Von der Idee der Objektivität
Wir haben leicht reden davon, wie es ist, mit der Haut zu denken, denn als wichtiges Organ der Wahrnehmung von Empfindungen beliefert sie uns ständig mit minutiösen Erlebnis- und Vorstellungsinhalten, die vor allem ihrer relationalen Bezüge wegen für unsere Orientierung im Leben entscheidend sind. Wir meiden Orte, die eine gefährliche Hitze ausstrahlen und gehen zweimal rückwärts, wenn die Intensität der Wärmeempfindung zunimmt. Aus kalter Frostnacht kommend suchen wir die Nähe der warmen Feuersglut und gehen zweimal schneller, wenn die Intensität der Wärmempfindung zunimmt. Neben Nase und Geruchssinn sagt uns die Haut, ob die Luft hier rein genug ist, das heißt erträglich trocken oder feucht und warm, um unsere Zelte aufzuschlagen.
Doch wären wir blind, sagte dir die Haut nichts darüber, um welche Art von Ding es sich handelt, das plötzlich auf deiner Hand kitzelt. Ist es ein Käfer oder ein anderes Insekt, Körner Sands, die darüber rieseln, oder der Flaum der Feder, mit der dich einer neckt? Erst wenn du die Augen aufzuschlagen vermagst, wirst du der Tatsache inne, daß es sich bei dem Ding oder Gegenstand oder Objekt um den Flug von Samen handelt, denn du liegst unter einem Haselgebüsch. Die Sehwahrnehmung oder die Sicht ist es offenkundig, die uns mit dem Gegenstand versorgt, den wir als Quelle der Reizungen all unserer Organe identifizieren, ob es die Haselsamen sind, die uns über die Hand gleiten, oder die gellenden Schreie, die wir vernehmen und die wir den Wildgänsen zuordnen, die wir im Flug über uns ausmachen.
Wenn die durch die Schreie der Wildgänse hervorgerufene Hörempfindung verschwunden ist, sind die Gegenstände, die sie hervorgerufen haben, die Vögel, noch vorhanden. Wenn die durch die Samen hervorgerufene Hautempfindung verschwunden ist, sind die Gegenstände, die sie hervorgerufen haben, die Samen, noch vorhanden. Wenn du dich so weit vom Feuer entfernst, daß die Wärmeempfindung auf deiner Haut immer weniger und dann gar nicht mehr zu spüren ist, ist der Gegenstand, der sie hervorgerufen hat, das Feuer, nicht erloschen.
Würden wir als reine Hautempfindungswesen das Feuer im Dunklen nicht weiter brennen sehen können, auch wenn die Wärmeempfindung der Haut erloschen ist, würden wir denken oder schlußfolgern, daß der Gegenstand, der sie hervorgerufen hat, das Feuer, nicht mehr brennt. Wenn wir aber mit dem Haut- und Gesichtssinn uns Orientierung verschaffen können, wie wir es können, korrigieren wir den durch die Hautempfindung veranlaßten falschen Gedanken, das Feuer sei erloschen, durch den richtigen Gedanken, es brenne noch. Mittels des visuellen Systems und unserer Fähigkeit, es zur Identifizierung von Gegenständen und zur Bewertung ihrer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung zu nutzen, erkennen wir, wie es um die Dinge in Wahrheit bestellt ist.
Wir unterscheiden demnach Denken und Erkennen in der Hinsicht, daß uns bloßes Denken mit allen möglichen Gedanken über Sachverhalte, die wirklich oder möglich oder unmöglich sind, beglückt, während das Erkennen beansprucht, uns über Sachverhalte in Kenntnis zu setzen, die tatsächlich bestehen.
Auf der Basis unserer Nahempfindungen wie Tasten, Riechen und Schmecken haben wir kein Vokabular entwickelt, in dem Substantive oder Dingwörter Maßstäbe setzen. Wir sagen von dem, was uns rauh oder weich anmutet nicht, das sei ein „Rauhmacher“ oder ein „Weichmacher“, und von dem, was uns süß schmeckt, nicht das sei ein „Süßmacher“, aber wir sagen, das eine sei eine Sperrholzplatte und das andere eine Feder und jenes eine Erdbeere.
Doch könntest du einwenden, daß auch unser Gesichtseindruck auf seine Weise limitiert sei und uns nur mit vorübergehenden Wahrheiten bekanntmache. So wird das visuelle Bild des Feuers, je mehr wir uns von ihm entfernen, nach und nach schwächer, bis es am Horizont ganz verschwindet, während wir natürlich davon ausgehen, daß die Ursache unserer bisherigen visuellen Reizung weiterbesteht. Ja, mehr noch, der Stern, den wir jetzt wahrnehmen, könnte aufgrund der ungeheuren Entfernung, den sein Licht in der Zeit zurückgelegt hat, längst erloschen sein, so daß wir aufgrund der gegenwärtigen visuellen Wahrnehmung zu dem falschen Gedanken und der verfehlten Schlußfolgerung verführt werden, das Objekt der Sinnesreizung bestehe weiterhin fort.
Wir bemerken, daß die Idee der Objektivität, nämlich, daß die Welt aus Gegenständen und Strukturen besteht, die wir zwar rezipieren und repräsentieren, aber nicht mittels der Organe unserer Rezeption und Repräsentation erzeugen, nicht auf die Funktionssysteme der Wahrnehmung reduziert werden kann. Wir müssen, um unseren Urteilen Objektivität und damit den Anspruch auf Wahrheit zu vermitteln, neben der Existenz von empirischen Gegenständen wie Samen, Feuern und Erdbeeren, die wir jetzt wahrnehmen, die Existenz von theoretischen Gegenständen wie erloschenen Sternen oder unsichtbaren Feuern postulieren, die wir jetzt nicht wahrnehmen. So postulieren wir auf der Basis unseres physikalischen Wissens die Existenz von schwarzen Löchern, zu deren Definition gehört, daß sie prinzipiell nicht wahrnehmbar sind, weil sie kein Licht aussenden, das die Grundlage unserer Informationen über die kosmischen Gegenstände darstellt.
Die Idee der Objektivität nötigt uns aber nicht nur in den Naturwissenschaften das Postulat der Existenz theoretischer Gegenstände auf, sondern ist auch in die Basis unserer kommunikativen Lebensvollzüge eingelassen. Sicher kannst du an der Objektivität des Urteils zweifeln, daß ich dich gestern im Park gesehen habe, weil du dir sicher bist, den gestrigen Tag zu Hause verbracht zu haben. Aber an der Objektivität des Urteils, daß ich dich gestern im Park gesehen habe und du zur gleichen Zeit im Bett gelegen hast, mußt du zweifeln.
Wir bemerken, daß wir zur Grundlegung unserer alltäglichen Verständigung die Existenz eines theoretischen Gegenstandes postulieren müssen, den wir die personale Identität zu nennen pflegen. Die personale Identität ist nicht dasselbe wie die körperlichen Zustände, aufgrund deren wir sie identifizieren, wie die Tatsache, daß du dich jetzt in diesem Raum aufhältst und ich dich auf Grundlage der Sinnesreizungen, die deine körperliche Gegenwart aussendet, identifizieren kann.
Insbesondere ist die personale Identität nicht dasselbe wie die Hirnzustände, die dein Verhalten steuern. Du hast damals diesen Kreditvertrag mit deiner Hausbank unterzeichnet und bist bis auf den heutigen Tag rechtlich verpflichtet, die Raten nebst Zinsen zu begleichen. Der Hirnzustand, der den Akt der Unterzeichnung des Kreditvertrages gesteuert und begleitet hat, gehört der Vergangenheit an. Die soziale Tatsache, die aus ihm folgte, die Rückzahlungsverpflichtung, dauert an, weil sie an die Existenz und Dauer deiner personalen Identität geknüpft ist.
Jemand kann der sozialen Verpflichtung nicht mit dem Hinweis entkommen, daß seine empirische Existenz aufgrund der Modifikationen seiner körperlichen Zustände nicht mehr dieselbe ist wie zu dem Zeitpunkt, als er sie eingegangen ist. Jemand wird aus der sozialen Verpflichtung nur entlassen, wenn wir das Postulat der theoretischen Existenz seiner personalen Identität teilweise oder ganz aufgeben, zum Beispiel, weil die Person für schwer dement erklärt und entmündigt worden ist.
Personale Identität ist demnach kein empirischer Zustand, und der philosophisch dilettierende Neurowissenschaftler, der erklärt, er habe mittels bildgebender Verfahren keine Hirnareale ausmache können, die er als kausale Faktoren für die Existenz personaler Identität in Anschlag bringen könne, redet genauso großsprecherisch an der Sache vorbei, wenn er schlußfolgert, demnach gebe es keine personale Identität, wie der Neurowissenschaftler, der treuherzig behauptet, er habe ihre Existenz auf der Grundlage der Entdeckung eines solchen Hirnareals bewiesen.
Personale Identität begründet die Objektivität der sozialen Welt dadurch, daß wir sie postulieren und behaupten, daß wie sie postulieren und zuschreiben. In jedem Sprechakt ist dieses Postulat und diese Zuschreibung impliziert, oder vielmehr: Dieses Postulat und diese Zuschreibung sind die notwendige Voraussetzung für alles vernünftige und also auch unvernünftige Sprechen.
Der Akt der Unterzeichnung des Kreditvertrags hat, sagen wir, eine soziale Bedeutung, die sich in in seinen rechtlichen Folgen zeigt. Natürlich ändern sich die Rechtssysteme und die sozialen Bräuche. Eine große Verpflichtung kann durch ein Opfer an die Götter, einen Schwur oder Eid, ein Gebet bekräftigt und besiegelt werden. Aber die soziale Bedeutung ändert sich nicht, es sei denn, wir geben das Postulat der Existenz von personaler Identität auf – aber das können wir nur um den Preis der Inkonsistenz und Selbstvernichtung, denn die Aufgabe des Quells sozialer Bedeutung ist selbst ein Bedeutung setzender Akt.
Hier berühren wir den Unterschied zwischen dem Postulat theoretischer Gegenstände in der Physik und Naturwissenschaft im allgemeinen und dem Postulat der personalen Identität als Basis der sozialen Verständigung. Eine Physik ohne die Annahme von letzten atomaren Bausteinen ist denkbar, nicht aber eine Sozialwissenschaft ohne die Annahme der personalen Identität als eines letzten Bausteins sozialer Tatsachen.
Horaz, Oden, Buch III, 3
Iustum et tenacem propositi virum
non civium ardor prava iubentium,
non voltus instantis tyranni
mente quatit solida neque Auster,
dux inquieti turbidus Hadriae,
nec fulminantis magna manus Iovis:
si fractus inlabatur orbis,
inpavidum ferient ruinae.
hac arte Pollux et vagus Hercules
enisus arcis attigit igneas,
quos inter Augustus recumbens
purpureo bibet ore nectar,
hac te merentem, Bacche pater, tuae
vexere tigres indocili iugum
collo trahentes, hac Quirinus
Martis equis Acheronta fugit,
gratum elocuta consiliantibus
Iunone divis: ‘Ilion, Ilion
fatalis incestusque iudex
et mulier peregrina vertit
in pulverem ex quo destituit deos
mercede pacta Laomedon, mihi
castaeque damnatum Minervae
cum populo et duce fraudulento.
iam nec Lacaenae splendet adulterae
famosus hospes nec Priami domus
periura pugnacis Achivos
Hectoreis opibus refringit
nostrisque ductum seditionibus
bellum resedit; protinus et gravis
iras et invisum nepotem,
Troica quem peperit sacerdos,
Marti redonabo; illum ego lucidas
inire sedes, discere nectaris
sucos et adscribi quietis
ordinibus patiar deorum.
dum longus inter saeviat Ilion
Romamque pontus, qualibet exsules
in parte regnanto beati;
dum Priami Paridisque busto
insultet armentum et catulos ferae
celent inultae, stet Capitolium
fulgens triumphatisque possit
Roma ferox dare iura Medis.
horrenda late nomen in ultimas
extendat oras, qua medius liquor
secernit Europen ab Afro,
qua tumidus rigat arva Nilus.
aurum inrepertum et sic melius situm,
cum terra celat, spernere fortior
quam cogere humanos in usus
omne sacrum rapiente dextra,
quicumque mundo terminus obstitit
hunc tanget armis, visere gestiens,
qua parte debacchentur ignes,
qua nebulae pluviique rores.
sed bellicosis fata Quiritibus
hac lege dico, ne nimium pii
rebusque fidentes avitae
tecta velint reparare Troiae.
Troiae renascens alite lugubri
fortuna tristi clade iterabitur
ducente victrices catervas
coniuge me Iovis et sorore.
ter si resurgat murus aeneus
auctore Phoebo, ter pereat meis
excisus Argivis, ter uxor
capta virum puerosque ploret’
non hoc iocosae conveniet lyrae —
quo, Musa, tendis? desine pervicax
referre sermones deorum et
magna modis tenuare parvis.
Dem Mann gerechten Sinns, der Versprechen einlöst,
bringt Volkes Wut nicht, Krummes erheischend, keines
Tyrannen Drohgebärde seinen
sicheren Sinn aus dem Tritt, auch Stürme
von Süden nicht, der Adria Plagegeister,
die schwere Faust nicht Jupiters, Blitze fackelnd,
und wenn die Welt in Scherben bricht, er
ruht unterm Schutte des Heldengrabes.
Am Faden solcher Weisheit gelangten Polux
und Herkules der Wandrer zur Flammenburg der
Olympier. Bei ihnen wird mit
purpurner Lippe Augustus trinken
den Nektar. Solche Würde gebührte, Vater
Bacchus, auch dir, als dich deine Tiger zogen,
und störrisch ward der sture Hals dem
Joch. So auf Pferden des Mars entkam auch
Quirinus dem Acheron. Frohlockte Juno
im Götterrat: „Der Tod hat gebracht und Schande,
dein Richter, Troja, Troja, und das
Weib aus der Fremde, hat dich in Asche
gelegt. Seit Laomedon betrog die Götter
um abgemachten Lohn, ist es mir geweiht und
der keuschen Minerva mitsamt dem
Volk und dem Herrscher, der uns verraten.
Jetzt glänzt im Ruhm nicht mehr, der die Buhle Spartas
hofiert hat, nicht zwingt Priamusʼ Haus, das Eide
verletzt hat, der Achäer Kampfkraft mit
Hektors Gewalten in ihre Schranken.
Es ruht der Krieg, den unsere Zwietracht schürte,
ich lasse ab vom Zorne, dem argen, lege
den feindlichen Enkel, den ihm die
Priesterin Trojas gebar, dem Mars in
die Arme. Sich den leuchtenden Sitzen nahen
mag er, mag kosten Süße des Nektars, werde
gewürdigt einzugehen in des
göttlichen Daseins gestillte Ordnung.
Solange zwischen Troja und Rom des weiten
Meers Wogen tosen, mögen die Heimatlosen
wo immer sie wollen beherrschen
Teile des Landes im Glück. Solange
noch weiden auf Priamusʼ und Parisʼ Gräbern
die Rinder und Wildtiere dort die Jungen
verstecken, steht das Kapitol im
Glanze und Rom kann besiegten Medern
Gesetze geben. Schrecken weithin trage
sein Name an die Küsten der Ferne, wo von
Europa das Meer Afrika trennt,
feuchtet die Weiden des Nilstroms Schwellen.
Solange Erde Adern von Gold verbirgt, die
der Hand des Schürfers besser entraten, achte
sieʼs tapfer gering, zu Gefäßen
schmelze es nicht, sie entweihe nichts mit
der raffenden Hand. Engt ihr die Welt ein Grenzstein,
die Waffen herbei! Lockt es zu schauen stets doch,
wo lodern bacchisch Flammen hell, wo
hüllen die Nebel, wo Tautropfen triefen.
Doch sag ich euch Quiriten dies Los, ihr Krieger,
nur zu, wenn euch gilt: nicht pietätergeben,
dem Eignen nur treu wieder die Firsten
Trojas, der Urahnen Horst, zu richten.
Steht Troja trotz unheilvoller Zeichen wieder
auf, untergehen muß es aufs neue, ich selbst
befehlige das Siegerheer, ich,
Jupiters Gattin und seine Schwester.
Drei Mal erneuert sollen die Mauern stehen,
die erzenen, Phoebus erbaut sie, drei Mal
durch meine Griechen fallen, drei Mal
soll das gefangene Weib den Mann und
das Kind beweinen.“ Muse, wo zielst du hin? Ist
doch dies kein Stoff, der heiterer Lyra ansteht.
Der Götter Reden! Laß die Kapricen!
Fad wird das Große in kleinen Maßen.
Mit der Haut denken
Mit der Haut denken wir an uns und wissen um eine wohltuende oder gefährliche Nähe der anderen.
Wir haben keine Entsprechung zur Hellhörigkeit bei der Haut, doch könnten wir Grade der Feinfühligkeit und Empfindsamkeit vom verhornten Stumpfsinn bis zur verweichlichten Empfindelei ausloten.
Wie der Grobian, nur von starken Impulsen und Stimuli erweckbar, der Gefahr ausgesetzt ist, den feindlichen Schattenwurf zu verdösen, so leidet der Empfindsame schon bei geringen Wechseln von Licht und Schatten an Schlaflosigkeit.
Die Welt wird uns in ihren realen Dimensionen und ihren mythischen Abgründen über die Differenzempfindungen der Haut bewußt: Wir spüren den trockenen Wüstenwind, das tropfende Wasser, die Wohltat des Sonnenlichts, die Härte des Steins, die weiche Frühlingsluft – wir erfühlen mit der Haut die Mächte des Seins und des Lebens, die uns der Mythos in übermenschlichen oder unterweltlichen Gestalten vor Augen rückt: in den Allegorien der Tages- und Jahreszeiten, von Erde, Meer, Feuer und Luft. Wir suchen schwärmerisch uns ihnen zu verbinden oder panisch erschrocken sie zu meiden. Denn die Haut ist nicht nur das Differenzorgan des Empfindens, sondern auch das metrische System für unsere Gefühle von Lust und Unlust, Freude und Angst, Sehnsucht und Schreckensschauer, Vertrauen und Mißtrauen.
Wie nahe liegen Ergriffenheit und Schrecken: Ein leichtes Wehen rührt das Gefieder des Eros, ein Schatten genügt, und die Haare stehen zu Berge.
Als wären die ausdifferenzierten Organe des sinnlichen Daseins Einstülpungen oder Ausstülpungen der Haut: das Auge, das Ohr, der Mund, das Geschlecht.
Wir sind in den Hautsack gestopft die Einsamen, durch einen Händedruck geöffnet die Gemeinsamen.
Die Haut treibt die große Politik des Körpers: Grenzwache und Grenzkontrolle, ökonomische und Handelsbeziehungen, Verteidigung, Außenbeziehungen und Bündnisse.
Das Selbstbewußtsein ist gleichsam das Zu-sich-Kommen der Haut.
Der Borderline-Patient, der sich die Haut ritzt, weil er sich der Grenzen seines Selbst nicht sicher ist. Der Katatoniker, der bei Stichen mit der Gabel nicht mit der Wimper zuckt, weil er sich in eine winzige Festung seines Selbst tief im Körperinnern zurückgezogen hat.
Mit der Haut sehen und atmen wir, mit der Haut lernen wir leben: Was ihr warm entgegenleuchtet, bedeutet uns Frieden und Daseinserhöhung, was sie frostig überschauert oder brennend sticht, Unheil und Gefahr.
Die Höllenstrafen sind Schmerzen der Haut: Brennen und Sieden, Ritzen und Schinden.
Das Paradies ist die Wollust der Haut: weiche Lüfte, sanftes Rieseln, goldene Wärme.
Die Haut sagt uns vom Lebenskern: Vertrauen und Mißtrauen. Das heilige Wasser hüllt uns in den Segen, die jähe Berührung zieht und schrumpft uns zurück.
Die Haut ist das soziale Organ par excellence: Die wesentlichen Tabus schreiben die Verhüllung und Verschleierung der Haut vor, Geschlecht und Brust und Gesicht. Intimität messen wir an der Lockerung oder Übertretung dieser Tabus in der ekstatischen Begegnung mit den Göttern und in der erotischen Begegnung der Geschlechter.
Die Haut ist das erotische Organ par excellence: Die Erregung gleitet über die Haut, verweilt an den Schwellen und Buchten, wirbelt über die Dünen als heißer Wind.
Die Haut ist das ästhetische Organ par excellence: Die wesentlichen Schönheitsideale beziehen sich auf die Haut. Die Haut des jungen Geliebten ist straff und gespannt, weich für Küsse und hellhörig für die zarteste Geste. Horazens ideale Geliebte hat eine Haut, die blendet wie parischer Marmor, leuchtet wie der Mond, der über dem dunklen Wasser aufgeht. Was er an sich als Niedergang erotischer Attraktivität fürchtet, sind Falten, Runzeln und Altersflecken.
Das mund- und muschel- und meerestierhafte Geschlechtsteil der Frau wirkt auf den Mann fremd, unfaßlich, ausdruckslos (im Vergleich zum primitiven Ja und Nein der Erektion). Es verkörpert ihm die seltsame Unio mystica von Eros und Thanatos, seiner Urangst, im Augenblick des Orgasmus in der Höhle der Geburt sich zu verlieren und aufzulösen.
Die Ode des weiblichen Geschlechts, die Sentenz des männlichen.
Das Meer des weiblichen Geschlechts, die Boje des männlichen.
Der Krieg nahm gleichsam den Panzer der Kröten, um die für die Speere und Lanzen des Feindes empfindliche Haut zu verbergen.
Mit der Haut fassen wir das ganze Leben, so wenn wir sagen, der und der fühle sich nicht wohl in seiner Haut, jener neige leicht dazu, aus der Haut zu fahren, dieser habe angesichts einer solchen Berührung die Krätze bekommen, einer habe sich tief gedemütigt und seine Haut zu Markte getragen, einem anderen wurde zum Zeichen seiner Ausstoßung aus der Gemeinschaft ein Mal aufgebrannt, jenem sei die frühe Wunde wohl vernarbt, aber nie verheilt.
Wir gewahren in der Beschneidung der Vorhaut des jüdischen Knaben den durch Opfer und Schmerz aussondernden Ritus der Heiligung des Gottesvolkes.
In der Entblößung der Haut der antiken Olympioniken und der frühen Koren sehen wir nicht Verlust von Scham, sondern stolze Erprobung männlicher Würde.
In der Nacktheit Jesu am Kreuz erblicken wir die uns versagte Größe stellvertretenden Leidens.
Die unreine Haut des Aussätzigen ist uns ein Ekel, weil sie uns an die Schwären und Gebresten unserer Seele gemahnt.
Horaz, Oden, Buch III, 2
Angustam amice pauperiem pati
robustus acri militia puer
condiscat et Parthos ferocis
vexet eques metuendus hasta
vitamque sub divo et trepidis agat
in rebus. illum ex moenibus hosticis
matrona bellantis tyranni
prospiciens et adulta virgo
suspiret ‘eheu, ne rudis agminum
sponsus lacessat regius asperum
tactu leonem, quem cruenta
per medias rapit ira caedes.’
dulce et decorum est pro patria mori:
mors et fugacem persequitur virum
nec parcit inbellis iuventae
poplitibus timidoque tergo.
Virtus, repulsae nescia sordidae,
intaminatis fulget honoribus
nec sumit aut ponit securis
arbitrio popularis aurae.
Virtus, recludens inmeritis mori
caelum, negata temptat iter via
coetusque volgaris et udam
spernit humum fugiente penna.
est et fideli tuta silentio
merces: vetabo, qui Cereris sacrum
volgarit arcanae, sub isdem
sit trabibus fragilemque mecum
solvat phaselon; saepe Diespiter
neglectus incesto addidit integrum,
raro antecedentem scelestum
deseruit pede Poena claudo.
Es soll der Armut Drangsal, mein Lieber, lernen
erdulden der Mann, kernig geworden im Sturm
des Kriegs, soll als Schreckensreiter
stechen mit Lanzen die wilden Parther.
Er soll im Freien zelten, Gefahren soll er
sich suchen. Von der feindlichen Mauer aus schickt
die Gattin des Kriegsherrn ihm lange
Blicke nach. Seufzt wohl die alte Jungfer:
„Ach, daß mein Bräutigam, unerprobt in Schlachten
nicht allzu herrisch reize den Löwen rohen
Gefühls, wenn von Blut triefend tolle
Wut ihn von Leichnam zu Leichnam fortreißt!“
Es opfern gern sich Liebe und Ehrgefühl für
das Vaterland. Auch Feiglinge hetzt der Tod und
kriegsmüder Jugend trennt die Sehnen er
auf. Und die Furchtsamen packt er rücklings.
Des Mannes Mut ficht Schmutz der Verleumdung nicht an.
Er strahlt von eigner Ehren reinem Lichte.
Er nimmt kein Amt, gibt keins ab, nur weil
Laune des Volkes das Banner einholt.
Des Mannes Mut führt wieder ans Licht, die schuldlos
im Todesschatten harren. Im Ausweglosen
er lichtet die Bahn, Rotten unter sich,
Sümpfe, wenn wieder die Flügel schwingen.
Wer treu die Lippen siegelt, es harrt ihm Lohn. Wer
streut unters Volk den mystischen Sinn des Kultes
der Ceres, soll nicht unter einem
Dach mit mir wohnen, nicht mit mir fahren
auf schwankem Kahn. Stellt Jupiter oft auch blindlings
den Reinen zum Unreinen, doch selten eilt der
Verbrecher voraus und es stolpert
klumpfüßig ihm hinterdrein die Strafe.
Horaz, Oden, Buch III, 1
Odi profanum volgus et arceo.
favete linguis: carmina non prius
audita Musarum sacerdos
virginibus puerisque canto.
regum timendorum in proprios greges,
reges in ipsos imperium est Iovis,
clari Giganteo triumpho,
cuncta supercilio moventis.
est ut viro vir latius ordinet
arbusta sulcis, hic generosior
descendat in campum petitor,
moribus hic meliorque fama
contendat, illi turba clientium
sit maior: aequa lege Necessitas
sortitur insignis et imos,
omne capax movet urna nomen.
destrictus ensis cui super inpia
cervice pendet, non Siculae dapes
dulcem elaborabunt saporem,
non avium citharaeque cantus
somnum reducent: somnus agrestium
lenis virorum non humilis domos
fastidit umbrosamque ripam,
non Zephyris agitata Tempe.
desiderantem quod satis est neque
tumultuosum sollicitat mare
nec saevus Arcturi cadentis
impetus aut orientis Haedi,
non verberatae grandine vineae
fundusque mendax arbore nunc aquas
culpante, nunc torrentia agros
sidera, nunc hiemes iniquas.
contracta pisces aequora sentiunt
iactis in altum molibus: huc frequens
caementa demittit redemptor
cum famulis dominusque terrae
fastidiosus: sed Timor et Minae
scandunt eodem, quo dominus, neque
decedit aerata triremi et
post equitem sedet atra Cura.
quodsi dolentem nec Phrygius lapis
nec purpurarum sidere clarior
delenit usus nec Falerna
vitis Achaemeniumque costum,
cur invidendis postibus et novo
sublime ritu moliar atrium?
cur valle permutem Sabina
divitias operosiores.
Ich hasse das Pack! Von heiligem Ort bleibt fern!
Ihr, haltet den Mund! Lyrische Töne, die
noch keiner gehört, singe ich den
Knaben und Mädchen, ein Musenpriester.
Mit Schrecken zwingen Könige ihr eignes Volk.
Der Könige König, Jupiter ist es, den
der Fall der Giganten verklärt hat:
Alles willfahrt, es war nur sein Lidschlag.
Der eine hat mit Setzlingen tiefer sich
ins Land verbreitet, mehr an sein Stimmvieh schenkt
der andre, sticht dieser hervor durch
vornehme Sitten und guten Ruf, so
schart jener mehr Klienten um sich: Das Los
mißt Hoch und Niedrig Auge in Auge die
Notwendigkeit zu. Aller Menschen
Namen, sie schüttelt die Urne des Schicksals.
Wem schwebt über dem sündigen Haupt das Schwert,
das blanke, ihm wird üppige Schlemmerei
sizilischer Küche nicht munden,
Vogelgesang nicht und nicht der Klang der
Gitarre wiegt ihn wieder in Schlaf. Der Schlaf
des Bauern kommt leicht, Schwellen der Hütten scheut
er nicht und nicht Schatten der Hänge,
lenzliche Lüfte des Tempetals nicht.
Wer mehr nicht begehrt, als was er braucht, der muß
sich ängsten nicht vorm Branden des Meers und vor
den beißenden Winden des Winters nicht,
nicht vor den Stürmen des späten Herbstes.
Er bleibt unverstört, wenn ihm der Hagel den
Weinberg verwüstet, Erde ihn trog, der Baum
bald Klagen rauscht vom Regen, bald vom
Sternbild der Dürre, vom Schneegestöber.
Die Fische engen Dämme des Meers, wo in
die Höhe steigt die Mole: Da schüttet das
Gestein der Meister hin mit seinen
Sklaven, der Bauherr verflucht die Erde.
Doch wo er weilt, da steigt ihm hinterdrein
Besorgnis und Angst, nimmer verläßt mit Erz
beschlagnes Kriegsschiff, immer hockt dem
Reiter im Rücken die schwarze Sorge.
Wenn aber das Leid phrygischer Wunderstein
nicht lindert, nicht der heller als Sterne glänzt
des Purpurs Saum, nicht Falernerwein,
köstlicher Balsam der Perser nicht,
was sollte ich ein Atrium hochziehen,
mit Säulen, die Neid schüren, neumodisch steil?
Was sollte mein Sabinertal ich
tauschen mit Reichtum, der mir zur Last wird?
Horaz, Oden, Buch II, 20
Non usitata nec tenui ferar
penna biformis per liquidum aethera
vates neque in terris morabor
longius invidiaque maior
urbis relinquam. non ego, pauperum
sanguis parentum, non ego, quem vocas,
dilecte Maecenas, obibo
nec Stygia cohibebor unda.
iam iam residunt cruribus asperae
pelles et album mutor in alitem
superne nascunturque leves
per digitos umerosque plumae.
iam Daedaleo notior Icaro
visam gementis litora Bospori
Syrtisque Gaetulas canorus
ales Hyperboreosque campos.
me Colchus et qui dissimulat metum
Marsae cohortis Dacus et ultimi
noscent Geloni, me peritus
discet Hiber Rhodanique potor.
absint inani funere neniae
luctusque turpes et querimoniae;
conpesce clamorem ac sepulcri
mitte supervacuos honores.
Ein Zwiegewächs mit reinen und starken Flügeln,
als Seherdichter trägt mich der Ätherstrom, auf
der Erde hält mich nichts, ich bin der
Mißgunst entronnen, von ferne leuchten
die Städte. Ich, nur ärmlicher Eltern Blut,
ich, den du rufst, Maecenas, entgehe wohl
der Todverfallenheit und werde von
stygischen Wassern umfangen nicht ganz.
Da, da umwachsen runzlige Häute mir
die Fesseln und ich werde verwandelt vom
Haupt her in einen weißen Vogel, es
sprießt um die Finger, die Schultern Flaum mir.
Berühmter schon als Ikarus, Dädalus
Sohn, schaut der Küste Rauschen am Bosporus
mich, Syrten Gätulas vernehmen den
Schwanengesang und die seligen Inseln.
Mich hört der Kolcher, mich, der die Furcht verheimlicht
vorm Marserheer, der Daker, es hört mich singen
das Grenzvolk der Gelonen, Spanien
hört und der Zecher der Rhône hört mich.
Es soll am leeren Grabe mir nicht ertönen
bezahlte Flöte, hässliches Stöhnen nicht
und Jammern. Verhalte die Stimme, hohler
Pomp bleibe fern meiner Totenfeier.
Horaz, Oden, Buch II, 19
Bacchum in remotis carmina rupibus
vidi docentem, credite posteri,
Nymphasque discentis et auris
capripedum Satyrorum acutas
euhoe, recenti mens trepidat metu,
plenoque Bacchi pectore turbidum
laetatur. euhoe, parce Liber,
parce gravi metuende thyrso.
fas pervicacis est mihi Thyiadas
vinique fontem lactis et uberes
cantare rivos atque truncis
lapsa cavis iterare mella;
fas et beatae coniugis additum
stellis honorem tectaque Penthei
disiecta non leni ruina
Thracis et exitium Lycurgi.
tu flectis amnis, tu mare barbarum,
tu separatis uvidus in iugis
nodo coerces viperino
Bistonidum sine fraude crinis.
tu, cum parentis regna per arduum
cohors gigantum scanderet inpia,
Rhoetum retorsisti leonis
unguibus horribilique mala;
quamquam choreis aptior et iocis
ludoque dictus non sat idoneus
pugnae ferebaris; sed idem
pacis eras mediusque belli.
te vidit insons Cerberus aureo
cornu decorum leniter atterens
caudam et recedentis trilingui
ore pedes tetigitque crura.
Ich sah, wie Bacchus Zaubergesänge in
geheimen Grotten lehrte, ihr Späteren
glaubt’s, den hellen Nymphen und den spitzen
Ohren der Satyrn, der Bocksfüßer.
Euhoi, es bebt der Geist mir in jähem Schreck,
voll des Bacchus jubelt schmerzlich mein Herz.
Euhoi, verschon mich, Liber, schone,
Angst vor der Wucht deines Thyrsos packt mich.
Mir ist vergönnt, zu singen der Thyiaden
Trotz, wie die Quelle sprudelt von Wein und von Milch
die Flüsse schäumen, Honig aber
tropft aus dem Astloch der morschen Strünke.
Mir ist vergönnt, der herrlichen Gattin von
Sternen erleuchtete Krone zu singen, wie
zerfetzten Leibs Pentheus begrub das
Dach, wie Lycurgus verfiel in Wahnsinn.
Die Ströme dämmst du, hemmst der Barbaren Meer,
du triefst von Wein in heimlichen Schluchten und
verwindest zu Knoten aus Schlangen
schwärmenden Frauen charmant die Haare.
Da einst die Burg des Vaters, die ragende,
der Riesen rohe Horde erklomm, hast du
den Phoetus wieder weggedrängt mit
Pranken und Schreckensgefletsch des Löwen.
Wohl wähnten sie dich lieber beim Reigentanz,
geneigter Scherz und Spielen der Liebe als
der Fäuste, doch bliebst gleich du dir in
Reigen des Friedens und Reihen des Kriegs.
Dich sah mit goldnem Horne gekrönt, der sanft
dir wedelte zu, Cerberus, zahmen Sinns,
du gingst und der Dreiköpfige leckte
Füße und Schenkel dreizüngig dir ab.
Von der Semantik der Ereignisse
Du siehst in der Ferne einen blauen runden Fleck. Er hüpft auf und ab und hin und her, manchmal verharrt er für eine Weile auf der Stelle, dann geht das Spiel von vorne los. Hast du infolge deiner Farbwahrnehmung Grund zu der Annahme, aus der Wahrnehmung ein Wissen ableiten zu können, das über die bloße Konstatierung der visuellen Tatsache hinausgeht? Sollen wir sagen, die Farbwahrnehmung impliziere die Annahme, daß dort, wo ein Farbfleck ist, etwas ist, das mindestens so viel Fläche hat, wie der Fleck einnimmt? Sollen wir sagen, daß dort, wo eine farbige Fläche oder eine Fläche welcher Farbe auch immer existiert, etwas existiert, das unter anderem die Eigenschaft hat, eine Fläche zu haben oder flächig zu sein? Sollen wir weiter sagen, daß dort, wo etwas existiert, das Fläche hat, etwas existiert, das wir als flächigen Körper im Raum und wenn im Raum dann in der Zeit bestimmen können?
Können wir annehmen, daß unsere Farbwahrnehmung von etwas hervorgerufen wird, das die Eigenschaft hat, farbig zu wirken? Dann gelangen wir über die Wahrnehmung zur Annahme eines Etwas, das ihre Ursache darstellt.
Der Farbwahrnehmung steht es nicht an der Stirn geschrieben, was dieses Etwas ist. Denn gewöhnlich nehmen wir die Ursache der Wahrnehmung selbst nicht wahr. Es mag sein, daß wir spontan zu der Annahme neigen, da vor uns sei eine Körperfläche, die das einfallende Licht auf spezifische Weise reflektiert. Aber wir könnten auch einer Farbhalluzination aufsitzen. Freilich lägen wir auch in diesem Fall mit unserer allgemeinen Annahme, daß da etwas ist, das die Farbwahrnehmung hervorruft, richtig. Nur wäre dieses Etwas in diesem Falle eine Funktion unserer neuronalen Struktur.
Warum sagen wir, wir könnten an einem und demselben Ort des Gesichtsraumes nicht Blau und Grün gleichzeitig sehen? Ist dies eine kontingente Folge unserer neuronalen Struktur und unseres visuellen Systems, so daß wir annehmen könnten, die Leute auf der Gegenerde verfügten über diese uns versagte Fähigkeit, oder eine notwendige Folge der Semantik der Farbbegriffe?
Wenn sich der Fleck in unserem Gesichtsfeld von links nach rechts bewegt, heißt dies, daß es etwas gibt, einen Körper, der diese Bewegungsrichtung aufweist? Nein. Wir könnten uns ja relativ zu dem feststehenden Fleck von rechts nach links bewegen, so daß der Fleck eine Scheinbewegung vollführt.
Alles scheint auf die Frage hinauszulaufen, ob wir die Setzung eines Etwas, des ontologischen Minimums oder der Substanz des Aristoteles, semantisch reduzieren können?
Wir scheinen diese semantische Reduktion des Bezugs auf das Etwas oder das zugrundeliegende Subjekt am ehesten oder ausschließlich bei der Bezugnahme auf Ereignisse vornehmen zu können.
Statt zu sagen: „Ich sehe das Kind, wie es mit dem Ball spielt“ und diesen Satz so zu analysieren: „Ich sehe das Kind, und das Kind hat die akzidentelle Eigenschaft des Ballspielens“, sagen wir so:
„Ich sehe das Kind Ball spielen.“ Wir können diesen Satz so analysieren: „Ich nehme das Ereignis S wahr, und dieses Ereignis, nämlich das Spiel, setzt sich aus den Elementen „Kind“ und „Ball“ zusammen. Unsere hausbackenen Entitäten wie Kind und Ball sind nunmehr auf semantische Funktionen des Ereignisses reduziert worden.
Statt der Analyse der Wahrheitsbedingungen „Kind am Ort lx zur Zeit tx“, die uns die Bedingungen der Wahrheit der Behauptung, das Kind dort zu jener Zeit spielen gesehen zu haben, an die Hand geben, identifizieren wir das Ereignis S (spielen) (Kind, Ball) anhand derselben Raum- und Zeitbestimmungen, beziehen sie jetzt aber auf die räumliche oder zeitliche Ausdehnung des Spiels, zu der sich die räumlichen und zeitlichen Bestimmungen der Elemente des Ereignisses (Kind, Ball) summieren.
Statt zu sagen: „Das Kind spielt mit dem Ball“, sagen wir jetzt: „Es spielt das Kind mit dem Ball“ und analysieren den Satz auf folgende Weise:
Es spielt (das Kind, der Ball)
Wir können die Semantik des Ereignisses spezifizieren, indem wir den jeweiligen Typus des Ereignisses mit angeben:
Es spielt (Ballspiel) (das Kind, der Ball)
Statt zu sagen: „Hans und Peter spielen Schach“, sagen wir jetzt: „Es spielt Hans mit Peter Schach“ und analysieren den Satz so:
Es spielt (Schach) (Hans, Peter)
Statt zu sagen: „Hans trifft sich mit Peter“, sagen wir: „Es findet ein Treffen statt zwischen Hans und Peter“, und analysieren den Satz auf diese Weise:
Es findet ein Treffen statt (Hans, Peter)
Das Ereignis der Begegnung von Hans und Peter beginnt, sobald entweder Hans oder Peter oder beide gleichzeitig von ihrem jeweiligen Aufenthaltsort aufbrechen und sich in die Richtung aufmachen, in der der vereinbarte Ort ihrer Begegnung liegt. Das Ereignis ist abgeschlossen oder hat sich erfüllt, wenn seine Erfüllungsbedingungen wahr gemacht worden sind und Hans und Peter aufeinander zugehen und sich die Hände reichen.
Wir bemerken, daß sowohl Hans als auch Peter Teile oder Elemente des identischen Ereignisses ihres Treffens sind. Wir bemerken aber auch, daß Ereignisse abbrechen und dadurch ihre Erfüllungsbedingungen nicht wahr machen können, wenn Hans unterwegs einen Unfall hat oder Peters alter Groll gegen Hans aufsteigt und er es sich anders überlegt und nach Hause zurückkehrt.
Wir sagen zwar, das Ereignis einer Begegnung zwischen Hans und Peter habe nicht stattgefunden, wenn sich Hans und Peter nicht an dem vereinbarten Ort zur abgemachten Zeit die Hände gereicht haben. Doch sagt uns unsere Ereignissemantik, daß das Treffen der beiden begonnen hat, sobald sich einer der beiden zum Zielort aufgemacht hat, und daß es abgebrochen ist, sobald einer der beiden seine Bewegung zum Zielort aufgegeben hat.
Natürlich gewahren wir die Analogie der Satzform, mit der wir Ereignisse erfassen, zu Aussagen der Art wie „Es regnet“, „Es schneit“, „Es wird Tag“.
Statt zu sagen: „Es regnet“, „Es schneit“, „Es wird Tag“ müssten wir laut unserer primitiven Notation hinschreiben:
E1 (regnen) (Wassertropfen)
E2 (schneien) (Schneeflocken)
E3 (tagen) (Sonne, Erde)
Wir bemerken weiterhin, daß wir Ereignisse wohl nach dem Ort ihres Stattfindens und der Zeit ihrer Dauer individualisieren, sie aber nicht mittels anderer Kategorien des Aristoteles qualifizieren können. Nur ein Etwas kann blau oder grün sein, das Ereignis, daß das Kind mit einem blauen Ball spielt, ist selbst nicht blau und hat keine farblichen Eigenschaften.
Wenn wir unsere Semantik so festlegen, daß wir nicht Einzeldinge wie Bälle oder Eigenschaften wie blau zur Grundausstattung unserer Ontologie wählen, sondern Ereignisse, sind wir der Anfechtung, uns fragen zu müssen, welcher tieferliegenden Instanz wir unsere Farbbegriffe zuschreiben sollen, glücklich ins Land der farblosen (das heißt weder farbigen noch unfarbigen) Ereignisse entronnen.
Uns scheint, daß wir die Kategorien des Aristoteles für die Ereignissemantik im wesentlichen auf Ort, Zeit und Relation reduzieren können, denn Ereignisse haben eine Dauer und eine lokale Umgebung und spielen sich im Bezug auf andere Ereignisse vielleicht früher oder später oder gleichzeitig ab. Aber beispielsweise sind die aristotelische actio und passio, das Tun und Widerfahren, nunmehr keine eigenständigen Kategorien, sondern Elemente von Ereignissen selbst. Statt zu sagen „Das Kind hat Schmerzen“, sagen wir nämlich:
E (Schmerz empfinden) (Kind)
Wir können die Wahrnehmungsqualitäten in die Satzform für Ereignisse einbauen, indem wir schreiben:
Es spielt (Kind, (Ball (blau)))
Wobei klar ist, daß der jeweilige Ausdruck in Klammern dem vorstehenden Ausdruck zugeordnet ist. Die Farbe Blau wird also dem Objekt „Ball“ zugeordnet und nicht dem Funktor der Aussage „Es spielt“.
Wir können die hierarchische Klammerverschränkung immer weiter bis zur Unübersichtlichkeit treiben und zum Beispiel notieren:
Es spielt (Kind ((weiblich, blond, ängstlich, hochbegabt)), Ball ((blau, glatt, rund, luftgefüllt, elastisch, aus Gummi)))
wobei wir phänomenale und reale Begriffswörter reihen, ohne uns ontologisch in Bezug auf die Gesamtaussage über das Ereignis festlegen zu müssen. Denn es könnte sich dabei auch um eine Aussage über ein irreales, geträumtes oder phantasiertes oder nur mögliches Ereignis handeln.
Statt zu sagen: „Ich sehe den Mond, wie er gerade aufgeht“, sagen wir: „Ich sehe den Mond aufgehen“ oder „Es mondet“ und analysieren diesen Satz so:
E (aufgehen) (Mond)
Ich nehme das Ereignis E wahr und es besteht mindestens aus den Ereigniselementen „Mond“ und „Erde“. Denn was „aufgehen“ in Bezug auf den Erdtrabanten heißt, verstehen wir nur in Relation zu unserem irdischen Stand- und Beobachtungsort.
Wir müssen also korrekt notieren:
E (aufgehen) (Mond, Erde)
Mit diesem Schritt gelangen wir zur Annahme begrifflicher Zusammenhänge oder Matrizen (Blaupausen, Strukturpläne), die den jeweiligen Ort der Begriffe angeben, mit denen wir auf Ereignisse Bezug nehmen. Der singuläre ontologische Fixpunkt der aristotelischen Substanz könnte auf diese Weise von einer komplexen Übersicht über die zu einer Bezugnahme auf Ereignisse notwendigen und hinreichenden begrifflichen Matrizen abgelöst werden.
Wenn wir also aus dieser Sicht unsere Rede vom Mond betrachten, dann impliziert sie die Rede vom Mond als dem Planeten der Erde, von der Erde als dem Planeten der Sonne, von der Sonne als dem Zentralgestirn unseres Sonnensystems, von unserem Sonnensystem als Element der Menge aller Sonnensysteme unserer Galaxis, von unserer Galaxis als Element der Menge aller Galaxien, die das Weltall bilden.
Der Ereignissatz „Es mondet“ hat also die Satzform:
E (aufgehen) (Mond, Erde, Sonne, Sonnensystem, Galaxis, Weltall)
Wenn wir desgleichen aus dieser Sicht unsere Rede von dieser Tulpe in dieser Vase betrachten, dann impliziert die Rede von Pflanzen die Rede von Tieren, die Rede von Tieren die Rede von etwas, von dem wir nicht wissen, ob es eine Pflanze oder ein Tier ist, die Rede von Lebewesen impliziert die Rede von nicht lebenden Entitäten und Stoffen. Hier können wir die Rede sistieren und müssen nicht von der Rede von nicht lebenden Entitäten übergehen zur Rede von einer Entität oder einem Etwas überhaupt.
Statt zu sagen: „Dort steht eine Tulpe in der Vase“ sagen wir „Dort tulpt es in der Vase“ und wir analysieren den Satz so:
E (erscheinen) (Tulpe, Vase)
Wir bemerken, daß wir mittels unserer simplen Notation nicht nur die semantische Fixierung auf Entitäten reduzieren, sondern auch den ontologischen Unterschied zwischen Phänomen (Farbfleck, Objekt der Wahrnehmung) und Realität (Kind, Ball, Mond, Tulpe) ausklammern können. Die allgemeine Satzform für Ereignisse wird beiden Ontologien gerecht.
Wir können diese Sicht der Dinge auch auf das modale Gefüge ausweiten. Statt zu sagen: „Ich habe beobachtet, daß es damals hier nicht regnete“ sagen wir: „Ich habe beobachtet, daß ein bestimmtes mögliches Ereignis, das hätte eintreten können, nicht eingetreten ist.“
Damit entgehen wir den Fallstricken der Annahme nichtexistierender Entitäten, wie des Regens, der nicht eingetreten ist, und bekommen semantische und ontologische Klarheit, wenn wir einsehen, daß die Negation harmlos wird, wenn wir sie nicht auf eine bestimmte Entität, sondern auf ein mögliches Ereignis anwenden.
Wie entscheiden wir über die Realität oder Irrealität von Ereignissen? Indem wir festlegen, daß sie von anderen Ereignissen einbegriffen werden, von deren Realität und verifizierender oder bestätigender Kraft wir methodisch ausgehen. So legen wir fest, daß die intersubjektiv kontrollierte Beobachtung des Ereignisses, daß dort ein Kind mit dem Ball spielt, die Realität dieses Ereignisses definiert. Wir sind faktisch genötigt, an einem bestimmten Punkt der potentiell unendlichen Reihe von Einschließungen von Ereignissen in Ereignissen einen konventionellen Schlußstrich zu ziehen und zum Beispiel zu sagen: Wenn das Ereignis der intersubjektiven Beobachtung das Ereignis des Spiels einschließt, gilt es uns für real. Weiter kommen wir nicht, aber das genügt uns.
Wenn du dir Gewißheit über die Realität oder Irrealität des Ereignisses des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945 verschaffen willst, begibst du dich in die Archive, wo dir Dokumente der Beobachtung jenes Ereignisses in Form von Fotos, Filmen, Zeugenberichten oder Meßwerten zur Radioaktivität zur Verfügung gestellt werden. Deine Beschäftigung mit dem Thema kann Tage oder Wochen dauern, an einem oder mehreren Orten stattfinden, all diese Aktivitäten fassen wir zum Ereignis deiner Beobachtung und Bewertung des damaligen Geschehens zusammen, wobei dieses sich wiederum einzig in den Zeugnissen und Dokumentationen, also Beobachtungsdaten, des ursprünglichen Ereignisses des Abwurfs der Atombombe und ihrer Folgen erschließt und zugänglich ist. Wir haben also folgende Einschreibungen, Einschließungen oder Verklammerungen von Ereignissen:
E3 (E2 ((E1))
wobei E1 das ursprüngliche Ereignis, E2 seine archivalische Dokumentation und E3 deine Beobachtungen und Bewertungen bedeuten.
Natürlich können wir uns vorstellen, daß eine weitere Person deine Beobachtungen und Bewertungen beobachtet und bewertet, so daß sich folgende Form der Verklammerung von Ereignissen ergäbe:
E4 (E3 ((E2 (((E1)))
Doch bemerken wir bald, würden wir mit diesem Verfahren fortfahren, daß sich die merkbaren oder relevanten Differenzen zwischen den Beobachtungsereignissen aufzulösen beginnen wie die immer dünner werden homöopathischen Dosen in einer Tinktur. Demnach ist es vernünftiger, die Reihe schon bei E3 abzubrechen, als sie ins Unübersichtliche weiterzutreiben.
Wir bemerken weiterhin, daß du trotz des überwältigenden Dokumentationsmaterials, das die Realität des ursprünglichen Ereignisses bezeugt, nicht argumentativ gezwungen werden kannst, diese Realität auch anzunehmen. Du könntest die Glaubwürdigkeit von Zeugen und den Wahrheitswert von Dokumenten anzweifeln, von Fälschung oder Manipulation ausgehen.
Die Realität von Ereignissen anzunehmen ist eine Frage vernünftiger Abwägung, nicht von argumentativer und logischer Ableitung. Es ist vernünftiger, die Realität dieses Ereignisses anzunehmen, als sie zu bestreiten, und es unvernünftiger, die Irrealität dieses Ereignisses anzunehmen, als sie zu bestreiten, und es ist vernünftiger, die Irrealität dieses Ereignisses zu bestreiten als sie anzunehmen.
Horaz, Oden, Buch II, 18
Non ebur neque aureum
mea renidet in domo lacunar,
non trabes Hymettiae
premunt columnas ultima recisas
Africa neque Attali
ignotus heres regiam occupavi
nec Laconicas mihi
trahunt honestae purpuras clientae.
at fides et ingeni
benigna vena est pauperemque dives
me petit: nihil supra
deos lacesso nec potentem amicum
largiora flagito,
satis beatus unicis Sabinis.
truditur dies die
novaeque pergunt interire lunae:
tu secanda marmora
locas sub ipsum funus et sepulcri
inmemor struis domos
marisque Bais obstrepentis urges
submovere litora,
parum locuples continente ripa;
quid quod usque proximos
revellis agri terminos et ultra
limites clientium
salis avarus? pellitur paternos
in sinu ferens deos
et uxor et vir sordidosque natos.
nulla certior tamen
rapacis Orci fine destinata
aula divitem manet
erum. quid ultra tendis? aequa tellus
pauperi recluditur
regumque pueris nec satelles Orci
callidum Promethea
revexit auro captus; hic superbum
Tantalum atque Tantali
genus coercet, hic levare functum
pauperem laboribus
vocatus atque non vocatus audit.
Nicht von Elfenbein und nicht
von Gold erstrahlt im Haus die Decke mir.
Nicht Hymettos Marmorblock
preßt die Säulen, edles Holz des fernsten
Afrikas, und Attalusʼ
Palast fiel mir, dem fremden Erben, nicht zu.
Spartas Purpur wirken mir
aus meiner Klientel nicht feine Damen.
Dafür hab ich treuen Sinn,
Genie pulst mir im Blut, mich Armen sucht
der Reiche auf. Um mehr will ich
bei Göttern gar nicht dringen, mächtigen Freunds
Spendendienst nicht nutzen aus,
rundum beglückt mich mein Sabinerland.
Tag wird ausgelöscht vom Tag,
und neue Monde gehen wieder unter:
Du läßt Marmor schneiden, läßt
ihn bringen an Todes Schwelle und, des
nahen Grabs uneingedenk,
erbaust du Häuser, zwingst dem Meere Land ab,
wo es gegen Baiae tost,
als böten dir nicht reichlich Platz die Küsten.
Was verrückst den Nachbarn du
den Grenzstein und ein Raffke überspringst den
Grenzrain deiner Klientel?
Sie tragen im Bausch des Kleids die Manen, Mann und
Weib, vertrieben hast du sie
vom Hof, sie tragen Lumpenpack, die Kinder.
Dennoch, eins nur ist gewiß:
Zur vorbestimmten Stunde öffnet sich
feinen Herrn der Rachen des
gefräßigen Orkus. Was trachtest du nach
mehr? Dieselbe Erde wird
dem Armen Grab und Königskindern. Nicht hat
Orkusʼ Diener, goldbetört,
zurückgeschifft Prometheus, strahlend vor Glück.
Stolz des Tantalus und sein
Geschlecht, hier bannt er sie. Hier nimmt er, ganz Ohr,
ob man ruft ihn oder nicht,
dem armen Mann die Bürde von den Schultern.
Horaz, Oden, Buch II, 17
Cur me querelis exanimas tuis?
nec dis amicum est nec mihi te prius
obire, Maecenas, mearum
grande decus columenque rerum.
a, te meae si partem animae rapit
maturior vis, quid moror altera,
nec carus aeque nec superstes
integer? ille dies utramque
ducet ruinam. non ego perfidum
dixi sacramentum ibimus, ibimus,
utcumque praecedes, supremum
carpere iter comites parati.
me nec Chimaerae spiritus igneae
nec si resurgat centimanus Gyas
divellet umquam: sic potenti
Iustitiae placitumque Parcis.
seu Libra seu me Scorpios adspicit
formidolosus pars violentior
natalis horae seu tyrannus
Hesperiae Capricornus undae:
utrumque nostrum incredibili modo
consentit astrum; te Iovis inpio
tutela Saturno refulgens
eripuit volucrisque Fati
tardavit alas, cum populus frequens
laetum theatris ter crepuit sonum;
me truncus inlapsus cerebro,
sustulerat, nisi Faunus ictum
dextra levasset, Mercurialium
custos virorum. reddere victimas
aedemque votivam memento;
nos humilem feriemus agnam.
Was tötest du mich mit deinem Klagelied?
Es ist den Göttern unlieb und mir, wenn du
mir wegstirbst, Maecenas, du meines
Daseins erhabener Glanz und Säule.
Weh, sollte meiner Seele die Hälfte dich
ein früherer Tod rauben, was hält mich auf,
die andere Hälfte, weniger wert,
siechend zum Ende? Es sieht uns jener
Tag beide zerstört. Meineidig werde ich
nicht, ich will gehen, gehen mit dir, so du
denn aufbrichst, findest mich du gegürtet, ich
bin dein Gefährte der letzten Reise.
Chimäras Feueratem entzweit uns nicht,
niemals mit hundert Armen, erwachte er
neu, Gyges. So ward gefaßt des
mächtigen Rechts und der Parzen Ratschluß.
Blickte mich die Waage oder der Skorpion,
das Scheusal, an, was strahlte zur Stunde der
Geburt mir stärker? Warʼs der Steinbock,
als das hesperische Meer er peitschte?
Uns beiden glänzt kaum glaublich derselbe Stern.
Entriß dich doch des Jupiters Strahl voll Huld
dem Unheilsstern Saturnus, Schicksals
flatternde Flügel, er machte sie lahmen,
als zahlreiches Volk dir im Theater drei
Mal Beifall klatschte. Mich hätte fast ein Strunk
dahingerafft, er fiel aufs Haupt mir,
hätte den Sturz nicht mit seiner Rechten
gemildert Faun, der Hüter der Dichter. Sei
du eingedenk der heiligen Gaben und
des Tempelbaus, wie du gelobt hast.
Ich opfre selber ein schwaches Lämmchen.
Horaz, Oden, Buch II, 16
Otium divos rogat in patenti
prensus Aegaeo, simul atra nubes
condidit lunam neque certa fulgent
sidera nautis,
otium bello furiosa Thrace,
otium Medi pharetra decori,
Grosphe, non gemmis neque purpura ve-
nale nec auro.
non enim gazae neque consularis
submovet lictor miseros tumultus
mentis et curas laqueata circum
tecta volantis
vivitur parvo bene cui paternum
splendet in mensa tenui salinum
nec levis somnos timor aut cupido
sordidus aufert.
quid brevi fortes iaculamur aevo
multa? quid terras alio calentis
sole mutamus? patriae quis exsul
se quoque fugit?
scandit aeratas vitiosa navis
Cura nec turmas equitum relinquit
ocior cervis et agente nimbos
ocior Euro.
laetus in praesens animus quod ultra est
oderit curare et amara lento
temperet risu: nihil est ab omni
parte beatum.
abstulit clarum cita mors Achillem,
longa Tithonum minuit senectus
et mihi forsan tibi quod negarit
porriget hora.
te greges centum Siculaeque circum
mugiunt vaccae, tibi tollit hinnitum
apta quadrigis equa, te bis Afro
murice tinctae
vestiunt lanae: mihi parva rura et
spiritum Graiae tenuem Camenae
Parca non mendax dedit et malignum
spernere volgus.
Stille fleht von Göttern der Seemann, wenn ihm
pfeift die Ägäis und den Mond verhüllt die
schwarze Wolke, weit und breit kein Stern, der
heimwärts ihm leuchtet.
Frieden erfleht Thrakiens Kriegergeist und
Frieden der Meder Bogenschützen, mein Grosphus,
ist er ja für Gemmen und Purpur nicht, auch
käuflich für Gold nicht.
Denn Kleinodien, konsularischer Stab,
sie verscheuchen nicht der Gedanken Aufruhr,
nicht die unter kunstvoller Tafel-Decke
flatternden Sorgen.
Lebt doch gut, wem glänzt auf dem kargen Tisch das
Salzfaß, von den Vätern ererbt, wem leichten
Schlummer nicht die Angst und nicht raubt die Habgier
schmutziger Hände.
Was sind kurzen Atems im Leben erpicht
wir auf Großes? Wozu denn tauschen gegen
ferne Sonnengluten die Heimat? Kannst du
selbst dir entfliehen?
Es besteigt mit dir das mit Erz beschlagne
Schiff die Sorgenseuche, die Reiter holt sie
schneller als Hirsche wieder ein, als Sturm, der
Wolken davonjagt.
Finde frohes Dasein im Jetzt, verwirf die
Sorgen um das Kommende, was bitter dir ward,
das verwinde mit leisem Lächeln. Nichts ist
vollkommen glücklich.
Schneller Tod entraffte Achill, den berühmten,
langes Siechtum mergelte Tithonos aus,
und vielleicht schenkt mir, was dir sie verwehrt, die
glückliche Stunde.
Herden von hunderten Kühen Siziliens, sie
muhen um dich, Wiehern der Stute, dir gilt
es, der Stolz des Viergespanns, getunkt in
Afrikas Purpur
kleidet dich Linnen. Mir vermachte karges
Land und sanften Atem hellenischen Geists,
die nicht lügt, die Parze, und zu verabscheun
widrigen Pöbel.
Horaz, Oden, Buch II, 15
Iam pauca aratro iugera regiae
moles relinquent, undique latius
extenta visentur Lucrino
stagna lacu platanusque caelebs
evincet ulmos; tum violaria et
myrtus et omnis copia narium
spargent olivetis odorem
fertilibus domino priori,
tum spissa ramis laurea fervidos
excludet ictus. non ita Romuli
praescriptum et intonsi Catonis
auspiciis veterumque norma.
privatus illis census erat brevis,
commune magnum: nulla decempedis
metata privatis opacam
porticus excipiebat arcton
nec fortuitum spernere caespitem
leges sinebant, oppida publico
sumptu iubentes et deorum
templa novo decorare saxo.
Schon lassen wenig Morgen dem Pflüger die
Protzbauten übrig, weiter als Lucrinusʼ See
die künstlichen Teiche sich dehnen,
aber die nackte Platane verdrängt ganz
die Ulme. Sodann sprühen von Veilchen die
Rabatten den Duft, Myrten, von Blüten
ein Meer, wo einst dem schlichten Herrn
Haine des Ölbaumes Früchte schenkten.
Dann wehrt des Lorbeers dichtes Geranke die
Blitze des Lichts. So will es des Romulus
Gesetz, die Winke Catos nicht, des
bärtigen, dies war der Ahnen Norm nicht.
Bei ihnen war des Einzelnen Haushalt dürftig,
groß wurde der Staat. Nicht ward die Säulenhalle
privat verplant nach Klaftern, so daß
Kühle der Schatten verwöhnt den Mittag.
Am Wegesrain zu achten den Rasen unwert,
verbot das Gesetz, Städte auf Staates Kosten
zu gründen, gebot es und Göttern
Tempel zu schmücken mit Quader-Steinen.
Lüge und Schwulst
Was die Lüge in der menschlichen Gemeinschaft und im Gespräch der Menschen, ist der Schwulst in der Kunst. Die Lüge verstellt mit Arglist die Wahrheit, so daß der Belogene der Angeführte und Angeschmierte ist, wenn er glaubt, was der Lügner ihm weismacht: daß das Haus auf festem Grund gebaut, die Perlen echt und das Geld sicher angelegt seien, daß Liebe und Treue die ernsten Gefühle und Absichten des Charmeurs und Heiratsschwindlers darstellen.
Die Lüge stellt im Kunstwerk sich dar als Schwulst, als Wülste, als überquellendes Fett des Dekorums, der Metaphern, des metaphorischen Zierrats, als all das Sicht- und Wahrnehmungsblendwerk, das die schartigen und brüchigen Stellen, die angekränkelten und fauligen Weichteile und Gelenkstellen im Aufbau des Gebäudes, des Gemäldes, des Gedichts schamvoll oder vielmehr schamlos verdeckt und bemäntelt.
Wenn wir nicht uns glauben machen wollen, alles sei erlaubt, alles gleichgültig, jeder könne mit jedem, erkennen wir mit einem Mal und großem Schrecken, daß wir in einer Welt voller Gefahren leben. Unterschiede zu mißachten ist die Gefahr der Gefahren. Der Kitsch ist die billige Methode der hasenfüßigen Menschheitsfrömmler, die Fugen zwischen den Begriffen, die Falten und Verwerfungen der kulturellen Landschaften, das jähe Gefälle der Sprachen und Kulturen zuzukleistern und zu vernebeln.
In den ästhetischen Phänomenen Kitsch und Schwulst diagnostizieren wir Symptome der verfehlten Angstbewältigung und der Verdrängung der Gefahr. Das Kind hat sich bei Einbruch der Dämmerung im Wald verlaufen und singt oder pfeift ein lustiges Lied vor sich hin. Die unterlegenen Indigenen verklären die Kolonisten, die ihre Tempel zerstören und ihre heiligen Schriften verbrennen, zu Abkömmlingen der Götter, die eine neue glanzvolle Epoche einläuten. Die dem Untergang geweihten Spätlinge der Antike verleugneten sich mehr und mehr bis zur Verklärung des Feindes und überhöhten in der Brutalität und rohen Kraft der Goten und Vandalen den Anspruch, ihre verfeinerte Kultur und verzärtelte Lebensart mutwillig, in nihilistischer Ekstase wie eine zierliche, mit erotischen Finessen behauchte Vase an der Wand zu zerschmettern.
Sie kamen über Nacht und machten hinfort keine Anstalten, in ihre angestammte Heimat zurückzukehren. Sie nisteten sich, eine Großfamilie, mit all ihren Kandelabern, Zinnkrügen und Teppichen in seinem Haus ein. Und es war nicht irgendeines Menschen Haus. Die seine Okkupation von langer Hand vorbereiteten und betrieben, wußten, was sie taten, denn sie nutzten wohlweislich den glänzenden Namen des Großschriftstellers und Nobelpreisträgers, der sich in seinen Büchern und zahllosen Interviews immer schon für die unantastbaren und nicht einzuschränkenden Daseins- und Ausbreitungsrechte der Nomaden mit den Goldzähnen, der Vagabunden mit den Ohr-Brillanten und der Zugvögel von Niger und Nil mit dem großen Appetit auf Frankfurter Würstchen und blonde Zöpfe eingesetzt hatte. Ihn also galt es besonders tief zu demütigen, ihn mit ganzer Konsequenz seine Schönfärberei ins Gesicht zu schlagen. Also machten sie sich bei ihm breit und setzten ihre Zeichen, nachdem sie seine Bilder, seine Embleme, seine Bücher herabgerissen, zerschlagen, verbrannt hatten. Ihm blieb ein Verschlag, sie ließen ihm die Vorratskammer, wo er wie ein Hündchen gehalten wurde, dem man ab und an einen Brocken hinwirft. Er aber verfaßte Hymnen auf die Eindringlinge, als hätten sie ihn endlich vom Geschwür seiner Herkunft geheilt, Hymnen, die den Schmerz der Überwältigung als Lust der Erlösung von eigener Schuld feierten, als Entlastung von der Bürde, unwilliger Angehöriger des eigenes Volkes zu sein.
Denken wir an den roten Schwulst und die Aureolen um Verbrecher und Aufwiegler wie Che Guevara oder die Megären und Mordbuben der RAF. Wie imponierend, daß der Erzfeind, der Gefangene vor dem Volksgericht, Hans-Martin Schleyer seinen Mördern nicht zu Kreuze gekrochen und Verständnis für ihr sogenanntes Anliegen geheuchelt hat. Wie viele Geiseln haben am Ende ihre Häscher zu wahren Befreiern idealisiert!
Wir bemerken, daß Dummheit ihr äußerstes Maß in der Verkennung der Gefahr erreicht und Kitsch und Schwulst dazu dienen, die Angst und ihre Quellen zu verleugnen und die mehr oder weniger kurze Frist, die der Dummheit vor dem Untergang gewährt ist, mit minderwertigen Reizen und Reizabfuhren dahinzubringen.
Er trug sein Machwerk vor wie ein Psalmodist, ein ekstatischer Künder weltstürzender Wahrheit, ein Jeremias der Weltennot – nachher beim dritten Bier in der Kneipe kippte er die Aschenreste seiner obszönen Gewaltphantasien in den Bierkrug des Nachbarn.
Ein Ach! und ein O! zuviel, und die Wahrheit der Untreue, des Ehebruchs, der Lieblosigkeit tritt zutage.
Auch theatralisches Jammern, falsche Tränen, gedungene Klagechöre gehören zu den Requisiten und Attrappen, die die nichtswürdige Wahrheit verstellen – Gleichgültigkeit, Kaltherzigkeit, verhärteten Sinn.
Der aalglatte Snob gefällt sich in Dichtungen, die nach exotischer Pomade duften und die Zeilen- und Gedankensprünge mit wulstigen Seidenkissen geblähten Gefühls abfedern. Daß ihm seine kalte, zynische Schnauze dareinfährt, sucht er durch den Einsatz brutaler Inszenierung zu tarnen, als würde echtes Blut aus lebendigen Adern fließen und ein fröhliches Schlachten die Welt erneuern, wo metaphorische Messer gewetzt und die Unschuld allegorisch aufgeschlitzt wird.
Der modische Brutalismus – das mutwillige Zerschlagen der Form und das Zerkratzen des Wortsinns – ist die ästhetische Maske der Selbstverachtung und das Eingeständnis, daß man den Boden unter den Füßen verloren hat und im luftleeren Raum baumelt.
Wortgirlanden, Metaphernnebel, die Gaze verwehter Zitate – und dahinter nichts als Geschwüre, pubertäre Pickel oder Altersflecken.
Zu glauben, ein ganz verkommener Kerl, ein Messerstecher, ein Frauenmörder, ein Satanist und Tierquäler könne sich zum Verfassen großer Dichtung aufschwingen, die der Menschheit eine dringend entbehrte Wahrheit offenbart, ist eine besonders degoutante Form des sauren Kitsches.
Sirup auf einem Elendshäuflein verdorbenen Puddings.
Der Dichter, der das Loch, durch das sein Selbstgefühl ausfließt, mit Füllseln stopft – Mythen von den bösen Mächten, die es mit urzeitlichen Hauern und Stacheln, mit Beleidigungen und Traumatisierungen geschlagen haben.
Gedichte wie Perücken oder Gesichtsmasken oder gezinktes Verpackungsdesign oder Kondome oder Vollkörperschleier, die nur Augen freilassen, die blitzen: „Ich bin ein anderer.“
Gedichte, die hinter einem Bombast greller Bilder verhüllen, daß sie nichts weiter meinen als die Schlagzeilen heute und gestern und morgen.
Dichter, die rhythmisch schmieren, was unrhythmisch die Angestellten der Lüge, vulgo Journalisten.
Nicht zu lügen bedeutet Triebverzicht. Immer weiter zu dichten, bis der Atem schwindet, Perversion.
Schwulst hindert den rhythmischen Lauf der Verse. Dichten heißt, den Worten auf die Beine helfen wie einem Kind, das gehen lernt.
Den Phallus des Geistes wundreiben, und das Ejakulat ist unfruchtbar.
Schwulst ist Eitelkeit, auf ihn verzichten Zeichen der Demut.
Demut heißt eingestehen, daß die Muse singt, daß Kunst Dienst, daß Sprechen Empfängnis ist.
Schwulst ist die rhetorische Ränke des Teufels, uns darüber hinwegzutäuschen, daß er in den unausgeleuchteten Fettecken sein Unwesen treibt.
Der Wanst beklagt den Hunger der Welt, der Wirrkopf die Ordnung der Schöpfung, der Schwerhörige den leisen Gesang der Engel, das trotzige Kind den Tau, der die kristalline Chiffre auf dem Fenster schmilzt.
Wir waren als schlanke Flammen vor dem Altar gemeint und rußen vom Fett unsrer Seelen.
Horaz, Oden, Buch II, 14
Eheu fugaces, Postume, Postume,
labuntur anni nec pietas moram
rugis et instanti senectae
adferet indomitaeque morti,
non, si trecenis quotquot eunt dies,
amice, places inlacrimabilem
Plutona tauris, qui ter amplum
Geryonen Tityonque tristi
conpescit unda, scilicet omnibus
quicumque terrae munere vescimur
enaviganda, sive reges
sive inopes erimus coloni.
frustra cruento Marte carebimus
fractisque rauci fluctibus Hadriae,
frustra per autumnos nocentem
corporibus metuemus Austrum:
visendus ater flumine languido
Cocytos errans et Danai genus
infame damnatusque longi
Sisyphus Aeolides laboris.
linquenda tellus et domus et placens
uxor neque harum quas colis arborum
te praeter invisas cupressos
ulla brevem dominum sequetur.
absumet heres Caecuba dignior
servata centum clavibus et mero
tinguet pavimentum superbo,
pontificum potiore cenis.
Weh, Postumus, Postumus, uns enteilt
der Jahre Flucht. Nicht kann alles Beten uns
die Runzeln ersparen, nicht das drohende
Alter, den Tod nicht, der Zeiten Meister,
und opfertest, mein Freund, du dem Pluto, den
die Träne nicht rührt, dreihundert Stiere Tag
für Tag, der den Dreifach-Geryon und
Tityros einpfercht mit Wassern des
Unheils. Auf denen müssen wir alle, die
uns nährt die Erde, einmal hinaus ans Ziel,
ob königlich wir thronten, ob als
bäurische Siedler wir ärmlich lebten.
Vergebens scheuen blutigen Mars wir und
die Wellenbrecher tosenden Adriameers,
vergebens meiden wir die Gifte
herbstlicher Stürme aus Südens Buchten.
Wir müssen schauen Cocytosʼ Irren im
Sumpf, des Danausʼ Töchter Entehrung und
verdammt zu langer Qual den Sohn des
Aiolos, Sisyphosʼ rollenden Felsen.
Wir müssen lassen Erde und Haus und das
geliebte Weib. Von all deinen Bäumen, die
du hegst, kommt keiner mit dir, nur die du
haßt, die Zypressen siehst dort du wieder.
In vollem Ornat verpraßt der Erbe den
Caecuber, den mit Schlössern die hundert du
bargst, sprengt vom edlen Naß zu Boden,
mehr als ein Festmahl der Priester kostet.
Gedicht vom Flüstern und Klagen
Dir genüge, gekrümmt auf schmaler Bank,
die Kinder spielen nicht mehr
unter bläßlicher Sonne,
schwarzzüngiges Flüstern der Blätter
oder der verwilderten Sträucher
Gemeindegesang,
dich zu entkernen, dir zu entwerden
in die gestaltlose Anmut des Winds,
der von nichts weiß,
von deiner hilflosen Sehnsucht nichts,
nichts vom steinernen Gaumen des Schweigens,
an dem die Zunge dir anstößt.
Im Flüstern, im Rauschen,
das aus den Wimpern deines Gehörgangs,
der Ohrmuschel aufsteigt,
bist ihrer selbst vergessen die Welt du,
das Leben ohne die knöcherne Last deines Leids.
Als hätte das bißchen Luft
aus dem Spundloch der Schöpfung
die Spreu unnützer Gedanken verwirbelt,
die Hülsen abgestorbner Empfindung verwirrt,
die Fäden müde gesponnenen Sinnens zerstoben.
Als wärst du ein auf dunkles Wasser
geschriebenes Glitzern,
unlesbar,
wie tot …
oder frei
wie ein Wort,
das sich nicht beugen läßt
von gierig dich meinenden Mäulern …
oder leicht
wie die Hostie,
die dem Prunk goldner Monstranzen entflog
ins Himmelsblau
und sich schneezart niedersenkt
auf eines Liebenden darbende Zunge.
Als genügte dir, gekrümmt auf schmaler Bank,
die Kinder spielen nicht mehr
unter bläßlicher Sonne,
schwarzzüngiges Flüstern der Blätter
oder der verwilderten Sträucher
Gemeindegesang,
dir zu entrinnen und deines grauen Herzens
endloser Jeremiade.
Horaz, Oden, Buch II, 13
Ille et nefasto te posuit die
quicumque primum, et sacrilega manu
produxit, arbos, in nepotum
perniciem opprobriumque pagi;
illum et parentis crediderim sui
fregisse cervicem et penetralia
sparsisse nocturno cruore
hospitis; ille venena Colcha
et quidquid usquam concipitur nefas
tractavit, agro qui statuit meo
te, triste lignum, te, caducum
in domini caput inmerentis
quid quisque vitet, numquam homini satis
cautum est in horas: navita Bosporum
Poenus perhorrescit neque ultra
caeca timet aliunde fata,
miles sagittas et celerem fugam
Parthi, catenas Parthus et Italum
robur; sed inprovisa leti
vis rapuit rapietque gentis.
quam paene furvae regna Proserpinae
et iudicantem vidimus Aeacum
sedesque discriptas piorum et
Aeoliis fidibus querentem
Sappho puellis de popularibus
et te sonantem plenius aureo,
Alcaee, plectro dura navis,
dura fugae mala, dura belli.
utrumque sacro digna silentio
mirantur umbrae dicere, sed magis
pugnas et exactos tyrannos
densum umeris bibit aure volgus.
quid mirum, ubi illis carminibus stupens
demittit atras belua centiceps
auris et intorti capillis
Eumenidum recreantur angues?
quin et Prometheus et Pelopis parens
dulci laborem decipitur sono
nec curat Orion leones
aut timidos agitare lyncas.
An einem Unheilstag, wer auch immer es
war, Baum, hat dich Lästerers Hand gepflanzt,
daß immer du bringest den Enkeln
Unglück, ein Schandmal dem ganzen Dorfe.
Und der hat auch, ich möchte es glauben, das
Genick gebrochen dem eigenen Vater, der
Penaten Hort mit nächtlichem Blut des
Gastfreunds befleckt. Und er pantschte Gifte
aus Kolchis, dem ist alles wohl zuzutraun,
der dich, Totenholz, dich meinem Garten hat
vertraut, da lauerst du darauf, dem
schuldlosen Herrn auf den Kopf zu fallen.
Wovor ein jeder hüten sich sollte, jetzt
und immer, wird gerne verkannt. Hegt doch
der punische Seemann nur Furcht vorm
Bosporus, fernes Geschick bleibt ihm blind.
Der Römer fürchtet Pfeile des Parthers, wenn
er schnell sich wendet, Ketten der Parther und
italische Kraft. Doch Todesschläge
kamen und kommen wie stets von hinten.
Wie nahe sahen wir Proserpinas Reich,
der dunklen, sahen Aeacus richten und
der Seligen Sitze in Reihen,
hörten äolischer Leier Klage
der Sappho um die Mädchen der Heimat und
dich, Alcaeus, volleren Sangs mit dem
Plektron aus Gold von Seemanns Leiden,
Leid der Verbannten und Leid im Kriege.
Da beide sangen, schwiegen die Schatten voll
Ehrfurcht. Doch lieber trinkt Gehör des Volks,
wenn dicht es steht Schulter an Schulter, das
Blut der Tyrannen, das Blut der Boxer.
Was Wunder, daß von jenen Gesängen starr
der Hund mit hundert Köpfen läßt hängen
die schwarzen Ohren, das Geflecht der
Schlangen, es schläft Eumeniden im Haar.
Selbst Prometheus ist seiner Qual entrückt
von des Liedes Schmelz und der Vater des
Pelops, müde ist Orion
Löwen zu hetzen und scheue Luchse.
Genügsamkeit und Gier
Der Genügsame nimmt ernst, was er sieht, fühlt, genießt. Er schätzt, was er hat, und blickt nicht scheel zu den Nachbarn, die haben, was er nicht hat.
Der Genügsame schwimmt wie ein Fisch im Wasser in seinem Lebenselement, in seinem Lebensgenuß, während der Gierige immerfort in gewaltsamen Sprüngen sich aus seinem Element fortreißt, um in ein fremdes zu gelangen. Der Fisch aber, der auf das Ufer geraten, zappelt elend ums Leben.
Dem Genügsamen ist das Vorhandene, Gegenwärtige, Daseiende die Quelle des Sinns, der Freude, die sich nicht überstürzt, der Trauer, die sich nicht heillos verliert. Das Gegenwärtige ist ihm nichts, was nur vom verblaßten Glanz des Vergangenen her Wert erhält, und nichts, was nur vom aufgehenden Stern der Zukunft her seinen Wert erfüllt.
Genügsam sein heißt, aus der frischen Quelle des Lebens schöpfen, wenn echter Durst dich treibt, und nicht künstlichen Durst dir entzünden mit scharfen Gewürzen und vergeblich ihn löschen mit süßem exotischen Wein.
Der Gierige reflektiert im gegenwärtigen Genuß den vergangenen und antizipiert den zukünftigen.
Der Genügsame kann durch Übung oder durch Lebenskunst mit immer weniger sein Genüge finden. Der Gierige muss immer mehr verzehren, um noch ein wenig Genuß zu verspüren.
Die Gier öffnet uns die Tür zu den Geheimnissen der menschlichen Seele, denn sie ist auch der Schlüssel zu ihren Krankheiten. Dabei unterscheiden wir normale Vorkommnisse der Appetenz, insofern sie der Erhaltung des Organismus oder der Stabilisierung und Verteidigung der Lebensgemeinschaften dienen, von Übersteigerungen ins Gierhaft-Unmäßige, die am Ende des Tages alle Formen der Selbsterhaltung untergraben.
So müssen wir die reale Furcht vor Vergiftung des Machthabers, wie wir sie den Annalen und Historien des Tacitus und anderen Historikern entnehmen, und die auf die wahrheitsgemäße Wahrnehmung echter Bedrohung zurückgeht, vom Vergiftungswahn des Psychotikers absondern, bei dem keine reale Grundlage der Gefährdung auszumachen ist.
Wir können sagen, der Vergiftungswahn sei eine Reaktion der ungezügelten und krankhaften Gier nach dem Besitz der anderen auf deren vorweggenommene Rache. Warum sollten sonst die anderen das Essen vergiften, wenn der Wahnkranke nicht glaubt, es ihnen weggenommen zu haben oder es ihnen wegzunehmen gedachte oder es ihnen zumindest mißgönnt hat?
Wir dürfen das Syndrom der Vergiftungspsychose erweitern um all jene Arten des aggressiven und feindlichen Übergriffs, die sich in unterschiedlichsten Formen und Masken zeigen und drapieren: Wir kennen die Ausgeburten der Paranoia in den feindseligen Mienen und Anspielungen der Nachbarn oder den vernichtenden Befehlen aus dem Radio oder TV. Wir wissen um die paranoische Angst vor den Bazillen, Keimen und Insekten, die so manchen den Hungertod eingebracht haben.
Verdeutlichen wir unsere These anhand der paranoischen Angst vor parasitären Kleinstorganismen. Sie lauern überall in der Luft und im Wasser, in der Erde und im Bettzeug, in den Lebensmitteln und den Ausdünstungen der anderen. Der springende Punkt scheint nun der zu sein: Der Angriff der tödlichen Organismen wird durch feindliche Mächte gesteuert, die auf die Vernichtung des Paranoikers abzielen. Ihr feindliches Ansinnen ist eine Form der Rache, der Vergeltung oder Bestrafung der ursprünglichen feindseligen Antriebe des Kranken selbst. Er empfindet die ihn überwältigende Gier nach dem fremden Leben, nach dem fremden Hab und Gut, nach der fremden Lust als seine parasitäre Triebnatur, als eine triebhafte Form des Parasitismus.
Wer sich als Parasit fühlt, hat Angst vor Parasiten. Warum aber fühlt sich der Kranke in dieser Weise? Weil die ihn beherrschende Gier unproduktiv, lähmend, unfruchtbar, schmarotzerhaft ist.
Denken wir an die auditiven Halluzinationen der Psychose. Der Kranke hört die Stimmen der Nachbarn wie Stimmen von Dämonen, welche die Trennwand zwischen seiner Welt und der Welt da draußen durchbrochen und sich in seinem Gehör, in seinem Herzen eingenistet haben. Hier thronen und befehlen sie nun. Sie reden allerlei Unfug, am meisten aber Unfug, der dem Kranken insinuiert, er sei schlecht, böse, verdammenswert.
Warum ist er schlecht und wert, verdammt und in den Abgrund hinabgestoßen zu werden? Die Stimmen steigen aus dem wuchernden Sumpfgebiet der Rache derjenigen realen oder fiktiven Lebewesen auf, denen die unbeherrschbare Gier des Kranken ihre Güter, ihr Gehirn, ihr Sexualorgan oder ihre Kinder entrissen zu haben wähnt oder zu rauben gedachte, und wofür sie nunmehr schreckliche Rache nehmen.
Wir unterscheiden zwischen dem Wunsch nach Führung und Dominanz, der mit der Begabung, andere Menschen führen, anleiten, prägen zu können, einhergeht, und dem Größenwahn, der als antisoziale oder soziopathische Form der Herrschsucht die Herrschaft über andere gleichsam kostenlos und ohne Nachweis sozialer Führungsqualitäten wie Voraussicht, Vorausplanung, Charakterfestigkeit und Zuverlässigkeit einheimsen möchte. Andere zu führen und nicht in die Irre zu führen, sondern ihnen zu ihrem besten den ungewissen Weg in die Zukunft zu weisen, bedarf charakterlicher Eigenschaften und früher Einübungen, die der Paranoiker nicht besitzt, sondern als faule und schmarotzerhafte Existenz durch die bloße Macht der Gedanken ersetzt. Die imperiale Gier ist ein Parasitismus des reinen Denkens.
Der Mund, der Bauch und Darm, die Sexualorgane sind die natürlichen Verbündeten der Gier. Aber nicht wie Freud meint, weil sie ursprünglich auf das Maßlose und Unbeherrschbare des Unbewußten ausgelegt sind, sondern weil ihr natürliches oder beherrschbares Maß, das ein Genüge in natürlichen Formen der Befriedigung findet, von der Gier deformiert und pervertiert worden ist.
Wir sind noch im Unklaren darüber, in welchem Maße die Ursprünge dieser Deformationen und Pervertierungen in Deformationen und Pervertierungen des menschlichen Umgangs oder der Kultur zu finden sein müssen oder sich (auch) neurologischen Fehlentwicklungen verdanken, die genetisch angelegt oder epigenetisch durch Störungen der Embryonalentwicklung bedingt sein können. Schließlich pflegt uns das schreckliche Rätsel der originären Beschädigung der menschlichen Natur durch die Ur- oder Erbsünde heimzusuchen.
Wir bemerken, daß die Gier ein Ausdruck der verfehlten Liebe ist, vor allem der recht verstandenen Liebe zu sich selbst.
Genügsamkeit ist sowohl eine ethische Haltung als auch ein ästhetisches Ideal und Maß – Ethik und Ästhetik spielen auf dieser fundamentalen Ebene ineinander. Genügsamkeit ist der Grund oder Humus, aus dem die Vernunft der Selbstliebe sich nährt.
Der ethischen Haltung der Genügsamkeit entspricht das ästhetische Ideal der Klarheit, Deutlichkeit, formalen Schönheit und inhaltlichen Konzentration. Alles Aufgebauschte und Verblasene, Schwulst und Übertreibung, das Eindruckschinden mit grellen Effekten und Vulgarismen sind Ausgeburten einer die Kunst immer wieder heimsuchenden Gier – der Gier nach billiger Anerkennung ohne den Schweiß handwerklicher Mühen, der Gier nach Ruhm ohne Verdienst, nach Geld ohne Arbeit.
Das ästhetische Ideal des Maßes finden wir im klassischen Stil verwirklicht, der mit wenigen Mitteln viel sagt, mit Allusionen weniger glänzender Namen aus Geschichte und Mythos, mit Allegorien von Tugenden und Lastern, mit Masken menschlicher Institutionen und Sitten ein ellenlanges Epos der Odyssee der menschlichen Seele ersetzt, das langatmige grammatische Kausal- oder Konzessiv-Gefüge durch die elegante Verdichtung der Sperrung und Verschränkung der Worte überflüssig macht, die Empfindung durch das Beschwören einer Farbe, eines Klangs, eines Duftes verlebendigt, dem Gefühl Seufzer in den Vokalen, Wehmut und Trauer in der harten Fügung, Sehnsucht im Verschweigen des banalen Objekts und einen gelösten und heiteren Abschied in der Wendung der Anti-Klimax vermittelt.
Die Selbstgenügsamkeit des klassischen Stils beweist sich im Verzicht – Verzicht auf das auch noch Mögliche und auch noch Sagbare und darüber hinaus noch Assoziierbare, im Wegschneiden und gnädigen Amputieren der Wülste und Auswüchse, der überhängenden Ranken und des überwuchernden Zierrats, mit denen sich die Gier des parasitierenden Ausdrucks nicht genugtun kann.
Horaz, Oden, Buch II, 12
Nolis longa ferae bella Numantiae
Nec durum Hannibalem nec Siculum mare
Poeno purpureum sanguine mollibus
Aptari citharae modis,
Nec saevos Lapithas et nimium mero
Hylaeum domitosque Herculea manu
Telluris iuvenes, unde periculum
Fulgens contremuit domus
Saturni veteris: tuque pedestribus
Dices historiis proelia Caesaris,
Maecenas, melius ductaque per vias
Regum colla minacium.
Me dulcis dominae Musa Licymniae
Cantus, me voluit dicere lucidum
Fulgentis oculos et bene mutuis
Fidum pectus amoribus;
Quam nec ferre pedem dedecuit choris
Nec certare ioco nec dare bracchia
Ludentem nitidis virginibus sacro
Dianae celebris die.
Num tu quae tenuit dives Achaemenes
Aut pinguis Phrygiae Mygdonias opes
Permutare velis crine Licymniae,
Plenas aut Arabum domos,
Dum flagrantia detorquet ad oscula
Cervicem, aut facili saevitia negat
Quae poscente magis gaudeat eripi,
Interdum rapere occupet?
Ferne Schlachten ums wilde Numantia,
Hannibals Widerstand, wie das sizilische
Meer rötet Punierblut, quäle nicht solchen Stoff
in den Wohlklang des Saitenspiels,
nicht lapithische Wut, nicht wie Hylaeus im
Rausch tobt, Herkules Hand die Giganten, die
Kinder der Erde, bezwingt, nicht die Gefahr im Blitz,
vor der Saturns ergrautes Haupt
bebt. Bediene dich nur einfachen Prosastils,
wenn berichten du willst Caesars Geschick im Krieg,
Maecen, lesbarer wird dann, wie des Weges schleppt
Königsstolz um den Hals das Seil.
Süßer Arien Schmelz unsrer Gebieterin
Licymnia, ihn soll künden mein Lied, so willʼs
die Muse, ihres Blicks Funkeln, wie treu ihr Herz
schlägt, wenn Liebe die Ringe tauscht,
wie sie schmückte den Chor, reckte den Fuß im Takt,
wie ihr Scherzwort gefiel, wie in den Glanz der Schar
sie die Arme getaucht, spielerisch, heilig war
der Tag durch Dianas Kult.
Tauschtest wohl alles Gold du mit Achämenes
und von phrygischer Au thrakischen Sagenschatz
gegen ein einziges Haar deiner Licymnia,
selbst arabischen Wohlgeruch ein,
wenn sie brennendem Mund sträubenden Nacken weist
und die Zornige mimt, Küssen sich weigert,
deren Raub sie sich wohl mehr als der Räuber wünscht,
ja sie ihm vor der Nase stibitzt?
Horaz, Oden, Buch II, 11
Quid bellicosus Cantaber et Scythes,
Hirpine Quinti, cogitet Hadria
divisus obiecto, remittas
quaerere nec trepides in usum
poscentis aevi pauca: fugit retro
levis iuventas et decor arida
pellente lascivos amores
canitie facilemque somnum.
non semper idem floribus est honor
vernis neque uno luna rubens nitet
voltu: quid aeternis minorem
consiliis animum fatigas?
cur non sub alta vel platano vel hac
pinu iacentes sic temere et rosa
canos odorati capillos,
dum licet, Assyriaque nardo
potamus uncti? dissipat Euhius
curas edacis. quis puer ocius
restinguet ardentis Falerni
pocula praetereunte lympha?
quis devium scortum eliciet domo
Lyden? eburna, dic age, cum lyra
maturet, in comptum Lacaenae
more comam religata nodum.
Was Männer des Kriegs, Skythen und Kantabrer
im Schilde führen hinterm Schutzschirm der Adria,
Hirpinus Quintus, danach suche
keinerlei Kunde und bang nicht um
das, was der Tag braucht, viel ist es nicht. Wie welkt
der Jugend Reiz und Schöne, wenn dürrer Leib
und graues Haar abspenstig machen
Küsse und Bisse und leichten Schlummer.
Bald tauscht die Blumen-Maske der Frühling und
der rote Mond hat morgen ein bläßliches
Gesicht. Was quälst den armen Geist mit
Würfen geworfen für immer und ewig?
Hier wollen wir uns betten im Schatten der
Platane, hier der Fichte, warum denn nicht?
Im Grauschopf duftende Rose, Glanz der
syrischen Narde, und wir erheben
die Schalen, noch darfʼs sein. Es betäubt der Gott
des Weins die nagende Sorge. Du, Sklave, geh
nur, schöpfe frisches Wasser, um die
Glut des Falerners uns rasch zu löschen.
Wer lockt her das Weib feinster Genüsse, lockt
uns Lyde? Auf, sie trage die Laute mit
dem Griff aus Bein, nach Spartas Art das
Haar hochgesteckt in den schlichten Knoten.
Horaz, Oden, Buch II, 10
Rectius vives, Licini, neque altum
semper urgendo neque, dum procellas
cautus horrescis, nimium premendo
litus iniquum.
auream quisquis mediocritatem
diligit, tutus caret obsoleti
sordibus tecti, caret invidenda
sobrius aula.
saepius ventis agitatur ingens
pinus et celsae graviore casu
decidunt turres feriuntque summos
fulgura montis
sperat infestis, metuit secundis
alteram sortem bene praeparatum
pectus. informis hiemes reducit
Iuppiter, idem
submovet. non, si male nunc, et olim
sic erit: quondam cithara tacentem
suscitat Musam neque semper arcum
tendit Apollo.
rebus angustis animosus atque
fortis adpare: sapienter idem
contrahes vento nimium secundo
turgida vela.
Einfacher lebst du, mein Lucilius, wenn
beides du meidest: dort die hohe See, hier
bang vorm Meeressturm dich zu klammern an die
Klippen der Küste.
Wer sich hält an goldne Genüge, haust nicht
unter morschen Balken, die starren von Schmutz,
und er blickt, ein biederer Mann, nicht scheel aufs
Essen der Nachbarn.
Öfter biegt der mächtigen Fichte Haupt der
Sturm, es stürzen Türme in dumpfem Fall und
Himmelsfeuer setzen in Brand die höchsten
Wipfel des Hochwalds.
Wende des Schicksals, darauf setzt im Unglück,
davor bangt im Glück, wer mit allem rechnet.
Jupiter erregt gräßliche Winterstürme,
Jupiter stillt sie.
Sieht es jetzt schlecht aus, mag das Blatt demnächst sich
wenden. Plötzlich weckt mit der Laute Klang die
stumm ward die Muse und nicht immer spannt den
Bogen Apoll.
Zeige Herz und Festigkeit, wenn es eng wird.
Schätze die Lage auch richtig ein: Bläst
dir der Wind zu steif ins Gesicht, hol ein die
schwellenden Segel.
Narrativer Zwang, narrativer Schwang
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?
Der eine besteht aus drei oder vier Geschichten.
Der andere aus einem oder mehreren Dutzend.
Sie erzählen sie immer wieder.
Sie wissen nicht mehr, wann sie wem welche Geschichte wie oft erzählt haben.
Wenn sie dir die eine Geschichte schon fünfmal erzählt haben, sei getrost,
mir haben sie die andere Geschichte schon zehnmal erzählt.
Variieren sie ihre Erzählungen nach dem Prinzip variatio delectat,
damit die Wiederholung durch neue Reize gewinne
oder die eine oder andere abgescheuerte Ecke mit dem einen oder andern Kübel papierner Blumen belebt werde?
Wie die sentimental-verlogene Geschichte von dem Negerjungen,
dem Heilsbringer von jenseits der Wüste, welcher der Oma,
die sich treuherzig um ihn kümmerte,
mit seinen großen dunklen Kinderaugen
die rassistischen Vorurteile wegschmolz –
und plötzlich wurde aus dem Negerjungen ein behindertes Kind oder
ein lustiger Zigeunerbursche, der mit Flammen trickste …
Oder die sentimental-alberne Geschichte von dem zugelaufenen Hund,
der auch noch hinkte, um den sich das vernachlässigte,
auch noch geschlagene, am Ende mißbrauchte Kind
treuherzig gekümmert hat
und es fand wieder Mut und Freunde in der Schule –
und plötzlich wurde aus dem Hund ein Kätzchen
oder eine aus dem Nest gefallene Schwalbe …
Es ist da auch die Rhetorik gestanzter Floskeln und ganz abgemagerter Topoi,
mit der sie die Geschichten umgarnen,
an den Nähten, wo sie aufzuplatzen drohen, stopfen,
mit der sie glätten, abrunden und aufrunden.
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?“
„Wer hätte gedacht …“
„Wer hätte gedacht, dass sich sein Leben noch einmal um 180 Grad drehen würde …“
„Das Kind war, wie alle Kinder sind …“
„Als wir noch jung waren …“
„Ja, im Alter sieht man die Dinge anders …“
„Ist das nicht seltsam … merkwürdig … bizarr … verrückt …?“
Nach dem fünften Mal, nach dem zehnten Mal
können wir es nicht mehr hören,
sind wir der Geschichte überdrüssig,
schalten wir auf Durchzug,
sind wir gekränkt oder empört
über solch eine Mißachtung unseres Erinnerungsvermögens …
Und doch brauchen wir diese Geschichten wie unser täglich Brot,
so sentimental, verlogen, abstrus, geleimt und gekünstelt sie immer sein mögen.
Wir wittern hinter ihrem Nebel aus Selbstgefälligkeit und dem Tabakrauch der Fabelei
die im Phantastischen und Pleonastischen zu den Höhen des Pelikon oder Parnass
aufflatternde Seele des Menschen.
Wir vermissten etwas schmerzlich,
wenn wir von einem auf den anderen Tag nicht mehr hören dürften:
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?
Orplid, mein Land
Dem Andenken an Eduard Mörike
Wenn über den sinkenden Schein hinaus
du das Sterben der Blume verstündest,
innig, brennend, wie einst,
als der ätzende Rauch des Kartoffelfeuers
dich zum Singsang der Glut befreite?
Oder gedenke der Wärme des Steins,
als brauner Knabe du
barfuß dich im Tanz
zwischen Echsen versucht hast –
wurde dein Herz nicht hell,
als in der Hand,
die immer sprach mit den Tropfen und Hülsen,
der weiße Kiesel schwoll,
oder die aus der Kuhle rollte,
die Murmel getönt hat?
Stammelte nicht dein ärmliches Wünschen
mit den eingeatmeten Düften
des Flieders oder vom Kölnisch-Wasser
im gestärkten Kissen
den Rebus nach,
für die Hoffnung das Segel
oder der Besen für haarige Wollust?
Hast du nicht wie mit Buchstaben
der Suppe am Tellerrand
auf dem dämmernden Grate des Traums
die nahrhaften Grüße der Liebe geschrieben,
die alsbald ein Mäuschen
oder die blaue Zunge der Viper
aufgeschleckt hat?
Spräche der Denkstein auf dem Dommelberg
sein Schweigen vernehmlicher doch,
wie die Warze der Alten,
die dich mit ihrem Schweiß,
mit ihren Tränen genährt hat!
Oder der Wind in den Blättern
kindlichen Schlafs
brächte Kunde vom Lande Orplid,
wo die Freunde, in bauschigen Röcken,
mit Veilchen bekränzt,
warten auf dein Exil,
wenn frei von der Bürde des Wissens
die Reise dir leicht wird.
Orplid, mein Land,
wo die Seelen an Küssen sich kennen,
die Toten unter Wolken
goldener Hymnen erwachen,
wo Blüten lächeln,
wenn die Träne der Unschuld sie netzt,
wo Menschen Bäume sind,
deren Zweige ineinander rauschen,
wenn Kometen durch die Wipfel zischen.
O, purzelt da nicht endlich
über Pilze, Wurzeln und Igel
der Indigene des Lands,
der bezipfelte Zwerg,
sein erster und letzter Bewohner?
Hält er den Salto hüstelnd nicht inne
und schaut an den Stämmen empor,
hoch, höher, noch etwas höher,
unter die Röcke der Windsbraut,
schaut und lacht und lacht?
Und sein Lachen hüpft,
ein neckisch huschendes Eichhorn,
über die Rinde, hüpft und schlüpft
und verliert sich
im Wirrwarr des Blattwerks.
Horaz, Oden, Buch II, 6
Septimi, Gadis aditure mecum et
Cantabrum indoctum iuga ferre nostra et
barbaras Syrtis, ubi Maura semper
aestuat unda.
Tibur Argeo positum colono
sit meae sedes utinam senectae,
sit modus lasso maris et viarum
militiaeque.
Unde si Parcae prohibent iniquae,
dulce pellitis ovibus Galaesi
flumen et regnata petam Laconi
rura Phalantho.
Ille terrarum mihi praeter omnis
angulus ridet, ubi non Hymetto
mella decedunt viridique certat
baca Venafro,
ver ubi longum tepidasque praebet
Iuppiter brumas et amicus Aulon
fertili Baccho minimum Falernis
invidet uvis.
Ille te mecum locus et beatae
postulant arces: ibi tu calentem
debita sparges lacrima favillam
vatis amici.
Septimus, du kämst mit mir, Gades und den
Kantabrern Roms Joch aufzuzwingen, wilden
Völkern, Mauren bei den Syrten da, wo
ewig das Meer tost.
Tibur sei der Sitz meines Alters, Land des
Siedlers aus Argos, sei das Ziel dem Mann, der
müde ward der See und der Schinderei im
Dienste des Krieges.
Wenn die Parzen dies mir ungnädig weigern,
mache ich mich auf zum Galäsusstrom, wo
üppig die Schur, zum Land des Phalanthos, des
Mannes aus Sparta.
Lockt doch kein Flecken mehr als dieser mich an,
wo so reichlich fließt wie dem Hymettos der
Honig und der Ast sich so biegt wie unter
Früchten Venafrums.
Juppiter dehnt dort dir den Frühlingstag und
schmilzt das Eis. Aulon, so geneigt dem Weingott
Bacchus neidet nicht des Falerners
glühende Traube.
Jenes Tal und das Glück auf den Höhen rufen
dich und mich: Dort magst du das Opfer sprengen
auf die Aschenglut, letzte Tränen deinem
Freunde, dem Dichter.
Von der Idee der Vorsehung
Philosophische Betrachtungen über den Begriff der Providenz
Wir verbleiben bei diesen Betrachtungen im semantisch-philosophischen Vorfeld der Theologie. Die Anwendung auf religiöse Begriffe und Fragestellungen zu machen, bleibe dem geneigten Leser anheimgestellt.
(1) Der Vater hat dem einzigen Sohn sein Erbe ausgestellt und der Sohn kann es nach Erfüllung bestimmter testamentarisch festgelegter Auflagen und Verpflichtungen antreten.
(2) Der Vater hat nur einem seiner beiden Söhne den Hauptteil seines Vermögens testamentarisch vermacht, und dies obwohl der Haupterbe ein Großteil seines Lebens im Ausland verbracht und dort der künstlerischen Muße gepflogen hat, die Gerüchten zufolge den Abusus von Rauschgift und Dirnen nicht ausschloß, während der zu kurz gekommene Sohn sein ganzes Leben im Vaterhaus geblieben und den Vater tatkräftig bei seinen Geschäften unterstützt hat. Nachdem der heimgekehrte Sohn sein Erbe angetreten hat, ändert sich unter der Last der neuen Verantwortung sein Lebenswandel und er übertrifft in Sachen Sorgfalt, Umsicht und Voraussicht alsbald das Vorbild seines Bruders.
(3) Der Sohn hat das reiche Erbe des Vaters angetreten, doch erwies er sich als charakterlich zu schwach, um es zu pflegen und treulich zu verwalten, so daß das väterliche Unternehmen bankerott ging und der Erbe im Elend starb.
(4) Der Sohn hat das reiche Erbe des Vaters angetreten, doch erwies er sich als charakterlich zu schwach, um es zu pflegen und treulich zu verwalten, so daß das väterliche Unternehmen bankerott ging und er im Elend dahinsiechte. Der Vater aber schloß den Elenden an seinem Sterbelager aus Liebe in die Arme und verzieh ihm seine Schuld.
(5) Der Vater kannte den Charakter seines einzigen Sprößlings nur zu gut, deshalb hat er ihn von seinem Erbe ausgeschlossen und es einer gemeinnützigen Stiftung vermacht, denn er ahnte voraus, daß es aus den Händen des haltlosen Menschen wie Sand verrinnen würde.
(6) Das musikalische Talent, das der Sohn von der Mutter, einer Pianistin, geerbt hatte, kam schon in seinen frühen Jahren zum Ausdruck und vermochte ihn zu einer glänzenden Karriere als Konzertmeister und Dirigent.
(7) Das musikalische Talent, das der Sohn von der Mutter, einer Pianistin, geerbt hatte, vermochte bei ihm trotz intensiver Förderung nicht zu fruchten, vielmehr verschleuderte es der Sohn als Bummelant und Lebemann, bis er in Depression und Alkoholsucht verfiel.
(8) Die fleißige und strebsame Studentin aus einfachen Verhältnissen hatte sich sorgfältig auf das juristische Staatsexamen vorbereitet, so daß sie es mit Bravour bestand.
(9a) Die fleißige und strebsame Studentin aus einfachen Verhältnissen hatte sich sorgfältig auf das juristische Staatsexamen vorbereitet und damit alle Aussichten auf eine Bestnote und eine glänzende Karriere, doch kurz vor dem Prüfungstermin erhielt sie die Diagnose einer schnell zum Tode führenden Krankheit.
(9b) Die fleißige und strebsame Studentin aus einfachen Verhältnissen hatte sich sorgfältig auf das juristische Staatsexamen vorbereitet und damit alle Aussichten auf eine Bestnote und eine glänzende Karriere, doch kurz vor dem Prüfungstermin ist sie einem Gewaltverbrecher zum Opfer gefallen, mit dem sie in keinem persönlichen Verhältnis gestanden hatte.
Nur in den Fällen 1, 2, 3, 4 und 5 finden wir die Form des Gedankens, der die Idee der Providenz ausdrückt. Die Möglichkeit, das Erbe anzutreten, geht auf die Tat und souveräne Entscheidung des Erblassers zurück, dem einzigen Sohn (1) und im Falle (2) dem bevorzugten Sohn sein Erbe testamentarisch zuzusprechen sowie im Falle (4) dem Sohn das Erbe abzusprechen.
Wir bemerken, daß es sich bei der Idee der Providenz um eine Relation zwischen mindestens zwei Personen handelt, von denen die eine über den Willen, die Macht und die Mittel verfügt, der anderen ein Gut zukommen zu lassen (1), (2), (3), (4) oder sie vor dem Eintreten eines Übels zu bewahren (5), während die andere Person über den Willen, die Macht und die Mittel verfügt, das zugesprochene Gut anzunehmen oder abzulehnen, es pfleglich zu ihren und anderer Gunsten zu nutzen oder es zu mißbrauchen oder zu vergeuden.
Es bleibt stets dem Begünstigten überlassen, das zugesprochene Gut anzunehmen oder abzulehnen, es zu bewahren oder zu vergeuden. Der Begünstigte kann in jedem Falle in dem ihm zugesprochenen Gut ein Zeichen einer ihm zugemuteten oder von ihm erhofften Lebensmöglichkeit sehen oder dieses Zeichen als unzumutbar und unerfüllbar von sich abweisen, so als wäre es nicht deutbar, ja nicht einmal sichtbar. Der Erblasser hat in den genannten Beispielen keinen Einfluß auf den Umgang des Sohnes mit seinem Erbe und keinen direkten Einfluß auf die Art und Weise, wie der Begünstigte das ihm anvertraute Zeichen deutet.
Wir bemerken des weiteren, daß der Erblasser in seiner Verfügungsmacht souverän ist und durch die jeweiligen Interessen und persönlichen Umstände des Erbberechtigten in der Souveränität seiner Entscheidung, ob und wem er wieviel seines Vermögens testamentarisch zuspricht, nicht eingeschränkt wird.
Der Vater kann dem treuen, charakterlich makellosen und verantwortungsbewußten Sohn das Unternehmen überschreiben und in diesem Fall Kriterien der Entscheidung berücksichtigen, die wir als rational zu klassifizieren gewohnt und berechtigt sind. Es ist seinem souveränen Willen indes unbelassen, das Vermögen dem treulosen und mißratenen Sohn zu überschreiben, wogegen der treue und wohlgeratene Sohn leer ausgeht.
Wir neigen dazu, die Überschreibung des Erbes an den charakterlosen und unseligen Sohn nach unseren gewöhnlichen Kriterien rationaler Entscheidungsfindung als irrational und unvernünftig einzuordnen.
Wie sich aber herausstellt, hat der Vater mit dieser scheinbar unvernünftigen Entscheidung richtig gelegen, insofern sich die Lebensführung des schwierigen Sohnes unter dem Druck der neuen Verantwortung ins Gleichgewicht und ins Lot fand. In diesem Falle (2) sinnen wir dem Vater wohl nicht zu Unrecht eine Intuition oder ein intuitives und instinktives Vorauswissen über das Schicksal des Sohnes an, das unsere naiven und oberflächlichen Maßstäbe für Gut und Schlecht übersteigt.
Wir setzen voraus, daß der Vater in etwa weiß oder ahnt, was gut für den Sohn ist, und wir setzen weiterhin voraus, daß er die Freiheit des Sohnes in der Annahme oder Ablehnung sowie des pfleglichen oder zerstörerischen Umgangs mit seinem Erbe anerkennt.
Insbesondere ersehen wir aus unserer Fallbeschreibung, daß der Vater den Sohn, wenn er den Niedergang seines mühsam erworbenen Vermögens in seinen Händen miterlebt, nicht straft und nicht in den Mißbrauch und die Vernichtung seiner ehemaligen Güter eingreift. Es hat den Anschein, als wäre der Untergang des Sohnes unter der unbewältigten Last der Verantwortung schon Strafe genug.
Ja, wir sehen (4), daß die Liebe des Vaters stärker sein kann, als es die oberflächlichen Kriterien unserer Beurteilung für Gut und Schlecht zulassen, denn er verzeiht dem Sohn und öffnet ihm dadurch vielleicht die letzte Tür zur Rückkehr aus seinem selbstverschuldeten Elend.
In den Fällen 6, 7, 8 und 9 finden wir nicht den Gedanken, der die Idee der Providenz gültig ausdrückt. Im Falle der genetischen Vererbung des musikalischen Talents handelt es sich nicht um einen willensmäßigen oder intentionalen Akt der Überlassung und Weitergabe eines Guts, sondern um ein unwillkürliches, kausales Geschehen. Ob der begabte Sohn mit seinem Talent wuchert (6) oder nicht (7), obliegt nicht dem souveränen Willen und der freien Verfügungsmacht der Mutter, sondern einzig seinem eigenen souveränen Willen und seiner eigenen freien Verfügungsmacht.
Der Fall (6) drückt deshalb nicht den Gedanken der Vorsehung aus, weil hier derjenige, der das Gut, die musikalische Entwicklung der Persönlichkeit, schafft oder sich produktiv aneignet, mit dem durch die genetische Veranlagung Begünstigten identisch ist. Die Regel, wonach es sich bei der Idee der Providenz um eine Relation von mindestens zwei Personen handelt, ist in diesem Falle also nicht erfüllt.
Wenn der begabte Sohn sein Talent sinnlos verschleudert und deshalb ins Elend stürzt (7), kann er nicht sinnvollerweise die Mutter, die es ihm vererbt hat, dafür verantwortlich machen und anklagen. Daß er das Talent nicht als starkes Zeichen einer Möglichkeit eines erfüllten Lebens hat deuten und annehmen wollen, dafür kann ihm die Verantwortung niemand abnehmen.
Schließlich fallen auch die Beispiele 8 und 9 nicht unter die Regel der providentiellen Relation, denn die begabte Frau ist auf sich gestellt und kann über ihre Möglichkeiten so oder so verfügen. Wenn das Schicksal über sie hereinbricht (9a) (9b), finden wir anhand unserer Kriterien rationaler Zurechnung keinen sinnvollen Zusammenhang, der uns den Einbruch des Schrecklichen und den Abbruch des Guten verständlich machen könnte.
Da wir von sinnvollen Zusammenhängen nur sprechen können, wenn sie von menschlichen Handlungen und den Absichten, Willensbekundungen und Intentionen der Handelnden getragen sind, entziehen sich uns das pure Geschehen naturgegebenen Daseins nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten wie der Einbruch der Krankheit und der natürliche Tod oder das pure Geschehen sozialen Daseins gemäß statistischen Wahrscheinlichkeiten wie der Einbruch der Gewalt und der gewaltsame Tod einem intuitiven Verstehen. In natürlichen Ereignissen providentielle Zwecke herauslesen zu wollen, hat uns eine Art große Ernüchterung abgewöhnt. Auch wenn wir in Zeiten eines großen Wandels und Umbruchs der grundlegenden philosophischen Orientierungen des Wissens von der Natur und des natürlichen Werdens stehen, hat sich das neue Weltbild mit der „Sonne des Selbst“ im Zentrum uns noch nicht enthüllt, ja es bleibt ungewiß, ob dies je der Fall sein wird. Deshalb bleiben wir, philosophisch enthaltsam, wie eh und je ohne den Zuspruch einer „höheren Instanz“ vor dem Abbruch des uns intentional zugänglichen Lebenslaufs durch eine keiner offensichtlichen Verschuldung zuzumessende Gewalteinwirkung oder angesichts des allzu frühen Todes der Kinder und Jugendlichen ratlos zurück.
Philosophisch betrachtet stoßen wir hier an den harten Stein des Faktisch-Fatalen, den nur die providentielle Macht eines über alle Grenzen erhabenen, weisen und gütigen Wesens wie durch ein Wunder erweichen könnte. Wer Zeichen eines solchen Wunders zu sehen und zu lesen vermöchte, gälte uns als Prophet und die Art seines Wissens entzöge sich unserer auf Vernunft gegründeten Einsichtsfähigkeit.
Response to Richard Dawkins’s comments on my writings in his book The God Delusion.
I am grateful to Richard Dawkins for having looked at some of my writings. Here are
very brief responses to the objections which he quite properly raises. Proper answers to the objections are to be found in the other writings of mine to which I refer below.
1. On p.64 Dawkins claims that my theodicy, that is my attempt to justify ‘suffering in a
world run by God’ is ‘beyond satire’. Given that God cannot do the logically
impossible (as Dawkins acknowledges that I claim – along, I would add, with many
philosophical theologians including Aquinas), it is a serious philosophical issue
whether God can give humans free will to choose between good and evil and at the
same time significant responsibility for ourselves and each other (including for our
own characters) – which many people think to be a great good, without also
permitting quite a lot of suffering. Dawkins should enter that philosophical debate,
and not try to win by shouting. [Dawkins’s claim that I ‘attempted to justify the
Holocaust’ is highly ambiguous between the claim (1) that I attempted to justify the
Nazis conducting the Holocaust, and (2) that I attempted to justify God not interfering
to stop the Holocaust. I certainly did not attempt to justify the very wicked conduct of
the Nazis, but I did and do attempt to justify God’s non-interference.] For my full
theodicy see my book Providence and the Problem of Evil, and (briefly) chs 10 and 11
of The Existence of God (second edition, 2004), from which Dawkins quotes, but
again – without arguing any point. It is of course also a serious philosophico-scientific
issue whether we do have free will; for my (provisional) views in defence of the view
that we do have free will, see my The Evolution of the Soul, ch 13.
2. On p.65 Dawkins quotes my remark that ‘too much evidence [for the existence of
God] might not be good for us’, and then understandably dismisses it as (in effect)
absurd. Here the fault is mine – I should have given a reference to some place where I
point out the advantages of having to rely on a balance of probability, and not total
certainty, with respect to the existence of God. (The reason why I did not do so is that
the journal in which my comments appeared, Science and Theology News, wanted
their articles to be self-standing, and not to include references to other writing. I
should have insisted on a reference to a place where I defend the view in question.)
For my defence of the advantages of a lack of total certainty, see pp. 267-72 of the
second edition (2004) of my book The Existence of God. The basic point is that a good
God (like a good parent) would surely want humans (by their own free choice) to form
a naturally good character, and so – for example- to become naturally inclined to help
the poor and starving out of love for them because they are poor and starving. But if
God made it totally certain that he exists and will give a wonderful everlasting life to
those who have formed a naturally good character, then inevitably humans will find
themselves strongly inclined to try to form such a character and so to help the poor and
starving, not out of love for the poor and starving but in order to please God and to
gain everlasting life. This latter is a good motive for any action, but not always the best
motive. It will be easier for humans to form a natural inclination to help the poor and
starving out of love, if the existence of God and the prospect of everlasting life are not
(at least for a considerable period of our earthly lives) totally certain.
3. On pp.147-50 Dawkins criticizes my view that the God whom I postulate (one
personal being, eternal, omnipotent, omniscient, perfectly free – and so perfectly good)
is a simple being. He writes that ‘a God capable of continuously monitoring and
controlling the individual status of every particle in the universe cannot be simple’.
And why does he think this? He doesn’t say, but I take it that his reason for thinking
this is that, if God gets his knowledge and exercises his power in the way in which we
do (via brains) he will need to be very very complicated, since ordinary human brains
with their limited powers of control are very complicated things. But (1) I am not the
same thing as my brain. The full story of the world would need to include both what
happened to me and what happened to my brain. Split brain experiments illustrate this
see, for example, chs 8 and 9 of my book The Evolution of the Soul. And I (a simple
entity) control quite a bit of my brain (a much more complicated entity) so that I can
make it cause many different motions of my limbs, tongue etc. And (2) whether a
hypothesis is simple or not is an intrinsic feature of that hypothesis, not a matter of its
relation to observable data. Whether the hypothesis is such as to lead us to expect the
data is a second and different criterion for assessing a hypothesis .Whether the
hypothesis that one criminal committed all of some set of murders, or whether
Newton’s theory that all bodies attract each other with forces proportional to mm1/r2 is
simple is something we can see by studying it. But, to be probably true, the hypothesis
must also satisfy the criterion of leading us to expect the data. The postulation of one
entity (God) with the stated properties (scientists prefer hypotheses postulating infinite
qualities to hypotheses postulating very large finite quantities – other things, that is
satisfaction of other criteria, being equal) is intrinsically simple. I also argue that it
leads us to expect the enormously complex data (enormously large numbers of
protons, photons etc.behaving in exactly the same way) For a detailed examination of
the concept of simplicity, see my book Epistemic Justification, ch 4; and for an
account of why it leads us to expect the data, see Is there a God? ch. 4 and (more
fully) The Existence of God, chs. 6, 7 and 8.
I apologize for referring to so many of my own writings, but any justification of one’s
belief that there is, or that there is not, a God, at the highest intellectual level will
inevitably bring in one’s views about most philosophical issues. It is not possible to
circumvent the serious philosophical discussions of these issues.
Richard Swinburne, Antwort an Richard Dawkins
Antwort auf Richard Dawkinsʼ Kommentare zu meinen Schriften in seinem Buch „The God Delusion“
Ich bin Richard Dawkins dankbar dafür, daß er einen Blick auf einige meiner Werke geworfen hat. Es folgen kurze Antworten zu den Einwänden, die er recht ausführlich erhebt. Ausführliche Antworten auf die Einwände finden sich in meinen anderen Arbeiten, die ich unten erwähne.
1. Auf Seite 64 behauptet Dawkins, daß meine Theodizee, das heißt mein Versuch, das Leiden „in einer Welt, die von Gott beherrscht wird“ zu rechtfertigen, „jenseits der Satire“ angelegt sei. Von der Annahme ausgehend, daß Gott nicht das logisch Inkonsistente tun kann (eine Annahme, die mir Dawkins zu Recht zuspricht, die ich allerdings mit einer ganzen Reihe von philosophierenden Theologen teile, Thomas von Aquin eingeschlossen), ist es eine ernsthafte philosophische Frage, ob Gott den Menschen den freien Willen der Wahl zwischen Gut und Böse gegeben hat und gleichzeitig die maßgebliche Verantwortung für uns selbst und für einander (das bezieht auch die Bildung unserer Persönlichkeit mit ein) – was viele Menschen für ein großes Gut halten, ohne dabei jede Menge Leiden in Kauf nehmen zu wollen. Dawkins sollte sich ernsthaft an der philosophischen Debatte beteiligen und nicht versuchen, sie durch bloßes Herumbrüllen zu gewinnen. (Dawkins Behauptung, ich hätte versucht den Holocaust zu rechtfertigen, spielt mit den beiden möglichen Bedeutungen des Satzes, nämlich (1) ich hätte versucht, die Nazis darin zu rechtfertigen, daß sie den Holocaust durchführten, und (2) ich hätte versucht, Gott darin zu rechtfertigen, daß er nicht einschritt, um den Holocaust zu beenden. Sicherlich habe ich nicht versucht, das ganz und gar verwerfliche Tun der Nazis zu rechtfertigen, doch habe ich versucht und tue es noch immer, Gottes Nicht-Eingreifen zu rechtfertigen.) In Bezug auf meine vollständige Theodizee ziehen Sie bitte mein Buch „Providence and the Problem of Evil (Oxford 1998) zu Rate, in Kurzfassung die Kapitel 10 und 11 meines Buchs „The Existence of God (Oxford 2004; deutsch: „Die Existenz Gottes“, Stuttgart 1987), aus dem Dawkins zwar zitiert, ohne indes – wie gehabt – irgendwelche Gründe anzuführen. Es ist gewiss ein ebenso ernsthafter Streitpunkt philosophisch-wissenschaftlicher Natur, ob wir über einen freien Willen verfügen. Über meine (vorläufigen) Betrachtungen zur Verteidigung der Ansicht, daß wir über einen freien Willen verfügen, vergleichen Sie mein Buch „The Evolution of the Soul“, Oxford 1986, Kapitel 13.
2. Auf Seite 65 zitiert Dawkins meine Bemerkung, „eine allzu große Evidenz für die Existenz Gottes könne am Ende nicht gut für uns sein“, um sie sodann verständlicherweise als (im Endeffekt) absurd abzutun. Hier nehme ich die Schuld auf mich, ich hätte eine Stelle anführen sollen, wo ich die Vorteile betone, die sich daraus ergeben, daß wir uns auf ein ausgewogenes System von Wahrscheinlichkeiten verlassen können und nicht auf eine vollständige Gewißheit in Hinsicht auf die Existenz Gottes. (…) Meine Verteidigung der Ansicht, das Fehlen einer vollständigen Gewißheit sei für unser Leben von Vorteil, findet sich auf den Seiten 267–72 der zweiten Auflage meines Buchs (Oxford 2004). Der zentrale Argumentationspunkt betont, daß ein guter Gott (wie ein guter Vater) den Wunsch hegen wird, daß die Menschen (gemäß ihrer eigenen freien Willensbekundung) eine von Natur aus gute Persönlichkeit entfalten und auf diese Weise eine natürliche Neigung empfinden, den Armen und Darbenden zu helfen aus Liebe zu ihnen, weil sie arm sind und darben. Wenn indes Gott alle zur Gewißheit über seine Existenz und seinen Willen gebracht hätte, denjenigen ein ewiges Leben in Fülle zu gewähren, die eine von Natur aus gute Persönlichkeit geformt haben, dann würden die Menschen unausbleiblich eine starke Neigung dazu entwickeln, solch eine Persönlichkeit auszubilden und demgemäß den Armen und Darbenden zu helfen, nicht aus Liebe zu den Armen und Darbenden, sondern um Gott zu gefallen und das ewige Leben zu erlangen. Letzteres ist ein guter Antrieb für eine jede Handlung, doch nicht in jedem Falle der beste Antrieb. Es macht es Menschen leichter, eine natürliche Neigung dafür zu entwickeln, den Armen und Darbenden zu helfen, wenn die Existenz Gottes und die Aussicht auf das ewige Leben (zumindest während einer beträchtlichen Zeit unseres irdischen Daseins) nicht gewiß sind.
3. Auf den Seiten 147–50 kritisiert Dawkins meine Ansicht, daß ein Gott, wie ich ihn postuliere (ein persönliches Wesen, ewig, allmächtig, allwissend, vollkommen frei und demzufolge vollkommen gut), ein einfaches Wesen sei. Er schreibt, „ein Gott, der in der Lage ist, den jeweiligen Zustand eines jeden Teilchens des Universums zu überwachen und zu kontrollieren, kann nicht einfach sein.“ Und warum nimmt er das an? Er sagt es nicht ausdrücklich, doch nehme ich an, der Grund, der ihn zu dieser Annahme bewogen hat, ist folgender: Erhielte Gott sein Wissen und übte er seine Macht auf eine Weise aus wie wir es tun (nämlich mittels des Gehirns), müsste er ein außerordentlich komplexes Wesen sein, denn schon gewöhnliche menschliche Gehirne mit ihrer eingeschränkten Kontrollmacht sind ziemlich komplexe Dinge. Indes (1) bin ich nicht dasselbe wie mein Gehirn. Die vollständige Weltgeschichte müsste beides enthalten, die Ereignisse, die mir geschahen, und die Ereignisse, die meinem Gehirn geschahen. Experimente mit Gehirnen mit durchtrenntem Corpus Callosum veranschaulichen dies – siehe beispielsweise die Kapitel 8 und 9 meines Buchs „The Evolution of the Soul“. Und ich (eine einfache Entität) kontrolliere ziemlich viel von meinem Gehirn (eine bedeutend kompliziertere Entität), sodaß ich es zu verschiedenen Bewegungen meiner Glieder, meiner Zunge usw. veranlassen kann. Und (2), ob eine Hypothese einfach ist oder nicht, gehört zu den intrinsischen Aspekten dieser Hypothese und ist keine Frage ihres Bezugs zu den beobachtbaren Daten. Ob die Hypothese so geartet ist, daß sie uns die Daten erwarten läßt, ist ein zweites und nachträgliches Kriterium für die Gewichtung der Hypothese. Ob die Hypothese, dass ein Verbrecher alle Morde einer bestimmten Serie begangen hat oder ob Newtons Theorie, daß alle Körper sich gegenseitig mit einer Kraft anziehen, die proportional ist im Verhältnis m1m2/r2, einfach ist, können wir erkennen, wenn wir sie erforschen. Doch um bei der Wahrheit zu bleiben, die Hypothese muss auch das Kriterium erfüllen, uns dazu zu veranlassen, die empirischen Daten zu erwarten. Die Postulierung einer Entität (Gottes) mit den angegebenen Eigenschaften
(Wissenschaftler bevorzugen Hypothesen über unendlich viele Qualitäten anstelle von Hypothesen über eine große Anzahl endlicher Quantitäten – vorausgesetzt, andere Dinge, wie die Erfüllung anderer Kriterien, bleiben gleich) ist intrinsisch (notwendig) einfach. Ich führe auch als Grund an, daß uns die Hypothese veranlasst, eine ungeheure Menge komplexer Erfahrungsdaten zu erwarten (eine ungeheuer große Zahl an Protonen, Photonen usw., die sich gesetzlich auf dieselbe Weise bewegen). Für eine genauere Untersuchung des Konzepts der Einfachheit siehe mein Buch „Epistemic Justification“ (Oxford 2001), Kapitel 4; und für den Nachweis, daß die Hypothese uns zur Erwartung der Daten führt, siehe mein Buch „Is there a God?“ (Oxford 1996, deutsch: „Gibt es einen Gott“, Heusenstamm 2006), Kapitel 4 und (ausführlicher) in „The Existence of God“, Kapitel 6, 7, und 8.
Ich bitte es mir nachzusehen, daß ich mich auf so viele eigene Werke bezogen habe, indes wird die Rechtfertigung der Annahme auf dem höchsten philosophischen Niveau, ob es einen Gott gibt oder ob es keinen Gott gibt, jedermann unausweichlich zur Darstellung seiner Ansichten zu den meisten philosophischen Fragen veranlassen. Die ernsthafte philosophische Auseinandersetzung mit diesen Fragen lässt sich nicht umgehen.
Der Aussätzige
Zeigt dein Gesicht schon die Lepra,
die wie rosige Qualle dir
über die Wange kriecht?
Zerfällt dein Mund schon,
zerfressen vom schwarzen Aussatz
des Schweigens?
Brennt dir in der Stirn der Nagel
aus dem Traum des Ritters
von der Verwünschung Mariens?
Sind deine Augen verquollen
vom Schwefel der Quelle,
aus der die Unreinheit trank?
Oder machte Trübsal sie blind,
das von Wanzen und Läusen
verdunkelte Bild?
Sind deine Haare schon Schlangen,
die aus dem Wahnsinn
Medeas zappeln?
Du kamst aus den Hainen,
wo Blüten leuchtender Lieder
aus den Zweigen fallen.
Du kamst aus dem Weinberg,
wo die Echse am sonnigen Stein
die Liebe der Mutter erfühlt.
Du gingst durch das Zirpen
und Funkeln der Sommernacht
auf seufzendem Gras.
Du kamst aus dem Garten
der moosfrommen Wünsche
mit der Frucht eines Grußes.
Jetzt bist du gestellt von Hunden,
die anschlagen bei der Witterung
deiner faulenden Seele.
Horaz, Oden, Buch II, 5
Nondum subacta ferre iugum valet
cervice, nondum munia conparis
aequare nec tauri ruentis
in venerem tolerare pondus;
circa virentis est animus tuae
campos iuvencae nunc fluviis gravem
solantis aestum, nunc in udo
ludere cum vitulis salicto
praegestientis. tolle cupidinem
inmitis uvae: iam tibi lividos
distinguet autumnus racemos
purpureo varius colore.
iam te sequetur (currit enim ferox
aetas et illi quos tibi dempserit
adponet annos), iam proterva
fronte petet Lalage maritum
dilecta, quantum non Pholoe fugax,
non Chloris albo sic umero nitens
ut pura nocturno renidet
luna mari, Cnidiusve Gyges,
quem si puellarum insereres choro,
mire sagacis falleret hospites
discrimen obscurum solutis
crinibus ambiguoque voltu.
Das kann sie noch nicht, schleppen gebeugten Kopfs
das Joch, sich ins Zeug legen der Schwester gleich,
noch tragen des Stieres schwere Masse,
wenn er in brünstigem Rasen sie deckt.
Dem satten Grün der Wiesen entgegen strebt
dein junges Kalb. Bald taucht es in Bäche und
sucht Kühlung vor der Sommerglut, bald
hüpft es in wässrigem Weidengrund mit
den Schwestern im Spiel. Greif nach der Traube nicht,
die unreif noch. Schon lockt dich herbstliches
Gepränge mit Blaubeeren, die dir
zwischen dem Purpur der Blätter schweben.
Schon trottet sie dir willig entgegen, gab
ihr doch die Zeit, die reißende, Jahre zu,
die dir sie geraubt hat, schon stößt den
Bräutigam Lalages kecke Stirn, und
sie bettelt, die süße, mehr als je Pholoe,
längst flügge, mehr als Chloris, wie glänzte ihr
der Schnee der Haut, als glömme reiner
Mond auf dem nächtlichen Meer, und mehr als
aus Knidos Gyges, stecktest du den zum Chor
der Mädchen, wunders narrten den Feinsinn des
erlesenen Kreises seine
wallenden Haare und feuchten Augen.
Peter und der Schnee
Über einige semantische und epistemische Grundlagen der Benennung von Substanzen und Personen
„Substanz“ verwenden wir hier im technischen Sinn und verstehen darunter die spezifizierte, aber nicht individualisierte Ansammlung von Elementen einer Menge, die als solche sowohl spezifiziert als auch individualisiert werden können.
Dinge sind die epistemischen Gegenstücke zu den semantischen Entitäten, die wir auch Gegenstände nennen und gewöhnlich die Subjektrolle unserer einfachen Aussagen innehaben.
Substanzen bestehen aus Dingen als ihren letzten Elementen wie Wasser aus Wassermolekülen, dagegen sind Dinge keine Substanzen, weil sie räumlich und zeitlich immer abgetrennt und identifizierbar bleiben. Wir wissen, was mit der Frage gemeint ist, wie viele Leute sich in diesem Zimmer aufhalten. Dagegen wüßten wir auf die Frage, wie viel Schnee auf den Berggipfeln liegt, außerhalb eines klimatologisch-meteorologischen Seminars nichts anzufangen.
Wir unterscheiden die Wahrnehmung und Benennung von Dingen von der Wahrnehmung und Benennung von Substanzen und gehen davon aus, daß der semantische Unterschied, der darin zum Ausdruck kommt, daß du sagst: „Dies hier ist ein Tisch“ oder: „Es schneit“, ein sprachlicher Ausdruck für den epistemischen Unterschied darstellt, der in der unterschiedlichen Art der Wahrnehmung von Einzeldingen und Substanzen begründet ist.
Einzeldinge zu benennen fällt uns nicht schwer. Doch mit der genaueren Angabe von Substanzen sprachlich zurechtzukommen, nötigt uns semantische Umstände ab: So sagen wir, wenn wir die individualisierten Mengen von Wasser bezeichnen wollen: ein Glas Wasser, ein Löffel Wasser, ein Liter Wasser, das Wasser in dieser Pfütze, das Wasser im Indischen Ozean, das Wasser auf dem Mars.
Im Französischen haben wir die Möglichkeit, mittels der Verwendung des Genitivus partitivus einen individualisierten Teil einer unbestimmten Menge von Elementen oder einer Substanz zu benennen. Wenn ich sage: „Passez moi du pain, sʼil vous plaît!“, fordere ich dich damit ja nicht auf, mir alles Brot der Welt zu reichen, sondern ein Stück oder eine Teilmenge von dieser schmackhaften Substanz.
Nehmen wir Schnee als Beispiel: Wenn wir am Fenster stehen und du mir sagst „Das ist kein Hagel, sondern Schnee“, meinst du mit dem Ausdruck Schnee eine Ansammlung von Wasserkristallen hexagonaler Struktur, deren Anzahl wir aufgrund gewisser epistemischer Schranken nicht angeben können.
Was ist der semantische Unterschied von Aussagen der Form: „Das ist Schnee“ und „Dort geht Peter“? Wir ersehen den Unterschied in der Möglichkeit und Unmöglichkeit der semantischen Umformung dieser Sätze. Wir können statt: „Das ist Schnee“ sagen: „Es schneit“, während wir statt: „Dort geht Peter“ nicht sagen können: „Dort petert es“.
Wir unterscheiden zwischen der Identifikation der Objekte unserer Umwelt mittels Eigennamen und Prädikaten. Wir sagen: „Dort geht ja dein Freund Peter!“ und wiederum: „Dieser Mensch scheint in Eile zu sein.“ „Mensch“ bezeichnet die Eigenschaft, ein Mensch zu sein, während Peter überhaupt keine Eigenschaft bezeichnet, sondern einen Gegenstand, welcher unter anderem die wesentliche Eigenschaft hat, ein Mensch zu sein.
Wir können diesen wichtigen semantischen Unterschied zwischen Eigennamen und Prädikaten erfassen, wenn es uns gelingt, den prädikativen Charakter eines Ausdrucks mittels Verbalisierung explizit zu machen. So wenn wir statt: „Dort geht ein Mensch“ sagen würden: „Dort menscht es“ oder: „Dieser Gegenstand menscht“. Der semantisch singuläre Charakter des Eigennamens kommt dadurch zur Geltung, dass wir eine solche Verbalisierung mit ihm nicht vornehmen und nicht etwa sagen können: „Dort petert es“ oder: „Dieser Gegenstand petert.“
Warum können wir den Eigennamen Peter semantisch nicht so aufschlüsseln wie den Substanznamen Regen oder Schnee?
Ist denn physikalisch gesprochen Peter nicht auch eine Ansammlung spezifischer Elemente, nennen wir sie Moleküle, genauso wie das Wasser in diesem Topf auf dem Herd eine Ansammlung spezifischer Elemente ist, eben von H2O-Molekülen?
Nun, wir können den semantischen Unterschied der Verwendung des Eigennamens Peter und des Substanznamens Wasser wiederum auf folgende Weise bestimmen: Wenn du aus dem Topf eine kleine Menge Wasser in ein Glas gießt, nennst du die Substanz, die jetzt in dem Glase schwappt, ebenfalls Wasser. Du kannst sagen: „Das hier ist Wasser und kein Schnee“. Wenn wir aber von der riesigen Anzahl von Molekülen, als deren Ansammlung wir Peter zu betrachten beschlossen haben, eine kleinere Menge, sagen wir diejenige, die den rechten Fuß ausfüllt, (gleichsam durch semantische Amputation) wegnehmen und in einem Glaskolben isolieren könnten, würdest du dann sagen: „Genauso wie ich die aus dem Topf entnommene kleinere Menge Wasser nicht anders denn als Wasser bezeichne, so heißt mir auch die von der ganzen Ansammlung von Molekülen namens Peter abgezweigte Teilmenge in diesem Glaskolben nicht anders denn Peter“? Könntest du etwa auf den Inhalt des Kolbens deutend sagen: „Das hier ist Peter und nicht Maria“?
Wir erhalten hiermit einen semantischen Nachweis des epistemischen Unterschieds in der Wahrnehmung und Identifizierung von Substanzen und Personen. Substanzen können wir in beliebig viele Teilmengen auflösen und wir sind epistemisch darin gerechtfertigt, jede einzelne Teilmenge der Struktur und Zusammensetzung nach wie die ganze Menge zu behandeln und dementsprechend zu benennen. Wasser bleibt Wasser, gleichgültig in welcher Größenordnung die Ansammlung der Wassermoleküle vorliegt. Dagegen können wir die vermeintlichen Teilmengen einer Person nicht auf dieselbe Weise behandeln, aus dem einfachen Grund, weil Personen keine Teile haben und nicht in Teilmengen auflösbar sind. Kurz: weil Personen keine Substanzen sind.
Natürlich sind wir berechtigt, die Person Peter unter gewissen Umständen als unbestimmte Ansammlung von individualisierbaren Teilen oder Elementen zu betrachten und zu behandeln. Der Chirurg, der leider den Fuß Peters amputieren muss, ist darin gerechtfertigt, den Fuß als Teil des Körpers von Peter zu betrachten und zu behandeln. Aber würde der Chirurg den abgetrennten Fuß als vermeintlichen Teil der Person betrachten können und ihn mit dem Namen Peter ansprechen?
Der Fuß, stellte sich heraus, ist demnach ein Teil des Körpers von Peter, nicht aber der Person Peter. Körper wie dein und mein Körper sind also Substanzen und damit unbestimmte Ansammlungen von Teilen und Elementen. Es ist unseren methodischen Ambitionen anheimgestellt, wie wir die Schnitte und Grenzen ziehen, um die gewünschten Teilmengen zu erhalten, es ist unseren wissenschaftlichen Ambitionen überlassen, wie wir die individualisierbaren Elemente auswählen. Sind es Zellen, treiben wir Biologie und Medizin, sind es Moleküle, treiben wir Chemie, sind es subatomare Teilchen treiben wir Physik.
Glauben wir allerdings, es mit subpersonalen Teilchen wie Seelenfunken oder Atomen des Unbewussten zu tun zu haben, treiben wir Unsinn. Denn wie gesehen: Der Begriff der Person schließt die Existenz subpersonaler Teile aus.
Wenn der Begriff der Person eine semantische Einheit ist, der Begriff des Körpers aber eine semantische Menge, können wir daraus schließen, daß kein Teil des Körpers von Peter identisch mit der Person Peter ist. Wenn kein Teil des Körpers, so auch nicht das Gehirn. Wenn das Gehirn Peters nicht Peter ist, dann sind augenscheinlich alle geläufigen Redeweisen davon, daß Peters Gehirn das und das gedacht oder gewollt hat, obskur und ohne jeden Sinn. Denn wir sprechen intentionale Akte wie „denken“ und „beabsichtigen“ nicht Gehirnen, sondern ausschließlich Personen zu.
Aber sind nicht das Denken und Wollen, das Sprechen und Handeln Teile der Person Peter wie die Wassermoleküle Teile des Wassers im Topf?
Nehmen wir das Sprechen: Es ist evidentermaßen eine Handlung, die nur mittels Betätigung von Teilen des Körpers von Peter funktioniert. Peter muss seine Zunge bewegen, seinen Kehlkopf positionieren, seinen Atem artikulationsgerecht verteilen, seinen Mund öffnen und schließen, seine Lippen runden und spitzen. Aber wenn du Peter von hinten heftig in den Armen zwickst, und er schreit: „Aua!“, hat er all das oder vieles davon getan, nämlich den Atem ausgestoßen und die Zunge gestreckt und den Mund geöffnet, aber hat er auch gesprochen? Wir unterscheiden zwischen unwillkürlichen Interjektionen und willkürlichen Sprachhandlungen. Nur die letzteren weisen wir der handelnden Person zu.
Du schaust aus dem Fenster und stellst fest: „Es hat aufgehört zu schneien.“ Wenn Peter in dem Gespräch, das wir auf anregende Weise mit ihm geführt haben, plötzlich verstummt, hat er nicht bloß aufgehört zu reden, sondern gibt mit seinem Verstummen zu verstehen, daß ein wunder Punkt berührt worden ist.
Das physikalische Ereignis, das darin besteht, daß aufgrund eines plötzlichen Temperaturanstiegs keine Schneeflocken mehr aus dem Himmel niederfallen, gibt uns nichts zu verstehen, wogegen das physikalische Ereignis, das darin besteht, daß Peter seinen Mund verschließt und keinen Ton mehr von sich gibt, uns zu verstehen gibt, daß Peter sich schämt oder daß Peter verlegen ist.
Die epistemische Basis unserer Einsicht in den kausalen Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Schneefall ist der Struktur nach gänzlich verschieden von der epistemischen Basis unserer Einsicht in den intentionalen Zusammenhang einer körperlichen Reaktion und ihrer seelischen Motivation. Wir sprechen auf der Grundlage unserer Wahrnehmung seiner körperlichen Veränderungen davon, daß Peters Verhalten sich geändert hat. Dagegen gibt uns die Einsicht in die kausalen Vorgänge und Veränderungen bei den Wetterphänomenen keinen Aufschluss über bestimmte Motivationen und Veränderungen des Verhaltens bestimmter Substanzen wie Wasser und Schnee.
Es ist eine Eigentümlichkeit des religiösen Ingeniums der antiken Völker, die Wetterphänomene als Verhaltensweisen von Personen, nämlich der Götter, betrachtet zu haben. Blitz und Regen, Sturm und Schnee sind demgemäß Willensbekundungen des Zeus oder Jupiter, des Poseidon oder Neptun. Sollen wir annehmen, daß die Römer den Auguren eine Form des Wissens und der Einsicht in den Willen Jupiters zugeschrieben haben, wenn sie aus dem Gesang und Flug gewisser prophetischer Vögel die Zustimmung der höchsten Gottheit in Hinsicht auf den Beschluß des Senats, gegen die Punier zu Felde zu ziehen, enträtselt haben wollten?
Wir bemerken, daß wir im Bereich der Wahrnehmung auf die Person Peter nicht anders als dadurch Bezug nehmen können, daß wir uns auf die körperliche Präsenz und ihre Modifikationen wie das Reden und Verstummen Peters beziehen. Dabei müssen wir die epistemische Basis, gemäß der wir die Dinge oder Substanzen und ihre körperlichen Modifikationen wahrnehmen und sie als Ereignisse oder kausale Vorgänge interpretieren, umstellen auf die epistemische Basis, gemäß der wir beobachtete Ereignisse und körperliche Veränderungen als das Verhalten von Personen interpretieren. Infolge dieser Umstellung können wir unsere Beobachtungen nicht auf körperliche Veränderungen an Teilen eines Ganzen oder einer Substanz reduzieren, wie wir dies tun, wenn wir sagen: „Es hat aufgehört zu schneien.“
So gesehen leben wir in einer Welt, deren fundamentale Erfahrungsinhalte uns semantisch und epistemisch mit den Begriffen von Personen, Dingen und Substanzen gegeben sind. Wegen der grammatischen Ähnlichkeit dieser Begriffe unserer Alltagssprache sind wir immer wieder verführt, ihre logisch-semantischen Unterschiede zu verkennen. Aber diese Verkennung führt nicht nur zu begrifflicher Verwirrung, sondern zum Verlust fundamentaler Lebensorientierungen: Substanzen wie Personen zu betrachten heißt, in mythische Denkweisen zurückzufallen. Dinge wie Substanzen zu betrachten heißt, sich um die Möglichkeit alltäglicher Orientierungen in der raumzeitlich strukturierten Lebenswelt zu bringen. Personen wie Substanzen zu behandeln heißt, sich um die Eigenart menschlichen Daseins zu betrügen.
Von Funktion und Wirkmacht der Namen
Namen sind die Leitsterne der Clio.
Wir sagen „Mond“ und ersparen uns die lange Rede von „dem Planeten, der den Planeten Erde, der die Sonne umkreist, umkreist, und dieser Erdtrabant ist der einzige Planet, der die Erde umkreist“.
Versuche deinen Geburtsort oder deinen Wohnort ohne Verwendung des Namens durch Beschreibungen genau anzugeben!
„Ich wohne in einer Großstadt, die zwischen Höchst und Offenbach in Hessen liegt.“ Da hat es sich einer aber leicht gemacht! Es ist ja die Pointe dieser Überlegung, unsere Topographie ohne Verwendung von Namen durchzuführen, also müßtest du auch Paraphrasen finden für die Namen „Höchst“, „Offenbach“ und „Hessen“. Aber gelänge dir dies, ohne einen ellenlangen Wisch zu verfassen, aus dem am Ende keiner mehr schlau würde?
Ich könnte auch geistreich hinwerfen: „Ich wohne in der Stadt, an der jene Furt den Main quert, über die Karl der Große mit seinen Reiterscharen galoppiert ist, um die feindliche Macht der Sachsen zu verfolgen.“ Wollten wir Orte durch die Geschichten identifizieren, die sich in ihnen abgespielt haben oder die von ihnen handeln, kämen wir ad Kalendas Graecas zu Hause an.
Immerhin zeigt dieses Beispiel, daß eine Wirkmacht von Namen aus den Überlieferungen schöpft, die uns in Geschichten, Sagen und Legenden greifbar werden, die sie umspielen.
Viele Städtenamen sind sprechende Namen. „Koblenz“ leitet sich vom lateinischen Confluentes ab, das wiederum auf die beiden Flüsse anspielt, die am gemeinten Ort zusammenfließen. „Trier“ kommt vom lateinischen Augusta Treverorum und hält die Erinnerung an den keltischen Stamm der Treverer wach, der an dieser Stätte siedelte. Nach den Angaben Caesars scheinen die Treverer ein mächtiger Stamm gewesen zu sein, der sich seine Anrainer zu Klienten unterworfen hatte. Der Name könnte auf die Mosel anspielen, die diese Leute als Grenze kontrollieren und deren Überquerung sie regulierten.
Mainz scheint nach dem keltischen Gott Mogon von den Soldaten der dortigen Besatzung Mogontiacum genannt worden zu sein, wobei uns Tacitus gemäß der Interpretatio Romana darüber belehrt, dieser Gott sei mit Apollo wesensgleich, eine Deutung, die unser Mißtrauen weckt: Denn würden wir es still hinnehmen, käme ein Gelehrter mit der Behauptung daher, Jesus sei eine Wiederverkörperung des Buddha gewesen?
Colonia Claudia Ara Agrippinensium erinnert daran, daß Köln eine Gründung des Kaisers Claudius ist und dort ein Altar für den Kaiserkult aufgerichtet war, den seine Bewohner, die Ubier, welche Agrippa dort angesiedelt hatte (die „Agrippinensier“), eifrig pflegten.
Wir bemerken, dass Namen und vor allem sprechende Namen von Orten sich oft auf ihre Gründung oder auf besondere Ereignisse beziehen, die sich unter den Menschen abspielten, die als erste dort sesshaft wurden.
Mit dem Namen „Rom“ verbinden wir eine kaum ausschöpfbare Fülle an historischen, mythischen, legendären, religiösen und architektonischen oder künstlerischen Bezügen, abgesehen von einem langen Index von Namen klassischer und nachklassischer Autoren. Unser Blick schweift von der Roma aeterna der vergilianischen Überlieferung über die „Hure Babylon“ der Apokalypse bis zur „civitas terrena“ des Augustinus.
Sind die Bedeutungen solcher Namen wie die Schichten aufeinander angeordnet, die der Archäologe bei seinen Ausgrabungen freilegt? Und sollen wir sagen: „Dies ist die unterste und also älteste und also fundamentale Schicht, auf der alle anderen Bedeutungen aufruhen“? Dies können wir nicht, denn es ist möglich, dass sich eine Bedeutung unvermutet freisetzt und als Ausstrahlungszentrum beginnt, die anderen Bedeutungen zu überstrahlen oder zu verschatten. Das Rom unter der Herrschaft der etruskischen Könige ist kaum vergleichbar mit dem augusteischen Rom, dem Vergil in seinen Georgica und seiner Aeneis ein Charisma verlieh, das wir heute mit dem Begriff der „ewigen Stadt“ flüchtig streifen.
Die Stärke der Wirkmacht von Namen historischer Persönlichkeiten zeigt sich darin, dass sie sich in Titel verwandeln können. Der Titel ist das Zeichen des charismatischen Rangs der Person. So finden wir den Namen Caesar in den Titeln Kaiser und Zar. Aber auch in der ironischen Rede von einem kleinen Napoleon, der auf täppische Weise seinen Machtgelüsten frönt, treffen wir auf dasselbe Phänomen.
Was verbindest du mit deinem Namen? Was verbinden diejenigen damit, die dich mit ihm rufen? Dasselbe? Unterschiedliches? Inwiefern?
Die Benennung der Nachkommen nach der väterlichen Linie, kombiniert mit einem oder mehreren Vornamen, ist ein eigentümliches Merkmal der europäischen Kulturen, durch das wir dank eines rituellen Akts wie der Taufe oder zumindest des Eintrags in einem amtlichen Register aus der anonymen Reihe der animalischen Lebewesen auf die Ebene historischer Personen gehoben werden. Im altrömischen Ritus der Aufnahme des Säuglings durch die Hand des Vaters wird dem Nachkommen der Status eines Rechtssubjekts zugewiesen. Im rituellen Akt der Taufe wird dem Kind der mystische Status eines beseelten Wesens zugewiesen, dem mittels des Beistands der Gnade das Heil der Erlösung zugesprochen wird. Dieser Status ist unlöslich mit dem Namen des Täuflings verknüpft und seine Wirkmacht resoniert in den Absagen an die feindlichen Mächte, die von den Taufzeugen ausgesprochen werden.
Was ist der Unterschied zwischen Namen für fiktive Gegenstände und Namen für reale Gegenstände? Können wir ihn erfassen in der unterschiedlichen Art und Weise, wie wir auf die jeweiligen Objekte Bezug nehmen? Es scheint keine klare oder absolute Grenzziehung möglich. Wenn du davon sprichst, dir sei gestern im Wald ein Zwerg begegnet, wissen wir nicht, ob du ein Märchen erzählen willst oder auf die wirkliche Begegnung mit einem Kleinwüchsigen hinweist.
Wir sagen: „Sie ist die Prinzessin auf der Erbse“ und meinen damit nicht, dass sie die dem Märchen von Andersen entsprungene Königstochter ist, sondern etwa: „Sie ist ja so empfindlich!“
Versuchen wir folgende Äußerung zu paraphrasieren: „Ihre Liebe war so hingebungsvoll wie die Liebe Isoldes!“ Wir könnten statt einer umständlichen Beschreibung die Arie von Isoldes Liebestod aus der Oper von Richard Wagner zu Gehör bringen. Der Name der Isolde steht hier für ein ganzes Register seelischer Befindlichkeiten, deren Nuancen sich sprachlicher Präzision entziehen.
In den vier Büchern der Oden des Horaz stoßen wir auf hunderte Namen, historische und mythische. Manchmal wissen wir nicht, ob ein Name auf eine historische Figur aus der Lebenswelt des Dichters Bezug nimmt oder mit seinem mythischen Ursprung auf eine Eigenschaft der Figur anspielt, die sich aus der Erzählung des Mythos ergibt. Die Namen bilden Verdichtungs- und Knotenpunkte, gleichsam Angeln, in denen die Flügel des Verses schwingen. Wenn wir sie herauslösen, fallen die Flügel wie matt und ausdruckslos zu Boden.
Es ist eine Eigentümlichkeit der indogermanischen Sprachen, die Ausdrücke für Abstrakta, mit denen wir Institutionen bezeichnen, wie Namen von lebenden Wesen und Personen aufzufassen und zu verwenden. Als wäre die Liebe ein lebendiges Wesen, das zwischen den Liebenden Wohnung nimmt oder ihnen bei ihren Gängen durch die Straßen und Parks in der Gestalt eines Kindes, einer alten Frau, ja eines Vogels begegnet. Als hätten sie dieses Wesen einmal als anmutige Schöne kennengelernt, als hätten sie mit ihm täglichen Umgang gepflegt, als hätten sie es plötzlich aus den Augen verloren und sich auf all ihren Gängen durch die Straßen und Parks auf die Suche nach ihm begeben.
Dieser Gebrauch der Namen als Allegorien unserer sozialen Einrichtungen enthüllt viele Wahrheiten über die conditio humana.
Das hebräische Wort Adam für Mensch gilt als Name, während unser Wort Mensch diese Funktion nicht innehat. Gott ruft den Menschen im Paradiesesgarten bei seinem Namen.
Im Namen erfassen wir die mehr oder weniger bestimmte Einheit von Aggregaten, Mengen und Massen, die uns begrifflich zu präzisieren schwerfiele. Ein Exot, der nicht weiß, worum es sich handelt, könnte aus der Liste der Namen der Bundesländer nicht den Namen „Deutschland“ deduzieren.
Die Griechen und Römer hatten Namen nicht nur für Berge, Landschaften, Flüsse oder Sterne und Sternkonstellationen, sondern auch für die Winde, als wären sie mythische Lebewesen. Ein Schimmer davon bleibt in der fidelen Manier unserer Meteorologen, Hoch- und Tiefdrücke oder Taifune mit männlichen und weiblichen Vornamen zu bezeichnen.
Es ist aber der Anfang des dichterischen Weltumgangs, im Wald nicht bloß eine Ansammlung von Bäumen zu sehen, sondern seinem Atem zu lauschen, seinen lockenden Ruf zu vernehmen, sich in seinen Träumen oder Ahnungen zu vergessen, die ihm nach dem Sommergewitter wie Dampf heller Wolkenwirbel entsteigen.
Ameisensäure
Geschichte ist eine Idee männlicher und patriarchalischer Prägung. Sie kann gleichsam eingeatmet werden mit dem Fluidum und Aroma eines sanktifizierten und glorifizierten Namens: Alba Longa, Roma aeterna, Colonia Claudia Ara Agrippinensium.
Osker, Picener, Umbrer, Sabiner, Messapier und einige andere sind Namen von Völkern, die italischer oder anderer Herkunft sich die römischen Latiner unterwarfen. Die Größe Roms ist gleichursprünglich und gleichsinnig mit der Liste solcher Namen, deren Glanz im Glanz des römischen verblaßte.
Woher die Verehrung des Namens? Woher das Streben, Größe zu finden in der Ausstrahlung und im Ruhm des Namens? Wir wissen es nicht.
Die Nation und eine sie beherrschende Gens sind die natürlichen Wurzeln von Völkern, die nach dem Imperium streben und ihre Anrainer in das Joch ihres Rechts, ihrer Sitten, ihrer Sprache spannen wollen. Han, Maya, Azteken, Khmer, Hethiter, Perser, Ägypter, Römer, Goten, Langobarden, Franken, Burgunder, Alemannen, Angelsachsen, Russen …
Der Untergang Roms läßt sich an den Namen der späten Kaiser ablesen, die zunehmend orientalische oder germanische Herkunft verraten.
Die Religion des heiligen Namens ist die Religion des Volkes, das sich zum Imperium berufen fühlt. Der Kult des Staatsgottes Jupiter Optimus Maximus diene dieser These als Erläuterung.
Einer der großen Dichter deutscher Zunge schreibt für seinen hochgemuten Schrieb die Kleinschreibung vor, gründet einen geheimen Orden – und wird marginal. Einer der kleinen Dichter parfümiert die Papierrosen seiner Reime mit Kölnisch Wasser, schreibt für die Journale – und wird populär.
In den Schulen wird nur noch gelesen, was auch dem dümmsten Bauernschädel einleuchtet, was der frechste Rotzlöffel gerade noch akzeptiert. Gemäß diesem Verfahren ist leicht vorauszusehen, daß dort bald nicht mehr gelesen wird.
Wenn Krethi und Plethi über den Volksempfänger mit dem Thema „Liebe“ unterhalten wird, bekommen der Lustmörder und der Perverse die längste Redezeit.
Als bedeutende Dichter gelten Selbstdarsteller und Performance-Künstler, die coram publico mit dem Sand abstruser Metaphern gurgeln und die Zuschauer mit dem Schlamm obszöner Pointen bespucken – großer Applaus ist ihnen gewiß.
Was in der großen Oper als geistreicher Inszenierungseinfall brilliert, sind – Fäkalien.
Die Mater Magna mit dem Knaben auf dem Schoß war einmal einschließlich ihrer katholischen Variante das geheime Ausstrahlungszentrum der europäischen Kultur. Heute hat das kinderlose Mannweib ihre Stelle eingenommen.
Ob bei Insekten, Schlangen oder Pflanzen – Gifte sind natürliche Substanzen zur Selbsterhaltung durch Abwehr des Feindes. Wer alles und alle begrüßt, wer alles und alle willkommen heißt, hat sich selber aufgegeben.
Tabu heißt: Hier darfst du nicht weiter nach Gründen fragen. Wer hier nicht die Augen zukneift und unbelehrbar nach Licht ruft, gilt nicht als unerschrockener Denker, sondern als Verräter und Nestbeschmutzer, als gefährlicher Staatsfeind.
Als barbarisch dünkt es uns, beim Introitus des mozartischen Requiems einen Jodler auszustoßen, während der heiligen Handlung der Eucharistie laut zu rülpsen, eine Synagoge mit obszönen Graffiti zu entweihen – aber sie faseln weiter von der Gleichsinnigkeit und Gleichgültigkeit aller Werte.
Vermische die Farben der Völker oder der Wappen und Flaggen der Nationen – und du erhältst einen widerwärtigen Mischmasch. Die Scheu vor der wahllosen Vermischung der Körper und Seelen ist nicht nur ein hygienisches Gebot, sondern eine ästhetische Forderung.
Statt der Tiara trägt der Pontifex jetzt eine Narrenkappe.
Unbedenkliche Nachsicht und Toleranz sind das Signum gemeiner Seelen.
Wer nichts sich zu eigen pflegt, wer nichts sein eigen nennt, ruft: „Allen gehört alles!“
Rom ging nicht am ungebremsten Zustrom der Barbaren zugrunde, es mußte lang zuvor den Glauben an sich selbst und die eigene Größe und Berufung unter den Völkern aufgegeben haben, damit es so weit kommen konnte.
Das Latein der klassischen Autoren verschwindet heute aus den Curricula, weil die alten Schriften zu viel an unangenehmen Wahrheiten über uns selbst enthalten.
Es sind stets dieselben Lästerzungen, ob sie nun den ehelichen Bund von Mann und Frau als Traditionsplunder verhöhnen, Liebe für ein hormonelles Ereignis ausgeben, den im Weinberg seines Werks sich plagenden Autor als autoritäre Mißgeburt entlarven, die Pflege der eigenen Kultur für eine unzumutbare Last auf zarten Kinderseelen erklären oder Nation und Volk als antiquierte Begriffe verleumden.
Wie wird die schöpferische Seele frei? Durch Vergessen der Qualen, die all ihr Erdenwallen gekostet, aller Zumutungen und niederziehenden Lehren seitens der Unschöpferischen. Durch ein immer wieder gesuchtes, herbeigesungenes, herabgebetetes Verweilen und erfülltes Entsagen im Augenblick des reinen Empfindens, in dem sich das Ding wie eine ins Wasser geworfene Boje ins Gleichgewicht findet. O, sie schwankt ja! Laß sie nur schwanken, sie geht nicht unter!
Horaz, Oden, Buch II, 4
Ne sit ancillae tibi amor pudori,
Xanthia Phoceu! Prius insolentem
Serva Briseis niveo colore
Movit Achillem;
Movit Aiacem Telamone natum
Forma captivae dominum Tecmessae;
Arsit Atrides medio in triumpho
Virgine rapta,
Barbarae postquam cecidere turmae
Thessalo victore et ademptus Hector
Tradidit fessis leviora tolli
Pergama Grais.
Nescias an te generum beati
Phyllidis flavae decorent parentes:
Regium certe genus et penatis
Maeret iniquos.
Crede non illam tibi de scelesta
Plebe dilectam, neque sic fidelem,
Sic lucro aversam potuisse nasci
Matre pudenda.
Bracchia et voltum teretesque suras
Integer laudo; fuge suspicari,
Cuius octavum trepidavit aetas
Claudere lustrum.
Nicht gereue dich deine Liebe zur Magd,
Phoker Xanthias. Fiel doch einst ein Schnee
von Briseis Haut, der Sklavin, in die
Burg des Achill.
Aias war der Herr, telamonischen Ursprungs,
über Tekmessa, deren Schönheit aber
seine Herrin war. Den Atriden raubt der
Raub eines Mädchens,
da ist Feindes Wehr schon gestürzt, der Sieger
heißt Achill, doch hat eines Hektors Fall ja
müden Griechen erst aufgetan das Tor von
Pergamons Festung.
Heirate sie doch! Blonder Phyllisʼ Eltern
tun dem Schwiegersohn noch der Ehren viele.
Ist sie adlig gar? Und beweint die Unheils-
Götter des Hauses?
Fiel dein Blick auf sie, kann von Schurken diese
nicht wohl stammen. Die so dir zugetan ist,
so deine Habe schont, kann nicht, glaub es fest, der
Gosse entstammen.
Arme, Antlitz und ihrer Waden Grazie
preist mein Künstlersinn. Unterstelle dem nichts,
dessen graues Herz davor bangt, das achte
Lustrum zu enden.
Horaz, Oden, Buch II, 3
Aequam memento rebus in arduis
servare mentem, non secus in bonis
ab insolenti temperatam
laetitia, moriture Delli,
seu maestus omni tempore vixeris
seu te in remoto gramine per dies
festos reclinatum bearis
interiore nota Falerni.
quo pinus ingens albaque populus
umbram hospitalem consociare amant
ramis? quid obliquo laborat
lympha fugax trepidare rivo?
huc vina et unguenta et nimium brevis
flores amoenae ferre iube rosae,
dum res et aetas et sororum
fila trium patiuntur atra.
cedes coemptis saltibus et domo
villaque, flavos quam Tiberis lavit,
cedes et exstructis in altum
divitiis potietur heres.
divesne prisco natus ab Inacho
nil interest an pauper et infima
de gente sub divo moreris:
victima nil miserantis Orci.
omnes eodem cogimur, omnium
versatur urna serius ocius
sors exitura et nos in aeternum
exilium inpositura cumbae.
Gedenke daran, schwieriger Lagen Herr
bleibt der Gefasstheit gleichsinnig schlagendes Herz.
Nicht anders im Glück: Wahre auch dann
das Maß vor dem Unmaß des Jubels,
du sterblich Ding, mein Dellius, ob du stets
lässt hängen den Kopf, ob du am Festtag biegst
die Gräser zurück und lässt dir
alten Falerner im Grünen munden.
Wozu denn Liebreiz dämmriger Rast, da sich
der Kiefer Urmacht reckt ins Gesäusel der
Pappel? Und die feuchte Nymphe,
warum sich windend entgleitet sie stets?
Lass hierher Wein, lass Duftwasser bringen her,
und Rosen-Anmut, löst ihr doch allzu leicht
die Blüten der Wind. Blühst ja im Glück,
hält noch der Faden der Parzen dich fest.
Verlassen wirst du, was du erworben hast,
die Wälder, Stadthaus, Landhaus, das Tiber netzt,
wirst alles verlassen, der Erbe wird
prassen auf Gipfeln des hehren Goldes.
Ob reich du bist, dir glänzt des Inachusʼ Ruhm,
ob arm, ein Niemand, namenlos, das zählt nicht,
wer Licht des Himmels trank, wird sterben,
gnadenlos fällt er dem Orkus anheim.
Wir alle sind im Bann, allen entspringt das Los
der Urne, früher dem, etwas später dem,
dann schiffen wir uns ein zur Fahrt in
ewige Abwesenheit von Schatten.
Du in der Mitte
Unten das Wogen des Kanons
schütternder Farne.
Oben die Syrinx
rotierender Gläser.
Du in der Mitte,
die Karbon-Grotte
der Stille.
*
Unten das Geläute
aus dem Traumgrund der Maare.
Oben das klöppelnde Züngeln
nach wolkiger Bläue.
Du in der Mitte,
das duftende Tüchlein
im Buch.
*
Oben das Kratzen von Schnäbeln
auf der Himmelstafel.
Unten das Wurmesschmatzen
im Verlies der Kindheit.
Du in der Mitte,
schlafend unter Kräutern,
ein entlaufener Zögling.
*
Oben das Nachtblau
des Kuckucksrufs.
Unten die graue Litanei
fiepender Mäuse.
Du in der Mitte,
mohnfeuchten Liedes
Purpurmund.
Horaz, Oden, Buch I, 38
Persicos odi, puer, apparatus,
displicent nexae philyra coronae,
mitte sectari, rosa quo locorum
sera moretur.
Simplici myrto nihil adlabores
sedulus, curo: neque te ministrum
dedecet myrtus neque me sub arta
vite bibentem.
Mich stößt ab Perserprotz und zuwider, Sklave,
sind die Kränze mir, die mit Bast verzwirnten.
Such nicht mehr, wo unter Schatten späte
Rosen verglühen.
Lass die Myrte schlicht, das Gekünstel trübt den
Eindruck. So du dann mir die Schale spendest
und ich leere sie unter Weinlaubs Dämmer,
schmückt uns die Myrte.
Horaz, Oden, Buch I, 36
Et ture et fidibus iuvat
placare et vituli sanguini debito
custodes Numidae deos,
qui nunc Hesperia sospes ab ultima
caris multa sodalibus,
nulli plura tamen dividit oscula
quam dulci Lamiae, memor
actae non alio rege puertiae
mutataeque simul togae.
Cressa ne careat pulchra dies nota
neu promptae modus amphorae
neu morem in Salium sit requies pedum
neu multi Damalis meri
Bassum Threicia vincat amystide
neu desint epulis rosae
neu vivax apium neu breve lilium.
Omnes in Damalin putres
deponent oculos nec Damalis novo
divelletur adultero
lascivis hederis ambitiosior.
Mit Weihrauch und der Lyra Klang,
mit dem kultischen Blut des Kalbs stimmen wir gerne mild
die Schutzgötter des Numida,
der nun glücklich entkam Hesperiens fernem Land,
und den lieben Gefährten teilt
viele Küsse er aus, keinem indes so viel
wie Lamia, dem süßen, er
sieht vor sich, wie sie zwei gingen zur Schule einst,
wie die Feier der Toga sie
vereint. Leuchte ein Mal auf diesem schönen Tag.
Heute gehen die Krüge nicht
aus noch bricht uns entzwei salischer Tänze Reif,
und nach thrakischer Sitte trinkt
heute Damalis nicht Bassus in süßen Schlaf.
Von Rosen sei des Festes Duft,
Eppich grüne und scheu blicke die Lilie.
Alles hängt feuchten Auges an ihr,
Damalis, aber selbst rankt sie sich lüsterner
um des jungen Geliebten Leib
als der Efeu sich schlingt haltsuchend um den Stamm.
Fortunas Masken
Kleine philosophische Betrachtung der Ode I 35 des Horaz
Das Gedicht beginnt mit dem Anruf der Göttin, indes wird ihr Name hier und im Folgenden nicht genannt. Aber um wen es sich handelt, erschließt unmittelbar der Hinweis auf die Stadt Antium, in der Fortuna einen berühmten Tempel hatte. Es ist dies, scheint es, horazische Eigenart, die wesentlichen Bezüge indirekt über das Ins-Spiel-Bringen, das Mitschwingen oder das Echo des Konkreten und Lokalen, historischer und mythischer Realien aufzuspannen.
Wir haben vage Bilder oder Klischees, die uns beim Namen „Fortuna“ aufscheinen wie jene allegorischen Bilder der Dame mit dem Füllhorn, welche die Renaissance und das Barock liebten. Wir denken an die wildere Variante der grausamen Frau mit dem Rad, auf dem die Schicksale und Lebenslose der Menschen um- und umgedreht werden oder das anzeigt, wie alles Gefestigte an Rang und Namen von unten nach oben, von oben nach unten emporgerissen oder herabgestoßen wird, wie wir dies aus den mittelalterlichen Carmina Burana und ihrer bekannten und beliebten Vertonung durch Carl Orff kennen. Immerhin sind dies wenn auch etwas verblasste Wesenszüge der Göttin Fortuna, wie sie den antiken Quellen entsprungen sind und uns bei Horaz in prägnanter Form begegnen.
Indes, das Schicksal (oder wie wir herabgestimmter sagen: den Zufall), das den einen heute ins Rampenlicht stellt, den anderen morgen unter die Brücke bringt, das heute Throne aufrichtet und Siegessäulen und morgen dieselben niederreißt, das Reiche und Imperien gründet und sie mit einem Schicksalsschlag zu Boden stößt, irgend als göttliches Wesen zu betrachten und betrachten zu wollen, liegt uns fern. Wir pflegen, brave Schüler strenger nomologischer Wissenschaften oder bestallter Auguren der Statistik, in solchen Ereignissen keinen verborgenen oder offenbaren Willen göttlicher Providenz zu sehen, geschweige denn zu fürchten oder verehrend durch Opfer und Gebete uns geneigt machen zu wollen, sondern den ehernen Gang des Weltgeschehens gemäß schwer durchschaubarer Gesetzmäßigkeiten.
Doch sehen wir genauer hin. Liebende gedenken des Tages und der Stätte ihrer ersten Begegnung wie Fromme vielleicht des Tages und der Stätte ihrer Taufe, wie Adepten eines mystischen Kults oder Ordens des Tages und der Stätte ihrer Einweihung. Liebende scheint an diesem Tag, über diesem Ort gleichsam ein neuer Stern aufgegangen zu sein, Stern ihres Schicksals. Liebende verkörpern den Bund ihrer Liebe in einem kostbaren Etwas, einem Ring, einem Schmuckstück, einer Melodie. Das, was sie eint, nimmt Gestalt an vor ihnen und spricht zu ihnen mit einer Stimme, deren Dialekt vielleicht nur sie verstehen, den aber ein Dichter in die allgemeinverständliche Sprache der Dichtung zu übersetzen weiß.
Sehen wir genauer hin. Der Liebesbund ist wie der Bund der Freundschaft auf Treue gestellt. Deshalb sprechen wir vom Halten und Brechen des Liebesschwurs, von Hingabe und Abfall, von Verpflichtung und Verrat in allen intimen Beziehungen, die nicht auf Gewissheiten, sondern auf Vertrauen beruhen. Die zugesagte Treue lässt uns hoffen, auch wenn sich die Tage trüben und das Licht der ersten Begeisterung von den Schatten des Alltags heimgesucht wird, hoffen auf ein Bleibendes, hoffen auf Wiederkehr und Wiederbelebung.
Aber die Macht, die eint und einschließt, ist dieselbe Macht, die entzweit und ausschließt. Der unbelehrbare Delinquent und schamlose Schmarotzer wird aus der Gemeinschaft, die ihn einst aufgenommen, gehütet und genährt hat, ausgesperrt, der Verräter von Land und Ehre hat sein soziales Dasein dahin, der Untreue wird durch Liebesentzug gestraft.
Es scheint, dass wir unsere wesentlichen Lebensinteressen auf sprachlich fundierte institutionelle Bande und Bündnisse wie eben die Liebe und die Freundschaft gründen. Alles, was wir an Institutionen zur Bewältigung des Lebens errichten, nimmt objektive Gestalt uns gegenüber an, spricht zu uns mit eigener Sprache, nimmt uns in die Pflicht oder stößt uns wieder aus der Verbindung aus oder entlässt uns aus der Verpflichtung, weil wir gefehlt und uns des Bleibens nicht würdig erwiesen haben. Objektive Gestalten oder Lebensmächte der genannten Art sind nicht namenlos, anonym und gesichtslos, sondern werden mit ihrem einzigen Namen genannt, heben uns aus der Menge und zeigen uns ein Gesicht. Das Gesicht der Lebensmächte, die uns tragen und wieder fallen lassen können, die uns herausheben aus dem grauen Geschehen und uns wieder ins Namenlose verabschieden können, sind Embleme und Zeichen, Wappen und Sinnbilder, aber auch Geschichten, Mythen, Lieder, in denen sich der Gehalt unseres Lebens verdichtet. In der Antike, der frühen Quelle unserer Lebensschrift, sind es die Götter und ihre Zeichen, Insignien, Tempel und Mythen.
Wir sagen: Das Gesicht der Lebensmächte, die uns tragen und verwerfen, die sich uns zusagen und verweigern, sind die Masken der Fortuna. Fortuna ist die Macht der Mächte, welche die Masken aufsetzt und abnimmt, nach einer Richtschnur, die sich unserem Verstand entzieht und unsere Maßstäbe hintansetzt.
Horaz ruft in seiner Ode Necessitas, die Schicksalsnot, Spes, die Hoffnung, und Fides, die Treue, als Masken der Fortuna an, die gleichsam wie Dienerinnen ihr die Embleme und Attribute vorantragen oder hinter ihr führen, mit denen sich Grausamkeit und Not, Licht und Zuversicht in unsere Lebensbezüge einschreiben.
Horaz nennt aus der Fülle der Existenzen, mit denen Fortuna spielt, den armen Landmann, den Seefahrer, verschiedene Völker wie die Daker und Skythen, und rundet diese erste Aufzählung der Schicksalsbetroffenen ab in der Formel von den Städten und Stämmen, unter denen er den heimatlichen Latiums hervorhebt. Der Blick greift ins Weite aus zu den Barbaren und ins Hohe zur Sphäre der Herrschaft, ins Niedere zum aufrührerischen Pöbel. Im Herzstück der Ode finden wir die genannten allegorischen Masken der Fortuna. Dann rückt Roms Größe im Namen des Augustus in den Mittelpunkt und die imperialen Bestrebungen römischer Expansion, denen der Dichter ein gutes Schicksal wünscht. Der Ausklang hat eine typisch horazische Note, in der harte Gegensätze aufeinanderprallen: Auf die Erinnerung an die Schrecken des Bürgerkriegs in der Jugend des Gaius Octavius folgt der Wunsch nach Entsühnung und Erneuerung und die Hoffnung auf den Segen der Fortuna für künftige kriegerische Unternehmungen.
Wir fragen: Wenn der Dichter Fortuna anruft und um Segen für die römische Sache fleht, sollen wir folgern, dass unser Geschick nicht in der fatalen Konstellation der Sterne steht, sondern in Grenzen sich beeinflussen und modeln lässt? Oder wollen wir uns als heitere Fatalisten bekennen, weil auch das, was wir erhoffen, was wir erwarten können, uns schicksalhaft zugemessen ist? Wir schlagen hier hart an die Grenzen unseres Wissens, und auch der Dichter scheint sich hinter diesem letzten Rätsel zu verhüllen.
Wir bemerken, dass die Fremdheit der dichterischen Aussage daher rührt, dass wir in der Ode den Übergang vom Lebensbild zum Begriff lebendiger Zusammenhänge mehr ahnen als erfassen können – Übergang vom Bild zum Begriff, deren seltsamer Zwitter wir Allegorie zu nennen pflegen. Es wirkt auf uns wie Divinationen aus einem merkwürdigen Interregnum, wenn die Sprache zwischen der Faszination durch das mythische Bild, in dem ein Gott dämonisch hervortritt, und dem Begriff schwankt, in dem sich das Leben klaren und konsistenten Ausdruck verschafft.
Goethe hat in seinen Stanzen mit dem Titel „Urworte, orphisch“ unter den Masken der Fortuna, er nennt sie griechisch „Daimon“, „Eros“, „Ananke“, und „Elpis“, in den Figuren der Ananke und der Elpis ein Gegenbild zu den horazischen Gestalten der Necessitas und Spes (welch letztere Horaz wohlweislich in eine Reihe mit der Fides gerückt hat) entworfen, in dem das Rätselhafte unseres Lebens, in Zwänge verstrickt und doch von Segensmächten beglückt, von Ungereimtheiten verstört und doch von Gnaden erhört zu sein, dichterisch gültige Aussage gefunden hat:
Αναγκη, [Ananke] Nötigung
Da ist’s denn wieder, wie die Sterne wollten:
Bedingung und Gesetz; und aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;
Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,
Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille.
So sind wir scheinfrei denn nach manchen Jahren
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.
Ελπις, [Elpis] Hoffnung
Doch solcher Grenze, solcher ehrnen Mauer
Höchst widerwärt’ge Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt nach allen Zonen;
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!
Horaz, Oden, Buch I, 35
O diva, gratum quae regis Antium,
praesens vel imo tollere de gradu
mortale corpus vel superbos
vertere funeribus triumphos,
te pauper ambit sollicita prece
ruris colonus, te dominam aequoris
quicumque Bythyna lacessit
Carpathium pelagus carina.
Te Dacus asper, te profugi Scythae,
urbesque gentesque et Latium ferox
regumque matres barbarorum et
purpurei metuunt tyranni,
iniurioso ne pede proruas
stantem columnam, neu populus frequens
ad arma cessantis, ad arma
concitet imperiumque frangat.
Te semper anteit serva Necessitas,
clavos trabalis et cuneos manu
gestans aena nec severus
uncus abest liquidumque plumbum;
te Spes et albo rara Fides colit
velata panno nec comitem abnegat,
utcumque mutata potentis
veste domos inimica linquis;
at volgus infidum et meretrix retro
periura cedit, diffugiunt cadis
cum faece siccatis amici,
ferre iugum pariter dolosi.
Serves iturum Caesarem in ultimos
orbis Britannos et iuvenum recens
examen Eois timendum
partibus Oceanoque rubro.
Heu heu, cicatricum et sceleris pudet
fratrumque. Quid nos dura refugimus
aetas, quid intactum nefasti
liquimus? Unde manum iuventus
metu deorum continuit? Quibus
pepercit aris? O utinam nova
incude diffingas retusum in
Massagetas Arabasque ferrum!
O Göttin, dir liegt Antiums Lieblichkeit
zu Füßen, aus dem schmutzigen Winkel ziehst
den Nichtsnutz du hervor und kehrst um
Siegesgesänge in Totenklagen.
Dir ruft der Landmann zitternd Gebete, er darbt,
dich ruft als Herrin, wer immer sich vermisst,
mit Kielen bithynischer Bauart
Schaum im karpathischen Meer zu schlagen.
Der rauhe Daker, skythisches Wandervolk,
die Stadt und der Stamm, Latiums hoher Mut
und fremder Herrscher Mütter fürchten
dich und Tyrannen im Purpurmantel,
dass du mit dem Fuß höhnisch den Stolz umstößt
der Säule, dass nicht Pöbel sich rottet und
die Zögernden zum Waffengang drängt,
Waffen gebraucht und zerbricht die Herrschaft.
Als Magd geht voran stets das Schicksal dir,
in eherner Hand schwingt es die Pflöcke und
die Unglücksnägel, bringt den Haken
grausamen Tods, heißen Bleies Folter.
Dir folgt die Hoffnung nach, und im weißen Tuch
die seltene Treue weigert Geleit dir nicht,
wann immer du im Trauerkleid der
Mächtigen Häuser verlässt, unhold.
Es flieht der Pöbel treulos, die Hure flieht
meineidig, es fliehen die Freunde, wenn
am Boden des Krugs schimmert die Hefe,
das Leid zu teilen logen sie nur.
Behüte Caesar, der gegen Briten zieht
am Rande des Reichs, rette die Jünglingsschar,
die ostwärts zieht, Schreckbild dem Land der
Eos und Siedlern am Roten Meere.
Weh, Scham erfasst uns über vergossenes
Blut unter Brüdern. Was war uns heilig, uns
verhärtetem Geschlecht, was ließen
Ruchlose wir unentweiht? Hat Jugend
die Tat gescheut aus Furcht vor Göttern je?
Altäre geschont? O, unser schartiges
Schwert schärf in frischer Esse uns neu,
Arabern und Massageten gilt es!
Vertrauen oder verzweifeln
Es ist ein Zeichen von Dummheit, alles und jedes wissen zu wollen.
Wir können nur etwas erkennen, wenn wir etwas als dasselbe erkennen. Wenn demnach Erkennen Wiedererkennen wäre, könnte es eine erste Erkenntnis nicht geben. Wenn aber keine erste, dann gar keine. Also gar keine. – Sagt der erkenntnistheoretische Skeptiker und Pessimist, der Mensch des angeborenen Misstrauens.
Du behauptest, mich gestern im Park gesehen zu haben. Gewiss musst du mich wiedererkannt haben, um behaupten zu können, mich erkannt zu haben.
Wie machst du das, mich wiedererkennen? Hast du ein inneres Bild von mir, eine bestimmte oder mehr oder weniger vage Vorstellung von mir, mit der du das aktuelle visuelle Bild, das Sehbild, abgleichst und bei vollkommener Übereinstimmung stellst du die Behauptung auf, du habest mich wiedererkannt?
Aber ist das innere Bild seiner Form und Struktur nach nicht ganz verschieden von dem jeweils aktuellen Sehbild, und ist nicht darüber hinaus jedes aktuelle Sehbild von jedem weiteren aktuellen wenn auch nur um eine Nuance verschieden? Welches Bild ist dann das richtige, das du brauchst, um zu deiner wahren Aussage zu kommen?
Wenn du meinst, das innere Bild oder das Erinnerungsbild, das dir die Echtheit deiner Begegnung und Erfahrung mit mir zu bezeugen scheint, sei zu betrachten und zu begutachten wie ein äußeres Bild, ein Sehbild, woher weißt du dann, dass es echt ist und nicht gleichsam gefälscht oder verfälscht von den Spuren der Erinnerungstätigkeit, in die sich Gedächtnislücken und seltsame Wünsche nach Verklärung und Idealisierung oder Verhässlichung des Gesehenen mischen können?
Wenn wir annehmen, die Welt bestünde aus dem Zimmer, in dem sich zufällig zusammengewürfelte Personen, unter anderem du und ich, aufhalten. Du glaubst, deinen Freund Peter in diesem Raum zu erkennen. Du erkennst Peter als eine in diesem Zimmer anwesende Person, wenn keine der anderen anwesenden Personen Peter ist und wenn die in Betracht gezogene Person alle Merkmale aufweist, anhand deren wir deinen Freund Peter zu identifizieren imstande sind. Wenn wir die Wahl der Merkmale auf ein einziges wie die DNS einschränken dürfen, das hinreicht, um uns die gewünschte Information zu liefern, müssen wir vorab uns mit einer DNS-Probe Peters versorgt haben, um im gegebenen Moment die Identität der in Betracht gezogenen Person bestimmen zu können. Was aber erkennen wir, wenn wir zufrieden konstatieren, dass die DNS-Probe mit der aktuell von Peter entnommenen Probe übereinstimmt? Dass die Person, die ehemals uns ihre Probe hinterließ, nun vor uns sitzt und auf den Namen Peter hört. Und wenn die Person, die uns die Probe hinterließ, nur vorgab, Peter zu sein, genauso wie die Person, die jetzt vor uns sitzt? Um dies herauszufinden, müssten wir ihre Identität feststellen. Es scheint, wir drehen uns im Kreise …
Gehen wir davon aus, wir besäßen die echte DNS-Probe und könnten damit die Identität Peters bestätigen. Dann können wir sagen, dass ein singuläres Objekt erkennen heißt, seine Identität anhand eines oder einiger wesentlicher Identitätsmerkmale zu bestimmen. Peter weist eben dasselbe Merkmal auf wie die DNS-Probe. Demnach wäre „… ist dasselbe wie …“ oder „X ist dasselbe wie A“ die gesuchte epistemische Relation, in die wir nur die Ausdrücke für die richtigen Relata einsetzen müssen, um zu einer gültigen Aussage über die Identität des Objekts zu gelangen.
Woher wissen wir aber, dass A das richtige Relatum darstellt, mit dem wir eine gültige Aussage über X formulieren können? Nun, um festzustellen, dass A das richtige Relatum ist, müssen wir wiederum wesentliche Merkmale von A bestimmen, das heißt, die epistemische Relation auf A anwenden. Es scheint, wir drehen uns im Kreise …
Wir machen die simple Feststellung, dass jemanden wiederzuerkennen, den man kennt und zu kennen meint, voraussetzt, dass man diese Person erstmals kennengelernt hat. Doch jemanden kennenzulernen oder eine erste Bekanntschaft mit einer Person zu machen, heißt natürlich nicht, sie wiederzuerkennen. Insofern haben die der Bekanntschaft dienende Wahrnehmung, kurz die Wahrnehmung, und das der Identifikation dienende Erkennen und Wiedererkennen nicht viel gemein, ja sie unterscheiden sich der Struktur und Funktion nach in nicht geringem Maße. Die Wahrnehmung macht dir Eigenschaften des Objekts wie Form, Farbe und Größe vertraut, die du ihm als Merkmale zuordnest. Die Einheit solcher Merkmale verknüpfst du wiederum mit der Einheit des Objekts und baust darauf, dieses eben anhand seiner Merkmale wiedererkennen zu können. Siehst du das riesige Tier im Meer auftauchen und bestimmst es anhand seiner Eigenschaft, wie Fische im Meere zu schwimmen, als Fisch, so irrst du zwar insofern, als es sich bei Walen nicht um Fische handelt, aber nicht insofern, als es Meeresbewohner sind.
Wie sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich bei Walen, obwohl sie etliche Merkmale mit den Fischen teilen, letztlich nicht um Fische, sondern um Säugetiere handelt? Nun, einer hat beobachtet, dass ein Wal ein Junges lebend gebiert und es säugt. Diese Beobachtung führte zu einer Neuordnung der Klassifikation dieser Meeresbewohner: Sie wanderten aus der Menge der Fische hinüber in die Menge der Säugetiere. Diese neue Zuordnung beruht auf einer epistemisch gut fundierten Entscheidung: Das wesentliche Merkmal, ein Säugetier zu sein, überwiegt alle anderen Merkmale, die für die Klassifikation des Tieres in die Menge der Fische sprechen. Die Klassifikation entspricht nicht nur unserem klassischen Bedürfnis nach guter Übersicht, sondern ist darüber hinaus von höherer epistemischer Relevanz und wissenschaftlicher Fruchtbarkeit als die entgegengesetzte Klassifikation.
Was wir an der Wahrnehmung feststellen, dass wir erste Erfahrungen sammeln, ohne uns immer auf andere Erfahrungen zu stützen, ist ein Echo der Tatsache, dass wir uns mit der Umwelt am eingehendsten in den Situationen primären Spracherwerbs vertraut machen. Wenn du also, was sich wie ein Fisch verhält, Fisch nennst, hast du nichts erkannt oder wiedererkannt, sondern die Sprachleistung der Benennung und Klassifikation von Objekten angewandt. Du hast gezeigt, dass du der Sprache Herr bist, nicht mehr und nicht weniger.
Der Mörder hat die Leiche zunächst am Tatort, einem Waldweg, in einem Graben hastig mit Laub der umstehenden Bäume bedeckt. Es gab genügend Anhaltspunkte, den Mann zu verdächtigen, aber keine Beweise, um ihn der Tat eindeutig zu überführen. Nach Jahrzehnten findet man unter den Asservaten ein Blatt, das ein akribischer Kriminalbeamter aus dem Kofferraum des Verdächtigen eingesammelt hat. Heute können wir die DNS von Bäumen analysieren: Wie bei allen Lebewesen ist auch die DNS von Pflanzen ein individueller Fingerabdruck. Es stellte sich nach eingehenden Laboruntersuchungen heraus, dass die DNS dieses Blattes dieselbe ist wie die DNS eines der am Tatort gewachsenen Bäume. Also hat der Mörder die Leiche im Kofferraum seines Autos transportiert. Das war als Beweis hinreichend, um den Täter zu überführen. – Der Nachweis der Täterschaft fußt auf der Identität des genetischen Materials: Das Blatt in den Asservaten hat denselben genetischen Fingerabdruck wie die Blätter eines bestimmten Baumes am Tatort.
„Dasselbe wie … derselbe wie“ scheint demnach die grundlegende epistemische Relation zu sein.
Wir haben eine Leiche, eine Mordwaffe mit DNS-Spuren und einen Verdächtigen mit einem hinreichenden Motiv, können aber nicht ausschließen, dass sich außer dem Verdächtigen, dem wir es nachweisen können, nicht noch andere Personen zur selben Zeit am Tatort aufgehalten haben. Dann können wir mangels zusätzlicher Informationen dem Verdächtigen den Mord nicht eindeutig zusprechen, auch wenn die Tatwaffe seine und nur seine DNS-Spuren aufweist (er könnte die Waffe von einem anderen erworben haben, und dieser war der wirkliche Täter).
Wir wissen nicht a priori, welche und wie viele Merkmale ausreichen, um einen Gegenstand eindeutig zu identifizieren oder ihn einer bestimmten wohldefinierten Menge von Gegenständen zuordnen zu können. Der neue Fund eines Papyrusfragments im ägyptischen Sand weist in Wortwahl und Grammatik, im Stil der Metaphorik, in der Verwendung von mythischen und historischen Namen, in der Anspielung auf mythische Motive und in Prosodie und Metrik alle Merkmale auf, die es uns nahelegen, das Bruchstück dem Opus der Sappho zuzuordnen. Denn wir verfügen über eine ausreichend große Sammlung sapphischer Lyrik, die wir als echt oder authentisch ansehen und die uns erlaubt, eine Liste von Merkmalen der genannten Art zusammenzustellen, anhand deren wir bestimmte Leseproben in die Menge der als sapphisch klassifizierten Objekte einordnen können. Doch bleiben wir vorsichtig! Es könnte sich bei dem Fundstück um eine geschickte oder geniale Nachahmung handeln – das gilt auch und gerade dann, wenn das Fragment den Namen der vermeintlichen Autorin oder eine Anspielung auf ihre Person enthielte.
Geistige Objekte haben demnach anders als bestimmte physische keinen individuellen Fingerabdruck, anhand dessen sich ihre Identität und Herkunft eindeutig bestimmen ließen.
Du glaubst, mich gestern im Park gesehen zu haben. Es könnte nicht ich gewesen sein, so wärst du einer Verwechslung erlegen. Es könnte nicht gestern, sondern vorgestern gewesen sein, dein Zeitgedächtnis hätte dir einen Streich gespielt. Auch wenn ich dir deine Annahme, mich gestern im Park gesehen zu haben, bestätigte durch meine Versicherung, ich sei tatsächlich gestern im Park spazierengegangen, können wir deine Annahme nicht ohne weiteres als wahre Aussage stehen und gelten lassen. Denn auch ich könnte mich irren und wäre nicht gestern, sondern vorgestern im Park gewesen. Kämen wir der Wahrheit näher, wenn wir einen unabhängigen Zeugen, einen Wahrheitszeugen, hinzuzögen, der deine Annahme und meine Bestätigung deiner Annahme seinerseits bestätigte, weil er vorgibt, mich gestern im Park gesehen zu haben? Damit wären wir gleichsam nur um die Ecke gelaufen, denn auch unser Zeuge könnte sich ja irren.
Wenn du ein Foto geschossen hättest, wie ich auf der Parkbank sitze und eine Zeitung lese, und der Ort wäre eindeutig identifizierbar durch ein sichtbares Monument, das nur in diesem Park aufgestellt ist, und das Datum wäre durch das Titelbild der Tageszeitung eindeutig auszumachen, auch dann könnte ich dir entkommen mit dem störrischen Hinweis darauf, es könne sich bei dem Abgebildeten auch um jenen Doppelgänger handeln, der hier im Viertel schon mehrfach aufgetaucht sei.
Es scheint, dass wir keinen sichern Grund epistemischer Gewissheit fassen können und uns damit abfinden müssen, unser Leben nur scheinbar auf fester Erde, in Wahrheit in einem fluiden und schwankenden Element zu verbringen. Dieses fluide, mehr oder weniger schwankende Element ist das feingliedrige Netz unserer Überzeugungen und Annahmen, die sich auf das beziehen, was uns wahrscheinlich und glaubwürdig dünkt.
Und dennoch haben wir eine schmale epistemische Basis, auf die wir uns vorläufig stützen, der wir wenn auch nicht bedenkenlos vertrauen können: Dies sind gewisse fundamentale Begriffe oder Grundbegriffe, die wir nicht ohne das Risiko systematischer Fehldeutungen füreinander einsetzen können. „Sehen“ ist ein solcher Grundbegriff, wir haben ihn bereits beim Hinweis auf die Wahrnehmung als Basis unserer Bekanntschaft mit der Welt gestreift.
Wir dürfen der Versuchung nicht erliegen, die elementare Zeugenschaft durch die visuelle Wahrnehmung deshalb in Misskredit zu bringen oder sie zur Illusion zu erklären, weil Sehen gewissen Täuschungen ausgesetzt ist. Wir sagen ja auch nicht, weil wir uns in einer unbekannten Gegend verlaufen haben, das beweise eben den Sinn unserer Fortbewegung, nämlich herumzuirren und sich zu verlaufen.
Der Skeptiker greift bekanntermaßen hier an und möchte das Misstrauen in die Leistungskraft unserer Rezeptoren, das uns Wahrnehmungstäuschungen einzuflößen vermögen, generalisieren: Sehen sei ein Träumen mit geöffneten Augen wie Träumen ein Sehen mit geschlossenen Augen. Wenn wir uns unterhalten, erzählten wir uns einen Traum, und die Unterhaltung sei selbst ein Teil dieses Traums.
In Wirklichkeit messen wir Träumen in unserem Leben natürlich einen anderen Stellenwert zu als unseren Wahrnehmungen. Das zeigt sich daran, wie anders wir von dem einen und anderen berichten und erzählen. Du tust deinen Traum von einer Bluttat als typischen Albtraum ab, aber gewiss nicht die Bluttat, die du am hellichten Tage mit eigenen Augen in der Nachbarschaft mit ansehen musstest. Wir reden hierbei von emotionaler Erschütterung durch das Erlebte, wogegen der Traum nicht im gleichen Sinn im Gefühlsraum nachhallt.
Wir können den Skeptiker mit seiner Ansicht vom Leben als Traum nicht bündig durch noch so fein gesponnene Argumente abschlagen. Aber wir brauchen es auch nicht, solange wir auf guten Strecken unseren Augen trauen und dem vertrauen, was die Eltern oder Großeltern, der Kommilitone oder Kollege, der Freund oder Kamerad uns auf Treu und Glauben versichern.
Das Netz unserer Überzeugungen knüpft meist das Wahrscheinliche an das Wahrscheinliche und das Glaubwürdige an das Glaubwürdige. Es findet aber seine Verankerung oft im Unwahrscheinlichen, das unseren Lebensweg kreuzt. Es war eher unwahrscheinlich, dass dich eine Volksschullehrerin gleichsam bei der Hand nahm und deinem Griechischlehrer auf dem Gymnasium gleichsam ausgehändigt hat: Denn mit diesem war sie verehelicht. Weil du von deinem üblichen Spazierweg einmal abgewichen bist und das Café einladend fandest, das mein Stammlokal ist, sind wir uns begegnet. In Susette Gontard fand Hölderlin in Fleisch und Blut, was ihm als Idol der dichterisch beschworenen Liebe in wolkige Ferne entrückt schien: Nun blitzte es zwischen den Wolken seiner lyrischen Anrufungen als wirklicher Stern auf.
Sicher können wir in unserer kartesischen Welt singuläre Objekte über ihre Raum-Zeit-Koordinaten eindeutig identifizieren, und heute übernimmt dies ein kleines Navigationsgerät. Doch wie wenig hilft uns dies bei unserer alltäglichen Orientierung, wenn wir uns fragen: War diese Geste freundlich gemeint? War dieses Lächeln eine Einladung oder eine ironische Distanzierung?
Nun, wir können Ambivalenzen auflösen, indem wir Äußerungen in einen Kontext anderer Äußerungen einordnen, die uns weniger zweideutig erscheinen. Wenn derjenige freundlich lächelt, der dir gerade die Türe aufhält, unterstellen wir ihm erst einmal gute Absichten. Das freundliche Grinsen desjenigen, der uns an der Wohnungstür einen Ladenhüter aufschwatzen will, schätzen wir anders ein.
Wir behelfen uns mit dem Modell von Spielzeugfiguren, deren einzelne Teile Kinder zusammenstecken, bis die ganze Gestalt den richtigen Eindruck macht.
Das meiste, was für unser Leben hohe Relevanz und Bedeutsamkeit hat, kann unseren raffinierten epistemischen Maßstäben nicht genügen. Wir nähren uns von Erfahrungen, deren Hintergrund im Dunkeln liegt und deren Ränder einen Hof des Unbestimmten und Ungewissen ausstrahlen. Wir bleiben darauf angewiesen, unsere Erfahrungspakete auf das schwankende Boot des Hörensagens, des Ungefähren und Unwahrscheinlichen zu hieven.
Sicherlich sollen und müssen wir in den wichtigen Situationen nicht blind vertrauen – auch wenn wir die präzisen Prüfverfahren der Physiker und Chemiker nicht auf die Gewichtung der Glaubwürdigkeit unserer Gewährsmänner, Zeugen oder Funktionsträger unserer Umwelt anwenden. Wir vertrauen dem Apotheker unserer Hausapotheke, weil wir ihn seit Jahren kennen und seine Empfehlungen uns nützlich waren oder zumindest nicht schädlich, auch wenn wir fachlich nicht in der Lage sind, jede Punkt für Punkt zu verifizieren. Dass er ein finanzielles Interesse daran hat, uns als Kunden zu behalten, schränkt unser Vertrauen nicht ein – im Gegenteil, da ihm fehlerhafte Beratung und schlampiger Service finanzielle Einbußen in Form ausbleibender Klientel einzuhandeln drohen, festigt sein Interesse unsere Vertrauensbasis.
Cum grano salis und auf lange Sicht gilt diese Annahme einer kausalen Verzahnung von Eigeninteresse und Stärkung des Kundenvertrauens durch stetig verbesserte Produkte und Dienstleistungen für den Bäcker und Metzger von nebenan, für den Supermarkt ums Eck und für den Hersteller und Händler unserer Lieblingsmarken bei Kleidern, Parfums und Autos – kurz: für den Markt, insofern seine Mechanismen von Angebot und Nachfrage von relativ autonomer Preisgestaltung getragen und nicht durch Monopole und staatliche Eingriffe stranguliert und korrumpiert werden.
Wir zeihen einen uns glaubwürdig erscheinenden Zeugen – wir glauben ihm, was er jetzt sagt, weil vieles von dem, was er früher sagte, sich als richtig herausgestellt hat – nicht nachweisbarer Irrtümer, denn diese müssen wir stoisch hinnehmen, sondern der Unwahrheit und Lüge, wenn zutage tritt, dass unsere wohlmeinende Unterstellung eben aufgrund seiner aktuellen Äußerung zusammenbricht, mit der er uns diesmal hinters Licht geführt hat. Lügen, Unwahrheiten und Halbwahrheiten sind das Gift, das unser Vertrauen auflöst, unser Misstrauen weckt.
Wir unterscheiden zwischen dem Vertrauensbruch im Nahbereich, in dem intime und freundschaftliche Bande zerreißen, von dem Vertrauensmissbrauch, wie er aus dem Munde und aus der Feder von Amtswaltern und Vertretern von Institutionen des Staates, der Parteien und Interessensverbände gang und gäbe ist. Wir tun gut daran, mit mentalem Vorbehalt und einem gesunden Misstrauen all ihren Verlautbarungen gegenüber uns zur Ruhe skeptischer Betrachtung anzuhalten. Natürlich und in besonderem Ausmaß gilt unser Vorbehalt den Politikern, Parteichargen und Abgeordneten aller Couleurs sowie den Presseschreibern und Hehlern und Zulieferern der öffentlichen Meinung, die um Lohn und Prestige willen die Wahrheit biegen und brechen. Es ist ihres Amts zu lügen oder die Wahrheit zu schmieren und unsere Pflicht, ihnen zu misstrauen.
Der Begriff „freie Presse“ ist ein Contradictio in adiecto.
Wir müssen uns nicht auf Fachleute und ihr Fachwissen beziehen, um unsere Ansichten über die Begriffe, die unsere Lebensinteressen ausmachen, zu rechtfertigen oder in Zweifel zu ziehen. Wir müssen nicht das Freundschaftskapitel der Nikomachischen Ethik des Aristoteles durchgeackert haben, um beurteilen zu können, ob dieser sich als Freund erwiesen hat und jener nicht. Wir kennen ja den Begriff „Freund“ und seine Verwendung aus dem Kindergarten und nicht aus dem philosophischen Seminar. Der Begriff hat sich in vielen Lebenslagen bewährt, und daher können wir seiner regelhaften Verwendung vertrauen. Der Skeptiker, der wie gewohnt auch diesen Begriff uns durch Dämonisierung abluchsen will, setzt uns mit dem Einwurf zu, hinter der Maske der Freundschaft rege sich nichts als blanker Eigennutz. Dies ist seine Methode, die uns geläufigen Grundbegriffe, mit denen wir uns im Alltag orientieren, dadurch zu diskreditieren, dass er den einen mit einem anderen kreuzt oder tauscht. Das und das, sucht er dann mit der feixenden Miene des Entlarvers und Feinschmeckers des Unbewussten zu suggerieren, ist eigentlich das und das. Hüten wir uns also davor, unser Vertrauen in die Möglichkeit, am Leitfaden der Grundbegriffe im Leben voranzukommen, durch den Aufweis ihrer „eigentlichen“ Bedeutung erschüttern zu lassen.
Ein besonders gefährlicher und bösartiger Einredner und Diskrediteur unseres sprachlich fundierten Lebenswissens ist der jüngst in Mode gekommene und sich als philosophischer Aufklärer gerierende Neurowissenschaftler und MRT-Visionär, der uns glauben machen will, dass die Art unserer Verwendung lebenstragender Grundbegriffe wie der Begriffe für das Seelenleben ihre eigentliche Bedeutung cachiere: nämlich die neuronalen Vorgänge in unserem Organismus. Wer von Liebe redet, fasele und idealisiere, wenn er sich nicht auf die Ausschüttung gewisser Hormone und Neurotransmitter in unserem Körper bezieht. Aber die Sprache der Liebe und unserer Gefühle lässt sich nicht abbilden auf die Sprache der Physik und Chemie, weil sie Gedanken ausdrückt, deren semantischer Gehalt darin zum Ausdruck kommt, dass sie wahr oder falsch sein können. Du wähntest, diese Frau würde dich lieben, aber wie sich herausstellte, hat sie ihre Gefühle nur vorgetäuscht, denn sie hatte es auf deinen Geldbeutel oder dein Prestige abgesehen oder darauf, sich mit dir weniger zu langweilen. Die neuronalen Vorgänge in unserem Kopf sind, was immer sie sind, aber sie sind nicht wahr oder falsch.
Wenn du also glaubst, dir bei solchen Fachleuten über die eigentliche Bedeutung deiner Gefühle und deines Seelenlebens Aufschluss verschaffen zu können, gerätst du in die Irre und wirst um Gehalt und Wert deines Lebens betrogen. Ja, eine ausschließliche Lebensorientierung an der Wissenschaft untergräbt das Vertrauen in dich selbst und mündet in Verwirrung und Verzweiflung.
Erkennen wir in den großen Dichtern wie Horaz oder Goethe unsere wahren Lebemeister und Leitsterne: Sie haben ihr Werk aus der Fülle solcher Erfahrungen geschöpft, die sich in der Sprache des innigen und ausgreifenden, des ernsten und heiteren, des gelösten und tragischen Lebensvollzugs artikulieren.
Unsere Überlegungen sollen nicht Selbstzweck sein, der Wunsch nach reiner Theorie oder der verzückten Vision in mystischen Grotten oder auf Offenbarungsbergen dünkt uns Lebensverrat oder ein Zeichen von Lebensfremdheit, unsere Überlegungen sollen uns gleichsam um den Hügel oder das Hemmnis, das sich vor uns aufgeworfen hat, durch geschickte Umwege herum- und zu neuen Horizonten hinleiten, ohne dass wir durch skeptische Grübeleien und epistemische Beunruhigungen Lebenskraft und Lebenszeit vergeuden.
Wir konnten deine Behauptung, mich gestern im Park gesehen zu haben, nicht mit letzter Gewissheit rechtfertigen. Nun, so wenden wir uns also von dieser kleinen epistemischen Beunruhigung ab und wichtigeren Dingen zu. Soll der Apostel des epistemischen Misstrauens an diesem leeren Punkte verharren, bis er schwarz wird. Ob du nun Recht hattest oder ich, ob wir beide Unrecht hatten, das hat für unsere tieferen Lebensinteressen keine Relevanz.
Anders, wenn du behauptetest, mich gestern im Park in inniger Umarmung mit einer jungen Schönen gesehen zu haben. Und ich stritte die Tatsache nicht ab. Hier wären tiefere Lebensinteressen im Spiel, hatten wir beide doch unsere Zweisamkeit bislang als exklusiven Bund definiert, weniger durch Worte, als durch Gesten und Zeichen. Nun, wollen wir es so machen, wie im Falle der Wale und Fische? Wie wir dort durch Erweiterung der konzeptuellen Basis die Beobachtung, dass es Meeresbewohner gibt, die keine Fische, sondern Säugetiere sind, eine neue Klassifikation einführten, die uns klar und fruchtbar erschien, könnten wir auch hier die konzeptuelle Basis des Liebesbegriffs erweitern und auch im Falle einer nichtexklusiven Beziehung von Liebe gleichsam minderer Stufe sprechen, mit der wir ein verträgliches Auskommen fänden?
Es will uns bedünken, dass unsere elementaren Lebensbegriffe vor solch einer klassifikatorischen Willkür peinlich zurückschrecken. Wir bekennen uns nicht zu den Egalitaristen, denen Krethi und Plethi als Gäste ihres Umgangs, intim oder nicht intim, willkommen sind, sondern zu den Elitisten, die sich ihre Gäste auszusuchen und ihre intime Nähe vor Zudringlichkeiten zu bewahren streben und denen der Ausschluss der Alternative die Kostbarkeit des Erwählten steigert, ja allererst begründet. Es hülfe deiner existentiellen Beunruhigung daher wohl nicht auf, wenn du das Wort „Liebe“ auf eine radikal neue Weise deklinieren lernen sollst. Die Vertrauensbasis, auf der wir beide nahe beieinander standen, bliebe erschüttert.
Das generelle Misstrauen, das der Skeptiker zur Schau stellt, ist eine besonders unlautere Form der Eitelkeit.
Allerdings können wir uns, da wir sterblich sind, nicht grenzenlos vertrauen. Im Tode, der äußersten Grenze, erfahren wir die letzte Abwendung, die auch unsere erste Zuwendung in Frage stellt, erfahren wir eine absolute Abwesenheit und Fremdheit, die unsere Anwesenheit und Intimität überholt.
Der Tote lässt uns ohne Antwort zurück. Es bleibt uns nur, sie für ihn, an seiner Statt, in seinem besten Sinne zu geben.
Wir vertrauen auf den Widerhall unserer Antwort. Und das Lächeln dessen, der uns die Frage gestellt hat, steht uns dafür ein, dass er nicht bloß das Echo unserer Stimme sei.
Horaz, Oden, Buch I, 34
Parcus deorum cultor et infrequens,
insanientis dum sapientiae
consultus erro, nunc retrorsum
vela dare atque iterare cursus
cogor relictos: namque Diespiter
igni corusco nubila dividens
plerumque, per purum tonantis
egit equos volucremque currum,
quo bruta tellus et vaga flumina,
quo Styx et invisi horrida Taenari
sedes Atlanteusque finis
concutitur. Valet ima summis
mutare et insignem attenuat deus,
obscura promens; hinc apicem rapax
Fortuna cum stridore acuto
sustulit, hic posuisse gaudet.
Ein knickriger und lausiger Götterfreund
war ich im Irrtum, unweiser Weisheit war
ich aufgesessen. Jetzt zu reißen
rückwärts die Segel, verlassene Wege
zu gehen tut Not. Denn der sonst zuckend im
Blitz Wolken zerreißt, Vater der Zeit, er trieb
durch heiteren Himmel der Rosse
Donnern und flügelbeschwingt den Wagen,
durch den der Erde Wucht und der Ströme Sog,
die Styx, des Abgrunds schrecklicher Thron, sogar
der Welt Grenze, Atlasʼ Säulen,
zittern. Des Gottes ist es, zu kehren
unterst zu oberst, Glänzendes trübt er ein
und lichtet Dunkles. Dem entreißt Räuberin
Fortuna scharf zischend die Krone,
diesen bekrönt sie und lächelt dabei.
Horaz, Oden, Buch I, 33
Albi, ne doleas plus nimio memor
inmitis Glycerae neu miserabilis
decantes elegos, cur tibi iunior
laesa praeniteat fide.
Insignem tenui fronte Lycorida
Cyri torret amor, Cyrus in asperam
declinat Pholoen: sed prius Apulis
iungentur capreae lupis
quam turpi Pholoe peccet adultero.
Sic visum Veneri, cui placet imparis
formas atque animos sub iuga aenea
saevo mittere cum ioco.
Ipsum me melior cum peteret Venus,
grata detinuit compede Myrtale
libertina, fretis acrior Hadriae
curvantis Calabros sinus.
Albius, zieh den Dorn, der da heißt Unholdin
Glycera, leg beiseit, Leier der Tränen, die
Elegien, warum Treue verschied, weil dich
junges Blut in den Schatten stellt.
Solch ein hübsches Gesicht namens Lycoris schürt
für Cyrus Liebesglut, Cyrus ist heiß nur für
Pholoe, die ist kalt. Eher wohl legte sich
zum apulischen Wolf ein Kitz,
als dem hässlichen Bock preisgäb sich Pholoe.
Das hat Venus im Sinn, heitert ihr Dasein auf,
was ungleich ist an Geist, ungleich an Schönheit auch,
in ein ehernes Joch unsanft zu spannen und
darüber zu lachen wild.
Als mich selbst einmal rief schönere Liebe an,
band mir, die ich geküsst, Fesseln um Myrtale,
Sklavin einst, und ihr Schaum höhlte mich tiefer als
südliche Buchten die Adria.
Horaz, Oden, Buch I, 32
Poscimur. Si quid vacui sub umbra
lusimus tecum, quod et hunc in annum
vivat et pluris, age, dic Latinum,
barbite, carmen,
Lesbio primum modulate civi,
qui, ferox bello, tamen inter arma,
sive iactatam religarat udo
litore navem,
Liberum et Musas Veneremque et illi
semper haerentem puerum canebat
et Lycum nigris oculis nigroque
crine decorum.
O decus Phoebi et dapibus supremi
grata testudo Iovis, o laborum
dulce lenimen, mihi cumque salve
rite vocanti.
Ich bin berufen. Warst Gespielin du mir
unter den Schatten, so beginne, Laute,
was verhallt jetzt nicht und später nicht, die
römische Weise.
Früh erklangest du unterm Schlag des Lesbiers,
der, im Kriege wild, unter Waffen sogar
oder wenn am Strand er ein Schiff, das schwankte,
sicher vertäute,
stets für die Musen auf den Lippen ein Lied
hatte, für Venus und der immer ihr anhängt,
ihren Goldjungen, auch für Lycus, schwarz an
Augen und Haaren.
O, des Phöbus Zier, stets willkommne Laute
beim Festmahl des Zeus, o, Trösterin, du
süße, der Müden, sei mir hold stets, hörst du
innig mich flehen.
Horaz, Oden, Buch I, 31
Quid dedicatum poscit Apollinem
vates? Quid orat, de patera novum
fundens liquorem? Non opimae
Sardiniae segetes feraces,
non aestuosae grata Calabriae
armenta, non aurum aut ebur Indicum,
non rura, quae Liris quieta
mordet aqua taciturnus amnis.
Premant Calena falce quibus dedit
Fortuna vitem, dives et aureis
mercator exsiccet culillis
vina Syra reparata merce,
dis carus ipsis, quippe ter et quater
anno revisens aequor Atlanticum
inpune: me pascunt olivae,
me cichorea levesque malvae.
Frui paratis et valido mihi,
Latoe, dones, at, precor, integra
cum mente, nec turpem senectam
degere nec cithara carentem.
Wonach verlangt am Tag des Apollofests
der Dichter? Was fleht, der jungen Wein vergießt
aus Opferschalen? Nicht um Früchte
sardischer Fülle, die süß erglänzen,
nicht fette Herden sonniger Weiden, Frucht
Kalabriens. Gold Indiens nicht und nicht
sein Elfenbein. Das Land nicht, das sanft
Liris benagt unter stillem Plätschern.
Sollen Calesʼ Söhne des Glücks das Laub
der Rebe schneiden, soll aus dem Goldpokal
der reiche Kaufherr schlürfen Wein, ein
gutes Geschäft mit den Händlern Syriens,
von Göttern verwöhnt, sieht er im Jahr doch drei-,
ja viermal Atlasʼ Säulen und bleibt wohlauf.
Doch mich erfreun meine Oliven,
Wegwartenkraut und gesunde Malven.
Gewähr, Apollo, mich am Erworbenen
zu freun in Saft und Kraft, aber bitte auch
bei klarem Kopf, und erspar mir
Greisentum, hässlich und poesielos.
Geheime Zwergensache IV
Zwergel hat sich prompt verliebt,
als es um die Litfaßsäule geschielt,
auf der Berger Straße.
Kam da Pippa gelaufen (gleich wusste es
ihren Namen, woher bloß?), Pippa
mit den bunten Strümpfen.
Und ihr Pekinesenschnäuzling
trollte und rollte um sie her, er beißt
so gern in die Leine.
Und das kluge Hunderl hatʼs gerochen,
was hinter der Säule gelauert, am süßen
Geruche der Angst.
Sein Kläffen und Ziehen blieben frustriert,
Pippa wollte nur weiter, Zierzeug beschaun
in Adeles Lädchen.
Wie zebrahoch und antilopenbraun
war Pippa, und im Haar blitzte ihr
die rötliche Spange.
Es hüpfte, wenn sie hüpfte, ein Amulett
an ihrem warmen Hals, ein Amulett
aus kühlem Elfenbein.
Ja, baumelte nicht am wulstigen Halse
Bübchens, so rief sie den Stummelwedler,
ein ebensolches kleines?
Da konnte vor der wilden Anmut des Bilds
Zwergerl nicht mehr denken, nur atmen schwer,
nur atmen schwer.
Und zog aus ihrem Lederbeutelchen,
das hing am Gürtel der Hüfte, Pippa
ein weißes Handy,
war wohl aus Elfenbein auch. Und Pippa
flüsterte und schnäbelte Delikates
mit dem Mädchenmund.
Zwergerl hörte das wispernde Plauschen,
doch was ihn einzig beglückte zu hören
ihren Herzschlag nicht.
Er kann ihr nichts schenken, kann nur
an sie denken, sein Herz ist so klein,
sein Buckel so groß.
Da kramte er in seinen Taschen, wühlte
ein Knöchelchen ans Licht, das gab ihm
sein Mütterlein einst
auf dem Sterbebett, ein Zauberding seiʼs,
das bringe ihm Glück: „Trag, mein Kleiner,
es immer bei dir,
es stammt von dem Vöglein Loreley,
das dem Urahn zuflog und immer ihm sang,
wenn er traurig war.“
Das griff der Zwerg beherzt und warf es
dem Hündchen vors Maul, dem Hündchen
vors schlabbernde Maul.
Das packte es, das knackte es und wollte
es schlingen, da fuhr ihm Pippa darein:
„Pfui, Bübchen pfui!“
Sie klaubte es ihm aus dem Mäulchen geschickt
und schubste es in den Gully, schubste es
mit dem zierlichen Fuß.
Zwergerl schlich sich davon. O, es wollte,
das ihm schlüge, einmal hören, hören
ein liebendes Herz.
Horaz, Oden, Buch I, 26
Musis amicus tristitiam et metus
tradam protervis in mare Creticum
portare ventis, quis sub Arcto
rex gelidae metuatur orae,
quid Tiridaten terreat, unice
securus. O quae fontibus integris
gaudes, apricos necte flores,
necte meo Lamiae coronam,
Piplea dulcis. Nil sine te mei
prosunt honores; hunc fidibus novis,
hunc Lesbio sacrare plectro
teque tuasque decet sorores.
Als Freund der Musen trage dem Wind ichʼs auf,
dem Frechling: „Trübsinn wehe mir fort und Angst
aufs kretische Meer!“ Dann bin ich sorglos ganz,
was für ein Herrscher auch droht im Eismeer,
womit Tiridat Schrecken verbreiten mag.
O du, die erquickt reinen Gewässers Bad,
Blüten winde mir, sonnenverliebtes Grün,
flicht meinem Lamia festlich den Kranz,
du süße Muse! Eitel verrinnt mein Werk,
wenn fern du mir weilst. Diesen mit neuem Sang,
mit Lesbosʼ Lyra diesen zu rühmen, ziemt
einzig nur dir, deinen Schwestern und dir.
Horaz, Oden, Buch I, 25
Parcius iunctas quatiunt fenestras
iactibus crebris iuvenes proterui
nec tibi somnos adimunt amatque
ianua limen,
quae prius multum facilis movebat
cardines. Audis minus et minus iam:
‘Me tuo longas pereunte noctes,
Lydia, dormis?’
Invicem moechos anus arrogantis
flebis in solo levis angiportu
Thracio bacchante magis sub
interlunia vento,
cum tibi flagrans amor et libido,
quae solet matres furiare equorum,
saeviet circa iecur ulcerosum
non sine questu,
laeta quod pubes hedera virenti
gaudeat pulla magis atque myrto,
aridas frondes hiemis sodali
dedicet Euro.
Deine Fenster hast du verschlossen, kaum mehr
werfen Steinchen dran übermütig Jungs und
rauben dir den Schlaf. Auch die Haustür bleibt still,
fegt nicht die Schwelle.
Wie die ächzte einst in den Angeln! Immer
seltner vernimmst du: „Während ich die ganze
Nacht, nur dich im Sinn, vor Verdruss vergehe,
Lydia, schläfst du?“
Umgekehrt, du weinst, ein verhutzeltes Weib,
weil die Freier frech vor den Kopf dich stoßen,
in dein Loch verbannt, und im Neumond draußen
heulen die Winde.
Dann wird Liebesglut und die heiße Wollust,
wie sie Stuten Schaum vor die Lefzen treiben,
den gedunsnen Leib dir mit Geilheit walken,
du aber grämst dich,
weil das Jugendglück mehr am Efeu hängt,
wenn er grünend glänzt, als am Myrtengrau,
dürres Laub streut es hin dem Wind, des Winters
Bruder, dem Euros.
Geheime Zwergensache III
In die wohlige Grotte,
von tausend Kerzen erwärmt,
heiße Perlenschnüre
rieseln die Wände herab,
tragen die Zwergenpriester,
in Kaninchenfellen vermummt,
erhöht von einer Tiara aus Honigwachs,
in der mittig das Auge des Hirsches glimmt,
auf Polstern von Moos und Heidekraut
das verehrte Idol eines Wolfskopfs,
dem lang die Zunge heraushängt.
Und lassen es thronen
auf inkrustiertem Altar,
von Geweihen prangend des Elchs
und des Geißbocks.
Die Augen des Wolfsgotts glühen
von dunklen Rubinen,
und die Meute der Zwerge schwingt
die pelzigen Kappen mit den bunten Federn
des Rebhuhns und dem Barte der Gams.
Die kleine Schar hebt ein wölfisches Heulen an,
daß die Mäuse in ihre Löcher huschen
und die Zwergenkinder sich unter die lila Togen
der Mütter ducken
(denn Toga trägt Frau Zwerg
zum Liliput-Hochamt am Sonntag).
Schweigen gebietet der Priester
und stimmt die Mythe der Gottheit an,
wie einst die hagere Wölfin gerettet
die Zwillingskindlein der Zwerge
vor dem bösen Angriff der Menschen
(hier wieder johlt die Meute
wölfisch-verzückt im Chor),
wie sie die Kleinen gesäugt in der Grotte,
der Grotte, in der sie heute das Heil
des Zwergentums feiern.
Er preist das Bündnis der Kleinen
mit dem reißenden Tier,
das seither die Zwerge schont und schützt,
denn sie leisten ihm köstliche Dienste –
schütten mit Blättern und Reisig
die warme Mulde auf,
wenn die Wehen der Wölfin beginnen,
sammeln Tannenzapfen und Knöchlein
zum bissigen Spiel für die Jungen,
sie sind auf der Pirsch im Walde ganz Ohr
und warnen den Heuler im Vollmond
vor dem argen Anschlag des Jägers.
Aber die Zwergenmütter pflegen
das räudige Fell des göttlichen Untiers
mit Kämmen aus Gräten des Fischs
und Stacheln des Wildschweins,
andächtig strähnend in der Trance
verklärten Gesichts,
während Isegrims gierige Zunge
sie feuchtend umschlabbert.
Dann beginnt die heilige Handlung,
wenn die liturgischen Diener
die Schalen von weißen Muscheln
und dem hellen Panzer der Kröte kredenzen,
und sie füllt der Zelebrant
mit dem schäumigen Blut
eines rosigen Säuglings der Menschen,
der zu lange verlassen stand
greinend auf offnem Balkon.
Und Zwergin kniet neben Zwerg,
und alle nippen ein Schlücklein
vom lebenspendenden Saft.
Dann schiebt man einen dicken Kastraten,
einen veilchenbekränzten,
in die Mitte, ein blondes Persönchen,
der ist, umflort von Seidenbüscheln,
mit den Flügeln der Gans angetan
und setzt, die Puttenhändchen gefaltet,
die Miene eines Engels auf.
Und er singt im hellstem Diskant,
die Stimme überschlägt sich,
die höchste Kunst verwinzigter Kantorei,
den Hymnus zwergichten Lebens.
Horaz, Oden, Buch I, 24
Quis desiderio sit pudor aut modus
tam cari capitis? Praecipe lugubris
cantus, Melpomene, cui liquidam pater
vocem cum cithara dedit.
Ergo Quintilium perpetuus sopor
urget? Cui Pudor et Iustitiae soror,
incorrupta Fides, nudaque Veritas
quando ullum inveniet parem?
Multis ille bonis flebilis occidit,
nulli flebilior quam tibi, Vergili.
Tu frustra pius, heu, non ita creditum
poscis Quintilium deos.
Quid si Threicio blandius Orpheo
auditam moderere arboribus fidem?
Num vanae redeat sanguis imagini,
quam virga semel horrida,
non lenis precibus fata recludere,
nigro compulerit Mercurius gregi?
durum: sed levius fit patientia
quicquid corrigere est nefas.
Hemmt Sehnsucht eine Scheu, Trauer um dieses Haupt,
das so liebe, ein Maß? Stimme zur Klage nun an
dein Lied, Melpomene, gab ja der Vater dir,
hell zu singen beim Saitenspiel.
Bannt Quintilius nun ewiger Schlaf in Nacht?
Wird je sittlicher Ernst, Treue, die Schwester des
Rechts, Fixstern im Gemüt, wird reiner Wahrheitssinn
je wen finden, der ganz ihm gleicht?
Viele edlen Geblüts weinen um ihn, doch wohl
keiner heißer als du, keiner als mein Vergil.
Umsonst forderst du fromm, weh, ohne Anspruch ihn
von den Göttern zurück an uns.
Ist denn süßer dein Lied, zaubrischer dem Gehör,
als der Waldungen Drang, orphischen Sängers Mund?
Kehrt denn Blut ins Gespenst, Leben zurück in das Bild,
wenn mit schrecklichem Stab der Gott,
unerweichlich dem Flehn, Schicksal zu spielen neu,
Merkur in das Verlies Schatten zu Schatten trieb?
Schwer zu tragen ist das: leichter mit Duldsamkeit,
was zu ändern die Welt versagt.
Tod, der Traum des Lebens
Ist denn der Tod ein Wesen,
ein harter Sensenmann,
der köpft die Köpfe,
ohne Achtung von Person und Stand,
ist er denn ein klapperndes Skelett
hinter der Schlafzimmertür,
das, wenn gedankenlos du eintrittst,
polternd umstürzt
und dich unversehens unter sich begräbt,
oder ist er ein Engel sanft,
der in seinen Alabaster-Armen,
seinen huldvoll geöffneten Fittichen
dich sterbend Sinkenden auffängt
und drückt mild dir die Augen zu?
Der Tod dünkt uns ein Wesen zu sein
wie eines mythischen Untiers,
eines bösen Menschen oder wie
des roten Monds,
weil wie das Untier „Untier“,
„Mensch“ den Menschen
und den unheimlichen Mond „Mond“
wir zu nennen gewöhnt sind,
wir auch das, was uns geschieht
und mündet im Lebensende,
„Tod“ zu nennen, uns die Sprache empfiehlt.
Doch ist der Tod kein „Tod“,
er ist des Lebens Schatten,
der seltsam wächst
und schärfer sich konturiert,
wenn die Sonne tiefer sinkt.
Der Tod ist eines jeden Worts
obertoniger Mitklang,
beim Kind wie Zischen von Schlangen,
beim Mann ein Kläffen des Hunds,
beim Greis das Krächzen
aufgescheuchter Raben.
Du stirbst am Tode nicht,
du stirbst am Leben,
das versickert
wie auf verbranntem Lehm das Rinnsal.
Du stirbst am Leben,
dem wie flüsternder Aschenglut
der Atem ausgeht.
Du stirbst am Leben,
das wie leise in sich glucksende Quelle
allmählich versiegt.
Das Tier hat ein Gesicht,
der Mensch blickt dir ins Auge,
der Mond verdünnt
mit der Milch seines Lichts
die graue Lymphe
in der hingehaltenen Schale
der Sehnsucht.
Der Tod hat kein Gesicht,
er blickt dich nicht an,
keiner Sehnsucht Blumenschale
vermag ihn zu fassen.
So ist, was Tod wir nennen,
nicht Rand, Grenzmark oder jähe Spalte,
er ist dem ganzen Leben Gegenwart.
In jedem Atemzug,
im Bissen Essen,
in der aufplatzenden Knospe Kuss.
Jener unendliche Schimmer
in der Träne des Abschieds.
Also nennen Tod wir nicht Tod.
Nennen wir ihn
des Tieres Bitterspeichel,
den Schweiß des Menschen,
den Schatten des Monds.
Er heiße uns
der Traum des Lebens.
Verlorene Heimat
Wo bist du, Fliederduft,
wo bist du, mein Garten,
wo in blauer Luft
ich konnte warten?
Ich werde geschunkelt
auf warmem Moos,
über mir funkelt
mein Sternenlos.
Wo bist du, Glockenton,
der mich erkoren,
war es Liebe denn schon,
oder war ich verloren?
Ich bin gebettet
auf warmem Stein,
mich hat gerettet
ein Käferlein.
Wo bist du, Abendlicht,
das mich erweitert,
wo du liebes Gesicht,
das mich erheitert?
Ich knie vor dem Teich,
wo nach dunklem Geheiß
Hass und Liebe sind gleich.
Keines, das um mich weiß.
Horaz, Oden, Buch I, 22
Integer vitae scelerisque purus
non eget Mauris iaculis neque arcu
nec venenatis gravida sagittis,
Fusce, pharetra,
sive per Syrtis iter aestuosas
sive facturus per inhospitalem
Caucasum vel quae loca fabulosus
lambit Hydaspes.
Namque me silva lupus in Sabina,
dum meam canto Lalagem et ultra
terminum curis vagor expeditis,
fugit inermem,
quale portentum neque militaris
Daunias latis alit aesculetis
nec Iubae tellus generat, leonum
arida nutrix.
Pone me pigris ubi nulla campis
arbor aestiva recreatur aura,
quod latus mundi nebulae malusque
Iuppiter urget;
pone sub curru nimium propinqui
solis in terra domibus negata:
dulce ridentem Lalagen amabo,
dulce loquentem.
Wer besonnen lebt und vor Schande sich wahrt,
wozu ihm der Speer und der Mauren Bogen,
wozu der Pfeil ihm, den mit Gift er bestrich,
Fuscus, im Köcher?
Mag er auch am Strand der durchwogten Syrten
segeln, mag er stehen hoch auf kaukasischem Pass
oder weilen dort, wo legendär Hydaspes
netzt seine Ufer.
Im Sabinerland, da auf Lalage ich
angestimmt mein Lied, leichten Sinnes schweifend
übers Grenzgefild, nimmt vor mir ein Wolf, mir
wehrlosem, Reißaus.
Eine Bestie warʼs, wie sie nicht der Daunia
Kriegerland großzieht in den Eichenwäldern,
auch das Land Jubas nicht, der Sahara-Löwen
trockene Amme.
Banne mich ins Eis, wo mir nie ein Lüftchen
sommerlau den Baum wieder grünen ließe,
in die Nebelwelt, die mit Regen immer
Juppiter heimsucht,
wirf mich in das Licht einer gnadenlosen
Sonne, in ein Land, allem Menschlichen feind,
mich betört ihr Reiz, Lalage, wie sie süß
lacht, wie sie plaudert.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette