Der sentimentale Maulwurf
Ein Maulwurf mußte weinen,
als jäh aus dunklem Schacht
ihn hob hinan ein Scheinen,
des Himmels blaue Pracht.
Es konnte Weite fühlen,
ein Wehen grenzenlos,
der immerdar muß wühlen
sich durch der Erde Schoß.
Den Duft, wenn Blüten zittern
im lauen Sommerwind,
aufseufzend durfte wittern
der Blinzler farbenblind.
Es sang im Abendfrieden
ein Vogel wunderbar,
dem Leben abgeschieden
die stumme Gruft nur war.
Ein Säuseln süßer Schauer
hat ihm das Fell erquickt,
der haust in Grabluft, grauer,
dem Rosenduft entrückt.
Da schreckte auf Wehklagen
den Maulwurf, der fast schlief,
ein Wehlaut voll Verzagen,
der winselnd nach ihm rief.
Die Schwester war’s, die kleine,
die früh heut ausgebüxt,
Blut troff ihr von dem Beine,
hat albern nur geknickst.
„Ach, Bruder, laß uns tauchen
und schlüpfen in das Loch,
hörst du das wilde Fauchen,
sie frißt am End mich noch,
die Unholdin, die Katze,
sie hat mich schon verletzt
mit ihrer Mördertatze,
die Zähne schon gewetzt
an meiner zarten Hüfte.
Fluch auf die Blumenwelt,
saugt Traum auch ihre Düfte,
von eitlem Glanz erhellt.
Es lauern Nacht-Dämonen
in ihrem Lichtgefild,
die unsres Volks nicht schonen,
wenn Dunkel es nicht hüllt.“
Sie huschten flugs, die beiden,
zum Hort der Finsternis,
das Böse zu vermeiden –
im blauen Bild der Riß.
Der schlaue Floh
Es war ein Flöhlein zart,
hat bitterlich gefroren,
das Weiche wurde hart,
es gab sich schon verloren.
Kein Vieh hat sich erbarmt,
sie wedeln’s aus den Ställen,
ein Engel hätt’s umarmt,
doch gehn sie nicht in Fellen.
Da hat der Floh erblickt
ein Hündchen einsam trotten,
sein Pelz hat ihn bestrickt,
zwar räudig und voll Zotten,
er tänzelt vor dem Hund.
Als hätt er Musengaben,
floß es aus seinem Mund,
wie Honig fließt aus Waben:
„Du schönes Fabeltier,
wie glänzt dein Aug, die Pfoten
sind samtene Polster vier,
wie seidenfein sich knoten
die Locken dir im Haar.
Laß mich am Ohr dir schmachten,
mit Hymnen wunderbar
in Schlaf dich wiegen, sachten.
Dein Hauch ist wie Parfüm,
gepreßt im fernen Osten
aus blauendem Geblüm,
das nur die Schönsten kosten.
So vornehm, wie du bist,
magst einen Floh dir halten,
der auch ein Sänger ist,
zu rühmen Lichtgestalten,
der Ahnen edlen Stamm,
dem Mond und Sonne glühten,
dich als das Kalligramm
aus seinen schönsten Blüten.“
Solch schmeichelndem Gesumm
kein Hund kann widerstehen,
von Lobgelalle dumm,
die Augen mußt verdrehen.
Und schwupp war schon der Floh
ihm in das Fell gedrungen;
der Hund ward sein nicht froh,
hat nie ein Lied gesungen.
Er zwickte ihm ins Ohr,
wie widrig war sein Schmatzen,
Vernichtung er ihm schwor,
doch half kein Schnappen, Kratzen.
Der Floh, er hat es warm,
die Musen, sie entschweben,
dumpf, ohne ihren Charme
geht hin ein Hundeleben.
Abschied vom Strom
Und wir gingen ohne Hoffnung
auf der Liebe Wiederkehr
dort am Uferschilf entlang,
wo der Strom uns einst berauschte.
Sprache flattert noch ein wenig
Menschen, die sich nicht mehr küssen,
einem zarten Vogel gleich,
der verwaist im Dunkel singt.
„Lieber“, sagtest du (ja, Lieber),
„wo sich unsre Bahnen kreuzten,
klafft ein leerer Ort für immer,
ihn zu füllen bleibt kein Bild.“
Und es streifte deiner Hand
blasser Flügel durch die Halme,
der alsbald versank, zu müde
für den Flug ins Abendrot.
„Liebe“, sagte ich (ja, Liebe),
„wo dein Blick sich hat gefeuchtet,
als mein dunkelnder ihn traf,
glänzt mir Tau am schwarzen Mohne.“
Und ich pflückte wie im Traume,
von der Hasel, die schon blühte,
fern sah ich die Welt, verschwommen,
fühlte bang den Flaum der Knospe.
Alter Strom, er rauschte weiter,
doch wir hörten es nicht mehr,
und wir gingen stumm wie Fremde
in die Dämmerung, die Nacht.
Die Parze lächelt
Du leitest sie beim ersten Rendezvous
um einen blauen See im Kreise,
du wölkst um sie das edelste Geschwätz,
doch geht sie dir, geht nicht ins Netz,
ach, es klebt dir unterm rechten Schuh
die stinkende, die Hundescheiße.
*
Haltung nennen einen Stock,
den man würgend hat verschluckt,
kleben wie an Mutters Rock
an den Phrasen, frisch gedruckt.
*
Fadenscheinig Verses Hülle,
schimmert durch die schlaffe Haut,
abgegriffen, ohne Fülle,
eine Metze, keine Braut.
*
Frühlingswind weht hin Verlaine,
der gespielt in weichen Locken,
aufgewühlt hat Mondes Flocken
aus dem Schlummer trunkner Schwäne.
Doch ihm blieb nicht lange trocken
seine Zunge, manche Träne
brachte Liebe ihm, Hyäne,
ihr Geheule ließ ihn stocken.
*
Die Parze lächelt, spinnt den Faden
sie summend weiter noch für einen,
der bang im Dunkel hofft auf Gnaden,
Gestirne, die nur Dichtern scheinen.
Sie lächelt, blitzt die Silberschere,
um das Gespinste zu zerschneiden,
verworrenes Leben, dunkle Märe
von weher Lust, verzückten Leiden.
*
Zitternd hob er an die Schale,
zart bemalt, aus Porzellan,
wie zum Dank beim Opfermahle
ein Horaz es einst getan.
Und die Tropfen fielen golden
auf der Erde dunklen Grund,
doch erschienen nicht die Holden,
die ihm früh gesalbt den Mund.
*
Und hatten Schatten wir am Sonnentage,
die still sich um die Hügel drehten,
und Lauben, die uns Funken wehten,
strömt dir ins Lied nur immer dunkle Klage.
War noch das Leuchten einer fernen Quelle
in unseren Worten, Blicken, Gesten,
uns Seelen nah, die unverwesten,
legt schwarzen Mohn dein Lied uns auf die Schwelle.
Und gingen Hand in Hand wir auch am Strome,
aufs Wasser Blüten hinzustreuen,
daß sich das Bündnis mocht erneuen,
ein Engel weint dein Lied, verwaist im Dome.
Das Hündchen der Mulattin
O wenn goldene Tropfen glimmen
auf den erdenbraunen Lenden,
möchte um mein Fell sich wenden,
feucht mein Demutsblick verschwimmen.
Warf sie mir den Ball, den roten,
bin ich nur noch Japsen, Hecheln.
Lockt mich feenhaft ihr Lächeln,
leg aufs Knie ich ihr die Pfoten.
Freudig stürz ich nach dem Stöckchen,
weit geschleudert in die Wellen.
Atem hab ich kaum zu bellen,
klingt am Fuß das Silberglöckchen.
Harr ich vor verschlossener Türe,
dringt von drinnen Seufzen, Stöhnen,
übertönt nur von dem Dröhnen,
das im Herzen ich verspüre.
Ist der Fremde doch verschwunden,
darf ich auf dem Schoß ihr liegen,
will sie summend mich einwiegen,
träuft ihr Lied Schlaf in die Wunden.
O sie singt von fernen Landen,
wo im Mond die Blüten schauern
und an lotusweißen Mauern
Wogen trunknen Lichtes branden.
Ach, ich möchte sie gern fragen,
ob dort atmen Hündlein Stille
auch in blauen Liedes Hülle,
winseln kann ich nur, nichts sagen.
Falstaff
Ich will saufen, schlafen, saufen,
wenn ich einmal auf mich recke,
süßen Duft des Abends schmecke,
muß ich mir die Haare raufen.
Hör ich Tauben voll Entzücken
dunkel gurren, lieblich schwirren,
Mädchen kichern, Mädchen girren,
will den Erdball ich zerdrücken.
Fühle ich das heiße Rasen
schwellen meine schlaffen Venen,
will ich mich ins Dunkel lehnen,
Sonne soll mein Furz ausblasen.
Was anämisch Dichterlinge
von der Rose Glut geschrieben,
laß in Flocken ich zerstieben,
bis mir Schnee ein Grabtuch bringe.
Daß es unterm Strahl nicht taue,
will ich bergen mich im Schatten,
wie es tun die schlauen Ratten.
Gramverfettet Herz, ergraue.
Ruft empor mich die Posaune,
will ich, daß der Wanst mir bleibe,
Hüpfburg am verklärten Leibe,
hebend schlanker Engel Laune.
Gottes Milde wird verzeihen,
daß ich aus dem Lot geraten,
roch ich einen fetten Braten,
lüstern-dumm nur konnte freien.
War auf Erden schon ein Büßer,
dank der Damen Spott und Höhnen,
doch mich kann ein Kuß versöhnen,
eines Cherubs himmlisch-süßer.
Fremd in der Fremde gehen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die heimische Zecke träumt nicht von exotischen Ländern, wo sie sich von einer Palme auf heiße braune Haut fallen ließe; sie bleibt, wo sie ist; sie saugt, was sie kann, und taumelt dann traumlos zur Erde.
Zeus schwebt nicht, sondern thront.
Das Leben ist ein unausgesetzter Disput zwischen der Schwerkraft und dem Licht. – Meist stirbt ihnen der Gegenstand ihres Streits unter der Hand weg.
Der Schwerkraft trotzend treiben Keime aus dem Dunkel der Erde ihre Sprossen hervor. Wie sie sich im Winde wiegen, den Schmelz des Lichts zu genießen.
Das Trauma der Geburt ward uns gnädig aus dem Gedächtnis getilgt; und dennoch gibt es Spuren in Empfindungen von Enge und Gefühlen von Ausweglosigkeit; Scheu vor grellem Licht; Verstörung durch den Lärm der Welt: in utopisch-religiösen Bildern vom Ausgang aus der Gefangenschaft durch ein lichtes Tor.
Die Heiterkeit und Abgeklärtheit, wie sie selbst Goethe und Nietzsche nur in seltenen Augenblicken erlebt haben, ist kein Wesensmerkmal des deutschen Charakters; das Lächeln Buddhas kein vorwaltendes Kennzeichen seiner Physiognomie.
Der brave deutsche Michel hat sich reumütig damit abgefunden, seinen Untergang durch Selbstzerfleischung masochistisch zu genießen oder in karnevalesken Bacchanalen zu feiern.
Drängten Millionen Angehörige der weißen Rasse in China oder Zentralafrika ein, sprächen die guten Seelen in Tönen hochmoralischer Entrüstung und scheinmoralischer Verzückung von kolonialistischer Invasion und genozidaler Barbarei; doch wenn umgekehrt …
Menschen sind natürliche, doch höchst problematische Lebewesen, weil sie dank der Sprache das Subtilste und Sublimste zum Ausdruck bringen, aber auch aufgrund semantisch bedingter Mißverständnisse und verzerrter Bilder in große Verwirrung gestürzt werden können.
Den kausalen Nexus zwischen ethnischem Substrat und sprachlich-kultureller Höchstleistung wie bei den alten Juden, Chinesen, Japanern, Spartanern, Kelten und Germanen und anderen Völkern zu sehen und zu analysieren, ja bloß zu konstatieren, gilt nunmehr schon als ein Kennzeichen verfemten Denkens.
Nicht anders steht es um die Weigerung, die seltenen Aberrationen zwischen den Polen des männlichen und weiblichen Geschlechts als exotische Blüten der Evolution zu verklären oder gar als konventionelle soziale Konstrukte zu klassifizieren.
Es bedurfte des jahrhundertelangen Phantasierens und Erzählens in germanischen Stämmen, bevor wir all die Märchen in Händen halten konnten, wie sie die Gebrüder Grimm gesammelt haben, und deren fiktionale Welt die reale des deutschen Waldes voraussetzt.
Liegen, Stehen, Gehen sind die allernatürlichsten Haltungen und Handlungen; sie steuern den Haushalt der Seele.
Aufstehen, doch wozu; Gehen, doch wohin; die grundlegenden Fragen, die aus der Natur des Menschen ins Metaphysische zu wuchern geneigt sind.
Geben und Nehmen, Zeigen und Verhehlen, Herrschen und Dienen, Lieben und Hassen – natürliche Gesten und Verhaltensweisen, die je eigene Bedeutungsvarianten ins Spiel bringen; so ist etwa die Gabe Geschenk, Gunstbezeigung, Huldigung oder eine Form der Demütigung.
Der Kampf mit der Schwerkraft ist ein Grundzug des menschlichen Dramas; Gleichgewicht – natürliche Disposition und zugleich seelisches, ja ästhetisches Ideal.
Die geniale Einsicht, daß selbst der beschwingte Flügel des Widerstands der Luft bedarf.
Intelligenz das Rinnsal, Dummheit der Ozean.
Will man den armen, aber frommen Juden unterm Dach nötigen, am Schabbes die üblen Dünste ranzigen Schweinefetts einzuatmen, die aus der unteren Wohnung der Gojim aufsteigen?
Jovialer Gleichmut und herrscherliche Gravität pflegen gern auf erhabenen Sitzen zu thronen; Dichtung und Musik nahe Geister wie Apoll und Eros zu schweben.
Der in unbekanntes Gelände vordringt, in zwielichtige, neblige Gefilde, tastet sich voran, die Festigkeit des Bodens prüfend, hält inne, um zu lauschen, lächelt, sieht fern er ein Licht. – So der Dichter, der ins unbekannte Gelände neuen dichterischen Ausdrucks vordringt.
Freilich, der Routinier stapft Gassenhauer pfeifend über ausgetretene Pfade.
Das Wort, das nicht leicht über die Lippen kommt, das Wort, das die Zunge kitzelt wie ein fremdes Haar.
Beneidenswert scheint, wem die Gemeinde andächtig lauscht; suspekt, wer ihr den gewohnten Happen darreicht.
Opern- und Liedsänger sind im Vorteil, weil ihr professionelles Training ihrer seelischen Gesundheit mittels reichhaltigen Ausdrucks aller möglichen Empfindungen und Gefühlslagen förderlich ist.
Während er schläft, unterreden sich Hirn und Herz, wie lange sie den Budenzauber noch mitmachen wollen. Das Hirn sagt: „Pumpst du weiter das Blut, was soll ich anderes tun als denken?“ – Das Herz: „Denkst du weiter Gedanken, die mich aufstören, quälen, erregen, was soll ich anderes tun als zittern und pochen?“
Das ameisenhafte Gewimmel in den großen Metropolen ist nicht Leben, sondern Gieren, Hasten, Raffen, Sorgen, um noch einen Tag zu leben und dann … noch einen Tag.
Jener errichtete sich das Monument seines Werks, um seinen Namen zu verewigen; nun ward es zu einem Mausoleum, halb eingesunken in den Schlick der Geschichte, überwuchert von einem Dornengestrüpp der Gelehrsamkeit, das seinen Eingang versperrt.
Die Metropole ist die Retorte, aus welcher der Homunculus hervorgeht.
Die Künstlerischen und Musischen, die Seltenen, sie hausen nun in düsteren Kammern, ähnlich den Frommen, die ihren alten Ritus verborgen und im Abseits, in Schuppen und Katakomben, feiern.
Das Tier erfüllt den Kreislauf des Daseins; der Vogel nistet, bebrütet das Ei, nährt die Jungen, bis sie flügge werden, und wenn das sinkende Herbstlicht das tiefe Gedächtnis weckt, hört man den jubelnden Schrei beim Aufflug gen Süden. – Was erfüllt des Menschen Dasein, auf daß er ohne Wehmut oder Groll Abschied zu nehmen vermöchte?
Die Hoffnung, in der Sprache die Nähe des Miteinanders zu finden, trog; nun flüchtet er in die Einsamkeit der Stille, nun muß er fremd in der Fremde gehen.
Als wären wir von außerirdischen Wissenschaftlern in eine virtuelle Welt versetzt, die der unseren aufs Haar gleicht, und sie machen mit uns Experimente: Wie wir auf verstörende und traumatisierende Begebenheiten reagieren: auf einen Verlust (unser Hund liegt morgens tot neben dem Bett), auf eine Drohung (man sendet uns beängstigende Mails), auf eine Trennung (unsere Liebe schickt uns einen Abschiedsbrief); für uns ist es Ernst, für sie wie für die olympischen Götter eine Komödie und ein neckend-unterhaltsames Gaukelspiel, dem die wissenschaftliche Maskerade nur zum Vorwand dient, eine andere Form des Voyeurismus zu befriedigen.
Unrecht ist die Negation von Recht. Unfall nicht die Negation von Fall, sondern eine Varietät in der unendlichen Reihe aller möglichen Fälle.
Unfälle, eine quantité négligeable der Philosophen, geschehen aus heiterem Himmel (uns fällt ein Dachziegel auf den Kopf) oder aus mangelnder Aufmerksamkeit (wir schneiden uns in den Finger); scheinbare Unfälle, wie der Verkehrsunfall, können sich im nachhinein als absichtsvolle Handlungen erweisen (wenn es sich um die Tat eines Amokläufers handelt). Kleinere Unfälle stecken wir weg (die Wunde am Finger heilt von selbst), größere führen zu einem Einschnitt in der Biographie (er kann nach dem Infarkt nur mehr unverständlich lallen).
Ein Mensch wird nach dem ersten psychotischen Schub, dem seelischen Unfall, zum psychiatrischen Fall; er sieht sein bisheriges Leben im Zwielicht der erlebten psychotischen Phänomene (es war klar, daß sie ihn loswerden wollten, sie haben sich von jeher gegen ihn verschworen; jetzt weiß er, warum sie ihn verlassen hat).
Ein Mensch sieht nach einem religiösen Erweckungserlebnis (ein Engel erscheint und zeigt ihm eine Tür, die ins Paradies führt; die Tür ist verschlossen, er muß den Schlüssel finden) sein bisheriges Leben als Irrgang durch ein Labyrinth; jetzt weiß er um den Ausgang, kann ihn aber noch nicht durchschreiten. Wo mag der Schlüssel sein; was mag der Schlüssel sein? Ist er es selbst, in verwandelter Gestalt? Wie die Wandlung herbeiführen? Durch Fasten und Beten, durch Singen und Psalmodieren, durch aufopfernde Caritas?
Manchmal können wir den psychiatrischen vom religiösen Fall nicht klar unterscheiden. – Gott mag es können.
Ein Merkmal des Traums liegt in dem Umstand, daß wir seine Schein-Wahrnehmungen während des Traumgeschehens nicht überprüfen können; während wir dies im Wachzustand ständig tun oder tun können (wir verbessern die grammatischen oder semantischen Fehler während des Redens und Schreibens). Die Ähnlichkeit des Wahns mit dem Traum zeigt sich in eben diesem Mangel an Eigen-Korrektur.
Ansonsten sehen wir den Verstand, selbst den scharfen, im Dienste des neuen Herren, des Wahns,arbeiten: „Er verfolgt dich nicht, er ist hinter uns schon vom Weg abgebogen.“ – „Das macht er aus List, um aus einer Seitenstraße wieder zu mir zu stoßen.“ – „Hier wohnen keine Juden, die dir nachstellen und dein Denken beeinflussen könnten.“ – „Sie sind sehr intelligent und arbeiten mit ferngelenkten Strahlen, die mich aus dem Smartphone heraus abtasten, durchleuchten und einzelne Organe angreifen.“
Man kann sinnvoll handeln und reden, denn eine Handlung kann auch mißlingen (eine Lampe an eine tote Leitung anschließen) und eine Rede kann bloß Kauderwelsch sein; doch läßt sich begrifflich genau vom Sinn des Lebens sprechen, und was wäre sein Gegenteil? – Nichtsein ist nicht die Negation des Seins, tot zu sein nicht der Schatten des Lebens.
Wer immer nur Wasser getrunken hat, kann eine wunderliche Erfahrung machen, wenn ihm zum ersten Male ein guter Wein kredenzt wird; doch wer immer nur Zeitung gelesen oder das stereotype Gerede der öffentlichen Medien aufgesogen hat, wird, zum ersten Male mit einem Gedicht von Stefan George oder Georg Trakl überrascht, nichts weniger als eine neue geistige Erregung empfinden.
Verseuchung des Geschmacks durch Schule, Fernsehen und Internet; George, Hofmannsthal oder Karl Kraus konnten vielleicht den einen oder anderen aus dem Sumpf der Zeitungssprache emporziehen; aber hier ist kein George, kein Hofmannsthal und kein Karl Kraus.
Kein Trost ist, wenn wir die dialektische Wahrheit sehen: Gold kann ohne hintergründige Dunkelheit nicht glänzen; das schöpferische Wort blüht nur am Abgrund der Vernichtung; der Liebe fehlt die Glut, spielt Nachtwind nicht mit ihrem Licht; kein Leben ohne Abschied, Tod, Zerfall, soll es nicht wie im Mythos von Tithonos als schrille Zikade und schrumpelnde Mumie dahinvegetieren; kein Gott, dem nicht Satan widerspricht, oder kein Gott, der sich nicht geistreich mit Satan unterhalten mag.
In den Säulenordnungen der Griechen, den Oden des Horaz, in Mozarts überirdischen Melodien und Harmonien sehen wir das Gestalt gewordene geistige, seelische und ästhetische Gleichgewicht; wir aber müssen fallen, kaum daß wir uns ein wenig emporgereckt.
Wie manche fallen, mitten in der Komödie des Lebens, wenn Satan ihnen ein Bein stellt.
Und sehen wir, in einem geisterhaften Licht der Dämmerung, uns selber im Wasserspiegel lächeln, rührt alsbald ein fataler Wind die glatte Fläche auf, und unser Bild erlischt.
Was Gestalt in Wort und Geist gewesen, wurde Brei. – Ähnlich den kunstvoll verschnörkelten Ranken und zierlichen Rokokoaufbauten aus Zimt und Marzipan und Zucker, die im gierige Zugriff des treuen Wachhunds zermalmt und zermatscht werden.
Gemüt Gedärm, die Seele Dunst, und Liebe eine Niete in der Todeslotterie.
Wirken wollen, Absichten hegen, Tendenz bekunden ist im Gebiet der Kunst Ausdruck niederer Gesinnung.
Uns genüge die daseiende Vollkommenheit in der reinen Geste des Gebets, dem wie der Mond auf dunkelnden Wassern sich spiegelnden Reim, der unbewußten Träne am zitternden Lid.
William Shakespeare, Orpheus
(aus: Henry VIII)
Orpheus with his lute made trees
And the mountain tops that freeze
Bow themselves when he did sing:
To his music plants and flowers
Ever sprung; as sun and showers
There had made a lasting spring.
Every thing that heard him play,
Even the billows of the sea,
Hung their heads and then lay by.
In sweet music is such art,
Killing care and grief of heart
Fall asleep, or hearing, die.
Orpheus singt und Blätterkronen,
Gipfel weiß, vereiste Zonen,
neigen sich der Lyra Weise.
Halm und Blüte, sie entspringen,
wie bezaubert von dem Singen,
daß stets Bläue sie umkreise.
Alles will, vom Klang benommen,
Wogen selbst, meerschaumumschwommen,
sanft sich betten, niederknien.
Hohe Kunst schenkt solche Schauer:
Würgt die Sorge, quält die Trauer,
stillen Orpheus’ Melodien.
Bitterer Mohn
Nun liegt im Dunst die Bläue ferner Buchten,
das Lächeln der Lagunen ward getrübt,
vom weichen Melos, das du früh geliebt,
blieb nur ein Seufzen in den Geisterschluchten.
Auf grünem Samte dämmern bunte Steine,
Seestern und Muscheln, leerer Jahre Staub
läßt blassen sie wie Mond herbstliches Laub –
dir ist, als ob ein Kind im Dunkeln weine.
Und keiner ist, zu lauschen deiner Klage,
die wie ein Quellen aus der Erde bricht,
umsonst fleht sie zur Nacht um Sternenlicht,
versickert schon, stumm vor dem lauten Tage.
Ein bittrer Mohn läßt dumpf den Schmerz nur fühlen,
o kalter Kuß, die Stirne wird er kühlen.
Orpheus und Eurydike
Die Schatten, Orpheus, wie sie abseits standen,
daß aus dem Abgrund Liebe konnte steigen.
Dein Lied, vor dem Sirenen sich verneigen,
hat schon gelöst sie aus des Todes Banden.
Sie schwebte wie ein Mond in deinem Rücken,
daß sich gespensterhaft dein Schatten längte.
Bang, ob dein Herz sich an Chimären hängte,
hat Zweifel dich verführt, zurückzublicken.
So lassen wir Eurydike den Schatten,
heischt Nacht uns, ihre Blicke zu entbehren,
ungläubig, daß im Licht sie wiederkehren,
uns, deren Augen allzu leicht ermatten.
Willst, Dichter, Schatten du ins Leben leiten,
den eigenen laß auf lichten Versen gleiten.
Die Rose Schönheit fahlt
Die Wahrheit kann der Starke nur ertragen,
der Seele Licht, geflossen uns aus Blüten,
kein Engel kann sein Dunkeln noch verhüten,
die Rose Schönheit fahlt in Wintertagen.
Doch sind wir schwach und wollen sie bewahren,
uns schmerzt der Blicke Flackern und Ermatten,
uns fröstelt, wenn sie Wimpern tief beschatten
und Schnee stäubt auf den Samt von schwarzen Haaren.
So bergen wir in edler Verse Schreinen
die goldenen Bilder und die Weih-Ikonen,
daß wir vorm bittern Nachttau sie verschonen,
und öffnen sie nur leise, wenn wir weinen.
Schenk, Dichter, uns die Blüten, die nicht blassen,
o streu sie, da die Heimat wir verlassen.
Verhalt den Atem, Dichter
Geschundene Haut hat fühlsam sich bemüht,
ach Tropfen, die zu armem Glanz ihr rinnen.
Dem ward das Mark vom Flammenkuß verglüht,
birg, Gottes Engel, ihn in keuschen Linnen.
Auf Rosen, alle Sehnsucht aufgezehrt,
siehst du den Säumer in die Leere gähnen.
Wem blieb vom Lärm der Urklang unversehrt,
mag sterbend lauschen Sterbesang von Schwänen.
Sind Worte auch wie Perlen aufgereiht,
sie sind nicht echt, sie schimmern nicht im Dunkeln.
Die unscheinbaren, zartem Schmerz geweiht,
der süße Tau der Nacht, er läßt sie funkeln.
Wie eine Kerze, Dichter, sei dein Sagen,
verhalt den Atem, durchs Dunkel sie zu tragen.
Die Sprachkatze
Der verliebte Nieswurz
Ranunculus bulbosus, der Stinke-Nieswurz,
hat in die Lilie unerhörterweise
sich verknallt. Sag’s, Dichter, aber leise,
die stolze Schöne hält den Wurz sich kurz.
Der Stinker soll die Duftende nicht frein,
der Adamskloß nicht steigen zum Olympus,
homerisch schallt Gelächter auf den Klumpfuß,
im Blick der Schönen schrumpft Herr Hanswurst ein.
*
Die Trüben und Vulgären
Licht soll sich Trübem mengen,
Ruß über Rosen streichen,
die Würdigkeit nach Rängen
konformem Grinsen weichen.
Es schneiden die Vulgären
des hohen Stiles Sprossen
mit klappernden Wut-Scheren,
bis aller Glanz zerflossen.
Nicht Zeugen und Gebären
soll Sinn dem Dasein geben,
nicht Retten und Verklären
dem Wort der Dichtung Leben.
Die Schatten mimen Dramen,
es kreißen die Sterilen,
aus Tunten werden Damen,
Goldmund aus Infantilen.
Nicht Mann, nicht Frau soll länger
des Lebens Spannung künden,
der Bund nicht, nicht der Sänger
des Daseins Kreislauf ründen.
So sollen wir zerfallen,
Geschlecht und Wort und Blume,
doch Sonne hat noch Krallen,
zu lockern auf die Krume.
*
Das betörte Stachelschwein
Im Frühling weht der Flieder,
da fühlt das Stachelschwein,
das muß wohl Liebe sein,
senkt seine Stacheln nieder.
Ein holdes Weib zu finden,
rennt es durch bittres Kraut,
vergißt den Duft, die Braut,
will einen Eber schinden.
*
Die Sprachkatze
Der Dichter will von Liebe singen,
kaum schreibt er „L“, muß wider Willen
„Langweile“ ihm den Versfuß füllen,
die „Schwingen“ zwackt ihm ab ein „Zwingen“.
Und wieder haucht ihn an die Muse,
ihn aber würgt’s wie Mundes Fäule,
statt „heiter“ schreibt er „Eiterbeule“,
kein „Busen“ fliegt, es flockt die „Fluse“.
Trittst du der Sprache auf die Tatze,
wird sie nicht mauzen, sondern fauchen,
willst schmachtend in ihr Auge tauchen,
trifft dich das Blitzen einer Katze.
Zu lichten Auen
Laß, Liebe, uns die Dämmerpfade gehen,
die holden Duftes Waisen heimwärts leiten,
wo uns das bange Herz Gesänge weiten,
die aus dem Abgrund, dem gestirnten, wehen.
Kein Bild des Unglücks, das wir mußten leiden,
soll uns die tränenfeuchten Blicke wenden,
den Wunden werden Hauch und Heilkraut spenden
der Hymnen Höhen und der Oden Weiden.
Und sink ich in die Knie, wenn schon die Schneise
sich öffnet auf die Lichtung blauer Blüten,
will deinen Abschiedsblick im Traum ich hüten,
vollende du, mein eingedenk, die Reise.
Sing, Dichter, wie sich in den lichten Auen,
den fernen, die Erwählten Hütten bauen.
Mich hieß das Dunkel singen
Mich hieß das Dunkel singen,
bis mir ein Stern erwacht,
blind in das Feuer springen,
bis Asche ich und Nacht.
Ich war dem Tag verloren,
dem Brausen heller Flut,
Nachteinsamkeit erkoren,
schwamm Mond in meinem Blut.
Den Schmerzenspfad gegangen,
ward mir die Haut zerfetzt,
wie Schnee schmolz das Verlangen,
o Wasser, das nicht letzt.
Den Lippen blieb nur Lallen,
der Worte fader Tau,
was sang mit Nachtigallen,
o Herz, so stumm und grau.
Es dämmert schon
Es dämmert schon – fühlst du es auch, das Wehen,
aus Gärten kommt es, die wir längst vergaßen,
von Flüssen, wo wir einst am Ufer saßen,
ach, könnten wir dorthin, dorthin noch gehen.
Ein Siechtum hält im Dunkel uns gefangen,
wir sind der hellen Sommerbilder müde,
uns schmerzt die Lust, das Liebliche am Liede,
das uns der Heimat Sonnenkinder sangen.
O schließ das Fenster, Liebe, und entzünde
die Kerze, daß im Tanze stummer Schatten
wir unser Leben sehen sanft ermatten,
bis es erlöschend in die Leere münde.
Laß, Dichter, laß, kein Vers kann sie besiegen,
die Dunkelheit, wo die Verzagten liegen.
Das Stigma
Das Tuch, das sich um deinen Hals geschmiegt,
ich raff es auf, ob ich noch Wärme fühle,
doch gibt es mir nur eine matte Kühle
von keuschem Schnee, wie er auf Gräbern liegt.
Als läg dein Hauch noch auf dem gelben Taft,
dein Wehmutblick im feuchten der Narzissen,
wühl ich den Kopf ins zartbestickte Kissen,
daß endlich hellen Fühlens Nerv erschlafft.
Es hallt von Traum zu Traum wie im Verlies
ihr Lebewohl, daß sie nicht wiederkehre,
als ob mit seiner Flamme mich versehre
des Cherubs Schwert, der uns aus Eden stieß.
Das Stigma brannte schon im Mutterleibe,
es leuchtet bis zum Grab – o Nacht, du bleibe.
Die Abzweigung
Wir zweigen ab vom totplanierten Pfad,
mag auch das Zwielicht uns ins Dickicht führen,
sich unsre Spur in Dunkelheit verlieren,
fern leuchte uns grün-goldner Verse Saat.
Und hören wir die Stimme, die uns meint,
im Abgrund nur, im blütenlosen, quellen,
soll Bangen dir das Antlitz nicht entstellen,
sie ist der Born, der nach dem Lichte weint.
Zersprang das Lied wie dünnes Porzellan,
schien Schrillen allen Wohlklang zu ertöten,
mag Purpur fließen still von Abendröten,
der Vers im Schnee erblühen, Enzian.
Und stürzen wir, kein Engel mag uns halten,
durchblitzt der Strahl uns noch gleich Schaumgestalten.
Was die Wasser sangen
Auf trüber Flut erschien ein helles Bild,
ich stand verloren auf der alten Brücke,
im Schaum der Wellen glänzten tiefe Blicke,
als wäre ich, was aus dem Dunkel quillt.
Und ging ein Fremder ich ins Abendrot,
nahm mich ein bitter-süßer Reim gefangen,
die fernen heimatlichen Wasser sangen:
„Den heißen Durst löscht dir ein kühler Tod.“
Ist Sommernacht das Fenster aufgetan,
und später Rosen dunkle Düfte quälen,
hör ich tief ächzen an den Uferpfählen,
der meiner harrt, den alten Eichenkahn.
Schon treiben Vers und Schmerz auf schwarzen Wogen,
den Knospen gleich, die Liebe sich gezogen.
Narzissen auf dem Grab
In denen du gesunken bis zum Grund,
die Augen, die nun mondnen Lachen gleichen,
wie sie zu brechen vor den deinen weichen,
bis Seufzen quillt hervor aus bleichem Mund.
Daß sie entschwebe, Seele fehlt der Ort,
und ward im kranken Leibe schon zersplittert,
ein stummer Schrei, von bangem Traum umgittert,
hat sie gefleht um sanfter Liebe Wort.
Narzissen hast du auf dem Grab gesät,
sie glänzen wie von Tränen blasse Wangen.
Was ihr getan, gelitten, sei verhangen
von einem Schleier, den kein Odem bläht.
Hörst aber du den Docht der Flamme knistern,
o wende dich von toter Seele Flüstern.
Im Schutt des Tags
Wie tief der Blick war, der uns angeschaut,
als würde er von blauen Buchten künden,
um still-beseligt in das Meer zu münden,
wenn Liebesschauer allen Schmerz getaut.
Wir aber hasten wirren Funken nach,
bis sie im blinden Dickicht sich verlieren.
Log auch der Traum, zu Gärten uns zu führen,
ein Schatten war, was Schattenfrucht sich brach.
Wir seufzen mit dem Wind, der Halmen singt,
blaß-dürren, die aus Asphaltritzen sprießen,
und können doch mit keinem Stromlied fließen,
weil keins die harte Kruste mehr durchdringt.
Der Blick der Muse war, was uns berückte,
o blaue Nacht, im Schutt des Tags erstickte.
Im Schnee der Angst
Erloschen sind die Blüten, sind die Flammen.
Geh dunkle Pfade durch den Schnee
der Angst, geh, Liebe, sie mit mir zusammen,
bis ferner Heimat Duft uns wieder weh.
Wie Waisen halten wir uns bei den Händen,
wir wandeln schweigend über blauem Eis,
kein Laub, das weht, uns milden Hauch zu spenden,
kein Grün, das uns gelobt, bald blüht ein Reis.
Dein Atem nur, er sagt mit Dunstgebilden,
daß in die Leere Geist und Form zerrinnt
und die wir träumen, o in Lichtgefilden,
die Wasserrosen längst versunken sind.
Mag, Dichter, sich dein Vers denn nicht erbarmen –
den Kelch, der glüht, reich Schlafes Mohn den Armen.
Verletzter Fühler
Kein Schimmer bricht durchs neblige Gefild.
Den hellen Gruß aus dunkelblauen Tiefen
erstickt Geröll, die uns ins Offene riefen:
Muscheln, Traumklang, feiner Schwingung Bild.
Kein Wohllaut dringt durch toten Lärmes Wand.
Das Laubendunkel, wo Gesänge glommen,
hat zischend blinder Strahl uns weggenommen,
die weichen Federn, sie sind mitverbrannt.
Nichts rettet, wo die Gottheit sich entfernt.
Wie einerlei ist, wenn sich Ringe tauschen,
wie einerlei, wenn ferne Wellen rauschen,
das Wort verfault, von Licht und Sinn entkernt.
Mag, Dichter, dir die Wunde Tau noch kühlen,
verletzter Fühler kann, er kann nicht fühlen.
Wie Funken … Stimmen
Laß einmal um die Flamme uns noch schreiten,
die Dankbarkeit am Traubenhang entfacht.
Es steigt Selene schon, der Geist der Nacht,
das Herz dem hohen Trauersang zu weiten.
Dort flehen Schatten zu den Sterngeschwistern,
an Krügen tropft noch Glanz von goldenem Wein.
Ein fremdes Fühlen hauchen sie uns ein,
der Scheite Lohe, dunkel-süßes Flüstern.
Wie Funken, die zum blauen Abgrund stieben,
sind Stimmen, aus der Schmerzensglut geschürt.
Die Schwermut singt, vom Tau der Nacht gerührt,
vom Rosenhag, ob wohl ein Duft geblieben.
O wehten, Dichter, deinem Liede Schwingen,
entsunkener Rosen Duft uns heimzubringen.
Duft von Jenseitsauen
Auf den Tod eines Dichters
Wo du gewandelt fern auf schroffem Grat,
da Knospen selten-süßer Anmut scheinen,
bist du gestürzt, doch ließest du den deinen
in Falten zarter Verse ihre Saat.
Es möge dir, als sickerte das Blut,
geweht noch haben Hauch von Engelsschwingen,
dich in das stille Land der Seligen zu bringen,
wo reine Quellen glänzen: Es ist gut.
Uns aber ward das Abendlicht getrübt,
die Blüten, unter deinem Blick voll Funken,
die auf den Schoß des Liedes dir gesunken,
sie starren grau, wie Kinder ungeliebt.
Doch strömt dein Rosenwort noch durch das Grauen
den Duft der Liebe wie von Jenseitsauen.
Die blaue Knospe
Die blaue Knospe, wie sie schwebte,
auf einem Wasser kristallin
floß in die Nacht ihr Tau dahin –
o Blumenlippe, die erbebte.
Sie tat dem Kuß sich auf Selene,
daß sie vom eignen Duft betäubt
die Pollen in das Dunkel stäubt –
o süßen Flehens Kantilene.
Der hohe Strahl hat ausgetrunken,
was in der Schale übrig blieb,
bis ihren Schmelz der Wind zerrieb –
o Blüte, die zum Grund gesunken.
Der wohl im Garten Eden blühte
und salbte Gottes Ebenbild
mit feuchtem Glanz und Düften mild –
o Kelch, der unterm Blitz verglühte.
Wir irren hin durch Ödgefilde,
die Schatten eines trüben Scheins,
die rohen Wiedergänger Kains –
o graziöse Lichtgebilde.
Lux autumnalis
Wenn über Garben Kraniche entschweben,
erzittert herbstlich leuchtend Blatt an Blatt.
Von Sommern, da hier Pan geschlummert hat,
träumt sich zur Feier noch das welke Leben.
Als seinen Schlaf beschneiten weiße Schlehen,
die Flöte lag im Gras, bestäubt von Mohn,
war ihm, als säng das Schilf mit wehem Ton:
„O laß im Tau Selenes mich vergehen!“
Sie taumeln schon, des heitern Daseins Zeugen,
die Blätter bangt vor grauen Winters Hauch.
Uns bleibet eine Spur der Hoffnung auch,
wo Kinder sich ins bunte Rascheln beugen.
Mag, Dichter, dich das Licht des Herbstes lehren,
die Dunkelheit, die keimt, still zu verehren.
Das letzte Lied
Die Türe fiel ins Schloß, es war der Wind.
Und was ans Fenster schlägt, sind dürre Äste,
sind eines langen Sommers kahle Reste.
O atme Dunkelheit, als wärst du blind.
Die Wolken sind schon müde, bald fällt Schnee.
Was dir noch bleibt, der Kerze stilles Scheinen,
des Adagiettos leises In-sich-Weinen,
Erinnern, Blüten auf dem Heimatsee.
Und wachst du auf, wie ist die Nacht so hell,
der Docht ist abgebrannt, der Schmerz verklungen,
als hätte dich der Liebe Arm umschlungen,
springt dir im Innern auf ein süßer Quell.
Mag, Dichter, dich das letzte Lied noch tragen
zur Au, wo Lilien aus dem Dunkel ragen.
Die Schlafwandlerin
Schlafwandlerin am hellen Tag,
blaß schäumten dir die Herbstzeitlosen,
die Wangen schienen keusche Rosen,
wo Tau von süßen Nächten lag.
Und was du sagtest, weicher Hauch,
ist in der blauen Luft zergangen,
von deiner Lippen Purpurprangen
stieg bittrer Kräuter Silberrauch.
Du bist geschritten anmutleicht
auf schmalem Grat vor jähen Tiefen,
wo dir verlorene Seelen riefen,
doch hat ihr Ruf dich nicht erweicht.
Den du betört mit feuchtem Blick,
ging hin, zu sammeln schwarze Beeren,
die Süße deines Munds zu mehren,
und kam nie aus der Nacht zurück.
Und der getaucht tief in dein Haar,
hat Seufzer wie im Schlaf vernommen,
ist irren Lichtern nachgeschwommen
und sank wie in ein totes Maar.
Den du als Dichter wohl erkannt,
gabst Gift du ein mit wilden Küssen,
daß er, der Muse Hauch entrissen,
zu stummem Siechtum sei verbannt.
Doch als das Wimmern du gehört,
rief nicht ein Kind aus tiefstem Bangen,
Trost deiner Brüste zu erlangen,
bist du erwacht, von Gott verstört.
Die erloschene Flamme
Gott hat die Flamme dir entfacht,
daß wir das Dunkel selig nennen,
wo Rosen überm Abgrund brennen.
Gott hat die Flamme dir entfacht.
Die Heimat, die uns ward geraubt,
im Garten deines Lieds zu finden,
wo Flüsse süßer Reime münden,
hat sich das kahle Kreuz belaubt.
Gewaschen hat uns ab den Grind,
der unterm Unstern uns befallen,
geweht ins Blaue leeres Lallen
der Blumen Tau, der trunkne Wind.
Mit Wohlgeruch hast du genährt,
die angewidert von den Speisen,
den schalen Resten für die Waisen.
Dein Rosenwort hat uns verklärt.
Nun scheint erloschen all die Glut,
umsonst, wenn wir die Asche schüren.
Wer wird uns aus dem Dunkel führen,
wer uns entzünden Geist und Blut?
O Ströme blauen Rauschens
Kristallenen Wassern gleich aus Schneelichthöhen,
wenn Veilchenduft der Maiennächte quillt,
sind Stimmen, die in Chören talwärts gehen
zum Strom, der hoch ins blaue Rauschen schwillt.
Wie weißer Blüten Schmelz, von Händen, holden,
geflochten in der Anmut grünen Kranz,
sind Lieder, wenn im Abendlichte golden
an ihnen perlt der Liebe sanfter Glanz.
Wie heller Tropfenklang auf Grabessteinen,
versickert er im dunklen Moose schon,
ist Trostes voll der Silberflöte Weinen,
trinkt Schwermut Licht vom nachtentquollenen Ton.
Besprenge, Dichter, dürrer Verse Halme
mit weichem Tau von sternumranktem Psalme.
Die Bilder blassen
Es schimmern Blüten noch auf grünen Teichen,
als glaubten sie, daß Sommer nie verglüht.
Wir schauen all das Prangen und erbleichen,
wir fühlen, wie der Gnade Strahl uns flieht.
Mit Düften haben sie verklärt das Leben,
daß es ins Blau sich träumt im Todestal.
Wir wähnten ihr das Mark des Worts zu geben,
doch blieb der Liebe Antlitz blaß und fahl.
Sie singen süßer, wenn sie auch verbluten,
die Herzen im Genist der alten Nacht.
Uns geißelten der Sonne Feuerruten,
und Seufzen nur gab Versen bleiche Pracht.
So wollen stumm wir heim ins Dunkel sinken,
die Bilder blassen, wenn wir Lethe trinken.
Auf fremder Heimat Schwelle
Dem in der Jugendzeit wie Blütenhelle
ein Leuchten sich an hoher Stirn gezeigt,
krumm sitzt er nun, das Haupt herabgebeugt,
dem Bettler gleich auf fremder Heimat Schwelle.
Er sinnt den Auen nach, heimischen Schollen,
ob golden er noch Sonnenfrüchte fand
und ihm gelöscht der Seele Fäulnisbrand
ein Wasser, blau der Erde Nacht entquollen.
Die Früchte lagen schwarz bei dürren Halmen,
die Quelle schwieg, von trübem Lallen matt,
ein Engel, Sternensangs im Düstern satt,
schlug es laut gähnend zu, das Buch der Psalmen.
Wärst, Dichter, du ins Steppenland gegangen,
zu Hirten, denen Flammenzungen sangen.
Die schwarze Sorge
… sed Timor et Minae
scandunt eodem quo dominus, neque
decedit aerata triremi et
post equitem sedet atra Cura.
Horaz, c. 3,1, 37–40
Dir war, gestanden hätte sie am Kai,
zum Abschied dir zu lächeln und zu winken.
In der Kajüte weckt dich auf dein Schrei,
du fühlst ihr Haupt an deine Schulter sinken.
Nein, ihr entfliehst du nicht, die immer neu
aus Träumen kriecht und banger Ranken Zittern,
dich schwarz umflatternd, bis zum Tode treu,
der Frucht, dem Wort die Süße zu verbittern,
Schmarotzerin, die dir am Herzen saugt,
daß ihre Augen glänzen, deine blassen.
Hinkst du zum Abgrund, müd und ausgelaugt,
wird sie für junges Blut von deinem lassen.
Als Dämon hat der Dichter sie beschworen –
rast auch der Rausch, sie geht uns nicht verloren.
Wo die Wege münden
Die Wege scheinen endlos, wir sind müde.
O Liebe, eingeschlummert wärst du fast,
als fiel aus Laubes Nacht ein Tropfen Friede,
doch rauscht sie auf, unsteten Lebens Hast.
Wie Kinder, die sich bei den Händen fassen,
laß tapfer wandern uns durch diesen Wald,
der Heimat denke nicht, die wir verlassen,
die Glut im Herde, Asche ist sie bald.
Hör wie im Traum die Nachtigallen singen
vom Engel, der blau-goldene Blüten streut,
daß Unschuld sie zur hohen Lichtung bringen,
wo sie am stillen Strahle sich erfreut.
Weh, Dichter, daß vom Irrlicht du mußt künden,
aus Sümpfen quillend, wo die Wege münden.
Der Liebe Zwiegespräch
„O komm, die Luft ist lau,
zu Auen laß uns gehen,
nach Anemonen sehen,
ob sie beglänzt von Tau.“
„So gib mir deine Hand,
wir wollen wie zwei Waisen
auf kühn verzweigten Reisen
uns halten unverwandt.“
„Sieh, Becher reicht der März,
magst einmal es erfühlen,
wie Blumentränen kühlen
der Sehnsucht heißen Schmerz.“
„Geh mit mir an den Teich,
daß wir uns darin spiegeln,
die Grenzen sich entriegeln,
in eins verschwimmen weich.“
„Doch engt der Tag uns neu,
daß uns nur Worte lindern
die Einsamkeit wie Kindern,
spricht eine Fee getreu.“
„Der Efeu, der dort grünt,
will mir von Stille sagen
jenseits von Lust und Plagen,
wenn alle Schuld gesühnt.“
„Hier ist des Dichters Grab,
der einsam hat gesungen,
von Schatten ward verschlungen,
was heller Sang ihm gab.“
„Laß uns das Moos vom Stein,
die Flechten sachte schaben,
daß von der Schrift erhaben
die Sage leuchte ein.“
In Nächten, sternelosen,
ward mir das Lied zum Licht.
Es hat die Glut von Rosen
entflammt mein Lobgedicht.
Die Entfremdung
Von Schilfen stiegen wir und schlaffen Wogen,
vom müden Rauschen eingepferchten Stroms,
mond-milden Glanz zu schauen unter Ranken,
von knotig-krummem Holz emporgeschraubt,
und Luft zu atmen, die aus Höhen quillt.
Jäh sprang die Angst des Daseins, eine Echse,
dir übern Fuß und wölkte grünen Staub.
Der aufgelassene Wingert ließ an Trauben,
verrunzelten, nur Fäulnisschimmer übrig,
den Himmel schlossen Wolken, schwefelgelb.
Da schien zu bergen uns der Eichenhain:
In kühle Schauer blitzten wie Gedanken
an eines Dichters hohe Einsamkeit
die goldenen Funken durchs erregte Laub.
Du hast, des Abendfriedens sanfte Tochter,
leise vor dich hin gesummt, ich aber,
ich hörte schon die heiße Säge kreischen
und sah den Ort entweiht und leer und kahl,
des Himmels Söhne der Nacht geopfert, Nacht,
vom Irrlicht über Grabeshügeln fahl,
sah Nägel auf erhabenen Bildern kratzen.
Da nahm ich dich, auch wenn du zögertest,
ins Tal zurückzukehren bei der Hand.
Kein Vogel sang, die Leere uns zu füllen,
wir hörten wohl die Wasser rinnen hin,
als wären Quellen ewig, unerschöpflich.
Wir wandten uns, Rinnsale, die versickern.
Wie Dickicht wuchs das Schweigen zwischen uns,
dein Duft floß noch, doch wie aus fremdem Dunkel.
Nänie auf einen Dichter
Dein Lächeln war ein süßes Licht,
der Lilie Schnee im Schattenhang,
wie einer Quelle heller Sang
dein Moos beträufendes Gedicht.
Sind wir fast taub vom Lärm der Welt,
tönt fern dein Lied, o fern im Traum,
fahlt in der Nacht die Lilie kaum,
glimmt sie bald auf, vom Mond erhellt.
Dein Blick war’s, der von Liebe sprach,
die wie ein Hauch die Wunde kühlt.
Im Puls, den wir am Wort gefühlt,
flog hoch dein Herz, bevor es brach.
Und scheint das Leben uns wie tot,
wenn sich der Rose Anmut schließt,
belebt uns noch, wenn heimwärts fließt
dein Rosenlied im Abendrot.
Jähen Wunders Schein
Gefangen in der Höhle, wird uns die Zeit,
die leere, gezählt von Tropfen, vollen:
Sie klingen hell am Stein und rollen
hinab zum dunklen Abgrund Ewigkeit.
Die Düsternis wird wahnhaft nur erhellt,
als würde fahler Grünspan gleißen.
Nichts geht uns nah, nichts ist verheißen,
Tag ist wie Nacht, ein trüber Traum die Welt.
Ein Beben ging, es tat sich auf der Spalt:
Da floß ein Bild hinein von grünen Auen,
ein Rauschen linderte das Grauen
von Strömen fern, von einem nahen Wald.
Ein Augenblick, wie jähen Wunders Schein,
ein Augenblick: das Tor geschlossen.
Doch blieb ein Duft, zum Hohn ergossen:
der Sehnsucht Schmelz und des Erinnerns Pein.
Der erloschene Stern
Der Stern, der uns gestrahlt, der Stern,
auf unsern Pfad, den wahnes-wirren,
daß wir im Dunkel nicht mehr irren,
wie fern scheint er uns nun, wie fern.
Weil uns erlabt ihr Lobgesang,
sind mit den Hirten wir gezogen,
der hohe Geist war uns gewogen,
zu stimmen ein voll Überschwang.
Wie müde Quelle, die versiegt,
ein Echo längst versunkner Sage
klingt unserm blindgeweinten Tage,
was einst den Schmerz in Traum gewiegt.
Sie fanden unter goldnem Laub
ein Lächeln, stiller Nacht entbunden.
Und sagten Rosen auch von Wunden,
ihr Glanz hat wachgeküßt den Staub.
Wie sind dem Licht des Heils wir fern,
uns rauschen Schatten, Efeublätter.
O Hymnen auf der Liebe Retter,
kein Stern zieht uns voran, kein Stern.
Ein Engel kam
Heroischer Gesang hat seine Stirn gekühlt,
doch muß der Knabe sie mit Asche schwärzen.
Die Liebe heißt ihn, daß ihr Herz sich fühlt,
zu kitzeln sie mit Liedes Flaum und Scherzen.
Ein Engel kam, hat ihm versehrt mit Glut
den Mund, da hörte man den Alten lallen,
entriß ihm der betörten Enkel Hut,
damit dem Charisma sie nicht verfallen.
Der Ranken dunkle Schrift, sie wird verbrannt,
auch wenn noch Knospen sich zum Lichte recken.
Der Dolch der Deutung hat sie schon entmannt,
die nicht mehr zucken, wenn die Flammen lecken.
Hörst aber, Dichter, du nachts Wellen schlagen,
knie überm Psalm: Die Kinder Zions klagen.
An einen Dichter
Heb einmal noch den Kelch ins Licht,
wie Märzenbecher grüne Auen,
bis sich um ihn Traumdunkel flicht
und Tränen, holde, niedertauen.
Noch einmal schöpf aus reinem Quell
das Wort mit runden Fühlens Krügen.
Ein Herzgeheimes werde hell,
gleich Blüten, die uns Scham verschwiegen.
Such lechzend nicht auf dunklem Hang
nach feuchtem Gold bacchischer Trauben.
Es atme blaue Luft dein Sang,
und Amor taucht aus Schattenlauben.
Uns bannt nicht mehr die trunkne Flut,
wo Schäume blasser Knospen gären.
Füll deinen Vers mit eignem Blut,
daß hohe Bilder uns verklären.
Erdenwallen
Blätter weichen ohne Trauer,
wenn der Herbstwind sie verweht,
und uns sagen leise Schauer,
Liebe kommt und Liebe geht.
Wie sie trunken niederfallen,
schimmern, wendet sie ein Hauch,
sinke unser Erdenwallen
in den Grund, den stillen, auch.
Wasser, ach, sie seufzen milder
unter blitzendem Kristall,
unsre Schmerzen dämpfen Bilder,
Funken aus dem dunklen All.
Wie entschwindend noch entzücken
blasse Knospen auf dem Fluß,
fern schon sind wir nahen Blicken,
die gefeuchtet sich im Kuß.
Muß in Urnacht auch verwesen,
wem der Gott die Flamme lieh,
uns zum Sinnbild auserlesen
schmilz, o Schnee der Lilie, nie.
Verlorene Pfade
Die Pfade schienen im Gerank verloren
und über Steppengrases Silberschimmer
die heiße Luft Vergessenheitsgeflimmer:
Ihr wußtet nicht, warum, wozu geboren.
Am Rinnsal habt ihr euch entlanggewunden,
ein müdes Lallen und ein trübes Gleiten,
zum Ursprung sollte es Enterbte leiten:
Ihr habt den Born im dunklen Grund gefunden.
Ihr beugtet euch hinab in Zwielichtschluchten.
Es kündeten die Schauer aus der Tiefe,
daß hier ein Lied, ein seliges, nicht schliefe
bei Wassern, die kein Eden mehr befruchten.
Den Weg zurück, ein Engel könnt ihn weisen,
doch zugewuchert sind der Botschaft Schneisen.
Traumverhangen
Ich sah im Teich es süß zerfließen,
dein holdes Angesicht.
Sumpf ist nun dort, Zwielicht,
in dem nur dürre Halme sprießen.
Und wo wir Hand in Hand gegangen,
auf grünen Dämmers Saum,
schwitzt Asphalt grauen Schaum,
von Dünsten, bleichen, traumverhangen.
Wo du’s gesagt, mit Augen, feuchten,
an dunklen Raunens Quell,
hört man nun Wutgebell,
und Lampen grellen Drohens leuchten.
Als Gegenwort hab ich die Rosen
dir auf den Schoß gehäuft.
Wie stumm das Rinnsal läuft
durch Dornen, duft- und blütelosen.
Das Fernweh hieß dich sie zu finden,
azurne Orchidee.
Mir blieb im wehen Schnee
vor leeren Himmeln zu erblinden.
Falbes Gras
Als könnte Blätter, die sich welkend krümmen,
ein warmer Hauch, ein sanftes Glühen glätten.
Wie Blüten auf des Schlammes Fluten schwimmen,
versehrte Schöne kann kein Tau mehr retten.
Der matte Stein, von Wassern weich umflossen,
mag wie Erinnerung noch fahl aufscheinen.
Die Quelle, hat auch Moos ihr Lied umschlossen,
hörst unterm Asphalt du nicht einmal weinen.
Den Worten, deren Blutstrom Pfropfen stauen
in Adern, grau und wässrig angeschwollen,
kannst du die Sage nicht mehr anvertrauen,
durch die des Lebens hohe Pulse rollen.
Des Sinnbilds Lilien hat man ausgerissen,
nur falbes Gras läßt noch vom Ursprung wissen.
Die Flammen des Dionysos
Da stoben über dunklen Hügeln Funken,
wie aus dem Abgrund aufgescheuchte Seelen.
Die Hirten hatten herben Most getrunken,
ein Girren kam aus rauhen Mädchenkehlen.
Und einer weckte auf die müden Scheite,
daß wieder Glut aufseufze aus der Feuchte
die Anmut um die wilde Flamme schreite,
doch über allem stand der Ur-Nacht Leuchte.
Und als das Feuer sich ins Mark gefressen,
stieg aus dem toten Holz ein süßes Singen,
sie aber tanzten, allen Leids vergessen,
in wogenden, geheimnisvollen Ringen.
Dionysos war unter ihnen – Knabe,
die Flammen schürend mit dem Thyrsosstabe.
Die Rosen des Adonis
Der Eber hat, erzählt sie uns, die Mythe,
die zarte Haut dir tödlich aufgeschlitzt.
Der blühend du im Arm lagst, Aphrodite,
hat dich vorm dunklen Abgrund nicht beschützt.
Die warmen Tropfen, die zur Erde quollen,
hat wohl verwandelt ihre Zaubermacht,
daß deine Schöne uns bleib nicht verschollen
und auferstehe in der Frühlingsnacht.
Es muß das Wort, das dichterische, geben
sein Blut Gespenstern, Nornen alt und grau,
bis aus der Angst es sanfte Blicke heben,
zu öffnen seinen Blütenkelch dem Tau.
Verglüht der Mond, fühl, Dichter, Rosenatem,
den Duft des Worts, der Goethe trug zu Hatem.
Endymion
Ein Quietschen kam des Nachts von fernen Gleisen,
das Krankenzimmer war von Wehmut blind,
du wolltest, Dichter, heim gen Auen reisen,
wo Verse Tau auf blassen Blüten sind.
Am Fenster klebten trüben Sehnens Flocken,
und auf den Gängen schlich die Atemnot,
dir war. du könntest ihn mit Liedern locken,
sie zu begleiten, Meistergeiger Tod.
Da schüttelte aufs Kissen dir Selene
den Schnee des Schlafes, hellen Duftes Mohn,
und bot dir ihrer Lende weiche Lehne,
zu bergen dich wie einst Endymion.
O einzuschlafen unter Liebesblicken,
die uns in dunkelblaue Nacht entrücken.
O rinne hernieder
Uns locken nicht Krümel vom Tische des Herrn,
der Grind der Hände, die danach tasten,
hat uns bewogen, lächelnd zu fasten –
uns nähre mit lieblichen Funken der Stern.
Wir dehnen die Seufzer, die Küsse uns nicht
mit Kerzen, die sich knisternd verzehren,
mit Schatten, die helle Fühlung verwehren –
uns stille der Lilie schneeiges Licht.
Aus Falten der Nacht geschüttelt, Kristall,
geschliffen von seraphischen Blicken,
mag kindliche Herzen entzücken,
uns rolle hin Reimes schwach schimmernder Ball.
Und flossen uns Sommernachtlüfte so lau,
da wir am offenen Fenster gestanden,
nun liegen gekrümmt wir in frostigen Banden –
o rinne hernieder und töne uns, Tau.
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