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Jan 25 17

Rainer Maria Rilke, Exercises et Évidences IV

Enterrement

Parmi les machines rapides
qui, agacées et rapaces,
traversent le nouveau-vide
de l’indomptable espace,
passe la lente limace d’un enterrement…

Mais les astres sont plus lents.

 

Begräbnis

Zwischen den schnellen Motoren,
die hochgereizt und von Gier gepreßt
die neue Leere durchbohren
des Raums, der sich nicht bezwingen läßt,
schleicht die träge Schnecke einer Trauerschar …

Doch langsamer noch geht das Sternenjahr.

Jan 25 17

Rainer Maria Rilke, Exercises et Évidences III

Chat

Chat d’étalage, âme qui confère
à tant d’objets épars son rêve lent,
et qui se prête, en conscience-mère,
à tout un monde inconscient.

Silence chaud et fauve, qui s’impose
à ce mutisme mutilé,
et qui remplit l’orphelinat des choses
d’un fier dédain à être caressé…

Elle s’endort d’un air si intégral
entre cristaux, fayences et dorures,
que le dessin plaintif de leurs fêlures
semble signé d’un malheur magistral.

 

Katze

Schaufenster-Katze, Seele, die so viel Dingen
rings verstreut ihren trägen Traum einflößt,
um ihr Mutter-Bewußtsein darzubringen
einer Welt, von Bewußtsein noch entblößt.

Warmes, wildes Schweigen, das verhüllt
dies stumme Sein und seine Wunden
und die verwaisten Dinge mit Verachtung füllt
für Liebkosungen, die sie empfunden …

Sie schlummert ein mit einem Ausdruck so vollendet
zwischen Kristall, Steingut und goldnen Ringen,
als ob ihrem Muster, klagend vor lauter Sprüngen,
ein meisterliches Unglück seinen Abdruck spendet.

Jan 24 17

Rainer Maria Rilke, Exercises et Évidences II

Les Fugitifs

Restons au bord de cette route sombre,
arrêtez-vous, attendons, mon enfant!
Autour de nous les périls sont sans nombre
et nous sommes seuls, les outrageant.

- Un chant! Un chant!

Comment chanter dans ce noir si vide,
offrir un son à ce néant, comment?
Ne sens-tu pas la nuit enfantanticide
qui guette tout ce qui paraît naissant?

- Un chant! Und chant!

Chanter? Quoi? – Cet être qui renonce,
l’indifference de ce demi-vent?
Les pierres qui nous faisaient mal? Les ronces?
Ce traître chemin sous ce pied vacillant?

- Un chant, un chant!

Eh bien, je chanterai dans ton oreille.
Et ce sera ce mince voilier
que l’on construit dedans uns bouteille
avec ses mâts et vergues, tout entier,

qui restera dans ton coeur transparent.

 

Die Flüchtigen

Verweilen wir an dieses dunklen Weges Saum,
harren wir hier, warten wir mein Kind!
Rings ist voller Gefahren der Raum,
wie einsam wir, die sie schmähen, doch sind.

Sing ein Lied uns geschwind!

Wie aber singen in dieser schwarzen Nacht,
ins Nichts wie heben ein Tönen lind?
Fühlst du nicht, wie Nacht die Kinder hat umgebracht,
und späht, ob wieder ans Licht will ein Kind?

Sing ein Lied uns geschwind!

Singen? Nur was? Dies Sein und sein Verwehren,
die Gleichgültigkeit in diesem halben Wind?
Die Steine, an denen wir uns stoßen? Brombeeren?
Diesen Pfad des Verrats unter Schritten so blind?

Sing ein Lied uns geschwind!

Also gut, ich werde ins Ohr dir singen.
Es soll ein winziges Segelboot sein,
wie sie es in den Bauch einer Flasche zwingen,
mit seinen Masten und Rahen, ganz klein,

es wird aus dem Herzen dir schimmern, mein Kind.

Jan 24 17

Rainer Maria Rilke, Exercises et Évidences I

L’Enfant, à la fenêtre, attend le retour de sa mère.
C’est l’heure lente où son être s’altère
d’attente illimitée…
Comment suffire à son doux regard préliminaire
qui partout ne voit que ce qui diffère
de l’unique maternité.
Ces vagues passants que son attente nivelle
ont-ils tort, dites, de ne pas être celle
qui tant suffit…

 

Das Kind wartet am Fenster darauf, daß die Mutter heimkehrt.
In dieser stehenden Stunde wird sein Wesen verzehrt,
da es sich ins Unendliche beugt …
Wie seinem sanften Blicke genügen, der den Zutritt verwehrt
und nirgends erfaßt, was ihn entleert
von der Mutterschaft, vor der er einzig sich neigt.
Die Passanten sind seinem Warten leerer Schein,
sie tun, nicht wahr, ihm Unrecht, nicht jene zu sein,
die ihn so erfüllt …

Jan 23 17

Der abgebrochene Wegweiser

Sentenzen und Aphorismen

Wer den Pfad am Abgrund zurücklegte und erzählt in hohen Worten von dem, was er sah, mag ein Dichter sein; wer eine Wegeskarte von allen Windungen und Gefahren mitbringt, die er unterwegs angefertigt hat und sie dem Jüngeren aushändigt, ist der Meister.

Sehen zu können, welche Gabe! Sehen aber, daß wir sehen und wie, welche Kunst!

Vor ihm die klare Gestalt der Blume, doch sein Blick verfangen im Dunst der Ferne.

Was da kommt, ist Verfall; doch auf jeder Stufe abwärts, die Lockungen der Dämmerung.

Die göttlichen Urgewalten, die sich uns unter sich teilen, die sich in uns kreuzen, spiegeln sich in den trivialen Gesichten und Gesichtern unseres Alltags.

Was Dichtung, die ins Einfache zurück sich beugte, benannte mit Urworten wie Auge und Stern, Atem und Asche, Wehmut und Wind, Engel und Schmerz, Blume und Stein, war emporgesprudelt aus der Quelle unter dem Weltenbaum.

Ein Wahres einmal, das er gesagt, auf die Zunge gehoben, wie vom Schluckauf.

Die halb zerrissene Fahne, die eben noch am Mast baumelte, klatscht bebend nun im Sturm.

Wenn du dich verlaufen hast, kannst du zurückgehen bis zur Weggabelung und die andere Abzweigung nehmen. Doch wehe, hat Schicksal das Wegkreuz dir umgestürzt, den Wegweiser zerbrochen.

Der Blindgeborene ist nicht verzagt, weil er die Welt nicht erblickt, nicht die Schönheit der Blumen oder der Wolken wehen Zug; er wäre erstaunt über unsere Verstörtheit angesichts seines von uns empfundenen Mangels.

Wer Liebe nicht gekostet, wie eintönig lebt er, wie zufrieden.

Je weniger empfänglich für das Unglück, desto weniger für das Glück.

Nur geformt von schöpferischer Hand, rundet sich der Ton zum schönen Gefäß. Ja, noch die angedeutete Form und der Torso können uns entzücken oder unsere Sehnsucht vertiefen.

Die kindliche Lust am Können. So zählt die Kleine immer wieder die wenigen Zahlen auf, die sie kennt; der Junge bestimmt stolz vor seiner Mutter die Herkunft der Flaggen, die in der Illustrierten abgebildet sind. So ergötzt sich der Dichter, kindlich auch er, immer wieder am Glanz und der runden Form der geliebten Worte, die im Nest seiner Erinnerung liegen wie die Murmeln der Kinder in der Kuhle.

Je mehr Möglichkeiten des Gelingens, desto mehr Gefahren des Irrens.

Worauf ruht der Blick des Liebenden beim Abschied, auf ihrem Mund, ob er noch etwas sage, auf ihrem Auge, ob es ihm nachglänze, auf ihrer Hand, ob sie einmal noch winke? Auf dem Himmel hinter ihrer verblassenden Gestalt, ob er nicht zu glühen beginne?

Weckt der Tod einen mit leiser, versöhnlicher Stimme?

Wenn die lauten Stimmen des Welttheaters gedämpft werden wie die Schritte im hohen Schnee.

Mit so vielen Zungen gesagt haben „Wasser“ und „Wein“, „Seele“ und „Stein“, „Blume“ und „Kind“. Mit so vielen jubelnden, so vielen blutenden Herzen.

Die Dankbarkeit, wenn zwischen all dem Hetzen und Hecheln, dem Würgen und Witzeln das stille Gesicht eines Kindes auftaucht, und es sagt nichts, steht nur da und hebt den stummen Blick.

Wie auf dem Weg nach Emmaus im Augenblick, der das Wehen der Blätter zum Schweigen, das Rufen der Amsel zum Verstummen gebracht, er mit ihnen schritt, und sie erkannten ihn nicht, doch wollten, nachdem er ihnen die Schrift ausgelegt hatte, daß er bei ihnen bleibe, da es Abend wurde und der Tag sich neigte; und wie ihnen, als er das Brot brach, die Augen aufgingen.

All das ist geschehen, wir aber leben blind in den Tag.

Zu wissen, man hat sich verirrt und der Weg führt einen weiter und weiter ins Dunkel; doch ärger noch ist es, nicht zu wissen, daß man immer weiter in die Irre geht, und munter vor sich hin zu trällern.

Wie lagert sich über all die kleinen Schatten des Alltags, seinen Schlüssel nicht zu finden, den alten Bekannten nicht wiedererkannt, den Termin verpaßt zu haben, jener große Schatten.

Um das große Wort wächst wie um die hohe Eiche gewaltiger der Schatten, breitet sich dunkler die Stille.

Wie wir als Kinder Papierschiffchen am Ufer der Mosel auf die kleinen Wellen setzten, und sie trieben und glitten und schwankten dahin, und unsere Blicke wanderten mit ihnen, eine gute Weile, wie mit dem zarten Umriß einer ungeborenen Seele, bis sie eine jähe Woge verschlang.

Die einen verwässern die Quelle, die sie genährt, mit gelehrtem Geschwätz, die anderen vergiften sie mit üblen Verleumdungen; am ärgsten treiben es jene, die sie trockenlegen, um an ihrer Stelle eine Trinkhalle zu errichten.

Was den Knaben rührte, war die Einsamkeit und Verlorenheit des Großvaters, der seine Kriegerwunde mit sich herumschleppte und schweigsam blieb, wenn alle am warmen Herde plauderten.

Im Prolog der Prosa-Edda, einem einzigartigen Menschheitszeugnis, vermischen sich die Ströme der griechischen und germanischen Erinnerung; Odin, der einäugige Wanderer-Dichter, stammt aus Troja, seine Wanderung geht über das Mittelmeer zu den Sachsen und Franken und Nordmännern und erreicht den Gipfel im Norden, von dem er noch eben den Stern über der Krippe funkeln sieht.

Der germanische Dichtergeist, Odins Mitgift, liebt das kunstvolle Spiel wie in den bebenden Ranken der epischen Maße und den gewagten Fügungen der Kenninge, und den Zauberstab in den glitzernden Tau des jungfräulichen Morgens zu tunken.

Der sterbenden Mutter wischte er mit einem feuchten Tuch über die trockenen Lippen; ob sie Erleichterung verspürte, ist ungewiß; ungewiß auch, ob sie darin das einzig gebliebene Wort des Trostes vernehmen konnte, das er ihr noch geben konnte.

Wie die Knospe sich leise schließt, wenn Dämmerung fällt; wie Menschen still werden, wenn einer im Dunkeln eine Kerze anzündet; wie die Erinnerung eines Liedes tropft, wenn der Schnee vor dem Fenster schmilzt.

Aus dem Rauch der Ruinen flattert ein Vogel.

Jan 22 17

Semantik der Tugend

Kurzer Abriß einer empirischen Ethik auf semantischer Grundlage nebst einem Hinweis auf den semantisch begründeten Tier-Mensch-Unterschied

Wir verstehen unter Tugend im Sinne des lateinischen „virtus“ und seiner romanischen und germanischen Ableitungen wie „virtú“, „vertu“ oder „virtue“ jene Bedeutungen, die wir semantisch in Aussagen mit Aufforderungscharakter erfassen und analysieren können wie:

1. Tu das!
2. Tu das nicht! (Laß das sein!)

Die Bedeutung des mit dem hinweisenden Pronomen „das“ oder „dies“ jeweils Gemeinten ist eine Handlung, wie die Handlung, einem Freund zum Geburtstag ein Geschenk zu überreichen, zu der wir den Angesprochenen auffordern, oder die Handlung, einem Freund heimlich Geld aus der Schublade zu entwenden, zu der wir dringend abraten oder vor der wir warnen.

In den Beispielsätzen 1 und 2 finden wir demnach jeweils die Normierung einer Handlung, die sich ihrerseits auf eine sittliche Konvention unseres geselligen Umgangs oder eine Rechtsnorm unserer Rechtsordnung bezieht, wie die Aufforderung zu der Handlung, etwas zu schenken, auf die Konvention, jemandem zum Geburtstag ein Geschenk zu machen, oder die Warnung vor der Handlung, heimlich Geld aus der Schublade zu nehmen, auf die Rechtsnorm des Diebstahls.

Wir können die Semantik der Aufforderung oder Warnung auch so formulieren: Aufforderungen und Warnungen pflegen nicht aus der Luft gegriffen zu sein, sondern erlangen ihre Relevanz und Alltagstauglichkeit aufgrund der Tatsache, daß ihnen Exemplifizierungen allgemeiner Regeln und Konventionen oder Normen unseres sittlichen Weltumgangs zugrundeliegen.

Die Aufforderung in Satz 1 können wir daher auch so formulieren: Erfülle die Konvention, gemäß der man seinem Freund zum Geburtstag ein Geschenk überreicht; wenn wir für die Handlung E (Exemplifikation) schreiben und für die jeweilige Konvention K und die Aufforderung mittels des Ausrufezeichens ausdrücken, erhalten wir die semantische Struktur der Aufforderung als bündige Formel:

e (K1)!

K enthält einen deskriptiven Wert, hier die Konvention des Geburtstagsgeschenks, so daß wir zu der Definition kommen:

Alle präskriptiven Ausdrücke enthalten oder implizieren einen deskriptiven Wert.

Der deskriptive Wert wiederum ist nichts als eine Kurzform, die in voller Länge den deskriptiven Ausdruck wiedergibt, mit dem wir die relevante Konvention beschreiben, wie die Konvention, seinem Freund zum Geburtstag ein Geschenk zu überreichen.

Was aber, lebten wir in einer Welt in der es die Konvention, den Freund am Geburtstag zu beschenken, nicht gäbe und stattdessen die befremdliche Konvention herrschte, ihn am Morgen seines Geburtstags mit einem Heidenlärm, mit Gesängen und Böllern tüchtig zu erschrecken? Nun, wenn dies seltsame Gebaren der allgemeinen Regel, Freunde freundlich zu behandeln, nicht widerspricht, weil wir ihm mittels dieses Geburtstagsrituals einen heilsamen Schrecken angesichts der Tatsache einjagen wollen, daß schon wieder ein Jahr seines Lebens verstrichen ist, und ihn damit vielleicht an Vorhaben gemahnen, die noch auf der Strecke geblieben sind, was spräche dagegen?

Damit kommen wir auf den harten Kern und Grund einer Semantik der Tugend: Sie hat empirischen Charakter und begnügt sich mit der Analyse von Aufforderungen und Warnungen, die ihr Maß an gewachsenen, tradierten Konventionen finden. Sie beansprucht nicht, ihr Maß und Kriterium an irgendwelchen überzeitlichen und übergeschichtlichen Formen oder Regeln sei es der Vernunft sei es eines übernatürlichen, offenbarten Gesetzes zu finden.

Der empirische Charakter einer Semantik der Tugend zeigt sich nicht nur darin, daß wir den Geltungsanspruch oder die Wahrheit der ihr zugrundeliegenden Konventionen nicht aus abstrakten Formen der Vernunft oder aus reinen Konsistenz- und Kohärenzanforderungen logischer Natur ableiten oder beweisen können; er bewährt sich vielmehr auch darin, daß wir die Relevanz und Bedeutsamkeit sittlicher Konventionen nur empirisch bewähren können, indem wir ihre Verbreitung und Persistenz innerhalb UNSERER kulturellen Welt und Tradition beobachten.

Wenn die Konventionen, mit denen wir einmal den öffentlichen Umgang von Männern mit Frauen nach Konventionen der Höflichkeit, Fürsorge und Zuvorkommenheit geregelt haben, aufgeweicht oder nach und nach aufgelöst werden, kann die Frau nicht mehr ohne weiteres erwarten oder davon ausgehen, daß ihr der Mann die Tür öffnet, ihr in den Mantel hilft oder in der Schlange den Vortritt läßt. Wenn wir konventionell begründete Erwartungen als Ansprüche formulieren, werden Ansprüche der genannten Art gegen den Mann im selben Maße schwächer oder ungültig, in dem das gesellige Klima zwischen den Geschlechtern sich konventionell abkühlt und verflacht. Umgekehrt kann der Mann nicht mehr den konventionell geregelten Anspruch gegen die Frau hegen und pflegen, ihr galant, beschützend und zuvorkommend zu begegnen.

Wir ersehen aus diesem Tatbestand, daß die ethische Kraft unserer wechselseitigen Erwartungen, Ansprüche und Appelle eine Funktion der Bindung oder Verpflichtung darstellen kann, mit der wir an kollektiv akzeptierte Konventionen bestimmter Gruppen und Gemeinschaften angeschlossen sind. Dadurch werden unsere Erwartungen und Ansprüche den Verfahren symmetrischer Inklusionen und Exklusionen unterworfen; die Konvention, freundlich zu grüßen oder sich Geschenke zu machen, ist Peter Karl gegenüber keinen Pfifferling mehr wert, wenn er erfahren hat, daß sein ehemaliger Freund kürzlich in den Vorstand eines Unternehmens gewählt worden ist, das sich mit seinem eigenen in einem unerbittlichen Handelskrieg befindet, oder in eine Partei eingetreten ist, die seiner eigenen Partei ideologisch feindlich entgegentritt.

Im Übrigen ist der empirische Grund der Ethik in all jenen zahllosen Merkversen, Sentenzen, Sprichwörtern, Gnomen und Gleichnisreden enthalten, die uns der jahrtausendealte Strom der Überlieferung von China und Indien über Griechenland und Italien bis zu den europäischen Ländern des Nordens und Ostens übermacht hat und deren Wert aufgrund der Aura und Autorität der Namen derjenigen verbürgt ist, denen sie zugesprochen werden oder deren Autoren sie sind. Die Liste dieser Namen ist lang und reicht von Laotse und Konfuzius, Salomo und Jesus, den Sieben Weisen, Plato und Aristoteles, Cicero und Seneca, Epiktet und Marc Aurel über Thomas von Aquin bis zu Kant und Wittgenstein, um nur einige klangvolle zu nennen, von den Dichtern ganz zu schweigen.

Die Einrede, wir setzten mit solchen empirischen Verweisen das Kriterium für die Gültigkeit und die ethische Aussagekraft der mit jenen und anderen Namen verbundenen Überlieferung schon voraus und könnten sie daher nicht aus jenen zufällig zusammengerafften Sprüchen und Versen ableiten, ist ein Einwand übergescheiter Philosophen, denen wir entgegenhalten dürfen: Wir können einen steinigen, schwierigen und verschlungenen Weg unsererseits anhand der Wegbeschreibung in Angriff nehmen, die uns jene hinterlassen haben, denen es gelang, ihn zurückzulegen und sogar zu beschreiben.

Auch der Einwand, es fänden sich widerstreitende Anweisungen und Aufforderungen ethischer Natur in jenen Überlieferungen, kann unschädlich gemacht werden, wenn wir ihre mythischen und zeitbedingten Kontexte neutralisieren. Doch zieht sich von der Aufforderung Solons „Nichts im Übermaß!“ über die Entfaltung des Tugendbegriffs der Besonnenheit und Mäßigung in den klassischen Lehren der Antike bis zur Aufforderung Wittgensteins „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ eine durchgehende Linie.

Wir finden allerdings in der Semantik der Tugend begriffliche Voraussetzungen, deren nichtempirischen Charakter wir nicht in Abrede stellen wollen, ohne damit zu konzedieren, daß eine empirische Ethik auf semantischer Grundlage ihren empirischen Gehalt zur Gänze verlöre: Sie erweist sich damit als sowohl empirisch als auch begrifflich-analytisch, indem sie die begrifflich notwendigen Implikationen ethisch bedeutsamer Sprechakte offenlegt. Wir stoßen in unserem Beispiel auf den Begriff der Freundschaft, dessen nichtempirischer Anteil auf den Begriff der Person als eines selbstbewußten Lebewesens zurückgeht, denn Freunde nennen wir diejenigen Personen, mit denen wir im Rahmen der Konventionen der Freundschaft Umgang pflegen. Der Begriff der Person aber ist ein nichtempirischer Begriff, denn er ist eine notwendige begriffliche Voraussetzung unserer Semantik, die als Semantik von Sprechakten gefaßt ohne den Begriff dessen, der spricht, nicht auskommt.

Daraus folgern wir, daß es sich bei grundlegenden Rechtsnormen, die die Wahrung der persönlichen Integrität und Unversehrtheit betreffen, wie dem Verbot des Diebstahls, des Raubs oder des Mords, nicht nur um Rechtskonventionen UNSERER kulturellen Lebensform handeln kann, sondern wegen ihrer notwendigen Implikation des Begriffs einer Person um kulturübergreifende, nicht rein konventionelle Normen, deren unzureichende Ausprägung oder deren Fehlen in konkreten Lebenswelten zu bemängeln und zu ächten wir berechtigt sind.

Wir betrachten nunmehr den semantischen Gehalt folgender Aussagen:

3. Gut, daß du dies getan hast!
4. Das hättest du besser unterlassen!

Im Gegensatz zu den Sätzen mit Aufforderungscharakter 1 und 2 handelt es sich hier um die für unseren sittlichen Weltumgang hoch bedeutsamen Aussageformen von Lob und Tadel. Wir loben die Handlung, die gemäß der Formel e (K1)! die relevante Konvention in angemessener Weise exemplifiziert oder erfüllt hat, und wir tadeln die Handlung, durch die eine Konvention nicht erfüllt oder unzulänglich erfüllt oder eine rechtliche Norm gebrochen worden ist.

Lob und Tadel beziehen sich im Gegensatz zu Aufforderungen und Warnungen nicht auf die Zukunft oder das, was geschehen oder getan werden soll, sondern auf die Vergangenheit, also das, was geschehen ist oder getan wurde, und in dieser Hinsicht irreversibel ist.

Daraus schließen wir, daß wir nicht, wie vielfach angenommen, darauf eingeschränkt sind, die Semantik der Tugend oder die empirische Ethik auf semantischer Grundlage ausschließlich auf Sollenssätze oder auf Aussagen mit Aufforderungscharakter gründen zu können; wir können ja aus dem Tadel einer vollzogenen Handlung ableiten und folgern, daß sie im Allgemeinen zu unterlassen ist und also auch in Zukunft unterbleiben soll.

Besonders ergiebig für eine semantische Betrachtung und die Semantik der Tugend überhaupt ist Satz 4:

Das hättest du besser unterlassen!

Wir verwenden tadelnde Sätze dieser Art auch, um eine Anschuldigung zu machen oder den Delinquenten auf den Schaden oder die Schuld hinzuweisen, für die er durch sein schuldhaftes Handeln verantwortlich zeichnet beziehungsweise zur Verantwortung gezogen werden kann.

Wir unterstellen oder implizieren mit tadelnden Sätzen dieser Art notwendig den Spielraum eines Handelns, in dem der Handelnde etwas anderes hätte tun können als das, was er faktisch getan hat.

Damit aber unterstellen wir dem Handelnden in gewissen Grenzen Handlungsfreiheit. Handlungsfreiheit erweist sich somit als notwendige Implikation der semantischen Struktur tadelnder Aussagen.

Natürlich gilt dies auch für Aussagen lobenden Charakters, denn wir können jemanden nicht für eine Handlung loben, die nicht zu vollziehen ihm nicht möglich gewesen wäre.

Wir sahen, daß die Warnung vor dem Diebstahl und der Tadel, den eigenen Freund bestohlen zu haben, nicht auf einer bloßen Konvention beruhen, sondern auf einer Rechtsnorm. Dieser Umstand weist uns erneut darauf hin, daß wir zur semantischen Grundlegung einer empirischen Ethik nicht nur auf sittliche Gegebenheiten wie unsere Konvention des Geburtstagsgeschenks, sondern auch auf begriffliche Voraussetzungen zurückgreifen müssen.

Die begriffliche Voraussetzung, die für die genannte Warnung und den genannten Tadel bedeutsam ist, finden wir wiederum im Begriff der Person: Personen sind sich ihrer bewußte Lebewesen, zu deren bewußtem Leben die Möglichkeit gehört, ihm in individuellen Formen Ausdruck zu geben; zu diesen Formen zählen neben den spontanen Handlungen einschließlich der Sprachhandlungen auch die Formen des persönlichen Eigentums an Leib und Leben und persönlichen Gütern, mit denen sie ihr Leben bestreiten und gestalten. Einer Person den individuellen Lebensausdruck im Reden und Tun, in Handel und Wandel streitig zu machen heißt, ihre persönliche Integrität zu verletzen; daher neben anderen Normen die Rechtsnorm vom Verbot des Diebstahls.

Wir bemerken schlußfolgernd, daß wir unseren semantischen Haushalt in Hinsicht einer Semantik der Tugend oder einer empirischen Ethik auf semantischer Grundlage sparsam mittels des Rückgriffs einmal auf Konventionen und sodann auf basale Begriffe wie den Begriff der Person einrichten können, Begriffe, die wir nicht aus bloßen Intuitionen oder abstrakten Annahmen über das Wesen der Vernunft, sondern aus der semantischen Analyse von alltäglichen Aussagen wie Aufforderungen oder Lob und Tadel hinsichtlich unseres sittlichen Tuns und Lassens als deren notwendige Voraussetzungen und Implikationen ableiten können.

Warum können wir Peters Hund Wuschel nicht dafür tadeln, sein Herrchen an dessen Geburtstag nicht mit einem Geschenk überrascht zu haben? Tun wir dies nicht, weil wir Wuschels Versäumnis neurologisch auf seine Unfähigkeit zurückführen und mit dem Umstand gleichsam entschuldigen, daß die Gedächtniskapazität seines Hundehirns nicht ausreicht, sich Peters Geburtstagsdatum einprägen und merken zu können?

Keineswegs. Es wäre einfach absurd, Wuschel wegen seiner vorgeblichen Vergeßlichkeit oder eines solchen vorgeblichen Versäumnisses tadeln zu wollen, aus dem schlichten Grund, weil Tiere nicht in der Welt von Konventionen leben, in der wir Menschen leben und Dinge nicht nur tun, die zu tun wir nicht umhin können, sondern die wir – wie wir sagen – zu tun pflegen oder die wir auf der Grundlage gegenseitiger Verabredungen und Übereinkünfte zu tun uns entschieden und angewöhnt haben.

Wuschels Manko ist also kein neurologisches, sondern ein semantisches, das ihn für konventionelle Umgangsformen im Rahmen einer kulturellen Lebensform bedeutungsblind macht. Sind Tiere bedeutungsblind hinsichtlich kultureller Konventionen, dann geht ihnen auch das ab, was wir die Semantik der Tugend nennen: Wenn wir sie auffordern, etwas zu tun, wie uns ihr Spielzeug zu apportieren, dann weil sie auf ein solches Verhalten mittels Dressur konditioniert worden sind; Peter indes überreicht seinem Freund Karl an dessen Geburtstag nicht deshalb ein Geschenk, weil ihm die Eltern oder andere Erzieher dieses Verhalten andressiert haben, sondern weil er die Konvention des Schenkens im Rahmen unserer kulturellen Lebensform kennengelernt und durch Gewohnheit erlernt hat. Deshalb kann ihn sein Freund Karl tadeln, wenn er seinen Geburtstag vergessen hat, was er nicht tun könnte, wenn dieses Vergessen eine rein neurologische Tatsache wäre oder ein Mangel an Dressur (denn auch dies wäre eine neurologische Tatsache).

Wenn Peters Hund Wuschel dem Nachbarhund eine Wurst vor der Nase wegschnappt, die ihm dessen Herrchen soeben hingehalten hat, werden wir ihn wohl kaum des Diebstahls bezichtigen und ihn dafür tadeln, die entsprechende Rechtsnorm mißachtet und verletzt zu haben. Es wäre absurd, dem Hund solcherart Vorhaltungen zu machen, aus dem schlichten Grund, weil Tiere semantisch bedeutungsblind für jene normativen Regeln sind, die wir Rechtsnormen nennen.

Peter könnte mit großem Geschick und vieler Mühe vielleicht dahin gelangen, seinem Hund Wuschel Unarten dieser Art, wie dem Hund des Nachbarn die Wurst vor der Nase wegzuschnappen, abdressieren: Doch könnte Peter, wenn es denn wohl unausbleiblich wieder geschieht und Wuschel zuschnappt, seinen Hund deswegen nicht tadeln, wie er seinen Freund Karl tadelt, weil er ihn bestohlen hat; hier handelte es sich einfach um einen Mangel an Dressur oder um einen neurologischen Tatbestand, nicht um ein semantisch-ethisch analysierbares und wohlbegründetes Tun wie bei der Verletzung einer Rechtsnorm.

Damit bestätigt sich in ethischer Hinsicht unsere alte Einsicht, daß es sich beim Tier-Mensch-Unterschied nicht bloß um einen graduellen, sondern einen prinzipiellen Unterschied handelt. Tiere leben nun einmal nicht in jener Welt der Konventionen und Normen, die uns zur Grundlage dienen, unsere Handlungen wechselseitig zu loben und zu tadeln.

Jan 22 17

Atmen, sprechen, schweigen X

Das bunte Garn des Worts
einfädeln
in die zarte Öse.

Das Loch im Gewebe der Stille
stopfen
mit heißen Stichen.

Sich in das Gewand des Atems
hüllen
wie in Dunkelheit.

Jan 22 17

Atmen, sprechen, schweigen IX

Die Leere behauchen,
wie den erstarrten Käfer,
und seine Flügel erbeben.

Das Wahre sagen,
wie der Abdruck des Gehers
im einsamen Schnee.

Das Schweigen tragen,
wie der dunkle Teich
die schwankende Rose.

 

Jan 21 17

Atmen, sprechen, schweigen VIII

Mit dem Atem stillen
das Wort, bis es träumt.

Mit Worten heben
den Atem ins dunkle Licht.

Schweigend gehen
zwischen Blüte und Dorn.

Jan 21 17

Atmen, sprechen, schweigen VII

Atmen, um von sich zu lösen
all die Stimmen,
wie mit unbewußter Hand
von der Stirne Spinnenweb.

Sprechen, um zu wandern
auf dem Pfad der Stimme
immer weiter
in die Dämmerung.

Schweigen, um zu hören
in der Nacht
einsamen Beters
Sternensang.

Jan 21 17

Atmen, sprechen, schweigen VI

Sprechen,
um in die Stille zu gelangen,
wie in die Erde der Samen.

Sprechen,
um in die Stille zu gelangen,
wie ins Laubwerk das Grün.

Sprechen,
um schweigen zu können,
wenn die Knospe aufbricht.

Sprechen,
um schweigen zu können,
wenn die Blüte fällt.

Jan 21 17

Atmen, sprechen, schweigen V

Die Stille atmen,
wie die Schlange,
die sich um sich selber ringelt.

Die Stille dulden,
wie das Blatt,
das stumm taut von Nacht.

Die Stille hören,
wie die Eule,
die ins Dunkel starrt.

Die Stille sagen,
wie die Hand,
die emporhebt den Kelch.

Jan 21 17

Atmen, sprechen, schweigen IV

Schweigen, damit das Gesagte
Zeit hat, sein Echo zu küssen.

Schweigen, damit das Juwel des Worts
auf seinem schwarzen Samte schimmert.

Schweigen, damit die entfalteten Zweige
des Worts sich wieder umarmen.

Schweigen, damit der Atem zurückrollt
wie die Woge im Schaum der Brandung.

Schweigen, damit Lächeln erglänzt
wie unterm Wind das gebogene Gras.

Jan 20 17

Atmen, sprechen, schweigen III

Ins Leere gestiegener Atem,
luftige Säule,
mit dem Akanthus eines Worts,
der aus dem Grab
eines unschuldigen Kindes
emporwuchs.

Jan 20 17

Atmen, sprechen, schweigen II

Wort, das in der Nacht sich betaut,
Blatt an schwankendem Halm.

Blatt, das die Bürde der Tropfen
leichter macht um ihr Glänzen.

Tropfen, Niemandstränen,
gezählt von niemandes Lippen.

Jan 20 17

Atmen, sprechen, schweigen I

Atem, Schneise ins Leere.

Worte, ins Dunkel gesprochen,
Sternbild, das für eine Weile funkelt,
um zu verlöschen.

Schwärzer ist Schweigen dann,
dunkler der Schmerz.

Jan 20 17

Semantik des Gefühls

Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität nebst Hinweisen auf den semantisch begründeten Tier-Mensch-Unterschied

Wir unterscheiden Empfindungen und Gefühle hin Hinsicht auf das Kriterium des intentionalen Gegenstands. Empfindungen wie die Schmerzempfindung kommen ohne intentionalen Gegenstand aus: Das Empfindende ist identisch mit dem Empfundenen. Gefühle, wie das Gefühl der Freude, haben ein spezifisches intentionales Objekt, wie das erfreuliche Ereignis, wenn man einen guten Freund auf der Straße wiedersieht.

Wenn Peter sich freut, weil er seinen Freund Karl auf der Straße erblickt, ist der intentionale Gegenstand der Freude nicht die Person namens Karl, sondern die Tatsache, daß Karl im Sichtfeld Peters über die Straße geht. Wenn Peter sich darauf freut (wir reden auch von Vorfreude), seinen Freund Karl bald wiederzusehen, ist das intentionale Objekt der Vorfreude nicht die Person Karl, sondern die Erwartung Peters, seinen Freund Karl bald wiederzusehen.

Wir analysieren das Gefühl der Vorfreude durch Rückgriff oder semantische Reduktion auf die Erwartung, daß etwas geschieht, was für das Subjekt erfreulich zu sein scheint.

Wenn Peter sich darauf freut, Karl in zwei Wochen wiederzusehen, wäre es sinnwidrig zu fragen, ob er sich während dieser ganzen Zeit im Zustand der Vorfreude befindet, so wie jemand, der sich über das Gebaren seines Gegenübers ärgert, erkennbar zornig ist, indem er für kurze Zeit erregt ist, rot anläuft oder wild gestikuliert. Wir sagen, Vorfreude meint hier den Umstand, daß Peter hin und wieder gerne daran denkt, sich bald mit seinem Freund zu treffen.

Wir unterscheiden Ursachen, Gründe und Anlässe von Gefühlen. So ist der Anlaß des Gefühls der Vorfreude, das Peter verspürt, die Verabredung mit seinem Freund zu einem baldigen Treffen, der Grund des Gefühls ist die Freundschaft, die zwischen Peter und Karl besteht, seine Ursache aber liegt in den neuronalen Prozessen, die sich in Peters Gehirn abspielen, wenn er ein solches Gefühl verspürt.

Ähnlich wie bei Empfindungen, wenn wir anläßlich der Wahrnehmung einer Ampel eine Rotempfindung haben, können wir das phänomenale Gegebensein von Gefühlen meist nur andeutend beschreiben, indem wir die sie begleitenden Verhaltensmuster beschreiben: Weil die Ampel auf Rot springt, bleiben wir stehen; weil unser Freund uns ärgert, laufen wir vor Zorn rot an oder wenden uns entrüstet von ihm ab.

Gefühle sind auf einer weiten Skala von den elementaren Leibgefühlen, wie dem Gefühl körperlicher Schlaffheit und Müdigkeit, über die gleichsam klassischen Emotionen wie Lust und Ekel, Angst und Freude, Zorn und Niedergeschlagenheit bis hin zu reflexiven Formen des Fühlens aufgetragen, wie es der Fall ist, wenn wir ins Theater oder das Konzert gehen und uns darüber ärgern, daß wir uns so schlaff und müde fühlen, also gleichsam ein Gefühl zweiten Grades verspüren.

Wir betrachten folgende Beispielsätze, um anhand ihrer uns der Semantik des Gefühls anzunähern:

1. Mir ist übel.
2. Mich dürstet.
3. Mich ängstet.
4. Mich dünkt …

Wir verwenden die teilweise altertümlichen unpersönlichen Ausdrücke (Impersonalia), um anhand ihrer grammatischen Form auf ihren Sinn, nämlich den Widerfahrnischarakter der hier genannten Erlebnisse, abzuzielen. Wir nennen Widerfahrnis alles Erlebte, das sich uns aufdrängt und oftmals gegen unseren Willen in unser Erleben einfließt. Wenn uns übel wird, sind wir diesem Gefühl ausgeliefert; das Durstempfinden und das Angstgefühl sind Erfahrungen, denen wir nicht ohne weiteres ausweichen können, und wenn uns ein Einfall überkommt oder plötzlich ein Gedanke einleuchtet, sind wir oft sogar über uns selbst überrascht.

Wir weisen auf das Eigentümliche der elementaren Leibempfindungen Hunger und Durst hin: Sie unterscheiden sich von Gefühlen wie Angst, Zorn und Freude, weil sie kein intentionales Objekt mit sich führen, wie die Angst, die einen im Dunkeln überkommt, der Zorn über einen herablassende Äußerung unseres Freundes oder die Freude, einen geliebten Menschen wiederzusehen; darin ähneln sie den Schmerzempfindungen.

Es ist bezeichnend für unsere elementaren Leibempfindungen Hunger, Durst und Schmerz, daß sie Appellcharakter haben: Sie fordern uns auf, etwas zu tun, um das in ihnen drängende Verlangen zu stillen. Im Gegensatz zu den Gefühlen sind diese biologischen Grundbedürfnisse mit dem rationalen Kreislauf unseres Handelns eng verdrahtet; wir verspüren Durst und gehen zum Kühlschrank, um ihm eine Flasche Wasser zu entnehmen. Hier ist der Gedanke impliziert, daß es im Kühlschrank eine Wasserflasche gibt, mit der wir unseren Durst löschen können. Mit der Stillung des Bedürfnisses aufgrund von rational begründbaren Willkürbewegungen der Gliedmaßen unseres Körpers ist der Handlungskreis geschlossen.

Anders bei den Gefühlen: Wenn wir bei drohender Gefahr von Angst übermannt die Flucht ergreifen oder die Hand schützend vor das Gesicht halten, sind unsere Körperbewegungen keine Willkürbewegungen, sondern unwillkürlichen Reflexe. Wir überlegen nicht lange, was wir angesichts der Gefahr tun können oder sollen, sondern tun, was zu tun wir nicht lassen können.

Wir könnten sagen, Zorn oder Wut hätten manchmal einen ähnlichen Appellcharakter wie die Leibempfindungen Hunger und Durst und forderten uns auf, nach Wegen und Mitteln zu suchen, das mit ihnen aufgekommene Verlangen zu stillen; und in der Tat finden wir genügend Fälle, in denen wir Zorn und Wut als Verlangen nach Rache und Vergeltung interpretieren können, Rache und Vergeltung sind dann die diesen Gefühlen entsprechenden Handlungsweisen, die ebenfalls die Rationalität unserer Willkürbewegungen aufweisen. Doch kann der Zorn auch nur kurz aufwallen und wieder verpuffen.

Wenn uns übel ist oder wir uns schlaff und müde fühlen, ist es nicht ratsam, die gefährliche Bergwanderung zu unternehmen; wenn uns die Gegend nachts unheimlich dünkt und wir Angst bekommen, ist es besser, einen sicheren Ort aufzusuchen; wenn wir uns in der Anwesenheit unseres Freundes in seiner Wohnung wohl, behaglich und sicher fühlen, ist dies ein gutes Motiv, noch ein Weilchen zu bleiben.

Damit weisen wir auf den Erkenntnisgewinn hin, den uns Gefühle einbringen: Sie vermitteln uns Verhaltensdirektiven, wie die Angst einen Fluchtreflex, wenn wir hinter uns einen gefährlichen Knall hören, oder Handlungsoptionen, wie das Wohlgefühl oder das Gefühl der Sicherheit und des Behagens uns die Option, bei unserem Freund zu verweilen, der Option vorziehen läßt, gleich wieder nach Hause zu gehen.

Wenn wir verliebt sind, können wir gleichzeitig traurig sein, weil uns der Gegenstand unserer Neigung zu wenig Beachtung schenkt, ohne daß wir weniger verliebt sind, ja im Gegenteil, die Mißachtung der Geliebten vermag die Leidenschaft zu unserem Bedauern geradezu anzufachen.

Wir unterscheiden ein natürliches Ausdrucksgebaren von den Konventionen, mit denen wir unsere Gefühle zum Ausdruck bringen; der Verlust eines geliebten Menschen oder nahen Angehörigen macht uns traurig, wir können unserer Trauer konventionell Ausdruck verleihen, indem wir für eine bestimmte Zeit dunkle Kleidung oder eine schwarze Armbinde tragen; wenn wir im Trauerfall den Besuch von lauten Vergnügungsstätten meiden, gehört dies zum natürlichen Ausdrucksgebaren der Trauer, wenn wir zum Ausdruck unseres Gefühls lieber das Requiem von Mozart oder die Johannespassion von Bach als melancholische Chansons hören mögen, gehört dies zu den Formen des konventionellen Ausdrucksgebarens, mit denen wir unser Gefühl kultivieren.

Bei komplexen Gefühlen wie der Trauer können wir uns täuschen, indem wir Anlaß und Grund des Trauergefühls verwechseln: Wir nehmen den Tod unseres Freundes zum Anlaß, uns zurückzuziehen, laute und fröhliche Geselligkeit zu meiden und in der Stille uns der Verzagtheit und Melancholie hinzugeben; der eigentliche Grund für unser Gefühl und unser Gebaren aber könnte nicht der Tod des Freundes sein, sondern eine depressive Verstimmung, die wir schon lange aus ganz anderen Gründen in uns tragen und der wir jetzt intensiven Ausdruck verleihen, ohne uns dieses Hintergrundes bewußt zu sein. Daraus schließen wir, daß es Gründe für unsere Gefühle geben mag, die uns verborgen sind, oder daß wir uns in den Annahmen über die Gründe für unsere Gefühle irren können.

Eifersucht und Neid sind komplexe Gefühle oder Affekte, bei denen ein Grundgefühl wie Zorn oder Angst von anderen Motiven überlagert wird: Der Mann ist eifersüchtig auf die Geliebte, weil ihr Kokettieren und Liebäugeln mit anderen Männern seinen Zorn erweckt, und weil er anderen ihre Zuwendung und Zuneigung mißgönnt und streitig macht, aus Angst, an Selbstachtung einzubüßen, wenn ihm die Aufmerksamkeit der Geliebten durch einen Rivalen gleichsam gestohlen wird; der Mann neidet einem anderen Mann die Gunst, die ihm seine Geliebte bezeigt, wenn er den Rivalen dafür haßt und zugleich von Angst getrieben ist, der Konkurrent könnte ihn bei seiner Geliebten durch Eigenschaften und Vorzüge ausstechen, die ihm selbst abgehen.

Wir unterscheiden Gefühle und Haltungen oder Einstellungen, die mit bestimmten Gefühlen natürlicherweise verknüpft sind; so ist die erotische Faszination ein Gefühl, aber die Liebe ist kein bloßes Gefühl, sondern eine Haltung, die mit unterschiedlichen Gefühlen wie der Sorge und Angst um den Geliebten, dem Zorn über sein Fehlverhalten oder der Freude an seinem Wohlergehen verbunden sein kann. Die erotische Faszination geht meist in die Liebe ein oder wird in sie eingebettet oder eingeschmolzen; nichts hindert aber, daß die Liebe fortbesteht, wenn sich die erotische Faszination verflüchtigt hat.

Scham und Stolz oder Selbstachtung sind Haltungen und Einstellungen, in denen wir das Bild, das wir von uns haben möchten, an dem Bild messen, das wir im geselligen Umgang abgeben oder abzugeben glauben.

Wenn wir glauben, dem Bild, das wir von uns selbst haben, in der Realität auf Dauer ganz und gar nicht zu genügen, sind wir schamhaft: Diese Haltung kann sich mit verschiedenen Gefühlen verknüpfen, wie dem Gefühl der Verlegenheit, wenn wir vor anderen reden sollen, oder dem Gefühl der Beklommenheit, wenn wir über die Straße gehen und wähnen, von den Passanten scharf beobachtet oder kritisch gemustert zu werden.

Wenn wir glauben, dem Bild, das wir von uns selbst haben, in der Realität ganz und gar zu genügen, treten wir selbstsicher auf und geraten nicht in Verlegenheit, wenn wir vor anderen reden sollen, und wähnen nicht, die Passanten auf der Straße würden uns mißtrauisch beäugen und kritisch mustern.

Wo nehmen wir das Selbstbild her, das unsere Scham oder unseren Stolz begründet? Es ist das Bild der Liebe oder des Mangels an Liebe, mit dem uns die Mutter von Kindesbeinen an betrachtet hat.

Gefühlskrank nennen wir jemanden, bei dem eine Dimension des Gefühls alle anderen Dimensionen überlagert und dominiert oder bei dem eine Gefühlsdimension unzulänglich ausgeprägt ist oder vollends fehlt: So finden wir die Übersteigerung des Angstgefühls beim Paranoiker, den Mangel des Mitgefühls beim asozialen Verbrecher.

Die Grundlage allen Fühlens ist das Selbstgefühl: Keine Freude ohne jemanden, der sich freut, keine Angst ohne jemanden, der sich ängstet. Anders gesagt: Die Grundlage des Fühlens und aller spezifischen Gefühle ist die Subjektivität des Bewußtseins.

Wenn wir den Roboter mit Algorithmen füttern, die ihm das Ikon eines lächelnden Gesichts auf den Bildschirm zaubern, wenn wir einen Gruß in sein Mikro sprechen, so ist das auftauchende Lachgesicht kein natürliches Ausdrucksgebaren, denn dem Roboter fehlt die Grundlage des Fühlens und aller spezifischen Gefühle, die Subjektivität des Bewußtseins.

Wir haben bemerkt, daß die charakteristische Eigenschaft menschlicher Gefühle eine semantische Eigenschaft darstellt, nämlich, eine intentionale Struktur zu haben: Peter freut sich aufgrund der Tatsache, daß er seinen alten Freund bald sehen wird; der Grund seiner Freude ist kein Objekt in der Welt, sondern ein möglicher Sachverhalt, gleichsam die Mitte zwischen der Welt und Peters Bewußtsein. Deshalb sind wir in der Lage, den semantischen Gehalt unserer Gefühle sprachlich auszudrücken.

Steht das Zeichen G für den Ausdruck eines Gefühls und das Zeichen p für einen möglichen Sachverhalt, wird die Semantik des Gefühls so geschrieben:

G (p)

An der schlichten Formel gewahren wir auch die Möglichkeiten ihrer Variation, wenn wir mehrere verschiedene Gefühle einem Sachverhalt zuordnen oder ein Gefühl mehreren verschiedenen Sachverhalten oder mehrere verschiedene Gefühle mehreren verschiedenen Sachverhalten:

G1, G2, G3 (p)
G1 (p1, p2, p3)
G1, G2, G3 (p1, p2, p3)

Wir können auch dem Umstand semantisch gerecht werden, daß uns Gefühle zu eigen sind, die ihrerseits Gefühle zum intentionalen Gegenstand haben, wie im Falle, daß wir uns schämen, weil wir verlegen sind, wenn wir vor anderen reden sollen:

G1 ((G2) p))

Auch diese weniger schlichte Formel können wir in der gewohnten Weise variieren, beispielsweise:

G1 ((G2,G3) p))

Die Semantik dieses reflexiven Gefühls zeigt sich zum Beispiel, wenn wir uns schämen, zufrieden und stolz auf eine Leistung zu verweisen, die wir nur mit Mühe und Not und nicht ohne Hilfe eines sachkundigen Freundes hinbekommen haben.

Kann sich der Hund Wuschel darauf freuen, daß sein Herrchen Peter heute Abend aus dem Büro nach Hause kommt und ihm ein Leckerli mitbringt? Der Hund freut sich tierisch, wenn Peter die Tür aufschließt; aber Wuschel kann sich zu komplexen Gefühlen wie der Vorfreude oder Haltungen und Einstellungen wie Scham, Stolz oder Liebe, die immer mit spezifischen Gefühlen verknüpft sind, nicht verstehen.

Der Hund kann verlegen sein, wenn er das Spielzeug, das er seinem Herrchen freudig zu überbringen pflegt, nicht auf Anhieb findet; aber Wuschel schämt sich nicht, weil er glaubt, dem Idealbild, das sich sein Herrchen von seiner Hundenatur gemacht hat, in Wirklichkeit nicht zu entsprechen.

Wir werden auch nicht sagen, Wuschel habe sein Herrchen nicht nur gern, sondern sei mit ihm in der Einstellung verbunden, die wir Liebe nennen, denn er scheint nicht in der Lage zu sein, sich um Peter zu sorgen und zu ängstigen, wenn dieser traurig dreinblickt und zu den üblichen Spielen und Späßen nicht aufgelegt ist; das Tier ist vielmehr einfach enttäuscht, daß sein Spielkamarad sich so mißgelaunt und verdrießlich zurückhält.

Können wir überhaupt sagen, der Hund freue sich, wenn sein Herrchen nach Hause kommt, in dem Sinne, wie wir uns freuen, wenn uns unser Freund besucht? Wenn wir den Tier-Mensch-Unterschied auf die semantische Grundlage und Struktur menschlichen Fühlens beziehen, erkennen wir einen nicht nur graduellen Unterschied, weil etwa Wuschel das Zeitbewußtsein abginge, um Vorfreude über die abendliche Heimkehr Peters zu fühlen, sondern einen prinzipiellen Unterschied, weil der Hund nicht jene Subjektivität des Bewußtseins hat, die uns mit intentionalen Gegenständen von Gedanken und Gefühlen versieht. Denn Wuschels Freude ist die Wirkung der Ursache, daß seine neuronalen Prozesse vom charakteristischen Ganggeräusch und dem Geruch seines Herrchens stimuliert werden; die Emotion des Tiers hat aber nicht einen semantischen Gehalt in der Annahme, daß sein Herrchen nach Hause kommt.

Wir können den Tier-Mensch-Unterschied auch so umschreiben: Im Gegensatz zum Tier existieren wir als die Subjektivität des Bewußtseins, die sich jederzeit und allenthalben in der semantischen Struktur von Glaubens- oder Behauptungssätzen ausspricht. Die gilt auch für Gefühle, denn wir sind nicht bloß kausal veranlaßt, traurig oder froh zu sein, sondern aufgrund eines wirklichen oder möglichen Sachverhalts, den wie gezeigt der zugehörige Satz G (p) ausdrückt.

Wir sind demnach mit dem Tier auf der Basis unserer Empfindungen eher verwandt als auf der Basis unserer Gefühle, denn Empfindungen wie die Schmerzempfindung haben offenkundig nicht die Semantik der Intentionalität.

Besonders deutlich zeigt sich dieser semantische Sachverhalt in der Grammatik vieler Sätze, mit denen wir unsere Gefühle beschreiben:

1.1 Ich fühle mich traurig.
1.2 Ich freue mich.
1.3 Ich ärgere mich.

2.1 Ich ärgere mich, daß ich verlegen bin.
2.2 Hoffentlich werde ich nicht verlegen, wenn ich ihr begegne.

In den unter 1 formulierten Sätzen finden wir die wohlbekannte reflexive Satzform, in der sich die Subjektivität des Bewußtseins einfach darstellt; in den unter 2 formulierten Sätzen finden wir zweierlei, was für die Semantik des Gefühls erheblich ist: den Rückbezug des Personalpronomens der 1. Person des Nebensatzes auf das Subjekt des Hauptsatzes und den uns schon bekannten Ausdruck von Gefühlen zweiten Grades oder die ihm entsprechende semantische Hierarchie. Das sehen wir deutlich, wenn wir 2.2 umformen:

2.3 Ich hoffe, daß ich nicht verlegen werde.

Wir lassen hier offen, ob wir mentale Begriffe wie „hoffen“ und „erwarten“ vollständig mit der Semantik des Gefühls analysieren können oder nicht. Jedenfalls ist es nicht unplausibel, Zweifel anzumelden, ob wir Peters Hund Wuschel die Überzeugung unterstellen können, die wir in dem Satz ausdrücken, daß das Tier erwarte, sein Herrchen komme heute Abend zurück, oder daß es hoffe, nicht wieder verlegen zu werden, wenn es vergeblich sein Spielzeug sucht, um es ihm zu apportieren.

Ein semantisch wesentlicher Tier-Mensch-Unterschied auf der Ebene der Gefühle scheint im erwähnten Unterschied von Ursache und Grund zu liegen: Tiere scheinen keine Gründe für ihre Gefühle zu haben, sondern unmittelbar von den neuronalen Ursachen ihrer Gefühle gesteuert zu werden, weshalb sie sich in Gefühlsdingen nicht selbst täuschen können, während Menschen oft durch Irrtümer hinsichtlich der Gründe für ihre Gefühle in die Irre gehen. So hoffte der Lyderkönig Krösus, wie der Historiker Herodot berichtet, im delphischen Seherspruch der Pythia, daß er ein großes Reich zerstören werde, wenn er auf seinem Kriegszug den Grenzfluß Halys gegen Persien hin überschreite, mit diesem Reich sei das Perserreich gemeint; aber er täuschte sich in seiner Hoffnung und Erwartung, denn bekanntlich war es in Wirklichkeit sein eigenes Reich. Krösus vergaß gleichsam, angesichts der Prophezeiung statt freudiger Erwartung das Gefühl der Furcht in sich zu erwecken. Das zeugt von seiner Hybris, seiner Selbstüberhebung und Selbstüberschätzung, Fehlhaltungen und Perversionen der rechten Haltung der Selbstachtung.

Im Gegensatz zu Empfindungen und elementaren Emotionen, die uns unmittelbar vor Gefahren warnen oder in Richtung des Lebensförderlichen und Fruchtbringenden lenken, sind komplexe Gefühle und Haltungen auf gefühlshafter Grundlage wie Liebe, Scham und Selbstachtung demnach offen für eine kritische Prüfung auf ihre Angemessenheit zur jeweiligen Situation durch die Urteilskraft: Ist der Gegenstand meiner Liebe all jener Sorgen und Bemühungen wert, die ich ihm opfere? Beruht meine Scham auf echten Idealen, denen nicht gerecht geworden zu sein mein Gefühl der Unzulänglichkeit rechtfertigt? Ist meine Selbstachtung Ergebnis echter Leistungserfüllung und wahrhaft errungener moralischer Siege?

Gefühle offenbaren uns die wesentlichen Tatsachen des Lebens in ihrer Bedeutsamkeit für das Leben: Lust und Freude geben uns allererst den Geschmack für die Dinge, die uns zuträglich und förderlich sind, Ekel und Angst warnen uns vor den Dingen, die uns nicht bekömmlich und schädlich sind; Mut und Zorn sind elementare Antriebe, das zu vollbringen, was uns gedeihlich und lebensdienlich dünkt, und die Hindernisse und Hemmnisse einzureißen und abzuwehren, die uns Steine in den Weg legen.

Aber wir gehen noch weiter, wenn wir sagen, daß wir unser Gefühlsleben im besten Falle durchsichtig und kostbar machen, wenn wir es den höherstufigen und höherwertigen Einstellungen und Haltungen der Liebe und der Selbstachtung dienstbar machen: wenn wir uns Sorgen und Ängste machen um das, was wir lieben, wenn wir den Gegenstand unserer Liebe mittels der elementaren Antriebe von Mut und Zorn in Schutz nehmen, und wenn wir unsere Selbstachtung steigern, indem wir Opfer und Taten zugunsten dessen vollbringen, was wir lieben und verehren.

Jan 19 17

Miniaturen des Lebens XX

Wie ein Veilchen
legtest dein Wort du
auf die Schwelle,
wie eine Kerze
stelltest du es
ins Fenster.
O, es verblühte schon,
ward weggefegt,
ein Hauch der Nacht,
und es verlöschte.
Doch was du beiseite
geredet, wie im Schlaf,
war ein Tropfen Licht,
der die Liebe genährt.

Jan 19 17

Miniaturen des Lebens XIX

Ufersteg ins Schweigen,
Schritt für Schritt.
Leises Schwanken,
dunkles Schluchzen.
Nur Wind, der spricht
im zerzausten Haar.
Urdunkler Raum,
verstummtes Lied.
Über dem tiefen See
unheimliches Regen
geisterhafter Nacht.

Jan 19 17

Miniaturen des Lebens XVIII

Wie Pflaumenkuchen, auf dem Sahne prunkt,
Wespen gern umschwirren, ist das Wort,
an dem noch Spucke klebt, heimgesucht
von Trug, der glänzt und rasch betäubt,
doch bald wie Schnee geschmolzen
Schmutz und Elend wieder freilegt,
oder wie der Tonkrug auf dem Grab,
in dem Päonien spät noch prangen,
faulig riecht nach abgestandnem Wasser.
So sind die großen Sprüche, die sie schinden
über Welt und Gott, all ihr edles Ansinnen,
Schminke, die Schorf und Krätze kaum verdeckt.
Anders die schlichte Geste, wenn du winkst
dem Lächeln eines alten Freundes oder
mit dem Finger weist auf eine Augenweide.
Anders das Bildnis, das du trägst als Amulett
auf der Haut, gewärmt vom eignen Blut,
das Bild, das du küßt, wenn naht die Nacht
oder unter Gottes Wettern Wogen steigen,
das heilige Zeichen auch, das den Herzschlag
kreuzt, sie sprechen für dich immer wahr,
auch da geheimer Sinn sie adelt.

Jan 19 17

Miniaturen des Lebens XVII

Siegel, Gemmen, Amulette,
die Kunde geschnittener Steine,
minoisch-kretisch-mykenisch,
die frühsten Miniaturen unserer Welt,
sie reden vor tausenden Jahren
von dir und mir, von ihnen und allen,
von gestern, heute und immer,
von dort und hier und überall,
in kleinen Bildern des Lebens.
Gekerbt, geritzt, gestichelt,
feinste Linien des Sehens,
Fühlens und Denkens bezeugen
Raster, Muster, Gitter, Spiralen,
Ornamente aus Blüten und Blättern;
Rind und Eber, Eule und Schwan,
Ziege und Löwe, Hirsch und Hund,
Tiere der Mitwelt, Tiere der Jagd,
jedes in der Gestalt seiner Art,
jedes mit dem Hauch und Ausdruck
seines eigenen Wertes im Sein;
und dort geht und steht der Mensch,
erhebt sich siegreich, sinkt ins Knie,
furcht und besamt, tötet und tanzt,
umwoben vom Sinn, umgeistert
von den Auren der Arbeit, der Liebe,
des Kampfs und der singenden Lust,
in der Nacktheit sterblichen Glanzes,
verhüllt unter göttlichem Licht,
eins mit dem Tier Minotaurus,
neben dem Tiere Jäger und Hirte,
vor den Göttern Priester, Sänger und Beter.
All diese Bilder und Siegel sind Anspruch
und Wahrspruch einer Geste,
die wie ein Geist in der Luft steht:
„Ich bin da, wir sind es, seht auf uns,
achtet das Meine, würdigt das Unsre,
im Kreise des Lebens, seht uns an!“

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XVI

Der Schrank roch nach Mottenpulver
und Veilchen, Hemden, weiße, gestreifte,
Krawatten, die der Hand schmeichelten,
und hatten Farben lang verblühter Zeiten,
feine Hüte mit schwarzen Seidenbändern,
die heute niemand mehr zu tragen sich getraute,
und edle Anzüge, maßgeschneidert,
für das Maß eines zarten Lebens,
das von der Loge einer Operette winkte
oder ein Picknick machte mit Damen,
Rouge auf den Wangen, weißbestrumpften,
mit denen ihr Männlein artig gescherzt,
Handschuhe, gegerbtes Leder vom Hirsch,
und seidene Tücher, blumig gefleckt,
aprikosenfarben, erdbeer- und himbeerrötlich,
für dünnen Halses leicht erregbare Haut.
Spazierstöcke mit beinernem
oder hornig geschnörkeltem Griff,
für adrett beschwingte Gänge
durch herbstlich verklärte Alleen,
und die Hand zierlich darüber zu breiten,
wenn den weiß-blauen Strandkorb
lauer Abendwind blähte.
All dies wurde von groben Händen hastig
unter schmutzigem Lachen zusammengerafft,
und in Wäschekörbe gepackt,
dem Finderglück des kleines Mannes
zugedacht von der Caritas,
nachdem der verkrebste Besitzer
drei Tage im eigenen Kot gelegen hatte.

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XV

Da steht der grob gezimmerter Tisch,
und auf der kahlen Fläche liegt
eine schlanke blaue Vase, Rosen
strecken ihre verschrumpelten Köpfe
ins Leere, ein gekipptes Glas
aus zart geschliffenem Kristall,
der Wein ist ausgeflossen
und sickert noch vom Rand.
Da liegt eine Scheibe Brot,
mit Honig bestrichen, eine Mücke
tut sich gütlich daran,
Krümel, verstreut, von Tabak
und Lachen von rotem Wachs,
der einmal von einer Kerze getropft.
Das gepreßte Herzblatt einer Linde,
beschwert von einem Kieselstein.
Der hölzerne Stuhl ist umgestürzt,
als wäre, der darauf saß, vor Schreck
aufgesprungen, die Hand vor der Brust,
als habe er plötzlich etwas erkannt.

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XIV

Daß du dies Kind gewesen,
blonder Knabe mit dem Blau
von scheuen Kinderaugen,
und hocktest auf dem Schemel
aus Holz mit dem oval gesägten
Griff grad auf der Schwelle da,
der trockenen, still zu lauschen
dem grauen Lied des Regens,
der schräg dir in die Seele fiel,
oder das wilde Herz zu öffnen
den Flocken ersten Schnees,
als haschte blind ein Mund
nach einem hingehaltenen und
immer bang zurückgebognen Mund,
oder zu schmecken Salz des Schicksals
im Wind, der wie Gedankenfetzen
welke Blätter vor sich blies,
dies Kind, das seine Stulle kaute
und in einen sauren Apfel biß,
o Tag und Nacht und Jahr um Jahr,
wie von Efeu ganz bedeckte Mauer
zwischen dir und jenem Kind,
und schwebt die graue Seele schon
durch kalten Abends Dunst,
es sitzt noch auf der Schwelle,
es ist noch immer nah.

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XIII

Du baust dir eine schroffe Burg
aus knorrigem Knochenwuchse,
denn Erde drängt, hart zu stehn
im harten Licht; Ursinn feuchtet dir
den Grund, wo bis zur Dämmerung
weissagt ein Quell im Wechselsang
mit silbernen Liedern deines Laubs;
o daß sein Schatten lang noch kühlt
die Müdigkeit von Hirten oder Liebenden.
Wir pressen deine dunkle Frucht,
Olivenbaum, wenn deine Haine
rauschen von Wiederkehr und Dank,
zur Nahrung unsres kleinen Lebens,
zur Salbung seines Königtums.

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XII

Wir wandeln unterm Schleier des Gesetzes,
durch den wir sehen aus dem Dunkel steigen
des Lichtes Blüte und den offenen Tag,
und wie der Sturm die Blüte schüttelt
und streut der Blätter Abschiedsgrüße
in das Grab der allzu frühen Nacht,
und wie wir stumm zur Heimat hasten,
die graue Wolkenwand uns engt.
Und haben manchmal noch von jener Blüte
einen Duft ins Zimmer heimgebracht,
der uns im schwachen Schein der Lampe
erinnert an das tränenhelle Ja,
das aus dem Mund der Rose niedertroff.

Jan 18 17

Miniaturen des Lebens XI

Zwei graue Buddhaköpfe aus Basalt
ragen aus dem Grün, manchmal
rutscht die Schnecke darauf abwärts,
manchmal zittert dort ein Tropfen Licht
silbern auf dem kahlen Schädelrund,
dessen Mund in dunkler Erde schweigt.
Dem Wetter wunderbar ergeben,
umspielt sie tags der heiße Strahl,
küßt kühles Sternenlied sie nachts.
Da hat die Spinne schon gespannt
den Faden an ein müdes Augenlid,
und ein Zitronenfalter sonnt sich lang
auf platter Nase seine gelben Flügel.
Wie wäscht der warme Regen mild
von ewigen Schlafes Stein den Staub,
den niemals Traum verstört von Dämon
oder Tier, der dicht und immer dichter
übermalt von grünem Span und Flechten
von eigenen Gewichtes Gnaden langsam,
langsam in der Erde Nacht einsinkt.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens X

Es gibt ein Fenster,
durch das du erblickst
der Seele Wandergestalt.

Es gibt einen Spiegel,
in dem dir entgegenblüht
die Wunde Einsamkeit.

Es gibt einen Zweig,
der tropft von Wahrem,
wenn Seele an ihn rührt.

Was ist dieses Fenster?
Was ist dieser Spiegel?
Was ist dieser Zweig?

Es ist das göttliche Lied
auf Lippen, die tranken
vom Weine Flammen.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens IX

Du hobst den Blick zu den Sonnen
und fandest dich nicht.
Ein Blatt wandertest du auf den Strömen,
doch mündetest du nicht.

Du jätetest den Auswuchs der Lettern
und lasest dich nicht.
Ein Aas im Auge niederer Rassen,
begannst du zu stinken.

Auf der Bank über dem Rhein
sahst den Tod du im Rebenstrunk.
Nachts lief die Mücke der Angst
über dein Gesicht.

(Hier tropft vom Auge der Rose,
die einzig dich nährt,
Träne der Erinnerung.)

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens VIII

Geädertes Blatt der alten Hand,
der Seele strenger Faltenwurf,
echter Ausweis des Daseins,
wie das Ornament der Stirn
und der trauliche Zungenschlag.
Lesen wir in den Linien und Furchen,
den versickerten Rinnsalen,
den harten verschatteten Kuppen,
den von Kampf geschabten Hügeln,
lesen wir in den Rillen und Ritzen,
den Mulden und Schründen,
in den Flußbetten, die einmal
sorgenvolle Liebe gegraben
und ihre Glut getrocknet hat,
Adern, die im Niemandsdelta
münden, lesen wir darin
die Landkarte der wandernden Seele.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens VII

Freude aus einem Rosenblatt
schlürft die gewanderte Seele,
wie Halme tropfend von Schlaf
beugt sie sich zu den Faltern,
die ihre Träume sprenkeln
mit buntem Staube der Flügel.
Ihr Reich scheint klein, umzirkt
von Farn und dem frohen Rinnsal
hüpfender, seliger Klänge,
doch gießt Mond in hoher Nacht
in den Kelch ihres Schoßes
goldene Unendlichkeit.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens VI

Dort lag die weiße Muschel im Sand,
die dir ans kindliche Ohr gepreßt
aus einer Ferne tönte, dunkel wie Tang,
hell wie Koralle, und das ganze Meer
ging in sie ein und hob den Schaum
der Ewigkeit dir über das Herz,
und es vergaß zu schlagen, hing,
Möwe des Lichts, einen Augenblick
über dem blaugrünen Grund.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens V

Wie Schatten wandeln wir unter Bäumen,
und wie Reflexe einer blassen Sonne sind
die aufblitzenden, die verlöschenden
Gedanken auf den Teichen unserer Seelen.
Ein Geier mit blutigem Schnabel reißt
die Zeit aus dem Gedärm uns den Sinn
des Seins. Wo ist der Spruch aus dem Mund
des Propheten, dich mit Geist zu salben,
den du einst mit dem Heiligenbild
im Buch mit dir getragen, Buch,
in ein weißes Seidentuch geschlagen,
bestickt mit flammenden Initialen,
damit deine verschwitzte Kinderhand
es nicht mit Lebensflecken entstelle?

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens IV

Auf einem durchbrochenen Deckchen
aus Brokat ein Andachtsbild im Silberrahmen,
ein Stundenbrenner, der seelenschwach
im Luftzug flackerte, ein schimmerndes Etui
aus Emaille, mit grünem Samt beschlagen,
wo der Rosenkranz geruht, den die letzte
Inbrunst einer weißen Hand ergriff,
in Nächten ohne Mond und ohne Lied.
Das genügte ihr, zu sterben dort allein,
dort allein, in einem Eichenbett,
das nicht mehr ächzte, denn ihr Leib,
das wächserne Bildnis eines greisen Kinds,
lag darauf wie kleinen Vogels Schlaf.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens III

Dann wieder duldet es die Nähe nicht,
nicht Zuspruch oder Zärtlichkeit, wenn
in den Mantel seines Fells vermummt,
die Andachtspfoten vor dem Maul gefaltet,
das Hündchen müd ein Lid aufzieht
und leise in sich grummelt, wenn du
unbedacht an seinem Ohr es kraulst.
Dann will es nur noch seufzen, dösen,
träumen, nicht mehr sein der Wuschel-Wirbel,
der sich um das Würstchen dreht,
den fetten Zipfel deiner Freundlichkeit,
den du ihm hinhältst, daß es jault.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens II

Der Kuckuck, dessen Rufen unser Herz
seltsam innig lauscht, als weckten sie ihm
die Erinnerung an ein fern Ersehntes,
das keinen Namen hat, er hat sein Ei
ins Nest des Teichrohrsängers gelegt,
das zart im Schilfe über dem Wasser
schwebt. Wie die kleinen Sänger
sich mühen, den dicken Schmarotzer
noch dicker zu füttern, und hat ihnen
das eigne Gelege über Bord geschubst.
Sie sehen nicht den Eindringling
ihre Kraft verzehren. Und geben alles.

Jan 17 17

Miniaturen des Lebens I

Manchmal hörst du es hinter dir hecheln,
wenn du blind der Sonne entgegengehst,
ein Hündchen, dem der Schweif kreiselt,
wenn es dir auf den Fersen ist, treuherzig
und voller Freude, dich wiederzusehen.
Drehst du dich um, setzt es sich vor dich hin,
die rote Zunge hängt schief aus dem Maul,
und dunkle Augen blicken hoch zu dir,
aus einem hellen Wuschelköpfchen,
das sich possierlich zur Seite neigt,
wie um zu sagen: „Sind wir nicht Freunde?“

Jan 16 17

Die Stimmen der Schatten

Lyrisch-philosophisches Spiel für zwei Stimmen, Geräusche und eine Lichtquelle

Leere Bühne, drei Lautsprecher, zwei für jeweils eine Stimme und einen für Geräusche, eine Lichtquelle, in den dunklen Zuschauersaal gerichtet, deren Intensität im Rhythmus und Gegenrhythmus der Klangerzeugung wechselt.

 

Vorspiel

Dunkelheit. Stille. Nach einer Weile Geräusch von Regen, der auf Asphalt prasselt. Stille. Windgeräusche. Verebbend. Stille. Dreimal Ein- und Ausatmen. Stille. Seufzen. Das Licht geht an, wenn eine Stimme ertönt. Erlöscht kurz. Geht erneut an.

1. Stimme:

Also dies ist die Natur der Dinge …

2. Stimme:

… oder das Gesetz der Welt.

1. Stimme:

Das Licht kommt aus dem Dunkel …

2. Stimme:

… und kehrt wieder ins Dunkel zurück.

1. Stimme:

Die Stimme kommt aus der Stille …

2. Stimme:

… und kehrt wieder in die Stille zurück.

1. Stimme:

Die Stimme kommt mit dem Licht aus dem Dunkel …

2. Stimme.

… und kehrt wieder mit dem Licht ins Dunkel zurück.

1. Stimme:

Und deine und meine Stimme …

2. Stimme:

… unsere Stimmen sind Schatten des Lichts.

 

Spiel

Dunkelheit. Stille. Nach einer Weile Geräusch von Regen, der auf Asphalt prasselt. Stille. Windgeräusche. Verebbend. Stille. Dreimal Ein- und Ausatmen. Stille. Seufzen. Das Licht geht an, wenn eine Stimme ertönt. Erlöscht kurz. Geht erneut an.

1. Stimme:
Woher kommt der Atem?
Woher kommt der Wind?
Woher kommt der Regen?
Woher kommt das Licht?

Stille – dreimal Ein- und Ausatmen – Regen, der auf Asphalt prasselt – Stille – Seufzen – Stille

2. Stimme:
Wie lange schon Atem?
Wie lange schon Wind?
Wie lange schon Regen?
Wie lange schon Licht?

Stille – dreimal Ein- und Ausatmen – vom Wind verschluckt – Stille – Seufzen – Stille

1. Stimme:
Wie lange noch Atem?
Wie lange noch Wind?
Wie lange noch Regen?
Wie lange noch Licht?

2. Stimme:
Der Atem durchfließt mich, ohne mich zu wärmen.
Der Regen durchfließt mich, ohne mich zu kühlen.

Stille – dreimal Ein- und Ausatmen – Regen, der auf Asphalt prasselt – Stille – Seufzen – Stille

1. Stimme:
Der Atem durchfließt mich, ohne mich zu wärmen.
Der Wind durchweht mich, ohne mich zu kühlen.

2. Stimme:
Die Stimme geht mit dem Licht, als wäre sie sein Schatten.

1. Stimme:
Die Stimme redet mit dem Licht, als würde sie heller und dunkler.

1. Stimme:
Die Stimme geht im Rhythmus des Lichts.

2. Stimme:
Das Licht ist ein Ausfluß der Dunkelheit.

1. Stimme:
Die Stimme ist ein Ausfluß des Lichts.

2. Stimme:
Die Stimme mündet im Licht.

1. Stimme:
Das Licht mündet in der Dunkelheit.

2. Stimme:
Die Stimme mündet in der Stille.

1. Stimme:
Die Stille ist der Ausfluß der Dunkelheit.

2. Stimme:

Die Dunkelheit fließt aus sich selber.

1. Stimme:
Die Dunkelheit fließt aus sich selber.

Stille – dreimal Ein- und Ausatmen – vom Wind verschluckt – Stille – Seufzen – Stille

2. Stimme:
Gibt es einen Grund für den Atem?
Gibt es einen Grund für das Seufzen?

1. Stimme:
Gibt es einen Grund, aus dem der Wind weht?
Gibt einen Grund, aus dem der Regen fällt?
Gibt es einen Grund, aus dem das Licht leuchtet?

2. Stimme:
Der Grund für den Atem hat keinen Mund.
Der Grund für das Seufzen hat kein Herz.
Der Grund für das Licht ist dunkel.

1. Stimme:
Der Wind weht aus dem Grund ohne Grund.
Der Regen fällt aus dem Grund ohne Grund.
Das Licht leuchtet aus dem Dunkel in das Dunkel.

2. Stimme:
Das Atmen hat sein Licht.
Das Seufzen hat sein Licht.

1. Stimme:
Der Wind hat sein Licht.
Der Regen hat sein Licht.

2. Stimme:
Woher kommt das Licht?

1. Stimme:
Kommt es von außen
oder kommt es von innen?

2. Stimme:
Woher kommt der Wechsel des Lichts?

1. Stimme:
Kommt er von außen
oder kommt er von innen?

2. Stimme:
Bleibt das Licht, wenn wir gehen?
War es schon da, bevor wir kamen?

1. Stimme:
Bleiben wir, wenn der Atem verstummt?
Bleiben wir, wenn der Wind verebbt?

2. Stimme:
Bleiben wir, wenn das Seufzen versiegt?
Bleiben wir, wenn der Regen aufhört?

1. Stimme:
Wir wissen es nicht.

2. Stimme:
Wir werden es nie wissen.

1. Stimme:
Wir können es nicht wissen.

2. Stimme:
Wir werden es nie wissen.

Atmen – Wind – Seufzen – Regen –
Licht, das heller wird und dunkler

1. Stimme:
Ist all dies schon einmal geschehen?

2. Stimme:
All dies ist schon immer geschehen.

1. Stimme:
Dann sind wir jetzt in der Ewigkeit.

2. Stimme:
Ewigkeit ohne Gestern und Morgen.

1. Stimme:
Ewigkeit, solange das Licht leuchtet.

2. Stimme:
Solange wir reden.

1. Stimme:
Solange wir sterben.

2. Stimme:
Solange wir Schatten sind.

1. Stimme:
Warum können wir uns nicht sehen?

2. Stimme:
Weil wir unsichtbar sind.

1. Stimme:
Warum können wir uns nicht berühren?

2. Stimme:
Weil wir Monaden sind.

1. Stimme:
So berühren wir immer uns selbst …

2. Stimme:
… wenn wir anderes berühren.

1. Stimme:
Was immer wir vernehmen …

2. Stimme:
… steigt auf einsam in uns auf …

1. Stimme:
.. schwindet grenzenlos ins Grenzenlose hin …

2. Stimme:
… grenzenlos ins Grenzenlose hin.

Atmen – Wind – Seufzen – Regen  –
Licht, das heller wird und dunkler

1. Stimme:
Werden wir weiteratmen, wenn der Wind verebbt?

2. Stimme:
Werden wir weiteratmen, wenn der Regen aufhört?

1. Stimme:
Werden wir weiteratmen, wenn das Licht verlöscht?

2. Stimme
Wir wissen es nicht.

1. Stimme:
Wir werden es nie wissen.

2. Stimme:
Wir können es nicht wissen.

1. Stimme:
Werden wir weiterreden, wenn der Wind verebbt?

2. Stimme:
Werden wir weiterreden, wenn der Regen aufhört?

1. Stimme:
Werden wir weiterreden, wenn das Licht verlöscht?

2. Stimme:
Solange wir Atem haben …

1. Stimme:
… werden wir weiterreden.

2. Stimme:
Solange das Licht leuchtet …

1. Stimme:
… werden wir weiterreden.

Dunkelheit. Stille. Nach einer Weile Geräusch von Regen, der auf Asphalt prasselt. Stille. Windgeräusche. Verebbend. Stille. Dreimal Ein- und Ausatmen. Stille. Seufzen. Das Licht geht wieder an, wenn eine Stimme ertönt. Erlöscht kurz. Geht erneut an.

 

Nachspiel

1. Stimme:

Also dies ist die Natur der Dinge ….

2. Stimme:

… oder das Gesetz der Welt.

1. Stimme:

Das Licht kommt aus dem Dunkel …

2. Stimme:

… und kehrt wieder ins Dunkel zurück.

1. Stimme:

Die Stimme kommt aus der Stille …

2. Stimme:

… und kehrt wieder in die Stille zurück.

1. Stimme:

Die Stimme kommt mit dem Licht aus dem Dunkel …

2. Stimme.

… und kehrt wieder mit dem Licht ins Dunkel zurück.

1. Stimme:

Und deine und meine Stimme …

2. Stimme:

… unsere Stimmen sind Schatten des Lichts.

Der Wind verebbt, Atmen, Regen und Licht bleiben.
Der Regen hört auf, Atmen und Licht bleiben.
Das Licht verlöscht allmählich, dreimal Ein- und Ausatmen.
Das Licht ist vollständig erloschen. Seufzen.
Stille, ununterbrochene Stille.

Jan 15 17

Traumreste XX

Sinnend über den Spruch
für den einsamen Stein
gehst du heiter ins Feld.

Das dein Gesicht streifende Blatt
liest du nicht auf,
ins Unlesbare gehst du.

Das blendende Gelb,
das dunkelnde Grün,
dein Herz bleibt grau.

Ritzt deine Lippe Kristall,
kitzelt Schaum deine Zunge,
die Stille bleibt dir ungerührt.

Leben und der tückische Traum
schütteln die Deutungen ab,
du gehst ohne Schirm ins Gewitter.

Jan 15 17

Traumreste XIX

Nur ein zarter Schatten
steht aufrecht auf der Linie.

Eine Muschel oder ein Krug
sind schon zu schwer.

Die Köpfe der späten Rosen
sinken nach unten.

In welcher Gestalt
können wir bestehen?

Das verwischte Bild,
wiegt es leicht genug?

Das verschwiegne Wort
hält es ein wenig uns noch?

Jan 15 17

Traumreste XVIII

Ein Knochen ragt
aus dem Traum,
ihn warf zur Deutung,
der die Zeichen geritzt.

Sehen oder Lesen,
Schreiben oder Deuten,
Deuten und Verwandeln.

Was vor uns war,
kommt wieder,
ist schon da.

Die Sonne Auge,
Träne der Mond.

Der Erde Antlitz,
rein von Aussatz.

Stern um Stern,
schweigende Blüten.

Das Meer Lack
schwarzer Stille.

Auf den Altären
ewiger Schnee.

Jan 14 17

Traumreste XVII

Dort am schmalsten Rand,
zwischen Lippe und Luft,
Wimper und Schlaf,
gehen die Worte uns aus,
kehren die Träume zurück.

Dort auf der Schwelle,
zwischen Woge und Schaum,
Licht und Vergessen,
ist Ankunft im Warten,
sind wir im Abschied zu Haus.

Jan 14 17

Traumreste XVI

Gestautes Licht,
Verklärungswellen,
wenn Sandsteins Röte
und das Schiefergrau
in den Abendstrahlen
Seele finden
für ihr irdisch-reines Sein.

In den wüsten Brachen,
wo Verwesung summt
mit grünen Mücken,
wird Gottes Frieden
fast zum Lied
im Wind vergilbter Schnipsel.

Als hielte inne alles,
was da Atem hat,
als schlösse Tod selbst
das Kyklopenauge,
geblendet vom Golde
dieses Abendsegens.

Jan 14 17

Traumreste XV

Den Heimatlosen,
die bei Disteln säumen,
sei vergönnt zu träumen
von heimatlichen Rosen.

Die ohne Gruß entschwinden,
sollen im Schoß der Güte
den Duft der Lilienblüte
dereinst wiederfinden.

Denen, die wortlos gingen,
da erster Schnee gefallen
mit lautlosen Kristallen,
soll das letzte Lied erklingen.

Jan 14 17

Traumreste XIV

Da sind Sporen aus Gold,
aus huldvoll gesenkter Hand
geblasen in unsere Nacht.

Da ist die Dünung des Lichts,
wandernd im Gegensinn,
wenn wir schlafen.

Da wächst im Innern der Erde
ein Schmerzkristall,
scheue Tiere der Nacht hören,
wenn er tönt.

Da steigt aus der Rose,
die unter dem Kreuze wacht,
ein Jenseitsduft uns
in den bleiernen Traum.

Jan 14 17

Traumreste XIII

Eingeebnet,
der Erinnerung Grab,
und Zahl und Name,
zermahlene Knochen.

Der Ruf der Glocken,
Kindheit, verweht,
da mit dem Laub der Linde
golden hinsank Gebet.

Dort über rostigem Draht
wand sich Licht
mit weißen Wicken.

War hier die Kuhle,
von kleinen Händen
eifrig geplättet?

Doch keine Murmel
schimmert darin,
warm noch von Spiel.

Jan 14 17

Traumreste XII

Auch dies verweht,
noch eine Weile geplustert im Wind,
die weißen Federn der Taube,
das zarte Gerippe,
und wo der Häher gehackt,
auch er zerfällt,
der abgerissene Schädel.

Das warmgesagte Wort,
der bei der leisesten Berührung
aus der Kapsel so langen Wartens
gesprungene Kuß, sie sind,
kleine Lampions des Lebens, erloschen,
wie im Schwarm der Träume
die trübe Lampe der Nacht.

Da liegt noch zurückgelassen
auf zerstochenem Kissen von Batist
der blecherne Fingerhut,
und der Finger, seine sanfte Geduld,
o der mütterlichen Geduld,
sie sanken lange dahin
in den vergeßlichen Lehm.

Jan 13 17

Traumreste XI

Da ringelt sich die Schale,
noch geht ein Duft von ihr aus …

Da wölbt sich das lose Blatt,
noch sind seine Adern lesbar …

Da bauscht sich das Kissen,
noch atmet es in den Falten …

Da ruht die erkaltete Pfeife,
noch ist die Luft rings verbittert …

Da liegt der zerrissene Brief,
noch zittert eine Seele im Zimmer…

Jan 13 17

Traumreste X

„Hier standen doch die Rosen,
und hier der Brunnen einst.“

„Wir sind im fremden Land,
das den Toten angehört.“

„Gibt es kein Blühen hier
und ist kein Wasser,
daß man davon trinke?“

„Hier knospen keine Seufzer,
die ferne Liebe schickt,
hier tränken keine Tränen,
die ferne Liebe weint.“

„Hier war ich schon als Kind,
im Schatten hoher Linde,
hier riefen mich die Glocken
zu stiller Andacht wieder.“

„Wir sind im fremden Land,
das den Toten angehört.“

„Gibt es keine Bäume hier,
und ist kein Glockenklang,
daß man niederknie?“

„Hier wirft ein Schatten nur
das Kreuz in hoher Mitte,
hier knien wir in Stille,
wenn Blut herab ihm quillt.“

Jan 13 17

Traumreste IX

So gehen Hand in Hand wir
zu der reinen Stätte,
die Birken sanft erhellen,
wo den Tritt des Wilds
dunkle Moose dämpfen.

Tot zu sein sind wir da gebettet,
Liebe haltend Hand in Hand,
mit jenem letzten Lächeln,
das die hohen Stimmen wecken,
die durch der Zweige Schatten
aus dem reinen Himmelsblau,
die unser lang schon harren,
die Seligen uns niedertönen.



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