Terzinen von verflossener Musik
Sanft fließt Musik an roten Blättern nieder,
die um den dürren Strunk der Reben ranken.
Wie süß sind herbstlich Abschiedslieder,
die Liebe will den reifen Trauben danken,
sie hofft, vom herben Wein sich Schlaf zu trinken,
wenn Winters Krähen sich um Krumen zanken.
Sieht sie im Traum der Birke Lende blinken,
an die sich schmiegten ihre blassen Wangen,
und Falter müd von müden Lippen sinken?
Nun schläft sie wie ein Käfer harzumfangen,
als könnte sie die Lider nie mehr heben,
nie mehr mit Wimpern nach den Strahlen langen.
Wird sie Gesanges Frühlingstau beleben?
Terzinen vom Lied der Seele
Der Wald war nachts von Summen eingeschlossen,
es waren Lüfte nicht und keine Quellen,
es waren Geister, die durchs Dickicht flossen.
Sie sangen auf den mondbetauten Schwellen
das Lied, das wir aus blauen Muscheln kennen.
Wie Nachtigallen, die den Traum erhellen,
beglänzte ihr Gesang des Wassers Tennen.
Sie bargen die Gestalt in lichten Schleiern,
sie löst sich auf, wenn wir sie dreist benennen,
verlischt, ob wir sie fürchten oder feiern.
Und willst du gleich nach ihrem Munde singen,
erstirbt schon fern der wehe Schrei von Reihern.
Das Lied der Seele schläft in keuschen Schwingen.
Terzinen von dem, was bleibt
Uns mag von dieser Zeit ein Körnchen bleiben,
ein Körnchen Bitterkeit, ein Silberfaden,
wenn wir uns dermaleinst die Augen reiben
und in der Traumarchive schweren Laden
nach goldgeränderten Papieren tasten,
das Körnchen finden nur, den dünnen Faden.
Das Korn schmeckt bitter wie die alten Fasten,
in denen wir dem eignen Bild entsagen,
der Faden heilt uns von den Wort-Ballasten,
vom Atemschund im Höhnen und Beklagen,
wenn Lippe wir an Lippe mit ihm nähen,
das Schweigen unter Engels Fittich tragen.
O nur nicht dieser Zeiten Wort-Trophäen!
Terzinen vom Herbst des Abschieds
Der Abschied nahm vom Herbst die fahlen Farben,
erblich, als letzte Blicke Dahlien sandten
und Seufzer dunklen Taus im Gras erstarben.
Die Nacht, die wir am wehen Duft erkannten,
der aufgewühltem Erdenschoß entstiegen,
schritt über Halm und Blatt, die ausgebrannten.
Die Nacht schien über jedes Bild zu siegen,
das uns des Sommers Licht erschlossen,
wir mußten stumm bei stummen Tieren liegen.
Es hat kein Traum aus Zweigen uns gegossen,
zu mildern dumpfen Schlaf, das Lied der Tropfen,
und Mund an Mund kein Hauch ist mehr geflossen.
Hört wer das Herz der Dunkelheit noch klopfen?
Terzinen von den vertanen Worten
Das Wort ist wie der Schatten flaches Fliehen
von Menschen, die auf Wegen sich besprechen,
wenn Düfte unbemerkt vorüberziehen,
als könnte Widerwort das Wort ausstechen,
und während Teiche ihnen Bilder schenken,
so wollen sie aus harter Muschel brechen
den Sinn, Geheimnis aus den Fugen renken.
Wie bittre Perle speien sie ihn wieder
ins Element, das dunkle Götter lenken,
wo Flammenbüschel wallen auf und nieder
und Lilien auf den Wassern ewig schweigen,
wo Schwänen trieft von Träumen das Gefieder.
Sieh, wie die Häupter sich den Schauern neigen.
Terzinen von der Fülle und der Leere
Es füllt die Weide hingeneigte Trauer,
und wie der Wind sie schwärzt: vollkommen,
und wie ihr Haar durchrieseln wilde Schauer.
Es ist des Tages Blau dem Nichts entglommen,
und hat es Blumenaugen sich erzogen,
sind sie auf schwarzen Teichen hingeschwommen.
Wir sind um einen leeren Kern gebogen,
den wir nicht füllen mit den edlen Phrasen,
ein Flaum, beim ersten Hauche weggeflogen.
So lieben wir die schlanken grünen Vasen,
in denen ein paar Lilien alles sagen,
wenn wir sie für den toten Freund erlasen.
O könnte Liebe unsre Leere tragen.
Terzinen von der wahren Not
Der Zufall hat mit Fäden uns umsponnen,
an denen Worte gleißend niederrinnen
und Schmerzen sind daran wie Reif geronnen.
Im Tanz der Masken atmet kein Besinnen,
und stille Wasser sind uns nicht gegeben,
in denen wir uns schöner sehn von innen.
Doch sagt von andern Quellen uns das Leben,
wenn Blumen sich im Duft der Nacht verschwenden
und Vögel ihren Sang dem Wind ergeben.
Wenn Falter ihren Staub der Sonne spenden
und Tänzer werfen Masken in die Gluten,
so opfern sie dem Feuer der Legenden.
O wahre Not, am Dorn der Liebe bluten.
Terzinen von den Stimmen der Ahnen
Du frage nicht, warum in Träumen lecken
wie Stalaktiten stets die fremden Stimmen,
warum wie Käfer in den Dämmerhecken
die tiefen Blicke in den Fenstern glimmen,
an denen wir im Traum vorübergehen,
warum uns Worte in die Stille schwimmen,
die wir im Lärm der Welt nicht mehr verstehen.
Wir wissen nicht, aus welcher Ahnen Gärten
uns Düfte in das Lied des Abends wehen,
wir können nur mit bangen Herzens Zärten
verblaßten Flaum aus alten Nestern heben
und rohem Dasein sänftigen die Härten.
Gedächtnis wollen wir zur Spende geben,
den scheuen Honig vor dem Bild entzünden,
daß nicht ganz ohne Göttliches wir leben
und Traumes Stimmen in die Tage münden.
Terzinen vom verzögerten Abschied
Ein Lebewohl kommt dir von schmalen Lippen,
wenn Nebelgeister an die Wange streichen
und Eises Binsen kratzen zarte Rippen.
Doch werden Tränen dir das Wort erweichen
und deinen Schritt verzögern dunkle Blicke,
die ins Versagte zwischen Herzen reichen?
Du tastest scheu nach kaum erblühtem Glücke,
dir wissen Augen, die nach Hause schauen,
von weißen Knospen auf vergessnen Teichen,
von Nächten, die vom Schmelz der Lieder blauen,
dir ist, als hülle dich ein Duft von Haaren,
in denen Monde goldner Trauben tauen.
Willst ungetröstet du ins Ausland fahren?
Terzinen von der Verwandlung
Verwandlung glüht, wenn keusche Tränen rinnen
und Seufzen sickert aus den Schneekristallen.
Schon äugt der Krokus nach den hohen Minnen,
läßt Sonne keck die weißen Schleier fallen,
und will sich nach den warmen Küssen dehnen.
Das Leuchten weißer Wasser ist wie Lallen
des Lichts in Wolken, die an Bergen lehnen
und perlengrau in Schauern niedergehen.
In schwarzer Erde wühlt ein altes Sehnen,
belaubter Pracht im freien Raum zu stehen,
den weiten Sinn aus engem Keim zu falten.
Schon bauscht den zarten Flügel laues Wehen.
Ach, rührten uns die schmelzenden Gewalten!
Terzinen vom jenseitigen Ufer
O traget uns ans andre Ufer, Wellen,
wo Nächte sanft von stillen Kerzen strahlen,
von Kindern angezündet auf den Schwellen
der offnen Pforten, Arabesken malen
die Sonnen gelber Tage auf die Mauern
und grüne Schatten schimmern in den Schalen
und junge Trauben wie nach Regenschauern,
o traget, Winde, uns in jene Zonen,
wo Küsse zarten Schweigens länger dauern
und Blumen zwischen leichten Liedern wohnen,
die Dichter rosendunkler Düfte singen,
wo Grazien auf dem Strahl der Brunnen thronen.
O dorthin, dorthin traget uns, ihr Schwingen!
Terzinen von den Ascheflocken
Es wehen Schatten von den Hügeln nieder,
die Blätter tropfen, dunkel ist das Klagen
des Abendtaus, es kehrt das Licht nicht wieder,
das Glanz und Lust ins grüne Tal getragen,
nun wollen aller Blumen Farben bleichen,
sie haben nur noch Duft, Lebwohl zu sagen.
Der Mond glimmt wie auf Jenseitsteichen,
der weißen Wasserrosen Augen stieren
in Geisterwolken, die nicht weichen.
Die nackten Grazien auf den Sockeln frieren,
die alten Brunnen dämmern stumm und trocken,
kein Laut ertönt von Menschen oder Tieren.
Aus toten Himmels Asche fallen Flocken.
Terzinen von der süßen Vergeblichkeit
Wie Wasser glänzend sickert in die Erde,
es rauschte hell und gluckert jetzt im Dunkeln,
löst uns vom Mund die runzlige Beschwerde
die hohe Nacht mit ihrem Geisterfunkeln,
wir lassen unser Leid vom Element versöhnen
und sehen Lilien auf den Teichen schunkeln.
Wie Tropfen hell an Fensterscheiben tönen,
und ausgewischt sind sie von harten Strahlen,
die Melodie erstickt gedämpftes Stöhnen,
so rinnen unsre Tränen in die fahlen
Gefieder der Vögel, die im Schlafe girren,
und unsre Küsse in die Muschelschalen.
Wir sind am Ziel, die wir durchs Leben irren.
Wir müssen nicht ins Uferlose drängen
und nach Chimären greifen, die wie Blasen
geschäumten Meers an Thules Zweigen hängen,
wenn Abend dämmert um die Messingvasen,
in denen schlichte Nelken rötlich scheinen.
In Wohllauts Dunkel sterben die Emphasen.
Wir müssen nicht um Unsagbares weinen
und sanfte Augen wie durch Schleier sehen,
als könnte Zwielicht uns und Schatten meinen,
wenn Wein und Becher auf dem Tische stehen
und wie geteiltes Brot uns Worte freuen.
Wir wollen leise unter hohen Bäumen gehen
die Krumen auf dem Weg den Vögeln streuen.
Wir brauchen nichts, da sich die Tage ründen,
es kehrt das Licht der Blüten den Getreuen.
Uns tönen Wolken, die ins Blaue münden.
Terzinen vom verborgenen Engel
Wenn Wasserzungen bunte Kiesel glätten,
aus weißen Steinen blaue Venen wecken,
und Bäche seufzen in den Moos-Korsetten,
wenn Wicken sich zum Tanz der Grazie recken,
Verhau und Stacheldraht mit Charme umwinden
und Efeus Grün mit roten Tupfen flecken,
wie glänzt Geheimnis heller Birkenrinden,
von weichen Ginsterlippen tropfen Lieder,
die Widerhall bei sanften Vögeln finden,
es plustert Abendhauch das Traumgefieder.
Wenn Menschen einsam über Wiesen gehen,
beseelt der Veilchenduft die müden wieder.
Ach, könnten sie im Laub den Engel sehen.
Terzinen auf die Menora
Wer hat dich angezündet, Mandelblüte,
hob deinen reinen Kelch aus Nacht und Schrecken
und füllte ihn mit Purpurschnee voll Güte?
Wer ließ den Urgrund Leuchters Knospen recken,
der Erde dunklen Mund den Geist behauchen
und ihm das Lied der zarten Düfte wecken?
Er ließ des Leuchters lichte Blüten tauchen
in Moses Seelennacht, des Auserwählten,
daß immerdar die seine Gnade brauchen,
im Schöpfungsbund ihm treu Vermählten,
des Herzens Docht an seinem Bild entzünden,
bis sie auf Blüten wandeln, ungezählten.
Wie Kerzen sind, die seine Wunder künden.
Terzinen von den Scheide-Nächten
Und hörst du auf den Stufen schwere Schritte,
so lösch das Licht, den Vorhang zieh beiseite,
knie dich in Mondes milchig-fahle Mitte,
die Nacht ist mild und bietet dir Geleite
durch alter Rosengärten Flammen-Beete,
durchs Bienen-Summen froher Opferscheite
zum Morgenufer schäumender Gebete,
wo blaue Wasser dir die Füße küssen,
und Fittich kühlt, der in der Kindheit wehte.
So atme aus mit Nelken und Narzissen,
wenn Schlummers Harze tropfen von den Weiden
und warme Moose bauschen dir die Kissen.
O, könnten wir in solchen Nächten scheiden.
Terzinen von den späten Stunden
Es neigen sich, es münden unsre Stunden,
wenn Schatten blasse Abendsonnen längen,
es öffnen sich wie Blumen alte Wunden,
und abgelebter Zeiten Düfte drängen
den müden Geist, ein wenig noch zu lauschen,
ob Regen fällt mit weichen Traumgesängen,
ob in den grauen Birken Geister rauschen.
Kann Heiterkeit aus Abschiedsliedern quellen,
wenn Wein und Myrte wir mit Mohn vertauschen?
Kann dunkle Stunde uns ein Bild erhellen,
der sanfte Hirt mit den geborgnen Lämmern,
des Engels Harren auf den Veilchen-Schwellen?
O Gnadenbild, wenn späte Stunden dämmern.
Terzinen von den Lebenspfaden
Des Lebens Linien sind wie schmale Pfade,
die sich an Hochgebirges Graten winden,
sie schlängeln sich, sie gehen nicht gerade.
Wenn wir am Saum die schönen Blumen finden,
gönnt süßer Duft ein kniendes Verweilen,
wir wollen sie nicht brechen, sie nicht binden,
das Glück des reinen Schauens nicht zerteilen,
wenn unsre Pfade Wolken still ergänzen
und Purpurrosen Abends Wehmut heilen.
Des Lebens Linien haben keine Grenzen,
wir sehen auf dem Gipfel fahles Glühen,
der fernen Höhen Joch unwirklich glänzen,
das unantastbar Schöne ist ein Blühen
des Schnees, in dem die Linien sich verlieren,
und Flocken hüllen unsrer Wege Mühen.
Ach, daß die Pfade uns ins Blühen führen.
Übergänge XXV
Terzinen vom seligen Ende
Wenn Frost und Wind die Halme niederdrücken
und feuchte Nebel dämpfen unsre Stimmen,
soll Mondes Barke unser Herz entrücken,
wir wollen leicht auf lichten Wogen schwimmen,
die uns zu Ufern weißer Lilien bringen,
die Kerzen gleich vorm blauen Himmel glimmen.
Dort trocknen unsre Tränen Hauches Schwingen,
und mürber Trauer eingekrümmte Glieder
wird Anmut weich um Hals und Herzen schlingen.
Die wir verfeindet schienen, gehen wieder,
geglückter Heimkunft Kinder, Hand in Händen.
Gestillten Blickes sinkt die Wimper nieder.
Ach, könnten wir in solchen Bildern enden!
Übergänge XXIV
Terzinen von den leeren Kelchen
Die Verse sind wie Sommers scharfe Strahlen,
die an den Mund der hohen Kelche tasten,
wenn sie mit rot- und weißen Weinen prahlen,
wie Tränen groß auf langen Wimpern lasten,
und die so süß und wieder bitter klingen,
wie Silberglocken an den Kirmesmasten,
wenn sie in rauhen Narren-Rhythmen schwingen.
Der Düfte Schmerz, da sich die Kelche neigen,
als wölkten Seufzer über toten Dingen,
und können nicht ins Blau des Abends steigen,
die gelben Falter sind schon abgesunken,
die letzten Verse tauchen grau ins Schweigen.
O Kelche schmal und blaß und ausgetrunken.
Übergänge XXIII
So streuen wir wie Kinder auf den Fluß
der Worte goldne Blätter, die welken Schönen,
die Herbst uns auf den Weg gesandt.
Das Wasser seufzt, die Woge nimmt sie mit,
wir weilen lang am Rand und schauen
ihren anmutleichten Abschiedstänzen zu.
So sind uns Verse kühle Wiesenbäche,
wo manche Worte trudeln und versinken,
und manche wie besonnte Inseln glänzen.
Sind blasse Astern auch dabei, von Früchten
eine bunte Schar, die mit den Wellen rollen,
sie eilen und kommen, kommen nicht zurück.
Und ist der Bach verschollen unterm Schnee,
die Verse fließen im Verborgnen innig fort,
die Träne weiß von ihrem süßen Rauschen.
Übergänge XXII
Terzinen vom dichterischen Wort
Wie Maler, die voll Grimm und Weh-Lust klatschen
mit breitem Pinsel Meeresgrün und Mohn
und geben krummen Weiden Purpurwatschen,
schwarz ritzen Schnäbel, Federn trudeln schon,
das Abendrot ist Jesu offne Seite,
und grau wischt Nereiden aus Triton –
so rollen wir das Wort in vage Weite,
wie Kinder einen Reif mit heißer Hand.
Es seufzt das Herz wie warm gestrichne Saite,
wenn es sich schlingt in weißer Winden Band.
Des trocknen Sinnes braune Farne knistern,
des Liedes Küsse haben sie verbrannt.
Das Wort will sich mit Rosenlicht verschwistern,
das überm Grab der frühen Verse quillt,
will reden nicht, nur rauschen oder flüstern.
O wilder Efeu um ein altes Bild!
Übergänge XXI
Terzinen vom göttlichen Feuer
Des Ursprungs Feuer würde uns verzehren,
so hat in Auren es sich mild ergossen,
die wir mit keuscher Lippen Lied verehren.
Das Feuer ist in Blüten uns erschlossen,
die uns mit edlen Weines Farben tränken,
wir sind von blauem Himmel zart umflossen.
Wenn wir der Liebe Bild im Dämmer denken,
will uns ein Glanz aus Traurigkeit erwecken,
den Tränen auf den Blumenwangen schenken.
Wie Knollen, die im dunklen Erdreich stecken,
muß bange Hoffnung heimlich Keime treiben,
bis Rosen sich nach Sommergluten recken.
Wie locken uns der Gärten Sonnenscheiben,
uns in den heißen Schöpfungsgrund zu stürzen,
als wollten Kinder nicht im Finstern bleiben.
Ach, Mutters Abschied wollen wir nicht kürzen.
Übergänge XX
Schnitte oder Säume, Hauch der Steppe
oder Flammen-Brausen:
jedes ist dem Wandel eine Treppe,
Anmut oder Grausen.
So eilten Wind und Glut zu deiner Schöne,
schlanker Hyakinthos,
daß Wunderblume unsren Schmerz versöhne,
die dem Blut entsproß.
Apollon hat den Diskus hoch gezogen,
Zephyr abgelenkt,
dein Tod um die das Leben dich betrogen
Blumen uns geschenkt.
Uns rauschen dunkel Blätter, windgekoste,
bläht die Backen Pan,
doch edler stimmen Lyren, geistumgloste,
leuchtet stiller Schwan.
Aus Blüten trinkt die Seele Innigkeit,
duftumwehten Traum,
es stickt dem Kleid der Zeit die Ewigkeit
Sterne an den Saum.
Siehe: J. S. Bach, Kantate BWV 201 „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde“ („Phoebus und Pan“):
https://www.youtube.com/watch?v=ORxbBLry6dE
Übergänge XIX
Terzinen von den Tränen
Der Tropfen hat in trockner Mulde Glänzen,
auf feuchter Iris spiegelt dein Gesicht,
dein Schatten geistert bang an Lichtes Grenzen.
Der Wind hebt leichten Samens Weltgewicht
und läßt ihn über fremden Marken sinken,
wo nymphengrünes Seufzen ihn bespricht,
bis grauer Ahnen junge Sprossen trinken
Musik des Wassers, die wie Schlummer trieft.
O Tränen, die in Orpheus Grotte winken.
In stiller Muschel ist ein Klang verbrieft,
ein Ruf kehrt heim aus Wingerts Mauern,
des Waldhorns Echo hat die Nacht vertieft.
Ein Leben fühlst du spät an milden Schauern,
die Mond ins offne Herz der Rose schreibt,
die Zeichen voller Zärtlichkeit und Trauern.
Die Träne rinnt, die dunkle Quelle bleibt.
Übergänge XVIII
Was zwischen Gras und Bach und Vogelsang
und dampfendem Asphalt geschieht,
vor dem der Fuß der Nymphe flieht,
ist nichts als Mammons eitler Übergang.
Er füllt mit Teer die leere Eierschale
und häckselt hechelnd Flaum und Blatt,
er biegt des Lebens Windung glatt,
bis Halm und Haar für jeden Schatten zahle.
Ach, denke doch die hohe Atemstunde,
die sich am Meeressaum erstreckt,
wenn Watt und Wurm das Wasser leckt,
sie weiß vom Übergang die rechte Kunde.
O fächelte von jenem Meer ein Hauch,
in dem sich Mondes Sänger wiegt,
wenn unser Herz bei Schatten liegt,
den toten Fittichen aus Hanf und Rauch.
Übergänge XVII
Laß mich denn entschlafen, milder Christ,
mottenleicht im Lampenschein,
weck mich auf, wo du grad müßig bist,
wenn es geht, beim Vater Rhein.
Weck mich nicht mit lauten Engelchören,
wüßte nicht, wie mir geschieht.
Schön wär es, halb schlummernd noch zu hören,
sängest du ein Hirtenlied.
Wir wollen dann den Leinpfad lang spazieren,
deine Sonne sehen in der Flut
Well um Welle veilchenblau verzieren,
gut steht dir dein Hirtenhut!
Wir haben uns nicht gar so viel zu sagen,
alles sagt dein klarer Blick.
Nichts mehr gibt’s mit Worten zu erjagen,
still gehn wir im stillsten Glück.
Ich kenn hier einen grünen Ort im Tal,
wo man uns guten Wein kredenzt.
Dort ist es wie bei jenem Abendmahl,
daß deine sanfte Lippe glänzt.
Du hast den Hut auf einen Stuhl geführt,
daß du in weiße Wolke tauchst.
Wie bin vom Segensodem ich gerührt,
den du ins Lebenswasser hauchst.
Übergänge XVI
Wenn die Worte falterleise gleiten
über weiche Atemwellen,
wollen wir durch Schilfe sinnend schweifen
bis an Wassers grüne Schwellen.
Stößt das Wort sich jäh an schroffen Steinen,
blendet weißer Schäume Kissen,
und dir ist, als würden Veilchen weinen,
und die Tränen willst du küssen.
Heimlich sind des Dämmerns Übergänge,
Federschwirren, süßes Flöten,
und uns locken in die Schattenhänge
reifer Äpfel scheue Röten.
Übergänge XV
Sonett von der aufgetauten Empfindung
Mit tauber Hand kannst du es nicht erfühlen,
was heller Tau zu warmen Moosen spricht,
wenn deine Poren Träumerei verpicht,
mußt Schlamm du aus dem Seelentümpel wühlen.
Der Hauch des blauen Sees kann dir nur kühlen
das heiße Herz, bevor es spröde bricht
wie trockne Kaktusfrucht im Wüstenlicht,
wenn du es tauchst, bis Quallen es umspülen.
So wird ein hartes Korn aus kalten Tränen
und halbe Geste greller Mummenschanz,
den wir verlacht durch Trübsal-Pfützen schleppen,
wenn wir uns schrauben nicht wie die Fontänen,
uns Grazien tunken in den Tropfen-Tanz
und betten auf das Grün der Wassertreppen.
Übergänge XIV
Sonett von der heiligen Eiche
Die Wunde blieb, sie konnten niemals heilen
die hohen Lieder, die in Domen klangen,
die Lippen blieben lange noch befangen
von Harzen, rinnend in der Rinde Zeilen.
Des Heilands Heil gerann an Blitzes Beilen
wie Kruste Bluts und konnte nicht umfangen
das deutsche Herz, dem Eichenblätter sangen
und Wasser, die sich unter Schwänen teilen.
Ins Zwielicht hüllten Roms Gewalt die Rosen,
die zwischen Duft und Dornen dunkel glommen.
Den Bildern, den mit Milch und Wein besprengten,
die in den Wäldern wuchsen aus den Moosen,
hat Bonifatius den Schmelz genommen.
Die Grazien flohn, als Krähen sie bedrängten.
Übergänge XIII
Terzinen auf den wilden Wein
Der wilde Wein hob dich aus fahlem Licht
mit Purpurfingern, sang mit Feuer-Zungen.
Als du dich schlepptest mit dem Rucksack Pflicht,
ist blauer Most dir in das Blut gedrungen.
Ein Trauben-Lächeln wuchs auf dem Basalt,
die toten Fenster hat es wach gesungen.
Und als du wiederkamst, ergraut und kalt,
hat noch der Stare Schwarm im weichen Beben
des Laubs gezwitschert, noch dein Mund gelallt
der Verse schwarze Tropfen an den Reben,
mit denen sich der grüne Gott geschmückt?
Wo dir gebaut die Sonne Kunst und Leben,
klafft nun ein Loch, hat Fortschritts Zahn zerstückt
das stille Haus – sind unterm Schutt begraben
die Seelen auch, der letzte Wein gepflückt,
doch nicht den Sänger, nicht sein Lied zu laben.
So mußt du ranken lassen wilden Wein
an jenen Mauern nun, geheim-erhaben,
die deinen Traum umschließen wie ein Schrein.
Übergänge XII
Terzinen auf die Enterbten
Die Gesten der Enterbten grinsen leer,
sie fuchteln wimpernlos im Phosphorschein.
Ihr Lallen sonder Süße ist wie Teer
– geborstene Fassung ohne Marmelstein –
der in der Sonne schmilzt und schwitzt.
Mit Lügenfilz umwickeltes Gebein.
Ihr Denken ist wie Negerhaar verfitzt,
umigelnd einen aufgeschwemmten Balg,
aus dem ein Griffel sich ins Freie spitzt,
ein Kerzenstummel aus verbrauchtem Talg.
Licht kann nicht zeugen, was ins Chaos starrt.
Die Spur der Götter löscht ein saurer Kalk.
Gesichter mimen-weiß und kuben-hart,
verdrahtet dröhnt ihr Kopf vom Todesgong,
es ziehen zitternd wie vom Krampf genarrt
die Anmutlosen wüstenwärts – so long!
Übergänge XI
Fuß, fast in Fortschritts Schuh ertaubt,
streift durch Gräser wie Falter im Wind,
tunkt ins Wasser wie dämmernder Zweig.
Hand, die nicht drückt, die nicht schraubt,
öffnet zum Fächer ein lieblicher Wind,
fingert ein Wink zum gefiederten Zweig.
Mund, der sich zu schweigen erlaubt,
singt mit Ginsterlippen der Wind,
trinkt die Stille wie Sonne der Zweig.
Auge, das dem Auge glaubt,
wenn die Träne glänzend rinnt,
spiegelt sich wie Frucht am Zweig.
Übergänge X
Ich neigte mich in Ufers Schluchzen
wie von aufgetanem Munde
milchumtropfter Rosen –
Ich habe mich ins Schilf geschwiegen,
den Winden meinen Schlaf geliehen,
den heimatlosen –
Ich lechzte nach dem Tau der Mohne,
ich bat die Distel um den Stachel
eines warmen Wehs –
Da fiel es gaukelnd aus der Höhe,
Gefieder eines Himmelsboten,
Flaum des weichen Schnees –
Übergänge IX
Ausgespuckter Unrat,
Blech, Batterien, Autoreifen,
Paletten, ölverschmiert,
verbeultes und verwittertes Gestell,
aus dem schwarzen Fenster eines Schuppens
Verwesungsdunst, Benzin und Aas.
Hier traut sich Heidekraut
ein banges Bleiben zu,
ein kupferrotes Dämmern.
Die blaue Distel bebt,
wenn Wiesel streifen,
und spät am Abend hörtest du
bei herabgedrehter Scheibe,
die Lüftung rauschte noch,
den Zauberschrei der Eule.
Hier nagt die Stadt am Land
mit rostigen Zähnen,
die rosigen Brüste des Blühens
schneidet sie mit gläsernen Dolchen ab,
die zottigen Ohren Pans
verklebt sie mit dem Kot der Angst.
Hier schluckt der Dämon Staub
das Gold der Bienen
und der Wolfsmilch bittere Träne,
trocken hustet der Hauch des Mittags,
der Salamander würgt
am kalkigen Licht der Abendsonne.
Du hast die Scheibe hochgekurbelt,
als ein Mulattengesicht im Feuerschein
vor der morschen Scheune zuckte,
sie hockten selbstdritt beieinander,
Zigeuner, die weißen Zähne bleckend,
als sie die Taschen leerten
vom Tand der Tagesbeute,
du hast gezittert
und doch getan, als gäbst du Zeichen
mit der Zigarettenglut im Dunkel,
sie ließen dich in deiner eitlen Schmach allein.
Seufzt dort noch der Geistermund
des Mohns, wenn verirrte Engel
im Glitzern des Kiesels
Edens Bäche schauen?
Übergänge VIII
Ich stand vorm Fenster
und hob die vage Hand
dem grauen Schmerz des Abends zu.
Ich wies die Sterbende auf den Ort
jenseits des Flusses,
den Heimatort.
Sie schwieg, sank tiefer,
sank in den Morast
des letzten Schweigens.
Hier gab es keine Brücke mehr
über die Klüfte, Schründe, Spalten,
in denen Knochen schimmern
oder weiße Aale ringeln.
Was unter ihr noch schlürfte oder schluchzte,
war weder Mosel weder Rhein,
war einer namenlosen Unterwelt
namenloser Strom.
Wie mag das sein,
allein im hohlen Rohr des Atems
sich auf und ab zu wälzen ohne Licht?
Wie mag das sein,
die eigne Gegenwart so fremd zu fühlen
wie auf der Zunge
ein störend-feines Haar,
und hat man endlich, endlich es verschluckt,
nicht mehr zu sein?
Reicht jenseits des Flusses
andrer Übergang
zum Heimatort,
wo du ans Ufer angeschwemmt
erwachst und hörst im Rauschen
der Gräser und der Wellen, hörst
im Tönen dunkler Glocken
deinen Namen rufen
wie zum Gruß?
Übergänge VII
Wo dunkler Fels das Wasser staut,
sprüht das Leben Licht.
Greift der Wind in Blumenlocken,
glänzt das Angesicht.
Wenn der heiße Hauch verführt,
Fahnen singt der Staub.
Feuerlippen küssen wieder
Farbe in das Laub.
Tauen Halme Silbertöne,
lallen Zungen bang.
Flamme aus dem Spalt der Erde
winkt zum Übergang.
Übergänge VI
Aus dem Mund des Ursprungs
strömt ein warmer Klang,
wölkt auf grünen Wassern,
rinnt im Blütenhang.
Lausche in den Wäldern
deinem Kuckuck, Seele.
Hörʼs bei jedem Tropfen,
daß kein Ton dir fehle.
Und schneit bange Stille
auf das Leidensmal,
Lied des Lichts wird schmelzen
stummen Schmerzkristall.
Übergänge V
Taubenflügel schwirren.
Veilchen, Herz, es klopft.
Liebe, aufgewacht!
Schwalbenschwärme sirren.
Mohn, die Träne tropft.
Liebe, gute Nacht!
Übergänge IV
Kinder hüpfen
Hündchen bellt
Geister schlüpfen
Nebel fällt
Übergänge III
Abend
goldnes Blatt
Fallend
wird es matt
Übergänge II
Maskendickicht
Vorstadtstaub
Blauer Lidschlag
nasses Laub
Übergänge I
Schwarzes Wasser
Epitaph
Hortensienschäume
weißer Schlaf
Eifelpfade XL
Johannesminne in St. Laurentius in Großlangenfeld/Eifel
Wir hören unterm Wandelstern
Laub und Wasser rauschen.
Doch Nahrung schenkt das Herz des Herrn,
dem wir selbstlos lauschen.
Johannes hat das Haupt geneigt,
daß er Tröstung finde.
Erlösung ist wie Wein verzweigt,
Rebenblatt im Winde.
Geheimnis saugen wir im Traum,
Minne reicht die Schale.
Erwachend schwebt es noch im Raum,
Duft vom Abendmahle.
Der Priester segnet uns den Wein,
grüne Gläser klirren.
Dionysos darf hinterm Schrein
seine Zymbeln schwirren.
Kommt auch die Mutter heim zum Fest,
Maria mit den Tauben,
Diana, die mit Zärten preßt
uns die süßen Trauben?
Anmerkung:
Im Rheinland und der Eifel hat sich, gewiß nicht ohne alten mediterranen Zustrom dionysischer Kulte, der Brauch der Johannesminne verbreitet, der heute noch am Johannestag, dem 27. Dezember, in der Eifler Gemeinde von Großlangenfeld in der Kapelle St. Laurentius feierlich begangen wird. Dabei gedenkt man des Wunders, das vom Evangelisten Johannes berichtet wird, als er vor dem Priester der Artemis in Ephesus das Gift aus dem ihm gereichten Becher in eine Schlange verwandelte; der Priester segnet die von den Gläubigen mitgebrachten Weinflaschen, deren Genuß hernach Heilkraft zugesprochen wird. Andererseits schiebt sich uns auch jenes Bild der Minne des Lieblingsjüngers Johannes vor Augen, der beim letzten Abendmahl an das Herz des Herrn hinsinkt, als lausche er beseligt göttlichen Geheimnissen.
Eifelpfade XXXIX
Basaltkreuz der Heiligen Genoveva in Obermendig/Eifel
Nicht die Kokotte hat dir Grazie gegeben,
Paris, des Abendlandes Lilienblüte,
Genoveva warʼs und ihre holde Güte,
aus ihren Tränen trankst du neues Leben.
Sie rief auf Chlodwigs Haupt der Taube Schweben,
auf ihrem Hügel glänzt die Marmor-Mythe.
Doch als des Dämons Unzucht-Fackel glühte,
zerstob auch ihr Gebein in Wahnes Beben.
Wie wunderbar hat Gottes Geist gerettet
in den Basalt des armen Obermendig
die Hoheit ihrer frommen Lebensspuren.
In dunkle Nische Urgesteins gebettet
macht ihre Aura unser Herz lebendig.
Noch leuchten Lilien auf den Eifelfluren!
Anmerkung:
Die Heilige Genoveva (422–502) ist die Schutzpatronin von Paris. Hoher Abkunft hat sie als Wohltäterin und Stifterin in der Stadt gewirkt: Sie gründete die Kirche, aus der die berühmte Abtei Saint-Denis hervorging, und unter ihrem Einfluß soll der Frankenkönig Chlodwig sich haben taufen lassen. Auf dem nach ihr benannten Hügel wurde das Pantheon, die mythische Grablege bedeutender Persönlichkeiten, errichtet. Der blasphemische Dämon der Französischen Revolution verging sich auch an ihren Gebeinen, die Wut des Pöbels hat sie öffentlich dem Feuer übergeben. Die Kirche St. Genovefa in Obermendig/Eifel beherbergt einige ihrer Reliquien seit dem Jahr 1462 in einem Basaltkreuz.
Eifelpfade XXXVIII
Terzinen auf die Prozession mit dem Hl. Lambertus in Lambertsberg/Eifel
Wir schreiten unterm Wehen froher Fahnen,
von Blüten ist ein Teppich ausgebreitet,
aus Fenstern flattern weiß- und gelbe Bahnen.
Die Herzen sind von Düften sanft geweitet,
da goldne Weihrauchkessel Knaben schwingen,
das Harz hat einst der Magus uns bereitet.
Zwiefachen Chores Mensch und Engel singen
die Heilkraft, die Reliquien gnädig spenden,
wenn ihrer Aura Träume uns umringen.
Die Augen salbt der Schnee der warmen Strahlen,
die um des Heiligen schönes Antlitz flocken
und unserm Mund die weichen Hymnen malen.
Zum blauen Bild will alte Sehnsucht locken,
da wir durchs Dickicht grauer Zweifel gehen.
Die Ähren rosten, die Trauben werden trocken,
wenn wir des Himmels Tränen nicht erflehen.
Anmerkung:
In dem kleinen Eifeldorf Lambertsberg unweit Waxweiler wird seit Jahrhunderten eine Prozession zu Ehren des Hl. Lambertus, des Bischofs von Tongern-Maastricht (670–705), durch die festlich geschmückten Gassen zur Wallfahrtskirche St. Lambertus begangen, eine aus Holz geschnitzte, ausdrucksvolle Büste des Heiligen, die einige seiner Reliquien birgt, wird dabei feierlich emporgehalten und mitgeführt. Es herrscht seit Menschengedenken die Sitte, die Gnadenkraft der Reliquien sich mittels Berührung oder Küssen zu übertragen.
Eifelpfade XXXVII
Madonna mit Kind in der alten Stiftskirche von Münstermaifeld
Gezeugt, nicht gemacht
Den Rosenstrauß hält anmutleicht
die rechte Hand empor.
Der Meister trieb den schönen Schein
aus Tuffgestein hervor.
Der Rose Zeichen wunderbar,
es duftet nur dem Geist.
Es ist vom Paradies herab
ins Mayenfeld gereist.
Wer hat die Rose je gedacht,
den Duft vorausgeahnt?
Die Weisheit ist ein Stern der Nacht,
der uns die Pfade bahnt.
Mariens Lächelns speist ein Quell,
der Edens Tal entspringt.
Es ist ein Bild und doch kein Bild,
weil es die Gnade bringt.
Das Kind ist göttlich, doch ein Kind,
der süße Mund, er lacht.
Die höchste Kunst ist Liebesfrucht,
gezeugt und nicht gemacht.
Anmerkung:
Die Propstei von Münstermaifeld in der Eifel, der die alte Stiftskirche unterstand, war zeitweise eine der Pfründe des Nikolaus von Kues (1401–1464), genannt Cusanus, der in seiner Schrift „De docta ignorantia“ auf die Unfaßlichkeit des göttlichen Ursprungs aller Dinge für den Verstand abhob und das namenlose Urlicht zu schauen einer Art dichterisch denkender Intuition anheimstellte, die das Mysterium des Daseins nicht mittels rationaler Konstrukte erklügeln, sondern nur zeichenhaft erahnen kann.
Die Aussage „Gezeugt, nicht gemacht“, lateinisch „genitum, non factum“ ist ein wesentlicher Inhalt des Credo, des 451 festgeschriebenen sogenannten Nicaeno-Konstantinopolitanum oder christlichen Glaubensbekenntnisses, das die göttliche Natur Christi als ewig vom Vater gezeugt und nicht in der Zeit geschaffen definiert. Wir sind so frei, die prägnante Formel auf die künstlerische Tätigkeit zu münzen, um zu betonen, daß wie dem Duft der Rose die rational unausdenkbare Rose so die geheimnisvollen Mächte des Lebens seiner künstlerischen Gestaltgebung vorausgehen. Ich kann dich mit deinem Namen rufen, doch nur wenn du da bist und dich gemeint glaubst, wenn du dich nach dem Rufenden umschaust und innehältst, habe ich dich wirklich gerufen, hat das Zeichen des Namens eine Bedeutung. Der Name ist willkürlich, nicht aber die Bedeutung. Die Tuffsteinrose in der Hand der Madonna und die Rose des Gedichts duften nicht; doch ihr zeichenhaftes Dasein vermag den Duft der Erinnerung zu evozieren, der geheimnisvoll über dem Bild der Gnadenmutter und dem Bild des Gartens Eden schwebt.
Eifelpfade XXXVI
Die Nymphe im Pulvermaar
Eingehegt von Äckern und von Wiesen,
rundet sich der Abgrund einer Göttin,
Stille spiegelnd ätherrein.
Als die Feuer hier zu Tale strömten,
schonten sie den schmalen Mund der Quellen,
und die Nymphe schlief allein.
Perlt ihr Seufzen nachts aus grünen Algen,
schimmert es von silberhellen Flossen,
haucht der Mond den Schimmer ein.
Hört im Kranz von Buchenlaub sie Orpheus
lockend spotten, reckt sie manchmal neckend
aus dem Naß ihr weißes Bein.
Röten Wolken ihre feuchte Wange,
taucht sie aus der Schilfe grünen Schatten,
wäscht ihr Haar mit Purpurwein.
Neueste Einträge
- Ein Bündel Schreie
- Francis Jammes, Demain fera un an
- Wolken, Herden, Völker
- Francis Jammes, Elle était descendue (2. Version)
- Blüten, Augen, Ranken, Rippen
- Francis Jammes, Laisse les nuages blancs passer au soleil
- Die zitternde Schrift
- Pierre de Ronsard, Quand vous serez bien vieille
- Perlen, Blüten, Aschen
- Yves Bonnefoy, Le pont de fer
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette