Worüber wir reden
Das, worüber wir reden, wenn wir uns darüber unterhalten, woran du dich erinnerst, wenn du dich daran erinnerst, mich gestern im Park gesehen zu haben, ist der intentionale Gegenstand deiner Erinnerung, und der bin ich.
Das, worüber wir reden, wenn wir deine aktuelle Wahrnehmung meiner Person in diesem Raum, wo wir uns gegenübersitzen, zum Gegenstand unserer philosophischen Plauderei machen, ist der intentionale Gegenstand deiner Wahrnehmung, und der bin ich.
Ist der intentionale Gegenstand der Erinnerung und der Wahrnehmung ein Vorstellungsbild, das dem erinnerten und wahrgenommenen Gegenstand hinreichend ähnlich ist? Müssten, wenn dem so wäre, nicht nur die Vorstellungsbilder dem Objekt, sondern auch einander ähneln?
Aber der Gegenstand, an den du dich erinnerst, ihn gestern im Park gesehen zu haben, und den du jetzt wahrnimmst, weil wir uns gegenübersitzen, ist derselbe Gegenstand, nämlich ich.
Wäre der Gegenstand, an den du dich erinnerst, nicht derselbe Gegenstand wie der, den du wahrnimmst, sondern diesem nur mehr oder weniger ähnlich, könntest du unter ungünstigen Bedingungen (wenn externe Belege wegfielen) niemals herausfinden, dass es derselbe Gegenstand ist, nämlich ich.
Nur wenn wir davon ausgehen, dass der Gegenstand, an den du dich erinnerst und den du jetzt wahrnimmst, derselbe Gegenstand ist, können wir behaupten, dass ich dieser Gegenstand bin.
Nehmen wir an, du erzählst mir von deiner letzten Reise nach Paris und du erinnerst dich dabei an den lebhaften Eindruck, den dir das Hauptportal von Notre Dame mit seinen Plastiken gemacht hat, ich aber wäre noch nie in Paris gewesen, kennte aber das Portal der Kathedrale von Abbildungen, dann würden wir sagen, der Gegenstand, worüber wir reden, ist derselbe, auch wenn wir gern zu konzedieren bereit sind, dass unsere Vorstellungsbilder des Gegenstandes oder Themas, worüber wir reden, zwar einander hinreichend ähnlich, aber keineswegs identisch sind.
Nehmen wir andererseits an, du erzählst mir von Hanna, deiner Kollegin am Arbeitsplatz, wie sie dich einmal mehr geschnitten, von oben herab behandelt und geschurigelt habe. Du hast mir schon viele Geschichten dieser Art erzählt und ich habe von daher ein Bild von Hanna Mosaik für Mosaik aufgebaut, das wenig freundlich, sondern finster und monströs dreinblickt. Nun will es der Zufall, dass ich auf einer Party einer freundlichen Dame vorgestellt werde, mit der ich eine anregende Plauderei beginne, sodass ich für meine Gesprächspartnerin aufgrund ihres Lächelns, ihrer Herzlichkeit, ihrer Liebenswürdigkeit recht eigentlich eingenommen bin. Schließlich stellt sich heraus, dass diese Dame keine andere Person als besagte Hanna ist.
Wir bemerken, dass wir Vorstellungsbilder von demselben Gegenstand entwickeln können, die nicht nur einander nicht ähnlich, sondern sogar ganz verschieden oder gegensätzlich sind. Und dennoch müssen wir sagen, es handele sich dabei um denselben Gegenstand. Folglich ist es nicht möglich, mit Gewissheit die Identität eines Gegenstandes über die Ähnlichkeit der Vorstellungsbilder zu bestimmen, die wir uns von ihm machen.
Wenn ich an dich denke, denke ich dann an eine Person, die 168 cm groß ist und blaue Augen hat? Es gibt tausende Personen, auf die diese Angaben zutreffen. Woran also habe ich gedacht, wenn ich sage, ich habe an dich gedacht?
Wir kommen zu dem Schluss, dass der intentionale Gegenstand der Erinnerung oder Wahrnehmung derselbe Gegenstand ist, über den wir reden dann und nur dann, wenn der intentionale Gegenstand mit dem realen Gegenstand, über den wir reden, identisch ist und es letztlich dieser reale Gegenstand ist, über den wir reden.
Wenn wir nicht annehmen könnten, dass der Gegenstand, an den wir uns erinnern oder den wir wahrgenommen haben, derselbe Gegenstand ist, über den wir reden, und dass die Identität des Gegenstandes unseres Gesprächs durch die Identität des realen Gegenstands gewährleistet ist, würden wir immerdar aneinander vorbeireden und unsere Hinweise und Bezugnahmen ins Leere gehen.
Wenn wie im schlechten Filmszenario dein langjährige Partner eines Tages von bösartigen Genetikern durch seinen aufs Haar ähnlichen Doppelgänger ausgetauscht würde und du mit diesem Double ungestört und harmonisch deine übrigen Tage zubringen würdest, wüssten wir mit Gewissheit, dass die Person, von der du aus der Zeit vor dem fatalen Ereignis erzähltest, nicht dieselbe Person ist wie die Person nach dem Ereignis. Was macht aber den Unterschied, wenn der Körper der ausgetauschten Person aufgrund derselben genetischen Ausstattung identisch mit dem Körper der ursprünglichen Person ist?
Wir bemerken, dass die Identität des Gegenstandes, an den wir uns erinnern und den wir wahrnehmen und über den wir als denselben reden, nicht zurückführbar ist auf die materielle Identität des Körpers, in dem er verkörpert oder instantiiert ist.
Gilt dies nicht nur für Personen, bei denen es offensichtlich zu sein scheint, sondern auch für materielle Körper? Wenn Gott über Tag den Mond in Nichts auflöste und zugleich einen neuen Mond schüfe, der unserem alten Bekannten nicht nur wie ein Ei dem anderen gliche, sondern tatsächlich Molekül für Molekül nach seinem entschwundenen Vorbild nachgebaut wäre, würden wir sagen, es sei derselbe Mond?
Was wäre, wenn die Identität der Gegenstände, über die wir reden, nicht gewährleistet wäre durch die Identität ihrer realen Gegenstücke? Dann wäre, wie der Dichter sinnigerweise sagt, das Leben ein Traum.
Es wäre so, als würden wir uns unser Leben am Telefon erzählen – wie es bekanntlich nicht selten geschieht. Du erzählst mir von den neuen Vorhängen in deinem Zimmer oder der Blume, die du in eine Vase vor dir gesteckt hast, oder von dem neuen T-Shirt, das du gerade anhast. Aber du könntest mich auch anschwindeln oder deinen Phantasien freien Lauf lassen, und es gibt gar keine neuen Vorhänge, keine Blume, kein T-Shirt. Oder du könntest an einer Psychose leiden und mir all dies erzählen, keineswegs um mich anzuschwindeln, sondern weil du unter Halluzinationen littest. Du erzählst mir von deiner Arbeitskollegin Hanna, die ich nie zu Gesicht bekommen habe, und wie sie dich wieder geschnitten, von oben herab behandelt und geschurigelt habe. Aber du könntest mich auch anschwindeln oder deinen Phantasien freien Lauf lassen, denn es gibt gar keine reale Person namens Hanna. Es liefe auf dasselbe hinaus, wenn du unter der Einwirkung einer psychotischen Erkrankung Hanna aufgrund von Halluzinationen wahrgenommen hättest. All dies wäre gleichrangig und von gleichem semantischen Gehalt wie deine Erzählung über den Inhalt des neuen mir unbekannten Romans, in dem geschildert wird, wie die Protagonistin von ihrer Arbeitskollegin Hanna geschnitten, von oben herab behandelt und geschurigelt wird, und in dem von anderen merkwürdigen Leuten und ihrem merkwürdigen Verhalten die Rede ist.
Sicher, ich könnte mir ein immer genaueres Bild von Hanna machen, denn du erzählst mir nicht nur einmal von ihr. Oder ich könnte, wenn es um den Roman geht, mir das Buch kaufen und selber lesen und dann mein Bild von Hanna vervollständigen oder korrigieren, indem ich all die Elemente abziehe, die gemessen am Ergebnis meiner Lektüre mit den von dir vermittelten Bildelementen nicht übereinstimmen.
Wäre die fiktive Hanna, die Protagonistin des Romans, über die wir beide nach genauester Lektüre nunmehr gut Bescheid wissen, derselbe Gegenstand, an den du denkst und an den ich denke, an den du dich erinnerst und an den ich mich erinnere, wenn wir uns darüber unterhalten? Keineswegs.
Denn wir beide sind aus verschiedenem Holz geschnitzt, was dir auffällig, bemerkenswert und prägnant erscheint und sich dir als relevante Eigenschaften der fiktiven Person Hanna eingeprägt hat, erscheint mit weniger auffällig, bemerkenswert und prägnant, dafür haben sich mir andere Eigenschaften der Protagonistin in den Vordergrund gedrängt und eingeprägt oder die von dir hervorgehobenen überlagert und in den Schatten gestellt. Aber auch wenn wir haargenau in unseren Beschreibungen und Einschätzungen der fiktiven Person übereinstimmen würden, woran könnten wir ermessen, dass unsere übereinstimmenden Beschreibungen und Einschätzungen zutreffen? Sollten wir einen Dritten hinzuziehen, einen gelehrten Literaturwissenschaftler, der unsere Beschreibungen und Einschätzungen gleichsam ex cathedra zu bewerten und zu beurteilen vermöchte? Aber auch das gelehrteste Haus wäre uns im Prinzipiellen keinen Deut voraus oder überlegen.
Wir bemerken: Es gibt keine Bezugnahme im Reiche der Fiktion oder im Schattenland der Ähnlichkeiten, so bunt die Schatten sein mögen, sondern gleichsam nur Zitate und Zitate von Zitaten, die aber durch nichts belegt und gerechtfertigt werden können als durch die fiktiven Quellen, aus denen sie fließen. Es wäre so, als suchte man den Wahrheits- und Existenzbeweis einer Schlagzeile in einer Tageszeitung dadurch zu führen, dass man sie durch die Schlagzeile einer anderen Tageszeitung zu belegen und zu stützen glaubt, ohne zu berücksichtigen, dass beide aus derselben Quelle stammen.
Wir halten fest: Bezugnahme oder eine Semantik intentionaler Gegenstände ist nur auf der Grundlage dessen möglich, dass intentionale Gegenstände ihr reales Gegenstück haben oder wir die Existenz realer Gegenstände notwendigerweise unterstellen müssen.
S’il existe en français, pour s’adresser à autrui, deux pronoms personnels de la deuxième personne, l’un au singulier, TU, l’autre où pluriel, VOUS, appelé pluriel de politesse, c’est que notre langue se plaît à certaines nuances qui sont les bases de la civilité. Il ne s’agit pas là de code, de formalisme de classe, de snobisme, de règles mondaines, mais simplement d’usages naturels, qui se perdent et qui faisaient, entre autres, le charme et l’équilibre de la France et le plaisir d’être Français.
Ce plaisir-là s’émousse. On me dira que d’autres motifs plus graves et plus irritants y concourent, d’autres lésions de civilisation, et que c’est considérer les choses par le petit bout de la lorgnette, mais dans ce seul domaine de la civilité, de petites causes peuvent entraîner de grands effets dévastateurs.
La Révolution française, jusqu’à l’avènement du Directoire, savait ce qu’elle faisait en imposant le tutoiement général et en interdisant l’emploi des vocables Monsieur et Madame qui marquaient au moins une déférence réciproque : elle égalisait au plus bas niveau, celui du plus grand dénominateur commun de la familiarité.
Aujourd’hui, ce sont d’abord nos enfants que nous voyons condamnés à être partout tutoyés, comme sous la Révolution. Je ne m’en prends point au tutoiement naturel d’affection et d’intimité (la famille, les amis), ou de solidarité (les copains, les camarades,), mais à celui que leur infligent systématiquement les adultes, comme si l’enfant n’avait pas droit au respect et à la liberté de choisir selon son coeur et ses humeurs qui a, ou qui n’a pas, le loisir de le tutoyer.
D’une façon significative, et qui ne doit rien au hasard, cela commence dès l’école, où plus un instituteur ne prend la peine de vouvoyer (ou voussoyer) un enfant. Au premier jour de classe, l’ex-maître devenu enseignant par banalisation de la fonction et refus de cette sorte de sacerdoce qu’elle représentait autrefois, ne demande plus à l’enfant dont il fait connaissance: « Comment vous appelez-vous ? », ce qui serait au moins du bon français, mais : « C’est quoi, ton nom ? »
Sans que l’enfant en ait conscience, le voilà déjà rabaissé, marqué comme un élément de troupeau. On lui eût dit « vous » d’emblée, ainsi qu’à ses camarades, qu’ils en auraient retiré, tous ensemble, l’impression d’être considérés et appelés à de grands destins, ce qui est faux, naturellement, pour la plus grande partie d’entre eux, mais représente quand même un meilleur départ dans la vie que d’être ravalés dès l’enfance au matricule du tutoiement.
Le jeune élève va être vite conditionné. Dès qu’il saura lire et écrire, ses premiers livres « d’éveil » lui poseront leurs premières questions sous la forme autoritaire du tutoiement : « Dessine ici un arbre, une vache…. » ou encore : « Ecris les noms des fleurs que tu connais… » Ce n’est pas bien méchant, mais c’est ainsi que le pli se prend.
Au catéchisme, devenu catéchèse, l’accueil en TU n’es pas différent, mais ses effets en sont plus marquants, car il s’agit de choses plus graves : c’est l’âme qui se fait tutoyer d’entrée. L’ouvrage « Pierres vivantes » qui fit couler tant d’encre à cause de certaines énormités qu’il contient, distille son enseignement par le biais d’une complicité, et non d’un magistère, que le tutoiement impose à l’enfant.
Tout cela semble si bien admis, que c’est un aspect des choses que personne, à ma connaissance n’a jusqu’à présent souligné. On pose pour principe que l’enfant s’y trouve plus à l’aise. C’est sans doute vrai eu premier degré. Cette pente-là est facile et semble toute naturelle C’est justement pourquoi l’on devrait s’en méfier…
Car dans cet immense combat de société qui divise le pays depuis déjà longtemps, et qui est loin d’être terminé, quelles que soient ses péripéties politiques, nos enfants sont un enjeu formidable : ils représentent l’avenir. Tout se tient et c’est au nom de l’égalitarisme et de l’uniformité larvée qu’on prive ainsi l’enfant de la déférence élémentaire et du respect qu’on lui doit.
Le tutoiement qui sort de la bouche d’un instituteur, fût-il de l’enseignement privé, et de la plupart de ceux qui font profession de s’occuper des enfants, est d’abord un acte politique, même s’il est inconscient. Cela fait partie du dressage, et cela donne des résultats. Déjà, une bonne partie de la France adulte, et toute la France juvénile, se tutoient, dans un grand dégoulinement de familiarité, qu’on appelle aujourd’hui la CONVIVIALITÉ, mot de cuistre, alibi de cuistre, camouflage de cuistre. De la convivialité à la vulgarité, le pas est vite franchi.
Dans de nombreux milieux du travail, le tutoiement devient un passeport obligatoire, dont on ne saurait se passer sous peine de déviationnisme bourgeois, alors que, chez les compagnons d’autrefois, c’était le vouvoiement qui marquait l’esprit de caste. De CASTE, pas de classe.
Au sein du parti communiste, comme du parti socialiste, dans la “République des camarades”, le tutoiement est de rigueur. Seul François Mitterrand y faisait exception lorsqu’il était premier secrétaire de son parti. Il détestait qu’on le tutoie, et allait jusqu’à l’interdire, ce qui montre assez bien, à mon sens, que son socialisme était seulement d’ambition et non de conviction…
Mais, pour le commun des Français, aujourd’hui, il importe de ne pas être FIER, car ce mot-là, justement, par ce qu’il entraîne de dignité et de sentiment élevés, est devenu l’un des nouveaux parias de notre vocabulaire.
Cela peut paraître sympathique, amical, empreint de simplicité. En réalité, ce n’est qu’un piège. Quand les convenances du langage tombent, l’individu perd ses défenses naturelles, rabaissé au plus bas niveau de la civilité. N’a pas d’autre but non plus la destruction de la langue française préparée dans les laboratoires subversifs de l’Education nationale, et dont on mesure déjà les effets…
Pour ma part, j’ai été dressé autrement. Je me souviens de la voix du maître qui tombait de l’estrade : «Raspail! Vous me copierez cent fois…» ou : «Raspail! Sortez!»
J’avais neuf ans. C’était juste avant la guerre, dans une école laïque de village. Plus tard, au lycée (et ce n’est pas pour rien qu’on a cassé certaines façons, là aussi), les professeurs nous donnaient naturellement du MONSIEUR sans la moindre dérision : « Monsieur Raspail, au tableau ! » On se vouvoyait entre condisciples, réservant le tutoiement à un nombre restreint de camarades choisis.
Choisir, tout est là ! Ne rien se laisser imposer sur plan des usages, ni le tutoiement d’un égal, ni à plus forte raison celui d’un supérieur.
Il y avait une exception, de ce temps-là : le scoutisme. Je me souviens de ma surprise quand je m’étais aperçu, à onze ans, qu’il me fallait tutoyer cet imposant personnage en culottes courtes qui devait bien avoir trente ans, et qui s’appelait le scoutmestre, et qu’à l’intérieur de la troupe tout le monde se tutoyait aussi avec une sorte de gravité. Mais il s’agissait là d’une coutume de caste, d’un signe de reconnaissance réservé aux seuls initiés, comme la poignée de main gauche, l’engagement sur l’honneur, et les scalps de patrouille, car le scoutisme avait alors le génie de l’originalité, une soif de singularité forcenée, dont nous n’étions pas peu fiers. On se distinguait nettement de la masse, on s’élevait par degrés à l’intérieur de cette nouvelle chevalerie, mais il fallait s’en montrer digne.
En revanche, on vouvoyait Dieu. Cela nous semblait l’évidence même. La prière scoute chantée commençait ainsi: « Seigneur Jésus, apprenez-moi à être généreux, à Vous servir comme Vous le méritez… » C’est la plus belle prière que je connaisse. Il m’arrive encore de m’en servir. Voit-on comme la musique des mots eût été différente à la seconde personne du singulier, et comme elle parlerait autrement à l’âme: « … A Te servir comme Tu le mérites. » ? C’est sec, cela n’a pas de grandeur, cela ne marque aucune distance, on dirait une formalité. Et cependant, aujourd’hui, c’est ainsi que l’on s’adresse à la Divinité, on lui applique le tutoiement le plus commun en français. Et le reste a capoté en série: la liturgie, le vocabulaire religieux, la musique sacrée, le comportement de la hiérarchie, la laïcisation du clergé, la banalisation du mystère, si l’on s’en tient aux seules lésions apparentes. Dieu est devenu membre du parti socialiste. L’usage est de le tutoyer.
Au chapitre des habitudes, ou plutôt des attitudes, j’ai conservé celle de vouvoyer aussi les enfants qui ne me sont pas familiers, et d’appeler Monsieur ou Mademoiselle les jeunes gens que je rencontre pour la première fois. La surprise passé, ils me considèrent avec beaucoup plus de sympathie, et j’ai même l’impression qu’ils m’en sont reconnaissants. Nous tenons des conversations de bien meilleure venue, et les voilà qui se mettent à surveiller leur langage, c’est-à-dire à s’exprimer correctement en français, comme si d’avoir été traités avec déférence leur donnait des obligations nouvelles et salutaires. Les négations et les liaisons réapparaissent miraculeusement dans la phrase (je n’ai pas, au lieu de j’ai pas, c’est-t-un an lieu de c’est-h-un, etc.), la prononciation se redresse (je suis pour chuis, je ne sais pas pour chais pas, etc.), le goût de l’élégance verbale ressuscite. Faites vous-même l’essai, vous verrez. La dignité du langage et la dignité de la personne se confondent le plus souvent. Voilà pourquoi l’on parle si mal en ce moment…
Oserai-je avouer ici que mes enfants me vouvoient, et vouvoient également leur mère ? Cela depuis leur plus jeune âge, et sans aucun traumatisme. Sans vouloir convertir personne à ce qui peut paraître une ostentation, là aussi il faut constater que le langage courant au sein de la famille s’en trouve naturellement affiné. Et même dans les affrontements, qui ne manquent pas, un jour ou l’autre, vers la fin de l’adolescence, d’opposer les enfants à leurs parents, le vouvoiement tempère l’insolence et préserve de bien des blessures. Il en va de même entre époux, encore que ce vouvoiement-là soi devenu aujourd’hui une sorte de curiosité ethnographique, et Dieu sait pourtant les services de toutes sortes qu’il rend. Je le pratique depuis trente-cinq ans que je suis marié. C’est un jeu divertissant, dont on ne se lasse jamais. Même dans le langage le plus routinier, l’oreille est toujours agréablement surprise. Les scènes dites de ménage, fussent-elles conduites avec vigueur, s’en trouvent haussées à du joli théâtre. On a envie de s’applaudir et de souper ensemble au champagne après le spectacle. Toutes les femmes qui ont compté dans ma vie, je les ai toujours voussoyées, et réciproquement, pour l’honneur de l’amour en quelque sorte. Puis-je espérer, sans trop, y croire, que, tombant sur cette chronique, un jeune couple s’en trouvera convaincu, au moins curieux de tenter l’expérience ? En public, ils étonneront les autres, ce qui est déjà une satisfaction en ces temps d’uniformité où se nivellent médiocrement les convenances sociales. En privé, ils s’amuseront beaucoup aux mille et une subtilités, du vous, et je prends le pari qu’ils ne rebrousseront pas chemin de sitôt.
Dans un tout autre domaine, j’assistais récemment aux obsèques d’un ami cher, Christian, de son prénom, mais il avait aussi un nom, fort joli nom d’ailleurs. Eh bien, le prêtre, qui l’avait jamais vu vivant, qui ne l’avait même jamais vu du tout, le trairait à tu et à toi, selon les piètres dispositions du nouvel office des morts : « Christian, toi qui.. Christian, toi que… Christian, Dieu te… et ta famille… » Exactement comme pour les enfants sans défense ! En vertu de quoi, au nom de quoi, la familiarité doit-elle répandre ses flots visqueux jusque sur les cercueils ? Bossuet tutoyait-il les princes en prononçant leurs oraisons funèbres ? Or chaque défunt est un roi, enfin couronné, et sacré à jamais. Quant au nom patronymique de Christian, celui sans lequel le prénom de baptême n’est rien, il ne fut pas une seule fois prononcé ! Et pourquoi pas la fosse commune obligatoire, dans la même foulée…
Car me frappe tout autant, l’emploi généralisé du prénom seul, en lieu et place du patronyme précédé on non du prénom, et cela dans toutes les circonstances de la vie où il n’est pas nécessaire de présenter une carte d’identité : « C’est quoi, ton nom? Serge. Moi, c’est Jocelyne… » Serge qui ? Jocelyne qui ? Les intéressés eux-mêmes semblent ne plus, s’en soucier. Il y a des dizaines de milliers de Serge, des dizaines de milliers de Jocelyne, alors qu’il n’existe qu’un seul Serge X., qu’une seule Jocelyne Z. Mais on se complaît dans l’anonymat. On y nage à l’aise, on s’y coule avec délices, on n’y fait pas de vague, semblable aux milliers de milliers, on n’éprouve pas le besoin de faire claquer son nom comme un drapeau et de brandir ce drapeau au dessus de la mêlée.
Qu’on se rassure, toutefois. Il nous restera au moins à chacun, le numéro matricule de la Sécurité sociale. Celui-là, on y tient.
J’en connais même qui se battront pour ça…
Source: http://jeanraspail.free.fr/divers.htm
Jean Raspail, Vom Anstand
Wenn es für die Anrede an das Gegenüber im Französischen zwei Personalpronomina gibt, eines im Singular, nämlich TU, eines im Plural, nämlich VOUS, welches man auch den Plural der Höflichkeitsform nennt, dann rührt das daher, dass sich unsere Sprache in dem nuancenreichen Spiel des zivilisierten Umgangs gefällt. Es geht hier gar nicht um eine Vorschrift, einen Formalismus einer Klasse, um Snobismus oder mondäne Benimmregeln, sondern schlicht und einfach um einen naturgemäßen Brauch, der verlorengeht und der unter anderen den Zauber und das geistige Gleichgewicht Frankreichs ausgemacht hat sowie die Freude, Franzose zu sein.
Diese Freude ist fast stumpf geworden. Man teilt mir mit, dahinter steckten andere Gründe, schwerwiegendere und verstörendere, andere Zivilisationsschäden, und dies sei ja wohl eine Art, die Dinge aus dem engen Winkel eines Opernglases zu betrachten. Indes, gerade auf dem Felde der Höflichkeit vermögen kleine Veränderungen große Zerstörungen im Gefolge zu haben.
In der Französischen Revolution bis hin zum Direktorium wusste man, was es bedeutete, das Duzen zur allgemeinen Bürgerpflicht auszurufen und die Anredeformen Monsieur und Madame unter Kuratel zu stellen, Formen, die zumindest eine gegenseitige Achtung anzeigten: Sie schufen eine gemeinsame Ebene auf der untersten Stufenleiter familiärer Vertrautheit.
Heute sehen wir, wie in erster Linie unsere Kinder zum unterschiedslosen Du-Sagen verdonnert sind, wie zu Zeiten der Revolution. Ich schreibe diese Entwicklung keineswegs dem natürlichen Drang zu duzen zu, den man im intimen Umgang der Familie und der Freunde verspürt oder auch im kameradschaftlichen Verkehr mit Kumpeln und Kumpanen, sondern dem Zwang, den ihnen die Erwachsenen durch die Bank auferlegen, als hätten Kinder kein Recht darauf, sich untereinander Respekt zu zollen und nach Lust und Laune zu duzen oder zu siezen.
Die Anfänge gewahren wir nicht zufällig in der Schule, wo kaum noch ein Lehrer sich die Mühe macht, die Kinder zu siezen. Am ersten Schultag fragt der Lehrer, der längst vom einstigen Amt des Lehrmeisters zum banalen Wissensvermittler herabgestiegen ist, nicht mehr: „Wie heißen Sie?“, das wäre immerhin noch eine gewählte Ausdrucksweise, sondern: „Wie ist dein Name?“
Ohne es noch zu bemerken, wird das Kind erniedrigt, als ein Herdenmitglied gebrandmarkt. Hätte man es gleich gesiezt, so wie auch seine Mitschüler, hätten sie gemeinsam den Eindruck gewonnen, sie wären zu Höherem berufen, was für den großen Haufen natürlich nicht der Fall ist, aber einen besseren Start ins Leben darstellt, als von Kindheit an nur am Katzentisch des Duzens Platz nehmen zu dürfen.
Der junge Schüler wird schnell gefügig gemacht. Sobald es mit dem Lesen und Schreiben losgeht, kommen die ersten Aufgaben seiner Fibeln unter dem autoritären Gestus des Du daher: „Zeichne hier einen Baum, eine Kuh …“ Oder auch: „Schreibe die Namen der Blumen auf, die du kennst …“ Das ist nicht so schlimm, doch die Zeichen sind schon gesetzt.
In der Unterweisung im Katechismus, heute Katechese genannt, ist das Du ebenfalls die Regel, doch hier hinterlässt es tiefere Spuren, handelt es sich doch um bedeutendere Dinge: Hier wird die Seele selbst dem Du ausgesetzt. Der von den französischen Bischöfen herausgegebene Abriss des Katechismus für die Jugend mit dem Titel „Pierres vivantes“, der wegen gewisser Ungeheuerlichkeiten seines Inhalts eine Menge Tinte in kritische Kommentare fließen ließ, macht den Schüler auf dem Schleichweg des Duzens zum Komplizen, nicht zu jemanden, der sich souverän verhalten kann.
Das alles erscheint so selbstverständlich, dass meines Wissens bislang noch niemand diesen Aspekt der Dinge hervorgehoben hat. Man geht schlicht davon aus, damit das Wohlgefühl der Kinder zu steigern. Auf den ersten Blick scheint das zu stimmen. Diese Form der Nivellierung kommt sacht daher und sieht ganz natürlich aus. Aber das ist es gerade, was unser Misstrauen erwecken sollte …
Denn in dieser großen Schlacht der Gesellschaft, die unser Land seit langem spaltet und die noch lange nicht ausgefochten ist, was immer die Politik an Wechselbädern bringen mag, sind unsere Kinder ein riesiges Streitobjekt: verkörpern sie doch die Zukunft. All das spielt sich vor unseren Augen ab, und unsere Kinder werden im Namen des Egalitarismus und einer unterschwelligen Uniformität der elementaren Ehrerbietung und der Achtung beraubt, die wir ihnen schulden.
Das Du, das aus dem Mund des Lehrers, und sei er auch Privatlehrer, kommt und der meisten Pädagogen ist vor allem als politische Handlung aufzufassen, auch wenn das keinem bewusst sein mag. Es ist ein Teil der Abrichtung, und demgemäß sind seine Wirkungen. Mittlerweile duzen sich bereits viele erwachsene Franzosen und alle Jugendlichen in einer Atmosphäre sentimentaler Vertraulichkeit, die man heutzutage Geselligkeit nennt, ein Wort, das eigentlich nach Pedanterie und erhobenem Zeigefinger schmeckt. Von der Geselligkeit zur Pöbelhaftigkeit, der Weg ist nicht weit.
In zahlreichen Unternehmen wurde das Duzen zu einem ungeschriebenen Gesetz, das man nur unter der Gefahr übertreten konnte, als Spießer gebrandmarkt zu werden, wohingegen das Siezen unter den Freunden von einst als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Kaste galt, einer Kaste, keiner Klasse.
Im Schoß der kommunistischen wie der sozialistischen Partei, in der „Republik der Kameraden“, herrscht das strenge Regiment des Duzens. Einzig François Mitterand machte hier eine Ausnahme, als er Erster Sekretär seiner Partei war. Er verabscheute es, wenn man ihn duzte, und er ging so weit, dies zu verbieten, was in meinen Augen hinreichend unter Beweis stellt, dass sein Sozialismus auf dem Papier stand, nicht ins Herz eingeschrieben war.
Aber für den gemeinen Franzosen gilt es heutzutage, nicht stolz aufzutreten, und dieses Wort ist sinnigerweise bei all dem, was es an Würde und Hochgefühl verströmt, zu einem der neuen Parias unserer Sprache geworden.
Das mag alles sympathisch daherkommen, kameradschaftlich und von Herzenseinfalt geprägt. In Wahrheit indes ist es nichts weniger als eine Falle. Wenn die Usancen der Sprache fallen, verliert der Einzelne seinen natürlichen Halt und sinkt auf das niedrigste Niveau der Gesittung. Ein anderes Ziel hat auch die Zerstörung der französischen Sprache nicht, die man in den subversiven Laboratorien der nationalen Erziehung vorbereitet, wir verspüren schon die Auswirkungen …
Ich wurde jedenfalls anders erzogen. Ich erinnere mich an die Stimme des Lehrers, die mich vom Katheder herab anfiel: „Raspail, schreiben Sie das hundert Mal nacheinander … „ oder: „Raspail, verlassen Sie den Raum!“
Ich war neun. Das war kurz vor dem Krieg, in einer laizistischen Schule der Stadt. Später auf dem Gymnasium (und es hatte auch hier Folgen, dass man gewisse Verhaltensformen durchbrochen hat) würdigten uns die Professoren der Anrede „Mein Herr“ ohne jeden spöttischen Vorbehalt. „Herr Raspail, kommen Sie bitte an die Tafel!“ Unter den Mitschülern haben wir uns gesiezt, das Du reservierten wir einer kleinen Schar auserwählter Kameraden.
Auswählen, da haben wir es! Nichts nur den Üblichkeiten überlassen, auch nicht das Du aus dem Mund des Schulkameraden, und schon gar nicht aus Raison vor den höheren Rängen.
Es gab zu meiner Zeit eine Ausnahme: die Pfadfinder. Ich erinnere mich, wie ich nicht schlecht gestaunt habe, als ich jene eindrucksvolle Gestalt in ihren kurzen Hosen duzen musste, den Pfadfinderführer, der schon mindestens dreißig Jahre zählte, und auch darüber, dass sich in den Gruppen alle mit einer gewissen Würde duzten. Doch handelte es sich dabei um eine Kastensitte, ein Zeichen der Anerkennung, das einzig den Eingeweihten vorbehalten war, wie die Begrüßung mit der linken Hand, die Verpflichtungserklärung, die Skalps der Sippen, denn das Pfadfinderwesen verfügt über das Genie der Originalität, es brennt auf Einzigartigkeit, und darauf waren wir nicht wenig stolz. Man konnte sich prächtig von der Masse abheben und sich Stufe für Stufe in der Hierarchie dieses neuen Rittertums hocharbeiten, doch musste man sich zuvor seiner würdig erweisen.
Auf der anderen Seite schuldete man Gott das Sie. Das schien uns einfach sonnenklar zu sein. Das gesungene Gebet der Pfadfinder beginnt so: „Herr Jesus, lehren Sie mich, großherzig zu sein und Ihnen zu dienen, wie es Ihnen gebührt …“ Das ist das schönste Gebt, das ich kenne. Es geschieht mir noch immer, dass ich es bete. Spürt man, wie die Musik der Worte ganz anders erklänge, würde es in der zweiten Person Singular gesungen, und wie es anders zur Seele spräche: „… Dir zu dienen, wie es Dir gebührt.“? Das klingt spröde und lässt die Größe vermissen, es baut keine Distanz auf und sagt sich als bloße Formel dahin. Und doch ist das heute die Form, mit der man sich an die Gottheit wendet, man behelligt sie mit dem alleralltäglichsten Du. Und der ganze Rest ging nach und nach in die Binsen: die Liturgie, die Sprache des Gebets, die religiöse Musik, die Hierarchie, es folgten die Verweltlichung des Klerus, die Banalisierung des eucharistischen Mysteriums, wenn man sich nur an die offensichtlichen Beschädigungen hält. Gott ist Mitglied der sozialistischen Partei geworden. Man hat ihn zu duzen.
Was die Sitten oder besser die Haltungen betrifft, so habe ich mir vorbehalten, auch die Kinder zu siezen, die mir nicht vertraut sind, und ich nenne „Mein Herr“ und „Gnädige Frau“ die jungen Leute, die ich zum ersten Mal treffe. Hat sich ihre Verblüffung gelegt, dann begegnen sie mir mit größerer Sympathie, und ich habe sogar den Eindruck, dass sie mir dankbar sind. Unsere Gespräche nehmen einen besseren Verlauf, und die Jungen bemühen sich um einen guten sprachlichen Ausdruck, das heißt, sie bemühen sich, ein fehlerloses Französisch zu sprechen, als habe die Tatsache, dass man sie mit Achtung behandelt, ihnen neue und heilsame Verpflichtungen auferlegt. Die Formen der Verneinung und die Lautbindungen im Satz (je nʼai pas statt jʼai pas, cʼest un an statt cʼest-h-un usw.) und die Aussprache erholen sich (je suis statt chuis, je ne sais pas statt chais pas usw.), der Geschmack an sprachlicher Eleganz wird wieder lebendig. Machen Sie einmal selbst den Versuch, Sie werden sehen! Die Würde der Sprache und die Würde der Person erfüllen sich zumeist eins im anderen. Das ist ja der Grund, warum es zurzeit so elend bestellt ist um die Sprache …
Soll ich es wagen, hier zu gestehen, dass mich meine Kinder siezen und dass sie auch ihre Mutter siezen? Und dies seit Kindesbeinen an und ganz ohne dadurch traumatisiert worden zu sein. Ohne jemanden zu etwas bekehren zu wollen, das wie eine eitle Prätention anmuten mag, sollten wir doch festhalten, dass die Umgangssprache im Schoß der Familie durch das Siezen auf natürliche Weise kultiviert wird. Und selbst in den Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Eltern am Ende der Pubertät mildert der Gebrauch des Sie die Frechheit und vermeidet manche Wunde. Das gilt auch im Verhältnis der Eheleute untereinander, auch wenn das Siezen zwischen Ehegatten heutzutage als ethnographische Kuriosität gilt, und nur Gott allein noch um all die heilsamen Dienste weiß, die es bereiten kann. Ich halte es so seit den fünfunddreißig Jahren, die ich verheiratet bin. Es ist dies ein unterhaltsames Spiel, dessen man nie überdrüssig wird. Selbst in der ganz zur Routine gewordenen Kommunikation wird das Ohr durch das Sie angenehm überrascht. Die Eheszenen, die ich erwähnte, könnten, mit einiger Verve gespielt, sich zu einem hübschen Schauspiel erheben. Man ist geneigt, sich Beifall zu spenden und nach dem Stück gemeinsam auf dem Land zu Abend zu essen. Alle Frauen, die in meinem Leben eine Rolle spielten, habe ich stets gesiezt, und sie taten es mir gleich, gleichsam um der Ehre der Liebe willen. Darf ich hoffen, ohne zu sehr daran zu glauben, dass ein junges Paar, das von dieser Sittengeschichte erfährt, sich davon überzeugt oder zumindest so neugierig ist, damit einen Versuch zu machen? In der Öffentlichkeit würden sie damit Staunen erwecken, was schon genugtuend wäre in Zeiten einer Uniformität, in der die Umgangsformen auf das Mittelmaß gedrückt werden. Im Stillen können sie sich dann über tausend und eine Subtilität der Mitteilung über das Sie amüsieren, und ich wette darauf, dass sie diesen Weg nicht sobald verlassen werden.
Kommen wir zu einem anderen Bereich: Ich nahm kürzlich an der Beerdigung eine guten Freundes teil, Christian mit Vornamen, doch hatte er auch einen Familiennamen, eine recht hübschen zudem. Indes, der Priester, der ihn niemals lebend gesehen hatte, ja der ihn überhaupt noch nie gesehen hatte, übergoss ihn mit „du“ und „dich“, gemäß den kläglichen Bestimmungen für die Beerdigungsfeier: „Christian, der du … Christian, dich … Christian, dich möge Gott … und deine Familie …“ Genauso wie es den Kindern ergeht, die sich auch nicht wehren können! In wessen Auftrag, in wessen Namen soll die Vertraulichkeit ihre zähflüssigen Wogen auch noch über die Särge ergießen? Hat der große Prediger Bossuet die Fürsten geduzt, für die er die Leichenreden hielt? Und ist doch jeder Tote ein König, der am Ende gekrönt wird und geheiligt für immer. Doch ward der Vatersname von Christian, ohne den der Taufname nichtig ist, nicht ein einziges Mal genannt! Dann doch gleich das obligatorische Massengrab, der gesichtslose Schlamm …
Und doch stutze ich, wenn ich nurmehr den Vornamen nennen höre, anstatt des Vatersnamens, ob nun mit oder ohne Vornamen, und dies in allen Situationen des Alltags, wo man gewiss nicht seinen Personalausweis zu zücken pflegt: „Wie heißt du?“ „Klaus.“ „Ich heiße Beate.“ Klaus wer? Beate wer? Die Beteiligten selbst scheinen sich darum nicht zu kümmern. Es gibt abertausende Leute, die Klaus oder Beate heißen, indes es gibt nur einen Klaus X., nur eine Beate Z. Doch man gefällt sich in der Anonymität. Auf ihren Wassern schwimmt man behaglich, lässt man sich genüsslich treiben. Man verursacht aber keine Wellen, bleibt mit den Abertausenden auf Augenhöhe, man verspürt kein Bedürfnis danach, seinen Namen wie eine Fahne flattern zu lassen und über der Menge zu schwenken.
Doch verlieren wir nicht die Zuversicht. Uns bleibt ja, einem jeden, die PIN-Nummer seines Bankkontos. Das ist es, was zählt.
Ich kenne sogar welche, die sich darum schlagen würden …
Ich glaube, mich zu erinnern
Alles, was wir erleben, findet in der Zeit statt, hat also gleichsam einen zeitlichen Index. Was du mir gerade sagst, höre ich wohl: Doch höre ich zuerst den Beginn deines Satzes, sodann seine Fortsetzung und schließlich sein Ende. Sollen wir sagen, zumindest der Beginn des gehörten Satzes trage einen zeitlichen Index, den wir der Vergangenheit zuordnen? Würden wir so weit gehen, müssten wir annehmen, dass ich zumindest gewisse akustische Phänomene sowohl höre als auch mich an sie erinnere. Das wäre seltsam.
Wir müssen also feststellen, dass wir spezifische Momente der sinnlichen Wahrnehmung wie eine an uns gerichtete Frage, eine kleine Melodie oder eine Zeile oder einen Satz eines Textes aus dem Zeitablauf gleichsam ausschneiden und als Gesamtphänomen gleichzeitig wahrnehmen. Alles, was über diese vage Grenze hinausreicht, ordnen wir dem Funktionskreis der Erinnerung oder Erwartung zu.
Erinnern gehört wie Wahrnehmen zu den Formen unserer spontanen Selbsttätigkeit, deren interner Bezug zu unserem bewussten Leben durch den intentionalen Urmodus des Glaubens (Mir-als-etwas-Erscheinens oder Annehmens oder Fürwahrhaltens) hergestellt wird. Erinnern hat die Glaubensform: „Ich glaube (oder ich nehme an oder mir scheint), dass ich mich daran erinnere, dass p“, wobei der Satz p den Inhalt einer Erinnerung oder vergangenen Wahrnehmung wiedergibt. Da alles, was mir als etwas erscheint, mir auch evident ist, können wir auch sagen, die Glaubensform des Erinnerns habe die Form: „Es erscheint mir evident, dass ich mich daran erinnere, dass p.“
Der Satz „Ich erinnere mich, dass p“ hat vollständig analysiert demnach die eben genannte Form: „Es erscheint mir evident, dass ich mich daran erinnere, dass p.“ Wenn du dich daran erinnerst, mich gestern im Park gesehen zu haben, kann ich die Tatsache deiner Erinnerung nicht bestreiten, indes dass die Erinnerung sich auf eine Tatsache bezieht, kann ich sehr wohl bestreiten, indem ich dich darauf hinweise, dass ich gestern gar nicht in besagtem Park gewesen bin.
Deine Erinnerung hat sich als trügerisch erwiesen: Du hast gestern vielleicht einen Menschen im Park spazieren sehen, der mir sehr ähnlich sieht, und mich aufgrund dieser Ähnlichkeit mit ihm verwechselt. Du hast dich bei der Anwendung der Kategorien der Identität und Ähnlichkeit geirrt. Oder du bildest dir heute ein, mich gestern gesehen zu haben, und dein Erinnerungsvermögen spielt dir einen nicht ungewöhnlichen Streich, weil das Gedächtnis zum Gebiet des Phantasielebens offenkundig eine undichte Grenze hat. Denn vieles, was wir zu erinnern glauben, identifizieren wir wohl spontan als Erinnerung, obwohl es sich dabei um reine Phantasie handelt.
Können wir den qualitativen Sprung vom Glauben, sich an etwas zu erinnern, zum Wissen, dass die Erinnerung nicht trügt, sondern sich auf etwas Wahres, tatsächlich Gesehenes oder tatsächlich Vorgefallenes bezieht, aus eigener Kraft bewältigen oder sollten wir uns vor einem solchen Salto mortale hüten? Könntest du aus eigener Kraft darauf kommen, dass deine vorgebliche Erinnerung daran, mich gestern im Park gesehen zu haben, entweder auf einer Verwechslung oder auf purer Einbildung beruht, ohne dass ich dazukomme und dich auf die Unrichtigkeit deiner Erinnerung hinweise?
Wir bemerken, dass das Vermögen sich zu erinnern mit dem Wissen, sich richtig zu erinnern, nicht Hand in Hand geht oder dass Erinnerungen kein Merkmal oder kein Kriterium der Wahrheit, keinen indicem veri et falsi, auf der Stirn tragen.
Du kannst deine Erinnerung, mich gestern im Park gesehen zu haben, nicht dadurch überprüfen und verifizieren oder falsifizieren, dass du mich heute aufsuchst und anhand des aktuellen visuellen Bilds das Vorstellungsbild, das du von mir gestern erhalten zu haben glaubst, in Abgleich bringst. Das wäre so, als würdest du dich von der Wahrheit der Aussagen eines Berichts dadurch überzeugen lassen, dass du dir ihn von mir zweimal vortragen lässt.
Es genügt auch nicht eine zusätzliche Instanz anzurufen, um die Erinnerung zu verifizieren. Im schlimmsten Falle könnte ich, von dir befragt, ob deine Erinnerung zutreffe, mich darin irren, gestern im Park gewesen zu sein (während es doch vorgestern war). So wird der Zeuge vor Gericht, der deine Auskunft, mich gestern im Park gesehen zu haben, bestätigt hat, auf großes Misstrauen stoßen und seine Aussage wird in Zweifel gezogen, und daraufhin und deswegen deine Aussage nicht für bare Münze genommen, wenn sich herausstellt, dass er an dem Tag wegen Trunkenheit am Steuer auf der Polizeiwache saß oder ein notorischer Lügner ist.
Besonderes Misstrauen gegenüber vorgeblich korrekten Erinnerungsaussagen ist angebracht in allen Fällen, in denen die Zeugen mit ihren Aussagen ein starkes Interesse oder einen wichtigen Zweck verbinden. Der Täter, die drohende Strafe vor Augen, gibt vor oder scheint sich entweder gar nicht daran zu erinnern, am Tatort gewesen zu sein, oder sich daran zu erinnern, wie er aus Notwehr habe handeln müssen, da ihn das angebliche Opfer angegriffen oder provoziert habe. Das Opfer, die baldige Vergeltung oder lockende Entschädigung vor Augen, gibt vor oder scheint sich genau an die besondere Heimtücke und Grausamkeit zu erinnern, mit der der Täter zu Werke gegangen sei. Wenn der Staatsanwalt oder Richter zum Kreis der Täter gehört, ist ein genauso großes Misstrauen angesagt, wie wenn der Staatsanwalt oder Richter dem Kreis der Opfer angehört.
Wir bemerken, dass die Erinnerung, geschweige denn ihre Korrektheit, nicht an ein Erinnerungsbild geknüpft sein muss. Du könntest richtig behaupten, du habest mich gestern im Park gesehen, wenn ich gestern im Park war, ohne dass du mit dieser Erinnerung irgendeine Vorstellung verknüpfst.
Du kannst deine PIN-Nummer oder den Namen einer Ortschaft, in der du vor etlichen Jahren weiltest, vergessen haben, auch der Name eines Freundes, der dir auf der Zunge liegt, mag dir gerade nicht einfallen. Doch sollen wir sagen, du habest, vor Gericht nach deinen Personalien befragt, deinen Namen auf der Zunge gehabt, er wollte dir aber gerade nicht einfallen?
Wir bemerken, dass wir auf elementare Gegebenheiten treffen, die aufgezählt nichts weiter als eine Liste von Trivialitäten ergeben, wie der eigene Name, die Tatsache, ein Kind seiner Eltern zu sein, an seinem Wohnort so und so viele Jahre gelebt zu haben oder ein menschliches Wesen zu sein oder von Kindesbeinen an als ein lebendiger Organismus unter anderen Lebewesen und Dingen im Raum und in der Zeit existiert zu haben, Gegebenheiten, an die sich nicht mehr zu erinnern kein Zeichen eines schlechten Gedächtnisses, sondern von Verrücktheit und Wahnsinn wäre.
Die elementaren Gegebenheiten bilden das Netz oder die Struktur unseres kontingenten apriorischen Wissens, auf das wir alle Wahrnehmungen und Erinnerungen auftragen. Die Struktur ist der Basso continuo, die Erlebnisse sind die wechselnden Themen und Variationen.
Wir bemerken weiterhin, dass der Urmodus des Glaubens, der alle selbsttätigen Bewusstseinsprozesse wie Meinen, Wahrnehmen und Erinnern kennzeichnet, ein identitätsstiftendes Merkmal von Personen darstellt, die ein ihrer Zustände bewusstes Leben führen. Etwas zu glauben heißt, der Meinung zu sein, dass p, und nicht der Meinung zu sein, dass nicht-p, heißt, mehr oder weniger starke Evidenzen dafür zu haben, etwas wahrgenommen oder sich an etwas erinnert zu haben. Der Urmodus des Glaubens selbst ist zeitlos, doch alles, was er intentional auffasst, versieht er mit zeitlichen Indizes.
Frühlingslüftchen
Der Fieder-Matz macht einen Satz:
Sei doch mein schnäbeligster Schatz!
Die Haselmaus hüpft brav nach Haus.
Sie hat im Bäckchen noch ein Nüsschen.
Das schenkt sie dir,
als wärʼs ein Küsschen.
Die Biene ist umflort von Pollen.
Sie huscht in ihre dunklen Stollen.
Doch was so süß ihr klebt am Mund,
das tut dir meine Liebe kund.
Die Elster schnarrt um ihren Raub,
versteckt den Glanz im dichten Laub.
Doch einen Glanz, den schenkst du mir,
der funkelt in den Augen dir.
Der Hase hoppelt traulich heim,
er ging dem Fuchs nicht auf den Leim.
Dich hat ein Träumen weich bedeckt
und bliebst von Geistern unverschreckt.
Die milde Kuh sinnt auf der Weide.
Sie hat noch Wärme für uns beide.
Da glimmt ein Stern in naher Ferne.
Den leg ich dir aufs Händchen gerne.
Und fragst du, wo die Lämmchen sind,
schau nach den Wolken du geschwind.
Durchströmt die Liebe Fleisch und Bein,
sind mit dem Weh wir nicht allein.
Wenn Flieder seine Botschaft hisst,
ist Liebes noch, das du vermisst?
Freiheitsgrade und bewusstes Leben
Wenn du etwas behauptest, dann nur, weil du die Möglichkeit hattest, etwas anderes (das für dich ebenso naheliegend gewesen wäre) zu behaupten, aber vorgezogen hast, zu behaupten, was du behauptet hast. Wenn du etwas behauptest, dann nur, weil du die Möglichkeit hattest, das Gegenteil von dem zu behaupten, das du behauptet hast, oder auch gar nichts zu behaupten oder zu schweigen.
Wir unterscheiden demgemäß Freiheitsgrade des Wollens, Denkens und Sprechens. Wenn du p behauptest, stand es dir frei, entweder nicht-p oder q oder gar nichts zu behaupten (zu schweigen).
Die Behauptung p impliziert die Freiheitsgrade:
(1) nicht-p zu behaupten
(2) q zu behaupten
(3) nichts zu behaupten (zu schweigen)
Würde deine Behauptung p keine Freiheitsgrade implizieren, hättest du also nicht die Möglichkeit, nicht-p oder q oder nichts zu behaupten, hättest du mit der Äußerung p gar nichts behauptet, sondern nur ein Geräusch hervorgebracht.
Oder anders ausgedrückt: Etwas zu behaupten ohne die Möglichkeit zu haben, nicht-p oder q zu behaupten oder sich jedweder Behauptung zu enthalten, heißt nichts zu behaupten.
Eine programmierte Maschine, die auf den Stimulus S einen Response in Form der Äußerung p generiert, hat keine Behauptung geäußert, denn es wäre ihr nicht möglich, statt p auch nicht-p oder q oder gar keinen Response zu generieren. Wenn die Maschine statt p eine andere Reaktion zeigt, wie nicht-p oder q oder gar keinen Response, hat sie damit nichts behauptet. Vielmehr wären diese „Antworten“ unerwartete Reaktionen auf den Tatbestand, dass das Programm versagt hat und die Maschine nicht oder nur fehlerhaft funktioniert.
Drücken wir das Kalkül der Freiheitsgrade möglichst einfach anhand der Elementarunterscheidung von „ja“ und „nein“, von Position und Negation aus:
Wenn du die Aussage p betrachtest, kannst du oder steht es dir frei oder hast du die Möglichkeit:
(1) p zu bejahen oder zu akzeptieren
(2) p zu verneinen oder nicht-p zu akzeptieren
(3) die Aussage q der Aussage p vorzuziehen
(4) dich jedweder Aussage und Behauptung zu enthalten (es vorzuziehen zu schweigen)
Wir bemerken, dass wir eine Behauptung p der Behauptung nicht-p vorziehen, wenn es uns scheint oder wenn wir glauben, dass p wahr, aber nicht-p falsch ist. Dass uns etwas so oder so erscheint oder dass wir p glauben, setzt voraus, dass wir, vage gesagt, uns unserer Zustände bewusste Lebewesen sind. Deshalb kann eine Maschine nichts glauben und weil sie nichts glauben kann, auch nichts behaupten – denn etwas behaupten setzt, wie wir sehen, die Möglichkeit und Fähigkeit voraus, etwas zu glauben.
Wir bemerken weiterhin, dass etwas zu glauben die Möglichkeit und Fähigkeit voraussetzt, die Elementarunterscheidung von Position und Negation zu vollziehen. Wenn ich glaube, dass p, impliziert dies, dass ich glaube, dass p positiv oder wahr, dagegen nicht-p negativ oder falsch ist. Die Elementarunterscheidung von Wahrheit und Falschheit hat also eine interne Beziehung zum Grundzustand des Glaubens, der für ihrer Zustände bewusste Lebewesen identitätsstiftend oder ein Identitätsmerkmal ist.
Wenn ich p zu glauben nicht-p zu glauben vorziehe, muss ich dafür keinen Grund haben oder bedarf dafür keiner Rechtfertigung. Zu glauben, dass hier jetzt grün ist, genügt, damit meine Behauptung gerechtfertigt ist.
Dagegen muss ich, wenn ich die Aussage p zugunsten der Aussage q verwerfe oder die Aussage q der Aussage p vorziehe, zumindest einen guten Grund haben, der meinen Glauben, dass nicht-p, sondern q, stützt. Dieser Grund kann eine Aussage r sein, die zu glauben mir evident erscheint, ohne dass ich für sie einen weiteren Grund angeben muss.
Ich sehe, dass ein Loch in der weißen Tischdecke eine Tischplatte zum Vorschein kommen lässt, die an dieser Stelle die Farbe Schwarz aufweist. Ich verwerfe die Aussage p, das weiße Tischtuch verhülle eine zur Gänze schwarze Tischplatte, zugunsten der Aussage nicht-p, die Tischplatte sei nicht überall von schwarzer Farbe, oder ich ziehe die Aussage q, die Tischplatte sei sowohl schwarz als auch rot, der Aussage p, die Tischplatte sei schwarz, vor, weil ich ein weiteres Loch in die Decke geschnitten habe, das an dieser Stelle die Farbe Rot aufweist und mir den Grund zu der Aussage s liefert, die Tischplatte sei zumindest an dieser Stelle rot. Dieser Grund genügt mir, um meine Aussage q zu stützen.
Zwischen der Position und der Negation, zwischen „ja“ und „nein“ liegt der nicht messbare Raum oder die Freiheitsdimension der Indifferenz oder der Urteilsenthaltung oder des Schweigens. Gefragt, ob angesichts der Feststellung, dass das erste Loch in der weißen Tischdecke zu der Aussage berechtigt, dass die Tischplatte an dieser Stelle schwarz ist, und der Feststellung, dass das zweite Loch zu der Aussage berechtigt, dass die Tischplatte an dieser Stelle rot ist, ich einen Grund zu einer Aussage darüber habe, von welcher farblichen Beschaffenheit die Tischplatte insgesamt ist, enthalte ich mich meines Urteils und hülle mich in Schweigen.
Wir bemerken, dass es ein Zeichen der Klugheit oder Weisheit ist, sich in Zweifelsfällen des Urteils zu enthalten, dagegen ein Zeichen von Dummheit oder Überheblichkeit, vorgebliches Wissen und vorschnelle Behauptungen in Fällen zu äußern, in denen ein entschiedenes „Ignoramus“ angemessen wäre: Si tacuisses philosophus mansisses.
Freiheit ist eine Form freiwilliger oder vorsätzlicher Bindung oder Verpflichtung. Je stärker die Bindung und je größer die Verpflichtung, umso stärker und größer der Freiheitsgrad. Wenn ich dich nach dem Befinden unseres gemeinsamen Freundes frage, da ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe, bürdest du dir mit der Behauptung, du habest den Freund doch heute gut gelaunt im Park spazieren sehen, mir gegenüber immerhin die Verpflichtung auf, mich nicht mit einer unwahren Aussage an der Nase herumzuführen – der Polizei gegenüber, die dich aufgrund einer Vermisstenanzeige seiner Frau oder seiner Familie über den Aufenthalt des Freundes befragt, gehst du mit deiner Aussage, du habest ihn heute im Park spazieren sehen, eine ungleich stärkere Verpflichtung ein.
Wir bemerken, dass unser bewusstes Leben durch die Möglichkeiten und Fähigkeiten, etwas zu glauben oder nicht zu glauben oder etwas anderes zu glauben oder weder das eine noch das andere zu glauben, kurz: aufgrund der Freiheitsgrade unserer Urteilsbildung in einen sprachliche Umgang eingebunden ist, der uns ohne dass wir gefragt worden wären in unterschiedlichem Maße die Verantwortung dafür aufbürdet, ob wir eine Behauptung oder ihre Verneinung akzeptieren, ob wir eine Behauptung einer anderen vorziehen oder ob wir uns der Urteilsbildung enthalten und uns in Schweigen hüllen.
Herrschaft der Zeichen
Wenn dir evident ist, dass es hier grün ist, ist dir ebenfalls augenscheinlich, dass es hier nicht blau und nicht rot ist. Wenn mir evident ist, dass es hier grün ist und nicht schwarz und nicht weiß, liegt die Vermutung nahe, dass aus dem apriorischen Wissen von dem, was uns erscheint, ein tatsächliches Wissen von dem, was ist, folgt, nämlich, dass es hier grün ist und weder blau noch rot noch weiß noch schwarz.
Eine schwarze Tischplatte ist gänzlich von einem weißen Tuch bedeckt, das an einer Stelle ein kleines Loch hat, durch das die Tischplatte durchscheint. Du kannst nun behaupten, dass die Tischplatte an der Stelle, die das Loch freilässt, schwarz ist und nicht blau oder rot. Aber ob die Farben Blau und Rot an anderen Örtern zum Beispiel in einem farbigen Muster auf der Platte nicht doch auftreten, weißt du nicht. Wenn du nun weitere Löcher in die Tischdecke schneidest und dort weiterhin ausschließlich auf die Farbe Schwarz triffst, liegt die Vermutung nahe, die du in einer Form der induktiven Verallgemeinerung äußerst, dass die ganze Platte schwarz ist oder alle Örter auf der Platte die Farbe Schwarz aufweisen. Aber wenn du die Tischdecke wegziehst, entdeckst du, dass am Rand ein verdeckt gebliebener Fleck rot ist.
Wir bemerken, dass unser korrekter Gebrauch der Zeichen durch die Grenzen dessen, was sie bezeichnen, positiv und negativ bestimmt ist.
Wenn die positive Verwendung eines Zeichens hier und jetzt die positive Verwendung beliebig vieler anderer Zeichen implizieren würde, würde die Eindeutigkeit und Klarheit des verwendeten Zeichens oder die Eindeutigkeit und Distinktion der Verwendung dieses Zeichens immer weiter eingeschränkt bis zu einer Grenze, jenseits deren weitere Implikationen anderer Zeichen die Lesbarkeit und Bedeutung des verwendeten Zeichens gänzlich verwischen oder auslöschen würden.
Wir nennen die unkontrollierte Überlagerung und Überdeckung eines Zeichens durch beliebig viele Zeichen, die zu dem ersten Zeichen in der Relation der Ähnlichkeit stehen, Assoziationen oder freies Spiel der Einbildungskraft. Assoziationen über ein Zeichen sind wie freie Improvisationen über ein musikalisches Thema: Wie dieses sich mittels überraschender Einfälle oder Stimmungs- und Dur-Moll-Wechsel vom Ausgangspunkt weit entfernen und erst zu guter Letzt zum Ausgangsthema zurückkehren mag, so verlieren frei assoziierte Zeichen das Ausgangszeichen oft nach wenigen Schritten oder Sprüngen bereits aus dem Auge, und nichts garantiert, dass sie zum Ausgangspunkt zurückfinden. Eine solche Art der Darstellung mag geistreich sein und den Anschein von Tiefsinn vermitteln, sie mag und darf auch bloß unterhaltsam sein – und das meiste, was uns von den hohen Regalen der Philosophie, der Geisteswissenschaften oder der Psychoanalyse entgegenblickt, hat die lockere Substanz dieser intellektuellen Baisers –, nur eins ist all das nicht: redliches, schweißtreibendes, ernsthaftes Bemühen um Wahrheit, sondern das gleichsam verliebte Herumstreunen oder trunkene Hin- und Herwanken im gepflegten Park oder dem wilden Dickicht der Metaphern.
Das elementarste Beispiel für die Gefahr, die der Verwendung der Zeichen durch ihren Missbrauch droht, zeigen uns die Elementarzeichen für die Position und die Negation. Wenn „ja“ gleichzeitig „nein“ bedeutete, implizierte jeder Satz seinen Gegensatz und nichts mehr wäre klar oder überhaupt bedeutungsvoll.
Man kann so weit gehen und die Grenze der Vernunft und des Wahnsinns mit der Beherrschung der Bedeutungen von „ja“ und „nein“, der Position und der Negation, definieren.
Wir nennen ja einen Menschen, der nicht nein sagen kann, auch willensschwach. Aber einen Menschen, dem sich die Grenze zwischen dem, was er bejaht, und dem, was er verneint, verwischt, müssen wir mehr als willensschwach, nämlich geistesschwach nennen. Jemandem, dem die Grenze der Position und Negation verschwimmt, ist an der Haut seines Ich gleichsam porös und löchrig. Was durch die Löcher eintritt, weiß er nicht korrekt zu bezeichnen: Die anderen fallen ihm gleichsam ins Wort oder beschatten und umgeistern den Claim der Zeichen, den er sich abgesteckt zu haben glaubt. Wer spricht, wenn er mit sich spricht oder in sich hineinhört?
Wir nennen die Form der Abwehr des seelisch Kranken, dem die Grenzen zwischen der Position und der Negation verschwimmen oder der die Herrschaft über die Zeichen für das Innen und das Außen verloren hat, gegen diesen psychischen Zustand der Ohnmacht oder Anarchie Verfolgungsangst.
Wir bemerken, dass wir Wahrnehmungsurteile wie die Behauptung, das hier sei jetzt grün, gewinnen können, indem wir uns auf die Position beschränken; denn die Negationen wie die, dass hier und jetzt nichts blau oder rot ist, sind evidente logische Implikationen. Anders steht es um Begriffe wie Vater, Freund, Arbeitgeber. Hier gelangen wir zur Position eines Urteiles nicht durch Wahrnehmung eines spezifischen Phänomens – nichts an der Wahrnehmung eines Mannes weist ihn unmittelbar als Vater aus –, sondern durch die Information über eine Relation: Von allen Männern, die Kinder haben oder keine Kinder haben, nennen wir Väter diejenigen, die Kinder haben. Wir schließen aus der Menge aller Männer diejenige Menge der Männer aus, die keine Kinder haben. Die Negation ist also ein echter Bestandteil des Urteils, wen wir als Väter bezeichnen.
Das Kind ist Kind des Vaters, der Vater nicht Kind des Kinds. Die Relation ist asymmetrisch. Wer eine Person in seinem Unternehmen angestellt hat, ist Arbeitgeber, der Angestellte hat niemanden angestellt und kann niemanden anstellen. Die Relation ist ebenfalls asymmetrisch. Wer mit jemandem befreundet ist, weiß und kann davon ausgehen, dass jemand mit ihm befreundet ist. Die Relation ist symmetrisch.
Der Sohn einer jüdischen Mutter, der den Einweihungsritus der Synagoge, die Bar Mizwa, absolviert hat, ist ein Mensch jüdischen Glaubens. Die jüdische Glaubenszugehörigkeit ist wie die meisten religiösen Zugehörigkeiten oder Identitäten eine Position, die eine gewisse Menge von Negationen impliziert. Ein bekennender Jude kann nicht gleichzeitig Christ, Moslem oder Atheist sein. Die jüdische Position schließt andere Positionen nicht aus, so kann ein Jude Deutscher, Amerikaner, Pole oder Israelit sein. Die religiöse Identität oder Position ist zugleich eine kulturelle Identität oder soziale Praxis. Die Praxis manifestiert hinreichend eindeutige Zeichen der religiösen Identität, zum Beispiel die Tatsache, dass der fromme Jude sich an die mosaischen und talmudischen Speisevorschriften der koscheren Küche hält. Ein Mensch, der vorgibt Jude in diesem Sinne zu sein, aber in Wahrheit nicht koscher lebt, ist entweder ein Schwindler oder willensschwach oder geistesschwach in dem oben definierten Sinne.
Besonders charakteristisch wirkt sich die Herrschaft der Zeichen in Gruppen aus, die sich aus dem sozialen Umfeld der dominanten Gruppen ausgrenzen und etwa sogenannte Geheimgesellschaften, revolutionäre Vereinigungen oder Verbrecherbanden wie die Mafia bilden. In ihnen finden wir neben der allgemein gepflegten Umgangssprache Geheimsprachen oder Geheimcodes, an denen sich die Mitglieder erkennen oder in denen sie ihre konspirativen Absprachen treffen. Wer es wagt, den Geheimcode unbefugten Dritten zu entschlüsseln, gilt als Verräter und wird vor das Femegericht gestellt.
Wir bemerken, dass sich Willensschwäche und Geistesschwäche in der Unfähigkeit darstellen, die Zeichen zu beherrschen, die zu beherrschen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität erfordert. Der Zusammenbruch des Willens zur Herrschaft über die sprachlichen Zeichen manifestiert sich in der Schizophasie genannten Krankheit in der Unfähigkeit, die sozial erwarteten und geforderten Sprechakte korrekt oder angemessen zu identifizieren und zu vollziehen. Der Kranke hört die an ihn gerichtete Frage, kann sie aber entweder als solche nicht identifizieren oder nicht angemessen beantworten. Statt einer Antwort wiederholt er beispielsweise die Frage als Behauptung.
Die Anarchie der Zeichen ist also ein Symptom der Unfähigkeit zur Kommunikation, nicht ist umgekehrt die Verzerrung der Kommunikation, wie angeblich durch böse Mütter oder fatale Liebhaber, die Ursache der Anarchie der Zeichen. Der Kranke verweigert sich nicht der ihm unerträglich gewordenen Kommunikation mit der Mitwelt und Umwelt, er verkapselt und verirrt sich nicht aus bösem Willen in seine Krankheitseinsamkeit oder um seine Unbotmäßigkeit zu bekunden, sondern aus Willens- und Geistesschwäche erliegt er dem Chaos der Zeichen.
Die Erklärung des devianten Verhaltens des Kranken leidet oft an dem logischen Fehler einer Verwechslung der Korrelation mit der Kausalität: cum post hoc ergo propter hoc. Infolge der Krankheit verzerren sich die kommunikativen Bahnen, es hat aber den Anschein, als reagiere der Patient mit seinen Symptomen auf die verzerrte oder wie man gern romantisch sagte entfremdete oder entfremdende (schizophrenogene) Situation. Aufgrund der zunehmenden Willens- und Geistesschwäche, mag diese nun hirnpathologische oder chemisch-neuronale Ursachen haben, verliert der Kranke beispielsweise die Fähigkeit der Elementarunterscheidung von „ja“ und „nein“, von Position und Negation. Er verweigert dem Angehörigen, dem Freund oder dem behandelnden Psychiater die Antwort auf eine an ihn gerichtete schlichte Frage nach seinem Befinden oder nach irgendeinem ihm im früheren Leben einmal interessanten Gegenstand. Er leugnet vielleicht sogar ein solches Interesse je gehabt zu haben oder scheint den Fragenden mit einer unzusammenhängenden Suada in die Irre und an der Nase herumführen zu wollen. Oder es scheint so, als wolle der Kranke mit mystifizierenden Reden seine mentale Haut vor solchen Frage-Zudringlichkeiten schützen.
Da ist leicht spekulieren und sinnieren, ob denn dieses Verhalten nicht seinen geheimen Sinn vor dem Hintergrund eines beeinträchtigenden oder traumatisierenden Verhältnisses des Patienten zu diesem Angehörigen oder Freund oder Arzt gewinne und offenbare. Wenn aber der Kranke beispielsweise einem paranoischen Wahn erlegen ist, wird er selbst den Freund, der sich immer von seiner besten Seite gezeigt und auch in der Not sich aufopferungsbereit zur Verfügung gestellt hat, des Verrats, der Intrige oder giftmörderischer Absichten verdächtigen oder bezichtigen. Der Kranke hat die Herrschaft über die Zeichen bereits verloren: Weil ihm deshalb alle Mitteilungen und Wahrnehmungen schief und verzerrt vorkommen, verdächtigt er die anderen, ihm die geistige Souveränität durch verwirrende Botschaften oder raffinierte Beeinflussungen oder Suggestionen bizzarester Art streitig machen zu wollen.
Dasselbe und das Gleiche
Das Denken und das Wissen, die Philosophie und die Wissenschaft, trachten danach, die Identität zu enthüllen, dasselbe zu sagen. Ähnlich wie der Kriminalpolizist die Identität des Verdächtigen anhand gewisser Merkmale feststellt, sinnt der unabhängig Denkende auf Verfahren und Methoden, mit denen sich die wesentlichen Eigenschaften des Untersuchungsgegenstandes manifestieren lassen.
Das einfachste Verfahren der Kriminalistik ist der Abgleich aktuell gewonnener Befunde mit archivierten Daten: Der hier abgenommene Fingerabdruck wird mit dem Archiv der digitalisierten Fingerabdrücke in einem bestimmten geographischen Raum und einem definierten Zeitabschnitt abgeglichen. Der hier gewonnene DNA-Befund wird auf ähnliche Weise abgeglichen. Wir fragen, ob in bestimmten Fällen ein einziges Merkmal genügt, um die Identität festzustellen. Wir wissen indes, dass dies in den meisten Fällen nicht genügt.
Wenn keine Daten im Archiv vorliegen, kann die Identität nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Nehmen wir den Augenzeugen: Er muss bei der Gegenüberstellung mit einer Reihe von Verdächtigen aus dem Archiv des Gedächtnisses Ort und Zeitpunkt der Einschreibung seiner Erinnerung ausfindig machen, um das Gedächtnisbild mit dem aktuellen visuellen Bild abgleichen zu können. Aber zwischen dem Gesehenen und dem Erinnerten herrscht augenscheinlich keine Identität, sondern bestenfalls Ähnlichkeit. Es bleiben also Zweifel, durch das Erinnerungsvermögen allein können identitätsstiftende Merkmale nicht bereitgestellt werden.
Wenn wir angesichts eines unbekannten Objekts, eines neuartigen Phänomens, eines merkwürdigen Ereignisses in die Verlegenheit geraten, feststellen zu müssen, dass wir in unserem lokalen oder weltweiten Archiv keine Schablonen, keine Paradigmen und keine Merkmalsbeschreibungen auffinden können, mit deren Hilfe wir das Objekt, das Phänomen und das Ereignis zu identifizieren imstande wären, stehen wir vor der Herausforderung, vor der das unabhängige Denken und Forschen zu stehen pflegt: die wesentliche Identitätsmerkmale eines Gegenstandes allererst auffinden zu müssen.
Die bewährtesten Verfahren der Feststellung von Identitätsmerkmalen sind Beobachtung und Analyse. Wenn wir beobachten können, dass die Umlaufbahn des Morgenstern genannten astrophysikalischen Objekts identisch ist mit der Umlaufbahn des Abendstern genannten astrophysikalischen Objekts, können wir aufgrund der Feststellung dieser Identitätsmerkmale die Aussage „Der Morgenstern ist der Abendstern“ als wahre Behauptung auszeichnen. Wenn wir aufgrund der Analyse der Lichtspektren, die das Morgenstern genannte astrophysikalische Objekt ausstrahlt, und aufgrund der Analyse der Lichtspektren, die das Abendstern genannte astrophysikalische Objekt ausstrahlt, zu dem Ergebnis kommen, dass die Spektren sich überlagern, können wir aufgrund der Feststellung dieser Identitätsmerkmale die Aussage „Der Morgenstern ist der Abendstern“ als wahre Behauptung auszeichnen.
Dasselbe ist nicht das Gleiche, und die Art und Struktur des Wissens, die nach dem einen forscht, ist gänzlich verschiedenen von der Art und Struktur des Wissens, die nach dem anderen forscht. Wenn der Verdächtige zum Tode verurteilt wird, weil er dem wahren Täter wie ein Ei dem anderen ähnlich sieht, läuft die Verwechslung desselben mit dem Gleichen auf einen fatalen Irrtum hinaus. Wenn statt des wahren Jesus sein Doppelgänger gekreuzigt worden wäre oder wenn zwar der echte Jesus am Kreuz gestorben wäre, aber in einer wahrlich folgenreichen religiösen Verwechslungs- und Schmierenkomödie sein Doppelgänger den Jüngern als Auferstandener erschienen wäre, ginge uns die Differenz von Identität und Ähnlichkeit aufs Peinlichste auf.
Wir bemerken, dass wir in den meisten Fällen zur Identitätsfeststellung über mehr als ein identitätsstiftendes Merkmal verfügen müssen. Schließlich unterscheiden sich die DNA-Sequenzen eineiiger Zwillinge nicht.
Wir sind instinktiv geneigt, das Ähnliche demselben vorzuziehen, weil der Bereich des Wahren, der auf der Feststellung der Identität fußt, ein dürres, karges Gebiet des Rationalen darstellt, in dem unsere irrationalen Wünsche nach Verzauberung und mehr oder weniger sublimen Werten keine üppigen Früchte hervorbringen können.
Unsere dichterische Phantasie zieht es vor, die Identität von Morgenstern und Abendstern zu leugnen, um dem Erscheinen des Morgensterns unsere jugendlichen Empfindungen und Aufschwünge, dem Erscheinen des Abendsterns unsere erotische Schwermut andichten zu können.
Die Lust unserer Phantasie und die Freude unserer Vorstellungskraft zehren lieber von der unversieglichen Quelle der Metapher, statt von den trockenen Benennungen des Eigentlichen und Wörtlichen sich herabstimmen zu lassen. Der Gegenstand unseres Verlangens und unserer Furcht nimmt die Qualitäten unserer Leidenschaften an, wird süß oder bitter, schön oder hässlich, begehrenswert oder scheußlich. In der Abwehr der Feinde von den Grenzen des Eigentums, des Vaterlands oder der eigenen Kultur liegt genauso viel Wahrheit wie in der Haltung des Quietisten, Pazifisten oder Defätisten, allen alle Tore zu öffnen und alles den Bach runtergehen zu lassen. Im Bereich des Uneigentlichen kommt es nicht auf Wahrheit an, sondern auf Leidenschaft.
Was wir durch Beobachtung und Analyse an mehr oder weniger gesichertem Wissen herausgefunden haben und herausfinden werden, von der innersten Struktur der Materie bis zum sich ewig entziehenden Horizont des Universums, von der Analyse der chemischen Kommunikation der Insekten bis zur Analyse der Vergesellschaftungsformen des Homo sapiens, ist beeindruckend. Doch den nach Sinnerfüllung dürstenden Geist des von seinen Trieben und Traumen geplagten Menschen schenkt es keine Ruhe. Eine Wahrheit, der man nicht leben und für die man nicht sterben kann, lässt ihn kalt. Deshalb verschmilzt er den animalischen Drang mit dem überwirklichen Schein der Metapher. Nur die goldenen Äpfel der Hesperiden können diesen Hunger stillen, nur der Lorbeer aus der Hand der Nike kann diesen Ehrgeiz zufriedenstellen.
Der Trieb des Uneigentlichen verpuppt sich und tritt dem bedürftigen, aber unbedarften Gemüt in den Formen der Pseudophilosophie wie in den vielen dicken, ungenießbaren Schwarten der Hegel und Schelling, Adorno und Heidegger oder in den illustren Varianten der Pseudowissenschaft wie der Psychoanalyse entgegen. Beide befriedigen Werthaltungen und emotive Komplexe, geben aber vor, um wichtige Sachverhalte und Menschheitsfragen zu kreisen und sie mit speziellen Erklärungsweisen aufhellen zu können. Die Psychoanalyse lebt von intuitiv plausiblen, letztlich aber nicht begründbaren Unterstellungen. Der psychoanalytisch inspirierte Psychiater Uwe Henrik Peters glaubt in seinem Buch über die schizophrene Erkrankung des Dichters Friedrich Hölderlin dessen homosexuelle Veranlagung nachweisen zu können, indem er unterstellt, dass beispielsweise die pädagogische Plackerei um den auf Selbstbefriedigung erpichten Zögling Fritz von Kalb in Waltershausen im Haus der Familie von Charlotte von Kalb, der Freundin Friedrich Schillers, aus der unbewussten Abwehr onanistischer und pädophiler Neigungen des geplagten Hofmeisters resultiere. Ja mehr: Seine – ebenfalls nicht erwiesene, dafür mit Leidenschaft unterstellte – heimliche Liebschaft mit der Gesellschafterin der Hausherrin sei ein Symptom der Abwehr homosexueller Neigungen gewesen.
Weiterhin führt Peters eine von Christoph Schwab berichtete Szene in der Zeit der Hölderlinischen Turmexistenz zum Nachweis abgewehrter homosexueller Wünsche an. Hölderlin habe mit dem warnenden Ausruf, das sei gefährlich, dem jungen, gutaussehenden Gast die Bitte verwiesen, sich neben ihn auf das Sofa zu setzen. Vielleicht war das Sofa ja brüchig und in Gefahr, zusammenzukrachen, wenn zwei Leute darauf Platz nähmen! Aber unser Autor weiß es besser, ja, er weiß um die entscheidenden Dinge nicht aufgrund von Belegen und Daten der Beobachtung und physischer und logischer Analyse, sondern aus dem freien Spiel der Assoziationen, das bekanntlich zur Methode der Fallbetrachtung erhoben worden ist. Assoziationen aber scheren sich nicht um das Wahre, sondern reihen anhand von zufälligen Kontiguitäten und Kontaminationen der Gedanken Ähnliches an Ähnliches. Gib diesen Leuten den kleinen Finger und gleich greifen sie nach der ganzen Hand!
Wir bemerken noch en passant, dass die Literatur und vor allem die überkommenen Corpora an Briefen der Herder, Hamann, Goethe, Hölderlin und vieler anderer einen überschwänglichen Begriff von Männerfreundschaft und einen überstilisierten Freundschaftskult im 18. Jahrhundert uns vor Augen rücken und damit Zeugnis geben für eine in Gesprächen, Briefen, Gedichten und Romanen codierte Passion, die keineswegs dem Verdacht ausgesetzt ist, hier handele es sich um den wenn auch stilisierten oder camouflierten Ausdruck homosexueller Wünsche oder Handlungen.
Der „Entdecker“ der „Homosexualität“ Hölderlins beruft sich in seinem Buch auf einen anderen „Entdecker“, der mittels derselben Methode freier Assoziation allerdings ein „Forschungsergebnis“ auftischt, das der These des Psychiaters, der Dichter habe an einer Psychose gelitten diametral entgegengesetzt ist, nämlich, Hölderlin habe diese Krankheit nur vorgetäuscht. Über die Absurdität dieser Annahme sei hier kein Wort mehr verloren. Im Übrigen verwundert es ja nicht eigentlich, dass man mit solch dubioser Argumentationsweise sowohl einen Satz wie auch seine Verneinung „beweisen“ kann!
Betrachten wir die sogenannte Methode, die der Literaturwissenschaftler und Germanist Pierre Bertaux in seinem Buch über Friedrich Hölderlin anwendet, um seine Aussagen zu belegen und zu rechtfertigen, an einem kleinen Exempel. Auch Bertaux legt den Bericht des jungen Schwab über seinen Besuch des Dichters im Tübinger Turm zugrunde. Hölderlin habe, aufgefordert, aus seinem Hyperion vorzutragen, diesem Wunsch zwar nicht entsprochen, dieweil er aus dem Buch nichts als Wortsalat wiedergab, diesen aber habe er häufig mit dem Ausruf „pallaksch!“ unterbrochen. Die wissenschaftliche Philologie hätte nach der semantischen Identität dieses Ausdrucks zu fragen und wenn sie in den philologischen Archiven, sprich Wörterbüchern, nicht fündig würde und kein Muster oder Paradigma dieses Wortes zum Abgleich auffinden könnte, die Segel resignativ zu streichen und mit Bedauern ein „Ignoramus!“ hinter den Fall zu setzen.
Anders die von Bertaux und vielen anderen betriebene Pseudowissenschaft: Sie läuft nach diesem Negativbefund erst heiß und hetzt mit ihrer geradezu pervers-raffinierten Spürnase den Ähnlichkeiten und Assoziationen nach, bis sie findet, was sie finden will und was ihre schon vorab intuitiv oder ideologisch gesetzte Annahme nicht umhin kann als zu bestätigen: Sie rennt von „pallaksch“ zum altgriechischen „pallax“ (Muss es denn Altgriechisch sein? Na, bei Hölderlin machen wir es nicht darunter! Und der Lautwandel der letzten Silbe? Hat der Meister halt geschwäbelt!). Wenn „pallax“ schon „junger Mann“ bedeutet, gibt es kein Halten mehr und die vermaledeite Spürnase hat den Trüffel „pallakis“ ausgewühlt, denn das heißt bereits „Beischläferin“. Vor des Philologen Schnüffelei ist keine Grenze heilig. Natürlich müssen die großen Namen immer zuerst dran glauben. Also findet er im Homer das Kebsweib des Admintor als „pallakis“ und im Vergil den „Pallas“, einen Gefährten (Achtung, das ist schon gefährlich!) des Aeneas, der seinen Tod in der Schlacht rächt (wie der Gelehrte den Schritt von „pallaksch“ zum „Pallas“ des Vergil rechtfertigen kann, davon kein Wort!).
Nichts konnte für den „Entdecker“ der „Homosexualität“ Hölderlins anregender sein als diese philologische Hexerei, die Peters meisterlich nennt. Er „übersetzt“ dann, wenn schon, denn schon, Hölderlins Ausruf „pallaksch!“ mit „Strichjunge!“.
So sehen die Argumente und Belege, die Beweise und Analysen derjenigen aus, die den kategorialen Unterschied zwischen demselben und dem Gleichen, zwischen Identität und Ähnlichkeit nicht berücksichtigen oder verwischen oder leugnen. Hier sehen wir in nuce, wie das Denken an der Wahrheit schnurstracks vorbeiläuft und der Faszination des Ähnlichen oder dem Analogienzauber erliegt.
Das Ähnliche ist ja auch das Wahrscheinliche, Simile, aber logisch gesehen ist das Wahrscheinliche nicht das Gegenteil des Unwahrscheinlichen. Denn dass du morgen wie verabredet zu mir kommst, ist weniger wahrscheinlich, als dass morgen die Sonne scheinen wird, indes bedeutend wahrscheinlicher, als dass morgen die ewige Nacht hereingebrochen sein wird. Wir können den Sprung vom Wahrscheinlichen zum Wahren entweder gar nicht oder nur unter Wahrung mehr oder weniger starker Restriktionen machen. Je stärker wir den Übergang einschränken, umso mehr reduzieren sich unsere beweiskräftigen Aussagen auf solche, die logischen und mathematischen Aussagen strukturgleich sind. Immerhin behalten wir damit außer Logik und Mathematik die ganzen Naturwissenschaften, insofern sie formalisiert werden können. Der große Rest müsste schweigen. Wollen wir so streng nicht sein (Hölderlin behüte!), müssen wir unsere Restriktionen lockern, dafür aber in Kauf nehmen, dass mit der Zunahme der Menge der zulässigen Aussagen die Zunahme der Menge der unwahren Aussagen unter ihnen direkt proportional anwächst.
Natürlich ist das Ähnliche diesseits von Logik und Wissenschaft das Lebensfluidum schlechthin. Wir müssen eben mit Wahrscheinlichkeiten rechnen und können uns nicht auf lauter Gewissheiten berufen oder verlassen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass der Mensch, mit dem du jahrelang gelebt hast, nicht vor langer Zeit durch seinen Doppelgänger ausgetauscht wurde, obwohl wir diese Annahme nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, also ihre Negation nicht mit letzter Gewissheit behaupten können. Und es genügt, auf die Ähnlichkeit einer Blume oder Frucht, einer Melodie, einer Situation mit einer schon einmal oder öfters gesehenen Blume oder einer schon öfters ohne Bauchgrimmen genossenen Frucht, einer bekannten Komposition eines bekannten Komponisten, einer vielfach erlebten Situation in der oder jener Verkehrs-, Kommunikations- oder Lebenslage hinzuweisen, um daraus klug zu werden und das ehemals gewonnene Wissen heute und jetzt heraufzurufen und günstigenfalls passgenau anzuwenden.
Indes, über dem Teich des Ähnlichen wimmeln die Irrtumsmöglichkeiten wie über dem echten Teich die Mücken. Wenn wir Pech haben, erwischen wir die falsche Frucht und winden uns vor Bauchgrimmen. Die Ähnlichkeit hat uns zu der Annahme verleitet, die ähnlichen Früchte repräsentierten dieselbe Pflanzenart. Wir hören der Melodie gleich ab, dass sie von Mozart ist. Aber nein, sie ist von Haydn. Das scheint ungefährlich, nur wenn es darauf ankommt wie im Examen des Musikwissenschaftlers, ist die Verwechslung des Ähnlichen mit demselben fatal. Wir sehen, wie gebrechlich und vielleicht auch desorientiert die alte Dame auf der Bank, die sich gerade vergebens zu erheben bemüht oder vor dem Zebrastreifen zögert, wohl sein mag. Also machen wir es, wie es gute Kinderstube und langjährige Erfahrung mit ähnlichen Situationen nahelegen: Wir bieten bereitwillig unsere Hilfe an. Doch die Dame stößt uns brüsk zurück. Sie hat ihren Stolz und will bis zum guten oder weniger guten Ende selbst tun, was zu tun sie nicht lassen kann und mag. Unsere Erfahrung hat uns einen Streich gespielt, der jetzige Fall ist den ehemals erlebten nur scheinbar ähnlich, in Wahrheit ganz verschieden.
Fügen wir ans Ende einen Hauch des hohen Ernstes und Sinns, der um die Idee der Analogia entis schwebt. Von Gott können wir Wahres nicht aussagen, es sei denn, er habe es selbst wie in der Inkarnation des Sohnes offenbart. Was wir menschlich an Scherflein mit den von uns am meisten geschätzten, vielleicht auch überschätzten Gütern beitragen können, müssen wir, nachdem wir sie gezählt und aufgezählt haben, gleichsam wieder subtrahieren und negieren. So wenn wir Gott weise, gerecht, liebend nennen. Doch Gottes Weisheit ist unserer Weisheit nicht ähnlich, insofern er auch das Kommende schon erschaut hat. Gottes Gerechtigkeit ist unserer Gerechtigkeit nicht ähnlich, insofern er die wahren Motive der Handelnden durchschaut hat. Gottes Liebe ist unserer Liebe nicht ähnlich, insofern er auch zu lieben vermag, was uns zu lieben natürliche Neigung verwehrt, oder insofern seine Liebe von Lust und Ekel rein ist.
Quellen:
Pierre Bertaux, Friedrich Hölderlin, Frankfurt 1978
Uwe Henrik Peters, Hölderlin. Wider die These vom edlen Simulanten, Hamburg 1982
Wollen – Denken – Sprechen
„Au!“, rufst du aus, wenn ich dir versehentlich auf den Fuß getreten bin. Ich verstehe die Bedeutung deiner Verlautbarung ohne weiteres, ohne dass ich Schlüsse zu ziehen genötigt wäre auf das, was du dir beim Sprechen vielleicht gedacht hast. Schließlich genügt es, wenn du den Schmerz im rechten Fuß verspürt hast. Hier wäre die Empfindung der ganze Inhalt des Denkens, den ich gern vorauszusetzen bereit bin. Der Gedankeninhalt oder die Empfindung geschah dir gleichsam reflexhaft und unwillkürlich. Auch dein Ausruf geschah mehr oder weniger spontan, denn du hattest nicht die Absicht „Au!“ zu rufen, es sei denn, ich habe dir auf den Fuß getreten.
Hätte ich dir nicht auf den Fuß getreten, hättest du nicht „Au!“ gerufen. Meine Handlung ist demnach die Ursache deiner Schmerzempfindung und deiner sprachlichen Reaktion. Dennoch unterscheiden wir zwischen Reflexhandlungen verschiedener Stufe. Ein Hund sondert unwillkürlich Speichel ab, wenn er die Nahrung wittert oder wenn er die Klingel hört, die die Nähe der Nahrung signalisiert. Du winselst nicht, wenn ich dir auf den Fuß getreten bin. Du hast „Au!“ zu rufen gelernt.
Wenn du „Au!“ rufst ohne ersichtlichen Grund, denn wir gehen geruhsam spazieren und weder bin ich dir auf den Fuß getreten noch hat sich eine Fliege in dein Auge verirrt, werden wir annehmen, dass dir ein peinlicher Gedanke oder eine unangenehme Erinnerung durch den Kopf geschossen ist, die dich zu dieser Verlautbarung veranlasst hat. Hier wird der sprachliche Ausdruck zwar auch wie in einer sozial bedingten reflexähnlichen Reaktion verwendet, allerdings ohne dass ein physischer Schmerz seine Verlautbarung hervorgerufen hätte. Wir schließen daraus, dass auch psychische Schmerzen spontane Gedankeninhalte und sprachliche Äußerungen hervorrufen können.
Wenn ich dir auf den Fuß getreten bin, könntest du, denn du bist sehr scheu und wir kennen uns noch nicht lange, die Schmerzäußerung auch unterdrücken oder in ein kaum hörbares Seufzen abmildern, um mich nicht in Verlegenheit zu bringen. Denn du willst vermeiden, dass ich in die Verlegenheit gerate, mich bei dir entschuldigen zu müssen. Sicher hättest du „Au!“ ausrufen können und du warst kurz davor, es zu tun, aber du wolltest es nicht.
Anders in extremen Fällen des eingeschränkten oder aufgehobenen Wollens. Manch einer hat sich in berauschtem Zustand verplappert und ein Geheimnis preisgegeben, das zu seinen oder seiner Nächsten Nutzen besser unausgesprochen geblieben wäre. Wer unter der Folter preisgibt, was unter normalen Umständen zu verraten ihm unverzeihlich dünkte, den möchten wir von scharfer Verurteilung eher freistellen, weil sein Handeln widerwillig und nicht vorsätzlich geschah.
Wir sehen die Einheit von Wollen, Denken und Sprechen in psychopathologischen Fällen wie den Schizophasien weitgehend aufgehoben. Wilhelm Waiblinger berichtet von seinen Besuchen bei dem Dichter Friedrich Hölderlin im Tübinger Turm von zwei sprachlichen Befunden: Einmal habe der Kranke zwar auf eine Frage den Ansatz einer vernünftig scheinenden Antwort gegeben, sein Sprechen habe dann aber den Faden verloren und sei in einen Schwall innerlich nicht zusammenhängender und zusammenstimmender Äußerungen geraten. Zum anderen habe Hölderlin einen allgemein philosophischen Gedanken wie den, die Menschen seien wohl glücklich zu nennen (das heißt, von Natur aus glücklich, nicht den Umständen nach mal mehr oder weniger), geäußert, um denselben Gedanken gleich darauf in verneinter Form zu äußern, nämlich, die Menschen seien wohl unglücklich zu nennen. Das Abreißen des Sprech- und Gedankenfadens und die Negation der Position scheinen unwillkürlich wie unter innerem psychotischen Drang erfolgt zu sein.
Wir bemerken, dass die Psychose sich nicht nur in Denkstörungen zeigt, sondern auch in den Störungen und Aufhebungen der Sprechakte und ihrer illokutionären Rollen: Eine Frage mag verstanden werden, aber die angemessene sprachliche Reaktion, die Antwort, geht in einem Strudel unsinniger Verlautbarungen unter. Der Kranke äußert eine Behauptung, kann sich aber nicht konsistent zu ihr verhalten, sondern hebt sie im gleichen Atemzug wieder auf.
Wir wissen, was geschehen kann, wenn wir auf dem netzförmig verzweigten Hintergrund unseres Wissens, unserer Überzeugungen und Erinnerungen gleichzeitig eine Behauptung und ihre Verneinung zulassen: Von der Stelle dieses Widerspruchs aus kann sich ein Riss bilden und das ganze Netz durchziehen oder zerreißen.
Es ist evident, dass aufgrund eines solchen sprachlichen Verhaltens, das den Gesprächsfaden abschneidet oder Paradoxien zulässt und befördert, die Kommunikation verzerrt oder unmöglich gemacht wird. Wir schließen von der Verzerrung der sprachlichen Kommunikation auf die Einschränkung des Wollens: Denn wir unterstellen als allgemeine Voraussetzung, dass niemand freiwillig, wider besseres Wissens und besseres Können aus der menschlichen Sprachgemeinschaft ausschert. Gewiss ist das Leben in der sozialen Gemeinschaft naturgemäß mit dem Ertragen und Erleiden von Konflikten, Missverständnissen und mehr oder weniger schweren Kränkungen verbunden. Indes, aus ihr aus dem Grund, diese zu vermeiden oder ihnen ein für allemal zu entfliehen, ausscheiden zu wollen, heißt, noch schwerere Traumatisierungen oder gar den sozialen Tod in Kauf zu nehmen. Das zu wollen möchten wir keinem unterstellen. Sollte der Wille eines Menschen indes in einer solchen Weise erkrankt sein, dass er die Flucht in den sozialen Tod dem schwierigen und verletzlichen, aber auf weite Strecken auch geborgenen Leben in der Sprachgemeinschaft vorzieht, würden wir sein Wollen und Tun als Krankheitssymptom ansehen.
Wir bemerken, dass wir im Allgemeinen die synthetische Einheit von Wollen, Denken und Sprechen als gegeben und funktionsfähig voraussetzen, und dies selbst in Extrem- und Zweifelsfällen medizinischer und kriminologischer Natur, wo wir nur ein positives Testverfahren anstreben, um die Funktionsfähigkeit zu bestätigen. So testet der Notarzt den Willen des schwerkranken, auf den Tod darniederliegenden Patienten, indem er seine Willensbekundung, nicht ins Krankenhaus transportiert werden zu wollen (was den Willen impliziert, zu Hause zu sterben), auf ihre Authentizität überprüft: Er stellt die üblichen die persönliche Identität ausweisenden Fragen nach Name, Geburtsdatum und Geburtsort. Aber er geht nicht davon aus, dass der Patient unter dem Zwang stand, nicht seinen wahren Willen zu bekunden. So überprüft der Richter im Zweifelsfalle den Zeugen auf seine Glaubwürdigkeit, indem er andere Zeugen befragt, ob die von ihm angeführten Angaben über den Aufenthaltsort stimmen oder ob er mit dem Angeklagten in vertraulichen Beziehungen stand. Wir würden annehmen, dass der Zeuge gelogen hat, wenn er einer unwahren Aussage überführt wird, und nicht, dass er nicht anders konnte, als nicht die Wahrheit zu sagen.
Hölderlin konnte nicht anders, als den Faden des Gesprächs in einem Wortschwall abreißen zu lassen und die geäußerte Behauptung durch ihre Negation aufzuheben. Nur wenn er anders hätte handeln können, wäre die von Pierre Bertaux stark gemachte Vermutung sinnvoll, Hölderlin habe seine Psychose simuliert und sein absonderliches Sprachgebaren vorgetäuscht. Man kann aber nur simulieren, was zu simulieren man sich auch enthalten kann. Außerdem: Der Simulant muss, was er nachahmt, an geeigneten Vorbildern abgeschaut und abgelauscht haben. Das ist von Hölderlin nicht überliefert. Und auch wenn er hier und dort einen Psychotiker im akuten Schub hätte radebrechen hören, die komplexen Formen der schizophrenen Rhetorik lassen sich nicht so nebenbei und auf die Schnelle abmerken.
Überdruss am Paradies
Die Menschenseele scheint von Natur aus dämonisch oder des Teufels, ihr Ausdruck Grinsen, ihre Sprache Geschrei, ihre Lust Vernichtung. Die Seele scheint den Ausdünstungen der irdischen Mächte zu entstammen, den Säften und elektrischen Nervenströmen, die den Körper bilden und durchpulsen: Ist sie der Dämon des Körpers oder der Ausbund aller Dämonen, die je ein Glied, einen Teil des Körpers, ob Auge oder Ohr, Hirn oder Geschlechtsteil, okkupieren und navigieren? Die Seele wäre also keineswegs der Hauch Gottes, vielmehr hätte der Atem des Heiligen sie kaum gestreift – sie aber wäre nur zurückgezuckt.
Das Heil ist der Seele zum Ekel wie dem Übersättigten ein ungesäuertes Brot. Wie also Rettung? Da müsste das Wunder geschehen! Das Christentum behauptet dieses Wunder in der Inkarnation, Kreuzigung und Auferstehung. Das Judentum leugnet dieses Wunder und verweist störrisch und schlau auf das Elend aller Tage.
Das Leben in Eden war eine falsche Idylle, eine verlogene Romantik, ein verruchter Kitsch.
Können wir nur gesunden, wenn die Dämonen getauft werden? Welche groteske Schar wuselnder Kleintier-Gespenster kuschte dann unter den Fittich des Cherubs!
Muss man nicht den Kadaver, dessen Gestank und üble Ausdünstungen den Aufenthalt in der Wohnung unerträglich gemacht haben, hinausschaffen und tief in der Erde bestatten, sodann die Fenster öffnen und duftende Blumen aufstellen und die Zimmer mit frischem Weihwasser besprengen?
Warum die Sorge, die Betrübnis, die kindlichen Bängnisse? Lassen wir alles liegen und stehen, verlassen wir alles, wie es steht und liegt, denn was haben wir schon zu verlieren? Diese halbherzigen Zeilen zum Beispiel, die in einem Labyrinth der Zeichen sich verlieren, aus dem es keine Wiederkehr gibt, können nur für den Augenblick, da sie geschrieben wurden, und für den Augenblick, da du sie liest, lebendig sein – lassen wir sie fahren dahin, wenn wir in unser eigenes Labyrinth uns zurückwenden, du in deins, ich in meins.
Als Adam den faulig-modrigen Geruch nicht mehr ertragen konnte, der sich zwischen den Blumen des Paradieses ausbreitete, sprach er zu Eva, seinem Weib: „Komm, lass uns diese öde Stätte der Langeweile und Sinnlosigkeit verlassen! Das Leben ist hier ohne Belang, ohne Ziel, ohne Inhalt. Gehen wir hin und pflanzen unseren eigenen Garten, gründen unser eigenes Leben, essen wir nur Früchte, die wir mit eigenem Schweiß und ehrlichen Tränen genährt haben! Erlauben wir dem Tod unser Schatten zu sein, auf dass unser Dasein im Gegenlicht eine scharfumrissene Gestalt erhält und unsere Angst ausgewogen werde vom Gewicht der Liebe, mit der wir uns Kinder zeugen!“
Als könne die Schrift die magische Spur ihres Ursprungs nicht verwischen, als verblieben noch in den kotigsten Versen, den stinkendsten Schlagzeilen Residuen der alten Beschwörungsmacht und Inkantation. Der wüsteste Schreiberling will sich der fremden Seele bemächtigen, will, dass für einen spitzen Moment die Seele des Lesers nach dem zappelnden Wurm seines Satzes schnappe.
Wer aber spricht nicht für sich und pro domo, nicht, um die Aufmerksamkeit der anderen zu fesseln, zu würgen, zu entselbsten? Jener Hirte, der im schwindenden Schatten seiner Liebe nachsang, jener Jünger, dessen Sprache durchkreuzt wurde, da er angesichts der blutigen Dornen verstummte?
Wenn wir den Pfahl, der uns im Fleische steckt und uns den Stoff unsrer Angst und unsres Wahns, den Stachel unsrer Zerstreuungen und Selbstüberwindungen gibt, aus missverstandener Fürsorge und Liebe uns gegenseitig herausziehen, fallen wir wie leere Hüllen in uns zusammen.
Das Gold unter den Schuppen
Gott fliegt in Gedanken über das System. Wir verheddern uns in den Fußnoten.
Bei den meisten ist es fraglich, ob sie zu dumm sind oder unwillig, das Offensichtliche zu sehen.
Die Dummen kannst du bemitleiden, die aber bösen Willens sind, musst du meiden oder vom Gastmahl ausschließen.
Der Perverse führt das Zepter oder was auf das Gleiche hinausläuft, füllt die Schlagzeilen.
Weil er so und so ist, von Geburt an, verlogen, tückisch, gemein, redet er das ganze romantische Zeug daher, betrügt er seine Frau und führt seine Schüler und Freunde an der Nase herum.
Wenn du den Triebtätern – ich spreche von uns allen – freie Hand gewährst zum Plebiszit ihrer Wünsche und zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit – ich spreche von unseren grundlegenden Illusionen der sogenannten freiheitlichen Demokratie –, dann musst du die moralische und ästhetische Verpestung und Verhässlichung unserer Lebenswelt in den Kauf nehmen.
Den goldenen Thronsitz finden, von dem man nicht mehr aufsteht, das Fenster im Gebet finden, aus dem man gen Eden blickt, Gnade finden vor dem Angesicht, das über Gerechte und Ungerechte leuchtet.
Durch den Sexus sind wir nicht bloß vom anderen Geschlecht getrennt, sondern auch von uns selbst, insofern wir uns nie als ganzes Stück ohne Löcher, Fugen und hohle Fassaden wahrnehmen können.
Wer aus Liebe, Hingabe und Freude dem Trieb zu entsagen vermag, der hat einen Frieden, den er nicht einmal begreift.
Wem immerzu der Mund übergeht von Anekdoten über damals und da und dort und wie er wo und wann mit wem, ist innerlich leer und mausetot.
Man soll vor den Rachegöttinnen nicht zur Ruhe kommen. Nur dass heute die Erinnyen, die den deutschen Michel triezen, ihm wie fette Zigeunerinnen hinterherlaufen, mit der Zunge schnalzend und mit den Kastagnetten balzend.
Die Verirrten weisen den Weg, die Abartigen predigen das neue Leben, die innerlich Abgestorbenen wollen durch einen Liebeskuss lebendig machen.
Man achte auf die kleinen verwackelten Gesten, das Trübe im Auge, das Zucken der Wimpern. Es genügt nur eine kleine Lockerung einer Stellschraube, nur eine winzige Unwucht des Rades – und die ganze Maschine geht bald aus dem Leim, der Karren landet im Dreck.
Das Gold steckt unter den Schuppen, doch nur wenn der Fisch eine bestimmte Tiefe, eine glückliche Welle, eine nächtliche Stille erreicht hat, siehst du, wie es erglänzt.
Wenn du alles überblickst, gerätst du ins Stocken und Stottern. Wenn du ihr in die Augen schaust, Augen eines erschrockenen Kindes, magst du den liebenden Übergang erfahren.
Brueghel lässt grüßen
Am frühen Morgen lugte die alte Bedienung aus dem Café hervor und wies mit der Nase einen frischen Besucher auf irgendetwas hin, vielleicht auf den Eckplatz dort, wo man ganz passabel sitzen könne. Wie sie mit der Nase den Hinweis gab und ihn mit einer schnippischen, laxen, beiläufigen Bemerkung, einem unwirschen Maulen, unterfütterte – all das schien ihm so klar, so einzigartig, so sprechend, als würde sich das Leben wie ein traulichen Hündchen zu seinen Füßen legen, anschmiegen, offenbaren. Ach, so ist es, das Leben!, dachte er und besann sich noch kurzweilig auf die Genremalerei der Niederländer, wo das Leben ebenfalls seine neugierige Nase hinausstreckt oder hineinsteckt, wo es gern an jeder Ecke neugierig verweilt und Maulaffen feilhält.
Wir sind aufgrund unserer kindlichen Neigung zu übersichtlichen Verhältnissen und persönlichen Konterfeis verleitet, das Leben als Inbegriff aller Kundgaben und Handlungen einer Person mit ihren Zacken und Macken, ihren Vorlieben, Sehnsüchten und Leidenschaften zu nehmen. Wir sagen so leichthin: „Das hat ihm das Leben versagt!“ Oder wenn wir sehen, wie einer unverdientermaßen im Glück schwimmt: „Das Leben meint es wohl gut mit ihm!“ Wir glauben auch zu bemerken, wie einer sich am Leben zu rächen dünkt, indem er seiner Frau den Hals umdreht oder seine Kinder schikaniert. Und der froh gelaunte Liebhaber, der aus dem warmen Bett seiner Geliebten in die Wintersnacht stürmt, und zwischen den Schneeflocken verschwimmt ihm der Schein der Laterne, er glaubt das Leben, das ihm das Schöne gegönnt, zu feiern und hochleben zu lassen. Wem aufgrund einer seelischen Störung das Grauen und die Angst im Nacken sitzt und er muss schauen, wohin er sich im Bus setzt, nur nicht in die Nähe dieses Ungetüms! – ihm scheint das Leben übel mitgespielt zu haben. Indes müssen wir hier dazu aufrufen, ein wenig innezuhalten, und um Bedenkzeit bitten . . . Nein, dem ist nicht so: Das Leben ist nicht die handelnde Person, die mit uns etwas vorhat, uns an der Nase herumführt oder uns zu den Überraschungseiern leitet, auf die wir schon lange erpicht waren. Wir leiden nicht an einer seelischen Krankheit, weil uns das Leben übel mitspielt, sondern – weil wir daran leiden, basta! Wir rufen nicht Holtrio! in die Winternacht, weil uns das Leben reich beschenkt hat, sondern – weil wir Glück hatten, und diese Frau im richtigen Moment uns über den Weg lief. Es ist eher wie in der Genremalerei der Niederländer: In einem ungeheuren Durcheinander der gekreuzten und durchkreuzten, der gebahnten und ausweglosen Begegnungen, der niederen Intrigen und sublimen Spiele sind wir mittendrin: Schicksalsgenossen, Intriganten, Täter und Opfer, geliebt und gehasst, gewünscht und verwünscht, kostbar und überflüssig, alles zugleich und zusammen.
Während im Hinterhof der Welt ein Hammel unter bärtigem Fluchen und herzergreifendem Winseln aufs widerwärtigste und erbärmlichste geschächtet wird, singen in einem weißen Tempel derselben Welt engelreine Stimmen von der wiedererlangten Unschuld des Seins.
Auf dem Friedhof die drei Alten, sie hatten bauchige Taschen unterm Arm baumeln, die spitzigen Nasen ragten aus bunten Kopftüchern. Tuscheln, Beratschlagen oder Beschwören? Du gehst da lang, wir hier, und treffen werden wir uns zu gegebener Stunde wieder an dieser Stelle. Hexen, diesseits oder jenseits des Hexenhammers, warum sollte es sie nicht geben?
Als wären die Angehörigen gewisser Berufsgruppen, Sippen und Gilden dazu berufen, das Leben von Natur aus besser zu verstehen! Und warum ausgerechnet dieses elende, korrupte und degenerierte Pack der schmierigen Schauspieler oder larmoyanten Künstler oder sprachbehinderten Zeitungsschreiber? Jener Großvater, ein Bauer und Sohn eines Bauern, der von Integralrechnung keinen Schimmer hatte, aber den Staub der Gräben vor Verdun geschluckt hatte, verstand mehr davon oder dieser halbe Idiot, der die von ihm auserkorene Nutte erstochen in ihrem Wohnwagen vorfand und daraufhin eine Fahrkarte nach Istanbul löste.
Braucht es ein hermeneutisches Vergrößerungsglas, ein Senkblei intuitiven Verstehens oder die Grubenlampe der Seelenschürfer, um das Leben besser oder recht und schlecht zu verstehen? Ganz und gar nicht. Dein wacher Sinn genügt, dein Hirnschmalz, wenn auch schon leicht ranzig geworden, aber analytisch noch ganz flott, und ein gutes Zubrot geduldiger Einfühlung, mit der du die Zeichen in aller Ruhe in Reih und Glied zusammenstellst, um deine Schlüsse zu ziehen.
Der vertrackte Liebhaber, der sich seiner und seiner Gefühle nicht sicher ist, gibt undeutliche, verwackelte Zeichen. Du bedarfst darum nicht einer besonderen Liebeshermeneutik und Entzifferungskunde: Wer sich unklar und zweideutig ausdrückt und zeigt, führt nur eins im Schilde: dich kirre zu machen, dich zu verwirren und dich am langen Gängelband an kein gutes Ende vom Lied zu führen. Du beherzige den Schluss: Schick ihn zum Teufel!
Alle, die geschwollenen Sinns mit geschwollenen Backen immerfort aufrufen und sich die Medienseele aus dem Theaterleib schreien, all den entrechteten Teufeln und Flüchtlingen, all den Fiesen und Miesen mit offenen Jesus-Armen entgegenzueilen und sie mit dem Fleisch des eigenen Herzens zu speisen, erweisen sich als unfähig, der eigenen Mutter in der Sterbestunde die Hand zu halten.
Dumme Schlaumeier und weise Ignoranten
Das Gegenteil von Klugheit und Weisheit ist nicht Dummheit und Ignoranz, sondern angemaßtes Wissen, Wissen da, wo es keines gibt oder geben kann: Eitelkeit und Arroganz.
Er schien so viel zu wissen und fühlte doch den Haufen von Scherben und Bruchstücken in sich wachsen, den kein guter Wille, kein Wunder wieder zusammenzufügen imstande sein würde.
Wenn es besonders dramatisch zugeht, wenn es um die Wurst geht, wenn das Heil ihrer Seele und vor allem das der anderen auf dem Spiel zu stehen scheint – dann werden ihre Stimmen schrill, dann sagen sie dir auf den Kopf zu, was für einen Dreck dieser am Stecken hat, was jener schon lange im Schilde geführt hat.
Für alles, was sie nicht einmal richtig beschreiben können, haben sie eine perfekte Theorie.
Dummheit scheitert daran, den prinzipiellen Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen sehen, verstehen und im eigenen Urteil berücksichtigen zu können. Denn alles, was uns betrifft und zustößt, alles, was wir erleben und sind, einschließlich unserer Wenigkeit, ist etwas Einzelnes und Singuläres. Diese Blauschattierung siehst du jetzt unter diesen speziellen Lichtverhältnissen und Schatten für einen Augenblick auf den Blütenblättern dieser Iris. Aber du nennst deinen singulären Farbeindruck nun einmal „blau“ – was anderes hast du nicht als diesen ärmlichen oder eigentlich dummen Begriff. Und so mit allem. Die Dummen aber glauben alles zu verstehen, indem sie vom Hörensagen – ist der nicht depressiv, ist die nicht katholisch? – auf das, was ihnen vor Augen kommt, schließen, als müsse es so und nicht anders sein: Da hat sie halt Schlafmittel genommen, da ist bestimmt was mit dem jungen Aushilfspfarrer gelaufen.
Du verkörperst keine allgemeine Idee, auch nicht, wie viele dumme wissenschaftliche Schlaumeier annehmen, die biologische eines Lebewesens namens Homo sapiens. Du bist in erster Linie du, nicht ich, nicht sie. Zu glauben, ich wüsste etwas von dir aus dem Grund, weil ich weiß, wie es um den Homo sapiens im Allgemeinen bestellt ist, zum Beispiel, dass er nicht ewig lebt, sondern sterben wird, wenn seine Stunde gekommen ist, und also auch du sterben wirst, wenn deine Stunde gekommen ist, hieße die Schlaumeierei in metaphysische Dummheit steigern: Ich weiß ja damit nur, was ich von mir und allen anderen, ja allen Lebewesen überhaupt, weiß, also von dir, was dich betrifft, nichts.
Sie wähnen, das Projekt der Aufklärung sei irgendwo unterwegs wie ein Karren im Schlamm steckengeblieben und es gelte, mit vereinten Kräften das Ding wieder flott zu machen. Indes ist die Aufklärung an ihrer Erfüllung erstickt: Wir wissen alles, was wir wissen können, und es hilft uns nichts! Wir sind so aufgeklärt, dass uns schwindlig wird, wenn wir in den Spiegel sehen, so gestopfte voll mit der Information und jener, dass wir vor lauter Aufgeklärtheit nicht mehr geradeausschauen können. Schaffen wir uns Erleichterung, bauen wir das Wissen ab, legen wir die halb erstickten Reste unserer selbst frei, atmen wir wieder Freiheitslüfte, begnadigen wir uns mit der Gnade der Ignoranz!
Oftmals ist der Feind der Weisheit und der Verbündete der dümmsten Dummheit die Aufklärung mittels all der zusammengestoppelten und zusammengelesenen Informationen der Zeitungen und Medien, auf die Krethi und Plethi schwören und sich berufen und nicht aufhören können, zu schwören und sich zu berufen. Er stammt aus diesem unteren sozialen Milieu, hat jene dürftige Ausbildung genossen, war eine glänzende Erscheinung und ein Homme à femmes, ein Beau und Charmeur, er verkehrte in diesen erlesenen Kreisen, hat jene Tochter aus der Hautevolee geheiratet und wurde steinreich – also war er ein Hochstapler, ein Scharlatan, ein Emporkömmling. Dabei war er bloß ehrgeizig, fleißig, freundlich und zuvorkommend.
Der Feind der Dummheit ist nicht die vollmundig auftretende Wissenschaft, die ihr erklärt, warum sie dumm ist, sondern das Schweigen, das jenen umfängt, der das Gequatsche des Markts hinter sich lässt, auch das Gequatsche des Traummarkts in sich selbst. Er lauscht, wie der Schlafende leises Klopfen an seiner Tür unterschwellig vernimmt, auf die erschütternden, nur ihm geltenden Schläge des Gongs, die von seiner wesentlichen Einsamkeit künden.
Ein jeder ist das allgemeine Tier – so lebt er dahin und stirbt, so kann von ihm gesagt werden, geboren oder ungeboren, gehüpft wie gesprungen. Und ein jeder ist, von dem die Weisheit spricht, der einzige Träger seines Namens, der nur selbst das Versprechen hält oder bricht, der allein die Hoffnung hochhält oder sich fallenlässt, der allein vor dem Richter stehen wird.
Wir sichten deine immer schon verlorenen Spuren in Vollzügen eines nichtwissenden Wissens, einer weisen Ignoranz, als wäre die Linie des Horizonts leicht um deine Sichtweise verschoben, als wäre deine eigentümliche Unterschrift der Entwurf einer neuen Schrift, einer neuen Sprache.
German Wings
Eine philosophische Betrachtung anlässlich des Absturzes der Maschine Germanwings 4U9525 am 24. März 2015
Wir haben den Stimmenrekorder der abgestürzten Maschine nicht abgehört; auch der französische Staatsanwalt, der der Öffentlichkeit Auskunft über das gab, was seine Mitarbeiter angeblich gehört haben, hat all dies selbst nicht mit eigenen Ohren vernommen. Er musste sich auf Berichte anderer verlassen. Wir können demnach nicht wissen, ob seine Schlussfolgerung, der Co-Pilot habe das Flugzeug absichtlich in den Sinkflug gebracht und somit den Tod aller 150 Passagiere wissentlich, bewusst und absichtlich herbeigeführt, der Wahrheit entspricht oder zumindest die plausibelste Hypothese darstellt, um zu erklären, was geschehen ist.
Um zu wissen, dass der Co-Pilot in selbstmörderischer und mörderischer Absicht gehandelt hat, müssten wir verifizieren können, dass er den Piloten, nachdem das Flugzeug seine Reisehöhe erreicht und die programmierte Route Richtung Düsseldorf eingeschlagen und er den Cockpit verlassen hatte, absichtlich aus der Kabine ausgeschlossen hatte. Wir müssten darüber hinaus wissen und also verifizieren können, dass er die Zeit, als er allein im Cockpit saß, absichtlich nutzte, um die Route der Maschine planvoll auf einen rapiden Sinkflug umzuprogrammieren.
Der Schluss des Staatsanwalts auf das bewusste intentionale Verhalten des Co-Piloten ist eine Ableitung von als gültig vorausgesetzten Annahmen q, r … also p. Wenn p, das bewusste intentionale Handeln der Person, wahr sein soll, muss auch q, die Annahme, die Person sei zur Tatzeit bei Bewusstsein gewesen, wahr sein. Aber auch q ist eine abgeleitete Aussage: Der Staatsanwalt behauptet als Prämisse für q die Annahme s: Der Co-Pilot habe geatmet, denn seine Atemgeräusche seien auf dem Voice-Recorder verzeichnet. Aber dies ist kein gültiger Schluss: Auch Personen, die bewusstlos sind, atmen. Wenn demnach s nicht als wahr angenommen werden kann, dann auch nicht q; wenn aber nicht q, dann auch nicht p. Also ist der ganze Schluss keine wahre Ableitung. Wenn sie keine wahre Ableitung ist, müssen wir die Äußerung als das hinstellen, was sie ist: eine bloße Vermutung.
Wir kämen der Wahrheit der Annahme, der Co-Pilot habe absichtsvoll gehandelt, so scheint es näher, wenn die Kriminalpolizei in seinen beiden Wohnungen in Montabaur und Düsseldorf bei der Suche nach Indizien und Beweismaterial auf ein Bekennerschreiben gestoßen wäre, aus dem die Absicht des Co-Piloten, auf solch spektakuläre und grausame Weise das Zeitliche segnen zu wollen, unzweideutig hervorginge. Aber wäre dies eine echte Verifikation der Hypothese, er habe das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht? Wenn wir das Herbeiführen von Ereignissen ohne bewusste Absicht und ohne Absehen der durch sie ausgelösten Folgeereignisse, aber auch das Eintreten von Ereignissen, die einer Absicht entsprechen, indes nicht aktuell mit dieser Absicht erfolgt, sondern wider Willen eingetreten sind, Unfälle oder Unglücksfälle nennen, könnte das Geschehen an Bord des Flugzeugs ein Unfall oder Unglücksfall gewesen sein, trotz der Tatsache, dass die Polizei ein Bekennerschreiben der genannten Art aufgefunden haben würde.
Ich kann ja zum Beispiel eine Mordtat ankündigen und die betreffende Person stirbt tatsächlich eines unnatürlichen Todes, obwohl ich meine Absicht NICHT ausgeführt habe – denn der Betroffene starb in Wahrheit durch einen Unfall. Ich hätte andererseits mein böses Vorhaben angekündigt und wirklich dem Betroffenen die Pistole auf die Brust gedrückt, doch noch bevor ich abdrücke, stirbt er vor Schreck an einem Herzinfarkt und also eines natürlichen Todes. Habe ich dann man böse Absicht verwirklicht?
Macht die Tatsache, dass der Co-Pilot laut aufgefundener ärztlicher Gutachten und mutwillig vernichteter Krankschreibungen unter starken seelischen Störungen, Depressionen, ja vielleicht sogar unter psychotischen Anfällen gelitten hat, die Ableitung der Annahme, er habe den Absturz absichtlich herbeigeführt, zwingend? Keineswegs. Er könnte tatsächlich schwer krank gewesen sein und sogar die fatale Absicht gehegt haben, und dennoch könnte das Ereignis ein Unfall gewesen sein.
Wir sagen leichthin, weil der und der seelisch gestört war, hat er sich getötet und bei seinem Suizid den Tod so und so vieler Mitmenschen in Kauf genommen. Aber richtiger wäre es zu sagen: Der und der hat sich getötet und dabei den Tod vieler Mitmenschen in Kauf genommen – daraus folgern wir, dass er seelisch krank war. Denn damit sehen wir unseren Begriff seelischer Krankheit erfüllt, der ein intentionales Verhalten impliziert, das von dem normalen Verhalten abweicht. MEHR können wir nicht sagen.
Wir können Wissen nur durch eindeutige Verfahren der Verifikation ableiten, zum Beispiel durch Augenzeugenschaft, die durch kritische Testverfahren nicht falsifiziert werden konnte. Weil es nun keine Augenzeugen gegeben zu haben scheint, und wenn es welche gegeben hätte, sie bei dem Absturz ums Leben gekommen wären, können wir über diese Quelle des Wissens ein für allemal nicht verfügen.
Wir können also in Wahrheit nicht WISSEN, was geschehen ist. Wir können mehr oder weniger gute Hypothesen bilden, die auf unseren allgemeinen Annahmen über das normale und abweichende Verhalten von Menschen beruhen, die ihre Handlungen absichtsvoll ausführen, so dass wir ihnen eine Verantwortung für diese Handlungen zusprechen dürfen. Doch in den meisten Fällen verfügen wir gar nicht über ein präzises Verfahren, die Gültigkeit unserer Hypothese im Einzelfall zu bestätigen.
Wenn nun der Co-Pilot die fatale Absicht gehegt und wirklich böswillig den Piloten aus der Kabine ausgeschlossen hat, um sie zu verwirklichen, dann aber in Wahrheit mit Erstaunen und Entsetzen feststellen musste, dass das Flugzeug aufgrund eines technischen Versagens zufällig gerade in diesem Moment in den Sinkflug abdriftete, und er infolge seiner Wahrnehmung in eine Panik geriet, die so groß war, dass sie seine Ohnmacht zur Folge hatte, würden wir dann noch sagen können, er habe seine schlimme Absicht verwirklicht?
Wenn einer mittels der Ausführung seines Suizids 149 Menschen mit in den Tod reißt, ist er dann ein Massenmörder? Wir wüssten dies nur auf Grundlage der Anwendbarkeit der Kriterien für Mord wie planmäßiger Vollzug und niedere Beweggründe auch in diesem Einzelfall. Doch die Anwendbarkeit dieser Kriterien müsste durch kriminaltechnische Verfahren des Verhörs, der Indizien und anderer Beweismittel erwiesen werden. Der Tote kann nicht verhört werden, die Indizien sind nicht eindeutig, Beweismittel wie schriftliche oder mündliche Ankündigungen der Tat scheinen zu fehlen. Also können wir die Opfer des Geschehens nicht als Mordopfer ansprechen, sondern als Menschen, die einem Schicksalsschlag anheimgefallen sind. Schicksal ist eine Kategorie, die uns angesichts der letzten Dinge durch den Kopf geht.
Wir erfahren von den Reaktionen der Umwelt und greifen die spezifische Reaktion der Trauer der Angehörigen und Betroffenen heraus. Hier gewahren wir das Lokalkolorit dieser menschlich tief verwurzelten Gefühlserregung: Die Erregung pflanzt sich in konzentrischen Kreisen vom innersten Kreis der Familie und Anverwandten über den Kreis der Freunde und Nahestehenden bis zu den allmählich sich überlappenden und verfließenden Kreisen der Nachbarn, der Menschen der Heimatregion und des Heimatlandes fort. Das Kondolenzbuch lag in einer Stadt diesseits des Rheins aus, nicht in einer Stadt jenseits des Rheins. Die natürliche Reaktion auf den Verlust naher Angehöriger kann konventionalisiert werden, wenn es sich um ein kollektives Ereignis handelt: Der Nachrichtensprecher setzt eine Betroffenheitsmiene auf und trägt eine schwarze Krawatte. Die Mitglieder des Bundestages erheben sich zu einer Gedenkminute. Dies geschieht freilich nur in dem Land, dessen Nationalität die Toten angehören.
Die natürlichen Affekte wie Trauer, Wut, Neid, Liebe und Hass sind der Rohstoff, aus dem sich das kommunikative Leben der Gruppen von der Familie, der Liebes- und Freundesgemeinschaft bis zur Nation mit Energien und Antrieben speist. Geht der Rohstoff aus, erstirbt das Leben der Gruppe, erlischt ihre Kommunikation. Es rettet sie keine Konvention und keine künstlich konstruierte Identität. Wenn den Liebenden die Liebe dahinschwindet, kann kein noch so heftiges Gestikulieren mit konventionellen Liebeszeichen die Bindung wieder erwärmen.
Wir aber sind nicht bestürzt über das, was geschah. Auch nicht, wenn es die Folge eines bösen Willens gewesen sein sollte, was zu wissen uns vielleicht für immer verwehrt ist. Denn wenn wir etwas wissen, dann ist es die tragische Tatsache, die Sophokles im Chorlied der Antigone ausspricht, dass es wohl viel Schreckliches auf Erden gibt, aber nichts, was schrecklicher ist als der Mensch.
Am Rand der Geschichte notiert
In der Mitte prangen die wuchtigen Begriffe. Ich. Absolut. Geschichte. Geist. Dialektik. Umschwung. Verführt durch ein Bild: das Abschlagen der Kronen samt der sie tragenden Köpfe. Als könne das Gemeinwesen kopflos weiterleben. Verführt durch ein Bild: Als breche mit dem, der zufällig heute dahinlebt, die große neue Zeit an. Und alles zuvor war unterwegs zu ihm.
Die Überhöhung und Verklärung des Geschehens zum ironischen Gang des Geistes, zum Schauspiel heiliger Intrigen, maieutischer Krämpfe und letzter Entscheidungen, zur allmählichen oder plötzlichen Offenbarung des Eigentlichen: deutsche Tragik, deutsche Komik, deutsche Dummheit. Als gebe es inmitten aller Wechsel der Zeiten, dem Auf und Ab der Geschichte, dem Irren und Wirren, dem Aufstieg und Untergang der Reiche und Mächte die große Geschichte und das große Erwachen in andere Zeit.
Wir aber kehren nach dem Massenauflauf und dem Ausgriff ins große Ganze zum Nächsten zurück, zum Kleinen, zum Leib, zu dir und mir. Wir bleiben daheim bei dem, was unser Leib uns erzählt und der Leib unsrer Nächsten und wie die Schatten darüber wandern gleich Masken, die Schatten, wie wir Seelen zu nennen gewohnt sind.
Auf was kannst du bauen, auf wen zählen? Wo sind die Getreuen? Welch kleine Schar! Und unter diesen auch immer ein Judas, eine Herodias. Und am Ende, wenn es hart auf hart kommt, schließt du die Tür hinter dir und bist allein.
Schauen wir mit den Eulenaugen des Thukydides auf den Schlachtplatz zur Nacht und wie noch dies und jenes Mäuschen davonhuscht, dies und jenes Gerippe in sich zusammenfällt. Wittern wir mit der Schlangenzunge des Ecclesiastes nach den Düften und Schäumen des Tags, den Düften und Träumen der Nacht, wie der Tod die einen zur Paarung, die anderen zur Folter peitscht, wie die Blume nur vom Licht, des Menschen Seele nur von Nacht zu sagen vermag.
Seien wir in den Ruinen der großen Deutungen getrost, im rätseldunklen Dasein das Brot der Freundschaft brechen und den Wein des Vergessens trinken zu dürfen.
Amor intellectualis
Den hohen Feind, dein Spiegelbild,
liebst du,
an seinem Schatten findet deine Kraft
Gestalt.
Ruf ihn mit fremden, schauerlichen Namen:
So wirst du tiefer atmen,
heißer fechten,
bis er freundlich dir sich stellt.
Die Spinne fällt hinab an ihrem Faden,
der aus dem Leibe schnellt –
wer lässt sie fallen
und wer fängt sie auf?
Du hast an runder Frucht den Kosmos
blind umgriffen.
Und selber wirst du, blindes Blatt,
von scharfer Luft gelesen.
Wirst du einmal noch singen?
Unterm Banne des Tags flatterst du,
von der Wimper des Lichts gestreift,
an die äußersten Ränder,
am Abgrund torkelnd.
Im Schatten kauernd,
steckst du die Seele ins Gefieder,
oder brütest über dunklen Bildern.
Wirst emporsteigen du
auf goldenem Zweig,
grauer Liebessänger,
und einmal noch singen zur Nacht?
Seria und Buffa
Die Megäre, des Mannes Nacht, klappert mit der Schere, klipp-klapp, welchen Faden möchte sie, schnipp-schnapp, wohl gern zerschneiden? Es kann betörend wirken, dieses Geräusch, dem von Grillen nicht unähnlich, umschnattert es die auf dem Bett Ausgestreckte. Doch ist die Schere in Wahrheit – die Zunge.
Die Welten des Mannes und der Frau bleiben getrennt, wie ihre Geschlechtsteile, bei allen ekstatischen Verrenkungen, nicht verschmelzen können – es sei denn, sie vereinige auf Geduld und Zeit das Kind.
Wenn sie nicht Liebe und Fürsorge bindet, schweißt sie Angst und Verdächtigung zusammen wie Pech und Schwefel.
Welch ein Volk in welch einer Dunkelheit der Selbstverleugnung, das mit der Wolke humanitärer Lügen zwittrige Kentauren zeugt!
Sie tanzen in Tierfratzen um die kunstvoll aufgeschichteten historischen Fäkalien, an deren Gestank sie sich zu ihren großen Taten inspirieren.
Das Verbot, das Kanzleramt mit einem Mann zu besetzen, wird in die Verfassung aufgenommen – scheint dies doch die beste Garantie gegen des Schnauzbartes Wiederkehr.
Sie verachten alles kultisch Gebundene und zeremoniell Verdichtete. Daher ihr Degout noch vor den letzten Resten und Fetzen des römisch-katholischen Prunks. Daher ihre Vorliebe für die spirituell und rituell leere Moschee.
Die ethnisch vorwitzigen Nasen der Volksgenossen werden in den Riten der großen Kasteiung gestutzt.
Wenn nach einer guten Nacht oder dem Zuspruch geistiger Getränke die seltene Empfindung in dir emporschwebt, du habest Frieden mit dir gemacht, wirst du gleich eines Besseren belehrt, sobald du dem ersten Besten begegnest, der das scheue Täubchen mit der Windbeutelei seines Geschwätzes verscheucht.
Er machte beim Vernehmen des Wortes der Schande den Eindruck, einen Anfall ungeheuren Gähnens unterdrücken zu müssen.
Sie haben die Kronjuwelen und die Monstranzen verhökert, sie haben den Zaster im Bordell oder im Casino verplempert. Ihre Visagen leuchten vor grenzenloser Selbstgerechtigkeit.
Es kam dem Reisenden so vor, als sei dies das passende Bild seines Lebens: Es husche an ihm vorbei wie diese Bilder von Land und Leuten an dem rasenden Intercity. Kein Gedanke daran, jemals in einer dieser Stummfilm-Landschaften sich niederlassen, mit einem dieser Stummfilm-Menschen in Kontakt treten zu können. Und dabei saß ihm im Zugabteil lange Zeit diese schöne Dame gegenüber, die sich vergeblich bemühte, seinem Blick zu begegnen.
Die Seele stirbt vor dem Körper.
Betrachten wir es wie ein Fest, zu dem du eine Einladung erhalten hast. Mit freudiger Spannung und hohen Erwartungen machst du dich auf und findest im Gastgeber und den ausgesuchten Gästen Unterhaltung, Anregung, Vergnügen. Dich umschmeicheln bald die Girlanden schöner Musik, bald die weichen Arme der Frauen. Und erst die drolligen Späße des Harlekins oder die radschlagenden Allotria des Narren, wie stimmen sie dich heiter, wie kannst du gelöst um dich blicken und lächeln! So werden deine Erwartungen erfüllt und übertroffen. Zu vorgerückter Stunde, wenn im großen Saal nur noch ein einsames Paar über das Parkett sich verlangsamende Kreise zieht, nimmt dich der Gastgeber beiseite und führt dich in eine düstere Bibliothek, in der alte Bücher ins Vergessen zu dämmern scheinen. „Hier finden Sie Ihr Buch, und in Ihrem Buch Ihren Satz, und in Ihrem Satz Ihren Sinn!“, so der alte Herr, sagtʼs und ist schon verschwunden. So bist du allein mit dir. Jetzt ist alle Musik verklungen, der Garten scheint im Licht des Trabanten zu ertrinken. Ist denn dies der Höhepunkt des Fests, allein zu sein unter so viel Büchern und das einzige finden zu sollen, das dich betrifft? Und wie du bist, stürzt du dich in das ausweglose Unterfangen. Du suchst und liest und die Zeit vergeht. Sind nicht schon Jahre vergangen? Hast du nicht etliche Sprachen mühsam erlernt, denn die Bücher sind von Autoren verschiedenster Zeitalter und entlegenster Regionen verfasst. Dann endlich, am Abgrund deiner Kräfte, deine Augen sind schon ganz schwach und du musst die Zeilen dicht vor sie halten, scheinst du in einem bescheidenen Büchlein ohne allen Prunk und Schmuck tatsächlich deine Geschichte und ihren Sinn gefunden zu haben, denn du liest darin eben von einem Menschen, der sich auf einem ausladenden Fest prächtig unterhalten weiß, bis er von dem verschmitzten Gastgeber die paradoxe Aufgabe erhält, seine nur ihn betreffende Geschichte in einer Bibliothek der hunderttausend Bücher zu finden, und der Tor stürzt sich in dieses unlösbare Unterfangen, ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass jener Gastgeber, der Meister der Zeit, der Tod in seiner besten Maske ist und ihn mit der Aufgabe eines absurden Rätsels die geringe Zeit seines Daseins mit eitlem Wahn und albernen Allotria vergeuden lässt. Und schon bricht der Tag an, dein letzter Tag, und du verlässt reumütig das Gasthaus, um am Strand zu schlafen.
Die Präferenz für scharfe Gewürze ist ein Symptom abgestumpfter Zungen, die Präferenz für das Perverse ein Symptom abgestumpfter Seelen.
Es scheint so, als wären die antiken Völker der Weisheit, die Juden und die Griechen, für uns darum in ihren Sentenzen, Gnomen und allegorischen Erzählungen verstummt, weil wir selbst, in einem Tohuwabohu der Tagesrandnotizen und Zynismen schwankend, diese Bojen einer heilbringenden Orientierung vorsätzlich ignorieren. Uns mangeln die goldene Ruhe eines Pindar und die grüne Zuversicht des Psalmisten. Wir haben einen grundständigen Vorbehalt sowohl gegen die Wertschätzung des in seiner Fragilität anmutigen und von Großherzigkeit geadelten Schönen wie gegen das kindliche Vertrauen in die Obhut und Treue eines Gottes, der seine Engel auszusenden versprach, wenn die Stunde naht. Unsere allzu verletzten Seelen heulen auf, wenn von den Rosen Aphrodites, von den Engeln des Herrn die Rede ist, sie schreien „Lug und Trug!“ oder „Talmi und Ekel!“ Erst wenn wir dazu begnadigt werden, die schlechte Gewohnheit des Negativen abzuwerfen wie eine schrumpelig gewordene Haut, werden wir in der freien Schule der gereinigten Wahrnehmung lernen, die alten Bildnisse neu zu sehen.
Das Vergangene ist ein imaginäres Feuer, das weder wärmt noch zerstört. Das Zukünftige ist so vage und durchschimmernd wie die Seifenblase auf dem Löffel des Jungen, die gleich zerplatzt. Das Gegenwärtige indes ist eine sich immer weiter wegschiebende Grenze aus Leere und Luft.
Uns Kleinen bleibt das Jahr als großes Bild. So staunen wir in die Iris des Frühjahrs, tun uns gütlich am Gold des Sommerabends und strecken die Hand nach der herbstlichen Frucht. Winters hüllen wir uns in Schweigen.
Wir entsagen in stiller Betrachtung und bleiben gleichmütig, was immer uns der erdige Strom vor die Füße spült, Muschel oder Schädel, Kamm oder Fisch.
Wenn wir leer sind und ausgeräumt, wenn wir die Gespenster der Wollust und Angst, der Entrüstung und des Überdrusses aus der Kammer verscheucht haben, fassen wir uns wieder bei der Hand und schlendern am Ufer entlang, sorglos, was wir sagen, was verschweigen.
Da kommt noch ein Männlein des Wegs, ein mit goldenen Schokoladenorden dekorierter, pensionierter Zirkus- und Jahrmarktbudenzwerg, in grünen Batist gehüllt, mit einer Schärpe aus purpurner Seide, es spielt auf der Mundharmonika ein grässlich quietschendes Stück – wie es winkt, da wir schon vorüber sind, lange noch, als hätte der Kleine uns wiedererkannt aus einem Dasein, das wir einmal gelebt, sehr fern von hier.
Jean Raspail, La patrie trahie par la république, Le Figaro 17.06.2004 (mit deutscher Übersetzung)
J’ai tourné autour de ce thème comme un maître-chien mis en présence d’un colis piégé. Difficile de l’aborder de front sans qu’il vous explose à la figure. Il y a péril de mort civile. C’est pourtant l’interrogation capitale. J’ai hésité. D’autant plus qu’en 1973, en publiant Le Camp des saints, j’ai déjà à peu près tout dit là-dessus. Je n’ai pas grand-chose à ajouter, sinon que je crois que les carottes sont cuites.
Car je suis persuadé que notre destin de Français est scellé, parce qu’« ils sont chez eux chez moi » (Mitterrand), au sein d’une « Europe dont les racines sont autant musulmanes que chrétiennes » (Chirac), parce que la situation est irréversible jusqu’au basculement définitif des années 2050 qui verra les « Français de souche » se compter seulement la moitié la plus âgée de la population du pays, le reste étant composé d’Africains, Maghrébins ou Noirs et d’Asiatiques de toutes provenances issus du réservoir inépuisable du tiers monde, avec forte dominante de l’islam, djihadistes et fondamentalistes compris, cette danse-là ne faisant que commencer.
La France n’est pas seule concernée. Toute l’Europe marche à la mort. Les avertissements ne manquent pas rapport de l’ONU (qui s’en réjouit), travaux incontournables de Jean-Claude Chesnais et Jacques Dupâquier, notamment , mais ils sont systématiquement occultés et l’Ined pousse à la désinformation. Le silence quasi sépulcral des médias, des gouvernements et des institutions communautaires sur le krach démographique de l’Europe des Quinze est l’un des phénomènes les plus sidérants de notre époque. Quand il y a une naissance dans ma famille ou chez mes amis, je ne puis regarder ce bébé de chez nous sans songer à ce qui se prépare pour lui dans l’incurie des « gouvernances » et qu’il lui faudra affronter dans son âge d’homme…
Sans compter que les « Français de souche », matraqués par le tam-tam lancinant des droits de l’homme, de « l’accueil à l’autre », du « partage » cher à nos évêques, etc., encadrés par tout un arsenal répressif de lois dites « antiracistes », conditionnés dès la petite enfance au « métissage » culturel et comportemental, aux impératifs de la « France plurielle » et à toutes les dérives de l’antique charité chrétienne, n’auront plus d’autre ressource que de baisser les frais et de se fondre sans moufter dans le nouveau moule « citoyen » du Français de 2050. Ne désespérons tout de même pas. Assurément, il subsistera ce qu’on appelle en ethnologie des isolats, de puissantes minorités, peut-être une quinzaine de millions de Français et pas nécessairement tous de race blanche qui parleront encore notre langue dans son intégrité à peu près sauvée et s’obstineront à rester imprégnés de notre culture et de notre histoire telles qu’elles nous ont été transmises de génération en génération. Cela ne leur sera pas facile.
Face aux différentes « communautés » qu’on voit se former dès aujourd’hui sur les ruines de l’intégration (ou plutôt sur son inversion progressive : c’est nous qu’on intègre à « l’autre », à présent, et plus le contraire) et qui en 2050 seront définitivement et sans doute institutionnellement installées, il s’agira en quelque sorte je cherche un terme approprié d’une communauté de la pérennité française. Celle-ci s’appuiera sur ses familles, sa natalité, son endogamie de survie, ses écoles, ses réseaux parallèles de solidarité, peut-être même ses zones géographiques, ses portions de territoire, ses quartiers, voire ses places de sûreté et, pourquoi pas, sa foi chrétienne, et catholique avec un peu de chance si ce ciment-là tient encore.
Cela ne plaira pas. Le clash surviendra un moment ou l’autre. Quelque chose comme l’élimination des koulaks par des moyens légaux appropriés. Et ensuite ?
Ensuite la France ne sera plus peuplée, toutes origines confondues, que par des bernard-l’ermite qui vivront dans des coquilles abandonnées par les représentants d’une espèce à jamais disparue qui s’appelait l’espèce française et n’annonçait en rien, par on ne sait quelle métamorphose génétique, celle qui dans la seconde moitié de ce siècle se sera affublée de ce nom. Ce processus est déjà amorcé.
Il existe une seconde hypothèse que je ne saurais formuler autrement qu’en privé et qui nécessiterait auparavant que je consultasse mon avocat, c’est que les derniers isolats résistent jusqu’à s’engager dans une sorte de reconquista sans doute différente de l’espagnole mais s’inspirant des mêmes motifs. Il y aurait un roman périlleux à écrire là-dessus. Ce n’est pas moi qui m’en chargerai, j’ai déjà donné. Son auteur n’est probablement pas encore né, mais ce livre verra le jour à point nommé, j’en suis sûr…
Ce que je ne parviens pas à comprendre et qui me plonge dans un abîme de perplexité navrée, c’est pourquoi et comment tant de Français avertis et tant d’hommes politiques français concourent sciemment, méthodiquement, je n’ose dire cyniquement, à l’immolation d’une certaine France (évitons le qualificatif d’éternelle qui révulse les belles consciences) sur l’autel de l’humanisme utopique exacerbé. Je me pose la même question à propos de toutes ces associations omniprésentes de droits à ceci, de droits à cela, et toutes ces ligues, ces sociétés de pensée, ces officines subventionnées, ces réseaux de manipulateurs infiltrés dans tous les rouages de l’Etat (éducation, magistrature, partis politiques, syndicats, etc.), ces pétitionnaires innombrables, ces médias correctement consensuels et tous ces « intelligents » qui jour après jour et impunément inoculent leur substance anesthésiante dans l’organisme encore sain de la nation française.
Même si je peux, à la limite, les créditer d’une part de sincérité, il m’arrive d’avoir de la peine à admettre que ce sont mes compatriotes. Je sens poindre le mot renégat, mais il y a une autre explication : ils confondent la France avec la République. Les « valeurs républicaines » se déclinent à l’infini, on le sait jusqu’à la satiété, mais sans jamais de référence à la France. Or la France est d’abord une patrie charnelle. En revanche, la République, qui n’est qu’une forme de gouvernement, est synonyme pour eux d’idéologie, idéologie avec un grand « I », l’idéologie majeure. Il me semble, en quelque sorte, qu’ils trahissent la première pour la seconde.
Parmi le flot de références que j’accumule en épais dossiers à l’appui de ce bilan, en voici une qui sous des dehors bon enfant éclaire bien l’étendue des dégâts. Elle est extraite d’un discours de Laurent Fabius au congrès socialiste de Dijon, le 17 mai 2003 : « Quand la Marianne de nos mairies prendra le beau visage d’une jeune Française issue de l’immigration, ce jour-là la France aura franchi un pas en faisant vivre pleinement les valeurs de la République… »
Puisque nous en sommes aux citations, en voici deux, pour conclure : « Aucun nombre de bombes atomiques ne pourra endiguer le raz de marée constitué par les millions d’êtres humains qui partiront un jour de la partie méridionale et pauvre du monde, pour faire irruption dans les espaces relativement ouverts du riche hémisphère septentrional, en quête de survie. » (Président Boumediene, mars 1974.)
Et celle-là, tirée du XXe chant de l’Apocalypse : « Le temps des mille ans s’achève. Voilà que sortent les nations qui sont aux quatre coins de la terre et qui égalent en nombre le sable de la mer. Elles partiront en expédition sur la surface de la terre, elles investiront le camp des saints et la ville bien-aimée. »
Jean Raspail, Das Vaterland, verraten von der Republik
Ich bin um dieses Thema herumgeschlichen wie ein Spürhund um einen Koffer mit Sprengstoff. Es ist eine haarige Sache, das Ding ohne weiteres anzugehen, ohne dass es dir unter der Hand explodiert. Es handelt sich indessen um die entscheidende Fragestellung. Ich habe gezögert. Umso mehr, als ich im Jahre 1973 mit dem Buch „Le Camp des saints“ beinahe alles darüber gesagt habe. Ich kann dem nicht viel hinzufügen, eigentlich nur, dass die Suppe angebrannt ist.
Denn ich bin davon überzeugt, dass unser Schicksal als Franzosen besiegelt ist, weil „sie bei den Fremden zu Hause sind“ (Mitterand), im Herzen eines „Europas, dessen Wurzeln sowohl islamisch wie christlich sind“ (Chirac), weil die Lage nicht umkehrbar ist bis in die Jahre nach 2050, wenn sie endgültig kippt: Dann werden die autochthonen Franzosen nur mehr die betagte Hälfte der Bevölkerung ausmachen, die andere Hälfte stammt aus Afrika, dem Maghreb, der Sahelzone und aus Asien – aus allen Ecken und Enden der Dritten Welt, einem unerschöpflichen Reservoir an Menschen. Die meisten von ihnen werden Moslems sein, Dschihadisten und Fundamentalisten einbegriffen, dieser Totentanz hat gerade erst begonnen.
Frankreich ist nicht allein betroffen. Ganz Europa schleppt sich an den Rand des Grabes. Die Vorzeichen sind auch der UNO nicht unbekannt (die sich daran ergötzt), vor allem in den unverzichtbaren Arbeiten von Jean-Claude Chesnais und Jacques Dupâquier werden sie behandelt, aber sie werden vorsätzlich geheimgehalten und das Ined (Institut National des Études Démographiques) trägt zur Verschleierung der Informationen bei. Das Grabesschweigen, in das sich die Medien gleichsam hüllen, die Regierungen und die kommunalen Einrichtungen, ist eines der erstaunlichsten Phänomene unseres Zeitalters. Wenn wir in der Familie oder unter Freunden die Geburt eines Kindes feiern, kann ich den Neuankömmling nicht anders betrachten als unter den Auspizien seines Schicksals, das ihm die Gleichgültigkeit der zur Fürsorge verpflichteten Regierungen bereiten und dem er als Erwachsener ausgeliefert sein wird.
Abgesehen davon, dass die autochthonen Franzosen vom großen Tamtam um die Menschenrechte plattgewalzt werden, von „der Willkommenskultur“ und der großen „Gabenspende“, die unseren Bischöfen so am Herzen liegt, abgesehen davon, dass sie von einem ganzen repressiven Arsenal sogenannter antirassistischer Gesetze eingeschnürt werden, dass sie von Kindesbeinen an auf Vermischung der Kulturen und Gewohnheiten abgerichtet werden, auf die Imperative eines bunten Frankreichs und auf all die Entartungen der alten christlichen Caritas, von alledem abgesehen, verfügen sie über keine anderen Hilfsquellen mehr, als ihre Ansprüche zu senken und sich ohne mit der Wimper zu zucken zum neuen französischen „Staatsbürger“ des Jahres 2050 umpolen zu lassen. Doch verzagen wir nicht ganz. Natürlich wird es, wie die Ethnologen sagen, Enklaven starker Minderheiten geben, es mögen noch bis zu 14 Mio. Franzosen sein und nicht einmal ausschließlich Weiße, die noch unsere Sprache sprechen werden, die sie beinahe unversehrt bewahrt haben. Sie bleiben starrsinnig dabei, Träger unserer Kultur und Wahrer unserer Geschichte sein zu wollen, in der Form, wie sie auf uns gekommen sind von Generation zu Generation. Das wird ihnen nicht leicht fallen.
Angesichts der unterschiedlichen Gemeinschaften, die sich vor aller Augen schon heute auf den Ruinen der Integration entwickeln (oder vielmehr auf ihrer fortschreitenden Umkehrung: Es sind wir, die man gegenwärtig integriert und an die Fremden anpasst und nicht umgekehrt) und die sich im Jahre 2050 endgültig auch im rechtlichen Sinne festgesetzt haben werden, wird es sich bei der Gemeinschaft der Enklaven, wie soll ich sagen, um ein übergeschichtliches Frankreich handeln. Diese Gemeinschaft stützt sich auf ihre Familien, ihre Abstammung, ihre Endogamie des Überlebens, ihre Schulen, ihre unabhängigen Netzwerke gegenseitiger Hilfe, vielleicht auch auf eigene geographische Zonen, ihre Ländereien und Stadtviertel, sogar auf befestigte Lebensräume, und, wie auch nicht, auf ihren christlich-katholischen Glauben, wenn es die kleine Chance denn gibt, dass dieser Kitt noch halten mag.
Das wird auf wenig Gegenliebe stoßen. Die Katastrophe wird kommen, früher oder später. So ähnlich wie die Liquidation der Kulaken, und zwar mit ganz legalen Mitteln. Und dann?
Dann wird Frankreich, bei einem Tohuwabohu von Herkünften, von nichts als Einsiedlerkrebsen bewohnt sein, die Schneckengehäuse bewohnen, welche von den Vertretern einer lange ausgestorbenen Spezies verlassen worden sind, der französischen Spezies, die sich, durch welche geheimnisvolle genetische Mutation auch immer, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in jene Spezies verwandelt hat, mit der sie nur mehr den Namen gemein hat. Dieser Vorgang hat schon eingesetzt.
Es gibt eine zweite Hypothese, die ich bisher nicht öffentlich zu formulieren gewagt habe und die es eigentlich erforderlich machte, dass ich zuvor meinen Anwalt konsultierte: die Hypothese, dass die letzten Enklaven des alten Frankreichs ausharren, bis sie sich endlich einer Art Reconquista verschreiben, die sicherlich der spanischen nicht ähnlich sein, aber sich aus verwandten Motiven inspirieren wird. Das wäre ein gewagtes Thema für einen Roman. Doch werde ich mich damit nicht belasten, ich habe es ja bereits getan. Sein Autor ist wahrscheinlich noch nicht geboren, doch dieses Buch wird zum richtigen Zeitpunkt erscheinen, da bin ich mir sicher …
Eine Sache will mir nicht einleuchten und reißt mich in einen Abgrund von Bestürzung und Ratlosigkeit: Wie kann es sein, dass so viele Franzosen trotz warnender Vorzeichen sehenden Auges, planmäßig, ich will nicht sagen zynisch, sich gemeinsam um den Altar scharen, auf dem Frankreich geopfert wird (ich vermeide es, es das ewige Frankreich zu nennen, das brächte die schönen Seele gegen mich auf), auf dem Altar eines utopisch übersteigerten Humanismus. Dieselbe Frage stelle ich mir angesichts dieser allgegenwärtigen Vereinigungen für die Rechte von diesen und die Rechte von jenen, und all diesen Bündnissen, den Gesellschaften all der Schöngeister, diesen Brutstätten, die alle am Tropf des Staates hängen, die Netzwerke von Intriganten, die sich durch das ganze Räderwerk des Staates fressen (Schulen und Universitäten, Verwaltungen, politische Parteien, Gewerkschaften usw.), dieses Gewimmel von Unterzeichnern diverser Petitionen, all die Medien, die sich gegenseitig moralisch bei der Stange halten, und all diese Intellektuellen, die Tag für Tag ohne Strafe befürchten zu müssen ihr anästhetisierendes Gift in den noch nicht ganz abgestorbenen Organismus der französischen Nation träufeln.
Auch wenn ich es vermöchte, solchen Leuten teilweise zumindest eine redliche Gesinnung zu unterstellen, ist es mir doch peinlich, sie als die Mitbewohner desselben Vaterlands anerkennen zu sollen. Mir will der Begriff „Abtrünnige“ von den Lippen schlüpfen, doch gibt es noch eine andere Erklärung: Sie verwechseln Frankreich mit der Republik. Die „Werte der Republik“ können unendlich abgewandelt werden, das wissen wir zur Genüge, die Werte Frankreichs aber nicht. Nun ist aber Frankreich in erster Linie ein Vaterland aus Fleisch und Blut. Dagegen ist die Republik, eine bloße Regierungsform, nichts als Ideologie, Ideologie für jene, die dieses Wort mit großem „I“ schreiben, Groß-Ideologie. Es will mir scheinen, dass sie auf gewisse Weise das Vaterland um der Ideologie willen verraten.
In dem Haufen von Verweisen, den ich aus dicken Dossiers sammelte, um diese Bilanz unterfüttern zu können, hier ein Beispiel, das im Gewand guten Benehmens das Ausmaß des Schadens erhellt. Es entstammt einer Rede von Laurent Fabius auf dem Kongress der Sozialisten in Dijon am 17. Mai 2003: „Wenn die Marianne, die von den Wänden unserer Rathäuser herabblickt, endlich das schöne Gesicht einer jungen Französin ausländischer Herkunft zeigen wird, dann wird Frankreich an diesem Tag den entscheidenden Schritt getan haben, um die Werte der Republik vollends zum Blühen zu bringen …“
Wenn wir schon beim Zitieren sind, hier noch zwei Zitate zum Schluss: „Noch so viele Atombomben vermöchten die Flutwelle nicht aufzuhalten, die von Millionen menschlicher Wesen gebildet wird, die eines Tages die südlichen Länder und ihr Armenhaus verlassen werden, um in die verhältnismäßig offenen Räume der reichen nördlichen Hemisphäre einzubrechen, auf der Suche nach neuen Grundlagen des Überlebens.“ (Präsident Boumedienne, März 1974)
Und dieses noch, es stammt aus dem Buch der Offenbarung: „Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen werden. Er wird ausziehen, um die Völker an den vier Ecken der Erde, den Gog und den Magog, zu verführen und sie zusammenzuholen für den Kampf; sie sind so zahlreich wie die Sandkörner am Meer. Sie schwärmten aus über die weite Erde und umzingelten das Lager der Heiligen und Gottes geliebte Stadt.“ (Offenbarung 20, 7–9)
Wortabtausch zwischen Adam und Eva
Zwischen den Wortwechseln liegen Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrhunderte.
E: Apfel?
A: Sauer!
E: Durchblick?
A: Null!
*
E: Schlange?
A: Biss!
E: Lende?
A: Schurz!
*
E: Leben?
A: Tod!
E: Abel?
A: Kain!
*
E: Arbeit?
A: Schweiß!
E: Kinder?
A: Kummer!
*
E: Atem?
A: Staub!
E: Seele?
A: Taub!
*
E: Wissen?
A: Sünde!
E: Rede?
A: Lüge!
*
E: Eden?
A: Leere!
E: Gott?
A: Schwere!
*
E: Essen?
A: Scheißen!
E: Ficken?
A: Weinen!
*
E: Höhle?
A: Schlaf!
E: Traum?
A: Verrat!
*
E: Engel?
A: Flamme!
E: Hoffnung?
A: Gericht!
*
E: Gesetz?
A: Rätsel!
E: Deutung?
A: Schweigen!
*
E: Sehnsucht?
A: Tränen!
E: Genuss?
A: Überdruss!
*
E: Heil?
A: Kreuz!
E: Wiederkehr?
A: Gespenst!
*
E: Gesicht?
A: Maske!
E: Lächeln?
A: Töten!
Das Harte und das Weiche
Die Hände der Bauern und Arbeiter, wie du sie kanntest auf den Äckern und den Weinbergen und den Ziegeleien der Heimat, waren rauh, schwielig und rissig. An den Stellen, an denen du feinfühlig geblieben bist, haben sie das Gefühl für Wärme und Kälte, Härte und Weichheit, aber vor allem auch das Schmerzempfinden, zugunsten des kräftigen Schlags, des harten Zugriffs und bedenkenlosen Stoßes vermindert und entwirklicht.
Die klassische Skulptur der Griechen kennt den Ausgleich des Harten und Weichen: Die marmorne Härte bezeugt im Gegensinn zur Weichheit, Verletzlichkeit und der unabwendbaren Erschlaffung und Fäulnis des menschlichen Fleisches die Ruhe und den siegesgewissen Anspruch der Götter auf Dauer. Der luftige, durchsichtige Schleier und die graziös-wollüstige Fältelung des Gewands bezeugen die Intensität und das heitere Glück eines Daseins, das an den Klippen des Schicksals nicht zu zerschellen droht.
Die Schale des Vogeleis scheint das Resultat der Verkalkung und Verhärtung des Dotters zu sein. Immer steht sie ja im Dienst des werdenden Lebens, von dem sie den funktionalen Sinn erhält: hart und undurchlässig genug zu sein, um dem Embryo den gebührenden Schutz vor unzuträglichen Widerfahrnissen und Außenreizen zu gewähren und vom Gewicht der brütenden Henne nicht erdrückt zu werden; zugleich weich, osmotisch, verformbar genug zu sein, um die Wärme der gluckenden Henne einzulassen, das Küken mit eindringendem Sauerstoff zu versorgen und von ihm aufgepickt werden zu können.
Gleiches für das Gleiche und Ähnliches durch Ähnliches. Also Leben für das Leben. Bewusstsein für das Bewusstsein. Nur das Lebendige kann das Leben verstehen, nur Bewusstsein das bewusste Gegenüber erfassen.
Weich und hart sind natürlich Indizes auf der lebendigen Skala des empfindenden und empfindsamen Bewusstseins. Wir wissen genauso wenig, was es heißen sollte, ein Fels sei an sich hart oder sei an sich weder hart noch weich, wie was es heißen sollte, die Farbe des südlichen Azurs sei an sich nicht Blau. Wir wissen indes genau, was es heißt, wenn wir von einem erfahren, er sei farbenblind, oder dass die Innereien des lebendigen Organismus wie Hirn, Herz und Leber weich sind.
Es scheint nicht ohne Grund, dass die ergreifenden, unwiderstehlichen Gefühlsregungen als eine Art Weichwerden oder Verflüssigung aufgefasst und beschrieben werden können. Das weiche Element ist am menschlichen Leib in den Fällen sexueller Erregung von Lubrikationen, bei nostalgischer Rührung von Tränen begleitet.
Beim Manne erfassen wir beim sexuellen Erleben eine mehr oder weniger ausgeprägte harmonische Spannung, gleichursprünglich in den Gefühlsregungen wie in den korrespondierenden körperlichen Vorgängen. Die Versteifung des männlichen Glieds wird als schmerzliches Drängen empfunden, gleichsam gemildert durch die mehr oder weniger stark einsetzende Lubrikation des Präjakulats. Dagegen ist der Höhepunkt des männlichen Lustempfindens gewöhnlich mit der Ejakulation bei gleichzeitig einsetzender Erweichung des Penis verbunden.
Es scheint bezeichnend für die weibliche Gefühlswelt, dass das Empfinden schmerzlichen Drängens nicht mit dem unmittelbaren sexuellen Erleben, sondern dem mütterlichen Gefühl der Hingabe verknüpft ist, das sich beim Darreichen der Brust und dem Säugen einstellt.
Wir sagen von dem Mann, der vom Schicksal hart gebeutelt wurde, seine Seele habe gleichsam Schwielen angesetzt und sein Charakter sei verhärtet. Es kann manchmal als therapeutischer Durchbruch angesehen werden, ihn zur Lösung der inneren Verhärtung in einem hemmungslosen Tränenerguss angeregt zu haben.
Wir reden allerdings auch davon, einer sei weich geworden, wenn wir sehen, wie einem infolge emotionalen Drucks oder moralischer Erpressung der harte Kern des eigenen Willens wegschmilzt.
Wenn einer sich gegen das Pathos oder die emotionalen Anflüge eines anderen verhärtet hat, glauben wir annehmen zu können, dies habe seinen Grund in zuvor erlittenen Irritationen und Kränkungen.
Wir nehmen wahr, wie Menschen in der Stunde der Gefahr die verletzlichsten Teile des Leibes und Lebens verbergen oder wappnen, verhüllen oder panzern.
Wir erkennen einen Ursprung des Terrors in der Urnot des paranoiden Wahnkranken, der schon den scharfen Blick des Nachbarn verdächtigt, die weiche Schale seines Bewusstseins aufschlitzen zu können: als müsse sein Inneres auslaufen und er ohnmächtig werden. Manche scheinbar unvermittelten Bluttaten entspringen solcher Lebensqual.
Wir wissen aber noch um die Güte einer göttlichen Weisheit, die Gnade vor Recht ergehen lässt und den Sünder, so er nicht völliger Ich-Verhärtung anheimgefallen ist, in die verzeihenden Arme schließt.
Am Mund mit seinen Zähnen, dem organisch Härtesten, und der Zunge, dem animalisch Weichsten, haben wir ein Urbild des Lebens: Sie bilden den Weltbezug ab, indem die Zähne die notwendige Nahrung reißen und beißen, zerkleinern und verfeinern, während sie die Zunge mit dem schon zersetzenden Speichel endgültiger Assimilierung zuführt.
Zähne – Feinde der auf ihrem Eigensinn bestehenden Gestalt der Dinge. Zunge – Schlange der Leibeshöhle, Sirene grausamen Verdauens.
Ursprünglich assimiliert der Kuss der Zunge durch prüfendes, einschmeichelndes, einschleimendes Belecken. Die Härte der Zähne ist ohne Mitgefühl für die Dinge. Wie charmant und nervenwach aber das Spiel der Zunge!
Wie seltsam, wie wunderbar, dass sich das Spiel von Zahn und Zunge emporschwang zur verklärenden, bejahenden Entäußerung des Lieds und der Hymne! Zur Ansprache der Dinge, die es nicht verzehrt, sondern begrüßt, versteht, benennt!
Der Kuss – das dunkle, schweigsame Gespräch der Zungen. Die eine will die andere nicht verschlingen, sondern die eine sich im Widerspruch der anderen erfühlen und genießen.
Von der weichsten Hülle aber sind die Dinge ins Licht entborgen: Betrachtung liebkost sie mit den Blicken. Die Zähne zerstören die Gestalt der Dinge, um des Lebens willen; die Augen bestätigen und bewahren sie, um der Liebe willen.
Die Augen kannst du schließen oder abwenden, um den hässlichen Blicken der Dinge und den feindlich gesinnten der Nachbarn auszuweichen, die Ohren nicht – darum vollzieht sich die erotischste Hingabe im weit in die Nacht geöffneten Hören der Musik, die über das Ohr zur Seele dringt und sie zu wecken gedenkt aus dem stumpfsinnigen Dösen der Ich-Verhärtung.
Die weicheste und seelenvollste Materie, die wir scheu, beklommen, schamvoll assimilieren – die Klänge des Introitus des Requiems von Mozart.
Das heilige Volk, das sich unter die härtesten, in Stein gekratzten Gesetze gestellt hat wie unter die zeichenhafte Gewalt der Blitze – es fand Erlösung im Kuss dessen, der mit dem weichen Mund der Vergebung küsst.
Schattenspiele
Mein Schatten ist mein Totem-Tier:
Ich darfʼs nicht jagen,
kannʼs auch gar nicht fangen.
Kein Fleisch ist dran für meine Gier.
Mein Totem-Tier eilt mir voraus,
läuft neben mir, kreuzt hinter mir.
Verweile ich, hältʼs immer inne.
Rufe ichʼs, sein Ruf bleibt aus.
Mein Seelen-Tier kennt eine Herrin bloß:
du bist es, der es in die Hände kuscht,
zwischen deinen weißen Hügeln
wandertʼs nimmermüd und deinem Schoß.
Wenn mein Schatten deine Haut bedeckt,
wieg ich leichter als ein Hauch,
flieg ich weicher als ein Kuss,
der das Gold von deinen Härchen leckt.
Wenn wir in den Sommerabend plauschen,
trifft mein Schatten deinen Schatten,
stelzen und verschmelzen sie in eins,
Kobold-Kinder, die die Masken tauschen.
Schleim und Ambrosia
Dass sie noch leben, fragst du, wo sie doch seit so langer Zeit sich von nichts als der dünnen Suppe leerer Phrasen ernähren? Bei Idioten wirkt dieser Schleim wie bei Göttern Ambrosia.
Wer die Gefahr nicht sieht oder zu sehen leugnet, wird selbst zur Gefahr.
Was ist die größte Gefahr? Deinen eigenen Namen zu vergessen. Vergisst du ihn, erlischt der Name deiner Eltern, deiner Ahnen. Und wie? Gelangst du mit den Ahnen nicht am Ende zu Adam? Und mit Adam stehst du vor Gott.
Die Botschaft kam zu dir. Du bist eingeladen zu einem hohen Fest im Kreis edler Geister. Der Gastgeber hat dir einen geschmückten Platz bereitet, da brennen Kerzen, schimmern Gläser. Du aber verwirfst die Einladung. Du hältst dich für zu fein, als dass du es nötig hättest, dir Glanz von der Aura dieses verschmockten Salonlöwen zu borgen. So wirst du für immer von der Gästeliste des Gastgebers gestrichen. Oder du verwirfst die Einladung, weil du dich nicht für fein genug hältst, mit deinem schäbigen Anzug, deiner üblen Laune, deinem schlechten Gesicht in den Glanz eines solchen Fests treten zu dürfen. So erhältst du hinter deinem Namen auf der Gästeliste ein Ausrufezeichen, zum Zeichen, dass deiner demnächst eine Privataudienz harrt.
Manche meinen, der Gesichtsausdruck glücklicher Leute wirke ein wenig dämlich. Also achten sie trotz sanguinischen Naturells darauf, möglichst ernst, missmutig, traurig dreinzublicken. Und ehe sie es sich versehen, sind sie ernst, missmutig, traurig geworden.
Den eigenen Namen zu vergessen! Und so im Großen: das Dorf, die Stadt, das Land.
Parteipolitiker sein heißt ja zur Lüge verdammt sein. Denn die Wahrheit ist ihre eigene Partei.
Unter jenen Augen schienst du dir wie das Lamm, das von der Existenz des Wolfes nichts ahnt. Daher der Argwohn, die ständigen Zweifel, das Misstrauen und am Ende der Hass: Ist doch diese Geborgenheit nicht real, sondern imaginär. Am Ende wirst du doch gefressen.
Um seiner Unruhe Herr zu werden, zog er in die Fremde. Er erlernte die fremde Sprache wie im Fieberwahn. Seine Muttersprache entglitt ihm wie das Papierschiffchen, das Kinder auf das strömende Wasser des Baches setzen. Anfangs träumte ihm noch in seinem Dialekt. Dann verlor sich auch dies. Ich habe ihn kürzlich getroffen: eine stattliche Erscheinung, ein gemachter Mann. Zufrieden, verständig, kalt.
Einstmals hatten sie sich auf das zärtlichste umhaucht, auf das heißeste umfaucht, nun saßen sie sich in dem Café gegenüber und zogen sich mühsam fade Floskeln aus der Nase, wie jene Puppen, denen man mit einer Schnur aus dem Bauchnabel immer denselben mechanisch quiekenden Spruch entlockt.
Der Schlafwandler fällt in dem Augenblick vom Dach, da er erwacht.
Sie wähnten, unbehelligt, ungeschoren zu bleiben, wenn sie sich tot stellten, so als gäbe es sie gar nicht.
Tiere führen ein perfektes Leben – sie können es ja nicht verfehlen.
Angesichts der unwidersprechlichsten, unbestreitbarsten Wahrheiten wird am heftigsten geleugnet und gelogen – so in den Gedenksprüchen der Todesanzeigen.
Die Armen sind das große Kapital des Moralisten, von dem er pünktlich die Zinsen seines guten Gewissens kassiert. Natürlich ist er alles zu tun bereit, so seine tägliche Bergpredigt, die Armut der Armen aus der Welt zu schaffen – und sollte die Welt bei diesem Experiment draufgehen. In Wahrheit hasst er nichts so sehr wie den Gedanken einer Welt ohne die Armen, Flüchtenden, Darbenden – dann wäre es ja um die Legitimation seiner eigenen Existenz und die Dringlichkeit seines hochmögenden Geschwätzes schlecht bestellt.
Wenn man die Armen reich macht, wem wird dann das Himmelreich gepredigt?
Denjenigen, denen es so sehr am Herzen liegt, die Armen zu bereichern, indem sie den Reichen die Köpfe abschneiden und bestehlen wollen, sind die Objekte ihrer moralischen Guerilla eigentlich gleichgültig. Sie wollen bloß in die Annalen eingehen als Leute, die am meisten Radau gemacht haben und am wenigsten zimperlich waren.
Hut ab vor jenen, die den Flüchtling auf ihre Kosten bei sich beherbergen. Schande über all die anderen, die ihn scheinheilig im Namen aller bewillkommnen und auf Kosten derer durchfüttern, die nicht gefragt wurden, ob sie Gäste haben möchten, geschweige denn, welche.
Man hat vielfach die Handschrift auf altem Pergament abgerieben und das Blatt neu beschrieben. Die raffinierte Technik der Philologen und Paläographen macht es heute möglich, die überschriebenen Zeilen wie durch magische Beschwörung wenigstens in Teilen wieder lesbar und entzifferbar zu machen. Doch die Texte auf einer Festplatte, die neu formatiert oder mit Kauderwelsch überschrieben wurde, sind dahin. So wie die verklungenen Lieder der Südseeinsulaner, die Märchen der Etrusker, die Gebete der Guanchen.
Die salbungsvollsten Migrationsgewinnler, die zumindest moralisch in die eigene Tasche wirtschaften, sind zugleich die infamsten, trachten sie doch, durch vermeintliche Rettung fremder Völker das eigene dem Untergang zu weihen.
Jean Raspail, qui vient de recevoir le prix littéraire Jacques Audiberti de la ville d’Antibes, est l’un de nos écrivains les plus singuliers. Du Camp des saints au Jeu du roi en passant par L’Anneau du pêcheur, son oeuvre aristocratique et populaire scelle chez ses lecteurs des fraternités secrètes autour de valeurs nobles : l’amitié, la fidélité, l’honneur. S’il célèbre la puissance du rêve et la force du merveilleux, Jean Raspail est aussi de ces écrivains lucides qui ne peuvent adhérer à leur époque.
Opinion Indépendante : Vous venez de recevoir le Prix Jacques Audiberti. Vous sentez-vous proche de l’univers de cet écrivain ?
Jean Raspail : Je l’ai lu autrefois au début des années 50. Au même moment, j’ai vu aussi ses pièces. C’était une époque épatante car il y avait Audiberti mais aussi Anouilh, Marcel Aymé. Mais quant à dire que je suis familier de l’univers de Jacques Audiberti, non.
Vos héros romanesques sont des solitaires, des individualistes qui fuient la loi du troupeau en s’élevant contre la notion de “collectivité”. N’avez-vous pas l’impression qu’aujourd’hui l’individu est “roi”, qu’il y a eu une formidable atomisation et que le collectif a disparu ?
Si l’individu est devenu roi, il n’a pas de royaume… Je ne crois pas à l’individualisme de maintenant. Tout le monde se ressemble de plus en plus. Les mentalités sont nivelées et il n’y a jamais eu autant de conformisme qu’aujourd’hui. Je ne parle même pas du “politiquement correct” et de toutes les tartes à la crème qui se baladent. Il est très difficile de s’opposer à ce genre de choses et à ce collectivisme rampant de la pensée parce qu’immédiatement le choeur des gardiens de la conscience universelle vous tombe dessus ! L’individu se replie sur lui-même mais c’est d’une façon égoïste. Il se replie sur lui-même mais il est excatement semblable à celui qui est à côté. Donc c’est de la blague ! Tout le monde pense de la même façon.
Lorsque Le Camp des saints a été publié en 1973, beaucoup ont dit que ce roman était prophétique. Avez-vous le sentiment que ce que vous décriviez est arrivé ?
Non, pas du tout. En fait, ce n’est pas un livre prophétique. C’est une sorte de symbole ou de parabole. Si on prend le récit au pied de la lettre, je me suis trompé puisque cet envahissement pacifique de l’Occident par le Tiers-Monde se produisait avec l’arrivée subite par bateaux de trois millions de personnes. Cela ne se passe pas du tout de cette façon-là. D’autre part, Le Camp des saints se déroulait dans une unité de temps et de lieu. Aujourd’hui, ces mouvements se produisent sur de longues distances. C’est pour cela qu’il faut prendre le livre pour une parabole. En revanche, ce qui reste important dans ce roman ce sont les réactions de l’Occident. Ces réactions sont presque toutes foireuses. Il y a une espèce de paralysie de l’action et de la pensée car on ne peut pas s’opposer à des gens pauvres et affamés. C’est ça le thème. Il n’est ni chrétien ni charitable de s’opposer. Au nom de quoi ? Or, on pourrait penser que si l’on veut s’y opposer – pour des raisons bonnes ou mauvaises – on a le droit de le faire. Il y a autant de raisons de se défendre que de raisons de lâcher. Là où Le Camp des saints a une certaine valeur prophétique c’est qu’il a anticipé les réactions d’aujourd’hui.
Dans vos romans, on trouve une recherche ou une célébration – parfois teintée de mélancolie – d’un monde perdu, d’un royaume souvent imaginaire. Cette célébration, de ce qui n’est pas ou qui n’est plus, semble paradoxalement plus vivante et plus tonique que la croyance au paradis à venir …
Dans mes romans, les gens vont chercher ailleurs et ailleurs il n’y a rien. Puis, il y a une sorte de dernier carré formé par des gens qui ont du panache… Et tout cela ne sert plus à rien.
Quels sont les écrivains ou la famille d’écrivains dont vous vous sentez proche ?
Si on me demande qui a bien pu influencer mes livres, j’en citerais un : Buzzati avec Le désert des Tartares. Mais honnêtement, je crois que je suis assez original. Il est difficile – à part Buzzati à qui personne ne pense à mon propos – de m’accrocher à qui que ce soit. Il peut y avoir chez moi, comme chez d’autres, un peu de Déon, un peu de Jacques Perret, un peu du grand maître Chateaubriand, un peu de Stendhal… On est nourri d’une certaine culture mais je pense que je ne ressemble pas à d’autres.
Dans Le jeu du roi, il y a une expression qui définit bien votre univers, c’est “orphelins du rêve”. Rencontrez-vous encore de ces orphelins du rêve ?
Il y a moi ! Nous sommes dans un monde où il est très difficile de se projeter dans une existence rêvée. Je ne parle pas du rêve du type qui pense qu’il va gagner au loto. Ce monde-ci ne permet pas du tout le rêve. Ce qui explique tout ce désarroi, dans la jeunesse en particulier. C’est quand même épatant d’avoir été jeune il y a une centaine d’années quand ce monde s’ouvrait complètement, où l’on pouvait découvrir je ne sais quoi, où il y avait des terres à prendre de partout… C’était extraordinaire ! Aujourd’hui, le seul rêve de conquête ou de dépassement complet c’est l’espace – qui est un univers de machines – ou alors la vie mystique intérieure. Je n’en vois pas d’autres. On ne sait plus où projeter nos rêves. En écrivant mes livres, je me raconte des histoires à moi-même. Mes livres racontent à peu près la même histoire : la recherche d’un rêve absolument irréalisable.
Si vous aviez pu vivre à une autre époque, quel siècle auriez-vous choisi et d’autre part n’auriez-vous pas tout de même ressenti ce sentiment d’exil que l’on trouve dans votre oeuvre ?
Je pense que le XVIIIème et le XIXème étaient parmi les siècles les plus extraordinaires… J’aurais peut-être choisi le XIXème car on était encore dans un monde qui était ouvert. On était dans une civilisation très ancienne mais on sentait poindre les moyens modernes sans qu’ils nous domestiquent comme maintenant.
L’imaginaire n’est-il pas une arme qui permet d’échapper à tout et d’entrer partout ?
Oui, certainement. C’est comme cela qu’on se sauve. On fuit, on s’en va. C’est ce qui fait la grande chance du romancier. J’aime m’échapper dans le rêve.
Certains de vos lecteurs se sont appropriés la Patagonie mythifiée de vos romans. N’est-ce pas la plus belle reconnaissance pour un romancier ?
Oui, bien sûr. Il y a même un Consulat général de Patagonie. Chacun rêve comme il veut de la Patagonie. C’est un mythe et donc on en fait ce qu’on veut. Peut-être que je réponds à un besoin d’évasion et de merveilleux qui se trouve chez certaines natures bien nées…
L’Opinion Indépendante, 15. Octobre 1999
Propos recueillis par Christian Authier
Gespräch mit Jean Raspail
Jean Raspail, der soeben den literarischen Prix Jacques Audiberti der Stadt Antibes empfangen hat, ist einer unserer eigentümlichsten Schriftsteller. Von seinem Buch „Le camp des saints“ (Heerlager der Heiligen, Tübingen 1985) über „Lʼanneau du pêcheur“ bis zu „Jeu du roi“ schwört sein aristokratisches und volkstümliches Werk seine Leser auf vornehme Werte ein: Freundschaft, Treue, Ehre. Wenn er die Macht des Traumes und die Kraft des Wunderbaren hochleben lässt, gehört auch Jean Raspail zu jenen erleuchteten Autoren, die dem Geist ihrer Epoche fernstehen.
Opinion Indépendante: Sie haben soeben den Prix Jacques Audiberti erhalten. Fühlen Sie sich dem Universum dieses Schriftstellers verbunden?
Jean Raspail: Ich habe von ihm vor meinem fünfzigsten Lebensjahr nichts gelesen. Zu jener Zeit habe ich auch seine Stücke gesehen. Das war eine erstaunliche Zeit, da war nicht nur Audiberti, sondern auch Anouilh und Marcel Aymé. Aber es wäre unrichtig zu sagen, ich würde mich mit der Welt von Jacques Audiberti verwandt fühlen.
Opinion Indépendante: Ihre Romanhelden sind einsam, es sind Individualisten, die das Gesetz der Herde fliehen und sich gegen den Begriff des Kollektivs stellen. Haben Sie nicht den Eindruck, dass heutzutage das Individuum König ist, dass wir unter einer ungeheuren Atomisierung leiden und das Kollektiv verschwunden ist?
Jean Raspail: Wenn das Individuum König geworden ist, dann gibt es kein Königtum … Ich glaube nicht an den heutigen Individualismus. Alle Welt ähnelt sich mehr und mehr. Die Denkungsarten haben sich einander angeglichen, solch einen Konformismus wie heute gab es noch nie. Ich spreche gar nicht von der politischen Korrektheit und all den süßen Lügen, die man verabreicht. Es ist nicht leicht, sich gegen solche Tendenzen zu stemmen und einen solchen Kollektivismus, der sich ins Denken einschleicht, denn gleich will dir der Chor der Wächter des Weltgewissens ans Leder! Das Individuum zieht sich in sich zurück, aber das ist nur ein Ausdruck von Egoismus. Es kapselt sich von der Außenwelt ab, aber gleicht seinem Nachbarn wie ein Ei dem anderen. Es ist doch ein Witz! Alle Welt denkt dasselbe.
Opinion Indépendante: Als der Roman „Le Camp des saints“ 1973 erschien, dachten viele, es handele sich um eine Prophetie. Haben Sie den Eindruck, dass ihre Voraussagen eingetreten sind?
Jean Raspail: Nein, überhaupt nicht. In Wahrheit handelt es sich nicht um ein prophetisches Buch. Es ist vielmehr eine Allegorie oder Parabel. Wenn man die Geschichte wörtlich nähme, hätte ich mich geirrt, denn jene Invasion des Abendlandes durch die Dritte Welt über den Atlantik sollte ja eine plötzliche Ankunft von drei Millionen Personen auf Frachtschiffen sein. Solche Dinge pflegen nicht auf diese Weise zu geschehen. Andererseits spielt sich das Geschehen des Romans in einer Einheit von Raum und Zeit ab. Heutzutage geschehen diese Bewegungen über lange Zeiträume hinweg. Deshalb sollte man das Buch als Parabel verstehen. Hingegen bleibt in diesem Roman von hoher Relevanz, wie das Abendland reagiert. Beinahe all seine Reaktionen sind feige. Alle sind wie paralysiert und unfähig zu handeln und einen klaren Kopf zu bewahren, denn wie sollte man sich gegen arme und ausgehungerte Menschen stellen? Darum geht es. Opposition gilt in diesem Falle weder als christlich noch als barmherzig. In wessen Namen? Indes, man könnte wohl meinen, dass man das Recht habe, sich der Invasion entgegenzustemmen, wenn man es aus mehr oder weniger guten Gründen in Erwägung zieht. Zumindest gibt es genauso viele Gründe sich zu wehren wie Gründe, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Roman „Le Camp des saints“ hat genau darin einen gewissen prophetischen Wert, dass er die heutigen Reaktionen vorwegnimmt.
Opinion Indépendante: In Ihren Romanen findet man eine manchmal mit Wehmut vermischte Suche oder Verherrlichung einer verlorenen Welt, eines oft imaginären Königtums. Diese Verherrlichung dessen, was es nicht oder nicht mehr gibt, scheint paradoxerweise lebendiger und kraftvoller zu sein als der Glaube an das kommende Paradies …
Jean Raspail: Es gibt in meinen Romanen die Leute, die anderswo suchen, doch anderswo gibt es nichts. Dann gibt es die Leute, die sich in einem letzten Quartier zusammenscharen, Leute mit Courage … Und all das fruchtet nichts.
Opinion Indépendante: Welchen Schriftstellern oder Schriftstellerkreisen fühlen Sie sich verwandt?
Jean Raspail: Wenn man mich fragt, wer meine Bücher beeinflussen konnte, nenne ich vor allen Buzzati mit seinem Buch „Le désert des Tartares“. Aber ganz unter uns: Ich glaube, ich bin ein waschechtes Original. Es ist nicht leicht, mich mit wem auch immer in einen Topf zu werfen, ausgenommen Buzzati, auf den keiner kommt, wenn es um mich geht. Es mag bei mir wie bei anderen etwas von Déon, etwas von Jacques Perret geben, ein wenig vom großen Meister Chateaubriand, ein wenig von Stendhal … Man ist ja mit einer gewissen Kultur genährt worden, aber ich meine anderen nicht ähnlich zu sein.
Opinion Indépendante: Es gibt im Roman „Das Spiel des Königs“ einen Ausdruck, der ihr literarisches Universum gut definiert: „Waisen des Traums“. Begegnen Sie solchen Waisen des Traums noch heute?
Jean Raspail: Es gibt ja mich! Wir leben in einer Welt, in der man sich nicht mehr einfach in ein Traumland flüchten kann. Ich rede nicht von Leuten, die davon träumen, im Lotto zu gewinnen. Diese unsere Welt duldet keine Träume mehr. Das erklärt die ganze Verzweiflung, vor allem in der Jugend. Es ist dennoch erstaunlich, wenn man vor einem Jahrhundert jung gewesen ist, stand diese Welt allem offen, man konnte was auch immer entdecken, man konnte überall neue Länder erobern … Das war außergewöhnlich! Heute bezieht sich der Traum von der Eroberung oder der Überschreitung einzig auf den Raum, und dies ist ein Universum von Maschinen, oder er bescheidet sich mit dem mystischen Leben der Innerlichkeit. Andere Wege sehe ich nicht. Wir wissen nicht mehr, wohin mit unseren Träumen. Wenn ich schreibe, erzähle ich mir selbst Geschichten. Meine Bücher erzählen fast immer dieselbe Geschichte: die Suche nach einem Traum, der vollkommen unerreichbar bleibt.
Opinion Indépendante: Wenn Sie in einer anderen Epoche hätten leben können, welche hätten Sie gewählt, und hätten Sie auf der anderen Seite jenes Gefühl des Exils, das man in Ihrem Werk antrifft, gar nicht mehr empfunden?
Jean Raspail: Ich glaube, das 18. und 19. Jahrhundert waren die außergewöhnlichsten Jahrhunderte … Ich hätte vielleicht das 19. Jahrhundert gewählt, denn damals lebte man noch in einer offenen Welt. Man befand sich in einer sehr alten Kultur, doch spürte man, wie die modernen Zeiten heraufzogen, ohne dass sie uns wie heute versklavten.
Opinion Indépendante: Ist nicht das Imaginäre eine Waffe, mit der man überallhin fliehen und überallhin gelangen kann?
Jean Raspail: Ja, gewiss. Es ist so, dass man sich rettet. Man flüchtet, man macht sich davon. Das macht das große Glück des Romanciers aus. Ich liebe es, mich in den Traum zu flüchten.
Opinion Indépendante: Einige Ihrer Leser haben sich das mythifizierte Patagonien Ihrer Romane einverleibt. Ist das nicht die schönste Anerkennung für einen Romancier?
Jean Raspail: Ja, ganz bestimmt. Es gibt sogar einen Generalkonsul Patagoniens. Ein jeder träumt von Patagonien, wie er will. Es ist ein Mythos und deshalb macht man daraus, was man will. Mag sein, dass ich ein eskapistisches Bedürfnis befriedige und den Wunsch nach Wundern, der sich bei bestimmten hochgeborenen Naturen findet …
Opinion Indépendante, 19. Oktober 1999
Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Christian Authier.
Die trübe Funzel
Wenn unter uns die Schritte klirren
und hinter uns die Sonne höhnt,
biegen wir vom hohlen Weg des Menschen ab –
und betten unser Haupt, von Summen schwer,
in die Wärme, die von Dung und Beben
schwarzer Nüstern strömt.
Unser Himmel ist durchkreuzt
von Drahtgeflechten,
die vom Geschwätz der Elektronen glühen.
Unter uns in Tiefen
schmutziger Magie erbeben,
von Todesfrachten heiß,
die Eisenschienen.
Wir aber lauschen dem Gespräch der Schwalben
über einen feinen gelben Strich
um das tiefste Blau Unendlichkeit.
Wir kriechen unters Stroh und ziehen
die fadenscheinige Decke der Träume über uns –
das Herz, die trübe Funzel,
die vom Deckenbalken schwebt,
das Herz hält Wacht,
ob nicht der Retter naht,
ob nicht der große Mars den Helm aufklappt
und in der Mitternacht
sein Hammerschlag das Hoftor sprengt.
Sotto Voce
Blätter, Blättchen nur,
süß gesäumt,
winken dir wie einst,
als wärst du eingeladen.
Tropfen, Tröpfchen nur
eines goldnen Glühens,
durchglucksen dich,
wie Seufzer Pans
das Flötenrohr.
Küsse, Küsschen nur,
aufgeplatzte Knospen,
windbetört,
hingehaltner Wange
weiches Bitten,
liebe Lippen mögen
Beeren pflücken.
Und in der von Flammen,
Flämmchen nur,
wachgeküssten Nacht,
Lispel-Chöre,
Ginsters Gold-Gewoge.
Und jene,
die alte Wunden stillt,
ruft mit Liedern,
Liedchen nur,
dich in feenhelle Nacht,
duftgewiegte Sängerin.
Was bleibet aber, stiften die Dichter
Die fleckige Matratze, die seit fast zwei Wochen auf dem Bürgersteig des Musikantenwegs liegt, ist ein erstes Zeichen der Verrottung. Die Schmutzfinken, die den Zustand verursachten, fühlen sich offenkundig der Gemeinschaft der Straße, wie unsichtbar sie immer sein mag, wie zart ihre Fäden aus Grüßen und Wiedererkennen auch immer gesponnen sein mögen, nicht zugehörig.
Immerhin kannst du hier auch bei totaler Sonnenfinsternis auf den Trottoirs gehen, ohne die ekle Erbschaft von Hundehaufen in die Wohnung zu schleppen. Insoweit halten sich die Hundebesitzer an die Auflagen, die mittlerweile mit empfindlichen Sanktionen bewehrt sind. Würden sie es freiwillig tun, das hieße, um des Wohlergehens der Mitbewohner willen? Wohl kaum, sonst wäre das Sanktionssystem nicht eingeführt worden.
Die Sauberkeit der Fußwege ist allerdings offenkundig nicht das Ergebnis der Selbstverpflichtung emsiger Bürger, ihren Wohnort sauber zu halten. Diese Leistung erbringt die Stadtreinigung, die wiederum von den zwangsweise erhobenen Steuern derer finanziert wird, denen sie zugutekommt. Wir wissen also nicht, wie es um uns aussähe, wenn dieses System der Zwangssteuer und der Organisation kommunaler Reinigungen zusammenbrechen würde. Würden sich die Bürger zusammentun und ihren Wohnort wie ihre eigenen Behausungen rein halten und ihre Umgebung hüten und schützen?
Wann sahst du denn zuletzt, wie fleißige Bürger ihre Straße in Ordnung hielten? Das war in der Kinderzeit in Metternich, da wurden aus blechernen Eimern Wasserfontänen über die Gehwege verschüttet und schwere Reisigbesen von kraftvollen Frauenarmen geschwungen. Und später? Ja, das muss irgendwo im Schwäbischen gewesen sein … Erinnerst du dich, wie die freche Jugend damals die braven Bürger mit Häme übergossen hat, weil sie mit Eimern und Besen bewaffnet Bürgersinn zeigten? Am Ende hast du dich wohl noch gemein gemacht mit den dümmlichen Spöttern.
Der Lili-Tempel ist samt umgebendem Park einer der Ausstrahlungszentren der Stadt Offenbach, die ansonsten stetig an Glanz einzubüßen scheint. Er geht auf das Luxusbedürfnis und den schönen Willen zum Prunk eines Vorfahren der noch heute in Frankfurt ansässigen und geschäftstüchtigen Bankiersfamilie Metzler zurück. Du erinnerst dich gut, wie verrottet und heruntergekommen die Anlage vor Jahr und Tag vor Schmutz strotzte. Es bedurfte der Passion und des Engagements eines Unternehmers, der die Anlage unter Erbpacht nahm und für die historisch gelungene Restaurierung des klassizistischen Kleinods sorgte. Dieser Mann mag vielleicht nicht zum geringsten von Eitelkeit und Ruhmsucht angetrieben worden sein. Doch fällt das gegen sein Wertgefühl, sich den kulturellen Gütern seiner näheren und ferneren Heimat verbunden zu fühlen, kaum ins Gewicht.
In Fechenheim steht ein wenig versteckt in der Starkenburgerstraße neben der Freiligrathschule ein Denkmal in Form eines Obelisken, errichtet zum Gedenken an die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gefallenen Männer des Ortes. Auf einer Tafel ist zu lesen:
ZUR ERINNERUNG
AN DEN SIEGREICHEN FELDZUG
1870/71
WIDMETEN DIESE GEDENKTAFELN
AM 2.9.1895
DIE FRAUEN UND JUNGFRAUEN
FECHENHEIM
„Die Frauen und Jungfrauen Fechenheim“, das solltest du auf der Zunge zergehen lassen, um zu erfühlen, welchen hohen Sinn diese Namen für das weibliche Geschlecht einmal hatten. Gemeint sind die Witwen und Waisen, und inwiefern sie an der Errichtung des Monuments beteiligt waren oder den emotionalen Grundstock legten, das bleibe dahingestellt. Hier findest du den tiefsten Sinn der Monumentalisierung des Erlebten und der Vergangenheit, Sinn, dessen Spur vergossenes Blut bildet. Hast du dich nicht gewundert, dass der Obelisk unbeschädigt, ja sogar ohne die üblichen Schmierereien und Graffiti-Verunstaltung der allenthalben wuselnden Barbaren dasteht? O, freilich liegt er versteckt unter Bäumen. Dass er indes überhaupt noch steht, ist es ein Zeichen für Gleichmut und die wachsenden Schatten des Vergessens oder dafür, dass die Namen, die hier eingraviert sind, noch Träger unter den Lebenden haben, die nicht ganz gleichgültig geworden sind?
Aus dem Ernst des Gedenkens, diesem dunklen Humus der Seele, wachsen die Rosen der Poesie. Freilich bedürfen die leicht verholzenden Stöcke und verwuchernden Büsche der Pflege, der Kunst, die sich der Rhythmen und Metren und Tropen sinnreich bedient, um den Sinn des Gesagten nicht überwuchern und unkenntlich werden zu lassen. Der Gedanke des Dichters wird von der Treue und der Liebe zu dem genährt, was zu behalten und zu erinnern ihm aufgetragen scheint. Er muss sich die Pflicht des Gedenkens abringen gegen die Lust des Vergessens und Dahingleitens, die sich scheinbar beseligt wiegt auf den Wassern des Styx:
„Und immer
Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.“
Furchen und Runzeln
Der Sandstrand scheint uns von weitem jungfräulich und ohne Spur, in Wahrheit wimmelt er von Einkerbungen und Schraffuren des Winds und der Krebstiere.
Es ist ein Missverständnis anzunehmen, dass unsere Gedanken aufgrund der Tatsache, dass sie eingebunden sind in eine Umgebung und eine Situation, notwendig verzerrt oder getrübt würden. Wenn die Ereignisse uns keine Spuren hinterließen, wäre die Welt für uns ohne Widerhall und leer.
Der Sturm der Ereignisse hat manches Gesicht verwittert und gegerbt. Die im Windschatten sich ängstlich bargen, wie gedunsen und konturlos blicken sie ins Alter.
Wie sind die Ideale verblasst, die roten, die blauen, die schwarzen. Als säßest du am Rande zwischen dem Abfall der Ikonen, bliesest blauen Dunst in die Leere, und den Passanten, der dir zuzulächeln scheint aus der Verlegenheit einer unklaren Erinnerung, erkennst du nicht – o, es war der Freund, der dich damals im Arm hielt, als …
Du zögerst, alte Namen, Namen, die du mit dem Mund der Seele aus dem Brunnen des Metternicher Gartens getrunken, noch einmal, einmal noch zu denken, geschweige denn aufzuschreiben.
Die, die noch umhergespenstern in der Wüste ihrer verlorenen Jugend, sind tot für deine Gegenwart. Die, die schon gestorben sind vor der Zeit, gespenstern umher in der Wüste deines verlorenen Alters.
Es ist mit den alten Sprüchen und ehedem brillierenden Sentenzen wie mit den Äpfeln und Birnen und Apfelsinen in der Schale: Sie wurden zu lange aufgespart als buntes, interessantes Dekor. Nun sind sie verhutzelt und verrunzelt, ungenießbar und wurmstichig geworden.
Ach, sie stinken, wirf sie weg – und schweige!
O, auch er wollte die große Verwandlung. Und du sahst ihn dämmern im urinstinkenden Heim, einen dicken Schal um den Hals bei sommerlicher Schwüle.
Betrogene Erben: Sie halten die schweinsledernen Bände in Händen, durchblättern die vergilbten Seiten mit den köstlichen Versen – die Sprache, in der sie geschrieben, wurde ihnen dank keimtötender Hermeneutik unentzifferbar.
Sie haben die Schmerzen des Pfluges erlitten, doch keiner säte in die aufgerissenen Furchen.
Als hätte die Krankenschwester das Fenster geöffnet und ihm mit der Geste „Noch ist alles möglich!“ das Leuchten der Landschaft gezeigt. Er aber wandte sich ab, schlüpfte wieder unter die Decke und legte die Stirn an die Wand.
In der Art, wie er die Altersflecken der Hand mit fahrigen Bewegungen zu kaschieren trachtete, lag keine Würde, nur Scham – und das Bedauern über die verlorene Nichtsnutzigkeit der Jugend.
Er hat ihm gedient und treu seine Manuskripte abgetippt, seine Abende vergoldet mit dem leisen Singsang seiner Rezitationen, seinen Garten geharkt und die Rosen beschnitten. Und als er darniederlag und schwächer wurde sein Schnaufen und Seufzen, erfuhr er durch die Presse, welch ein abgefeimter Plagiator und Scharlatan er gewesen sein soll.
Er habe seinen Telefonanschluss kündigen müssen, ständig sei er von Anrufern belästigt worden, die ihn mit fistelnd-dämonischer Stimme an Verfehlungen und Missetaten seiner frühen Zeit zu erinnern beauftragt waren, ja, selbst als er vor Scham und Widerwillen die Leitung abgezogen habe, hätten sich die schrecklichen Zeugen wider ihn weiter gemeldet und immer erneut das Band des Anrufbeantworters übergellt.
Jene scheinen von einem Stern geleitet, der nicht untergeht, jene, denen die göttliche Stimme Weisung gab über die Verwesung hinaus – oder zittern auch sie, wenn das Dunkel des ungelebten Augenblicks das ganze Zimmer durchdringt?
Der Prophet des Hühnerhofs
Erst lässt er herrisch scharren
und blaue Flusen aufwärts schweben,
bevor zur Predigt der erwählte Hahn
auf die kotverschmierte Stange steigt.
Und den Kalk der krummen Wände
bräunt im Dämmerscheine
hohles Gackern.
Er selber krallt sich, bucklicht-rund,
asthmatisch in sich hüpfend,
mit krummen Zehen auf der Kanzel fest –
der blaue Kehlsack des Erwählten
baumelt psalmodierend,
vom Silberdorn durchstochen einer Ehren-Fibel.
Seine Ministranten, zwei Birkhühnchen,
engelsflaumig,
stützen den von Gesichten schwer Taumelnden
links und rechts mit ihrem Popo-Federbausch.
Indes er fabelt von dem großen Exodus
aus dem Hühnerstall der Menschennacht
ins körnerreiche Saatenland Neugalliens,
wo sie hinführt Alberich, der Auer-Moses,
durch die Wüste „Hahnenfuß“,
wo aus der goldnen Wolke es regnen wird
Ähren und süß-schleimiges Gewürm,
wo von dem Berge „Gackeleia“ die Gesetze
er verkündet für das freie Hühnervolk,
die bei Todeswürgen untersagen
jedes Halsumdrehen, Rupfen oder Braten,
von wo sie endlich das gelobte Land erpicken,
wo fette, rosenbackige Zwerge,
dem Hühnervolke sklavisch untertan,
buntbemalte Eier brüten,
wo Chöre feenweißer Hühnchen
auf den weichen Teppich-Pelzen,
die ihr Retter Alberich dem Reineke, dem Isegrimm
bei lebendigem Leibe abgezogen,
Chöre feenweißer Hühnchen Hymnen krähen
auf den Tod des ewig ausgetilgten Erzfeinds „Menschgetüm“,
wo Friedenslüfte das Gefieder wohlig plustern –
wo, wo, wo …
Und alles das und mehr kleckst emsig mit
auf Tapetenrollen meterlang,
als Neues Testament des edlen Hühnertums,
die scharf bebrillte, schlaue Schreiber-Ratte.
Der Künder taumelt, wo, wo, wo,
die Ministranten halten, ho, ho, ho –
da quietscht die Ratte ab ins Loch,
da steht mit ihrer Hasenscharte
die Magd breitbeinig in dem Stall
und greift sich lustig das Prophetchen
und dreht ihm, weil heut Sonntag ist,
und dreht ihm, weil heut ja Sonntag ist,
um den Hals.
Mit deinen treuen Augen
Suchst du mit deinen treuen Augen
mich noch
unterm heiklen Flügelschlag des Dämmerns?
Mit deinen hellen Kinderaugen
im Wahngestrüpp der Nacht?
Auf dem Schneefeld war ich nicht –
ein lenzlich schmatzend Schmelzen
legte schon der Wahrheit schwarze Krumen bloß.
Im Schatten-Geschiebe des Flohmarkts
dribbdebach,
da war ich nicht –
oder war ich das Schaukelpferd, das einsame,
dem Stroh aus aufgeplatztem Schädel spross?
Hat es nicht scheu gewippt,
als du vorübergingst?
Suchst du mich noch
mit deinen hellen Kinderaugen?
Sogar im lilafarbnen Hochamt
zu St. Johann in Metternich
hast du mich gesucht –
aus dem Beichtstuhl kippte die Leiche
einer Schuld des ungesagten Du –
o nein, das war ich nicht.
Ich war vielleicht das Mäuschen,
das beim großen Krachen des Te Deum
die Äuglein kniff und in sein Stübchen floh.
Hast du mich auch gesucht
mit deinen lieben Augen
in dem verwunschnen alten Garten,
dort unterm Kimmelberg?
War der Schatten, den du behend durchschrittst,
den warf der Strunk der abgehaunen Eiche,
das Gespenst des Pan – etwa ich?
Oder war, als du im Bethmannpark gesucht,
im Duft der frühen Veilchen,
der deine Lippen warm umfloss, etwa ich?
Suchst du noch mit deinen treuen Augen,
ob auf krokustrunknem Ranft
des Fechenheimer Mains
manch hingebogner Halm
von meinen krummen Träumen spricht?
Ob im blauen Atrium
der schattigen Kastanie
im Wonneplausch des Brünnchen
des Wassers banges Zögern
den Liebeshauch enthält?
Suchst du mit deinen treuen Augen
mich noch
unterm heiklen Flügelschlag des Dämmerns?
Mit deinen hellen Kinderaugen
im Wahngestrüpp der Nacht?
Objektivität und Wahrheit VII
Grundlinien einer Kritik des erkenntnistheoretischen und kulturalistischen Relativismus
Unsere Überlegungen und Gedanken sind eingebettet in unsere Lebensfunktionen – nur aus diesem Grunde können sie wahr oder falsch sein. Wären sie von jedem Lebensboden abgeschnitten und hingen gleichsam in der Luft, wüssten wir nicht zu sagen, an welcher Stelle wir unsere Gedanken überprüfen könnten. Es wäre seltsam anzunehmen, dass die Tatsache des Zusammenhangs unserer Gedanken mit unseren Lebensbedingungen ein Argument gegen die Möglichkeit ihrer Wahrheit darstellen könnte.
Du fragst dich ja nicht, mit welcher Bahn du am schnellsten in die Innenstadt gelangst, weil du keinen besseren Zeitvertreib hast, als topographische Rätsel zu lösen. Du hast vielmehr in der Innenstadt eine Verabredung, zu der du nicht zu spät kommen willst. Nun klärst du die Lage, indem du anhand geeigneter Modelle und Hilfsmittel deine Überlegungen zur Lösung der Frage anstellst: Du checkst die Verkehrsführung und das U-Bahnnetz auf einem möglichst aktuellen Stadtplan. Du recherchierst auf Google-Map. Du blätterst in einem offiziellen Fahrplan der städtischen Verkehrsbetriebe und findest die Bahnlinie, die dich von deinem Ausgangspunkt am schnellsten zum Zielpunkt bringen wird.
Es leuchtet ein, dass du viel Wissen in diese eine Überlegung einbringen musst, wie du am schnellsten von A nach B kommst. Du musst Karten und Stadtpläne lesen können. Dazu wiederum musst du ein Modell von dem unterscheiden können, was es abbildet. Du verstehst es, mit Maßstäben umzugehen, und weißt, dass die abgebildete Strecke um eine bestimmte Proportion zur realen Strecke verkürzt und extrem idealisiert dargestellt ist. Du verstehst dich auf Chronometrie und weißt, dass beim Fahrplan die Abfahrts- und Ankunftszeiten jeweils untereinander aufgelistet werden. Du musst deine Überlegung so weit führen, dass du dich für eine bestimmte Abfahrtszeit einer bestimmten Bahn an einem bestimmten Bahnsteig entscheidest und gemäß dieser Entscheidung all deine Aktionen koordinierst, indem du rechtzeitig das Haus verlässt und dir eine Fahrkarte vor Ort ziehst und schließlich in die richtige Bahn einsteigst, die du an der Ausschilderung zu identifizieren in der Lage bist.
Wenn du up to date mit der modernsten Technik bist und über den Navigator deines Smartphones über Daten des globalen Satellitensystems GPS verfügen kannst, magst du dich von der digitalen Stimme des Handys von deinem Ausgangspunkt zu deinem Zielpunkt führen lassen. In diesem Falle setzen deine Überlegungen, die dir zur Orientierung dienen, die Mathematik von Euklid bis Riemann und die Physik von Archimedes bis Einstein voraus.
Wir sehen, unsere Überlegung hat einen Anlass und Grund (die Frage nach der besten Zielerreichung) und einen Abschluss (die Entscheidung, das oder jenes zu tun, zum Beispiel die U4 um 13 Uhr 15 an der und der Station in der und der Stadt zu nehmen) sowie eine innere Struktur, die wir durch Angabe der verwendeten Methoden und Verfahren wie Modellen oder Karten beschreiben können. Unsere Überlegung kann nur richtig oder falsch sein, wenn sie eine Überlegung hinsichtlich des gegebenen Anlasses und Grunds und mit der geeigneten Entscheidung ist. Das gilt auch für die innere Struktur: Wenn wir ungeeignete Methoden und Verfahren verwenden, kommen wir nicht zum Ziel und unser Denken verliert sich im Ungefähren. Wir müssen zum Mindesten ein Analogon zu unseren Karten oder Zeitmessern benutzen, um bei Fragen zur Orientierung in Raum und Zeit klarzukommen.
Wenn uns nun einer mit der scheinbar aufrüttelnden und kühnen These kommt, das zur Struktur unserer Überlegungen Ausgeführte gelte nur für UNSERE Art zu überlegen und zu denken, für UNS als Bewohner des westlichen Kulturraums mit seinen modernen Verkehrssystemen und Bildungseinrichtungen, gelte nur für Leute, die sich auf abstrakte Verfahren der Raum- und Zeitmessung verstehen – führt er uns mit dieser Frage an den Rand des Abgrunds, in dem sich uns die vollständige Kontingenz und Unvergleichbarkeit der Denkweisen unterschiedlicher Kulturen offenbaren? Oder sagt er uns nichts weiter als eleganten Unsinn und schicke Sottisen, mit denen eingebildete Eierköpfe auf Partys Seminaristinnen beeindrucken möchten?
Schauen wir uns an, wie Menschen ohne unsere Kulturtechniken wie Karten und Uhren mit ihrer Situation klarkommen. Nehmen wir an, es ist etwas Wahres dran an dem, was Bruce Chatwin über die Traumpfade oder Songlines der Ureinwohner Australiens herausgefunden zu haben glaubte. Ohne Mythenbeschwörung sehen wir eines deutlich: Die Nomaden weit diesseits unserer Zivilisation haben sich kultureller Techniken der Orientierung in Raum und Zeit bedient, die zum Mindesten ein entferntes Analogon zu unseren Karten und Uhren darstellen. Ihre Lieder besingen die Schöpfung der ursprünglichen Natur, und in den tatsächlich gegebenen und auffindbaren Felsen, Hügeln und Quellen der Landschaft finden sie die Spiegelbilder dieser Schöpfung, die vor Urzeiten stattfand, aber jetzt in ihrer aktuellen Erfahrung verlebendigt wird. Sie singen Lieder, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, und finden hier in dem Felsen und dort in der Quelle die wichtigen Themen, die ein solches Lied enthält. Gleichzeitig identifizieren sie in den beschriebenen Landmarken die Zielobjekte, die sie mit ihrer Wanderung erreichen wollen – und auf diese Weise auch meist erfolgreich erreichen.
Erinnern wir uns an die Schnitzeljagden unserer Kindheit: Da ging es in nuce um dasselbe. Wir markierten die Pfade für diejenigen, von denen wir wünschten, dass sie uns nachfolgten und uns wiederfänden, durch abgebrochene Zweige, Bindfäden oder Papierschnipsel. Dabei gewahren wir auch die Störanfälligkeit solch primitiver Orientierungssysteme: Diese Papierschnipsel könnten zufällig herbeigeweht worden sein, jene Zweige von einem Gegner in unserem Jagdspiel, der uns in die Irre führen will, geknickt worden sein. Wenn wir die Zeichen falsch zuordnen oder missverstehen, gelangen wir nicht ans Ziel.
Wer demnach annimmt, die Aborigines verfügten über Orientierungssysteme und von ihnen geprägte mythische Denkweisen, die uns prinzipiell fremd und unzugänglich bleiben müssen, verkennt nicht nur die Leistung europäischer Ethnologen bei der rationalen Rekonstruktion dieser Orientierungssysteme. Er verkennt auch die Universalität der menschlichen Situation, die durch die Tatsache konstituiert wird, dass wir unabhängig von der jeweiligen kulturellen Umgebung Lebewesen sind und bleiben, die aufgrund ihres körperlichen Daseins in die Grundstrukturen von Raum und Zeit integriert und deshalb darauf angewiesen sind, durch geeignete Methoden und Verfahren sich in diesen Strukturen zu orientieren, um jene Lebewesen, Objekte und Situationen zu meiden, die uns schaden, und jene Lebewesen, Objekte und Situationen aufzusuchen, die unser Leben heute oder morgen erleichtern können.
Hätte das Orientierungssystem der Ureinwohner Australiens in ihren alten Liedern kein Gran Objektivität in sich, dann wären sie schon längst ausgestorben, lange bevor der weiße Mann ihnen das Leben schwergemacht hat. Was meinen unsere hartgesottenen Relativisten also, wenn sie von der Inkompatibilität der Denkformen grundlegend verschiedener Kulturen reden? Nun, sie sind von einem Trug-Bild der Sprache gefangen und obsediert. Und diese Obsession übertragen sie auf alle Bereiche der Kommunikation und Erkenntnis. Das Trug-Bild ist das naive Bild der privaten Zuordnung von Bedeutungen an Laut- und Vorstellungsbilder in unserem vermeintlich nach außen hermetisch abgedichteten Raum des Bewusstseins: Wenn WIR unsere Empfindung dieses Rottones „Ui“ nennen könnten, was könnten JENE nicht alles Abenteuerliches anstellen, das unsere Vorstellungen weit übertrifft! Aber wir wissen ja nicht, ob wir bei nächster Gelegenheit diesen neuen Rotton mit derselben Bedeutung ansprechen sollen! Wie wenig dann aber auch JENE!
Das Bild des privaten Bewusstseins mit seinen privat etablierten Bedeutungen führt in die Irre und Relativisten zu falschen Annahmen. Wenn das Mentale aber öffentlich ist, können wir die Zuordnung von Bedeutungen in gewissen Grenzen kontrollieren und nachvollziehen. Deshalb sind wir in der Lage, andere Sprachen – und seien sie noch so exotisch wie die Sprache der Ureinwohner Australiens – zu erlernen und zu verstehen, was ihre Sprecher damit ausdrücken, Leute, die nicht wissen, was ein Smartphone, das GPS, die nichteuklidische Geometrie oder die Relativitätstheorie ist.
Jugend in Koblenz XX
SCHMUTZIG schreit nach Purifikation des Himmelblaus
grad überm Kühkopf.
DRECKIG schreibt ins Programm das Eschaton, von den Strömen allen
werde der Rhein der reinste sein.
Es möchte keiner kehren vor der eignen Tür.
Das eigne Erbe wahren sie nicht rein.
SPECKIG will die Wasserscheide zwischen Schweinemast und Blütenkost
transzendent wie halam und haram.
FLECKIG lehrt i-Dötzchen die neuen Leviten von Milch und Blut,
von Aas und Gras.
Es möchte keiner kehren vor der eignen Tür.
Das eigne Erbe wahren sie nicht rein.
UNRAT rät, durch orientalisch-schwere Düfte zu vernebeln
den Kopf des Vaters.
UNZUCHT wähnt, in fideler babylonischer Vermischung verblasse
der Mutter Name bald.
Es möchte keiner kehren vor der eignen Tür.
Das eigne Erbe wahren sie nicht rein.
Jugend in Koblenz XIX
Sie wurden von metaphysischen Grillen befallen,
verengten sich durch Narren-Rätsel die Lebenssicht,
scheinbar Tiefsinns-, in Wahrheit Unsinns-Fragen,
wie was denn hier und jetzt und überhaupt
in diesem Leben wichtig, sinnvoll und von Nöten
und was vordringlich sei zu sagen und zu tun.
Sie phantasierten und sie schwadronierten
von großen Taten und genialen Streichen,
die alle Welt – vor allem Papa,
den älteren Bruder mit den Ärmelschonern,
die steile Blonde, die sie schamlos angegähnt –
in Erstaunen setzen und die ganze Welt,
die Menschheit, die Natur,
zum Mindesten den Floh im eignen Ohre,
retten sollten.
Doch keine Größe lag in ihrem Pöbelsinn,
und in den blutigen Fetzen ihrer Pathos-Phrasen
kein Genie.
Die größte Tat, der sie sich rühmten:
in der Liebfrauenkirche mit krächzender Scham
die Internationale anzustimmen –
ein Mäuslein schlüpfte in sein Loch.
All das verhauchte – ein dumpfer Pups
am Deutschen Eck, der nicht einmal
den Engel Kaiser Wilhelms die Nase rümpfen ließ.
Was aber wichtig, sinnvoll und von Nöten?
Den Rand zu halten, wenn die Liebe spricht mit Augen.
Aufzustehen und den Platz zu räumen,
wenn eine Alte am Stock die Straßenbahn betritt.
Ohne Lamento und allen Zores
des Lebens Licht zu teilen,
des Todes Dunkelheit allein zu tragen.
Jugend in Koblenz XVIII
Das Heiligenbild entweihten sie im Stall
mit Hühnerdreck und Schweinegülle.
Dort dämmert es, mit Stroh bedeckt, im Kot,
und harrt des Mondes, dass er weine in der Nacht.
Der wehe Duft der Veilchen aus der Kinderzeit
dringt nicht zu ihnen, nicht mehr das Schmerz-Arom
aus Torf und Dung. Als der Asphalt im Sommer dampfte,
erstickten alle Wiegenlieder unterm Teer.
Die Marienkapelle wurde geschändet.
Rings an die Mauern sprühten sie Schwänze
und den roten Stern. Auf dem Altar Bierflaschen,
Aschenbecher und Kondome.
Das Bild der Jungfrau, ganz zerstochen.
Die Kerzen brennen jetzt vor Negerfetischen.
Das sanfte Lamm, das ihnen Ruhe mochte geben,
ward weggebissen vom Gefletsch des Rap.
Jugend in Koblenz XVII
Sie krabbeln, wuseln, pieseln,
winzig-kleine, ganz gemeine Stinke-Läuse
im erhabenen Krause-Bart des Herrn –
es juckt ihn nicht die Bohne.
Es streicht hoheitsvoll der Herr
mit der Hand sinnend sich
die Flechten oder Borsten glatt.
Worüber er wohl sinnen mag?
Über des lausigen Begehrens Nichtigkeit,
die All-Eitelkeit der Lause-Jugend
und ihres hohlen Ideals, das heute rosig scheint
wie Mädchenhaut und morgen stinkt wie Aas.
Den Heißsporneifer, mit irrem Geschrei,
hirnverbrannten Theorien, ultrakurzen Röcken
oder blutigen Stirnen Aufmerksamkeit
bei Gott und aller Welt sich zu erwecken.
Bei der Welt – na gut, bis morgen oder übermorgen.
Bei Gott dem Herrn – bei seinem Barte, nein!
Er greift nach seiner Pfeife
aus schneeweißem Muschelkalk
und schmaucht das herbe Kraut,
das haben seine Engel ihm im Garten
gezogen und gerupft.
Was schert ihn seine Welt
und sein missratenes Geschöpf,
der Wanst der Leidenschaft,
der Wurm des Wahns!
Er wandelt schweigsam dort in Eden
und biegt nach seinen Bienenstöcken ab.
Und quarzt die Pfeife heftig, da sie sumsen.
Ach wie trist ist Gottes Dasein,
wem nur soll er danken, dass die Immen ihm gewogen,
sich selber danken geht ja nicht!
Da fasst die weiße Wolle seines Barts
verirrter Funkenflug – das knistert los und brutzelt,
das qualmt und zischt.
Die lausigen Gäste, die sich bei ihm eingenistet,
um des Herrn erhabne Ruhe
zu bepinkeln, zu verkrätzen,
an bösem Rauch und Höllenglut des Qualmers,
der sein eignes Paradies verpestet,
erstickt das Parasitenvolk.
Jetzt schüttelt der alte Herr die fatale Glut
aus dem Pfeifenkopf – wie er dabei Flüche schleudert,
garstig, fies und hundsgemein,
auf die jugendseligen Anmaßungen jener frühen Tage!
Jugend in Koblenz XVI
Sie lassen sich von den Zweigen wiegen
im Zaubergarten der Frau Venus,
seltne Sittiche, exotische Kanaren
mit ihren gelben, grünen, blauen Federn –
sie necken und sie schnäbeln sich,
sie plustern und sie kraulen sich.
Manche fiepen, manche piepen,
jene flöten, diese tröten.
Einer, ein goldner, reckt den Purpurschnabel
und schlägt das Zwitschervolk in Bann
mit graziös entrückten, amourös geglückten
Arien.
Dann kommt die Stunde,
wenn sie unterm vollen Mond verstummen.
Nur einer, ein kleiner gelber Zärtling,
flattert noch bänglich,
sonst wäre er vom Ast gefallen.
Sie stecken die Schnäbel ins Gefieder
oder drücken träumend Kopf an Köpfchen.
Was flüstert und rieselt denn mit einem Male silberhell?
Rinnen Tropfen melodisch
aus eines Brunnens Bartgeflecht?
Fließen feenschöne Töne bukolisch
über blütenfeuchte Lippen?
Venus schüttelt goldne Tropfen
aus dem schweren Schopf und singt.
Ihre Lieblinge setzen sich auf den Finger,
krallen sich in das Dickicht-Haar,
schweben auf der Schimmer-Schulter.
Der Purpurschnabel umflattert –
wie es zittert, das kleine Herz! –
die lebenspralle Brust und schlürft
mit Zungenküssen die milchigen Spritzer
im Flug.
Dann kommt, was kommen muss
nach jeder blauen Stunde,
in jedem Paradies.
Frau Venus gähnt, so herzzerreißend-animalisch,
dass die bunte Schar vor Schreck ins Dunkle schwirrt.
Da hocken sie und fiepen ängstlich-leise.
Die Herrin des Gartens rafft und bindet sich das Haar.
Sie wendet sich – dreht sich noch einmal um.
Da klatscht sie böse in die Hände:
Es bricht ein flirrend Zischen panisch aus den Zweigen –
die bunte Schar verirrt sich aus dem Garten.
Sie fanden nie zurück.
Der Garten war verwaist, verfiel.
Wurde vermessen und erschlossen.
Erst prunkte eine Villa um ein blaues Atrium.
Auch die verfiel. Ein Händler-Schakal griff zu.
Heute glotzt aus roten Augen ein Bordell dich an.
Frau Venus, ein altes Hutzelweib,
dem gelber Sabber aus dem Mundwinkel trieft
und das immerzu krächzt:
„Piep, mein Vögelchen, piep, piep, piep!“ –
Frau Venus putzt in einem Kopftuch dort das Klo.
Jugend in Koblenz XV
Die Geistesschwäche dieser Jugend hieß
Politik – als könnten sie dem Wahn der Mächte
durch Abwehrzauber oder Gegenwahn
entrinnen: als wöge der Ziegenbart den Schnauzer auf.
Politik war ihnen Erblast und das Schicksal,
das sie grau gemacht, gemein und hetzerisch.
Wo die Dolde Schönheit aus der Mitte ragte,
schnappte ihre Schere dialektisch zu.
Am Tropf des Weltempfängers hing ihr trockner Sinn.
Wer wo wen gepiesackt und gewürgt, was scherte sieʼs?
Sie opferten die Wahrheit auf dem Altar der Moral.
Sie skandierten ihre Phrasen und die Funken stoben.
Wie der verhassten Väter war ihr Sinn gebannt
von Flaggen, Wappen, Losungen. Sie fühlten
von der Nacktheit des Heiligen sich brüskiert,
die da spricht: Ich habe nichts und bin doch alles.
Jugend in Koblenz XIV
Verweigerer, Abweichler, Süchtige, Selbsttöter
waren die Namen schwarzer Sekten dieser Jugend.
Ihre Abzeichen hohle Augen, weiße Narben,
Warzen auf der Seele, Schwarzlicht-Aureolen.
Der eine nahm den Strick in Vaters Schuppen,
wo wir als Kinder tollten, lärmten,
wir drehten wild das Steuer alter Autowracks,
und echter Fahrtwind fuhr uns in die Haare.
Er nahm den Strick, warf hin das junge Leben
für ein marmornes Idol perfekter Männlichkeit –
mit der austarierten Waage edler Hoden
und einem Phallus, der die tote Seele weckt.
Die andre sprang von der Pfaffendorfer Brücke.
Warum, fragst du, sie war doch jung und heiß?
Der Schnee der Haut schmolz unter ihren Küssen,
so viel Glanz hat ihren Lebensfilm geschwärzt.
Sie lebte noch zertrümmert vor sich hin
und spielte mit den Splittern ihres Traums
im überheizten Käfig ihrer Mutter,
gestopfte voll mit Blumen, Aras, Teddys, Lügen.
Jugend in Koblenz XIII
Die im Morgenrot den Lebensaufbruch wagten,
hielten Wort und Stand.
Verhockten Jugendfreunden, uns betagten,
küsst ihr von fern die Hand.
Vernehmen wir von euren bunten Fahrten,
fasst uns ein warmes Weh.
Gedenken wir des Augenscheins, des zarten,
schmilzt unsrer Taubheit Schnee.
Habt ihr euch ganz gelöst vom Bann des Rheines,
Blüten fremden Lichts?
Und von der herben Seele unsres Weines,
Künder frohen Nichts?
Wir Sternengeister wollen auf dem Wasser tanzen,
spitzer als gedacht.
Mag sich im Rauschen unser Herz verschanzen.
Gnädig ist die Nacht.
Jugend in Koblenz XII
Die Glatzköpfe aus dem fidelen Lust-KZ,
ein Wurm wie der andre, nackt und fad,
blieben einander nicht, doch sich selber treu –
bis zur Sterilität an Hirn und Hoden.
Die K-Gruppen-Pest-Genossen, verbittert
wegen des Verlusts ihrer Massaker-Heilande,
fanden neues Entzücken an exotischen Parasiten,
die sie dem deutschen Schäferhund ins Fell setzen.
Die Latzhosen-Weiber, dank der Ausschabungen
ihres Uterus frigide – kinderlose Hexen –,
reißen den Müttern den Säugling von der Brust
und sozialisieren seine vollgekackten Windeln.
Und all die verkannten Genies, die am Deutschen Eck
Vers-Brei kotzten, Vaginen photographierten
oder mit Messern aus Klang Seelen schlitzten?
Gehen stempeln oder sind (Deo gratias) durch Hirnschlag kuriert.
Jugend in Koblenz XI
Wie Myriaden Mücken Einsamkeit
entbunden glimmen sie in weißer Nacht.
Des Lebens Liebesgründe sind entzweit,
als hätten Pfaffen sie sich ausgedacht.
Die Herzensneigungen zur Zweisamkeit
verschnürten sie mit Nervenknoten.
Um Liebe warten, zum Verzicht bereit,
verlachten sie mit derben Zoten.
Ihre große Ersatzbefriedigung war Sex.
Der kurzen Lust Bewusstseinstrübungen,
der Scheintod eines süßen Schrecks
erlöste sie von wachen Seelenübungen.
Aus dem Werk des Zeugens wurde Ficken.
Und reifte einmal Frucht in ihren Frauen,
dann durfte sie kein Sternenlicht erblicken –
so wenig mochten sie dem Leben trauen.
Jugend in Koblenz X
Sie stürmten in die Altstadtkneipe
an der Liebfrauenkirche: Männ- wie Fräulein
kahlgeschoren, in grauen Drillichs Latz.
Der Ton war rüde – glimpflich war noch:
„Na, du Mösenflüchter, eingezogner Schwanz!“
„Ich sag dirʼs auf die Fotze zu, die eingetrocknete!“
Tattoos waren damals noch nicht in.
Sonst hätte ihnen auf Stirn und Arsch
statt des Doppeladlers ein Doppel-A geprangt.
Du weißt dirʼs nicht mehr recht zu deuten:
Stand es für „Ausverkauf des Abendlands“
oder für „Arschgefickte Anarchisten“?
Warst du denn ungerührt vom Charme des neuen Weibs?
Frei schwingenden Brüsten, Hexenhaaren
auf der Lippe, Zungen, die orgasmisch fletschten?
Zogen sich des Herzens Hoden dir nicht zusammen?
Und erst das Ideal des neuen Manns, halb Barbar,
halb Zeitenwender, mit dem Gemächt als Knarre!
Sie schwallten, schwitzten, schwollen wie Glieder
eines Gliederfüßers, schamlos-glücklich, egokitzlig,
ferngewalzt vom großen Schwanz aus Wien.
Sie hatten vor dem Scharren und vielzüngigem Schmatzen
des dunklen Körpers Kollektiv nackt auf offner Bühne
Eltern, Abkunft, Vaterland, treue Liebe ausgespuckt.
Die scheißbourgeoise Bindungsangst, die Schlinge,
die des Lebens Schwellkörper verschnürt, durchtrennte
der Meister mit dem primae noctis ius.
Jetzt sind die Eltern Asche. Entbunden die Furien
der Einsamkeit. Das phallische Idol gestürzt.
Und sie verkrochen in den Ritzen der alten Angst.
Jugend in Koblenz IX
In denen du gefiebert, den Lektionen,
die eine Jugend unterm Trugstern hetzten,
sie brachten die Seele kränkend Infektionen,
die das Altarbild reiner Liebe ätzten.
Diesem war das Weib etwas zum Scheuern.
Jener nahm den Strick im alten Schuppen,
weil sich aus Rätseln, ungeheuern,
das andere Geschlecht nicht wollt entpuppen.
Die einen salbten ihr Gemächt mit Wortmagie,
sie nahmen dich mit scharfen Ismen in die Zange,
bis ihnen winkt aus dem Rolls-Roys ein Sex-Genie.
Sie überschauertʼs, tätschelt er nur ihre Wange.
Die andern gruben sich ein bilderloses Angstverlies,
um selbstverschuldet-fremder Leiden willen
glückte das Unglück ihnen im kahlen Paradies.
Nichts kann des Menschen trüben Mangel stillen.
Jugend in Koblenz VIII
Die dich im Entenpfuhl umschwänzten
mit dem Wedeln hohler Worte, dich blufften
mit dem Bellen läufiger Taten,
warfen Schatten, die dein Grünen hemmten.
So kratzt die edle Katze sich die Hoheit
gelassnen Daseins aus den Rippen –
o miserere: Ihr Sonnenvlies verschatten
Därme mit Mündern: Parasiten.
Die Egel, die sie in deine Würde setzten,
hießen Lust, Verweigerung und Spleen.
Wenn sie vollgesogen an dir niedergleiten,
küsst dich kein Engel auf den kalten Mund.
Den Mund, der in dein Träumen schreit,
kannst du nicht stillen – Gespenst der Jugend
musst du wie falsche Flamme einer Schlange
mit hohen Liedern bannen oder untergehen.
Jugend in Koblenz VII
Wir hockten auf dem Dommelberg im Kreis.
Die harten Saiten der Gitarre klirrten.
Refrain: „Die Köpfe kühl, die Herzen heiß!“
Von Angst beglückt, gequält von fremdem Duft,
der Lüste glühnde Mückenschwärme schwirrten
auf warmen Wogen süßer Sommerluft.
Da tanzt mit allen Gliedern, allen Sinnen,
gepresst in eines Blumenmieders Kluft,
das will den Wandel-Tanz mit uns beginnen,
halb Mann, halb Weib, gibt es uns schlüpfrig Winke:
Der Zeit des Mannweibs sei nicht zu entrinnen,
der Stern des alten Elternpaares sinke.
Sein Leib war unfruchtbar, sein Geist war Schminke.
Jugend in Koblenz VI
Heißt denn der Blick zurück die Enttäuschung
fühlen wie eine Frau, deren Glück zu sein du
mit dem Leuchten deiner Augen hast versprochen?
Doch dieser Glanz kam nicht von innen,
war Talmi-Glanz, ein Irrlicht einer Droge oder Lüge.
Mit Recht hat deine Winzigkeit sie bald zertreten.
Heißt es, Einsichten sickern ein wie Säure,
die den Geschmack des Lebens dir zersetzt,
wie dass die Liebe beschattet wird von Gaukelei,
dass sie die schönsten Namen dir gelispelt,
im Herzen kühl, der sexuelle Muskel zuckend,
wenn sie am Haken in der Luft dich zappeln sah,
wie dass die Blumen still vor unseren Ohren,
vorm Ohr des Engels aber flehen, schreien,
dass der elend fiedelt nebenan der Tod?
Einsichten, die nicht weise machen, sondern irre,
wie den Schizo, der am Zentralplatz gegen das Tor
hämmerte, als wäre er dort eingeschlossen.
Jugend in Koblenz V
Oft gingst erwartungsfroh du
in den Blumenhof der grauen Kastorkirche,
deiner Kirchen ältester und strengster.
Das jugendliche Herz, es pochte unsinnig
laut – als wärest du berufen,
dich hier zum Dichter taufen zu lassen
unterm zarten Getröpfel basaltnen Brunnens –
oder als solltest du (für welche Liebe?), unbeholfen
wie eine Hummel, die sich im Vorhang verfing,
für sie, die noch keinen andren Namen trug
als deinen, aus dem Rieseln,
aus dem Schwirren oder Flüstern,
das wie tibetanisch-bunte Fähnchen
an Buchs und Rosensträuchern hing,
reimen deinen Sinn, nicht ohne Charme …
Jedoch, du trottetest von dannen wehgemut,
wie du gekommen: mit heißem Herzen,
linkischem Gefühl und leeren Taschen.
The metaphysical problem of human freedom might be summarized in the following way: “Human beings are responsible agents; but this fact appears to conflict with a deterministic view of human action (the view that every event that is involved in an act is caused by some other event); and it also appears to conflict with an indeterministic view of human action (the view that the act, or some event that is essential to the act, is not caused at all).” To solve the problem, I believe, we must make somewhat far-reaching assumptions about the self of the agent — about the man who performs the act.
Perhaps it is needless to remark that, in all likelihood, it is impossible to say anything significant about this ancient problem that has not been said before.
The general position to be presented here is suggested in the following writings, among others: Aristotle, Eudemian Ethics, Book II, Ch. 6, Nichomachean Ethics, Book III, Chapters 1-5; Thomas Reid, Essays on the Active Powers of Man; C. A. Campbell, “Is `Free Will’ a Pseudo-Problem?,” Mind, LX (1951), 441-465; Roderick M. Chisholm, “Responsibility and Avoidability,” in Sidney Hook, ed., Determinism and Freedom in the Age of Modern Science (New York, 1958), and Richard Taylor, “Determinism and the Theory of Agency,” in Sidney Hook, ed., Determinism and Freedom in the Age of Modern Science (New York, 1958)
Let us consider some deed, or misdeed, that may be attributed to a responsible agent: one man, say, shot another. If the man was responsible for what he did, then, I would urge, what was to happen at the time of the shooting was something that was entirely up to the man himself. There was a moment at which it was true, both that he could have fired the shot and also that he could have refrained from firing it. And if this is so, then, even though he did fire it, he could have done something else instead. (He didn’t find himself firing the shot “against his will,” as we say.) I think we can say, more generally, then, that if a man is responsible for a certain event or a certain state of affairs (in our example, the shooting of another man), then that event or state of affairs was brought about by some act of his, and the act was something that was in his power either to perform or not to perform.
But now, if the act which he did perform was an act that was also in his power not to perform, then it could not have been caused or determined by any event that was not itself within his power either to bring about or not to bring about. For example, if what we say he did was really something that was brought about by a second man, one who forced his hand upon the trigger, say, or who, by means of hypnosis, compelled him to perform the act, then, since the act was caused by the second man, it was nothing that was within the power of the first man to prevent. And precisely the same thing is true, I think, if instead of referring to a second man who compelled the first one, we speak instead of the desires and beliefs which the first man happens to have had. For if what we say he did was really something that was brought about by his own beliefs and desires, if these beliefs and desires in the particular situation in which he happened to have found himself caused him to do just what it was that we say he did do, then, since they caused it, he was unable to do anything other than just what he did do. It makes no difference whether the cause of the deed was internal or external: if the cause was some state or event for which the man himself was not responsible, then he was not responsible for what we have been mistakenly calling his act. If a flood caused the poorly structured dam to break, then, given the flood and the constitution of the dam, the break, we may say, had to occur and nothing could have happened in its place. And if the flood of desire caused the weak-willed man to give in, then he, too, had to do just what it was that he did do and he was no more responsible than was the dam for the results that followed.
(It is true, of course, that if the man is responsible for the beliefs and desires that he happens to have, then he may also be responsible for the things they lead him to do. But the question now becomes: is he responsible for the beliefs and desires he happens to have? If he is, then there was a time when they were within his power either to acquire or not to acquire, and we are left, therefore, with our general point.)
One may object: But surely if there were such a thing as a man who is really good, then he would be responsible for things that he would do; yet, he would be unable to do anything other than just what he does do, since, being good, he will always choose to do what is best. The answer, I think, is suggested by a comment that Thomas Reid makes upon an ancient author (Thomas Reid, Essays on the Active Powers of Man, Essay IV, Chapter 4 in Works, p. 600). The author had said of Cato, “He was good because he could not be otherwise,” and Reid observes: “This saying, if understood literally and strictly, is not the praise of Cato, but of his constitution which was no more the work of Cato than his existence. ” If Cato was himself responsible for the good things that he did, then Cato, as Reid suggests, was such that, although he had the power to do what was not good, he exercised his power only for that which was good.
All of this, if it is true, may give a certain amount of comfort to those who are tender-minded. But we should remind them that it also conflicts with a familiar view about the nature of God — with the view that St. Thomas Aquinas expresses by saying that “every movement both of the will and of nature proceeds from God as the Prime Mover.” (St. Thomas Aquinas, Summa Theologica, First Part of the Second Part, Question VI (“On the Voluntary and Involuntary”). If the act of the sinner did proceed from God as the Prime Mover, then God was in the position of the second agent we just discussed — the man who forced the trigger finger, or the hypnotist — and the sinner, so-called, was not responsible for what he did. (This may be a bold assertion, in view of the history of western theology, but I must say that I have never encountered a single good reason for denying it.)
There is one standard objection to all of this and we should consider it briefly. The objection takes the form of a stratagem — one designed to show that determinism (and divine providence) is consistent with human responsibility. The stratagem is one that was used by Jonathan Edwards and by many philosophers in the present century, most notably, G. E. Moore. (Jonathan Edwards, Freedom of the Will, New Haven, 1957; G. E. Moore, Ethics, London, 19 12, Chapter Six.)
One proceeds as follows: The expression
(a) He could have done otherwise,
it is argued, means no more nor less than
(b) If he had chosen to do otherwise, then he would have done otherwise.
(In place of “chosen,” one might say “tried,” “set out,” “decided,” “undertaken,” or “willed.”) The truth of statement (b), it is then pointed out, is consistent with determinism (and with divine providence); for even if all of the man’s actions were causally determined, the man could still be such that, if he had chosen otherwise, then he would have done otherwise. What the murderer saw, let us suppose, along with his beliefs and desires, caused him to fire the shot; yet he was such that if, just then, he had chosen or decided not to fire the shot, then he would not have fired it. All of this is certainly possible. Similarly, we could say, of the dam, that the flood caused it to break and also that the dam was such that, if there had been no flood or any similar pressure, then the dam would have remained intact. And therefore, the argument proceeds, if (b) is consistent with determinism, and if (a) and (b) say the same thing, then (a) is also consistent with determinism; hence we can say that the agent could have done otherwise, even though he was caused to do what he did do; and therefore determinism and moral responsibility are compatible.
Is the argument sound? The conclusion follows from the premises, but the catch, I think, lies in the first premise — the one saying that statement (a) tells us no more nor less than what statement (b) tells us. For (b), it would seem, could be true while (a) is false. That is to say, our man might be such that, if he had chosen to do otherwise, then he would have done otherwise, and yet also such that he could not have done otherwise. Suppose, after all, that our murderer could not have chosen, or could not have decided, to do otherwise. Then the fact that he happens also to be a man such that, if he had chosen not to shoot he would not have shot, would make no difference. For if he could not have chosen not to shoot, then he could not have done anything other than just what it was that he did do. In a word: from our statement (b) above (“If he had chosen to do otherwise, then he would have done otherwise”), we cannot make an inference to (a) above (“He could have done otherwise”), unless we can also assert:
(c) He could have chosen to do otherwise.
And therefore, if we must reject this third statement (c), then, even though we may be justified in asserting (b), we are not justified in asserting (a). If the man could not have chosen to do otherwise, then he would not have done otherwise — even if he was such that, if he had chosen to do otherwise, then he would have done otherwise.
The stratagem in question, then, seems to me not to work, and I would say, therefore, that the ascription of responsibility conflicts with a deterministic view of action. Perhaps there is less need to argue that the ascription of responsibility also conflicts with an indeterministic view of action — with the view that the act, or some event that is essential to the act, is not caused at all.
If the act — the firing of the shot — was not caused at all, if it was fortuitous or capricious, happening so to speak “out of the blue,” then, presumably, no one — and nothing — was responsible for the act. Our conception of action, therefore, should be neither deterministic nor indeterministic. Is there any other possibility?
We must not say that every event involved in the act is caused by some other event, and we must not say that the act is something that is not caused at all. The possibility that remains, therefore, is this: We should say that at least one of the events that are involved in the act is caused, not by any other events, but by something else instead. And this something else can only be the agent — the man.
If there is an event that is caused, not by other events, but by the man, then there are some events involved in the act that are not caused by other events. But if the event in question is caused by the man, then it is caused and we are not committed to saying that there is something involved in the act that is not caused at all.
But this, of course, is a large consequence, implying of considerable importance about the nature of the agent or the man.
If we consider only inanimate natural objects, we may !.say that causation, if it occurs, is a relation between events or states of affairs. The dam’s breaking was an event that was caused by a set of other events — the dam being weak, the flood being strong, and so on. But if a man is responsible for a particular deed, then, if what I lave said is true, there is some event, or set of events, that is caused, not by other events or states of affairs, but by the man himself, by the agent, whatever he may be.
I shall borrow a pair of medieval terms, using them, perhaps, in a way that is slightly different from that for which they were originally intended. I shall say that when one event or state of affairs (or set of events or states of affairs) causes some other event or state of affairs, then we have an instance of transeunt causation. And I shall say that when an agent, as distinguished from an event, causes an event or state of affairs, then we have an instance of immanent causation.
The nature of what is intended by the expression “immanent causation” may be illustrated by this sentence from Aristotle’s Physics: “Thus, a staff moves a stone, and is moved by a hand, which is moved by a man.” (VII, 5, 256a, 6-8) If the man was responsible, then we have in this illustration a number of instances of causation — most of them transeunt, but at least one of them immanent. What the staff did to the stone was an instance of transeunt causation, and thus we may describe it as a relation between events: “the motion of the staff caused the motion of the stone.” And similarly for what the hand did to the staff: “the motion of the hand caused the motion of the staff.” And, as we know from physiology, there are still other events which caused the motion of the hand. Hence we need not introduce the agent at this particular point, as Aristotle does — we need not, though we may. We may say that the hand was moved by the man, but we may also say that the motion of the hand was caused by the motion of certain muscles; and we may say that the motion of the muscles was caused by certain events that took place within the brain. But some event, and presumably one of those that took place within the brain, was caused by the agent and not by any other events.
There are, of course, objections to this way of putting the matter; I shall consider the two that seem to me to be most important.
One may object, firstly: “If the man does anything, then, as Aristotle’s remark suggests, what he does is to move the hand. But he certainly does not do anything to his brain — he may not even know that he has a brain. And if he doesn’t do anything to the brain, and if, as physiology seems to tell us, the motion of the hand was caused by something that happened within the brain, then there is no point in appealing to ‘immanent causation’ as being something incompatible with ‘transeunt causation’ — for the whole thing, after all, is a matter of causal relations among events or states of affairs. The motion of the hand was caused by the brain and not by the man.”
The answer to this objection, I think, is this: It is true that the agent does not do anything, with his brain, or to his brain, in the sense in which he does something with his hand and does something to the staff. But from this it does not follow that the agent was not the immanent cause of something that happened within his brain.
We should note a useful distinction that has been proposed by, Professor A. I. Melden— namely, the distinction between “making something A happen” and “doing A.” (A. I. Melden, Free Action, London 1961, especially Chapter Three). Mr. Melden’s own views, however, are quite the contrary of those that are proposed here. If I reach for the staff and pick it up, then one of the things that I do is just that — reach for the staff and pick it up. And if it is something that I do, then there is a very clear sense in which it may be said to be something that I know that I do. If you ask me, “Are you doing something, or trying to do something, with the staff?,” I will have no difficulty in finding an answer. But in doing something with the staff, I also make various things happen which are not in this same sense things that I do: I will make various air-particles move; I will free a number of blades of grass from the pressure that had been upon them; and I may cause a shadow to move from one place to another. If these are merely things that I make happen, as distinguished from things that I do, then I may know nothing whatever about them; I may not have the slightest idea that, in moving the staff, I am bringing about any such thing as the motion of air-particles, shadows, and blades of grass.
We may say, in answer to the first objection, therefore, that it is true that our agent does nothing to his brain or with his brain; but from this it does not follow that the agent is not the immanent cause of some event within his brain; for the brain event may be something which, like the motion of the air-particles, he made happen in picking up the staff. The only difference between the two cases is this: in each case, he made something happen when he picked up the staff; but in the one case — the motion of the air-particles or of the shadows — it was the motion of the staff that caused the event to happen; and in the other case — the event that took place in the brain — it was this event that caused the motion of the staff.
The point is, in a word, that whenever a man does something A, then (by “immanent causation”) he makes a certain cerebral event happen, and this cerebral event (by “transeunt causation”) makes A happen.
The second objection is more difficult, and it concerns the very concept of “immanent causation,” or causation by an agent, as this concept is to be interpreted here. The concept is subject to a difficulty which has long been associated with that of the prime mover unmoved. We have said that there must be some event A, presumably some cerebral event, which is caused not by any other event, but by the agent. Since A was not caused by any other event, then the agent himself cannot be said to have undergone any change or produced any other event (such as “an act of will” or the like) which brought A about. For if the cerebral event is caused by some change within the agent, then it is caused by an event and we have lost the solution to our problem. But now: if, when the agent made A happen, there was no event involved other than A itself, no event which could be described as making A happen, what did the agent’s causation consist of? What, for example, is the difference between A’s just happening, and the agent’s causing A to happen? We cannot attribute the difference to any event that took place within the agent. And so far as the event A itself is concerned, there would seem to be no discernible difference — no discernible difference between A just happening and the agent causing A to happen. Thus Aristotle said that the activity of the prime mover is nothing in addition to the motion that it produces, and Suarez said that “the action is in reality nothing but the effect as it flows from the agent.” (Aristotle, Physics, Book III, Chapter 3;
Suarez, Disputations Metaphysicae, Disputatio 18, Sectio 10) Must we conclude, then, that there is no more to the man’s action in causing event A than there is to the event A’s happening by itself? Here we would seem to have a distinction without a difference — in which case we have failed to find a via media between a deterministic and an indeterministic view of action.
The only answer, I think, can be this: that the difference between the man’s causing A, on the one hand, and the event A just happening, on the other, lies in the fact that, in the first case but not the second, the event A was caused and was caused by the man. There was a brain event A; the agent did, in fact, cause the brain event; but there was nothing that he did to cause it.
This answer may not entirely satisfy and it will be likely to provoke the following question: “But what are you really adding to the assertion that A happened when you utter the words ‘The agent caused A to happen’?” As soon as we have put the question this way, we see, I think, that whatever difficulty we may have encountered is one that may be traced to the concept of causation generally — whether “immanent” or “transeunt.” The problem, in other words, is not a problem that is peculiar to our conception of human action. It is a problem that must be faced by anyone who makes use of the concept of causation at all and therefore, I would say, it is a problem for everyone but the complete indeterminist.
For the problem, as we put it, referring just to “immanent causation,” or causation by an agent, was this: “What is the difference between saying, of an event A, that A just happened and saying that someone caused A to happen?” The analogous problem, which holds for “transeunt causation,” or causation by an event, is this: “What is the difference between saying, of two events A and B, that B happened and then A happened, and say- ing that B’s happening was the cause of A’s happening?”‘ And the only answer that one can give is this — that in the one case the agent was the cause of A’s happening, and in the other case event B was the cause of A’s happening. The nature of transeunt causation is no more clear than is that of immanent causation. In short, as long as we talk about causation at all (and we cannot avoid it) the difficulty is one that we will have on our hands. It is not a difficulty that is peculiar, therefore, to our treatment of the problem of freedom.
But we may plausibly say — and there is a respectable philosophical tradition to which we may appeal — that the notion of immanent causation, or causation by an agent, is in fact more clear than that of transeunt causation, or causation by an event, and that it is only by understanding our own causal efficacy, as agents, that we can grasp the concept of cause at all. Hume may be said to have shown that we do not derive the concept of cause from what we perceive of external things. How, then, do we derive it? The most plausible suggestion, it seems to me, is that of Reid, once again: namely that “the conception of an efficient cause may very probably be derived from the experience we have had . . . of our own power to produce certain effects.” (Reid, op. cit., Works, p. 524) If we did not understand the concept of immanent causation, we would not understand that of transeunt causation.
It may have been noted that I have avoided the term “free will” in all of this. For even if there is such a faculty as “the will,” which somehow sets our acts a-going, the question of freedom, as John Locke said, is not “the question whether the will be free”; it is the question “whether a man be free.” (John Locke, Essay concerning Human Understanding, Book II, Chapter XXI) For if there is a “will,” as a moving faculty, the question is whether the man is free to will to do those things that he does will to do — and also whether he is free not to will any of those things that he does will to do, and, again, whether he is free to will any of those things that he does not will to do. Jonathan Edwards tried to restrict himself to the question — “Is the man free to do what it is that he wills?” — but the answer to this question will not tell us whether the man is responsible for what it is that he does will to do. Using still another pair of medieval terms, we may say that the metaphysical problem of freedom does not concern the actus imperatus: it does not concern the question whether we are free to accomplish whatever it is that we will or set out to do; it concerns the actus elicitus, the question whether we are free to will or to set out to do those things that we do will or set out to do. It is one thing to ask whether the things that a man wills are things that are within his power: this is the problem of the actus imperatus. It is quite a different thing to ask whether his willing itself is something that is within his power: this is the problem of the actus elicitus. And this latter — the problem of the actus elicitus — is the problem, not of the freedom of the will, but of the freedom of the man.
If we are responsible, and if what I have been trying to say is true, then we have a prerogative which some would attribute only to God: each of us, when we act, is a prime mover unmoved. In doing what we do, we cause certain events to happen, and nothing — or no one — causes us to cause those events to happen.
If we are thus prime movers unmoved and if our actions, or those for which we are responsible, are not causally determined, then they are not causally determined by our desires. And this means that the relation between what we want or what we desire, on the one hand, and what it is that we do, on the other, is not as simple as most philosophers would have it.
We may distinguish between what we might call the “Hobbist approach” and what we might call the “Kantian approach” to this question. The Hobbist approach is the one that is generally accepted at the present time, but the Kantian approach, I believe, is the one that is true. According to Hobbism, if we know, of some man, what his beliefs and desires happen to be and how strong they are, if we know what he feels certain of, what he desires more than anything else, and if we know the state of his body and what stimuli he is being subjected to, then we may deduce, logically, just what it is that he will do – or, more accurately, just what it is that he will try, set out, or undertake to do. Thus Professor Melden has said that “the connection between wanting and doing is logical.” (Melden, op. cit., p. 166)
But according to the Kantian approach to our problem, and this is the one that I would take, there is no such logical connection between wanting and doing, nor need there even be a causal connection. No set of statements about a man’s desires, beliefs, and stimulus situation at any time implies any statement, telling us what the man will try, set out, or undertake to do at that time. As Reid put it, “Though we may reason from men’s motives to their actions and, in many cases, with great probability,” we can never do so “with absolute certainty.” (Reid, op. cit., Works, pp. 608, 612)
This means that, in one very strict sense of the terms, there can be no complete science of man. If we think of science as a matter of finding out what laws happen to hold, and if the statement of a law tells us what kinds of events are caused by what other kinds of events, then there will be human actions that we cannot explain by subsuming them under any laws. We cannot say, “It is causally necessary that, given such and such desires and beliefs, and being subject to such and such stimuli, the agent will do so and so.” For at times the agent, if he chooses, may rise above his desires and do something else instead.
But all of this is consistent with saying that, perhaps more often than not, our desires do exist under conditions such that those conditions necessitate us to act. And we may also say, with Leibniz, that at other times our desires may “incline without necessitating.”
Leibniz’s phrase presents us with still another philosophical problem. What does it mean to say that a desire, or a motive, might “incline without necessitating”? There is a temptation, certainly, to say that “to incline” means to cause and that “not to necessitate” means not to cause, but obviously we cannot have it both ways.
Nor will Leibniz’s own solution do. In his letter to Coste, he puts the problem as follows: “When a choice is proposed, for example to go out or not to go out, it is a question whether, with all the circumstances, internal and external, motives, perceptions, dispositions, impressions, passions, inclinations taken together, I am still in a contingent state, or whether I am necessitated to make the choice, for example, to go out; that is to say, whether this proposition, true and determined in fact, In all these circumstances taken together I shall choose to go out, is contingent or necessary.” (Gottfried Wilhelm von Leibniz, “Lettre à M. Coste de de la Nécessité et de la Contingence” (1707), in Erdmann, ed., Opera Philosophica, pp. 447-449)
Leibniz’s answer might be put as follows: in one sense of the terms “necessary” and “contingent,” the proposition “In all these circumstances taken together I shall choose to go out,” may be said to be contingent and not necessary, and in another sense of these terms, it may be said to be necessary and not contingent. But the sense in which the proposition may be said to be contingent, according to Leibniz, is only this: there is no logical contradiction involved in denying the proposition. And the sense in which it may be said to be necessary is this: since “nothing ever occurs without cause or determining reason,” the proposition is causally necessary. “Whenever all the circumstances taken together are such that, the balance of deliberation is heavier on one side than on the other, it is certain and infallible that that is the side that is going to win out.” But if what we have been saying is true, the proposition “In all these circumstances taken together I shall choose to go out” may be causally as well as logically contingent. Hence we must find another interpretation for Leibniz’s statement that our motives and desires may incline us, or influence us, to choose without thereby necessitating us to choose.
Let us consider a public official who has some moral scruples but who also, as one says, “could be bad.” Because of the scruples that he does have, he would never take any positive steps to receive a bribe — he would not actively solicit one. But his morality has its limits and he is also such that, if we were to confront him with a fait accompli or to let him see what is about to happen ($10,000 in cash is being deposited behind the garage), then he would succumb and be unable to resist. The general situation is a familiar one and this is one reason that people pray to be delivered from temptation. (And it also justifies Kant’s remark: “How many there are who may have led a long blameless life, who are only fortunate in having escaped so many temptations.” (In the Preface to the Metaphysical Elements of Ethics, in T. K. Abbott, ed., Kant’s Critique of Practical Reason and Other Works on the Theory of Ethics (London, 2959), p. 303)
Our relation to the misdeed that we contemplate may not be a matter simply of our being able to bring it about or not to bring it about. As St. Anselm noted, there are at least four possibilities. We may illustrate them, by reference to our public official and the event which is his receiving the bribe, in the following way:
(i) he may be able to bring the event about himself (facere esse), in which case he would actively cause himself to receive the bribe;
(ii) he may be able to refrain from bringing it about himself (non facere esse), in which case he would not himself do anything to insure that he receive the bribe;
(iii) he may be able to do something to prevent the event from occurring (facere non esse), in which case he would make sure that the $10,000 was not left behind the garage; or
(iv) he may be unable to do anything to prevent the event from occurring (non facere non esse), in which case, though he may not solicit the bribe, he would allow himself to keep it.
St. Anselm noted that (i) and (iii), respectively, may be thought of as forming the upper left and the upper right corners of a square of opposition, and (iv) and (ii) the lower left and the lower right.
Let us think of “inclination without necessitation,” then, in such terms as these. First we may contrast the two propositions:
(1) He can resist the temptation to do something in order to make A happen;
(z) He can resist the temptation to allow A to happen (i.e., to do nothing to prevent A from happening).
We have envisaged our official as a man who can resist the temptation to (1) but cannot resist the temptation to (2) : he can refrain from bringing the event about himself, but he cannot bring himself to do anything to prevent it. (Cf. D. P. Henry, “Saint Anselm’s De ‘Grammatico’,” Philosophical Quarterly, X (1960), 115-126)
We may suppose that the man has some desire to have A happen and thus has a motive for making A happen. His motive for making A happen, I suggest, is one that necessitates, provided that, because of the motive, (1) is false: he cannot resist the temptation to do something in order to make A happen. His motive for making A happen is one that inclines, provided that, because of the motive, (2) is false: like our public official, he cannot bring himself to do anything to prevent A from happening. And therefore we can say that his motive for making A happen is one that inclines but does not necessitate, provided that, because of the motive, (1) is true and (2) is false; he can resist the temptation to make it happen but he cannot resist the temptation to allow it to happen.
From “Freedom and Determinism”, ed. by Keith Lehrer, 1966 (adaptation of Chisholm’s 1964 Lindley Lecture)
Roderick M. Chisholm, Freiheit und Handlung
Das metaphysische Problem der menschlichen Freiheit kann so auf den Punkt gebracht werden: „Menschliche Wesen sind verantwortlich Handelnde. Aber diese Tatsache scheint mit einer deterministischen Sicht menschlichen Handelns unvereinbar zu sein (der Sicht, wonach jedes Ereignis, das bei einer Handlung geschieht, von einem anderen Ereignis verursacht wird). Und sie scheint ebenso unvereinbar mit einer indeterministischen Sicht menschlichen Handelns zu sein (wonach die Handlung oder ein für das Vorliegen der Handlung wesentliches Ereignis sich ohne jedwede Ursache vollzieht).“ Um das Problem zu lösen, müssen wir meines Erachtens einige weitreichende Voraussetzungen über das Selbst des Handelnden machen – über den Menschen, der die Handlung vollzieht.
Es ist wohl unnötig, darauf hinzuweisen, dass es allem Anschein nach unmöglich ist, etwas Bedeutsames über dieses schon in der Antike aufgeworfene Problem zu sagen, was nicht schon zuvor gesagt worden ist. Die allgemeine Position, die ich hier vorstelle, wird unter anderen von folgenden Schriften nahegelegt: Aristoteles, EE, II, 6; NE, III, 1–5; Thomas Reid, Essays on the Active Powers of Man, Essay IV, Kapitel 4; C. A. Campbell, Is Free Will a Pseudo-Problem?, Mind, LX (1952), 441–465; Roderick M. Chisholm, Responsibility and Avoidability, in: Sidney Hook (Hrsg.), Determinism and Freedom in the Age of Modern Science, New York 1958 und Richard Taylor, Determinism and the Theory of Agency, in: Sidney Hook (Hrsg.), Determinism and Freedom in the Age of Modern Science, New York 1958.
Wir wollen eine Tat oder Missetat betrachten, die einem verantwortlich Handelnden zugeschrieben werden soll: Ein Mensch, nehmen wir an, hat jemanden erschossen. Wenn der Mensch wirklich für das, was er tat, verantwortlich war, würde ich auf der Tatsache bestehen, dass das, was zu der Zeit, als der Schuss erfolgte, passiert ist, ganz ins Belieben dieses Menschen gestellt war. Es gab einen Augenblick, in dem galt folgende Wahrheit: Er konnte beides, sowohl den Schuss abfeuern als auch davon absehen, ihn abzufeuern. Und wenn dies stimmt, dann konnte er, auch wenn er geschossen hat, stattdessen etwas anderes tun. (Er gab den Schoss nicht „wider Willen“ ab, wie wir uns auszudrücken pflegen.) Wir können diesen Sachverhalt folgendermaßen verallgemeinern: Wenn jemand für ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Situation (wie in unserem Beispiel, das Erschießen eines anderen Menschen) verantwortlich ist, dann wurde das Ereignis oder die Situation durch eine Handlung dieses Menschen hervorgerufen, und die Handlung war etwas, das auszuführen oder zu unterlassen in seiner Macht stand.
Doch wenn die Handlung, die er vollzog, eine Handlung war, die er auch hätte nicht vollziehen können, dann kann sie nicht von einem Ereignis verursacht oder determiniert gewesen sein, dessen Grund des Daseins oder Nichtdaseins nicht wiederum ganz in seiner Macht stand. Wenn wir beispielsweise annehmen, dass das, was er tat, in Wahrheit von einem zweiten Menschen verursacht worden ist, von jemandem, der seine Hand gegen den Auslöser der Pistole drückte oder der ihn mittels Hypnose zu der Tat zwang, dann war die Tat, da sie von dem zweiten Menschen verursacht worden ist, nichts, was der erste hätte verhindern können. Und genau dasselbe gilt meiner Ansicht nach, wenn wir statt des Zwangs durch eine zweite Person von den Wünschen und Überzeugungen sprechen, die die erste Person in der Situation zufällig hatte. Denn wenn wir sagen, dass seine Handlung durch seine eigenen Überzeugungen und Wünsche verursacht worden ist, wenn diese Überzeugungen und Wünsche in der speziellen Situation, in die er geraten ist, die Ursache dafür waren, dass er tat, von dem wir annehmen, dass er es tat, wenn also diese die Ursache für sein Tun darstellen, dann war er selbst nicht in der Lage, irgendetwas anderes zu tun als das, was er tat. Es macht keinen Unterschied, ob die Ursache der Tat intern oder extern war: Wenn die Ursache ein Ereignis oder eine Situation darstellt, für die die Person nicht verantwortlich war, dann war er für das, was wir zu Unrecht seine Tat nennen, nicht verantwortlich. Wenn eine Flut den schlecht unterfütterten Damm zum Einsturz brachte, dann, können wir sagen, musste angesichts der Flut und des Zustands des Dammes der Einsturz erfolgen und nichts konnte anstatt dessen geschehen. Und wenn die Flut der Wünsche den willensschwachen Menschen überschwemmt hat, dann musste auch er tun, was er tat, und er war für die Folgen seiner Tat genauso wenig verantwortlich wie der Damm für die Folgen des Einsturzes.
(Wenn die Person für ihre Wünsche und Überzeugungen verantwortlich ist, stimmt es natürlich, dass er auch für das verantwortlich ist, was zu tun sie ihn motivierten. Aber dann geht es um folgende Frage: Ist er wirklich verantwortlich für die Überzeugungen und Wünsche, die er nun einmal hat? Sollte dem so sein, dann gab es eine Zeit, als es in seiner Macht stand, sie zu erwerben oder zu ignorieren, und hier stehen wir wieder an unserem Ausgangspunkt.)
Man könnte Folgendes einwenden: Gäbe es nur einen solchen Menschen, der wirklich gut ist, dann wäre er sicherlich für alle seine Taten verantwortlich. Freilich wäre er dann auch unfähig, etwas anderes zu tun als das, was immer er tut, denn als guter Mensch wird er sich stets für das Beste entscheiden. Darauf können wir gut mit Thomas Reids Kommentar zu einem antiken Autor antworten. Der Autor sagt von Cato: „Er war gut, denn er konnte anders gar nicht sein.“ Und Reid bemerkt: „Dieser Ausspruch, versteht man ihn wörtlich und genau, ist kein Lob auf Cato, sondern eines auf seinen Charakter, der genauso wenig sein Werk war wie seine Existenz.“ (Thomas Reid, Essay IV, Kapitel 4). Wenn Cato selbst verantwortlich für die von ihm begangenen guten Taten war, dann setzte Cato, so Reids Annahme, seine Macht, die er auch zur Verübung böser Taten hätte gebrauchen können, einzig für gute Taten ein.
All das könnte, wenn es wahr wäre, den schönen Seelen ein bequemes theoretisches Ruhekissen verpassen. Doch sollten wir ihnen in Erinnerung rufen, dass diese Sicht der Dinge mit der bekannten Auffassung über die Natur des Guten über Kreuz liegt – mit der Ansicht, die der Hl. Thomas von Aquin ausdrückt, wenn er sagt: „Alle Bewegung, sowohl des Willens wie der Natur, geht von Gott als dem Ersten Beweger aus.“ (Thomas von Aquin, ST 2.1 Q. VI)
Wenn die Handlung des Sünders von Gott als dem Ersten Beweger ausging, dann war Gott in der Position der zweiten handelnden Person, von der wir soeben sprachen – der Person, die den Auslöser der Pistole betätigte, oder des Hypnotiseurs – und der sogenannte Sünder war für seine Tat nicht verantwortlich. (Das mag eine gewagte Behauptung angesichts der Geschichte der westlichen Theologie sein, doch muss ich gestehen, nie einen guten Grund gefunden zu haben, sie zu entkräften.)
Es gibt einen klassischen Einwand gegen diese Darstellung und wir sollten kurz an ihn erinnern. Es ist ein schlauer Einwand: Der Determinismus (und die göttliche Vorsehung) seien vereinbar mit der menschlichen Verantwortlichkeit. Das Argument wurde von Jonathan Edwards (Jonathan Edwards, Freedom of the Will, New Haven 1957) und vielen Philosophen der Gegenwart wie insbesondere von G. E. Moore (G. E. Moore, Ethics, London 1912, Kapitel 6) vorgebracht.
Das Argument geht so: Der Ausdruck:
(a) Er hätte anders handeln können
meint demgemäß nicht mehr und nicht weniger als
(b) Wenn er es vorgezogen hätte, anders zu handeln, hätte er anders gehandelt.
(Anstelle von „es vorgezogen“ könnte man auch sagen „versucht“, „sich darangemacht“, „sich entschieden“, „unternommen“ oder „gewollt“.)
Dann hebt man hervor, dass die Wahrheit der Aussage (b) mit dem Determinismus (und der göttlichen Vorsehung) vereinbar ist. Denn auch wenn alle Handlungen der Person kausal determiniert sind, könnte es um die Person auch dermaßen bestellt sein, dass sie, hätte sie sich anders entschieden, auch anders gehandelt hätte. Was der Mörder erblickte, so wollen wir unterstellen, war gemeinsam mit seinen Überzeugungen und Wünschen die Ursache dafür, dass er schoss. Doch war es so um ihn bestellt, dass er, hätte er in diesem Moment sich entschieden, den Schuss nicht abzugeben, dann hätte er auch nicht geschossen. All dies ist gewiss möglich. Wir können in gleicher Weise von dem Damm sagen, dass die Flut die Ursache dafür war, dass er brach, und ebenso, dass es um den Damm so bestellt war, dass er, hätte es keine Flut oder einen gleichwertigen Druck gegeben, dann unversehrt geblieben wäre. Und deshalb führt unser Argument zu folgendem Schluss: Wenn (b) vereinbar mit dem Determinismus ist und (a) und (b) dasselbe aussagen, dann ist (a) ebenfalls mit dem Determinismus vereinbar. Also können wir behaupten, dass der Handelnde hätte anders handeln können, auch wenn seine Handlung eine Ursache hatte. Und deshalb sind Determinismus und moralische Verantwortlichkeit miteinander vereinbar.
Ist das Argument gültig? Der Schluss folgt aus den Prämissen, doch die erste Prämisse hat einen Haken – die Prämisse, dass die Aussage (a) uns nicht mehr und nicht weniger mitteilt als die Aussage (b). Denn (b) kann offenkundig wahr sein, wenn (a) falsch ist. Das heißt, es war um die Person so bestellt, dass sie, hätte sie sich entschieden, anders zu handeln, auch anders gehandelt hätte, und doch wäre es um die Person so bestellt, dass sie nicht anders hätte handeln können. Nehmen wir an, dass unser Mörder keine Wahl oder freie Entscheidung darin hatte, anders zu handeln. Dann würde die Tatsache, dass es um ihn zufällig so bestellt gewesen wäre, dass er, hätte er sich nicht dafür entschieden zu schießen, dann auch nicht geschossen hätte, keinen Unterschied ergeben. Denn wenn er nicht die Wahl hatte, nicht zu schießen, dann konnte er nichts anderes tun, als das, was er getan hat. Mit einem Wort: Von unserer Aussage (b) „Wenn er es vorgezogen hätte, anders zu handeln, dann hätte er anders gehandelt“ können wir keinen gültigen Schluss auf die Aussage (a) „Er hätte anders handeln können“ ziehen – es sei denn wir können ebenfalls folgende Behauptung aufstellen:
(c) Er hätte sich dafür entscheiden können, anders zu handeln.
Wenn wir aber diese dritte Aussage (c) zurückweisen müssen, dann sind wir nicht berechtigt, auch wenn wir die Aussage (b) zurecht bejahen würden, die Aussage (a) zu bejahen. Wenn die Person keine Wahl hatte, etwas anderes zu tun als das, was sie tat, dann hätte sie auch nichts anderes getan – auch wenn es so um sie bestellt gewesen wäre, dass sie, hätte sie sich entschieden, etwas anderes zu tun, dann auch etwas anderes getan hätte.
Der in Frage stehende schlaue Einwand scheint mir somit unwirksam zu sein, und ich behaupte aus diesem Grund, dass die Zuschreibung von Verantwortlichkeit nicht mit einer deterministischen Sicht der Handlung vereinbar ist. Es mag weniger Bedarf für das Argument bestehen, dass die Zuschreibung von Verantwortlichkeit ebenso wenig mit einer indeterministischen Sicht der Handlung vereinbar ist – mit der Sicht, dass die Handlung oder ein Ereignis, das stets zusammen mit ihr auftritt, überhaupt keine Ursache habe.
Wenn die Handlung – das Abgeben des Schusses – gar keine Ursache hatte und sie aus Zufall geschah oder eine Laune des Geschicks war, gleichsam aus dem heiteren Himmel fiel, dann war vermutlich keiner und nichts für sie verantwortlich. Unser Begriff der Handlung sollte deshalb weder deterministisch noch indeterministisch sein. Gibt es eine dritte Möglichkeit?
Wir dürfen nicht sagen, dass jedes in eine Handlung involvierte Ereignis durch ein anderes Ereignis verursacht wird und ebenso wenig, dass die Handlung etwas ist, das gar keine Ursache hat. Die dritte Möglichkeit besteht demnach darin: Wir sollten annehmen, dass zumindest eines der Ereignisse, die in einer Handlung involviert sind, verursacht wird, nicht durch irgendwelche anderen Ereignisse, sondern durch ein bestimmtes anderes Ereignis. Und dieses andere Ereignis kann nur der Handelnde selbst sein – die handelnde Person.
Wenn es ein Ereignis gibt, das nicht durch andere Ereignisse, sondern die handelnde Person verursacht wurde, dann sind einige Ereignisse in der Handlung involviert, die nicht von anderen Ereignissen verursacht worden sind. Wenn aber das in Frage stehende Ereignis von der handelnden Person verursacht wurde, dann hat es eine Ursache und wir sind nicht berechtigt zu sagen, dass es etwas gibt, das in der Handlung involviert ist und keine Ursache hat.
Hier handelt es sich um eine wichtige Konsequenz, die ein bedeutsames Licht auf das Wesen des Handelnden oder der handelnden Person wirft.
Wenn wir ausschließlich unbelebte natürliche Objekte betrachten, können wir sagen, dass die Verursachung, wenn sie eintritt, eine Relation zwischen Ereignissen oder Sachlagen darstellt. Der Einbruch des Dammes war ein Ereignis, das durch eine Reihe anderer Ereignisse verursacht wurde – der Damm war brüchig, die Flut war stark und so weiter. Doch wenn jemand für eine bestimmte Tat verantwortlich ist, dann gibt es, wenn meine Annahme stimmt, ein bestimmtes Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die nicht durch andere Ereignisse oder Sachlagen verursacht wurden, sondern von der handelnden Person selbst, was immer sie sein mag.
Ich werde mich eines Paars von Termini aus der Philosophie des Mittelalters bedienen, auch wenn ich sie in einer Weise verwende, die womöglich von ihrem ursprünglichen Sinn ein wenig abweicht. Wenn ein Ereignis oder eine Sachlage (oder eine Reihe von Ereignissen oder Sachlagen) ein anderes Ereignis oder eine andere Sachlage verursacht, werde ich von einer transeunten Verursachung sprechen. Wenn eine handelnde Person, im Unterschied zu einem Ereignis, ein Ereignis oder eine Sachlage verursacht, werde ich von einer immanenten Verursachung sprechen.
Das Wesen dessen, was durch den Ausdruck „immanente Verursachung“ gemeint ist, soll anhand eines Satzes aus der Physik des Aristoteles veranschaulicht werden: „Auf diese Weise bewegt ein Stock einen Stein, der Stock wird von einer Hand bewegt, die Hand aber von einem Menschen.“ (VII, 5, 256a, 6–8) Wenn der Mensch für sein Tun verantwortlich war, dann haben wir in diesem Beispiel eine Abfolge von kausalen Instanzen – die meisten von ihnen transeunt, doch zumindest eine von ihnen immanent. Was der Stock dem Stein tat, war ein Fall transeunter Verursachung und demgemäß können wir es als eine Relation von Ereignissen beschreiben: „Die Bewegung des Stocks verursachte die Bewegung des Steins.“ Und im gleichen Sinne in Bezug auf das, was die Hand dem Stock tat: „Die Bewegung der Hand verursachte die Bewegung des Stocks.“ Und wie uns die Physiologie belehrt, traten hierbei noch andere Ereignisse ein, die die Bewegung der Hand verursachten. Insofern müssen wir den Handelnden an diesem Punkt der Ereigniskette nicht einführen, wie Aristoteles es tut – wir müssen es nicht, können es aber. Wir können sagen, dass die Hand von dem Menschen bewegt wurde, aber wir können ebenso sagen, dass die Bewegung der Hand durch die Bewegung bestimmter Muskeln verursacht wurde. Und wir können wiederum sagen, dass die Bewegung der Muskeln durch bestimmte Ereignisse verursacht wurden, die sich im Gehirn abspielten. Doch ein bestimmtes Ereignis, und vermutlich eines derjenigen, die sich im Gehirn abspielten, wurde von der handelnden Person verursacht und nicht von anderen Ereignissen.
Natürlich gibt es Einwände gegen diese Art der Darstellung; ich werde zwei besprechen, die ich für die gewichtigsten halte.
Zunächst könnte man einwenden: „Wenn der Mensch etwas tut, dann ist, gemäß der Bemerkung des Aristoteles, das, was er tut, seine Hand zu bewegen. Aber sicherlich vermag er nicht auf sein Gehirn einzuwirken – er könnte sogar unwissend sein in Bezug auf die Tatsache, dass er über ein Gehirn verfügt. Und wenn er auf sein Gehirn keinen Einfluss hat und wenn, wie uns die Physiologie belehrt, die Bewegung der Hand durch ein Ereignis im Gehirn verursacht wurde, dann haben wir nichts in Händen, um uns auf eine immanente Verursachung berufen zu können als auf etwas, das mit einer transeunten Verursachung nicht vereinbar ist – denn so wie es aussieht handelt es sich bei der ganze Sache um nichts weiter als um kausale Relationen zwischen Ereignissen oder Sachlagen. Die Bewegung der Hand wurde durch das Gehirn verursacht und nicht durch den Menschen.“
Die Antwort auf diesen Einwand ist, wie ich meine, folgende: Es stimmt, die handelnde Person tut nichts Bestimmtes mit ihrem Gehirn oder wirkt nicht direkt auf ihr Gehirn ein, in dem Sinne, in dem sie etwas mit ihrer Hand tut und direkt auf den Stock einwirkt. Aber daraus folgt nicht, dass die handelnde Person nicht die immanente Ursache eines Ereignisses in ihrem Gehirn war.
Wir sollten eine nützliche Unterscheidung erwähnen, die Prof. A. I. Melden vorgeschlagen hat, nämlich die Unterscheidung zwischen dem Ausdruck „ein Ereignis A hervorrufen“ und dem Ausdruck „A tun“. (A. I. Melden, Free Action, London 1962, Kapitel 3; im Übrigen stellen die Ansichten von Herrn Melden das genaue Gegenteil der Ansichten dar, die hier vorgestellt werden) Wenn ich nach dem Stock greife und ihn aufhebe, dann ist eines von den Dingen, die ich tue, genau dies: nach dem Stock greifen und ihn aufheben. Und wenn es sich dabei um etwas handelt, das ich tue, dann kann man auf klar bestimmte Weise sagen, dass ich weiß, was ich tue. Wenn du mich fragst: „Machst du etwas oder versuchst du etwas mit dem Stock zu machen?“, werde ich um eine Antwort nicht verlegen sein. Doch wenn ich etwas mit dem Stock mache, werde ich eine Menge Ereignisse hervorrufen, die nicht in demselben Sinne Dinge sind, die ich tue: Ich werde verschiedene Luftpartikel aufwirbeln, ich werde eine Anzahl von Grashalmen von dem Druck befreien, der auf ihnen lastete; und ich werde einen Schatten von einem Ort zu einem anderen verschieben. Wenn dies Dinge sind, die ich nur in Gang setze, im Unterschied zu den Dingen, die ich tue, dann brauche ich von ihnen nicht das Geringste zu wissen. Ich brauche nicht die leiseste Idee davon zu haben, dass ich durch die Bewegung des Stocks so etwas wie die Bewegung von Luftpartikeln, Schatten und Grashalmen hervorrufe.
Wir können also auf den ersten Einwand folgende Antwort geben: Es ist wahr, dass die handelnde Person nicht direkt auf ihr Gehirn einwirkt oder mit ihrem Gehirn bewirkt. Aber daraus folgt nicht, dass der Handelnde nicht die immanente Ursache eines Ereignisses in seinem Gehirn ist. Denn das Hirnereignis kann etwas sein, das er wie die Bewegung der Luftpartikel dadurch bewirkt, dass er den Stock aufhebt. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Fällen besteht darin: In beiden Fällen ruft er ein Ereignis hervor, indem er den Stock aufhebt. Aber in dem einen Fall – bei der Bewegung der Luftpartikel oder der Schatten – war es die Bewegung des Stocks, das das Ereignis hervorrief. Im anderen Fall – bei dem Hirnereignis – war es dieses Ereignis, das die Bewegung des Stocks hervorrief.
Der springende Punkt ist in einem Wort: Jedes Mal, wenn jemand A tut, dann ruft er (aufgrund „immanenter Verursachung“) ein Hirnereignis hervor, und dieses Hirnereignis ist (aufgrund „transeunter Verursachung“) die Ursache für A.
Der zweite Einwand ist schwieriger und er betrifft eben den Begriff der „immanenten Verursachung“ oder Verursachung durch den Handelnden, wie wir diesen Begriff hier interpretieren. Der Begriff birgt eine Schwierigkeit, die man lange Zeit mit dem Begriff des unbewegten Bewegers verbunden hatte. Wir sagten, es müsse ein Ereignis A geben, vermutlich ein Hirnereignis, das nicht durch irgendein anderes Ereignis verursacht wurde, sondern von der handelnden Person selbst. Wenn aber A nicht von einem anderen Ereignis verursacht wurde, dann lässt sich von der handelnden Person nicht sagen, sie habe eine Veränderung erfahren oder ein anderes Ereignis hervorgerufen (wie einen „Willensakt“ oder dergleichen), welches wiederum A hervorgerufen hat. Denn sollte das Hirnereignis durch eine Veränderung in der handelnden Person verursacht worden sein, dann wurde es von einem Ereignis verursacht und dann ist uns die Lösung für unser Problem entglitten. Indes: Wenn die handelnde Person A geschehen ließ und kein Ereignis involviert war außer A selbst, kein Ereignis, das der Beschreibung entspräche, es habe A hervorgerufen, woraus bestand dann die Verursachung durch den Handelnden? Was ist beispielsweise der Unterschied zwischen dem Ereignis A und der Verursachung von A durch den Handelnden? Wir können den Unterschied nicht einem Ereignis zuschreiben, das sich in der handelnden Person abspielen würde. Und was das Ereignis A selbst betrifft, so lässt sich kein wahrnehmbarer Unterschied ausmachen – kein wahrnehmbarer Unterschied zwischen A, wie es gerade geschieht, und A, wie es aufgrund dessen geschieht, dass der Handelnde es verursacht hat. Deshalb sagt Aristoteles, dass die Aktivität des Ersten Bewegers der Bewegung, die sie hervorruft, nichts hinzufügt. (Aristoteles, Physik, Buch III, Kapitel 3) Und Suarez sagt: „Die Handlung ist in Wahrheit nichts weiter als die Wirkung, wie sie vom Handelnden ausgeht.“ (Suarez, Disputationes Metaphysicae, Disputatio 18, Sectio 10) Müssen wir daraus schließen, dass die Handlung der handelnden Person dem Ereignis A über das hinaus nichts hinzufügt, was mit dem Geschehen von A schon vorliegt? Hier scheinen wir auf einen Unterschied der Begriffe ohne entsprechenden Unterschied in der Realität zu stoßen – in welchem Falle wir unser Ziel, eine via media zwischen einer deterministischen und einer indeterministischen Sicht der Handlung zu finden, verfehlt hätten.
Die einzige Antwort ist meines Erachtens folgende: Der Unterschied zwischen der Verursachung von A durch die handelnde Person auf der einen Seite und der schlichten Tatsache, dass A gerade geschehen ist, auf der anderen Seite ist darin begründet, dass im ersten, nicht aber im zweiten Fall das Ereignis A eine Ursache aufweist und diese Ursache in der Handlung der Person besteht. Es gab ein Hirnereignis A. Die handelnde Person hat in der Tat das Hirnereignis verursacht. Aber es gab nichts (kein weiteres Ereignis), was sie getan hätte, um A zu verursachen.
Die Antwort ist vielleicht nicht in allem zufriedenstellend und es ist abzusehen, dass sie folgende Frage aufwirft: „Was fügst du denn eigentlich zu der Aussage, dass A geschah, hinzu, wenn du die Worte äußerst: ,Die handelnde Person war die Ursache dafür, dass A geschahʿ?“ Sobald wir die Frage in diese Form packen, sehen wir meiner Ansicht nach, dass jede Schwierigkeit, der wir hier begegnen mögen, sich auf den Begriff der Verursachung im Allgemeinen zurückführen lässt – sei er „immanent“, sei er „transeunt“. Das Problem ist mit anderen Worten nicht spezifisch für unsere Theorie der menschlichen Handlung. Es ist vielmehr ein Problem, mit dem sich jeder befassen muss, der nur je den Begriff der Verursachung gebraucht, und demzufolge ein Problem, würde ich sagen, für jedermann außer dem radikalen Indeterministen.
Das Problem kann, wenn wir uns auf die „immanente Verursachung“ beziehen, so formuliert werden: „Was ist der Unterschied, wenn ich von einem Ereignis A sage, dass es gerade stattgefunden hat, und sage, dass jemand die Ursache dafür war, dass A stattfand?“ Wenn wir uns auf die „transeunte Verursachung“ oder die Verursachung durch ein Ereignis beziehen, lautet die analoge Frage: „Was ist der Unterschied, wenn ich von zwei Ereignissen A und B sage, dass B stattfand und danach A stattfand, und sage, dass die Tatsache, dass B stattfand, die Ursache dafür war, dass A stattfand?“ Die einzige Antwort darauf lautet wie folgt: In dem einen Fall war die handelnde Person die Ursache dafür, dass A stattfand, und im anderen Fall war das Ereignis B die Ursache dafür, dass A stattfand. Das Wesen der transeunten Verursachung ist nicht offensichtlicher als das der immanenten Verursachung. Kurz und gut, solange wir überhaupt von Verursachung sprechen (und das zu tun können wir nicht vermeiden), verfolgt uns diese Schwierigkeit wie ein Schatten. Es ist daher keine Schwierigkeit, die nur bei der Behandlung des Problems der menschlichen Freiheit auftritt.
Wir können indes nicht ohne Grund behaupten – und uns dabei auf eine achtunggebietende philosophische Tradition berufen –, dass der Begriff der immanenten Verursachung oder der Verursachung durch eine handelnde Person in der Tat klarer ist als der Begriff der transeunten Verursachung oder der Verursachung durch ein Ereignis und dass wir nur auf dem Hintergrund unseres Verständnisses unserer eigenen kausalen Wirksamkeit als Handelnde in der Lage sind, den Begriff einer Ursache im Allgemeinen zu erfassen. Von Hume sagt man, er habe gezeigt, dass wir den Begriff der Ursache nicht von der Wahrnehmung der Außenwelt ableiten. Wie gewinnen wir den Begriff dann überhaupt? Die einleuchtendste Vermutung stammt, wie mir scheint, wiederum von Reid, wenn er schreibt: „Die Vorstellung von einer wirksamen Ursache ist vermutlich von der Erfahrung unserer eigenen Fähigkeit abgeleitet, bestimmte Wirkungen zu erzeugen. (Reid, op. cit., Werke S. 524)
Man wird bemerkt haben, dass ich in diesen Ausführungen den Begriff „freier Wille“ vermieden habe. Wenn es auch eine solche Fähigkeit wie den „Willen“ geben sollte, die in irgendeiner Weise unsere Handlungen auf den Weg bringt, so ist doch, wie John Locke sagt, die Frage nach der Freiheit „nicht die Frage, ob der Wille frei ist“; es ist die Frage, „ob der Mensch frei ist.“ (John Locke, Essay concerning Human Understanding, Buch II, Kapitel XXI) Denn sollte es einen „Willen“ als die Fähigkeit der spontanen Bewegung geben, bleibt die Frage bestehen, ob der Mensch frei ist, die Dinge tun zu wollen, die er tun will – und ebenso ob er frei ist, die Dinge nicht zu tun, die er nicht tun will. Jonathan Edwards versuchte sich auf die Frage zu beschränken: „Ist der Mensch frei zu tun, was immer er will?“, aber die Antwort auf diese Frage wird uns nicht verraten, ob der Mensch verantwortlich für das ist, was er tun will. Indem wir noch ein anderes Paar mittelalterlicher Termini verwenden, können wir sagen, dass das metaphysische Problem der Freiheit sich nicht auf den actus imperatus bezieht: Es bezieht sich nicht auf die Frage, ob wir frei sind zu erlangen, was immer wir wollen oder vorhaben. Es bezieht sich auf den actus elicitus, die Frage, ob wir frei sind, zu wollen und uns vorzunehmen, was immer wir wollen und uns vornehmen. Es ist eine Sache zu fragen, ob die Dinge, die der Mensch will, unter seiner Gewalt stehen: Dies ist das Problem des actus imperatus. Eine ganz andere Sache ist es zu fragen, ob sein Wollen selbst unter seiner Gewalt steht: Dies ist das Problem des actus elicitus. Und dies letztere Problem – das Problem des actus elicitus – ist nicht das Problem der Freiheit des Willens, sondern der Freiheit des Menschen.
Wenn wir für unser Handeln verantwortlich sind und wenn wahr ist, was ich sagte, dann genießen wir ein Vorrecht, das einige einzig Gott vorbehalten würden: Jeder von uns ist als handelnde Person ein unbewegter Beweger. Indem wir handeln, sind wir die Ursache dafür, dass bestimmte Ereignisse stattfinden, und nichts – und niemand – ist die Ursache dafür, dass wir die Ursache dafür sind, dass bestimmte Ereignisse stattfinden.
Wenn wir demnach unbewegte Beweger sind und unsere Handlungen, jedenfalls die, für die wir verantwortlich sind, nicht kausal determiniert sind, dann sind sie auch nicht von unseren Wünschen kausal determiniert. Und das bedeutet, dass die Relation zwischen dem, was wir wollen oder begehren, auf der einen Seite und unseren Handlungen auf der anderen Seite nicht so simpel gestrickt ist, wie die meisten Philosophen es gern hätten.
Wir können einen hobbesianischen und einen kantianischen Zugang zu dieser Frage unterscheiden. Der hobbesianische Zugang wird in der Gegenwart im Allgemeinen akzeptiert, doch ist meiner Überzeugung nach der kantianische Zugang richtig. Gemäß dem Hobbesianismus können wir auf der Grundlage unseres Wissens von den Überzeugungen und Wünschen einer Person und ihrer Intensität, unseres Wissens von dem, was die Person für gewiss hält und mehr als alles andere herbeiwünscht sowie unseres Wissens von ihrem körperlichen Zustand und den Reizen, denen sie ausgesetzt ist, auf dieser Grundlage können wir logisch ableiten, was die Person tun wird – oder genauer gesagt, was sie zu tun versuchen, beginnen oder ins Werk setzen wird. In diesem Sinne sagte Prof. Melden: „Die Verbindung zwischen Wollen und Tun ist logisch.“ (Melden, op. cit., S. 166)
Hingegen gibt es gemäß dem kantianischen Zugang zu unserem Problem, und diesen ziehe ich vor, keine solche logische Verbindung zwischen Wollen und Tun, noch bedarf es einer kausalen Verbindung zwischen ihnen. Keine Menge von Aussagen über die Wünsche und Überzeugungen eines Menschen und die Reize, denen er ausgesetzt ist, impliziert zu irgendeinem Zeitpunkt eine Aussage darüber, was dieser Mensch zu diesem Zeitpunkt zu tun versuchen, ins Werk setzen und unternehmen wird. Wie Reid es ausdrückt: „Auch wenn wir in den Motiven der Menschen Gründe für ihre Handlungen finden können, und dies in vielen Fällen mit hoher Wahrscheinlichkeit“, so können wir dies doch nicht „mit absoluter Gewissheit“. (Reid, op. cit., Werke, S. 608, 612)
Das bedeutet, dass es in einem sehr strengen Sinn des Begriffs keine vollständige Wissenschaft vom Menschen geben kann. Wenn wir Wissenschaft als das Unterfangen betrachten herauszufinden, welche Gesetzmäßigkeiten zur Anwendung kommen, und wenn der Inhalt des Gesetzes darin besteht anzugeben, welche Arten von Ereignissen von welchen anderen Arten von Ereignissen verursacht werden, dann sind wir mit menschlichen Handlungen konfrontiert, die wir nicht dadurch erklären können, dass wir sie unter irgendwelche Gesetze subsumieren. Wir können nicht sagen: „Es ist kausal notwendig, dass unter dem Vorliegen bestimmter Wünsche und Überzeugungen und dieser und jener Reize die Person auf diese oder jene Weise handeln wird.“ Denn gelegentlich kann die handelnde Person bei ihrer Entscheidung, etwas zu tun, über ihre Wünsche hinauswachsen und an ihrer Stelle etwas anderes tun.
Indes ist all dies vereinbar damit zu sagen, dass in den meisten Fällen unsere Wünschen Bedingungen unterliegen, die uns zu handeln nötigen. Und wir können ebenfalls mit Leibniz sagen, dass unsere Wünschen zu anderen Zeiten „uns geneigt machen, etwas zu tun, ohne uns dazu zu nötigen“.
Leibniz Satz konfrontiert uns mit noch einem anderen philosophischen Problem. Was genau will es besagen, dass ein Wunsch oder ein Motiv uns „geneigt macht, etwas zu tun, ohne uns dazu zu nötigen“. Man ist gewiss versucht zu sagen, „geneigt machen“ bedeute zu verursachen und „nicht dazu nötigen“ nicht zu verursachen, doch offenkundig geht nicht beides.
Doch bietet auch Leibniz keine echte Lösung. In seinem Brief an Pierre Coste gibt er dem Problem folgende Form: „Wenn ich vor der Wahl stehe, beispielsweise auszugehen oder zu Hause zu bleiben, dann erhebt sich die Frage, ob ich auf dem Hintergrund aller internen und externen Umstände, Motive, Wahrnehmungen, Eindrücke, Leidenschaften und Neigungen noch in einer kontingenten Verfassung bin oder ob ich genötigt werde, meine Wahl zu treffen, beispielsweise auszugehen. Das heißt, zu fragen ob der wahre und sicherlich wohlbestimmte Satz ,Unter all diesen Umständen zusammengenommen werde ich es vorziehen auszugehenʿ kontingent oder notwendig ist.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Lettre à M. Coste de la Nécessité et de la Contingence (1707), in: Erdmann, Hrsg., Opera Philosophica, S. 447–449)
Wir können die Antwort von Leibniz auch so fassen: Gemäß einer bestimmten Bedeutung der Termini „notwendig“ und „kontingent“ können wir die Aussage „Unter all diesen Umständen zusammengenommen werde ich es vorziehen auszugehen“ als kontingent und nicht notwendig bezeichnen und gemäß einer anderen Bedeutung dieser Termini können wir die Aussage als notwendig und nicht kontingent bezeichnen. Aber die Bedeutung, der gemäß die Aussage als kontingent bezeichnet werden kann, ist nach Leibniz nur diese: Wenn wir die Aussage verneinen, entsteht kein logischer Widerspruch. Und die Bedeutung, der gemäß die Aussage als notwendig bezeichnet werden kann, ist diese: Weil „nichts ohne Ursache oder zureichenden Grund geschieht“, ist die Aussage kausal notwendig. „Wenn alle Umstände zusammengenommen bewirken, dass die Waagschale der Entscheidung sich eher nach dieser als nach der anderen Seite neigt, dann ist es gewiss und unumstößlich, dass genau diese Seite den Ausschlag geben wird.“ Doch wenn stimmt, was wir gesagt haben, dann kann die Aussage „Unter all diesen Umständen zusammengenommen werde ich es vorziehen auszugehen“ sowohl kausal als auch logisch kontingent sein. Also müssen wir eine andere Interpretation für die Aussage von Leibniz finden, wonach unsere Motive und Wünsche uns bei unserer Entscheidung wohl geneigt machen oder uns beeinflussen, ohne uns doch dabei zu nötigen.
Stellen wir uns einen Beamten vor, dem zwar moralische Skrupel nicht fremd sind, der aber doch, wie man zu sagen pflegt, „schlecht sein kann“. Aufgrund seiner Skrupel wird er keine aktiven Schritte unternehmen, um an Bestechungsgelder zu gelangen – er wird darum nicht aktiv nachsuchen. Aber seine Moral hat Grenzen und er ist so geartet, dass er der Versuchung nicht wiederstehen kann, wenn wir ihn vor vollendete Tatsachen stellen (10.000 Euro in bar, die hinter seiner Garage deponiert sind). Die Situation ist bekannt und das ist der Grund, weshalb die Leute darum beten, nicht in Versuchung geführt zu werden. (Und sie rechtfertigt ebenso die Bemerkung Kants: „Wie Viele mögen ein langes schuldloses Leben geführt haben, die nur Glückliche sind, so vielen Versuchungen entgangen zu sein.“ Metaphysik der Sitten, Vorwort)
Unser Verhältnis zu der Übeltat, die wir betrachten, dreht sich nicht einfach darum, ob wir sie zu begehen imstande sind oder nicht. Wie der Hl. Anselm bemerkt, gibt es hier mindestens vier Möglichkeiten. Wir veranschaulichen sie am Beispiel des Beamten und des Ereignisses, das darin besteht, dass er das Bestechungsgeld annimmt:
(i) Er könnte fähig sein, das Ereignis selbst zu realisieren (facere esse), in diesem Fall ist er die aktive Ursache dafür, das Bestechungsgeld anzunehmen.
(ii) Er könnte fähig sein, sich der Realisierung des Ereignisses zu enthalten (non facere esse), in diesem Fall wird er selbst nichts dazu tun sicherzustellen, dass er das Bestechungsgeld erhält.
(iii) Er könnte fähig sein, etwas zu tun, um das Eintreten des Ereignisses zu verhindern (facere non esse), in diesem Fall würde er dafür sorgen, dass die 10.000 Euro nicht hinter seiner Garage verbleiben.
(iv) Er könnte unfähig sein, etwas dafür zu tun, dass das Eintreten des Ereignisses verhindert wird (non facere non esse), in diesem Fall würde er, auch wenn er nicht nach dem Bestechungsgeld verlangt hat, sich erlauben es zu behalten. (vgl. D. P. Henry, Saint Anselm’s De Grammatico, Philosophical Quarterly, X, 1960, 115–126)
Betrachten wir die „Neigung ohne Nötigung“ in solchen Begriffen. Zunächst können wir die zwei Aussagen gegeneinanderstellen:
(1) Er kann der Versuchung widerstehen, etwas zu tun, um das Ereignis A herbeizuführen.
(2) Er kann der Versuchung widerstehen zuzulassen, dass A stattfindet (das heißt, nichts zu unternehmen, um zu verhindern, dass A stattfindet).
Wir haben unseren Beamten als jemanden vorgestellt, der gemäß (1) der Versuchung widerstehen kann, aber gemäß (2) der Versuchung nicht widerstehen kann: Er kann sich davon zurückhalten, das Ereignis selbst herbeizuführen, aber er kann sich nicht dazu aufraffen etwas zu tun, um es zu verhindern.
Wir können annehmen, dass die Person den Wunsch hegt, A möge geschehen und daher ein Motiv hat, A zu verwirklichen. Sein Motiv, A zu verwirklichen, ist, nehme ich an, dann eines, das nötigt, vorausgesetzt, (1) ist aufgrund des Motivs falsch: Er kann der Versuchung nicht widerstehen, etwas zu unternehmen, um A herbeizuführen. Sein Motiv, A zu verwirklichen ist andererseits eines, das nicht nötigt, sondern nur geneigt macht, vorausgesetzt (2) ist aufgrund des Motivs falsch: Wie unser Beamter ist er unfähig, etwas zu unternehmen, um das Eintreten von A zu verhindern. Und deshalb können wir sagen, sein Motiv, A zu verwirklichen, ist eines, das geneigt macht, aber nicht nötigt, vorausgesetzt, (1) ist aufgrund des Motivs wahr und (2) ist falsch. Er kann der Versuchung, das Ereignis hervorzurufen, widerstehen, aber er kann nicht der Versuchung widerstehen zuzulassen, dass es stattfindet.
Jugend in Koblenz IV
Als wären sie mit dem Weltgeist im Bunde,
so traten sie auf, das Herz in papierne Parolen
gewickelt, bebrillte Buchstabenjäger,
triumphal den Feind im Spiegel stellend.
Innerlich ratlos, waren sie unduldsam
und anmutlos. Ihr Hass quoll aus Leere
und Wurzellosigkeit. Oder sie wurzelten in Luft,
der von süßen Giften geschwängerten Luft,
in der Dämonen der Wüste, trashige Horrorfratzen
sich aus der Endzeit zunickten oder das Sichtbare
unter den elektrischen Peitschen der Gitarren
und den Salven der Drums zerstob.
Todesrausch tranken sie aus den Schädeln
der Väter, ihre Asche streuten sie in den Wind,
der trug sie ostwärts, wo sie sich vermischte
mit der anderen Asche, bis sie niedersanken
in den Schlafbrei des Überdrusses. So versank,
was nicht heilen mochte, der Name des Lands,
die Muttersprache im Kauderwelsch der Angst,
im Wunsch, gesichtslos zu sein unter so viel Masken.
Jugend in Koblenz III
Es war ein Mond des Nichts, des Truges Sonne,
die über dieser Jugend schien.
Sie machte Tag zu Nacht und Nacht zu Tag
und warf die Lose „Tod“ und „Leben“ blindlings hin.
Die Maske der Verzweiflung war der Müßiggang:
Sie ratzten in die Puppen, rotteten sich dann
am Rhein zusammen – wer gibt denn heute einen aus?
Woher derʼs hatte? Aus Omas Strumpf.
Die andren, die emsig liefen, schwitzend schafften,
wurden verhöhnt als Biedermann und Spießer,
amusische Kretins – so rotzen Parasiten
auf das Wirtstier, das sie duldsam trägt.
Die andren krochen untern Stiefel,
küssten, die sie schlug, die Hand.
Sie blickten schmachtend auf zu ihren Aschram-Gurus,
hielten den geölten Arsch dem Commandante hin.
Die andren pennten offnen Augs in der Vergangenheit,
sie selber sahen übernächtigt keine Zukunft.
Jene waren Mimen gestanzter Stammtischphrasen.
Sie psalmodierten fiebrig aus der Mao-Bibel.
Jugend in Koblenz II
De mortuis nihil nisi vere
Was band und bannte deine toten Lehrer?
Krieg und Schmerz, Schmach, Verlust des Glaubens?
Hoffnung, den Keim zu legen für die reine Blüte,
eines neuen Staates hochgesinnte Menschenlese?
Wir aber schlichen uns zur Pause ins Café
und qualmten, kauten unverdaute Theorien wieder,
bliesen uns verquaste Phrasen in die Ohren,
feixten, wenn der Busen eines Mädchens schwang.
Was sie uns erübrigten vom guten Wahren,
verschmähten wir. Künstliche Paradiese füllten
Haltlosigkeit und Öde uns nicht aus. Wir wollten
keine andre Lehre, sondern keine – und dösten in den Tag.
Dann kam die Zeit der neuen Losungen und Wappen.
Ein Fähnlein tatʼs, eine Mao-Joppe, ein Ziegenbärtchen:
So begaben sich die Meinen auf den langen Marsch.
Es begann zu nieseln, da blieb ich hocken im Pavillon am Rhein.
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