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Mai 21 13

Das Imperium aus dem synaptischen Spalt

Der intentionale Spannungsbogen
des Augustus wurde Stein und Gesetz,
ließ aus dem Dung so vieler Toten
den Glanz der marmornen Roma leuchten.

Der Bogen überwölbte den Tod,
sprühte mit dem Diadem des Kaisers
unterm Stern der Apotheose –
bis zum Untergang der Bourbonen,
des Habsburgers Resignation.

Doch wem unberufen das Imperium zufällt
und er vertändelt die Zeit der Entscheidung
mit Mätressen und Komödianten,
dösend im Dunst exotischer Öle und Säfte,
an giftgrünen Traumfrüchten leckend,
wird rechtens gerächt vom Dolch des Verräters.

Und jener tölpelhafte Teufel,
der die Cäsaren beerben
und Paris übertrumpfen wollte:
ein überspannter Gigolo der Macht,
dem nach zwölf Jahren der Pest
undeutscher Phosphorbogen
auf die Schädelstätte der Nation,
geschändeten Volkes sank.

Sprudeln die Schicksalsquellen
nervöser Erregung zu heftig oder zu dünn,
zerfurchen, überwuchern die Bahn des Sinns
Raserei oder Abulie, Wahn oder Apathie,
Glossolalie oder Alogie –
das Szepter sinkt, das Wappen verblasst,
der goldene Apfel rollt in den Sand.

Mai 20 13

Liebe und Langeweile

„Ich bin fad, fahl und flach.
Ich kann dir nicht geben,
nicht dich beleben.“

„Ich kann deine Flamme nicht sein,
an der dein Frieren verginge.“

„Ich kann der Wald deines Echos nicht sein.
Mein Wald ist voller Kahlschlag, voll Bruch.“

„Wie in einen Jungbrunnen kannst
in mich du nicht steigen.
Meine Wasser sind brackig-grün und verschilft.“

„Ich kann dein Spiegel nicht sein,
aus dem du dir lächelst, prinzlich-verjüngt.“

„Ich weiß nicht, was es ist, wie es heißt,
ob es einen Namen nur hat.“

„Du musst die toten Stellen, die Ritzen,
die leeren Nester der Langeweile
nicht mit künstlichen Blumen pfropfen,
mit warmen Worten nicht stopfen.“

„Ich kann dir das Ganze nicht geben,
doch einiges, etwas, ein bisschen ergänzen.“

„Im Kleinsten, im abgelegensten Teil deines Lebens
ist das ganze Leben: sehr leise vielleicht.“

„Ich kann dich nicht wie das Kind
das gewölbte Wunderglas,
mit Idyll befüllt, schütteln,
und von unterst zu oberst stöbern,
schweben all deine feinen Partikel,
all deine Ego-Zauberflöckchen.“

„Du brauchst mich nicht heilen, nur halten.
Es langt, wenn mein Kuchen dir schmeckt.“

„Ein schiefer Ton, eine missliche Stille,
ein Ich-weiß-nicht sickert
aus dem Spundloch der Langeweile:
Kein Gott im Ärmelschoner beugt sich übers Katheder
und kritzeltʼs ins Buch deines Lebens
für finale Lektüre, Endkorrektur. –
Lass gehen, lass stehen, lass gut sein!“

Mai 18 13

Lass dich, überlass dich

Du lass von zarten Blicken dich heben
auf die betropfte Irisblüte des Abends.
Stelle den Zeiger des Herzens auf die Neigung
des Lichts: Es birgt noch goldene Stille am Grund.

Lass von dem Lächeln, das dir nicht galt,
es hat wie Fliederduft träg sich verschwendet,
erweichen lasse dich. Schon sickert
aus den Hörnern des Schlafs warmes Harz.

Unterm Löß, hinter Mauern fädeln sich
leise Stimmen, Insektengetrommel,
glitzernde Liebeshärchen, flechtet
Nervengezwitscher sich umeinander.

Lass dich, überlass dich der liebenden
Deutung der Zeichen, die auf die Haut dir
blind Gefühl schreibt mit Schauern,
mit Atemwellen behauchenden Munds.

Mai 17 13

Abdriften

Abdriftend vom menschlichen Eiland,
bleiben dir die Reflexe
der sich entfernenden Fenster,
des wehenden Haars,
der Feuchte von Augen,
die dich nicht meinen,
die deinetwegen nicht weinen.

Du gewöhnst dich an schelmenhafte Gespräche
mit deinem Schatten,
die dem Wüstenwind gleich
die Dünen des Sinns aufwerfen,
die Dünen einebnen.

Du wohnst in dämmernder Wabe,
dich nährt Erinnerns bitter-süßer Honig.
Du hast die Spiegel verhüllt
und ließest den Siegelring lächelnd
in den Brunnen der Träume gleiten.

Du gewöhnst dich ans summende Schlendern
auf Wegen ohne Ziel, ohne Horizont.
Du verwischst dein Profil,
übervölkerst dein Bewusstsein
mit barbarischen Namen,
bis dein eigener Name ausgelöscht ist
oder, ein herabgesunkenes Blatt,
trudelt auf den Wassern des Styx.

Mai 17 13

Omina

Plötzlich, es lässt fahren die erschrockene Hand –
alte Vertraulichkeiten hat abgebrochen das Kind.

Traurigen Blickes der Mann auf der Rolltreppe von
Karstadt dauert dich: Im Spiegel sahst du dich selbst.

Zeitung lesend, verdrossen ob Schreibe und Sinn,
springen Anagramme dich an: „PERDUTO“, „VERLOREN“.

Wenn wie aus Schmerzen geschmolzen die Glocken ertönen,
du dich vergebens auf die Herkunft des Heilands besinnst.

Wenn Deinesgleichen meidend, du einsame Wege
gehst und in den Lehm dunkle Zeichen ritzt.

Wenn wie dorrendes Gras dein Gemüt, der Sonne
abhold, dem Geschrei ferner Brandung lauscht.

Mai 16 13

Entrückung

Die Farben lösen sich ab und wogen
Gluten entblätternd auf und nieder.
Du bist über dein fernes Gesicht weich gebogen.
Die Leere der Dinge schenkt dich dir wieder.

Die Klänge queren flattrig die Räume,
seltsame Vögel des reinen Empfindens.
Einzelne schwingen sich dunkel an Säume.
Andre schwärmen zum Zenit des Verschwindens.

Die Düfte sind wunderliche Schamanen.
Sie heben dich leicht in Gärten des Südens.
Sie gaukeln dir vor die Bilder der Ahnen,
sie hüllen dich in Blüten süßen Ermüdens.

Mai 16 13

Wie es war – wie es sein wird

Sie schleppen sich dahin, jeder mit seinem Bündel, seinem Ranzen, seinem Rucksack. Die Männer ziehen wie Vieh Karren und Wagen, vollbeladen mit Säcken, Kisten, Koffern. Hausrat. Lappen, Besen, Bettzeug. Hin und wieder ist auf der Spitze der Ladung ein dürres, altes Männlein, ein hageres, altes Weiblein festgebunden.

Asche im Haar, verrußtes Gesicht. Aufgeplatzte Lippe. Beulen, Pickel, Wunden.

Asche im Haar, fahles Gesicht, gelblich. Die Augen trüb-wässrig, glasig-starr. Träge an sich schleppend, an der Last. Der Last. Einer torkelt, einer fällt. Man geht vorbei, man stolpert darüber hinweg.

Alle mager, dürr, zittrig. Kinder mit Hungerbäuchen. Die Wälder, Forsten, Felder – alles von giftigen Gasen verderbt, unfruchtbar. Die Tiere im Wald, das Vieh in den Ställen tot. Aas. Müll, der qualmt. Die Bäume Krüppel.

Die Frauen mit ausgebleichtem Kopftuch, mit losem, wehenden Mantel, grau, blassgrün, schwarz. Die jungen Mädchen haben sich mit Ruß und Asche beschmiert, entstellt. Die wenigen Säuglinge hütet man wie Augäpfel, trägt sie in auswattierten Taschen, weichen Gehängen. Die kleinen Kinder sind mit Kordeln am Mantelgürtel der Mutter angebunden, manche lassen sich quengelnd oder todmüde ziehen.

Die Männer, nur wenige sind jung, tragen zerschlissene Joppen, geflickte Hosen. Manche schäbig gewordene, rissige Anzüge aus feinem Stoff. Mützen, Kappen, Hüte, auch Kopftuch wie die Frauen. Man sieht verbeulte Zylinder wie aus märchenhaften Tagen versunkener Festlichkeiten.

Alle Männer haben Messer oder Totschläger im Gürtel stecken. Etliche tragen Pistolen, Karabiner, Maschinengewehre. Das sind die frischen, wohlgenährten Befehlshaber. Sie haben Zigaretten, sie haben Dosen mit Fleisch gehortet, Flaschen mit Wein und Wodka. Es sind die Freien, die Geber und Nehmer von Leben und Tod.

Der Treck zieht weiter. Ein Karren bricht unter der Last. Das Weib schreit. Der Mann flucht. Die anderen ziehen gleichmütig-stumm vorbei.

Zwei Kerle machen sich mit Messern an einem Pferdekadaver zu schaffen. Der liegt aufgedunsen am Wegrand, fliegenumschwirrt.

Weit auf dem Stoppelfeld hört man ein Mädchen schreien und um Hilfe rufen. Zwei junge Kerle befriedigen ihre Lust. Keiner rührt sich, alles zieht weiter. Das Mädchen schreit, schreit. Ein Bewaffneter strebt entschlossen dem Ort des Geschehens zu. Zwei gezielte Kopfschüsse. Stille. Das Mädchen trottet dem Soldaten hinterher zur Straße. Es entdeckt seine beiden Brüder und läuft freudig auf sie zu. Sie spucken vor ihm aus.

Abends lagern die Fahrenden auf offenem Feld. Die Karren werden in einem weiten Umkreis aufgestellt. Eine breite Zufahrt bleibt zunächst offen. Man befestigt Planen an den Karren zum Schutz vor Regen und Wind. In der Mitte des Kreises werden Holzscheite aufgeschichtet. Jetzt züngeln Flammen, steigen auf. Beißender Rauch. Dann schlägt die Glut durch. Leichname von Mitziehenden, die tags den Strapazen zum Opfer gefallen waren, werden vor dem Feuer kunstgerecht zersägt und entbeint.

Nach dem Mahl wird durch den Einlass zur Wagenburg von kräftigen Burschen ein hoher Planwagen bis vor das Feuer gezogen. Man schiebt die Planen zur Seite. In der Mitte des Wagens wird die Gestalt eines jungen, fettglänzenden Weibes sichtbar, üppig-blühend, süßlich-schwellend. Aus der kleinen Höhle ihres lippenstiftverschmierten Munds lodert panisch die obszöne Zunge. Ihr monströser Leib ist in geschmeidige Linnen von blauer und grüner Seide geschlungen. Auf der Stirn, die von Schweißtropfen perlt, funkelt ein goldenes Diadem. Während eine Gruppe im Hintergrund rührselige Weisen anstimmt – immer wieder jäh unterbrochen von gellenden Jodlern –, defilieren die Fahrenden vor der Thronenden: Ein jeder beugt sich tief vor ihr hinab und küsst einen prunkvollen Ring an ihrem Zeigefinger. Nach dem Ritual drängen sich alle in Reih und Glied vor der Herrscherin. Etliche Männer und Frauen suchen sich und stellen sich ganz in die Nähe der Vergötzten. Sie halten krampfhaft ihre Hände umschlungen. Das fette Weib erhebt sich plötzlich unter dem Stöhnen der Menge. Sie zeigt mit dem beringten Finger in die Runde und bestimmt die Paare, die diese Nacht Nachkommen zeugen sollen. – Die Augäpfel der Matriarchin glänzen unter dem letzten Lodern des Feuers auf: Sie sind milchig und tot.

Mai 15 13

Neulich hab ich den Dings gesehen

„Wie hieß der noch mal?“
„Mensch, ist die dick geworden!
Ist die immer noch mit dem Dings zusammen?“

„Die war doch damals ganz vornehm dabei!“
„Die diskutiert nicht, die hat recht.“
„Mensch, ist die dick geworden!“

„Der Alte hat sie sitzen lassen.“
„Blödsinn, die hat ihm ʼnen Schubs gegeben,
von wegen Suff, Führerscheinentzug und so.“
„Da kann die ruhig dick werden.“

O, der Schönheit edle Düfte,
da dein Sommer sich geneigt
über deines Herzens Klüfte
mit den Myrten, weich verzweigt.

„Die kriegt im Bett den Hals nicht voll.
Für die Prada-Täschchen hält sie sich den Alten.
Nachts schleicht sie rüber zu ihrem jungen Hengst.
Den melkt die bis zum Morgengrauen.“

„Das solltest du dem Alten stecken.
Dann triffst du sie bald bei der Arge.“
„Quatsch, die angelt sich gleich ʼnen Dummen,
der ihr die Titten straffen lässt.“

„Die war doch mit dem Dings zusammen,
du weißt, den mit der Hasenscharte.“
„Mann, der ist doch längst krepiert. Prostata.
Klar, hat keinen mehr hochgekriegt.
Hat ihn kalt abserviert. Hat sich totgesoffen.“
„Wie hieß der noch mal, der Dings?“

O, der Schönheit edle Düfte,
da dein Sommer sich geneigt
über deines Herzens Klüfte
mit den Myrten, weich verzweigt.

 

Mai 14 13

Xenophobie

Wer nimmt dich wahr?
Was nimmst du wahr?
Auf- und abpulsend-rotierende Flecken,
stäubende Blüten- und Sinnfragmente,
kryptische Muster auf Wange und Stirn?

Oder zerfließt alles Feste, Fremde, Fordernde
in den dantesken Schlund
eines Haschischbewusstseins?

Verschlieren die Wände des Seins
samt gut gehängter Bilder
unter dem irisierenden Ölfilm
entrückter Gleichgültigkeit?

Leckt die Zunge deines Gehörs
die rauhen, porigen, weichlippigen Häute
der Klänge oder schlitzt du sie
mit dem zarten Messer der Deutung
kunstgerecht auf?

Ist der Leib der anderen Seele ein Schatten,
den die Funzel deiner stummen
Erwartungslosigkeit an die Decke
des Nicht-Schlafen-Könnens wirft?

Wird dir die Hand, die nach Früchten,
dem Telefonhörer, dem Wasserhahn tastet,
aus dem Nervengeflecht
eines fernen Gottes drahtlos gelenkt,
des berüchtigten Ersten Bewegers?

Ist was du sagst
wie unbewusster Tropfen
über die Zunge gerollt?

Und was du kritzelst ein Anagramm
aus den panisch-gespenstisch sich schreibenden Zeilen
auf dem flackernden Schirm deiner Geist-Maschine –
codiert mit der Software „Free Mind“
eines ironischen Programmierers,
der deine Muttersprache nicht kennt?

Mai 14 13

Götzenhain

Wieder so ein fader Abend mit Fernsehen
und am Daumen-der-Erinnerung-Lutschen.
Machʼs aus, hau weg. – Mitternacht.
Der Spanner Mond geht um. Hoch blitzt die ISS.
Frühstücken die da oben oder singt einer ein Wiegenlied?

Schal um, Kappe auf, Cash dabei.
Die einzige Kneipe, die jetzt noch … na klar.
„Mosche!“ „Guude!“ „Bierchen!“ „Großes Pils!“
Und dann der dicken Matrone Zeit lange Zöpfe drehen.
hr1 schallt über die Theke. Der Wirt hat ein blaues Auge.
Den lieben auch nicht alle.
„Zum Schluss wie immer noch ein Buddy, aber schön kalt!“
Jetzt kommst du in Gönnerlaune.
Erzähl halt wieder mal das seltsame Histörchen, die makabre Story:

„Ich ging wie jetzt beschwipst, nicht voll, am Flüsschen lang.
In der Biegung, ihr wisst, am Felsüberhang, plötzlich
hör ich da ein tiefes Seufzen, ein hohes Stöhnen …
ich dachte schon, verdammt … da bröckeln Steine
und die Felswand bricht entzwei.

Ich duck mich hinter ein Gebüsch und durchs Gezweig
erspähe ich ʼnen irren Film: Es schlagen Flammen
aus dem Höhlenloch, erst golden-rot, dann blau, meerblau.
Dann wird die Szene galvanisch weiß,
und auf der Leinwand zeichnet sich der scharfe Schatten
eines langen Kerls mit Schlapphut ab.
Ihm weht der Mantel wie ʼnem Zigeuner.
Das eine Auge funkelt gelb, das andere glänzt matt
wie Eierschale, wie eingelegt in Aspik.
In der rechten Hand hält er den ungeheuren Speer.
Mit dem beginnt er wild zu fuchteln.

Dann taucht er auf, ein schwarzer Riesenhund,
sperrtʼs rote Maul auf – ich glaub, ich rieche den Gestank.
Da zucktʼs ihm aus dem Schlund wie Flammenzunge,
die lodert auf, kringelt sich und rollt sich peitschend aus.
In welche Richtung? Na, in meine!
Da reiß ich mich vom Fleck, pack die Beine untern Arm.“

„Mensch Alter, die Story ist uralt und hat so ʼnen langen Bart!
Lass dir endlich mal was Neues einfallen!“

Mai 13 13

Karl der Große im Dreieichenhain

Der dicke Morgennebel verschluckt den Hufschlag.
Der Reiter duckt sich unters Geäst der knorrigen Eichen,
zur lichten Mitte schwenkt er ein im stillen Hag.
Eine weiße Taube flattert auf – die Nebel weichen.

Hohe Säule, Irminsul, der Weltenbaum
tritt plötzlich ihm vor Augen. So ragen Gedanken
hoch und wurzeln Ängste tief. An seinem Saum
der Altar-Block, so schwer, als würde nimmer wanken

der Erde grüne Veste. Mit Asche vermengt
aus Dinkel, Hafer, Roggen die Opferkuchen.
Der Mann steht nun davor und sinnt bedrängt
den Zaubersprüchen nach, die ihn verfluchen.

Ein altes Weib, doch ragend ungebeugt,
betritt den Kreis in leuchtendem Gewande
des priesterlichen Amts. Ihr Blick bezeugt,
der würdevolle Gang, sie sei von hohem Stande.

„Was entweihst du meinen heiligen Hain
mit Sporenklirren roher Tritte.
Was starrst entgeistert du zum Opferstein –
die Göttin nähr ich, dass sie uns ernähre!“

„Der Gott, den ich dir künde, bedarf
der Speisung nicht, er schenkt vielmehr des Lebens
Brot den Seinen. Dein Werk sei hinfort eitel,
die Göttin tot. Das weiset dir der Franken König.“

Kaum hat der Herrscher ausgesprochen, hüllt
Nebel alles ein. Er hört die Eichen rauschen.
Er tastet vor. Was eben Herz und Auge ihm erfüllt,
entschwand. Ihm muss der Welten Sinn sich tauschen.

 

Mai 12 13

Wer wenn nicht du?

Mitschwingend mit dem zweiten Satz der Pastorale.
Mitsingend mit den von Gräsern gewiegten Stimmen.

Wer wenn nicht du kannst es dir geben?

Mitzielend mit dem Jägerblicke des Reihers.
Mitsiegend mit dem fischerspießenden Schnabel.

Wer wenn nicht du kannst es dir geben?

Wieder küssend den unter Tränen erblühten Mund.
Wieder füllend den zum Bündnis gereichten Becher.

Wer wenn nicht du kannst es dir geben?

Aufschäumend mit der Iris, des Rhododendrons Flammen.
Niedersinkend in die lichten Schatten unterm gesalbten Holze.

Wer wenn nicht du?

Mai 11 13

Hortus conclusus

Als Entrée-Billet gilt hier nicht die Tasche
von Prada oder das Kleid von Gil Sander
oder der Duft von Dior –
auch keine Visitenkarte einer Schule
des durchgemusterten Lebens.

Als Charisma für diese intime Welt
zählt einzig die Klarheit, die Leuchtkraft
und die Demutsfeuchte des Auges,
des Blickes Innigkeit, die dort am Eingang
der Diener mit dem breitkrempigen Hut
abschätzt und bedachtsam wägt.

Er weiß um den Anspruch des Meisters,
des Gartens Herrn: Er ist hoch, doch erfüllbar
Menschen guten Willens.
Für solche, die ein Gran von Reinheit,
ein Körnchen Weisheit, ein Becherchen
weichen Empfindens als Gabe erbringen.

Auch wer arg sich verfehlt hat
wider Edens Gesetz, sei getrost:
Der Wind weht hier würzig und mild.

Alles ist von stillem, sanften Leben gesättigt –
die Blumen in diesem Garten
sind verzauberte Seelen,
die aus deinen Blicken erraten, was du fühlst,
was du denkst – du tauschest
die Mühsal der im Nebel des Fragens
stochernden Sprache gegen reine Lippen
lustvollen Stammelns, huldvollen Summens.

Auf Sänften der Luft wirst du entführt
zu Fontänen, die den Puls deines Wollens
in mystischen Klängen auf- und niederschäumen.

Zu heimlichen Grotten, umstanden von Engeln,
mit denen du vertraut zu reden beginnst.

Ein Kind nimmt dich bei der Hand
und geleitet dich in den lichten Hain
von Myrten, Zitronen, Zypressen,
wo du, dein Haupt schon gebettet auf Moos,
die kühlen Finger dich suchenden,
dich findenden Mondlichtes küsst.

O, die Einsamkeit deines Bewusstseins
füllt sich hier mit vogelfiedrigen,
leise flatternden Träumen.

Mai 10 13

Carolus-Brunnen

Wendelsplatz, Frankfurt am Main
Dem Andenken an Fritz Boehle

Schön flügelt die Stola dir, dem Herrn
der Christenwelt und Sachsenhausens.
Schön tänzelt der Huf des kalten Pferds
auf einer Kugel, die noch spröde tut.

Groß bindet die Kunst dir den Flügel
an die Faust, die das Szepter fasst.
Groß fügen sich, Vignetten goldner Chronik,
Schwert dir und Locke, Macht und Vision.

Gut zähmt hohe Kunst das Elementare
dämonisch zum Dienst edlen Sinns.
Gut verhüllen des Kaisers Standbild
Lärm und Dunst und Betrieb seiner Stadt.

Mai 10 13

Maus-Ich

„Alles für die Maus!“ Mao Zedong

Gleich russischen Puppen ist dir die Seele
verschachtelt-vermummt.

Echos sich behüpfender Kehlen
hallen aus episch verdunkeltem Schacht.

Immer ist es dasselbe Welten-Ei-Ego,
das träumend sich bebrütet,
sich auswälzt Tierchen für Tier.

Sich selber küsst es.
Sich selber frisst es.

Was duckt sich ganz unten in Ritzen
auf moosig-feuchtem Grund?
Hörst duʼs nicht fiepen?

Die Seele der Maus ist es,
das Mäuselseelchen,
dein innerstes, unterstes,
hintergründigstes Teil.

Die Nachtmaus graufellener Vorwelt
des Lauerns und Schnappens.

Was da funkelt, sind
die aus dem Phobos geborenen Augen,
die possierlichen Äuglein:
Unablässig schielen sie
nach huschenden Schatten,
stechend blitzendem Doppelstern,
Begattung lichtenden Monden.

Was da schunkelt, sind
die dem Phobos entwachsenen Lauscher,
die großen Bezeuger des Weltlärms:
Unablässig spitzen sie
nach Halm- und Gräsergeraschel,
heißem Hecheln von Zungen,
tödlich-wollüstigem Zischen.

Die Seelenmaus bleibt dir gewogen:
Dichtens und Denkens erste Muse,
Musaget der greulich-bunten Schar
all deiner Seelentiere –
von der goldbekrönten Kröte
bis zur Schmeichelkatze,
die dich närrisch umleckt.

Mai 6 13

Mozart-Denkmal

Mozartplatz, Frankfurt am Main
Dem Andenken an Gerhard Marcks

Ein Panzer-Fell ist ihm über die Ohren gewuchert,
aus jenem Sekret, das mit Taubheit segnet
für Pöbelgeblöke.

Oder es sind unter der pelzig-pilzigen Schwellung,
die das Haupt herabdrückt,
die Ohren ihm einwärts gewachsen –
er lauscht seinem reinen Empfinden
unmittelbar nach:
wie es kühn sich ertanzt,
wie in graziösen Rätselfiguren
es wunderlich kreist.

Die Augen weinen nach innen,
benetzen ein dunkles Elysium.
Aus dem Baume des Lebens inmitten
blutet ein warmes Harz:
Welch schmerzliche Schönheit
beschwöret der Duft!

Die Unmutfurche der Stirn und
die Schwermutkerbe des Kinns
bilden die strenge Linie –
ein Lot in den Sinn des Todes:
tröstlich-untröstlich.

Neben dem hochsinnigen Denkmal erblicktest du
den zerfetzten Körper einer Amsel im Gras –
beides nimm in dich auf:
den bebend-innigen Jubel
des freudig sich liebenden Lebens
und hinter dem wehenden Charme der Sternenschleier
das Röcheln erstickender Seelen.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Frankfurt,_Mozartdenkmal.jpg

 

Mai 6 13

Was die Stare uns zwitschern

Wenn die Gräser dich kitzeln,
ein Käferneuling dir auf der Wimper wackelt,
er torkelt schon –

im süßen Glissando neigt das Licht sich
wie wer küssen möchte den Mund –

kommen die Stare geflogen,
stürzen wie in die Arme närrisch Verliebte
in die Wipfel sich –

es flutet mit Gellen und Schwellen,
mit Girren und Sirren
der Schwarmgeist auf und nieder –

sanfter kehrt hin und zurück uns
von Hand zu Hand,
von Auge zu Aug
der seelengeküsste Gruß.

Mai 6 13

Empedokles

Universität Frankfurt am Main, Campus West, Eingangshalle
Dem Andenken an Gerhard Marcks

Ekstatische Schau entbirgt den Leib
aus der Vorwelt blinder Vermischung
in die Ruhe lichtvoll gegliederten Seins.

Rücklings lehnend am Block des Nächtlich-Stummen,
weckt ihn, reckt ihn Empfängnis empor –
ins Erschauen der kosmischen Blitze,
ins Erlauschen des ewigen Lieds
vom liebenden Streit.

Ein Bleiben auf tragender Veste
erspüren die bloßen Zehenballen.
Dass in harmonischer Spannung
der Sitzende zu sich komme,
davon sagen die Beugung der Knie
und die gedrängte Wucht jedes Beins.

Aber die Regsamkeit, die Drangsal
der immer rührigen Hände
hüllt der Weise in luftig gefältetes Tuch,
das mit feingeschnittenem Dreieck
den muskulösen Tonus
werksinnigen Meisters entblößt.

Die große Mutter hat hochherzig
ihrem Sohne Freiheit gegönnt
und hohen Sinn ihm verliehen
unter dreifach gefurchter Stirn.

Für den göttlichen Augenblick des Erkennens
tauschen die Köpfe Eros und Iris, Iris und Eros,
fügen die Gegenstimmen sich glücklich
zur hohen Fülle des Chors.

Mai 4 13

Der Brickegickel

Alte Brücke, Frankfurt am Main
Dem Andenken an Edwin Hüller

Wie oft fuhrst achtlos du vorbei.
Immer ging morgendlich-launisch dein Blick
westwärts der jungfräulichen Insel zu,
wo da und dort ein Schneelicht flockt:
Ein Schwanenpaar verteidigt tapfer Ufer und Brut.

Tief verschlammt, schwarz verkohlt, unter Kieseln,
Knochen und Schlick schläft der Gott.
Was könnte ihn wecken – nicht mal
der abgeschlagene Kopf eines Hahns,
der blutig ins Mainwasser klatscht.

Er wurde schon müde unter den Hufen und
Tritten der Schwadronen Karls,
als sie die Furt nach Sassenhusen nahmen.

Zittern befiel ihn angesichts der Brücke aus Holz,
Schwindel unter dem Schatten der Brücke aus Stein.
Und zürnte, vergaltʼs mit Eisgang und Flut,
mit Seuche und Feuersbrunst.

An der Richtstätte hat man sie gebunden,
die Gesetzlosen, an Händen und Füßen,
schob sie auf der Mitte der Alten Brücke
über ein Brett todwärts:
Hier reißt die Strömung gleich unter.

Der brechende Blick der jetzt Wissenden
umzuckte das barock umflorte Kreuz
und trank letztes Sonnengold vom Hahn,
der hochstieg in den trostlosen Himmel.

Der Flussgott schob das Lid eines Auges auf:
Einen Herzschlag labt er am Zucken des Elenden –
und klappt unwirsch wieder zu das Aug.

Mai 3 13

Verluste

Als wäre die Spannung des Lächelns
dir jählings abgeflossen
in den Ausguss zu dunkelster Welt.

Als hätte dir des Nachts ein Vogelpaar
Haar für Haar ausgerupft,
ihr Nest zu stopfen.

Die Brücke der Erinnerung bricht ab
vor einem buddhistischen Tempelchen
auf dem verschneiten Himalaya,
dort flattern all deine Gelüste,
scheintot – abertausende Wimpel.

Du blätterst gedankenverloren
in einem Buch mit deinen Gedichten,
auf dem Titel starrt ein fremder Name dich an.

Du wühlst wie mit Echsenzungen
in den Waben deines Gedächtnisses,
und du schmeckst Quecksilber und Asche.

Du kniest vor dem Kreuz,
auf ein Seelenwort deines Heilandes harrend,
du siehst seine gnädigen Lippen sich regen –
was er zur Erlösung dir flüstert
wird überzischt vom obszönen Geschwätz
der römischen Soldaten.

Mai 2 13

Hier wo ein Bleiben uns sei

Bleibe bei dir –
du kannst dir alles geben.
Bleibe bei mir –
ich kann dir alles geben.

Bleibe bei dir –
du kannst in dein Südland entschweben.
Bleibe bei mir –
ich kann dich mit Küssen beleben.

Bleibe bei dir –
du kannst dich mit Schleiern umweben.
Bleibe bei mir –
ich kann die Schleier dir heben.

Bleibe bei dir –
gönne dir Liebe zum Leben.
Bleibe bei mir –
gönne mir Freude im Geben.

Mai 1 13

Odi profanum volgus

Taunusanlage, Klein-Nizza, Frankfurt am Main

In der Zusammenrottung verlierst dein Gesicht du:
Formloser Brei drückt aus der Öffnung sich,
Kollektiv-Anus eher denn Mund,
geistiger Unrat, in Phrasen gestückelt, presst sich heraus.

Staccato-Parolen rasender Spießgesellen,
Gelöbnis-, Bekenntnisformeln muffig-verlogener Xenophilie,
phobischer Anbetung unförmiger Götzen,
hermaphroditischer Zwitter aus Engel und Greif,
unter Flagellantenschweiß herausgepeitscht,
übelriechend nach furor teutonicus.

Infantile Inbrunst – saugend-allesraubender Schlund:
das Confiteor wurzelloser Talmi-Religion –
ohne die Gnade.

Aus mittlerer Ferne wirkt der heroische Beethoven
auf dem Hügel der Taunusanlage
geradezu anmutig, kranichzart-stelzend,
umseelt von den Genien-Mädchen.

Die Tanzszene Kolbes für Heine,
auch sie kann entzücken –
wie küssbar steigt die mövenschlanke Taille des Jünglings empor,
wie entrückt schwebt das Blumen-Antlitz des Weibs.

Auf den Bänken am Nizza hocken die Dunklen,
die Brosamen-Picker unter germanischen Tischen.
Paradiert eine blonde Keltin ihren prachtvollen Hintern,
schlafwandlerisch rührt sich die Gruppe,
salutiert innerlich steif.

Den Stumpfen reizt nur das Stumpfe,
wie den Geschmacklosen
Frankfurter Würstchen, Döner und Gyros.

Du traust dem Gesicht nicht,
das sein Mienenspiel synchronisiert mit der Bande.
Mit dem Einzigen magst du es halten, für eine Weile.

Für immer bleibe ruhig bei dir,
wie du in dich sanfter dich faltest
vor dem Glitzer-Geschmeide,
das süßes Licht über dem Wasser dir gönnt.

Am Ende versöhnt dich der Liebreiz,
die holde Bronze des Mädchens,
das liebend-schützend die Hand
vor die zitternde Flamme hält.

Apr 30 13

Ihre Ärsche sollen hängen tief!

Der Dichter, der an eignen Fürzen sich begeistert
und den Staat, der ihn nährt, verscheißert:

Sein Odenklo sei immerdar uns fern!

À la lanterne!
À la lanterne!

Der Maler Farbenblind, der seine Leinwand schnöd bepinkelt
und den Staat, der ihn nährt, überhinkelt:

Seines Urinoeuvres Stanke sei uns fern!

À la lanterne!
À la lanterne!

Der Student, der fremdes Eigentum beschmutzt
und den Staat, der ihn nährt, als Faulbett nutzt:

Sein kritisch-hohler Kopf sei immerdar uns fern!

À la lanterne!
À la lanterne!

Der Minister, der Volkes edle Lilien mäht
und im Staat, der ihn nährt, Unkraut sät:

Sein perniziöser Sinn sei immerdar uns fern!

À la lanterne!
À la lanterne!

Der Lehrer, der mit Phrasen Schülerhirne wäscht
und den Staat, der ihn nährt, hypermoralisch basht:

Sein ungeratner Geist sei immerdar uns fern!

À la lanterne!
À la lanterne!

Apr 29 13

Es ruft dich

Es ruft das Licht.
Es rufen die Vögel des Himmels.
Du achtest es nicht.

Entsteig den sprachlosen Mauern.
Lass dich von Lüften der Liebe umschauern.

Es grüßt das Licht.
Es grüßen die Augen der Blumen.
Du achtest es nicht.

Zerreiß die Masken, die ungeheurn.
Lass dich von Zungen der Liebe befeuern.

Es adelt das Licht.
Es adeln die Geister der Ahnen.
Du achtest es nicht.

Entzieh dich dem Sumpfgeist von Flöhen.
Lass dich von hymnischen Flammen erhöhen.

Apr 29 13

Das ausgelöschte Bild

Jedes feindlich gesinnte Wort ein Schuss.
Jeder scheele Missblick ein giftiger Pfeil.
Jede schmutzige Geste ein Säurespritzer.

Durchlöchert, geritzt, verätzt, entstellt –
so sähe dein liebes Selbstbild wohl aus,
heilten es innere Gnadenmächte nicht mehr.

Aber sind diese Mächte nicht äußerlich,
schlicht Säfte, Sekrete frech-iuvenilen Bluts?
Die obszön herausgeschnellte Zunge der Ichung?

Sinken die Kräfte im Altern, verrinnen, verdorren,
treten die Löcher wieder hervor, die Risse,
Schründe des müder, stummer werdenden Seins.

Bis endlich die einst geliebteste Psycho-Ikone
ganz überrußt ist, ausgelöscht, blind.
Barfuß trittst du in des Lebens herbstliches Licht.

Apr 28 13

Hippokrene

Als wäre das Herz des Dichters erwacht
am Hufschlag des Pferdes,
das mit Flügeln aufwirbelt den Schnee.

Als wäre der Erde aufgetan ein Mund,
zu sprechen am Tage,
zu singen innig bei Nacht.

Als wäre dem Dichter ein Ohr verliehen,
die Sprüche zu deuten,
die Gesänge zu lösen im Blut.

Apr 28 13

Welch ein Geheimnis hütet die Zunge?

Wie ein unausgebrütetes Ei
liegst du versteckt im Wald der Welt.

Wie eine Hand ruht in der andern,
birgst du Anfang und Ende des Lebenslieds.

Wie ein seltsames Quantenteilchen
bist du zur gleichen Zeit
auf dem Gipfel und am Fuß des Bergs.

Wie ein Zauberspiegel,
der sich an alle erinnert, die in ihn geschaut,
sprichst unter Masken du mit dir selbst.

Als würde die Pflanze das Licht begreifen,
fühlt die dem Liebsten gegebene Hand
lauschender, wärmer sich selbst.

Wie ein Strahl, der durch Glas bricht,
löst der Gedanke an dich
dir plötzlich die Zunge.

Apr 27 13

Paradoxien der Abwesenheit

Wie seltsam-befremdlich ist dies:
Du kramst in deinem Gedächtnis
und findest die Stelle nicht,
an der du gestern um diese Zeit
hier gewesen wärest –
woran erinnerst du dich,
woran denkst du, wenn du denkst:
„Nein, ich war nicht hier?“

Als wärest du mit hellen Fingern
einmal über eine feine Naht gefahren –
und plötzlich spürst du sie nicht mehr,
alles ist eben und glatt.

Wenn du nicht hier warst,
bist du woanders gewesen,
bist vorher abgebogen.
So verzweigt sich das Dasein
in zahllose An- und Abwesenheiten –
ein Baum, der seine essbaren Früchte
ins Sichtbare reckt,
seine ungenießbaren Früchte
ins Unsichtbare.

Wie du ein Los aus der Schale klaubst,
schlürfst du dies Wort: „abwesendes Glück“
aus der überschwappenden Schale der Sprache.
Und es mundet dir wohl wie reine Beglückung.

Solange du den Weg ausmisst
zwischen dem Dunkel deines Noch-Nicht
und dem Aber-Dunkel deines Nicht-Mehr,
haftet Gewesenes dir an
wie Erdkrumen der Sohle.

Deine Abwesenheit auf Wegen der Unzeit,
die du nicht gehst, durchschneidet
die Zeit deiner Anwesenheit auf Wegen,
die du mit der flackernden Kerze
des Bewusstseins gehst,
als würde ein winziges Totsein
die Fuge zwischen den Atemzügen
des vollen Selbstgefühls bilden.

Ähnlich der Bilderfolge
des Daumenkinos: Die Löcher
der Wahrnehmung sind gefüllt.

Apr 26 13

Ein Fall für Wiedertäufer

Wie bei einem Bassin voll Fischen,
Seerosen und Tang, das unbehütet,
unbedacht seit Zeiten,
unangeregt von Sauerstoff,
die Scheiben mit Algen verschmieren,
tote Schwebstoffe sinken,
und übler Geruch steigt
von verwesten Fischen am Grund.

Oder nimm eine Brille,
das eine Glas hat einen groben Sprung:
Dein Blick bleibt immer dran haften
und sieht nicht mehr durch.

Oder nimm eine Brille
mit arg verschmutzten Gläsern:
Sag dir: „Das Ebenmaß der Züge,
die Schneedüne des Halses befleckt
kein Flecken. Das geistige Licht über
der Landschaft hat keinen hässlichen Makel:
Du hast Flecken und Makel mit
vor das Gemälde gebracht.“

„Gut“, sagst du, „ich reinige das Bassin,
ich putze die Brille,
ich wechsle das Glas aus,
und alles ist klar!“

Ich meine was andres:
Die Seele, das ganze Bewusstsein,
ist kein Bassin, ist keine Brille.
Sie lässt sich nicht reinigen, nicht putzen.
Sie lässt sich nicht auswechseln,
in Teilen nicht, geschweige zur Gänze.
Einmal verschmutzt, versehrt,
beginnt die Seele abzusterben, zu faulen.

Immer mehr musst du subtrahieren
von dem, was deine Schuld verhässlicht,
und doch versinkt die Ahnung des
Wahren, Guten, Schönen
hinter schmutzigen Fenstern.

Den Schatten, der vor dir
sich blühend verfettet,
wirfst du ja selber!

Die maliziösen Untertöne,
die du überall mithörst,
du hast sie entbunden!

Was hier nicht gut riecht,
sind die verwesten Fische
auf deinem Grund!

Apr 25 13

Wir Poeten

Assonanzenkuppler
Bedeutungsvergeuder
Bilderbuchstabierer
Chiffrenflambierer
Metaphernflügler
Hiatnäher
Interjektionisten
Ikonostatiker
Jambenspazierer
Klanghexer
Liedcharmeure
Melodiensüßer
Odenrüttler
Pausendrücker
Reimgleiter
Rhythmenflechter
Satzverdünner
Sinnasketen
Sonettengärtner
Stanzenbestücker
Terzinenberücker
Trochäenstolzierer
Versvoltigierer
Wortentpupper
Zäsurenpurzel
Zeilenbummler

Apr 24 13

Du bleibst dir gut

Du brauchst  die Schicksalslose
nicht neu zu schütteln –
der Wind kommt zart, kommt barsch,
du gibst dein Haar ihm hin.

Dort wartet dein die Rosenbiegung
des Pfads, die reine Aussicht auch –
du gehst ihr summend nach:
Wassers Leuchten stillt den Blick.

Erinnern mag mit Blumen-Augen
durch das Vlies der Ähren spähn –
du bleibst dir angenehm vertraut
und gut im Hin- und Widergehn.

Hat schelmenhaft der Tau
den Heimweg weich umknistert,
entbreitet dir Musik
den Teppich leichten Schlafs.

Apr 24 13

Wann endlich kommen die Chinesen?

Leipziger Straße, Frankfurt am Main, Bockenheim

Hier stinktʼs nach US-imperialistischem Beef,
German Worscht und Frankfurter Süßgespritztem.
Fassaden, Tore und Fenster sind ausgerenkt
von den phosphoreszierenden Tentakeln des Markendesigns.

Hier stinktʼs nach geschächtetem Blut
und dem Dönerfurz orientalischer Barbaren,
die verächtlich auf die gejäteten Gehwege
teutonischer Gradsinnigkeit spucken.

Wann endlich kommen die Chinesen,
mit Lampions und Purpurrascheln,
mit goldenen Drachen und Raketen,
dem Zwitschergesang der Oper, den Trippel-
schrittchen der süßen Sklavinnen des ZK,
die Fähnchen schwingend und Stäbchen
mit Sangesspritzern und Weihrauchbeize
die Leipziger auswaschen und -räuchern?

Apr 23 13

„Wie heißt der Autor? Buchstabier mal!“

„Musst du dir merken. Noch ein Geheimtipp. Der knallt, macht echt wuschig.“

„Ja, verdammt, bringt heißen Stoff und schaumigen Style.“

„Wie heißt der Autor? Buchstabier mal!“

„Die Blonde da hinten mit dem Ausschnitt, die war doch noch nie hier. Zu wem gehört denn die?“

„Wie der in Gedichten ʼne Peripetie reinhaut, dass es in den Rhythmen knackt, ich sag dir!“

„Was Peripetie, Gedichte?“

„Wie heißt denn der Autor?“

„Die blonde Schnecke ist heiß. Hat der Proff am Händchen reingeführt. Hat ihr das Pfötchen abgeschmatzt. Die ist reserviert, da mach dir mal keinen Kopf!“

„Wie, die Botox-Schnute ist Accessoire vom Chef?“

„Wie heißt der Autor? Buchstabier mal!“

„Wer ist denn der blasse Junge da in der Ecke?“

„Stehst du immer noch auf die verlorenen Seelen, Schätzchen. Das ist doch fad auf Dauer.“

„Der starrt doch nur kokett vor sich hin, möchte sich nicht mit dem üblen Volk gemein machen, der Snob!“

„Wie, sämiger Style? Nennt sich wohl Dichter, was?“

„Hat die Chuzpe, Schreiber ist out!“

„Der ist ja so blass, hat ja ʼne total punkige Maske.“

„Bei mir hat der Farbe gekriegt, meine Liebe, und nicht nur einmal, das kannst du mir glauben!“

„Wie heißt der Autor? Buchstabier mal!“

„Der soll doch heute kommen, selbst rezitieren, der Proff kennt ihn doch.“

„Der liest doch nicht selbst, der lässt lesen.“

„Soll mit ʼner Schar parfümierter Jüngelchen rumziehen, einer darf ihm nachts am Bett kniend sein Poem des Tages hinhauchen.“

„Na ja, schwul muss heute schon sein, das ist das Mindeste, sonst warʼs das mit dem Dichter!“

„Buchstabier mal!“

„Wieder mehr George, so feierlich-steif, mit dicken Altarkerzen bei der Party.“

„Was George, schwul, dicke Kerzen, keine Titten – wohl nicht mal Koks! Nix für mich!“

„Was ist denn mit dem langen Lulatsch, hat der ʼne Perücke oder sind die noch so dicht?“

„Da lass lieber die Finger von! Alkohol und Tabletten, kann ich nur sagen. Ausgebrannt, aber Köpfchen. Soll ja Ghostwriter für hohe Minister sein.“

„Stinkt ja nach Weihrauch! Peripetie im Gedicht, das geht mir am Arsch vorbei.“

„Mach dich nicht unglücklich, meine Liebe!“

„Mensch, die guckt doch rüber, ganz klar!“

„Wenn du wieder eingeladen werden willst, hältst du dich besser bedeckt!“

„Wie heißt der Autor? Buchstabier mal!“

Apr 22 13

Der Gnom auf dem Eisernen Steg

Auf dem Eisernen Steg warʼs,
wohlgemut bist du sonnwärts
dribbdebach stolziert,
die homerische Wendung wie einst ein Imperator
seinen Triumphbogen durchschreitend.

Und pardauz, du prallst gegen ein ratzig quietschendes Etwas,
das rollt dir über die Füße.

Ah, es ist das wilde Männlein wieder!
Der Purzelbäumling, der charmante,
der Zwergenbolt, der überspannte.

Rolle vorwärts, Rolle seitwärts,
und dabei furzgerade losgezischt.

Prallt gegen das Geländer, der Däumling,
grad wo mit tausend Schlössern
herzbetroffne Händchenhalter
die außeralltägliche Bundsymbolik ketten.

Rappelt sich schniefend hoch,
schwankt noch katzenwuschig sich wiegend,
steht da operettenkitschig im Kostüm
federbebuschten Musketiers, mit klirrenden Sporen
und dem Silbergefunkel des Säbelchens,
presst kokett das Händchen in die Hüfte
und Blitzeblicks sticht es dir ins Auge,
durch zwei Winzlingsfinger pfeiftʼs ʼnen Mäusepfiff.

Quatscht dich an, der Ratzefatz,
piept, quiekt, fiept zu dir hoch:

„Saumensch, Riesenrindviech, Ochs!
Hast Augen nur für dein elend Mitgesocks.
Augen für uns edle Gnomen hast du nicht.
Und doch wär Dienst am Zwergen Menschenpflicht.
Ist jedem Menschen doch seit Adams Zeiten,
ihn weckend-neckend durch des Lebens Labyrinth zu leiten,
als Schelmenspiegel seiner Seele zugesellt
ein Mini-Mensch, ein klitzekleiner Anti-Held.
Für dein Gutsein will er dir viel Heiterkeiten
in das Leben flößen, für all die Widerwärtigkeiten
dich mit Gift befüllen und deinen Traum mit bösem Alb.
Und weil du wieder mich gestoßen hast, du Mondeskalb,
such heut ich heim dir deinen Traum!“

Und er hatte kaum
ausgepiepst, schwupps, ward nicht mehr gesehn
dein holder Ungnom, dein Gnomenhold.

O ja, es war ein angstverschwitzter Traum die Nacht,
in dem es pestilenzialisch stank und roch,
wüst zitterte und schwankte der Eiserne Steg,
und Ekel würgte dich,
denn unter dir verdickte sich der braune Main,
starrend vor Schmutz und Schmand und Scheiß.

Apr 21 13

Heraufkunft

Ein suchend-tastender Lichtschein,
zwischen dem flechtengelben Schiefergestein
und dem Glimmen des Heidekrauts,
kommst du mir entgegen.

Ein überm Moor aufwallender Nebel,
in dem die Worte verdunsten,
ein Mantel warmer Schauer,
umhüllst du mich.

Eine Schale süßen Mosts,
mir von bäurischer Hand zugeschoben
über dunkel gemasertem Tisch,
erquickst du mit bangen Hoffnungen mich.

Dort den einsamen Pfad herauf,
der Quelle entgegen,
wenn in der Sonne hoch die Lerche steht,
kommst du mir entgegen.

Apr 21 13

Andante molto mosso

Beethoven, Pastorale, 2. Satz

Du kannst schwimmen in der Luft,
du kannst, wenn du zu lieben geneigt bist,
stehen auf weit geöffneter Blütenkrone des Klangs,
die schwingt, die schwingt,
du kannst, wenn du zu lieben geneigt bist,
schwimmen in der Luft.

Gleiten kannst über die warmen Wogen,
die sanfter als Küsse dich drängen, dich führen,
weit, weiter, dich heben, dich tragen,
über die goldenen Fieberdünste der Ähren,
hin zu den weithin blickenden Hainen des Blaus.

Spüren kannst, wenn dich die pochend-lachenden,
herzumsingenden Rhythmen
umklatschen, umwirbeln,
gleich den vom Wind genarrten Blütenspitzen der Iris,
dem Schneegestöber der Lilien gleich,
dich neckend-versteckend, dich liebend kitzeln
an rosigen Stellen sich küssender Lust,
spüren kannst großer Fahrten Freiheit du.

Apr 20 13

Nie wieder Himmel

In gelben Pantoffeln schlurft sie durch das Gewoge
von Leuten, Kinderwagen, Fahrrädern, das ferne Echo
des Knatterns und Ratterns, des Hupens und Klingelns,
des Schreiens, Klatschens, Hustens, Rülpsens –

Farben sieht sie nicht mehr, die Welt hat sich ihr
auf den wesenlos-grauen Kern ernüchtert.

Geschrumpft, verschrumpelt, lapprig, gebeugt,
in die Waagrechte verbuckelt,
ihr Gesicht wackelt einen Meter über dem Boden,
ein Lampion, unachtsam gehalten von einem müden Kind.

Sie liest mit leeren Blicken den Kehricht der Gehwege auf,
schraubt an der Kasse im REWE den Kopf mechanisch zur Seite.
Sie kauft nur aus den unteren Regalen, das muss reichen.

Die dürrästigen Arme mit Hautsäcken, blutleer schlotternd,
sind mit Gichtfingern an den Griffen des Gehwagens vertäut.

Wie heißt sie? Wo wohnt sie? Wer hat sie einmal geliebt?
Geh hin, frag sie – nein, tu es nicht,
es speichelt nur Unverständliches aus zahnlosem Mund.

Ein verkapseltes Kerbtier krabbelt sie durch dies Leben,
das vorn keine Fenster mehr hat oder Fenster,
von außen mit Läden verschlossen,
nur selten kündet ein Lichtspalt von unbetretbarer Welt.

Sie kann nur mehr auf der Seite liegend essen, fernsehen, schlafen,
sie kann nur auf der Seite liegend sterben.

Speichert sie spinnenkalt unter das wässrige Herz Gift
im Angesichte des knospenspringenden Lebens,
rosig schimmernder Haut, gespannt für Bisse der Wollust,
das aus trotzigen Brüsten sprüht,
sich kitzelt mit verstohlenen Blicken,
Gift, das sie nachts freisetzt in Pest-Träumen
von verätzten, verfaulten, brennenden Leibern?

Oder ist ihr die Gegenwart ganz ohne Rand,
ein an der erzitternden, dünnen Schale
des Bewusstseins widerhallender,
monotoner Ich-Ton, der langsam ausschwingt,
den kreiselnden Wellen gleich, die vom Einschlag
des Kiesels pulsend sich glätten, verebben?

Oder veratmet, verschmachtet ihr Dasein dünn
wie das Rinnsal ausgeschöpfter Quelle,
ohne warmen Bezug,
und jedwedes Gesicht verlöscht vor ihr,
Kerze, die leise noch knistert?

Oder wird ihr den Stachel des Namens, des einen,
an dem sich ihr Denken jahrlang entzündet,
endlich ziehen der Engel des Todes?

10.000 Fuß über der Berger Straße besamt
ein funkelnder Düsenjet den blautrunknen Himmel
mit milchigen Streifen.

Sie sieht es nicht, nie wieder
wird das Blau des Himmels sie sehen.

Apr 19 13

Orgasmus der Seele

Richard Wagner, Walküre, I. Akt, „Winterstürme wichen dem Wonnemond“

Verläuft der seelische wie der sexuelle Orgasmus allmählich anschwellend, und bei mutwillig verküsster Trödelei …

auf stiller Wiese hin- und herspringend wie ein Eichhörnchen, das für seine Nuss das unauffindbare Versteck sucht und da und dort sie verscharrt, wieder ausbuddelt und ans andere Ende flieht …

steigt er an, um wild aufschluchzend aufzuspringen, als würde das Selbstgefühl jäh umgestülpt wie ein Handschuh …

um endlich lose auszufransen als lange, sehr dünne, fiedrige Fetzen, von launigen Winden hin- und hergeblasen, auf- und niederwehend …

oder wie das gleichsinnige Trommeln von Regentropfen auf dem Blechdach einer Hütte, in der du langgestreckt liegst und dich in die Abwesenheit hineinhörend verlierst?

Ist es so … so?

Oder öffnet er wie Siegmund sich die Schwester, als würden Sonnenblicke sanft Blütenblätter auffingern …

wird er ausgelöst mit dem süßen Quetschen des ganzen Daseins nach seitwärts, wie wenn du den umfassten Kopf der Geliebten in Zärtlichkeitswut beiseite drückst …

und es öffnet sich dir eine ungeahnte Stelle, ein fremder Mund …

wie ein Arom aus südlicher Nacht fließt etwas ein, das dich beseligt und schmerzt, dich tötet und wieder verlebendigt im gleichen Moment …

und du stößt plötzlich auf eine hohe Schwelle wie ein steuerlos treibendes Schiff harsch quietschend gegen eine Klippe schrammt …

und unabwendbar wirst du von zauberkräftigen Armen hinan-, hinauf-, hinübergehoben …

und du gehst, stehst, liegst nicht mehr, du schwebst über einem unendlichen Abgrund, sicher gehalten wie ein Erhängter vom Strick …

und deine ganze entblößte Haut hört, hört und versteht …

Apr 18 13

Nachzitternde Spur eines fremden Impulses

Eine Portraitskizze

Die Empfindsamkeit, des Mannes Weichteile, hatte er gut versteckt unter dem kalten Krötenpanzer eines elegant sich verplaudernden Zynismus. Die kreatürliche Gebrechlichkeit äußerte sich in wachsender Unsicherheit, Getrübtheit, Fragilität bei der genauen Zuschreibung seiner Befindlichkeiten und emotionalen Zustände an seine Person. Er bezog dies bewusstermaßen auf den Prozess des Alterns und die subkutanen Lockerungen, die er hervorrief – Unterwühlungen, die die bisher scheinbar tragenden Sedimente seines Lebens in ein manchmal nicht unangenehmes, ja leicht beschwipst machendes Schaukeln brachten.

Sich nicht überrumpeln, sich nicht in übereilte und intrikate Engagements verwickeln zu lassen, sondern den Zumutungen und Übergriffigkeiten der Umwelt ohne den schimmernden Aufputz schneckenklebriger Sentimentalitäten und den pfiffigen Gusto des Connaisseurs zu begegnen, pflog er als Style of Life. Die Rituale wollüstiger Selbstzerfleischung und ausgestellter Betroffenheit, mit denen viele seiner Generation das Gedenken an die Verbrechen und Untaten der Väter stillstellten und womit manche aufgeregten Virtuosen in moralibus es zu fauler Berühmtheit brachten, konnten die Leere, den White Cube, seiner skeptisch-mystischen Haltung nicht mit Bedeutung schwängern.

Auch als gesetzter Akademiker, der nicht ohne sich geschmeichelt zu fühlen zu späten Würden kam, blieb ihm die Rolle des saturierten Bürgers abhold. Gerne markierte er dies noch im höheren Alter mit abgetragenen Blue Jeans und einer koketten Weise, sich die Baseballkappe ins Gesicht zu schieben.

Seine Ansprüche an ästhetische Strenge waren in ihrem Purismus und ihrer bald irisierenden, bald fahlen Überreflektiertheit in den fünfziger und sechziger Jahren verwurzelt. Die lose Erheiterung am freien Spiel der Formen und Gestalten erwärmte sich ihm nicht zum Grad fruchtbringender Antwort. Der Zartsinn und die Delikatesse, die die Goethezeit gleichsam gärtnerisch liebend, hütend, sorgsam beschneidend in die Ordnung des Daseins, der Kommunikation und der Erotik einzupflanzen bemüht war, schienen ihm unter der Patina überwucherten Sinns zum Kohlenstaub einer Epoche zerfallen zu sein, dessen gespenstisches Phosphoreszieren im Schlagschatten mancher allzu großspurig angesetzten auktorialen Gesten und Anwartschaften er mit einem sardonischem Lächeln zu quittieren pflegte.

Doch in gewissen großzügigen Gesten durchwogte die Kühle seiner Selbstdistanz ein südlicher Hauch von Selbstvergessenheit und Absichtslosigkeit – wie die Hand des Meisters, scheinbar endgültig zur bedeutsam getuschten Linie anhebend, jäh abbricht und die nachzitternde Spur eines fremden Impulses freigibt.

Apr 18 13

April, April

Eins, zwei, drei –
ein Vöglein fliegt vorbei.

Vier, fünf, sechs –
es scheißt dir einen Klecks.

Sieben, acht, neun –
sollst nimmer du dich freun?

Zehn, elf, zwölf –
dir reimt sich nichts auf „ölf“.

Dreizehn, vierzehn, fünfzehn –
jetzt musst dich aber umdrehn.

Fünfzehn, vierzehn, dreizehn –
und nicht mehr fad herumstehn.

Zwölf, elf, zehn –
magst beherzt ins Freie gehn.

Neun, acht, sieben –
ein Wunsch ist dir geblieben.

Sechs, fünf, vier –
gelt, du kommst zu mir!

Drei, zwei, eins –
an die Ufer des Rheins.

Apr 17 13

Die Flammenmaske

Einem Schamanen der Dogon in Mali,
dem Bruder im Geist und hoffendem Leid,
hinübergerufen über das Zwielicht der Ströme
und den Zauberspiegel des weinfarbenen Meers

πλέων ἐπὶ οἴνοπα πόντον
ἐπ’ ἀλλοθρόους ἀνθρώπους

Im aufgelassenen Ziegenstall
mit dem widrigen Moder der Verlassenheit
und dem Fliegengesumm
sich umschwirrender Lüste –
dämmern die Masken, die Negerfetische,
gleich Fledermäusen im bangen Baumeln
des Halbschlafs verkrallt.

Was deine käuflichen Söhne
auf neonbeleuchtetem Dorfplatz
mit weihlosen Masken
auf schwindlichten Stelzen
als magische Tänze vorspiegeln,
kitzelt das Plastik-Glück der Touristen.

Du aber döst in lehmiger Hütte
der Entwandlung des Leibs
in einen gesichtslosen Klumpen entgegen.

Oder wirst einmal wieder du, ragend
an blitzendem Krummstab,
die Stallung betreten,
erleuchtet vom Strahl deines Haupthaars,
und die Götzenbilder betasten,
sie mit Samen der heiligen Hirse bestreun
und sanft überreiben,
wirst abschlagen du den schreienden Kopf des Hahns
und das Opferblut über sie schütten,
auf dass sie, von frischem Verlangen
nach Menschenseelen geweckt,
aufschlagen die Augen?

Auch mein Gedicht ist ein halbwacher Götze,
geschnitzt aus dem dunklen Treibholz
herangeschwemmten Gefühls,
eine entflammbare Maske,
aufgehängt in die hohe Krone
meiner rheinischen Eiche –
und wartet deiner,
auf dass du sie an dich reißt
und küsst und bespeist mit dem heiligen Blut –
erweck sie mit des Schöpfergeists Flammen!

Apr 15 13

Aus der Schule geplaudert

Jenes Leben ist schön, auf dem der Segen ruht, der chlorophyllbegabten Blume gleich die graue Luft mit Liebesmolekülen zu purifizieren, zu schwängern, zu bläuen.

Wer aber verabreicht das Chlorophyll der Seele? Und so ungleich dosiert! Welche Bio-Theodizee möchte hier rechnen und rechten?

Das ärgere Weh tut gar nicht weh – wie nie wieder Schmerzen empfinden zu können ärger ist als jetzt einmal Schmerzen zu empfinden.

Die eingeschlafene Hand kann im dunklen Hausflur den Lichtschalter nicht ertasten. Wie erst die eingeschlafene Seele?

Es ist, als würde nachtlang unermüdlich mit knöchernem Finger an die fühllose Türe gepocht, die Tür, hinter der keiner mehr wohnt.

Die verschnupfte, verstopfte Nase denkt gleichsam immer nur an sich selbst. Und nun die freie Nase!

Plötzlich war alles klar. Und die schlichtesten, einfachsten, trivialsten Sätze reichten hin. „Es regnet.“ „Die Sonne scheint.“ „Wie es duftet!“

Der Schatten, der die Aussicht trübt, ist dein Schatten. Tritt nur etwas zurück oder beiseit!

Der Boden muss erst auftauen und atmen, dann können die Knospen ans Licht treiben. Der Spätfrost vernichtet die zarten Blüten. Taue also zur rechten Zeit auf, wenn die Sonne deine Keimlinge weckt und du der Kraft der Wärme, die du spürst, vertrauen kannst. Verhülle, verhässliche dich nicht zur Unzeit.

Pflanzen, die mit großen, lappig-weichen Laubblättern die Photosynthese bewerkstelligen, dauern auch im Schatten aus. Nicht so Pflanzen mit panaschierten Blättern. – Die seelisch buntscheckigen Menschen scheinen unterhaltender, mehr dem Spiele geneigt. Doch nur die großen Einfachen dauern, tragen, fruchten.

Üppige Blüher, deren Blütenpracht besticht, sind meist Hybriden aus artfremden Eltern. Ihre Schönheit ist steril. – Überzüchtete, verquollene oder überranke, exotische Beautés und Mannequins gewisser Spätstile der Kunst oder der Werbung für Dessous und Parfums und der Welt der Alta Moda (oft von de facto unfruchtbaren Halbmännern entwickelt) verblüffen mit solch grellen Reizen. Doch der blendende Eindruck hinterlässt keine bleibende Spur.

Bis die ersten Knospen durchbrechen, braucht es Zeit. Zeit für die Blumenknolle, ihr Werk im Dunkeln voranzutreiben. Zeit für dich, im Hellen zu jäten, zu harken, zu binden. Zeit für dich zu warten, dich in Geduld zu üben, zu sinnen. Je inniger du wartest, umso freudiger die Begrüßung des neuen Sprösslings. – Was du auf Biegen und Brechen erreichst, ist innerlich verbogen und zerbrochen, wird nimmer dir hold.

Der echte Ausdruck der Liebe ist Sorgfalt, Wachsamkeit, Geduld. – Das mag mit Blumen leichter gehen als mit Menschen.

Die Völker unterscheiden sich nicht nur in den Sprachen, sondern auch in der Lautstärke, mit der sie diese verwenden. Brüllende, krakeelende, kreischende, fiepende, zwitschernde, murmelnde, flüsternde Völker.

Die Empfindungsweise und -tiefe, die Assoziationsweite und -kraft, der Schönheitssinn, die Intuition für das Heilige und Göttliche, die Art zu träumen, das poetisch-musikalische Gehör, das Gefühl für Schwingung und Rhythmus, die Bildung von Vergleichen und Metaphern – all dies saugt urtümlich Lebenssaft aus dem Humus und Erdreich der frühen Siedler, Gründer, Kolonisten, nährt sich an den Früchten der Erde, der Sträucher und Bäume, schmeckt nach den süßen und scharfen Aromen der Küche, fängt die Spiele des Lichts, der Winde und Wolken ein, den Azur und das Gewitter des herrschenden Himmels und Horizonts – nicht zu vergessen den Knochenbau, den Wuchs und die Proportionen des Leibes, die Fleischlichkeit und das Inkarnat der Ureinwohner des Landes mit ihren Neigungen und Trieben, Instinkten und Sehnsüchten, ihrem eigenwilligen Humor und den Dispositionen zu Krankheiten des Körpers, der Seele und des Geistes.

Ob die Dichter mehr dem Wein, dem Bier, dem Likör, dem Absinth oder dem heilig-nüchternen Wasser zusprechen, gibt dir den ersten Einstieg in das Verständnis ihrer Dichtungen.

Die Hysterischen, die nervösen Eiferer, die sektiererisch Verhetzten  wünschen sich die Welt nach ihrem Bild. Weiser ist es, Welt und Leben in ihrem Reichtum, der Tiefe und Mannigfaltigkeit ihrer Schichtungen und Sedimente gelten zu lassen – mit dem Schlechten und Pervertierten als hinzunehmendem Teil, ohne sich davon zu Exzessen moralischer Entrüstung und Kritik reizen zu lassen.

Wer unermüdlich gegen das Schlechte hetzt und fetzt, wird … ist ein Teil davon.

Wie viel Verwirrung hast du gestiftet, wie viel hast du beigetragen zur Klärung, Distinktion und Ordnung der Dinge?

Apr 14 13

Das Rätsel des Brunnens

Chinesischer Garten, Bethmannpark, Frankfurt am Main

Aus dem Munde des Felsens singt
das unermüdliche Wasser
vom Schicksal des Lebens –
schäumend-fallend,
rauschend-müde-sich-lauschend,
jauchzend-verlallend,
tagend-verzagend –
umwachsen vom moosigen Barte
allerduldender Weisheit.

Jetzt gewahrst du die nebligen Felsengestalten,
stumme Verwaiste des Lebens,
die nach stickig-staubigem Gang aus dem Brunnen getrunken,
sich in den Abend niederhockten, Alte und Junge,
Schulter an Schulter gelehnt, Schläfe an Schläfe,
sich gluckender-duckender Zugvögel Schar.

Und beim Rauschen des Brunnens
vergaßen sie ihres Weges –
den Gliedern entstieg erkaltender Hauch,
ihre Gesichter zerstoben wie Dunst.
Vom Rätselgesange des Wassers benommen,
fielen sie wehrlos in Schlaf.

Wer weckt, die unter steinernen Masken hier harren,
mit wahrem Losungswort einmal wieder auf?

Apr 13 13

Verschwinden oder verschmelzen

In das Gefunkel schwinde hinab,
wenn ausgegossen über dem Main
ein Geschmeide aus lichtem Nichts
zwischen dem Traum der Erde
und deinem Traume sich webt.

Oder verschmilz mit dem Bild
des auf schwarzem Samte des Wassers
innig schwebenden Schwans,
mit dem gleitest heim du in die Stille,
von trunknem Fittich umgeistet.

Apr 12 13

Der Anwuchs des Schönen

Fällt ihr das Haar über die Schulter vor Augen,
übt das Mädchen in der schönen Geste sich,
wirft sie herrisch, wirft galant sie zurück.

Über den halb gespreizten Fächer der Finger
hat sie mit Augen zu lächeln gelernt,
Heldentenöre niederzustrecken mit Wimpern.

Sind ihre Hüften dann weich wie die Dünen,
lehnt sie kokett sich über die Brüstung,
singen lässt sie den Charme ihrer Ründe.

Vogelzartes Geplauder ziert sie mit Seufzern,
kess benässet Blumenlippen die Zunge,
Neigung mimt geschicktes Erröten der Wangen.

Hat wie in Waben sie aufgespart der Süße
Fülle, springen und sprühen Brüste hervor,
große Augen mit Seelenglanz zu befeuchten.

Apr 12 13

Versöhne mich, Anemone

Versöhne mich, Anemone,
für Nachtmahrs Kampf mich belohne
dein argloses Gesicht.

Versöhne mich, Anemone,
vor der Klugen Rat mich verschone
dein sonnenfrommer Blick.

Versöhne mich, Anemone,
auf des Herzens Altar mir throne,
du schüchtern blühendes Herz.

Apr 12 13

Kartoffelfeuer

Mit der Hacke hast du, Jungchen, die Kartoffeln
aus dem grindigen Erdreich gewühlt,
die gelben Sporen von den Knollen geklaubt,
und ab damit in den Sack!

Wie rauh waren diese leinenen Säcke!
Wie rauh deine zartgesinnte Hand!

Mit trügerischer Oktoberbläue stieg der Tag,
wenn Großmutter mit dem geflochtenen Korb
die Stullen brachte, den Nudelsalat
und dir ein Brot mit Erdbeermarmelade.

Schau mal deine Hand, wie krustig, wie lehmig-lebendig!
Halte sie still in die wohlige Wärme
des Kartoffelfeuers, in dem die Reiser knistern.

Lehne den Kopf an Großvaters Schulter:
Hörst du: dein Herz, leise knistert es auch!

Apr 11 13

Brunnen der Grazien

Taunusanlage, Frankfurt am Main

Deinen Nacken wärmt die verklärende Sonne,
heiter entzündet vom hochgemut wieder-
eingebürgerten Sohn der Stadt –
die Sonne der transzendentalen Trias.

Etliche Ranzen wurden dereinst damit,
als wärenʼs Wackersteine,
tief über die Hintern gezogen.

Dich wandelt ein anderes Kleeblatt –
Aglaia, Hegemone, Euphrosyne,
Anmut triefend, auf Wellen sich fläzend –
zum Waller städtisch begrünten Walls.

Schon nestelt ein lockeres Händchen dir
am Gürtel leibengender Sitte.

Eine mundgeschöpfte, kristallklare Wassermusik
hebt an und lehrt dich die Hexenmetrik der Tropfen.

Nicht mehr zählst du blutleere Silben herbei,
selber wirst du gezählt vom Kopf zu den Füßen
von Zungen graziösen Gelalls.

Zum Abschied spuckt eine jede der Schönen
dir einen Kuss auf die glühenden Wangen.

Du erigierst dich ins Freie
und lässt den Brunnen sich drehen,
es drehn sich die göttlichen Körper
im Charme verfließender Arme und Beine,
und die singenden Peitschen der Zöpfe
wirbeln dein Glied zur Entwölkung
panisch schäumender Milch. –

Entgeistert siehst leer du den Brunnen und trocken. –

Hoch über dir stehen geschwisterlich,
höhnisch flatternd,
drei Lerchen in der Luft.

Apr 7 13

Auf dem Weg in die Landschaft des Menschen

Dem Gedenken an Peter Joseph Lenné

Aus der Stille gelangst du ins Flüstern
geständiger Blätter –
und von jungen Gräsern umschäumt,
schreibt wieder Heimat dein Fuß in die Spur.

Du liest zwischen Wipfeln an Wolken
Stunde und Tag –
Stunde, die sich dichtet
bei umschrittenen Beeten,
Tag, der sein Auge aufschlägt
an geistreicher Schneise,
wo fern ein weißer Tempel dem Wasser entsteigt.

Du sinnst dem Wechsel nach,
harmonisch-gespannt –
den weckten zur Sprache dir
auf dem Weg in die Landschaft des Menschen
keimfrohe Krumen
und die Sangesstimmen der Luft,
die Feuerblicke des Himmels
und Regentropfen,
von Liebeszungen begrüßt.

Apr 6 13

Kaiserin Augusta in Coblenz

Ehre den Männern, die Blumen lieben und Gärten,
größere Ehre den Frauen, die Männer lieben,
die Gärten lieben und Blumen –
wie meine Augusta den großen Gärtner Lenné.

Wann hast du dort wohl zu sitzen geruht,
an der Plätze schönsten des Rheins
in deinem seelenerweckenden Park,
bedacht mit der Stille des Lorbeers,
im luftigen Tempelchen,
das dir die Kinder geweiht?

Hub dort wohl dein Herz zu singen an,
wenn zartes Lila fern den schroffen Burghang beseelt
und der Abendwind seine lauen Gebete
in den Halmen murmelt und dämmernden Büschen?

O, hättest einmal du dich erkühnt
und der kaiserlichen Reifröcke dich entwunden
und nackt bis zum lauschenden Schoß
schwanenhalsig das Bein
in die edlen Wasser des Rheines getunkt
und dir die verwunderte Haut
umstreicheln lassen, umschmeicheln –

für immer hättest abgeschworen du dann
den harten Körnern und dem Ödgestrüpp
des märkischen Sands.



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