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Dez 26 18

Francis Jammes, Son souvenir emplit l’air

Aus: Clairières dans le ciel

Son souvenir emplit l’air si clair que j’ai cru
que l’ombre d’un oiseau me tombait sur la tête.
Le tulipier d’un parc est d’un vert noir et cru.
Une beauté sans nom emplit l’azur, du faîte
des pignons enfumés au plus loin horizon.
Dans la salon où elle vint, dans le salon
où il y avait des lilas sombres comme la nuit,
il y a maintenant des roses dans un verre
et un bouton de magnolia que ma mère
a posé sur le piano creux et verni.
Cette fleur ne s’est pas encore épanouie,
mais elle s’est gonflée comme pour éclater,
et se soulève hors du vase, et l’on dirait
qu’elle va s’envoler au milieu de l’Eté.
Je ferme ma croisée pour mieux enfermer l’ombre.
Je songe. J’ai souffert. Je ne sais plus. Je songe.
La pompe grince et mon chien dort sur le parquet.
Quand donc viendra le jour où, poussant le loquet
de la porte d’entrée qui rêve sous le cèdre,
sa main fera jaillir sur les dalles usées
tout ce que sa présence amène de lumière ?

 

Erinnerung an sie erfüllte die Luft mit solcher Klarheit,
mir war, als fiele eines Vogels Schatten auf mein Haupt.
Der Tulpenbaum im Park trägt dunklen Grüns ein grelles Kleid.
Namenlose Schönheit füllt des Himmels Bläue, Rauch
wallt vom First der Dächer fernstem Horizonte zu.
Im Salon, in den sie schritt, in der guten Stube,
wo ein Strauß von Flieder stand, dunkel wie die Nacht,
stehen jetzt in einem Glase Rosen da
und eine Magnolienknospe, die hat Mama
auf den Bauch des Klaviers gestellt, er glänzt von Lack.
Noch hat die Blüte ihren Schoß nicht aufgemacht,
doch schwillt sie so, als würde sie gleich bersten,
und reckt sich aus der Vase auf, man könnte meinen,
bald wird ihr Flug des Sommers Mitte sie vereinen.
Ich mach das Fenster zu, daß ich den Schatten nicht versäume.
Ich träume. Bin voll Leid. Ich weiß nicht mehr. Ich träume.
Die Brunnenpumpe quietscht, mein Hund schläft auf den Fliesen.
Wann endlich kommt der Tag, da ihre Hand den Riegel
der Pforte drückt, der unterm Zedernholze träumt,
und über den abgeschabten Dielen den Spiegel
des Lichtes weckt, das um ihr Dasein schäumt?

 

Dez 25 18

Francis Jammes, La salle à manger

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

Il y a une armoire à peine luisante
qui a entendu les voix de mes grand-tantes
qui a entendu la voix de mon grand-père,
qui a entendu la voix de mon père.
À ces souvenirs l’armoire est fidèle.
On a tort de croire qu’elle ne sait que se taire,
car je cause avec elle.

Il y a aussi un coucou en bois.
Je ne sais pourquoi il n’a plus de voix.
Je ne peux pas le lui demander.
Peut-être bien qu’elle est cassée,
la voix qui était dans son ressort,
tout bonnement comme celle des morts.

Il y a aussi un vieux buffet
qui sent la cire, la confiture,
la viande, le pain et les poires mûres.
C’est un serviteur fidèle qui sait
qu’il ne doit rien nous voler.

Il est venu chez moi bien des hommes et des femmes
qui n’ont pas cru à ces petites âmes.
Et je souris que l’on me pense seul vivant
quand un visiteur me dit en entrant :
- comment allez-vous, monsieur Jammes ?

 

Das Eßzimmer

Da gibt es einen Schrank mit nur wenig Gefunkel,
der hörte meine Großtanten munkeln,
er hörte die Stimme meines Großvaters,
er hörte die Stimme meines Vaters.
Diese Erinnerungen sind für den Schrank intim.
Wer glaubt, er könne schweigen nur, liegt schief,
denn ich plaudere mit ihm.

Da gibt es auch eine hölzerne Kuckucksuhr.
Ich weiß nicht, warum sie nicht mehr ruft.
Ich kann sie nicht danach fragen.
Vielleicht ist sie innen zerschlagen,
die Stimme, die ihr war geboten,
so untrüglich wie jene der Toten.

Da gibt es auch ein altes Büffet,
das nach Wachs riecht, nach Konfitüre,
nach Fleisch und Brot und Birnen, mürben,
es ist ein treuer Diener, der weiß,
man darf nichts stehlen aus unserem Kreis.

War mancher Mann und manche Frau, die zu mir kam,
am Glauben an solch kleine Seelen waren sie klamm.
Ich lächelte, wenn einer wähnte mich allein
und mich fragte, trat er zu mir ein:
„Wie geht es Ihnen, Monsieur Jammes?“

 

Dez 25 18

Francis Jammes, Je songe à ce jour-là

Aus: Clairières dans le ciel

Je songe à ce jour-là où vous me confierez
votre pudeur pareille au muguet-des-forêts.

 

Ich träume von jenem Tag, an dem du deine Keuschheit
mir anvertraust wie das Maiglöckchen der Waldeinsamkeit.

 

Dez 25 18

Der Abschied des Zeus

Erhob als erster sich vom festlichen Mahle
der Vater der Götter und Menschen und stieß
den goldenen Thron der Herrschaft um, der Adler,
der auf der Lehne kauernd Brocken Fleisch
ihm aus dem Mund geklaubt, der Adler aber
entflatterte über den Schnee des Olymps
nach nirgendwo in leeren Himmels Bläue.
Ihm ward der Saft der Traube schal,
und schal, der ihn kredenzte, Ganymedes,
der Dunst der Menschenleiber war
ihm widerlich, er roch nach Angst, nach
Ambrosia nicht, den warmen Schoß,
der ihm sich reckte, säuerten Tropfen
Geschwätzes und ranzige Milch
der Eitelkeit geheuchelter Ekstasen.
Die nächst ihm saßen, der Gott des Spiels,
Apollon, und das hohe Kind Athene,
die Lyra sank, das blaue Licht
von Augen verdunkelten die feuchten Wimpern,
sie folgten ihm zur Schwelle, doch
er sprach: „Nun gehe jeder einsam Schicksals
verworrene Wege, du such den Ort,
wo schwarz dem Schnee entragt ein Kreuz,
birg dort die Lyra, von Efeu überwachsen,
du aber zieh durch wilde Flur
mit deinen Schwestern, ob ihr Kinder findet
entlegener Völker, die im Schutt
nach Bildern graben, Gesang im Wind vernehmen.
Ich steige zum Orkus jetzt hinab,
die Pforte den Titanen aufzuschließen,
daß sie wie Ratten durch die Nacht
der Erde hetzen und träufen dem verderbten
Geschlecht mit jedem Biß das Gift
von Pest und Wahnsinn ein, daß Chaos träume.“

 

Dez 24 18

Francis Jammes, Elle était descendue

Aus: Clairières dans le ciel

Elle était descendue au bas de la prairie,
et, comme la prairie était toute fleurie
de plantes dont la tige aime à pousser dans l’eau,
ces plantes inondées je les avais cueillies.
Bientôt, s’étant mouillée, elle gagna le haut
de cette prairie-là qui était toute fleurie.
Elle riait et s’ébrouait avec la grâce
dégingandée qu’ont les jeunes filles trop grandes.
Elle avait le regard qu’ont les fleurs de lavande.

 

Sie war die Wiese ganz hinabgegangen,
die Wiese war ein einzig Blütenprangen
von Blumen, die ihren Stengel gern ins Wasser halten,
so hatte ich sie mir erlesen, der Blumen feuchte Wangen.
Da sie naß geworden, stieg bald sie wieder auf die Höhenfalten
dieser Wiese, da wo all die Blüten prangen.
Sie lachte und schüttelte sich mit der schlaksigen
Anmut, die jungen Mädchen eignet, die zu groß gerieten.
Ihr Blick war blau wie von Lavendelblüten.

 

Dez 24 18

Francis Jammes, Faisait-il beau

Aus: Clairières dans le ciel

Faisait-il beau quand elle est morte, votre amie ?
Oh !… Je voudrais savoir si c’était le matin…
Avant de s’en aller vous a-t-elle souri ?

Donnez-lui l’edelweiss que vous ne voulez point…

 

Schien die Sonne, als dir die Freundin starb?
O! … Ich wüßte gern, ob es am Morgen war …
Hat sie dir, bevor sie ging, noch zugelächelt?

Leg ihr, magst du es auch nicht, ein Edelweiß aufs Grab …

 

Dez 24 18

Das Lämmchen vor der Krippe

Der Ochse hält im Kauen inne,
das Grautier rollt die Augen,
auf taubehauchter Wiese hüpft
das Lamm in wilden Sprüngen.

Flocken seines Felles blieben
am Gestrüpp der Verse hängen,
wehen, zarter Schaum des Winds,
Blüten einer weißen Nacht.

Von aufgeweckten Halmen stäubt
die Freudenwolke hellen Taus,
das Lämmchen hüpft, sein Blöken
geht Engeln selbst zu Herzen.

Flocken seines Felles haben
Reime rauschend Ringeltauben
heim ins Nest gebracht den Küken,
Wärme vor dem bösen Frost.

Der Hirte läßt die Flöte sinken,
die Engel stehen flügelstill,
das Lämmchen hüpft und blökt,
Klein-Jesus klatscht in seine Hände.

Flocken seines Felles haben
weiche Hände in die Kissen
leiser Lieder eingenäht,
sanfter Herzen Traumgespinst.

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Nous nous aimerons tant

Aus: Clairières dans le ciel

Nous nous aimerons tant que nous tairons nos mots,
en nous tendant la main, quand nous nous reverrons.
Vous serez ombragée par d’anciens rameaux
sur le banc que je sais où nous nous assoierons.
C’est là que votre amie, cette fée du hameau,
gracieuse comme au temps de Jean-Jacques Rousseau,
et bonne comme on est quand on a bien souffert,
c’est là, dans le secret de ces asiles verts,
qu’elle parla de vous à celui qui vous aime.
Donc nous nous assoierons sur ce banc, tous deux seuls,
à l’heure où le soleil empourprant l’écureuil
descend sur la pelouse où sont les poulinières.
D’un long moment, ô mon amie, vous n’oserez…
Que vous me serrez douce et que je tremblerai…

 

So groß wird unsre Liebe sein, daß alle Worte schweigen,
wir halten uns die Hand, wenn wir einander träumen.
Du wirst von alten Zweigen umschattet weilen
auf der Bank, ich weiß, dort werden wir uns setzen.
Dort warʼs, daß deine Freundin, des Dörfchens Fee, so
voller Anmut wie in Zeiten eines Jean-Jacques Rousseau,
und voller Güte, wie sie Geduld des Leidens nur verleiht,
dort warʼs, im Obdach grüner Abgeschiedenheit,
daß sie sprach von dir zu jenem, der dich liebt.
So lassen auf der Bank wir zwei uns nieder, ganz allein,
zur Stunde, da die Sonne Purpur auf das Eichhorn streut
und auf die Wiese sinkt, wo junge Stuten weiden.
Einen langen Augenblick, o meine Liebe, wirst du zaudern …
Wie du sanft mich herzen wirst, wie ich dann bebe …

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Ne me console pas

Aus: Clairières dans le ciel

Ne me console pas. Cela est inutile.
Si mes rêves qui étaient ma seule fortune
quittent mon seuil obscur où s’accroupit la brume
je saurai me résoudre et saurai ne rien dire.

Un jour, tout simplement (ne me console pas !)
devant ma porte ensoleillée je m’étendrai.
On dira aux enfants qu’il faut parler plus bas.
Et, délaissé de ma tristesse, je mourrai.

 

Versuche nicht, mir Trost zu spenden. Das bringt nichts.
Weichen meine Träume, mein einziger Besitz,
von meiner dunklen Schwelle, auf die sich Nebel kauern,
weiß ich mir zu helfen, weiß dem Worte Mauern.

Eines Tages will ich einfach (keinen Trost mir nicht!)
in den Sonnenschein vor meiner Tür mich strecken.
Man hält die Kinder an, daß man hier leiser spricht.
Der Traurigkeit entronnen, wird mich Staub bedecken.

 

Dez 23 18

Das Gericht

… eripitur persona, manet res.
… es fällt die Maske, was echt ist, bleibt.
Lukrez, III, 58

Wenn Worte leer wie Blätter treiben
im Geisterwind, im Schnee der Nacht,
was zählt der Baum in seinem Schweigen,
was hat des Lebens Saft vollbracht?

Im Dunst von trägen Sommertagen
verschwimmt im deutungslosen Blau
gezackter Zeichen rankend Ragen,
gestuften Sinnes Gliederbau.

Wenn Hände bang wie Vögel flattern
im Käfig der verlornen Zeit,
wird Schatten nur von Schatten schnattern,
kein Heros hält den Flammenscheit.

Wenn Worte hohl wie Masken gleißen
vor schiefen Mäulern ohne Scham,
wird sie der Sturm herunterreißen,
der aus dem Ungedachten kam.

Und frischen Glanzes trinken Blätter
der neuen Schöpfung goldnes Licht,
es zischt am Purpursaum der Wetter
noch lang von Flammen im Gericht.

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Un poète disait

Aus: Clairières dans le ciel

Un poète disait que, lorsqu’il était jeune,
il fleurissait des vers comme un rosier des roses.
Lorsque je pense à elle, il me semble que jase
une fontaine intarissable dans mon cœur.
Comme sur le lys Dieu pose un parfum d’église,
comme il met du corail aux joues de la cerise,
je veux poser sur elle, avec dévotion,
la couleur d’un parfum qui n’aura pas de nom.

 

Ein Dichter sagte, da war er noch sehr jung,
er blühe von Versen wie ein Rosenstrauch von Rosen.
Wenn ich an sie denke, ist mir, als schwatze
ein Quell in meinem Herzen, der nie versiegt.
Wie Gott den Duft der Kirche über Lilien haucht,
wie er Korallen für der Kirsche Wangen braucht,
will wie einem Andachtsbild ich ihr entzünden
die Farbe eines Dufts, in keinem Buch zu finden.

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Si tout ceci n’est qu’un pauvre rêve

Aus: Clairières dans le ciel

Si tout ceci n’est qu’un pauvre rêve, et s’il faut
que j’ajoute, dans ma vie, une fois encore,
la désillusion aux désillusions ;
et, si je dois encore, par ma sombre folie,
chercher dans la douceur du vent et de la pluie
les seules vaines voix qui m’aient en passion :
je ne sais si je guérirai, ô mon amie…

 

Ist all dies Träumen nur aus Dürftigkeit,
muß ich mit meinem Leben meinerseits
in der Enttäuschten Heerschar treten;
müßt ich wieder, verirrt im Düstern,
in sanften Windes, Regens Flüstern
einsamen Rufen folgen zu leerer Liebelei:
so zweifle ich, mein Freund, an meinem Heil …

 

Dez 22 18

Schweigen im Schnee

Unter der alten Mauer, dort, wo noch dunkel
Efeu spricht, sitzen einsam wir, du und ich,
im Schnee, und wie ein Kind, das friert, sucht
eine Hand die Wärme einer Schwester-Hand.

Uns sind die Worte all wie Herbstes Vögel
fortgeflogen in ein fernes Land des Sonnenscheins,
wo sie ins Plätschern blauer Wasser tauchen,
wir aber sitzen hier im Schnee und schweigen.

Da weckt das stumme Herz ein frohes Jaulen,
das Hündchen bringt den roten Ball und läßt ihn
vor dir fallen, legt dir seinen Kopf aufs Knie.
Was könnte mehr ich dir, du mir denn sagen?

 

Dez 22 18

Francis Jammes, Venez sous la tonnelle

Aus: Clairières dans le ciel

Venez sous la tonnelle assombrie de lilas
afin que je suspende, ainsi qu’une médaille,
à votre cou pareil à la rousseur du blé
et au lisse raisin qui dort sur la muraille,
avec un fil de Vierge une rose bengale…

 

Komm in die Laube, unter Flieders Dämmerlicht,
ich hänge mit einem Medaillon um deinen Hals,
der rötlich schimmert wie Blüten in Kornes Schalen
und glatt ist wie die Traube, die am Gemäuer schläft,
am Faden der Jungfrau eine Rose aus Bengalen.

 

Dez 22 18

Francis Jammes, Une goutte de pluie

Aus: Clairières dans le ciel

Une goutte de pluie frappe une feuille sèche,
lentement, longuement, et c’est toujours la même
goutte, et au même endroit, qui frappe et s’y entête…

Une larme de toi frappe mon pauvre cœur,
lentement, longuement, et la même douleur
résonne, au même endroit, obstinée comme l’heure.

La feuille aura raison de la goutte de pluie.
Le cœur aura raison de ta larme qui vrille :
car sous la feuille et sous le cœur, il y a le vide.

 

Ein Regentropfen trifft ein trocknes Blatt,
immer zögernd, immer fallend, einer wie der andre
Tropfen, an derselben Stelle, im erstarrten Schlag …

Eine deiner Tränen trifft mein armes Herz,
immer zögernd, immer fallend, und derselbe Schmerz
hallt wider, an derselben Stelle, als schlüg der Stunde Erz.

Das Blatt verwindet aller Regentropfen Schwere,
das Herz hat für der Tränen Drängen gute Wehre:
Unter Blättern, unter Herzen wohnt die Leere.

 

Dez 22 18

Francis Jammes, Parfois, je suis triste

Aus: Clairières dans le ciel

Parfois, je suis triste. Et, soudain, je pense à elle.
Alors, je suis joyeux. Mais je redeviens triste
de ce que je ne sais pas combien elle m’aime.
Elle est la jeune fille à l’âme toute claire,
et qui, dedans son cœur, garde avec jalousie
l’unique passion que l’on donne à un seul.
Elle est partie avant que s’ouvrent les tilleuls,
et, comme ils ont fleuri depuis qu’elle est partie,
je me suis étonné de voir, ô mes amis,
des branches de tilleuls qui n’avaient pas de fleurs.

 

Manchmal bin ich traurig. Und plötzlich denke ich an sie.
Und also bin ich froh. Doch traurig bin ich wieder,
wenn ich darüber grüble, wie sehr sie mich liebt.
Sie ist das junge Mädchen mit der hellen Seele,
und in ihrem Herzen schnüren Neides Binden
die eine Leidenschaft, die nur dem einen gilt.
Als sie ging, waren die Lindenblüten noch verhüllt,
und da sie erblühten nach ihrem Entschwinden,
ward ich verwundert, o meine Freunde, Linden-
Zweige zu sehen, die keine Blüten trugen.

 

Dez 21 18

Francis Jammes, Elle avait emporté

Aus: Clairières dans le ciel

Elle avait emporté des brassées de lilas.
Et, comme elle partait couverte de printemps,
elle était comme un lys qu’un pollen ravissant
aurait poudré. Son front est lisse, un peu trop grand.
Les lilas qu’elle avait, elle les posa là.
Je me suis approché de ces fleurs fatiguées
d’avoir été tenues un moment dans ses bras.
Courbé comme un enfant de chœur par l’encensoir,
sur leur sombre parfum ma bouche s’est posée.
Elle a tendu la main et m’a dit au revoir.

 

Sie nahm ihn wieder mit, den Strauß von lila Flieder.
Und da sie von mir schied, von Frühlingsduft umwölkt,
war liliengleich bepudert sie von Pollen-Zauber.
Ihre Stirn ist glatt, ein wenig weit gewölbt.
Da stellte sie ihn auf, den mitgebrachten Flieder.
Ich näherte mich diesen Blüten, die müde waren,
da sie für einen Augenblick in ihren Armen lagen.
Wie Ministranten krumm mit Weihrauchfässern stehen,
sank auf ihren dunklen Duft mein Mund hernieder.
Sie reichte mir die Hand und sprach „Auf Wiedersehen!“

 

Dez 21 18

Faunus

Wer gab dem Faun das Faunsgesicht,
das grüne Glas der Augen,
Tänzelns nackten Sommerschritt,
leise gleitend über Moos,
raschelnd durch das Gold der Reben?

Wer sah zuerst ihn auf dem Palatin,
vom Ziegenfell umschürzt
im Grottendunkel, eines Böckleins
Kehle öffnend mit dem Hirtendolch
zu warmen Blutes Segen?

Wer sah zuerst in Waldes Dämmer
die Doppelzehe niedertreten
der Veilchen blaues Herz,
das Doppelhorn die Tropfen spreiten
von Ginsterbusch und Schilfen?

Wer hörte aus dem Sonnendunst,
zum ersten Mal in Wassers Brüten
betörend süß Schalmeienklang,
Wellen plätschern unterm Drängen
heller Brüste, goldner Fische?

Wer gönnte ihm der Lippen Lust
und Mundes Ruhm, die Amsel
und die Nachtigall trällernd zu betören,
wer hängte Trauben ihm ans Ohr,
goß Sonnensaft ihm auf die Schulter?

 

Dez 20 18

Francis Jammes, Deux ancolies se balançaient

Aus: Clairières dans le ciel

Deux ancolies se balançaient sur la colline.
Et l’ancolie disait à sa sœur l’ancolie :
Je tremble devant toi et demeure confuse.
Et l’autre répondait : si dans la roche qu’use
l’eau, goutte à goutte, si je me mire, je vois
que je tremble, et je suis confuse comme toi.

Le vent de plus en plus les berçait toutes deux,
les emplissait d’amour et mêlait leurs cœurs bleus.

 

Zwei Akeleien schaukelten auf hoher Ley.
Sprach eine Akelei zur Schwester Akelei:
Ich zittere vor dir und ich bin ganz verwirrt.
Darauf die andre: Wo der harte Fels zerklirrt
unter stetem Tropfen, schau ich in Wassers Bild,
wie ich zittre, mich wie dich Verwirrung füllt.

Schneller wiegte Wind die zwei mit luftigen Scherzen,
blies ihnen Liebe ein, vermischte ihre blauen Herzen.

 

Dez 20 18

Zwiesprache

„Weißt du, wie lang wir schon gehen
im Grauen der Luft,
im Schweigen des Schnees?“

„Könnte die Stunden ich zählen,
die rieseln wie Sand
aus Urnen des Schlafs!“

„Weißt du, wie lang wir noch trotten
wie Esel den Pfad,
gestachelt von Durst?“

„Könnte den Becher ich tauchen
ins Meer eines Lieds,
das in uns verfließt!“

„Weißt du, ob uns nicht narren
wie Flöten des Pan
die Lerchen im Blau?“

„Könnte ich Weisheit mir trinken
vom tauendem Schmerz
der Rose, die sinkt!“

 

Dez 19 18

Francis Jammes, J’ai quelqu’un dans le cœur

Aus: Clairières dans le ciel

« J’ai quelqu’un dans le cœur », deviez-vous dire un jour
à ceux qui vous proposeraient un autre amour.
« J’ai quelqu’un dans le cœur. » Et ce quelqu’un, c’est moi.
« J’ai quelqu’un dans le cœur. » Je pensais à cela,
à ces mots infinis par lesquels vous donniez
votre cœur à mon cœur, ô lierre qui mouriez…
Et je ne sais pourquoi, songeant à votre cœur,
je le voyais pareil au cœur frais d’une fleur,
à la fleur du cœur frais d’une rose de haie.

 

„Mein Herz ist nicht mehr frei“, mußtest eines Tags du sagen,
als man sich unterfing, dir neue Liebe anzutragen.
„Mein Herz ist nicht mehr frei.“ Ich wohnte ja darin.
„Mein Herz ist nicht mehr frei.“ Es kam mir in den Sinn,
dies grenzenlose Wort, womit dein Herz du gabst
meinem Herzen hin, die du, o Efeu, starbst …
Weiß nicht, warum, es kam dein Herz im Traum mir nah,
und einer Blüte frisches Herz war, was ich sah,
des frischen Herzens Blüte einer Heckenrose.

 

Dez 19 18

Francis Jammes, Prière pour avoir une femme simple

Aus: Le deuil des primevères

Mon Dieu, faites que celle qui pourra être ma femme
soit humble et douce et devienne ma tendre amie ;
que nous nous endormions en nous tenant la main ;
qu’elle porte au cou, un peu cachée entre les seins,
une chaîne d’argent qui a une médaille ;
que sa chair soit plus lisse et plus tiède et dorée
que la prune qui dort au déclin de l’été ;
qu’elle garde en son cœur la douce chasteté
qui fait qu’en s’enlaçant on sourit et se tait ;
qu’elle devienne forte et sur mon âme veille
comme sur le sommeil d’une fleur une abeille ;
et que le jour où je mourrai elle me ferme
les yeux, et ne me donne point d’autre prière
que de s’agenouiller, les doigts joints sur ma couche,
avec ce gonflement de douleur qui étouffe.

 

Gebet um eine einfache Frau

Mach, mein Gott, daß die Frau an meiner Seite
demütig ist, sanft und eine Freundin zart;
daß Hand um Hand wir schlingend schlummern ein;
sie trage um den Hals, im Busen halb versteckt,
ein Medaillon an einer Silberkette;
ihr Leib hab mehr an Flaum, an Wärme und an Gold
als eine Pflaume, die in Sommers Neige schläft;
in ihrem Herzen halte süße Keuschheit Wacht,
die lächelnd läßt und schweigend uns umarmen;
daß sie kräftig ist und meine Seele hütet
wie eine Biene einer Blume Schlaf;
daß sie, am Tage, da ich sterbe, mir niederstreift
die Lider und weiter kein Gebet aufsagt,
nur hinkniet, die gefalteten Hände auf meinem Bett,
mit jener Schmerzenswallung, die erstickt.

 

Dez 18 18

Nacht

Nacht, da eines Engels Anmut
Lilien auf die Schwelle legt,
reine Düfte ferner Gärten,
küß der Schwingen trunkne Luft.

Nacht, da armer Hirten Singen
mit dem Stern der Liebe steigt
und die warmen Herden schlafen,
sieh, die Knospe Herz bricht auf.

Nacht, da in das Dunkel tropfen
Purpurschimmer einer Frucht,
Blätter frischen Grüns erschauern,
atme herben Harzgeruch.

Nacht, da über Grames Pfaden
schwebt ein helles Angesicht,
und es neigen sich die Zweige,
fühl, das Herz durchbebt ein Blick.

 

Dez 18 18

Die Grablichter

Unter Birken, Ulmen, Buchen,
fahlem Dach der Dämmerung,
leben sie und weinen Honig,
sterben sie und weinen Wachs.

Dort im Schnee die kleine Flamme
vor dem Engelchen aus Gips,
dort im roten Stundenbrenner
wacht die Trauer, träumt der Schmerz.

Wie die Alten sie entzünden,
schieben zitternd sie zurück
unters Kupferdach des Leuchters,
daß ein Herz noch Glühen hat.

Und die junge Witwe huldigt
ihrem Toten Lilienduft,
blasser Wangen weiche Tränen,
scheue Funken im Gesicht.

Doch ich schaue aus der Ferne
Seelenflammen in der Nacht,
hör die Grabeslichter singen
Lieder süßer als der Tag.

 

Dez 17 18

Francis Jammes, Tristesse

Aus: Clairières dans le ciel

Tristesse ! Que ce cœur qui veut tout, ne veut rien…
que le chant de l’oiseau et l’amitié du chien.
Il ne possède rien, même si l’on lui donne :
la fleur d’Avril qu’il tient lui prend le fruit d’Automne.

 

Traurigkeit, denn dies Herz, das alles will, es mag allein
den Vogel hören noch, ein Freund des Hundes sein.
Nichts nenntʼs sein eigen, und hast du sie ihm gern gepflückt:
die es hält, die Blume des April hat ihm die Frucht des Herbsts entrückt.

 

Dez 17 18

Was macht den Dichter?

Helles Blut nährt ihm das Herz mit Singen,
Herz, das unterm Schneelicht wacht.

Kleiner Vogel, in der Kammer nistend,
wo das Fenster offensteht.

Etwas Laub im Hinterhof und Gräser,
Tropfen, der am Halme blitzt.

Augen, dunkel wie die tiefen Brunnen,
Wasser spendend tränenhell.

Lettern, zart verstreut auf weißer Fläche,
Mückenschwarm im Sonnendunst.

Weiße Lilie in der blauen Vase,
Veilchenduft am Saum des Schlafs.

Goldner Wein aus alten Rebengärten,
dunkler Wehmut süßes Licht.

Hündchen, hat den roten Ball gefunden,
legt den Wuschelkopf aufs Knie.

Runder Teich oboenweicher Klänge,
wo des Lebens Lärm ertrinkt.

Sanfter Abschied von Gewitterwolken,
seufzt im grünen Schlummer Moos.

Und gestochert Glut aus kalter Asche,
hohlen Sinns Gespenst zerrinnt.

Ein Aquarium golden-grüner Reime,
Schwarm, der gierig zuckt und springt.

Die in blütenfernen Tälern läuten,
Glocken der Erinnerung.

Nature morte verknittert-brauner Bilder,
manche Nacht vom Mond erweckt.

Rankend um die Namen der Beweinten
Efeuschauers dunkler Reim.

Stille, daß im Weltenabgrund surret
nur der Parze dünner Zwirn.

 

Dez 16 18

Francis Jammes, Je mettrai des jacinthes blanches

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

Je mettrai des jacinthes blanches
à ma fenêtre, dans l’eau claire
qui paraîtra bleue dans le verre.

Je mettrai sur ta gorge blanche
et luisante comme un caillou
du ruisseau, des boules de houx.

Je mettrai sur la pauvre tête
du malheureux chien tout rogneux
qui a des taches dans les yeux

la plus douce de mes caresses,
pour qu’il s’en aille grelottant
un tout petit peu plus content.

Je mettrai ma main dans la tienne,
et tu me conduiras dans l’ombre
où tournent les feuilles d’automne,

jusqu’au sable de la fontaine
que la pluie si douce a troué,
où se détrempe le vieux pré.

……………
……… la pluie fine
ma pensée douce comme la bruine.

Je mettrai sur l’agneau qui bêle
une branche de lierre amer
qui est noir parce qu’il est vert.

 

Ich stelle weiße Hyazinthen
an mein Fenster in ein klares Naß,
das bläulich schimmert in dem Glas.

Palmkügelchen will ich finden,
deinem weißen Hals Gefunkel,
wie Kiesel in des Baches Dunkel.

Meines Hündchens armen Kopf,
Räude hat den Elenden bedeckt
und seine Augen sind gefleckt,

will ich streicheln, sanfter als sanft,
damit es sich schlotternd wieder trollt,
ein bißchen weniger vergrollt.

Ich leg die Hand in deine Hand,
du wirst mit mir ins Dunkel gehen,
wo sich des Herbstes Blätter drehen,

bis hin zum Sand am Brunnentrog,
mit Löchern vom Regen, dem weichen, durchsetzt,
an dem die alte Wiese sich netzt.

……………
……… zarter Wolkensegen,
mein Sinnen, sanft wie Nieselregen.

Ich halte dem Kälbchen, das da blökt,
ein Zweiglein bitteren Efeus hin,
der ist dunkel, denn er ist grün.

 

Dez 16 18

Francis Jammes, Le pauvre chien

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

Le pauvre chien a peur, il marche dans la neige et
s’arrête. Les enfants lui crient: allez couchéééé!
Le ciel est en argent, en ombre, en cendre, et l’on
n’entend pas les pas taper la rue sourde et froide sans son.
Une laitière passe et, pour ne pas tomber,
tremble. Et, dans ma chambre bleue et grise,
le bois du feu jute, roule, sent fort aux doigts et siffle.

 

Der arme Hund hat Angst, er trippelt durch den Schnee
und bleibt stehen. Die Kinder rufen: Kusch dich, Platz!
Der Himmel ist aus Silber, Schatten, Asche, man hört
keinen Schritt mehr hallen in der tauben, kalten Straße ohne Ton.
Eine Milchkuh geht vorüber, und um nicht zu rutschen,
zittert sie. In meinem blau und grauen Zimmer
schwitzt das Feuerholz, dreht sich, riecht stark an den Fingern, pfeift.

 

Dez 16 18

Francis Jammes, Si tu pouvais

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

Si tu pouvais savoir toute la tristesse
qui est au fond de mon coeur, tu la comparerais
aux larmes d’une pauvre mère bien malade,
à la figure usée, creuse, torturée et pâle,
pauvre mère qui sent qu’elle va bientôt mourir
et qui déplie pour son enfant le plus petit,
déplie, déplie, pour le lui donner
un jouet de treize sous, un jouet luisant, un jouet.

 

Wüßtest du um meine ganze Traurigkeit,
die mir im tiefsten Innern steckt, sie käm dir vor
wie Tränen einer armen Mutter, die sehr krank ist,
ihr Leib verbraucht, eingefallen, zerquält und bleich,
arme Mutter, die spürt, daß sie bald sterben wird,
und sie faltet für ihr kleinsten Kind etwas auf,
faltet, faltet auseinander, um ihm ein Geschenk zu geben,
ein Spielzeug für dreizehn Groschen, ein Spielzeug, das glänzt, ein Spielzeug.

 

Dez 15 18

Hier

Hier, wo die Taube einsam gurrt
in grauer Lachen ödem Hof,
singt mir der Flocken weißes Lied
vom Süden eines weichen Winds,
vom Blühen eines goldnen Zweigs.

Hier, wo das Herz sich töricht grub
die Schlafstatt unter gelbem Laub,
Morast, wo Widerhall nicht quält,
steigt wie aus dunklem Brunnenschacht
ein Pochen aus der Erde Brust.

Hier, wo das Wort ein Schatten kreuzt,
der Efeu um die Namen seufzt
und deine Spur im Schnee versinkt,
glänzt mir im Mond die Inschrift auf
von Rosen hingegebnen Bluts.

Hier, wo der Liebe Nachtigall
vorm Krächzen harter Schnäbel stumm
in Dämmers bangen Zweigen zagt,
sah ich, wie Kindes jäher Schrei
die schwarze Krähenschar vertrieb.

 

Dez 15 18

Francis Jammes, J’aime dans le temps

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

J’aime dans le temps Clara d’Ellébeuse,
l’écolière des anciens pensionnats,
qui allait, les soirs chauds, sous les tilleuls
lire les magazines d’autrefois.

Je n’aime qu’elle, et je sens sur mon coeur
la lumière bleue de sa gorge blanche.
Où est-elle? Où était donc ce bonheur?
Dans sa chambre claire il entrait des branches.

Elle n’est peut-être pas encore morte
-ou peut-être que nous l’étions tous deux.
La grande cour avait des feuilles mortes
dans le vent froid des fins d’Été très vieux.

Te souviens-tu de ces plumes de paon,
dans un grand vase, auprès de coquillages?…
on apprenait qu’on avait fait naufrage,
on appelait Terre-Neuve: le Banc.

Viens, viens, ma chère Clara d’Ellébeuse:
aimons-nous encore si tu existes.
Le vieux jardin a de vieilles tulipes.
Viens toute nue, ô Clara d’Ellébeuse.

 

Ich liebe Clara d’Ellébeuse seit Jahr und Tag,
die Schülerin im alten Mädchenheim gewesen
und war der Abend lau gern unter Linden lag,
in vergilbten Illustrierten dort zu lesen.

Ich liebe sie allein, mein Herz wirft mir zurück
das blaue Licht von ihres Halses heller Neige.
Wo ist sie nun? Wo ist mir dieses Glück?
In ihr durchsonntes Zimmer ragten Zweige.

Sie ist nicht etwa schon gestorben,
und wenn, sind wir es alle beide.
Der große Hof war voll mit Blättern, abgestorben
im kalten Winde, Sommers längst zerschlissenem Kleide.

Weißt du noch, wie Pfauenfedern schlank
aus hoher Vase bei den Muscheln ragten,
was sie vom Untergang der Schiffe sagten,
bei Neufundlands versandeter Bank?

Komme, komm, Clara d’Ellébeuse:
Lieben wir uns wieder, wenn du noch am Leben bist.
Der alte Garten glänzt im alten Tulpenvlies.
Komm ganz nackt, o Clara d’Ellébeuse.

 

Dez 15 18

Hohen Sanges Wein

Was aus stillen Augen spricht,
als weise es ins Ferne,
das namenlose Licht,
es sagt sein Du uns gerne.

Was auf keuschen Lippen blüht,
als brenne es mit Rosen,
das erdentsprossne Lied,
es winkt den Heimatlosen.

Was verströmt den süßen Schein
auf dämmerwehe Stunden,
des hohen Sanges Wein,
er küßt die dunklen Wunden.

 

Dez 14 18

Francis Jammes, J’allai à Lourdes

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

J’allai à Lourdes par le chemin de fer,
le long du gave qui est bleu comme l’air.

Au soleil les montagnes semblaient d’étain.
Et l’on chantait: sauvez! sauvez! dans le train.

Il y avait un monde fou, exalté,
plein de poussière et du soleil d’été.

Des malheureux avec le ventre en avant
étendaient leurs bras, priaient en les tordant.

Et dans une chaire, où était du drap bleu,
Un prêtre disait: «un chapelet à Dieu!»

Et un groupe de femmes, parfois passait,
qui chantait: sauvez! sauvez! sauvez! sauvez!

Et la procession chantait. Les drapeaux
se penchaient avec leur devises en or.

Le soleil était blanc sur les escaliers.
dans l’air bleu, sur les clochers déchiquetés.

Mais sur un brancard, portée par ses parents,
son pauvre père tête nue et priant,

et ses frères qui disaient: «ainsi soit-il»,
une jeune fille sur le point de mourir.

Oh! qu’elle était belle! elle avait dix-huit ans,
et elle souriait; elle était en blanc.

Et la procession chantait. Les drapeaux
se penchaient avec leurs devises en or.

Moi je serrais les dents pour ne pas pleurer,
et cette fille, je me sentais l’aimer.

Oh! elle m’a regardé un grand moment,
une rose blanche en main, souriant.

Mais maintenant où es-tu? dis, où es-tu?
Es-tu morte? je t’aime, toi qui m’as vu.

Si tu existes, Dieu, ne la tue pas:
elle avait des mains blanches, de minces bras.

Dieu, ne la tue pas! -et ne serait-ce que
pour son père nu-tête qui priait Dieu.

 

Ich bin mit der Bahn nach Lourdes gereist,
am Bach entlang, der blau wie der Himmel gleißt.

In der Sonne glänzten die Berge wie Zinn.
Durch den Zug ging der Singsang „Rette, rette!“ hin.

Von Sinnen war alles, ein schwärmender Verein,
voller Staub und Sommersonnenschein.

Unglückliche, die Bäuche aufgebläht,
fuchtelten mit den Armen beim Gebet.

In einem Sitz, von blauen Tuches Glanz,
sprach ein Priester: „Betet den Rosenkranz!“

Eine Gruppe von Frauen lief manchmal durch den Gang,
„Rette, rette, rette, rette!“ war ihr Sang.

Und das Lied der Prozession. Der Fahnen Heer,
die sich senkten, vom Gold der Lettern schwer.

Auf den Treppenstufen weißer Sonne Blitzen,
in blauer Luft, auf gezackten Kirchturmspitzen.

Doch auf einer Bahre, von den Eltern gehievt,
der arme Vater war baren Haupts ins Gebet vertieft,

und von ihren Brüdern, die „Amen“ sprachen,
ein junges Mädchen, es war dem Tode nahe.

O, wie schön sie war! Achtzehn Jahre war sie alt
und sie lächelte, in Weiß gewandete Gestalt.

Und das Lied der Prozession. Der Fahnen Heer,
die sich senkten, vom Gold der Lettern schwer.

Ich biß auf die Zähne, um nicht Tränen zu vergießen,
und dies Mädchen, ich fühlte mich sie lieben.

O, wie ihr tiefer Blick den meinen fand,
sie lächelte, eine weiße Rose in der Hand.

Wo aber weilst du jetzt? Wo bist du, sprich.
Bist du tot? Ich liebe dich, du erkanntest mich.

Wenn es, Gott, dich gibt, so töte sie nicht:
Ihre Hände waren weiß, ihre Arme ohne Gewicht.

Gott, töte sie nicht! Und mag es nur geschehen
für ihren barhäuptigen Vater und sein Gottesflehen.

 

Dez 14 18

Francis Jammes, L’après-midi

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

L’après-midi d’un dimanche je voudrais bien,
quand il fait chaud et qu’il y a de gros raisins,
dîner chez une vieille fille en une grande
maison de campagne chaude, fraîche, où l’on tend du linge,
du linge propre, à des cordes, des liens.
Dans la cour il y aurait des petits poussins,
qui iraient près du puits -et une jeune fille
dînerait avec nous deux seuls comme en famille.
Nous ferions un dîner lourd, et le vol-au-vent
serait sucré avec deux gros pigeons dedans.
Nous prendrions le café tous les trois, et ensuite
Nous plierions notre serviette très vite,
pour aller voir dans le jardin plein de choux bleus.
La vieille nous laisserait au jardin tous deux.

Nous nous embrasserions longtemps, laissant nos bouches
rouges collées auprès des coquelicots rouges.
Puis les vêpres sonneraient doucement, -alors
elle et moi nous nous presserions encor plus fort.

 

An einem Sonntagnachmittag, das wünsch ich mir,
wenn es heiß ist und die Kirschen sind reif,
speisen wir bei einer alten Jungfer in einem großen
Haus auf dem Land, da ist es warm und kühl, man hängt
die Wäsche, saubere Wäsche, an Schnüren auf, kreuz und quer.
Im Hof da liefen kleine Küken herum,
nahe beim Brunnen, und ein junges Mädchen
äße mit uns beiden, als wären wir eine Familie.
Wir bereiteten ein schweres Essen, die Pastete
wäre süß gefüllt mit zwei fetten Tauben.
Wir nähmen den Café, alle drei, und hernach
falteten wir unsere Servietten rasch zusammen,
um uns den Garten anzusehen, voll mit blauem Kohl.
Die Alte überließe uns zweien den Garten gern.

Da küßten wir uns lange, und wir preßten unsre roten
Münder aneinander, dort unterm roten Klatschmohn.
Dann ertönte süß die Abendglocke, und also
drückten wir uns, sie und ich, noch fester.

 

Dez 14 18

Du weichen Fühlens blaue Nacht

Du zart und buntes Blumenglück,
nun scheinst du ferner mir und blasser,
als wiche welk das Licht zurück,
als rührte blind ein Mond im Wasser.

Du grün und goldner Liebessang,
nun tönst du mir ein fremder Schauer
wie einer Mutter Mund, die lang
vor einer Kerze kniet, voll Trauer.

Du weichen Fühlens blaue Nacht,
da Worte sich wie Küsse tauschten,
wie grell der Lärm des Todes lacht,
wo sanft der Liebe Flügel rauschten.

 

Dez 13 18

Francis Jammes, J’aime l’âne

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir

J’aime l’âne si doux
marchant le long des houx.

Il prend garde aux abeilles
et bouge ses oreilles;

et il porte les pauvres
et des sacs remplis d’orge.

Il va, près des fossés,
d’un petit pas cassé.

Mon amie le croit bête
parce qu’il est poète.

Il réfléchit toujours.
Ses yeux sont en velours.

Jeune fille au doux coeur,
tu n’as pas sa douceur:

car il est devant Dieu
l’âne doux du ciel bleu.

Et il reste à l’étable,
fatigué, misérable,

ayant bien fatigué
ses pauvres petits pieds.

Il a fait son devoir
du matin jusqu’au soir.

Qu’as-tu fait jeune fille?
Tu as tiré l’aiguille…

Mais l’âne s’est blessé:
la mouche l’a piqué.

Il a tant travaillé
que ça vous fait pitié.

Qu’as-tu mangé petite?
T’as mangé des cerises.

L’âne n’a pas eu d’orge,
car le maître est trop pauvre.

Il a sucé la corde,
puis a dormi dans l’ombre…

La corde de ton Coeur
n’a pas cette douceur.

Il est l’âne si doux
marchant le long des houx.

J’ai le coeur ulcéré:
ce mot-là te plairait.

Dis-moi donc, ma chérie,
si je pleure ou je ris?

Va trouver le vieil âne,
et dis-lui que mon âme

est sur les grands chemins,
comme lui le matin.

Demande-lui, chérie,
si je pleure ou je ris?

Je doute qu’il réponde:
il marchera dans l’ombre,

crevé par la douceur,
sur le chemin en fleurs.

 

Den Esel lieb ich, den sanften,
der da trottet unter Palmen.

Er hütet sich vor den Bienen
und sträubt das Ohr vor ihnen.

Er trägt die armen Leute
und von Körnern pralle Häute.

Er geht die Gräben lang
seinen Holper-Stolper-Gang.

Meine Freundin hält ihn für blöde,
er wär wohl ein Poete.

In Gedanken geht er immer,
samten ist der Augen Schimmer.

Junges Mädchen, ist dein Herz auch weich,
nichts kommt seiner Sanftmut gleich:

Steht er ja vor Gott allein,
sanfter Esel in Himmels blauem Schrein.

Und im Stall da legt er nieder
seine müden, wehen Glieder,

denn er mußte soviel gehen
mit den armen, kleinen Zehen.

Er machte, was man ihm gebot,
vom Morgen- bis zum Abendrot.

Was machtest du denn, junges Mädchen?
Hast hin und her gezurrt ein Fädchen …

Der Esel aber hat sein eigen Ach,
die Fliege warʼs, die ihn zerstach.

Er hatte solchen Harm –
daß man sich sein erbarm!

Was gabʼs zu naschen, Kleine?
Kirschen gab es, feine.

Für den Esel gabʼs kein Körnermahl,
sein Herr ist viel zu arm.

Er hat am Strick geleckt,
sich in Schlafes Schatten dann gestreckt …

Deines Herzens Strick
hat der Süße nicht so dick.

Der Esel, er ist so sanft,
geht er an der Palmen Ranft.

Ich müßte schier verzagen,
tät dir dies Lied behagen.

Magst mir, meine Holde, sagen,
soll ich lachen oder klagen.

Lauf nach dem alten Esel,
sag ihm, daß meine Seele

wie er mit der ersten Frühe
auf den weiten Wegen ziehe.

Mußt ihn, meine Liebe, fragen,
soll ich lachen oder klagen.

Ich ahne ja sein Wort:
Er geh im Schatten immerfort,

von Sanftheit ganz zerschlagen,
den Pfad, wo all die Blumen ragen.

 

Dez 12 18

Francis Jammes, La maison serait pleine de roses

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir (1898)

La maison serait pleine de roses et de guêpes.
On y entendrait, l’après-midi, sonner les vêpres;
et les raisins couleurs de pierre transparente
sembleraient dormir au soleil sous l’ombre lente.
Comme je t’y aimerais. Je te donne tout mon Coeur
qui a vingt-quatre ans, et mon esprit moqueur,
mon orgueil et ma poésie de roses blanches;
et pourtant je ne te connais pas, tu n’existes pas.
Je sais seulement que, si tu étais vivante,
et si tu étais comme moi au fond de la prairie,
nous nous baiserions en riant sous les abeilles blondes,
près du ruisseau frais, sous les feuilles profondes.
On n’entendrait que la chaleur du soleil.

Tu aurais l’ombre des noisetiers sur ton oreille,
puis nous mêlerions nos bouches, cessant de rire,
pour dire notre amour que l’on ne peut pas dire;
et je trouverais, sur le rouge de tes lèvres,
le goût des raisins blonds, des roses rouges et des guêpes.

 

Voll mit Rosen wär das Haus, voll Wespen.
Am Nachmittag Geläut der Abendmesse.
Die Trauben schimmernd wie flüssige Steine,
als schliefen sie in der Sonne müdem Schattenhaine.
Wie liebte ich dich dort. Mein Herz geb ich dir hin,
Herz von vierundzwanzig Jahren, meinen Witzel-Sinn,
den Stolz und von weißen Rosen mein Gedicht.
Doch ich kenne dich ja nicht, dich gibt es nicht.
Ich weiß nur eins, wenn du mir lebtest
und weiltest wie ich am Saum der Wiese,
wir küßten lachend uns, wo goldne Bienen schwirren,
nah am kühlen Bach, unter Laubes Dämmerflirren.
Alles wär verstummt in dieser Sonne Brüten.

Schatten hingen dir ans Ohr die Haselblüten,
dann wärʼs vorbei mit Lachen, wir läsen uns vom Mund
Namen unsrer Liebe ab, die keiner tat noch kund.
Und ich entdeckte auf deiner Lippen rotem Schmelz,
wie goldne Trauben schmecken, rote Rosen und wie Wespen.

 

Dez 12 18

Serenade III

Ist noch Liebe in der Dunkelheit,
ein Blick, der auseinanderfaltet
die Wimpern zarter Schatten,
ein Mund, der sagt sein leises Du?

Ja, dort schwebt im Dämmergrund
ein Licht, das auseinanderbreitet
die Lider weißer Blüten,
ein Duft, die Schneise blauer Nacht.

Ist noch ein Herz im Dunkel wach,
ein Pochen dunklen Flehens
nach lauen Frühlingslüften
unterm Schnee des Schlafs?

Ja, dort singt ein Herz im Traum,
weiß nicht, für wen, für keinen,
ob es Flocken, ob es Blüten
immer schneit in seinem Lied.

 

Siehe Schubert Serenade D 957:
https://www.youtube.com/watch?v=cq1CgNgVTJA

 

Dez 11 18

Serenade II

Kleine Mücken weben noch im Sommerabenddunst,
in den grünen Mulden aus Moos und Wurzelwerk
gluckst es. Wasser wiegt der weißen Anmut Schwan.

Goldene Tränen weint das Licht auf blauer Bahn
dämmernder Erinnerung, Abschiedsschaum,
weich zerstoben, an einen langen Sonnentag.

Wie versöhnt mit Halm und Krume voller Schlaf
dehnen Schatten sich. Als hätte sie ihr Herz im Duft
ganz uns wahrgesagt, senkt ihr Haupt die Rose hin.

Streift eine deiner Locken meine Wange vag,
wehte eines Gurrens Flaum vom Nest des Laubs
Abendwind herab, ist, was seine Schleier hängt

über Uferschilf und Gras, Traumes Nebelklang?
Ist, was mir die Blicke feuchtet, deine Wange näßt,
einer Serenade sanfter Wellenschlag an unser Herz?

 

Siehe Mozart, Serenade, KV 388:
https://www.youtube.com/watch?v=4GzZqjET0Zc

 

Dez 11 18

Francis Jammes, Lorsque je serai mort

Aus: De l’Angélus de l’Aube à l’Angélus du Soir (1898)

Lorsque je serai mort, toi qui as des yeux bleus
couleur de ces petits coléoptères bleu de feu
des eaux, petite jeune fille que j’ai bien aimée
et qui as l’air d’un iris dans les fleurs animées,
tu viendras me prendre doucement par la main.
Tu me mèneras sur ce petit chemin.
Tu ne seras pas nue, mais, ô ma rose,
ton col chaste fleurira dans ton corsage mauve.
Nous ne nous baiserons même pas au front.
Mais, la main dans la main, le long des fraîches ronces
où la grise araignée file des arcs-en-ciel,
nous ferons un silence aussi doux que du miel;
et, par moment, quand tu me sentiras plus triste,
tu presseras plus fort sur ma main ta main fine
-et, tous les deux, émus comme des lilas sous l’orage,
nous ne comprendrons pas… nous ne comprendrons pas…

 

Bin ich einmal tot, mit deinen blauen Augen du
von der Farbe kleiner Käfer blauer Wasser-Glut,
kleines junges Mädchen, das ich so geliebt,
Gesicht der Lilie unter Seelen-Blumen aufgeblüht,
du kommst und nimmst mich zärtlich bei der Hand.
Du führst mich jenen schmalen Weg entlang,
du bist nicht nackt, hast ja, o Rose mein,
den keuschen Hals, der aus der lila Bluse blüht.
Wir küssen einander nicht einmal die Stirn.
Deine Hand in meiner Hand, dort wo die Beere glüht
und die graue Spinne Regenbögen webt,
füllen Waben der Stille wir mit Honig süß;
und da du fühlst, wie meine Trauer wächst,
drückst du meine Hand mit deiner zarten Hand,
und du und ich, bewegt wie Lilien vom Gewitterwind,
wir begreifen es nicht … begreifen es nicht …

 

Dez 10 18

Serenade I

Über blauer Wellen Seide süßes Dröhnen,
dunkles Tuten aus dem Schattenhorn
zerstäubter Schaum-Tritonen,
Hand in Hand wir, Wange wir an Wange,
die in diesen grünen Abend gehen,
wo Wasser weich am Ufersaume seufzen.

Liebe ist ein helles Ineinandersinken
weißer Blüten unterm Hauch des Monds,
und was du fühlst, ist halb gesagt,
ist halb verschwiegen
von weichen Lippen,
dunklem Duft des Mohns
im Schoß des Beets, im Gras des Traums.

Wange wir an Wange dort am hohen Strom,
wo uns das bunte Licht der Schiffe lächelt
über Wellen weher Melodie,
von sommerlauen Lüften trunken
eine Biene müde sich verirrt
in der weißen Blüte deines Taschentuchs.

Liebe ist ein süßes Abschiedwinken
heller Vogelrufe aus dem Schlaf des Baums,
und was du fühlst, ist halb gesagt,
ist halb verschwiegen
von zweier Hände zartem Druck,
der schwillt und wieder ebbt
mit einer Serenade blauem Wellengang.

 

Siehe Mozart, Serenade, KV 361:
https://www.youtube.com/watch?v=3ES0Sc84RSw

 

Dez 10 18

Antiochien einst und jetzt

Als Bruder Jakob mit den Rauschebärten
nach Antiochien kam, schob Petrus flugs
die Wurst vom Tisch und mimte den Verklärten,
doch Paulus zieh der Heuchelei ihn, des Betrugs.

Doch jener reichte abends den Gefährten
sich selbst im reinen Brot, im goldenen Wein,
damit sie sollten, die sein Antlitz ehrten,
beim Mahl der Liebe ohne Trost nicht sein.

Die neuen Heuchler wollen alle speisen
mit dunkler Hefe, die gefühlig gärt,
doch die das Göttliche lateinisch preisen,

sind saure Trauben, die vom Tisch man kehrt.
Wir haben aber Wein im Liede trinken,
im Abendlichte lieber Schatten Winken.

 

Zum Verständnis siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Antiochenischer_Zwischenfall

 

Dez 9 18

Die Warze

Geh, blondes Weib, mit deinem knappen Kleide
nicht weiter, daß von hohen Minaretten
kein Sichelmond durch deine Flechten schneide,
sich nicht wie Wüstennattern Blicke kletten

um deine warme Brust, ihr Tanz wird stocken,
wenn giftige Schäume in den Ausschnitt spritzen.
Du halte inne, Jakob mit den Schläfenlocken,
ein Messer lugt nach Davids Sternenspitzen.

Du, arischer Knabe mit gewiegten Hüften,
du streifst willkommen nicht durch Feindes Zonen,
wo Anmut siecht in scharf durchschnalzten Lüften

und deutschen Blutes Racheengel wohnen.
Verfaulet oder holt die Feuerzange
und brennt die Warze von der Mutter Wange.

 

Dez 8 18

Das Erlöschen einer Ikone

Auf Balustraden strotzt der Taubenkot,
die edle Wucht der hellen Dorersäulen
ist entstellt von Graffiti, urinverätzt,
dem Adler auf dem Portikus kleben Kondome
in den tauben Klauen, auf dem Platz,
weit wie der Atem feierlicher Hymnen,
dudelt ein Saxophon im Negerslang
von rohen Lüsten unbeschnittener Herzen.
Am Monument des Dichters, dessen Glut
im goldnen Wein der Elegie die Lippen
der Liebenden zu eignem Wort erweckt,
lungern Fixer, Nutten, Strolche, deren Messer
orientalisch funkeln, und im Schmarotzerfett
des Nomadenpatriarchen der schwarze König,
dem wilden Samens Enkel den Diamant
am Ring des hingereckten Fingers küssen.
In den Pinkellachen vor dem Supermarkt,
der auf die Hostie triefenden Nase
des stinkenden Bettlers, im offenen Hosenstall
des messianisch verklärten Vagabunden
ist mir, o Franz, die Ikone des Armen erloschen.

 

Dez 7 18

An die Wäsche gegangen

Eine Fledermaus in lausig-kalter Höhle,
starren Sinnes über verkotetem Urgestein
unmetrisch im Winde baumelnd,
manchmal zuckt einfallslos
der lange Griffel der Hand,
manchmal schielt ein schlaftrunkenes Auge,
hängt zwischen Tag und Nacht
das Gespenst des Gedichts
und träumt von warmen Herzen,
die sich ihm schenken,
und die dürren Flügel aneinanderschabend,
von ihrem berauschenden Blut.

So leicht erregt fliegen an der Leine
die weißen Ärmel des geblähten Hemds
und schicken amputierte Liebesgrüße
zu nachbarlichen Balkonen,
so voll kaum noch, nicht mehr
einzuhaltender Lust tröpfeln
die stumpfen Hosenbeine
eines zum Trocknen aufgehängten Traums.

Kopfüber schaukelt das Mädchen im Hof,
der Rock wie eine kaum lesbare,
überflüssige Fußnote ganz tief
unten an den Seitenrand geweht,
das Hohn glänzende Versprechen
eines melodisch gespannten Gesäßes
zum blauen Himmel gewölbt
und den puttenkleinen roten Dämonskopf
rückwärts zwischen die Knie gepreßt,
verdreht es hysterisch die Augen
oder streckt dem gaffenden Dichterlein
über eine unschlüssig hinauf-, hinab-, hinausgezögerte Zeile hinweg
die flatternde Zunge heraus.

 

Dez 7 18

Der verwunschene Garten

Sunt lacrimae rerum

Dort sitzt an der steinernen Pforte der Engel,
das Haupt in die Hand gestützt, ergrauten Angesichts,
als hätte Schwermut ihm die Stirne mit Asche bestrichen,
und seine Flügel hängen schlaff über den kotigen Stein,
als wäre die Blüte der Federn von Sonnen unlösbarer Rätsel versengt.
Die Schwelle liegt blank, wie zwischen Tag und Nacht
das Ufer tropischer Meere geisterhaft zitternd heraufglänzt.
Jenseits bannen kleine Flammen auf irdenen Altären
aus Moos und Efeu und Gras, und ein Schluchzen,
als wären unter das Blattwerk auf den Wegen liebende
Seelen verscharrt, die rettungslos und blind
ohne Blut einander durch das Dickicht und den Dunst
der Verwunschenheit rufen. Als suchten schlaflos Irrende
nach dem feuchtem Blicke sanfter Augen, daß Schlummers
Tau mütterlich er ihnen spende. Dort tunkt die Weide
ihre ohnmächtigen Arme in die schwarzen Wasser,
die in langen Seufzern vorüberrinnen, und kein Stern
glimmt im Witwenschleier ihrer Nacht. Dort ragt
die Ulme und ihre Blätter röten sich wie Narben,
die ein Stich der Erinnerung jählings aufreißt.
Zwischen der Weide und der Ulme hockt der Gram
auf einem Hügel aus Dung und verworfenen Dingen,
und schnitzt aus rohen Scheiten wieder und wieder
einen zierlichen Vogel und wirft den toten, denn nicht singt er, weg.
Höhlt er das Rohr aus den Binsen, wie sie am Wasser
ewiger Dämmerung hier beben, und bohrt sich Löcher,
fehlt zum Lied ihm der reine, unbefangene Atem.
Und kommt seine Schwester, die geschändete Anmut,
hinkend vorbei, die Wange wie zum Hohne zerkratzt,
die wilden Strähnen des Haars voll Kleie und Spreu,
sammelt sie mit geduldiger Hand die Holzfiguren,
hebt die Flöten in einen Korb und bringt sie dem Engel
am Tor, daß er Kindern sie möge schenken, die da kämen
mit Augen, hellen, die Vögel zum Zwitschern zu bringen,
mit Lippen, frischen, das tote Holz zu erwecken.
Doch keines kommt heran, keines fühlt den verborgenen Zauber,
keines hat Blicke zur Liebe, zur Verwandlung den Hauch.
Doch in der Mitte des verwunschenen Gartens
ist ein Felsengrab, da haust ein hagerer Mann,
Gärtner einst, den das Wuchern von Melde und Wegerich überwand,
der Brodem des Schweigens aus alten Zisternen krank gemacht,
der irre wurde vom Gift des Mohns, vom Harzgeruch,
er lebt dahin im Geklüft und nährt sich von Nesseln und Würmern
und der Andacht von Kerzen in flackernden Nischen.
Tag und Nacht betet er vor dem Bildnis einer verklärten Schönen
in rotem und blauem Gewand, ein Kindlein im Arm,
rings blühen ihr Lilien, Veilchen, Anemonen, Rosen, es singen,
wie das Kind in die Hände klatscht, die bunten Vögel
in den Zweigen schattiger Bäume mit leuchtenden Früchten,
Äpfeln und Orangen, Zitronen und Trauben, triefend von Gold.
An eine Ulme gelehnt spielt, der Knabe lächelt, auf der Flöte ein Hirt.

 

Dez 6 18

Die Lehre vom Stein

Nackt sein lehre uns, o Stein,
unter warmen Farben des Lichts,
unter Zauberschatten der Nacht
bloß zu liegen im Schweigen.

Weinen Wasser über dich hin,
lächelt zart dein dunkelnder Glanz,
tropft vom schlafenden Grase der Tau,
rinnen dir freudiger Tränen.

Überwuchert Moos deine Stirn,
wächst dir von struppigen Flechten ein Bart,
Schafe rupfen daran, ein Reh,
bist du wie Dulder, die opfern.

Kommt der vielgewanderte Mann,
sieht dich für ein reines Zeichen am Weg,
schmiegst dich dicht an sein müdes Haupt,
nährst ihm die Träume der Heimkunft.

Küßt dir Schwester Mond den Schnee
kalter Blüten, womit weiße Nacht
dich wie einen Toten bekränzt,
wärmst du die Würmer im Dunkel.

Wühlt dich Menschenhand aus dem Grund,
klärt dein Gesicht mit Meißel und Sand,
unter Blumen und Kerzen gestellt
trägst du huldvoll die Namen.

 

Dez 5 18

Weiße Reime, blaue

Ihr weißen Blüten,
Schaum im stillen Blau,
ihr weißen Reime
auf das stille Licht.

Ihr Sommer-Flocken,
Flaum im weichen Gras,
ihr Sommer-Reime
auf den weichen Schnee.

Ihr blauen Augen,
Traum in tiefer Nacht,
ihr blauen Reime
auf das tiefe Meer.

 

Dez 4 18

Das Herz des Einsamen

Ist ein Singen noch von Kindern am Strom,
wenn Kühlung rieselt über Wange und Gras
von Wellen her, von Hügeln,
und auf herbstlicher Trauben Gold?

Das durch Disteln kroch und Wegerich,
wo am Wegrand Kreuzes Schatten
das Schweigen unter die Sonne barg,
das Herz des Einsamen hört es.

Ist ein Flackern noch von Lichtern am Hang,
wenn Dunkel rieselt über Efeu und Grab
von Wolken her, von Wäldern,
und auf Weinstocks verkrümmten Fuß?

Das durch Klüfte stieg zum Eichenhain,
wo der Glocke Beben aus dem Tale
das Schweigen voller machte als den Mond,
das Herz des Einsamen sieht es.

 

Dez 3 18

Die Unsichtbarkeit des Nahen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Für das Augenscheinliche sind wir blind.

Die Moderne im Rücken, die Vormoderne vor uns hinter der großen Schutthalde.

Sich selbst, nur weil man jetzt gerade einmal ein wenig über den Tellerrand geschaut hat, als modern zu etikettieren, ist ähnlich bizarr und ein klein wenig lächerlich, wie es selbstherrlich-arrogant von den großen Gelehrten der Renaissance gewesen war, das vorausliegende Säkulum ins Dunkel des Mittelalters zu verabschieden, und wie es dümmlich-arrogant von den biederen und geradlinigen Bourgeois des endlich illuminierten Zeitalters war, die barocken Labyrinthe und die Rokokoschnörkel der verhaßten und beneideten Adelsepoche als museumsreif zu diskreditieren.

Der Vergangenheit die Sinnrichtung auf den eigenen historischen Standort anzusinnen und anzudichten ist ähnlich aufgeblasen-dilettantisch wie zu glauben, der Sternenhimmel drehe sich um den Betrachter oder der liebe Gott habe die Hühner erschaffen, auf daß sie Hinz und Kunz zum Frühstück die Eier legen.

Nach den Modetorheiten des Marxismus, der Psychoanalyse, des Existentialismus, des Strukturalismus und des Poststrukturalismus kramen wir die altmodische, geflickte Joppe der Selbstbetrachtung aus dem Schrank oder gehen, eine graue Maus mit der Hochachtung vor der dort hinten lauernden schwarzen Katze unter der Heerschar der nichtsahnenden grauen Mäuse, inkognito.

Er kannte etliche Fremdsprachen, war geschult in Linguistik und Grammatik, ein Virtuose in der Semiologie akustischer und visueller Zeichen, doch was Sprache ist, war ihm völlig unbekannt.

Mit dem Gehörlosen, auch wenn er die genauesten physiologischen Studien über das Ohr und den auditorischen Cortex betrieben hat, kannst du dich nicht über Schuberts Streichtrio unterhalten.

Wir lernen nicht die Bedeutung von „sehen“, wenn wir, des Deutschen mächtig, die Bedeutung von „videre“, „voir“, „vedere“ oder „to see“ lernen.

Der Italiener kann die Bedeutung von „sehen“ lernen, weil er die Bedeutung von „vedere“ schon kennt, ebenso der Engländer die Bedeutung von „voir“, weil er weiß, was „to see“ bedeutet.

Wie lernen wir die Bedeutung von „sehen“? Jedenfalls nicht so, wie wir, von unserer deutschen Muttersprache ausgehend, die Bedeutung von „videre“, „voir“, „vedere“ oder „to see“ lernen.

Wie das Sehen ist auch zu sagen, daß man dies oder jenes sehe, ein NATÜRLICHER Vorgang, und der Ausdruck „NATÜRLICHE Sprache“ ist nicht nur aller Ehren wert, sondern enthält den tiefsten Gedanken.

Wir können weder etwas sehen noch sagen, daß wir etwas sehen, ohne die Tatsache zu würdigen, daß WIR etwas sehen, oder zu sagen, daß ICH oder DU etwas siehst.

Die NATÜRLICHE Sprache ist die unverlierbare Grundlage der NATIONALEN Kultur.

Die Angehörigen einer nationalen Kultur sind virtualiter all jene, die von derselben sprachlichen Mutter gesäugt worden sind; actualiter all jene, die das vierte Gebot nicht auf den Kehrichthaufen der als vormodern zu entsorgenden Traditionen geworfen haben.

Die nationale Kultur ist bedroht, wenn die sie begründende natürliche Sprache keine Sublimierung, Züchtung und Pflege im Garten der Künste erfährt.

Der Krieg geht ums Vaterland, der Kulturkampf um die Integrität der nationalen Kultur.

Der auf der nationalen Kultur und Sprache konstruktiv oder parasitär aufbauende Nationalstaat hat keine eindeutige Stellung zur heimischen Kultur, die sich bisweilen sogar unter unterschiedliche Souveränitäten teilen kann wie die preußische und österreichische. Der Staat kann sich mit einer positiven Auslese künstlerischer Begabungen dekorieren wie das perikleische Athen, das augusteische Rom oder der preußische Adels- und Hofstaat mit seinen Humboldts, Schinkels und Schlüters. Er kann dank fehlender oder negativer Auslese das geistige Vakuum mit dem hohlen Gips der Repräsentation zuzustopfen versuchen wie der geistlose Führer- und Tyrannenstaat oder wie die Massendemokratie mit der grellen Tünche und dem Schellengeklingel witzloser Zeitgeist-Schalke.

Die natürliche Sprache und die Sprache einer gebildeten Nation wie der französischen sind keine wertneutralen Instrumente beliebig dienstbaren Ausdrucks, sondern Organismen ähnelnde Strukturen und kollektive Musterbildungen, die sich ausgehend von elementaren Metaphern und Redewendungen aus allen Lebensbereiche vom Alltag bis zu den Sphären von Recht, Religion und Kunst mit einem Wust an Mythologien und Symbolismen angereichert haben. Einen Baudelaire nichtfranzösischer Zunge kann es darum nicht geben, weil sich im Idiom dieses Dichters Jahrhunderte metaphorischer, symbolischer und rhetorischer Schichten überlagern, durchqueren, verschlingen, die man in einem anderen geschweige denn nichtromanischen Idiom in dieser sublimen Form zumeist vergeblich sucht und die bei der Übersetzung gern der Auflösung, Verwischung und Verdunstung anheimfallen.

Am Allgemeinbegriff von Gesellschaft oder gar Weltgesellschaft orientierte Soziologen verkennen von Haus aus oder als Folge einer déformation professionelle die Kohabitation von natürlicher Sprache und nationaler Kultur.

Regionale nationale Kulturen wie die irische, provenzalische, alemannische oder österreichisch-bajuwarische blieben lange unabhängig von einer staatlich-nationalen Einordnung fruchtbar und lebendig.

Wie öde und trostlos, wenn alle dieselbe Joppe tragen und alle dasselbe Kauderwelsch radebrechen, wenn endlich die Monokultur der Phrase, der Zeitung und der Curricula der Einheitsschule die Idiolekte und Dialekte des Volkes, des Dichters und der Seele der Sense der Modernisierung oder dem Unkrautvernichtungsmittel namens Fortschritt zum Opfer gebracht haben wird.

Das Wort „sehen“ ist ein abstraktes Lemma, und unter dieser lexikalischen Rubrik finden wir eine lange Sequenz artverwandter Begriffe wie: blicken, beobachten, betrachten, in Augenschein nehmen, mustern, lugen, erspähen, aus dem Augenwinkel belauern, sichten, die Umrisse mit Blicken abtasten, glotzen, gaffen, anhimmeln, die Augen verdrehen, mit den Augen verschlingen, die Augen vor etwas verschließen, für etwas blind sein, blinzeln, den Blick verlegen oder hochmütig abwenden, aus der Sicht verlieren und viele andere mehr.

Wir konstruieren solche artgemäßen Varianten des Lemmas „sehen“ durch Hinzufügen adverbialer Bestimmungen, wenn wir etwa sagen: „mustern“ heißt, etwas unter einem gewissen Blickwinkel und einem gewissen Interesse genau besehen; „nach etwas spähen“ heißt, einen Gegenstand oder eine Person wie ein Detektiv, ein Geheimpolizist oder ein Voyeur in großer Anspannung beobachten; „betrachten“ kann heißen, etwas genießerisch-langsam mit Blicken abweiden.

Wenn Kinder Detektiv spielen, lernen sie die Bedeutungsnuance „spähen“ und „ausspähen“ am Begriff „sehen“. Auch wenn sie das Wort „spähen“ nicht verwenden, gebrauchen sie das Grundwort „sehen“ im Sinne dieser Bedeutungsvariante.

Das Erlernen der natürlichen Sprache hat eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Erleben und immer lebhafteren, tieferen, reicheren Erleben der natürlichen Gefühle wie Furcht, Freude, Ekel, Liebe und Scham.

Kann man Liebe oder Scham lernen? Nicht so wie rechnen oder eine Fremdsprache. Denn ihnen eignet unaustilgbar das Moment des Widerfahrnisses und der Ergriffenheit.

Sein Leben ohne Hingabe, ohne Bündnis, ohne Liebe zu verbringen und zu vertändeln, erscheint uns unnatürlich, auf allen Bühnen nacktärschig oder mit erigiertem Eigendünkel herumzulaufen und aufzustampfen oder den Intimbereich der Mitlebenden höhnisch und zynisch abzutragen, dünkt uns geradezu widernatürlich.

Man kann die natürlichen Gefühle wie Liebe oder Scham vortäuschen, entstellen, mißbrauchen, wie man die Sprache zur Täuschung, Irreführung, Lüge mißbrauchen oder entstellen kann.

Wie die Krankheit sich nur von der Gesundheit her verstehen läßt, kann auch die Perversion von Liebe oder Scham ihre Herkunft nicht gänzlich verdunkeln.

Der Masochist quält sich mit dem erwählten Gegenstand seiner Hingabe, doch fehlt er, leidet er nicht minder. Der neurotisch Schamhafte, der dermaleinst vor der nackten Venus errötete, wußte mehr von der Macht des Eros als der Enthemmte, der achtlos den marmornen Hintern betätschelt.

Liebe mag stumm sein, aber sie ist niemals ausdruckslos. Sie verrät sich im verirrten Blick, in der schüchternen oder zitternden Geste, in der Freigebigkeit oder Torheit des Schenkens.

Sprache ist uns Heimat als immer auch bedrohte Landnahme im Unbekannten, die gegen die Fluten unwahrhaftigen Geschwätzes und die Epidemien intellektueller Idiome uns Deiche und Dämme zu bauen nötigt.

Sprache und Vernunft, Selbstheit und Besonnenheit sind konzentrische Kreise um die uns unbekannte Mitte, das sich uns bei jeder Näherung entziehende Geheimnis unserer Existenz.

Die Vernunft geht der Sprache auf, wenn wir genötigt sind, das heute Gesagte auf seine Konsistenz, seine inferentielle Stimmigkeit oder Unstimmigkeit, mit dem gestern Gesagten abzuwägen. Die Besonnenheit geht uns auf, wenn wir genötigt sind, unser gestriges Urteil im Lichte des neuen Tages zu korrigieren oder zu vertiefen, als schief und dumm zu verwerfen oder mit angemessenerem Decorum zu verschönen.

Was uns die Sprache verschlägt, die Ohnmacht der Liebe, die Vergänglichkeit des Schönen, müssen wir schweigend in unsere Einsamkeit, als unsere Einsamkeit verinnerlichen.

Gesegnet, wer im Gebet nicht gänzlich verstummend das Verlorene als Opfergabe auf den mit Blumen und Lichtern geschmückten Altar legen kann.

Erst ging er zu Fuß von seinem Dorf in die Stadt und sah den Fluß, und ob er Niedrigwasser führte oder von der Schneeschmelze angeschwollen war, ob Blätter darauf schwammen, Äste, Eisschollen, er sah die Gärten, und ob die Apfelbäume blühten, die Kirschen und Mirabellen glänzten, die Zweige kahl hingen, er sah das Leben der Tiere, der Vögel, der Insekten, der Eichhörnchen, er hörte das Rauschen des Wassers, das Ächzen der brüchigen Wipfel, das Geschrei der Vögel, den Lärm der Kinder, das Quietschen der Straßenbahn, roch die betäubenden Düfte des Sommers, den Dunst des verrottenden Lebens im Brackwasser der Lachen.

Dann fuhr er mit dem Fahrrad von seinem Dorf in die Stadt und sah den Fluß, die Gärten, die Tiere, doch um die Falter und Hummeln und Igel zu sehen, war er zu schnell, das Flüstern der Blätter und das Zwitschern der Vögel verwischte im Keuchen des eigenen Atems, der Geruch des Sommers schmeckte nach dem eigenen Schweiß, der Lärm der Kinder ging allmählich im Hupen der Autos und im Heulen der Motoren unter.

Schließlich fuhr er mit der U-Bahn und sah und hörte von alledem nichts mehr.

Die mit dem akademischen Steißbein denken, sich die Welt als System von Zettelkästen ertüfteln oder hinter der Planierraupe den künstlichen Rasen ausrollen, die Soziologen und Ökonomen und die wohlmeinenden und gutgläubigen Humanisten nennen dies Fortschritt und Modernisierung.

Wir sagen schlicht und ein wenig trotzig, Worthülsen wie „Fortschritt“ und „Modernisierung“ seien Scheuklappen vor dem Augenscheinlichen.

Daß wir Dinge sehen und nicht in einem chaotischen Wahrnehmungs- oder Bewußtseinsstrom untergehen ist genauso wenig erklärbar wie die Tatsache, daß wir „ich“ und „du“ und „wir“ sagen, uns grüßen oder uns daran erinnern, vorgestern unseren Freund Peter im Park getroffen zu haben.

Wenn wir diese wesentlichen Vorgänge mithilfe objektiver Sachverhalte wie der neurophysiologischen Basis des Sehens, Sprechens und Erinnerns erklären wollen, müssen wir schon wissen, was „sehen“, „sprechen“ und „erinnern“ bedeutet.

Wir wissen, was dies heißt: „Die Zeit vergeht“ oder „Es wird Abend“ oder „Ich bin spät dran“, aber wir können die Bedeutung der Zeit nicht anhand einer Uhr erlernen. Wir haben gesehen, wie der Schatten des Baumes wanderte, sich verjüngte, unter dem Zenit des Mittags schwand und wieder anwuchs bis zum Abend hin. Wir haben den Ablauf der Tage und Nächte erlebt, den Wechsel der Jahreszeiten. Doch nur wenn wir am Abend auf UNSEREN Tag, im Winter auf UNSERE Sommertage zurückblicken, verstehen wir, was dies heißt, daß der Tag vergangen, der Sommer lange vorüber ist.

„Ich spreche“ – dieser kurze Sprechakt enthält die ganze Philosophie und Weisheitslehre in nuce, denn er impliziert die Begriffe der Evidenz der natürlichen Sprache, der fragenden und Antworten vorschlagenden Vernunft und der die Maßstäbe des Gesagten abwägenden und prüfenden Suche nach Wahrheit, der Wahrhaftigkeit und Besonnenheit des Sagens, des fragilen, von Unvernunft und Unbesonnenheit, von Eigendünkel und Maßlosigkeit und am Ende vom Verstummen bedrohten Selbstseins.

 



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