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Mai 2 20

Geht ein Tasten taub

Abends Pfade blind,
keines Lebens Spur
auf verschneiter Flur.
Wind, nur grauer Wind.

Atems Rätselbild,
Opferrauch, der quillt.

Geht ein Tasten taub,
wo im braunen Moor
Klage-Tau gefror,
irrt durch Schattenlaub.

Mondes Hostie bleich
sinkt ins Totenreich.

Und am Ufersaum,
wo die Welle nagt,
Qual von Sonnen ragt
kahl ein Weidenbaum.

Ist nicht wer, der spricht?
Dürrer Zweig, der bricht.

 

Mai 2 20

Lied so süß und bang

Was vom Abendlicht gekündet,
rinnend Ginstertau,
ist in fahle Nacht gemündet –
Wort wie Traumfarn grau.

Was Verliese ausgegoren,
goldnen Lichtes Wein,
hat uns Sommers Lust beschworen –
Lied so süß und rein.

Falter hat den Staub begattet,
Knospe wehmutschwer,
ist vom eitlen Flug ermattet –
Wort wie Schote leer.

Was wie Flaum des Mondes flockte,
Nachtigallensang,
und ein Lächeln dir entlockte –
Lied so süß und bang.

 

Mai 1 20

Hinter vorgehaltener Hand

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sie sagen: Erst Kopernikus, dann Darwin, dann Freud – so wurdet ihr aus der angestammten Heimat und geistigen Idylle vertrieben, solche Kröten galt es zu schlucken.

Doch wenn sich die Enge, aus der man mich verschleppt hat, als eingebildetes Gefängnis erwies, warum sollte ich mich unbehaglich fühlen?

Auch wenn ich die gemeinsame Herkunft nicht leugne: Die Sprache der Tiere verstehe ich nicht und vice versa; nur Orpheus oder der Heilige Franz kannten die Masche oder hatten die Gnade.

Und macht es einen spirituellen, ästhetischen oder moralischen Unterschied, ob sich die Sonne um mich oder ich mich um die Sonne bewege?

Ob nun ein Tropfen im Krug oder ein Tröpfchen im Meer, ein Sandkorn in der Hand oder in der Wüste, eine Stimme im tragischen Chor oder ein kleines O und Ach im Stimmengewoge der Jahrtausende …

Sie mimen Bescheidenheit und sagen: Wenn wir die große Wahrheit nicht erreichen, nähern wir uns doch dem Lichtstreif am Horizont immer weiter an. Toren! Der Horizont wandert stetig mit, und wäre die Linie, der sie sich approximativ zu nähern wähnen, das Wahre, müßten sie es als solches schon erkannt und die Linie längst berührt haben.

Wäre die Semantik Homers grundlegend von unserer verschieden, warum ihn übersetzen, nein, wie ihn übersetzen, nein, wieso ihn lesen?

Etwas, was sich ganz außer Proportion mit uns befindet, wie die Unzahl der Galaxien oder der physikalische Anfang der Welt, bildet zu unserem Lebenskreis keine Tangente.

Wie, vor einem Monstrum niederknien und ihm Opfer bringen?

Bei aller Ferne des Höchsten bedarf es einer inneren Nähe, um es anzurufen. – Deus caro.

Im Schlaf können wir den Traum nicht interpretieren.

Wir können nur interpretieren, was in unserer oder einer der unseren verwandten Sprache zu uns spricht.

Wer die Bedeutung von Wasser mit der von Feuer vertauscht hätte, würde dennoch stutzen, wenn wir ihn auffordern, sich am kalten Quell zu wärmen oder die Zigarre am Wasserhahn zu entzünden.

Vom Inkommensurablen können wir nichts wissen.

Die Wendung von den bitteren Brunnen (Clemens Brentano) erhält den Stempel „Unikat“ im Vergleich mit all den Brunnen, deren süßes Wasser wir trinken.

Nicht die Farben der Fäden bezeugen den dichterischen Ursprung, sondern die rhythmischen Muster und mythischen Bilder, zu denen sie verschlungen und verwoben worden sind.

Nur geläuterte Töne bilden tragende Harmonien.

Krumme Halme tragen nicht den Himmel des Gedichts.

Die Katharsis des Feuers, der Entschlackung, der Passion und Auferstehung.

Wo sich der Fluß des Lieds nicht am Fels des Leidens staut, kann sich kein Stern im stillen Teiche spiegeln.

Der Historismus in der Altertumskunde, klassischen Philologie und Geschichtswissenschaft, der den Wert des Werks in den Augen der Gegenwart unbefragt ließ, war das Vorspiel zur Endzeit-Komödie greller, grotesker, hohler Masken.

Die kein Alter Ego mehr sehen in Dido, Ophelia, Gretchen, sondern Opfer, in deren Blut und Tränen sie genüßlich plätschern.

Die Eudämonisten, die Demokraten, die Vulgären.

Die Glück mit Selbstbefriedigung verwechseln.

Der Leviticus, das Gesetz der Spartaner, die Ordnung des Heiligen Römischen Reiches, sie ragen wie Eichen über die Kohlköpfe demokratischer Verfassungen.

Welche geistige Leere und seelische Kälte umgibt jene, die dem Ideal der Selbstverwirklichung frönen.

Wahre Freiheit liegt nur im geistvollen Entschluß, einer höheren Ordnung zu dienen.

Der Mönch ist frei, nicht der Rebell.

Gedichte – Ordnungsentwürfe in Rhythmen, Gesten, Nuancen des Gefühls – Spiel im Hauch des Abends wehender, sich überschattender, wieder aufleuchtender Ranken, sich umschlingender, lösender, sich freudiger findender Muster.

Die erhabene Strenge – und gelöste Heiterkeit im heiligen Spiel des Rituals.

Künstler als Bekenntnisstümpfe – sie nötigen einen, sie zu tragen, empor, ins Scheinwerferlicht zu heben.

Alle wollen mit allen auf Augenhöhe reden, eins das andere im trüben Lichte gleichen Ranges sehen – sie fürchten den bedrohlichen, den enigmatischen Schatten von oben.

„Kenn ich schon. Hab ich schon. War ich schon.“ – Dumpfe Sklaven des Massengeschmacks.

Die Venezianer, um sie als pars pro toto zu nehmen, sind Verräter an ihrer großen Vergangenheit, sonst würden sie ihre Hotels und Häfen schließen und nicht bei all den touristischen Kretins schmarotzen, die zu Millionen an ihren großen Kunstwerken vorübertrampeln.

Von Hölderlin kennen die Zeitgeistigen nur ein grelles Klischeebildchen für das Kitschalbum eines sich an Greueln und Schweinereien gütlich tuenden Bürgertums und intellektuellen Mobs – die böse, pietistisch engstirnige Mutter, die ihn ins Pfarramt pressen wollte, den pubertären Reigen hohläugig-verwegener, als Sansculotten maskierter Stiftszöglinge um den Freiheitsbaum, das arme Weibchen Susette Gontard, das unter der Knute des Geldsacks von Ehemann stand und durch repressive Sexualmoral daran gehindert wurde, dem verklemmten Schwärmer aus der Hose zu helfen, die Autenriethsche Maske, unter der der Halberstickte ein schizophrenes Stammeln simulierte, die Armensuppe, die er, von zarter Mädchenhand vor die Tür gestellt, im Turmzimmer grimassierend löffelte … vom Feuer des Himmels, das nur der Kelch der Hand des Erwählten auffängt, von den Blüten Deutschlands, von der Ekstase des tragischen Untergangs, dem Opfer für die Manen, den Tränen und dem Tod für das Vaterland, vom heiligen Herz der Völker, davon wollen sie nichts wissen.

„Aber Susette“, lassen sie ihren vergötterten Sinclair die Verdatterte fragen, „ihr hättet doch einfach das Haus verlassen, all dem entfliehen und irgendwo ein neues Leben beginnen können!“ – Wie, noch dümmer als Madame Bovary?

Der pensionierte Rhapsode, an einem lauschigen Sommernachmittag in kurzen Hosen, die Pfeife schmauchend, begießt die Gemüsebeete vor der trauten Hütte, während Frau Susette Hölderlin auf der Terrasse sitzt und im Hyperion die Passage vom seligen Dahinsiechen und Abscheiden der Diotima liest.

 

Apr 30 20

Wie könnte ich sagen

Wie könnte ich sagen,
Schatten mit der Lippe aus Rauch,
das zitternde Licht deines Blicks
und die nächtig noch schimmert,
die schmelzende Träne,

wie tasten
mit am Schnee des Wahngrats
ertaubter Hand,
woran dein Schlummer herabperlt,
das seufzendes Gras,

wie spiegeln,
auf trüben Wogen verblaßter Schaum,
die sich am Ufer niederbeugt,
dürstend nach Glanz,
die schüchterne Blume,

wie könnte ich trinken,
ohne Sinnes Adern ein Blatt,
das zum Irr-Farn schwebte,
Hauch des Lebens,
den rosigen Kuß?

 

Apr 30 20

Nun sind die Blumen mir verblaßt

Nun sind die Blumen mir verblaßt,
die Veilchen, die zum Himmel weinten,
hat trübe Seele angefaßt,
blind sind, die deine Augen meinten.

Die Aster, die am Fenster stand,
mit blauen Wimpern hell zu grüßen,
ist unterm heißen Strahl verbrannt,
als müßte ich für Kaltsinn büßen.

Was banges Herz mit Leuchten füllt,
was weiche Wehmut öffnet, Rosen,
in strenge Knospen eingehüllt
entziehn sie dunklem Sinn ihr Glosen.

Der einsam glühte, Enzian,
um keuscher Wangen Schnee zu tauen,
zertrat der dumpfe Huf des Pan,
da kam mich an ein Grauen.

 

Apr 29 20

Rheinische Ode

Am Efeukranz der Nacht
zittern demutstill
lichten Taues Tropfen.

Vorwelt-Dunst der Grotte,
wo aus heißem Schlaf
Gespensterflügel schrecken.

Feurige Zungen, herabgeblitzt
aus Wolkenschlünden,
den Schweiß zu lecken
von der grauen Stirn
den Rebenhügeln.

Wenn aber Traubengold
gewiegter Ranken stiller glimmt,
erhellt ein sanftes Flackern
in bemooster Kapelle
Muscheldunkel
der Schönheit Lächeln
um des Himmels und der Erde Kind.

Doch zwischen Schicksalsschroffen
immer wälzt sein Schluchzen
weicher Dünung Rieseln zu,
der hoher Weisung
Blüten mit sich reißt,
der Strom.

Was mit Gras und Schilfen
sich dem grünen Beben biegt,
was silbern schauert ihm von Weiden,
in gelben Knospen Flammen rinnt,
ward in heller Herzen Einsamkeit,
wie Wein im Dämmer Glut,
mondgefurchter Fluten Lied.

Und standen wir am Ufer stumm,
der Schotter mager wie Gebein,
verrußt die Tafel mit den Namen
wie dort das Lächeln der Madonna,
das dunkle Schluchzen war noch da,
im Herzgrund hörten wir noch
geisterhaft ein Grillenzirpen.

 

Apr 28 20

Sommerabend am Rhein

Leg, Abend, dein goldenes Auge,
taubewimpert,
in die samtene Moosschatulle,
umhaucht von warmen Schieferblättern.

Ein Seufzen bläht noch
traubenumfunkelt
knorrigen Wachstums
Rankenkleid.

Nackter tauche den purpurnen Arm
ins grüne Flüstern des Wassers,
das bangende Reiher betört,
ins Flimmern schwebender Inseln
zu fliegen.

Im Nebel aber,
Atem der Urzeit,
versunkener Sage Gedächtnis,
blitzen verwunschen
Schuppen von Nymphen.

Was aus gähnendem Schlamm-Maul
aufperlt, schöpfe
in heller Muschelschale,
bemooster Glocken
Trostgeläut.

O atme von Ufer zu Ufer
auf schwarzem Marmormal
hingestreuter Lilienblüten
Mondesduft.

 

Apr 28 20

Herznäher tönend

Kommst aus der Höhe du
im Rauch des Schnees,
der des Dunkels Wehmut stillt,

im Glucksen des Schlamms,
wenn mir Schilfes Schatten
auseinanderschreibt der Mond,

wirfst du im Lichtflaum
niederseufzender Schwinge dich,
im Vogelruf mir zu?

Ach, in der Narrenhand des Winds,
der mir den Käfer von der Schulter schüttelt,
bist du mir nah,

und was mich nährt
im tropfenden Ginsterstrauch,
ist dein Honiglicht.

Herznäher tönend
als das leuchtende Rinnsal
zwischen Weide und Gras
ist, was du im Halbschlaf summst,
Liedes Wogen,
die kaum hörbar verebben
im dämmernden Ried des Traums.

 

Apr 28 20

Als die Wasser leiser weinten

Der aus Liedes Locke rann,
Tau beglänzte dir die Wangen,
Rätsel-Herz schlief unterm Bann,
als die Brunnen dunkler sangen.

Und am Ufer Hand in Hand
wir von Wassers Hauch Belebten,
als der Wind uns Ranken wand,
weiße Blüten niederschwebten.

Abend hat das Schilf geschwellt,
daß sich Mond und Welle einten,
Herz des Dunkels, sternerhellt,
als die Wasser leiser weinten.

 

Apr 27 20

Da die Träne dir gefror

Da die Träne dir gefror,
Schwester, im Traumverlies,
schluchzt ins nächtliche Moor
alles, was ich jemals pries.

Wäre Hauchens mir genug,
schmölze den Kristall,
der ins Herz dir wuchs,
würde glühend mein Gelall.

Eine Muschel aber kalt
seufzt mein Mund herab
an der Wehgestalt
in sein stummes Grab.

 

Apr 27 20

Frau Welt, hast volle Brüste

Frau Welt, hast volle Brüste,
doch hart ein Herz wie Stein,
ach weh, daß ich sie küsste,
wie Schnee auf Elfenbein.

O Liebe, Schmerzkristalle,
die Zunge ward so kalt,
daß ich bloß Flocken lalle,
ein Wehen ohne Halt.

Der Kindheit goldne Laube,
von Sonnensang durchsurrt,
gespenstisch ruckt die Taube,
die in der Asche gurrt.

Der Jugend blaue Buchten,
ein Segel blähte Wind
aus Fernen, die wir suchten,
Sand, Sand aus Muscheln rinnt.

Und Hoffnung, deren Zweige
so innig rauschten Du,
ward wahnverstimmte Geige,
ein Schrillen ohne Ruh.

O Heimat, Phlox und Flieder,
du Duft von Most und Mohn,
kehrst fahl im Traum nur wieder
dem irrgegangnen Sohn.

 

Apr 26 20

Wie bleicher Blume Hauch verwehen

Wie bleicher Blume Hauch verwehen,
entfliehen Weltlaufs Wahn und Krach,
des Mondes falsche Träne sehen
mit einem letzten tiefen Ach.

Sich betten unter Wolkenschatten
und ferne glänzt ein blauer Samt
auf Abends dunkelgrünen Matten,
Tau löscht das Aug dir, das noch flammt.

Im Schilf des Dämmers seufzen hören,
und fällt ein weißes Blütenblatt,
erloschner Knospe Licht beschwören,
das sich wie du verschwendet hat.

Noch schimmert auf dem schwarzen Wasser
wie Lilie weiß ihr Angesicht,
und werden alle Bilder blasser,
ihr sanftes Auge wird es nicht.

Nun aber komm, schon tönt ein Singen
von jenen Höhen, süß und klar.
Sind es des Abschieds graue Schwingen,
der Ankunft blaue wunderbar?

 

Apr 25 20

Wir pflücken blaue Beeren

Wir pflücken blaue Beeren
und gönnen uns die Süße,
die Wunden, sie belehren,
daß jede Wonne büße.

Verheißung reifer Trauben
glänzt uns an jungen Reben.
Was gurren wohl die Tauben?
Vergehen muß das Leben.

Wir sind emporgeklommen,
die Schatten zu vertreiben,
im Licht sehn wir benommen
daß wir uns Rätsel bleiben.

Wir fallen bald im Sturme
wie eine Frucht zur Erden,
unwissend, ob zum Wurme,
ob wir noch Seele werden.

Das Lied, das wir gesungen,
ein Tau auf Blumenwangen,
ist dunkel schon verklungen
in Nächten voller Bangen.

 

Apr 25 20

Rauscht grauen Salzes noch die Flut

Rauscht grauen Salzes noch die Flut,
geborsten Planken sehn wir nah,
doch nicht am Strand in Lächelns Hut
den Heros, nicht Nausikaa.

Die stolze Schar, ihr Banner rief
nach Hellas zum umschilften Rhein,
wie hängt des Liedes Lippe schief,
wie tropft auf Sand der Weisung Wein.

Und der mit dir am Ufer stand,
im Abend schmolz ein Angelus,
hob mit dem Kranze, den er wand,
den Tau des Abschieds auf den Fluß.

Wenn uns das Gold der Sage blaßt,
sind wir ein Kind im Traum allein,
und müssen, wenn ein Tier uns faßt,
um aufzuwachen kläglich schrein.

 

Apr 24 20

Die Sandale

Da ihr Herz von Süße quoll,
traumnah wie Gesumm der Biene,
lud der Schale Rund sie voll,
Birne, Pfirsich, Apfelsine.

Sonnenduft, der Locken Gold
mag den Tau der Halme lecken,
und ihr Hündchen, Zärtelbold,
Spiel der nackten Zehen necken.

Wie ihr Blut sich höher schraubt,
wenn ins grüne Wasser tunken
Schwäne das verzückte Haupt,
daß sie selber wär ertrunken.

Ja, sie wünscht im höchsten Glück,
einer jungen Knospe Schwellen,
sich den letzten Augenblick,
Blüte schwindend auf den Wellen.

Doch ein jäher Tropfen fällt,
hastig rettet sie die Schale,
wie beim Blitz das Hündchen bellt,
eins vermißt sie, die Sandale.

 

Apr 23 20

Kranz auf den Wassern

Paul Celan gedenkend

Wer im Licht die Quelle schaut,
die ihm wehe Schatten spendet,
wessen Schmerz in Tränen taut,
hat den Seelenweg vollendet.

Gnade nur kann innres Licht
aus dem Abgrund wecken,
rauschen Blätter am Gedicht,
birgt ein Kranz den Weltenschrecken.

Wem des Schicksals Würgegriff
läßt den Geist im Wahn erzittern,
sieht die Trümmer fern am Riff,
nah das Blau nicht hinter Gittern.

Singt er wie Sirenen wild
Schädeln, die noch grinsend blassen,
scheuen wir das wunde Bild,
müssen ihn der Ödnis lassen.

 

Apr 23 20

Blüht noch Angedenkens Blume

Blüht noch Angedenkens Blume,
Nacht trug ihren Samen,
leisen Liedes Namen,
auf des Herzens schwarzer Krume?

Weißt du noch die Efeumauer,
wo sich Schatten krallen,
Sonnentropfen fallen,
all des Unerfüllten Schauer?

Steigst du noch zur Quelle nieder,
auf betauten Moosen
ward dein Denken Kosen,
kehrt der Sanftmut Hauch wohl wieder?

Oder ist versiegt das Raunen,
heller Nächte Sinnen,
tränenlichtes Rinnen,
hingemäht der Knospe Staunen?

 

Apr 22 20

Wie Abschied fließt

Wir wollen einmal noch ins Dunkel lauschen,
wie Wassers reiner Abschied fließt,
und unsern Schmerz wie goldne Ringe tauschen,
bevor sich Abends Rose schließt.

Dann betten wir uns unter Schilfes Beben,
wo deine Wange meine näßt,
und sehen Wolken ins Vergessen schweben,
geduckt ins graue Schweige-Nest.

Wie leeren Muscheln wird ins Herz uns schäumen
des trunknen Mondes weißer Sang,
und was wir noch von blassen Blumen träumen,
ist Mondes sanfter Untergang.

 

Apr 22 20

Entsagens Hauch

Wir rüttelten die Pforte
und seufzend gab sie nach,
veruntreut Veilchenborte,
die Beete braun und brach.

Wurmstichige Äpfel krachten
auf Schiefergrus, wo ehedem
dem Kinde Beeren lachten,
versank ein Strunk im Lehm.

Einst leiser Ranken Laube
ein überwuchert Grab,
auf faulem Holz die Taube,
wie bald ihr Gurren starb.

Am bärtigen Brunnenmunde
quillt keine Tröstung mehr,
ein Glanz, o Dämmerstunde,
mit unsern Tränen kehr.

 

Apr 21 20

In transparenten Lüften

Zittern unterm freien Wind
Halme, Tropfen, Schlafes Mücken,
wenn wir auch ermattet sind,
mag ein zarter Wink entrücken.

Kriechen wir aus bangen Grüften,
kitzelt Tau die taube Haut,
und in transparenten Lüften
ist des Liedes Blick erblaut.

Daß wir inniger das Leben
atmen, sangen Wasser schon,
uns den Kuß des Lichts zu geben,
öffnet sich der rote Mohn.

Und in weicher Dämmrung Gras
wollen wir die Stirnen kühlen,
wie verworrner Sinn genas,
an gedämpften Pulsen fühlen.

 

Apr 21 20

Trauben glänzen in die Nacht

Wenn von hohen Sommers Reben
Trauben glänzen in die Nacht,
ist des Tages Gang vollbracht,
bleibt ein Schluchzen kaum dem Leben.

Bleiches Leuchten rinnt mit Ranken
über stumme Mauern hin.
Gärt im Dunkeln süß ein Sinn,
dem verdorrte Herzen danken?

Wahrer sagt mit sanftem Fließen
fern ein Wasser dir vom Leid,
veilchenwehe Zärtlichkeit,
Augen, die sich weinend schließen.

Wie verstimmt von Flockenwehen
tönt ein blaues Frühgeläut,
daß die Freude sich erneut,
barfuß magst zum Strome gehen.

 

Apr 20 20

Das Ende vom Lied

Wer Metrums zart Gebein dem Vers
verrenkt und in die Furche pißt,
das Bild mit Kot beschmiert pervers,
tut groß, auch wenn er elend ist.

Das Suhrkamp-Mädchen, frigiden Munds,
prophetisch ihm ein Schamhaar schien,
entzückt ob des genialen Funds,
klebtʼs auf den Vers von Hölderlin.

Der Rhythmen-Schläger, spastisch-krumm,
der kranker Erde Ähren drischt,
versprüht bloß Spreu ins Publikum,
wo keins ein Körnchen Gold erwischt.

Der Forumsaffe am Mikrophon
brüllt „Nieder Abendland und Ahn!“,
er pierct den Vers, er blutet schon.
O Tropfen, Zeugen eitlem Wahn!

 

Apr 20 20

Das Dekolleté, das üppig pocht

Das Dekolleté, das üppig pocht,
der Blicke angesteckter Docht,
gequetschter Glanz vom Lippenstift,
der Zunge Sporn, gesalbt mit Gift,

sind falscher Schönen Larvenschein,
ins Zwielicht ausgestrecktes Bein,
wo kalter Kuß wie Schaum zerläuft,
papierner Flor, von Gier beträuft.

Wie Verse grell ins Licht gestellt,
das ihnen schräg aufs Haarteil fällt,
geborgter Locken krauser Protz,
aus geilen Wimpern Wahn-Geglotz,

gestopfter Rhythmen spitze Brust,
Enjambement gewitzter Lust,
verätzt von bittrer Ruhmsucht Schleim,
die schön sich wand, die Ranke Reim.

 

Apr 19 20

Zögerndes Erwachen

Ist es der Anmut Huldgebärde,
die in die Schimmer weicher Nacht
den Becher niedertaucht, und reicht ihn
dem Kind, das unterm Dorn gewacht?

Weckt Taues Licht sich ein Gefieder,
das grünen Schlaf mit Blättern schlief,
zu hohem Sange sich zu spreizen,
als ob den Traum die Bläue rief?

Löst wehen Schnee von Veilchenlidern,
der Sonnenhauch den Nebelwahn,
wird Liebesblick den Tränen glauben,
hüllt sich in Blütenflaum der Schwan?

 

Apr 19 20

Frag nicht

Das Schlichte fromme uns zum Schönen,
der goldne Tag, im Wasser Schein,
des Abends Schatten zu versöhnen,
sein Gold taucht er ins Wasser ein.

Frag nicht, ob fern die Wellen branden,
ob hinter Firnen blüht ein Grün,
wir wollen sanft im Schilfgras landen,
uns gelbe Frucht in Gärten ziehn.

Wir sind wie Glanz und leises Zittern
von Tau auf einem Blatt, das schwingt,
wir fühlen Wehen von Gewittern
aus Tiefen, wo ein Vogel singt.

Such nicht das Rätsel zu ergründen,
daß jeder Tropfen rinnen muß
und Bilder unterm Blick erblinden.
Die Träne sagtʼs im Liebeskuß.

 

Apr 18 20

Lessing nachempfunden

Würdig wär es, wenn es glückte,
und er träte lächelnd bei dir ein,
reife Traube er dich huldvoll pflückte
für der Enkel frohen Abendwein.

Oder du bist gleich der losen Ranke,
die verglüht am Schattengitter weht,
und dem Schnitter sagst du sinkend danke,
daß ein junges Grün für dich ersteht.

Magst auch meerwärts wie die Blüte treiben,
die des Nachts auf wildes Rauschen fiel,
wollest welkend nicht am Zweige bleiben,
weiß dir hohen Lichtes Sinn kein Ziel.

Doch nicht mögen wir ein Grinsen sehen,
höhnend, weil der Geist nach Blumen schaut,
Knochen uns aus feuchten Augen drehen
Bild der Liebe, das im Fenster blaut.

 

Apr 18 20

Am grünen Teich

Ach, kämest du mit mir zu sehen,
wie königlich die Reiher stehen
an meinem grünen Teich,

zu fühlen harschen Sinn zerfließen,
wenn weiße Knospen sich erschließen
auf meinem grünen Teich,

zu lauschen, wie die Schilfe sausen,
der Weiden Silberbärte brausen
an meinem grünen Teich.

Wie meine Träne zu dir flösse,
wenn Mondes Kuß die Blüten schlösse
auf meinem grünen Teich.

Und weilst in Fernen du für immer,
bist nah mir doch im Sternenschimmer
auf meinem grünen Teich.

 

Apr 17 20

Die reife Kunst

Den Traum gestalte reife Kunst,
bevor die weichen Herzen frieren
und er zerrinnt im Winterdunst,
aus Nüstern Dampf von müden Tieren.

Wir können nicht wie Kiesel lang
in grüner Nacht von Bächen reifen
und harren unter Monden bang,
daß uns die harten Wasser schleifen.

Wir müssen der Vollendung Bild
aus heller Schwermut Knochen schnitzen,
bleibt unser Blut auch ungestillt,
wir sehen noch ein Schönes blitzen.

Und ward des Mundes Blume fahl,
so wollen wir von Abendhöhen
noch schauen, wie im Heimattal
gesproßte Samen Licht erflehen.

 

Apr 17 20

Charles van Lerberghe, Dans un parfum de roses blanches

Dans un parfum de roses blanches
Elle est assise et songe ;
Et l’ombre est belle comme s’il s’y mirait un ange.

Le soir descend, le bosquet dort ;
Entre ses feuilles et ses branches,
Sur le paradis bleu s’ouvre un paradis d’or.

Sur le rivage expire un dernier flot lointain.
Une voix qui chantait, tout à l’heure, murmure.
Un murmure s’exhale en haleine, et s’éteint.

Dans le silence il tombe des pétales…

 

In weißer Rosen trunknen Nebeln
sitzt sie still, Träumen hingegeben.
Das Dunkel ist süß, als ob Engel darin schweben.

Der Abend sinkt, es schläft der Hain.
Zwischen Blumen strömt und Reben
auf ein blaues Eden goldnen Edens Schein.

Am Ufer atmet letzte Ferne aus die Gischt.
Eine Stimme, die noch eben sang, sie flüstert nun.
Ein Flüstern rinnt in Hauchen hin, erlischt.

In der Stille ist ein Fallen von Blüten …

 

Apr 16 20

Charles van Lerberghe, Comme une branche d’aubépine

Comme une branche d’aubépine
Dans la fontaine des scintillements
Elle est tombée dans mes pensées,
Cette parole qu’en tressaillant
Sa bouche divine
A prononcée,
Et qu’à mon tour je te redis.

Comme une branche en fleur détachée
De la cime du paradis.

Et la voici, vierge encore, enchantée,
Sans qu’une fleur en ait péri,
Vivante, rajeunie, toute diamantée.

 

Wie eines Weißdorns Arm
in Funken zwischen Brunnenmauern
ist eingetunkt in meines Sinnens Kreis
jenes Wort, das mit Schauern
ihrer Lippen Charme
gab mir preis,
mein Herz ist dir sein Echoraum.

Wie ein Blütenzweig gepflückt
vom Paradiesesbaum.

Und sie ist, reinsten Seins, entzückt,
keine Blüte sank von ihrem Saum,
lebensvoll, verjüngt, diamantgeschmückt.

 

Apr 16 20

Die wie Mond in Lethe sinken

Die wie Mond in Lethe sinken,
saugend Schaum und brausend Gischt,
wollen meinen Wein nicht trinken,
golden glühend, unvermischt.

Wo gespenstisch Schatten ranken,
glänzt nur Wurmes Spur, ein Schleim,
Schneisen blaue Sicht zu danken
blendet sie die Rose Reim.

Die der Seele Spiegel meiden,
wissen, wie vergreist sie sind,
doch wo meine Verse weiden,
spielt am Teich Narziss, das Kind.

Die noch sanftes Rauschen hören
fern aus Gärten grüner Nacht,
mag des Liedes Quell betören,
Herz, das sich verströmend wacht.

 

Apr 16 20

Reste

Lieblich schauernd Ranken,
von blindem Tau beweint,
schwermutsüß Gedanken,
da mir dein Bild erscheint.

Trunkenes Mückenweben,
von Sonnendunst getränkt,
unerfülltes Leben,
wenn alte Sehnsucht kränkt.

Kind, es fängt den Schimmer,
geglückten bunten Schaum,
und ich schaue immer
das Blau im leeren Raum.

Goldnen Sommers Feste,
als mich dein Anblick hob,
auf dem Gras die Reste,
die grauer Wind zerstob.

 

Apr 15 20

Auswege

Wenn Früchte grauen ohne Feuchten,
das Gerank im Staub vergreist,
was macht die Seele leuchten?
– Liedes Tau und Flammengeist.

Wenn schwüle Dünste schläfernd lecken,
ein Alb verzerrt ihm das Gesicht,
wer mag den Träumer wecken?
– Nachtigall und Lilienlicht.

Und irren wir durch Schatten-Schneisen,
Verlorene im Dornenhag,
wer mag den Weg uns weisen?
– Schwalbenflug und Lerchenschlag.

Verrinnen zagender die Tropfen
in des Erinnerns Trümmergrus,
was macht das Blut uns klopfen?
– Lächelns Licht und Liebeskuß.

 

Apr 15 20

Der blasse Sang

Von Chrysanthemen, die schon sinken,
von Nelken nur ein graues Licht,
im Grabesgrün verschneites Winken,
so kühl und rein glänzt uns Verzicht.

Und wenn den Teppich wir betreten,
von leisem Schmerz beflocktes Moos,
quillt aus dem Blütennebel Beten
und Odem aus dem Blumenschoß.

Wie Monde tauchen deine Augen
in meiner Augen trübes Naß,
und Lippen, die nach Wärme saugen,
sie finden meine Lippen blaß.

 

Apr 15 20

Wie Lerchen tun

Willst du wie Lerchen tun
auf Liedes Fittich ruhn?

Den Schaum der Stille teilen,
mit mir im Blauen weilen?

Und deines Schwebens Flaum
fühlt meinen Atem kaum.

Magst schluchzend du mich heben
in flaumenbanges Beben?

Weht uns Verlornen schon
des Abendlichtes Mohn?

Sinkt Nacht ins Sternenlose,
glüh deines Liedes Rose!

 

Apr 14 20

Wie edle Katzen

Wie edle Katzen, bunt gefleckt, wir sprangen
durch Flammenringe von Gewittern,
nun beben wir gefangen
vor Schatten-Gittern.

Wie Möwen, die durch blaue Gischten flattern,
hat uns der eigne Schrei entzückt,
und hocken jetzt auf Gattern,
fast ungeschickt.

Einst Falter, die an goldenem Staub sich letzen,
wenn eins im Hauch des andern trudelt,
hier kleben wir in Netzen,
von Scham besudelt.

 

Apr 14 20

Brosche, die ins Wasser fiel

Der durch der Nächte Rankenspiel
geschimmert, Klang aus goldnem Horn.
Und beugte Seufzen dich nach vorn,
die Brosche, die ins Wasser fiel.

Der Hund, der sein Herrchen von der Türe zieht,
weil noch ein karges Moos verlockt.
Die Liebe, die dunklem Rausch entflieht,
wenn ihr der zarte Atem stockt.

Und der auf grauem Pflaster treibt,
verstummten Sanges weißer Flaum.
Was von den hohen Festen bleibt,
der fade Dunst im leeren Raum.

Was leise von den Zweigen tropft,
das matte Gold des späten Lichts.
Was dumpf aufs Gras der Dämmerung klopft,
die dunkle Süße des Verzichts.

 

Apr 14 20

Wipo, Ostersequenz

Victimae paschali
laudes immolent Christiani.

Agnus redemit oves;
Christus innocens Patri
Reconciliavit peccatores.

Mors et vita duello
conflixere mirando;
Dux vitae mortuus
Regnat vivus.

Dic nobis, Maria: Quid vidisti in via?
Sepulchrum Christi viventis
Et gloriam vidi resurgentis,

Angelicos testes,
sudarium et vestes.
Surrexit Christus spes mea;
Praecedet suos in Galilaeam.

Credendum est magis soli Mariae veraci
Quam Judaeorum turbae fallaci.

Scimus Christum surrexisse a mortuis vere.
Tu nobis, victor rex, miserere! (Amen. Alleluia.)

 

Dem Osterlamme sollen
Christen Hymnen zollen.

Das Lamm hat die Schafe erlöst.
Der ohne Sünde ist, Christus hat
die Sünder mit dem Vater versöhnt.

Tod und Leben kämpften vereint
einen seltsamen Streit.
Des Lebens Fürst war tot,
als Herrscher lebt er fort.

Uns, Maria, sage:
Was sahst du an dem Tage?
Christi Grab, des lebendigen, ich fand.
Die Gloria dessen, der auferstand.

Engel, die es künden,
das Schweißtuch und die Binden.
Christus, meine Hoffnung, ist erstanden.
Den Seinen voraus will er nach Galiläa wandeln.

Maria muß mehr man glauben, die nicht lügt,
als der Juden Menge, die betrügt.

Wir wissen, Christ stieg wahrhaft aus dem Grab.
Send, Sieger-König, dein Erbarmen uns herab. (Amen. Halleluja.)

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=vQ8zVV9G310
https://www.youtube.com/watch?v=PmC-asXxatQ

 

Apr 13 20

Die Fülle

Aus Wunden flicht den Strahlenkranz,
dem Knospen aus dem Dunkel bluten,
und Fülle atmet um ihn ganz,
wehn aus dem Schmerz der Rose Gluten.

Wer Dank aus schlichten Schalen gießt,
in blauer Nacht gereifte Trauben,
ein Lied, das Abendlicht umfließt,
das Grün, umgurrt von Ringeltauben.

Und weiche Stille wolkenlos,
da unsre Seelen sanfter streifen,
als schritten wir auf holdem Moos
durch Gärten, wo Sinnbilder reifen.

Auf letzter Stufe hohen Danks
sind Tropfen Lichts auf uns gefallen,
durchs Rauschen blumigen Geranks
blaut ferne uns der Buchten Wallen.

 

Apr 13 20

Der Heimat Spiegelbild

Wir dringen atemlos durch Schatten
und ritzen uns am Dorn,
schon will der Liebe Herz ermatten,
versiegen Glaubens Born.

Da öffnen schauernd sich die Hecken
wie unter blauem Wind
vor Blüten, die ihr Leuchten recken,
als ob sie Heimat sind.

Und uns, schon Seelen, die verglimmen,
blickt an ein Spiegelbild
auf grünen Wassers Schild,
Gesichter, die im Gold verschwimmen.

 

Apr 12 20

Wenn Worte bellen

Sie lieben es, wenn Worte bellen,
Plakate kläffen, sie beglückt,
was wedelnd sich ans Schienbein drückt,
betört Gestank aus krausen Fellen.

Vertiert vom Lärmen der Maschinen,
ward ihnen Sinn im Schreckensknall,
Gedankenflug im Überschall,
und stumm der trunkne Flor der Bienen.

Der im Getriebe weint um Stille,
den Dichter halten sie für blöd,
das Radio ganz aufgedreht,
hofft jeder, daß es ihn niederbrülle.

Erfinder glänzend, geistlich stupide,
hat deutscher Geist sich selbst kastriert,
in Babels heißem Toben friert
den Dichter, Reif stäubt ihm vom Liede.

 

Apr 12 20

Die Not

Wer fühlte noch in Weihe-Räumen
die Klarheit und den reinen Sinn,
der lichten Leere Zugewinn,
und Engel den Altar umsäumen?

Wir suchten immerfort den einen,
um den, er weiß es selber nicht,
wie Aureole weht ein Licht,
auch unser Tiefstes zu bescheinen.

Wir wünschten, daß wie die Oblate
er wahren Wortes trocknes Brot
zur Wegzehr reichte unsrer Not –
sonst stürzen wir vom Zwielicht-Grate.

Doch geistlos dämmern alle Stätten,
nicht rauscht mehr der Propheten Bart,
und alles schreit nach wilder Fahrt,
als könnte sie der Abgrund retten.

 

Apr 11 20

Spät im Jahr

Ward Frost ihr auch zum Fluch
und Blattes Leuchten fand sein Grab,
die Rose hat geblüht und gab
Erinnerungen Wohlgeruch.

Es blinkt durch Rauch und kranken Dunst,
was zarter Fühler einst gestreift
und Sommers milde Glut gereift,
der vollen Früchte süße Gunst.

Doch auf zerwühlten Laken liegst
ermattet du und merkest nicht,
in Zweigen rinnt das späte Licht,
kein Strahl schäumt auf, in dem du siegst.

 

Apr 11 20

Frühlingslied

Wie zarter Schatten Ranken
unterm blauen Wehen
von entzückten Höhen
erzittern die Gedanken.

Und die wie Kinder schliefen
bei den Lichtkristallen,
Laute hörst du lallen,
den Schnee ins Grüne triefen.

Die Dämmerung umsponnen,
Wangen, trostlos fahlen,
wollen Küsse malen
den Purpur neuer Sonnen.

O wolle gleich der Rose
öffnen Knospenfülle,
weicher Seele Stille,
daß Liedes Tau dich kose.

 

Apr 10 20

Weißes Laken Schweigen

Die Erde stäubt aus weißen Schneisen
in einen Himmel ohne Blau.
Mondsichel, scharfes kaltes Eisen,
von Träumen mähend den Verhau.

Die müd ich ließ, des Zagens Stapfen,
sind bald von frischem Schneien blind,
und Hoffen ist wie blaue Zapfen,
wo Glanz von grauen Tropfen rinnt.

Und keines Liedes lichter Flügel
hebt mir den Geist, im Eis erstarrt,
hoch über weißen Grabes Hügel,
wo eine Seele meiner harrt.

So mag mich denn das Schweigen hüllen,
das leichte Laken weiß und rein,
wie Blüten, die mit Leuchten füllen
das Dunkel und das Einsamsein.

 

Apr 10 20

Stiller Seelen kleiner Rest

Daß Menschenwüsten wir verlassen,
wo die Sonne Satans gleißt,
bleicher Mond sei unser Geist,
auf schwarzen Wassern zu verblassen.

Der Flammen Singen hat getrogen,
Todes schrilles Gauklerfest,
stiller Seelen kleiner Rest,
hat Edens Duft uns angezogen.

O schwämmen wir auf grünen Teichen,
Knospen, schön und weiß und rein,
Blicken öffnend sich allein,
die wehe Tropfen Taus erweichen.

 

Apr 9 20

Soll ich die müde Kammer schließen?

Was hingekniete Anmut meinte,
in Versen hat es meine Hand
in leiser Gesten Glanz gebannt,
am Ufer schöpfend, was Nacht weinte.

Auch Blüten sammelnd in der Schale
und Abendtaues Opferwein,
erhellte ich des Dulders Pein,
benetzte Stirn und Wundenmale.

Soll ich die müde Kammer schließen,
wo noch der Lilie Flehen steigt,
da sich mein Sternbild abwärts neigt,
den hellen Schaum ins Dunkel gießen?

 

Apr 8 20

Unter blauen Mondes Dunst

Rosen glühen auf Terrassen
unter blauen Mondes Dunst,
ungeküßte Wangen blassen,
Tränen schenkt die milde Kunst.

Tränen glänzen auf den Wangen,
wie auf Rosen scheu der Tau,
Falters Fühler mag ihn fangen
oder schmelzen Himmelsblau.

Freude hat noch ärmlich Leben,
weht aus Sommergärten Hauch,
schimmert Lust an dunklen Reben,
Danken schäumt im Wein ihm auch.

 

Apr 7 20

Veilchenlicht

Schimmert auf den Winterauen
fahlen Mondes Einsamkeit,
Sonnenknospe liegt verschneit,
tönt kein Lied, sie aufzutauen.

Und nun seufzen weiche Wellen
azurtrunknen Veilchenlichts,
aus der weißen Leere sprichtʼs,
Tropfen, süßer Silben Quellen,

rinnen in den Vers der Moose,
küssen aus dem Schlaf den Reim,
und ein weher Duft kehrt heim.
Weckten sie das Herz der Rose?

 

Apr 6 20

Der Abglanz des Vollkommenen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Es ist unsinnig zu behaupten, die Amsel habe den rechten Ton nicht getroffen, sie habe sich versungen.

Einer stimmt ein Lied an, der Freund fährt ohne zu zögern fort. Würde er mit einem anderen Lied fortsetzen, sähen wir seine Reaktion als unangemessen oder doch befremdlich an.

Wir unterscheiden das spontane und natürliche Verhalten vom konventionellen Gebaren und künstlerischen Ausdruck anhand des Kriteriums der Normativität und Korrigierbarkeit.

Der Rechner spuckt immer wieder einen Fehlbetrag bei einer Addition aus; wir sagen, seine algorithmische Funktion ist gestört. Doch macht er keinen Fehler in dem Sinne, wie wir einen Fehler machen, wenn wir uns verrechnen; verrechnen wir uns, können wir uns auf unser Fehlverhalten besinnen und es korrigieren, nicht so der Rechner.

Das Eichhörnchen hat die Stelle vergessen, wo es eine Nuß vergraben hat, und gräbt vergebens an einer Stelle, wo keine versteckt ist. Es könnte sich nicht in dem Sinne darüber ärgern oder beunruhigt, gar beschämt sein wie ein Kind, das eine schöne Murmel vergraben hat und nicht wiederfindet. Das Kind sieht sich mit den ernsten Augen eines anderen, eines Freundes beispielsweise, vor denen es sich seines Versagens schämt, hatte es doch im Sinn, sie ihm zu zeigen oder zu schenken.

Das Tier, das sich nicht mit den Augen anderer sieht, ist gleichsam niemand; wir sind eben aus diesem Grunde jemand.

Wir nennen den Gesang der Nachtigall schön; doch hören wir den Naturlaut so, als ob es sich um ein Kunstlied handelte.

Die Nachtigall muß ihr Lied nicht einstudieren und proben; wir üben das Kunstlied so lange ein, bis wir oder der fachkundige Hörer den Eindruck haben, daß unser Vortrag richtig, stimmig, gut ist.

Anders als laut und leise, hoch und tief, weich und rauh, hell und dunkel sind richtig, stimmig und gut keine natürlichen Prädikate.

Finden wir auch kein absolutes Kriterium dafür, was ein Ding zu unserem Gebrauch, eine Handlung zu unseren Zwecken, eine Lebensform zu unserer Erfüllung gut macht, wissen wir doch, das scharfe Messer ist besser als das schartige, sich um der Verabredung willen zu sputen besser als zu trödeln, sich um Freundschaft zu bemühen besser als Feindschaft zu säen.

Das Leben der Tiere erscheint uns auf dem Hintergrund unserer Fehlbarkeit wie in sich gegründet und unversehrt.

Der Hahn auf dem Mist kann nicht glauben, ein großer Sänger zu sein, wir können unser Leben verfehlen, indem wir etwas zu sein glauben, was wir nicht sind.

Im Angesicht oder im Abglanz des Vollkommenen, den große Musik wie die Mozarts oder Bruckners im rechten Augenblicke uns gewährt, ahnen wir etwas vom Glück, das sein Maß nicht mehr an animalischer Sättigung hat.

Der Duft der Rose wirkt auf uns betörend nicht wie auf den Instinkt des Insekts, sondern weil er uns Erinnerungen an ein namenloses Glück erweckt.

Wir markieren den Unterschied zwischen Aufforderung und Frage in der Schriftform mittels Ausrufe- und Fragezeichen; und bei der mündlichen Verlautbarung den Unterschied zwischen „Gehen wir spazieren!“ und „Gehen wir spazieren?“ mittels Senken und Heben der Stimme. Wir erzeugen bei gleichbleibender syntaktischer und semantischer Satzstruktur einen gravierenden Unterschied der Bedeutung demnach durch Mittel, die weder syntaktisch noch semantisch signifikant sind.

Der Kristall leuchtet uns im Abglanz des Vollkommenen in dem Maße, wie wir in ihm die Idee der perfekten Ordnung erblicken.

Der zierliche Bau der Muschel, der wollüstige Rhythmus der Meduse, die zärtlichen Kadenzen der Regentropfen auf dem Blechdach, unter dem wir Unterschlupf fanden, sie scheinen uns unübertrefflich in ihrer Harmonie, Pracht und Distinktion, und ihnen gilt unsere Bewunderung, doch sie bleibt kalt gegen unsere Liebe für das schlichte Ornament der alten Vase, die uns die Großmutter vererbt hat, unsere Hingerissenheit angesichts des anmutigen Ganges der Geliebten, wenn sie sich unbeobachtet wähnt, und den Liebreiz der Erinnerung an das kleine Lied, das wir ehedem aus Kindermund von einem Garten eines südlichen Städtchens herüberwehen hörten, dessen Namen wir längst vergessen haben.

Wie am staubigen, matten Kiesel das Leben bunter Adern spricht, rinnt ein wenig Wasser über ihn hin; so auch wir, auch unsere Seele, wenn einer sanften Gnade Wasser das eingetrocknete Blatt ihres Mundes benetzt.

Wie der Bergkristall in den Schründen der Dämmerung funkelt, so der Kristall des Worts in der Nacht der Passion.

Die im alten Strom versanken, der Kindheit fromme Glocken, tönen, dunkle Sirenen, wider uns im Traum.

Sind die Trauben für der Erquickung Gesang schon reif? Und welcher Meister mag sie keltern? Das Dunkel, in dem ein solcher Most noch gären mag, es wartet im Verlies unsrer Herzen.

Weshalb das inständige Bemühen um die sapphische Ode bis hin zu Klopstock und Hölderlin? Aus Sehnsucht nach dem Lied, das uns für immer verloren ist.

Sind noch Blüten, sie zu streuen vorm Nahen des Heiligen?

Glossen zu einem ungeschriebenen Text.

Als sein Drang zur Mitteilung versiegte, sagte er en passant das eine und andere Wahre.

Man geht nicht mit vollem Magen zum Gastmahl.

Nicht lebensgierig sich sättigen, sondern abschiedswillig den wahren Durst empfinden.

Wir sind zum Ufer nicht gelangt, niedergesunken in Nacht hören in der Ferne wir das Rauschen.

Konnten das Gute wir nicht finden, eiferten doch dem Besseren wir nach.

Als fehlte, wie dem Auge der Glanz der Träne, die letzte Zeile zur Vollendung.

Erst ist es nur wie das dumpfe Knien vor dem Allerheiligsten, dann allmählich, wenn die Knie schmerzen, wird seine Gegenwart fühlbarer.

Wenn alles versinkt, bleibt nur das Leuchten der Wunden am Kreuz der Nacht.

Vor dem Morast: „Welch ein großer Mime muß mit mir die Bühne verlassen!“ – Auf der Schwelle: „Wir müssen dem Asklepios noch ein Huhn opfern!“ – Erhöht: „Es ist vollbracht!“

Erst entbehrt man den Kuß, dann wie die allmählich verkrustende Wunde der Erinnerung, den Schmerz.

 



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