgrat
zwischen Liebe und Verrat.

Sep 17 16

Das heimliche und das unheimliche Leben

Wahrhaftig, es ist dir nicht stets
hinterhergetrottet, wedelnd
wie ein treues Hündchen –
bisweilen hat es sich jäh
umgewandt und fletschend
dich angeknurrt.

Doch ohne die unheimliche Macht
leiser oder jäher Verwandlung
wärʼs nur eine eitle Puppe
mit ewig stupidem Lächeln,
ausgestopft mit dem Vlies
zerrrupfter Empfindung,
und mit gläsernen Augen,
in denen sich das Gespenst
deiner Abwesenheit spiegelt.

Hat es dir nicht einmal
aus den braunen Strudeln des Traums
die weiße Hand einer Ertrinkenden
entgegengestreckt –
und du warst zu müde, zu kraftlos,
zu unentschlossen, sie zu ergreifen
und euch ans Ufer
eines von Krokus erhellten
Erwachens zu ziehen?

Du hast es,
einen aus dem Nest gefallenen Zeisig,
in der Voliere gefüttert,
du hast ihn mit dem Finger
geneckt und gekrault,
ihm deine innigste Weise vorgesummt –
doch er wollte nicht singen.

Aber einmal,
als du dich in das warme Rauschen
der Halme geschmiegt,
kam es, ein Lamm,
leise heran, und leckte dir bedächtig
die salzige Wange.

Oder du lagst, wie einst,
gekrümmt im Schilf
am Ufer der Mosel,
und im Halbschlaf hörtest du
aus dem Glucksen des Wassers
die hellen Stimmen der Kinder:

„Schlafe, schwimme,
träume mit uns,
fühle, die Woge ist weich,
schlafe, träume,
komm, gleite mit uns
in das friedliche Muschelreich.“

Sep 16 16

Walther von der Vogelweide, Wer zieret nû der êren sal?

Wer zieret nû der êren sal?
der jungen ritter zuht ist smal:
sô pflegent die knehte gar unhövescher dinge,
Mit Worten, und mit werken ouch:
swer zühte hât, der ist ir gouch.
nemt war wie gar unfuoge für sich dringe.
Hie vor dô berte man die jungen,
die dâ pflâgen frecher zungen:
nû ist ez ir werdekeit.
si schallent unde scheltent reine frouwen.
wê ir hiuten und ir hâren,
die niht kunnen frô gebâren
sunder wîbe herzeleit!
dâ mac man sünde bî der schande schouwen,
die maneger ûf sich selben leit.

 

Wer ist jetzt die Zierde im hohen Saal?
Der Anstand der jungen Ritter ist schmal:
Wie unhöfisch sich die Knappen verhalten
mit Worten und mit Taten auch:
Wer züchtig ist, gilt ihnen als Gauch.
Seht, wie rohe Sitten obwalten.
Früher verprügelte man die Jungen,
die sich erkühnten frecher Zungen:
Das gereicht ihnen zum Ruhme nun.
Mit Zoten beschämen sie keusche Frauen.
Sie sollen gehäutet und geschoren werden,
die nur froh sich können gebärden,
wenn sie Frauen Leid antun.
Hier können sie Sünde und Schande beschauen,
die auf ihnen selber ruhn.

Sep 16 16

Walther von der Vogelweide, Man hôhgemâc

Man hôhgemâc, an friunden kranc,
daz ist ein swacher habedanc:
baz gehilfet friuntschaft âne sippe.
lâ einen sîn geboren von küneges rippe,
er enhabe friunde, was hilfet daz?
mâgschaft ist ein selbwahsen êre:
sô muoz man friunde verdienen sêre.
mâc hilfet wol, friunt verre baz.

 

Ein Mann hohen Stamms, dem Freunde fehlen,
kann sich die Dankbarkeit nicht stehlen:
Besser Freunde als Onkeln und Tanten.
Wer gar zählt zu Königs Verwandten,
ist arm dran, so er keinen Freund ersah.
Sippenruhm, den kann man erben,
Freunde muß man sich erwerben.
Brüder sind nicht fern, Freunde nah.

Sep 16 16

Walther von der Vogelweide, Wer sleht den lewen?

Wer sleht den lewen? wer sleht den risen?
wer überwindet jenen unt disen?
daz tuot einer der sich selber twinget
und alliu sîniu lit in huote bringet
ûz der wilde in stæter zühte habe.
geligeniu zuht und schame vor gesten
mugen wol eine wîle erglesten:
der schîn nimt drâte ûf unt abe.

 

Wer erschlägt den Löwen? Wer erschlägt den Riesen?
Wer überwindet jenen und diesen?
Das kann nur einer, der sich selbst bezwingt
und alle seine Glieder unter Kontrolle bringt,
der bannt in fester Zucht die ungefügen.
Vor Fremden mit schönen Posen und Manieren
kann man wohl für eine Weile brillieren:
Der hohle Glanz wird schnell verfliegen.

Sep 15 16

Das salomonische Urteil

Eine philosophische Betrachtung über den guten Grund und das bessere Argument

 

16 Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. 17 Und das eine Weib sprach: Ach, mein Herr, ich und dies Weib wohnten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause. 18 Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch. Und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. 19 Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. 20 Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, da deine Magd schlief, und legte ihn an ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie an meinen Arm. 21 Und da ich des Morgens aufstand, meinen Sohn zu säugen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. 22 Das andere Weib sprach: Nicht also; mein Sohn lebt, und dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nicht also; dein Sohn ist tot, und mein Sohn lebt. Und redeten also vor dem König.
23 Und der König sprach: Diese spricht: mein Sohn lebt, und dein Sohn ist tot; jene spricht: Nicht also; dein Sohn ist tot, und mein Sohn lebt. 24 Und der König sprach: Holet mir ein Schwert her! und da das Schwert vor den König gebracht ward, 25 sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. 26 Da sprach das Weib, des Sohn lebte, zum König (denn ihr mütterliches Herz entbrannte über ihren Sohn): Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; laßt es teilen! 27 Da antwortete der König und sprach: Gebet dieser das Kind lebendig und tötet es nicht; die ist seine Mutter.
28 Und das Urteil, das der König gefällt hatte, erscholl vor dem ganzen Israel, und sie fürchteten sich vor dem König; denn sie sahen, daß die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.
(1 Könige, 3, 16–28)

Wenn wir Salomons Urteil betrachten, gewinnen wir Einsicht in das, was die Bibel Weisheit nennt (V. 28), und da diese, wie der Bericht kündet, von Gott stammt, Einsicht in das Wesen Gottes, soweit Weisheit einer seiner Aspekte darstellt.

Doch sind wir schon zufrieden damit, anhand der Betrachtung des Berichts über das Urteil Salomons Einsicht in das zu gewinnen, was die Philosophie einen guten Grund, etwas zu sagen oder zu tun, oder das bessere Argument nennt, nämlich eher das eine als das andere zu sagen oder zu tun.

Zwei Frauen, die Bibel nennt sie ob nun abschätzig oder wahrheitsgemäß Huren oder Dirnen (so jedenfalls bleiben die Standpunkte der wohl unbekannten Väter außen vor), streiten um die Rechtmäßigkeit der Mutterschaft zweier Säuglinge: Der eine ist tot, der andere lebt. Die eine Mutter klagt gegen die andere, sie habe den toten Jungen heimlich statt ihres lebenden ausgetauscht und ihr untergeschoben. Die andere bestreitet, dies getan zu haben.

Der biblische Erzähler flicht nun die zusätzliche Bedingung in das Geschehen ein, daß den Frauen, die gemeinsam hausen, seit den kurz aufeinanderfolgenden Geburten kein Mann beigewohnt habe – damit wird die Möglichkeit, den Bericht eines Zeugen einzuholen, der die Zugehörigkeit eines Kindes zu seiner Mutter vielleicht anhand eines Merkmals belegen könnte, ausgeschlossen.

Wir haben also einen Prozess um die Klage wegen Kindesraubs und Betrugs vor Augen, in dem der amtierende Richter den Fall ohne Hinzuziehen von Zeugen oder eines Abwägens des Aussagewerts von Indizien zur Entscheidung bringen muß.

Es steht Aussage gegen Aussage: Die Aussage der Klageführenden, ihr sei von der anderen der lebende Sohn geraubt und dafür deren in der Nacht verstorbenes Kind untergeschoben worden, ist genauso sinnvoll, plausibel und gut begründet wie die Aussage der Beklagten, das Gegenteil treffe zu, nämlich, in Wahrheit sei das Kind der anderen in der Nacht verstorben, ihr eigenes aber lebe. Wir können mittels Analyse der vorgebrachten Gründe und durch Ausleuchten ihres Hintergrundes – indem wir den Grund der jeweils vortragenden Frau ihren Absichten zuweisen – kein Merkmal ausfindig machen, das eindeutig für die Wahrheit der einen oder anderen Aussage spräche.

Salomons richterliches Untersuchungsverfahren besteht in der Anweisung, den lebenden Sohn vor aller Augen mit dem Schwert zu zerteilen (also zu töten), um ihn „gerecht“ auf die Frauen, die gleichermaßen auf ihn Anspruch erheben, „aufzuteilen“. Die eine Frau erhebt entschiedenen Protest gegen ein solch grausames Vorgehen und will lieber auf das von ihr beanspruchte Kind Verzicht tun, als es töten zu lassen, während die andere mit dem Verfahren einverstanden ist, weil dann zumindest beide Frauen leer ausgehen, zwar auch sie auf ihren vorgebrachten Anspruch auf das lebende Kind Verzicht tun muß, indes mit der Genugtuung, die Rivalin in der gleichen Lage zu sehen.

Salomons Urteil befindet die Frau, die lieber auf das Kind verzichtet, als es tot zu wissen, als die wahre Mutter und billigt ihr den Anspruch auf das Kind zu. Unsere Intuition – und wie der Bericht ausführt, auch die Intuition des biblischen Autors – neigt sich mit Respekt vor diesem weisen Urteil.

Aber können wir nüchternen Bibelleser Licht hinter die Sache bringen und den Grund herausfinden, der das Urteil Salomons wahr macht, oder zumindest das bessere Argument identifizieren, das sein Urteil in hohem Grade wahrscheinlicher macht als sein Gegenteil?

Das scheint einfach zu sein: Der Richter bringt in dem Fall eine implizite Regel ins Spiel und zur Anwendung, die man in etwa so formulieren könnte: Eine Mutter wird eher auf den Besitz ihres Kindes Verzicht tun, wenn es denn weiterleben darf, als es nur tot in den Armen halten zu können.

Die Regel beruft sich demnach auf eine menschliche Eigenschaft, die wir der Mutterliebe zusprechen: unter allen Umständen, auch bei Verzicht auf eigenes Wohlergehen und eigene Interessen, auf das Leben, das Wohlergehen und die Interessen des Kindes bedacht zu sein.

Wir nennen eine solche Regel eine Erfahrungsregel oder pathetisch gesprochen eine Lebensweisheit. Mutterliebe ist ein Erfahrungswert und wir wissen vom Handeln der Mütter, welche Motive, Intentionen, Antriebe wir ihm unterstellen dürfen, um die Eigenschaft dieser Form der Liebe einer Frau rechtens zuschreiben zu können.

Nun sind, und auf diese Beobachtung kommt es uns an, Erfahrungsregeln keine universellen Gesetze, deren Geltung unter allen Umständen und unabhängig von der jeweiligen Situation zutrifft. So ist die Tatsache, daß wir Menschen sterblich sind, ein universelles Gesetz, sodaß gilt: Wen X ein Mensch ist, muß er früher oder später sterben. Wenn aber die sich aus der Mutterliebe ergebenden Eigenschaften kein universelles Gesetz begründen, können wir nicht sagen, daß gilt:

Wenn X eine Mutter ist, wird sie A tun

wobei A bedeutet, eher auf den Besitz des Kindes zu verzichten, als es tot in den Armen halten zu müssen.

Wir könnten uns folgenden Grenzfall denken: In der Nacht starb wirklich das Kind der einen Frau, die andere hat dies bemerkt und tauscht dann heimlich ihr lebendes Kind gegen das tote aus – also nicht das tote Kind wird gegen das lebende ausgetauscht, sondern das lebende gegen das tote, denn die Mutter des lebenden Kindes ist des Mutterseins überdrüssig, sei es weil sie den Sohn wegen einer schweren Kindbettdepression nicht annehmen konnte oder weil sie in ihm nur den verhaßten Erzeuger sieht. Um allen Verdacht zu zerstreuen, führt sie gegen die andere Frau Klage, ihr Kind entwendet zu haben. Dann wird am Ende sie es sein, die mit dem Schiedsspruch, das Kind mit dem Schwert zu zerteilen, einverstanden ist – denn es ist zwar ihr eigenes Kind, aber alle Mutterliebe ist in ihr abgestorben und hat sich in Haß verwandelt. Wenn dann die andere Mutter der Rivalin das Kind großmütig und wie aus wahrer Mutterliebe überlassen will, um sich den Anblick des schrecklichen Teilungs- und Tötungsvorganges zu ersparen, wird ihr wie zur Ironie das fremde Kind als ihr eigenes ausgehändigt.

Wir müssen demnach, weil wir Grenzfälle dieser und anderer Art nicht ausschließen können, die oben angeführte allgemeine Ableitungsformel wie folgt einschränken:

Wenn X eine Mutter ist, wird sie wahrscheinlich A tun.

Oder allgemeiner für alle Personen P:

Wenn P die Eigenschaft F hat, wird P wahrscheinlich eher A tun als nicht-A.

Wenn P dein Freund Peter ist, wird er dir wahrscheinlich eher im Notfalle beistehen, als dich im Stich zu lassen. Es sei denn, Peter erkennt deine Lage nicht als Notlage oder er ist selbst in einer so schwierigen Situation, daß er keinen freien Blick, keinen Atem und keine Kraft hat, dir beizustehen. Ist er laut Regel in diesem Moment nicht mehr dein Freund? Vielleicht geht es ihm übermorgen besser und er entschuldigt sich für sein Versagen oder versucht es wiedergutzumachen.

Die genannten Regeln sind Faustregeln, mit denen wir mehr oder weniger gut fahren und durchs Leben kommen, aber sie gehorchen den weichen Regeln einer informalen Logik, nicht den harten Zwängen einer formalen Logik.

Wir bemerken, daß wir im Alltag auf Intuitionen und implizite Regeln angewiesen sind, die wir uns im Laufe unseres leidgeprüften Lebensweges zurechtgezimmert haben oder die wir aus dem großen Erfahrungs- und Weisheitsschatz früherer Generationen übernommen haben (hier sei die Spruchdichtung der alten Völker beispielhaft genannt, denken wir an die gnomischen Sätze bei den griechischen Tragikern oder Pindar, die Sprüche der biblischen und christlichen Väter oder denken wir an die Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide); dagegen haben wir keinen vollständigen Durchblick oder hinreichendes Wissen, wie es geht und weitergeht. Daher spielen Haltungen wie Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung eine nicht zu unterschlagende Rolle in unserer Weltorientierung: Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob unser Freund sein Wort halten wird, aber wir setzen unser Vertrauen in ihn, wir wissen nicht, ob uns unsere Frau morgen oder gerade jetzt mit einem anderen betrügt, aber wir lassen uns die Hoffnung nicht ohne weiteres rauben und hüten uns vor vorschnellen Verdächtigungen.

Wir sind immer auf dem Sprung, will sagen, wir setzen unseren Fuß immer wieder auf das unbekannte Land der Zukunft. Da kommen wir mit universellen Rezepten nicht weit, denn schon morgen hat uns unser Freund wirklich verraten oder geht die Klarheit unseres Verstandes allmählich zum Teufel. Da ist guter Rat teuer – und ein Salomon nicht immer in Sicht. Und wenn sogar jener weise Richter hätte irren können …

Wir kommen voran, wenn wir uns an gewissen Vorbildern orientieren, von denen wir annehmen, daß ihre Urteile die Zustimmung vieler, wenn nicht aller Einsichtigen oder vernünftigen Leute erhalten. Neben Experten der Wetterkunde und der Behandlung von Krankheiten denken wir vor allem an solche Menschen, die an Lebensweisheit in langen Irrfahrten durch bewältigte Krisen und eroberte Länder der inneren Erfahrung zugenommen haben – hier sind wir wieder bei den Dichtern und Weisen und ihren tradierten Sprüchen und Sentenzen.

Aber drehen wir uns so nicht im Kreise – müssen wir nicht, wenn wir diesem und jenem ein gerüttelt Maß an vernünftiger Einsicht zusprechen, zuvor ausgemacht haben, was das ist: Vernunft und Einsicht, um sie gültig und bedachtsam diesem und jenem zusprechen zu können?

Nun, dies ist gerade der Zirkel des rechten Verstehens, aus dem wir nicht ausbrechen können. Es geht nur peu à peu, durch Versuch und Niederlage und erneuten Versuch, auf Umwegen, durch Verstrickungen und Lösungen. Immerhin kommen wir durch sprachliche Erfahrung auf „letzte“ Konzepte und institutionelle Begriffe wie das Versprechen, die Freundschaft, die Liebe oder die soziale Ordnung der Gemeinschaft. Wir lernen, wie wir den Begriff „Freund“ anwenden, doch können wir nicht alle Umstände antizipieren, die seine Anwendung rechtfertigen – oder falsifizieren.

Zuletzt bleiben wir mit uns allein: Im Angesicht des Bildes, das wir uns von uns selbst gemacht haben, das wir andere haben uns zurückgeben und widerspiegeln lassen – wie das Bild eines „guten“ Menschen oder eines „schlechten“ Menschen, denn gewiß können wir gut sein wollen, indem wir unsere Versprechen halten, den Freund nicht verraten oder für die geliebten Mitmenschen sorgen; aber wir können auch schlecht sein wollen, indem wir auf betrügerische und parasitäre Weise auf emotionale und materielle Kosten anderer leben: Nichts daran ist inkonsistent, keine universelle moralische Norm oder Regel könnte unseren Willen a priori steuern oder außer Kraft setzen.

Doch mit uns allein, in der Einsamkeit hoher Stunden, der Einsamkeit des Alters, ein freundliches Selbstbild hinter dem Nebel der Vergangenheit durchschimmern zu sehen oder auf eine monströse Fratze zu stoßen, macht wohl einen Unterschied.

Doch am Ende verblaßt auch dies, und sterben heißt, ins Bildlose entschwinden.

Sep 15 16

Walther von der Vogelweide, Ich hôrte diu wazzer diezen

Ich hôrte diu wazzer diezen
und sach die vische fliezen;
ich sach swaz in der welte was,
velt walt loup rôr unde gras.
swaz kriuchet unde fliuget
und bein zer erde biuget,
daz sach ich, unde sage iu daz:
der keinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme,
sam tuont die vogele under in,
wan daz si habent einen sin:
si dûhten sich ze nihte,
si enschüefen starc gerihte.
si kiesent künege unde reht,
si setzent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiuschiu zunge,
wie stêt dîn ordenunge!
daz nû diu mugge ir künec hât,
und daz dîn êre alsô zergât.
bekêrâ dich, bekêre!
die cirkel sint ze hêre,
die armen künege dringent dich:
Philippe setze den weisen ûf, und heiz si treten hinder sich.

 

Ich hörte die Wasser schwellen,
und sah die Fische in den Wellen,
ich sah das ganze Weltgeschehen,
Feld, Wald, Laub, Schilf und Grases Wehen.
Was kreucht und was da fliegt
und das Bein zur Erde biegt,
das sah ich und tue euch den Spruch:
Feindschaft ist des Lebens Fluch.
Die wilden Tiere und Schlangen
sind in Kämpfen befangen,
so hackt Vogel auf Vogel ein.
Doch ein Sinn ist allen gemein:
Sie wähnten sich nichtig,
lenkten sie sich nicht richtig.
Sie geben sich Könige, setzen das Recht,
oben der Herr, unten der Knecht.
So weh dir, deutscher Sprache Land,
deine Ordnung, wie hat sie Bestand!
Monarchisch ist die Biene gesinnt,
doch dein großer Ruhm zerrinnt.
Kehre um, kehr um!
Die kleinen Kronen wachsen ungemein,
Vasallen wollen Kaiser sein:
laß sie in die Schranken treten, kröne Philipp mit dem Edelstein.

Sep 14 16

Walther von der Vogelweide, Ich saz ûf eime steine

Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine;
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer werlte solte leben:
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der deheinez niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
der ietwederz dem andern schaden tuot,
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und werltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze;
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.

 

Ich saß auf einem Stein,
ein Bein auf dem andern Bein,
stützte darauf den Ellenbogen,
ich hielt in meiner Hand gewogen
das Kinn und eine meiner Wangen.
Da nahm mich die Frage gefangen,
wie man auf der Welt soll leben:
Keinen Rat konnte ich mir geben,
wie man drei Dinge erwürbe,
ohne daß man eines verdürbe.
Zwei sind Ehre und weltliche Güter,
doch eins ist nicht des andern Hüter,
das dritte ist Gottes Gnade,
vor ihr sind jene Fassade.
Paßten sie nur alle in einen Schrein.
Doch leider kann dies ja nicht sein,
daß Gottes Gnadenreine
in einem Herzen sich vereine
mit Besitz- und Ruhmbegier.
Versperrt sind alle Fluchten hier:
Feinde lauern im Hinterhalt,
auf den Wegen herrscht Gewalt.
Friede und Recht sind schwer verwundet.
Die dreie finden nach Hause kaum,
sind diese nicht zuvor gesundet.

Sep 13 16

Die Seelenwaage

Du sagst, dies sei doch nicht gerecht.
Du kennst der Seele Götter schlecht.

Lange Wimpern dürfen schneiden
blaue Seufzer in die Nacht.

Glotzaugen müssen’s all erleiden –
unbeseufzt.

Goldzöpfe dürfen bommeln
auf tanzgewippter Brust.

Glatzköpfe sind die Trommeln –
Regen marsch!

Grüne Augen dürfen sprühen
Knisterschäume in die Luft.

Hinter Dunkelglas auf Avenuen,
Triefe-Aug.

Hohe Beine dürfen schreiten
durch den Schaum der Blicke.

Krumme Haxen ruhn beizeiten
auf der Bahr.

Weiße Göttin sich zu baden
biegt das Schilf entzwei.

Badezuber kann nur schaden
Kruselhaar.

Nachtigallenherz singt frei,
bis alles Blut verbraucht.

Dichters taubes Weltenei,
Herzverließ.

Wasser ist der Erde Lust,
wenn es rauscht und raucht.

Mager ist der Weisheit Brust,
trockner Witz.

Blüten wirbeln Aphrodites Füße
in Frühlings hellem Tanz.

Von Paris schickt ihr keine Grüße
Tartarus.

Sep 12 16

Walther von der Vogelweide, Uns hât der winter geschât

Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
Saehe ich die megde an der strâze den bal
werfen, sô kaeme uns der vogele schal.

Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
Weiz got, er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen, dâ rîfe nû lît.

 

Uns war der Winter schädlich überall:
Heide und Wald sind blaß von Verfall,
verflogen ist süßer Stimmen Widerhall.
Säh ich nur schon Mädchen werfen den Ball
auf der Straße, kehrte heim bald Vogelschall.

Könnt ich nur verschlafen des Winters Zeit!
Wach ich, quält mich Verdrießlichkeit,
weil seine Macht so groß ist und weit.
Weiß Gott, er wird vorm Mai einknicken im Streit:
Dann lese Blumen ich auf, wo jetzt es schneit.

Sep 11 16

Walther von der Vogelweide, Frô Welt

I
Frô Welt, ir sult dem wirte sagen
daz ich im gar vergolten habe:
mîn grôziu gülte ist abe geslagen;
daz er mich von dem brieve schabe.
swer ime iht sol, der mac wol sorgen.
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ê zeinem juden borgen.
er swîget unz an einen tac:
sô wil er danne ein wette hân,
sô jener niht vergelten mac.

II
›Walther, dû zürnest âne not:
dû solt bî mir belîben hie.
gedenke wie ich dirz erbôt,
waz ich dir dînes willen lie,
als dicke dû mich sêre bæte.
mir was vil inneclîche leit daz dû daz ie sô selten tæte.
bedenke dich: dîn leben ist guot:
sô dû mir rehte widersagest,
sô wirst dû niemer wol gemuot.‹

III
Frô Welt, ich hân ze vil gesogen:
ich wil entwonen, des ist zît.
dîn zart hât mich vil nâch betrogen,
wand er vil süezer fröiden gît.
do ich dich gesach reht under ougen,
dô was dîn schœne an ze schowen wünneclich al sunder lougen:
doch was der schanden alse vil,
dô ich dîn hinden wart gewar,
daz ich dich iemer schelten wil.

IV
›Sît ich dich niht erwenden mac,
sô tuo doch ein dinc des ich ger:
gedenke an manegen liehten tac,
und sich doch underwîlent her
niuwan sô dich der zît betrâge.‹
daz tæt ich wunderlîchen gerne, wan deich fürhte dîne lâge,
vor der sich nieman kan bewarn.
got gebe iu, frowe, guote naht:
ich wil ze hereberge varn.

 

Frau Welt

I
„Mögt ihr, Frau Welt, dem Wirte sagen,
ich konnte ihm alles begleichen.
Ich hab die schwere Schuld abgetragen,
er soll mich aus dem Schuldbuch streichen.
Wer bei ihm in der Kreide steht, hat wohl Sorgen.
Bevor ich lange bliebe in seiner Schuld, ging zum Juden ich eher mir borgen.
Jener hält wohl still bis zum letzten Tag:
Dann verlangt er nach seinem Pfand,
bleibt dieser schuldig den Betrag.“

II
„Zu zürnen, Walther, tut nicht not;
du sollst nur bleiben hier bei mir.
An all das denke, was ich dir bot,
wie ich war zu Willen dir,
als du oft mich darum batest.
Mir tat es nur immer leid, daß du dies so selten tatest.
Geh in dich: Dein Leben, es ist gut.
Wenn du wahrhaft mir abschwörst,
wirst du nie mehr wohlgemut.“

III
„Frau Welt, ich hab genug gesogen,
mich zu entwöhnen ist nun Zeit.
Deine Zärte hat mich fast betrogen,
sie hält süßer Freuden viel bereit.
Als ich in die Augen dir hab geblickt,
war ich, leugnen kann ichʼs nicht, von deiner Schönheit wohl entzückt.
Doch war von Lastern viel Geschwür,
das ich auf deinem Rücken sah,
ich will dich immer tadeln dafür.“

IV
„Da ich deinen Sinn nicht zu wenden vermag,
gib nur nach meinem Wunsch ein Stück:
Denke an manch einen heiteren Tag,
und kehr hin und wieder zu mir zurück,
wenn dir die Zeit wird allzu lang.“
„Das täte ich von Herzen gern, wär mir nicht vor deiner Tücke bang,
vor der sich keiner retten kann.
Gönne Gott dir, Frau, eine gute Nacht:
Ich ziehe zur Herberge hinan.“

Sep 11 16

Der asphaltierte Traum

Weisheit tropft wie Milch
aus den geknickten Stengeln der Nesseln,
und im Seufzen der Halme
klebt wie Samenflocken
ihr zerrupfter Refrain.

In der Mulde des Lehms,
eingedrückt vom Stein
mit der Inschrift,
wohnt ihre Kühle.

Hier findet sie,
ein störrischer Esel
auf der betonierten Platte
urbanen Gewimmels
Laute spuckender Schatten,
kein einziges Blatt.

Die grünen Wasser
der Erinnerung
tragen noch Schaum
lichtgeprüfter Gesänge.

Oder sie taut hernieder,
wenn in deinem Auge
dunkelt der Glanz.

Der Traum wand sich noch lange
unter dem rauchenden Teppich
des Asphalts, ausgerollt
von Zyklopenarmen –
da krampfte am äußersten Saum
eine Lilienhand hervor
und konnte nicht segnen.

Hier, im Supermarkt der Liebe,
wird von Service-Schlangen
aus Plastik-Eutern
Licht gemolken.

Im Wurzelgeflecht
dunkler Prophetensprüche
wollen wir schlafen,
bis uns Efeu überwächst
mit silbergrauen Schauern.

Sep 10 16

Walther von der Vogelweide, Owê

Owê war sint verswunden     alliu mîniu jâr !
ist mir mîn leben getroumet,     oder ist ez wâr ?
daz ich je wânde ez wære,     was daz allez iht ?
dar nâch hân ich geslâfen     und enweiz es niht.
nû bin ich erwachet,     und ist mir unbekant
daz mir hie vor was kündic     als mîn ander hant.
liut unde lant, dârinne ich     von kinde bin erzogen,
die sint mir worden vremde     rehte als ez sî gelogen.
die mîne gespilen wâren,     die sint træge unt alt.
daz velt ist unbereitet,     verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer vliuzet     als ez wîlent vlôz,
vür wâr mîn ungelücke     wande ich wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge,     der mich bekande ê wol.
diu werlt ist allenthalben     ungenâden vol.
als ich gedenke an manegen     vil wünneclîchen tac,
die mir sint gar entvallen     als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.

Owê wie jæmerlîche     junge liute tuont,
den ê vil hovelîchen     ir gemüete stuont !
die kunnen niuwan sorgen:     wê wie tuont si sô ?
swar ich zer werlte kêre,     dâ ist nieman vrô:
der jugende tanzen, singen     zergât mit sorgen gar:
nie kein kristenman gesach     sô jæmerliche schar.
nû merkent wie den vrouwen     ir gebende stât:
die stolzen ritter tragent an     dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve     her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren     und vreude gar benomen.
daz müet mich inneclîchen     (wir lebeten ie vil wol)
daz ich nû für mîn lachen     weinen kiesen sol.
die vogele in der wilde     betrüebet unser klage:
waz wunders ist ob ich dâ von     an vreuden gar verzage ?
ôwê waz spriche ich tumber man     durch mînen bœsen zorn ?
swer dirre wünne volget,     hât jene dort verlorn,
iemer mêre ouwê.

Owê wie uns mit süezen     dingen ist vergeben!
ich sihe die bittern gallen     in dem honege sweben:
diu werlt ist ûzen schœne,     wîz grüene unde rôt,
und innân swarzer varwe,     vinster sam der tôt.
swen si nû habe verleitet,     der schouwe sînen trôst:
er wirt mit swacher buoze     grôzer sünde erlôst.
dar an gedenkent, ritter:     ez ist iuwer dinc,
ir traget die liehten helme     und manegen herten rinc,
dar zuo die vesten schilte     und diu gewîhten swert.
wolte got, wan wære ich     der segenunge wert!
sô wolde ich nôtic armman     verdienen rîchen solt.
joch meine ich niht die huoben     noch der hêrren golt:
ich wolte sælden krône     êweclîchen tragen:
die mohte ein soldenære     mit sîme sper bejagen.
möht ich die lieben reise     gevarn über sê,
sô wolte ich denne singen “wol”     und niemêr mêre “ouwê”,
niemer mêre ouwê.

 

O weh

O weh, wie sind entschwunden     mir all die Jahre mein!
Hab ich geträumt das Leben     oder warʼs kein Schein?
Was ich wähnte, es wäre,     warʼs denn eigentlich?
Ich habe wohl geschlafen,     so warʼs nicht wissentlich.
Nun bin ich aufgewacht,     doch ist mir unbekannt,
was vordem mir vertraut     wie meine rechte Hand.
Leute und Land, wo als Kind ich     wurde großgezogen,
fremd sind sie mir alle,     als hätt mich Trug belogen.
Und meine Spielgenossen     sind müde nun und alt.
Gepflügt ist schon der Acker,     gerodet ist der Wald.
Flösse das Wasser gar anders,     als es weiland floß,
wähnte mein Unglück wahrhaft     größer ich als groß.
Manch einer grüßt verdrossen,     der mir einst nahestand.
Die Welt ist nur von Mißgunst     gefüllt bis an den Rand.
Sinn ich auf früher Tage     leichtes Glücklichsein,
ich finde keine Spuren,     als fiel ins Meer ein Stein.
Weh und nochmals weh.

O weh, wie junge Leute     schäbig sich aufführen,
einst mochten sie die Freude     hohen Sinnes spüren.
Die kennen nichts als Jammern,     o weh, was leben sie so?
Schau ich der Welt ins Antlitz,     da ist niemand mehr froh.
Tanzen, Lachen, Singen,     in Sorgen sichʼs verlor.
Nie hat ein Christ gesehen    dergleichen Klagechor.
Schaut nur, was der Frauen     Haargebinde macht!
Die stolzen Ritter tragen     bäuerliche Tracht.
Wir haben harsche Briefe     von Rom geschickt bekommen,
wir dürfen demnach trauern,     Freude ward uns benommen.
Das macht mir sehr zu schaffen     (wir lebten einst gar wohl),
daß ich nun statt zu lachen     nur noch weinen soll.
Die Vogelschar im Walde     macht traurig unsre Klage,
wen darf es da verwundern,     wenn freudlos ich verzage?
Weh, was rede ich Tor denn,     verleitet von bösem Zorn?
Wer weltlich Glück anstrebt,     hat himmlisches verlorn.
Weh und nochmals weh.

O weh, die süßen Sachen     gereichen uns nicht zum Spaß!
Ich sehe die Bitterstoffe     schweben im Honigglas.
Schön ist die Welt von außen     weiß und grün und rot,
doch innen von schwarzer Farbe     finster wie der Tod.
Wen immer sie irreführte,     er kann sein Heil nun erblicken:
Nur eine kleine Buße     wird ihn Todsünden entrücken.
Gedenket daran, ihr Ritter:     Das ist jetzt euer Ding,
ihr tragt die lichten Helme,     der Ketten harten Ring,
dazu die festen Schilde     und das geweihte Schwert.
Wollte Gott, daß ich noch wäre     solcher Segnungen wert.
Dann würde ich elender Mann     verdienen mir reichen Sold.
Ich meine nicht Landlose,     nicht der Großen Gold:
Der Seligkeiten Krone     würd immerdar ich tragen:
Die konnte einst Longinus     mit seinem Speer erjagen.
Könnt ich die Sehnsuchtsreise     nur fahren mit über See,
dann säng „wie schön!“ ich gerne     und nimmermehr „o weh“,
nimmermehr „o weh“.

 

Sep 9 16

„vernünftig“ und „unvernünftig“

Eine philosophische Miniatur

Zusammenfassung:

Was wir unter Vernunft verstehen, erschließt sich uns aus der Beobachtung des regelhaften Sprachgebrauchs der Wörter „vernünftig“ und „unvernünftig“. Mit „vernünftig“ zeichnen wir eine Handlung aus, ob Tun oder Unterlassen, Reden oder Schweigen: Seine Verwendungsweise impliziert eine Aufforderung, etwas zu tun oder zu unterlassen, etwas zu sagen oder zu verschweigen; die Verwendung von „vernünftig“ in stehenden Wendungen wie „Es ist vernünftig, X zu tun (zu lassen, zu sagen, nicht zu sagen)“ können wir sprachlogisch in folgender Weise explizieren: „Tue X, denn dafür gibt es (mindestens) einen guten Grund.“

Was ein guter Grund sei, bemerken wir daran, daß einer, der X nicht tut oder statt X Z tut, getadelt oder gerügt werden kann, während einer der X tut, weil es einen guten Grund hat, es zu tun, gelobt werden kann. X nicht getan zu haben, obwohl alle guten Gründe (auch wenn es nur einer ist) dafür sprachen, können wir sprachlogisch in folgender Weise explizieren: „Hättest du X getan, hättest du Z vermieden“, wobei Z für eine Erfahrung steht, die wir im Sinne der Gepflogenheiten unserer Sprachgemeinschaft als unangenehm, schädlich oder (moralisch) verwerflich einschätzen.

Gründe können harmonieren: Es ist zugleich angenehm und der Gesundheit förderlich, bei Frost einen Schal umzulegen. Gründe können kollidieren, wobei ein besserer Grund den erstbesten guten Grund schlägt: Es ist unangenehm, sich vom Arzt einen Lymphknoten in der Achselhöhle aufschneiden zu lassen, aber es ist der Gesundheit förderlich. Es mag für den Selbstmörder einen guten Grund geben, aus dem Leben zu scheiden, dieser Grund kann aber mit dem moralischen Grund kollidieren, der uns gebietet, keine Dritten mit der Tat zu belasten (wie der Selbstmörder, der sich vor den Zug wirft, den Zugführer moralisch belastet oder das Leben seiner Familie mit seiner Tat ins Unglück stürzt). Indes, eine allgemeine Regel, wie wir im Einzelfall gute und bessere Gründe jeweils gegeneinander abwägen können, also eine Metaregel DER Vernunft oder der VERNUNFT, für die vernünftige Anwendung von speziellen Regeln und Gründen, scheint es nicht zu geben.

Wir stoßen auf scheinbar letzte Gründe, die uns motivieren, vernünftig zu handeln; Selbsterhaltung, Gesundheit, Freundschaft, Liebe, die Ordnung des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft oder moralische Integrität sind solche Gründe – aber wir können hier nicht innehalten und eine klare Hierarchie von Gründen, vernünftig zu reden und zu handeln, etablieren. Denn selbst solche vorgeblich letzten Gründe können wir wiederum einschränken oder zu vorletzten Gründen herabstufen: Wir können unser Leben und unsere Gesundheit für die Liebe zu unseren Anverwandten und Geliebten oder den Erhalt der Ordnung unserer Gemeinschaft opfern, wir können unsere moralische Integrität zugunsten des Wohlergehens unserer Liebsten verletzen – so wenn wir lügen und das uns bekannte Versteck, in dem unser Bruder, der Widerstandskämpfer gegen das herrschende totalitäre Regime, Unterschlupf gefunden hat, der Geheimpolizei nicht verraten. In solchen Fällen handeln wir nicht unvernünftig.

Es gibt keine Superregel DER Vernunft oder der VERNUNFT, aus der wir systematisch alle Regeln und Gründe, vernünftig zu handeln, ableiten können.

 

Wir reden nicht groß von DER Vernunft oder der VERNUNFT als einem universellen Irgendwas, sondern harken bescheiden, aber sorgfältig und aufmerksam das heimatliche Feld der Sprache nach den unter dem Schatten von Prachtgewächsen dieser Art (die aber keine Frucht tragen) zäh gedeihenden nahrhaften und oftmals schmackhaften Kräutern der Verwendungsweisen von Wörtern und Wörtchen wie „vernünftig“ und „unvernünftig“.

Wir sagen etwa: „Sei vernünftig, und zieh den Schal an, es hat gefroren!“ Hierbei bezieht sich „vernünftig“ auf eine Verhaltensweise, nämlich, einen Schal anzuziehen, die einer bestimmten Situation gemäß („es hat gefroren“) als vernünftig, sinnvoll oder angemessen eingeschätzt oder beurteilt wird. Wir haben hier die sprachliche Besonderheit zu beachten, daß im angeführten Beispiel nicht die empfohlene angemessene Verhaltensweise, sondern derjenige, der sie vernünftigerweise beobachtet, als vernünftig bezeichnet wird. Doch gehen wir wohl zurecht davon aus, daß die Aufforderung „Sei vernünftig!“ ein Kürzel darstellt für die umständliche Formel: „Sei vernünftig, und du bist vernünftig, wenn du vernünftig handelst und dir einen Schal umlegst.“

Wir bemerken, daß das Adjektiv „vernünftig“ sich anhand unseres Beispiels als adverbielle Bestimmung enthüllt und erschließt, die den Modus oder die Art und Weise eines Tuns spezifiziert. Wir können alle möglichen Verben oder Bezeichnungen für Handlungen adverbiell näher in ihrem Modus charakterisieren, so wenn wir schnell oder langsam gehen, laut oder leise sprechen, bescheiden oder großsprecherisch auftreten. Wonach wir demnach Ausschau zu halten haben, ist die spezielle Verwendungsweise, die unser Adverb zeigt, wenn es sich mit dem zugehörigen Verb verbindet.

Wir bemerken sodann, daß wir sowohl Handlungen mit dem Adverb „vernünftig“ näher qualifizieren oder beschreiben als auch mit der Hinzufügung des Adverbs „vernünftig“ zu einer bestimmten Art und Weise zu handeln auffordern können. So beschreiben wir die sachliche Rede eines wohlinformierten Zeitgenossen als vernünftig; so rügen wir das Geschwätz eines dummen und eitlen Zeitgenossen als unvernünftig – und diesen können wir, falls wir es ihm zutrauen, auffordern, endlich Vernunft anzunehmen und vernünftig zu sprechen.

Wir beobachten weiterhin die sprachliche Tatsache, daß sich das Wort „vernünftig“ nicht nur ähnlich wie alle Adverbien mit verbalen Handlungsbezeichnungen verbindet; darüber hinaus beobachten wir, daß alle adverbiellen Bestimmungen einem mehr oder weniger wohldefinierten Fundus oder einem mehr oder weniger eng umschriebenen Wortfeld von Handlungsverben zugeordnet sind: Ich kann schnell gehen oder langsam sprechen, aber ich kann nicht schnell stehen oder langsam liegen. Ich kann vernünftig meine Arbeit verrichten und vernünftig sprechen, aber ich kann nicht vernünftig weinen oder vernünftig sterben (aber es könnte vernünftig sein, in einer heiklen Situation den Impuls zu weinen womöglich zu unterdrücken).

Wir gewinnen eine weitere Nuance in der Verwendungsweise unseres Worts, wenn wir es mit den sprachlichen Modifikationen wie der Intensivierung oder Steigerung vergleichen, die wir im allgemeinen Adverbien angedeihen lassen können: Ich kann schnell oder sehr schnell gehen und wenn es nötig ist, schneller gehen; ich kann langsam sprechen, und wenn der Zuhörer danach verlangt, langsamer sprechen; ich kann in einer kleinen Gruppe von nicht gerade meisterlich Trainierten am schnellsten gehen. Und nichts hindert uns zu sagen, daß einer, der nicht gerade puren Unsinn vom Stapel läßt, sondern eine Reihe begründeter Gedanken in klaren Worten zum Ausdruck bringt, vernünftiger redet als der Schwätzer, der keine Ahnung hat, wovon er redet. Doch im allgemeinen handelt es sich bei der Anwendung des Adverbs „vernünftig“ auf Handlungsweisen um Ja-Nein-Entscheidungen: So war es vernünftig, bei Frost den Schal anzuziehen, wie es unvernünftig gewesen wäre, es nicht zu tun – tertium non datur.

Dagegen gewinnen wir einen weiten Spielraum bei der Anwendung des Adverbs auf Gedanken und ihren sprachlichen Ausdruck: Man könnte mutwillig sagen, das Chaos habe keine Grenzen und der Unsinn sei bodenlos, sodaß wir nicht nur Gedanken ohne klare und einleuchtende Verbindungen oder Gründe aneinanderreihen, sondern auch geradezu mit unklaren und nicht einleuchtenden Gründen aufeinanderfolgen lassen können; die Grenze des Unsinns bezeichnet allerdings die Verbindung widersprüchlicher Gedanken: die Inkonsistenz. So sagen wir, einer handle unvernünftig, wenn er jemanden brieflich oder per Mail auf das herzlichste zu seiner Geburtstagsfeier einlädt und am Tage darauf den Eingeladenen bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße verbal attackiert und beleidigt. Hier gehen wir davon aus, daß es vernünftiger gewesen wäre, den Betreffenden erst gar nicht eingeladen oder den Impuls, ihn zu beleidigen, unterdrückt zu haben.

Umgekehrt reden wir auch davon, einer habe seine Ansicht nicht nur klar und einleuchtend, sondern sonnenklar und auf unwiderlegliche Weise zum besten gegeben. Dennoch bemerken wir einen Unterschied zwischen der Klarheit und Konsistenz der Gedanken sowie ihrer unmißverständlichen Darlegung und der Frage, ob es vernünftig oder nicht vielmehr unvernünftig war, sie dem Freund, dem Lehrer oder dem Chef aufs Brot zu schmieren, denn dies könnte bedeuten, daß der Freund die Freundschaft kündigt, der Lehrer den Schüler auf dem Kieker hat und der Chef auf die nächste Gelegenheit lauert, dem Untergebenen eine Abmahnung zu verpassen.

Warum ist es unvernünftig, die Mahnung in den Wind zu schlagen und bei Frost den Schal nicht umzulegen? Warum ist es manchmal vernünftig, dem Freund nicht mit seiner klaren Ansicht zu überfallen und ihm reinen Wein einzuschenken? Nun, aus demselben Grund, weshalb es unvernünftig wäre, bei Rot über eine gefährliche Kreuzung zu gehen oder abends die Tür nicht abzuschließen, wenn sich auf der Straße verdächtiges Gesindel tummelt.

Sich gegen Frost mit der richtigen Kleidung zu wappnen schützt vor dem Risiko einer Erkältungskrankheit, die gefährliche Kreuzung bei Rot nicht zu überqueren schützt vor dem Risiko eines Verkehrsunfalls, der fatale Krankheitsfolgen oder gar den Tod nach sich ziehen könnte. Den Freund nicht mit mißliebigen oder verstörenden Meinungskundgebungen zu behelligen schützt vor dem Risiko des Bruchs der Freundschaft, unter deren seelisch-sozial wärmende Hülle wir gern angesichts des Frosts der Welt zu schlüpfen pflegen.

Was wir demnach mit der Anwendung des Adverbs „vernünftig“ zur Qualifizierung unseres Tuns und Redens meinen, hat nicht so sehr, wie die großen Philosophen meinen, mit der Qualität unseres theoretischen Denkens zu schaffen, sondern betrifft die Vermeidung der kleinen und großen Risiken, von denen unser alltägliches Leben wimmelt, betrifft die Maßnahmen und Strategien, mit denen wir den Gefahren, die uns beständig umlauern, mehr oder weniger erfolgreich begegnen.

Können wir hier noch weitergehen, weiterfragen? Kaum, denn hier biegt sich, wie Ludwig Wittgenstein es geistreich formulierte, am harten Boden unserer Lebenswirklichkeit der Spaten zurück. Denn wir wollen vernünftig sein, weil wir vernünftig handeln müssen, wir müssen vernünftig handeln, weil wir die Gefahren und Risiken, die unser Leben einschränken oder bedrohen, vermeiden wollen, wir wollen die Risiken und Gefahren vermeiden, weil wir leben wollen, und wir wollen leben um des Lebens willen – es sei denn, wir wollen nicht oder nicht mehr gern oder überhaupt nicht mehr leben.

Wer unbedacht oder traumwandlerisch bei Rot über die gefährliche Kreuzung geht, mag aufgrund seines geschwächten Lebenswillens das Risiko eines schweren Unfalls nicht scheuen. Gewiß handelt er nach landläufigen Maßstäben, also den Maßstäben unserer Lebensweise, unvernünftig; indes, wenn er sich innerlich soweit von diesen Maßstäben entfernt hat, so können wir sagen, handelt er in seinem Sinne nicht unvernünftig – und das ist alles, was wir dazu sagen können.

Aber er handelt unmoralisch – denn er bringt den nichtsahnenden Autofahrer in die Gefahr, ihm wenn auch unwillentlich schweren Schaden zuzufügen. Der Autofahrer würde durch ein solches Ereignis schwer belastet und traumatisiert, andere aber durch vermeidbare Handlungen der Gefahr schwerer Belastungen und Traumatisierungen auszusetzen, heißt dem Minimalkonsens unserer ethischen Maßstäbe gemäß unmoralisch handeln.

Indes können wir nicht sagen, daß es prinzipiell unvernünftig wäre, anderen Schmerzen oder Schaden zuzufügen – sonst müßte sich der Arzt schmerzhafter, aber therapeutisch sinnvoller Eingriffe enthalten, sonst müßten wir den dingfest gemachten Mörder, dessen nicht wiedergutzumachende Beschädigung fremden Lebens nur mittels einer rechtlich geregelten Strafe gesühnt werden kann, frei herumlaufen lassen.

Wir kamen bei der Betrachtung der Anwendung des Adverbs „vernünftig“ auf den Begriff des Lebens als letzten Zweck, der keiner weiteren Begründung mehr bedarf oder an dem weitere Begründungsversuche abprallen; hier können wir mehr nicht sagen, als daß es vernünftig ist, das und jenes zu tun, um unser Leben zu schützen oder unsere Lebensmöglichkeiten zu erhalten, zu erweitern, zu vertiefen.

Jedoch, das Leben selbst ist weder vernünftig noch unvernünftig, ja nicht einmal, es in jedem Falle schützen und erhalten zu wollen, kann stets als unbedingt vernünftig bezeichnet werden: So kann es sinnvoll sein, das eigene Leben zu riskieren und zu opfern, wenn es gilt, das Weiterleben der eigenen Familie, Gruppe, Gemeinschaft zu schützen.

Indes auch das Leben der Gemeinschaft ist weder vernünftig noch unvernünftig, ja nicht einmal, es in jedem Falle schützen und erhalten zu wollen, kann stets als unbedingt vernünftig bezeichnet werden: So haben die Römer der Spätantike, im Gefühl, gleichsam ihre kulturelle Substanz aufgebraucht und verzehrt zu haben, des Imperiums müde, ihre tausendjährige Herrschaft an die eindringenden Fremdvölker abgegeben.

Wir sehen, daß wir mit dem Begriff der (kleinen) Vernunft, der sich in der Anwendung des Adverbs „vernünftig“ kristallisiert, in die Tiefen dessen gelangen, was einmal als Lebensweisheit bezeichnet und seit alters von klugen Völker wie den Ägyptern, Chinesen, Persern und Juden in Büchern zusammengetragen wurde, die unter Namen wie „Buch der Sprüche“, „Buch der Weisheit“ oder „Buch der Lebensregeln“ firmieren.

Damit kommen wir zu dem Schluß, daß die elementare oder fundamentale Bedeutung von „vernünftig“ deontologisch ist oder eine Aufforderung impliziert, sein Tun und Reden nach gewissen bewährten Maximen und Regeln auszurichten. Hier hat „vernünftig“ die Bedeutung von „gut“, „lebensförderlich“, „gedeihlich“, „vernünftiger“ die Bedeutung von „besser“, „unvernünftig“ meint „schlecht“, „verkehrt“ oder „gefährlich“, „unvernünftiger“ meint: „Du überschreitest die Grenze, hinter der dein Leben noch verworrener, trüber, unglücklicher wird.“

Uns will es bedünken, daß es keine Regel zu geben scheint, die gleichsam alle anderen Regeln schlägt und in die Tasche steckt oder aus deren allgemeinem Prinzip sich alle anderen Regeln ableiten ließen oder vor deren allgemeiner Geltung sich alle anderen Regeln zu rechtfertigen hätten.

Es ist eine gute Regel, ein argumentatives Gespräch vernünftig in dem Sinne zu führen, daß man das Thema im Auge behält, es anschaulich darstellt, ohne sich im Gestrüpp der Details zu verheddern, Gründe für eine gegenteilige Ansicht aufführt und nicht ein Argument einbringt, das dem zuvor geäußerten widerspricht. Aber es gibt keine allgemeine Regel für alle Arten von Gesprächen – wir können miteinander plaudern und dabei unseren Phantasien, Erinnerungen und Hoffnungen gleichsam haltlos oder zwanglos Tür und Tor öffnen; wir können ein stilles, besinnliches Gespräch führen, in dem die Augenblicke des Schweigens schwerer wiegen als die des Reden.

Insbesondere wissen wir von keiner moralischen Superregel, die als Imperativ einer universellen moralischen Vernunft all unser Tun und Reden durchherrschen sollte; vielmehr tun wir gut daran, uns von den impliziten Regeln vernünftig leiten zu lassen, die der jeweiligen Situation angemessen sind. Die Großherzigkeit und das Wohlwollen, das sich in mütterlicher Zuwendung artikuliert, die kindliche Ungezogenheit verzeihen mag oder mit milder Hand führt und lenkt, sind fehl am Platze in der Urteilsfindung des Strafrichters oder der Lagebeurteilung des staatlichen Lenkers, wenn das Staatsschiff in Gefahr ist.

Demnach gibt es keine allgemeine Bedeutung des Wortes „vernünftig“, sondern so viele Bedeutungen, wie es Anwendungen gemäß den meist impliziten Regeln gibt, nach denen wir unser alltägliches Leben ausrichten und ordnen.

Sicher wäre es für den Verbrecher vernünftiger gewesen, von seiner Tat abzusehen, sicher war es unvernünftig, daß der Süchtige von seinem Gift nicht lassen konnte: Vor tief eingewurzelten Pathologien und Triebhaftigkeiten versagen alle unsere Appelle, doch bitte Vernunft walten zu lassen. Ja, gewisse seelische und geistige Störungen erscheinen uns derart ungeheuerlich und wahnhaft, daß nur eine Art überirdische Liebe oder Gnade der verfinsterten Seele Licht zu schenken vermöchte.

Sep 8 16

Walther von der Vogelweide, Under der Linden

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich empfangen
hêre frouwe
daz ich bin sælic iemer mê.
kust er mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

Dô hete er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,
wesse ez iemen
(nu enwelle got!), so schamte ich mich.
wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz wan er und ich
und ein kleinez vogellîn:
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.

 

Unter der Linde

Unterm Lindenbaum,
bei den Wiesen,
da war uns zweien ein Bett bestückt,
ihr traut den Augen kaum,
die dort sprießen,
Blumen und Gras, sind hold zerdrückt,
am Waldessaum im Tal,
tandaradei,
sang schön die Nachtigall.

Ich ging den Weg entlang
zu jener Au:
Mein Geliebter war schon dort.
Da ward mir ein Empfang,
heilige Jungfrau!,
ich bin nun glücklich immerfort.
Ob er mich küßte? Stunde um Stund:
tandaradei,
seht, wie rot mir ist der Mund.

Dort hat er gemacht
so zierlich
aus Blumen eine Bettstatt.
Darüber wird noch gelacht,
inniglich,
kommt wer auf demselben Pfad.
An den Rosen er ersehen mag,
tandaradei,
wo mein Haupt gebettet lag.

Daß er sich zu mir legte,
wüßte es einer
(Gotte bewahre!), so schämte ich mich.
Wessen er mit mir pflegte,
das soll nimmer einer
erfahren außer er und ich
und ein kleines Vöglein:
tandaradei,
das wird wohl verschwiegen sein.



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