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Jun 13 17

Wort und Tat – Ethik ohne Moral

Skizzen zu einer empirischen Ethik auf sprachlicher Grundlage

Worte, die weder im Schatten von Taten und Werken stehen noch Taten oder Werke zur Folge haben, sind unverbindliches Gerede und allerhöchstens unterhaltsames Geplauder. Wer die Folgen dessen, was er sagt, schultern muß, hat etwas gesagt; der Schwätzer sagt heute dies und morgen jenes – auf wechselnden Podien; keiner braucht sich an den verwehten Schnee von gestern zu erinnern.

Wir können sprachliche Wendungen, die in typischen Redesituationen geäußert werden, auf ihre expliziten und impliziten Verpflichtungen analysieren. Verpflichtungen sind Verlautbarungen bestimmter Intentionen, die sich auf näher oder ferner liegende zukünftige Ereignisse beziehen; das entscheidende Moment dieser Ereignisse liegt in dem Umstand, daß sie der Gegenstand eben jener Verlautbarungen sind, die eine explizite oder implizite Verpflichtung enthalten, diese Ereignisse durch zweckgerichtetes Handeln herbeizuführen oder durch beabsichtigtes Unterlassen bestimmter Handlungen zuzulassen.

Sagst du zu mir „Ich werde dann kommen“, handelt es sich dabei um eine Verlautbarung, die deine Intention expliziert, an einem bestimmten Datum der näheren oder ferneren Zukunft zu mir zu kommen. Geschieht die Verlautbarung in der Situation, in der ich dir mit einer Summe Geldes aus einer momentanen Verlegenheit geholfen habe, handelt es bei der Äußerung um das Versprechen, mir an dem festgelegten Datum das Geld zurückzugeben.

Wir analysieren den Sprechakt des Versprechens auf folgende allgemeine Merkmale hin, die den Verpflichtungscharakter ethisch bedeutsamer Rede kennzeichnen:

1. Der intentionale Gegenstand der Rede ist ein zukünftiges Ereignis, das herbeizuführen oder zuzulassen sich der Redende angedeihen läßt. Wir können die Rede dann und nur dann verifizieren, wenn wir aus der ursprünglichen Äußerung, die sich eines futurischen Tempus bedient, eine Äußerung im perfektiven Tempus ableiten können: Aus dem Satz „Ich werde dir das Geld zurückgeben“ wird sodann der Satz „Ich habe dir das Geld zurückgegeben.“

2. Äußerungen verpflichtenden Charakters sind Äußerungen unter einem zweifachen Risiko:

2.1 Das erste Risiko, das eingeht, wer ein Versprechen ablegt, besteht in der mehr oder weniger empfindlichen Sanktion und dem mehr oder weniger hohen sozialen Schaden, den er auf sich nehmen muß, sollte er seine Zusage nicht halten oder brechen. Wer dem Freund nicht, wie versprochen, das geliehene Geld wieder aushändigt, läuft Gefahr, daß ihm die Freundschaft aufgekündigt wird; wer das Versprechen gegenüber einer Gruppe, aufgrund dessen er in sie aufgenommen wurde – wir kennen es gewöhnlich als Gelöbnis, Treueschwur oder einfach als Beitrittsverpflichtung –, bricht, auflöst und verrät, riskiert, aus der Gruppe, dem Verein, der Organisation oder der Kirche ausgeschlossen zu werden oder in Verruf zu geraten. Ein äußerstes Risiko ist neben der sozialen Ächtung die physische Vernichtung, wie sie Hochverrätern in Zeiten des Krieges und Bürgerkrieges oder Abtrünnigen einer kriminellen Bande oder strenger religiöser Bünde wie des Scharia-Islams zu drohen pflegt.

2.2 Das zweite Risiko, das Äußerungen auf die Zukunft gerichteter Handlungsvorhaben wie Versprechen mit sich bringen, besteht in der prinzipiellen Offenheit und Unvorhersehbarkeit zukünftiger Ereignisse und in dem mehr oder weniger hohen Grad an Wahrscheinlichkeit, daß widrige Gründe unseren Intentionen einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn es dir zwingende Gründe wie Krankheit oder Verdienstausfall verwehren, die geschuldete Summe bis zum Stichtag aufzubringen, bist du entschuldigt und wir fangen wieder bei null an. Auch hier finden wir als äußerstes Risiko die physische Vernichtung, doch ist es der Tod, der gleichsam alle Bande persönlicher Verpflichtung zerreißt und könnte man sagen alles entschuldigt.

Wir bemerken en passant, daß entgegen landläufiger Meinung das Todesrisiko oder die Todesdrohung die Betroffenen nicht egalisiert, sondern hierarchisiert: gemäß dem natürlichen Wert, der sich im Verwandtschaftsgrad ausdrückt, und dem sozialen Wert, der sich im öffentlichen Prestige der Person ausdrückt. – Eine Mutter wird aus einem brennenden Schulbus zunächst ihr eigenes Kind zu retten versuchen, bevor sie sich um das Überleben der fremden Kinder kümmert. – Die Gefangenen der R. A. F. im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim sollten 1977 mittels der Todesdrohung gegen den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer, der sich in der Geiselhaft der R. A. F. befand, freigepreßt werden; das Leben Schleyers galt den Terroristen demnach aufgrund seines hohen Prestige als mindestens viermal so viel wert wie das der Gefängnisinsassen. Als die Erpressung nicht gelang, versuchten palästinensische Gesinnungsgenossen die Freilassung durch Geiselnahme von 87 Passagieren und Besatzungsmitgliedern des Flugzeugs „Landshut“ zu erreichen. Hier ist der Proporz noch eklatanter, nur daß nun umgekehrt mindestens 87 Personen, die über keinerlei mediales Prestige verfügten, den sozialen Wert der Person von Hans Martin Schleyer aufwiegen mußten.

Wir bemerken, daß uns aus rationaler Sicht, und wir schürfen ja mit den Methoden der Vernunft und stapeln nicht hoch mit schönen Redensarten und Metaphern, im Spiel- und Handlungsraum ethisch bedeutsamer Rede nur ein einziger absoluter Wert begegnet: das ist das Gut des Lebens oder der Zustand, am Leben zu sein, ein absoluter Zustand, was sich darin zeigt, daß er sich nicht relativieren, sondern nur negieren läßt.

Wenn wir ein Versprechen ablegen, implizieren wir damit den Wunsch und die Hoffnung weiterzuleben; wer die feste Absicht hat, sich morgen das Leben zu nehmen, wird nicht heute jemandem versprechen, ihn übermorgen wiederzutreffen, um ihm das geliehene Geld auszuhändigen; täte er es trotz seines Vorhabens, handelte es sich um kein echtes Versprechen, sondern um ein vorgetäuschtes, denn das echte Versprechen impliziert, nicht nur das Versprochene wie die geschuldete Summe einzulösen, sondern auch das Menschenmögliche zu tun, um diejenigen Bedingungen zu gewährleisten, die den Handlungsraum bilden, in dem wir unsere Absichten erfüllen (aber auch verfehlen) können.

Das Gemeinte wird klarer, wenn wir den Lebens- und Handlungsraum inspizieren, in dem sich unser ethisch bedeutsamen Sagen und Tun alltäglich oder außeralltäglich vollziehen: Wir sprechen von der Gewohnheit oder der Regel, auf denen wir die Bahnen unseres Erlebens und Handelns in die Zukunft projizieren. Wenn die Tage wie bei einer russische Puppe einer aus dem anderen hervorgehen und sich durch Gewohnheiten trivialisieren und ritualisieren, wähnen wir, das Risiko größerer Schwankungen und Wechsel, wie sie mit der prinzipiellen Offenheit der Zukunft verknüpft zu sein pflegen, einigermaßen gebändigt zu haben.

Wir erwarten allmorgendlich den Gruß des Kollegen am Arbeitsplatz und wären erstaunt, wenn er ausbliebe, wir wären irritiert, wenn der Kollege uns mit einem unverständlichen Kauderwelsch aufwartete. Die Routine macht das Leben erträglich, insofern sie die Ungewissheit der Zukunft reduziert und das Kommende auf das Erwartete einschränkt; sie macht das Leben auf Dauer zugleich unerträglich, weil sie es in Monotonie und Langeweile erstickt. Aus dieser dem Spielraum des Erlebens und Handelns innewohnenden Spannung und Diskrepanz gibt es kein Entrinnen – nur einen Ausgleich in den Formen gehobener Daseinsstimmung in Feier und Fest, im ephemeren und immer vorläufigen Eskapismus des abenteuerlichen Herzens, im Abdriften in den Formen stimulierten Bewußtseins durch Drogen und Rausch.

Welche Routinen und habituellen Einstellungen wir wählen, um den überquellenden Fluß des Lebens in ein überschaubres Bett zu zwängen, läßt sich nicht vor dem Forum einer praktischen Urteilskraft dingfest machen und anhand formaler Kriterien der Vernunft entscheiden: Es mag eine Sache der Kunstfertigkeit, der Prägnanz des sprachlichen Ausdrucks und des regionalen Bezugs sein, die wie bei den Gruß- und Abschiedsformeln ausstrahlen und den Ausschlag geben. Doch außerhalb der Zwänge des Kollektivs, wie im Klassenverband oder beim militärischen Begrüßungs- oder karitativen Willkommensappell, steht es mir frei, damit zu bedenken oder meiner anerzogenen Höflichkeit zu entziehen, wen immer ich will.

Auch im außeralltäglichen Leben der Mönche und Nonnen, ja auf noch prägnantere Weise, zeigt sich der Sinn der Regel (wie der Titel der Regularien lautet, die von Benedikt von Nursia an das Tun und Lassen, das Reden und Schweigen der Ordensleute trivialisieren und ritualisieren): Das Dasein verschwimmt im Rhythmus der gewöhnlichen Verrichtungen der Daseinsfristung und der liturgischen Verrichtungen mit ihren Gebeten und Gesängen. Dabei kann das individuelle Bewußtsein im Extremfall wie bei den buddhistischen Ordensmitgliedern auf den Nullpunkt an Selbstlosigkeit schrumpfen.

Wenn ich dir etwas versprochen habe, erwartest du von mir die Erfüllung des Versprechens; wenn ich das Versprechen erfüllt habe, erwarte ich von dir, daß du deine Forderung an mich als abgegolten betrachtest: Wir sagen, Versprechen und Erwartung sind spiegelbildliche Begriffe.

Wir finden diese Spiegelung auch in grammatischer Form im Verhältnis folgender Sätze:

1.1 Ich werde dir das Geld übermorgen bei dir zu Hause zurückzahlen.
1.2 Ich habe dir das Geld gestern bei dir zu Hause zurückgezahlt.

Sätze mit Indexwörtern wie „ich“, „du“ oder „dir“, „übermorgen“, „gestern“ und „zu Hause“ können durch Einsetzen der betreffenden Namen und Daten in objektivierbare Aussagen umgeformt werden, die wir anhand intersubjektiv kontrollierbarer Beobachtungen und Recherchen verifizieren oder falsifizieren können.

Wir wissen demnach, daß ich das Versprechen eingelöst habe, wenn die Umformung von 1.1 zu 1.2 mit den korrekten Namen und Daten erfolgreich war.

Wir listen zur Verdeutlichung eine Reihe von bekannten Sprachhandlungen auf, die ethisch bedeutsame Verpflichtungen begründen oder nach sich ziehen; wir weisen darauf hin, daß sie allesamt Handlungen darstellen, die mit dem Namen des Sprechers oder Handelnden ursächlich in der Weise verknüpft sind, daß er für die Einhaltung und Erfüllung des im Sprechakt gemeinten oder beabsichtigten Inhalts mit seinem Namen einzustehen hat:

Versprechen
Geloben
Schwören
Bezeugen
Beeiden
Beglaubigen
Leugnen (Abstreiten)
Besiegeln
Beurkunden
Widerrufen
Taufen
Weihen
Berufen
Befehlen

Die Identität oder Folgebeziehung von Wort und Tat wird durch die Identität dessen, der spricht, mit dem, der das Angekündigte vollzieht, gewährleistet. Wir erfassen diese Identität im Eigennamen, der einen Arbeits- oder Ehevertrag oder ein amtliches Dokument besiegelt oder anderweitig aktenkundig wird.

Wir bemerken, daß wir ethisch bedeutsames Reden durch empirische Untersuchungen der Sprechakte ausfindig machen können, die bestimmte Verbindlichkeiten und Verpflichtungen entweder ausdrücklich machen oder stillschweigend implizieren. Wir setzen bei diesem Verfahren keine Moral und keinen moralischen Kodex voraus, sei er religiöser oder weltanschaulicher Provenienz.

Ethische Untersuchungen auf empirischer Basis sind rein deskriptiv und keinesfalls normativ: Wir halten uns schlicht an die Art und Weise, wie die Leute unter sittlich bedeutsamen Kontexten reden, und an das, was aus dem Gesagten folgt oder nicht folgt. Folgt aus dem Gesagten nichts, handelt es sich um unverbindliches Gerede; wird jemand für sein gegebenes Wort in die Pflicht genommen, zur Kasse gebeten oder sozial stigmatisiert, stoßen wir auf harten philosophischen Grund.

„Ethik ohne Moral“ bedeutet: Wir verzichten auf alle metaphysischen Klimmzüge, mit denen man sich angeblich über den Boden der sprachlichen Tatsachen in die Höhe universal gültiger moralischer Normen und Gebote recken können soll. Das Ethos der Sprache reicht nur so weit, wie UNSERE Sprache reicht; sollte es dort im Lande Wolkenkuckucksheim einen sprachlichen Umgang geben, bei dem das Nichteinhalten einer Zusage, eines Gelöbnisses, eines Versprechens keine Folgen hat, stehen wir nicht an, einem solchen Reden den ethisch bedeutsamen und gehaltvollen Verpflichtungscharakter zu bestreiten.

„Ethik ohne Moral“ bedeutet, daß wir aufhören, rationale Verfahren der Rechtfertigung bestehender oder wünschenswerter moralischer Gebote oder Verbote auszutüfteln, sondern uns auf den empirischen Boden all der Sprachhandlungen stellen, die gleichsam in summa das Pflichtenheft ihrer jeweiligen Kultur und kulturellen Lebensform enthalten. Man könnte zugespitzt sagen, wir müssen uns mit der skeptischen Bestandsaufnahme bescheiden, daß es so viele Ethiken wie kulturelle Lebensformen gibt – und natürlich mit der Tatsache, daß sie nicht wie konzentrische Kreise harmonisch und kohärent ineinanderliegen, sondern sich überkreuzen, teilweise überlappen und großenteils auslöschen. Ideologische und religiöse Leitmotive, anhand deren wir sie moralisch über einen Leisten schlagen können, verbschieden wir aus der nüchternen Betrachtung als eine Naivität, die noch größer und stupider ist als diejenige, die davon ausgeht, es sei ja eine einzige Gottheit, die in den vielen Religionen angerufen werde und daher nehme die Menschheit in einer einzigen Arche Noah morgen oder spätestens übermorgen groß Fahrt auf. Nein, es sind da und dort in Ufernähe wohl noch einzelne Segler, die gegeneinander kreuzen, es sind auch etliche hochgetunte Motorboote, die sich scharf angehen und einer im Wogenschwall des anderen untertauchen, selten sieht man noch den einen oder anderen alten Fischkutter dahintuckern, die Herrschaft aber haben weit draußen ganze Ketten von Containerriesen unter eigener oder fremder Flagge, mit der Überlebensfracht für die Metropolen, die neuerdings zur Feindabwehr vielfach von U-Booten, Kreuzern, ja von Flugzeugträgern begleitet werden.

Wird aber in diesem Ansatz nicht Rohheit, Barbarei und Schlechtigkeit als hinzunehmendes factum brutum deklariert? Nur scheinbar. Nehmen wir als Beispiel den Tötungsbefehl: Auch in den besten Kreisen, in denen man sich als bigotte Friedenstauben geriert, wird stillschweigend hingenommen, daß der Tötungsbefehl bei der kämpfenden Truppe oder als ultima ratio im Polizeieinsatz rechtens erteilt wird.

Der Befehl gehört zu den originären Sprechakten, die ihren Verpflichtungscharakter explizit machen. Er zeigt aber auch mit aller Deutlichkeit, daß und in welcher Weise verbindliche Sprechakte in die jeweilige Situation eingebettet sind, denn er verlangt den institutionellen Kontext der Autorität, die aufgrund eines Amts oder durch charismatische Zuschreibung berufen ist, ihn auszusprechen und auf seine Befolgung und Ausführung zählen darf.

Wir aber können in all dem Wildwuchs ethischen Sagens und Tuns nur uns selbst zur Geltung bringen, indem wir das Edle vom Gemeinen sondern, das Sublime vom Vulgären, das Feine vom Groben und das Erhabene vom Niederträchtigen – dann aber reduzieren wir ethische Fragen auf Geschmacksfragen: Und das ist es, was wir für uns anstreben. So fühlen wir uns in seelischer Harmonie mit den aristokratischen Werttafeln der frühen Griechen und den vornehmen Haltungen, die sich in den tänzerischen Ritualen und sublimen Kunsterzeugnissen der Renaissance-Höfe Italiens oder in den hohen Hallen mittelalterlicher Burgen beim Vortrag der Liederdichter und Epiker zeigten, deren ethisch bedeutsame Begriffe wie staete, triuwe, zuht, höveschkeit, milte und mâze seltsam schillern und changieren zwischen Verhaltensbekundung und ästhetischem Wert.

So können wir Stifters utopischen Nachsommers gedenken und wieder von schöner Sittlichkeit sprechen, und meinen damit, daß wie Tiere und Blumen die Menschen einer Landschaft und Region nach dem Untergang der Städte und der Geist und Sinne vergiftenden Zivilisationen ihre leibliche und seelische Eigenart dem Gären, Wachsen und Sprudeln der heimischen Säfte, physischer und mythischer Gewalten und reiner Quellen verdanken, die Edlen aber die herrschende Elite derjenigen stellen, die gemeinen Zudringlingen den Zugang zu ihren umzäunten Höfen und Gärten verwehren und die Dienste glücklicher Untertanen in Anspruch nehmen, die sie pflegen und bewirtschaften. Gemeinsam aber feiern sie die Feste der wiedererstandenen Götter des Himmels und der Erde mit rosenumrankten Ritualen, anmutigen Tänzen und Liedern, die Dichter hoher Herkunft und edler Zunge ihnen aus dem leuchtenden Wasser der Erinnerung schöpfen.

Hat auch dichterische Sprache einen Verpflichtungscharakter, gibt es ein Ethos der dichterischen Sprache? Ja, wenn wir Dichtung als Dienst an der eigenen Sprache verstehen. Der Dichter aber wäre sodann der Hüter oder Gärtner im Garten der Sprache, jenem Garten, der bekanntlich stets der kultivierenden Hand bedarf, denn von jeher ist er vom Wuchern des Wegerichs und Gierschs, von Lolch, Ampfer und Disteln bedroht, stereotypen Klischees, unschönen Füllseln, leeren Kapseln, Dorngestrüpp und verholzter Syntax, die es in sprachpflegerischer und sprachkritischer Absicht zu jäten, zu rupfen und auszureißen gilt; Dienst als schöpferisches Walten und Gestalten mit liebend-sorgender Hand, die den Ranken zart sprießender Metaphern aufhilft, junge Rosen um die zierlichen Formen alter Gitter bindet und die durstige Seele der Erde tränkt.

Jun 12 17

Und weiter, weiter

Die Türe schließen und gehen,
den Schlüssel vergraben
und gehen, gehen,
zu fremden Sternen,
fremden Stimmen,
in sternenlose Nacht,
in stumme Zonen,
über die Brücke gehen,
vom Ufer der Lieder
zum Ufer der Stille,
vom Ufer des Dufts
zum Ufer des Schnees,
bekritzelte Fetzen Papier
in den Wildbach werfen,
wo das Wasser schon gefriert,
und weiter durch Gestrüpp,
über knirschende Pfade,
gegen den eisigen Wind schreien,
doch der Mund bleibt stumm,
und weiter, weiter,
ist dort ein Feuer,
das unter kahlen Birken seufzt,
ist dort ein Menhir,
der Wolke sagt und Stern,
das Feuer löschen mit Schnee,
die dumpfe Stirn pressen an den Fels,
und weiter, weiter, rascher,
auf die Höhe klimmen, stürzen,
krabbeln, wo in ewiger Einsamkeit
das Kreuz ins ewige Dunkel starrt,
und weiter, weiter, rascher,
zu den alten Eichen,
die ihre Knotenfinger
in die Hungernächte recken,
dort wölbt sich der weiße Schaum
zu hohen weichen Kissen,
dort endlich fallen, fallen,
dort endlich fallen,
in den Schnee gewühlt, gebettet,
in den Schnee gewühlt,
schlafen, schlafen, schlafen.

Jun 12 17

Dein Herz, ich hör es singen

Komm, gehen wir unter dieses Abends
fernem Wetterleuchten
zu lilablassen Astern, scheuen Augen,
denen Tropfen an den Wimpern glimmen.

Hier ist das Moos so weich wie Seufzer,
von denen deine Lippen blassen,
hier wollen Hand in Hand wir liegen,
uns in den blauen Abgrund weinen.

Und steigt wie eine große weiße Rose
aus dem Schilf der Schatten
der volle Mond empor,
hör ich dein Herz, ich hör es singen.

Jun 11 17

Ich schaue, ich höre

Ich schaue aus dem Fenster auf eine Wand,
eine Wand, die dauernd die Farbe wechselt,
am Morgen ist sie grün wie ein Teich,
am Abend gelb wie ein Lindenblatt im Herbst,
nachts weiß wie auf die Äcker gestreuter Kalk.

Ich höre eine Stimme hinter der Mauer,
eine Stimme, die dauernd den Mund wechselt,
am Morgen ist sie das Schluchzen eines Kindes,
am Abend das Glucksen einer Nymphe,
nachts das gespenstische Rufen eines Kauzes.

 

 

Jun 10 17

Schwimmende Knospen II

Als du daran streiftest,
ist mein Herz-Kristall
in tausend Stücke zersprungen.
Jeder Splitter funkelt in der Nacht.

*

Weil die Landschaft deiner Phantasie viel schöner war,
bist du immer weitergegangen,
hast die kleine Blume übersehen,
die ich am Wegrand war.

*

Ein Windstoß – leergefegt ist die Pfütze
von all den gelben Birkenblättern.
So auch mein Herz.
Wohin seid Wünsche ihr geflattert?

*

Wie, die Päonien zerrupft
von einem Untier in der Nacht,
zerbissen Lichtes Lippen?
Duftlos ist dein letzter Gang.

Jun 9 17

Von begrifflicher und sittlicher Ordnung

oder : Das Gespräch ist konkrete Sittlichkeit

Aller werdekeit ein füegerinne,
daz sît ir zewâre, frowe Mâze.
er sælic man, der iuwer lêre hât!

Allen sittlichen Werts Verfügerin,
das seid ihr fürwahr, Herrin vom Maße.
Selig ist der Mann, der in eure Lehre ging!

Walther von der Vogelweide, Sprüche, 46, 32

 

Eine Reihe und einen Zusammenhang von Begriffen, die sich uns gleichsam unwillkürlich aufdrängen, weil sie zu negieren inkonsistent ist, nennen wir eine begriffliche Ordnung.

So können wir von Sprache nicht reden, ohne einen Sprecher vorauszusetzen, und einen Sprecher nicht voraussetzen, ohne einen Angesprochenen oder Hörer mit vorauszusetzen, und wir können beides, Sprecher und Hörer, nicht annehmen, ohne einen Gegenstand oder ein Thema vorauszusetzen, über das sich Sprecher und Hörer wechselseitig verständigen. Wir nennen die bekannte Trias aus Sprecher und Hörer sowie Thema oder intentionalem Gegenstand der Unterredung die begriffliche Ordnung der sprachlichen Verständigung.

Wenn wir einen Stein aus der Trias herausbrechen, fällt das Ganze zusammen: Leugnen wir von einem kulturrelativistischen oder solipsistischen Standpunkt aus, daß die Gesprächspartner gleichsam wie zwei Scheinwerfer mit intentionaler Leuchtkraft DENSELBEN Weltausschnitt oder DASSELBE thematische Feld überstreichen, führen wir den Begriff der Sprache ad absurdum, denn dann können wir nicht mehr voraussetzen, daß sich beide, auch wenn sie dieselben Begriffe verwenden, über dasselbe unterreden. Leugnen wir, daß der Sprecher die Begriffe, die er jetzt verwendet, in derselben Bedeutung meint, die er bei Beginn des Gesprächs vorausgesetzt hat, leugnen wir den konsistenten Begriff einer Sprache und a fortiori die Möglichkeit eines Gesprächs.

Die Möglichkeit einer begrifflichen Ordnung hat demnach die Wirklichkeit und Wirksamkeit der kontextbezogenen Identität und des konsistenten Zusammenhangs ihrer Begriffe zur Voraussetzung. Dabei ist nur erforderlich, daß zumindest der Begriffskern identisch bleibt oder im Zeitfluß des Sprechens durchgehalten wird, auch wenn seine Ränder ins Vage verschwimmen mögen. Wenn wir uns über Gemälde oder das delikate Verhältnis von Linie und Farbe unterhalten, kannst du dabei an Chardin, ich an Poussin denken, keiner von uns aber sollte an Praxiteles oder Rodin denken.

Begriffliche Ordnungen dieser Art sind logisch-semantische Ordnungen, doch sie stehen nicht für sich in einem ideal-abstrakten Raum der Ideen, sondern sind stets Modelle einer performativen oder praktischen Anwendung und Erfüllung. Wir projizieren formale Punkte und Flächen und nennen sie Sprecher/Hörer und Thema, aber wir verwenden sie als Schema, das wir in das Kontinuum der Zeit abtragen und übertragen: Erst schneidest du ein Thema an, ich reagiere mit einer Frage, du präzisierst das Gemeinte, ich ergänze es durch Beispiele; dann wechsle ich unvermittelt das Thema, du korrigierst diesen Wechsel und wir kehren zum Ausgangsthema zurück.

Wir sehen das Verhältnis von Sprache und Rede oder Sprachhandlung, langue und langage, als Form der semantischen Projektion, ähnlich dem mathematischen Projektionsverfahren der Geometrie, bei dem wir das Modell einer gewählten Figur wie eines Rechtecks auf beliebige Flächen und ideale oder gestauchte und gedehnte Körper wie eine Kugel als vergrößertes oder verkleinertes Rechteck, aber auch als Trapez oder Raute projizieren: Die dabei auftretenden Abweichungen und Verzerrungen der Grundfigur sind nichts als metrisierbare Varianten ihrer Ausgangskoordinaten. Ähnlich sind die Unterredungsformen, wie sie uns in einer Prüfungssituation, bei einer Gerichtsverhandlung oder in einem Interview begegnen, Projektionen des Modells oder Sprachspiels von Frage und Antwort.

Die Erfüllung begrifflicher Ordnungen im Gespräch vollzieht sich über eine konkrete Mannigfaltigkeit geordneter Sprechakte wie Behaupten, Fragen, Bezweifeln, Begründen, Illustrieren oder Exemplifizieren, Korrigieren und Widerlegen.

Nehmen wir als bewährtes Exempel das Spiel von Frage und Antwort: Wenn wir nicht voraussetzen können, daß der mit einer Frage angesprochene Gesprächspartner mit seiner Äußerung ein Antwort auf die vorgebrachte Frage unternimmt, sondern etwas thematisch beliebig anderes äußert, würden wir, was sich da abspielt, nicht sinnvoll ein Gespräch nennen. Ja, wir würden bei fortgesetztem Verlauf von Verlautbarungen dieser abgerissenen Art zögern, einen konsistenten Begriff der Sprache auf das Medium der beobachteten Kommunikation anzuwenden.

Wir merken hier nur en passant an, daß die begrifflichen Voraussetzungen und Implikationen sprachlicher Verständigung keineswegs, wie es ein globalistisch-egalitäres Vorurteil insinuiert, nur Gesprächssituationen auf Augenhöhe, unter Ebenbürtigen und Gleichberechtigten rechtfertigen: Autoritative Instanzen wie der Meister, der Lehrer, der Arzt, der Arbeitgeber oder der Befehlshaber, die einen Untergebenen oder einen ihrer Obhut und Fürsorge Anheimgestellten befragen, zur Rede stellen, examinieren oder beauftragen, unterliegen gemeinsam mit ihrem Gegenüber denselben allgemeinen diskursiven Mustern und Obligationen, die wir hier skizzieren, wie der Freund, das Geschwister oder der Geliebte. Wir sind auch nicht prinzipiell, wie bigotte Diskursfrömmler suggerieren, zum Gespräch mit Hinz und Kunz, mit Freund und Feind gleichermaßen verpflichtet: In ein Gespräch einzutreten, eine Kommunikation zu eröffnen oder zu schließen ist eine Sache freier und souveräner Entscheidung; wenn wir sie indes einmal positiv gefällt haben, gelten freilich die hier aufgeführten allgemeinen semantischen Voraussetzungen und sittlichen Bedingungen. Im Übrigen gilt das Gesagte nicht nur für einzelne Individuen, sondern auch für Gruppen und Institutionen wie Unternehmen, Verbände, Staaten oder Kirchen, die sich über ihre Stellvertreter und Repräsentanten unterreden oder miteinander verhandeln.

Philosophen sollten die vagen Begriffe „Gespräch“ oder „Diskurs“ besser meiden, wenn sie sich der Analyse dessen widmen, was damit gemeint ist. Reden wir von verbaler Kommunikation, ernüchtert sich unser Sinn, und die Illusionen, die eine schönfärberisch-ideologische Schreibtischperspektive mit den Begriffen verbunden hat, zerplatzen an den Stacheln der unterschiedlichen Lebens- und Gebrauchsformen des Redens. Wie anders das Bettgeflüster der Liebenden und die strenge Befragung des Delinquenten beim Verhör, wie anders der kontrollierte Austausch von Daten zwischen wissenschaftlichen Angestellten einer Klinik oder eines Unternehmens im medizinischen oder chemischen Labor und das uferlose undisziplinierte Geschwätz der Talkshows, wie anders die Gerichtsverhandlung und das Plaudern mit dem Nachbarn oder der kurzangebundene Austausch zwischen Käufer und Kassiererin an der Ladenkasse oder zwischen Servicepersonal und Kunde am Bahn- oder Bankschalter.

Wenn wir hier den alten Begriff des Gesprächs benutzen, dann im Sinne eines verbalen Austauschs unter konkreten Bedingungen des sprachlichen Handelns, also im Sinne der konkreten Sittlichkeit Hegels oder der funktionalen Sprachbetrachtung Wittgensteins oder der Sprechakttheorie – nicht aber im Sinne Kants und seiner Nachfolger, die den Begriff moralisiert und von allen Anwendungsbedingungen gereinigt haben, außer denen einer hermeneutischen Idealsituation der Verständigung unter den außerirdischen Bedingungen von Gleichheit und Ebenbürtigkeit. Aber die Ungleichheit oder die ungleiche Verteilung von Befugnissen, Kompetenzen und Rollenzuschreibungen und -erwartungen ist die Realität menschlichen Redens.

Der Prüfling, der im mündlichen Examen auf die Frage des Prüfers mit einer Aussage antwortet, die mit dem Prüfungsthema keinen sachhaltigen Zusammenhang aufweist, erregt ein größeres Mißtrauen hinsichtlich seiner Fachkompetenz als derjenige, der eine Antwort gibt, die einen sachhaltigen Zusammenhang mit dem Prüfungsthema aufweist, aber falsch ist.

Wir bemerken, daß der sittliche Hintergrund unserer Sprechakte in der Art und Weise und in dem Ausmaß aufscheint, in denen wir für unsere Äußerungen geradestehen und sie verantworten müssen oder in denen wir für sie haftbar gemacht werden können. Der Prüfling, der sinnlose oder falsche Antworten gibt, fällt durch das Examen; dem Freund, der den Freund belogen hat, wird die Freundschaft aufgekündigt; der Meineidige vor Gericht wird mit einer Geldbuße bestraft.

Der Redende beansprucht die Aufmerksamkeit des Hörers, der Hörer schenkt dem Redenden seine Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit ist das knappe und kostbare Gut der Kommunikation. Sie demjenigen, der sie rechtens aufgrund seiner Stellung oder der Bedeutsamkeit seines Anliegens beansprucht, zu verweigern, erscheint uns nicht nur unhöflich, sondern unsittlich; genauso wie im umgekehrten Falle, wenn einer die Aufmerksamkeit des anderen durch redundante oder trügerisch-irreführende Signale auf sich zieht oder für nichts als seine eitle Selbstdarstellung mißbraucht.

Allerdings ist Aufmerksamkeit auch eine mediale Ressource, die je nach sozialem Status und Prestige ungleich verteilt ist: Wir können sie bemessen und messen, wenn wir fragen, wer wie lange und wie viel reden darf und wer wie lange zur Rezeption einer begnadeten oder meist leider faden Selbstdarstellung genötigt ist. Charismatische Verkünder religiöser oder poltischer Provenienz haben das Sagen und ihre Zuhörer nur gebanntes Lauschen, der Künstler-Guru wird durch die Ehrfurcht und Ergebenheit seiner Anhänger zur rhetorischen Ekstase stimuliert, während sich der depressive Feingeist im Publikum angewidert abwendet und dem skeptischen Zwischenredner das Mikrofon abgedreht wird.

Eine grundlegende Erfahrung der alltäglichen Gesprächssituation im Wohnzimmer, im Café oder im Büro ist die gegenseitige Spiegelung der Gesprächspartner: Wer spricht, ist gehalten, zu schweigen und zuzuhören, wenn der Partner den Faden aufnimmt und antwortet; wer zuhört, redet nicht, ist aber berechtigt, das Wort zu ergreifen, wenn der andere schweigt. Wer dem anderen ins Wort fällt, ist entweder unhöflich oder hat einen unabweislichen Einwand vorzubringen.

Wenn der Redende mit der Anfrage oder Reaktion konfrontiert wird „Wie meinst du das?“ oder „Das verstehe ich nicht!“, spiegelt sich in solcher Anfrage und Reaktion sein Mangel an Klarheit und Distinktion der verwendeten Begriffe. Er spiegelt sie seinerseits wider, wenn er sich sagt: „Ich habe mich wohl nicht klar genug ausgedrückt!“ Wir nennen dieses Phänomen die jedem Gespräch innewohnende Möglichkeit der Selbstbesinnung, die sich produktiv in Formen der Selbstkorrektur oder der Verdeutlichung des Gemeinten äußert. Ein gewisses Maß klar dargelegter Mitteilung ist demnach eine Bedingung für den Erfolg einer sprachlichen Verständigung, zu der sich ihre Teilnehmer unausgesprochen verpflichten.

Wir zeihen den Grobian, der den Trauernden mit obszönen Witzen und albernen Anekdoten behelligt, nicht nur der Unhöflichkeit, sondern eines ungehörigen Gebarens; dagegen werden wir den treuen Hund, der seinen Besitzer freudig begrüßt und laut bellend umwedelt, wenn er von der Beerdigung eines nahen Angehörigen nach Hause kommt, nicht rügen und sein natürliches Verhalten ihm nicht als indezent oder pietätlos ankreiden, weil wir Tieren nicht die Form der Subjektivität unterstellen, die uns als Grundlage des menschlichen Gesprächs und der menschlichen Verständigung evident scheint.

Wer sich auf ein bestimmtes Sprachspiel einläßt, verpflichtet sich damit, es seinen inhärenten oder expliziten Regeln und Konformitäten oder Gepflogenheiten gemäß zu spielen. Wer sich zu einer bestimmten Angelegenheit befragen läßt, verpflichtet sich auf die angemessenen Antworten. Wer die Regeln verletzt oder mutwillig aus dem Spiel herausspringt, muß die Konsequenzen in den Kauf nehmen und darf sich beispielsweise nicht wundern, wenn er demnächst nicht mehr gefragt wird.

Wir bemerken, daß wir schon ab ovo beim Vollzug des Gesprächs bestimmte sittliche Grundeinstellungen als gegeben voraussetzen, indem wir uns auf gewisse Werte wie Aufrichtigkeit, Klarheit, Deutlichkeit, Ausgewogenheit oder Informationsdichte der Mitteilung verpflichten: Wir unterstellen einander, daß wir es ernst meinen und nicht lügen, keine faulen rhetorischen Tricks anwenden, um den anderen in die Irre zu führen, oder die Rede dazu mißbrauchen, um verbal zu blenden und großzutun. Wir versorgen den Partner mit dem nötigen Proviant an Information, den wir der Deutlichkeit halber in verdauliche Häppchen aufteilen.

Wenn wir dagegen unverbindlich plaudern, uns Anekdoten, Träume oder Witze erzählen oder Geschichten erfinden, um uns die Zeit zu vertreiben, haben wir uns für diese nicht argumentierenden, unterhaltenden Formen von Sprachspiel unterschwellig die Lizenz erteilt und gönnen uns gleichsam einen moralisch ungezwungen Freiraum des Spiels mit Worten.

Ein interessantes Kapitel in der abendländischen Geschichte diskursiver Verpflichtungen könnte man mit der ironischen Überschrift versehen: „Lügen und andere Wahrheiten“. Sind wir immer und überall und unter allen Bedingungen, wie asketische Prediger und strenge Moralisten wie Kant und seine Diskursadlaten meinen, zur Aufrichtigkeit und Wahrheit unserer Mitteilungen verpflichtet? Wenn wie Idealisten wähnen, alles Reden unter idealen Bedingungen der Gleichrangigkeit der Beteiligten sich vollzöge oder sich vollziehen sollte, wären Konflikte auf diesem Felde nicht der Rede wert. Doch wenn, wie wir annehmen, alles Reden als eine Form des Handelns in eine Lebensform eingebettet ist und eine Funktion konkreter Sittlichkeit darstellt, sollten wir nüchterner auf die Dinge blicken. So wird sich eine Frau, die dem Gatten ein außerehelich empfangenes Kind als sein eigenes untergeschoben hat, hüten, ihn mit der Wahrheit zu konfrontieren, sollte dies zur Folge haben, daß dem Kind daraus scherwiegende Nachteile erwüchsen. Der lange Zeit arbeitslose Akademiker wird im Vorstellungsgespräch seine Vita ein wenig schönen, um seine Einstellungschancen zu erhöhen. Und sollte die hübsche Kleine, die sich endlich in die Arme eines gutsituierten, doch etwas bigotten Geschäftsmannes geflüchtet hat, ihm, wenn er sie über ihr Vorleben befragt, frisch auf die Nase binden, daß sie einmal als Prostituierte gearbeitet hat? Wir lassen nicht nur Gnade vor Recht ergehen, sondern meinen, Flunkern, Schönreden, Ausmalen oder geistreich Schummeln sollte man nicht gleich Lügen nennen und vom hohen Roß eines moralisch sich in die Brust werfenden Don Quichotte als verwerflich verdammen.

Der jeweilige Zweck des Gesprächs gibt die Maßgabe für die Verwendung der performativen Anwendungen: Ironie, Witz, Erzählung, Legende oder Mythos können, wie die platonischen Dialoge zeigen, das Gespräch anregen und vertiefen, während faule rhetorische Tricks oder satirische Verzeichnungen den Verlauf einer argumentativen Unterredung auf Abwege bringen oder ins Abseits manövrieren. Natürlich existieren auch sprachliche Freiräume, in denen sich Bissigkeit, Entlarvungswut und Demaskierungsfuror auszutoben pflegen – wir weisen nur darauf hin, daß alles in Ordnung ist, wenn solch extreme Tendenzen nicht auf seriöse Bereiche sprachlicher Verständigung zersetzend und verletzend übergreifen.

Wir folgern aus alledem, daß offenkundig Übergange der begrifflichen Ordnung in die sittliche Ordnung stattfinden. Oder anders gesagt: Die sittliche Grundlage einer begrifflichen Ordnung wie der Sprache wird uns transparent, wenn wir den Status und die Haltungen der Sprecher auf ihre mehr oder weniger impliziten diskursiven Verpflichtungen befragen. Tatsächlich, und darin scheint der platonische Dialog das Urmodell abzugeben, können wir die sittliche Ordnung als Ethos sprachlichen Handelns im Ausgang von einer Analyse der sprachlichen Ordnung entwickeln und aufbauen.

Der Übergang von der begrifflichen zur sittlichen Ordnung oder das Durchscheinen der sittlichen Ordnung auf dem Grunde der sprachlichen hat seine Schwelle oder seinen Dreh- und Angelpunkt im Begriff der semantischen Identität oder der relativen Bedeutungsgleichheit, die für den Rahmen einer spezifischen Verwendung bei Strafe des Zusammenbruchs der Verständigung aufrechtzuerhalten und durchzuhalten ist.

Die tiefere Analyse kann zeigen, daß aus der semantischen Identität nicht nur auf die Bereichsidentität des besprochenen Themas, sondern auch auf die personale Identität der sich unterredenden Gesprächspartner geschlossen werden kann. Das zeigt sich ex negativo an dem Umstand, daß die Tilgung oder Zerrüttung der semantischen Identität zur Folge hat, daß das Gespräch aufgrund des Verlusts seiner thematischen Grenzen nicht nur wolkig und vage, sondern sinnlos und absurd wird. Es versinkt im Chaos der Beliebigkeit oder in der Wildnis wuchernder Metaphorik. Bezweifle ich die Identität meines Gegenübers und vice versa, gehen meine Anfragen über sein Befinden oder seine Erlebnisse ins Leere, das Gespräch nährt sich von semantischer Luft.

Der Grenzbegriff der begrifflichen Ordnung ist das Chaos oder der Schwund und Verlust der Bedeutungsgleichheit der verwendeten Begriffe; der Grenzbegriff der personalen Identität ist die geistige Verwirrung oder der Schwund und Verlust des Gedächtnisses.

Nehmen wir als Bild für das Gespräch den Weg, den zwei Menschen gemeinsam durch eine Landschaft zurücklegen:

Dann entspricht erstens den schönen Aussichten, auf die sich die beiden Wanderer gegenseitig hinweisen, der thematische Kontext, in dem sich das Gespräch bewegt und über den die intentionalen Bezugnahmen der Teilnehmer gleichsam wie sich überlappende Schweinwerfer hinstreichen. Die Aussichten und Bezugnahmen müssen dem visuellen und semantischen Gehalt nach relativ identisch sein, wenn wir vom Erfolg der Verständigung sprechen wollen.

Dann entspricht zweitens die Identität von Ausgang- und Zielpunkt der Wanderung oder die Tatsache, daß die beiden verabredungsgemäß am Abend wieder nach Hause zurückkehren wollen, das Kontinuum der Gedächtnisleistung, das als roter Faden die Teile und Fragmente des Gesprächs verwebt.

Wir sprechen von krankhaften Störungen des Sprach- und Kommunikationsvermögens, wenn der Schizophrene es nicht vermag, die Bedeutungsgleichheit der von ihm verwendeten Begriffe in einem bestimmten Kontext oder Sprachspiel aufrechtzuerhalten: Er spricht davon, daß er damals da und dort war, aber wie sich zeigt, war damals dort eine andere Person oder er war damals an einem ganz anderen Ort. Oder er geht nicht auf das Sprachspiel von Frage und Antwort ein, sondern beantwortet hartnäckig Fragen mit absurden Gegenfragen oder gleitet in andere Muster wie den Traumbericht oder die Erzählung von Erinnerungsfetzen ab. Daß demente Patienten den roten Faden eines Gesprächs ziemlich bald verlieren und daher nicht mehr an den Ausgangspunkt eines Themas oder einer Fragestellung zurückfinden, ist augenscheinlich.

Dem Kranken rechnen wir es nicht als Fehler zu, wenn er auf solche Weise in die Irre geht; dagegen tadeln wir den Lügner oder Betrüger zurecht, wenn er fälschlicherweise vorgibt, damals da und dort gewesen zu sein, und wir nehmen es zurecht dem Blender übel, der uns mit falschen Versprechen und trügerischen Aussichten vom gemeinsam eingeschlagenen Weg abbringen und in sein Wolkenkuckucksheim locken will.

Wir fassen zusammen. Eine begriffliche Ordnung, die jeglichen Versuch ihrer Negation ad absurdum führt, nennen wir konsistent: Ihre Negation setzt ihre Gültigkeit voraus. Der Begriff des Sprechers setzt den Begriff des Hörers voraus, der wiederum als virtueller Sprecher fungiert; die Begriffe von Sprecher und Hörer verlangen evidenterweise nach dem Begriff eines ihnen gemeinsamen Gesprächsthemas; ein intersubjektives Thema setzt die für diesen Kontext relativ gleichbleibende Bedeutung der verwendeten Begriffe voraus.

Das Gespräch ist konkrete Sittlichkeit in dem Maße, in dem die Teilnehmer als Subjekte ihrer Äußerungen anzusehen sind, die sich auf die Wahrung bestimmter diskursiver Verpflichtungen einzulassen haben, darunter Verbindlichkeiten und Auflagen wie Stimmigkeit, Angemessenheit und Kohärenz der Äußerungen, Klarheit und Distinktion der verwendeten sprachlichen Ausdrücke sowie eine angemessene Fülle und Dichte der Information, die bei Strafe der Undeutlichkeit ein gewisses Maß nicht unterschreiten und bei Strafe der Verwirrung eine gewisses Maß nicht überschreiten sollten.

Der Status der Gesprächsteilnehmer als Subjekte ist basal für das Ethos der Sprache, weil jeder Versuch seiner Negation einerseits den Begriff von Sprache überhaupt vernichtet und andererseits die Geltung von Subjektivität bestätigt, ohne die der Sprechakt der Verneinung nicht vollzogen werden kann. Das Ethos der Sprache und seine subjektiven Voraussetzungen unterscheiden unser Gespräch von der Signalsprache der Tiere, die keine Sprachhandlungen vollziehen und die ihnen inhärenten Verpflichtungen übernehmen können. Wir aber können und sollen, haben wir uns im Ton vergriffen oder den Gesprächspartner mutwillig, ja auch nur versehentlich in die Irre geführt, um Entschuldigung bitten.

Wir gelangen anhand der Analyse situativer Gesprächsformen und Sprachhandlungen zwar zu einem bunten Strauß sittlich relevanter Verpflichtungen der jeweiligen Sprecher in den jeweiligen Redesituationen: Doch ihre begriffliche Grundlage ist schmal und reduziert sich auf die Begriffe der semantischen und personalen Identität. Außerdem sind die so gewonnenen Auflagen, Verbindlichkeiten und Verpflichtungen untereinander nicht konsistent, wie wir am Beispiel von Lüge und Aufrichtigkeit gezeigt haben: Es ergab sich uns keine moralisch allgemeingültige Vorschrift, immer und überall und unter allen Bedingungen die Wahrheit zu sagen; dennoch gilt die diskursive Verpflichtung zu Aufrichtigkeit und methodisch streng kontrollierter Wahrheitsfindung natürlich auf dem Gebiet der Wissenschaft und Philosophie, aber auch auf Feldern wie dem Gerichtswesen oder der klinischen Medizin muß bei Strafe sozialer und gesundheitlicher Schädigungen die genaue Realitätskontrolle maßgeblich bleiben. Indes, zum hohen mosaischen Gipfel, wo uns die reinen Tafeln universal gültiger moralischer Vorschriften ausgehändigt würden, können wir uns anhand des Ethos der Sprache nicht aufschwingen.

Wir verknüpfen das subjektive Moment der Sprache und aller Sprachhandlungen mit dem Namen dessen, der spricht, und dem Namen des Angesprochenen: In einer gewissen Integrität und Unantastbarkeit des Namens ragt das Gespräch über den Augenblick des sprachlichen Einfalls, der eingestreuten Metapher und aller thematischen Variationen hervor, einem Monument nicht unähnlich, dessen Inschrift wir nicht mutwillig antasten, sondern im Gedächtnis bewahren.

In der einfachen Tatsache, daß uns der Name gegeben wurde, zeigt sich gleichsam das Unvordenkliche und Unableitbare der Subjektivität des sprechenden Subjekts.

Jun 8 17

Schwimmende Knospen I

Das schwarze Wasser des Teichs –
plötzlich färbt es sich glutrot:
Der Herbstwind bog die Zweige
des Ahorns über das Ufer.

*

Alles rings plappert, zwitschert, gellt
oder summt, wimmert und winselt:
Ich aber, hohl wie ein morscher Stamm,
habe keine einzige Stimme.

*

Unter all den weißen Blüten
sehnte ich mich nach einem Gesicht:
Von der Gaze des Schnees verhüllt
schlug keins die Augen mir auf.

*

Wenn Morgenlicht alles belebt,
rings die Rufe auf ihr Echo prallen,
Tassen und Löffel heller klingen:
Wie still und dunkel wirdʼs da in mir.

Jun 8 17

Ich höre, daß ein Wort an mich ergeht

Ich höre, ohne zu verstehen.
Ich höre, daß ich zu hören habe.
Ich höre, daß ich gemeint bin.
Ich verstehe, daß ich gemeint bin.

Ich höre, daß ein Wort an mich ergeht.

Das Wort, das ich höre, habe ich nicht geschaffen.

Ich verstehe, daß was ich höre, gesagt wird.
Ich verstehe, daß was ich höre, gemeint wird.
Ich verstehe, daß was ich höre, ein Wort ist.

Ich höre, daß ein Wort an mich ergeht.

Das Wort, das ich höre, habe ich nicht geschaffen.

Ich höre, daß ein Wort an mich ergeht, ohne zu verstehen, was das Wort meint.
Ich verstehe, was das Wort meint, wenn ich höre, daß es an mich ergeht.
Ich verstehe, was das Wort meint, wenn ich verstehe, daß es mich meint.
Ich verstehe, was das Wort meint, wenn ich höre, daß ich gerufen werde.
Ich verstehe, was das Wort meint, wenn ich verstehe, daß ich gemeint bin.

Ich höre, daß ein Wort an mich ergeht.

Ich höre, daß ich gerufen werde.
Ich höre meinen Namen rufen.

Den Namen, den ich höre, habe ich nicht geschaffen.

Jun 8 17

Süßer Abgrund Licht

I

Die Wolke zieht dahin, sie hat kein Ziel,
sie geht, läßt uns die Bläue ohne Schwund.

Die Dinge sind ein Schattenspiel
auf einem Spiegel ohne Hintergrund.

II

Die Mücke summte, hat schon ausgesurrt –
wie das Dunkel dunkler singt.

Der Lärm des Lebens ist das Schnurren
einer Katze, die jäh ins Abseits springt.

III

Du blicktest nach oben,
da zog die Wolke groß.

Du blicktest wieder hin,
da lag der Himmel bloß.

IV

Gestern hieß ihr Mund
Tausendkuß.

Heute schmollt dein Mund
voll Überdruß.

V

Gestern bliebst du ungerührt,
da war der Mond so klar und kalt.

Heute hast du es verspürt,
da glomm die Scheibe überm Wald.

VI

Gestern trug auf ihrem Leibe
Singen dich zum Quellenmund.

Heute gönnt dir keine Bleibe
Schnee auf ihrem Herzensgrund.

VII

Eben bahnten deine Schneisen
Flocken eines frischen Schnees.

Jählings beißen dich die leisen
Flocken eines alten Wehs.

VIII

Du gehst lange durch das Schweigen
hoher Stämme – nichts ist nah.

Du hältst inne, in den Zweigen
Mondes Scheibe – du bist da.

IX

Wenn die Dinge dämmern,
zögern Farbenschimmer.

Wenn die Rosen sinken,
schwimmt noch Duft im Zimmer.

X

Süßer Abgrund leuchtet
bei jedem Wimpernschlag.

Stille Träne feuchtet,
versinkt der schöne Tag.

XI

Wir können uns nicht halten,
auch wenn wir uns umranken,
wieʼs die Wicken machen,
werden wir doch schwanken,
wird das Blut erkalten,
wenn die Flocken lachen,
sich die Blätter falten,
schneit es auf die Brachen,
kann uns nichts mehr halten,
auch wenn wir uns umranken,
wieʼs die Wicken wissen,
können uns nur danken,
solange wir uns halten,
und auch wenn wir schwanken,
uns zum Abschied küssen.

XII

Wie seltsam ist das Leben,
jeder Mensch hat seines,
ein großes oder kleines,
willʼs hoch ins Lichte heben.

Wie seltsam istʼs zu gehen,
das Reh, es läßt sich fallen,
die Glocken, sie verhallen,
die Worte, sie verwehen.

Wie seltsam ist das Leben,
ein jedes fühlt sich ganz,
ein jedes will den Glanz
um sein Geliebtes weben.

Jun 7 17

Die weibliche Stimme: Harpyie

In einer Voliere im Vorgarten auf einer Stange hockend

Mir schäumten Haare golden
über ein Veilchengesicht,
und meine Brüste schwollen,
Chrysanthemen im Mondeslicht.

Meiner Hüfte weiche Moose
perlten von Küssen,
meine Füße baumelten lose
über Purpur-Kissen.

Gott hat mich verworfen,
hat meine Schönheit entweiht,
meine Stirne hat Schorfe,
und mein Schoß ist verschneit.

Gefiedert mußte ich torkeln
über flehende Augen, mußte reißen
Wangen mit scharf gebogenen
Krallen, mich in Lippen verbeißen.

Alt und nutzlos geworden,
muß im Zwinger ich harren,
fremde Nachbarn versorgen
mich mit Mäusen und Ratten.

Wenn Iris spannt ihren Bogen
in die großen Gewitter,
bin ich in Träume verloren,
leise klirren die Gitter.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Harpyie

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Harpyie_(Mythologie)#/media/File:Harpij_I.I_Schipper_1660,_graveur_Matthius_Merian,_
naar_J.Jonstons%27_%22Naekeurige_Beschryvingh_van_de_Natuur%22.jpg


Jun 6 17

Die weibliche Stimme: Alcyone

Gefesselt auf einer Klippe am Meer

Ich sprang vom Gipfel des Leids
in die schäumende Tiefe,
ein Flaum des Nichts konnte ich fliegen.

Lange flog ich blindgeweint
und ließ mich im Dunkel
vom neckenden Rauschen wiegen.

Dann schmolzen weiche Flammen
mir ein Vogelgesicht
aus Perlmutt und rosigen Schimmern.

Aber die Schwingen, sie sangen
das weite Meer in grünen Türkis,
das Meer in grauen Glimmer.

Ich ritzte die blaue Haut
des Himmels mit dem Schnabel,
und die mich nährte Süße tropfte hernieder.

Ich bin dem Abgrund anvertraut,
umringt von glänzender Stille,
kehre ans Ufer niemals, niemals ich wieder.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Alcyone

 

Siehe: Michael Kunze, Halkyonische Tage:
https://www.google.de/search?q=%22halkyonische+Tage%22+michael+kunze&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjc1rTM5anUAhXFLFAKHVSXBGMQ_AUIBygC&biw=1400&bih=751#imgrc=4avzfw_YHacBqM:

Jun 6 17

Die weibliche Stimme: Astrid

In der Küche Silbergeschirr putzend

Meine Worte sind das Zittern
weichen Taus auf schwarzen Beeren,
sind die Tropfen, die an Rispen
wilder Wiesengräser kleben.

Kocht die Sonne mit dem Blitzen
irrer Blicke gar die Seelen,
hilft kein Seufzen und kein Bitten,
Dürre wird sie bald verzehren.

Meine Worte sind das Flimmern
bunter Flecken auf den schweren
Silberkannen und das Schimmern
feuchter Trauben, frisch gelesen.

Wickelt Nacht in ihre Spitzen
schwarzer Seide ein die Seelen,
hilft kein Seufzen und kein Bitten,
Dunkel wird sie bald verzehren.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Astrid

 

Siehe: Jean Siméon Chardin, Silberkelch, Pfirsich, weiße und rote Trauben, Apfel
https://www.google.de/search?q=messingkr%C3%BCge&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjo_P3f4ajUAhVEIVAKHRH1DtMQ_AUICygC&biw=1400&bih=751#tbm=isch&q=jean+sim%C3%A9on+chardin+silberkelch+trauben&imgrc=5lGd4HjR1A7WbM:


Jun 5 17

Die weibliche Stimme: Friederike

In einer halbdunklen Küche, Früchte schälend

Wie singt im Zwielicht-Schummer
es da und dort in Zimmerecken,
wie Lachen in geschrubbten Fluren
sind Schimmer in den Kupferkesseln.

Die Schalen kringeln sich wie Ufer
langsam ausgegossnen Lebens,
das immer zögert, soll es ruhen,
sollʼs züngelnd ins Dunkle weiterflehen.

Wie gerne halt ich inne, luge
sinnend in das leise Weben
meines Herzens, hör das Brummen
der Mücke dort am Fenster kleben.

Wie auf gebleichtem Leinentuche
rote Äpfel ihren Duft verzehren,
steigt von meines Lebens Krumen
Schweigen in die blaue Leere.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Friederike

 

Siehe:
Jean Siméon Chardin, Die Rübenputzerin:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b6/Jean-Baptiste_Sim%C3%A9on_Chardin_017.jpg

Jun 4 17

Die weibliche Stimme: Clara

Ihr weißes Haar kämmend

Lippen müssen ja verdorren,
Sand die Muschel Herz begraben,
geisterhaft wie weiße Flocken
schleiern fern der Liebe Sagen.

Schnee verbirgt die grünen Orte,
Nebel hüllt das Gold der Tage,
und aus Wäldern duftverloren
wölkt ein treues Lied zu Tale.

Über roten Dämmers Rosen
seufzt ein Vogel blaue Klagen,
Tau des Abschieds küssen Monde
auf den abgeblühten Wangen.

Hör ich wilde Geister pochen,
die ich einst verraten habe,
rufen bange Regentropfen
meinem Herzen „Schlafe, schlafe“?

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Clara

Jun 4 17

Die weibliche Stimme: Manuela

In der Dämmerung talwärts schreitend

Stetes Gleiten stiller Schatten
unter Bäumen, Dämmerstunden
unter Wolken, an den Wassern,
bis die Schwalben heimgefunden.

Immer in den Abend wandern
Weiser an den Sonnenuhren,
immer auf den Liebsten warten
Blumen in den Sonnenfluren.

Langsam geht der Hirt zu Tale,
Schmerz hat seinen Mond gefunden,
langsam neigen sich die Tage,
süßes Lied verschließt die Wunden.

Immer in den Nächten wandeln
Liebende auf Rehes Spuren,
immer in des Dunkels Bangen
hauchen sie die Herzfiguren.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Manuela

Jun 3 17

Die weibliche Stimme: Ophelia

Ihr langes Haar fließt ins Wasser

Warte nicht auf mich, graue Wellen
haben mich schon heimgesungen,
wo am Ufer Spinnennetze wehen,
jenseits wilder Rosen Abschiedsgluten.

Warte nicht auf mich, grünes Leben
hat sich schon um meinen Leib gewunden,
wo am Ufer die Narzissen flehen,
Schimmer aus der Tiefe zu sich rufen.

Warte nicht auf mich, grauer Regen
küßt die Wangen blasser Blumen,
die auf Teiches dunklem Marmor stehen,
zarter Inschrift weiße Rätselrunen.

Warte nicht auf mich, grünes Eden
überwuchert meine Liebeswunden,
Mondlicht kost um meine Lenden,
Perlen schenken mir die treuen Muscheln.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Ophelia

Jun 3 17

Die weibliche Stimme: Melite

Am Schilfufer

Ward zum Verdruß euch, Lilienlippen,
der Staub des Tages und das Klagen
des Vogels der Nacht oder das Zittern
der Venus vor dem Herrn der Strahlen?

Und halten, Orchideen, euch die Lider
verschlossen Träume von sanften
Gesängen, die auch dem Krokus gefielen,
als sie dem Quellenmund entsprangen?

So muß einsam ich denn singen,
Lippen, die ungeküßten blassen,
an Dotterblumentau erquicken
und den Weg durchs Schilf mir bahnen.

Wo Schleier in Silberweiden spielen,
ein Hauch von Sylphen, will ich baden,
mir die blumenmatten Glieder
am Züngeln grüner Wellen laben.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Melite

Jun 2 17

Die weibliche Stimme: Corona

Mit Blumen im Haar

Unter blauen Abends Monden
will ich zu Schatten gehen,
vor verschlossene Pforten
den Trost der Kränze legen.

Die Blüten meiner Worte
künden Schatten Leben,
die in Mulden wohnen
und nach Sternen flehen.

Unter abendroten Wolken
soll Gold ins Haar mir wehen,
in meines Liedes Locken
der Sonne Abschied stehen.

Will Lebens Quelle stocken,
Rosenblick vergehen,
von meinen Wimpern tropfen
lichte Tränen Segen.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Corona

Jun 2 17

Die weibliche Stimme: Cordelia

Abends am einsamen Strand

Du Blumenstrahl
auf stillem Gesicht
machst süßer die Qual
mit deinem Licht.

Ihr Liebessterne
in Augen so blau,
euch tränket gerne
die Seele mit Tau.

Du Lied der Sonne
im Dämmerschein,
wie schmerzt die Wonne,
dein Mund zu sein.

Du Abendrot
auf grauem Meere,
du ziehst mein Boot,
trägst meine Schwere.

Du Mondesstille
in grüner Nacht,
der Schoß ist Fülle,
das Herz erwacht.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Cordelia

Jun 2 17

Die weibliche Stimme: Alma

Vor einem leeren Vogelbauer

Erst wurde hörnern-taub mein Fuß,
die Kiesel knirschten unter Nägel-Krallen,
die zarte Haut vergilbte rasch in laschen Falten,
aus denen Augen kleiner Warzen stierten,
schon hob der Wind die dünnen Arme,
die Zweige feuchter Federn zwickten,
es hüpfte mein kleiner Leib im Wogen
fein gezahnter Flügelbüschel,
womit ich ruckend hin- und widerstakte,
den Kopf, von goldengrünem Federkranz umbuscht,
mit kleinen Beerenaugen in Laubes Schatten
stoßend, den gelben Flöten-Schnabel
noch hilflos nach dem Liede wiegend,
scharrte wirre Spuren ich im Sand.

Dann ließ die Turteltaube meiner Gunst
sich schmeichelnd bei mir nieder
und blähte den beringten Hals, umgurrte mich
im Refrain von Schleifen, gurrte mich in ihren Tanz,
und meine Flügel flossen raschelnd ihren nach,
helles Fiepen flockte ich ins Dunkel ihres Girrens,
bis höher sie sich reckte und den weißen Flaum
der Brust aufplusterte, ihre Flügel klatschten die Luft
wie Zymbeln und spreizten ihre helle Lust zu gleiten.

Ein Flattern, und sie schwebte mir vor Augen,
stand mich umfächelnd in der Luft, sie stieg empor
und flog voran, ich fühlte meine Füße überm Boden
taumeln und Wind mich um die Lenden fassen,
die Freundin stand schon hoch und rüttelte,
als möchte meines neuen Daseins Wandel sie ergreifen,
da wollte Jubelschrei mich aufwärts tragen,
doch klebten Distelstengel mich am Boden fest,
das Vogelkleid fiel mir beschämt zu Füßen,
wie vom nackten Holz das Kleid der Puppe.

Jun 1 17

Die weibliche Stimme: Adelgunde

Vor einer Vase mit Astern, Rosen und Nelken

Mich hoben Engel der Klage
auf ihre bebenden Flügel
und bargen mich
vor dem stählernen Lärm der Erde
in blauen Wolkenmuscheln.

Dort trank ich die kühlen Tropfen,
die von den Astern des Morgenrots rannen.

Mich hoben Engel der Freude
auf ihre schimmernden Flügel
und bargen mich
vor dem würgenden Staub der Städte
in grünen Wolkenlauben.

Dort trank ich die warmen Tropfen,
die von den Rosen des Abendrots rannen.

Mich hoben Engel der Liebe
auf ihre rauschenden Flügel
und bargen mich
vor den Blitzen der Meeresnächte
in weißen Wolkengrotten.

Dort trank ich die milchigen Tropfen,
die von der Nelke des Mondes rannen.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Adelgunde

 

Siehe: Giya Kancheli, Angels of Sorrow:
https://www.youtube.com/watch?v=I6cI9hRtqXo

Siehe: Peteris Vasks, Lonely Angel:
https://www.youtube.com/watch?v=jnnsPKGcpNE

 

Jun 1 17

Ein Vates waltet seines Amtes

Keiner mag euch singen,
kindisch-bauschende Daunen,
dich, von einem Schuh zerdrückt,
vom Dach gefallene Feder,
dich, in den Rinnstein gerollt,
zarter Perlmuttknopf.

Ich aber will in der kleinen Schale
meiner Verse euch bergen
und unter närrischem Gemurmel
in die blaue Apsis des Himmels
wie eine Opfergabe euch recken.

Mai 31 17

Die weibliche Stimme: Eleonore

Weiße Blüten im Haar

An zarten Fäden Lichtes schwebte
die große Blüte meines Angesichts
vom Morgen bis zum Abend
über Wogen dunkler Klänge.

Der Wind der Frühe leckte Tau
mir von den weißen Blättern,
die leise vor der Bläue bebten
und langsam in die Stille stiegen.

Der Mittag sandte Vogels Schatten,
der meinen Lidern Schlummer küßte,
und sang ihm nach mein Mund
die Düfte dunenhellen Traums.

Des Abends Flammen-Zungen
wanden mir in die Locken Gold,
Seufzer versiegender Brunnen
färbten meine blassen Wangen.

Die Nacht zerriß die Glitzerfäden,
die Gaze meiner Liebesblicke,
weißen Mondes Blume tauche ich
ins Wogen dunkler Klänge.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Eleonore

Mai 31 17

Zwischen Nerv und Faser

Uns singt der Brunnen-Mund der Erde.

Wie Dunstgebilde, Wolkenfratzen,
die Atem wölbt und Regen löscht,
unwirklich wie Gespinst des Lichts,
sind wir der Tau am Blatt der Sprache,
der jäh erzittert und verrinnt.

Uns singt das dunkle Herz der Sonne.

Wie stille Lilien grüner Ozeane,
die ihren Schlund mit Feder-Händen fächeln,
unwirklich zwischen Nerv und Faser,
sind Knospen wir des Unsichtbaren,
die jäh sich auftun und verblassen.

Mai 30 17

Die weibliche Stimme: Hannelore

Vor einer Kerze

Auf Wassern des Erinnerns treiben
helle Blütenscheiben,
und am Ufer dämmert schon
Schlummers roter Mohn.

An Knospen des Erinnerns nippen
scheuer Wehmut Lippen,
und am Ufer öffnet groß
Mohn des Schlummers Schoß.

Um Waben des Erinnerns tummeln
sich goldbestäubte Hummeln,
und am Ufer tränkt die Luft
Mohn mit Schlummers Duft.

In Nestern des Erinnerns singen
Träume blauer Schwingen,
und am Ufer dämmert schon
Schlummers roter Mohn.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Hannelore

Mai 30 17

Die weibliche Stimme: Ulrike

In einem leeren Zimmer

O warmen Lichtes Gnaden,
ich war ein Kind ergeben,
doch konntet mich nicht heben
aus meinen Dornenpfaden.

Ihr goldbetauten Garben,
ihr schütteltet die Locken,
doch blieb die Seele trocken,
und meine Falter starben.

O herbstliches Ertrinken
in Rufen, Farben, Schimmern,
mich hielt in leeren Zimmern
der Rosen süßes Sinken.

Ihr flockenzarten Küsse
auf sehnsuchtsblassen Wangen,
ich wogte voller Bangen
im Tanz der Schattenrisse.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Ulrike

Mai 29 17

Grünspan und Katzengold

Sentenzen für leichtfüßige Schwermütige

Die wesentlichen Ingredienzen der Schicksalssuppe, die Menschen auszulöffeln haben, sind die Rasse und das Geschlecht.

Das Genie ist wie ein drittes Auge angeboren.

Unter ihrer Dummheit leiden sie nicht, sonst wäre die Welt ein einziges Lazarett.

Die Welt auf Tod und Teufel ändern wollen, die sich als Mißgeburt wahrnehmen.

Weltfrieden, zu dem die Toren pilgern wollen, ließe sanft sich nieder, verweilte nur jeder am Ort seiner Geburt.

Das Mißverständnis ist der Schatten zwischen den Geschlechtern, denen kein Licht der Nachkommenschaft leuchtet.

Die Frau findet im Kind oder im kindlichen Spiele die Erfüllung, die der Mann ihr nur vorgaukelt.

Frauen ohne Kinder, Frauen ohne Spiel – neurasthenische Mücken unter der Neonlampe des Großraumbüros.

Die meisten leben, Gott sei Dank, im Halbschlaf der Konvention.

Die erwachen, flüchten in den Wahn oder die Kunst.

Die Kunst ist ein disziplinierter Wahn, der die Wahrheit im konvexen oder konkaven Spiegel zeigt, wie „Lear“ in den Delirien eines Wahnsinnigen gipfelt, der weiß, daß er die wahre Königswürde besitzt.

Stumpfsinn faßt die antike Lehre vom Vorbild der Natur als Maßgabe, die natürlichen Dinge im Spiegel der Kunst zu äffen. Die Kunstwerke sollen vielmehr so sein wie die natürlichen: hart, glänzend, griffig wie ein Stein, farbig, graziös, duftend wie eine Blüte, primitiv, äugend, sich bäumend wie ein Tier.

Siamesische Zwillinge empfinden wir als natürliche Monstra: so auch Kunstwerke, die sich in zwei verwachsenen Leibern einen Blutkreislauf teilen.

Wenn sich das Christentum in dieser süßlichen Bonbonniere mit der rosaroten Schleife der Aufschrift „Alle Menschen werden Brüder“, durch deren Genuß einem in kürze die Zähne ausfallen, in seiner tiefsten Wahrheit entpuppt haben sollte, dann mögen sie nur kommen und die Kreuze gegen Halbmonde austauschen.

Der Dichter schöpft aus dem Zwielicht-Brunnen die glänzendsten Wahrheiten.

Der nachtwandelnde Dichter, vom Applaus oder den Schmährufen der Kritik erschreckt, erwacht und stürzt in den Abgrund des Geschwätzes.

Das grelle Licht des Bewußtseins verscheucht die Dichtung, das scheue Wild, das im Dämmerlichte grast.

Die Epoche der Aufklärung konnte bei ihrem flachen Resonanzraum keine großen Klänge und Gesänge hervorbringen.

Der kritische Geist nagt an Abfällen vom Tisch der Götter und Göttersöhne.

Nation ist der Boden, den die Augen ihrer großer Dichtung gesegnet und ihre Tränen benetzt haben.

Heimat ist das Hoheitsgebiet des Volkes, das seinen Boden mit eigenem Blut und Schweiß gedüngt und seine Früchte und Trauben zur Feier des eigenen Daseins gepflückt hat.

Die humanitäre Phrase ist der Knebel im Mund der großen Natur.

Künstler, die sich vom Uringestank der medialen Jauche inspirieren lassen.

Der Dichter, der sich selbst kommentiert, ist der Parasit seiner Werke.

Zersetzer der Sprache schänden die Mutter, Verletzer der Grenze entehren den Vater.

Dichter, die Verse zu außerpoetischen Zwecken wie politischen und moralischen verbiegen, sind wie Mütter, die ihrem Nachwuchs die Milch verweigern und durch ein Surrogat ersetzen.

Gedichte sind Pfade, die sich durch Gärten und Auen schlängeln, Pässe auf verschneiten Höhen, Ströme, die sich in vielen Armen im Meer verlieren.

Philosophische Sätze sind Ausblicke aus hochgelegenen Fenstern.

Reden von Pfaffen und Politikern sind gemütliche Verliese.

Demokratien haben ihren eigenen Tyrannen: die öffentliche Meinung.

Geld ist das abstrakte Schlachtvieh des Lebens, das sich durch Inzucht selbst verzehrt.

Schwermut ist die Krankheit der edlen Seele, die einmal Duft aus dem Garten Eden geatmet.

Das Vaterland ist manchmal nur durch einen Krieg zu reinigen.

Wie wunderbar ist die vom Gewitter gereinigte Luft!

Verse, die aufbrechen wie die Knospe des Morgens.

Verse, die wie ein großer Strom sich im Delta verzweigen.

Verse, schwingend wie der Blütenzweig im Wind.

Verse, deren Reime dumpf wie Früchte des Herbstes aufschlagen.

Verse, die sich tierhaft unter den Zugwind der Hinterhöfe ducken.

Flocken, jäh aufgewirbelt vom Fahrtwind, verschollene Rufe.

Ist es ein blühender Zweig, ist es eine zarte Hand, was im Dämmer der Ferne so inständig winkt?

Verse, die im Asphalt glitzern wie Katzengold.

Die leisen Erschütterungen einer zarten Seele gewahren, die sich im Zittern des Blumenwassers schimmernder Verse spiegeln.

Was vom edlen Stein weggehauen wurde, damit sein kristallenes Auge glänze, war kostbar auch.

Die nichts opfern an eigener Substanz, sind Gefangene des zufälligen Stoffs und Götzendiener der groben Masse.

Mit dem Schein zu spielen ist eine Konvention, gleich der Ironie, die eine Übereinkunft darüber voraussetzt, was wir für wahr und gültig ansehen.

Dichter, die ironisch werden, um den Schein des Gedichts zu durchbrechen, stürzen leicht auf den platten Boden der Moral.

Wer sagt, Gedichte seien aus Worten gemacht, hat vergessen zu sagen, wer die Worte gemacht hat.

Die dichterischen Worte aber sind nicht gemacht, sie entstammen der Parthenogenese der Sprache.

Verse, die wie Grünspan auf geborstenen Mauern schillern.

Verse, die wie Blasen aus dem Mund eines Ertrinkenden in einem Tümpel aufsteigen.

Als würde über dem Fleck verschütteten Weins auf dem Boden des verlassenen leeren Zimmers noch ein Duft schweben.

Wenn Schatten windgepeitschter Zweige stumm über die strömende Fensterscheibe streichen.

Verse, die aus den eingravierten Namen auf Grabsteinen zusammenfließen.

Verse, die wie das abendstille Leuchten des Wassers aus dem Geheimnis quellen.

Verse, die den Mund wie eine Knospe schließen.

Verse, überströmend von Schale zu Schale, von Einsamkeit zu Einsamkeit.

Mai 28 17

Die weibliche Stimme: Waltraud

In einem Herrgottswinkel

Es war ein Wühlen, Hacken, Graben
in der Dornen-Erde,
und am Ende glänzten
nur Tränen in des Lebens Waben.

Mich riß aus Träumen dumpfes Brüllen
oder Sturm der Glocken,
und am Abend sangen
im Ofen die Gespenstergrillen.

Ich mußte tote Liebe wringen
aus verweinten Schürzen,
über leeren Krippen
das Lied der harten Körner singen.

Dem Sommer zog ich scharfe Trensen
unter wilde Mähnen,
und im Herbste seufzten
im Mohn des Abends Schattensensen.

Dem Winter war auf kalten Kissen
ich zur Lust der Flocken,
da hat mit den Kristallen
er meinen roten Mund zerbissen.

Mai 27 17

Die weibliche Stimme: Andrea

Unter einem schwarzen Schleier

Ich höre, Vater, dich aus dem Rieseln
der ausgedörrten Erde,
als würde eine Echse scharren
nach letzten Tropfen Lichts.

Ich konnte der Liebe Tau
dir nicht träufeln
auf die Zunge deiner durstigen Seele.

Ich höre, Vater, dich im Flüstern
des ausgeblichnen Grases,
als würde sich eine Schlange
unter Qualen häuten.

Ich konnte dein Vermächtnis
dir nicht bergen
im zerbrochnen Schreine meiner Liebe.

Ich höre, Vater, dich im Knirschen
der schneeverwehten Pfade,
als würde ein Hirsch weidwund
suchen letzter Sonne Blatt.

Ich konnte die Blüte „Gedenke mein“
dir nicht betten
auf deines Augenlides Einsamkeit.

Mai 27 17

Die weibliche Stimme: Doris

Nackt in einem grün leuchtenden Pool

Eine Muschel lag ihm auf der Schwelle,
die sich nicht öffnen ließ,
doch hielt er sie ins Wasser eines Spiegels,
ging sie manchmal zitternd auf
für den Lidschlag eines wilden Lichts.

Meines Daseins Schoß blieb ihm verschlossen
unter Schuppen blasser Stille.
Wie sein Auge klomm
durch die Schluchten meines Schlafs,
die Weide sich zu finden
und zu äsen meiner Träume Gras.

Wie bog sein schwerer Atem
das Rätsel-Schilf mir ins Gesicht,
doch nie sah er mich ganz entblößt
vom feinen Staub der Wanderdüne.

Wie stand er vor dem Fenster,
und Wolken grauten ihm im Blau
und hatten kein Gesicht wie seines,
und hatten einen Leib wie meinen,
da sie im frühe Rot zergingen.

Ich schwamm mit ihm auf dunklen Liedes
Wellen, die Flosse meines Atems
schlug unbewußt den weichen Schaum,
und seine Angst wand sich ins Brausen
meines Haars, bis es wie Tang stumm wogte
auf der glatten Wasserhaut.
Ich konnte ihn nicht halten, er glitt,
der Schatten einer Qualle, in die Tiefe.     

Mai 26 17

Sightseeing in Babylon

oder zwölf Gründe, die demokratische Lebensform zu verabscheuen

1. Die demokratische Bewegung hebt mit dem Vorhaben an, die Vorrechte und Privilegien der gehobenen Stände, des Adels und des Hofes abzuschaffen; sie kulminiert in ihrer letzten Konsequenz, das Vorrecht und Privileg des vornehmen Menschen, eine über die Masse herausragende Individualität zu sein, und das Vorrecht und Privileg des künstlerischen Menschen, eine über den vulgären Massengeschmack herausragende Begabung zu sein, zu verpönen, zu diskreditieren und schließlich zu sanktionieren. Deshalb spült die demokratische Bewegung alle Dämme des rituellen und zeremoniellen Verhaltens hinweg, und dahinter schwillt die Kloake der großen Gier und des zügellosen Lebensverzehrs: das Prinzip, das alle mit gleicher Elle mißt.

2. Das künstlerische Genie gedeiht auf dem Boden oft jahrhundertelanger Überlieferungen des verfeinerten Geschmacks und des sublimen Ausdrucks in elitären Kreisen wie den höfischen oder klerikalen Gemeinschaften, wo es wie die seltene Blüte unvorhersehbarer Kreuzungen in das allgemeine Erstaunen aufleuchtet. Da die emanzipierte Masse nicht nur den Traditionen abschwört, um sich im verantwortungs- und resonanzlosen Tümpel der Gegenwart zu suhlen, sondern auch das Genie um den Kopf, mit dem es sie überragt, kleiner macht – durch die Guillotine auf der Place de la Révolution oder durch die Guillotine der Ehrabschneidung und sozialen Ächtung –, ist das mediale Gesicht der Demokratie diese hässliche Fratze eines teigigen Allerweltsgesichts und ausdruckslosen Hanswursts.

3. Die demokratische Masse legt sich mit Hinz und Kunz ins Bett – dies promiskuitive Gebaren ist es, was sie als Toleranz verklärt. Die kühle Aura der wesentlichen Einsamkeit des großen Menschen löscht sie wie alle Aureole des Heiligen und Erhabenen mit der ätzenden Lauge distinktionsloser Umarmungen, die sie als Gleichheit und Brüderlichkeit verklärt. Nur aus der gleichsam übermenschlichen Höhe und beinahe unmenschlichen Härte und Distanz geschehen das Aufscheinen und der Anblick der Lebensfülle, des Vollkommenen, der Schönheit. Wo aber das Häßliche dem Schönen gleich gilt, das Vollkommene dem Nichtswürdigen, die Weissagung dem Geschwätz, haben Dummheit, Häßlichkeit, Niedertracht, die Götzen der Mehrheit und der Vielen, schon obsiegt. So waren und sind die Egalitären auf Raub aus, aufs Requirieren und Säkularisieren, und Bruder nennen sie, der sich in ihre schmutzigen Geheimnisse einweihen läßt und vor ihren fetten Götzen kehrt.

4. Die demokratische Masse ist die vater- und vaterlandslose Horde grölender und brandschatzender Spießgesellen, die im Dichter als Gesetzgeber der Sprache des Vaterlands die patriarchalische Autorität haßt, lächerlich macht, in die Jauche des satirischen Geheuls hinabstößt.

5. Die demokratische Lebensweise ist mit den Dämonen des Geldes und der Technik im Bunde, globalen Maschinen, die um der wahnhaften Vermehrung von Waren, Gütern und Märkten willen das Gesicht der Mutter Erde plattwalzen und die Physiognomien aller Rassen, Völker, Ethnien in die Stanze eines trüben, leeren, grauen Einheitslächelns preßt.

6. Hitler war eine Mißgeburt der Weimarer Republik. Der demokratischen Lebensform wohnt der Drang inne, sich aus Selbstekel, Überdruß und Langeweile der Peitsche eines Tyrannen zu unterwerfen, der ihr Gesicht hat, eben das eines ausdruckslosen Hanswursts.

7. Die Demokratie vermengt Staat und Gesellschaft, staatliche Institutionen und die Kulturen der Gemeinschaft, die infolgedessen mehr und mehr ihr Lokalkolorit und ihre Dialekte des Sagens und Tuns zugunsten einer staatlich-medial regulierten uniformen Allerweltsrede und fügsamen Esperanto-Geste einbüßen – ein Grau-in-Grau, das sie heuchlerisch als Regenbogen der Diversität verklärt und das sich ironischerweise tatsächlich ergibt, wenn man stumpfsinnig und wahllos alle Farben in einer Brühe vermanscht und vermengt.

8. Die demokratische Erziehung ist Einübung in Argwohn und Selbstverachtung, Argwohn gegen die eigentümliche Artung gehobenen Lebens und Verachtung aller inneren Regungen, die Bilder der Schönheit der eigenen Sprache und Kultur beschwören – sie mündet in knechtischer Gesinnung und der servilen Hinnahme all der Herabwürdigungen und Verhäßlichungen des Daseins im Lärm und babylonischen Tohuwabohu der großen Städte.

9. Nichts ist der demokratischen Masse verhaßter als die Stille, die unter den anmutigen Bögen großer Musik atmet oder sich über die Meditationen der Weisheitslehrer wie Abendrot ergießt. Innerlich erstorben oder verfault wie ein quallendumpfes Wasser giert sie nach den Blitzen immer neuer seelischer Erregungen und Entladungen und den Blutspritzern auf den Bildschirmen und Leinwänden ihrer obszönen Zerstreuungen.

10. Der Begierde der demokratischen Masse ist unfruchtbar, sie will nicht zeugen, was Zukunft verspricht, sondern beschleunigen, was im Gefängnishof ihrer Gegenwart im Kreise läuft. Deshalb ist ihr sexuelles Ideal nicht das fruchtbare Paar von Mann und Frau, sondern der zeugungsunfähige Hermaphrodit, der das Begehren ein für allemal vom göttlichen Zweck der Befruchtung abschneidet und in trostloser Selbstbefriedigung in die Leere verfließen läßt.

11. Die demokratische Masse verabscheut Herkunft und Abstammung, die Pigmente des landschaftlichen Lichts auf der Haut der Seele, den Zungenschlag, der sich von den Dünsten und Früchten der Erde und des Waldes nährt, die charakteristischen Farben, Düfte und Klänge der Blumen, der Vögel, des Wassers, die elementare Heimat der Dichtung, kurz das Mysterium des Blutes oder der Gene – deshalb ist ihre Rede aus blutlosen Phrasen gedroschen, die sich wie der nomadische Wind in die abstrakte Nacht des Allgemeinen dehnen – allgemeine Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte, universale Toleranz sind solch wohlklingende Phrasen, doch Marionetten ohne Bein und Fleisch, verkündet und exerziert, um dem hörigen Volk das eigene Fleisch aus den Rippen zu schneiden.

12. Die häßliche Fratze der demokratischen Gesinnung versteckt sich hinter der verführerischen Phrasen-Larve von der Freiheit: Doch ein anderes ist die Entscheidungsmacht und Willensbekundung des souveränen Menschen aus der lichten Höhe des freien Geistes, etwas anderes der dämonische Drang der Tiefe nach Entfesselung und Selbstverwirklichung seiner kleinen Lüstchen und großen Perversionen. Das erste führt große fruchtbare Ordnungen und Hierarchien des sozialen und geistigen Lebens herauf, das zweite, wonach die Masse drängt: die Auflösung alles Distinkten, Würdigen, Sublimen in der Nacht urtümlicher Verwirrung.

Mai 26 17

Die weibliche Stimme: Ariadne

Im Sommergras

Es war ein Reißen
üppiger Seide, das mich bog
in Blutes süßes Grauen,
der Zymbeln und der Schlangen.

Er lag bei mir im Gras,
und seine Schultern glänzten,
beschuppt von einer Sonne,
die auf der Haut des Wassers trügt.

Die veilchenmüden Augenlider
schwangen sich und glitten
wie einer Eule nächtiges Sinnen.

Von schwermutweichen Lippen
sog ich den herben Wein,
der mich mit Gottheit tränkte.

Ich verlor mich im Gebüsch des Haars,
das von Schlummer triefte,
und schmeckte blaue Beeren.

War es eine grüne Woge
schaumgekrönter Küsse,
die meine Brüste hob?

War es ein gefiedertes Blatt,
das mein Bewußtsein teilte
wie grüner Zweig das glatte Wasser?

War es um welke Früchte einer Schale
bienenpelziges Summen,
das mich beschlief?

An meiner Hüfte verglühten
hingetupft wie ein Adieu
Flecken eines Pantherfells.

Als ich erwachte,
zögerte wie zerdrücktes Schilf,
das eratmend wieder aufsteht,
ein Schatten und entschwand.

 

Siehe:
https://en.wikipedia.org/wiki/Bacchus_and_Ariadne

Mai 25 17

Die weibliche Stimme: Elsa

Sich vor dem Spiegel entkleidend

Werden wie stummen Flehens Wolken
unsre Arme umeinander fließen,
wie betaute Fiederfächer
einander löschen unsre Küsse?

O daß uns nicht zum Abgrund werde
der Rosen Dämmern auf dem Pfad!

Werden wie Knospen einer Dolde
unsre Worte hin- und widerschwingen,
wie schlanker Flammen Finger
einander pflücken unsre Stimmen?

O daß uns nicht zum Schleier werde
der Abend einer hingeschmolznen Rose!

Werden wie windgekoste Glocken
unsre Herzen hin- und widerklingen,
wie blauer Winde Ranken
einander tragen unsre Seufzer?

O daß uns nicht zum Gitter werde
der Rosen Zwielicht in der Nacht!

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Elsa

Mai 25 17

Die weibliche Stimme: Ottilie

Am Ufer eines Flusses

Der Fluß hat keinen Namen,
der in mir fließt,
der mich durchfließt,
auf seinen Wellen glänzen hin
Wundmale der Erinnerung,
Schaumkronen
verstummter Lieder,
er zermahlt auf seinem Grund
die Bilder meiner Liebe
und zerstäubt zu feinem Sand
die Küsse meines Munds.

Der Fluß hat keinen Namen,
der in mir fließt,
der mich durchfließt,
er reißt die Pollen meiner Rufe
in ungeheure Ferne,
entwurzelt meinen goldenen Ginster
und wälzt die kaum gesungnen Blüten
in das Maul Leviathans.

Der Fluß hat keinen Namen,
der in mir fließt,
der mich durchfließt,
er schwemmt den Tang der Klage,
die Muschel des Urleids
an meinen Ufersaum,
sein Rauschen aus dem Abgrund
ist mein Tag,
sein Seufzen nach der Mündung
meine Nacht.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Ottilie

Mai 24 17

Die weibliche Stimme: Selma

Am Dünenufer

Wenn der Strandhafer der Düne
zarte Schatten auf die Hüfte küßt
und der weiße Sand um die Binsen schäumt …

… verfängt sich die Libelle meiner Lust
in den Fäden des Sonnentaus
und mit den Horsten des Silbergrases
spreizen sich die Halme meiner Angst.

Befiehlt der Wind den Farnen
ihre Sporen zu streuen
und den Mieren ihre Kapseln zu öffnen …

… ducke ich mich unter das Stöhnen der Brandung
und kehre unterm Purpurdunst der Kliffe
in die Schale der Muschel zurück …

… das wässrige Phantom einer Molluske,
in der das Schatten-Herz der Demut pocht,
bette ich mich zwischen das Perlmutt der Stille.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Selma

Mai 24 17

Die weibliche Stimme: Marianne

Die Stufen einer Freitreppe hinabsteigend

Wie tief ist die Treppe des Schweigens,
wo auf dem Grund das blaue Wasser steht
oder Blüten stäuben, unhörbar.

Ich steige Stufe um Stufe hinab,
um dunkler zu lieben, schweigender
in die Liebe hinabzusterben.

Doch höre ich noch das Summen
der Bienen, das Sirren von Schwalben,
die haltlos durch den Abend stürzen.

Wie tief muß bangend ich hinab noch tasten,
bis Himmels blauer Gong verklingt
und sich der Rose Kelch mit Seufzern füllt?

Wie tief muß der Schatten stehen,
den die Einsamkeit der Pappel wirft,
bis mir ihr Flüstern ganz erstirbt?

Ich will auf meinen Winter warten,
wenn Schnee die Töne dämpft
mit seinem warmen Fittich.

Ich will der kalten Küsse harren,
seiner Flocken, die mir stumm
auf fühlloser Wange schmelzen.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Marianne

Mai 23 17

Blutegel oder die Rache des Schnauzbarts

Kleine Befragung einer großsprecherischen Gesinnungsästhetik

Weil die Schwarz- und Braunhemden des Schnauzbarts beim schwülstigen Dröhnen der Lichtdome pathetisch ergriffen und bis in die Hoden erstarrt waren, soll ich mir heute das Pathos der Alpensinfonie von Richard Strauss durch synchrones Einblenden von KZ-Gedenkstätten neutralisieren?

Weil seine martialischen Kapellen tonal ideal pfiffen und seine dummen deutschen Michel ihm mit einem heruntergewürgten Dirigierstock gesinnungsästhetisch korrekt den Marsch bliesen, soll ich heute atonal breitgetretenen Quark herunterwürgen, der keine halbwegs sinnige Imagination weckt noch irgendeinem Gefühlszwerg auf die Tonschwelle hilft?

Weil seine Schergen unliebsame Zeitgenossen stigmatisierten und sich vom Halse schufen, soll ich heute den Garten meiner Verse Tag und Nacht unverschlossen lassen für die Invasion exotischer Raupen und die fliegende Saat wuchernden Unkrauts?

Weil soviel an irregeleiteter Liebe und verblendeter Verehrung des deutschen Michels den Schnauzbart bürstete und wichste, soll ich heute rituell gebeugten Hauptes mir unrhythmisch an die schuldige Brust schlagen, soll Kahlschlag begehen an meinem Vers und ihm das Liebescharwenzeln und Liebetänzeln des Endreims kujonieren?

Weil Schönes zu gestalten und ihm harmonische Wohlordnung in Rhythmus und Reim angedeihen zu lassen eine Form der liebenden Selbsterhöhung und Selbstverklärung der Sprache des eigenen Volkes darstellt, soll mir dies durch im Schatten des Schnauzbarts gesinnungsästhetisch verordnete völkische Selbsterniedrigung und Selbstverstümmelung untersagt sein?

Weil die Ordnungsbegriffe im Schatten des Schnauzbarts steril und starr waren, soll ich meine Verse in das Tohuwabohu des Chaos schicken oder in die dunkle Blutwurst hingemetzelter Begierden stopfen?

Weil die blonden Hünen vor dem Schnauzbart im Stechschritt schritten, soll ich meinen Versen die Füße amputieren?

Weil ER die Völker des Ostens mit seinem Generalplanwahn vergewaltigte, soll ICH die Muttersprache von grölenden Berserkern notzüchtigen lassen?

Weil ER und seine Kunstschranzen Jazz verabscheuten, soll ICH meine sanften Rhythmen mit schwarzem Getrommel zerreißen und meine zarten Blumen in den Ausguß der quäkenden Saxophone quetschen?

Weil ER das Mysterium des Bluts hygienisch-eugenisch entweihte, soll ICH in die Venen meiner Verse den giftigen Sud babylonischen Gelalls und Geheuls injizieren?

Weil ER das Mutterkreuz verleihen ließ, soll ICH die weibliche Stimme meiner Verse mit der rauchigen Whiskeykehle einer Salonnutte krächzen lassen?

Weil SEIN Kunstanspruch sich kaum über die dunstige Horizontlinie und die aufgehübschten Fassaden der Ansichtskarten erhob, soll ICH mir heute den philosophischen Kopf über ein ausgestelltes Pissoir zerbrechen oder meine geistreiche Nase von ekstatisch auf die Leinwand ejakulierten Blut- und Urinklecksen beleidigen lassen?

Weil ER eine Liste der Gottbegnadeten führen ließ, soll ICH meinem künstlerischen Instinkt abschwören, der bei den ersten Takten, den ersten Lauten die Originalhandschrift eines Genies wie Bruckner oder Strauss, wie Mörike oder Rilke wahrnimmt, und die Gnade der Eingebung leugnen, die dem Inspirierten die Aura des unnachahmlichen Meisters verleiht?

Weil ER einem erstarrten und pompösen Klassizismus huldigte, soll ICH die Grazie der antiken Geste verschmähen und vor ausdrucklosen Betonklötzen niederknien?

Weil ER einem heroisch versteiften Zerrbild des Gesunden anhing, soll ICH die seelisch und geistig Degenerierten bejubeln, die auf blutverkrusteten Brettern ihre Schüttelkrämpfe vergolden lassen?

Weil ER wähnte, das Abendland unter seiner Führung gegen den Ansturm der Barbaren retten zu müssen, soll ICH die süße Frucht meines abendländischen Lieds auf die Stacheln der Wüstendisteln oder die Dolche der Minarette spießen?

Weil ER die eigene Nation über alle anderen stellte, soll ICH mit getürkten Sprüchen oder asphaltschwitzenden Yankee-Oden Vaterlandsverrat begehen?

Weil ER in paranoischer Wut ein Retortenideal von Sauberkeit und Reinheit aus dem Uringestank in den Wiener und Berliner Hinterhöfen der Golden Twenties aufrichten wollte, soll ICH die reinen Blüten Hölderlins in die staatlich subventionierte Jauche des Kulturbetriebs tunken?

Weil ER in paranoischem Furor sich an dem Heiligen Volk verging, soll ICH heute undeutsch näseln und meine Verse durch den quietschenden Wolf eines unendlichen Kaddisch drehen oder geheuchelte Tränen aus dem Büßertüchlein eitler Elegien wringen?

Weil SEINE Kriegsmaschine nur aufgrund eiserner Mannesdisziplin zur Höllenmaschine werden konnte, soll ICH heute dem heroischen Kampf mit den Dämonen der Lüge und des Sprachbetrugs um den besten, genauesten, sublimsten Ausdruck eunuchenhaft entsagen und weibisch hingerekelt bei geöffnetem Fenster zur Welt jedes hereinfliegende Piepsen, Quietschen und Röhren ergeben zum Cantus firmus meiner Verse machen?

Weil ER im Namen des Heils den Weg des Unheils für sein Volk bis in den Untergang ging, soll ICH der Heiligung der Seele abschwören, die sich wie eine Blütenflocke aus der Stille zwischen den Verszeilen auf sie herabsenkt und für den Augenblick der Charis in der Luft schwebt?

Mai 23 17

Sommerlicher Unfug

Beim Brummen
von Hummeln
in Düften verschwimmen.

Beim Summen
der Bienen
in Blüten verglimmen.

Im Sirren
von Mücken
die Verse zerstäuben.

Im Schwirren
von Schwalben
die Reime betäuben.

Mai 22 17

Die weibliche Stimme: Gertrud

Einsam in der Nacht

Die Hände rissig vom bitteren Staub,
schrundig vom harten Wasser,
das sie auf Halm und Krume gossen.

Die Wangen knittern, trocknes Laub,
sie brannten rot und wurden blasser
von Tränen, die sie überflossen.

Die Haare sind verglühte Aschen,
und flirrten wie Narzissen,
von Faltern bunten Lichts umworben.

Der Teiche grünes Überraschen,
wenn sie die kühlen Blitze küssen,
die Augen sind dem Bilde abgestorben.

Das Herz liegt wie ein Stein
unterm Schnee der Winternacht,
die fahler Mond durchzittert.

Liegt es im Dunkel auch allein,
es singt noch liebesacht,
wenn Morgenrot erschüttert.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Gertrud

Mai 22 17

Die weibliche Stimme: Veronika

In alten Fotoalben blätternd

Wie sprach ich mit dem Kind,
wenn frühe Amsel rief,
wie sprach ich mit dem Kind,
wenn späte Schwalbe schlief.

Es sprach in mir das Kind
mit Worten meines Bluts,
es sprach in mir das Kind,
ein Herz des Übermuts.

Wie sang ich mit dem Kind,
wenn erste Flamme flüsterte,
wie sang ich mit dem Kind,
wenn letzte Kerze knisterte.

Es sang in mir das Kind,
als würden Quellen singen,
es sang in mir das Kind,
als würden Flügel schwingen.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Veronika

Mai 21 17

Die weibliche Stimme: Ursula

Beim Hören der Air von Bach

Das hat ein Engel dir gesungen,
der aus der blauen Stille stieg,
und hat dein Herz bezwungen,
daß es ihm lauschend schwieg.

Oder war es einer Lilie Licht,
die dir ins Brunnen-Herz gefallen,
und bog dein Angesicht
ins helle Seufzen von Kristallen?

Es war ein Duft aus Jenseitsgärten,
der in dein Herz-Gebirg geweht,
und hat dein Herz mit Zärten
reiner Liebe angefleht.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Ursula

 

Interpretation Anne-Sophie Mutter:
https://www.youtube.com/watch?v=sOOgqZdztGY

Mai 21 17

Die weibliche Stimme: Gerlinde

An der Schwelle der Tür

Ich will einmal freudig streuen
Blumen auf die scheue Schwelle,
Freundes Ankunft zu erfreuen –
seinem Blick die Blütenhelle!

Ich will im Abendlicht ihm lehnen
meinen Schatten an die Wange,
meinen Atem selig dehnen –
seines Mundes Widerklange!

Ich will den vollen Mond ihm zeigen
und der Inseln grüne Augen,
die aus meinem Herzen steigen –
ihm als Aufenthalt zu taugen!

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Gerlinde

Mai 21 17

Die weibliche Stimme: Helga

In ihrem Garten

Aus den müden Flügeln meines Schwans,
die über Edens Blumen glitten,
strömt mir der Duft des schönen Wahns,
als hätte sanft ich ausgelitten.

Der Wolken blaue Schatten, die ich meine,
küssen flüchtig meine Wiesen,
Lieder, zart beseelt vom Blütenscheine,
wollen aus geträumten Kelchen fließen.

Stille wohnt in meines Singens Garten,
indes zerstechen sirrend Mücken
mir das Herz, doch will ich gerne warten,
bis Engel gnädig mich entrücken.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Helga

Mai 21 17

Die weibliche Stimme: Irene

In einer Laube

Wie sollt ich mich verhärten
wider kleinen Vogels Zärten,
der in meinem Garten singt?

Wenn Tau verklärt die Wiesen,
wie sollt es mich verdrießen,
daß mir das Herz zerspringt?

O wehmutvolles Schweigen,
wenn sich die Rosen neigen
und Abendlicht versiegt.

Ist es einer Biene Irren,
schwarzer Falter Schwirren,
was mich im Dämmer wiegt?

O heller Strahl von Küssen,
der mich der Nacht entrissen,
du goldner Liebe Stern.

Ihr Augen, die mir weisen
der Sehnsucht grüne Schneisen,
ich sehe euch so gern.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Irene

Mai 20 17

Lied vom Sinn der Lieder

„Wie, an dürre Verse hängst du fette Reime,
daß unser kühler Kopf von dem Geschäume
den klaren Sinn ans wirre Herz verliert?“

Die Reime sprudeln hell aus dunklem Herzen
und wollen sanft mit sanften Träumen scherzen,
daß wirres Leben schöne Fügungen gebiert.

„Wie, im Verse willst du die Gefühle steigern
und Herzen drängen, sich dem Dienst zu weigern,
den Gang der Welt moralisch zu erneuen?“

Die Welt entsprang des hohen Meisters Händen,
wir lassen es bei Tag und Nacht bewenden,
das Lied ist Spiel und will den Geist erfreuen.

„Wie, Masken, die erträumte Seufzer gähnen,
die sollen Menschenelend frech beschönen,
geküßte Füßchen tänzeln über Leichen?“

Die Schönheit ist ein Duft aus Edens Fernen,
ein Lied von überwirklich reinen Sternen,
die über einen blauen Abgrund streichen.

Mai 20 17

Der Schönheit sterben

Richard Strauss, Don Quichotte stirbt

Der Schönheit hinzusterben,
ward mir dies beschieden
vom Schoß der Orchideen,
vom Duft der Hyazinthen?

Ich will das Lied auf Zungen
reiner Blüten wiegen
und es mit Sehnsuchtspollen
in hohe Nächte singen.

Im Abendrot zu schmelzen,
ein Schnee verwehter Seufzer,
ward mir dies beschieden
vom Schmerz der späten Rosen?

Ich will das Lied mit Lippen
reiner Blüten küssen
und sterbend Liebestränen
ins Erdendunkel weinen.

 

Interpretation Yo Yo Ma:
https://www.youtube.com/watch?v=5yX0DpfeKMk

Mai 19 17

Die weibliche Stimme: Sarah

Nackt im Ried

Es drängt mir in den Brüsten
ein Schwellen süßer Frucht,
an abendrote Küsten
strömt meiner Lippen Ruf.

Es wölkt aus meinen Haaren
Sommers Regenduft,
Augen, die verdunkelt waren,
sprühen Sterne nun.

Meiner Knie helle Monde
versinken blaß im Ried,
Hände, Zitterns ungewohnte,
schüttelt Feuerwind.

Eines Kahnes dunkles Ächzen
der sich im Schilf verirrt,
muß ich nach Küssen lechzen,
züngelnder Flammen Lied.

Meines Schoßes goldne Tränen
löschen sanft die Glut,
sterbender Gesang von Schwänen
ebbt in meinem Blut.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Sarah

Mai 19 17

Die weibliche Stimme: Hermine

Am Gartenteich

Teichrohrsängern gleich,
die auf Wassers Kosen stehen,
tanz ich flaumenweich
auf zagen Blattes Träumen.

Mich kümmert nicht der Spott
von Regentropfen, nicht der Leute
beschirmter Trübsalstrott,
die blind vorübergehen.

Gestöber von Flocken gleich,
die zarte Kissen wölben,
verhülle ich mein Gartenreich
mit leichtem Schneegeschäume.

Ich achte nicht der Spatzen,
die in meinen Morgen schrillen,
verscheuche nicht die Katzen,
die meine Abende vermauzen.

Den reinen Wolken gleich,
die blaue Lüfte necken,
erblicke ich im Gartenteich
träumerisch mich lächeln.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Hermine

Mai 19 17

Die weibliche Stimme: Franziska

Am Ufer eines Bachs

Wie im Herbst die Farben,
wenn Gottes Atem sinkt,
zu hohen fahlen Schreien steigen,
verwischt von Regenschlieren –

schminkt mir die Dämmerung
die Lider mit Vergissmeinnicht,
legt ins Nest der schweren Locken
mir rote Kupfermünzen.

Mond, der mir von der Schulter
streift die samtene Stola,
bleicht mich mit kühler Milch,
wie ein Gespenst der Liebe.

Ich berge mich in weicher Mulde,
wo scheu sich sagt dem Gras der Wind
und auf dem trägen Wasser glimmen
hintreibend Früchte der Erinnerung.

Sind es Äpfel, sind es Kirschen,
ich weiß es nicht, willʼs nicht wissen,
sie schimmern noch und sind schon fern,
Nacht nimmt sie hin, löscht sie wie mich.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Franziska

Mai 18 17

Die weibliche Stimme: Isolde

Vor einer Schale, in der Blütenblätter schwimmen

Eine gläserne Schale,
die sich langsam dreht,
eine summende Sonnenuhr,
ist meines Lebtags Umschwung,
und über ihre Ränder
quellen Tropfen Lichts,
auf ihren Wangen
glühen bunte Schatten,
die im Schlaf verlöschen.

Umrandet vom Golddunst
der Dämmerung,
gefüllt mit Seufzern
blauen Dufts,
ist der Kelch meiner Nacht,
den Abschiedsschmerz
von weißen Rosen
mit Tau beschlägt.

Eine Schale aus Kristall,
die fernen Gewittern voraustönt,
einer Schale kühler Schoß,
gefüllt mit grüner Feuchte,
auf der ein Flaum
des Mondes schwimmt,
der schon versinkt,
steht auf der Schwelle
meines Abschieds –
mein nackter Fuß bestreift sie kaum
und wundert sich,
als hätten warme Moose ihn geküßt.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Isolde



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