Was wir übersehen
Zur Philosophie der Wahrnehmung IV
Wenn wir einen Baum sehen, fixieren wir ihn nicht nur zeitlich im Schnittpunkt seiner Vergangenheit und Zukunft, sondern auch räumlich anhand des Abstands vom Nullpunkt unserer Position; desgleichen sehen wir ihn im Lichte der Erwartung, daß er auf der von uns momentan abgewandten Seite ähnlich aussieht wie auf der uns zugewandten.
Es ist bemerkenswert, daß der sensorische Input unserer Wahrnehmung im Rahmen der räumlichen und zeitlichen Indikatoren, die wir vom Nullpunkt der Wahrnehmung aus anlegen, beständig fluktuiert und variiert, während wir an der Bestimmung dessen, was wir jeweils wahrnehmen, wie „Baum“, „Hund“ oder „Peter“ als konzeptuellen Konstanten festhalten.
Doch kann der Begriff Baum im Maße der Vertiefung und Differenzierung unserer Wahrnehmung erweitert werden; das zeigt sich in der Ausweitung und Verästelung der botanischen Klassifikation, wenn wir statt von Bäumen von Buchen, Ulmen, Birken, Tannen und Fichten sprechen.
Die Wahrnehmung eines Baumes wird vorzüglich vom Sehsinn bestimmt; doch im Frühling weht uns der Duft der Apfelblüten an, und im Herbst greifen wir nach den reifen Früchten, die uns munden. Wohlgeruch und Geschmack werden zu Komponenten dessen, was wir sehen, wenn wir einen Apfelbaum sehen.
Auf die uns in der aktuellen Wahrnehmung mitgegebenen virtuellen Wahrnehmungen achten wir nicht, sie sind uns meist kaum bewußt.
Aufgrund der Betrachtung seines Bildes erinnern wir uns an die letzte Blüte des Apfelbaumes, imaginieren wir ihren Wohlgeruch und den Geschmack seiner Frucht.
Indes, weder das Bild noch die Imagination des Apfelbaumes kann uns wie seine Wahrnehmung darüber belehren, daß im Sturm der letzten Nacht ein Zweig abgerissen ist.
Ich kann als Farbe für die Blätter eines gemalten oder imaginierten Baumes mal Blau, mal Silber wählen, bei jener für die Blätter des wahrgenommenen Baumes kann ich nicht wählen, sondern muß mit ihrem sommerlichen Grün oder herbstlichen Rot vorliebnehmen.
Dasjenige Moment, das unsere Erwartungen und Antizipationen bei der Wahrnehmung einschränkt, nennen wir das Reale im Gegensatz zum Imaginären, Fiktiven oder Halluzinierten.
Das Reale ist uns als Macht, die unsere Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten einschränkt, kaum oder gar nicht bewußt.
Das Reale ist nicht limitiert auf das Physische, sondern umfaßt auch Strukturen wie geometrische und topologische Figuren oder abstrakte Mengen. Wie uns die Wahrnehmung eines Baumes eine bestimmte Farbpalette aufzwingt, so die Wahrnehmung der Ähnlichkeit einer Tasse mit einem Hut die Figur des Kreises.
Wir ordnen unser Wahrnehmungsfeld anhand der Einteilung des Wahrgenommenen in die Menge der Personen („jemand“) und die Menge der Nicht-Personen („etwas“).
Strukturen sind demnach eine Komponente unserer Wahrnehmung, nicht nur Konstrukte des Denkens. Husserl nannte die in der Wahrnehmung auftauchenden abstrakten Formen Noemata.
Die abstrakten Formen und Strukturen der Wahrnehmung übersehen wir meist, nur der geschulte Blick des Topologen sieht in einem Ring und dem Henkel einer Tasse dieselbe Figur, nur der Mathematiker im unregelmäßigen Verlauf des Strandes die Mandelbrot-Menge.
Die abstrakte Form des Baumes finden wir in den primitiven Zeichnungen von Kindern, die gleichsam nur die Skizze, den Plan oder Entwurf eines Baumes aufs Papier bringen; dieser Entwurf ist der Typus, der von den konkreten Details unserer Wahrnehmung eines realen Baumes zum Dies da (dem Token oder tode ti oder individuellen Sein des Aristoteles) aufgefüllt wird.
Unser Entwurf des Wahrnehmungsgegenstandes wird nicht durch einen Begriff angegeben, dessen Definition die notwendigen und hinreichenden Bedingungen seiner Anwendung enthielte; sein Entwurfscharakter tritt vielmehr anhand der Tatsache zutage, daß all unsere Begriffe durch ein letztlich nicht überschaubares, mannigfaltig verwobenes Begriffsnetz gleichsam intern reguliert werden. Jeder Begriff steht in einem funktionalen Zusammenhang mit mehr oder weniger verwandten oder einander ausschließenden Begriffen. So sind „Hase“ und „Ente“ verwandte Begriffe, wenn wir sie als Elemente der Menge der Tiere betrachten, einander ausschließende Begriffe, wenn wir den einen in die Menge der Säugetiere, den anderen in die Menge der Vögel einordnen.
Dagegen können wir naturgemäß die abstrakten Entitäten, die durch theoretische Begriffe vorausgesetzt und mittels ihrer Anwendung definiert werden, nicht wahrnehmen; dazu zählen Begriffe wie Atomkern, Elektron, Quarks, Schwarze Löcher, Gravitation oder DNA-Strang, Mitochondrien, Ganglien, Synapsen oder weiße Blutkörperchen und Viren.
Indes können wir manche Wahrnehmungsurteile als Testfälle von Modellen betrachten, die mittels theoretischer Begriffe ihren wissenschaftlichen Status behaupten; so erklären wir unsere Wahrnehmung der Bewegung der Sonne am Horizont als Scheinbewegung, deren Wahrnehmung sich uns aufgrund der Erdumdrehung aufdrängt, so erklären wir die Fiebersymptomatik als Wirkung einer viralen Infektion.
Die abstrakten Begriffe, die in unsere Wahrnehmungsurteile unmittelbar oder aufgrund intuitiver Anschauung eingehen, wie „Baum“, „Vogel“, „Person“, „kreisförmig, „dreieckig“, „rechtwinklig“ oder „spiegelverkehrt“ sind keine rein theoretischen Begriffe, sondern haben mit Husserl zu sprechen noematischen Charakter. Dies gilt wie gesagt auch für geometrische oder topologische Begriffe.
Wenn wir das Abbild einer Person für die Person nehmen, haben wir uns geirrt; wenn wir einen Wal als Fisch sehen, begehen wir einen Kategorienfehler, denn Wale sind Säugetiere. Dagegen könnten Roboter, auch wenn ihr Datensatz den Begriff „Person“ enthielte, ihn nicht adäquat verwenden, ihre Verwendung des Begriffs erwiese ihn als sinnlos.
Das mythopoetische Ingenium der Griechen sah in den Wetterphänomenen göttliche Zeichen, wir erklären sie mit physikalischen Gesetze. Hat dies ihre Wahrnehmung verändert?
Das Konkrete oder das Objekt der Wahrnehmung ist die Einheit aus Perzepten und Konzepten, dessen, was wir wahrnehmen und wahrnehmen könnten, und der Strukturen und Begriffe, die wir anwenden und im Prozeß der Vertiefung unserer Wahrnehmung verfeinern können.
Wir sehen diese Tanne dort, und wenn wir um sie herumschreiten, könnten wir ihre verdeckten Seiten in Augenschein nehmen; wir bestimmen ihre Farbe als Grün und wenden das Konzept des Farbbegriffs an; wir bestimmen ihre Gestalt als Dreieck und wenden einen geometrischen Begriff an.
Das Farbkonzept unserer Wahrnehmung ändert sich, wenn wir die grüne Farbe der Tanne nicht als Eigenschaft des Baumes, sondern als Eigenschaft unserer visuellen Wahrnehmung betrachten. Das geometrische Konzept unserer Wahrnehmung ändert sich, wenn wir das Dreieck statt als Figur einer euklidischen als Figur einer nichteuklidischen Ebene betrachten.
Ändert sich unsere Wahrnehmung, wenn auch unmerklich, wenn sich die in ihr involvierten Konzepte grundlegend ändern?
Die Philosophie der Wahrnehmung krankt meist daran, daß sie von Philosophen aus der Schreibtischperspektive vorgenommen worden ist; dadurch wurde ihr Gegenstand zu nahe an die Weisen der Beobachtung gerückt, die wie die Laboruntersuchung oder das Experiment der Stützung theoretischer Modelle dienen.
Ein gutes Remedium gegen solch eine Anämie und Sklerose lebendiger Begriffe ist die Rückbesinnung auf ihre normale und alltagssprachliche Verwendung. So sprechen wir vom prüfenden Blick des Mechanikers oder Kunsthandwerkes auf das in Arbeit befindliche Werkstück, vom spähenden, mißgünstigen, lauernden Blick des Diebes, des Verlierers, des Eifersüchtigen, sprechen davon, wie der Koch, der Winzer, der Bäcker eine Geschmacksprobe nimmt, der Jäger der Spur des Wilds folgt, der Komponist seinen Entwurf am Klavier prüfend nachhört und revidiert oder verfeinert, kurz: Wir stellen die Wahrnehmung in den Zusammenhang der Tätigkeiten, die sie allererst bedeutsam machen und ihnen einen Richtungssinn und Ausdruckswert verleihen.
Durch Hinzufügung adverbieller Bestimmungen wie aufmerksam, unachtsam, ängstlich, fachkundig, mißtrauisch, bedächtig oder wohlmeinend können wir den diffusen Begriff der Wahrnehmung biegsamer, farbiger, kontrastreicher und durchsichtiger machen.
Der Wahrnehmungszerfall bei gewissen Formen der Psychose gibt uns Hinweise auf den normalen Aufbau der Wahrnehmung, der uns wegen seiner Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit zumeist entgeht. Der Kranke sieht beispielsweise eine Aura der Gefahr und Drohung an normalen Gebrauchsdingen wie einem Stuhl, einer Lampe, einem Buch; hier werden wir darauf aufmerksam, daß wir nicht nur physische Objekte wahrnehmen, sondern auch die mit ihnen verbundenen Bedeutungen als ihren Ausdruckswert oder ihre Physiognomie gewahren, wenn wir uns dessen auch kaum oder gar nicht bewußt sind.
Wir achten nicht auf das Augenscheinliche, ignorieren das Sinnfällige, übersehen, was vor aller Augen liegt.
Wir achten nicht auf das Spiel von Mienen und Gesten, das ein Gespräch nicht nur begleitet, sondern erhellt oder verdunkelt, eindeutig oder zweideutig macht. Wir ignorieren das Sinnfällige in der unterschiedlichen Körperhaltung und Distanznahme bei einer Begegnung, die durch ihren Zweck und das Ansehen der Beteiligten, das sie sich wechselseitig zusprechen, bedingt werden. Die grundlegenden Bewegungs- und Ausdrucksformen unseres Lebens, die sich als Funktionen unserer Selbstsorge verstehen lassen, sind uns zu sehr auf die Haut geschrieben, als daß wir sie wahrnähmen.
Laß uns schlafen
Wie grausam sich die Zeiger drehen,
des Himmels Purpurrose blaßt,
der Sommer hat den Duft verpraßt.
Gib mir die Hand und laß uns gehen.
Wie traurig sich die Knospen neigen,
und deiner Lippen Doppelblatt,
es ward von all dem Rauschen matt.
Küß meinen Mund und laß uns schweigen.
Den wir an grünen Teichen trafen
in hohen Schilfes Liede, Pan,
er starrt im Schnee, ein Geisterschwan.
Neig mir dein Haupt und laß uns schlafen.
Wer oder was?
Zur Philosophie der Wahrnehmung III
Einen der grundlegenden Unterschiede, den wir an den Objekten der Sinneswahrnehmung anlegen, beantwortet die Frage „Wer oder was?“ mit Vertretern oder Exemplaren der grammatischen Kategorien JEMAND oder ETWAS.
Wir gehen davon aus, daß wir den ontologischen Unterschied zwischen Personen und Nicht-Personen SEHEN oder daß unsere Wahrnehmung „ontologisch“ nach solchen grammatischen Unterschieden strukturiert ist.
Was ungefähr so aussieht wie wir selbst und sich ebenso oder ähnlich benimmt, nennen wir jemand oder eine Person; der ganze Rest fällt unter die Kategorie etwas, ob es sich um ein Gebrauchsding oder eine natürliche Entität handelt.
Wir sehen dort jemanden kommen und beim Nähertreten, daß es unser Freund Peter ist. Wir sehen nicht, daß dort etwas ist, dem wir bei näherer Beobachtung die Eigenschaft, jemand oder eine Person zu sein, zusprechen.
Gewiß können wir im Zweifel sein, ob dort jemand oder etwas ist; aber diese Ungewißheit ist nicht ontologisch grundstürzend, sondern ähnelt jener, die uns bei ungünstigen Sichtverhältnissen darüber im Unklaren läßt, ob es sich um eine Ente oder eine Gans handelt.
Wenn wir jemanden oder eine Person sehen, hüllen wir sie gleichsam, ohne uns dessen bewußt zu sein, in eine Wolke von Erwartungen ein, beispielsweise, daß sie einen Namen hat, unsere Sprache oder eine Sprache spricht, die unserer auf eine Weise ähnelt, daß ihre Sätze ohne Sinnverlust in Sätze unserer Sprache übersetzbar sind, daß sie in etwa sieht, was wir sehen, rechter Hand sieht, was wir linker Hand sehen, ungefähr das fühlt, beabsichtigt, befürchtet, was wir fühlen, beabsichtigen, befürchten könnten.
„Person“ oder „jemand“ sind primitive Begriffe und Funktionen unserer kulturellen Grammatik, die ein Licht auf das werfen, was wir sehen und im Wahrnehmungsfeld erwarten können. So werden wir angesichts einer menschenähnlichen Gestalt, die auf Leute zukommt, doch dabei den intimen Abstand gewöhnlicher Nahkontakte extrem überschreitet, davon ausgehen, daß es sich um einen Verrückten handelt oder jemanden, dem wir den Personenstatus aufgrund eines geistigen Defekts absprechen.
Daß wir mit den Erwartungen und Antizipationen der Wahrnehmung, mit dem, was Edmund Husserl Intentionalität nennt, schief liegen können, mindert nicht, sondern bestätigt ihre Bedeutung; so kann unsere Erwartung, bei unserem Gegenüber handele es sich um eine Person, falsifiziert werden, und wir zur Einsicht kommen, daß es sich nicht um jemanden, sondern um etwas handelt.
Das Bild einer Person könnte in einigem Abstand ihre Anwesenheit vortäuschen, doch ein Bild von Peter ist nicht Peter, und ein Bild eines Baumes ist kein Baum. Der ikonische Peter wird auf Zuruf sich nicht nach uns umwenden, das Bild des Baumes verliert keine Blätter im Sturm.
Die Schauspieler auf der Bühne sind keine Personen strictu sensu, sondern verkörpern Rollen in einem Spiel, für das die impliziten Erwartungen unseres Wahrnehmungsfeldes auf Zeit aufgehoben sind; würde ein mit mir befreundeter Schauspieler auf meinen Zuruf während der Aufführung antworten, wäre das Spiel unterbrochen.
Das Spielfeld der künstlerischen Abbildung gehorcht einer anderen Grammatik als derjenigen, die sich in den intentionalen Implikationen unserer alltäglichen Wahrnehmung kundtut.
Wir können unser Wahrnehmungsfeld nicht zur Gänze ästhetisieren; freilich mögen wir eine Landschaft, einen Garten, ein Blumenarrangement nach ästhetischen Gesichtspunkten betrachten, doch verstoßen wir wider die Grammatik der Anwendung des Personenbegriffs, wenn wir beispielsweise die Äußerungen unseres Freundes nur nach ihrer poetischen Klangfülle bewerten, während er uns seine persönliche Notlage schildert.
Wir stoßen hier auf die eigentümliche Symmetrie (die naturgemäß eine mögliche Asymmetrie impliziert) der wechselseitigen oder spiegelbildlichen Erwartungen im Wahrnehmungs- und Erlebnisfeld des persönlichen Umgangs: Der Freund, der uns seine Notlage offenbart hat, erwartet von uns eine Geste oder Gabe der Hilfe. Erfüllen wir seine Bitte, pflegen wir wiederum von ihm eine Geste oder einen Ausdruck der Dankbarkeit zu erwarten.
Die gegenseitigen Erwartungen sind in diesem Falle eingebettet in den größeren Erwartungshorizont, den wir Freundschaft nennen. Im Lichte dieses Horizontes sehen wir in der Bitte des Freundes ein Zeichen freundschaftlichen Vertrauens, sieht der Freund in unserer Zuwendung ein Zeichen freundschaftlicher Treue.
Umgekehrt sehen wir unter dem konzeptuellen Erwartungshorizont der Freundschaft in der Tatsache, daß sich unser Freund mit seinem Anliegen nicht an uns, sondern einen anderen wendet, ein Zeichen des Mißtrauens, und der Freund in der von uns verweigerten Hilfeleistung ein Zeichen des Verrats.
Das Konzept der Freundschaft umfaßt demnach gleichsam auch seinen Schatten oder die Möglichkeit der Feindschaft.
Wenn wir in einer Person einen Freund sehen, sind damit gewisse normative Erwartungen und Ansprüche verbunden, die in Zeichen sowohl für freundschaftliche als auch feindselige Haltungen sichtbar werden.
Wir reden davon, daß jemand mit seinem Freund eine bittere Enttäuschung erlebt habe oder jemand aufgrund großer Enttäuschungen in der Liebe oder Freundschaft verbittert sei. Wir übertragen also elementare Geschmacksqualitäten wie süß, sauer oder bitter auf die Erfüllung oder Enttäuschung von Erwartungen und Ansprüchen im Rahmen und Erwartungshorizont abstrakter Konzepte wie Liebe und Freundschaft, und dies nicht von ungefähr.
Denn unsere Gefühlswerte sind die Projektion primitiver oder elementarer Empfindungsqualitäten auf die Ebene der Wahrnehmung und Kommunikation. So sprechen wir von harter Arbeit, einem leichten Spiel, einer windigen Angelegenheit, einer sauren Miene oder dem bitteren Nachgeschmack einer gescheiterten Liebesbegegnung.
Wir sehen und werden gesehen; aber wir sehen auch, daß wir gesehen werden, ja, wir sehen sogar, daß man sieht, daß wir sehen, daß wir gesehen werden. Diese Form der Iteration ist theoretisch unbegrenzt, aber praktisch begrenzt.
Wir verwirklichen unseren wohlbegründeten Anspruch, nicht gesehen zu werden oder nur von denen, denen wir vertrauen oder mit denen wir vertrauten Umgang pflegen, indem wir uns hinter die Mauern der Intimität zurückziehen, deren Schwellen zu übertreten wir Unbefugten verwehren und nur geladenen Gästen erlauben.
Gesehen zu werden – dies ist eigentlich die kürzeste Definition dessen, was wir soziales Leben nennen; denn der uns beobachtende Blick enthält nicht nur die Erwartungen und Ansprüche des jeweiligen Individuums, sondern bündelt diejenigen der Gemeinschaft.
Augenscheinlich und sinnfällig wird die Macht des Sozialen im Blick der anderen anhand der Grenzfälle des Perversen und des Paranoikers; bei dem einen ist der Sinn für die Wahrnehmung der kollektiven Macht des Blicks getrübt oder erloschen, bei dem anderen übermäßig verdichtet und bis in die Intimität der Wohnung allgegenwärtig.
Nacktheit oder das Entblößen der Geschlechtsteile ist in unserer Kultur ein Testfall für Intimität, und die Situation, in der wir nackt gesehen zu werden nicht scheuen, ist eigentlich die kürzeste Definition dessen, was wir Intimität nennen.
Augenscheinlich und sinnfällig wird dies in der Situation einer medizinischen Untersuchung: Der Blick des Arztes, der uns nackt sieht, macht uns im Normalfall nicht verlegen, weil ihm in einer Atmosphäre gleichsam anonymer Intimität die soziale Kontrollmacht des öffentlichen Blickes, die uns beschämen könnte, fehlt.
Wir sehen Leute auf der Straße gehen, keine Körper, die sich bewegen und denen wir, um ihre Bewegungen als Handlungen zu erklären, unterstellten, beseelt zu sein oder ein Bewußtsein zu haben.
Wir können sagen: Die Körper der Menschen, die wir sehen, sehen wir belebt und beseelt. So können wir ohne weiteres oder intuitiv und ohne induktive Schlußfolgerung sehen, daß und warum und auf welche Weise jemand lächelt.
Unsere Erwartungen und Einstellungen gegenüber einem lächelnden Gesicht sind andere als diejenigen angesichts eines wutverzerrten oder traurigen Gesichts. Unsere Erwartungen und Einstellungen gegenüber einem lächelnden Gesicht auf einem Plakat wiederum sind andere als angesichts des Lächelns des Freundes, dem wir ein Kompliment gemacht haben.
Nur angesichts der zeichenhaften Realität eines Bildes können wir sagen, daß wir etwas als etwas sehen, wie den Hasen oder die Ente in der bekannten Kipp-Figur.
Sehen wir einen Baum, interpretieren wir nicht die visuell gegebenen Daten als etwas, das wir Baum nennen, sondern sehen ohne weiteres oder intuitiv und ohne induktive Schlußfolgerung einen Baum.
Wir sehen einen Baum, haben wir doch schon viele Bäume gesehen; und das heißt: Wir hüllen das Gesehene gleichsam in eine Wolke von Erwartungen dessen und Annahmen darüber, was wir sehen könnten, beispielsweise, daß Blätter fallen, wenn ein Sturm durch die Zweige fegt, daß der Baum schon gestern an dieser Stelle gestanden haben muß und wenn er morgen nicht mehr dastünde, wir etwa Späne am Boden sehen könnten, weil er gefällt worden wäre.
Die zeitliche Strukturierung unserer Wahrnehmung zeigt sich darin, daß wir sie um mit Husserl zu sprechen beispielsweise durch Protentionen oder zeitliche Vorblenden und Retentionen oder zeitliche Rückblenden gliedern. Die Beschreibung dessen, was wir wahrnehmen, ist deshalb unvollständig, wenn sie nicht enthält, was wir wahrnehmen könnten, versetzten wir uns in die Vergangenheit oder die Zukunft.
Die Wahrnehmung von Personen ist großenteils sprachlich überformt, wenn wir sie im Lichte von sozialen und institutionellen Kontexten sehen, die beispielsweise durch das geltende Recht kodifiziert und sanktioniert sind, sodaß wir aufgrund der Wahrnehmung, wie einer einem in die Tasche langt, ihn einen Dieb zu nennen berechtigt sind. Hier müssen wir über den Begriff „Dieb“ und das Konzept des strafwürdigen Vergehens verfügen, um das Gesehene adäquat sehen zu können.
Ein Kaspar Hauser, der keine Sprache hat lernen können, sieht ohne weiteres den Baum, auch wenn er ihn nicht als Buche bezeichnen, ja nicht einmal Baum nennen könnte.
Dagegen wird er, was auf dem Hintergrund sprachlicher Konventionen an den Handlungen von Personen zeichenhaft sichtbar ist, nicht sehen können. Er sieht, wie einer einem in die Tasche langt, aber nicht, daß es sich um einen Dieb und einen Diebstahl handelt.
Meist gehen wir gleichsam traumwandlerisch in der Wahrnehmungsspur dessen, was wir in der Vergangenheit wahrgenommen haben; so legen wir unseren gewohnten Heimweg zurück und finden unsere Wohnung oder unser Haus, ohne auf die Straßenschilder oder Hausnummern zu achten. – Dagegen würde uns eine Art kafkasches Entsetzen befallen, öffneten wir wie gewohnt unsere Tür und fänden unsere Wohnung von Fremden bevölkert.
Was wir wahrnehmen, ist oft ein Echo unserer leiblichen Situation; und unser Leib ist gleichsam ein Speichermedium, das sich im Laufe der Zeit mit einer Fülle von Gesten, Haltungen, Gewohnheiten und Fertigkeiten vollgesogen hat. Wir gehen, ohne sonderlich darauf zu achten, wie genau wir die einzelnen Tritte setzen, wie die einzelnen Schritte vollziehen. Wir fliegen mit den Fingern über die Tastatur, ohne auf jede einzelne Fingerbewegung zu achten, wir singen eine Melodie, als flösse sie uns von selbst über die Lippen.
Doch wenn wir plötzlich erschrocken wahrnehmen, daß wir trotz panischer Anstrengung keinen Schritt vorwärtskommen, ist es offenkundig, daß wir träumen.
Was wir sehen
Zur Philosophie der Wahrnehmung II
Wir glauben, jener Vogel, den wir in einiger Entfernung am Teich erblicken, sei eine Ente, doch wenn wir beim Näherkommen sehen, daß es sich um eine Gans handelt, revidieren wir unsere ursprüngliche Annahme.
Weil wir etwas sehend eine Vermutung oder Hypothese darüber aufstellen, was es sei, und sie bestätigt oder falsifiziert finden, ähnelt unsere visuelle Sinneswahrnehmung einem induktiven Verfahren.
Von zwei Bäumen sagen wir, sie seien sich ähnlich, aber bei genauerer Betrachtung erkennen wir den Unterschied, auch wenn wir die korrekten Bezeichnungen „Ulme“ und „Buche“ erst einem botanischen Bestimmungsbuch entnehmen müssen. Wir sehen den Unterschied indes auch ohne diese Klassifikation.
Wenn wir um die Tatsache der Befruchtung durch Übertragung von Pollen wissen, sehen wir bei der Beobachtung der eine Blüte bestäubenden Biene hinsichtlich der neuronalen Prozesse des Sehens dasselbe wie einer, der davon nichts weiß; und doch sehen wir etwas anderes. Das, was wir anders sehen als jener, kann demnach nicht mit einem visuellen neuronalen Muster identisch sein.
Wir tragen eine gut bestätigte Annahme über die Befruchtung von Blütenpflanzen an dasjenige heran, was wir sehen; wir sehen es im Lichte unserer Annahme.
Wir haben von dieser Annahme oder Erklärung im Biologieunterricht gehört; was wir von anderen als plausible oder für wahr befundene Annahmen und Erklärungen akzeptieren, fließt als erhellende Perspektive in den Vorgang unseres individuellen Sehens ein. Dies gilt leider auch für nicht bestätigte Annahmen und ihre unsere Wahrnehmung verdunkelnde Perspektive.
Wir wissen aufgrund des Schulunterrichts in Physik, daß die Redeweise vom Sonnenuntergang eine leere Metapher ist, weil die von uns gesehene Bewegung des Zentralgestirns von Ost nach West über den Horizont eine Scheinbewegung darstellt, die von der eigentlichen Bewegung der Erdumdrehung als visuelle Projektion erzeugt wird.
Dies hindert uns nicht, in sinnfälliger Weise die elementarsten Überzeugungen und tiefsinnigsten Meditationen über unser Leben in den Bezug zum Wechsel von Tag und Nacht sowie den Zyklus der Jahreszeiten zu stellen.
Wenn wir den Fleck als grün wahrnehmen, wissen wir, daß er nicht gleichzeitig rot sein kann; wenn wir nicht wissen, ob der Vogel eine Ente oder ein Huhn ist, wissen wir doch, daß er nicht zugleich beides sein kann. Wenn wir eine Ente zu sehen glauben, erwarten wir nicht, daß was an ihr so schimmert ein Fell ist, sondern Federn; würden wir das Tier berührend auf ein Fell treffen, schlössen wir, daß es sich nicht um einen Vogel handelt.
Formen des elementaren logischen Schließens sprießen gleichsam wie Gras auf den Pfaden unserer Sinneswahrnehmungen.
Wir vermögen unter sinnvoller Einbeziehung des Handlungsrahmens in einem Lächeln den Ausdruck von Zuneigung, Freundlichkeit, Verlegenheit oder Ironie zu sehen.
Wir treiben elementare Psychologie, wenn wir in einem Gesicht ein Lächeln erkennen, wir treiben Psychologie für Fortgeschrittene, wenn wir in einem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit gewahren.
Wenn wir während eines Spazierganges unseren Freund, der sich gern seiner naturkundlichen Kenntnisse rühmt, mit dem Hinweis auf seine Verwechslung einer Ulme mit einer Buche beschämen, sehen wir in seinem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit.
Wir SEHEN, DASS er verlegen lächelt. Unsere Sinneswahrnehmung ist in diesem Fall in eine propositionale semantische Form eingebettet, ohne die Bedingung erfüllen zu müssen, daß sie sich sprachlich artikuliert.
Wir sehen den Ausdruck der Verlegenheit unmittelbar oder intuitiv; wir machen keinen induktiven Schluß vom Ausdruck des Lächelns auf einen mentalen Zustand, den wir Verlegenheit nennen.
Und dennoch ist, was wir im Ausdruck der Verlegenheit sehen, kein „objektives Datum“, „kein Sinnesdatum“ und natürlich kein das Licht des Tages scheuendes Bewußtseinsphänomen; es hat vielmehr den Status einer Bedeutung, in dem Sinne, wie wir von der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks oder eines Satzes reden.
Wir sind allerdings in der Lage, die Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit dessen, was wir sehen, auf vorsprachlicher Ebene zu identifizieren.
Wir wüßten auch ohne es benennen zu können, daß es sich bei diesem Lächeln um einen Ausdruck der Verlegenheit handelt, bei jenem um einen Ausdruck von Spott, bei wieder einem anderen um den Ausdruck innerer Gelöstheit.
In den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau schenkt oder der Enkel seiner Großmutter, der er heimlich Geld aus der Börse entwendet hat, sehen wir ein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei.
Hier gelangen wir von der vorsprachlichen zur sprachlichen Grundlage der Bedeutung dessen, was wir sehen.
Denn die Treue und Untreue von Eheleuten sind Begriffe oder Konzepte, die von der sozialen Institution der Ehe impliziert werden, deren Ontologie im Gewicht des Ja-Worts liegt, das sich die Ehepartner vor einem Amtsinhaber oder Priester unter Zeugen geben. Von ehelicher Treue und Untreue kann keine Rede sein, wo es keinen rituell und institutionell verankerten Ehebund gibt.
Wenn der entartete Enkel heimlich in die Geldbörse der Großmutter langt, sehen wir, daß er Diebstahl begeht; freilich sehen wir diese Handlung als eine kriminelle nur in einer Kultur, in der das Entwenden fremden Gutes als strafwürdiges Vergehen angesehen und entsprechend geahndet wird.
Die Sichtbarkeit und intuitive Lesbarkeit von Zeichen ist der Eckstein und die Pointe einer Philosophie der Wahrnehmung.
In einer Kultur, in der die Institution der Ehe oder die strafrechtliche Kategorie des Diebstahls unbekannt wären, würden wir in den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau oder der diebische Enkel seiner Großmutter schenkt, kein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei sehen.
Wir sehen den Freund, mit dem wir uns verabredet haben, vorn ferne unruhig auf und abgehend warten; auf und ab zu gehen hat indes nicht immer die Bedeutung des Wartens, es könnte auch ein Zeichen von Langeweile oder Desorientierung sein.
Wir erkennen die Entschlossenheit des Bankräubers an seinem martialischen Auftreten und der Barschheit seiner Anweisungen; die erste Verliebtheit am scheuen Blick und unmotivierten Erröten; die tiefe Schwermut an der gedrückten Haltung, dem schleppenden Gang und den erloschenen Augen; Übermut und Beschwingtheit am leichtfüßigen Rhythmus der Schritte, der hell sprudelnden Rede und den schalkhaft blitzenden Augen.
Wir sehen das, was wir mit psychologischen Prädikaten wie Entschlossenheit, Verliebtheit, Schwermut und Übermut benennen, weil solche seelischen Zustände keine verborgenen mentalen Entitäten und Ereignisse sind, sondern zeichenhaft uns vor Augen liegen.
Stabat Drusus manu silentium poscens. – Stand da Drusus und mit einem Wink gebot er Schweigen. (Tacitus, Annalen I, 25) Mit diesem wuchtigen Satz beschreibt Tacitus den dramatischen Auftritt des Legaten Drusus vor der Heeresversammlung der römischen Legionen in Pannonien, deren Meuterei und Rebellion niederzuwerfen er vom gerade inthronisierten Kaiser Tiberius beauftragt worden ist.
Wir sehen das Zeichen der Hand, mit dem Drusus Schweigen gebietet; verstehen können wir es nur auf dem Hintergrund der Institutionen des römischen Imperiums und der Struktur des römischen Heeres, in dem die Autorität der befehlshabenden Zenturionen und Feldherren sowie der Legaten Roms unantastbar war. Diese eigentlich völlig abstrakte Autorität vermögen wir dank der Schilderung des Tacitus im raschen, aber souveränen Wink des Drusus zu sehen.
Auch wenn wir wissen, daß Wasser, Wasserdampf und Eiskristalle unterschiedliche Aggregatzustände desselben chemischen Stoffes H2O sind, werden wir nicht im Ernst sagen, daß wir in den Wogen des Stroms, den Wolken und den Schneeflocken DASSELBE sehen und dasselbe SEHEN.
Was der Ausnahmezustand für das staatlich-kollektive Subjekt, sind Todesgefahr und Todesangst für das individuelle; alle mehrdimensional ausgestreuten Sinnbezüge werden gleichsam in einen dunklen Winkel zusammengedrängt, dort, wo die Gespenster und Phantome der Angst lauern.
Der paranoide Wahn gibt uns ein sprechendes Zerrbild des von der Todesgefahr bedrängten Lebens; jedes Ding, jedes Ereignis verliert seine harmlose Miene und erscheint in der Fratze der Facies Hippocratica. Alles, was der Kranke sieht, ist vom Schatten des Verdachts überdeckt und vom Grauschleier der Zweideutigkeit und Doppelbödigkeit überzogen. Während wir die farbigen Gestalten und vom Tageslicht erhellten Formen für sich gelten lassen und genießen, wird dem Kranken der Tag zum Zwillingsbruder der Nacht und die Gestalten des Lichts zu Irrläufern und Verbannten, die auf die Heimkehr in das erlösende Dunkel warten.
Wir sehen, wenn er nah genug ist, dort unseren Freund Peter gehen; wir sehen keine farbigen Flecken und keine sie auf der Fläche des Gesichtsfelds vorrückenden Bewegungen, die wir als Handlungen einem Objekt zuordnen, das wir als Peter identifizieren, sondern wir sehen Peter und wie er da geht.
Wir konstruieren, was wir sehen, nicht anhand von Sinnesdaten, sondern sehen unmittelbar ein Grasbüschel, eine Schwalbe, ein Auto, eine Person namens Peter.
Gewiß müssen wir auf die Niederschläge unserer Erfahrung zurückgreifen, auf das, was wir gesehen haben, um jetzt die Person namens Peter zu erkennen. Der Rückgriff auf die Sedimente unserer Erfahrung vollzieht sich stillschweigend und nicht bewußt; er fördert jene Erfahrungsmöglichkeiten oder virtuellen Sehweisen zutage, die verwirklicht werden, wenn die Person dort beispielsweise auf den Zuruf ihres Namens, erfreut uns zu erblicken, innehalten und eine Plauderei mit uns beginnen wird.
Was wir sehen, hat einen Zeitsinn; der Freund, der uns auf der Straße begegnet, hat sich nicht urplötzlich materialisiert, er muß vorher woanders gewesen sein, und wenn er sich von uns verabschiedet, löst er sich nicht in Luft auf, sondern geht seiner Wege.
Wir ahnen etwas von der Bedeutsamkeit dieser zeitlichen Strukturierung dessen, was wir sehen, im Licht ihrer pathologischen Verzerrung im Fall der Psychose, bei der die feindlich gesinnten Personen nicht verschwinden, sondern plötzlich in Form von Halluzinationen auftauchen oder mittels telekinetischer Manipulationen von Geräten wie Fernsehern oder Telefonen präsent bleiben.
Virenwahn
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Auch die Stirn des hohen Gedankens setzt Patina an.
Unter dem Staub der Gewohnheit ergraut das Feingefühl.
Pestzeit ist allezeit.
Mißtraue deinem Nächsten, in aller Unschuld verbreitet er nicht nur Krankheitskeime, die Läuse seiner Seele hüpfen auch gern und setzen sich schmarotzend in der deinen fest.
Lehre der Geschichte: Ab und an bedarf der soziale Organismus einer Blutwäsche, des Austauschs der Eliten.
Das intime Wir von Liebe und Freundschaft ist eine Oase in der Wüste des kollektiven Wir.
Aber die Sandstürme kommen, das Rieseln der kühlenden Quelle versiegt.
Wer ungebeten deine Schwelle übertritt, kommt nicht mit freundlichen Absichten.
Stabat Drusus manu silentium poscens. – Ein Satz des Tacitus. Stand da Drusus, der Sohn des gerade inthronisierten römischen Herrschers Tiberius, ins Heerlager nach Pannonien entsandt, um die Flammen des aufzüngelnden Aufstands der Legionen auszutreten, und mit einem Wink gebot er Schweigen. Welche stilistische Wucht, welche Kunst, die entscheidende Szene in ein dramatisches Zwielicht zu tauchen – in fünf Worten eines schlichten, schmucklosen, aber monumentalen Satzes.
Das Theater der Geschichte ist der Maskentausch unter den herrschenden Mächten.
Was hält die Maske der Autorität, auf der alles soziale Leben beruht? – Propaganda, humanitäres Geschwätz, Bestechung, Zensur, Lobhudelei, geistige und wirkliche Prostitution der Hofschranzen. – Was reißt sie herunter? – Frechheit, Schamlosigkeit, das Heilsversprechen der homines novi. Oder sie sinkt langsam herab, die dramatis personae zeigen Symptome von Müdigkeit, Altersstarrsinn, Resignation.
Das kulturelle Erbe der Deutschen wird bald so tief unter den Wogen der Vergangenheit liegen wie die Wilhelm Gustloff in der Ostsee.
Die Endzeit der Kirche: Der große Papst exkommuniziert den kriminell gewordenen Priester, sein gottverlassener Nachfolger rehabilitiert ihn.
Unter dem Dorngestrüpp der Kriegs- und Pestzeit des Barocks blühte die Rose der lyrischen Dichtung.
Der dämonische Drang nach Entheiligung ist unheilbar.
Welche seelische Höhe, an Haupt und Gliedern des Verehrten den Nimbus, die Aureole oder die Mandorla zu gewahren.
Heute wird ein tödliches Virus Corona genannt.
Was sie Dichten nennen, ist zumeist Unzucht zwischen Worten.
Die am wildesten grimassieren, am schamlostesten mit den Tattoos ihrer Wortmasken protzen, die leblose Gliederpuppe der Sprache am brutalsten verrenken, erhalten den Preis.
Mit dem Dung des Eigensinns beschmierte Bilder, torkelnde, unförmige, von Blasen und Phrasen geschwollene Versfüße, ein in dürren Halmen blutleerer Silben rasselnder Atem.
Was trippelt da in den staubigen Gängen des öden Hauses, was knittert und knabbert an den harten Samen, den trostlosen Resten der Erinnerung? Die graue Maus der Dichtung.
Das Geschenk der schönen unfruchtbaren Beischläferin an den großen Mann ist die syphilitische Verdunkelung seines Genies.
Leben, als hätte man von allem Abschied genommen, denken, als wäre man tot, sterben, als wäre man nie geboren.
Du gehst den altvertrauten Pfad am Fluß entlang, kommst zu den Uferauen, und da noch der Mond über den Dächern der fernen Altstadt steht, ist alles still, und die weichen Schatten machen auch deine Schritte weich. Doch wie du das weiße Schiff erblickst und Leute an der Reling, als würden sie winken, und das dumpfe Rollen der Maschine hörst und das helle Gischten des Kielwassers, willst du einer von jenen glücklichen Reisenden sein, an denen das Leben in flüchtigen Bildern spurlos vorüberzieht.
Der elende deutsche Musikus, der im Tod in Venedig durch die grassierende Seuche die letzte Inspiration erfährt, die er, statt sie musikalisch in die unerhörten Schreie von Möwen zu verwandeln, die gerade aus dem giftigen Schaum der Untergangsfluten aufzufliegen scheinen, in einem dämlichen letalen Liebeslallen vergeudet.
Corona als Strahlenkranz über einer an sich selbst irre gewordenen Menschheit.
Ein Virus, ach, das den Irrsinn der weltumspannenden Kommunikation, Kulturverwischung und Sprachvermischung in einer gnädigen Apokalypse austilgte!
Der psychotische Verfolgungs- und Vergiftungswahn deutet in überwirklich leuchtenden Menetekeln an der Höhlenwand auf die Wahrheit über die menschliche Situation.
Gefahr ist die Regel, Sicherheit die Ausnahme.
Die Nacht verwischt die Grenzen, im milden Licht nur sind wir uns selbst gegeben.
Die um das Feuer stehen und sich die Hände haltend singen, doch rings ist das Dunkel, das auch ihre Flammen, ihre Leidenschaften und Träume auslöschen wird.
Die Verheißung – ferner jetzt als der Andromedanebel.
Eine Quarantäne für die Träger der geistigen Pest der Lebensverdunklung und Schönheitsverleumdung!
Den Mond weiß schimmern sehen und wissen, daß er befleckt ist von menschlichem Aussatz.
Ein strotzender Leib, doch die Seele war nicht mitgewachsen.
Lieben zu wollen ist gut; auch wenn es einem nur recht und schlecht gelingen sollte.
Man kann nur eines lieben, mehr wäre Betrug und Selbstbetrug.
Die vorgeben, die ganze Menschheit zu lieben, scheuen vor dem Blutbad zu ihrer finalen Errettung nicht zurück.
Sie geben vor, die Sprache zu lieben, schicken sie aber wie Zuhälter auf den Strich und nötigen sie, mit Krethi und Plethi ins Bett zu gehen.
Die Zuhälter der Sprache erwarten, daß sie etwas abwirft, Geld, Preise, Ruhm, Applaus.
Eines Tages sehen sie, wie häßlich sie geworden ist in ihrem unwürdigen Dienst, und lassen sie fallen.
Der vom Virenwahn beherrschte Psychotiker sieht mehr und mehr in jedem Winkel seiner Umgebung, in jeder Hand, die sich ihm entgegenstreckt, Brutstätten heimtückischer Keime und Herde einer tödlichen Ansteckung; die kleinen, freigebliebenen Inseln des Vertrauens werden zunehmend überschattet und von den Wogen der Seuche überschwemmt, bis er, ganz auf sich zurückgeworfen, jeden Kontakt vermeidet, ja sogar die Nahrungsaufnahme verweigert, sodaß er wie der große Logiker Kurt Gödel Hungers sterben muß.
Der Virenwahn ist ein verzerrtes Spiegelbild unseres lebenslangen Kampfes mit den Dämonen der mephistophelischen Verneinung um die Erhaltung seelischer und geistiger Gesundheit, der verlorengeht, sobald wir den Glauben und die Hoffnung aufgeben, in einer intimen Nähe von Liebe und Freundschaft Verbündete in diesem Kampf zu finden.
Zur Philosophie der Wahrnehmung I
Nehmen wir an, zwei Menschen sehen dasselbe Bild, ein Verkehrsschild, oder dasselbe gestische Zeichen, eine nach rechts weisende Hand, der eine stamme aus einem Kulturkreis, in dem es keine Verkehrsschilder gibt und die Gestik der Handzeichen unbekannt ist, der andere wärst du oder ich. – Wir können davon ausgehen, daß in beiden Beobachtern dieselben neuronalen Vorgänge der visuellen Sinneswahrnehmung ablaufen, doch der eine SIEHT ein Zeichen, während der andere KEIN Zeichen sieht, der eine versteht den SINN des Gezeigten, der andere hat keine Möglichkeit, ihn zu sehen.
Wir bemerken, daß ein Zeichen und der Sinn eines Zeichens nicht identisch mit dem neuronalen Vorgang ihrer Wahrnehmung sind.
Prägnanter noch läßt sich dieselbe Erkenntnis anhand der Wahrnehmung der bekannten Kipp-Figur „Enten-Hase“ ermitteln: Das Sehen des Bilds als Ente beruht auf DERSELBEN neuronalen Basis der visuellen Wahrnehmung wie das Sehen des Bilds als Hase; folglich ist der Sinn der wahrgenommenen Zeichen keine physische Entität und kein physisches Ereignis (wie das „Feuern bestimmter Neuronen“).
Jemand, der noch nie einen Hasen oder eine Ente gesehen hat, wird die Hasen-Enten-Figur nicht als Kipp-Figur wahrnehmen, denn er sieht nur eins von beidem.
Wir können ihn nicht fragen: Als was siehst du das Bild, als Hasen oder Ente?
Bei einem gemeinsamen Spaziergang um den Teich fragen wir den Freund nicht: Hast du dieses Wahrnehmungsobjekt als Ente gesehen? Sondern: Hast du die Ente gesehen? – Wir sehen kein Bild der Ente, sondern strictu sensu die Ente.
Der ontologische und epistemische Status des Zeichens und des anhand des Zeichens identifizierten und erkannten Sinns ist ein anderer als der Status von sichtbaren Objekten, deren Identität wir mittels Klassifikation benennen.
Wenn wir meinen, was wir sehen, sei eine Ente, meinen wir auch oder implizieren, daß sie ein Vogel ist, der Federn und einen Schnabel hat und bei unvorsichtiger Annäherung auffliegt, und wir meinen auch oder schließen aus, daß sie ein Fell hat und große Ohren und bei unvorsichtiger Annäherung in ein unterirdisches Versteck huscht.
Wenn wir glauben, einen Hasen zu sehen, aber plötzlich sehen, wie das Lebewesen wegfliegt, wissen wir, daß wir uns getäuscht haben. – Die in unserer Sinneswahrnehmung eingehüllte Antizipation, wie sich das Gesehene verhalten KÖNNTE, wurde falsifiziert.
Wir sehen etwas und zugleich haben wir die Bereitschaft, die Neigung oder die Disposition, bei Nachfragen oder durch Nachdenken anzugeben, was wir sehen KÖNNTEN oder nicht sehen könnten.
Wir glauben, daß wir eine der hier am Teich heimischen Enten auch gestern hätten sehen können, und halten es für sehr wahrscheinlich, daß wir bei unserem morgigen Spaziergang wieder Enten am Teich beobachten können.
Unsere Wahrnehmungen implizieren einen Möglichkeits- und einen Zeitsinn; aber der Möglichkeits- und Zeitsinn hat nicht den epistemischen Status und die Form der Sinneswahrnehmung.
Unsere Wahrnehmungen füllen den aktuellen Radius der Aufmerksamkeit vollständig aus, unser Sinn für mögliche zukünftige Wahrnehmungen bildet um diesen Kreis einen Hof, der unserer aktuellen Aufmerksamkeit zumeist entgeht.
Wir gehen unbekümmert über die Schwelle unserer Wohnung und wären mehr als erstaunt, nämlich entsetzt, würden wir nicht auf festen Boden treten, sondern die Erde plötzlich nachgeben und ein Abgrund sich auftun.
Das Naheliegende und Selbstverständliche, auf das wir unseren Möglichkeitssinn gewöhnlich limitieren, könnte mit mehr Recht das Unbewußte genannt werden als jene dunklen Gewalten, die unsere Träume nähren.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, den Abstand zwischen 0 und 1 zu unterteilen; ebenso zahllos sind die Möglichkeiten, beliebig auf einer Fläche oder im Raum verteilte Punkte durch Linien und Kurven zu verbinden.
Die sinnvollen Kombinationen und Funktionen, die wir an gegebenen Daten finden können, sind durch diese nicht limitiert; oder anders gesagt: Unser Sinnhorizont bleibt durch das, was wir an einzelnen Phänomenen wahrnehmen, stets unterbestimmt.
Daß wir nur bestimmte Möglichkeiten aus der unbegrenzten Fülle aller Kombinationen und Funktionen aussondern, mit denen wir unsere Erlebnisdaten anordnen und verarbeiten, ist eine Sache der Konvention oder Gewöhnung.
Wir könnten in den am Abend singenden Vögeln verwandelte Geister der Ahnen sehen, und Dichter oder Mythen tun es.
Der Gebrauch kann eine Funktion sein, mittels deren wir etwas sehen; so sah, wie Jakob von Uexküll berichtet, sein afrikanischer Mitarbeiter in dem Etwas vor sich eine Reihe von Latten und Löchern, und erst als sein Kollege die Leiter benutzte, sah er die Leiter.
Der Nullpunkt unserer Aufmerksamkeit ist der Nullpunkt des durch unseren aktuellen Standpunkt geeichten Koordinatensystems, in das wir den Ort und den Richtungssinn des Gesehenen eintragen.
Auch wenn wir sehen, daß unser Gegenüber uns sieht, fällt es uns schwer, uns selbst relativistisch in sein Koordinatensystem einzuschreiben.
Wir können nicht mit letzter Gewißheit die von unserem Gegenüber gewählten Formen der Kombinationen und Funktionen, mit denen es seine Wahrnehmungen verarbeitet, aus seinem Verhalten und seinen Äußerungen ableiten; es bleibt ein Moment der Unterbestimmtheit.
Innerhalb unseres konventionellen Sinnrahmens ist das, was einer tut, wenn er ein Tier tötet, entweder eine Schlachtung oder ein Akt der Grausamkeit; doch könnte es in einem anderen Sinnhorizont eine rituelle Form des religiösen Opfers sein. – Der Sinn der Handlungen ist trotz ihrer Ähnlichkeit ein anderer.
Zwei sehen dasselbe im physischen Sinn, aber nicht dasselbe im nichtphysischen Sinn – was immer dessen epistemischer und ontologischer Status sein mag, er ist nicht derjenige seines Trägers oder Ausdrucksmediums, wie beispielsweise derjenige der Lautgestalt eines Worts.
Daß wir davon ausgehen, in einer gemeinsamen Welt zu leben, ist eine Form von Konvention und Gewöhnung.
Wir interpretieren nicht die muskulären Modifikationen eines Gesichts als Lächeln, sondern sehen, daß unser Gegenüber lächelt; wir schließen nicht aus der Beobachtung, wie einer lächelt, wenn wir ihm ein Kompliment gemacht oder etwas geschenkt haben, auf seinen mentalen Zustand und nennen ihn Freude, sondern sehen, daß er angenehm berührt oder freudig lächelt.
Wir sehen anhand derselben Daten Verschiedenes, wenn wir jemanden sehen, der aufgrund eines Kompliments und einer erfreulichen Nachricht lächelt, und einen, der am Grab seines Vaters lächelt.
Wir sehen in der Ferne einen Vogel auffliegen, es könnte eine Amsel, eine Lerche, eine Drossel sein; hier erfassen wir ein kontinuierliches Band möglicher Bestimmungen.
Wir sehen eine Zahlenreihe, 2 4 8 16; wir können verschiedene algebraische Muster der Erzeugung dieser Reihe bilden: x2 oder x, 2x, 4x, 8x oder x, x + x, x + 3x, x + 7x. Das numerisch Gegebene ist mittels einer unbegrenzten Anzahl von Funktionen darstellbar.
Ähnliches gilt für die Ordnung oder Struktur unserer Wahrnehmungen: Wir können die Ente als individuelle Verkörperung ihres Typus sehen oder als Vogelart im Gegensatz zu anderen Vogelarten wie Taube, Gans, Huhn; doch werden wir sie nicht in die Reihe mit Auerhahn, Adler oder Bussard stellen.
Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Sinneswahrnehmungen und der Anschauung von abstrakten Entitäten wie geometrischen Figuren und topologischen Mustern; denn auch in der Sinneswahrnehmung ordnen wir unsere Daten nach Kombinationen und Funktionen, die wir in abstrakte Ordnungen und Strukturen einbauen können.
Wir hören eine Reihe von Tönen und zugleich einen Zusammenhang oder eine Kontinuum zwischen ihnen, das physisch nicht dargestellt und demnach neuronal nicht repräsentiert ist, und zwar eine Melodie.
Wir können das Muster der Melodie anhand der Niederschläge all der musikalischen Muster bilden, die wir schon gehört haben; doch können wir auch die melodische Tonreihe als Ausschnitt oder Transformation von beliebig vielen anderen mehr oder weniger ähnlichen Reihen hören.
Die Möglichkeiten der Ordnung und Strukturierung unserer Wahrnehmung sind nicht algorithmisch limitiert und geschlossen, was impliziert, daß wir keine neuronalen Maschinen sind, sondern dank einer Sinn-Intuition, die auf der Basis weniger Daten eine unendliche Variation kontinuierlicher Übergänge vollzieht, selbstvermehrend unabgeschlossen.
Terzinen von der Vergeblichkeit
Die Knospen tun sich auf wie Feuerschwingen
und Vögel, die vom Morgentau getrunken,
sind Ahnengeister, die zur Sonne singen.
Ist noch im warmen Schlamm des Traums versunken
des Menschen Seele, wühlen schon die heißen
sie frei, der Sonne Stachel, sie kitzeln Funken.
Sie muß der Blüten roten Samt zerreißen,
ein Schrei sich aus dem Mund der Erde zwängen,
Fontäne blauer Tropfen sprühend gleißen.
Nicht Stein, nicht Schilfrohr hemmt ihr Drängen,
dem Keuchen ihrer Unrast hingegeben,
ist ihr kein Weilen unter hohen Sängen,
im Sand des Wahns verdunstet ihr das Leben.
Kein Wort mehr
Die Bilder, die im Blau verrauchen,
kein Wort mehr, das verstört,
ein Engel nur, der hört,
was blassend deine Lippen hauchen.
Die Tropfen, die an Kelchen rinnen,
die Blume, die dir zeigt,
wie sanft sich Leben neigt,
entflechten sich die hohen Minnen.
Die Schatten, die durch Gärten gehen,
sie reichen dir die Frucht,
die lang dein Durst gesucht,
und Schlafes zarte Halme wehen.
Das Spiel ist aus
Wie schmecken große Worte schal,
wie Mücken glimmen hohe Zeichen,
die über Dung und Asche streichen,
des Rings Rubin ist worden fahl.
Das Spiel erlahmt im Hin und Her,
und wie im Traume geht ein Flüstern,
als würden welke Blätter knistern,
den Sinn des Spiels kennt keiner mehr.
Für Liedes Hauch blieb kein Gespür,
und die auf Orpheusʼ Rückkehr harrten,
Trugechos waren, die sie narrten,
und blind war die Tapetentür.
Was sie noch reden, ist wie Tau,
trieft schmutzig er von toten Ästen,
und ihres Abschieds hohle Gesten
verdunsten rasch im Morgengrau.
Sinn und Sinneswahrnehmung
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wenn wir dort etwas Blaues sehen, wissen wir, es haftet an einem räumlichen Ding; wir folgern aus der Farbwahrnehmung einen Begriff von Raum, ob wir dessen Geometrie nun als euklidisch oder nichteuklidisch definieren.
Wenn wir jetzt einen Klang hören, wissen wir, daß er bald verklingt; wir schließen von der Klangwahrnehmung auf einen Begriff der Zeit, ob deren physikalische Erklärung nun nichtrelativistisch oder relativistisch ist.
Wir gehen davon aus, daß der Klang, weil er verklingt, entstanden oder erzeugt sein muß, ob mittels eines Instruments, einer Stimme oder auf sonst natürliche Weise.
Mittels der Klangwahrnehmung schließen wir auf einen Begriff von Kausalität, ein Ursache-Wirkungs-Schema, in das wir seinen zeitlichen Verlauf einordnen.
Unser Gedächtnis versetzt uns in die Lage, die Dauer eines Klanges und die Gestalt einer Melodie intuitiv zu erfassen.
Die Farbe ist das, was wir sehend, der Klang, was wir hörend wahrnehmen. Ein farbloses Unding gibt es nicht in unserer Welt, ebensowenig einen zeitlosen Klang.
Zu sagen, die Dinge an sich seien farblos, ist ähnlich unsinnig, wie zu sagen, die Klänge an sich seien zeitlos.
Was wir Tag nennen und den Rhythmus des Jahres, die Tages- und Jahreszeiten, ist kausal erklärbar aus der Erdumdrehung und der Bewegung der Erde um die Sonne. Sollen wir aber aus der Tatsache, daß die Bewegung der Sonne am Horizont von Ost nach West eine Scheinbewegung im Lichte unserer Wahrnehmungsbedingungen auf der sich um sich selbst drehenden Erde darstellt, den Schluß ziehen, daß es „an sich“ weder Tag noch Nacht, weder Frühling, Sommer, Herbst noch Winter gibt?
Etwas ist ungereimt an der sogenannten „Kopernikanischen Wende“ in der Erkenntnistheorie.
Wenn wir die Farbe nur einem farbigen Etwas zusprechen „können“, sollten wir diesen seltsamen Zwang nicht auf einen metaphysischen oder ontologischen Grund, sondern auf die Norm der Beschreibung oder die Grammatik unserer deskriptiven Sätze zurückführen, die uns anweist, bestimmte Eigenschaften wie die Farbe einem Etwas zuzuschreiben.
Die Erklärung: „Die Erde hat sich einmal um sich selbst gedreht“ zerstört nicht den Sinn der Aussage: „Die Sonne ist untergegangen.“
Den Kosmonauten, der aus gehörigem Abstand beobachtet, daß sich die Erde einmal um sich selbst gedreht hat, unterscheiden andere Wahrnehmungsbedingungen, die keine irdischen Himmelsrichtungen implizieren, vom irdischen Beobachter, für den sie im Westen untergegangen ist.
Wir können die Relativ- und Scheinbewegung der Sonne, wie sie die Beobachtung auf der Erde ausdrückt, in die Beobachtung des Kosmonauten übersetzen.
Wir können nur beschreiben, was uns die Normen der Darstellung oder die Grammatik deskriptiver Sätze ermöglichen. Es ist nicht tiefsinnig, sondern trivial und tautologisch, festzustellen, daß wir gegen die Wand des Unsinns stoßen, wenn wir mehr versuchen.
Zu sagen, an sich sind die Dinge farblos, ist ähnlich sinnlos, wie zu sagen, an sich sind Aussagen nichts als verkettete Laute.
Wir können, was Zeit ist, nicht von einer zeitenthobenen Perspektive aus erkunden und bestimmen. – Zeitmesser und Chronometer zeichnen sich dadurch aus oder funktionieren nur aus dem Grund, weil sie das wesentliche Merkmal zeitlicher Abläufe, die Bewegung, verkörpern.
Ein der Zeit ins Ewige entrückter Gott könnte uns nicht verstehen.
Wir reden von Farbe nur auf dem Hintergrund einer Farbskala, von Klang nur auf dem Hintergrund einer Tonskala, von Farbwirkung nur auf dem Hintergrund von Kontrast- und Komplementärfarben, von Klangwirkung nur auf dem Hintergrund von Klangharmonien und Klangdisharmonien.
Was die Klangwahrnehmung von der Farbwahrnehmung unterscheidet, ist das Gedächtnis, das uns in die Lage versetzt, die Abfolge von Tönen als Zeit-Gestalt einer Melodie aufzufassen; wie umgekehrt die Farbwahrnehmung von der Klangwahrnehmung das synoptische Gesichtsfeld, in dem wir uns durch Angaben wie oben und unten, vorn und hinten, rechts und links orientieren. – Für Klänge ist es meist von sekundärer Bedeutung, aus welcher Richtung sie uns erreichen.
Das Gedächtnis oder die Erkenntnis des Wechsels in der Dauer und der Dauer im Wechsel versetzt uns in die Lage, Tag und Nacht oder die Jahreszeiten zu unterscheiden.
Sagen wir „Anwesenheit“ statt „Subjektivität“, können wir so formulieren: Etwas Farbiges kann nur in einem Gesichtsfeld auftauchen, ein Klang nur in einem Hörfeld; kein Gesichts- oder Hörfeld ohne die Anwesenheit dessen, der sieht oder hört.
Sagen wir „Anwesenheit“ statt „Subjektivität“, können wir des weiteren so formulieren: Ein Ding nennen wir die Gesamtheit der Prädikationen oder Beschreibungen, die auf etwas zutrifft oder zutreffen könnte. Keine Prädikation oder Beschreibung ohne die Anwesenheit dessen, der prädiziert oder beschreibt.
Nehmen wir die räumlichen Koordinaten und die Zeitpunkte, zwischen denen ein Ding als räumliches und zeitlich konstantes Etwas besteht, dann können wir den Nullpunkt eines Koordinatensystems als Subjektpol oder Pol der Anwesenheit festlegen, von dem aus wir beispielsweise die räumlichen Abstände und die zeitliche Dauer des dort vorbeifahrenden Fahrzeugs mit geeichten Meßgeräten vermessen.
Wenn ich um die Erdbewegung weiß und bei der Tag-und-Nacht-Gleiche die Zeitstrecke zwischen Sonnenauf- und untergang messe, weiß ich, daß sie mit der halben Dauer der Erdumdrehung identisch ist oder die Erdumdrehung das Doppelte der gemessenen Zeit beträgt.
Der Farbeindruck oder die Klangwahrnehmung sind nicht identisch mit dem kausalen Resultat der neuronalen Prozesse, die notwendig sind, um sie zu erzeugen; wenn ich farbig träume oder eine Melodie im Traum höre, fehlen die kausalen Vorgänge, die mittels Lichtstrahlen oder Luftwellen meine Sinnesorgane stimulieren.
Daß ich aufgrund der physikalischen Wirkung farbigen Lichts keine bunten Flecken, sondern einen blühenden Garten sehe, kann aus dem Begriff einer physikalischen Wirkung nicht verständlich gemacht werden.
Eine Farbe zu sehen heißt etwas Farbiges zu sehen, sodaß wir sagen können: „Dies ist rot.“ – Das Bezugssystem unserer Farbwahrnehmung ist eine Form der Beschreibung, mit der wir etwas als rot oder grün bezeichnen. Wir gewinnen die korrekte Beschreibung und Klassifikation unserer Sinneswahrnehmungen, indem wir beispielsweise an den farbigen Fleck eine Farbskala anlegen und den gehörten Ton anhand einer Tonskala bestimmen.
Wir können nicht etwas am selben Ort zur selben Zeit als rot und grün bezeichnen; dies ist keine Folge unserer neuronalen Organisation, denn wir könnten uns eine denken, bei der so etwas möglich wäre, sondern der Normen unserer deskriptiven Aussagen, die nur sinnvoll sind, wenn wir den Farbunterschied berücksichtigen.
Daß wir kein Ultraviolett und Infrarot sehen, beschränkt nicht sowohl unser Farbuniversum, als daß es anhand dieser Grenzen definiert wird; denn andere Grenzen machten ein anderes Universum.
Wir können nicht wissen, ob eine Malerei auf der Gegen-Erde, die ihren Museumsbesuchern Ultraviolett und Infrarot zumuten könnte, Kunst nach unseren Begriffen und Kriterien wäre.
Wir können nicht zur selben Zeit einen Klang als hoch und tief oder einen Zusammenklang als wohltönend und mißtönend bezeichnen, weil wir musikalische Klangwahrnehmungen auf Normen deskriptiver Aussagen beziehen, die ihren Sinn aus den traditionell zugrundegelegten Tonskalen und harmonischen Dur-Moll-Tonverhältnissen beziehen.
Wir können andere Tonskalen und harmonische Kombinationen ansetzen; dann würden wir einen Klang vielleicht als schwebend und einen Zusammenklang als harmonisch diffus oder indifferent bezeichnen; doch auch der Sinn dieser Beschreibungen bezieht sich auf die nunmehr zugrundegelegten alternativen Tonskalen und harmonischen Tonverhältnisse.
Wir hören musikalische Töne anders als Naturgeräusche, weil wir sie in den Sinnhorizont bestimmter Tonskalen wie die Oktave und Harmonieverhältnisse wie Dur und Moll rücken.
Die neuronale Reizung und Reizverarbeitung ist die Ursache unserer Farbwahrnehmung, aber nicht der Grund, weshalb wir etwas als Bild sehen und ein Bild schön oder häßlich finden.
Die neuronalen Vorgänge bei der visuellen Wahrnehmung sagen dir nicht, welchen Sinn diese Buchstabenfolge hat.
Die Biene, die an der Blüte hängt, die Drossel, die im Johannisbeerstrauch sitzt, der Hund, der einen Knochen im Tomatenbeet vergräbt, sie sehen nicht den Garten, wo du Unkraut jätest. Den Garten zu sehen ist nicht nur eine visuelle, sondern eine semantische Leistung.
Der Sinn einer Aussage liegt vor; der Sinn einer Handlung ergibt sich erst, wenn sie zustandegekommen ist, Erfolg oder Mißerfolg hatte.
Von Eindruck zu Eindruck springen ist ähnlich sinnlos wie in freier Assoziation Wort an Wort reihen.
Die sogenannte Methode der freien Assoziation ist nicht frei, sondern liefert meist nur die Klischees, die im Fliegennetz des allgemeinen Geredes hängen geblieben sind.
Manche drücken nicht Gedanken mittels Worten aus, sondern lassen die Worte miteinander reden. – Bei anderen sind sie Echos des Markts und der Straße vom Gewölbe des Schädels.
Wenn unsere Sinneswahrnehmungen jeweils in einen spezifischen Sinnhorizont integriert sind, müssen wir sie nicht, wie der Transzendentalphilosoph meint, nachträglich begrifflich aufpolieren oder sublimieren, damit sie unsere Orientierung in der Welt möglich machen.
Die originäre Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit unserer Sinneswahrnehmungen zeigt sich in einfachen Formen der Prädikation wie: Diese Farbe ist blaß, dieser Klang ist dumpf, es riecht angebrannt, der Wein schmeckt nach Korken.
Wir sehen auch deutlich, in welchem Maße die Sinneswahrnehmungen aufgrund ihrer prädikativen Erhellung am logisch-semantischen Raum teilhaben; impliziert doch die Bestimmung der Farbe als blaß, daß sie nicht grell ist, die Bestimmung des Klanges als dumpf, daß er nicht schrill ist, die Bestimmung des Geruchs als angebrannt, daß er nicht süßlich ist, und die Bestimmung des Geschmacks als faulig, daß er nicht fruchtig ist.
Wir teilen demnach die Sinneswahrnehmungen jeweils in sinnhafte Muster, Raster, Skalen oder Klassifikationsschemata ein, in denen wir ihnen eine spezifische Position oder Markierung wie „silbergrau“ oder „aschfahl“, „dumpf“ oder „Kammerton A“, „muffig oder beißend“, „fade oder bitter“ zuweisen. – Je nach Zweck und kultureller Reife sind solche Skalen mehr oder weniger differenziert, nuanciert und wissenschaftlich ausgetüftelt und subtil (wie die physikalischen Farbspektren oder die akustisch-physikalischen Klangbestimmungen).
Hier setzen wir auch einen empirisch belastbaren Begriff der Metapher an: Metaphern gewinnen wir, wenn wir die Muster und Raster der Sinneskategorien Farbe, Klang, Geruch, Geschmack und Getast gleichsam übereinanderlegen und mit Prädikaten ferner liegender, aber sinnfälliger Muster verkuppeln und verdichten. So sprechen wir von einem fahlen, weichen, zarten oder silberhellen Klang, einer schrillen oder warmen Farbe, einem schmeichelnden, betörenden und paradiesischen Duft oder einem ätzenden, beißenden und betäubenden Höllengestank.
Der Sinn der Negation ist ein anderer, wenn ich sage, einer habe den Passanten nicht gesehen, weil er abgelenkt war, als wenn ich sage, einer habe den Passanten nicht gesehen, weil er blind ist.
Der von Geburt Blinde weiß nicht, was Dunkelheit ist; der von Geburt Taube weiß nicht, was Schweigen ist.
Lied des Hirten
Ich hab ein Feuer angezündet
auf weichen Abends freiem Feld,
nur Wind und Rauschen mich gesellt,
damit mein Blut ins Danklied mündet.
Die Flammen züngeln höher, jagen
Gespenster neckend vor sich her,
was mir die Zunge machte schwer,
die Trauer kann im Lied sich sagen.
Kommt nur herbei, ihr bangen Lämmer,
ich will euch sanft ein Hüter sein,
schlaft friedlich um mein Feuer ein,
mein Lied hüllt euch in goldnen Dämmer.
Die Blume ohne Namen
Der hohen Dichtung reines Wort
versinkt, ein unscheinbarer Samen,
am moosumseufzten Gnadenort
und sproßt, die Blume ohne Namen.
Es sinnt auf goldnen Lichtes Strahl,
und seine Wurzel schluchzt nach Regen,
denn ohne Flammen bleibt es fahl,
sein Schimmer kommt von Himmels Segen.
Blüht schwebend es an banger Kluft,
nur Falter sind, sein Herz zu küssen,
ahnt dir in lauer Nächte Duft,
Glanz ist, was deine Lippen missen.
Terzinen von den Gnadenstrahlen
Noch hat die Nacht ihr Grabtuch ausgebreitet,
der Kerzen Andacht mit ihren zarten Funken
die Grotten der Angst, die Augen, uns geweitet,
da ist des Morgens Lilie herabgesunken,
wie blasser Mond den Dunst aus grünen Teichen
hat Seufzen vom Mund ein Blumenmund getrunken.
Es füllen des Herzens Knospen nun, die bleichen,
mit warmem Blut der Blüten Gnadenstrahlen,
die Engel uns aus Edens Gärten reichen,
wir aber streuen sie in schlichte Schalen
und heben sie auf Altars Porphyrsteine.
Gesegnet ward die lange Nacht der Qualen,
der Kuß der Liebe funkelt uns im Weine.
Katzengold
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Welt des Weisen ist einsam und weit.
Mehrheit ist Dummheit.
Nicht ohne Luft und Licht, Wasser und Bienen, doch die Frucht treibt der Baum allein.
Es ist nicht Nerv noch Muskel, nicht Wange und Mund, nicht das Funkeln der Augen – was ist es denn, das Lächeln?
Ein Lächeln kann uns etwas sagen, es ist wie alle Ausdrucksgebärden ein natürliches und zugleich semantisches Phänomen; es kann den freundlichen Gruß begleiten, verstärken oder ersetzen; es kann dumm und fratzenhaft, kann geheimnisvoll, maskenhaft, augurenhaft sein, ironisch, zynisch oder vulgär. Wir können durch Lächeln Verlegenheit, Unterlegenheit oder Überlegenheit ausdrücken; wir können es wie der Schauspieler als vom eigenen Gemütszustand abgelöste Mimik erlernen und sinnvoll verwenden.
Wir können, was außen ist, wie die Abenddämmerung, in uns hineinnehmen und uns als seelischen Zustand anverwandeln, wenn wir uns einer diffus-schwermütigen Stimmung ergeben.
Nicht nur das Wort, der Hauch, der Duft, der Schatten des Worts muß als Dichtung fühlbar werden.
Man zerschlägt die große, von mythischen Händen geformte Plastik des Volkes – mit trüben Wassern vermischt zerlaufen die Bruchstücke zum Brei einer unförmigen Masse.
Wer viele Welten in sich trägt, bedarf keines kosmopolitischen Jahrmarkts.
Uns blieben Splitter von Erinnerungsbildern, gleich dem auf den Wegen verstreuten Katzengold, an dem Kinder sich ergötzen.
Die Sonnenuhr der Seele geht langsamer als die Atomuhr der Weltzeit.
Das pollentragende Wasser verrinnt im Karst – die Tropfen dichterischer Sprache verdunsten auf dem Asphalt.
Der ungeheure Brocken einer unvollendeten Seele, eingehüllt wie ein in Spiritus konserviertes Tier von zerfurchten Häuten, die Lider wie welke Blätter über schweren Träumen gewölbt, ein schlafender Hund zwischen den wundgelaufenen Füßen – so hebt die groteske Plastik sich ab gegen den verhangenen Abendhimmel, da der Meister Hammer und Meißel erschöpft sinken läßt.
Tänzer in besinnungslosem Reigen, doch was sie zärtlich umschlingen, sind Gliederpuppen, deren synthetische Haare starre Wirbel bilden, deren Arm- und Beinprothesen im Walzerschritt baumeln und klappern.
Was wir Ding, Gegenstand, Entität nennen, ist die Gesamtheit der Möglichkeiten, etwas zu beschreiben.
Die kausale Einwirkung der Photonen auf die Netzhaut vermag nicht zu erklären, warum wir Gegenstände oder Bilder sehen.
Der methodisch verkannte Organismus der Neurobiologie ist ein Roboter, der wohl optische Sensoren hat, aber nichts sieht.
Die Physik und die Naturwissenschaft erklären nicht die Gegenständlichkeit des Gegenstandes und folglich auch nicht die Phänomenalität des Bewußtseins.
Der Fuß macht den Weg, der Weg ist eine sich selber ziehende Lebenslinie.
Die verschieden geformten und gebauten Musikinstrumente sind eine sinnhafte Ableitung und Funktion des Klangs; der Klang ist keine kausale Ableitung und Funktion der Möglichkeiten, ihn mittels verschieden geformter und gebauter Musikinstrumente zu erzeugen.
Das Gehirn ist eine sinnhafte Ableitung und Funktion des menschlichen Geistes, der Geist ist keine kausale Ableitung und Funktion des Gehirns.
Die Welt des Menschen ist die Bedeutsamkeit dessen, was ihm begegnet.
Was die Auguren im Vogelflug lasen, war bedeutsamer als das, was wir in der Zeitung lesen.
Die Welt von Blüte und Biene ist beiden gemeinsam.
Die Symbiosen von Pflanze und Tier können nicht als Resultate koevolutionärer Vorgänge erklärt werden.
Kolibrischnabel und Blütenkelch sind gemeinsame Elemente einer sinnvollen Ordnung.
Der Austausch von Blütennektar und Pollen, Nahrung und Sexualität, ist die grundlegende Form der Kommunikation zwischen Biene und Blütenpflanze.
Das menschliche Drama zwischen Himmel und Erde verweist wie die Tragödie des Sophokles oder Shakespeares auf eine zwar nicht augenscheinliche, aber sinnhafte Ordnung.
Ob groß oder klein, Hauptrolle oder Nebenrolle, jugendlicher Liebhaber oder abgetakelte Mätresse, Opfer oder Henker, Heiliger oder Verbrecher – das Schicksal verteilt die Rollen, die Sprechpartien stehen in keinem Manuskript, die Regieanweisungen gehorchen keiner expliziten Vorschrift, und dennoch sagen wir unseren Text auf, als hätten wir ihn auswendiggelernt, verwandeln sich die Kulissen, als hingen sie am Schnürboden einer Bühne.
Die Meister des barocken Welttheaters wußten mehr von den geheimen Mächten der Geschichte als der moderne Geschichtsschreiber mit seiner historisch-kritischen Methode.
Dem Unbekannten mit Vorsicht oder Mißtrauen zu begegnen ist ein Zeichen seelischer Gesundheit; dem Bekannten mit Mißtrauen und Angst ein Zeichen seelischer Erkrankung.
Unsere sensorische Ansprechbarkeit fluktuiert zwischen Schwellenwerten wie finster und grell, dumpf und schrill, lau und heiß, stumpf und stechend; werden diese Schwellenwerte unter- oder überschritten, sprechen wir von physiologischen oder seelischen Pathologien der Sensitivität und Reizbarkeit.
Eine Schindel fällt krachend vom Dach – der Stumpfsinnige blickt kurz auf, dreht sich um und döst weiter. Ein Blatt fällt vom Gummibaum – der Überempfindliche schrickt auf und erstarrt.
Der öffentlich inszenierte Selbstmord des großen Schauspielers ist für den einen ein gefundenes Fressen für den Boulevard, für den anderen ein Zeichen der Apokalypse.
Der moralisch Stumpfsinnige konsumiert die Schreckensbilder im Fernsehen wie die Schokolade, die er dabei verzehrt. – Den moralisch Überempfindlichen erfaßt ein Grauen, sieht er die tote Mücke in seinem Weinglas schwimmen.
Die Umwelt des paranoiden Schizophrenen überzieht ein dichter, undurchdringlicher Schleier feindsinniger Bedeutung – die Stadt verwildert zum Urwald.
Die Umwelt des Depressiven verflacht und ergraut, sie verliert die räumlichen und zeitlichen Tiefendimensionen der Ansprechbarkeit durch sinnliche Reize und erhellende Erinnerungsbilder.
Die Wahnvorstellungen des Psychotikers gleichen paradoxerweise Traumstacheln, die das Wachbewußtsein zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber der bedrohlichen Umwelt stimulieren.
Die dichterischen Bilder können wie Traumstachel wirken, wenn der einsame Dichter schlaflos und angespannt ins Dunkel lauscht.
Der einsame Dichter sammelt in der kleinen Mulde der Nacht Tränen, deren Glanz und traumnahes Funkeln ihm den verlorenen Tag zurückbringen.
Was hast, Frau, du uns mitgebracht? – Eine süße Frucht. – Ach, sie soll nur den Mund des einen laben. – Und du, Mann? – Eine schimmernde Perle. – Ach, sie verblaßt am Hals der Schönen. – Was aber, Dichter, du? – Eine Nachtigall. – O, sie ist süßer als die Frucht und erfreut das Herz aller Betrübten, sie ist kostbarer als die Perle, erhellt ihr Gesang ja das Dunkel.
Himmlische Schöne engelreiner Töne – schwarze Seelen grollen, wunde Herzen schmollen.
Den Kindern glänzt das Katzengold so verführerisch wie dem Liebhaber das echte im Halsschmuck der Angebeteten.
Sprich von Liebe nur, wenn du um Demut, Dienst und Opfer weißt.
Die leise Wehmutträne auf ihrer Wange schenkt dem Liebenden hohen Mut und edlen Sinn.
Achtung und Verehrung wahrer Größe schenken uns Selbstachtung.
Die Stimme des Chorsängers kommt zu Geltung und vollem Ausdruck nur im Zusammenklang.
Die musische Intuition der christlichen Erlösung – sich einzureihen in den Chor der Heiligen und Engel.
Das Ding an sich – ist dein kleines und ein großes Ich.
Die Bedeutung, die Wahrheit, die Musik an sich gibt es nicht, nur Variationen auf ein Thema, das in ihnen verborgen ist.
Eine naive antike Theorie des Sehens läßt von den Objekten der visuellen Wahrnehmung kleine Bilder (Eidola) ins Auge und Hirn des Menschen fliegen. Wir könnten ihr die naive Haut abziehen und sagen: Ja, wir sehen das Sichtbare; woraus folgt, daß wir das Unsichtbare nicht sehen. – Ist dies nicht, was Kant behauptet? – Doch ist wiederum die Einsicht nicht trivial, daß wir nur das Sichtbare sehen können und nur das Wißbare, das die Form des Gewußten haben muß, wissen können?
Es kann kein Sehen jenseits der Grenzen des Sichtbaren, kein Wissen jenseits der Grenzen des Wißbaren geben. Ein Wesen oder lebendiges Subjekt, dessen Wissen keine Grenzen und Bedingungen des Wißbaren hätte, also scheinbar allwissend wäre, kann es nicht geben; es wäre eo ipso kein Wesen oder lebendiges Subjekt.
Wir haben die Konvention entwickelt, von Sätzen über Gewußtes die Wissensbedingung einzuklammern, indem wir statt zu sagen: Wir (Physiker und Chemiker) wissen, daß Wasser aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff besteht, einfach sagen: Wasser ist H2O. – Doch hätte dieser Satz in einer Welt Bedeutung, in der es Wasser gäbe, aber niemand, der den Satz schreiben oder lesen könnte?
Klage und Bitte
Hienieden ziehen Wahn und Grauen
durchs Herz uns immerfort –
mag uns aus jenem Hort
ein süßer Sang noch niedertauen.
Wie stinken Kot und Tod auf Wegen,
wo uns kein Lächeln winkt –
daß uns herniedersinkt
auf goldner Wolke sacht ein Segen.
Hier sind die Herde ohne Laren,
die Schwellen stummer Stein –
daß uns mit Brot und Wein
den Tisch bereiten Engelscharen.
Wie sind die Worte so zerschlissen,
des Liedes Kleid so grau –
mag uns sein Gold und Blau
der Hymnus des Erretters hissen.
Über den Begriff der Intuition
Wir hören den Wasserhahn tropfen und bilden spontan einen akustischen Rhythmus, indem wir jeden zweiten oder dritten Tropfenfall als Schlag zählen; wir sagen, der Rhythmus habe sich uns intuitiv aufgedrängt. – Die gleichsinnige kontinuierliche Reihe der in regelmäßigem Abstand erklingenden Geräusche wird einer rhythmischen Regel oder Strukturformel unterworfen, die aus nichts anderem als unserer seelischen Energie entspringt.
Wir hören im Rhythmus das von uns spontan gegliederte akustische Material.
Stimmt die Mutter das Lied an: „Alle meine Entchen“, setzt das Kind spontan fort: „schwimmen auf dem See.“ Das Kind ergänzt und komplettiert die vorgegebene Tonfolge zu einer stimmigen Melodie nach einem wohlbekannten Muster, es kennt das Lied ja auswendig. Die echte musikalische Intuition findet dagegen auf eine beliebig gegebene Tonfolge eine improvisierte melodische Ergänzung und Komplettierung; die herausragende musikalische Intuition vermag die ergänzte Melodie zu variieren und in verschiedenen Tonarten farbenreich zu modulieren und abzuschatten.
Wir breiten vor dem Kind eine ungeordnete Menge von runden schwarzen und viereckigen roten Mosaiksteinchen aus; es soll sie in eine Reihe bringen. – Verfügt das Kind über eine starke ästhetische Intuition, wird es die Teile in sinnvoller Ordnung aneinanderfügen, etwa im steten Wechsel oder gar dreimal schwarze, dreimal rote Steine oder sogar einmal schwarz, zweimal rot, zweimal schwarz, dreimal rot …
Die Säulenordnung des griechischen Tempels und die strenge Aufteilung des dorischen Frieses mittels Triglyphen gilt uns als Muster einer komplexen ästhetischen Intuition. – Von hier aus ließe sich die Betrachtung erweitern um die mäandernden Muster der frühen Vasenmalerei, die sinnvolle Gliederung der griechischen Tragödie in Dialogpartien, Monologe und Chorgesänge, die stufenförmige Struktur des Kosmos von Aristoteles bis Ptolemäus, das Bohrsche Atommodell oder die periodische Gliederung der chemischen Elemente durch Mendelejew.
Wir unterscheiden Instinkt und Intuition; während der Webervogel aus dem vorgegebenen pflanzlichen Material ein uns kunstvoll erscheinendes, im Schilfrohr schwebendes, aber sicher eingefügtes Genist baut, das allerorts seine arttypische Gestalt aufweist, baut das Kind mit den vorgelegten Mosaiksteinen je nach intuitivem Impuls Varianten einer sinnvollen Reihe.
Elementare instinktgeleitete Bewegungen wie der Lidreflex, das panische Zusammenzucken bei Gefahr, das Aufstellen der Stacheln des Seeigels bei Lichtentzug, das schutzsuchende Ducken des Hasen, die schnelle Flucht des Murmeltiers beim Warnruf des wachhabenden Artgenossen und tausend andere Formen von Flucht- und Abwehrbewegungen sind vom genetischen Bauplan der Lebewesen sinnvoll eingesetzte Funktionen des unbedingten und durch Lernerfahrung bedingten Reflexes.
Dagegen erblicken wir im intuitiv gebahnten und geleiteten Verhalten, Wahrnehmen und Gestalten ein spezifisches Humanum, das nicht mit instinktgesteuerter Bewegung verwechselt werden sollte.
Dies erkennen wir unmittelbar, wenn wir uns der Grundlage der logischen Intuition, dem Begriff der Identität, zuwenden. Konstruieren wir eine Menge A von Elementen mit dem distinktiven Merkmal P und identifizieren wir an einem Element z genau die Eigenschaft P, wissen wir, daß z zur selben Menge wie alle Elemente mit derselben Eigenschaft oder zur selben Menge A gehört.
Die Aussage: Alle A sind P, z ist ein A, also folgt: z ist P erscheint uns unmittelbar evident; wir können die Aussage nicht weiter begründen oder logisch ableiten, es sei denn, wir wiederholen sie oder vergegenwärtigen uns ihren Sinn erneut mittels logischer Intuition.
Wenn alle Junggesellen unverheiratete Männer sind und Hans ein Junggeselle ist, wissen wir ohne es empirisch genauer untersuchen zu müssen, daß Hans unverheiratet ist; denn wir haben die Synonymie der Bedeutungen von „Junggeselle“ und „unverheirateter Mann“ als formale Identität festgelegt.
Die logische Identität müssen wir intuitiv eingesehen haben, wenn wir aus der Voraussetzung korrekt schließen, daß Hans unverheiratet ist. Wir können sie nicht ihrerseits logisch ableiten, denn sie ist gleichsam der Aufhänger, an dem das Netz der logischen Beziehungen und Verknüpfungen befestigt ist; rissen wir ihn heraus, fiele das Netzwerk ins Bodenlose.
Dividieren wir eine beliebige Zahl (außer der Null) durch 1, erhalten wir dieselbe Zahl. Zahlen, die nur durch sich selbst oder die 1 dividiert werden können, nennen wir Primzahlen, und wir können alle anderen natürlichen Zahlen als ihre Summen darstellen. In solchen Fällen liefert uns die logische oder formale Intuition eine Strukturformel, deren korrekte Anwendung uns die Identität des Gemeinten garantiert.
Es muß einen immanenten, konstitutiven Zusammenhang zwischen unserer Fähigkeit der logischen Intuition und der Einheit und Identität unseres subjektiven Bewußtseins geben. Die synthetische Brücke, so ist zu vermuten, bildet unser Gedächtnis, also eine die Dauer herstellende Synthese; so müssen wir in der Lage sein, beim gültigen Schluß von „Alle A sind P, z ist A, demnach ist z ein P“ die formale Bedeutung von P und z aus den Prämissen in die Folgerung identitätsbewahrend hinüberzuziehen und zu übersetzen.
Den Sinn der Zahlenreihe 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 mit den durch Fettdruck hervorgehobenen Primzahlen erkennen wir nicht aufgrund ästhetischer Intuition.
Die ästhetische Intuition bei der visuellen und akustischen Wahrnehmung rhythmisch gegliederter Gebilde unterscheidet sich von der logischen Intuition, insofern diese auf der systematischen Anwendung einer Regel beruht, wie bei der gültigen Schlußfolgerung oder der Bestimmung einer Primzahl.
Zwei Punkte in einem Kreis, darunter je ein senkrechter und ein waagerechter Strich („Punkt, Punkt, Komma, Strich …“) – dieses abstrakte Gebilde genügt unserer ästhetischen Intuition, um den allgemeinen Typus des menschlichen Gesichts zu erkennen; und wenn sich der untere Strich leicht nach oben biegt, sogar den Ausdruck des Lächelns, und wenn nach unten, den Ausdruck der Traurigkeit.
Gesichts- und Ausdruckswahrnehmungen vollziehen sich intuitiv, sie sind weder regelgeleitet noch aus rationalen Gründen ableitbar.
Das Gesicht unseres Schulkameraden Hans erkennen wir auf dem Klassenfoto aufgrund seiner individuellen Gesichtszüge. Auch dieses Wiedererkennen ist intuitiv, insofern es sich unmittelbar vollzieht und nicht auf der Folie eines rationalen Vergleichs – etwa mit dem Gesicht von Hans, der gerade bei uns zu Besuch ist und dem wir das alte Foto zeigen; denn auch den anwesenden Hans erkennen wir nicht aufgrund eines Vergleichs (ein Vergleichsobjekt liegt nicht vor), sondern unmittelbar intuitiv.
Wir begegnen unserem alten Schulkameraden Hans, und sein Bild, wie er damals in der Schule neben uns saß, steht wieder vor uns auf; indes, die Erinnerung beruht nicht auf einem verstandesmäßigen Verfahren, beispielsweise einem Vergleich des Erinnerungsbildes mit dem vor uns stehenden Hans; ebensowenig erkennen wir Hans, wenn er uns auf der Straße begegnet, aufgrund des Vergleichs mit unserem Erinnerungsbild; denn wir erkennen ihn sogar, sollten wir kein Erinnerungsbild von ihm mehr parat haben. Wir erkennen intuitiv: Der vor uns stehende Hans ist derselbe, den wir auf dem alten Foto erblicken, und wir erinnern uns an sein Lächeln, auch und sogar, wenn wir uns dazu auf keinen visuellen Anhalt in unserem Gedächtnis (mehr) stützen können.
Etwas Ähnliches geschieht, wenn Veilchenduft uns anweht oder uns als halluzinierte Duftnote aufsteigt und wir uns an gewisse Idyllen unserer Kindheit oder an das Gesicht oder das Lächeln unserer Großmutter erinnern, die ihr Taschentuch mit Veilchenwasser zu besprühen pflegte.
Ein lächelndes Gesicht heiter, ein weinendes traurig zu nennen verweist uns auf den Ursprung der intuitiven Anwendung psychologischer Prädikate; einen schwerfälligen Gang plump, einen tänzelnden anmutig zu nennen auf den Ursprung der intuitiven Anwendung ästhetischer Prädikate.
Wir unterscheiden die Gewohnheit von der Intuition; der Heimweg, den wir tausende Male gegangen sind, ist uns vertraut, wir achten nicht auf Straßenschilder, Wegmarken und Hausnummern, um nach Hause zu finden, sondern finden die Haustür wie im Schlaf. – So fahren wir Fahrrad, ohne auf die einzelnen Bewegungen unserer Gliedmaßen zu achten, und können dabei an wer weiß was denken, weil wir es als Kinder gelernt haben.
Fertigkeiten, die wir aus Gewohnheit ausüben und beherrschen, unterscheiden sich von intuitiven Wahrnehmungen. Diese sind uns nicht aufgrund von motorischen oder sensorischen Automatismen zugänglich, sondern wie das spontane „Sehen als“, wenn wir das berühmte Hasen-Ente-Bild einmal als einen Hasen, einmal als eine Ente sehen.
Wir unterscheiden sprachliche Fertigkeiten von sprachlicher Intuition. Es ist etwas anderes, die Rose schön, etwas anderes die Schönheit Rose zu nennen. Das erste ist ein sprachliches Klischee, das uns aufgrund der gewohnten Assoziation der Begriffe leicht über die Lippen kommt, das zweite eine außergewöhnliche Metapher, die wir der genialen sprachlichen Intuition Shakespeares verdanken (beauty’s rose might never die, Sonnet 1).
Die dichterische Intuition findet in der scheinbar vertrauten Landschaft der natürlichen Sprache Pfade, die zu vergessenen Gärten führen, Wege zu überwachsenen Denksteinen, deren anfängliche Inschriften sie freilegt und übersetzt, Passagen, auf die von einem ungeahnten Himmel ein nie gesehenes gespenstisches oder heiteres Licht fällt.
Die Bilder, Vergleiche, Metaphern, die uns die außerordentliche sprachliche Intuition des Dichters vor Augen führt und als Sichtschneisen ansinnt, haben ihr Maß der Geltung und Sinnfälligkeit an dem Grad, in dem sie unserer ästhetischen Intuition zugänglich und einsichtig werden – dies kann sich augenblicks vollziehen, doch bisweilen eine lange Zeit beanspruchen, in der ihre Anmutungen und Zumutungen die Wegmarken unserer Sprach- und Seelenlandschaft versetzen und umgruppieren.
Liedes Zauber
Im Liede kann der Sinn verfließen
und sanfter strömen über Klippen,
wie Tau der Helden spröde Lippen
erglänzen läßt auf Tempelfriesen.
Wo bangend wir in Klüfte starren,
im Fernen blaut ein schwaches Ahnen,
versetzt es uns auf grüne Bahnen,
wo unsrer treue Freunde harren.
Wenn Herzen Haß und Liebe wirren,
im Netz der Spinne Nacht verderben,
wird zauberisch es Schatten färben,
Gewebe weht sein sanftes Schwirren.
Im Liede finden Wellen Weile,
es will an Wasserrosen lehnen,
der Laute leises Tropfen dehnen,
es überströmt die kleine Zeile.
Über den Begriff des Sinns
Ein großes Ziel philosophischer Betrachtung wäre es, sich nicht nur mit dem semantischen Sinn von Aussagen zu begnügen, sondern den Sinnbegriff auf den Kontext spezifischer Lebenswelten zu erweitern, auch wenn er in der Wüste des Geistes unwirklich wie eine Fata Morgana flimmert.
Der Muskel kann sich strecken, dehnen oder verhärten, je nach den Impulsen, die ihm das Nervensystem zuleitet. – Doch wenn ich wahrnehme, wie mein Freund Hans mir winkt, gehe ich nicht davon aus, er tue dies nur aufgrund des Ursache-Folge-Schemas, wonach sein Hirn die motorischen Nervenfasern mit dem Impuls stimulierte, die Armmuskeln zu strecken, sondern aus dem Grund, weil er mich sah und erkannte.
Hans kann auch, statt mir zu winken, mir etwas zurufen; der Zuruf hat denselben Sinn wie die gestische Mitteilung.
Hansens Zuruf hat nicht den ontologischen und epistemischen Status eines akustischen Reizes; sonst würde ich sinngemäß auf ihn reagieren, wenn ich ihn gehört hätte, ohne ihn verstanden zu haben. Aber ohne Sinnverständnis würde ich nicht auf ihn reagieren, auch wenn ich den akustischen Reiz vernommen hätte.
Ich muß den physikalischen Laut entziffert haben, um ihn in die Welt der Bedeutsamkeit einzuschließen und zu integrieren, die meine, die unsere Welt ist.
Bei einem exotischen Stamm könnte Winken bedeuten: „Bleib mir vom Hals!“; so erkennen wir an der uns vertrauten Geste eine konventionelle Bedeutung, die der Konvention ähnelt, mit der wir dem Laut „fort“ die Bedeutung „weg“ zuordnen, während der Franzose dem Laut „forte“ die Bedeutung „stark“ (in der weiblichen Form) zuordnet; im Gegensatz zur natürlichen Bedeutung des Lächelns oder Weinens, die für Leute in Berlin und Paris den gleichen Sinn verkörpert.
Wir sagen, der Hund markiere sein Revier. Ist dies eine Metapher? Aber jene Stammeskrieger, die den Eindringling, der die Grenze zu ihrem Territorium überschreitet, verjagen, verhalten sich ähnlich wie der Hund, der den Rivalen verbellt.
Der Rabe beobachtet von seinem Ast aus, wie das Eichhörnchen Nüsse vergräbt; ist es außer Sichtweite, fliegt er zu dem Versteck und tut sich am Diebesgut gütlich. Ist ihn einen Dieb zu nennen eine Metapher?
Anders als das Eichhörnchen können wir den Dieb anzeigen und vor Gericht bringen, damit er seine gerechte Strafe bekommt. So müßten wir sagen, Begriffe wie „Dieb“, „Räuber“, „Mörder“ beziehen ihren Sinn aus einem konventionell institutionalisierten System des Rechts, der Justiz und Strafverfolgung, den wir nicht ohne weiteres auf Tiere übertragen können, weil sie ohne konventionelle Systeme dieser Art oder in einer zu unserer disparaten Lebenswelt leben.
Der Seeigel sieht nicht mit Augen, sondern mit über seine ganze Hautoberfläche verteilten lichtsensitiven Zellen; doch paradoxerweise reagiert er nicht auf Lichtreize, sondern auf ihren Entzug, wenn ein Schatten auf ihn fällt. Dann stellt er abwehrend seine Stacheln auf, denn sein Hauptfeind, der Seestern, könnte sich nähern. – Sollen wir sagen, der Seeigel sieht, auch wenn er keine Augen wie wir hat, auch wenn seine Sensorik nicht auf sichtbare Objekte, sondern auf Schatten reagiert, oder ist dies bloß eine Metapher?
Der Seeigel sieht den Seestern nicht in der Weise, wie es der Biologe tut; dagegen registriert er den Schatten, den sein Feind, der Seestern, wirft, als „Feindzeichen“, während der Wissenschaftler in ihm ein wertneutrales Objekt wissenschaftlicher Neugierde beobachtet und der touristische Strandgänger ein Objekt ästhetischen Wohlgefallens wahrnimmt.
Der physiologische Funktionskreis zwischen Muskeln und Nerven ist integriert in den „höherstufigen“ Funktionskreis zwischen Sensorik und Motorik, Sinneswahrnehmung (Sichtung eines Feindes, einer Beute) und zielgerichtete Bewegung (Flucht bzw. Greifen und Verschlingen). Der Kreislauf zwischen Sinneswahrnehmung und Bewegung ist abgeschlossen, wenn das „niederstufige“ vegetative System „übernimmt“ (Verdauung und Stoffwechsel) oder der Organismus zur Ruhe kommt (die Flucht gelingt).
Ist der Kreislauf zwischen Sensorik und Motorik unterbrochen, sagen wir von der mißlungenen Greifbewegung, sie habe ihren Sinn nicht erfüllt oder verfehlt. Wir weisen demnach nicht nur intentional ausgerichteten Gesten (Winken), sondern auch zielgerichteten animalischen Bewegungen (Greifen) einen Sinn zu.
Der paranoide Schizophrene sieht in bestimmten Passanten, die für uns emotional „ungetönt“ oder blaß bleiben, feindliche Objekte und verfolgt seine Verfolger, wenn er sich in die Enge getrieben oder herausgefordert fühlt, mit zielgerichteten Angriffsbewegungen. Diese Bewegungen haben den Sinn, den der Psychiater aus seinem Wahnsystem kohärent ableiten kann.
Die Äußerungen und Gesten des Psychotikers sind demnach in seiner Welt keineswegs sinnwidrig, sondern in unserer Welt wertneutraler Beobachtung (in der Welt der Passanten und des Psychiaters), wenn und insofern wir in den vom Kranken als feindlich identifizierten Objekten neutrale Gegenstände sehen.
In der Wahnwelt des Kranken sind die Opfer seines psychotischen Angriffs keine Opfer, sondern einer gerechten Strafe zugeführte Bösewichte; in der „Normalwelt“ des Psychiaters ist der Psychotiker kein Verbrecher, sondern das unschuldige Opfer seines Wahns; das gleiche gilt für den Untersuchungsrichter, der den mutmaßlichen Täter aufgrund des psychiatrischen Gutachtens als schuldunfähig erklärt.
Analog zum Schatten in der Welt des Seeigels können wir den fehlenden Reiz und die Negation in unserer Welt betrachten: Kommt der Freund nicht zu unserer Verabredung, sind wir mit Recht verärgert; aufgrund der bloßen Negation seiner Anwesenheit, seiner Abwesenheit, sind wir mißgestimmt. Und wir können mit Bestimmtheit sagen, daß wir uns geärgert hätten, wäre er nicht zu unserer Verabredung erschienen.
Übersetzen ist eine Weise, den Sinn einer Geste, einer Bewegung, einer Äußerung in einer korrespondierenden Geste, Bewegung und Äußerung zu bewahren. Wir können den Sinn der Geste des Winkens in die Geste des Zurufs übersetzen, den Sinn des freundlichen Lächelns in den Sinn der herzlichen Begrüßung, den Sinn der bejahenden Äußerung in den Sinn ihrer doppelten Verneinung.
Die Rettung oder die Bewahrung des Sinns in den verschiedenen Versionen seiner Übersetzung ist der logische Prüfstein unseres sinnvollen Tuns und Sprechens.
Der Sinn ist ein wesentlicher Begriff nur in Relation zu einem Organismus, einer vitalen Struktur, einer spezifischen Lebenswelt; der Schatten hat in der Welt des Seeigels den Sinn feindlicher Bedrohung, nicht in der Welt des beobachtenden Biologen; das Lächeln ist ein charakteristisches Element menschlicher Kommunikation; die biblische Schöpfungsgeschichte hat Sinn nur in einer spezifischen religiösen Lebenswelt.
Wenn wir den Sinnbegriff nicht auf rein sprachliche Systeme verengen, können wir unser Verstehen in dem Maße erweitern, in dem wir den Sinn der jeweiligen Bewegung und Äußerung im Kontext des korrelierenden Systems integrieren, worin sie ihre spezifische Leistung vollbringen. Das Sinn-Integral der Schattenwahrnehmung des Seeigels ist die ökologische Umwelt des Tieres; das Sinn-Integral des Lächelns ist die konventionell ritualisierte Welt menschlicher Kommunikation.
In exotischen Umwelten und technologischen Kontexten gelangen wir an die Grenzen der Anwendung des Sinnbegriffs; so wissen wir nicht zu sagen, ob wir den Begriff des Sehens bei der Schattenwahrnehmung des Seeigels sinnvoll verwenden, doch wissen wir, daß wir Begriffe der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens sinnwidrig auf die Funktionen von Computern und Robotern anwenden.
Die Maschine rechnet nicht in dem Sinne, wie wir rechnen, weil sie keine Zweifel über das Ergebnis anwandeln kann wie uns, wenn wir dadurch veranlaßt werden, die Gegenprobe zu machen. Die Maschine antwortet nicht auf unsere Fragen, wenn wir sie mit Daten füttern und einen Algorithmus zu ihrer Verarbeitung mitliefern, denn die Antwort, die sie uns in fehlerlosem Chinesisch gibt, weil wir sie mit den entsprechenden Daten (Wörterbuch) und dem entsprechenden Algorithmus (Grammatik) gefüttert haben (Turing-Test), versteht sie nicht, und sie lächelt nicht angesichts des Umstands, daß die gegebene Antwort ein Witz ist, der uns amüsieren sollte, und sie lacht sich nicht ins Fäustchen und ist nicht schadenfroh, weil wir ihn nicht verstehen.
Der Sinn der Gesten und Äußerungen des individuellen Lebens ist eine Ableitung seiner Funktion in der korrespondierenden Struktur und Ordnung der überindividuellen spezifischen Lebenswelt, in der er sich ausdrückt und erfüllt. Auf diese Weise regulieren und integrieren die Ordnung und das Curriculum der Schule den Sinn der Gesten und Äußerungen des Lehrers und der Schüler, die Ordnung der Familie und der Generationenfolge den Sinn der Gesten und Äußerungen der Eltern und Kinder, der Großeltern und Enkel, der Onkel und Tanten, der Neffen und Nichten, die Rechtsordnung und die kulturelle Überlieferung des eigenen Volkes den Sinn der Äußerungen, Handlungen und Entscheidungen des verantwortungsbewußten Staatsmannes, die Tradition der dichterischen Ausdrucksformen den Sinn der Äußerungen des Dichters, auch wenn sie jener neue Töne, neue Farben und Nuancen abgewinnen.
Ein ungrammatischer Satz ist sinnlos.
Eine Lebensäußerung und ein künstlerischer Ausdruck haben Sinn nur in dem Maße, wie sie sich einer höheren Ordnung unterwerfen und einfügen, auch und gerade, wenn sie eine zukünftige soziale oder ästhetische Ordnung antizipieren – man denke an die neue Lebensordnung der frühen christlichen Gemeinden oder an das Aufkommen der Polyphonie.
Die ungeschriebenen Grammatiken der menschlichen Lebensformen …
Liedes dunkle Rosen
Ward dir das Herz ein Knäuel wirrer Stimmen,
und deiner Seele Licht getrübt,
als hätte sie noch nie geliebt,
sieh, wie im Dunkel Liedes Rosen glimmen.
Ein Liebender, der am Ufer geht verlassen,
er hört das Rauschen nicht vom Strom,
sieht keinen Stern im hohen Dom,
ihm kann der Rose Duft ans Herz wohl fassen.
Die schlaflos auf zerwühlten Linnen liegen,
ihr Wahn krampft um der Türe Knauf,
ach, schließ das Fenster ihnen auf,
daß Zweige flüsternd sie in Schlummer wiegen.
Die treiben blind auf greller Bilder Fluten,
kein Auge ist ein stiller Teich,
ihr rauher Sinn wird wieder weich,
wenn ihnen Liedes dunkle Rosen bluten.
Das Lied will leuchten
Das Lied will leuchten mit Lupinen,
mit Veilchenaugen dunkeln,
in denen Tränen funkeln,
ermatten mit dem Tanz der Bienen.
Die Verse füllen sich wie Venen
mit dunklen Blutes Schwärmen,
in Herzen sich zu wärmen,
die hoher Liebe Gluten dehnen.
Es will in Mundes Wabe stecken
des Sommers goldne Süße,
der Liebe nackte Füße
will es mit zarten Gräsern necken.
Wenn Polster weiß auf Simsen kragen,
kristallen schimmert Stille,
taut schon die bleiche Hülle
sein Seufzen nach den Rosentagen.
Das dichterische Wort
Es näht zerrissnen Lebens Flicken
und fügt verlorne Teile
ins Hohe, Lichte, Heile,
schenkt Weite trüben Sehnsuchtsblicken.
Der Landschaft Farben werden heiter,
es dämpft das allzu Grelle,
was dämmert, kommt ins Helle,
im Abgrund ragt die Sternenleiter.
Wo uns die schweren Zungen stocken
und fühllos Klumpen ballen,
die plump ins Leere fallen,
löst sie die Anmut seiner Flocken.
Und rauscht der Nächte dunkler Flügel,
verwirren sich die Seelen,
weil Gnadenblicke fehlen,
rollt es den Mond auf Schwermut-Hügel.
Selige Flucht
Treiben wir auf Liedes sanften Wellen,
weiße Blüten, Lichtes Sprossen,
hoher Stille hingegossen,
die gemeine Laute nicht entstellen.
Lassen wir an uns vorüberziehen
Uferschatten, krauses Winken,
doch wo Schwäne Träume trinken,
soll der Anmut Bild uns nicht entfliehen.
Schüttelt Nacht aus schwarzen Flügeln Grauen,
Lippen blassen, Stirnen fahlen,
schenken Mondes weiche Strahlen
uns der Liebesblicke feuchtes Blauen.
Traurige Distichen
Welche Quelle könnte mit Geist sie wieder behauchen?
Unterm Asphalt erstickt ihnen die Muse des Lieds.
*
Einsam in düsterer Nische sinken dem Engel die Flügel.
Liebe entfachte sie einst, Wahn hat die Flamme gelöscht.
*
Auf dem Denkstein die liebliche Inschrift willst gern du entziffern,
doch mit schmutziger Hand hat sie der Zeitgeist zerkratzt.
*
Glocken haben der Kindheit Tage voll Ahnung durchflutet,
nun ward der liebliche Klang knirschender Sand dir im Schlaf.
*
Damals hat zwischen tauigen Reben uns Bläue gelächelt,
heute trinkst du den Wein einsam am lichtlosen Ort.
*
War die fröhliche Glut uns erweckt, wie sangen die Flammen,
was macht seufzen dich nun, Schwester, was feucht dir das Aug.
*
Sterne der Jugend, die einst uns bahnten die Pfade,
der unsern Herzen entquoll, Nebel, er hat euch verhüllt.
*
Als wir die Blüten streuten von Tulpen, Rosen und Veilchen,
war uns Kindern die Hand sanft, nicht von Mühsal verhornt.
*
Deren Atem würzten der Gärten heimliche Düfte,
streicht der Zeitgeist das Wort Heimat im Tagebuch durch.
*
Kräuter und Gräser sandten Aromen dem kindlichen Schlummer,
heut aber blaken im Traum Kerzen, und hell wird er nicht.
*
Himmlische Bläue und Regen stillten das kindliche Sehnen,
trinkst du auch heimischen Wein, stirbt doch die Sehnsucht vor Durst.
*
Augen der Borke, wild rauschende Wasser waren die Weiser,
grelle Bilder der Stadt führen ins Abseits dich stets.
*
Schweifende Tiere der Wildnis, sonnentrunkene Adler –
arme Schoßhündchen, habt trostlosen Stein zum Revier.
*
Wie denn könnte Eros zwischen Gas und Glas sich ergötzen,
lauscht er doch Schritten des Pan, seufzt unter ihnen das Gras.
*
In der Wüste finde, mein Dichter, des Liedes Oase,
lasset, ihr Musen, ihm süß quellen den Brunnen des Munds.
Zeichen und Winke
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Andenken an Sir Roger Scruton
In ihrer scheinbar gerechten, in Wahrheit tückischen Forderung, immer auf Augenhöhe mit dem anderen reden zu wollen, verbirgt sich die Angst, in den Schatten wahrer Größe zu geraten.
*
Die Kirchen sind noch geostet, die Herzen nicht.
*
Wo ihnen das Licht aufgehen könnte, verdunkelt sie ein Spiegel.
*
Schiefe Bilder und falsche Metaphern verwenden sie als philosophische Aufputschmittel und bemerken nicht, daß sie den Geist einschläfern.
*
Der fehlende Genetiv ist ein untrügliches Zeichen dafür, daß sie der Opfer, der Ahnen, der Toten nicht gedenken.
*
Sie reden wie das nasse Kraut, das man schüttelt, und die Tropfen fallen.
*
Der Ausverkauf des Konjunktivs ist ein Zeichen für den Niedergang logischen Denkens. – Die Aussage, er hätte es nicht getan, wären ihm die Folgen seines Tuns bewußt gewesen, impliziert das Gegenteil der Aussage, daß er die Folgen vor Augen gehabt habe, denn dann hätte er es getan, obwohl er es wußte.
*
„Entwicklung“, „Evolution“, „Fortschritt“ – das sind modische Floskeln, die nicht mehr sagen, als daß ich heute hier bin, weil ich nicht mehr dort weile, wo ich gestern war – also nichts.
*
Die Annahme des Aristoteles, daß alles mehr oder minder beseelt sei, und diejenige des Descartes, Tiere seien eine Art seelenloser Maschinen, bezeugen den Gegensatz des künstlerischen Denkstils der Antike und des technischen der Neuzeit.
*
Je mehr der Sinn für das Sakrale schwindet, umso protestantischer wird die katholische Kirche; bis sie auch die letzten Bilder einschließlich des Kruzifixus abhängen und die Messe zu einem geselligen Abendmahl zwecks Hebung sozialer Gefühle inszenieren.
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Der Hammer korrespondiert dem Nagel, der Schlüssel dem Schloß, der Henkel der Hand, die Tasse der Flüssigkeit und dem Mund, die Biene der Blüte, der Mann der Frau, die Kultur der Sprache, der Satz dem Sinn. – Wem aber der Mensch? Die Tradition nannte diese Entsprechung „Gott“.
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Die Logik, die Mathematik, die Sprache sind normative Disziplinen. – Die falsche Metapher macht den Satz so sinnlos wie die Anwendung der falschen Formel die Auflösung der Gleichung und der Fehlschluß das Argument.
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Wären wir in einer platonischen Höhle eingeschlossen und wäre unsere Sprache ein Idiolekt dieser Höhle, könnten wir nicht sagen, ob es nebenan noch eine andere Höhle gibt, in der ebenfalls Leute wie wir hausen.
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Doch wir können ein wenig mehr sagen, etwa: Hätten die Leute von nebenan eine Sprache, müßten sie ihre Zeichen so verwenden, daß sie nicht nur etwas benennen, was sie selber sind (wie das Farbmuster für „Rot“ selber rot ist), und nicht gleichzeitig das Gegenteil des Gesagten zulassen, kurz, die Zeichen so verwenden wie wir, denn sonst wäre ihre Sprache keine Sprache. – Somit wissen wir, was eine Sprache über einen bloß lokalen Idiolekt hinaushebt oder was jeden Idiolekt zur Sprache macht.
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Mit dem logischen Widerspruch oder dem Unsinn gelangen wir an die Grenze des Aussagbaren, ohne sie überschreiten zu können; denn wenn wir den Widerspruch, wie geboten, auflösen, sind wir gleichsam logisch wieder zu Hause.
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Der Unsinn zeigt sich als Signatur des Zeitalters; denn jenseits aller Normen glauben sie sich zu feiern, indem sie Farben schmieren und es Kunst, Laute leimen und es Dichtung nennen.
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Daß wir das Zeichen als Zeichen begreifen und die Ordnung der Zeichen als normativ, deutet darauf hin, daß ein wenig Licht in unsere Höhle fällt, auch wenn wir nicht wissen, woher.
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Daß wir existieren, daß es die Welt gibt, daß wir etwas sagen und darstellen, was wahr ist und gilt, berührt die Grenze, denn begreifen können wir es nicht.
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Die Logik hat keinen Grund, der sprachliche Sinn hat keinen Grund. Die Gewißheit, die wir der Folgerung entnehmen, daß Sokrates sterblich ist, wenn alle Menschen sterblich sind und er ein Mensch ist, können wir nicht weiter begründen, ohne wieder auf Verfahren gültiger Argumente zurückzugreifen, sondern nur intuitiv einsehen. – Den Sinn des Satzes: Sokrates war der Lehrer Platons, können wir verdeutlichen, wenn wir ihn als Relation zwischen den Namensträgern analysieren, was uns erlaubt ihn so umzuformen: Platon war der Schüler des Sokrates; aber der Sinn des Satzes läßt sich nicht begründen, ohne wiederum auf den Sinn von Begriffen wie „Namen“ und „Relation“ zurückzugreifen, sondern nur intuitiv einsehen.
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Die griechischen Götter nennt Homer „die leicht Lebenden“, wir können sagen, die Heiteren, weil der Stachel des Todes sie nicht trifft; sie sind daher dem dunklen Ernst des Lebens, der auch ein Spiel sein mag, aber wie wir es aus dem Tierreich und dem geistigen Tierreich der menschlichen Geschichte ersehen, ein Todesspiel, glücklich entronnen. Die Zeichen des Mythos geben uns diesen Wink.
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Wir werten und verwerten alles, wir nutzen und vernutzen alles, einschließlich unserer Mitmenschen und unserer selbst; doch der Sinn für das Sakrale und Numinose rückt etwas abseits von Gebrauch und Verzehr oder der Beschmutzung durch die mit Blut befleckten Hände: das heilige Buch, die geweihten Bilder, die eucharistischen Substanzen. – So auch die Musik, die Dichtung, die als Lobgesang und Hymnus aus dem sakralen Bereich herrührt oder noch seine Spuren trägt.
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Das Heilige kann auch das Reine genannt werden, das wohl – die eigentliche Sünde – entweiht werden kann, aber an sich unberührbar ist. – Daher die Bedeutung des Reinen in der Dichtung Hölderlins, aber auch die numinose Angst vor der Entweihung, die sich vielfach in ihr ausdrückt.
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Das Heilige kann nur im Ritual vergegenwärtigt werden; so im jüdischen Ritual der Tora-Verehrung, im christlichen Meßritus.
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Die Hymnen Hölderlins haben einen rituellen Sinn, insofern sie die Ankunft der Gemeinde bei der festlichen Verehrung des von ihnen beschworenen Heiligen evozieren.
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Wie es keinen Grund oder keine naturwissenschaftliche Erklärung für das logisch Wahre, das mathematisch Beweisbare und das sprachlich Sinnvolle geben kann, so auch keine naturalistisch-evolutionäre Erklärung für das Heilige; denn eine solche bedient sich eines Trugschlusses, der den Sinn für das Heilige auf das gemeinschaftsstiftende Ritual reduziert, während beides gleichursprünglich ist.
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Das Gold der Ikone, die blauen Lüfte Hölderlins, die selig in sich webenden Melodien Mozarts sind mehr als Zeichen für seelischen Reichtum, ein heiteres Gemüt, eine lebenstrunkene Hochgestimmtheit, sie geben uns Winke.
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Das logisch Wahre, das mathematisch Korrekte und das sprachlich Sinnvolle stehen für sich selbst. Wir mögen den sinnvollen Satz paraphrasieren oder in andere Sprachen übersetzen; den Sinn aber müssen wir bei allen Verfahren der Transformation bewahren.
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Wir können eine Melodie Mozarts musikalisch paraphrasieren oder transponieren; den Sinn aber müssen wir bei allen Verfahren der Transformation bewahren. Doch ist er uns nie unabhängig von seiner intuitiven Erfassung gegeben.
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Der Sinn der Melodie kann nicht in ein anderes Medium übersetzt werden; schon unsere sprachlichen Etiketten wie „heiter“, „melancholisch“, „getragen“ oder „tänzerisch“ sind nicht mehr als kurzatmige wertende Einordnungen.
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Wie wir die Melodie nur durch Hören in uns aufnehmen, so das Lächeln eines Gesichts oder die Aura einer Landschaft nur durch Sehen.
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Das Lächeln läßt sich nicht beschreiben; wir können es nur mit Etiketten wie „freundlich“, „erstaunt“, „trügerisch“ oder „augurenhaft“ versehen, aber nicht ins Medium der Sprache übersetzen.
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Unser Dasein in der Welt korrespondiert der Struktur unserer Erfahrung, und all unsere Erfahrung ist von Subjektivität getönt. Wir hätten keine Sprache (sondern es gäbe nur einen Code), würden wir sie nicht in unserem Sprechen von diesem Ding oder Ereignis dort zu diesem Dialogpartner hier zentrieren. Die Subjektivität unserer Erfahrung steht nicht der Objektivität unserer möglichen Einsichten entgegen; denn fehlte sie uns, ginge uns jede Form von Erfahrung ab.
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Ähnlich wie das logisch Wahre, das mathematisch Beweisbare und das sprachlich Sinnvolle gibt uns die Tatsache der menschlichen Ich-Zentriertheit oder des menschlichen Bewußtseins einen Wink.
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Ebensowenig wie Logik, Mathematik und Sprache kann die Subjektivität des menschlichen Lebens naturwissenschaftlich oder naturalistisch-evolutionär erklärt werden. – Erklärungen sind schon eine Form des subjektiven Daseins.
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Der lebendige Ausdruck des subjektiven menschlichen Daseins ist das Gespräch und jede Weise des sprachlichen und zeichenhaften Austauschs; er kann nicht naturwissenschaftlich als Mechanismus oder konditioniertes Verhalten aufgrund von Reiz und Reaktion erklärt werden. Denn wir können schweigen, statt zu antworten; können die gegebene Antwort in Frage stellen; können das Thema wechseln. Auch wenn unser Reden durch institutionelle Rahmenbedingungen eingeschränkt ist wie beim Einkauf, bei einer Verhandlung, vor Gericht, sind wir unserer Spontaneität nicht völlig beraubt.
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Die Subjektivität unseres Daseins ist leibhaftig präsent in den Formen unseres Wohnens, die uns das Gefühl geben, zu Hause zu sein. Dazu gehören nicht nur Möbel, Eßzeug, Tapeten und Gardinen, sondern Speisen und Getränke, Dekor und Blumen, Werk- und Feiertage, Arbeit und Muße, Familie, Freundschaft und die Riten von Feier und Fest.
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Die Anordnung von Tisch und Stühlen, von Tassen und Tellern, der Blumenschmuck in Vasen und Schalen, die Auswahl der Kleidung, die zeremonielle Begrüßung der Gäste, der Verlauf der Plaudereien und Gespräche – all dies steht in Korrespondenz zur Ordnung dichterischer Formen, zur Einteilung der Leinwand bei einem Stilleben oder einem Landschaftsbild, zur musikalischen Struktur eines einfachen Lieds oder einer komplexen Sonate.
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Wen wollen wir einladen? Welche Blumen passen zum festlichen Anlaß? Welche Lieder wollen wir singen? Willst du zu Hause oder in der Klinik sterben? Unsere Lebensfragen sind keine wissenschaftlichen Fragen und können nicht durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden gelöst werden.
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Rhythmus, Gestalt, Ordnung, sie geben dem alltäglichen Dasein, den Tagen und Taten, dem Alleinsein und dem Mitsein, aber auch den Werken der Dichtung und Kunst jenes Flair und jene Aura von Würde und Schönheit, die mehr als Zeichen des sich bejahenden Lebens sind, sondern ebenso Winke in einen unser Dasein geheimnisvoll umgreifenden Hintergrund, auch wenn er nur intuitiv einsichtig und nicht gänzlich begreifbar und begründbar sein mag.
Die Blume des Lieds
Das Lied, des Winds Gespiele,
weht über Mauern blütengleich,
als ob es wie die Liebe weich
zu deinen Füßen fiele.
Das Schimmern einer Flocke,
aus nächtlich blauem Vlies gerupft,
des Flieders weißer Schaum, geschlupft
in deines Schlummers Locke.
Die Seelen, lebende und tote,
geborgen sanft von seiner Lust,
sind dunkel dir wie Duft bewußt,
bricht auf dir seine Schote.
Mit Tränen, Musengaben,
erweicht es dir das Bild der Welt,
sein Melos hat dein Herz erhellt,
du sollst die Blume haben.
Der Abweg der Liebe
An Nebelfäden blassen Lichter,
die müde Liebe streift durchs Laub,
dem Ruf des Vogels bleibt sie taub,
der Ruf erstirbt, das Laub wird dichter.
Des Atems Gras ersticken Tücher,
von dumpfen Krämpfen ausgedünnt,
auf denen Mondes Milch verrinnt,
von Schmerzenslicht gebleichte Bücher.
Wie Trunkne sich an Gitter lehnen,
wo grauen Tau das Blattwerk weint,
die Feuchte zum Kristall versteint,
so funkelt kalt ihr krankes Sehnen.
Wohl mag sie sich ans Ufer betten,
von Wassers Raunen zart durchzuckt,
als hätte Kräuter sie geschluckt,
die Einsame in Träume retten.
Der Duft der Muse
Im Wechsel atmet Harmonie,
des Lichtes weiche Übergänge
und sanften Abends Widerklänge
sind uns, was hoher Geist verlieh.
Geflügelt schwebt der Engel Chor
durch trunkner Anmut Veilchenbläue,
es schneien Blüten reiner Treue
aus offnen Paradieses Tor.
Und die am schwarzen Mahnmal stehn
und bitter um das Liebste weinen,
soll goldne Dämmerung umscheinen,
wenn sie zum Trauermahle gehn.
Wie Tropfen glänzt des Liedes Charme
an Blättern dem erquickten Leben,
sie wollen frische Fühlung geben,
vom Herzen lösen Staub und Harm.
Und die in Winkeln Schwermut hemmt,
sich in Gesanges Flut zu stellen,
berauschen seine Wunderwellen,
das Dunkel ist schon fortgeschwemmt.
Und was man von den Weisen sagt,
daß lächelnd sie am Tore danken,
geschieht, weil Musen-Duft sie tranken
und über Mauern eine Rose ragt.
Der Strom des Lieds
Wir wollen es mit Wellen künden,
auf denen Sonne blinkt,
auch wenn die Blüte sinkt,
in blauen Buchten soll das Lied uns münden.
Der Strom ist goldnen Bildern Spiegel,
und sind sie bald verblaßt,
das Herz hat sie erfaßt,
geschmolzen in der Sage Tiegel.
Und wirbeln Stürme auf Gespenster,
verwüstet die Gestalt
der Wetter Urgewalt,
bald atmet Frieden uns durch Himmelsfenster.
Den Kindern, die am Ufer spielen,
beglänzt ein bunter Schaum
der wilden Herzen Saum
und trägt ihr Boot zu Sehnsuchtszielen.
Die Schiffe, die im Dunkel schaukeln
und gießen süßen Schein,
entzückter Rufe Wein,
soll unser Walzertanz umgaukeln.
Und geht es hin durch Wüsteneien,
da Abgrunds Felsen schrofft,
kein Menschenherz mehr hofft,
soll sich das Lied den Toten weihen.
Frühling
O dunkler Schmerz in hellem Blühen,
wenn weißen Flieders Schaum
das Herz bestäubt mit Traum,
und Knospen, Knospen, die erglühen.
Wie darf den Abgrund Bläue füllen,
und über Hecken springt,
mit grünen Wassern singt
die Kreatur dem Geist zuwillen.
Wir grauen Seelen wollen wieder
von süßem Rosenlicht
erflehen ein Gesicht,
das glänzt vom Tau der Sonnenlieder.
Ihr Märzenbecher und Ranunkeln,
ihr Veilchen, feuchtes Moos,
ihr seid des Liedes Schoß,
der Schöpfung Licht, wenn Zweifel dunkeln.
Die Liebe kommt, ein leises Säuseln
von treuem Laub und Gras,
wenn die Erinnerung genas
bei weichen Wassers zartem Kräuseln.
Die trüben Bilder, die uns höhnten,
die Worte sinnentblößt,
sind alle nun erlöst,
weil Tränenblicke uns versöhnten.
Analogia entis
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die schlichte Tasse ist mittels ihrer Rundung mundförmig, ihres Henkels handförmig gebildet.
So ist der Flügel windförmig, die Flosse wellenartig, das Auge sonnenhaft.
Wir erblicken die Sonne am Himmel, doch das blaue Gewölbe des Himmels ist der Horizont unserer Lebenswelt, in dem wir die Lerche steigen sehen – die Lerche aber sieht ihn nicht.
Das Blatt ist im ununterbrochenen Gespräch mit dem Wind, dem Licht, dem Regen.
Die Form, die Aderung, die Struktur des Blattes ist eine Resonanz, ein Echo, eine Antwort auf den Wind, das Licht, das Wasser.
Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind keine neutralen Objekte mit wesentlichen und akzidentellen Eigenschaften, sondern Bedeutungsträger unseres Weltumgangs.
Der Sessel ist eine Resonanz unserer körperlichen Gestalt, des Rückens, der Arme, der Beine.
Der Körper, die Seele, der Geist von Mann und Frau stehen in harmonisch-kontrapunktischer Spannung.
Der Mann versteht die Frau nicht, die Frau nicht den Mann, sondern beider Selbstverständnis und Selbstgefühl wächst und intensiviert sich, je mehr sie vom Gegenpart in sich aufnehmen.
Das Dasein von Biene, Hummel, Falter ist ein Moment im Dasein der von ihnen bestäubten Blüten, die Blütenpflanze ist ein Moment im Dasein von Biene, Hummel, Falter.
Die Sonne des Astronomen und Physikers ist nicht die Sonne des Adlers, des Gärtners, des Malers.
Die Vergangenheit ist keine Vorstufe der Gegenwart, die Gegenwart keine Vorstufe der Zukunft, alle Zeiten schwingen zugleich wie eine Schale unter Schalen, eine mittönende Glocke unter tönenden Glocken in der Ewigkeit einer unendlichen Melodie.
Eine kaum angeschlagene Melodie kann man intuitiv fortsetzen und vollenden.
Eine Betrachtung der Hand ist sinnlos ohne eine Analyse von Begriffen wir Handwerk und Handlung.
Kulturen sind wie Pflanzen, die in ihrem Wuchs, ihrer Blütenform, ihrem Duft ganz verschiedene ökologische Umwelten widerspiegeln.
Man kann Rosen nicht mit Disteln kreuzen; freilich sie mittels Pfropfen veredeln. – So wurde die römische Kultur mittels Aufpfropfen der griechischen veredelt.
Alles Erleben gründet auf Formen des Empfindens, alles Empfinden setzt den Unterschied dessen, der empfindet, vom Empfundenen als mehr oder weniger deutlich voraus. Demnach ist alles Erleben, tierisches und menschliches, in unendlich feinen Abstufungen ichgetönt.
Es ist augenscheinlich, daß sich eine Farbempfindung wie Blau oder Grün innerhalb eines Gesichtsfeldes abspielt; ein Gesichtsfeld aber sprechen wir demjenigen zu, der die Empfindung hat.
Können wir keinen noch so unscheinbaren Subjektpol ausmachen, dem wir ein Gesichtsfeld zusprechen, ist es sinnlos, von einer Farbempfindung zu reden. Es gibt kein Blau oder Grün außerhalb der Erlebniswelt des Lebewesens, das eine solche Farbempfindung hat – ob es nun eine Biene ist oder ein Mensch.
Dies gilt naturgemäß auch für jene Dinge, deren Farbwert wir wahrnehmen; Rosen sind ein unserer Lebenswelt zugehöriger Bedeutungsträger von Farben, Düften, Symbolen der Liebe; die sie bestäubende Biene weiß nichts von ihnen.
Alles Empfundene hat innerhalb eines durch Schwellenwerte abgegrenzten Empfindungsfeldes eine unmittelbare Relevanz oder Lebensbedeutung für den Empfindenden.
Wir beobachten, was der andere empfindet, und lesen es an seiner Mimik und Haltung ab oder entnehmen es schlicht dem, was er sagt. Unsere Beobachtung der Erlebnisweisen des anderen modifiziert unser eigenes Erleben, das sich wiederum in unserer Mimik und Haltung oder schlicht in dem ausdrückt, was wir sagen. So geraten wir in eine reflexive Schleife des Erlebens, die sich in Erregungen steigern oder in Erschöpfung, Redundanz und Langeweile erschlaffen kann.
Die Lebenswelt, in der Hans lebt, mag eine Variation der Lebenswelt sein, in der Hilde lebt; dennoch sind sie nicht vollkommen aufeinander abbildbar oder auseinander ableitbar.
Wenn Hans und Hilde als Paar miteinander leben, ist ein Dritter stets anwesend: das Kind, auch wenn sie keines haben. – Denn Körper und Seele von Mann und Frau sind (mag der Aberwitz des Zeitgeistes es auch stumpfsinnig verkennen oder böswillig abstreiten) kontrapunktisch komponiert, und der Sinn dieser Komposition ist die Möglichkeit des Kindes.
Wir können in den subjektiven Mittelpunkt fremder Lebenswelten nicht eindringen; wir können mit Tieren und Menschen nur in Korrespondenzen leben, so mit dem Hund als Kumpan, dem Mitmenschen als Freund oder Feind, Gatten oder Kind.
Der Flügel ist eine kontrapunktische Komposition auf die Luft und den Wind.
Der menschliche Fuß ist ein analoger Widerpart der Erde, auf die er tritt.
Der Mund steht in Korrespondenz zur Nahrung wie der Fuß zum Erdboden; das Besteck steht in Korrespondenz zum Mund wie der Schuh zum Fuß.
Das Integral des Munds ist der Stoffwechsel, das Integral des Fußes der Weg.
Die Technik steht in Korrespondenz zur Natur; der Leisten, über den der Schuster das Leder schlägt, hat sein Maß am Fuß.
Der blind Geborene weiß nicht, was Dunkelheit ist.
Wir kennen und bezeichnen die Eigenschaften der natürlichen und technischen Dinge gemäß der Bedeutung, die sie in unserer Lebenswelt haben. Die Eigenschaften, die wir dem Wasser zusprechen, stehen in Korrespondenz zu seiner Bedeutung als unverzichtbares Element unserer Lebensform. Ob es chemisch H2O ist oder XYZ, spielt dabei keine Rolle.
Aufgrund angeborener Verfahren der Projektion verwandelt sich der Reiz in ein Bild oder Merkmal; der Reiz auf der Netzhaut verwandelt sich in das Bild des gesehenen Dings. Die Reizverarbeitung ist elektro-chemisch; das Verstehen des Bildsinns ist es nicht, sondern akausal und intentional.
Der ursprüngliche Weg ist der Heimweg, der uns aufgrund erlernter Wegmarken vertraut ist. Geraten diese aus der Sicht oder dem Gedächtnis, irren wir auf Abwegen umher.
Man kann die Reizquelle identifizieren, wie den Lichtpunkt im Gesichtsfeld; aber nur die aufgrund der Reizumwandlung erzeugten Merkmale lassen sich beschreiben. Dazu verwenden wir Merkmalzeichen wie: hier und dort, vorn und hinten, links und rechts, hell und dunkel.
Die vom Geiger erzeugten Töne wirken auf uns als akustische Reizquelle; aber wir hören die Melodie; diese ist ein Komplex akustischer Merkmale, die wir mit mehr oder weniger differenzierten Merkmalzeichen oder ästhetischen Etiketten beschreiben, etwa: laut oder leise, hoch oder tief, hell oder dunkel, sanft oder schrill, heiter oder melancholisch.
Bei den ersten Klängen einer Melodie sind wir geneigt, sie antizipierend fortzusetzen und zu vollenden; nicht so beim Kreischen einer Säge oder dem Lärm eines startenden Flugzeugs.
Die Ignoranz der Philosophen wollte uns weismachen, in der Natur herrsche das planlose Herumtasten oder evolutionäre Chaos von Versuch und Irrtum, Mutation und Anpassung; doch gleicht die Natur (wollen wir denn ein Bild haben) eher einem Konzert, bei dem die Instrumente aufgrund einer genialen, sich gleichzeitig mit der Aufführung verwirklichenden Kompositionstechnik harmonisch zusammenstimmen.
Das Spinnennetz ist eine kontrapunktische Abbildung seiner Beute, der Fliege.
Spinne und Fliege, Blüte und Biene, Mann und Frau stehen zueinander in einer isomorphen Abbildbeziehung oder einer Analogia entis.
Was die Melodie in der musikalischen Komposition, ist der Satz in der menschlichen Sprache.
Der Zusammenhang der Töne, die eine Melodie bilden, ist kein mechanischer oder kausaler; der Zusammenhang der Laute oder Schriftzeichen, die einen Satz der menschlichen Sprache bilden, ist ein grammtisch-normativer.
In begrifflich konfusen Zeiten bedarf es mühsamer Besinnung, um der Wahrheit der klassischen Auffassung, die Natur sei das Paradigma der Kunst, wieder einen Sinn abzugewinnen.
Wir verstehen die Klassik aber besser, wenn wir auch umgekehrt die Kunst als Paradigma der Natur gelten lassen.
Das Bild ist eine Projektion des Reizes; die Melodie ist eine Projektion der Partitur.
Was die Partitur für die Melodie, ist der genetische Code für die Lebensform des Subjekts.
Wir können den uns ansprechenden Bildausschnitt mit kleinen musikalischen Sinneinheiten wie dem Motiv oder dem Akkord vergleichen; die kleinste sprachliche Sinneinheit kann demnach kein Phonem, sondern nur das Wort sein.
Wir gelangen mittels einer solchen Grenzwert- oder Differentialbetrachtung an die tragenden Sinneinheiten des Lebens und des lebendigen Ausdrucks; jenseits liegt das Unsagbare.
Die Noten der Melodie sind nichts anderes als die Aufzeichnung eines musikalischen Gedankens; und dieser kommt, wenn er denn originell ist, durch den Vorgang, den wir Inspiration nennen, aus dem Nichts oder dem Jenseits des Vorstellbaren.
In diesem Sinne entspringen die schöpferischen Gedanken, die sich in den Organismen und ihren Lebenswelten verkörpern, dem Nichts oder dem Jenseits dessen, was wir denken und uns vorstellen können.
Die Analogie bricht ab, wenn wir zur Quelle und zum Ursprung gelangen.
Mozart, Serenade
Uns übermannt ein Grausen,
als strömte Blumen-Klang
in diesen schwarzen Gang,
wo wir Gespenster hausen.
Enterbten hohen Lebens,
in Düsternis erstarrt,
von hohlem Wort genarrt,
schenkst du das Glück des Schwebens.
Du hast das Herz gezogen,
ein Schwan, der Süße trank,
als ob der Schmerz versank,
in deines Liedes Wogen.
Dem Augenblick geboren,
der wie ein Stern erscheint
und Liebe ewig meint,
sind wir uns unverloren.
Wenn deine Harmonien
uns wärmen wie dunkler Wein,
will Abendsonnenschein
in goldne Fernen ziehen.
Als hätten wir vom Baume
die wahre Frucht gepflückt,
ward unser Geist entrückt,
ein Schaum in buntem Schaume.
Und langsam wird er blasser,
streift deines Liedes Strahl
wie Mondes Küsse fahl
auf dunklem Seelen-Wasser.
Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=x4gXCsdFlbU
Die verborgene Quelle
Wir wollen zu der Quelle gehen,
von Traumes Laub verhüllt,
die wie die Wunde quillt,
wenn weiche Frühlingswinde wehen.
Wir wollen ihrem Lallen lauschen
und ihrem Sehnsuchtston,
es glänzt die Lippe schon,
wenn wir beredte Blicke tauschen.
Wir salben unsre müden Glieder
mit blauer Sage Schaum,
wie schöne Kinder kaum
erwacht ruft uns das Leben wieder.
Und heimwärts wandeln wir im Schweigen,
dem Gold, das Abend schenkt
und uns zu Fenstern lenkt,
wo sich der Liebe Blumen zeigen.
Die schöne Sitte
Wenn wir zum Willkomm Blumen reichen,
zum Abschied einen bunten Stein,
und trinken zum Gedächtnis Wein,
verklären uns die schönen Zeichen.
Wenn Würdige wir mit Versen ehren,
die rauschen wie ein grünes Blatt
im Eichenbaum, der viele hat,
kann Hochsinn unserm Unwert wehren.
Und stellen wir aufs Grab die Kerzen,
daß eines Toten Angesicht
im Dunkel werde wieder licht,
blaut über uns der Rauch der Schmerzen.
Hat Sanftmut weiße Blüten in Schalen
vorm Bild der Liebe ausgestreut,
glänzt unter Tränen es erneut,
und leise Trauer dämpft die Qualen.
Die schönen Gesten breiten Schimmer,
hat Herz und Hand sie zart vollbracht,
dem dunkelblauen Samt der Nacht,
sind wir schon fern, sie leuchten immer.
So mag der Veilchenduft der Lieder
ins aufgetane Fenster wehn,
auch wenn wir bald von hinnen gehn,
im Frühling kehren sie ja wieder.
Adresse unbekannt
Ach, Bruderherz, hast du noch Funken,
noch jenen Glanz im Blick,
denkst noch das stille Glück,
wie wir den Moselwein getrunken?
Ach, Schwesterherz, weißt du noch Lieder,
wie einst in jener Nacht,
als es der Mond vollbracht?
Nur eines, eines sing mir wieder.
Ach, Bruderherz, liebst du noch Rosen,
den Duft, der süß betäubt,
und was wie Schlaf bestäubt,
den Schnee der Küsse, Flockenkosen?
Ach, Schwesterherz, mag dich noch schmücken
von Veilchen hold ein Kranz
wie einst zu unserm Tanz?
Nur eines, eines laß mich pflücken.
Liedes Charme
Dem Andenken an Clemens Brentano
Daß wir der Liebe noch gedächten,
strömt deines Herzens leiser Sang
wie ferner Heimat Widerklang
im Quell von hohen Sommernächten.
Kaum aufgeblüht wie Wasserrosen
versinkt sein Ton oboenweich
in grünem Dämmer schwanengleich,
die Stille lassend Ruhelosen.
Beklemmen uns die grausen Bilder,
wenn Mißgestalt die Anmut höhnt,
hat uns dein Lied sogleich versöhnt,
denn seine Tränen machen milder.
Und dünken wir uns fern vom Glücke
und dürftiges Gefühl sich arm,
beglänzt es wie mit Tau dein Charme,
dein Lächeln schenkt uns Liebesblicke.
Mag Sturm zerzausen uns die Reben
im alten Wingert überm Rhein,
wir trinken deines Liedes Wein,
er wärme unser kleines Leben.
Auf Lichtes Stufen
Dem Andenken an Gregorio Allegri
Wie Funken, die im Dämmer sprühen,
wie weiße Blüten in der Nacht,
hat Leuchten uns dein Lied gebracht
und Tränen, die im Dunkel glühen.
Wie die um Nektar summen, Bienen,
ein Kleid, von Seufzern zart gewebt,
ein Kind, von warmer Brust belebt,
ist tröstend uns dein Lied erschienen.
Wie frisches Grün nach den Gewittern
zeigt sich der hohe Geist der Welt
in deinem Liede unverstellt,
wenn Herzen, offne Knospen, zittern.
Es schwebt voran auf Lichtes Stufen
und kniet in goldner Stille Glanz,
fern schimmert uns sein Lorbeerkranz,
zum Paradiese uns zu rufen.
Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=6n9EyT1R3l0
Zigan, Zigan
Die Flamme singt und Feuer fängt
dein wildes Herzgestrüpp, Zigan.
Steigt nackt dein Schrei durchs Schilf hinan,
wenn Traum und grüne Welle drängt?
Die Weide weint, dein Schmerz, er wringt
aus ihrem Haar den Tau, Zigan.
Was hat die Liebe dir getan,
daß Flamme dir im Herzen singt?
Das Wasser schweigt, der Mond erklimmt
dein schwankes Wehmutnest, Zigan.
War mit dem Stern zu wandern Wahn,
wenn heller Schlaf mit Schwänen schwimmt?
Die Flamme singt, auf Asche sann
dein Herz, die grüne Nacht, Zigan.
Was hat die Liebe dir getan,
daß dir der Tau des Lieds zerrann?
Vom magischen Denken
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wie der Traum und die optischen und akustischen Visionen der Geisteskranken schöpfen auch die Kunst und die Dichtung aus den Quellen magischen Denkens.
Eine Gruppe, ein Volk, eine Nation, denen die Quellen magischen Denkens versiegt sind, mag sich dem Typus des Primitiven gegenüber intellektuell und moralisch überlegen dünken, hat aber die Macht und Kraft eingebüßt, auf symbolischer Ebene noch Wesentliches und Entscheidendes auszudrücken.
Die Deutschen haben sich die Quelle magischen Denkens von der Säure einer angeblich höheren Moral vergiften lassen.
Wenn die Politik oder die Moral die künstlerische Aussage in Beschlag nehmen, stehen wir vor Kitsch, Aberwitz oder flachen Spielereien.
Er hörte in der tiefen Stille des Waldes seinen Namen rufen. Dies ist eine Urform magischen Denkens, sie begegnet in der Schizophrenie sowohl als auch im religiösen Erleben.
Primitive magische Erfahrungen wie das Gehen auf vertrautem Pfad, der sich im Urwald verliert, aus dem ein Tier, ein Vogel, ein Fuchs oder ein Hirsch, den Ausweg zeigt, das Tor als Hindernis und das Zauberwort als Schlüssel, bei dem es sich von selbst auftut, die Verwandlung in höchster Gefahr in ein magisches Wesen, das beflügelt durchs rettende Schlupfloch fliegt – sie gehören neben vielen anderen magischen Bildern und Motiven zum Urstoff der Märchen, Sagen, großer Dichtung.
Wenn wir wissen, wonach wir suchen sollen, finden wir den Zwerg oder das Kaninchen im überwucherten Rätselbild; das magische Suchbild ist abstrakt und wie ein Ahne der platonischen Idee.
Der Besessene sieht in seiner Umwelt nur die Entsprechungen seines magischen Suchbildes.
Die magischen Bilder von Freund oder Feind, Stammes- und Artgenossen oder Fremden, schwimmen wie Lichtpunkte durch unsere Adern; ähnlich vielen Tieren, die wie manche Vögel oder Katzen imaginäre Beutetiere verfolgen.
Paradies und Hölle sind primitive Bilder magischen Denkens, das Idealbild der Heimat, das Extrembild des Elends.
Eros in seiner sublimen Gestalt wie bei Goethe oder seiner dämonischen Entstellung wie bei Baudelaire und de Sade nährt sich durchaus von magischen Bildern wie dem Spiegelbild, Blume und Blüte, Sonne und Stern, Tropfen und Träne, Stimme und Echo oder dem blinden Spiegel, Stein und Kot, Asche und Rauch, Urin und Flut.
Daß sich seelische Konflikte in sexuellen Bildern ausdrücken, liegt nicht an der patriarchalischen Sexualmoral, sondern daran, daß in den Wäldern und Wüsten der erotischen Bilder auch Ödipus und seine Familie hausen.
Der Jungvogel, der erstmals den Wanderweg vom südlichen Afrika nach Skandinavien durchfliegt, sieht in der realen Landschaft die angeborenen magischen Suchbilder, die ihm Orientierung verleihen.
Die Fratzen und Gesichter des Grauens, die wir in der Rinde verwachsener uralter Eichen, in Felsbrocken oder Wolken gewahren, sind den Traumbildern noch nahe; sie fanden ihre Wirkungsstätten in den Schwellentieren der gotischen Kathedralen, der indischen Tempel, der japanischen Pagoden.
Der Eros Goethes ist noch dämonisch und mit magischer Energie geladen, bei Heine wird er in ironisch gewürzte Tändelei und ein harmlos-resignatives Anspielungsvirtuosentum aufgelöst. Finden wir eine Abwandlungsform dieser Ironie, wenn auch zum Abwehrzauber gesteigert, nicht auch bei den Patriarchen und Propheten gegenüber den von ihnen als Fratzen und Greuel erlebten Göttern ihrer Anrainer?
Bei vielen ist, was sie als Vernunft, Rationalität, Aufklärung beschwören, der Abwehrzauber gegen die Schatten, Risse und Greuel des magischen Bilds.
Das magische Bild, das einen nicht losläßt, wie der eigene Schatten, über den man nicht springen kann.
Die intensivste Form magischer Bezugnahme und magisch evozierter Hingabe ist die Musik; das beginnt mit Trommeln und Singen am Lager- und Herdfeuer, dem von Gesang, Klatschen, Flötenspiel begleiteten Tanz um das Kultbild, sublimiert sich in den vielen Weisen des Liebeslieds und gipfelt in der Musik Bachs und Mozarts.
Der Städter macht seinen mechanischen Einkaufsgang; schon der Jäger ist mit dem Umwelt von Steppe, Wald und Tier magisch verflochten; wie erst der Tänzer des tragischen Chors, und noch in den rituellen Bewegungen höfischer Tanzformen klingen magische Praktiken der Beschwörung nach.
Um alle gemeinschaftsstiftenden institutionellen Formen des Gebarens wie Eide, Treuverpflichtungen, Ehe-, Stammes-, Völkerbündnisse, Kriegserklärungen und Friedensschlüsse schwebt eine magische Aura, die sich in der sakralen und bildreichen Rhetorik der dabei verwendeten Formeln kundgibt.
Die Stimme, die der Schizophrene oder der Fromme hört, ist nicht real, aber hat an der Stimme der Mutter oder des Vaters ihr Modell; sie ist keine bloße Erfindung, kein Konstrukt und doch irreal oder imaginär; sie gehört als magisches Phänomen der subjektiven Wirklichkeit an, die in ihren Wirkungen, Bedeutungen und Relevanzen der objektiven Realität in nichts nachsteht.
Zu glauben, magisches Denken sei ein Surrogat für wissenschaftliches Denken, das an deren Erklärungskraft nicht heranreicht, ist ein Beleg für die Primitivität des abendländischen Rationalismus und die moralische Arroganz der Aufklärung.
Daß die Pythagoreer den Zahlen magische Kraft zuschrieben, die sich in der magischen Wirkung der kosmischen Sphärenmusik kundgebe, ist kein Beleg dafür, daß sie mit Zahlen nicht nüchtern und verständig umgehen oder rechnen konnten; das Gegenteil ist bekanntlich der Fall.
Einer Puppe einen Dorn ins imaginäre Herz zu stoßen ist kein Ersatz dafür, der untreuen Geliebten den Garaus zu machen.
Der Verliebte geht die Wege nach, die seine Angebetete gegangen ist; er küßt ihren Schuh, er küßt ihr Bild, als wäre sie anwesend; doch weiß er zugleich, daß sie nicht da ist, daß sie ihn für immer verlassen hat.
Der Paranoiker sieht in fremden Gesichtern die nahe und doch ungreifbare Gefahr; Hölderlin sah in den Erscheinungen des Himmels und der Jahreszeiten den nahen und doch unbegreiflichen Geist der Welt.
Die magische Verzückung, wenn er in der Glut die amorphe Essenz des Göttlichen erblickt, in den Flammen den Gesang der Engel vernimmt, im Rauschen von Wasser und Wind die Geister der Ahnen von Jenseits-Gärten sprechen hört, ist der Trost des Einsamen, die kleine Ewigkeit des vom Tode Überschatteten.
Die Melodien und Harmonien Mozarts sind die magische Vergegenwärtigung des Paradieses.
Die Harmonien Bachs sind die durch magische Läuterung entschlackten, durch magische Destillation purifizierten Urstoffe unseres Seins zum Tode.
Das wesentliche magische Ausdrucksmittel besteht in der mehr oder weniger leicht variierten Wiederholung einer Formel, eines Namens, eines Motivs, eines Refrains. Das Ziel der Anwendung magischer Wiederholung ist die Erzeugung eines tranceähnlichen Bewußtseinszustandes, wie wir es aus religiösem und rituellen Erleben kennen.
Die musikalische Fuge entsteht durch eine Art Alchemie der Tongestalt.
Die Variationen des Lichts in den Reflexen des Wassers.
Ein Wort, ein Stein, fällt in den Teich der Aufmerksamkeit; die entstehenden, sich ausbreitenden und im Schweigen verebbenden Wellen sind die magischen Verwandlungen des Subjekts infolge dichterischer oder musikalischer Verfahren des Ausdrucks.
„Ene mene muh, raus bist du“ – solcher Art magische Formeln bilden den Ursprung auch der hohen Dichtung.
Das religiöse Erleben rührt von magischer Verwandlung des Subjekts; es ist in höchstem Maße erstaunlich, erschreckend, ergreifend zu gewahren, daß Gott unmittelbar aus dem Mund des Propheten tönt.
Die Zunge des Inspirierten verwandelt sich in die Schlange des Paradieses.
Die magische Inspiration hat ihre rassischen, ethnischen, folkloristischen Abwandlungen und Abschattungen.
Alle ursprünglichen Völker haben einen magischen Bezug zur Nahrung.
Die Identität des frommen Juden kommt sowohl aus der rituell wiederholten Schrift als auch aus den Eingeweiden, die durch die Riten koscheren Essens konditioniert wurden.
Hätte sich ein schmerbäuchiger Goj in ein von frommen Juden bewohntes Haus im Dachgeschoß, einer Eule gleich, eingenistet und schwebten penetrante Würzgerüche von Wildbret, Schweinskopf und fetten Mettwürsten von seinem Herd den Juden in die koschere Küche – wenn es also im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst geht oder um die tieferen Instinkte und kulturellen Identitätsmerkmale, hat aller Diskurs, alles Geschwafel, alle Toleranz ein Ende: Man muß sich aus dem Wege gehen, wenn man sich nicht riechen kann.
Wie die Hausgemeinschaft, so die Volksgemeinschaft, könnte man sagen, wenn es darum geht, den sozialen Frieden zu wahren.
Der Liebe Tag
Die Knospe lebt sich ohne Fragen,
geht unterm Kuß des Lichts sie auf,
die Blüte äugt zum Sonnenlauf,
o hoher Sinn von goldnen Tagen.
Die Rose, blauer Luft Gedanke,
wenn stummen Dufts sie flehend sagt,
was unser schwaches Herz nicht wagt,
daß Schönes heimlich uns umranke.
Der Liebe Tag hat heißes Hauchen,
von weichem Veilchenblick entzückt
ist er dem Himmelsblau geglückt
und will in Nacht von Seufzern tauchen.
Der Schmelz des Lieds hat Lächelns Glänzen,
wenn wie die Knospe unser Leid
sich öffnet der Vollkommenheit,
betaute Lauben es bekränzen.
Der leere Krug
Der Pollenstaub des Lieds, er schwebt
so leicht, wo unsre Herzen zagen,
von gar geringem Hauch getragen,
von blauer Lüfte Traum belebt.
Wir dösen dumpf am braunen Hang,
zu müde, Mücken zu verscheuchen,
der Tag war Jäten, Rupfen, Keuchen,
war Wunsch nach Sonnenuntergang.
Und kommt am Abend weiche Lust
in sanften Regens Niedertropfen,
daß unsre Herzen banger klopfen,
bleibt Glanz und Fülle kaum bewußt.
Nun hat die Nacht den schwarzen Teer
auf Lebens Knospen ausgegossen,
was haben, Schwester, wir genossen,
der laubumkränzte Krug ist leer.
Ins Blaue gehaucht
Blatt, das im Gesang des Regens schwingt,
und jene Blätter, die vom Ufer treiben,
sind wie Herzen, die sich selbst entleiben,
wenn das Blut, das Blut vom Jenseits singt.
Träne, die am dunklen Saum der Liebe glüht,
und jene Tränen, die ins Leere gleiten,
sind von Herzen, die sich überschreiten,
wenn der Dorn, der Dorn im Jenseits blüht.
Lied, das Leidens Glut ins Blaue haucht,
und jene Lieder, die wie Seufzer steigen,
sind wie Herzen, die sich selbst verschweigen,
wenn Musik, Musik ins Jenseits taucht.
Die Quittung
Wir gehen nicht ganz auf im Tun.
Mit uns wandert der Schatten,
und wenn er verschwunden ist,
im blauen Zenit der Stille,
wandern wir schon nicht mehr,
sondern dösen in der Julisonne
und haben des Zieles vergessen.
Wir gehen nicht ganz auf im Sagen.
Immer löst sich vom Ufer ein Wort
und treibt wie die Frucht von uns weg
in der Strömung, jenseits des Sinns,
Strömung aus unterirdischer Kluft,
aber sie spült bisweilen die Frucht
an ein fremdes Ufer, wo sie keimt,
nicht für uns, nicht mehr für uns.
Wir gehen nicht ganz auf im Sein.
Ein Mögliches spaltet sich ab,
kehrt uns den Rücken oder höhnt uns
wie der niedliche Amor des Parks,
der den Pfeil schnellen ließ,
doch das Herz, das er traf,
ist nicht das taube in deiner Brust,
sondern das einstmals dir sang,
es rötete warm eines anderen Wange,
der sich von dir losriß und fern der Heimat
ein anderes Leben geführt hat.
Schneeglöckchen
Von leiser Anmut Hand gestreut
auf bemooste Frühlingsschwellen,
wollet unsern Traum erhellen,
Schneeglöckchen, euer Herz-Geläut
erweicht das Lied zur Liebe bald,
wenn wir durch die Wiesen streifen
und am Tau den Schmelz begreifen,
die Lust am Beben der Gestalt.
Wie euer Schnee soll Stille rein
in entblößte Herzen flocken,
sanft umseufzt von euren Glocken
soll unser Wiedersehen sein.
Der feuchte Schoß der Erde lauscht,
Krokus, Veilchen und Narzissen,
wie auf blauen Dämmerkissen
ihr unter Tränen Küsse tauscht.
Regen, Regen
Ich lausche bloß dem dunklen Brausen,
wenn der Wind an Blüten leckt
und die blauen Aras neckt,
die in meiner Laube hausen.
Er stiehlt mir gierig von den Lippen
weich gewölbten Atems Lust,
seufzt immerfort „Du mußt, du mußt
das Lied vom Tau der Rose nippen!“
Wie sich im Schlaf die Zweige biegen,
und das Wasser schäumt im Teich,
tranken grünen Dämmer sie auch weich,
die Schwäne sind an Land gestiegen.
Wind, warst nur wahren Sängers Bote,
tropfend Blatt und Knospe schwingt,
Regen, Regen, alles singt,
o Trost für Lebende und Tote.
Das diffuse Subjekt
Bemerkungen zur Semantik intensionaler Kontexte
p: Wir sind uns vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet.
q: Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.
r: A und B sind sich vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet.
Wir betrachten diese Sätze auf ihren semantischen und logischen Gehalt hin.
Der Satz p könnte sprachpragmatisch meine Antwort auf deine Frage sein, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Um p zu begründen, kann ich den Satz q äußern und sagen: „Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.“
Aber es ist offensichtlich, daß der Satz r nicht logisch aus dem Satz q folgt; das heißt, ich könnte wohl glauben, mich daran zu erinnern, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin, in Wahrheit geschah dies aber schon vor neun Jahren.
Die Korrektheit meiner in q ausgedrückten Erinnerung setzt die Wahrheit des Satzes r voraus, falls wir für A und B die richtigen Namen einsetzen. Ist r wahr, nämlich, daß wir uns vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet sind, hätte meine Erinnerung den Grad von Gewißheit, der mich dazu berechtigte zu sagen: „Ich weiß, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.“
Der semantische Unterschied der Sätze q und r läßt sich bekanntermaßen griffig so fassen, daß wir sagen: Sätze wie q stehen semantisch betrachtet in einem intensionalen Kontext, Sätze wie r in einem extensionalen Kontext.
Der Satz r handelt von einem Ereignis der Vergangenheit. Wie begründen wir indes die Wahrheit von Behauptungen über vergangene Ereignisse? Nun, wir pflegen Zeugen und Zeugnisse für das betreffende Ereignis aufzurufen und anzuführen.
Ich könnte sagen: „Als wir uns damals im Café trafen, saß Frau N. N. am Nebentisch, die uns beide kennt. Sie könnte die Wahrheit der Aussage bezeugen, daß wir uns damals getroffen haben.“ – Indes, Frau N. N. könnte bestenfalls bezeugen, daß wir uns damals getroffen haben, aber sie wäre nicht in der Lage, dafür einzustehen, daß wir uns damals zum ersten Mal getroffen haben.
Du könntest sagen: „Warte, ich pflege wichtige Termine und Ereignisse in meinem Tagebuch einzutragen. Schauen wir nach!“ – Gut, vielleicht finden wir in der Tat in deinem Tagebuch von vor acht Jahren den Eintrag „Treffen mit A“. Doch wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, daß dieser A ein Mensch gleichen Namens mit mir, aber nicht ich war.
Nehmen wir an, du seist vor genau acht Jahren in diese Stadt gezogen, sodaß ich, der ich immer ortsfest geblieben bin, dich nicht vor neun Jahren hätte treffen können; gut, aber dann ergibt sich immer noch die Möglichkeit, daß wir uns zum ersten Mal vielleicht nicht vor acht, sondern vor sieben Jahren begegnet sind.
Solche und ähnliche Einwände lassen sich beliebig finden und vermehren, wenn es darum geht, den epistemischen Status von Aussagen über vergangene Ereignisse in Frage zu stellen. Wir machen hier nur darauf aufmerksam, daß die Annahme, Aussagen über vergangene Ereignisse stünden in einem eindeutigen extensionalen Kontext, zumindest eingeschränkt werden muß; diese Einschränkung machen wir durch Angabe der Wahrscheinlichkeit kenntlich, die wir der Annahme des Bestehens des betreffenden Ereignisses zuweisen: eine Zahl zwischen 0 und 1 (doch 1 werden wir nicht vergeben, denn zweifelsfreie Gewißheit erreichen wir auf diesem Feld nicht).
Daraus ergibt sich: Wir können den Satz q oder meine Erinnerung an unsere erste Begegnung durch den Satz r nicht als wahr und gewiß begründen, sondern nur als mehr oder weniger wahrscheinlich, plausibel, akzeptabel ausweisen.
Betrachten wir den semantischen Gehalt von q: Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin. – Der Hauptsatz enthält das Subjekt „ich“ und ein zugehöriges Prädikat jener Art von Prädikaten, die einen spezifischen Modus des subjektiven Erlebens ausdrücken. Der Inhalt des dem Subjekt zugeschriebenen Erlebens wird durch den abhängigen Nebensatz ausgedrückt. Wir können diese propositionale Satzstruktur in der Formel wiedergeben:
SP (SF)
F steht für eine beliebige Aussage, die von der Befindlichkeit oder den Erlebnissen von S in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft handelt, hier: Ich bin dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet. Der semantische Witz liegt natürlich in der Identität von S in beiden Teilausdrücken.
Die Semantik des Satzes macht demnach augenscheinlich, daß für seinen Sinn folgendes vorausgesetzt wird: Ich als derjenige, der sich jetzt erinnert, bin mit demjenigen identisch, an den ich mich erinnere und der ich vor acht Jahren war (als ich dir zum ersten Mal begegnet bin). – Und dies gilt offensichtlich auch für das Objekt des Erinnerns.
Das scheint auf der konkreten Ebene zeitlicher Ereignisse alles andere als evident: Wissen wir doch, daß wir uns physisch-chemisch auf zellularem Niveau ständig wandeln und erneuern, aber auch unsere psychische Seinsweise durch neue Erfahrungen modifizieren; jedenfalls kann auf beiden Niveaus von keiner Identität im strengen Sinn die Rede sein.
Die konkrete raumzeitlich situierte Natur von Subjekten wie du und ich wird hier semantisch gleichsam neutralisiert, destilliert oder purifiziert, was manche Philosophen zu der schmeichelhaften Idee verleitete, in intensionalen Kontexten wie SP (SF) werde eine nichtphysische Entität als Identität behauptet und diese sei die Reflexion des reinen Cogito. Doch ahnen wir, daß sich eine solche platonische Intuition leicht von begrifflichen Chimären blenden und irreführen läßt.
Ähnlich wie Sätze über Ereignisse der Vergangenheit können wir den reflexiven Bezug intensionaler Kontexte relativieren, indem wir statt einer starren Identität den Grad von Ähnlichkeit zwischen dem Subjekt des Hauptsatzes und dem Subjekt oder reflexiven Ausdruck des Nebensatzes in einer Skala zwischen 0 und 1 angeben, wobei 0 den Satz sinnlos macht, während wir 1 nicht zuschreiben, es sei denn, wir gehen zu einem extensionalen Kontext über und sagen: Ich weiß, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin. Doch in diesem Fall müssen wir die Aussage r: A und B sind sich vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet als wahr unterstellen; wir haben aber gesehen, daß wir Aussagen über vergangene Ereignisse nicht gegen alle Einwände abdichten können.
Wir können demnach statt SP (FP) getrost schreiben: S1P (S2F), wenn wir den Grad der Ähnlichkeit zwischen S1 und S2 angeben. Die Identität von S1 und S2 ist dann der Grenzwert der Ähnlichkeitsrelation.
Wenn ich dir vor acht Jahren begegnet bin, so hat sich mein Dasein wie immer auch geringfügig insofern verändert, daß ich vor neun Jahren noch jener war, dem die Erfahrung dir begegnet zu sein, abging. Doch blieb ich bis heute wie geringfügig auch immer jenem ähnlich, der dir damals begegnet ist.
Es ist wie beim Vergleich von Fotos derselben Person aus der Jugend, dem reifen Alter und dem hohen Alter: Wir verfügen nicht über ein außerzeitliches Idealbild der Person, an dem wir die mehr oder weniger gravierenden Veränderungen der Gesichtszüge messen und vermessen könnten. Wir haben nur gleichsam Variationen eines Themas, das in ihnen allen enthalten ist, aber nie in Reinform oder als abgehobene Gestalt daraus emportaucht.
Wie ein musikalisches Thema in der Reihe der Variationen enthalten sein kann, so ist das semantische Subjekt in intensionalen Kontexten impliziert.
Wenn ich mich darauf versteifen würde, dir in einer Zeit begegnet zu sein, als du nachweislich im Ausland geweilt hast, setzen wir die Ähnlichkeit zwischen S1 und S2 gleich 0 und verwerfen die Aussage als sinnlos. Wir sind sogar geneigt, am gesunden Menschenverstand des Sprechers zu zweifeln. Ist dagegen die Ähnlichkeit hinreichend groß, wenn ich beispielsweise auf Fotos zeige und sage: „Das bin ich mit acht Jahren, das mit fünfzig“, halten wir die Äußerung für hinreichend plausibel. Unsere logisch-semantische Intuition wird demnach angesichts intensionaler Kontexte nicht von idealen Grenzfällen getragen, sondern von möglichst klaren und einleuchtenden exemplarischen Einzelfällen sprachlicher Mitteilung.
Im Zenit der Stille
Die frühen Schatten waren Halme,
rauschten sanft am Ufer des Traums.
Und gingst du in den alten Garten,
knirschten Kiesel unterm Fuß.
Du rütteltest Wind in träge Zweige,
Äpfel, Birnen platzten aufs Grün.
Und surrten Mücken überm Wasser,
webend Traum aus Tau und Gold.
Die Kirschenkerne, die du spucktest,
klatschten feucht vom Spatenblatt.
Der nackten Sichel lichtes Sausen,
Kräuterduft im Untergang.
Kam Seufzen über rissige Lippen,
als du dich ins Gras gelegt.
Und blaute im Zenit die hohe Stille,
Träne rann ins Moos des Schlafs.
Verblaßte Zeichen
Wie sind der Erde und des Himmels Zeichen
den Veilchen gleich und kaltem Mond verblaßt,
und alle Bilder, alle blauen Verse bleichen,
die liebend du erschaut, eratmet hast.
Des Morgens hörtest duʼs wie Quellen tönen
und warmes Blut hob deinen weichen Gang,
der Abend schlug dir ins Gesicht mit Höhnen
den dürren Zweig, den blühend Liebe schwang.
Im Zwielicht war die Inschrift schon verschwommen,
du gingst beim Kreuz talwärts ins Heimatdorf,
doch waren dir die Deinen längst genommen,
und auf den Schwellen graute Schmerz und Schorf.
Und in der Nacht sahst lodern du auf Hügeln
die wilden Feuer um der Wilden Schar,
und kam kein Engel, dich auf sanften Flügeln
zu heben vor ein Antlitz, mild und klar.
Sprache und Bewußtsein
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Bewußtsein“ ist ebenso wie „Sprache“ und aus ähnlichen Gründen ein Pseudo-Objekt, eine theoretische Fiktion, eine abendländische Mythe.
Das gleiche gilt für Begriffe wie „das religiöse (oder theologische) Zeitalter“, „die Aufklärung“, „die Epoche der Rationalität“ – dies sind Formen des okzidentalen Mythos. Die Griechen glaubten nicht an heidnische Götter; dies ist ein Etikett, das ihnen wenig gewogene christliche Theologen anhängten; Kopernikus glaubte an den Schöpfergott, Newton an alchemistische Magie, Einstein an die göttliche Spur in der kosmischen Ordnung aufgrund der Naturgesetze, der bedeutende Logiker Kurt Gödel entwarf vor nicht allzu langer Zeit einen ontologischen Gottesbeweis im Geist der mittelalterlichen Theologie.
Uns in einem irgend sinnvollen Verlauf historischer Ereignisse, Bezüge, Epochen zu verorten, an dessen glücklichem Ausgang die Vernunft, die höhere Moral, die Gerechtigkeit oder widrigenfalls der Teufel obsiegen, zeugt von der Überspanntheit akademischer Philosophen.
Man kehrt aus einer Ohnmacht ins Bewußtsein zurück, man ist sich der Folgen einer Tat nicht oder nur vage bewußt, man bemerkt die Passanten, aber achtet im flüchtigen Vorbeigang kaum auf ihre Mienen, man wählt bewußt die Lieblingsblumen zum Geschenk – aber man HAT kein Bewußtsein, wie man eine Hand, ein Gehirn, Geld in der Tasche hat.
Kaum erwacht, findet man sich im Bett liegend in einem Dämmerzustand wieder, der noch nicht den Gedanken daran ins „Licht des Bewußtseins“ dringen läßt, wer man ist, was hier los ist, was man hier soll. Dann klingelt das Telefon, und sofort erinnert man sich an die Verabredung, die man verschlafen hat. Jetzt wird einem klar, daß man derjenige ist, der vor einigen Tagen dem Freund versprochen hat, an diesem Morgen mit ihm gemeinsam in dessen Wohnung zu frühstücken.
Das Leibgefühl, anhand dessen man sich der eigenen Position im Raum vage bewußt wird, kommt ohne sprachliches Vermögen aus; anders die Erinnerung an das gegebene Versprechen und die versäumte Verabredung, die man nur hat, wenn man beispielweise vor sich hin murmelt: „Verdammt, ich habe den Termin verschlafen!“
Ich kann den Satz „Ich habe den Termin verpaßt“ nicht sinnerhaltend durch den Satz „N. N. hat den Termin verpaßt“ ersetzen, wobei N. N. der Eigenname des Sprechers wäre. Es könnte jemanden des gleichen Namens geben, aber dieser ist nicht gemeint, auch wenn es zufällig der Fall wäre, daß auch er gerade einen Termin verpaßt hat; doch ist es so gut wie ausgeschlossen, daß er diesen, den hier einzig relevanten, Termin verpaßt hätte.
Der Satz: „Er versprach seinem Freund, sich mit ihm zu einem gemeinsamen Frühstück zu treffen“ setzt augenscheinlich voraus, daß der reflexive Ausdruck des Infinitivs („sich“) auf das Subjekt des Hauptsatzes („er“) Bezug nimmt. Wir können solche reflexiven Bezugnahmen in der dritten Person nur verstehen, wenn wir auch in der Lage sind, reflexive Aussageformen in der ersten Person zu verstehen, hier also den Satz: „Ich versprach meinem Freund, mich mit ihm zu einem gemeinsamen Frühstück zu treffen.“ Die reflexiven Aussageformen in der dritten Person, können wir sagen, sind semantische Ableitungen von reflexiven Aussageformen in der ersten Person. Das erkennen wir, wenn wir den Ausgangssatz sinnerhaltend wie folgt umformen: „Er versprach seinem Freund: ‚Ich werde mich mit dir zu einem gemeinsamen Frühstück treffen.‘“
Dies ist der Kern der subjektiven Bezugnahme, der allen natürlichen Sprachen eignet und die Asymmetrie der Aussagen der ersten Person Singular zum Rest aller Äußerungen erzeugt, widrigenfalls sie keine Sprache in dem uns geläufigen Sinne wären.
Eine Sprache ohne systematische Verwendung von Personalpronomina ist keine natürliche Sprache, sondern ein künstlicher Code.
Zum Ausdruck der Subjektivität bedarf es eines spezifischen semantisch-grammatischen Distinktionsmerkmals, das von Sprache zu Sprache unterschiedliche Gestalt annehmen kann („Ich ging gestern im Park spazieren“ „cras per hortos ambulavi“).
Sich seiner Empfindungen, Äußerungen und Taten mehr oder weniger bewußt sein ist keine Form von Wissen; wir wissen etwas, wenn wir hinreichend gute Gründe auffinden können, die den Sachverhalt erklären; insofern können wir uns auch irren, wenn wir nach den falschen Gründen greifen: Doch wir können uns nicht irren, wenn wir uns im Halbschlaf im Bett liegend wiederfinden.
Wenn wir glauben, wir sind in einer Wohnung erwacht, in der wir vor Jahren einmal gewohnt haben, handelt es sich nicht um eine vag bewußte Empfindung, sondern um einen wenn auch verschwommenen Gedanken, dessen in klare Gestalt gerückte Aussage leicht widerlegt werden kann.
Wie der Grund der Logik ist der Grund der Sprache, der sich in Äußerungen der ersten Person Singular kundgibt, nicht wieder begründbar oder ableitbar, sondern erscheint uns unmittelbar evident und einsichtig.
Ich muß vom Grund der Logik unmittelbare Evidenz im Nachvollzug gültiger Argumente erhalten haben, um Argument an Argument reihen zu können; ich muß vom Dasein meiner selbst unmittelbare Evidenz erhalten haben, um weitere Äußerungen in der ersten Person machen zu können.
Aufgrund der korrekten Anwendung der logischen Junktoren gelangen wir von als wahr angenommenen Prämissen zu gültigen Folgerungen. Die wahre Konklusion können wir nicht anders „begründen“ als durch den erneuten Nachvollzug des vorliegenden Arguments.
Wenn wir einen Bekannten auf der Straße zu erkennen meinen, können wir nicht aus unserem Gesichtskreis heraustreten, um zu überprüfen, ob wir richtig sehen, sondern nur genauer hinschauen. Freilich können wir ihn fragen; doch auch seine Aussage ist uns einsichtig (oder auch nicht), ohne daß wir aus unserer Umwelt heraustreten könnten, um sie von einem neutralen Ort aus zu überprüfen.
Wie bekannt, könnte uns eine neutrale oder objektive Weltbeschreibung ohne Verwendung der Ich-Aussage weder einen Nachweis der Tatsache erbringen, daß es sich bei dem Bekannten, den ich auf der Straße erkenne, um MEINEN Bekannten handelt, noch einen Nachweis der Tatsache, daß es sich bei der Person, die den Passanten auf der Straße als ihren früheren Bekannten erkennt und anspricht, um MICH handelt.
Erinnerungen nennen wir die Vorkommnisse der Vergangenheit, die wie die Farben der Dinge in unserem Gesichtsfeld mit ihrer Tönung, Stimmung und Bedeutung unmittelbar zu uns sprechen; ein an Demenz Erkrankter liest die Briefe seiner Jugendliebe, doch die Blätter bleiben ihm nichtssagend und gleichsam leer.
Wir können den Grad der Bewußtheit sprachlicher Äußerungen beispielsweise nach dem Grad skalieren, in dem wir für sie zur Verantwortung gezogen oder haftbar gemacht werden können, wie bei einem Versprechen, einer geschäftlichen Abmachung, einer Verleumdung, einer vorsätzlichen Lüge, einer Falschaussage vor Gericht, einem Meineid.
Das Bewußtsein ist wie der Schein einer Taschenlampe, mit der wir uns im Dunkeln orientieren; freilich, die Dinge um uns sind vorhanden, auch wenn wir sie nicht beleuchten. Doch uns sind sie nur so gegeben, daß wir sie frontal oder seitlich, als Momenteindruck oder im zeitlichen Wandel, im Ganzen oder im Detail, als Ding oder Zeichen, als Maske oder Gesicht betrachten.
Vom Logischen können wir nur einsehen, daß es da ist; und ebenso vom Subjekt.
Was außerhalb des Lichtkreises liegt, tangiert uns nicht; es ist nicht wie im Freudschen Unbewußten auf gespenstische Weise abwesend und doch anwesend.
Die Dinge tauchen gleichzeitig mit dem Ich aus dem Nichts auf.
Die Dinge sind, was sie sind, kraft der Negation alles dessen, was sie nicht sind.
Wir können nicht mit den Augen und dem Bewußtsein eines anderen sehen.
Unsere subjektive Sicht oder unser Bewußtseinspol besteht nur als dynamische Negation aller anderen möglichen subjektiven Sichten und Bewußtseinspole.
Lesen wir von fremdem Leben, in Biographien, historischen Berichten oder Romanen, sehen wir nicht die zeitlich oder fiktiv entrückte Figur an unserer statt, sondern uns an ihrer statt.
Die Kosmologie, die Physik, die Biologie, die Evolutionstheorie, die Soziologie geben uns objektive Berichte über Dinge und Ereignisse, in denen wir nicht als wir selbst, sondern nur als marginale Repräsentanten und Schemen theoretischer Entitäten vorkommen.
Wir leben nicht nur, sondern erleben unser Dasein mehr oder weniger klar oder dunkel, spezifisch wie den wahrgenommenen Farbton oder diffus wie das Schneelicht.
Das Erleben ist mehr oder weniger bewußt; dabei unterscheiden wir vorsprachliche und außersprachliche Regionen des Erlebens von solchen, die von unserem Sprachvermögen abhängen.
Die Quelle oder das Objekt des nichtsprachlichen Erlebens können wir sprachlich durch Angabe eines Gegenstands bezeichnen, der als direktes oder indirektes Objekt oder als präpositionaler Ausdruck eines Satzes erscheint: „Ich spüre die Kälte in der Hand.“ – „Ich bin dem Hindernis noch rechtzeitig ausgewichen.“ – „Ich fühle Schmerzen in der Hand.“
Die sprachabhängigen Erlebnisse nennen wir Gedanken; sie kennzeichnet eine propositionale Form, die wir mittels eines Hauptsatzes ausdrücken, dessen Prädikat meist eine Weise des Merkens, Spürens, Fühlens, Denkens oder Sagens bezeichnet; den Inhalt des Gedanken (des Merkens, Spürens, Fühlens, Denkens oder Sagens) drücken wir in einem vom Hauptsatz abhängigen, mit einer Konjunktion eingeleiteten Nebensatz aus: „Ich bemerkte, daß sich seine Miene verdüsterte.“ – „Es kam mir so vor, als ob die Zeit während unseres Ausflugs wie im Fluge vergangen war.“ – „Ich fragte mich angesichts seines Grinsens, ob er mich nicht hinters Licht führen wollte.“ – „Ich sagte ihr, daß ich es für verlorene Zeit hielte, wenn wir unser Gespräch fortsetzten.“ – Es ist bemerkenswert, daß viele der genannten Prädikate des Hauptsatzes im Lateinischen jene verba sentiendi et dicendi darstellen, die anders als im Deutschen ausschließlich mit dem a. c. i. konstruiert werden.
„Ich spüre Schmerzen in der Hand“ – dies kann auch einer sagen, dem die Hand amputiert worden ist. „Ich fragte mich angesichts seines Grinsens, ob er mich nicht hinters Licht führen wollte“ – dies kann auch der Ausdruck einer Täuschung sein, wenn der Gesprächspartner aufgrund einer Verletzung der Gesichtsnerven eine hämische Miene zur Schau stellt. Demnach stellen sowohl die Sätze, mit denen wir sprachunabhängige Erlebnisse ausdrücken, als auch die Sätze, mit denen wir sprachabhängige Gedanken darstellen, intensionale Kontexte dar.
Intensionale Kontexte sind ein semantisches Merkmal unseres subjektiven Lebens.
Wenn wir unsere Äußerungen über Erlebnisse, sei es nichtsprachlicher, sei es gedanklicher Natur, in einer Weise modifizieren, daß sie die Wahrheitsbedingungen extensionaler Kontexte erfüllen, verwandeln sie sich von Äußerungen des subjektiven Lebens und Erlebens in Aussagen über objektive Sachverhalte. Aus dem Satz: „Ich spüre Schmerzen in der Hand“ wird nunmehr ein Satz wie: „Aufgrund einer akuten Verbrennung der Haut an der rechten Hand wurden Nervenfasern verletzt, was den Patienten zu der Äußerung bewog, er verspüre Schmerzen.“ – „Aufgrund der Aktivierung bestimmter Hirnareale, von welchen die amputierte Hand repräsentiert wird, erfährt der Patient nervliche Impulse, die ihn zu der Äußerung bewegen, er verspüre Schmerzen.“
Das Erlebnis der Schmerzempfindung wird im objektiven medizinischen und neurologischen Bericht zur Diagnose von Phantomschmerzen. In letzter Konsequenz der Neutralisierung des intensionalen Kontextes müßte der Begriff „Schmerz“ durch einen objektiven Begriff wie „neuronales Ereignis XYZ“ ersetzt werden; doch diese Form von Übersetzung wäre nur zu leisten, wenn wir den subjektiven Begriff adäquat durch einen objektiven Begriff wiedergeben könnten. Dies ist freilich unmöglich, denn „Schmerz“ bedeutet etwas vollkommen anderes als „neuronales Ereignis XYZ“. Aber auch wenn wir es könnten, müßten wir das Verständnis des subjektiven Schmerzbegriffs und also das Erlebnis von Schmerzen voraussetzen.
Wir finden keinen alle Teile und Formen unseres Erlebens umspannenden Gesamtsinn; es ist wie bei einem bemalten Fächer, ganz ausgefaltet zeigt er vielleicht ein hübsches Blumenmuster, doch mehr und mehr eingeklappt läßt er nur seltsame Flecken erkennen, zugeklappt wie naturgemäß im Endzustand ist er gleichsam bedeutungslos und blind.
Gesang der Nacht
Wie scheint in diese Dunkelheit
ein Lächeln traumverloren,
von Liebe auserkoren
die Blume der Vollkommenheit.
Das Moos der Nacht, von Tränen weich,
und sanftem Schmerz entquollen,
schien Liebe ja verschollen,
Gesang wie aus dem Totenreich.
Des Menschen Sinn, im Leid versteint,
kann hohe Nacht erweichen,
dem Gnadenquell sich gleichen,
der unterm Gras der Träume weint.
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