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Jan 13 17

Traumreste VIII

Du pflückst vom Dorn
den Flaum eines Vogels,
der entflog, als die Sonne sank,
oder ferne starb
im frühen Schnee.

Oder den Kieselstein,
mit den Ewigkeitsadern,
den hartes Wasser geründet,
befeuchtest du,
daß dein Erinnern heraufglänzt.

Aber im Buch mit dem Duft
verblichener Liebe
findest die Strähne du nicht,
die einst dir schnitt
die tote Freundin.

Jan 13 17

Traumreste VII

Erdbeere mit dem trauten Blatt,
und heller Blüten Kindgesicht –

du mußt die weiche Brust,
dir hingehalten, nicht quetschen
mit Zahnes hartem Schmelz,
um innerlich zu schmecken.

Ihr rosenwahres Scheinen sättigt
den träumend Toten,
der schattenleicht wie Blütenflocke
über den glatten Teich
der Bilder schwimmt.

Dich sättigt Süße,
die aus der Kindheit quoll,
im Geben einer Hand,
die sich, ein warmes Blatt,
dir auf die Stirn gelegt.

Jan 13 17

Traumreste VI

Wie Tiere runden Auges schaun
durch Rispen von Dämmerlicht,
schauen wir im Traum gebannt
in den Spiegel früher Sagen.

Seufzend biegt sich Halm für Halm,
wenn wir schreiten mit dem Reh,
mit der Antilope schreiten
unter Bögen blauer Stille.

Und die aus den Lachen lecken
ihr Bildnis mit den Fieber-Zungen,
lagern sich alsbald zu Füßen uns,
die sterngefleckten Katzen.

Wenn aber nächtlich schwebt
die goldne Frucht am Blatt der Luft,
tropft uns von leisen Liedern
sanfte Kühlung auf die Stirn.

Jan 12 17

Traumreste V

Du kriechst den Hügel hinan,
in der Wunde einer unendlichen Nacht.

Eine Echsenauge nimmt dich ganz in sich auf,
zum Zeugnis, daß du der einzige seist.

Die Sterne sind glitzernde Nägel,
der Mond eine rote Lanzenspitze.

Es gibt nur diesen Hügel auf der Welt
und die Wunde einer unendlichen Nacht.

Auf der Höhe dort ist ein Garten,
umzäunt von blühenden Disteln.

Ein einziger Baum steht darin,
er reckt seine Arme in die Nacht.

Ein einziger Baum steht darin,
er trägt als Frucht nur ein Herz.

Nie gelangst du auf den Gipfel,
dich halten die Disteln gefangen.

Nie gelangst du auf den Gipfel,
geblendet vom Blühen der Disteln.

Doch hörst du den Schrei von oben,
immer hörst du von oben den Schrei:

eli eli lama sabachthani.

Jan 12 17

Traumreste IV

Dort das schlammige Ufer,
an das die Sage schwappt,
im Rhythmus von Monden,
die weißem Mohn entsteigen.

Jeder trägt seinen Schmerz,
ein vertrocknetes Insekt,
in einer Kapsel um den Hals,
ein gewiegter Talisman,
der auf der Haut brennt.

Jeder hat ein Spundloch
in der wächsernen Schläfe,
in das sie einander Tränen
flößen, ihre einzige Nahrung,
um weiter zu warten.

Das Wasser des Stroms
glitzert in der Nacht,
Seelenwende geheißen,
von glitzernden Augen,
die keine Lider haben.

Charon ward zum Namen
einer versunkenen Muschel,
die in der Tiefe des Flusses tönt,
wenn ein Mond ihn wieder
mit länglichem Nagel ritzt.

Jan 12 17

Traumreste III

Hoher weißschäumender Ton,
als liefe ein Riß durch die blaue Schale des Himmels.

Gehen durch seufzende Halme,
durch eine Dämmerung,
die sich nährt und fett wird von Zweifeln,
gehen mit nackten Füßen,
die sich ritzen im Gestrüpp der Dornen,
gehen auf Pfropfen der Seele,
die sich ritzen im Gestrüpp der Angst.

Hoher Wahngesang der Zikaden,
als liefe ein Riß durch den Kristall der Ewigkeit.

Jan 12 17

Traumreste II

Vogelrufe, verfangen
im Glitzern des Spinnenwebs.

Schmerz, der unendlich tropft
aus dem harzenden Stamm.

Das Knirschen im Sand,
das den Schritten vorauseilt.

Raschelnde Zweige,
zurückgebogen
von glänzenden Blicken,
die aus der Ferne betteln.

Jan 12 17

Traumreste I

Schneepolster auf der Fensterbank,
Glucksen, sickernde Tropfen,
als würden die verbliebenen Seelen gezählt.

Rauchfahnen, stumm,
über die Landschaft gebogen
von einem unerbittlichen Mund.

Morsche Gartenhütte,
eingebrochene Bank,
ein Kinderschuh auf der Schwelle.

Die Tür mit den geritzten Zinken,
ächzt in der Schattenangel,
die Leere glänzt in den Pfützen.

Jan 12 17

Bemooster Stein

Spärlicher Schein,
den Regen dir läßt
mit seinem schwarzen Flor.

Du fühlst allein,
harte Träne, Traumes Rest,
der lang sein Bild verlor.

Bemooster Stein,
Schlaf im Erdennest,
traumlos stieg empor.

Jan 11 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LXIII

Tous mes adieux sont faits. Tant de départs
m’ont lentement formé dès mon enfance.
Mais je reviens encor, je recommence,
ce franc retour libère mon regard.

Ce qui me reste, c’est de le remplir,
et ma joie toujours impénitente
d’avoir aimé des choses ressemblantes
à ces absences qui nous font agir.

 

Ich habe allem Lebewohl gesagt. Soviel Abschied
hat mich geprägt seit früher Kindheit.
Doch ich kehre wieder, für ein neues Lied,
diese reine Heimkehr hat mir den Blick befreit.

Mir aber bleibt, ihr ganz Gestalt zu geben,
bleibt die Freude allzeit ohne Reue,
geliebt zu haben, was in der Augen Treue
als Leere glänzt, der Quell, aus dem wir leben.

Jan 11 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LXII

Arrêtons-nous un peu, causons.
C’est encore moi, ce soir, qui m’arrête,
c’est encore vous qui m’écoutez.

Un peu plus tard d’autres joueront
aux voisins sur la route
sous ces beaux arbres que l’on se prête.

 

Verweilen wir ein wenig, uns zu unterhalten.
Wieder bin ich es, des Abends hier zu weilen,
und wieder ihr, die meine Hörer seid.

Ein wenig später werden andre auf den alten
Wegen Nachbarschaften teilen
unter jenen schönen Bäumen, die man sich leiht.

Jan 11 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LXI

La Biche

Ô la biche: quel bel intérieur
d’anciennes forêts dans tes yeux abonde;
combien de confiance ronde
mêlée à combien de peur.

Tout cela, porté par la vive
gracilité de tes bonds.
Mais jamais rien n’arrive
à cette impossessive
ignorance de ton front.

 

Die Hindin

O die Hindin: Welch schöne Innensicht
der alten Wälder dir im Auge übergeht;
ein so geründetes Gebet,
in solcher Ängste Gegenlicht.

All dies, getragen leicht
von deiner Sprünge Zierlichkeit.
Doch nichts hat je erreicht,
die keinem Anspruch weicht,
deiner Stirne Ahnungslosigkeit.

Jan 11 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LX

La Dormeuse

Figure de femme, sur son sommeil
fermée, on dirait qu’elle goûte
quelque bruit à nul autre pareil
qui la remplit toute.

De son corps sonore qui dort
elle tire la jouissance
d’être un murmure encor
sous le regard du silence.

 

Die Schlafende

Gestalt der Frau, weich
um ihren Schlaf gedreht,
als koste sie ein Tönen keinem gleich,
das ganz in sie eingeht.

Ihr Leib, der schlafend tönt,
schenkt ihr das Glück,
mit dem Rauschen versöhnt
zu liegen unter Schweigens Blick.

Jan 10 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LIX

Faut-il vraiment tant de danger
à nos objets obscurs?
Le monde serait-il dérangé,
étant un peu plus sûr?

Petit flacon renversé,
qui t’a donné cette mince base?
De ton flottant malheur bercé,
l’air est en extase.

 

Droht uns denn solche Gefahr
von dem, was uns verborgen?
Wäre die Welt der Ordnung bar,
wenn wir uns weniger sorgen?

Kleiner Flakon, du bist umgekippt,
wer hat dich mit so schmalem Fuß bestückt?
Von deinem Unglück, das noch hin und wider wippt,
ist die Luft ganz verzückt.

Jan 10 17

Die Eigenschaft, Gedanken zu haben

Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität und zum Tier-Mensch-Unterschied

Die Eigenschaft, Gedanken zu haben, ist das semantische Faktum, das unsere menschliche Eigenart bestimmt.

„Geben Sie mir 100 Gramm von der Wurst!“, sagt der Käufer zu der Wurstverkäuferin, indem er mit dem Finger auf die gemeinte Wurst in der Theke weist. Die Bedienung tut, wie ihr geheißen, und der Käufer erhält das Gewünschte.

Der pragmatische Anschluß von Reden und Tun, Sprache und Wirklichkeit, geht hier stracks über die schmale, aber tragende Brücke eines direktiven Sprechaktes; dabei ist der Sprecher durch seine Rolle als zahlender Konsument legitimiert und autorisiert, seiner Rede das wirksame pragmatische Gewicht zu verleihen.

In der Extremform der direktiven Aussage, dem Befehl, springt der pragmatische Anschluß unmittelbarer ins Auge: „Feuer frei!“, vom befehlshabenden Offizier zum Erschießungskommando geäußert, hat den Tod einiger Menschen zur Folge – auch in diesem Falle ist die Legitimität kontextabhängig in der Stellung des Befehlshabers gegenüber den befehlshörigen Soldaten gegeben.

Wir bemerken allerdings, daß in der direktiven Aussage eine deskriptive enthalten ist: Die Aufforderung an die Verkäuferin impliziert den Satz „Dort liegt eine gewisse Menge von Wurst“; der Befehl des Offiziers impliziert den Satz: „Hier halten Soldaten schußbereite Gewehre in Händen.“ Beide Sätze müssen wahr sein, wenn ihre Umformung in direktive Aussagen sinnvoll sein soll.

Wir schließen aus diesem Befund, daß der pragmatische Anschluß von Sagen und Tun den semantischen Anschluß von Sprache und Wirklichkeit zur Voraussetzung hat. Die Aussage „Geben Sie mir 100 Gramm von der Wurst!“ hat die Möglichkeit der Aussage: „Sie gibt ihm 100 Gramm von der Wurst“ zur Voraussetzung; denn könnte die Verkäuferin nicht die 100 Gramm der Wurst aushändigen, weil dort keine Wurst der gewünschten Art oder gar keine Wurst läge, wäre die Aufforderung an sie, es zu tun, sinnlos.

Worauf wollen wir hinaus? Darauf, zu erweisen oder zu belegen, daß sprachliche Bedeutung nicht auf ihre pragmatische Verwendung reduziert werden oder aus ihr erklärt und abgeleitet werden kann.

Denn wir können die pragmatische Sprachverwendung durch einfache Umwandlung der deskriptiven oder konstativen Sprachverwendung erzeugen, indem wir die Aufforderung als einen Sachverhalt angeben, der bestehen soll, und die Erwartung, die Hoffnung und die Befürchtung als einen Sachverhalt, der bestehen wird. Wenn wir mit p! meinen, p solle geschehen, ist augenscheinlich, daß wir vom Gedanken, daß p, ausgehen.

Sprachliche Bedeutung ist der Inhalt oder Gehalt eines Satzes oder einer satzförmigen Struktur. Der Inhalt eines Satzes ist der Gedanke, den er ausdrückt. Die Bedeutung oder der Gehalt ist nicht die Vorstellung von einem Objekt wie die Vorstellung des Kunden von der Wurst, die die Verkäuferin ihm geben soll. Der hier zugrundeliegende Gedanke ist der Gedanke, daß die Wurst dort (in der Theke) liegt. Wir können die Form des Gedankens also in dieser Weise aufschreiben:

der Gedanke, daß (dies und das so ist)
oder kurz:
der Gedanke, daß p

wobei wir p als Aussage formulieren, wie die Aussage: „Dort liegt Wurst.“

Der Begriff „Gedanke“ ist schließlich nur ein Kürzel für den Ausdruck „Ich denke, daß es so etwas gibt“ oder „Ich bin mir der Sachlage bewußt“ oder kurz „Ich meine, daß p“.

Gedanken zu haben heißt demnach, zu glauben, daß etwas so ist, wie es zu sein scheint, auch wenn es nicht so, sondern anders sein könnte oder anders ist, wie in dem Falle, daß die Wurst nicht in der Theke liegt oder daß keine Wurst, sondern etwas anderes in der Theke liegt. Das wäre der Fall, wenn die Verkäuferin auf die Aufforderung hin erwiderte: „Tut mir leider, das ist keine Wurst“ oder: „Tut mir leid, aber das ist keine Wurst, sondern Schinken.“

Der Gedanke und der ihn ausdrückende Satz p, daß etwas so ist, wird in diesem Falle konfrontiert und sogar falsifiziert durch den Gedanken und den ihn ausdrückenden Satz –p, daß es nicht so ist.

Es ist augenscheinlich, daß unsere Gedanken und die sie ausdrückenden Sätze nicht dem unmittelbaren Kontakt mit der „Wirklichkeit“ ausgesetzt sind, was immer das heißen mag, sondern jeweils mit anderen Gedanken und den sie ausdrückenden Sätzen konfrontiert werden, die sie bestätigen, widerlegen oder ergänzen.

Warum stehen unsere Gedanken nicht in unmittelbarem Kontakt mit der Wirklichkeit? Weil Gedanken Sachverhalte oder semantische Strukturen repräsentieren, während die Wirklichkeit überhaupt nichts repräsentiert und daher auch nicht aus gedanklich gegebenen Sachverhalten besteht, sondern aus physischen Objekten und Ereignissen.

Wir ersehen dies daraus, daß ein bestimmtes Objekt wie diese Menge Wurst als repräsentierte Komponente in verschiedene Sachverhalte eingehen kann, selbst aber dabei als materielles Objekt unverändert bleibt. Denn wir können feststellen, daß diese Menge Wurst 100 Gramm wiegt, daß sie 1,20 Euro kostet, daß sie durch Kauf den Eigentümer wechselt, daß sie zuerst in der Wursttheke liegt und dann in der Tasche des Käufers verschwindet usw.

Weil die Verkäuferin gesehen hat, daß die Wurst aus der Packung des Lieferanten stammt, die mit dem Namen „Lyoner“ etikettiert war, oder weil sie schlicht als erfahrene Verkäuferin den Gegenstand gleich als diese Wurstsorte wiedererkannt hat, kommt sie zu der Überzeugung oder zu dem Gedanken, daß es sich bei diesem Gegenstand um „Lyoner“-Wurst handelt.

Wir bemerken, daß der Inhalt unserer Überzeugungen zum größten Teil ursächlich oder aufgrund kausaler Verknüpfungen mit den Objekten zusammenhängt, die in eben diesen Inhalt als Komponenten des gemeinten Sachverhaltes eingehen. Ihr kausaler Hintergrund bildet oft den Anlaß, eben eine solche Überzeugung zu haben.

Die primäre ursächliche Verbindung des Inhalts unserer Annahmen mit den Objekten, die in ihnen als Komponenten eines Sachverhalts repräsentiert werden, ist die Wahrnehmung oder die Beobachtung. Weil wir beobachtet haben, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist und alle anderen stellaren Objekte, die sich scheinbar um die Erde drehen, sich in Wahrheit um die Sonne drehen, kommen wir zur Annahme des heliozentrischen Weltbilds oder zu der Überzeugung, daß die Annahmen von Kopernikus, Kepler und Newton wahr sind.

Die Beobachtungen der Planetenbewegungen im Sonnensystem dienen uns zum Beleg für die Annahme, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist und die Erde selbst ein Planet ist, der sich um das Zentralgestirn bewegt.

Der Hund, der nach der Wurst schnappt, die wir ihm hinhalten, hat nicht den Gedanken, daß dies eine Wurst ist, und der Hund, der den Mond anbellt, nicht den Gedanken, daß dies der Erdtrabant oder daß dies der einzige Erdtrabant ist – nicht nur, weil er nicht über die astronomischen Meß- und Beobachtungstechniken und -daten verfügt, die ihm diesen Gedanken allererst nahelegen würden, sondern weil er nicht über die Sprache verfügt, mit der er eine Annahme oder Überzeugung, daß etwas so oder so ist, formulieren könnte.

Der Hund, der nach der Wurstattrappe schnappt, die wir ihm hinhalten, wird nach der Wahrnehmung ihres nicht wurstähnlichen Geschmacks nicht auf den Gedanken kommen, daß es sich dabei NICHT um Wurst handelt; denn die Negation eines Gedankens zu bilden, setzt voraus, den Gedanke gebildet zu haben oder bilden zu können. Ebensowenig wird der Hund, der die leuchtende Attrappe eines in den Baum gehängten Papiermondes anbellt, zu dem Gedanken veranlaßt, daß es sich dabei NICHT um den Erdtrabanten handelt.

Wenn wir den Satz, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist, als wahr betrachten, setzen wir voraus, daß von allen Planeten des Sonnensystem der Mond derjenige Planet ist, der um die Erde kreist, und daß, wenn irgendein Planet von allen Planeten des Sonnensystems um die Erde kreist, er mit dem Mond identisch ist. Damit haben wir unsere Aussage über den Mond als den einzigen Erdtrabanten quantifiziert.

Die Eigenschaft, Gedanken zu haben, schließt demnach die Eigenschaft ein, wahre Gedanken zu haben, und wahre Gedanken können nur solche Annahmen sein, die wir quantifizieren können. So müssen wir von allen Gegenständen in der Theke den einen Gegenstand meinen können, den wir kaufen wollen.

Von allen Personen, die Peter auf der Straße wahrnimmt, nimmt er eine aus, die er als seinen Freund Karl bezeichnet. Wir können in den Funktionsausdruck für die Relation F oder die Freundschaftsrelation F(x, y) beliebig Eigennamen all der Personen einsetzen, die miteinander befreundet sind; aber nur die Einsetzung der individuell determinierten Namen Peter und Karl erfüllt den Funktionsausdruck in der gewünschten Weise.

Wenn Tiere nicht die Eigenschaft besitzen, Gedanken zu haben, dann weil sie keine Überzeugungen hegen können, die sich auf Basis einer Existenzquantifikation als wahr oder falsch erweisen ließen. Wir gebrauchen dafür die prägnante Formulierung: Tiere leben in einer Art Traumbewußtsein. Denn sie gelangen epistemisch nicht zu der Frage, ob das, was sie wahrnehmen, existiert oder nicht existiert. Oder anders gesagt: Da Tiere nicht über eine Semantik verfügen, verfügen sie auch nicht über eine Ontologie. Die Wurst, die Peter seinem Hund Wuschel hinhält und die er gierig aufschnappt, hat für Wuschel wohl einen beträchtlichen Wahrnehmungsreiz und gewiß auch einen Nährwert, aber keinen Realitätsgehalt in dem Sinne, wie die „Lyoner“-Wurst in der Theke für Peter einen prägnanten Realitätsgehalt hat – während es für den Hund in seinem semantisch auf null kalibrierten Für-sich-Sein keinen Unterschied macht, ob er die Wurst im Traum oder im Wachzustand gefressen hat, ja, wir wagen zu sagen, der Hund habe die Wurst im Wachzustand gleichsam wie im Traum gefressen.

Es ist augenscheinlich, daß wir auch auf diesem Weg der Betrachtung zu der Schlußfolgerung gelangen, den Tier-Mensch-Unterschied als prinzipiellen und nicht als graduellen Unterschied zu gewichten und Tiere nicht unter die Bewohner der semantisch-logischen Welt zu zählen, die wir als Lebewesen bewohnen, deren semantisch-intentionale Eigenart es ist, Gedanken zu haben; insofern können wir auch auf den Sinn der klassischen Bezeichnung des Menschen als eines animal rationale ein erhellendes Licht werfen.

Unsere semantisch begründete Eigenart ist es, nicht nur überhaupt Gedanken zu haben, sondern unsere Gedanken systematisch zu verbinden; denn so wie wir raumzeitlich gegebene Objekte in kausalen Bezügen ordnen, ordnen wir unsere Gedanken in logischen Bezügen von Voraussetzungen und Folgen. Aus der Annahme, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist, folgt die Annahme, daß alle anderen Planeten nicht um die Erde, sondern das Zentralgestirn kreisen, also das heliozentrische Weltbild; das heliozentrische Weltbild hat zur Voraussetzung, daß die Annahme, außer dem Mond umkreisten noch andere beobachtbare Himmelskörper die Erde als Planeten, falsch ist.

Wenn Peter beobachtet, wie sein Freund Karl über die Straße geht, veranlaßt ihn diese Wahrnehmung zu der Überzeugung, daß sein Freund dort über die Straße geht. Diese Annahme hat zur Voraussetzung, daß Peter über den Begriff der Freundschaft verfügt, und die Überzeugung Peters hat zur Folge, daß er Karl als seinen Freund begrüßt.

Wenn Peter beobachtet, wie sein vorgeblicher Freund Karl ihm Geldscheine aus der Schublade entwendet und sich aus dem Staube macht, veranlaßt ihn diese Beobachtung zur Annahme, daß Karl ein Dieb ist, und die Überzeugung, daß Karl ein Dieb ist, hat die Überzeugung zur Folge, daß er nicht oder nicht mehr sein Freund ist.

Wenn Peter sieht, daß Karl, dem er ins Gewissen geredet und die Freundschaft aufgekündigt hat, um seine Missetat zu ahnden, ihm zum verabredeten Zeitpunkt die gestohlene Summe nebst Zins und Zinseszins auf den Tisch hinblättert, folgert er aus dieser Beobachtung, daß Karl sein Versprechen, ihm das Geld auszuhändigen, wahrgemacht hat. Karl seinerseits hat sich zur Erfüllung seines Versprechens ermannt, weil ihn sein schlechtes Gewissen plagt und er nicht allzu tief in den Augen seines ehemaligen Freundes sinken will. Mit großen Dankesbezeugungen seitens Peters kann er allerdings nicht rechnen.

Wenn Peters treuer Hund Wuschel ihm am Abend, wenn er aus dem Büro nach Hause kommt, sein Spielzeug bringt und zwischen den Füßen fallen läßt, kann Peter nicht von der Annahme ausgehen, der Hund habe damit das Versprechen erfüllt, ihm abends sein Spielzeug zu apportieren; denn der Hund ist nicht in der Lage, ein solches Versprechen einzugehen und zu erfüllen; denn könnte er es eingehen und erfüllen, müßte er auch in der Lage sein, es zu brechen und nicht zu erfüllen – doch weder das eine noch das andere ist er zu vollbringen imstande, denn sein Verhalten ist andressiert, erhält er doch zur Belohnung für sein anrührendes Verhalten ein Leckerli oder zumindest eine gehörige Portion von Streicheleinheiten.

Wenn Peter seinen Freund beim Diebstahl seines Geldes erwischt, ist er nicht zu der Folgeannahme gezwungen, daß nunmehr Karl nicht mehr unter seine Freunde zu rechnen ist; er könnte Gnade vor Recht ergehen lassen und Karl, dessen fatale persönliche und seelische Situation er kennt, vor eine Bewährungsprobe stellen und sollte Karl sie bestehen davon absehen, den Stab über ihn zu brechen.

Das zeigt, daß wir in der Art unserer Folgerungen aus bestimmten Annahmen nicht durch Reiz-Reaktions-Mechanismen gesteuert oder determiniert sind. Wir nennen diesen logisch-semantischen Spielraum, den uns unsere Überlegungen lassen, auch die auf die jeweilige Situation angepaßte Freiheit der Urteilskraft.

Der prinzipielle Tier-Mensch-Unterschied läßt sich auch in dieser Hinsicht auffinden und formulieren: Wenn der Hund des Nachbarn Peters Hund Wuschel sein Spielzeug wegnimmt, kann Wuschel sich nicht einerseits zur Annahme veranlaßt sehen, der böse Hund sei wohl ein Dieb, und andererseits der Überlegung Raum geben, er könne ihm dennoch eine Bewährungschance zum Erhalt ihrer so lange bestehenden Freundschaft einräumen und ihm das Versprechen abnehmen, daß er ihm das Spielzeug morgen oder übermorgen wieder aushändigt, und zur Entschädigung für den Übergriff noch zusätzlich ein eigenes Spielzeug als Dreingabe. Wuschel wird vielmehr, im Reiz-Reaktions-Mechanismus seiner Hundenatur eingeschlossen und befangen, sogleich dem diebischen „Freund“ nachsetzen und ihm seine Beute abzujagen versuchen.

Jan 9 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LVIII

J’ai vu dans l’oeil animal
la vie paisible qui dure,
le calme impartial
de l’imperturbable nature.

La bête connaît la peur;
mais aussitôt elle avance
et sur son champ d’abondance
broute une présence
qui n’a pas le goût d’ailleurs.

 

Im tierischen Auge hab ich geschaut
des ruhigen Lebens bleibende Spur,
die Stille, die sich vertraut,
der unerschütterlichen Natur.

Es kennt die Furcht das Tier;
doch flieht es jedesmal
und im strotzenden Tal
ist nur das Jetzt sein Mahl,
das da schmeckt einzig nach hier.

Jan 9 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LVII

On arrange et on compose
les mots de tant de façons,
mais comment arriverait-on
à égaler une rose?

Si on supporte l’étrange
prétention de ce jeu,
c’est que, parfois, un ange
le dérange un peu.

 

Man macht sie dicht, man macht sie lose,
all die Worte, auf diese und jene Weise,
doch wie fügt man sie sich zum Kreise,
daß sie liegen wie Blätter einer Rose?

Hält man sie aus, die Qual
dieses Spiels, das um Maßloses ringt,
dann nur, weil ein Engel manchmal
es ein wenig durcheinanderbringt.

Jan 9 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LVI

C’est le paysage longtemps, c’est une cloche,
c’est du soir la délivrance si pure -;
mais tout cela en nous prépare l’approche
d’une nouvelle, d’une tendre figure…

Ainsi nous vivons dans un embarras très étrange
entre l’arc lointain et la trop pénétrante flèche;
entre le monde trop vague pour saisir l’ange
et Celle qui, par trop de présence, l’empêche.

 

Es ist die Landschaft von ehedem, einer Glocke Klang,
es ist des Abends ins Reine lösende Gewalt;
doch all dies öffnet in uns nur den tiefen Gang
für eine neue, zärtliche Gestalt …

So leben wir in einem seltsam ratlosen Schweifen
zwischen dem fernen Bogen und dem allzu nahen Pfeil;
zwischen der zu trüben Welt, den Engel zu greifen,
und Jener, deren Dasein sich vor ihn schiebt wie ein Keil.

Jan 9 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LV

À la bougie éteinte,
dans la chambre rendue à l’espace,
on est frôlé par la plainte
de feu la flamme sans place.

Faisons-lui un subtil
tombeau sous notre paupière,
et pleurons comme une mère
son très familier péril.

 

Angesichts der Kerze, die erstickt,
wird man im Zimmer, das sich dem Raum auftat,
von Feuers Klage berückt,
daß die Flamme keinen Ort mehr hat.

In einem schmalen Grab soll sie weilen,
wenn wir sie unter unserem Lid einschreinen,
laßt uns wie eine Mutter ihre Not beweinen,
die wir geschwisterlich teilen.

Jan 7 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LIV

La Fenêtre

Assiette verticale qui nous sert
la pitance qui nous poursuit,
et la trop douce nuit
et le jour, souvent trop amer.

L’interminable repas,
assaisonné de bleu -,
il ne faut pas être las
et se nourrir par les yeux.

Que de mets l’on nous propose
pendant que mûrissent les prunes;
ô mes yeux, mangeurs de roses,
vous allez boire de la lune!

 

Das Fenster

Hochgestellter Teller, überhäuft
mit Nahrung, die uns hungrig macht,
und mit allzu süßer Nacht,
dem Tag, mit Bitterem beträuft.

Speisen nie genossen,
gewürzt mit Himmelsblau –
man sei nur nicht verdrossen,
es nähre uns der Augen Schau.

Von all den Speisen, namenlosen,
die Augäpfel reif schon blinken;
o meine Augen, ihr Esser von Rosen,
ihr sollt mir vom Monde trinken!

Jan 7 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LIII

Le Drapeau

Vent altier qui tourmente le drapeau
dans la bleue neutralité du ciel,
jusqu’à le faire changer de couleur,
comme s’il voulait le tendre à d’autres nations
par-dessus les toits. Vent impartial,
vent du monde entier, vent qui relie,
évocateur des gestes qui se valent,
ô toi, qui provoques les mouvements interchangeables.
Le drapeau étale montre son plein écusson, -
mais dans ses plis quelle universalité tacite!

Et pourtant quel fier moment
lorsqu’un instant le vent se déclare
pour tel pays: consent à la France,
ou subitement s’éprend
des Harpes légendaires de la verte Irlande.
Montrant toute l’image, comme un joueur de cartes
qui jette son atout,
et qui de son geste et de son sourire anonyme,
rappelle je ne sais quelle image
de la Déesse qui change.

 

Die Flagge

Hochmütiger Wind, der die Flagge quält
vor der blauen Unparteilichkeit des Himmels,
bis er es fertigbringt, daß sie die Farbe wechselt,
als wolle er sie spannen über die Dächer
hin zu anderen Nationen. Neutraler Wind,
Wind der ganzen Welt, Wind, der verbindet,
Beschwörer von Winken, die sich wiegen,
o du erweckst Strömungen, die ineinanderfließen.
Die ausgespannte Flagge entblößt ihr Wappen –
doch in ihren Falten welche heimliche Universalität!

Und dennoch, welch stolzer Moment,
da sich der Wind im Augenblick für ein Land
erklärt: ja sagt zu Frankreich
oder plötzlich sein Herz verliert
an die legendären Harfen des grünen Irland.
So deckt er das Bild auf, wie ein Kartenspieler,
der seinen Trumpf ausspielt
und in seiner Geste und seinem teilnahmslosen Lächeln
an ein Bild, ich weiß nicht welches,
der Schicksalsgöttin erinnert, die das Rad dreht.

Jan 7 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LII

Entre le masque de brume
et celui de verdure,
voici le moment sublime où la nature
se montre davantage que de coutume.

Ah, la belle! Regardez son épaule
et cette claire franchise qui ose …
Bientôt de nouveau elle jouera un rôle
dans la pièce touffue que l’été compose.

 

Zwischen der Maske aus Dunst
und der Maske der grünen Flur,
seht den hohen Moment, wenn die Natur
gewährt uns länger als üblich ihre Gunst.

O, die schöne! Schaut auf ihre Schulter nieder
und den nackten Freimut, der sie treibt …
Demnächst glänzt sie wieder
im verzwickten Stück, das Sommer schreibt.

Jan 7 17

Rainer Maria Rilke, Vergers LI

Le silence uni de l’hiver
est remplacé dans l’air
par un silence à ramage;
chaque voix qui accourt
y ajoute un contour,
y parfait une image.

Et tout cela n’est que le fond
de ce qui serait l’action
de notre coeur qui surpasse
le multiple dessin
de ce silence plein
d’inexprimable audace.

 

Winters einfarbiges Schweigen
muß in der Luft sich beugen
dem Schweigen vor dem Vogelsang;
jede Stimme in der Flur
leiht ihm eigene Kontur,
ist eine Skizze, die gelang.

All das ruht im Hintergrunde
jener einen hohen Stunde,
wenn hoch das Herz uns fliegt
über das verschlungene Bild
dieser Stille, ganz erfüllt
von einem Mut, der nicht versiegt.

Jan 7 17

Rainer Maria Rilke, Vergers L

Dans la blondeur du jour
passent deux chars pleins de briques;
ton rosé qui revendique
et renonce tour à tour.

Comment se fait-il que soudain
ce ton attendri signifie
un nouveau complot de vie
entre nous et demain.

 

Durch Tages blonden Glast
fahren zwei Karren voll Ziegel;
rosiger Ton, der blendet wie im Spiegel
und nach und nach verblaßt.

Plötzlich hat es sich entborgen,
dieser erweichte Ton verkündet,
das Leben habe sich neu verbündet
mit uns und unserem Morgen.

Jan 6 17

Begriffliche Voraussetzungen

Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität nebst einer kurzen Widerlegung des skeptischen Naturalismus

Wenn wir die Voraussetzungen klären und ins Bewußtsein heben, die gegeben sein müssen, damit das, was wir aktuell erfahren, erfahrbar sein kann, erweitern wir unser implizites Wissen.

Die Voraussetzungen dafür, daß Peter seinen Freund Karl auf der Straße begrüßt, ist die Tatsache, daß Peter mit Karl befreundet ist, ist die Tatsache, daß Peter Karl erkennt, ist die Tatsache, daß er seine Wohnung zu einem Zeitpunkt verließ, als Karl in seiner Nähe unterwegs war, und ist weiterhin die Tatsache, daß Peter die Absicht hatte, etwas einzukaufen, was ihn bewog, seine Wohnung zu verlassen. Wir brechen ab, denn wir könnten die Reihe der impliziten Voraussetzungen der Tatsache, daß Peter Karl auf der Straße begrüßte, ad infinitum fortführen.

Wir bemerken, daß die impliziten Voraussetzungen, je mehr sie sich von der gegebenen aktuellen Tatsache in Raum und Zeit entfernen, an Relevanz für diese Tatsache einbüßen. Denn die Tatsache, daß Peter irgendwann das Licht der Welt erblickt hat, ist gewiß eine gewichtige Voraussetzung für das aktuelle Ereignis, daß er seinem Freund Karl begegnet, aber von ziemlich geringer Relevanz für dieses Ereignis selbst.

Anders verhält es sich, wenn wir nicht in der Reihe der Tatsachen zurückgehen, die ein aktuelles Ereignis als seine Voraussetzungen bedingen, sondern die Reihe der Begriffe und Konzepte aufgreifen und analysieren, die von denjenigen Aussagen und Sätzen als begriffliche Voraussetzungen impliziert werden, die wir als wahr kennzeichnen oder als wahr einsehen.

Wenn Peter uns gegenüber äußert, er habe Schmerzen, kennzeichnen wir die Aussage als wahr, weil wir Peter als glaubwürdigen und redlichen Zeitgenossen einschätzen, und weil wir wissen, daß die Äußerung wahr ist, wenn Peter Schmerzen hat.

Die begriffliche Voraussetzung der Aussage ist der Begriff eines Subjekts, das seiner Empfindungen unmittelbar innewird und sich seiner bewußt ist. Es wäre nicht möglich, Schmerzen zu haben, ohne sich ihrer bewußt zu sein. Und es wäre unmöglich, Schmerzen zu empfinden, ohne sie zu haben. Das gilt auch für Phantomschmerzen, wenn der Patient am imaginären Ort des amputierten Armes Schmerzen empfindet.

Wir treffen in der Welt unserer Erfahrung auf alles Mögliche wie Berge, Wolken, Pflanzen, Tiere und mit uns lebende Exemplare unserer Spezies, aber wir treffen auf keine Subjekte oder Instanzen, denen wir die Eigenschaft zusprechen, sich ihrer Erlebnisse unmittelbar bewußt zu sein. Der Begriff des Subjekts eines Bewußtseins ist eine notwendige begriffliche Voraussetzung unserer Erfahrung und unseres sprachlichen Weltumgangs.

Wir wissen nicht, wie es für Peter ist oder wie es sich für Peter anfühlt, Schmerzen zu haben, aber wir gehen davon aus, daß es für Peter in etwa so ist wie in dem Falle, wenn wir ohne zu simulieren sagen: „Ich habe Schmerzen.“

Wenn Peters Erlebnis, das er mit der Aussage meint, er habe Schmerzen, von unserem Schmerzerleben vollkommen verschieden wäre und eher so geartet wie in dem Fall, wenn wir sagen, daß wir Vergnügen empfinden, könnte Karl nicht auf die Anteilnahme seines Freundes Peter im Falle rechnen, daß er sein Schmerzempfinden äußerte. Aber da Peter seinem Freund, wenn er sagt, daß er Schmerzen habe, nicht vorschlägt, die nächstbeste Vergnügungsstätte aufzusuchen und das Tanzbein zu schwingen, sondern ihm gleich ohne viel Worte zu machen ein Schmerzmittel gibt, das er immer in der Tasche mit sich führt, gehen wir davon aus, daß beide, Peter und Karl, mit ihren Aussagen über Schmerzen dasselbe meinen.

Dasselbe zu meinen oder die semantische Identität unserer grundlegenden Begriffe ist eine begrifflich notwendige Voraussetzung unserer sprachlichen Verständigung. Identität und Bedeutungsgleichheit sind kein Elemente unserer gewöhnlichen Erfahrung: Denn alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist einem ununterbrochenen Prozeß des steten Wandels und der unaufhörlichen Transformation in der Zusammensetzung materieller Teile unterworfen, unseren eigenen Körper mitgerechnet.

Daß Peter nach Jahren, in denen sein alter Freund sich im Ausland aufhielt, Karl auf der Straße trotz seines altersbedingten physiognomischen Veränderung wiedererkennt und ihn nach einer herzlichen Begrüßung auf die alten Zeiten ihres freundschaftlichen Verkehrs anspricht, verdankt sich gewiß der Tiefe und Differenziertheit seines Erinnerungsvermögens. Die begriffliche Voraussetzung dieser Erinnerungsleistung ist indes Peters Annahme, sein Freund Karl sei dieselbe Person wie diejenige, mit der er vor Jahren freundschaftlichen Umgang gepflogen hat.

Neben den Begriffen des Subjekts und des Bewußtseins und der semantischen Identität ist der Begriff der Person eine notwendige Voraussetzung oder gleichsam ein Knotenpunkt des begrifflichen Netzwerks, auf das wir unsere Erfahrung stützen.

Personen sind wie Subjekte und Bedeutungsgleichheiten durchaus keine Elemente unserer gewöhnlichen Wahrnehmung und Erfahrung, die uns bestenfalls mit Exemplaren unserer Spezies konfrontiert, die wir aufgrund gewisser persistierender körperlicher Merkmale wiedererkennen, sondern gleichsam unsichtbare Bewohner unseres Begriffsfelds.

Weil Personen keine empirischen Tatsachen darstellen, beispielsweise Tatsachen des Erinnerungsvermögens, können wir Peter, wenn er sein Gedächtnis verloren hätte und unfähig wäre, nicht nur seinen Freund Karl wiederzuerkennen, sondern sogar sich seinen eigenen Namen ins Gedächtnis zurückzurufen, den Status einer Person nicht aberkennen. Deshalb behandeln wir Demente eben als menschliche Personen. Daher ist auch der Begriff der Würde, den wir mit dem Personsein zu verknüpfen pflegen, kein empirischer Begriff, sondern eine Implikation des notwendigen Begriffs einer Person.

Wir gehen in unseren begrifflichen Voraussetzungen aber weiter, wenn wir einer Person nicht nur die notwendige Eigenschaft zusprechen, Subjekt ihrer bewußten Erlebnisse und sprachlicher Verständigung auf Grundlage semantischer Identitäten zu sein, sondern auch die Eigenschaft, Handlungen auszuführen, für deren Wirkungen sie in unterschiedlichem Ausmaße haftbar gemacht und zur Verantwortung gezogen werden kann. Dies ist der Fall, wenn Karl seinen Freund Peter bestohlen hat und dieser ihm statt ihn anzuzeigen ins Gewissen redet und sein Vergehen mit der Beendigung des freundschaftlichen Umgangs sanktioniert.

In der Tat sind Handlungen in gleicher Weise wie die sie ausführenden Personen und ihre subjektive Perspektive des Bewußtseins oder ihr Wissen von der Bedeutungsgleichheit grundlegender Begriffe keine Elemente unserer Erfahrung: Alles, was wir sehen und wahrnehmen, sind Bewegungen materieller Körper oder von Teilen solcher Körper, wie die Hand Karls, die in die Schublade von Peters Schreibtisch greift und ihm Geldscheine entnimmt. Wir SAGEN, Karl greife in Peters Schublade in der Absicht, ihn zu bestehlen, aber wir SEHEN weder die Absicht Karls noch die Handlung des Diebstahls. Wir erzeugen eine semantische Identität zwischen dem wahrgenommenen Ereignis der Handbewegungen Karls und der absichtsvollen Handlung des Diebstahls. Der Begriff der Handlung ist wie der Begriff der Subjektivität des selbstbewußten Lebens kein empirischer Begriff, sondern eine notwendige Voraussetzung unseres Begriffssystems.

Wir können als Handlung nur diejenigen Körperbewegungen ansehen, die ausgeblieben wären, hätte der Handelnde es sich anders überlegt, und als Wirkungen von Handlungen nur diejenigen Weltzustände, die ohne die absichtsvolle Handlung nicht eingetreten wären – so wären die Geldscheine in Peters Schublade verblieben, wenn Karl nicht die Absicht gehabt hätte, sie zu stehlen, oder wenn er zwar die Absicht, sie zu stehlen wohl gehabt, aber nicht in die Tat umgesetzt hätte.

Es ist klar, daß der Begriff der Handlung einer Person notwendigerweise den Begriff der spontanen Verursachung einer Ereignisreihe durch die Ausführung ihrer Absicht impliziert; die Geldscheine, die aufgrund des Diebstahls in Peters Schublade fehlen, kann dieser nicht wie vorgesehen zur Begleichung eines bald fälligen privaten Kredits bei seinem Vorgesetzten verwenden, was ihm berufliche Nachteile einbringt, die zum Ausbruch einer latenten Depression führen können.

Daß wir den spontanen Charakter von Handlungen als begriffliche Voraussetzung unseres Begriffs- und Erfahrungssystems akzeptieren, erweist sich an der Tatsache, daß wir Vergehen und Verbrechen wie Beleidigungen, Diebstähle oder Mord mit mehr oder weniger schweren Sanktionen belegen. Ja, wir sanktionieren selbst das Nichtausführen von Handlungen, wenn sie in einer bestimmten Situation geboten sind, wie die Leistung Erster Hilfe bei einem Unfall. Dabei gehen wir davon aus, daß der wegen unterlassener Hilfeleistung zu Strafende unter normalen Umständen diese Hilfeleistung hätte vollbringen können, wäre er guten Willens gewesen.

Die Tatsache, daß wir Vergehen ahnden, verweist uns auf eine weitere begriffliche Voraussetzung unseres Erfahrungssystems, die Anwendung von normativen und rechtlichen Begriffen wie erlaubt und verboten, entschuldbar und strafwürdig oder unsere Neigung, bei Gelegenheit ein Lob auszusprechen oder einen Tadel.

Wir können die Logik als ein Regelwerk des erlaubten, gebotenen und verbotenen Gebrauchs von Aussagen auffassen, wenn wir aufgrund ihrer Bedeutungsgleichheit und des Erhalts ihres Wahrheitswertes sowohl die Aussage „Alle Junggesellen sind unverheiratete Männer“ als auch die Aussage „Alle unverheirateten Männer sind Junggesellen“ erlauben, wenn wir vorschreiben, daß nur Begriffe mit der gleichen Bedeutung in einer Aussage ausgetauscht werden dürfen, wenn wir ihre Wahrheit erhalten wollen, dagegen verbieten, von der Aussage „Peter glaubt, sein Freund Karl weile im Ausland“ zu folgern, daß Karl im Ausland weilt.

Normierungen und Regelwerke für unsere Aussage- und Satzsysteme sind begriffliche Voraussetzungen, die unsere Erfahrungswelt in einem Begriffsnetz auffangen, wenn wir sicher gehen wollen, daß wir unsere Wahrnehmungen sinnvoll ordnen und strukturieren und aus dem Wahrnehmungssatz: „Das Licht der Schreibtischlampe geht an“ den Satz folgern: „Jemand hat den Schalter der Lampe betätigt“ und den Satz: „Das Licht ist von Geisterhand eingeschaltet worden“ ausschließen.

Wir können nicht von Handlungen reden, ohne die Existenz oder die Person, die sie beabsichtigt, ausführt oder unterläßt, zu unterstellen; von einer Person zu reden aber setzt wiederum voraus, die Kontinuität eines Subjekts in der Raumzeit zu unterstellen, das sich seiner Erlebnisse bewußt ist.

Wenn nun der Skeptiker und der Naturalist, und jeder Naturalist ist Skeptiker in Bezug auf unsere nichtempirischen Begriffe und im übrigen Nihilist in Bezug auf unsere sonstigen ästhetischen oder moralischen Sinnansprüche, denn die logische Konsequenz des Naturalismus ist die radikale Skepsis in Bezug auf die Wahrheit und Relevanz der begrifflichen Voraussetzungen unserer Erfahrung, wenn nun also der Skeptiker und der Naturalist Begriffe wie Subjekt, Bewußtsein, Person und Handlung als Projektionen und also letztlich als Illusionen zu dechiffrieren oder zu dekonstruieren vermeinen, die der Natur unserer organischen Ausstattung entspringen?

Nun, dann wird alles Reden sinnlos; aber, was der Naturalist nicht sieht, auch sein eigenes: Denn zu meinen, die Wahrheit der Aussage: „Ich habe Schmerzen“ sei begrifflich kontingent und nichts als eine Projektion unserer leiblichen Ausstattung mit einem Nervensystem, gibt den Begriff der semantischen Identität auf und läßt die Interpretation zu, daß der Sprecher auch Vergnügen und Lust empfinden könnte. Die Gültigkeit der Aussage skeptisch zu unterminieren heißt, die Existenz der Subjektivität des Bewußtseins in Abrede zu stellen, das seiner Erlebnisse unmittelbar innewird.

Wer meint, die Bedeutung unserer grundlegenden Begriffe sei eine Funktion oder Wirkung der neuronalen Abläufe unseres Organismus, kann mit diesem Satz schlichtweg überhaupt nichts meinen, denn der Satz leugnet die Wahrheitsbedingung unserer Sätze, nämlich eine Funktion nicht von natürlichen Ereignissen, sondern von begrifflichen Bezügen zu sein. Die Wahrheitsbedingung der Aussage „Ich habe Schmerzen“ besteht in der Existenz des subjektiven Bewußtseins, das seiner Erlebnisse unmittelbar innewird, so wie die Wahrheitsbedingung des Satzes „Karl ist der Dieb“ in der Existenz von Personen besteht, die absichtsvolle Handlungen ausführen können. Wenn wir weder wissen, was eine Person, noch, was eine Absicht oder was eine Handlung ist, können wir nur die Bewegung der Hand sehen, die in die Schublade greift.

Zu meinen, der Satz „Karl ist der Dieb“ sei eine Projektion unserer natürlichen Ausstattung, gemäß der wir den Bewegungen der uns umgebenden Exemplare unserer Spezies Intentionen unterstellen, die in Wahrheit unmittelbare Folgen der neuronalen Abläufe in ihrem Organismus sind, heißt dem Satz jede wahre Bedeutung zu bestreiten.

Weil der Naturalist annimmt und von seinen Voraussetzungen anzunehmen genötigt ist, daß unser bedeutungserzeugendes kognitives System wie alle organischen und neuronalen Systeme, Hände, Augen, Gehirne oder die neuronalen Substrate von Wahrnehmung oder Erinnerung, Hervorbringungen und damit Funktionen der evolutiven Anpassung unseres Organismus darstellen, begibt er sich a priori der begrifflichen Voraussetzung, die ihn in die Lage versetzen würde zu erkennen, ob eine kognitive Anpassungsleistung den betreffenden Organismus befähigt, Aussage zu bilden, die wahr oder falsch sein können. Denn das Auge mag Teil des perfekt an die Umwelt angepassten visuellen Systems sein, aber ob es uns mit Informationen beliefert, die uns nicht nur über die Art und Weise unterrichten, wie uns die Dinge erscheinen und vorkommen, sondern mit wahren Informationen über die Art und Weise, wie die Dinge sind, diesen wesentlichen Unterschied kann der Naturalist in seiner Theorie nicht sinnvoll formulieren und berücksichtigen. Wenn er aber keinen semantisch fundierten Begriff des Wahren und Falschen voraussetzen kann, muß der Naturalist auch auf den Wahrheitsanspruch der naturalistischen Theorie Verzicht tun.

Was ist die begriffliche Voraussetzung für die Möglichkeit, daß unsere Aussagen über die Welt wahr oder falsch sind? Sie müssen einen semantischen Gehalt aufweisen, der die Person, die ihn hat, über die wirklichen Vorkommnisse ihrer Umgebung informiert und ihrem Verhalten Entscheidungsoptionen anbietet. Karl hat unlängst gesehen, daß sein Freund Peter Geldscheine in seiner Schreibtischschublade verstaut hat. Wenn er nun die Absicht hegt, seinen Freund zu bestehlen, kann er dies aufgrund der Tatsache ausführen, daß die Aussage „In Peters Schublade befinden sich viele Geldscheine“ einen Inhalt seiner Erinnerung darstellt und zudem wahr ist.

Der Naturalist muß von seinen Voraussetzungen her die Relevanz und Wahrheitsfähigkeit der semantischen Gehalte unseres Bewußtseins in Abrede stellen: Sie sind seiner Theorie nach nichts als Ketten von neuronalen Sequenzen, in denen elektrische und chemische Prozesse stattfinden, die in Wirklichkeit keinen semantischen Gehalt haben können; der semantische Gehalt, der sich in unserem Bewußtsein tummelt, ist dagegen rein epiphänomenal, irrelevant für unser Verhalten, illusorisch, gleichgültig, ob er darüber hinaus wahr oder falsch sein mag.

Welche Bedeutung hat also der Satz: „Bedeutungen sind Projektionen unseres kontingenten neuronalen Systems“? – Gar keine! Denn er ist widersinnig, da er die Wahrheitsbedingung dessen, was er aussagt, im gleichen Atemzug bestreitet.

 

Philosophisch-theologisches Postscriptum:

Wir haben einen natürlichen Begriff von Liebe, der, eingebettet in die Naturgeschichte der Säugetiere, sich von der hegenden und pflegenden, der nährenden und wärmenden Haltung der Mutter und von der schützenden und bergenden, der weisenden und verpflichtenden Haltung des Vaters gegenüber dem Kind herleitet. Die erotische Liebe, so sie nicht mit Frühlings blauem Band davonflattert, erhält ihre Weiterung und Vertiefung in der Sorge der Liebenden füreinander und der gegenseitigen Treue nur, wenn sie aus dieser Quelle schöpft. Aber wir wissen um den giftigen Stachel, der diese noch so große, noch so beschworene Liebe zu lähmen, zu betäuben, zu entstellen vermag, den Stachel des Todes und des immerwährenden Abschieds, der das Angesicht der Liebenden voreinander verdunkelt. Wie verschreckt oder befleckt von diesem Schatten flüchtet sich die natürliche Liebe oft oder bald in die grenzenlose Wüste der Selbstsorge oder Selbstliebe zurück, als wären diese hier schattenlos, aber dank einer im Zenit brennenden Sonne des unerbittlichen Lebens.

Nur aus der Hoffnung auf ein ewiges Leben kann die Liebe die Angst vor dem Tod überwinden. Als könnten die Liebenden einst sich wiedersehen in jenem Garten, dessen Quellen nicht versiegen, weil sie nicht aus der Erde steigen, sondern Gesänge der Seligen sind, die den lobpreisen, der in der demütigen Menschwerdung der Allmacht und im freiwilligen Opfertod den natürlichen Begriff der Liebe durch den Begriff der göttlichen Liebe erhöht, erleuchtet, erlöst hat.

Der übernatürliche Begriff der Liebe ist kein Element unserer Erfahrung, die uns die sorgende Mutter zeigt, die um ihr früh verstorbenes Kind weint, den Vater, der um den verlorenen Sohn trauert, den einst Liebenden, der vor den seelischen Abgründen oder den Runzeln und Gebrechen der alt gewordenen einst Geliebten davonläuft.

Der übernatürliche Begriff der göttlichen Liebe ist auch keine begrifflich notwendige Voraussetzung unseres nichtempirischen Begriffssystems; er ist uns geoffenbart in der Heiligen Schrift und weist seine Spuren im Leben der Apostel, der Märtyrer, der Heiligen, der inspirierten Dichter und Denker. Er entstammt jener Sinndimension, die der Naturalist von seinen Voraussetzungen her als unfaßbar, überschwänglich, illusorisch abtut, in einem Sinne illusorisch, der den illusorischen Schein der von ihm als nützliche Fiktionen entlarvten Begriffe von Subjekt, Bewußtsein oder Person um ein vielfaches übersteigt. Auf diesem Felde enthüllt der Naturalist seine moralische Haltung als die eines radikalen Nihilisten. Und darin sieht er klar: Denn der Sinn der absoluten Liebe kann nur in einer gläubigen Haltung, durch einen Glauben begriffen und ergriffen werden, der selbst kein Element der natürlichen Erfahrung, sondern ein Geschenk der Gnade ist.

Vielleicht ist es möglich, ausgehend vom Begriff der übernatürlichen oder göttlichen Liebe, eine Variante des ontologischen Gottesbeweises des Anselm von Canterbury zu entwerfen. Wenn wir, wie der Naturalist annimmt, in der Bildung unserer Begriffe auf die Bedingungen der Naturgeschichte verwiesen sind, ist der Begriff der göttlichen Liebe, also die Fähigkeit einer Person, im Interesse anderer so zu handeln, daß sie ihre eigenen Ansprüche, selbst den Anspruch auf Leben, opfert, entweder illusorisch und absurd oder sinnvoll. Ist er, wie der Naturalist von seinen Voraussetzungen aus annehmen muß, eine unzulässige Projektion der Opferbreitschaft der natürlichen Liebe oder eine Projektion unserer natürlichen Ohnmacht und Verstrickung oder andernfalls absurd, müssen wir schweigen. Ist er sinnvoll, dann können wir einen Begriff, der unser natürliches Fassungsvermögen um ein vielfaches übersteigt, nur von derjenigen Instanz erhalten haben, die ihn verwirklicht; denn der Begriff einer absoluten Liebe, die sich nicht in der Tat und Wahrheit von Inkarnation und Opfertod am Kreuz verwirklicht hätte, wäre kein sinnvoller Begriff, sondern wiederum, wie der Naturalist meint, eine unsere Ohnmacht und Notdurft kompensierende Fiktion. Der Sinn des Begriffs der göttlichen Liebe ist demnach unvollständig, wenn sie nicht existiert; existiert sie aber oder hat sie sich ereignet, dann existiert auch derjenige, von dem sie Zeugnis gibt.

Jan 5 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLIX

Cette lumière peut-elle
tout un monde nous rendre?
Est-ce plutôt la nouvelle
ombre, tremblante et tendre,
qui nous rattache à lui?
Elle qui tant nous ressemble
et qui tourne et tremble
autour d’un étrange appui.
Ombres des feuilles frêles,
sur le chemin et le pré,
geste soudain familier
qui nous adopte et nous mêle
à la trop neuve clarté.

 

Ist es jenes Licht,
das uns die Welt gibt ein für allemal?
Oder ist es schlicht
der junge Schatten, zitternd und schmal,
der auf uns sich malt?
Unser Doppelgänger,
der sich dreht und enger
windet um den fremden Halt?
Laubes Schattenflirren,
auf Wegen und Rainen,
Winke, die uns meinen,
uns empfangen, wieder wirren
in ein morgenhelles Scheinen.

Jan 5 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLVIII

Tel cheval qui boit à la fontaine,
telle feuille qui en tombant nous touche,
telle main vide, ou telle bouche
qui nous voudrait parler et qui ose à peine -,

autant de variations de la vie qui s’apaise,
autant de rêves de la douleur qui somnole:
ô que celui dont le coeur est à l’aise,
cherche la créature et la console.

 

Jenes Pferd, das aus dem Brunnen trinkt,
jenes Blatt, das uns rührt in seinem Schwund,
jene leere Hand und jener Mund,
der zu uns sprechen möchte, dem der Mut hinsinkt,

so viele Wendungen des Lebens, das sich stillt,
so viele Träume Leides, des im Schlaf gelösten:
o möchte jener, dem das Herz noch schwillt,
die Kreatur aufsuchen und sie trösten.

Jan 5 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLVII

Ce soir quelque chose dans l’air a passé
qui fait pencher la tête;
on voudrait prier pour les prisonniers
dont la vie s’arrête.
Et on pense à la vie arrêtée…

À la vie qui ne bouge plus vers la mort
et d’où l’avenir est absent;
où il faut être inutilement fort
et triste, inutilement.

Où tous les jours piétinent sur place,
où toutes les nuits tombent dans l’abîme,
et où la conscience de l’enfance intime
à ce point s’efface,

qu’on a le coeur trop vieux pour penser un enfant.
Ce n’est pas tant que la vie soit hostile;
mais on lui ment,
enfermé dans le bloc d’un sort immobile.

 

Heute Abend liegt etwas in der Luft,
man duckt sich, wenn es weht;
man möchte für die Gefangnen beten,
deren Leben sich im Kreise dreht.
Und denkt an sein eignes Leben, das steht …

Das Leben, das keinen Sinn mehr kennt vorm Tod
und dem die Zukunft leeres Wähnen;
und sinnlos trotzt es seiner Not,
sinnlos seine Tränen.

Alle Tage treten auf der Stelle,
alle Nächte fallen abgrundtief,
und die Bilder, die ihm holde Kindheit rief,
spült hinweg die dunkle Welle

eines Herzens, zu alt um wie ein Kind zu springen.
Nicht daß das Leben wäre einem feind;
doch man willʼs um seine Wahrheit bringen,
in ein Verlies gesperrt, schicksalsversteint.

Jan 4 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLVI

Ô nostalgie des lieux qui n’étaient point
assez aimés à l’heure passagère,
que je voudrais leur rendre de loin
le geste oublié, l’action supplémentaire!

Revenir sur mes pas, refaire doucement
- et cette fois, seul – tel voyage,
rester à la fontaine davantage,
toucher cet arbre, caresser ce banc…

Monter à la chapelle solitaire
que tout le monde dit sans intérêt;
pousser la grille de ce cimetière,
se taire avec lui qui tant se tait.

Car n’est-ce pas le temps où il importe
de prendre un contact subtil et pieux?
Tel était fort, c’est que la terre est forte;
et tel se plaint: c’est qu’on la connaît peu.

 

O Heimweh nach Orten, die empfingen
zu wenig Liebe, da die Stunde geschlagen,
wie möchte aus der Ferne ich ihnen bringen
vergessene Winke, versäumtes Wagen!

Wieder wandeln die Pfade, die gleichen,
heimlich – und diesmal allein – dorthin eilen,
und näher bei dem Brunnen verweilen,
jenen Baum berühren, über die Bank hinstreichen …

Zur Kapelle steigen, die einsam ragt,
alles redet von ihr, ohne sie zu meinen;
das Gitter aufstoßen, das am Friedhof klagt,
seinem tiefen Schweigen mein Schweigen einen.

Ist es denn nicht Zeit für das hohe Gut,
schwerlos und fromm zu betreten den Saum?
So wäre es gut, denn die Erde, sie ist ja gut;
und daher die Tränen: denn wir kennen sie kaum.

Jan 4 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLV

Un cygne avance sur l’eau
tout entouré de lui-même,
comme un glissant tableau;
ainsi à certains instants
un être que l’on aime
est tout un espace mouvant.

Il se rapproche, doublé,
comme ce cygne qui nage,
sur notre âme troublée…
qui à cet être ajoute
la tremblante image
de bonheur et de doute.

 

Ein Schwan, der übers Wasser gleitet,
ganz von sich selbst umflossen,
ein Bild, dessen Welle sich breitet;
so ist für eine gewisse Dauer
ein Wesen, dessen Liebe wir genossen,
ein Raum, zerfließend in Schauer.

Es kommt näher, in Zwiegestalt,
wie jener Schwan, der schwimmt,
über unsere Seele, die wallt …
und diesem Wesen hinzutut
das Bild, das unruhig glimmt,
von Glück und Wankelmut.

Jan 4 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLIV

Mes amis, vous tous, je ne renie
aucun de vous; ni même ce passant
qui n’était de l’inconcevable vie
qu’un doux regard ouvert et hésitant.

Combien de fois un être, malgré lui,
arrête de son oeil ou de son geste
l’imperceptible fuite d’autrui,
en lui rendant un instant manifeste.

Les inconnus. Ils ont leur large part
à notre sort que chaque jour complète.
Précise bien, ô inconnue discrète,
mon coeur distrait, en levant ton regard.

 

Meine Freunde, euch allen bin ich treu,
selbst jenem Flüchtigen, der dem Leben,
dem rätselhaften, nur Blicke scheu
zuwarf für eines Zögerns Schweben.

So selten kann doch einer, wider Willen,
mit einem Blick, mit einem Händeheben
der andern unmerkliches Fliehen stillen
und ihnen lichte Aufenthalte geben.

Die Fremden. Wie ist ihr Anteil groß
an unserem Geschick, das einlöst jeder Tag.
O scheue Fremde, nur einen Wimpernschlag,
und mein Herz ist die Verwirrung los!

Jan 4 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLIII

Vues des Anges, les cimes des arbres peut-être
sont des racines, buvant les deux;
et dans le sol, les profondes racines d’un hêtre
leur semblent des faîtes silencieux.

Pour eux, la terre, n’est-elle point transparente
en face d’un ciel, plein comme un corps?
Cette terre ardente, où se lamente
auprès des sources l’oubli des morts.

 

In den Augen der Engel sind die Kronen der Bäume vielleicht
Wurzeln, sie beide trinken;
und in der Erde der Buchen Wurzelgeflecht, es gleicht
Gipfeln, die ins Schweigen sinken.

Ist ihnen die Erde nicht kristallisches Scheinen
im Angesicht eines Himmels, körperlich rund?
Diese glühende Erde, wo die Toten weinen
an Quellen, und haben für sie keinen Mund.

Jan 4 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLII

Souvent au-devant de nous
l’âme-oiseau s’élance;
c’est un ciel plus doux
qui déjà la balance,

pendant que nous marchons
sous des nuées épaisses.
Tout en peinant, profitons
de son ardente adresse.

 

Oft reißt vor uns ein Schauer
den Vogel Seele in die Höhe;
dort ist der Himmel lauer,
er schaukelt sie auf blauer Böe,

während unter kalten Schleiern
wir weitertrotten dicht an dicht.
Laßt uns Geplagte dennoch feiern:
sie wohnt im warmen Licht.

Jan 3 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XLI

Puisque tout passe, faisons
la mélodie passagère;
celle qui nous désaltère,
aura de nous raison.

Chantons ce qui nous quitte
avec amour et art;
soyons plus vite
que le rapide départ.

 

Weil alles verrinnt, laßt singen
die Weise uns, die vorüberquillt;
jene eine, die uns stillt,
sie mag uns gelingen.

Singen wir dem, was von uns geht,
mit Liebe und Kunstverstand;
hat es auch sich schon umgedreht,
wir halten ihm noch die Hand.

Jan 3 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XL

N’est-ce pas triste que nos yeux se ferment?
On voudrait avoir les yeux toujours ouverts,
pour avoir vu, avant le terme,
tout ce que l’on perd.

N’est-il pas terrible que nos dents brillent?
Il nous aurait fallu un charme plus discret
pour vivre en famille
en ce temps de paix.

Mais n’est-ce pas le pire que nos mains se cramponnent,
dures et gourmandes?
Faut-il que des mains soient simples et bonnes
pour lever l’offrande!

 

Ist es nicht traurig, daß unsere Augen sich schließen?
Den Blick zu halten, wäre, was uns gebührt,
um vor dem Ende alles das zu genießen,
was man verliert.

Ist es nicht schrecklich, daß unsere Zähne glänzen?
Uns stünde besser ein sanfterer Reiz zu Gesicht,
um geschwisterlich uns zu ergänzen
in diesem friedlichen Licht.

Doch ist es nicht am schlimmsten, daß unsere Hände sich übermütig
klammern, hart und voll lüsterner Falten?
Wären Hände doch nur einfältig und gütig,
um die Gabe emporzuhalten.

Jan 3 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXIX

Combien de ports pourtant, et dans ces ports
combien de portes, t’accueillant peut-être.
Combien de fenêtres
d’où l’on voit ta vie et ton effort.

Combien de grains ailés de l’avenir
qui, transportés au gré de la tempête,
un tendre jour de fête
verront leur floraison t’appartenir.

Combien de vies qui toujours se répondent;
et par l’essor que prend ta propre vie
en étant de ce monde,
quel gros néant à jamais compromis.

 

So viele Häfen dennoch, und so viele Türen
in den Häfen, die vielleicht dir offenstehen.
So viele Fenster, wo jene nach dir sehen,
die dein Leben und dein Mühen rühren.

So viele Samen, die aus der Zukunft wehen,
vom Sturm getragen,
und an Festes milden Tagen
blühend dir vor Augen stehen.

So viele Leben einander immerzu gesellt;
und im Schwung, in dem dein Leben schwirrt,
in die Mitte dieser deiner Welt,
welch großes Nichts, das nie vernichtet wird.

Jan 3 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXVIII

Le sublime est un départ.
Quelque chose de nous qui au lieu
de nous suivre, prend son écart
et s’habitue aux cieux.

La rencontre extrême de l’art
n’est-ce point l’adieu le plus doux?
Et la musique: ce dernier regard
que nous jetons nous-mêmes vers nous!

 

Das Erhabene ist ein Entzug.
Etwas in uns, das anstelle,
daß es uns folge, wendet im Flug
und setzt sich auf Himmels Schwelle.

Begegnung, der Künste äußerstes Glück,
ist sie der Abschiede süßester nicht?
Und auch die Musik: der letzte Blick,
da wir uns selber entgleiten der Sicht.

Jan 3 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXVII

Comment encore reconnaître
ce que fut la douce vie?
En contemplant peut-être
dans ma paume l’imagerie

de ces lignes et de ces rides
que l’on entretient
en fermant sur le vide
cette main de rien.

 

Haben wir denn noch Zeichen
des süßen Lebens, das lang entschwand?
Vielleicht kann sie dir reichen
das Bildgeflecht meiner Hand

mit seinen Linien und Falten,
das mich dunkel behaust
in der über dem Leeren geballten,
dem Nichts geschwungenen Faust.

Jan 2 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXVI

Portrait Intérieur

Ce ne sont pas des souvenirs
qui, en moi, t’entretiennent;
tu n’es pas non plus mienne
par la force d’un beau désir.

Ce qui te rend présente,
c’est le détour ardent
qu’une tendresse lente
décrit dans mon propre sang.

Je suis sans besoin
de te voir apparaître;
il m’a suffi de naître
pour te perdre un peu moins.

 

Blick nach innen

Ich will nicht Erinnerung pressen,
dir die Zeit zu versüßen;
du sinkst mir auch nicht zu Füßen,
von schönem Verlangen besessen.

Was dich wirklich verleibt,
sind der Abwege brennende Stunden,
die mir Zärtlichkeit dehnend schreibt
mit Blut aus eigenen Wunden.

Nicht dahin geht mein Begehren,
dich zu haben im Augenschein;
mir ist es genug, geboren zu sein,
um dich weniger tief zu entbehren.

Jan 2 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXV

Toutes les joies des aïeux
ont passé en nous et s’amassent;
leur coeur, ivre de chasse,
leur repos silencieux

devant un feu presque éteint…
Si dans les instants arides
de nous notre vie se vide,
d’eux nous restons tout pleins.

Et combien de femmes ont dû
en nous se sauver, intactes,
comme dans l’entr’acte
d’une pièce qui n’a pas plu -,

parées d’un malheur qu’aujourd’hui
personne ne veut ni ne porte,
elles paraissent fortes
appuyées sur le sang d’autrui.

Et des enfants, des enfants!
Tous ceux que le sort refuse,
en nous exercent la ruse
d’exister pourtant.

 

All die Freuden der Ahnen,
sie schritten durch uns, häufen sich an,
ihr Herzschlag, in Jagdfiebers Bann,
ihr Ruhen auf stillen Altanen,

unter Flammen, die sinken,
und wenn die Dürre kehrt,
wenn von Leben wir ganz entleert,
lassen Fülle sie wieder uns trinken.

Und wie viele Frauen suchten ihr Glück
bei uns, unversehrt,
wie in der Pause heimgekehrt
aus einem unerfreulichen Stück,

vor einem Unglück auf der Hut,
das keiner will, keiner trägt wie zuvor,
recken sie hoch sich empor,
gestützt auf eines Fremden Blut.

Und die Kleinen, die Kleinen!
All jene, die ein trauriges Schicksal fristen,
sie üben an uns die Listen,
zu stehen auf eigenen Beinen.

Jan 2 17

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXIV

Heureux verger, tout tendu à parfaire
de tous ses fruits les innombrables plans,
et qui sait bien son instinct séculaire
plier à la jeunesse d’un instant.

Quel beau travail, quel ordre que le tien!
Qui tant insiste dans les branches torses,
mais qui enfin, enchanté de leur force,
déborde dans un calme aérien.

Tes dangers et les miens, ne sont-ils point
tout fraternels, ô verger, ô mon frère?
Un même vent, nous venant de loin,
nous force d’être tendres et austères.

 

Glücklicher Garten, zu vollenden bestrebt
seiner Früchte zahllose Pläne,
er, der in Jahrhunderten lebt,
weiß der Jugend zu streicheln die Strähne.

Wie schön sein Schaffen, wie seine Ordnung groß!
Er drängt in den verdrehten Geflechten,
aber endlich, bezaubert von ihren Mächten,
fließt er in der Lüfte stillen Schoß.

Sind nicht deine und meine Gefahren
verschwistert, o Bruder Garten?
Derselbe Wind, Bote des Unsichtbaren,
formt uns die Seelen, zu weichen, zu harten.

Jan 1 17

Von der Semantik des Bewußtseins

Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität

Wenn wir sagen: „Peter ist mit Karl befreundet“, erhalten wir durch Neutralisierung der Eigennamen und die Relation F (für die Relation „ist befreundet mit“) den ungesättigten Funktions- oder Relationsausdruck F(x, y), in den wir für die Variablen x und y beliebige Namen einsetzen können.

Wir fragen, wie die Welt beschaffen sein muß, im Sinne einer impliziten oder apriorischen Evidenz, damit Aussagen der genannten Art und Struktur, wie sie die ungesättigte Funktion F anzeigt, möglich sind.

Die erste Implikation ist die Identität: Peter muß Peter sein oder Peter kann nicht Karl sein. Wir verifizieren die Identitäten von Personen wie Peter und Karl, indem wir sie raumzeitlich lokalisieren: Dort wo Peter jetzt ist, kann nicht gleichzeitig Karl sein. Wir erhalten demnach gemäß der ersten Implikation den Begriff der Identität, der in eine raumzeitlich geordnete Welt körperlich identifizierbarer Entitäten eingebettet ist. Allerdings lokalisieren wir anhand des raumzeitlichen Daseins einer Person die gänzlich anders geartete Identität ihres Bewußtseins, das wir von außen nicht zu beschreiben vermögen, sondern nur die Person selbst mit Aussagen wie „Ich habe Schmerzen“ oder „Ich glaube, es regnet“ oder „Ich bin mit Karl befreundet“ zum Ausdruck bringen kann. Anders als die Konstanz der Dinge, die hinter einem Vorhang verschwinden und als dieselben wieder auftauchen, ist die Identität von Peter demnach eine des Bewußtseins von sich selbst, das strukturell identisch bleibt, auch wenn die organische Zusammensetzung von Peters Körper, seine dinghafte Konstanz, ausgetauscht worden ist.

Was macht Peter zu Peter? Etwa die Tatsache, daß dieser Name in seinem Taufregister und seinem Paß eingetragen ist? Daß er so gerufen wird und auf den Namen Peter hört? Und wenn er morgen seinen Namen ändert, ist er dann nicht mehr jener Peter von gestern, mit dem Karl befreundet war und mit dem er heute weiterhin befreundet ist? Peter kann nur Peter sein, wenn er, gleichgültig, wie er jetzt heißt, von sich sagen kann: „Ich bin mit Karl befreundet.“

Wir gehen davon aus, daß Peter jemand ist, der Peter heißt, anders als sein Hund, den er Wuschel nennt und der hört, wenn sein Herrchen diesen Namen ruft, der aber nicht weiß, daß er Wuschel heißt, weil er nicht jemand ist, der einen Namen haben kann. Anders gesagt: Um das Konzept des Eigenamens zu verstehen und anzuwenden, muß man jemand sein, der weiß, daß sein Freund Karl sich fragen kann, ob Peter noch an seinen Freund Karl denkt, wobei er mit „Karl“ sich selbst meint, während der Wuschel gerufene Hund sich nicht fragen könnte, ob sein Herrchen im Büro daran denkt, was sein Wuschel jetzt so treibt, wobei er mit „Wuschel“ sich selber meinen würde. Tiere haben Namen, weil Menschen ihnen Namen geben, aber sie wissen weder, daß sie einen Namen haben, noch können sie sich und anderen Lebewesen wie den Menschen Namen geben.

Peter könnte vergessen, daß er mit Karl befreundet ist – und wäre aufgrund dieser fatalen mentalen Tatsache nicht mehr mit Karl befreundet; er könnte sogar vergessen, daß sein Name Peter ist oder daß er eine menschliche Person ist. Aber er wird nicht das Subjekt seiner Blau-Empfindung, die er gerade hat, weil er aus dem Fenster in den klaren Himmel blickt, mit dem Subjekt eines anderen Bewußtseins verwechseln, denn die Vorkommnisse seines Bewußtseins sind immer die seinen oder echte Teile seiner Ich-Identität.

Die zweite Implikation aus der sprachlichen Verwendung des Funktionsausdrucks F für die Freundschaftsrelation ist die Dauer: Es mag eine Zeit gegeben haben, wo F für die individuellen Eigennamen Peter und Karl nicht galt; es mag eine Zeit geben, wo F für die individuellen Eigennamen Peter und Karl nicht mehr gilt; es muß indes auf alle Fälle eine Zeitstrecke oder zeitliche Dauer geben, für die F gültig ist.

Die dritte Implikation ist das Bewußtsein oder das Leben, das sich als einzelnes Ich seiner selbst bewußt ist. Denn wie finden wir heraus und bestätigen die Aussage F, daß Peter mit Karl befreundet ist? Etwa mittels Beobachtung? Wir sehen vielleicht, daß Peter Karl besucht und ihm ein Geschenk, ein Buch oder ein Bild, mitbringt. Aber können wir sehen und durch Beobachtung verifizieren, daß es sich bei dem Geschenk um ein Zeichen der Freundschaft handelt? Genausogut könnte es sich um eine Form der Bestechung handeln, wenn Karl beispielsweise dazu ermuntert werden soll, Peter im Gremium einer Preisvergabe, dem er vorsteht, als Kandidaten vorzuschlagen. Dieser skeptische Einwand läßt sich bei allen möglichen Gesten, die wir als Freundschaftszeichen aufzufassen aufgefordert werden, beliebig wiederholen.

Am Ende bleibt kein Weg, als Peter zu fragen. Und nur wenn Peter in einem geeigneten Kontext, der ihn aller Zwänge und Befangenheiten enthebt, offenherzig sich zu seiner Freundschaft mit Karl bekennt, sind wir geneigt, sein Geschenk für Karl als Beleg seiner freundschaftlichen Beziehung anzuerkennen.

Sich zu einer Freundschaft zu bekennen ist ein Ausdruck des Selbstverständnisses dessen, was wir Bewußtsein oder bewußtes Leben nennen. Um diesen Aspekt seines bewußten Lebens zu verwirklichen, muß Peter seinen Freund Karl „Freund“ nennen; sobald er ihn Freund nennt und Karl sich gern so nennen hört, besteht die Freundschaft. Nur ein sprachfähiges Individuum führt ein bewußtes Leben. Ein unbewußter Automat, dessen Software so programmiert und mit einem anderen Automaten so verdrahtet ist, daß er ihm eine codierte Zeichenkette übermitteln kann, die dieser als die Äußerung „Ich bin dein Freund“ decodiert, hat damit nicht bekundet, daß er ein Freundschaftsverhältnis wie Peter mit Karl unterhält.

Wir gehen davon aus, daß Peter annimmt, Karl erwarte von ihm, daß er ihm zu seinem Geburtstag gratuliert und ihm an diesem Tage ein Geschenk überreicht; wir gehen ebenfalls davon aus, daß Karl enttäuscht sein wird, wenn Peter seinen Erwartungen in Bezug auf seine Geburtstagsfeier nicht erfüllt. Peter befürchtet natürlich diese Enttäuschung seines Freundes und möchte ihr deshalb zuvorkommen. Wir sprechen hier davon, daß Personen ihre Erwartungen aufeinander abstimmen; das Spiel geht so weit, daß Peter so tun kann, als habe er den Geburtstag seines Freundes vergessen, nur um seine Freude zu verstärken, wenn er dann doch unerwartet sein Geschenk hervorzieht.

In der Welt der Erfahrung oder des lebendigen Bewußtseins, in der wir leben, sind die Äußerungen des sich und die Welt erfahrenden Subjekts nicht nur Ereignisse wie der Regenschauer oder der Autounfall, sondern absichtsvolle Handlungen. Wenn Peter nicht mit Vorsatz und absichtsvoll Karl das Geschenk überreicht hätte, hätte er gar nichts geschenkt, ja nicht einmal eine Handlung vollzogen.

Wenn Karl in der Folge die Freundschaft mit Peter aufs Spiel setzt oder verrät, indem er seinem Freund nicht aus einer Verlegenheit oder Notlage hilft, was zu tun ihm freistünde, könnte Peter mit Recht bedauern, ihm das Geschenk gegeben zu haben.

Daß wir etwas bedauern oder bereuen können, dies und jenes geäußert und getan zu haben, ist eine dem lebendigen Bewußtsein inhärente Möglichkeit, sich selbst zu verstehen: Sie folgt aus seiner prozessualen Verfassung, nämlich durch absichtsvolle Äußerungen und Taten in den Prozess des Lebens verwickelt zu sein.

Peter glaubt, nimmt an oder hat die Meinung, daß er mit Karl befreundet ist; würde Peter nicht oder nicht mehr glauben, annehmen oder der Meinung sein, daß er mit Karl befreundet ist, wäre er nicht oder nicht mehr mit Karl befreundet. Auf diese Weise zeigt sich die erfahrungskonstitutive oder schöpferische Form des Denkens, Glaubens und Fürwahrhaltens, die ein wesentlicher Aspekt des lebendigen Bewußtseins darstellt.

Würde Peter glauben, mit Karl befreundet zu sein, während Karl auf Nachfrage hin glaubwürdig und hartnäckig abstreitet, seinerseits mit Peter befreundet zu sein, müßten wir davon ausgehen oder folgern, daß Peters Annahme in Bezug auf die Freundschaft mit Karl falsch ist oder daß er sich irrt. Hier gilt beides: Sowohl, daß Peters Annahme nicht wahr ist, als auch daß die Unwahrheit seiner Annahme eine bestimmte Form der Selbsttäuschung offenbart. Peter täuscht sich in der Deutung bestimmter Äußerungen und Handlungen Karls, die er als Freundschaftsbekundungen versteht, obwohl sie es in Wahrheit nicht sind; er täuscht sich über seine eigenen Motive und Regungen, denn zum Begriff der Freundschaft gehört selbstredend die Gegenseitigkeit, die in diesem Falle offensichtlich fehlt. Zu glauben, Freundschaft gegenüber einer Person empfinden zu können, die jede Form der Freundschaftsbekundung von sich abweist, offenbart augenscheinlich eine schwerwiegende Form der Selbsttäuschung.

Daß wir uns irren oder mit unseren Annahmen neben der Wahrheit liegen können, ist eine evidente Implikation der Struktur unseres Bewußtseins, das nur dann sein Leben vollzieht, wenn ihm dies oder jenes bewußt ist oder bewußt ist, daß dies und jenes der Fall ist – auch unter dem bedauerlichen Umstand, daß dies oder jenes in Wahrheit nicht der Fall ist.

Daß wir uns in einem weiteren, existentiellen Sinne irren und uns mit unseren Annahmen selbst täuschen können, ist ebenfalls eine dem lebendigen Bewußtsein inhärente Möglichkeit, sich selbst zu verstehen, nämlich sich selbst mißzuverstehen.

Würde Peter nun aber glauben, mit Karl befreundet zu sein, während dieser schon seit Jahren tot ist, würden wir nicht sagen, Peter liege mit seiner Annahme neben der Wahrheit oder seine Glaubensüberzeugung sei falsch, sondern wir würden sagen, er sei verrückt oder wahnsinnig. Denn verrückt oder wahnsinnig zu sein heißt, einer grundlegenden Form der Bedeutungsblindheit anheimgefallen zu sein; es heißt, erfahrungskonstitutive Weisen unseres sprachlichen Weltumgangs verloren zu haben und zu ermangeln. Wenn Symmetrie und Gegenseitigkeit eine notwendige Bedingung zur Erfüllung der vollen Bedeutung des Begriffs Freundschaft darstellen, müssen wir in diesem pathologischen Falle davon ausgehen, daß Peter dieses Begriffs nicht oder nicht mehr mächtig ist. Denn zu glauben, mit einem Toten befreundet zu sein, heißt etwas glauben, was dem Begriff der Freundschaft widerspricht. Das offenkundig Widersprüchliche und Widersinnige anzunehmen aber ist ein untrügliches Symptom dessen, was wir das kranke, verrückte oder wahnsinnige Bewußtsein nennen. Verrückt oder wahnsinnig zu sein ist demnach etwas anderes als sich wenn auch noch so grundlegend zu irren; es ist vielmehr nicht bloß ein Irrtum in Bezug auf die Tatsachen, wie die Tatsache, daß Karl tot ist, sondern die Flucht oder der Absturz in die Annahme des Widersinnigen oder Absurden, wie die Annahme Peters, daß der verstorbene Karl lebe und mit ihm weiterhin freundschaftlich verbunden sei.

Daß wir verrückt oder wahnsinnig werden können, ist eine dem lebendigen Bewußtsein inhärente Möglichkeit, insofern es durch mehr oder weniger starke Erschütterungen den Halt im Leben der sprachlichen Bedeutungen und der absichtsvollen Handlungen verlieren kann. Wenn Karl für Peter zeitlebens und während ihrer intensiven Freundschaft eine von Peter nicht verwirklichte Lebensmöglichkeit verkörperte, die ihn, Peter, allererst leben und weiterleben ließ, kann die große Erschütterung infolge seines Todes Peter den Halt im Leben rauben und ihn dazu bringen, die Tatsache seines Todes zu verleugnen und phantastische Freundschaftrituale wie imaginäre Unterhaltungen oder Spaziergänge gleichsam jenseits des Grabes mit ihm zu pflegen.

Wir bemerken an dieser Stelle nicht zum ersten Mal, daß die Rede von einem nicht prinzipiellen, sondern nur graduellen Unterschied von Mensch und Tier von großer Verwirrung in Bezug auf die Verfaßtheit und Struktur des Menschen eignenden Bewußtseins zeugt: Nur das Bewußtsein des Menschen kann wahnsinnig werden, Menschenaffen pflegt dergleichen nicht zu widerfahren. Ein Orang-Utan, der glaubte, ein in einen Menschenaffen verzauberter Mensch zu sein, wäre verrückt, wie ein Mensch verrückt wäre, der glaubte, ein in einen Menschen verzauberter Orang-Utan zu sein; aber da Tiere in dem für unser bewußtes Leben konstitutiven semantischen Sinne überhaupt nichts glauben, annehmen und für wahr oder falsch halten, können sie auch nicht verrückt werden.

Worin gründet das lebendige Bewußtsein? Können wir es nicht nur anhand seiner Äußerungen oder seiner notwendigen Implikationen erfassen, welche die Struktur der Erfahrung ausmachen? Haben wir einen Funktionsbegriff oder eine relationale Form, mit der wir es unmittelbar erfassen können?

Wenn wir wieder auf unseren eingangs formulierten ungesättigten Funktionsausdruck F(x, y) zurückgreifen und versuchsweise die beiden Variablen identisch setzen, erhalten wir F(x, x), und wenn wir F statt mit „ist befreundet mit“ durch „ist vertraut mit“ definieren, erhalten wir durch Einsetzen von Peter für die Variable: „Peter ist mit Peter vertraut.“

Doch haben wir schon gesehen, daß wir für die Beschreibung und Verifikation der Relationen, in die Peter als Subjekt eingeht, wie in die Freundschaftsbeziehung, auf das Selbstbewußtsein und das Selbstverständnis der Person zurückgreifen müssen. So kommen wir zu dem Ergebnis, daß wir F in folgender Weise ausdrücken sollten: „Ich bin mit mir vertraut.“

In der Tat hat man geglaubt, mit dem Begriff einer ursprünglichen Selbstvertrautheit dem Selbstverhältnis, wenn es denn eine relationale Struktur besitzt, auf die Sprünge kommen zu können. Doch der Schein trügt, denn die Formel lebt wie all unsere Selbsterhellungen von einem Bild oder einer Metapher, die wie die Metapher des Spiegels oder der Reflexion wohl etwas Wahres enthüllt, aber zugleich immer auch Wesentliches verbirgt und dadurch in die Irre führt. Denn vertraut werden und vertraut sind wir immer mit anderem als uns selbst, dem Weg, den wir täglich gehen, dem Platz, an dem wir arbeiten oder mit der eigenen Sprache. Aber mit uns selbst sind wir nicht auf diese Weise vertraut; das zeigt sich darin, daß wir den Weg, der uns jetzt vertraut ist, ein ersten Mal gingen, da er uns nicht vertraut war – wir haben ihn allmählich in seinen verschiedenen Wahrnehmungsaspekten kennengelernt. Nicht so wir mit uns selbst – denn nicht waren wir uns „am Anfang“ gänzlich unvertraut und lernten uns dann allmählich kennen! Denn solange wir sind, sind wir immer schon – in einem extratemporalen Sinne – da, für uns da.

Wir können sprachliche Bedeutung nur dadurch erhellen, daß wir den betreffenden sprachlichen Ausdruck in Funktionsbegriffe umformen, die uns ihre Wahrheitsbedingungen liefern. Die Wahrheitsbedingung für den eingangs gegebenen Ausdruck F(x, y) beruht auf der Existenzbestimmung der Variablen, die in diesem Falle, wenn wir F als „ist befreundet mit“ definieren, auf die Reihe der Eigennamen einzuschränken ist. Nichts dergleichen ist für einen Funktionsausdruck in Sicht, der F als „ist sich seiner selbst bewußt“ definierte.

Denn wenn wir wieder x und y gleichsetzen und den Eigennamen Peter einsetzen, erhalten wir: „Peter ist sich seiner selbst bewußt.“ Und das muß man uns nicht zweimal sagen. Es ist ähnlich wie mit der berühmten Formel Fichtes „Ich=Ich“; hier sehen wir gleich, wo der Hase im Pfeffer liegt, denn die Formel impliziert eine unendliche Reflexion und Iteration oder einen unendlichen Regress, weil wir immer für „Ich“ wiederum „Ich=Ich“ einsetzen können:

1.1          Ich=Ich
1.1.1     (Ich=Ich)=(Ich=Ich)
1.1.1.1 ((Ich=Ich)=(Ich=Ich))= ((Ich=Ich)=(Ich=Ich))

Wir können etwas nur bestimmen, wenn wir es in einem Satz ausdrücken können, in dem die Identität der Bestimmung einen Unterschied enthält, wie in dem Satz „Peter ist der Täter“, in dem die Identität nicht vollständig und singulär oder exklusiv ist, weil natürlich auch Karl und Hans Täter sein können. Die vollständige Identität wie in dem Satz „Peter ist Peter“ aber sagt NICHTS, also auch nicht Fichtes Satz: „Ich ist Ich.“

Der Zirkel, in den wir hier geraten, tat sich schon anfangs auf, als wir den ungesättigten Funktionsausdruck für die Freundschaftsrelation betrachteten und feststellten, daß er nur korrekt erfüllt werden könne durch Einsetzen geeigneter Eigennamen wie Peter und Karl. Was aber ist mit unseren beiden Wellensittichen, die wir Peter und Karl getauft haben? Sie sind vielleicht rührend einander zugetan, doch werden wir ihnen nicht die Ehre antun anzunehmen, Peter befürchte, Karl könne enttäuscht sein oder gar die Freundschaft aufkündigen, wenn Peter vergißt, ihm an seinem Geburtstag am kommenden Sonntag ein Geschenk zu überreichen. Tiere sind nun einmal nicht Personen der Art, daß wir ihnen unterstellen, ein selbstbewußtes Leben zu führen, das sie in gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen, Enttäuschungen und Sanktionen verstrickt. Demnach dürfen wir nur diejenigen unter den Trägern von Eigennamen als Kandidaten für die Variablen unserer Freundschaftsrelation auswählen, die das Kriterium selbstbewußten personalen Lebens erfüllen. Das ist der Zirkel.

Ist also die Urtatsache, die unser Leben und die Erfahrungswelt bestimmt, das lebendige Bewußtsein oder das Selbst, unaussprechlich, unsagbar, mystisch?

Betrachten wir einen Satz wie: „Der Mount Everest ist der höchste Berg der Erde“ und klären wir seine Wahrheitsbedingungen mittels Umformung in den entsprechenden Funktionsausdruck, gemäß dem es von allen Bergen genau einen gibt, der alle überragt; und diese Bedingung ist erfüllt, wenn gilt: Wenn der Berg x die Eigenschaft F hat (wobei wir F mit „überragt alle anderen Berge“ definieren) und wenn der Berg y die Eigenschaft F hat, dann sind diese Berge derselbe Berg und x=y. Formulieren wir dies in einem Funktionsausdruck: F(x, y) (x=y). Die Wahrheitsbedingung schränkt anhand des Identitätszeichens den Wertebereich der Variablen auf eine singuläre Entität ein.

Und diese Einschränkung gilt naturgemäß auch für das Bewußtsein oder Ich oder für mich (oder für dich): Wie wir allen größeren Erhebungen die Eigenschaft, Berg zu sein, zusprechen, sprechen wir allen Personen die Eigenschaft zu, ein Ich zu sein. Und wie wir von allen Bergen nur einem einzigen Berg die Eigenschaft zusprechen, der höchste zu sein, sprechen wir von allen Personen nur einer einzigen Person die Eigenschaft zu, ICH zu sein.

Wir finden in der theologischen Ausdrucksweise eine Analogie: Wenn es heißt, Jesus sei der Christus, dann wird eine Identität ausgesagt, die der Ich-Identität entspricht. Wir können demnach folgende Sätze logisch-semantisch vergleichen:

(1) Jesus ist der Christus.
(2) Diese Person bin ich.

In beiden Fällen wird dem Subjekt keine allgemeine Eigenschaft zugesprochen, die es mit vielen weiteren Subjekten gemeinsam hätte. Denn in (1) ist „Christus“ kein Titel wie „König“ in dem Satz: „Karl der Große war der König des Frankenreichs“, für den wir die ungesättigte Funktion F(x) hinschreiben können, bei der die Variable den Wertbereich aller Namen von Königen umfaßt. Vielmehr ist, wenn (1) gilt, Christus der einzige König der Welt und als solcher die zweite Person des trinitarischen Gottes. Da nun Gott Person ist, ist er ein singuläres, seiner selbst bewußtes Lebewesen. Insofern haben wir in der theologischen Formel „Jesus ist der Christus“ in der Tat einen analogen Ausdruck für die Ich-Identität.

Wir können noch ein Stück weitergehen: In der Formel (1) ist zugleich die Tatsache der Inkarnation ausgesagt, denn die historisch leibhaftige Person Jesus wird als Christus bezeichnet. Hier finden wir die zweite Analogie zur Ich-Identität: Auch diese scheint uns unlöslich von ihrem leibhaftigen Träger zu sein. So kann ich auf ein Foto zeigen und ohne Mißverständnisse zu erwecken sagen: „Das bin ich.“

Für (2) gilt: Zwar haben alle Personen die Eigenschaft, ihrer selbst bewußt oder ein Ich zu sein, aber nur eine einzige von allen hat die Eigenschaft, ich selbst zu sein: Wenn Peter seinem Freund Karl sein Leben erzählt und sich an viele Personen erinnert, die darin eine Rolle gespielt haben, weiß Karl, daß Peter mit keiner der erinnerten Personen identisch ist, sondern daß er identisch mit demjenigen ist, der sich an sie erinnert, und daß es keine andere Person gibt, die sich jetzt in dieser Weise an sie erinnert.

Wir schließen daraus: Wenn wir die Wahrheitsbedingung des Funktionsausdrucks für die Ich-Identität auf die singuläre Entität einschränken, die sie erfüllt, kommen wir der Semantik des Bewußtseins zumindest ein gutes Stück näher.

Wir kommen an eine Grenze des Sagbaren, wenn wir bemerken, daß wir ebenso im Grund von allem enthalten sind wie der Grund von allem in uns, in uns als bewußten Wesen. Denn, um es im theologischen Bild zu sagen, wenn Gott sich in der Welt inkarniert hat, sind wir ein leibhaftiger Aspekt seines Bewußtseins. Und wenn wir uns unserer bewußt sind, dann weiß Gott durch unser Wissen von uns von sich. Aber von sich zu wissen ist wie ein Schleier oder Schatten, den die Dinge werfen, mit denen wir umgehen; wollen wir den Schleier oder Schatten für sich greifen, zerfließt er unter der Hand, wird zu nichts. Daß der Schatten ein Leben lang mit uns wandert, verweist darauf, daß wir in allem enthalten sind; doch bleibt er ungreifbar, wie der Grund von allem, wenn wir danach greifen wollen.

Ich kann, wenn ich mich als im Grunde von allem enthalten denke, auch denken, daß ich von Gott gedacht werde, daß ich von Gott angesprochen werde. Aber wenn ich mich allein im All sehe, verliere ich mich natürlicherweise im Nichts.

In der semantischen Annäherung können wir diesem Gedanken des Rückbezugs von Allheit und Ich-Identität etwa so formulieren: Jeder Satz enthält ein Gedachtes oder einen Gedanken, jeder Gedanke weist auf ein mögliches Subjekt des Denkens. Der Grund und die Struktur des Gedankens sind im Grund und der Struktur des Bewußtseins enthalten. Es gibt nicht die ontologische Form eines Sachverhalts ohne die semantische Struktur eines Bewußtseins, das um ihn weiß oder glaubt, daß er besteht oder nicht besteht.

So weist, um es wieder metaphorisch zu sagen, das Bewußtsein in den Grund der Welt, und der Grund der Welt spricht sich im Bewußtsein aus. Deshalb kann es keine Evolution oder eine natürliche Entwicklung des Bewußtseins in der Form geben, daß gewisse objektive Verhältnisse, wie die Stammesentwicklung, die Hirnentwicklung oder die Entwicklung der sozialen Kommunikation, für die Form und Struktur des bewußten Selbst unmittelbar ursächlich wären. Das Kind kann nicht die indexikalische Rolle der Pronomina „ich“ und „du“ lernen, ohne schon von sich zu wissen; zu wissen, daß es gemeint ist, wenn es von anderen Kindern gerufen wird.

Dez 31 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXIII

N’était-il pas, ce verger, tout entier,
ta robe claire, autour de tes épaules?
Et n’as-tu pas senti combien console
son doux gazon qui pliait sous ton pied?

Que de fois, au lieu de promenade,
il s’imposait en devenant tout grand;
et c’était lui et l’heure qui s’évade
qui passaient par ton être hésitant.

Un livre parfois t’accompagnait…
Mais ton regard, hanté de concurrences,
au miroir de l’ombre poursuivait
un jeu changeant de lentes ressemblances.

 

Wirft nicht dieser Garten dir in seiner Fülle
über die Schultern sein helles Kleid?
Hast du ihn gefühlt, den tröstlichen Bescheid,
wenn deine Füße säumt des Grases Stille?

Wie oft verhält er deines Ganges Runde
und gebietet dir aus seiner Höhe zu verweilen;
er ist es und die verfließt, die Stunde,
die dein zögerndes Sein durcheilen.

Manchmal hast du ein Buch mitgebracht …
Doch dein Blick, von andren Geistern umspukt,
verfolgt, was im Schattenspiegel lacht
und aus dem Wechselspiel der Ähnlichkeiten lugt.

Dez 31 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXII

Ai-je des souvenirs, ai-je des espérances,
en te regardant, mon verger?
Tu te repais autour de moi, ô troupeau d’abondance
et tu fais penser ton berger.

Laisse-moi contempler au travers de tes branches
la nuit qui va commencer.
Tu as travaillé; pour moi c’était un dimanche, -
mon repos, m’a-t-il avancé?

D’être berger, qu’y a-t-il de plus juste en somme?
Se peut-il qu’un peu de ma paix
aujourd’hui soit entrée doucement dans tes pommes
Car tu sais bien, je m’en vais…

 

Bin ich voll Erinnern, von Hoffen verleitet,
wenn sich, Garten, meine Blicke in dir versenken?
Du weidest um mich, o Herde, rings gebreitet,
und gibst deinem Hirten zu denken.

Laß mich durch deine Zweigen die Nacht beschauen,
die soeben erwacht.
Du hattest Arbeit, ich durfte mich am Sonntag erbauen,
hat meine Ruhe mich weitergebracht?

Was kann es am Ende bessres geben, als Hirte zu sein?
Vielleicht floß ein wenig von meinem Frieden
heute ganz sacht in deine Äpfel hinein?
Denn du weißt, bald sind wir geschieden …

Dez 31 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXXI

De leur grâce, que font-ils,
tous ces dieux hors d’usage,
qu’un passé rustique engage
à être sages et puérils?

Comme voilés par le bruit
des insectes qui butinent,
ils arrondissent les fruits;
(occupation divine).

Car aucun jamais ne s’efface,
tant soit-il abandonné;
ceux qui parfois nous menacent
sont des dieux inoccupés.

 

Was machen jene, heute so stumm,
all die Götter mit ihrer Anmut,
die unter Bauern von einst geruht,
weise zu sein oder dumm?

Wie vom Gesumm umhüllt
von Insekten beim Sammeln von Nektar,
schönen sie des Fruchtstands Bild
(Arbeit für die Götterschar).

Keiner von ihnen will verschwinden,
so sehr sie sich verlassen sehen;
welche, die uns manchmal schinden,
sind Götter, die müßig gehen.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXX

Jamais la terre n’est plus réelle
que dans tes branches, ô verger blond,
ni plus flottante que dans la dentelle
que font tes ombres sur le gazon.

Là se rencontre ce qui nous reste,
ce qui pèse et ce qui nourrit
avec le passage manifeste
de la tendresse infinie.

Mais à ton centre, la calme fontaine,
presque dormant en son ancien rond,
de ce contraste parle à peine,
tant en elle il se confond.

 

Nie kann man Erde leibhaftiger besitzen,
als in deinen Zweigen, o blonder Garten,
nie schwebender als in den feinen Spitzen,
die auf der Wiese deine Schatten sind, die zarten.

Hier findet sich, was uns verbleibt,
was uns aufwiegt mit frischem Blut,
was uns im Übergang verleibt
in der unendlich sanften Glut.

In deiner Mitte der Brunnen, er schweigt,
als schliefe er in seinem alten Rund,
etwas zu entgegnen ist er kaum geneigt,
so sehr ertrinkt er ganz im eignen Mund.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXIX

Vers quel soleil gravitent
tant de désirs pesants?
De cette ardeur que vous dites,
où est le firmament?

Pour l’un à l’autre nous plaire,
faut-il tant appuyer?
Soyons légers et légères
à la terre remuée
par tant de forces contraires.

Regardez bien le verger:
c’est inévitable qu’il pèse;
pourtant de ce même malaise
il fait le bonheur de l’été.

 

Um welche Sonne kreisen
so vieler Wünsche Planeten?
Und so viel Wärme, kannst duʼs weisen,
aus welchem Firmamente soll sie treten?

Um diesem und jener das Ihre zu geben,
müssen wir uns so sehr aneinanderlehnen?
Seien wir der Leichte und die Leise dem Leben,
auf einer Erde, die pressen und dehnen
so viele Mächte im Widerstreben.

Schaut nur hin auf den Garten:
gewiß, er hat seine Lasten;
doch diese Schwere läßt uns rasten
im Sommerglücke unserer Fahrten.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXVIII

Peut-être que si j’ai osé t’écrire,
langue prêtée, c’était pour employer
ce nom rustique dont l’unique empire
me tourmentait depuis toujours: Verger.

Pauvre poète qui doit élire
pour dire tout ce que ce nom comprend,
un à peu près trop vague qui chavire,
ou pire: la clôture qui défend.

Verger: ô privilège d’une lyre
de pouvoir te nommer simplement;
nom sans pareil qui les abeilles attire,
nom qui respire et attend…

Nom clair qui cache le printemps antique,
tout aussi plein que transparent,
et qui dans ses syllabes symétriques
redouble tout et devient abondant.

 

Dich zu schreiben wagte ich vielleicht,
geborgte Sprache, daß am Ende meiner Fahrten
das Wort der Landschaft mich erreicht,
das schon immer mich bedrängte: Garten.

Armer Dichter, der sich erlesen muß
für sein Sagen, was dies Wort enthält,
etwas allzu Vages, voll Verdruß
oder ärger: Hecke, die verstellt.

Der Früchte Garten: o die Lyra, auserwählt,
dich zu benennen schlichter Art,
Name, unerhört, dem die Biene sich vermählt,
Name, der da haucht und harrt …

Klarer Name, der den Frühling der Antike hegt,
so üppig und so glanzumflort,
es sind in seinen Silbenklang gelegt
der Nymphen Chöre und der holde Hort.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXVII

La Déesse

Au midi vide qui dort
combien de fois elle passe,
sans laisser à la terrasse
le moindre soupçon d’un corps.

Mais si la nature la sent,
l’habitude de l’invisible
rend une clarté terrible
à son doux contour apparent.

 

Die Göttin

Im Schlaf der leeren Mittagsglut
kommt oft sie hierher über die Flur,
doch auf der Terrasse keine Spur
von einem Wesen aus Fleisch und Blut.

Doch wenn Natur sie fühlend braucht,
dringt über unsichtbare Grenzen
ein ungeheures Glänzen,
in das ihr schmaler Körper taucht.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXVI

Qu’il est doux parfois d’être de ton avi;
frère aîné, ô mon corps,
qu’il est doux d’être fort
de ta force,
de te sentir feuille, tige, écorce
et tout ce que tu peux devenir encor,
toi, si près de l’esprit.

Toi, si franc, si uni
dans ta joie manifeste
d’être cet arbre de gestes
qui, un instant, ralentit
les allures célestes
pour y placer sa vie.

 

Wie schön es ist, manchmal mit dir einer Meinung zu sein;
älterer Bruder, o meines Leibes Bau,
wie schön ist es, wenn ich vertrau
auf deine Kraft,
wenn ich an dir fühle Blatt, Stengel, Borkenschaft,
all das, was du zu sein entwirfst genau,
du, mit dem Geiste im Verein.

Du, so klar, ganz Hand und Haupt,
deiner Freude offener Raum,
und den Gebärden jener Baum,
der augenblicks herunterschraubt
den überirdischen Traum
und mit frischem Leben sich belaubt.



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