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Jul 31 15

Geheime Zwergensache II

Verwachsensein heißt aus dem Winkel sehen,
wie die Sonne die Kruppe des edlen Pferdes
entlangstreicht und die goldenen Schalen der Blüten
zum Erklingen bringt.

Mit den Krumen denken und der harzenden Rinde
heißt geboren sein aus dem Bruch der dunklen Eiche,
der stinkt nach modrigen Pilzen und qualmt noch
vom Einschlag des Blitzes.

Der Höcker macht den Geist scharf und spitz die Seele,
es schaut der Zwerg in der Sonnenscheibe die Flecken,
er schlürft das Mondlicht mit geblähten Nüstern,
auf feinen Gräsern pfeifend.

Er zischt über den weißen Früchten fraulicher Brust,
ihn quält, durch Halme lugend, ihr roter Blumenrand,
er wünscht, im blonden Strudel ihrer Haare, den wind-
gezeugten, zu ertrinken.

Er sieht sich entrückt in den Quappen, die später Frost
gebannt, er fühlt sich unter der Schale des Eis
im Zittern und Beben des Dotters. Er hat keine Wärme,
auszubrüten die Seele.

Von der Liebe kennt er das triefende Krötenauge,
den verschlossenen Mund des Adonisröschens,
die schmerzlich flackernde Kerze des Aaronstabs,
des Käuzchens Abendschrei.

Er räkelt sich auf dem Pfosten am herbstlichen Feld,
er will seine Augen in den hohlen Kopf der Vogel-
scheuche versetzen, dem toten Faun zum Himmel
aufkitzeln den Phallus.

Verwachsensein heißt die Wahrheit blitzen sehen
in Scherben, die aus dem Traum des Ungeküssten gefallen,
und in den zerfetzten Rufen der Nacht hören Gesang,
die Elegie der Toten.

Jul 30 15

Horaz, Oden, Buch I, 19

Mater saeva Cupidinum
Thebanaeque iubet me Semelae puer
et lasciva Licentia
finitis animum reddere amoribus.

Urit me Glycerae nitor
splendentis Pario marmore purius;
urit grata proteruitas
et voltus nimium lubricus aspici.

In me tota ruens Venus
Cyprum deseruit, nec patitur Scythas
aut versis animosum equis
Parthum dicere nec quae nihil attinent.

Hic vivum mihi caespitem, hic
verbenas, pueri, ponite turaque
bimi cum patera meri:
mactata veniet lenior hostia.

 

Rabenmutter der Liebesgier
und Semeles Gespross, Bacchus, verleiten mich,
ja auch Gedanken an Unzucht,
längst begrabene Lust wach mir zu kitzeln hier.

Es brennt mich ihre Haut von Schnee,
mehr als parischer Stein Glykera marmorweiß.
Heiß macht mich ihre fesche Art.
Mich macht schwindeln ihr Blick, feucht wie der tiefe Mond.

Sich zu stürzen auf mich, Venus
ließ ihr Cyprus im Stich. Nicht darf ich Skythen be-
singen, nicht der vom Pferd trifft,
den Parther. Nichts, überhaupt nichts, wenn es nicht sie betrifft.

Hier des Rasens Altar und hier
nehmt das Myrtengezweig, Sklaven. Besorgt Weihrauch
auch, zweijährigen Wein für das
Opfer. Ein wenig berauscht, gütiger wird sie sein.

Jul 30 15

Geheime Zwergensache I

Die Kleinen sind an Seelen-Fäden vertäut mit der Brutstatt,
vertäut mit der Brutstatt,
sie lecken am Born der hudernden Sippe sich satt.

Kommt da eins aus dem Winkel gekullert,
dem Winkel gekullert,
ist schon der Zwilling mit ihm nach Hause getrullert.

Posiert eines im Harnisch als wanstiges Ritterlein,
als wanstiges Ritterlein,
zuckelt bald eins vorüber als psalmodierendes Rebbelein.

Muss mal eines aufs Töpfchen, pupst seine Melodie,
pupst seine Melodie,
klopft ihm ein andres aufs Köpfchen die Antipathie.

Pressen zwei Turtelzwergerl sich Bäckchen an Bäckchen
sich Bäck- an Bäckchen,
kommt ein drittes gelaufen, weicht nicht vom Fleckchen.

Legt eines sich in den Graben, zum Sterben bereit,
zum Sterben bereit,
kommt sein Geschwister und ruft: „Wir sterben zu zweit!“

Kann eines die Liebe nicht finden, die gezeigt ihm ein Bild,
der Liebe schön Bild,
hat schon ein zweites es ihm mit seinen Farben gefüllt.

Braut eines sein Süppchen und findet die Würze nicht gut,
die Würze nicht gut,
labt ein zweites ihm gleich mit heißen Tränen den Sud.

Quält einem den Schlaf mit bösen Träumen ein Alb,
mit Träumen ein Alb,
weckt ihn ein zweites: „Ist nur des Mondes Kalb!“

Und weint eins beim Marterl im funzligen Licht,
im funzligen Licht,
schon eilen die andern mit Kerzerln, leuchten dem Wicht.

Jul 29 15

Horaz, Oden, Buch I, 17

Velox amoenum saepe Lucretilem
mutat Lycaeo Faunus et igneam
defendit aestatem capellis
usque meis pluviosque ventos.

Inpune tutum per nemus arbutos
quaerunt latentis et thyma deviae
olentis uxores mariti
nec viridis metuunt colubras

nec Martialis haediliae lupos,
utcumque dulci, Tyndari, fistula
valles et Usticae cubantis
levia personuere saxa.

Di me tuentur, dis pietas mea
et Musa cordi est. Hic tibi copia
manabit ad plenum benigno
ruris honorum opulenta cornu;

hic in reducta valle Caniculae
vitabis aestus et fide Teia
dices laborantis in uno
Penelopen vitreamque Circen;

hic innocentis pocula Lesbii
duces sub umbra nec Semeleius
cum Marte confundet Thyoneus
proelia nec metues protervum

suspecta Cyrum, ne male dispari
incontinentis iniciat manus
et scindat haerentem coronam
crinibus inmeritamque vestem.

 

Oft zaubert sich Faun hier ins Idyll zu mir,
in meinen Garten, fern von Arkadien,
und Sommers Höllenglut und meinen
Zicklein den regnenden Wind hält er fern.

Gefahrlos schnüffeln Weibchen des stinkenden
Geißbocks nach süßen Früchten im stillen Hain,
nach Thymian auch, schweifend im Wald,
fürchten sie nicht die gefleckte Schlange,

und nicht die Böckchen Wölfe, das Tier des Mars.
Solange du süß, Tyndaris, Flöte spielst,
durchhallt im Sabinerland ein Echo
schlummernde Täler und glatten Felsen.

Ich lebe im Gott, Göttern zu Herzen geht
mein Lied und Gebet. Hier werden reichlich dir
die Früchte der Erde strömen aus des
Füllhornes gütigem Segensmund.

In dieses Tales Grund überrascht dich nicht
des Hundssterns schwüler Blick. Lyrischer Klang sagt dir,
wie Liebe um einen beide verband:
Kirke im Glanz und Penelope.

Hier unter Schatten mundet dir reiner Wein
von Lesbosʼ Wingert. Mars überzieht hier nicht
den Gott des Weins, Semeles Sohn, mit
Kämpfen und Tücken. Du sei nicht

bang wegen Cyrusʼ Frechheit. Zügellos
hinlangen bös zur Schwächeren wird er nicht,
nicht der im Haar dir schwebt, den Kranz zer-
fetzen, das schuldlose nicht, dein Kleid.

Jul 28 15

Horaz, Oden, Buch I, 14

O navis, referent in mare te novi
fluctus. O quid agis? Fortiter occupa
portum. Nonne vides ut
nudum remigio latus,

et malus celeri saucius Africo
antemnaque gemant ac sine funibus
vix durare carinae
possint imperiosius

aequor? Non tibi sunt integra lintea,
non di, quos iterum pressa voces malo.
Quamvis Pontica pinus,
silvae filia nobilis,

iactes et genus et nomen inutile:
nil pictis timidus navita puppibus
fidit. Tu, nisi ventis
debes ludibrium, cave.

Nuper sollicitum quae mihi taedium,
nunc desiderium curaque non levis,
interfusa nitentis
vites aequora Cycladas.

 

Mein Schiff, reißen erneut Fluten zurück dich ins
Meer? Was bleibt dir zu tun? Halte die Stellung im
Hafen! Siehst du denn nicht, wie
ohne Flügel du lahm daliegst?

Wie so mürbe im Sturm Afrikas Mastbaum und
Rahen stöhnen, der Kiel ohne Vertäuung
kaum zu trotzen vermöchte,
das stets herrischer widersteht,

dem Meer? Rissiges Tuch, Segel, die löchrig sind!
Welche Gottheiten rufst, Sinkende, du noch an?
Du magst punischer Herkunft,
Tochter ruhmvoller Wälder sein,

wie sind Name und Stamm eitel geworden nun:
Nicht mehr traut auf die Kunst, welche das Heck gefügt,
der feig schlotternde Maat. Gib
dich den Spielen des Winds nicht preis!

Sorgenkind neulich noch, warst eher mir lästig,
jetzt ergreifst du mein Herz, Kummer um dich geht tief.
Meid den Glanz der Kykladen
und das mittendurch schäumende Meer!

 

Jul 28 15

Horaz, Oden, Buch I, 13

Cum tu, Lydia, Telephi
cervicem roseam, cerea Telephi
laudas bracchia, vae, meum
fervens difficili bile tumet iecur.

Tunc nec mens mihi nec color
certa sede manet, umor et in genas
furtim labitur, arguens
quam lentis penitus macerer ignibus.

Uror, seu tibi candidos
turparunt umeros inmodicae mero
rixae, sive puer furens
inpressit memorem dente labris notam.

Non, si me satis audias,
speres perpetuum dulcia barbare
laedentem oscula, quae Venus
quinta parte sui nectaris imbuit.

Felices ter et amplius
quos inrupta tenet copula nec malis
divolsus querimoniis
suprema citius solvet amor die.

 

Wenn du, Lydia, rosenzart
nennst den Hals und den Arm rühmst deines Telephus,
dass er glänze wie Wachs – wehe, da
schwillt von giftigem Brei kochend die Leber mir.

Mir wird schwindlig, ich werde bleich,
ich verliere den Halt. Heimliche Träne rinnt
mir die Backe herab, sie spricht
von der inneren Qual, Feuer, das leise zehrt.

Mir wird heiß beim Gedanken, wie
er im Rausch wieder kratzt, dir deiner Schulter Schnee
beschmutzt oder ein böses Mal
in die Lippen dir beißt. Denk an mich!, heißt das dann.

Nie, verstehe mich recht, kannst du
Treue fordern von dem, der, ein Barbar, entstellt
zarte Küsse, die Venus selbst
in ambrosische Nacht, ihre Flakons, getunkt.

Dreimal glücklich zu preisen sind,
die unlöslich ein Band eint, deren Liebe nicht
bricht an Zwisten und erst entschläft
mit dem letzten Gesicht, letztesten Atemzug.

Jul 27 15

Horaz, Oden, Buch I, 11

Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. Ut melius quicquid erit pati!
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum, sapias, vina liques et spatio brevi
spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.

 

Quäl mit Fragen dich nicht, was aus uns wird (frevelhaft wäre es),
wann die Götter verhängt, mir oder dir, Leukonoe, Todesnot.
Nichts bringt Sterndeuterei. Was auch geschieht, wollen wir dulden schlicht:
ob uns Jahre gegönnt oder ob uns Juppiter nun geschickt
letzten Sturm, der jetzt drückt gegen hohles Gestein am Strand
des Tyrrhenischen Meers. Bleibe nur kühl, seihe den Wein und bieg
die Sehnsucht uns ins Nächstbeste zurück. Plaudern wir, schielt uns nach
die Zeit. Pflücke den Tag, schließe die Tür, draußen da ist nur Wind.

Jul 27 15

Horaz, Oden, Buch I, 9

Vides ut alta stet nive candidum
Soracte nec iam sustineant onus
silvae laborantes geluque
flumina constiterint acuto?

Dissolve frigus ligna super foco
large reponens atque benignius
deprome quadrimum Sabina,
o Thaliarche, merum diota.

Permitte divis cetera, qui simul
stravere ventos aequore fervido
deproeliantis, nec cupressi
nec veteres agitantur orni.

Quid sit futurum cras, fuge quaerere, et
quem fors dierum cumque dabit, lucro
adpone nec dulcis amores
sperne, puer, neque tu choreas,

donec virenti canities abest
morosa. Nunc et Campus et areae
lenesque sub noctem susurri
composita repetantur hora,

nunc et latentis proditor intumo
gratus puellae risus ab angulo
pignusque dereptum lacertis
aut digito male pertinaci.

 

Siehst du, es ragt leuchtend im Schnee empor
Soracte, und schwer ächzen die Bäume schon
unter der weißen Last, wie macht Frost
starren die Flüsse im scharfen Eis!

Banne den Frost mir, schüre das Feuer im
Ofen und schenke reichlicher ein mir von
Sabiners bestem Qualitätswein,
mein Thaliarch, lass den Korken knallen!

Du überlass es höheren Mächten, ob
die Winde kuschen, wütende Flut verebbt,
dann schweigen die Zypressen auch still,
schweigen die Eschen, der alte Wald.

Frage nicht, was der morgige Tag uns bringt,
jeden neuen verbuche mit einem Kreuz,
und schmolle nicht bei süßen Küssen,
Tänzen aufflatternden Mädchenschwarms.

Noch hat den Zweig, den blühenden, das kahle
Alter dir nicht gebrochen, noch locken dich
Spiele und Sport und süßer als Duft
Liebesgeflüster zum Tête-à-Tête nachts.

Da lauschest du im heimlichen Winkel gern
verräterischem Kichern, verspieltem Kind
streifst du vom Arm das Seidenband, vom
Finger den Ring, kaum entzieht er sich.

Jul 26 15

Horaz, Oden, Buch I, 5

Quis multa gracilis te puer in rosa
perfusus liquidis urget odoribus
grato, Pyrrha, sub antro?
cui flavam religas comam,

simplex munditiis? Heu quotiens fidem
mutatosque deos flebit et aspera
nigris aequora ventis
emirabitur insolens,

qui nunc te fruitur credulus aurea,
qui semper vacuam, semper amabilem
sperat, nescius aurae
fallacis. Miseri, quibus

intemptata nites. Me tabula sacer
votiva paries indicat uvida
suspendisse potenti
vestimenta maris deo.

 

Welcher feine Charmeur ist es denn dieses Mal,
der im Rosenbett sich lümmelt und ziemlich stark
parfümiert in der Liebes-
höhle, Pyrrha, dich stößt? Und wem

solche schlichten Finessen üppiger Lockenpracht,
du Blondine? O weh, einer wird öfter noch
über trügende Götter
sich beklagen, verblüfft vom Schalk

des Meers, heute so blau, morgen so lau, der dich,
Schätzchen, heute bekniet, heute dich sein wähnt
und dein Lächeln auf ewig,
Tochter launischer Luft. Verdammt

sind, die tückisch verlockt Schnee, deiner Brüste Glanz.
Hier am Tempel, da hängt triefend mein altes Hemd,
das Votiv mit dem Dankspruch:
„Du hast, Neptun, mich rausgefischt!“

 

Jul 26 15

Heimkehr

Der Atem strömt und Schatten leise wandern,
die Mauer schimmert weiß, dann gelb und braun,
das Zimmer dämmert, ein Leben fließt zum andern,
ein goldnes Licht will sich im Spiegel staun.
Du bist vom langen Irrgang heimgekehrt,
wo dir kein Bild den Blick ins Freie wehrt.

Wie war es anders in den frühen Tagen,
als Sprachen wirr sich um die Seele schnürten.
Betörend Luft und toter Völker Sagen
die falsche Glut des fahlen Feuers schürten.
Du warst ein Kind im kalten Waisenheim,
von Heimweh krank, im Finstern trieb dein Keim.

Ein Zwerg sang dir im Hinterhof zur Nacht
von Liebesqualen seines Hässlichseins,
die Stimme gluckste wie aus hohlem Schacht,
gequetschtes Echo ausgesetzten Seins.
Du warst sein Kind im Schmerzensmonde Mai.
Im Sommer war sein Leben schon vorbei.

Die Liebe kam mit den Wassern ihrer Augen.
Sie kam mit einem Duft der fernen Meere.
Die Liebe hörte auf an dir zu saugen.
Sie ging und stieß dich in den Schoß der Leere.
Du warst ein Blinder vor der lichten Schrift,
der Schrift, ins Herz geritzt mit süßem Gift.

Der Atem strömt und Schatten leise wandern,
die Mauer schimmert weiß, dann gelb und braun,
das Zimmer dämmert, ein Leben fließt zum andern,
ein goldnes Licht will sich im Spiegel staun.
Du bist vom langen Irrgang heimgekehrt,
wo dir kein Bild den Blick ins Freie wehrt.

Jul 26 15

Abendständchen

Ein Musselin von laubgedämpften Tönen,
die sich um krokushelle Glieder schlingen –
sie sterben hin in sanftem Liebesstöhnen,
sie blühen auf, als würden Wolken singen.
Du wandelst dich zu blumigen Gestalten,
wenn sie die Knospe deines Ich entfalten.

Du kamst aus dürren Zonen in den alten Garten,
du pfiffst ein Gassenlied und rochst nach Nüssen.
Das Haar so weiß, das Herz ergraut von Warten
auf Liebe, Liebe, die Seufzer löst in Küssen.
Nun bist vom Hauch des Abends du umschauert,
ein Klang, der lange, lang, bis in die Träume dauert.

Und Bild und Sehnen, Traum und Lust verblassen,
nur Erde bleibt und ihr Geruch nach Feuer.
Nur Himmel bleibt und was die Wolken lassen,
ein trunknes Weiß, ein Blau, so weh und ungeheuer.
Nun bist vom Lied des Abends du umfangen,
und alles Wähnen, alles Sehnen ist vergangen.

Als säß ein Fiedler in den Kirschbaumzweigen
und spielte vor sich hin und strich den Bogen,
als müssten sich vor ihm die Lilien neigen,
als hätt er ihn bis an den Rand der Nacht gezogen.
Und du, du liegst, im Grase auf dem Rücken,
und ein Gefühl, wie Pollenflug, es will dir glücken.

Jul 24 15

Stips – ein Spatzenleben IX

Und lebst du noch und schwebst du noch,
mein Stips, ich muss dich lassen.
Du warst ein Kuss der blauen Luft,
dein Plustern will verblassen.

Und wiegt sich mir am dürren Halm
ein Büschel braunen Lebens,
weiß gleich das Herz die Antwort ganz,
dein Sein war nicht vergebens.

Und kommen Träume, wirre Schrift,
wenn sich die Schatten längen,
ruft mich zur Weite frischen Sinns
dein Tschilpen aus den Engen.

Und lebst du noch und schwebst du noch,
mein Stips, find meine Gärten!
Dort winkt es wie von lieber Hand,
ein Flattern voller Zärten.


Jul 24 15

Stips – ein Spatzenleben VIII

Es tschilpt mein Stips, auch wenn es schneit.
Er mag das Leben nicht zergrübeln,
will ihm den Irrlauf nicht verübeln,
er bleibt dem Innersten vereint.

Das Grübeln ist der Menschen Art,
kein böser Dorn im Spatzenleben.
Bei Sperlings sollʼs nur Klarheit geben,
nur Aufflug wild und Ankunft zart.

Des Spatzen Schlaf ist traumlos mild,
kein Tod wirft Schatten auf sein Leben.
Dem Augenblick sich ganz zu geben
des Vogels Seele hemmt kein Bild.

Das Träumen ist der Menschen Art,
am Bild erlebter Zeiten saugen
Vampire, die Chimären glauben,
bis Überdruss vergällt die Fahrt.

Jul 24 15

Stips – ein Spatzenleben VII

Das Spatzenleben leibt und bleibt
im All-Gefühl der Ewigkeit.
Worin sie baden, Wasser und Sand
und Luft und Licht, jenseits der Zeit.

Wie steht und stürzt der Schwarm im Flug!
Wie hasst, wie liebt es sich im Chor!
Und sind einander sie genug,
wenn Abendwind sie hebt empor.

Wenn ihn des Nestlings Schicksal ruft,
kratzt nicht in seinem Hals der Schrei?
Und wenn die Spatzenliebe stirbt,
schlüpft eine selbe aus dem Ei.

„Find ich dich nicht, so findst du mich“,
sinniert der Witwer Stips, der Spatz,
„in Tropfen Lichtes trink ich dich,
in einem Sämchen hast du Platz.“

Jul 23 15

Stips – ein Spatzenleben VI

Dies bleibt nicht aus, dies Ungeheuer,
wegbeißend Sinn und Sein
vom Lebensgrund, wie fahles Feuer
dringt in die Wurzeln ein.

Es hat Gestalten ohne Zahl
fürs kleine Sperlingsleben –
ob Sperber, Marder, Uhu, Katz,
mein Stips hat sich ergeben.

So hockt er lang auf schwankem Ast
meditierend die Ruine,
die einst sein Lieb und Leben barg,
das Skelettlein Kolombine.

„So ist das Spatzenleben!“, hat
das Spätzchen Stips gedacht,
„was mir geblieben, ist ihr Bild,
die Augen in der Nacht.“

Jul 22 15

Stips – ein Spatzenleben V

„Sie ist so fein, sie ist so rein,
keine kann ihr gleichen.
Ihr Flaum so weich, ihr Blick so reich,
ich will ihr Würmchen reichen!“,

sinniert der Stips, verloren und verliebt
bis über beide Krallen,
er fragt die Pfütze, fragt den Teich,
ob er ihr tät gefallen.

Er klebt und webt und baut ein Nest
in einer Dornenhecke
für einer Hochzeit Frühlingsfest,
des Brütens heiligen Zwecke.

Gesprenkelt Ei um Ei ist Spatzenziel,
und was sich daraus pickt
zu Spatzenlebens Hochgefühl,
ist alles, was entzückt.

Wenn es im Nest von Leben tschilpt
und Äug- und Schnäblein blinken,
ist ausgeleert der bittre Trunk,
den einsam Stips muss trinken.

„Wo bleibt sie nur, wo weilt sie noch,
mein Spatzling, Stipseline?“,
seufzt Harlekin vor leerem Nest
nach seiner Kolombine.

Der Einsame, er fragt den Wind, das Gras,
sie flüstern: „Sie ist noch fern!“
Er fragt den Wandrer Mond, er haucht:
„Es kommt ein guter Stern!“

Der kleine Spatz, er fragt nichts mehr,
er wartet, bis es dämmert.
Da glüht herauf der Wehmutsstern,
und Stipsens Herzchen hämmert.

Und vor ihm sitzt die Spätzin sein,
sie ist die schönste Vogelbraut.
„Ohne Liebe leben kann nicht spatzig sein!“,
pfeiftʼs von allen Dächern laut.

Jul 21 15

Stips – ein Spatzenleben IV

Sonnenschein und grüne Pfützen
laden Stips zum Baden ein.
Wie er flackert mit den Flügeln!
Wie er gaukelt mit den Tropfen!

Hier mal rupfen, dort mal zupfen!
Fertig ist die Schönheitskur.
Wollen noch das Schnäblein tunken,
wollen noch ein Nässlein nippen!

Gut geplustert, weich geglättet,
leuchtet Stipsens Spatz-Gefieder.
Schauen muss im Augenflor
Spätzchen in sein Spiegelbild.

Edle Maße, schlanken Wuchs,
kühne Nase, stolze Brust,
Äugelein so klug wie rund,
groß hat es Natur gedacht.

Größer werden nun die Augen,
blitzen rund und schwärzer jetzt,
rote Zunge stülpt sich frechlings –
wandelt Spätzchen sich zum Kätzchen?

Wirklich fühlt es schon ein Fauchen,
Tatzen, die ins Nasse taumeln,
Stips, mein Stipsel, flieg rasch auf!
Katz, der Unhold, hinter dir!

„Spatzenleben, Spatzenleben“,
sinnt das Spätzelchen im Flug,
„küssest dich in Schönstgestalt,
reißt der Böse aus das Bild.“

Jul 21 15

Stips – ein Spatzenleben III

„Wie kühl und weich ist Kirchenluft,
wie süß scheint ʼs Licht durch bunte Gläser.
Es wiegt sich schön im Weihrauchduft,
wie fern sind meine grünen Gräser.“

So tschilpte Stips, der fromme Spatz,
und flatterte um Menschen froher Riten,
um Kinder des Gefühls, die ihrem Schatz
die Zunge zum Freudenkuss entbieten.

Stips döste, unter ein Birett gekuschelt,
und plusterte sich beim tiefen Orgelbrummen.
Da wurde am Tabernakel getuschelt,
und musste alles Volk und Vieh verstummen.

Und Stips erwachte. Wie öde lag der Raum!
Ein fremder Schein schlich durch die Reihen.
Als wollte eines liebeskranken Engels Traum
das Heiligtum dem Mondlicht weihen.

Da schimmerte es hell auf dem Altar
wie Küchlein rund, wie Zuckerwecken.
Das sah das Spätzchen sehnsuchtswahr
und hüpft herbei, daran zu lecken.

Kommt der Priester, sieht es aufgebracht,
er eilt, den frechen Stips hinwegzuschassen
vom heiligen Brot. Das begann indes schon sacht,
in die Natur des Tieres sich hinabzulassen.

„Mir ist so überspatziglich zumut“,
sinnierte Stips im Flug, „die Flügel beben,
durch meine Kehle rieselt sanfte Glut.
Hier ist mehr denn Spatzenleben!“

Dem Stips ward leicht nach solcher Kommunion.
Er flog empor. Er hub an das große Singen
einer Nachtigall. Transubstantiation
am Spatz ließ solch ein Wunder gelingen.

Jul 20 15

Stips – ein Spatzenleben II

„Da ist ein warmer Schein!“,
denkt Stips, das Spätzelein,
als es mit Magengrummeln
sich wollt am Dachfirst tummeln.

Stipschen flattert auf die Fensterbank.
Da liegt ein Schnee, so kühl und blank.
Es plustert sich und reckt den Hals,
will singen wie die Nachtigall, falls

dort ein guter Mensch sollt wohnen,
tät leckere Gabe ihm belohnen,
mit spatzigen Nachtgesängen
süß das Gemüte ihm bedrängen.

Da sieht es einen alten Mann,
der mühsam nur entziffern kann,
was selbst er schrieb aufs arme Blatt,
verwundert, werʼs geschrieben hat.

„Sein Haar ist weiß, die Stirn so rein,
das muss“, denkt Stips, „ein weiser Dichter sein,
der auch die kleine Sehnsucht stillt!“
Ein Spatzenherz von Hoffnung schwillt.

Stips wollt schon herrlich pfeifen,
doch mocht er sichʼs verkneifen.
Könnt sein, so feinem Dichterohr
ein Nachtispätzchen macht nichts vor!

So pickt der Stips denn frohgemut
ans Fensterglas mit seiner Schnut.
Da schaut sie schon, die gute Seele,
wer da pocht, wer sich wohl quäle

draußen in der Winternacht.
Doch rums, da hatʼs gekracht,
man schloss den Fensterladen zu,
da hat die liebe Seele Ruh.

„So ist das Spatzenleben“, sinnt
der Stips, „wer sich höher spinnt
als unsereins, bleibt ewig stur
vor so kleiner Kreatur.“

Jul 20 15

Stips – ein Spatzenleben I

„Die Oma mit dem Huterl
tut mir so manches Guterl“,
denkt sich Stips, das Spätzchen,
sucht sich ein feines Plätzchen

da, wo der Silberlöffel klingt
und auf heikler Gabel schwingt
ihr Tortenstück die alte Dame.
Da fällt auch schon die Brosame

Stipschen vor den muntern Schnabel.
„Das geht ja zu wie in der Fabel“,
denkt Stips sich, „wo das Federvieh
dem Menschen Mitgefühl verlieh.“

Beherzt will es den Krumen picken,
da lässt Madame den Goldzahn blicken
und schleudert ihren Seidenlatz
unfein auf einen armen Spatz.

„So ist“, denkt Stipselchen im Flug,
„das Spatzenleben – waren wir nicht klug,
den süßen Abfall abzustauben?
Jetzt willʼs uns rüder Sinn nicht mehr erlauben.“

Jul 19 15

Ach, könntest du die Klappe halten

Manchmal glänzt aus Stimmgewirr
der Bogen eines Kanons auf.

Manchmal trennt die Nacht sich auf,
es dämmert dir im Wiesenschaum

die Lilie eines Angesichts,
emporgetönt von Tau –

bleib dann nur still, verhalt den Drang,
die Wirkung dir und aller Welt zu melden,

die du in Blut und Lymphe fühlst.
Wenn du gleich die Backen blähst,

bläst du mit all dem großen Wort
der Liebe Nach-Bild wieder fort.

Jul 19 15

Du, stille mich mit Blicken

Wie die duldsame Blume
schwebt mir vor dein Gesicht.

Ich will nichts sagen.
Nur leise atmen.

Ist dort wie nährende Krume
ein Lebenslicht?

Was möchte mir tagen
in solchem Blumen-Ahnen?

Du, stille mich mit Blicken.
Du, löse mich ins Schweigen.

Ich will nichts sagen.
Nur leise atmen.

Will mich in dein Dasein schicken,
in deinen Duft mich neigen.

Jul 17 15

Philosophenweg

Kronberg im Taunus, Opel-Zoo

Auf dem Laufband der Rolltreppe
wird den Menschen von Opferpriestern
das Herz aus dem Leibe geschnitten.
Doch sie fühlen die Mitte nicht leer.

Rollen sie dort hinab, Verbannte
des Lebens, um im Schoße der Erde
ein- und umgeschmolzen zu werden
nach Schablonen erzener Götzen?

Du fliehst zum Pfeiler, an die Wand,
um etwas Deckung zu finden
vor den widrigen Leidensblicken,
den dunklen und dunkleren Täterhänden.

Du weißt das Leben ums Leben betrogen,
angeweht aus Rohren falscher Kühle,
zerstrahlt auf Schirmen falscher Bilder,
ausgepfiffen von echten Großstadtratten.

Die Tasche auf dem Schoß bang an sich drücken,
nicht aufschauen, ob es dort lebt von Angesicht,
nicht ahnen, ob die Reise abwärts und abwärts geht.
Entsagen dort Augen in stummem Schein?

Ein Adler aus Licht schnellt über die Galluswarte.
Ist denn noch Leben jenseits der Stadt?
Ja, dort auf dem alten Kronberger Friedhof,
wo der gute Ritter ins Gebet versank.

Hier redet der Grauschopf dich gutmütig an,
oder spricht er sinnig vor sich hin zu seinem Hund?
„Ja, du darfst dich trollen und tummeln,
musst dich nicht schinden wie unsereins!“

Rast am Philosophenweg, wo sich die Sonne
ein Nest im Gezweig der Robinie baut.
Dann kommen Stimmen, eine meckernde Ziege
stimmt milder als Männergeblöke.

„Das ist keine Walnuss, o nein, o nein,
das ist eine Eichel vom Eichenbaum,
die Eiche ist deutsch, ist der deutsche Baum!
Lernt es für immer, dann seid ihr zu Haus!“

Sozialpädagogisch hält die Ziege ein Blatt
im Maul mit allen Sprüchen des neuen Kultus.
Zwei schwarze Böcklein springen um sie her,
lustig geht es zu im deutschen Wald.

Nur die Pferdchen schnappten sich deine Möhren,
die Elefanten waren des Zoolebens müde,
und dort schlief das kleine Dromedar.
Ein andermal, Giraffe, Giraffe, du schöne!

Jul 16 15

Der gestörte Mittagsschlaf

Kaum hat sich Michel ausgestreckt,
es ächzt die alte Chaiselongue,
die Zeitung hat er ausgewetzt,
wie gut es lüftet vom Balkon –

da brummt aus südlichen Gefilden
ein süßlicher Gefährte dumpf,
mein Michel träumt von Schaumgebilden,
Chimären ohne Rock und Strumpf –

da krabbelt was auf seinem Bauch,
der bläht sich wie ein Stoßgebet,
was ist das für ein frecher Gauch,
der sich zu stören untersteht

des deutschen Michels Mittagsschlaf,
das werden wir gleich sehen!
Schon schrickt der Schläfer aus dem Schlaf,
schon ist er auf den Zehen

und luchst, was wohl der Brummer tut,
der schleckt schon ohne jede Scham
und Achtung vor dem fremden Gut
vom aufgestemmten Bier den Rahm.

Und nimmt die Klatsche von der Wand,
es winkt ein Strafgericht dem Tiere.
Ein Schlag von meisterlicher Hand,
schon streckt der Schnorrer alle Viere.

Da wischt der Held vom Krug den Schaum,
leert ihn in einem Zuge.
Ihm schwant alsbald in wirrem Traum,
als ob in schwärmerischem Fluge

durchs offene Fenster immigriere
ein großer schwarzer Trauerchor
sympathetisch reger Tiere.
Ihm tönt Exotisches ins Ohr.

Summen sie aramäische Oden
um den schmerzlich Vermissten?
Sind das der Fliegen neuste Moden?
Oder sindʼs am Ende syrische Christen?

Jul 15 15

Dunkel ist das Weh

Abendsonne schmerzt.
Weiße Lilie dämmert.
Dunkel ist das Weh.

Sichelmond versilbert
Traurigkeit und Traum.
Dunkel ist das Weh.

Kleiner Spatz umschnattert
deine Gabenhand.
Warm ist Liebesweh.

Buntes Wort entflattert
deinem Blumen-Mund.
Warm ist Liebesweh.

Teich der Augen dunkelt.
Weiße Lilie funkelt
heller als der Schnee.

Duft verströmt dein Wort,
Lüfte wehen ihn fort
schneller als den Schnee.

Jul 14 15

Wie wir uns im Alltag orientieren

Lassen wir uns nicht durch Fiktionen und Pseudo-Theorien oder fiktive oder Laborsituationen von der Differenziertheit und Feinkörnigkeit der alltäglichen Erfahrung ablenken und um ihre Fülle betrügen!

Wenn wir wissen, dass du einen roten Fleck im rechten oberen Wahrnehmungskreis siehst, werden wir nicht darüber erstaunt sein, dass du keine Schwierigkeiten hast, diese Farbwahrnehmung mit der gleichzeitigen Gestaltwahrnehmung eines kleinen stehenden Männleins zur Informationseinheit zu verknüpfen, die dir sagt: „Achtung, vor dem Zebrastreifen stehen bleiben!“

Wir sehen uns berechtigt, nicht die phänomenale Empfindung und Wahrnehmung, sondern den Handlungskreis zum methodischen Ausgangspunkt unserer Überlegungen über die Art und Weise zu machen, wie wir uns im Alltag orientieren: Die Wahrnehmung und Empfindung erweisen sich als integrales Element des Handlungsbogens, der an einer Zeit- und Ortsstelle seinen Ausgang nimmt, sich über eine gewisse Zeit- und Raumstrecke ausdehnt und an einer anderen Zeit- und Raumstrecke wieder in sich zurückläuft, wenn seine Funktion erfüllt und seine Leistung erbracht ist – oder auch vor der ins Auge gefassten Zielmarke abbricht, ohne seine Funktion erfüllt und seine Leistung erbracht zu haben.

Mittels einer empiristischen Analyse der Empfindungen und einer noch so ausgetüftelten Theorie der Wahrnehmung gelangen wir nicht zum Verständnis der Art und Weise, wie wir uns alltäglich im Leben orientieren. Wenn wir jedoch unsere Empfindungen und Wahrnehmungen gleichsam als Messinstrumente ansehen, mit denen wir die Zeit- und Raumstellen finden und messen, an denen wir unsere Handlungsbögen und Handlungsverläufe ein- und ausklinken, kommen wir weiter.

Auf diese Weise hast du deine Handlungsabsicht, die andere Straßenseite zu erreichen, mittels der Maßgaben der Farbempfindung und Gestaltwahrnehmung des Ampelmännchens verwirklicht. Du hast bei der Rotschaltung angehalten und auf Grün gewartet, um dann über den Zebrastreifen zu gehen. Freilich erfüllt sich deine Absicht, über die Straße zu gehen, nicht in sich selbst: Sie ist wiederum ein integrales Element der höherstufigen Handlungsabsicht, mich im anderen Stadtteil zu besuchen. Die höherstufige Handlungsabsicht kontrolliert etliche andere Handlungsverläufe wie den, die U-Bahn zu benutzen oder an meiner Wohnungstüre zu klingeln.

Die höherstufige Handlungsabsicht deines Besuchs wurde in Gang gesetzt durch die einfache Sprechhandlung, mit der ich dir meine Einladung ausgesprochen habe, und die einfache Sprechhandlung, mit der du meine Einladung angenommen hast. In dieser Form der Verabredung ist freilich ein gewisser Grad der Bekanntschaft und des Vertrautseins vorausgesetzt, denn ohne diese Voraussetzung wäre es nicht opportun, an einer fremden Wohnungstüre zu klingeln oder einen Fremden in die eigene Wohnung zu lassen.

Wenn du mich zum ersten Male besuchst und die Adresse nicht auf Anhieb findest, siehst du dich vielleicht genötigt, einen Passanten nach der Straße zu fragen. Seine freundliche Auskunft dient dir zur weiteren Orientierung. Eine Form der Interaktion mit den sie begleitenden wechselseitig abgestimmten Sprechakten des Fragens und Antwortens, Begrüßens und Verabschiedens wird somit zu einem integralen Element deiner höherstufigen Handlungsabsicht und all der Handlungskreise, mit denen du sie verwirklichst.

Zu deiner Orientierung in der Situation gehört demnach auch eine epistemische Bedingung, welche die Art der kommunikativen Relation zweier Personen beschreibt. Sie impliziert die rechte Einsicht in die Struktur dieser Kommunikation und ist anfällig für Missverständnisse und Irrtümer, insofern du mit der von mir ausgesprochenen Einladung das kommunikative Merkmal der Freundschaft verknüpfen könntest und mir aufgrund dieser Annahme ein Präsent zum ersten Besuch mitzubringen gedenkst, während ich mit der Einladung einen Grad des kommunikativen Werts verbinde, der unterhalb des Merkmals der Freundschaft angesiedelt ist. Ich wäre daher vielleicht peinlich berührt, dich mit dem Geschenk in der Hand begrüßen zu sollen.

Wir wissen um den Nutzen von Karten und Stadtplänen zur Erleichterung der Orientierung in fremder Umgebung, und auch du wirst gut daran tun, einen Stadtplan zu konsultieren, um dir die Wegbahnung zwischen deiner Wohnung und meiner Wohnung zu erleichtern und dir eine Übersicht über die Wegstrecke und ihre Stationen zu verschaffen.

Wir haben allerdings bereits eine andere Form der Benutzung von Karten berührt: die Benutzung von Begriffs-Karten oder mentalen Karten. Denn Begriffe wie Freundschaft und Bekanntschaft sind wie tausend andere Begriffe auf den mentalen Karten unserer begrifflichen Orientierung eingetragen. Bei solchen Begriffen handelt es sich nicht um Namen von Objekten wie den Namen der Straßen, Plätze und Denkmäler auf unseren Stadtplänen, sondern um Bezeichnungen von Beziehungsgrößen: Freundschaft oder Bekanntschaft sind Beziehungsmerkmale der kommunikativen Relationen zwischen Personen und verlaufen auf einem Kontinuum des Mehr oder Weniger, des Größer oder Geringer. Zwischen ihnen gibt es vage Stellen des ebenso kontinuierlichen Übergangs, denn bestimmte Handlungen können den Übergang zwischen dem einen und dem anderen andeuten oder klar markieren: So wenn du mir bei deinem Besuch ein Geschenk mitbringst und damit signalisierst, von der Bekanntschaft zur Freundschaft übergegangen zu sein.

Begriffe auf der mentalen Begriffs-Karte gehorchen bestimmten formalen Regeln, zum Beispiel der Regel der logischen Implikation: Wenn du davon ausgehst, dass wir befreundet sind, müssen wir natürlich davon ausgehen, dass du und ich miteinander bekannt sind. Wenn du voraussetzt, dass wir Freunde sind, implizierst du damit die Annahme, dass wir nicht verfeindet sind. Der positive Begriff impliziert die Negation des kontradiktorisch entgegengesetzten Begriffs. Die Begriffe Freundschaft und Liebe sind eine Teilmenge der Menge der Begriffe für zwischenmenschliche Beziehungen, während die Menge der Begriffe für verwandtschaftliche Beziehungen nicht eo ipso eine Teilmenge der kommunikativen Beziehungen wie Freundschaft und Liebe darstellt – bekanntlich finden sich Aversion und Hass gerade auch zwischen Blutsverwandten.

Manche Begriffe dieser Art unterliegen gleichsam einer doppelten Buchführung: So sind für uns die Begriffe Liebe und Hass Gegensätze, nicht aber die Begriffe Liebe und Eigenliebe oder Egoismus, denn die aufopferungsvolle Liebe der Eltern zu den Nachkommen gilt uns als vorbildlich, auch wenn ihr Gegenstand das eigen Fleisch und Blut ist, die Elternliebe also als Form des Egoismus betrachtet werden kann, ohne dass sie dadurch in ihrem Wert im Mindesten geschmälert würde.

Nur einfältige Sentimentalisten sind ob einer solchen Tatsache enttäuscht und beginnen ihr Lamento über die bösen Gesinnungen der Mitwelt. Es fehlt ihnen die begriffliche Härte und analytische Klarheit um einzusehen, dass ja von echter Liebe nur sinnvoll die Rede sein kann, wenn ein gutes Stück an Egoismus ihr entgegensteht und entgegenarbeitet, dem tapfer sich zu entwinden sie angetreten ist. Welch faules Paradies, lägen wir uns ständig in den Armen!

Im Gegensatz zu den Begriffen, den Gegenstandsbezeichnungen, Prädikaten und Relationen der Wissenschaft sind unsere Alltagsbegriffe weder exakt noch klar definierbar. Wir müssen uns mit unserer Erfahrung, unserem mühsam erlernten Vorwissen und mit ausgesuchten Beispielen begnügen. Deshalb kommen wir immer auch an die Grenzen unserer Orientierung: Du glaubtest, ich hätte dir mit meiner Einladung die Freundschaft angeboten. Aber als du merktest, dass ich das von dir mitgebrachte Präsent ignorierte, warst du nicht nur enttäuscht, sondern offensichtlich desorientiert – dir war in diesem Moment nicht mehr klar, woran du bei mir warst.

Mit unseren Begriffs-Karten verhält es sich wie mit den echten Karten: Wir müssen sie im Lichte unserer Erfahrungen einer ständigen Kontrolle und Prüfung unterziehen und sie nach Maßgabe von vereitelten Hypothesen und vorschnellen, aber bald widerlegten Annahmen revidieren und verbessern. Dass wir unseren Begriff von Freundschaft zu revidieren bereit sein müssen, wenn uns die Erfahrung lehrt, dass darin nicht nur das wechselseitige Vergnügen und die wechselseitige Unterhaltung impliziert sind, sondern dadurch auch das wechselseitige Tragen von Lasten und Ärgernissen gefordert wird, leuchtet unmittelbar ein.

Beschrieben wir unseren Lebensgang als Odyssee, während der wir gehalten sind, sowohl eine Karte der von uns besuchten Gegenden als auch ein Register der wichtigsten Begriffe unserer Erfahrungen anzulegen, könnten wir uns als eifrige, sorgfältige und redliche Biographen bewähren, deren Erzählungen auf mehr oder weniger großes Interesse stießen und je nach dem besonderen Fall und außerordentlichen Schicksal, das dich oder mich in unbekannte Zonen und an ferne Küsten bedeutender Erfahrungen verschlüge, sogar Erstaunen, Verwunderung oder Bewunderung hervorrufen würden.

Du stießest dagegen auf merkliches Befremden, würdest du davon berichten, wie du bei deinem ersten Besuch bei mir zu deinem Schrecken habest feststellen müssen, dass ich die Wohnung mit einem unheimlichen Wesen teile, das statt zweier Augen ein einziges in der Stirnmitte trage und dem ich bei Strafe, von dem riesigen Ungeheuer aufgefressen zu werden, als ein Sklave zu dienen und täglich ein Lamm zu schlachten verpflichtet sei. Solltest du die Geschichte mit Bierernst auftischen, dürften wir nicht lange vor der Annahme zurückschrecken, dass du tatsächlich Überblick und Orientierung gänzlich eingebüßt habest, und stünden nicht an, dich für verrückt zu erklären; solltest du indes das Märchen vom Kyklopen mit einem ironischen Grinsen von dir geben, wüssten wir, dass du schlagartig von den Gattungen der Biographie und Annalistik zur Gattung der fiktiven Erzählung und der phantastischen Novelle übergewechselt bist, nicht ohne es mir in deiner verschmitzten Bosheit heimzahlen zu wollen.

Jul 13 15

Seelenwitterung

Die Seele ist wie Dunst,
ein Mund haucht übers Glas,
und Trübnis stellt sich ein,
das Bild verschwimmt.

Doch wechselt ihre Gunst,
von Sonnenblick geküsst,
übers Wasser hingeneigt
ein sanftes Auge glimmt.

Und fliehen Wolken schnell,
ein Schauer macht sie flüstern,
ein Tropfen rollt vom Blatt,
sie schwebt auf dunklem Teiche.

Gleich wird es wieder hell,
sie atmet mit dem Grase,
wo ihr ein Pfad beschwört
den liebsten der Vergleiche.

Jul 13 15

Stehender Wechsel

Zeichen kommen,
Wolken gehen.
Düfte wirren,
Blüten flehen.

Was kitzelt sie ins Sein?
Was wickelt sie wieder ein?
Wind um Wind,
unsichtbar und blind.

Herzen klopfen.
Seelen wittern.
Töne tropfen.
Schleier zittern.

Was küsst sie in das Sein?
Was zieht sie wieder ein?
Meer um Meer,
Möwe schreit, wie sehr.

Götter stehen,
Sterne wehen.
Blumen trinken,
Götter sinken.

Was schmeichelt sie ins Sein?
Was dunkelt sie wieder ein?
Licht um Licht,
das ewige Gericht.

Puppen träumen,
Falter glücken.
Menschen kommen,
Träume rücken.

Was weckt sie in das Leben?
Was lässt die Geister schweben?
Lieb und ihre Not,
treu bis in den Tod.

Jul 12 15

Adieu

Anlegebrücke Eiserner Steg, Frankfurt am Main

Endlich still.
Und Abend löscht die Linien.
Löscht und löst sie bis zum Horizont.

Die Gänse am Ufer zitieren sich selbst.
Die Glocken von St. Bartholomäus
steigen die Stufen der Erinnerung hinab.

Was noch sagen?
Mit müdem Mund, mit schiefem?

Es kommt nur Lispeln,
kommt nur Lallen,
wenn das letzte Boot ablegt.

Als würde dir vom Deck aus winken,
du schaust beschämt zurück,
die kleine Truppe deines Lebensstücks,
Eltern und Geschwister, Lehrer und Kumpane,
Geliebte, Fast-Geliebte, Feindesschatten,
da kläfft auch noch der Hund,
als würden sie vom Deck aus applaudieren,
du schaust beschämt zurück,
fühlst falsch dich in der Maske
des linkischen Spielers,
kurzatmigen Souffleurs.

So winke Abschied allen
und wende dich ins fahle Glück,
allein zu wandeln
unter so viel Reflexen,
so viel Echos des entrückten Lebens.

Endlich still.
Und Abend löscht die Linien.
Löscht und löst sie bis zum Horizont.

Jul 12 15

Entweiht

Als mahlten Steine aus Granit und Gneis
die Perlen der Rosenkränze.

Als gurgelten im Baptisterium Putten
mit Spänen, Asche, schwarzem Tau.

Als würden Engel über Kies geschleift und ihre Flügel
in der Luft zerpflückt.

Die Pfeifen der Orgel sind zerbrochen.
Würmer winken mit den schwarzen Augenringen.
Aus den Registern sintern Sand und Taubenkot.
Die Pfeifen der Orgel sind zerbrochen.

Ameisen rennen im Spalier und wedeln
mit den Fragmenten eines Requiems.

Der lüsterne Wind lugt unter den Brokat
des Beichtstuhls und stöbert nach dem wahren Grund
für die Zerstörung des geweihten Orts
und den Untergang des Volks der Heiligen.

Aus den verkohlten Vätersitzen rußen Hymnen.
Fledermäuse koten auf Mariens Rosenwangen.

Über dem Reliquienschrein sylphidenzartes Züngeln,
als seufzte es durchs Rankenwerk des Weins.

Auf dem Schutt der Krypta,
wo sich in die Schlangenzunge bohrte
der Nagel mystischer Stille,
heulen Hyänen über einem Lamm,
das mit Augen lange schaut,
während das Leben aus den Adern rinnt,
und ihre Mäuler triefen.

Ein Ton wie von der Syrinx oder Glasharmonika
blutet fadenwurmig
aus der Rose des Kreuzgewölbes.

Ein Auge oder einer Hostie reiner Blick
verharrt in grauenvoller Schwebe
über dem besudelten Ziborium.

Als würde das Gold aus den Auren fließen.
Als würden Mosaike klingend springen.

Die Gewänder mit dem Alpha und dem Omega
sind zerschlissen vom Gelage, vom Geschmeiß.
Die goldenen Lettern des Logos
fressen Ratten mit den kalten Blicken.

Als würden wächserne Lilien auf den Altar geklatscht.
Als würden Engelsflügel zerrissen in der Luft.

Die Demut stiller Segenskerzen
löschten lachend schwarze Daumen.
Das Licht, das im Dunkel für die Seele sang,
im Schrei des Lammes brennt es ewig fort.

Als würden wächserne Lilien auf den Altar geklatscht.
Als würden Engelsflügel zerrissen in der Luft.

Jul 10 15

Schrullen

Hündchen lässt sich kitzeln.
Schmollmund möchte witzeln.
Busenfroh schnappt Luft.

Triefaug hat ʼnen Schimmer.
Trauerkloß lacht immer.
Bacchus schenkt den Duft.

*

Lasst uns überschwänglich schwallen,
bechernd uns zum Trost belallen,
bis uns Bacchus winkt.

Wollen wir uns schön erscheinen,
müssen wir vor Sehnsucht weinen,
wenn der Stern uns sinkt.

Wollen wir uns aus Engen zwängen,
müssen wir mit Wein besprengen
unsres Hauses Tor.

Werden rhythmisch überfließen
und melodisch uns genießen
im entzückten Chor.

Jul 9 15

Weh verglüht

Du stapftest durch den knirschenden Schnee
mit der Kanne aus Blech.
War es dem Knaben gereift schon, das Weh,
wie Rahm auf der Milch?

Wie warm wurde das Blech vom warmen Leben
des dunklen Tiers.
Wollte der Mondstrahl wie Flöckchen dich heben
in das Schweigen des Alls?

Du klatschtest durch lachende Pfützen im Mai
mit deinem Ranzen.
Liefest du nicht am Schlund der Sage vorbei,
als der Wolfshund bellte?

Du hast dich in den Tag der Blumen getraut
mit deiner Hippie-Maske.
War denn im Freudensommer die Träne getaut
in deinem Flötenton?

Dann lagst du mit dem Kopf an der Wand,
schautest über den Rhein.
Glühte in der Ferne, auf den Weh-Pass gebannt,
ein Herz nicht im Schnee?

Jul 8 15

Gut gemeint oder klar gedacht

„Der Augenblick ist die Ewigkeit.“

Gut gemeint ist meist das Gegenteil von klar gedacht.

Wie könnte man unklares Denken besser definieren als durch den glänzenden Widerspruch, nämlich etwas zu behaupten und zugleich die Möglichkeit der Wahrheit der Behauptung zu leugnen?

„Das ist deine Meinung!“ – „Als Christ kann man schließlich nichts anderes sagen!“ – „Jeder nach seiner Fasson!“

Die ästhetische Auffassung, jedes Phänomen aus seiner Mitte und dem Puls seines Daseins zu betrachten, kommt der Wahrheit am nächsten.

Wäre uns das Gehirn zum Zweck der Planerfüllung unseres Erdenwallens gegeben, wären wir elend dran. Und es so zu treiben, führt evidentermaßen ins Elend. Aber Hirn und Geist und Vernunft gedeihen und blühen um ihrer selbst willen, wenn sie gedeihen und blühen!

Die Utilitaristen füllen die Leistungsbilanz des Lebens mit den Pluszeichen unter der Rubrik „Vergnügen“ und den Minuszeichen unter der Rubrik „Leiden“. Leider fehlen die entscheidenden Rubriken „Laster oder Verbrechen“ und „Tugenden oder gute Werke“. Denn sie durchkreuzen die Bilanz, wenn sich das fette Quantum an Lustgewinn dem Laster und der Häufung von bösen Taten verdankt oder das Leiden kompensiert wird durch die Zahl der guten Werke.

Die Blume ist ein ganzes Dasein in der Zwiebel oder in der Blüte. Sie verliert nichts, wenn sie die Samen streut und die Blütenblätter abfallen.

Tatsachen sind keine Argumente. Die Tatsache des Sterbens ist kein Argument gegen die Tatsache der Geburt.

Für die Komplexität der Lebensphänomene verfügen wir nicht über ein einheitliches Kriterium der Bewertung – schon gar kein moralisches.

Wir wissen nicht, ob ein ganz und gar leidvolles Dasein besser nicht gezeugt und geboren worden wäre – denn es gibt stellvertretendes Leiden, es gibt die Aufopferung im Dienst, es gibt das Martyrium.

Manchmal paart sich physisches Leid mit metaphysischem Glück.

Die Möglichkeiten des Unglücks wachsen proportional zu den Möglichkeiten des Glücks.

Würden wir ewig leben, steigerte diese Aussicht nicht unser Behagen am Dasein, im Gegenteil, jeder Augenblick würde durch die graue Unendlichkeit der folgenden Augenblicke entwertet.

Die Einmaligkeit unseres Daseins ist die Quelle der Verzückung wie der Bedrückung. Wir können nicht eines ohne das andere haben.

Der Märtyrer, der in der Folter mit sich oder seinem Gott einig bleibt, ist nicht unglücklich.

Größer als die Lust ist die Freude über ein gelungenes Werk oder eine gute Tat. Sie krönt die verdienstvolle Mühe. Die Lust ist geschenkt, aus ihr folgt nichts und sie bewirkt nichts.

Die Schwester der Freude ist nicht das Leid, sondern die Sorge. Die Sorge, die Lebenshemmnisse – für sich, für den Geliebten, den Freund, das Kind – ausräumt, freut sich an der freien Sicht, dem geklärten Horizont.

Freude überragt Lust in dem Maße wie Sorge die Unlust.

Die um Liebe leiden widerlegen den Pöbelmaßstab der Maximierung des physischen Vergnügens.

Je feiner und feinnerviger die Organisation des Lebens, umso köstlicher tasten seine Fühler nach den Nuancen des Glücks, umso schmerzlicher sind die Verletzungen an den Stacheln des Unglücks.

Wer die größere Lust mit dem größeren Verbrechen bezahlt, kann der als glücklicher und glückseliger Mensch gepriesen werden?

Lippen, die von Blut triefen, grölen, sie finden keinen Reim für den Lobgesang auf das Leben.

Nicht Lust und Unlust sind auf der Waage des Lebens verteilt, sondern in der einen Waagschale sind Lust und Unlust, in der anderen Gut und Böse. Tendierten einmal die Faktoren Lust und Böse gegen null, Unlust und Gut aber wären gleich bemessen oder tendierten zum anderen Male die Faktoren Unlust und Gut gegen null, Lust und Böse aber wären gleich bemessen, erschiene beide Male die Waage der Lebensbilanz trotz gegensätzlicher Ergebnisse vollkommen ausgeglichen, die Lebensbilanz wäre im Gleichgewicht und Lot. Das demonstriert die Unsachgemäßheit der utilitaristischen Rechnung.

Das Laster ist kein Einwand gegen die Tugend, das Unrecht kein Einwand gegen das Recht, die Dummheit kein Einwand gegen die Vernunft. Im Gegenteil: Das Laster wälzt sich unbewusst um sich selber, das Unrecht weiß nicht, was es tut, die Dummheit strotzt vor Selbstbewusstsein. Nur die Vernunft kennt sich und ihren Widerpart.

Über die Nicht-Existenz können wir nicht urteilen.

Es ist unsinnig, sich zu fragen, wie es wäre, ein Exemplar des anderen Geschlechts zu sein, es ist noch unsinniger, sich zu fragen, wie es wäre, nicht geboren zu sein, und es ist um noch eine Stufe unsinniger, sich zu fragen wie es wäre, wenn die Welt nicht existieren würde.

Unsere Existenz und die Existenz der Welt sind absolute Grenzen des Denkbaren.

Wir wissen nicht, was es bedeutet sich vorzustellen, die Erde, das Weltall, das Leben, wir selbst würden nicht existieren.

Uns vorzustellen, wir wären uns nicht begegnet, hat keine Relevanz für die Tatsache, dass wir uns begegnet sind.

Vergleichen wir das Dasein hienieden mit einem Theaterspiel, bei dem auch die Zuschauer Akteure sind und während dessen Verlauf nicht nur die Dramaturgie, sondern auch die Spielregeln peu à peu geändert und abgewandelt werden können. Dann steht derjenige, der sich scheinbar dem Mitvollzug des Spiels verweigert, nicht außerhalb des Spiels, er übernimmt vielmehr die Rolle des Narren.

Die Subjektivität oder die Möglichkeit, sich selbst zu fühlen und um sich selbst zu wissen, ist das Welten-Ei. Dummheit fragt, wer es gelegt hat.

Die Möglichkeit und Wirklichkeit der Selbsterfahrung ist kein Welträtsel, das da der Lösung durch die Wissenschaft – ob Physik, Evolutionstheorie oder Neurobiologie – harrt. Denn alles wissenschaftliche Tun setzt die Möglichkeit und Wirklichkeit der Selbsterfahrung voraus.

Wenn man mit der Annahme daherkommt, das Dasein des Selbst mit dem biologischen oder evolutionären Zweck erklären zu wollen und zu können, den es in den Strategien des Lebens und Überlebens der Organismen erfüllt, düpiert man nicht nur das Publikum und sich selbst durch einen wissenschaftlichen Scheinbegriff teleologischer Provenienz, sondern schleicht um die Tatsache herum, dass Subjektivität gleichsam um ihrer selbst willen oder als Selbstzweck existiert.

Die Annahme, Gott sei der Schöpfer der Welt und der Ursprung des Lebens, ist sinnvoller als die Annahme, alles sei einem fluktuierenden Vakuum entsprungen, in dem die Möglichkeit der Selbstgegebenheit weniger wahrscheinlich war als das Überwiegen der Materie über die Anti-Materie.

An uns haben wir alles, auch wenn wir uns stündlich entgleiten und verfehlen. Im Augenblick, in dem wir von den Augen die Schleier der allzu drängenden Sehnsucht, der allzu beklemmenden Angst heben, blicken wir in die Ewigkeit.

Jul 7 15

Leuchtendes Glück

Wie verlor sich die Nacht im tauenden Licht,
im Gezwitscher der Gärten.
Wie verlor sich die Nacht im tauenden Licht.

Wie pickte sich aus dem Ei des Traumes dein Ich.
O goldenes Du!
Wie neckte mich aus dem Vagen dein Sagen.

Wie kitzelten uns aus dem Zögern der Nacktheit,
o Taufe im Fleisch!
die Wellen des Rheins, die Wellen des Rheins.

Wie entschleierten uns freie Lüfte die Haut.
O Poren der Unschuld!
Wie entschleierten uns freie Blicke den Blick.

Wie tönte fern im Meere des Himmels,
o leuchtendes Glück!
die Silbermuschel des vollen Monds.

Wie verlor sich in uns die bittere Nacht,
o süßer Kuss!
Wie verlor sich in uns die bittere Nacht.

Jul 6 15

Leuchtendes Unglück

Wie hob sich der Abend, die goldene Blume,
aus Nebeln des Rheins.
Wie hob sich der sanfte Atem des Abends.

Wie senkte er dir seine Seufzer ins Kosen.
O Schnee deiner Hand!
Wie hob und senkte der Atem sich.

Wie schön, was du sagtest, was immer es war.
O Lichtdrang des Keimens!
Wie schön du warst in der Aura des Abends.

Wie fern lag die Heimat des Stroms unter uns.
O Wolke des Wehlichts!
Wie fern schliefen wir Gesicht an Gesicht.

Wie nah kam die Nacht uns mit zehrenden Küssen.
O zehrender Mund!
Wie nah kam die Nacht uns mit zehrenden Küssen.

Wie fraß die Nacht, eine schwarz-grüne Raupe.
O leuchtendes Unglück!
Wie fraß die Nacht, eine schwarz-grüne Raupe.

Jul 5 15

Lang war der Tag

Wen denn soll ich mit Tropfen besprengen von Schafskraut und Binse,
Maiblumen auch und Tränen der Veilchen als dich, meine Seele?

Bleibe ein wenig mir noch wie Duft im Abend des Gartens,
Lied eines Dufts und die ringsum flügelt, die Biene des Lichtes.

Lang war der sonnenbefohlene Tag, die Pfade verwuchern,
lang das Warten auf dich, die dunkel mir redet mit Augen.

Geben wir stumm uns die Hand wie Kinder, die staunen ins Glühen
süßer Äpfel am Zweig und Wimmelwürmchen der Nächte,

Kinder, die bei der Grotte der alten Quelle sich betten,
Gras rauscht Schlaf ihnen zu, Kuckuck wird wieder sie wecken.

Jul 5 15

Der Schatten auf der Bank

Rheinanlagen vor der Insel Oberwerth, Koblenz

Über der schmalen Zunge des Rheins: Geschrei aus der Urzeit,
schwarze Lust des Vereins flackert ruhlos und schwirrt,
Meuten von Staren in den Kronen hoher Platanen.
Sie bezeugen das Licht Schatten dir auf der Bank.

Hocktest du denn wieder allein auf dem wackligen Bänkchen,
wo noch neulich geseufzt Lehárs Lisa im Traum?
Oder schwebte zur Seite dir ein anderer Schatten,
ungefragt dir geneigt, ungefragt dir entzweit?

Da erschrak die Sehnsucht in dir, als berührten Lippen
dich an der Schläfe, am Ohr, flüsternd wie aus Gebüsch,
dunkle Myrte, sirrendheiß. Du wolltest erwidern
Schönem mit schönem Gruß. Aber der Schatten entschwand.

Wurdest du dir nicht wiedergeboren in lichtenden Wehen,
zeugten die Rufe dich nicht, Sohn des weinguten Rheins?
Oder hockst du immer noch da an der nachtgrünen Lache,
wenn die Glocke vom Turm längst schon beschworen die Zeit?

Jul 3 15

Mein Ginster – dein Ginster

Jugendträume zwischen Koblenz und Maria Laach

Wieder weckst du mich zum Gefühl,
das sich ausatmet über das Tal
und sich müde unter den Flügel schmiegt,
den der Mond über das Seeufer breitet.

Licht floss wie sanfte Verheißung,
wenn wir den Weg von Brohl nahmen
und bis Wassenach uns an den Flammen
betranken. So glomm das Bild

in uns auf, das der Ikone gleich
nach der Wahrheit von Küssen verlangt.
Wir wickelten uns in die Zweige
und sprachen den Lippen der Blüten nach.

Das Leuchten stieg mit mir hinab
in die schwarze Stille des Sees.
Die Blüten sprossen am dünnen Zweig
des Atems und zitterten fern

wie Scheinwerfer auf der Uferstraße.
Wie stieg ich wieder empor zum Brunnen
der Löwen, wie flatterte ich über dem Baldachin
und flog durch das Auge des Weltenherrn?

Riefst du, Bruder, mich nicht zum Ufer zurück,
mir den Staub von der Seele zu waschen?
Wir stießen mit dem Boot durch das Schilf,
wo der Reiher sich aufschwang im Schrei.

Oder wurde deine Stimme Blase unter Blasen,
die vom Schlund aufstößt der hinkende Gott,
wenn er den alten Hass schürt auf die Schönheit
der sich ins Schweigen wölkenden Gesänge?

Ich stehe allein am Ufer des Sees. Der letzte Bus
bringt die Touristen ins Tal. Ginsterblüten
fallen auf den schwarzen Marmor des Wassers
mir aus der segnenden Hand.

Jul 2 15

Im Reich der Neuen Seele

Im neuen Äon, der eine Resurrektion von Pflanzen- und Tierreich nach dem Ende der menschlichen Zivilisation auf Erden sieht, leben nur noch wenige Exemplare der Gattung Homo sapiens verstreut auf Inseln der Meere, wo sie sich eines sakramentalen und poetischen Dienstes an der Natur befleißigen. Weise Seelenvögel wie Uhu, Eule, Rabe und Nachtigall führen den Vorsitz des geheimen Rats der Hohepriester, deren ehrfürchtig vorgebrachte Ansinnen sie mit einem Lidschlag oder einem süßen oder schrillen Träller gutheißen oder verwerfen. Da nunmehr der Lärm der Motoren schweigt und der Todesschrei der geschändeten Kreatur aufgrund der Verzichtleistung der Menschen ausbleibt, die sich vorzüglich der schönen Ordnung von Gärten und Parklandschaften widmen, blühen im neuen Äon Harmonie und Stille – in den Nuancen der Farbmuster der Blumenbeete und Rabatten, dem schimmernden Buschwerk um die zierlichen, anspruchslosen Hütten aus Holz, Papier und Flechten, den eierschalenhellen, knospenzarten Kuppeln der Tempel, in denen die unbekannte Gottheit bildlos durch Kerzen und Blumensträuße, Lieder und Tänze verehrt wird, und in den auf Stelen aufgebahrten Urnen, auf denen der Verstorbenen in zierlichen Epigrammen über ihre schöne Gestalt oder ihre guten Taten gedacht wird.

Freilich ist der böse Trieb nicht völlig zu verwinden. Er bricht sich vorzüglich Bahn in schlechten Taten, die auf die Verwirrung und Schändung der Ordnung und die Störung der heiligen Stille abzielen. Daher fühlt sich der geheime Rat gehalten, die Übeltaten durch Strafen abzuschrecken und die Missetäter durch auferlegte Schweigeexerzitien zu bestrafen und eines Besseren zu belehren.

Bestraft werden insbesondere alle Störungen des Gesangs der Vögel in den Hainen, der Frösche an den Teichen und der Grillen und Zikaden auf den Wiesen und Waldessäumen durch Brüllen, Trommeln oder lautes Disputieren. Auch die Störung des feierlichen Rufs der Glocken, der zur Weihe- und Feststunde in die Tempel befiehlt, durch Lärmen, Grölen oder Pfeifen wird geahndet. Am strengsten fallen die Strafen für üble Lärmverursacher aus, welche die große Andacht zur Stunde des aufgehenden Vollmonds verletzen.

Der kleine Staat ist in Stände geordnet, deren Zugehörigkeit das Fatum der Geburt bestimmt, sodass kein Neid, keine Missgunst und keine eifernde Unruhe das Leben vergiften. Wir finden Pflanzbauern, Hirten und Handwerker, die ihren Nachwuchs anlernen und Schönheit und Ordnung ihren Anpflanzungen und Geräten für Alltag und Dekor nach ästhetischen Mustern aufprägen, die alte Überlieferung aus den Händen der gelehrten Priester vorschreibt. Wir finden Heiler, die den Kranken durch Beschwörungen zu neuer Lebensermutigung heilen oder mit Pflanzensäften im Sterben trösten. Gewiss fallen auch in diesem Gemeinwesen die Minderbegabten und die zur sozialen Verantwortung Unfähigen der Paria-Kaste anheim: Doch behalten sie womöglich eigene Würde als Gefangene des Tempels, den sie reinigen und warten.

Und schließlich finden wir in der herrschenden Kaste Priester, die zugleich Dichter, Musiker und Maler sind, denn Herrschaft auszuüben bedeutet im Reich der Neuen Seele, sich Weisungen durch das Gespräch mit Blume und Vogel, Hirsch und Reh, Katze und Kuh zu ermitteln und durch Meditation von Wolke und Wind, Regen und Schnee, Sonnenuntergang und Mondaufgang das innere Leben der Seele zu vertiefen und in regelmäßigen Botschaften in Schrift und Bild zu verkünden. Die Priester halten ihre Inspirationen im Tempel zu den seelisch bedeutsamen Zeitenwenden des Morgens und Abends, der Sonnenwende und der Mondzuwächse unter dem Kuppeldach fest, das mit edelsten und luziden Steinen das materielle und das geistige Licht durchlässt.

Jul 1 15

Kümmernisse

Wenn die Frucht des Mondes im Gezweige glimmt,
und du hast die Träne nicht,
den Glanz zu mildern.

Wenn dir ein weicher Wind den Nacken kost,
und du findest keiner Liebe Bild,
das dich enthielte.

Wenn ein Pupurball dir vor die Fuße hüpft,
und du weißt ihn nicht zu fangen,
wem zu schenken nicht.

Wenn die lang ersehnte Liebe
so leise an die Türe klopft,
dass du nicht wach wirst.

Wenn dein Schicksal neuem Sternbild weicht,
und du fühlst die Augen nicht,
die heimwärts flehen.

Wenn Glocken unterm Schnee verhallen,
und du lässt der Seele nicht
Flug und Gesang.

Jun 30 15

O Rosenseele, du ferne

Bist du nicht ferner von uns als die andere Rose,
die in Ewigkeiten vor oder nach unserer Zeit
auf dem Erdtrabanten einer unbekannten Sonne
inmitten des Andromeda-Nebels erblüht,
du unsere hiesige Rose der ungeheuren Erde,
uns hintergehend mit Düften,
uns mit Farben betrügend?

Würde einmal von dir nicht der Snob der Natur,
nicht der Amateur der Frauen erregt
mit seinem von Rosenwasser besprengten Kinn,
sondern in ihrem Verlies hinter den Stacheln
der Erinnerung die namenlose Schwester geweckt,
wie badete sie im Licht deines Frühlings!

O Rosenseele, du ferne,
auf deinen schwebenden Blättern den müden Kopf zu betten
und wie das Kind in die Nacht des Kissens zu weinen.

Die schweren Lider zu schließen mit zweien deiner Blätter,
um hinter dem Dunkel das tiefere Dunkel zu finden,
aus dem das Auge der Liebe leuchtet,
das dich erwählt hat.

Im Wohlklang deiner Düfte die ertaubten Glieder zu rühren
und den zerredeten Mund
an die Lippen deines ewigen Schweigens zu drücken …

Jun 30 15

Was der Wind singt

„Schwester Wasser, lass uns schäumen!
Bruder Baum, wir tanzen sternwärts!“

Und das Wasser schäumt und schimmert,
und das Wasser zischt.

Und der Baum wirft Zweig um Zweig,
blaue Flammen, sternenwärts.

„Schwester Biene, Bruder Hummel,
ich sehne mich nach Honiglicht!“

Und die Biene leiht dem Wind
ihr Pollengold, ihr Sonnenlied.

Und die Hummel tunkt den Samt
ihres Säumens in den Mohn.

„Schwester Wolke, Bruder Regen,
lasst den Erdenkloß uns wecken!“

Und die Wolke wölkt hernieder
auf die öde Menschenstätte.

Und die Menschen lesen Sturm
aus fluiden Ungetümen.

Und sie sehen Wehgebärden
in den leeren Regenschleiern.

Und die Menschen lauschen bang,
wenn der Wind am Tore rüttelt.

Jun 29 15

Birke, uns dein Licht!

Die Milch der Rinde rinnt vom Wipfel
in den schwarzen Erdenmund.

Die Nymphe dieses Baumes liebt den Schnee
der Osterglocken und des neuen Monds.

Wie rupft der Wind an ihrem Kleid!
Was singt das Licht, wenn alle Blätter trinken!

Der Wind will mit sich reißen eine Braut
und sich stopfen in die Kehle des Geheuls.

Die Birke aber steht im Übergang des Abendlichts
in ein Gezwitscher von Adieus und Küssen.

Das Licht singt von den Menschenkindern
und ihrer Häute derbem Tuch.

Die Birke aber schenkt die Rührung wieder,
mit süßen Tropfen Glanzes, die sie trinken.

Jun 28 15

Die Taube

Ihr Kopf war abgerissen.
Oder abgebissen.

Ein roter toter Wurm
baumelte der Lebensfaden
aus dem leeren Torso.

Sie lag elend und kopflos in der Einfahrt.
Ein kurzer, schrecklich langer Blick –
dann bist du seitwärts schielend vorbeigeschlichen.

Als du zurückkamst mit deinen vollen Taschen
voller Lebenskost und Sterbenskram,
da lag er immer noch da,
der aufgeplusterte Kadaver.

Mit den vielen Seiten der Zeitung,
die gelesen oder nicht gelesen
dir als unlesbar galten,
hast du den Schreckensvogel bedeckt.

Macht man es nicht so mit den Leichnamen,
dass man ihnen das weiße Linnen über den Kopf zieht?
Wie aber den geköpften?

War es ein Auto? Doch wo war der Kopf?
War es die schwarze Feindin, die Krähe?
Und flog mit dem Taubenkopf im Schnabel querstadtein
und ließ ihn in den Hut des bestürzten Bettlers fallen?

Du hast sie ganz vorsichtig umfingert,
mit dem taub machenden Packen der Zeitung gesichert
gegen das echte Gefühl,
das dem Wahnsinn benachbarte echte Gefühl.

Wie leicht sie war!
So leicht wie das Leben,
das um Wolken tingelt,
aus grünen Pfützen nippt,
ein, zwei weiße Federchen herabtrudeln lässt
zu den rosigen Füßen einer Göttin,
die sich bei ihrem Turteln
an das duftende Gärtchen des Adonis erinnert.

Du hast sie sorgsam in der Abfalltonne geborgen,
versteckt zwischen überquellenden Mülltüten –
den Gedanken, sie in der Biotonne zu entsorgen,
hattest du rasch wieder verworfen.

Hier liegt sie, Abfall im Abfall,
und ist tot,
so tot wie die Liebe eines Geköpften.

Jun 28 15

Die Wiederkehr der Seele

Kein Mose, kein Platon und kein Darwin haben das Geheimnis der Seele gelüftet. Nicht einmal Sigmund Freud und seine Antipoden. Niemand zählt uns auf die Hand ihr Woher und Wozu. Wir haben aber im Zeugnis der großen lyrischen Dichter das Zeugnis ihrer Gegenwart.

Dass die Seele sich fühlt und jeweils in bestimmter Weise, ist die knappe und dürre Formel, auf die wir angewiesen bleiben.

Wir können das Rätsel selbst oder das Rätsel des Selbst, das sich im Selbstgefühl versteckt, nicht auf einen Schlag durchschneiden, sondern müssen uns damit behelfen, es von allen Seiten zu umschreiten und uns ihm wieder und wieder zu nähern.

Erst wenn wir das zart duftende Veilchen, das uns von weitem entgegenleuchtete, näher in Augenschein nehmen, gewahren wir plötzlich seinen Duft.

Schon Pythagoras erfasste das Gestimmtsein der Seele im Vergleich mit der Stimmung von Saiten der Lyra. Indessen dringen wir nicht tiefer, wenn wir die Spannung in der harmonischen Folge der Töne metrisieren. Wir müssen vielmehr den Vergleich ins Paradoxe überspannen und uns fragen, wie es wäre, wenn die Lyra selbst lebendig wäre und sich selber spielte, sich selber hörte?

Du warst bestürzt, in der Toreinfahrt die Taube liegen zu sehen, deren Kopf abgerissen und verschwunden war. In diesem Betroffensein wurde dir das traurige Schicksal des verendeten Vogels zum Symbol für das Schicksal allen Lebens, das sich vor dem Tode und dem Grauen des Todes nicht zu bewahren vermag. Du musstest dich und dein Leben einbringen und einfügen in das von dir Gesehene, um zur symbolischen Tiefe durchdringen zu können.

Ein Dichter könnte solch ein symbolisch erschlossenes Dasein um die Nuance oder den Schatten einer Metapher oder eines Bildes sprechender, ausdrücklicher werden lassen, wenn er das Wissen um die Tatsache, dass die Taube der Lieblingsvogel der Aphrodite ist, in die Stimmung der Trauer einfügt, die die Vergänglichkeit der Liebe in der Zeit umschattet.

Die spezifischen Modifikationen des Selbstgefühls wie Bestürzung und Trauer, Jubel und Freude, Langeweile und Angst sind auch die spezifischen Modi der Stimmungen des Gedichts. Das Selbstgefühl tritt nicht nackt und bloß in die Welt, sondern jeweils umhüllt und umhaucht von dem Stoff, dem Duft und Wind der Gegenwart. Der kühle Wind der Bestürzung bläst dir jetzt ins Gesicht, wenn der symbolische Gehalt des Gedichts, das du jetzt liest, zu dir durchdringt und spricht.

Sätze wie: „Ich habe es selbst so empfunden“ oder „Ich habe es selbst so wahrgenommen“ sind gleichsam Steigerungen und Intensivierungen der Sätze „Ich habe es so empfunden“ und „Ich habe es so wahrgenommen“, die ihren verborgenen, aber immer gegenwärtigen Selbstbezug ausdrücklich machen.

Wenn du nach der Lektüre des Gedichts sagen kannst: „Ich habe es selbst so empfunden“, bestätigst du die Wahrheit der Annahme, dass Gedichte zu verstehen bedeutet, sich selbst etwas besser zu verstehen, oder die Wahrheit der Annahme, dass Gedichte Medien der Selbstbegegnung darstellen.

Das Selbstgefühl wird schöpferisch, wenn es sich in der spezifischen Modifikation seelischer Zustände ausdrückt und sich Symbolen aufprägt, die es auf gelungene Weise zur Sprache bringen und mitteilen. Das Gedicht ist das Medium der Selbstmitteilung.

Es gibt nicht erst ein gewisses, vages und anonymes Fühlen, das sich früher oder später ein kühnes, autonomes Selbst gleichsam aneignet. Jedes Fühlen, jedes Empfinden ist schon Selbstbezug oder birgt ihn in sich.

Das Selbstgefühl, das sich selber verborgen und verhüllt an der Haut der Dinge gleichsam entlangtastet, nimmt im Gedicht die Schwerelosigkeit des Traumbewusstseins an.

Kein Gedicht ist eine einsame Monade, sondern jedes blickt auf seinesgleichen, auch wenn diese nur virtuell vorhanden sind. Deshalb kommen die gelungensten Exemplare in einer Gemeinschaft von mehr oder weniger nahe oder fern stehenden poetischen Schwestern zur Welt, mit denen sie gleich Sternen eine Konstellation oder ein Gesamtbild aufbauen. Darum reihen sich die Preislieder des Hohelieds zu einem Zyklus, daher Goethes Wort von seinen Dichtungen als den Bruchstücken einer großen Konfession.

Wir bleiben unbefriedigt zurück, wenn wir von einem Dichter nur immer wieder in das Einerlei einer einzigen Stimmung versetzt werden, und wünschen uns instinktiv die Selbstmitteilungen der Seele als variationsreich gesetzte und bunt gestimmte Polyphonie.

Sicherlich ist der animalische Kern unserer Seele zu Grundtypen seelischer Zustände aufgeschlossen. So kennen wir uns und unseresgleichen ohne es in der Schule gelernt zu haben als Bedürftige und Hoffende, als Ängstliche und Siegesgewisse. Aber auch dieser Kern zerfällt von Anfang an in eine strukturierte Mannigfaltigkeit von Zustandsvarianten.

Die Wiederholung, der Refrain, der Reim, sie bestätigen und sagen nicht dasselbe, sondern intensivieren und steigern das Selbstgefühl. Selbst das Ausbleiben der erwarteten Wiederholung, des Refrains, des Reims können zu dieser Form der Intensivierung und Steigerung beitragen.

Wir kennen uns selbst nicht ohne unsere Stimme, die wir hören, wenn wir reden, die wir sogar hören, wenn wir stumm mit uns selber reden.

Nachdem das Gedicht die ihm konventionell nach der Gelegenheit seines Vortrags zugemessene Weise und Melodie abgelegt hatte, verhallten das Echo des Klanges und der Gesang der Stimme nicht ganz, nur dass Klang und Gesang ihm nunmehr aus dem Wort selbst zugemutet und zugedichtet wurden. Im richtigen Aufsagen und Rezitieren von Gedichten will sich dieser innerliche Gesang Gehör verschaffen.

Das Gedicht bezeugt, dass sich das Leben der menschlichen Seele als Mitteilung von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr vollzieht. Wie das gesprochene Wort, wenn es etwas zu sagen und mitzuteilen hat, sein Ohr und Gehör findet, so entwirft sich die menschliche Seele im dichterischen Wort und empfängt sich dabei zugleich. Sie spricht sich aus und spricht sich zu.

Das dichterische Wort ist der Spiegel, ohne den sich die Seele unsichtbar bliebe. Gedichte sind Spiegelungen der Seele.

Im Gedicht sprichst du mit geliehenen Worten von dir selbst in einer Weise, die deine eigenen Worte an Klarheit und Innigkeit weit übertreffen.

Die Hand, die liebkost, liebkost sich selbst. Der Mund, der küsst, küsst sich selbst. Im Gedicht, das dich berührt, berührst du dich selbst.

Masken zu tragen war dem frühen Menschen für den Augenblick intensiver Selbstbegegnung vorbehalten: Das Tier, das er nun darstellte und in das er sich verwandelte, gebar ihm gleichsam die Seele aus dem Schoß der Seele. Das Gedicht ist die Maske, unter der sich die Seele neu gebiert.

Die großen Stoffe und symbolträchtigsten Dinge, die der Dichter auf das spezifische Selbstgefühl des Gedichtes stimmt, sind das Wetter und die Jahreszeiten, sind Sonne und Regen, Wind und Schnee, Pflanzen und Tiere. Mit dem Zauberstab der Metapher weckt er in solchen Stoffen das ganze seelische Leben in aller Fülle und allem Reichtum seiner Formen.

Die elende Taube mit dem abgerissenen Kopf beschwor uns im Gedicht die Trauer über die Liebe, die unter dem düster-engen Horizont des Todes und der Vergänglichkeit unerfüllt blieb. Sie fliegt, neugeboren aus einem anderen Gedicht, in die offen leuchtende Landschaft der sich selbst offenbaren, der wiederkehrenden Seele.

Jun 26 15

Urlaubstage in der Ewigkeit

Wir leben für die Katz. Für die schöne, für die feine, die spitzohrige, flauschflaumige, kratzfatzige Katz.

Wir sitzen auf der Bank und schauen übers Tal und reden katz- und katzelig über Katz und Maus. Wir streuen durch den Wolf gedrehtes Hühnchenfleisch in Trockenbonbonformat auf die Mauerbrüstung aus und hoffen für die Katz und ihr feines Näschen.

Du und ich, wir leben für die Katz, das Katzerl, denn was wir erübrigen an Sommernachmittagsgefühlen, geht alles hin und weg nur für die Katz.

Da kommt das weiche Seelentier und windet sich durchs Gitter. Das gute Näschen hat es ihm erwittert. Jetzt buckelt unser Kätzchen so nahe vor mir hin – da will ichʼs voller toller Liebe packen und fass es schon am Schlafittchen – miau, miau, ausi ist der schnurrbärtige Kobold und hat sich meinem Griff ruck, zuck entwunden.

Du und ich, wir leben für die Katz. Wir sind ja hin und weg von all der wunderlichen Katzen-Anima, die uns mit Schnurren und mit Murren wild beseligt, sanft besiegt.

Wir schmelzen zärtlich hin für unsre Katzenseele und nennen kosend sie „Fele-Mele“.

Wie gerne sind wir hin und weg fürs Katzen-Seelchen und wispern mit der grauen Maus aus dem staubig-kotigen Mauseloch: „Wisper, wisper, ist das Katzerl da, das Schnurrebiest?“ Und wir zittern mit dem Mäuschen vor dem Bernsteinauge unsrer schönen Räuberin.

Wie schön schamlos gähnt die Katz und streckt das rosa Zünglein in die katzenfrohe Welt! Wie schön arglos rekelt sich die Katz auf dem warmen Stein und streckt die Pfötchen in das Himmelsblau!

Wir leben für die Katz. Doch die Katz lebt nicht für uns. Wenn wir mit Kinderaugen schauen in das Tal und schielen dann und wann und immer wieder seitwärts nach der Katz, kommt sie noch lange nicht. Und kommt sie dann herangepirscht, stolziert sie lautlos an der Nase uns vorbei und würdigt keines Katzenaugenblickes uns und unsre Katzenfröhlichkeit.

Weil wir leben für die Katz, leben wir für uns. Weil wir die Katze lieben, lieben wir auch uns. Weil uns die Katzen-Anima beseelt, müssen wir nicht dürftig menscheln nur. Weil die Katzen-Anima uns animalisiert, sind wir nicht so todeslangweilig an Herz und Hintern humanisiert.

Wackelt kurzsichtig und krummen Beins der Dackel durch das Tal, schautʼs Katzerl einmal hin und zweimal niest es hinterher.

Dackelt wiederum das Hundchen vorbei, dann schießt die rote Feuerseele unsrer Herzenskatze ihm an die Gurgel und bringt ihm Mores bei. So lernt der tumbe Kerl, was es heißt, die Katzen-Aura mit üblem Dackeldunst und stinkigem Fellgeruch zu ätzen und verletzen.

Bald machen wir wieder Urlaub in der Katzenewigkeit. Die dauert so ein Stündchen in der Abendsonne, wenn das grüne Tal mit uns atmet ein und aus.

*

Als würde dein Schatten wie ein scheues Tier kuschen und sich in die Stille schmiegen auf der Abendwärme des Kieswegs. Und dein Schatten sickert in den Kies wie die dunkle Lache aus dem ausgegossenen Messingeimer und beleckt den Humus. Dein Schatten, du fühlst ihn, sickert in das leise Wachsen des lauschigen Mooses. Und ringsum, was Größe hieß und Elend, was Menschheit und was Zeit, schmilzt in das Wunderlicht der Ewigkeit.

*

Die Elster springt, die Elster hüpft. Wie lebendig dieser winzige schwarzweiße Fleck am Saum der Wiese! Die Wolke steht über uns in ungreifbarer Höhe. Es schwindelt uns, wenn wir mit Blicken nach ihr greifen. Ich bin mit dir, und du bist mit mir, und jedes ist für sich in Gedanken in der Höhe der reinen Wolke, die zu stehen scheint und doch leise, leise dahinweht. Und wie schnell sie verging! Schon steht das blaue Tor des Himmels offen, und frisch gewaschen glänzen die türkisfarbenen Kacheln des grenzenlosen Himmelskorridors. Um das kosmische Dunkelblau der unbewussten Liebe bläht sich die zart durchbrochene Gardine eines wässrig-weißen Dufts, vor das tiefe Auge der Ewigkeit schiebt sich ein Schleierhauch aus wolkigem Nichts. Da flattern unsre Seelen mit dem Schwarm der Elstern auf und wollen nicht mehr harren in dem Wiesental, wo es krabbelt und wimmelt von Würmern und Mücken und Mäusen und wo ein Pfad von Weiler zu Weiler sich schlängelt, auf dem die Besitzer ihre Hunde und die Hunde ihre Besitzer ausführen. Schwärmen wir also aus oder hängen wir uns müde an die Schleier und Zipfel der immer ferner ziehenden Wolken und lassen uns blenden von den Kondensstreifen der Düsenjets? Gleiten wir noch ein wenig über die blauen Fahnen des Winds, schaukeln wir noch ein wenig auf den Lichtbojen des Abendhimmels, bis uns ein großherziges Gähnen auf den Teppich aus Kräutern und Halmen zurückwirft. Oder wir bleiben in halber Höhe wie die flirrenden Blätter der Pappel hängen und trudeln seitwärts in ein halb geträumtes Plaudern und Plauschen, bis uns die Kühle die Haut kitzelt und das Silberwappen der schmalen Zarge des Monds an die ewige Heimat gemahnt.

 

Jun 25 15

Die verrenkte Charis

Es gibt die Phasen stillen Wachstums und die Epochen ruhiger Bildung, in denen gesunde Köpfe und starke Herzen schönen Gestalten ihre kokette Reverenz machen, und es gibt die Phasen der Unruhe und Verwirrung, in denen kranke Köpfe und schwache Herzen vor monströsen Götzen knien.

Nach Horazens Empfehlung solle der Poet seinen ersten Entwurf neun Jahre in der Schublade liegen lassen. Wenn er dann einer erneuten Prüfung auf dem Hintergrund gewachsener Erfahrung standhalte, könne er daran denken, ihn zu veröffentlichen. Das wirft ein Licht auf den global mit der Fieberkurve willkürlicher und ungeprüfter Einfälle anwachsenden digitalen Müll mentaler Zuchtlosigkeit.

„Dekonstruktion“: der Charis ein Gliedmaß verrenken oder ausrenken.

Wenn draußen der Wind heult und im Nebel wie Irrlichter zweifelhaftes Diebsgesindel herumstreunt, bist du heilfroh, deine Tür hinter dir verrammeln zu können. – Der gedungene Verräter pflegte heimlich nachts das Stadttor dem Feind zu öffnen und wurde er ertappt, so war sein Leben rechtens verwirkt. – Anders im ganz Großen: Wenn die bestallten Wächter des Staats am hellichten Tage alle Tore öffnen und alle Grenzen niederreißen, wenn sie dulden, dass das eigene Territorium für das Eindringen fremder Völker und Mächte vogelfrei wird, werden sie nicht nur nicht zur Verantwortung gezogen, sondern von den sklavischen Seelen aller Medien und Kirchen bejubelt.

Der Landesverräter der Dichtung ist der Sprachschänder, der die Mutter zur Unzucht zwingt mit den Götzen fremden Bluts.

Die Kreolisierung der Rassen wird noch übertroffen von der Kreolisierung der Sprachen.

Hunderte Jahre Aufbau und schöpferisches Tun – zwanzig, dreißig Jahre, um die Dome zu schleifen und das Wissen um die großen Bauformen in Dichtung und Kunst dem Vergessen oder zumindest der Verachtung preiszugeben.

Die wohlgebaute und formschöne Geige klingt schon, wenn du vorsichtig mit dem Fingerspitzen ihr auf den Bauch klopfst. So bedürfen lyrische Gedichte eines wohlgebauten Körpers und einer formschönen Bauart, in welche die neugeborene Seele des Gedichts einziehen mag oder auf der ihr aufs Freizügigste zu spielen und sich zu leben vergönnt ist. Ohne diese wäre sie verdammt, im Unbehausten zu schweifen und im wüsten Brachland zu nächtigen. Nackte Schnecke ohne Haus, sie kommt nicht weit.

Schwaden Nebels oder Fahnen beißenden Rauchs – wer mag sie beseelen?

Entreiße dem Körper der Charis ein Glied, schon ist sie entstellt und antwortet nicht mehr dem Ruf des Dichters, sondern jammert bloß vor sich hin.

Den aus dem unversehrten Bau des Gedichts herausgehauenen Teil, wie will man, dass er atme oder sich anmutig bewege? Die versehrte Form ist zum Schweigen verdammt, auch wenn unaufhörliches Jammern und Klagen von ihr ausgeht.

Der Bau des lyrischen Gedichts verleiht seiner Seele einen Körper. Ohne die gute Fügung und die rhythmische Gestalt dieses Baus wäre sie weniger als ein Gespenst.

Es ist überhaupt ein Kennzeichen der klassischen Kunst, dass ihre Werke nicht gespenstisch und körperlos an uns vorüberschwanken und vorüberschweben, sondern mit gutem Stand- und freiem Spielbein unserer Neugier und Zudringlichkeit standhalten, mit eigenen Augen uns anblicken und ihre Seele nicht bedenkenlos jedermann hingeben, sondern nur dem, der sie frei und unbefangen anschaut, nur dem, dem ihre Seele in den feinen Bewegungen der Glieder, in der Kühle der Oberfläche oder in der Wärme des Inkarnats spürbar wird.

Die so unterschiedlichen Bauarten der Dichtung untergraben den revolutionären Glauben an die Gleichheit der von Gott oder der Natur erschaffenen Seelen: Denn jede Bauart ist für eine andere Seele, einen anderen Typus, eine andere Fühlweise geschaffen, die Ode für die große, das Wiegenlied für die kindliche, das Epigramm für die trockene, das Liebeslied für die wässrige, die Elegie für die ätherische, die Satire für die feurige Seele …

Das Erdreich, in dem der Samen fruchten soll, muss auf die Aussaat gut vorbereitet werden, du musst es aufgraben und Steine und Steinchen entfernen, du musst das Unkraut jäten, den Humus auflockern, die Erde gut und reichlich wässern … Wie nun mit dem menschlichen Geist, der den Samen eines großen inspirierten Worts oder eines großen Gedichts von Pindar, Horaz oder Goethe aufnehmen soll, auf dass er Frucht bringe, muss er nicht von Unkraut gereinigt, gründlich durchlockert und zuvor mit dem köstlichen Wasser der Geduld und der heiligen Ernüchterung besprengt werden?

„Alles ist voller Götter.“ Auch diese Linie kann man von Thales aus ziehen, sie gipfelt nicht in der Weltvernunft oder dem Weltstaat, sondern in der Weltseele.

Man kann ein Kontinuum der Beseeltheit bilden von den psychischen Spurenelementen der anorganischen Formen über die Seelen der Pflanzen und Tiere bis zur Seele des Menschen, der sich der Gabe rühmen – aber dabei auch einer Gefahr, seiner Gefahr, innewerden – kann, am seelischen Leben aller anderen Formen teilnehmen zu können.

Die lyrischen Grundelemente der Maße wie Jambus und Trochäus, Daktylus und Anapäst verkörpern psychische Spurenelemente, denn sie übertragen sich in rhythmische Gefühle und dynamische Werte des Steigens und Fallens, Wogens und Drängens. Auch die Enttäuschung einer Erwartung, wenn das Metrum unausgefüllt bleibt oder der Reim fehlt oder statt eines vollen Klangs eine Pause der Stille eintritt, auch dies gehört zu den wesentlichen Spuren der Seele, die von Erwartungen lebt und auf Wechsel und Umbrüche gestimmt ist.

Wenn wir Seele oder Anima definieren als in sich geschlossenes, aber osmotisch mit dem Umwelt interagierendes Dasein, das aus sich selber Kraft zu schöpfen weiß und seiner in mehr oder weniger intensivem Maße bewusst ist, können wir verstehen, was es bedeutet, den Darwinismus umzukehren und die Bauformen der Organismen, die er im Kontinuum der Evolution analysiert, als sekundäre Erscheinungen oder Manifestationen des Lebens der Weltseele zu betrachten.

Der Hexameter und seine Bauformen wie das epische Gedicht schließen alle anderen rhythmisch-metrischen Grundelemente der Dichtung außer den Variationen des Daktylus aus. Die seelische Realität, die das Epos manifestiert, muss sich demnach aus dem Verständnis dieser rhythmischen Einheit erschließen lassen.

Wie Rhythmus und poetische Bauform sich zur seelischen Realität fügen, hat kein geringerer Gelehrter als der größte deutsche Gelehrte des 18. Jahrhunderts am Beispiel des Epigramms erhellt. Lessing bestimmt das Wesen des Epigramms in der durch das daktylische Metrum des Hexameters aufgespannten Erwartung des ersten Verses des Distichons und in dem durch das daktylisch-anapästisch gemischte Metrum des zweiten Verses ausgedrückten Aufschluss, das heißt der Erfüllung der vorangestellten Erwartung. Das Wechselspiel von Erwartung und Erfüllung, Anspielung und Entlarvung, Frage und Antwort oder Erregung und Befriedigung umschreibt die seelische Realität, die durch den geistreichen, spielerischen, witzigen und polemischen Pointenstil des Epigramms zum Ausdruck kommt.

Wir weichen mit Schauder und Ekel vor dem leprös entstellten Angesicht zurück und bedauern das elende Geschöpf, dem einen Nase fehlt oder ein Auge oder dem der Mund nerv- und geistlos herabhängt. In diesem Sinne scheuen wir auch vor dem mutwillig durch geistlose oder böswillige Formzertrümmerer zerbrochenen Bau des Gedichts zurück – und werden bedenklich angesichts der Form des hochgepriesenen Fragments, wenn es nichts anderes als ein Zeugnis poetischer Ohnmacht ist.

Wenn wir die Bauformen der Dichtung in Hinsicht auf den Ausdruck ihrer seelischen Realitäten verstehen wollen, müssen wir uns der süßen Täuschung hingeben, uns in Polytheisten und Gläubige von Mythen zurückverwandeln zu können, in denen es von allerlei Quell-, Wiesen-, Wald- und Flussgeistern wimmelt und in denen Blumen und Tiere sich jederzeit als von Göttern verwandelte Menschen offenbaren können – denn es gibt ebenso viele wesensähnliche Bauformen und Ausdruckswerte der Dichtung wie Geister und Fabelwesen des antiken Mythos.

Jun 21 15

Nesseln

Auch sie blühen zart.
Doch hüte dich, weiche Lippe!
Sie küssen heißt wissen!

*

Die über den Zeilen schwirren,
Mücken des Zeitgeists.
Was sie anbeten, ist Dung.

*

Penisdichter.
Reizung nur bläht sie auf,
die Schwellkörper ihres Gelalls.

*

Die Flut steigt.
Noah döst. Zerbrochen
die Arche der Dichtung.

*

Blutegel am Körper des Staats.
Bauchredner
transdanubischer Sprachen.

*

Der Talar hat gekratzt.
Das Kreuz war ein Kreuz.
Priester im Dienste Babels.

*

Sankt Peter, ein Philanthropin.
Die Hostien, mit Honig bestrichen.
Die Glocken läuten zum Symposion.

*

Milch und Blut,
schreit das Herz.
Sie aber schreiben mit Lymphe.

*

Das apokalyptische Tier,
ein Schoßhund. Sie hätscheln es
mit den Matzen der Ahnen.

*

Es ekelt sie ihre Herkunft, ihre Haut.
Sie tätowieren sie
mit barbarischen Zeichen.

*

In den Wahnbildern der Wüste
suchen sie Trost
und finden kein Wasser.

*

Ihre Orakel sind Harlekins,
Mimen, getünchte Gräber.
Sie inspiriert die Kloake.

*

Der die Rettung birgt,
Geist der Propheten.
Sein Spiegel ist für sie leer.

*

Krethi und Plethi laden sie
an ihren Tisch.
Doch selbst diese ekelt der Fraß.

*

Der große Morgen ist da.
Sie haben verpennt.
Nur ein Reh grast auf der Lichtung.

Jun 21 15

Fransen

Zerlaufene Schminke.
Ob echte Tränen, ob falsche,
sie glaubt es sich.

*

Tropfen auf dem Glas.
Das große Wort, das kleine,
sie perlen ab.

*

Das Licht im Türspalt.
Erwartung, golden blühend.
Das Dunkel dann.

*

Der Scheinwerferkegel.
Myriaden Mücken.
Vertanes Sein.

*

Die Taxiuhr flimmert.
Baum für Baum fliegt hin.
Jeder kostet einen Cent.

*

Das Herz pocht im Dunkel.
Der Mund, sein warmes Licht.
Seine süße Lüge.

*

Ein großes Volk ohne Gesicht.
Was glitzert allda?
Prothesen ohne Gefühl.

*

Die Lider zählen die Zeit.
Der Mund spaltet die Ewigkeit.
Das Herz träumt allein.

*

Die Flamme singt vom Tod.
Ein süßes Lied.
Es tanzt das Kind mit ihr.

*

Der Fahrtwind der U-Bahn.
Wahn und Gestank.
Ankunft ist Abschied.

*

Die Ehrenkette baumelt.
Die Hände beschwören.
Ein elender Köter bellt.

*

Das Herz beklebt mit Emblemen.
Der Mund redet Knebel.
Die Seele stinkt.

*

Kennst du dich da aus?
Dein Lachen spricht Bände.
Ich kenne mich da aus.

*

Das Kind küsst die Puppe.
Die Puppe kann sprechen.
Das Kind lernt sprechen.

*

Die Erde, menschenleer.
Was sie nicht finden mit sich,
Atem der Stille.

Jun 19 15

Kleine Poetik in Bildern VIII

Quintus Horatius Flaccus, Epistula ad Florum, 109–125

At qui legitimum cupiet fecisse poema,
cum tabulis animum censoris sumet honesti;
audebit, quaecumque parum splendoris habebunt
et sine pondere erunt et honore indigna ferentur,
verba movere loco, quamvis invita recedant
et versentur adhuc inter penetralia Vestae;
obscurata diu populo bonus eruet atque
proferet in lucem speciosa vocabula rerum,
quae priscis memorata Catonibus atque Cethegis
nunc situs informis premit et deserta vetustas;
adsciscet nova, quae genitor produxerit usus.
Vehemens et liquidus puroque simillimus amni
fundet opes Latiumque beabit divite lingua;
luxuriantia compescet, nimis aspera sano
levabit cultu, virtute carentia tollet,
ludentis speciem dabit et torquebitur, ut qui
nunc Satyrum, nunc agrestem Cyclopa movetur.

 

Horaz, Brief an Florus, 109–125

Wer ein ordentliches Poem zu verfassen im Sinn hat,
streng auf die Finger klopfe er sich wie ein Wächter der Sitten,
dann hat er den Mut, was Grau in Grau sich daherschleppt,
Worte ohne Belang, die den Ehrenplatz sich erschlichen,
aus der Zeile zu werfen, mögen sie noch so sich sträuben,
gleich den keuschen Jungfern im Tempel der heiligen Vesta.
Retter verlorener Schätze, gräbt er verschollen geglaubte
Worte wieder ans Licht, ein neuer Anblick der Dinge,
Worte, in aller Munde zur Zeit der Ahnen, des Catos
oder Cethegus, hässlich behaust in der Ödnis des Alters.
Höhere Weihen verleiht er dem Wort, das der Volksmund geplappert.
Wie der Strom rauscht über die Ufer, die Erde befruchtend,
strömt er sich aus, und Latiums Glück ist der Reichtum der Sprache.
Schwulstiges schneidet er weg, aber Stellen, die allzu verhornt sind,
heilt er mit Milde, was ganz ohne Kraft, dem weist er die Türe,
leicht zu scherzen scheint er, doch ist er gespannt wie ein Mime,
jetzt den Satyr spielend und jetzt den wilden Kyklopen.

 

Gerade schwamm der Kohlkopf einer Wolke vorbei, jetzt zeigt der Himmel schon wieder sein blaues Gähnen.

Was sagte der Freund beim Abschied? Riss der Fahrtwind der U-Bahn seine Botschaft in Fetzen?

An den rostigen Stacheln des Drahtverhaus am Weidenpfad hängen weiße Wölkchen des Samens der Pappel oder des Löwenzahns, ein Windstoß, und er kommt, warte auf den Abend, warte auf den Morgen, und fegt sie davon.

Der einsame Wanderer geht im Nebel über den beschneiten Hügel und findet, freudig erregt, auf der Rückseite frische Fußspuren, bis er, schicksalsergeben, feststellt, dass es seine eigenen sind.

Der Grobian gibt seinen groben Gelüsten nach und sucht die bunt schillernden Seifenblasen mit seinen groben Händen zu erhaschen, und Herr Unverstand tut desgleichen, weil er die Fragilität solcher Dinge nicht abzuwägen versteht. Beide Herren erhalten keinen Zutritt zur Gemeinschaft der zarten Seelen, die mit Seifenblasen zu spielen verstehen.

Aber ist der Gedanke einer Gemeinschaft lyrisch gestimmter Seele nicht eine contradictio in adiecto? Was sich da auf Lyrik-Festivals tummelt, will wie alle Welt Sensationen. Was immer das lyrische Gedicht leisten mag, dies nicht: Es erfüllt nicht die Erwartungen, sondern wohnt jenseits des Sehnsuchtslands, wo ihre Kartoffeln blühen.

Der Wanderer wacht, als er die Öffnung der Landschaft am Spiegel des tief unter ihm liegenden Sees gewahrt, aus seiner Versunkenheit auf und fühlt sein Gesicht benetzt – er fragt sich: Hat es geregnet oder habe ich geweint? Er weiß es nicht.

Ihr Kommentar zur Existenz des lyrischen Gedichts ist der Hauch eines nervösen Hustens: Hinweggefegt ist der feine Staub, der auf den Flügeln des Gedichts geschimmert hat.

Die Plebejer, die heute die Medien und die Bildungseinrichtungen heimsuchen, besonders im Typus des akademisch qualifizierten Banausen, wollen die Dichtung ihren Meinungen, die wie Nebel zwischen der Amygdala und den Testikeln aufsteigen, unterwerfen. Sie soll moralisch und politisch die hässliche Fratze ihrer Dogmen über das, was sein soll, zeigen und die obszöne Zunge des Ressentiments und des Hasses auf das, was nicht sein soll, herausstrecken. Aber das lyrische Gedicht kreist nicht mit den Raben über dem verwesenden Leichnam dieser Kultur, sondern singt einsam wie der Nachtvogel, auch wenn sich zur gleichen Zeit die anderen Plebejer in Hinterkaukasien die Köpfe einschlagen.

Das Gedicht ist die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Leere des Blattes, die Leere zwischen den Worten, die Leere zwischen den Zeilen. Es ist die leere Schale der Stille und der selbstvergessenen Hingabe des Augenblicks, die wir genießen, die uns genießt. Aber diese Leere, diese Stille, diese Selbstlosigkeit werden nur sichtbar, nur hörbar, nur genießbar, wenn sich in ihr die Worte gleich unvermuteten Blüten auf dem Wasser auftun und wieder schließen.

Das Gedicht ist der auf dem Blatt herausgehobene oder herausgerufene Augenblick, dazu bestimmt, ein Augenblick der Selbstvergegenwärtigung des Schreibers und des Lesers zu sein, wenn es dem ebenmäßigen Wasser des Teiches gleicht, in das ein herbstliches Blatt fällt: Wie das Wasser sich in konzentrischen Kreisen um den Endringling kringelt, so rührt das Selbst des Schreibers und Lesers das Gesicht des ihn tragenden Lebens für den Augenblick seiner Existenz mit einem leichten Lächeln, das schon entschwunden ist, wenn wir das Blatt wenden.

Nehmen wir als Bild für die Struktur und den Bau des Gedichts eine alte Apothekerwaage und legen auf die eine Waagschale die Samen der Bedeutung und auf die andere die Blüten der Worte. Die Echtheit und Körnigkeit des Werks wird durch die Tatsache bezeugt, dass die Blüten und Samen Blüten und Samen derselben Pflanze oder Blüten und Samen derselben Pflanzensorte sind. Wären sie es nicht und schmuggelten wir falsche Samen unter falsche Blüten, würde dies hörbar am Missklang und an der Unverständlichkeit des Ganzen.

Wir bemerken, dass uns das Gleichgewicht der Waagschalen ein Zeichen für die Güte und Vollkommenheit des Gedichts gewährt. Ist eine Schale zu wenig oder eine Schale zu viel beladen, empfinden wir die Unvollkommenheit an den Überhängen oder Löchern der Gestalt und an dem Überhang oder der Dürftigkeit des Sinns.

Die Mängel und Krankheiten des Gedichtbaues sind immer auch Zeichen für die Mängel und Krankheiten der Existenz, der uns allen mitgegebenen Krankheiten des Bewusstseins oder des Selbst. Wenn uns das Gedicht mit wenigen andeutenden Worten das Zeichen unserer Selbstvergegenwärtigung gibt, geraten wir leicht in Bedrängnis und Furcht, mit einem so kleinen Gefährt in den Strudeln des Lebensstroms davongetrieben zu werden und unterzugehen. So häufen wir ängstlich und akribisch Worte um Worte, doch unser Boot wird davon nicht sicherer, sondern schwerer und schwerer und droht am Ende zu kentern.

Sicher können wir uns der tradierten Formen und lyrischen Gattungen wie wind- und wettererprobten Schiffen für die große Reise anvertrauen, in der Hoffnung, sich auf sie zu flüchten rette uns vor all den Gefahren der launischen See. Doch nur wenn wir mit dem Gewicht der eigenen Erfahrung und der sie frisch und genau bezeugenden Worte genügend Ballast an Bord mitbringen, verschaffen wir unserem Gefährt den nötigen Tiefgang, der es davor bewahrt, bei der kleinsten Brise bedenklich ins Schwanken und Trudeln zu geraten.

Die karge Ökonomie der Reihung macht die Empfindung wertvoll und beglückt das Bewusstsein. Die sperrigen Fügungen nach Gründen und Zwecken, in denen die Konjunktionen sich tummeln und zucken wie Aale im Sack, verwirren die Empfindung und trüben das Bewusstsein.

Immer nur über den Frühling zu dichten hieße, auf das Gespräch der weißen Blüten und der weißen Schneeflocken zu verzichten, hieße, nicht wahrhaft über den Frühling zu dichten.

Die moosig-dunklen Herbstgerüche bewirken süßere Lebensmüdigkeit, nachdem die Sterbenswollust der iris-hellen Frühjahrsdüfte das Gedicht gebannt hat.

Wenn du den Blick, den Kuss, die Umarmung dreifach mit metaphorischen Hüllen bedeckt hast, droht die frische Glut der Leidenschaft darunter zu ersticken.

Belasse es bei der harten Schale der Dinge, der rauhen Botschaft des Winds und dem undurchdringlichen Schmelz der Augen – es sind ja Zeichen die Fülle, aber plastischer, runder, körniger als die wolkigen Chiffren des Gefühls und die losen Fransen der Gedanken.

Das Destillat des Rosenwassers enthält mehr von der Essenz des Frühlings als die losen Blätter, die du zwischen die Zeilen streust.

Der Geschlechtsakt gipfelt in einer Art todesähnlicher Ermattung, wenn er den Gipfel der Zeugung erreicht hat. Das Gedicht führt bis zum ersten Schnee des Gipfels und bricht dort ab, wo es die Aussicht freigibt auf den tieferen Glanz eines fernen, unbesteigbaren Gipfels.

Das Glück der Stille nach so viel Worten. Als könntest du in der Nacht das einsame Flackern des Grablichts über dir sehen.

Noch bevor du vermeinst in der frischen Spur der Zeichen deinen Namen entziffern zu können, ist das Gedicht vollendet.



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