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Jul 20 17

Eifelpfade XXXV

Vulkankegel im Maifeld und der Pellenz

Weich gewölbt wie Katzenbuckel
schlummern sie allein.
Wind und Regen hat besungen
schwarz gebrannten Stein.

Dünung sind sie grünem Lichte,
Lehne sattem Mond.
Buchen wandern auf die Gipfel,
wo das Schweigen wohnt.

Lockt in der Wacholderheide
noch der Wachtelschlag?
Fleckt noch Rebhuhn braun und ocker-
rot den Wintertag?

Ja, Basalt wird länger dauern
als der Menschengeist,
Wolke spiegeln noch im Maare,
liegt das Land verwaist.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=vulkankegel+vordereifel&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwj5r6zvoJjVAhXG5xoKHRnuC5QQ_AUIDCgD&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=vulkankegel+eifel&imgrc=EXdnsE9WlPasZM:

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=vulkankegel+vordereifel&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwj5r6zvoJjVAhXG5xoKHRnuC5QQ_AUIDCgD&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=vulkanpark+eifel&imgrc=Mk2E8ZREVaB2WM:

Jul 20 17

Eifelpfade XXXIV

Terzinen auf Alt-Rübenach in der Eifel
Dem Andenken an meinen Großvater Johann Hilten

Wie uns Fassaden, die basalten grauen,
die blaue Veilchen in den Fenstern hegen,
tieftraurig scheinen anzuschauen,

wenn morgens Regen, Regen, Nieselregen
die Schieferdächer glänzen macht und kleine
Sturzbäche Federn durch den Rinnstein fegen.

Der Gott der Erde schläft im dunklen Steine,
den aus den Lavahöhlen ausgegraben
Titanengeist im fahlen Zwielichtscheine.

Und Glocken waren, die gelindert haben
von St. Mauritius und Maternus her
das schwarze Summen in den Herzenswaben.

Wie sind die Urnen auf dem Denkmal leer,
wie stumpf des Preußenadlers Flügel hängen.
Schon kocht die Sonne wieder Blut und Teer.

Die Kerne in den grünen Schalen drängen!

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=r%C3%BCbenach+koblenz&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjmlZadvZfVAhVIVBQKHa_aCfMQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=r%C3%BCbenach&imgrc=AErPYOLRN6obUM:

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=r%C3%BCbenach+koblenz&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjmlZadvZfVAhVIVBQKHa_aCfMQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=r%C3%BCbenach&imgrc=iVc57IwSVE1p5M:

https://www.google.de/search?q=r%C3%BCbenach+koblenz&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjmlZadvZfVAhVIVBQKHa_aCfMQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=r%C3%BCbenach&imgrc=LFPRWzZ7ty99XM:

Jul 19 17

Eifelpfade XXXIII

Basaltkreuze bei Mendig und in der Pellenz/Eifel

Sie ragen jählings aus dem Staub des Mittags,
als stünde dort versteinert eine Seele,
die auf dich wartet.

Oft schenkt eine Birke oder einsame Weide
geschwisterlich den schwarzen Wegemalen
ein wenig Schatten.

Sie öffnen manchmal dunkle Grottenpforten,
die Strahlen der Monstranz zu hegen oder
den Turm der Pyxis.

Der Priester hob das Licht des Heils ins Wogen
der Ähren und der Lieder, Pan lauschte sinnend
im Ginsterdickicht.

Dann wieder siehst du Engel huldvoll schweben,
sie halten Kelche unter des Herren Wunden,
das Heil zu bergen.

Von harten Händen zarten Sinns geritzt sind
die Male und die Zeichen dunklen Lebens
in dunkle Lava.

Für Sterbende knieten sie vor sieben Kreuzen,
daß sieben Schwerter ihnen das Herz eröffnen
mit sieben Wunden.

Vor Zeiten sah in einer Nische ich ein Flackern,
als wäre dort die Seele aufgelodert,
die auf mich wartet.

 

Anmerkung:
In der Umgebung von Mendig wie in der ganzen Pellenz stehen zahlreiche Basalt-, Lava- oder Wegekreuze, viele aus dem späten Mittelalter und der Zeit des Barock, am Saum der Wege, ein Zeugnis der tiefen Volksfrömmigkeit der Bauern und Arbeiter in den Lavagruben der Gegend. Etliche sind in Mühlsteinen verankert, sie tragen den Kruzifixus, Male und Zeichen ihrer Stifter oder haben einen Nischenaufsatz (wegen der Gestalt auch Schöpflöffel genannt); die Nische oder ein Postament diente der Aufstellung der Monstranz oder der Pyxis (kostbares Behältnis für Hostien) während einer Prozession, in deren Verlauf der Priester die Gläubigen und die ringsum sich breitenden Äcker und Fluren mit dem im schlichten weißen Brot verborgenen Christus segnete. Es gab die Sitte, für den Angehörigen, der im Sterben lag, sieben Wegekreuze aufzusuchen und vor ihnen für sein Seelenheil zu beten. All solche Sitten und Kulte erdverwurzelter Frömmigkeit sind dank der „Segnungen“ der die Seele verdunkelnden Aufklärung und der blasphemischen Säkularisationen im Zuge der Französischen Revolution im Zeichen der unheiligen Trias von Vulgarisierung, Verflachung und Banalisierung nach und nach verfallen.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=basaltkreuze+mendig&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwip2YvtvZXVAhUMbhQKHdBEDCEQ_AUIDCgD&biw=1260&bih=669#imgrc=PdlXworOhxdmwM:

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=basaltkreuze+mendig&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwip2YvtvZXVAhUMbhQKHdBEDCEQ_AUIDCgD&biw=1260&bih=669#tbm=isch&q=basaltkreuze+eifel&imgrc=_9UDUIttKzld0M:

https://www.google.de/search?q=s%C3%BChnekreuz+mendig+eifel&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiDhJm6naLVAhWEshQKHfN-AtIQ_AUIDCgD&biw=1260&bih=669#imgrc=bFFFIin1MQQwgM:

 

Jul 18 17

Eifelpfade XXXII

Wolken überm Laacher See

Ihr hohen Wolken, Schwestern einer Seele,
die euer grenzenloser Himmel ist,
ihr seid des Augenblickes Windgestalt,
Gespielinnen des Lichtes seid ihr.

Manchmal betrübt ihr euch, als tropfte
schwarzer Mohn in euren Schoß
den schwarzen Tau, dann küßt der Mond
ein helles Auge in die Dunkelheit.

Über das Fletschen eitler Zungen,
das Pfeifen aluminiumkalter Orgeln,
wahnkreisender Säge Schrillen haspelt
ihr die Fäden von den Schweige-Spindeln.

Euer ist des Morgens Feuer ganz
und der Päonien Purpurfest,
Goldregen, ausgegossen in das Haar
dämmernder Bläue, das euch wogt.

Zerreißen euch, der Anmut wilden Töchtern,
die seidenen Schleier stürmische Titanen,
entgleitet ihr und löst euch lieblich auf,
sie greifen in die leere Himmelsschale.

Ihr tragt, wenn Abendsonne scherzt,
das Rosenlicht zum marmornen
Altar des dunklen Wassers, es glimmt,
bis es der Eule lautlose Schwinge löscht.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=laacher+see&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiHu8ObwJPVAhVD7RQKHQ0nCBQQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#imgrc=SN7gU7LAQkFZDM:

 

Jul 18 17

Eifelpfade XXXI

Kalvarienberg und St. Agatha in Alendorf bei Blankenheim/Eifel

Machandelbaum,
Machandelbaum,
du grünst mir noch im Traum.

Der Edelmann, der Jerusalem geschaut,
er nahm das Bild in seine Heimat mit,
ins Lampertstal.

Im kahlen Hang erschaute er sich Golgatha
und hat mit sieben Zeichen ihn geweiht
zur Pilgerstatt.

Wacholderbüsche wuchern da und dort,
und Schafe breiten weicher Wolle Dunst
aufs Magergras.

Noch kommen sie, wenn deine Glocke schallt,
Agatha, zu wallen frommer Waller Pfad
zum Heil der Welt.

Doch klirrt der Nachtwind im Machandelbaum,
hüllt wieder Kreuz und Leid das Nebeltuch
der Einsamkeit.

Ist keiner mehr, der aus der Ferne bringt
sein Bild und pflanzt mit sieben Zeichen es
ins Eifelland?

 

Anmerkung:
Die Bergrücken im Lampertstal bei Alendorf in der Eifel sollen einst den Grafen Salentin Ernst von Manderscheid-Blankenheim an den Kalvarienberg in Jerusalem erinnert haben, den er auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land gesehen hat. Er stiftete zwischen 1663 und 1680 im Stil barocker Passionsfrömmigkeit mit einem Kreuzweg aus damals sieben in Sandstein gehauenen Bildstöcken, die das Leiden des Herrn verbildlichen, eine Pilger- und Wallfahrtsstätte, die noch heute die Frommen in der Karwoche von der Kirche St. Agatha aus begehen. Die Hügel des Tales umspielt ein herber mediterraner Charme, sind sie doch von alten Wacholderbüschen überwachsen, zwischen denen sich Schafherden auf dem Magerrasen tummeln.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kalvarienberg_(Alendorf)#/media/File:Fritz_von_Wille_0145.jpg

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=kalvarienberg+alendorf+eifel&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwifo-jZ2pLVAhVDWhoKHUuFCfYQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#imgrc=RXQ0mjz0mAXUHM:

Jul 17 17

Eifelpfade XXX

Die römische Villa Otrang bei Fließem/Eifel

Alkäische Strophe

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Ihr Bilder kunstvoll wogender Harmonie,
Girlanden, Flechten, Zöpfe, mäandernd reich
um Knospen eines hohen Lebens,
wollet uns Freude des Daseins lehren.

Der Löwe springt der wiehernden Stute nach,
den Geißbock greift behende ein Pardel heiß,
und alle sind umflort von Schicksals
Ranken und blühenden Ornamenten.

Von Apfel, Pfirsich, Kirsche und süßem Fleisch
der Birne den Most zu keltern in Becken tief
verstehen sie, den Saft zu schlürfen,
badend im warmen Gesang des Wassers.

Mit ihnen ist Diana im Bade nackt,
der tumbe Hirt Aktäon erspäht sie dort,
sie lachen, wenn verzaubert flieht der
blökende Hirsch in die Eifelwälder.

Fortunas Scheibe dreht sich im Reigentanz,
und Isis schüttet ihnen das Füllhorn aus,
was wissen wir vom Blumenlicht des
Lebens, verdunkelte Seelen, Schatten.

 

Anmerkung:
Die römische Villa rustica bei Fließem in der Eifel, nach dem keltischen Beinamen des hier verehrten Gottes Mars Villa Otrang genannt, sah in den ersten Jahrhunderten aufgrund ihrer Lage an der alten römischen Heerstraße zwischen der Kaiserstadt Trier und dem großen Römerlager in Köln eine beispiellose Entfaltung von Luxus und Kunstsinn ihrer Bewohner. Davon zeugen manche gut erhaltenen Mosaike mit verschlungenen Mäandern und floralen Ornamenten, die sich um spektakuläre Motive wie Jagdszenen winden, aber auch der Komfort der Heizungs- und Badeanlagen; man fand sogar Mostgruben zur Gewinnung von Obstsäften aus den heimischen Früchten. Tempelbezirke und Torsi von Götterfiguren wie der einer Isis, eines Mars oder einer Diana im Bad lassen uns die religiöse Stimmung in diesem hochkultivierten Leben inmitten des noch ziemlich wilden Eifellandes erahnen.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=r%C3%B6mische+mosaike+villa+otrang&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjR4p7kuZDVAhXmCsAKHTQgAoMQ_AUIBigB&biw=1260&bih=669#imgrc=KoPTqF9AIbyG1M:

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=r%C3%B6mische+villa+otrang&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiZs-io_5DVAhWHyRQKHaiZCZwQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#imgrc=B2QzKNv6OCTWkM:

https://www.google.de/search?q=r%C3%B6mische+villa+otrang&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiZs-io_5DVAhWHyRQKHaiZCZwQ_AUICygC&biw=1260&bih=669#imgrc=iRziJqzCkVJXqM:

 

Jul 16 17

Eifelpfade XXIX

Altarbild von Alt Sankt Hubertus in Wolsfeld
im Tal der Nims/Eifel

Waldhorns Ruf
verklang.
Hubertus kniet
im Sagenlicht.

Vom stolzen Roß
er sprang.
Klobiger Schuh,
seliges Angesicht.

Ein Spürhund schaut
verdutzt empor,
als ob das Bellen
er vergaß.

Ein Diener zog
ein Kreuz hervor.
Huberts Hände
beten blaß.

Ein Engel rollt
herab ein Band
aus einem Tuche
kostbar fein.

Da streifen Vögel
matt am Rand,
fern schaut das Tal
der Nims herein.

Was ist es nur,
das hier geschah
und alles schlug
in seinen Bann?

Es tritt das Heil
im Wild uns nah.
Es wandelt uns
das Wunder an.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=wolsfeld+altar+alt+st.hubertus&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwioytC80Y3VAhUGsxQKHcMPBSkQ_AUIBygC&biw=1260&bih=646#tbm=isch&q=wolsfeld+retabel+alt+st.hubertus&imgrc=Mm0cxPvYwQsVeM:

Jul 15 17

Eifelpfade XXVIII

Bernhard von Clairvaux gründet das Kloster Himmerod
im Tal der Salm/Eifel

Doctor marianus:
Blicket auf zum Retterblick,
Alle reuig Zarten,
Euch zu seligem Geschick
Dankend umzuarten.
Werde jeder beßre Sinn
Dir zum Dienst erbötig;
Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin, bleibe gnädig!

Goethe, Faust II, Schlußszene

 

Ins Verschwiegene flutet das Herz,
in dunkle Wälder, in denen abends
die Ahnung im Eulenflug geistert.

Wo Sonne schreibt auf das Wasser
die heiteren Kringel des Lichts,
schnellt die Freude sprühend empor,
stürzt die Forelle, ein rötlicher Blitz.

Was gab dir Schlichtheit mystischen Fühlens,
doctor marianus, hier im Tale der Salm
Wein und Tränen in eine Schale zu gießen?

Trat aus dem dunklen Laube ein Reh,
glänzte sein duldsames Auge dich an?
Warʼs eines Kuckucks inniges Klagen,
das dich wie blaues Dämmern bestrickte?

Du hast den Altar des Bundes gestiftet,
Brüdern gesalbt den Mund mit Gesang,
auf seinen Wolken die Jungfrau zu betten.

Wölbt sich über dem Kloster der Himmel,
ist es distelblau ihr Mantel der Stille.
Gießt über die Schwelle Tränen der Mond,
ist es das Auge der Mutter, die weint.

„Turres non habemus“ willʼs zisterziensische Demut.
So begrüßt uns heute die hohe Fassade,
die barocken Schnörkeln Einfalt verleiht.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=kloster+himmerod&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjd1YPF3YrVAhULXRQKHfGYAeEQ_AUICygC&biw=1540&bih=818&dpr=1.09#imgrc=ft0a18bEPHafuM:

Jul 14 17

Eifelpfade XXVII

Auf dem Nerother Kopf

Dem Andenken an die Brüder Robert und Karl Oelbermann,
die Gründer des Nerother Wandervogels

 

Alkäische Strophe

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Die Kleine Kyll umschlängelt den Buchenwald,
in seinen grünen Schatten verschanzt die Burg-
ruine Tag und Nacht dem Markt der
ruhlosen Menschen den Geist der Stille.

Hier baute König Johann von Luxemburg,
und listig griff die Veste sich Balduin,
der Treverer, der Daun besiegte,
Bischof von Trier mit dem Leu und Krummstab.

Dort liegen noch zerborstene Steine, moos-
bewachsene Zeugen des Lavastroms,
basaltne Hoffnung alter Mühlen,
Körner zu mahlen für karge Tische.

Die Mühlsteinhöhle, dämmriger Mutterschoß
dem Lichtkeim eines adligen Treueschwurs,
die Jugend rein zu wahren vorm
eitlen Zerreden der Sternennächte.

So gönnt den Wassern heimliches Lied im Grund,
der wilden Schwäne silberner Flügel soll
euch schreiben hoher Fahrten Sinn aufs
blaue Gewand des verglühten Abends.

 

Anmerkung:
Die Ruine auf dem Nerother Kopf nahe Neunkirchen in der Vulkaneifel war eine Trutzburg des Königs von Luxemburg, die das militärische Genie Balduins, des Erzbischofs von Trier, der einen Löwen in seinem Wappen trug, sich unterwarf. Unterhalb des mit dichtem Buchenwald bestandenen Vulkankegels fließt die Kleine Kyll. Die Mühlsteinhöhle zeugt von den kargen Zeiten, als hier Basalt abgebaut und zu Mühlsteinen verarbeitet wurde. Die legendäre Höhle erlangte weltweite Berühmtheit, nachdem in der Silvesternacht 1919/20 die Brüder Robert und Karl Oelbermann in ihr das feierliche Gelöbnis zur Gründung des Nerother Wandervogels abgelegt hatten, der die Jugend vom Geschwätz des Marktes und der politischen Pamphlete zur Stille edler Besinnung führen und zur Freiheit eigenen Gefühls und Wahrnehmens auf Wanderungen und großen Fahrten anleiten will. Das Bundeszeichen zeigt einen wilden, silbernen Schwan auf blauem Tuch.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=nerother+kopf&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjMyN7ryonVAhXpF5oKHUFECCIQ_AUICigB&biw=1540&bih=818#imgrc=Kz2uAymUlIE5KM:

Siehe auch:
https://www.google.de/search?q=nerother+kopf&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&sqi=2&ved=0ahUKEwiFlJTvn4nVAhUHthQKHeanA6UQ_AUIBigB&biw=1540&bih=818#imgrc=v25FUXDDDNOHLM:

 

Jul 14 17

Eifelpfade XXVI

Traum vom Schalkenmehrener Maar

Über weiche Algenschwellen schwebst
in grüne Dunkelkammern du hinab.

Kühler Hauch aus Tuffsteinhöhlen.
Ist wer dort eingeschlafen?

Tropfen, als schlügen feine Silbergabeln
an dumpfe Kupferkessel.

Dann werfen über dich Forellen Netze
aus goldnem Zwirn und roten Blitzen.

In braunen Wolken warmen Schlamms
weißes Ringeln im Nest von jungen Aalen.

Du schlüpfst in Masken menschenferner Zeit,
den Helm der Muschel, unter Molches Kamm.

Ein Hecht sprüht saure Blasen
in die Poren deiner Schattenhaut.

Du klebst an seiner hohen Purpurflosse,
ihr gleitet tiefer in die Urzeitstille.

Ein Maultierschrei wirft dich aufs Ufer,
und du erwachst ins Singen von Zikaden.

Noch halb verpuppt bangst du an einem Halm,
mit langen Fühlern saugend saphirblaue Glut.

Auf transparenten Flügeln spiegelst du
die Wundersonnen von Zitronen und Orangen.

Lavendelduft, flamingorotes Flimmern,
azurnes Auge blickt das Maar dich an.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=aale&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiTgsKAsYjVAhUCkRQKHfYXBy4Q_AUICigB&biw=1540&bih=818#tbm=isch&q=schalkenmehrener+maar&imgrc=o8uZcl0HWi48kM:

Jul 13 17

Eifelpfade XXV

Am Totenmaar

Wir atmen Schicksal,
wenn dies runde Auge träumt.
Wir lauschen nach der Erde Mund,
blitzt die Kapelle aus dem Laub.

Durchschoss, Madonna, dir
des Pestgotts Pfeil den blauen Mantel?
Streckte nach dem Schaum des Grals
Aussatz seine schwarze Zunge?

Von Satans Floh gebissen
und sie spuckten Blut, sie schrien,
wie in Leibeshöhlen Schwären brannten,
nach dem Tau auf Lilienwangen.

Die mit den blau- und schwarzen Beulen,
die den kalten Schweiß geschüttelt,
den pfeifenden Dämon der Wanderratten,
sind in Tuffsteinlöchern sie verstummt?

Hörst du nicht die Schilfe zittern
in der Nacht wie Fieberwahn.
Hörst du nicht aus feuchtem Grund
Totenglöckleins dünnen Ton?

 

Anmerkung:
Das Totenmaar gehört zu den berühmten Naturwundern der Dauner Maare in der Vulkaneifel. Am Ufer lag einst der ansehnliche Ort Weinfeld, der infolge des Wütens der Pest Anfang des 16. Jahrhunderts aufgegeben und verlassen wurde. Die Häuser wurden abgetragen, es verblieb die einsame Kapelle inmitten des alten Friedhofs.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=totenmaar&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjRpPDX8oXVAhVDxxQKHSXeBT4Q_AUIBygC&biw=1540&bih=818#imgrc=aXkiQR4ljPLY7M:

Jul 12 17

Eifelpfade XXIV

Abend am Meerfelder Maar

Schierling winkt mit Zwielicht-Dolden
nach dem blauen Wind.
Iris sprüht im Zauberbogen
Küsse liebesblind.

Rosen zünden grauen Wogen
an die Sommernacht.
Binse hat ums Maar gezogen
ihre hohe Wacht.

Dämpfe sind dem Grund entstiegen,
als der Kuckuck rief.
Kuckuck rief aus grünen Tiefen,
bis die Seele schlief.

Wind bauscht weiße Blütenkissen,
und der See wird Glas.
Glas, in dem die Wolken wissen,
was der Tag vergaß.

Mond haucht süße Todesschauer
auf des Wassers Haut.
Dunkler steigt die grüne Mauer,
bis die Lilie blaut.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Meerfelder_Maar#/media/File:MeerFelder_Maar.JPG

 

Jul 11 17

Eifelpfade XXIII

Karmelenberg mit Marienkapelle bei Bassenheim/Eifel

Die heißen Schlacken sind geronnen,
die Aschen ausgeschäumt,
begraben sind die Rosensonnen,
der Schmerz der Erde träumt.

In blauen Nächten schreiten Schemen
mit Körben auf dem Haupt
voll Nattern oder Chrysanthemen,
der alte Priester schnaubt.

Er schert des Lammes weiße Flocken,
die Opferflamme glimmt.
Die Nachtigall gerät ins Stocken,
wenn er die Laute stimmt.

Die Frauen tanzen, duftumküßte
Gestirne von Jasmin.
Sie halten ihre frommen Brüste
der dunklen Göttin hin.

Die goldnen Tränen sind zerronnen,
Jasmin und Blut verschäumt.
Erglüht sind neue Rosensonnen,
Maria hat geträumt.

Der Schmerz hat seinen Mond gefunden,
dem zarter Fuß sich schmiegt.
Es glänzt der Tau der Abendstunden,
auf Lilien weich gewiegt.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=marienkapelle+karmelenberg+mondsichelmadonna&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiZ0–n0IHVAhUCsBQKHfvMB2QQ_AUICygC&biw=1540&bih=818#tbm=isch&q=marienkapelle+karmelenberg&imgrc=UhjkC7rp2eLUGM:

 

Jul 10 17

Eifelpfade XXII

Sieben Fußfälle, Kreuzweg auf den Karmelenberg bei Bassenheim/Eifel

Siebenmal fällst du hinab
durch sieben schwarzsamtene Blüten
zur glühenden Narde des Leids.

Sieben Tropfen heiligen Bluts,
das die dunklen Engel der Wegekreuze
in basaltenen Kelchen dir bergen.

Sieben Blätter goldenen Lichts,
Lid auf Lid gebreitet
auf das grüne Maar deiner Augen.

Sieben Wundenmale,
sieben Vogelschreie
nach den Rosenstöcken Mariens.

Sieben Einsamkeiten,
sieben Schweige-Gipfel,
umglänzt von Gottes ewigem Schnee.

Sieben Trauben Weins,
vergoren im Hexentiegel,
sieben Schlucke zum Tod.

Siebenmal rinnst als Träne du hin,
einmal hebt dich empor
die zitternde Wimper des Lichts.

 

Anmerkung:
Sieben Fußfälle ist der Name des Kreuzwegs auf dem Karmelenberg bei Bassenheim, der zur Marienkapelle führt, einer Stiftung des Freiherrn Johann Lothar Waldbott von Bassenheim auf dem damals noch Hexenberg genannten Vulkankegel. Von früh auf hauste in einer Kammer des Chores ein Eremit, der letzte, Bruder Nicolaus Hoelzer, wurde unweit der Kapelle 1826 ermordet.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=sieben+fu%C3%9Ff%C3%A4lle+kreuzweg+karmelenberg+bassenheim&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjt6qPTxf7UAhUGUhQKHUqwD4QQ_AUIBygC&biw=1400&bih=743#tbm=isch&q=+karmelenberg+bassenheim&imgrc=tKOW6B-WoBqcxM:

Jul 9 17

Eifelpfade XXI

Terzinen über die Mendiger Lay (Lavakeller bei Mendig/Eifel)

Die große Feuerrose ist verglüht.
Die rohen Stollen sind ins Mark geschlagen,
der Erde Eingeweide sind durchwühlt.

Die heiße Magma, um die Gase kragen,
hat mit dem blauen Wasser sich vermischt,
die Lava hat die Aschen ausgetragen.

Aus Spalten, Rissen, Schründen hochgezischt,
hat Löß und Tuff das Eifelland bedeckt,
die Spuren grünen Lebens grau gewischt.

Da Wind und Regen sie noch frei geleckt,
erstarrt des Gottes Wüten in den Gründen,
bis Lava Säulen aus Basalt gereckt.

Und in den Mulden konnten Wasser münden,
die auf dem hohen Schilf der Ufer wiegen
der Grillen und der Vögel süßes Künden.

Die Helden, die in Mendigs Stollen stiegen,
den Stein zu brechen für die alten Mühlen,
kein Epos singt von ihren dunklen Siegen.

Nur einen Vers auf ihrer Hände Schwielen!

 

Anmerkung:
Die Mendiger Lay ist ein Lavakeller bei Mendig in der Eifel, in dem seit der Römerzeit Basaltlava zur Verwendung für Werksteine und insbesondere zur Herstellung von Mühlsteinen untertags abgebaut wird. Die eindrucksvollen Stollen, in denen die Basaltsäulen wie in Pfeiler in Domen emporsteigen, beeindrucken durch ihre unheimlich-erhabene Atmosphäre.

Siehe:
https://www.google.de/search?q=lavakeller+mendig&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjViNyg0PzUAhUJlxQKHT0uAs8Q_AUICygC&biw=1400&bih=743#imgrc=_hVytQUoBqmOIM:

Jul 8 17

Eifelpfade XX

Bassenheimer Reiter

Sein edles Haupt ragt in die schönen Knospen,
Geradsinn hat die Stirn geeicht.
Der Wind spielt sanft mit seinen jungen Locken,
ein Seufzer hat den Mund erweicht.

Den Bettler mit den Fetzen um die Lenden,
den schlaffen, hat ihn Gott entstellt,
daß stumpfer Gnomenstirn und dunklen Händen
das Licht der Milde sich gesellt?

Das Schwert, das schenkt, trennt ewig beide Welten,
des Siechtums Dunst, der Freude Wohlgeruch,
wenn dieser jauchzt zu bunten Festes Zelten,
schluchzt jener stumm in ihres Duftes Tuch.

Noch dringt an unser Ohr Hufschlag und Schnauben
der tänzelnd-edlen Kreatur.
Kein Schwert kann schenken ihr, kein Gott ihr rauben
des Blutes Schäumen in die offne Flur.

 

Anmerkung:
Der Bassenheimer Reiter in der Pfarrkirche zu Bassenheim bei Koblenz gilt als großes Werk des Naumburger Meisters, von dem unter anderem die Plastiken der Stifter des Naumburger Domes stammen. Es entstand im 13. Jahrhundert für die Ausstattung des Mainzer Doms und wurde im 17. Jahrhundert von dem Domherren Casimir Waldbott zu Bassenheim an seinen heutigen Standort überführt. Sein gotisch-staufischer Kunststil verleiht den Figuren individuell-frische Lebenszüge bei hoher Verdichtung und Bändigung des künstlerischen Ausdrucks. In unserer Sicht ist das Motiv des Bassenheimer Reiters nicht in erster Linie die christliche Caritas der traditionellen Martinsdarstellungen, sondern die ästhetische Verklärung der ritterlichen Tugenden der höfischen milte und des hohen muotes, wie wir sie auch aus den lyrischen und epischen Dichtungen Walters von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach kennen.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bassenheimer_Reiter#/media/File:Bassenheimer_Reiter_(2009-10-19_Sp).JPG

Jul 7 17

Eifelpfade XIX

Die drei heiligen Jungfrauen auf dem Esel
in Auw an der Kyll

Ihr Zierden der Sophia,
euch riefen unsre Mütter
von Rom ins Abendland,
ihre verwaisten Altäre
sinnreich zu schmücken
mit rotem Samt,
mit grünem Taft
und reiner Blüten Schnee.

Du beleuchtest uns die Schrift,
du senkst den Halt uns in des Chaos Tiefen,
und wärmst uns in der blauen Nacht,
du glühend Herz.

Verfolgt vom Feind,
sagt die Legende,
kamt ihr ins Eifelland
bis an das schroffe Tal der Kyll.

Maria setzte euch
auf eines Esels Dulderrücken,
und ihr spranget heil
ans andere Ufer.

Fides, Spes, Caritas,
seid ihr die lichten Bilder,
die sich in der Abendstille
dunklen Wassers spiegeln,
vor dem drei alte Weiden
die Silberhaare neigen.

 

Anmerkung:
Alte Volksfrömmigkeit sah in den göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe eine Wesensverwandtschaft mit den heidnischen Muttergottheiten der drei Matronen, die im Eifelland verehrt wurden. Sie verwandelte die Tugenden aus Allegorien in lebendige Wesen, denen man manche alte Kirche der Eifel wie jene in Gondelsheim weihte oder Wallfahrtsstätten wie in Thum bei Nideggen, in Kalterherberg bei Monschau und in Weilerswist im Kreis Euskirchen zueignete.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Mari%C3%A4-Himmelfahrt-Kirche_(Auw_an_der_Kyll)#/media/File:Auw_Kyll_Kirche_Jungfrauen_Esel_H1.jpg

 

Jul 6 17

Eifelpfade XVIII

Matronenstein von St. Cyriacus in Weyer (Eifel)

Hier schliefen erdwärts sie gewandt durch Zeiten,
da ihre Tänze nur als Schatten spielten,
die aus den Schleiern schlanker Birken gleiten.

Göttliche Mütter, zwei mit hohen Hauben,
inmitten eine mit den goldenen Locken.
Ob ihre Augen glommen, reife Trauben?

Die Priester waren dunkle Mimen der Druiden,
die euch in ihren Hochaltar einsargten,
und war doch Brot und Wein auch euch beschieden.

Der Liebe Tau beglänzte eure Wangen,
und eure Schöße wiegten Flechtwerks Schalen
mit Birnen, Pinien, der Granatfrucht Prangen.

O könnte eure Lieder ich noch hören,
die von den Monden blauer Nächte perlten,
selbst Nachtigallenherzen zu betören.

 

Anmerkung:
Im Altar der Kirche von St. Cyriacus in Weyer (Eifel) fand man einen Matronenstein des 2. Jahrhunderts eingemauert, dessen figürliche Darstellung der Trinität der ubisch-germanischen Muttergöttinnen, der Matres Deae, wie aus heiliger Scheu umgedreht und auf der Rückseite gleichsam zur Bannung mit fünf geritzten Kreuzen versehen war. Ein Tempel und Weihbezirk dieser Matronen liegt in der Nähe im Wald zwischen Nöthen und Pesch, woher man den Stein vielleicht entnommen hat. Diese wenn auch zwiespältige Heimholung der heidnischen Matronen deutet auf die große Ausstrahlung, die jene Göttinnen der Fruchtbarkeit und der festlich-kultischen Überhöhung des irdischen Lebens in Opfern, Gesängen und Tänzen in der römischen Eifelprovinz einst auf die hier siedelnden Kelten und Germanen und ihre römischen Besatzer ausübten.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Matronen#/media/File:Weyer_(Mechernich)_-_Weihestein_des_Caldinius_Firminius.jpg

 

Jul 5 17

Eifelpfade XVII

Schnee überm Maifeld

Wie der Schnee den Wiesengrund,
nur stillender,
bleicht Schweigen deinen schmalen Mund.

Wie die klare Nacht der Sage,
nur zitternder,
glänzt Einsamkeit um deine Tage.

Wie Glockenklang im Flockenwahn,
nur sterbender,
verrauscht dein Lied, der weiße Schwan.

Wie am Ufersaum das trockne Rohr,
nur häßlicher,
vergilbt des Wortes ausgerupfter Flor.

Jul 4 17

Eifelpfade XVI

Am Laacher See

Am Ufer des Laacher Sees
bin ich Röhricht und Schilf
und die weit geöffneten Augen
der Blumen, die ihre Blätter
auf dem Singsang der Wellen wiegen.

Und wer bist du?
Du sei der kühle Hauch der Dämmerung,
der mich ins Rauschen niederbeugt,
sei eines blassen Mondes Milch,
ausgeschüttet über den dunklen Achat des Wassers.

Am Ufer des Laacher Sees
bin ich das wehende Haar der Birke,
die der Botschaft des Geisirs lauscht,
ob sein sprudelndes Lied
ihre weiße Mädchenhaut lobpreist,
bin ich in der strohernen Schale
das gefleckte Gelege des Teichrohrsängers.

Und du, wer bist denn du?
Du sei der bronzene Herz-Gong,
der den Dunst des Abends durchbebt,
sei, die ich liebe,
die glühende Rose
im grauen Schopfe der Wolke.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=laacher+see+schilf&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjy-4WQxfDUAhXBzRQKHZlyC-sQ_AUIBigB&biw=1680&bih=892#imgrc=zgXueLPbmD0KmM:

 

 

Jul 3 17

Eifelpfade XV

Der Streuner in den Marken

Wie blies in diesen Weilern
den gelben Pollenstaub
vom Basaltgesims der heiße Hauch.

Tropft noch vom gezackten Blatt
des Hahnenfußes herbe Milch?

Mein Samenschirmchen flog
von Polch ins Nettetal
und landete in einer Pfütze,
der Badewanne eines Spatzen.

Ich schlüpfte vor der Mittagsglut
in eines Hirschkäfers Harnisch
und ließ die gläsernen Nadeln
der Sonne an ihm zersplittern.

Ich wollte über Wierschem zur Burg Eltz,
doch bei Münstermaifeld
lag ich schon im Gras, mich rief
von weitem ein kaltes Wasser,
das Moseltal zu überfliegen,
in die Klamm von Brodenbach.

Ich bin nie angekommen
und kam so viel herum.

Ich ließ so manchen Fetzen Haut
bei Disteln und im Drahtverhau
um Gärten voller Pflaumenmost,
an dem die Hummeln sogen,
ach, und unter rot lackierten Krallen
züngelnder Eifelechsen.

Als Biene verkörpert unter Blüten
die Seele sich am ehesten im Summen.

Doch war ich gerne auch das Torkeln
des roten Blatts, das Herbstwind narrte.

Verfing ich mich im schleiernden Gespinst,
war ich die Spinne und ihr dunkles Lauern,
war ich das hoffnungslose Rudern
der schleimverklebten Fliege
und schlürfte stumm das eigne Blut.

Ich umfaßte warm das blaue Krüglein,
worin den Tau der Schwermut ich gesammelt,
und hob ihn wie zum Abschiedstrunk empor.
Ich schüttete den süßen Sud
auf Ginsters durstige Lippen.

Jul 2 17

Eifelpfade XIV

Goloring bei Wolken in der Eifel

Rune aus Graben und Wall,
die weit um die Mitte kreisen,
Mitte, die phallisch ragt,
Weiser oder lauschender Finger.

Ist dies die frühe Spur
des Eingriffs, der Mensch heißt?
Geplättete Erde, vermessene Zeit,
geblendete Sonnenkunde?

Ein schwingender Ring hat kein Ziel.
Schale, sich füllend, ergießend
mit Tropfen des Lichts,
dem Dufte der Farben.

Mitte ist das ziellose Spiel,
das um sich selber kreist.
Stab des Hirten der Zeit,
an dem das Licht sich teilt.

Im Schweigen wurzelnde Stele,
du bist sie nicht, nicht ich,
wir sind ihre Schatten,
die sie auf Gras und Moose wirft.

Der Rhythmus des Tages, des Jahrs,
ist ein Bild, unausdeutbar,
ein unerschöpflicher Brunnen.
Er rauscht, schweigt und rauscht.

 

Anmerkung:
Der Goloring bei Wolken in der Eifel ist eine grandiose kreisförmige Anlage aus Graben und Wall mit einem Außendurchmesser von 190 m und einer etwa 12 m hohen Stele in ihrem Zentrum sowie Öffnungen nach Westen, Norden und Süden. Die etwa dreitausend Jahre alte Anlage ähnelt den Kultstätten der keltischen Druiden in England.

Rekonstruktion des Golorings:
https://www.google.de/search?q=goloring+bei+wolken&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjsksqUl-rUAhUBMhoKHUJDD4wQ_AUICygC&biw=1400&bih=751#imgrc=Uk_-NlZSamqRQM:

Jul 1 17

Eifelpfade XIII

Genovevas Herz

Goldene Frucht,
vulkanischer Asche entsprossen,
Genovevas Herz,
noch pochtʼs unter Moosen und Borken.

Liebe, die glaubt,
Legende legt es uns offen,
ins Hohe nur schaut,
im Wunder mündet ihr Hoffen.

Goldener Zweig,
rinnen von ihm auch Tropfen,
Golos Blut,
er schwingt unter leuchtenden Wolken.

Wunder geschah,
als Maria die Hirschkuh gesegnet,
die Mutter der Erde,
da hatʼs wohl Blüten geregnet.

 

Siehe Altarbild in der Kapelle von Fraukirch (Pellenz):
https://www.google.de/search?q=genoveva&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwic1qbD2OjUAhUHRhQKHZnqCbEQ_AUICigB&biw=1400&bih=751#tbm=isch&q=genoveva+von+brabant+frauweiler&imgrc=9PsQu64c5D6vYM:

 

Jul 1 17

Eifelpfade XII

Genoveva

Ich saß am Reisigfeuer,
die Zweige knisterten.
Schattengeister flüsterten
in meinem Rücken.

Fern funkelten Wimpern
um schwarze Augen.
Falter sogen Tropfen
von roten Dämmer-Flusen.

Etwas strich mir das Haar
aus der heißen Stirn.
War es luftiger Hauch,
warʼs sanfte Frauenhand?

Lautlos schritt die Hirschkuh
durch die Lichtung des Traums.
Ihr Blick traf meinen Blick,
der glänzende den matten.

Ich saß am Reisigfeuer
und sah das Holz verbluten.
Da brach aus letzten Gluten
ein gedämpfter Schrei.

Jun 30 17

Eifelpfade XI

Endymion im Maifeld

In der grünen Kraterdelle
hatʼs nach Wein gerochen.
Mondes Finger krochen
kühl wie Tau mir auf die Pelle.

Schlummerlied hat sie gesungen
mit den Ginsterlippen,
klopfte mir die Rippen,
ob die Küsse eingedrungen.

Morgens sah im Gras ich gleißen
ihre goldne Spange
und ich dachte lange
an den Lilienarm, den weißen.

Abends schau im Feld ich bange
auf ihr blondes Scheinen,
doch es macht mich weinen,
Abschiedsgabe war die Spange.

Jun 29 17

Eifelpfade X

Blick übers Maifeld

Gelbe, grüne, tote Flecken,
angeschnittner Kuchen.
Felder, deren kahle Ecken
Fuchs und Reh verfluchen.

Pfluggefurchte Geometrie,
Rapses blonde Strähnen.
Wahngekrümmte Symmetrie,
grauen Asphalts Gähnen.

Ähren um den Mohn betrogen
kitzeln Pfades Säume.
An den schmalen Wassern wogen
scheue Weidenbäume.

Wann wird Lava wieder fließen,
Erde sich erheben,
unvermenschelt-freies Sprießen
Wildnis Ehre geben?

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=maifeld&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiw-9KRvuPUAhUJthQKHYC3BzYQ_AUIDCgD&biw=1400&bih=751#imgrc=S8HDjyHnga8pBM:

 

Jun 29 17

Eifelpfade IX

Friedhofskapelle St. Georg in Polch (Maifeld)

Bang umschmiegen dich die Toten,
lauschen auf das Wehen
weicher Flügel aus den Wolken,
wo die Engel stehen.

Alten Turmes Klangarkaden
rufen euch zum Tanze,
wenn die blauen Lüfte baden
Ceres mit dem Kranze.

Attius Carus, Weib und Sprossen
wird der Genius leiten,
bis sie goldnen Wein genossen,
feierlich geweihten.

Und der Drache wird zum Eichhorn,
hüpft auf dem Altare.
Doch Sankt Georg eilt zum Heilborn,
wäscht die grauen Haare.

In des Lichts gedämpfter Wonne
knien unsre Herzen,
mit dem Mohn der roten Sonne
sinken unsre Kerzen.

 

Anmerkungen:
Der Altar der Georgskapelle in Polch mit der Darstellung des hl. Georg wurde von Balthasar Eichhorn, dem Kammerdiener des Trierer Erzbischofs Franz Georg von Schönborn, gestiftet. In der Kartusche über der Skulptur des hl. Georgs hockt ein Eichhörnchen, das Wappen des Stifters.

Auf dem Giebel der Kirche thront, eine weitere Spolie, eine Büste der römischen Göttin Ceres, um den Hals prangt ihr ein Kranz.

Der Türsturz im Südportal enthält als Spolie einen römischen Grabstein mit der Inschrift:
C. (= Gaio) Attio Caro et Iul(iae) Suausiae uxori, At(t)io Paterno At(t)iae Avianae fili(i)s (Grabstein für Gaius Attius Carus und seine Ehefrau Iulia Suausia und für ihre Kinder Attius Paternus und Attia Aviana).

Siehe:
https://www.google.de/search?q=Friedhofskirche+St.+Georg+in+Polch&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiCl_Cg7OLUAhUJXRQKHZm2Ck8Q_AUICygC&biw=1540&bih=826#imgrc=IxBo6DTqqMrW2M:

Jun 28 17

Eifelpfade VIII

Stiftskirche St. Martin und St. Severus in Münstermaifeld

Das Maifeld ist geweihte Erde,
die Luft gestimmt von Gottes Glocken,
die Schatten vom Altare wehren
und Seelen zu den Kerzen locken.

Der Trutzturm ragt aus grünen Saaten
und wurzelt tief im Römerreich.
Was Treverer zum Weihtum gaben,
der Chor umrankt es gotisch-weich.

Im Münster siehst du den gebahrten
heiligen Leib der Gnadenwunden,
der Frauen Liebe, die ihn salbten,
Johannes, der sein Herz gefunden.

Um diese Häupter zittern Flügel
in engelzarter Grazienfülle,
der Augenlider reine Blüten
wölben sich um Gottes Stille.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_St._Martin_und_St._Severus#/media/File:Maifeldm%C3%BCnster_08290003.JPG

 

Jun 27 17

Eifelpfade VII

Der Pferde Schnauben ist erstickt,
kein Huf blitzt auf dem Wackerstein.
Wo du der Echse Gold erblickt,
rostet Eisen, wächst kein Wein.

Wo nackten Fußes du erfühlt
Tau im Gras, schwitzt schwarzer Teer,
wo dein Blick am Mohn erglüht,
stieren Bleche, stumpf und leer.

Wo Mond in grüne Wasser sank
und Moose deinen Gang erweicht,
kreist die Seele wehmutkrank,
hat Kalk den grünen Schoß gebleicht.

Jun 27 17

Eifelpfade VI

Dort steht die aufgelassne Scheune,
es birgt ihr hohes Dämmerweben
für Käfer, Schwalben, Fledermäuse
noch kleines unverzagtes Leben.

Das Dorf liegt auf dem Komposthaufen,
wo Weiden sich in Brachen lehnen
und ausgerauschte Sommer faulen.
Mittag flirrt und Schatten gähnen.

Am Wegrand hockt wie eine Glucke
im Gras die weiße Bittkapelle.
O der Tafeln Weh- und Dankeskunde!
Bierdosen rollen auf der Schwelle.

Hier hat die Mutter einst gebetet
im Licht von Rosen, Duft von Flieder,
Mariens Augen sind erloschen,
ihr süßes Lächeln kehrt nicht wieder.

Jun 27 17

Eifelpfade V

In Laken von Schnee hüllt sich die Nacht.
Menhire, Titanenknochen.
Ein Krachen toter Äste im Wald.
Im Schnee dämmern Purpurtropfen.

Im Dunkeln sitzen am Küchenherd.
Leise singen die Flammen.
Es weiß, was sie singen, das nächtige Herz.
Im Dunkeln lauschen den Flammen.

Sie singen vom Sturm, sie singen vom Blitz,
sie singen von Wäldern der Ahnen.
Die haben Zeichen in Rinden geritzt,
in den Scheiten seufzen die Ahnen.

Jun 26 17

Eifelpfade IV

Verdorrtes Grün im Grummet,
Hochsommer flirrt im Heu.
Ein Rechen liegt am Schwaden,
geharkt sind Traum und Spreu.

Die Birne fault am Bissen,
die Hummel saugt noch Saft.
Das Teichhuhn wippt, umschmeichelt
von Wassers Wellentaft.

Das Gras wiegt Schlafes Wolle,
die Iris träumt vom Tau.
Die Wolle schleppen Mäuse
in ihren dunklen Bau.

Sein Halstuch blauer Stille,
das Pan ums Wegkreuz wand,
es hat nicht lang geflattert,
der Fuhrknecht hatʼs verbrannt.

Jun 25 17

Eifelpfade III

Der Regen fiel ins Herz
mit geisterhaftem Laut,
warf schmerzlich-grauen Glanz
auf Schiefer und Basalt.

Ein Bettler, der an Eichentor
und bunte Scheiben klopfte,
sang er ein Narrenlied,
wie Mond auf schwarzen Maaren.

Der Dampf aus alten Gärten,
der Duft verfaulter Früchte,
wenn letzte Tropfen glommen
an Ginsters müden Lippen.

Dann stieg aus Moos und Mahd
Betäubung wie in Glocken,
die blaue Lüfte furchen
mit dumpfen Klanges Pflug.

 

Rezitation:
Eifelpfade III

Jun 25 17

Eifelpfade II

Ein gelbes Blatt schwimmt
dein verglühtes Herz
auf dunkelgrünem Wasser –
wie langsam es sich dreht!

Eines kleinen Vogels Nest
schwankt an leisen Halmen
nah beim Ufer –
wird er im Schlaf dir singen?

Auf die Moselwogen
gießt der Herbst der Zeit
den goldenen Wein –
o tränkest du von diesem Licht!

 

Rezitation:
Eifelpfade II

Jun 25 17

Eifelpfade I

Ahorn, windgekrümmt,
unterm Schiefer des Himmels.
Schmale Braue der Erde,
zitterndes Augenlid.

Dort die Muschel im Gras,
kalkgebleichte Kapelle.
Kühl der Atem Mariens,
schneeweiß ihr Angesicht.

Wasser flüstern Geheimes,
Käfer, die es erlauschen.
Winkende Mützen des Mohns,
schattenhungrige Wolken.

Nußgebräunte Hände,
lebende Schalen des Tranks.
Singende Silbersichel
schert die Wolle des Lichts.

Jun 24 17

Wiederkehr

Wo Blätter sich auf Wellen wiegen,
ist Wiederkehr der Rosen Sinn,
der Tag ist ihrem Duft entstiegen,
die Nacht hält Tau und Wange hin.

Wo Wasser sich auf Firne gießen,
spielt Licht auf ihrer weißen Haut,
geboren bist du zu genießen,
den Schnee, der schmilzt, den Schmerz, der taut.

Wo Seufzer aus dem Röhricht stieben,
da sinkt dein Leid wie Muschel tief
in stummes mondbehauchtes Lieben,
das dich zu diesen Ufern rief.

Jun 23 17

Jan Wagner – eine schöne, aber brüchige Stimme

Kurze Betrachtung des Gedichts „marder“ von Jan Wagner anläßlich der Verleihung des Büchnerpreises 2017 an den Autor

Jan Wagner ist ein außerordentliches lyrisches Talent, das sich in vielen Tonlagen geschmeidig bewegt, klassische Formen gekonnt wie einen Handschuh umstülpt, dem Alltagskram eine seltene, manchmal exquisite, manchmal herbe Duftnote abgewinnt, ohne ihn aufdringlich zu parfümieren.

Wir belassen es nicht bei Elogen oder hübschen Typisierungen, sondern schauen dem Dichter ins Eingeweide, das heißt seinem Werk unter die Zunge – und finden dort neben apart blühenden Pusteln auch verdächtige Entzündungsherde, die ein wohlwollender Kritiker einzudämmen raten würde.

Halten wir wie die alten Auguren Vogelschau und beugen wir uns über die Innereien eines uns vorgelegten Geschöpfs:

 

marder

so schlank, daß du mit hineinschlüpfst in den schlag,
die dunkle, muffige höhle, nach sachlage

eindringling, räuber, marder
inmitten all der sanften märtyrer,

der gurrenden boten; taube um taube entkorkend
und saufend, ein gargantua,

derweil es ringsum flattert, flattert,
derweil es ringsum flattert

und flattert, mit befleckt-
em latz, bis alles still ist und perfekt;

zu fett von blut und nachrichten und welt,
um entweichen zu können durchs loch, einen spalt,

dazu verdammt, zurückzulehnen
ins eigene werk, mit satter miene

und schuldlos schlummernd wie ein kannibale,
bis man die decke hebt; und dort, mit knüppel

und mistgabel, dreschflegel,
sense, spaten, axt und pechfackel,

dort steht es, mit flinte und rassehund:
das publikum, außer sich, rasend.

 

Zunächst konstatieren  wir den gekonnt luftig-sinnigen Aufbau des Gedichts aus Zwillingszeilen, die sich häufig den Atem über das Zeilenende weitergeben; der Leser wird unmittelbar in den Ereignisstrom gerissen: Denn er selbst sei wie das angesprochene Tier schlank genug, um in den Taubenschlag des Gedichts zu schlüpfen und das grausige Geschehen mit anzusehen.

Wir stellen weiterhin fest, daß der Ton des Ganzen balladesk anmutet; denn wir finden wie in der Ballade einen Plot als motivisch-stoffliche Grundlage: Ein Marder dringt in einen Taubenschlag, stillt seinen Blutdurst, kann, die Wampe mit Blut prall gefüllt, nicht mehr hinausschlüpfen und wird endlich in einer spektakulären Schlußszene von der Rache der anbetroffenen Dorfmenschen und Taubenzüchter eingeholt.

Wir sind eingenommen von der raffinierten Form der klanglichen Verschalungen der Zeilenenden, die sich reiner Reime gänzlich entschlägt und neben dem Gebrauch deftiger Alliterationen („kannibale/knüppel“) auf die in der Romantik auf dem Hintergrund der spanischen Romanze von Brentano ins zart Verspielte getriebene assonierende Lautähnlichkeit zurückgreift. Jan Wagner versteht sich auch darauf, beide Klangeffekte, Alliteration und Assonanz, geschickt zu verknüpfen: „rassehund/rasend“.

Wir finden auch die rhetorischen und archaisierenden Techniken der steigernden Wortreihung („eindringling, räuber, marder“ oder: „knüppel/und mistgabel, dreschflegel,/sense, spaten, axt und pechfackel“) und der dramatisierenden Wortwiederholung („flattert“) wirksam bis zur Zauberspruchbangigkeit eingesetzt: „derweil es ringsum flattert, flattert/derweil es ringsum flattert/und flattert“.

Warum nennen wir diese einnehmende Stimme dennoch brüchig – so wie wir sie in diesem Gedicht vernehmen, von anderen reden wir ja nicht und von diesem nur, weil es auf ein weithin begeistertes Echo stieß? Nicht weil uns der Manierismus, das Enjambement um des passablen Reimes willen bis in die Zerreißung eines Worts zu treiben („befleckt-em/perfekt“) und das Kokettieren und die Ausstellung humanistischer Bildung („Gargantua“) allzu outriert und snobistisch erscheinen, nicht weil uns grausige Bilder in geschmackloser, ja degoutanter Weise aufgetischt werden („taube um taube entkorkend und saufend“, „mit beflecktem latz“) – dies sind nur die Symptome einer tiefer liegenden „Entzündung“ oder eines geistigen Fiebers, dessen Ursache wie uns scheint und wie wir hoffen nicht endogen ist, sondern durch Kontaktinfektion in allzu großer Nähe mit dem zugleich begehrten und verachteten Publikum übertragen wurde.

Wir erinnern uns an das heikle Abenteuer des Stimmbruchs, bei dem der Junge nur über den wackligen Steg eines hohlen Dröhnens und eines unglücklichen Quietschens ans andere Ufer der Mannbarkeit gelangt: So wechselt die Stimmlage im Gedicht beinahe unwillkürlich zwischen der vollen Stimme des Rein-Lyrischen, die evoziert und nicht räsoniert oder reflektiert („derweil es ringsum flattert, flattert/derweil es ringsum flattert“) und der dünnen Stimme des Poetisch-Narrativen, die reflektiert und nicht evoziert („nach sachlage“ und “zu fett von blut und nachrichten und welt” oder „dazu verdammt, zurückzulehnen/ins eigene werk“).

Die unangenehme Intimität mit dem Leser („du“) verrät sich gleich in der einladenden Geste des Anfangs: Wirkt sie auf uns doch beinahe wie eine schmeichelnde Zauberkünstlergeste – das reine Gedicht aber, das auf nichts außerhalb seiner kahlen Eremitenzelle oder seiner von Gras und Unkraut überwachsenen Schattenzone abzweckt, wirkt unaufdringlich durch die Macht der Stille, die wie ein blasser Mond in jene Zelle und jene Zone sickert.

Wir gewahren hier ein Phänomen, das sich in allen Kunstgattungen einzuschleichen pflegt, wenn der Schöpfer, seiner technischen Virtuosität und Meisterschaft allzu bewußt, der Verführung nachgibt und die Klänge oder Worte wie schillernde Bälle in die hohe Luft der Manege wirft und unter dem raunenden „O!“ und „Ah!“ der entzückten Zuschauer hast du nicht gesehen wieder in der großen Tricktasche verschwinden läßt: Das bezeichnet, um ins Musikalische abzuschweifen, den Unterschied der Gewandtheit und Anmut im Gebrauch der Ausdrucksmittel bei Mozart, die aus dem Grund höherer Naivität aufsprudeln, und der kühlen Meisterschaft von Richard Strauss, die ihre Möglichkeiten traumtänzerisch aus den Fingern und Beinen schüttelt, Ursprünglichkeit und plastische Naivität indes oftmals nicht ausdrückt, sondern nachahmt – ein Zeichen epigonaler Spätzeit.

Es ist in dem Gedicht von Jan Wagner eine schiefe, zwitterhafte Allegorie am Werk, die wie ein Riß im Boden des dichterischen Sagens auftaucht: Denn gewiß sollen wir der starken Suggestion nachgeben, die Figuren und ihre groteske Inszenierung als Allegorie auf den Dichter und sein Tun und Wirken zu lesen, zumal das Publikum höchstselbst am Ende die Bühne des Gedichts betritt – als wäre der Dichter zugleich der Poète maudit in der Ikonenreihe der Baudelaire und Rimbaud in seiner rohen Unschuld des Daseins jenseits von Gut und Böse, der sich kannibalisch an den sanften Märtyrern der Liebesbotschaften vergeht, und zugleich der große Mime, Salonlöwe (hier „Salonmarder“) und grimassierende Schauspieler, der die primitive Schaulust eines Publikums befriedigt, das ihm nur den schnöden Dank weiß, ihm dafür das Fell über die Ohren ziehen zu wollen.

Die Gefahr allegorischen Sagens besteht für das Gedicht in den üppig-wollüstigen und herrisch-übergriffigen Schatten, die eine hohle Maskerade auf das Gesicht der großen und kleinen Blüten des Worts wirft, die darunter an Leuchtkraft einbüßen.

Die Gefahr der Pointe, die am Ende die Figuren wie mit dem Schnürboden des Theaters oder Puppenspiels einmal flugs in die Höhe schnellen läßt, daß ihre Füße hysterisch im leeren Freien zappeln, ist seit den sentimentalen Untaten Heinrich Heines die größte und das lyrische Gedicht (denn von sentenzenhaften Gattungen wie dem Epigramm ist hier nicht die Rede) in seiner Substanz am tiefsten bedrohende.

Das Gift der Pointe wirkt zersetzend auf die zarten inneren Organe des lyrischen Gedichts: Es verendet an Blutvergiftung und Atemnot – unter moribunden Zuckungen und grotesken Gestikulationen, im Lärm moralisch-hysterischer Verkündigung oder im peinlichen Schweigen, das sich einstellt, wenn zu viel gemeint, aber zu wenig gesagt wurde.

Die theatralische Schlußszene im Gedicht von Jan Wagner, der Pointenbluff, plaudert das dürftige Geheimnis aus: Die Zusammenrottung der Zuschauer, ihr Lärmen mit Knüppeln, Mistgabeln, Flegeln, Sensen, Spaten und Äxten, die sie im schaurigen Lichte der Fackeln aneinanderschlagen, ist das dialektische Quidproquo – für den Applaus.

Wir finden in diesem theatralischen Moment einen wässrigen Niederschlag journalistisch-feuilletonistischer Gesinnung, der unter dem heißen Atem dichterischer Beschwörung auf dem transparenten Kristall der Sprache nicht verdunstet und zergangen ist.

Die Lust am Effekt und das Schielen nach dem Begehr und Zeitgeschmack des Lesers ist das Virus, das sich an der lyrischen Sprache durch jene Fieberdelirien rächt, in denen Knallerbsen vor kaum oder nur zum Spaß zurückschreckende Füße geworfen werden – ohne Nachhall, ohne Echo und allemal ohne die seelischen Vibrationen, die das leise Plätschern der Quelle Hippokrenes erweckt, geschweige denn der brausende Flügelschlag der Adler des Himmels.

Gewiß, wir sehen den Dichter symbolisch näher bei den Tauben, deren Gurren in die einsame Nacht des Gedichts wie die ersten Hoffnungsstrahlen der Morgendämmerung dringt – so würden wir den Mörder-Marder seinem Schicksal überlassen und das ausgerissene und blutbesudelte weiße Gefieder nicht hochhalten, sondern einer Opfer- und Sühnegabe gleich schweigend in jene Quelle tauchen, von der wir nicht einmal hoffen können, daß sie es reinwäscht.

Jun 23 17

Das Glück

Wir sitzen still auf einer Bank
im Rauschen unter Ahornzweigen,
die Flammen, die in ihnen steigen,
sind Seelen, und sie singen Dank.

Von süßem Schweigen glänzt dein Mund,
dein Augenlicht kann alles sagen,
der Braue Bogen alles tragen,
das Lid wölbt einer Muschel Rund.

Du streichst dein Haar gelind zurück,
ein Lächeln übersprüht die Wangen
wie Funken, die der Hand entsprangen –
wir sitzen still, es ist das Glück.

 

Rezitation:
Das Glück

Jun 22 17

Das Glück zu münden

Weiße Blüten, die uns weinen,
Tropfen, die nicht säumen wollen,
uns mit ihrem Glanz vereinen,
wenn sie in das Dunkel rollen.

Windes dichte Gräser schwanken,
Käfer, die nach Mohnstaub tasten,
uns umlullen Schattenranken,
wenn die Sonnentrauben lasten.

Himmels rote Boten gleiten,
Wolken, die uns Wonne künden,
singend darf das Herz sich weiten,
wenn Gesanges Wasser münden.

Jun 22 17

Ich streu dir keine Blumen

Ich streu dir keine Blumen hin,
die Disteln laß ich stehen,
du mußt schon selber gehen
und pflücken dir den süßen Sinn.

Und sind die Bilder weggetaut
wie Frost auf Fensterscheiben,
gibt dir ein Grund zu bleiben,
was hinter ihnen grundlos blaut.

Ist schon vergilbt dein Lebensbild,
ist es an Gram verwittert,
du bist noch nicht verbittert,
solang dein Lied aus Klüften quillt.

Es ist der Mond in trüber Nacht,
was duftet durch die Zweige,
und geht der Duft zur Neige,
dann rötet dich die Flammenpracht.

Jun 21 17

Scheue Gesten

Scheue Gesten, die verehren,
sind wie Schnee auf Ahnenmalen,
sind wie Blumen auserlesen,
rankend um die Initialen.

Heile Hände winden Kränze
um die Schläfen, heben Kerzen
goldner Ampeln an die Ränder
kühner Sehnsucht edler Herzen.

Lieder, die uns zärtlich rufen
unter Lauben lichter Reben,
sind wie alten Weines Gluten,
die uns aus den Schatten heben.

Jun 20 17

Rote Wolken

Als klebte Schnee an grünem Zweig,
als würden Seufzer ihn umwinden,
es sind ja Blüten wangenweich,
die meine Bienen nicht mehr finden.

Rote Wolken schwimmen noch
auf der unendlich blauen Welle,
sie trägt in ferne Welt sie fort,
wie gern wär ich an ihrer Stelle.

Was meine leisen Worte atmen,
ist Veilchenduft der Frühlingsnacht,
sie flattern, scheuen Sehnens Falter,
um ein Licht, das einsam wacht.

Jun 19 17

Das Schöne übersteht

Das Schöne übersteht den faulen Zauber.
Es weht in Lichtgirlanden stets vorbei,
weil es wie hüpfende Tupfer vor der Nase,
womit wir Kinder gern Herrn Nachbar neckten,
sich nicht fangen läßt.

Es lebt nur flüchtig an den Oberflächen
in Farben, Düften oder halb gemeinten,
halb geweinten Lauten, Sommersprossen,
Leberflecken auf der Wange eines Traums,
die beim Küssen schmilzt.

Es trippelt leise neben dir, ein Teichrohrsänger,
der keinen Grashalm knickt und sacht
die Füße setzt aufs tellergroße Rosenblatt,
das gerührt ein wenig schwankt im Teich.
Wie er heimlich schilpt!

Es ist so filigran und so diskret wie vage Schatten
auf Fenstern, wo Zweige sich im Winde wiegen,
wie Silbertaler, die Abendlicht ins Wasser wirft,
der jähe Traumgedanke eines goldnen Fischs,
der im Nu verlöscht.

Das Schöne sagt im Rosenduft „O tiefes Glück“,
„Nach oben falle!“ ruft es aus dem hohen Blau,
ins weiße Schweigen lockt sein Schneegefieder,
und glänzt die Wimper, sagt es „Liebe!“ – nicht,
„Liebe!“ sagst du selbst.

Jun 18 17

Kuckucksrufe

Wie leise spricht uns weiche Geste,
das grüne Weinen alter Weiden,
das Wölken einer blauen Sage
im Veilchenduft der Sommernacht.

Wie zittern stumm die scheuen Tropfen
des Abendlichts an deinem Fenster,
und kann in Wogen Schlafs nicht tauchen
dein Schmerz wie goldgeschuppter Fisch.

Wie ist so blind und tot der Spiegel,
in dem das Auge einst getrunken
den Schimmer einer Silbervase,
in der die blasse Rose schwamm.

Wie selten hörst du noch die Rufe
des Kuckucks fern im feuchten Riede,
dein heimatloses Herz zu betten
in einer Mulde, moosumschluchzt.

Jun 18 17

Die kleine Wolke

Lassen wir den Abend sinken,
ein großes blaues Blütenblatt,
es torkelt blind aus einem Himmel,
der uns schon lang vergessen hat.

Was noch seufzt in zarten Gräsern,
was an Dämmer-Rispen scheint,
sind scheue Vögel unsrer Herzen,
sind Tränen, ihrem Lied geweint.

Wir schicken Falter leiser Worte,
zu züngeln nach dem süßen Tau.
O Schatten einer kleinen Wolke,
die Abschied nimmt vom letzten Blau.

 

Jun 17 17

Ausflug nach Bergen

Am Berger Hang verholzte, ungeliebte Bäume,
in denen kümmerliche Kügelchen
von Sommers rotem Fruchtfleisch träumen.

Wie ermüdend und aussichtslos der weite Blick
über das leuchtende Gräberfeld der Stadt,
Grabstein an Grabstein ins Vergessen sinkend.

Knorrige Weidenbäume, schweigend, reglos,
ihre grünen Schleppen schwer
vom vergeblichen Warten auf den Schwärmer Wind.

Doch saugen sie im Unsichtbaren
Seufzer aus der dumpfen Lache,
um die das viele Blech der ausweglosen Freiheit glänzt.

Hunde, geschoren, frisiert, bebändert,
die im Maul die knöcherne Empfindung
ihres tätowierten Herrchens apportieren.

An der Unterführung nach Enkheim
Innehalten: Vortritt hat der räudige Lärm
der kahlen Nacken vor eines Grauschopfs heiklem Ohr.

Auf der Bank, als wir die Stullen aßen,
hat sich mein Herz ins Dämmerlicht verloren,
in dem die Vogelschreie durch unsre Schatten flogen.

Jun 16 17

Nur wenig Worte

Nur wenig Worte schweben,
Blume, Mond und Tod,
um dieses kleine Leben,
Schnee und Abendrot.

Nur wenig Farben geben
im ausgerauschten Laub
sich diesem scheuen Leben,
gelber Samt, blauer Staub.

Von allen Sommerdüften
wölkt einzig seelenwärts
aus des Erinnerns Grüften
der Rosen dunkler Schmerz.

Jun 15 17

Das verirrte Kind

Damals, als ihr süße Blüten streutet
auf der Erde dunklen Schoß
und das alte Segensbild erneutet,
saß ich da, ein stilles Kind.

Eure bunten Heilsfiguren
schwiegen in den offnen Fenstern.
Da rief in taubeglänzte Fluren
ein fremder Gott das arme Kind.

Und zuckten Blitze durch die Schneisen,
da ich im Walde mich verlief,
die Glocken konnten nicht mehr weisen
den Heimweg dem verirrten Kind.

Jun 15 17

Vergebliches Spiel

Lange saß die Ringeltaube auf dem Dach.
(Die wievielte Generation mag sie wohl sein
von allen, die hier im Hinterhof gurrten?)
Sie schien so ruhig, wie gefaßt,
schaute nur manchmal links und rechts,
putzte auch rasch das Gefieder am Hals.

Was hat sie gesehen, als sie herabblickte,
als sähe sie mich? Was wohl empfunden?
Sich selbst, das ungeheure Dasein der Welt?

Ja, viele Generationen, die sie verkörpert,
und hinter allen den Ursprung von allem.
Und ist der Ursprung nicht sichtbar an ihr?
An ihrem kleinen Kopf, den Flügeln,
die in der Luft wie in Wasser klatschen,
im anmutig-hellen Ring um den Hals,
der sagt: „Ich bin schöner als du!“

Da flog seine Täubin herbei,
setzte sich daneben, in einigem Abstand –
schon war er die Puppe in einem Spiel,
von unsichtbaren Fäden gezogen,
spreizte er kunstvoll den Fächer
des Schwanzgefieders und verhalten gurrend
drehte er sich aufgeplustert um sich selber.

Sie indes ließ sich nicht blenden
von seinem halbherzigen Balzgetänzel
und wandte gelangweilt sich von ihm ab,
flatterte alsbald entschlossen davon
auf das niedere Garagendach,
auf dem Gräser und Kräuter wuchern
und wo sie wohl nisten.

Nie habe ich eines ihrer Jungen erblickt.
Wie schade!

Jun 14 17

Schwimmende Knospen III

Ein ausgehöhlter Krötenpanzer,
in der Mitte ein Riß –
Hermes, zieh keine Saiten auf,
es klänge erbärmlich!

*

Jetzt, da du schon lange tot bist,
fühle ich nicht einmal deine Ferne.
Damals, als du noch lebtest,
fühlte ich sie stets in deiner Nähe.

*

Der Zigeuner im schäbigen Anzug,
erinnerst du dich,
hieb tollwütig mit der Machete drein,
hieb eine Melone in Stücke,
als wäre sie sein eigener Kopf.

*

Als ins Dämmerlicht,
die Rosen tauchten,
war dir mit einemal,
es atmete an deiner statt
ihr glühender Schatten.

*

Als tropfte aus dem Schweigen,
wie aus Christi Wunde,
die traumlos geblieben,
Lebens lange Qual.



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