Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver
V
Parler est facile, et tracer des mots sur la page,
en règle générale, est risquer peu de chose :
un ouvrage de dentellière, calfeutré,
paisible (on a pu même demander
à la bougie une clarté plus douce, plus trompeuse),
tous les mots sont écrits de la même encre,
« fleur » et « peur » sont presque pareils,
et jʼaurais beau répéter « sang » du haut en bas
de la page, elle nʼen sera pas tachée,
ni moi blessé.
Aussi arrive-t-il quʼon prenne ce jeu en horreur,
quʼon ne comprenne plus ce quʼon a voulu faire
en y jouant, au lieu de se risquer dehors
et de faire meilleur usage de ses mains.
Cela,
cʼest quand on ne peut plus se dérober à la douleur,
quʼelle ressemble à quelquʼun qui approche
en déchirant les brumes dont on sʼenveloppe,
abattant un à un les obstacles, traversant
la distance de plus en plus faible – si près soudain
quʼon ne voit plus que son mufle plus large
que le ciel.
Parler alors semble mensonge, ou pire : lâche
insulte à la douleur, et gaspillage
du peu de temps et de forces qui nous reste.
Im Winterlicht
Reden ist leicht, und Worte aufs Blatt zu werfen
heißt im Großen und Ganzen wenig riskieren:
eine Spitzenklöppelei, Garn an Garn,
bedächtiges Tüfteln (man hat sogar nach
Kerzen verlangt, die betörender scheinen, gaukelnder),
alle Wörter werden mit derselben Tinte geschrieben,
„Gras“ und „Gas“ sind beinahe gleich,
und ich kann noch so oft das Wort „Blut“ die Seite
hoch und runter schreiben, sie färbt sich davon nicht,
noch werde ich verwundet.
So kommt es, dass einen Abscheu befällt vor diesem Spiel,
und man weiß nicht mehr, was man damit im Sinn hatte,
anstatt sich nach draußen zu wagen
und mit seinen Händen Nützlicheres zu tun.
Das ist der Punkt,
an dem man sich nicht mehr vor dem Schmerz davonschleichen kann,
wo er einem Mann ähnelt, der herannaht,
und er zerreißt die Nebel, in denen man sich versteckt hielt,
er räumt ein Hindernis nach dem anderen fort,
er durchmisst den Abstand, der kleiner wird und kleiner –
und plötzlich ist er so nahe, du siehst nichts als sein Maul,
das breiter ist als der Horizont.
Reden scheint somit lügen – oder ärger: ruchlos
das Leiden verhöhnen und das bisschen Zeit
und Kraft verschwenden, das wir noch haben.
Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver
IV
Et moi maintenant tout entier dans la cascade céleste,
enveloppé dans la chevelure de lʼair,
ici, lʼégal des feuilles les plus lumineuses,
suspendu à peine moins haut que la buse,
regardant,
écoutant
– et les papillons sont autant des flammes perdues,
les montagnes autant de fumées –,
un instant, dʼembrasser le cercle entier du ciel
autour de moi, jʼy crois la mort comprise.
Je ne vois presque plus rien que la lumière,
les cries dʼoiseaux lointains en sont les noeuds,
la montagne?
Légère cendre
au pied du jour.
*
Toi cependant,
ou tout à fait effacé
et nous laissant moins de cendres
que feu dʼun soir au foyer,
ou invisible habitant lʼinvisible,
ou graine dans la loge de nos coeurs,
quoi quʼil en soit,
demeure en modèle de patience et de sourire,
tel le soleil dans notre dos encore
qui éclaire la table, la page et les raisins.
Im Winterlicht
Und jetzt erfassen mich die Wirbel des Himmels,
eingewickelt in den Haarschopf der Luft,
bin ich hier angesichts von Blättern mit höchster Leuchtkraft,
in der Luft schwebend gleich unter dem Bussard,
der Schauende,
der Hörende
– und die Schmetterlinge sind so viel verirrte Flammen,
die Berge Rauchschwaden –,
einen Moment lang, den weiten Kreis des Himmels um mich her
zu umfassen, offenbarte sich mir das Geheimnis des Todes.
Ich sehe nichts mehr als lauter Licht,
die fernen Schreie der Vögel sind seine Schwingungsknoten.
Das Gebirge?
Leichte Asche
am Fuße des Tags.
*
Du jedoch
bist wahrhaft bescheiden
und lässt uns weniger Asche
als Feuer für den Abend am Kamin,
oder bist der Unsichtbare, der das Unsichtbare bewohnt,
oder das Samenkorn in der Loge unserer Herzen,
was es auch sei,
bleibe als Urbild der Geduld und des Lächelns,
wie die Sonne in unserem Rücken noch bleibt,
die den Tisch erhellt, das Blatt und die Trauben.
Deiner Sehnsucht heiße Zunge
Die Melodie erklingt,
und du gehst ihren Pfad,
wohin sie auch führe.
Durch Beete beschaulichen Gartens,
Labyrinthe an Koketterie und galanten Schöntuns
oder hoch auf die jähen Grate des Schnees
glitzernder Einsamkeit.
Die Melodie durchwandert dich,
ein glühender Pollen durch Venen,
ein sanfter Blitz die Nervenbahnen herab –
sie furcht den Kiel ihres Fernwehs
in der Erinnerung schäumende Wasser,
sie röten sich unter der grauen Gischt.
Weiter zieht sie mit dir,
weiter zieht sie dich
ins unvermessne Gelände –
gleich schwellenden Halmen
wellt es sich seitwärts,
wenn dein Schatten jagt
über jungfräuliche Matten.
Wie die feinnervigen Hände des Töpfers
modelliert die Melodie
dein unförmiges Fühlen
zu harmonisch gestuften Gebilden,
bauchigen Vasen der Tränen,
schlanken Karaffen,
die sich hoheitsvoll recken
wie starrende Reiher.
Und du wiederum knetest
mit geheimen Fingern des Ahnens und Liebens
die warme Materie der Zeit –
mit dem hellen Mund deiner Seele
schöpfst du aus dem Rieseln der Töne,
Schluck für Schluck,
was deiner Sehnsucht heiße Zunge
netzet und kühlt.
Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver
III
Jʼai relevé les yeux.
Derrière la fenêtre,
au fond du jour,
des images quand même passent.
Navettes ou anges de lʼêtre,
elles réparent lʼespace.
*
Lʼenfant, dans ses jouets, choisit, quʼon la dépose
auprés du mort, une barque de terre :
le Nil va-t-il couler jusquʼà ce coeur ?
Longuement autrefois jʼai regardé ces barques des tombeaux
pareilles à la corne de la lune.
Aujourdʼhui, je ne crois plus que lʼâme en ait lʼusage,
ni dʼaucun baume, ni dʼaucune carte des Enfers.
Mai si lʼinvention tendre dʼun enfant
sortait de notre monde,
rejoignait celui que rien ne rejoint ?
Ou est-ce nous quʼelle console, sur ce bord ?
Im Winterlicht
Wieder hebe empor ich die Augen.
Jenseits des Fensters,
im Hintergrunde des Tags,
schweben noch Bilder vorbei.
Fähren oder Engel des Seins,
sie fügen zusammen den Raum.
*
Ein Kind greift, unter all seinen Spielgeräten,
wenn du sie nur an die Grenze des Todes stellst,
nach der Barke aus Lehm.
Sollte der Nil fließen bis hinan an dieses Herz?
Lange war ich an fernem Ort versunken vor diesen Totenbarken,
sie ähneln dem Horne des Monds.
Ich glaube nicht mehr, dass heutzutage die Seele sich ihrer bedient
noch des Balsams oder der Karte der Höllen.
Wenn indes der zarte Fund eines Kindes
unsere Welt verließe,
träfe er jenen wieder, den keines mehr trifft?
Oder sind wir es, die er tröstet, an jenem Ufer?
Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver
II
Déja ce nʼest pas plus lui.
Souffle arraché : méconnaissable.
Cadavre. Un météore nous est moins lointain.
Quʼon emporte cela.
Un homme – ce hazard aérien,
plus grêle sous la foudre quʼinsecte de verre et de tulle,
ce rocher de bonté grondeuse et de sourire,
ce vase plus lourd à mesure de travaux, de souvenirs –,
arrachez-lui le soufflé : pourriture.
Qui se venge et de quoi, par ce crachat ?
Ah, quʼon nettoie ce lieu.
Im Winterlicht
Schon ist er nicht mehr er selbst.
Würg ihn ein wenig: du erkennst ihn nicht wieder.
Kadaver. Ein Meteor ist uns weniger fern.
Man möge das Ding entfernen.
Ein Mensch – der Zufall ballte die Luft,
spindeldürr unter dem Blitz: Insekt aus Gaze und Glas.
Dieser Brocken, der lächelt und begütigend brummt,
diese Vase, zu plump bei all dem Schweiß, all den Erinnerungen.
Würg ihn ein wenig: Fäulnisgeruch.
Wer rächt sich mit diesem Abschaum und wofür?
O, man säubere diesen Ort.
Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver
I
On le dèchire, on lʼarrache,
cette chambre où nous nous serrons est déchirée,
nortre fibre crie.
Si cʼétait le « voile du Temps » qui se déchire,
la « cage du corps » qui se brise,
si cʼétait lʼ« autre naissance » ?
On passerait par le chas de la plaie,
on entrerait vivant dans lʼéternel.
Accoucheuses, si calmes, si sévères,
avez-vous entendu le cri
dʼune nouvelle vie ?
Moi, je nʼai vu que cire qui perdait sa flamme,
et pas la place entre ces lèvres sèches
pour Iʼenvol dʼaucun oiseau.
Im Winterlicht
Man zerreißt es, man zerfetzt es,
dieser Raum, wo wir uns herzten, ist zerrissen,
unsere Faser ist Schrei.
Sollte dies der „Vorhang der Zeit“ sein, der reißt,
der „Käfig des Körpers“, der zerbricht,
dies die „zweite Geburt“?
Hebammen ihr, so still, so streng,
habt ihr den Schrei vernommen
eines neuen Lebens?
Ich indes sah, wie das Wachs seine Flamme verlor,
und zwischen diesen spröden Lippen keinen Ort
für den Abflug eines Vogels.
Charles Baudelaire, Le Vin des Amants
Aujourd’hui l’espace est splendide !
Sans mors, sans éperons, sans bride
Partons à cheval sur le vin
Pour un ciel féerique et divin !
Comme deux anges que torture
Une implacable calenture,
Dans le bleu cristal du matin
Suivons le mirage lointain !
Mollement balancés sur l’aile
Du tourbillon intelligent,
Dans un délire parallèle,
Ma sœur, côte à côte nageant,
Nous fuirons sans repos ni trêves
Vers le paradis de mes rêves !
Der Wein der Liebenden
Wie leuchtet heut uns der Raum!
Ohne Trense und Sporn, ohne Zaum
Reiten wir auf den Wogen des Weins
In das Blau paradiesischen Scheins.
Von Engeln ein zuckendes Paar,
Vom Fieberwahn unheilbar,
In des Morgens blauem Kristall
Keuchen nach Wahn wir überall.
Weich über den Flügel geneigt,
Ein Windgeist hat uns umsungen,
Ein Rausch, in zwei Körper verzweigt,
Meine Schwester, wir schwimmen umschlungen,
Wir fliehen ohne Rast, ohne Ruh
Meinen Träumen vom Paradiese zu.
Unterm blauen Gewölbe der Luft
Die Birken zitterten leise.
Die Kiesel waren noch warm.
Erinnerung, eine Fledermaus,
überschattete die Minute deines Innehaltens.
Die Birken, der helle Schimmer
der Birken, waren dein.
Wie seufzte das Wasser im Kraut.
Du schienst dir nicht ganz fremd,
doch heimisch mitnichten.
War hier nicht im tiefgeschichteten Löß
das Nest der Hornissen?
Das Völkchen war ausgewandert, gestorben,
wie deiner Schicksalsgenossen Schar.
Rufe, girrend unterm blauen Gewölbe der Luft,
Echos, Wahngebilde des Schweigens.
Dir bleibt ein verwildertes Beet am Wegsaum,
herben Duftes Worte,
wild blühend.
Charles Baudelaire, De profundis clamavi
J’implore ta pitié, Toi, l’unique que j’aime,
Du fond du gouffre obscur où mon cœur est tombé.
C’est un univers morne à l’horizon plombé,
Où nagent dans la nuit l’horreur et le blasphème ;
Un soleil sans chaleur plane au-dessus six mois,
Et les six autres mois la nuit couvre la terre ;
C’est un pays plus nu que la terre polaire ;
Ni bêtes, ni ruisseaux, ni verdure, ni bois !
Or il n’est pas d’horreur au monde qui surpasse
La froide cruauté de ce soleil de glace
Et cette immense nuit semblable au vieux Chaos ;
Je jalouse le sort des plus vils animaux
Qui peuvent se plonger dans un sommeil stupide,
Tant l’écheveau du temps lentement se dévide !
De profundis clamavi
Du blicke herab, meiner Liebe heiliges Licht,
In das schwarze Loch, wo meine heillose Seele haust.
Wo die Hoffnung der Ferne zerschlägt mit nächtiger Faust
Ein Hanswurst des Grauns, ein fluchender Wicht.
Eine kalte Sonne gilbt mir das Blatt der steigenden Zeit,
Der Schnee der fallenden graut unter dem Schattenmond.
Der Schoß meines Sagens ist des Taues der Freude entwohnt,
Kein raunendes Laub, kein rauschendes Blut ihm zu Geleit.
Gedenke deines Mundes ich, deines Wortes Wärme,
Vereist diese Sonne das Bild, um das ich mich härme.
Wie maßlos die Nacht, da ich in altem Wahn mich verliere.
Ich beneide das Schicksal der einfach gebildeten Tiere,
Die können das Hirn in der Jauche des Schlafes baden.
So langsam umstickt mich die Spinne Zeit mit ihrem Faden.
Charles Baudelaire, La Vie Antérieure
J’ai longtemps habité sous de vastes portiques
Que les soleils marins teignaient de mille feux,
Et que leurs grands piliers, droits et majestueux,
Rendaient pareils, le soir, aux grottes basaltiques.
Les houles, en roulant les images des cieux,
Mêlaient d’une façon solennelle et mystique
Les tout-puissants accords de leur riche musique
Aux couleurs du couchant reflété par mes yeux.
C’est là que j’ai vécu dans les voluptés calmes,
Au milieu de l’azur, des vagues, des splendeurs
Et des esclaves nus, tout imprégnés d’odeurs,
Qui me rafraîchissaient le front avec des palmes,
Et dont l’unique soin était d’approfondir
Le secret douloureux qui me faisait languir.
Das abgetane Leben
Ich hauste lange unter hohen Säulenhallen,
Im Schimmer von tausend Flammen der Meeressonnen,
Deren lange Pfeiler, abendlichtumsponnen,
Wie Falten aus Basalt durch Grotten fallen.
Die Wogen trugen des Himmels Bilder mir an Land.
Über die mächtigen Stufen ihres Palastes aus Klang
Ergossen sich in feierlich-mystischem Überschwang
Die Farben des sinkenden Lichts: Mein Blick hielt ihm stand.
Solch abgetanen Lebens Ufer überspülten
Nur leise Genüsse, von Wellen, von sprühenden Lüften
Getragen, von nackten Sklaven, bekleidet mit Düften,
Die mit Palmenwedeln die heiße Stirne mir kühlten.
Sie waren erfüllt von der einen Sorge: vertiefen
Die heimliche Wunde, der mir Tropfen des Glückes entliefen.
Kleines, leises Gewese
Chinesischer Garten, Bethmannpark, Frankfurt am Main
„Wie das Leben tut …“
Deine Flauschlinge leuchten im Dämmer
an den roten Schnäbeln.
Die klappen sich auf zu stummem Lamento,
wenn das Muttertier
mit der Wärmeumfiedrung pausiert.
Weithin vernimmst du Jammern,
wenn eins zu kühn für hohe See
sich ans Sandsteinufer des Teiches gerettet.
Kommt endlich das Alttier gerudert,
verebbt das Fiepen gleich bei der Ankunft,
erstirbt im Gruß-Geschnäbel.
Ihr Hort, die Wasser- und Felsenburg:
eine enge Höhlung im Tuffstein,
die der freundliche Gärtner gemeißelt.
Dort kriechen die Wasserhühnchen
unter die Flügel der Alten.
Eines lugt schlaflos ins Freie –
das Wasser schwappt
unter den schwanken Tellern der Rosen
vom braunen Glucksen schlammiger Wälse.
Es reckt sich und watschelt herab,
aus der grünen Feuchte zu trinken.
Ein Geschwister tut es ihm nach,
und gemeinsam plätschern sie
um das hohe Riff, den erhabenen Ort
ihres Werdens, Wachsens und Lernens.
Hier nämlich lernen sie, zu sein
und im Leben zu bleiben,
die Wärme der Liebe und die Kälte
von Feindschaft, hoch rüttelnder Fährnis.
Bis die Alten sie scheuchen, verstoßen,
auf dass sie solo picken und nisten.
Jetzt aber wackeln sie wieder munter
auf grünen Füßen zurück ins Nest,
das Muttertier stopft ihre Mäulchen
mit sanftem Gepicke.
Über all dem kleinen, leisen Gewese steht,
steht und steht,
über dem äußersten Giebel des Tempels
ein Geist,
der graue Reiher,
der große Schamane in Trance.
Da: Er spreizt ganz sacht das Gefieder
dem ersten Wehen
der allbezwingenden Nacht.
Giuseppe Ungaretti, Veglia
Un’intera nottata
Buttato vicino
A un compagno
Massacrato
Con la bocca
Digrignata
Volta al plenilunio
Con la congestione
Delle sue mani
Penetrata
Nel mio silenzio
Ho scritto
Lettere piene d’amore
Non sono mai stato
Tanto
Attaccato alla vita.
Wache
Eine volle Nachtwache
geduckt im Graben neben
dem massakrierten
Kameraden,
mit dem Mund,
der grinste,
dem Schädel im Vollmond,
mit der Blutleere
seiner Hände,
halb mir zugereckt
in die Stille,
habe ich
Liebesbriefe geschrieben.
Nie war ich je
so tief
im Leben verwurzelt.
Giuseppe Ungaretti, Sono una creatura
Come questa pietra
del San Michele
così fredda
così dura
così prosciugata
così refrattaria
così totalmente
disanimata.
Come questa pietra
è il mio pianto
che non si vede
La morte
si sconta
vivendo.
Kreatur bin ich
Wie dieser Stein
von San Michele,
so kühl,
so hart,
so ausgedörrt,
so unempfindlich,
so ganz
entseelt.
Wie dieser Stein
ist meine Trauer,
die unsichtbar bleibt.
Den Tod
bezahlt man
mit dem Leben.
Giuseppe Ungaretti, Natale
Non ho voglia
di tuffarmi
in un gomitolo
di strade
Ho tanta
stanchezza
sulle spalle
Lasciatemi così
come una
cosa
posata
in un
angolo
e dimenticata
Qui
non si sente
altro
che il caldo buono
Sto
con le quattro
capriole
di fumo
del focolare.
Weihnachten
Nichts vermöchte mich,
einzutauchen
in das Gewimmel
der Straße.
So müde
beugt sich
mein Rücken.
Also lasst mich,
wie ein
Ding,
abgestellt
ins Eck
und dort vergessen.
Hier
fühlt es
einzig
die wohlige Wärme.
Ich begnüge mich
mit den vier
Rauch-
kringeln
des Ofens.
Giuseppe Ungaretti, Fratelli
Di che reggimento siete
fratelli?
Parola tremante
nella notte
Foglia appena nata
Nell’aria spasimante
involontaria rivolta
dell’uomo presente alla sua
fragilità
Fratelli
Brüder
Zu welchem Regiment gehört ihr,
Brüder?
Wort, das bebt
in der Nacht.
Blatt, kaum gekeimt,
durchzuckt es die Luft.
Des Menschen Unruh
von Anbeginn schart
um ihre Schwachheit sich
Brüder.
Kleine Szenen am Morgen
Bethmannpark, Frankfurt am Main
Der Gärtner war schon geschäftig
mit Jäten und Rupfen.
Ein Alterchen hockte im Morgenschein,
Rätsel lösend.
Ein Wasserhühnchen watschelte des Wegs,
Samen zu picken.
Die Mutter, abhold dem schnäbelnden Bettel,
scheuchte es fort ins Gebüsch.
Der Reiher, fürstlich-keck im Geflausch,
starrte über dem Teich.
Sein schmales Leben war satt,
glanzlos das Aug.
Im Dämmergeviert des Tempels,
der Stille geweiht,
vernimmst du heilloses Klatschen
unzarten Manntums.
An fühllosen Lederkissen der Faust
übt sich Boxen.
So entsteigen sinistre Dämpfe Gonaden
unter entheiterte Stirn.
Der Reiher drehte gelangweilt den Hals,
grünberingten Augs.
Der Park deiner Schattenspiele
entließ dich weich.
Giacomo Leopardi, Lʼinfinito
Sempre caro mi fu quest’ermo colle,
e questa siepe, che da tanta parte
dell’ultimo orizzonte il guardo esclude.
Ma sedendo e mirando, interminati
spazi di là da quella, e sovrumani
silenzi, e profondissima quïete
io nel pensier mi fingo, ove per poco
il cor non si spaura. E come il vento
odo stormir tra queste piante, io quello
infinito silenzio a questa voce
vo comparando: e mi sovvien l’eterno,
e le morte stagioni, e la presente
e viva, e il suon di lei. Così tra questa
immensità s’annega il pensier mio:
e il naufragar m’è dolce in questo mare.
Das Unendliche
Immer war mir lieb der öde Hügel hier
und dieser Hain, verhüllt er dem Blick
so viel doch vom letzten Horizont.
Ich aber sitze und sinne, weit hinaus
stifte ich unermessliche Räume im Geist,
Stille hoch über den Menschen, ungeheure
Ruhe, wo einem unheimlich wird.
Da hör ich die Blätter rauschen im Wind
und halte dies kleine Geräusch gegen
das unendliche Schweigen: Es berückt
das Ewige mich, die abgestorbenen Jahre
und das lebendige Jetzt, und ich höre es tönen.
In solch einem Unmaß zergeht mein Denken:
Welch eine Lust: mein Schiffbruch in diesem Meer.
O falce di luna calante
che brilli su l’acque deserte,
o falce d’argento, qual mèsse di sogni
ondeggia al tuo mite chiarore qua giù!
Aneliti brevi di foglie,
sospiri di fiori dal bosco
esalano al mare: non canto non grido
non suono pe ’l vasto silenzio va.
Oppresso d’amor, di piacere,
il popol de’ vivi s’addorme…
O falce calante, qual mèsse di sogni
ondeggia al tuo mite chiarore qua giù!
O sinkend, du Sichelmond
O sinkend, du Sichelmond,
auf wüsten Wassern dein Flimmern,
o Silbersichel, welch Träume-Mahd
weht mit deinem süßen Strahlen herab!
Kleines Gekeuche der Blätter,
Seufzer von Blumen des Walds,
meerhin gehaucht: nicht Singen hab ich,
nicht Schrei noch Wort: nur Stille spricht.
Liebebezwungen, gesättigt,
der Lebenden Völkchen döst ein …
O verzitternd du Sichel, welch Träume-Mahd
weht mit deinem süßen Strahlen herab!
Das Leere und das Volle
… der Dolden zarte Finger sind hohl …
In die warme Höhle der dir geöffneten Hand
bettet deine Freundschaft sich gern.
Und deine Zunge trinkt gern
aus den Lippen dir aufgeblühter Liebe.
Der volle Klang der Stimme, mündend
aus Gefäßen und Höhlungen der Stirn,
der Nase, der Lungen, des Bauchs,
hebt dich, eine Fontäne, ins Licht.
Wie wähnte die Luft sich
ohne die Röhren und Pfeifen?
Alles schwebte klanglos im Ungefähren,
eine verpantschte Urwelt-Suppe.
Also blästʼs und pfeiftʼs
mit der Luft der Vokale
durch der Konsonanten Röhricht –
ein herrliches Lied!
Sätze mit allzu steilem Gefälle
verrauschen, verschäumen –
sie bleiben unvermerkt
wie vom Bier der Schaum,
den unwirsch du vom Munde wischst.
In die liebliche Enge des Maßes entführt,
winken sie dir mit zarten Gliedern.
Gepresst an den Klippen harscher Zäsur,
bilden sie Gegen-Rhythmen,
unvermutete Schneisen
dem überraschten Blick,
oder über die Ufer schwappend
wässern sie Wiese und Rain.
Gelockt an burleske Kaskaden,
spielt das Licht an ihnen
mit bunten Reflexen
auf neckisch platzenden Blasen.
Gestaut an Mauern epischer Wucht,
überblaut ihre spiegelnde Stille
der reine Klang des Azurs.
Tito Maniacco, La farinata
Nach einer allegorischen Erzählung aus den „Chassidischen Geschichten“ von Martin Buber
«Negli ultimi due anni della sua vita Rabbi Elimelech mangiava e beveva pochissimo, e anche quel poco soltanto per le insistenze dei suoi. Una volta che suo figlio, Rabbi Eleasar, lo pregò piangendo di mangiare un po’ di piú per mantenersi in vita, disse con un sorriso sulle labbra: “Ah, che rozze pietanze mi servite! Se potessi avere quella farinata che una volta mi fu servita nella piccola osteria rossa sul Dnjestr, nel tempo dei viaggi con mio fratello Sussja!”. Qualche tempo dopo la morte di Rabbi Elimelech, suo figlio si mise in viaggio per trovare la piccola osteria rossa sul Dnjestr. Arrivato, chiese alloggio per la notte e domandò che ci fosse per cena. “Siamo povera gente” disse la moglie dell’oste. “Noi diamo ai contadini acquavite in cambio di farina e legumi, mio marito ne porta in città la maggior parte e la baratta con acquavite, e il resto lo consumiamo noi. Cosí non posso offrirvi altro che una farinata”. “Preparamela subito” disse Rabbi Eleasar. Quand’ebbe detto la preghiera della sera, trovò la minestra sulla tavola. Finí il piatto e ne chiese un secondo, finí anche quello e se ne fece dare un terzo. Quand’ebbe vuotato anche quello, chiese alla moglie dell’oste: “Ma dimmi, che cos’è che hai messo nella minestra e che la rende cosí saporita?”. “Credetemi, signore” rispose la donna, “non vi ho messo niente”. Ma poiché egli insisteva, alla fine disse: “Bene, se vi piace tanto, sarà merito del paradiso”. E raccontò: “Sono passati molti anni da quando un giorno due uomini devoti si fermarono qui, e si vedeva loro in faccia che erano veri zaddikim. Poiché non avevo da servir loro altro che una farinata, mentre cuocevo pregai Dio: ‘Signore del mondo, io non ho altro e tu hai tutto, abbi compassione dei tuoi servi stanchi e affamati e metti nella loro minestra un po’ di erbucce del tuo paradiso!’. E quando la minestra venne in tavola, i due me ne vuotarono la scodella grande una volta e poi un’altra, e uno di loro mi disse: ‘Figlia, la tua minestra sa di paradiso!’. E oggi ho pregato di nuovo”».
Die Mehlsuppe
In den letzten Jahren seines Lebens aß und trank Rabbi Elimelech kaum noch etwas, und das auch nur, weil seine Liebsten ihn drängten. Einmal, als sein Sohn Rabbi Eleasar ihn unter Tränen anflehte etwas zu essen, auf dass er noch ein wenig lebe, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen: „Was tischt ihr mir auch für rohes Zeug auf! Könnte ich einmal noch jene Mehlsuppe essen, die man mir einst in der kleinen roten Herberge am Dnjestr aufgetischt hat, damals, als ich mit meinem Bruder Sussja über Land zog!“ Einige Zeit nach dem Tode des Rabbi Elimelech machte sich sein Sohn auf die Reise zu der kleinen roten Herberge am Dnjestr. Dort angekommen, bat er um Logis für die Nacht und frug, was es denn zum Abendessen gebe. „Wir sind arme Leute“, sprach die Frau des Wirts. „Wir geben den Bauern Branntwein und bekommen dafür Mehl und Gemüse, mein Mann bringt den Gutteil des Weins und der Mauschelware in die Stadt, den Rest verzehren wir selbst. Deshalb kann ich Euch nur eine schlichte Mehlsuppe anbieten.“ „Dann mach schnell!“, sprach Rabbi Eleasar. Kaum hatte er das Abendgebet gesprochen, stand die Suppe schon auf dem Tisch. Er beendete die Mahlzeit und verlangte eine zweite, er beendete auch diese und wollte noch eine dritte. Nachdem er auch diese verschlungen hatte, wollte er von der Wirtsfrau wissen: „Sag mir mal, was hast du nur in die Suppe getan, dass sie so gut schmeckt?“ „Glaubt mir“, mein Herr, „gar nichts habe ich hineingetan.“ Doch weil er weiter in sie drang, sprach sie endlich: „Nun, wenn sie Euch gar so mundet, dann liegtʼs am Paradies!“ Und sie erzählte: „Vor langer Zeit geschah es, da machten zwei fromme Männer hier Rast, von ihren Gesichtern konntest du ablesen: das waren echte Zaddikim. Und weil ich ihnen nichts als eine Mehlsuppe zubereiten konnte, betete ich beim Kochen zu Gott: „Du Herrscher der Welt, ich hab nichts anderes, doch du hast alles. Habe denn Mitleid mit deinen müden und hungrigen Dienern und tue in ihre Suppe ein paar Kräuter aus deinem Paradies!“ Und als die Suppe auf den Tisch kam, vertilgten mir die beiden eine große Schüssel, und dann noch eine. Und einer von ihnen sprach zu mir: „Meine Tochter, deine Suppe stammt aus dem Paradies!“ Und heute habe ich wieder gebetet.
Unterm Schnee verwehter Küsse
Leicht verträumst du dich in der Hohlform,
ist sie Abdruck der Kraft, Spur einer Geste
athletisch durchpulsten Leibs
oder das geheime Zeichen für Liebe.
Die Puppe aus Spänen, die Gipsfigur
zerfließt im Glanz vollendeter Bronze.
Eine wimmelnde Meute
mit unterwürfiger Schnauze
und Schmeichelgeschwänzel,
umringeln und umkringeln dich,
kommst du nach Hause,
überzüchtet, fett glänzend,
kupierte Worte.
Eine Wildkatze blickt aus dämmerndem Busch,
mit dem Funkeln des Absprungs,
dem du in mondlosen Steppen entgegengebangt,
auf Sehnsuchtswogen und -türmen,
das bannende, springende Wort.
Auch in der gefiederten Hege verliebten Plauderns
mag dich, mein Lieber, bei halb unterdrücktem Gähnen,
ein süßer Schrecken narren,
wenn im Dämmerlicht die Gesichter plötzlich vertauscht
die Laune eifersüchtiger Muse
oder unter dem Schnee verwehter Küsse
eines dem anderen nachruft
mit wildfremdem Namen.
Einfach gesagt
Begnügen wir uns mit einem bäurischen Mahl –
sagen wir, Bratkartoffeln, Speck,
ein Omelette und frischen Salat
stell ich dir auf den Tisch, mein Lieber.
Ach was, auf die warme Schieferplatte im Rain,
so sparen wir uns
unter Holunder- und Ginstergebüsch
den zierlichen Aufwand der Vasen.
Einen reifen Bordeaux hab ich dir mitgebracht
und zwei Gläser, ungeschliffen,
doch feingeblasen und handlich.
Einen Anwuchs poetischer Zierden
erwartest du dir an dieser Stelle,
so duftigem Plätzchen,
als müssten Zikaden oder Nachtvögel
streichen und schwingen?
Das war, das ist, mein Lieber,
die einfache Dichtung,
die nach ein wenig Geplauder,
genüsslichem Schlürfen
und kleinen aparten Rülpsern
beim fahlen Rufen des Uhus
mit leichtem Atem sich dehnt
bis an den Rand der Nacht,
unter das Rätselgeflimmer
astraler Inschrift.
Tito Maniacco, Fra poco
Mit Dank an H. P.
Fra poco
qui
a Oltris
tintinnerà
il rosso autunno
le mele cadranno
i fagioli non raccolti
scoppieranno
e le pannocchie
frusceranno fuori dalle seriche custodie
sarà più freddo
il vento della sera
ad annunciare l’arrivo
della prima neve
quattro metri
segna una casa
millenovecentonove
così
dirai all’osteria
le stagioni
non sono più
chês di une volte
Schon bald
Schon bald
wird hier
in Oltris
ertönen
der rote Herbst.
Die Äpfel fallen herab
die keiner mehr aufliest, die Bohnen
platzen auf
und die Maiskolben
rascheln aus ihren Seidenhüllen.
Er wird kälter sein,
der Abendwind,
um zu verkünden die Nähe
des ersten Schnees.
Vier Meter
reichen für ein Haus
im Jahre 1909.
Siehst du,
wirst du
in der Schenke sagen,
die Jahreszeiten sind auch nicht mehr,
was sie mal waren.
Tito Maniacco, Dondolano I
Dondolano i fagioli
i loro tigrati involucri
sarchi
strappi le erbacce
tagli le lunghe orecchie del radicchio
là è la cipolla
e sull’angolo fra tanto verde
le pompose ortensie
e qui lungo il muretto di pietre
la nuvola delle belle di notte
per l’inverno
sfrigola la piccola sega
spargendo bionda segatura
e la legna segue il suo severo e profumato
ordine architettonico
e le mele secche riposano
trasalendo di profumo nel canestro
e le bottiglie di sidro
senza etichetta
che han spremuto a Verzegnis stanno nel buio
ottantun bottiglie da tre quarti
per settanta chili
Sie schaukeln I
Die Bohnen schaukeln,
ihre gestreiften Hülsen
jäte,
rupf das Unkraut aus,
kappe der Zichorie die großen Ohren.
Da ist ja die Zwiebel,
und unterm Winkel bei so viel Grün
die pompösen Hortensien
und hier der Steinmauer entlang
die Wolke der Schönen der Nacht.
Für den Winter
reibe die kleine Säge ab
und verstreu dabei das gelbe Stroh.
Schichte die Klafter im strengen,
wohlduftenden Aufbau.
Und die getrockneten Äpfel ruhen
im Korb, verströmen guten Duft.
Und die Apfelweinflaschen
ohne Etikett,
die in Verzegnis gepresst wurden,
bleiben im Dunklen,
einundachtzig Flaschen zu drei Schoppen,
macht rund 100 Liter.
Tito Maniacco, Oltris
Oltris
disse san Cristoforo
mentre guadava l’impetuoso Lumiei
che gli antichi chiamavano “fra i bianchi monti”
Oltris
disse san Cristoforo
al Bambin Gesù che portava sulle spalle
Oltris
è il più bel paese del mondo
disse
san Cristoforo al Bambin Gesù
ripeti
e il Bambin Gesù gridò con voce squillante
Oltris è il più bel paese del mondo
disse san Cristoforo
Oltris al è il plui biel paîs dal mont
ripeti
e il Bambin Gesù gridò con voce squillante
Oltris
al è il plui biel paîs dal mont
Oltris,
sprach der heilige Christophorus
angesichts des herabstürzenden Lumiei,
den die Alten „Fluss zwischen den weißen Bergen“ nannten,
Oltris,
sprach der heilige Christophorus
zum Jesuskind, das er auf den Schultern trug,
Oltris
ist das schönste Land der Welt.
Sprach
der heilige Christopherus zum Jesuskind:
Wiederhole es!
Und das Jesuskind rief mit gellender Stimme:
Oltris ist das schönste Land der Welt.
Sprach der heilige Christophorus:
Oltris al è il plui biel paîs dal mont.
Wiederhole es!
Und das Jesuskind rief mit gellender Stimme:
Oltris
al è il plui biel paîs dal mont.
Verschränkt
Auch Flügel brauchen Widerspruch, die Luft …
Das rechte Bein kann nur spielen, wenn das linke Bein
den Ernst des Stehens übernimmt.
Wenn du das Ruder rechter Hand eintauchst,
dreht sich das Boot nach links.
Wenn du jetzt diese Zeilen liest,
liegt der Rest alles Geschriebenen dir im Rücken.
Wenn du umarmst, der dich umarmt,
umarmst du ihn und dich.
Solange du die Hasen-Ente als Hasen siehst,
bleibt die Ente im Versteck.
Je tiefer die Sonne des Glaubens sinkt,
umso länger wird der Schatten tatenloser Lauheit.
Die lichte Frucht der Einsicht kann nur ernten,
wer das dunkle Erdreich der Intuition wässert.
Die Kiesel der Konsonanten erglänzen
unter dem strömenden Wasser der Vokale.
Die Zeichnung atmet
vor der Leere des Hintergrunds.
Die Wirklichkeit des Bösen
ist die Möglichkeit des Guten.
Der Heilige ist erst heilig,
wenn er der Versuchung Satans widersteht.
Die Wirklichkeit von Feindschaft und Hass
ist die Möglichkeit von Freundschaft und Liebe.
Die Wahrheit des Gedankens,
die Schönheit des Verses:
einzelne Mündungen
eines unendlich verzweigten Deltas.
Stimmen des Sommers
Eine Locke blieb von dem Gesagten,
ein Löckchen, Gekringel –
oder wie im Walde der Kinder
geknickte Zweige, ein Schal,
der müde baumelt am Ast.
Im Garten des Sommers
mauscheln Motoren,
bohren sich Insekten
in das Klirren von Tassen und Löffel –
ein Ringelreihen von Namen,
Klatschen, Kichern, Knattern, Knuffen.
Ruft da wer nach dir?
Spricht man denn über dich?
Eine Condor oder Boeing zerfräst
den laut gewordenen Gedanken.
Dann kommt der Abend und mildert.
Nur noch Geflüster im Blattwerk,
nur noch das schlaftrunkene Lied der Amsel.
Dann ist es dunkel, alles still,
alles wartet bei angehaltenem Atem.
Knistert es dort, zischt es nicht auf
wie von Flammen, die endlich
Nahrung finden die Fülle?
Auf Jenseitspfaden II
… denn in ewigem Streit umarmen sich Satan und Gott …
Gebannt vom Funkeln im Auge des andern
oder vom eignen dort widergespiegelt –
näht ihnen Wangen und Stirnen zusammen,
Lenden und Bäuche,
wenn umeinander sie sich wälzen und walzen,
mit elektrischem Kleber
die universelle Liebe.
So zerfetzen sie sich die Häute,
wenn sie sich trennen,
in den Winkeln Atem zu schöpfen.
Die sie gedacht, sie geschaffen,
die höchste Macht allen Anfangs,
stürzt die Kreaturen des Abfalls in Nacht,
wie sie strahlt aus den Augen der Engel.
Betäubt vom Geruch fremden Fleisches
oder vom eignen mit diesem vermengt –
verbeißen sie sich in Ohren und Hälse,
Hände und Eingeweide,
reißt ihnen auf mit Messern der Blicke
die Krusten tauben Gefühls
die universelle Liebe.
So sehen sie sich entstellt,
wenn sie sich trennen,
in den Winkeln zu schlafen.
Die sie gedacht, sie geschaffen,
die höchste Macht allen Anfangs,
stürzt die Kreaturen des Abfalls in Nacht,
wie sie strahlt aus den Augen der Engel.
Behext vom Hauch fremden Mundes
oder vom eignen mit diesem zurückgeströmt –
schlagen sie sich mit Beilen
des Banns und der Flüche
einander die Köpfe vom Rumpf,
verrunzelte Früchte am Baum
der universellen Liebe.
Satan näht ihnen die Köpfe wieder an,
doch falsche, vertauschte,
für ein blutiges Maskenfest.
Die sie gedacht, sie geschaffen,
die höchste Macht allen Anfangs,
stürzt die Kreaturen des Abfalls in Nacht,
wie sie strahlt aus den Augen der Engel.
Metamorföschen
Ein Tropfen Spätburgunderwein
roll ich über deine Zunge,
wenn im Traum du sprichst.
Ein Sonnenfleckchen tänzel
ich im Haargeflausch,
wenn du dich kämmst.
Ein feinstes Flimmertierchen schwimm
unter deinem Lid ich,
wenn du dich schlaflos wälzt.
Eine Sommersprosse platzʼ
auf deiner Stirn ich plötzlich auf,
wenn dir ein Seufzen kommt.
Im Ticke-Tack der Küchenuhr
geh um ich irrend her und hin,
wenn du einen Kuchen backst.
Der upps! vom Blatt abfällt,
der goldgrüne Käfer bin ich,
wenn du die Pflanzen gießt.
Wiederkehr
Es bläst durchs Geblatt –
aus tiefer Zeit aufrauscht
verheißene Huld, verharschter Harm
und vom flirrenden Flötengetöse
junger Vögel fast ganz überronnen
das silberne Rascheln des Weinlaubs.
Also gehst den Saumpfad du wieder
allein – umflossen von Gruß und Botschaft
der Luft in Fäden, Pollen und Düften
aus Gegenden, die du nicht ahnst,
denen du selbst nicht entgegengeblüht,
aus Gegenden fern.
Du sprichst ein Schatten mit Schatten,
mit weisender, malender Hand,
den angefangenen Bogen
ergänzt der Sturz einer Schwalbe.
Es teilt sich die Welle, die Wolke –
was sich verlor, kehrt
ein südliches Wort
mit der Anmut gewanderten Sinns
des Abends barhaupt
über die Schwelle.
Die weiße Welt
Weiß sind die Flüsse, weiß die Steine,
weiß sind die Haare,
die Augen, die Lippen, die Zungen sind weiß.
Das Oben ist weiß wie das Unten,
das Gestern so weiß wie das Morgen,
gleich weiß sind Ich und Du.
Mit den weißen Zungen schlürfen
die Wesen auf weißem Hügel,
wie zu Gebeten gereckt
zur blühenden weißen Wolke,
milchige Tropfen Lichts,
Nahrung, die das Hunger-Grau
ihrer qualligen Leiber wieder
ausbleicht und weißt.
Manchmal verfinstert die Wolke sich purpurn.
Ein Wind kommt auf, ein Brausen.
Dann halten die Weißen sich
an den Tentakel-Händen
und summend wiegen sie sich.
Es fallen wie schwarze Tropfen
Rätselworte von der Wolke herab,
und wie Scharen von Schrecken
den weißen Weizen schwärzen –
wird den weißen Wesen schwarz
vor den Schwärmen der Sprüche.
Der Schatten von Naumburg
Abgezählt von der Parze Tropfen für Tropfen
fließt das Gift, die Pest der Verneinung,
in sein fassungsloses Bewusstsein.
Auf der Veranda im Rollstuhl
oder von der Mutter mit Decken umhüllt
in der Weinlaube des Gärtchens –
das späte Licht zittert, säuselt
die Ranken herab und zu seinen Füßen
narren ihn huschend Sonnenflecken
mit südlichen Namen … Genova …
Milano … Torino … San Marco.
Schein, in den das Wesen sich ausleert,
Gespenst, kippt er mählich nach vorn.
Als er durch nächtliches Schreien und Toben
den Zartsinn der Nachbarn verletzt,
wird die Veranda verschlossen.
Das letzte Zeichen Venedigs,
ein blutdunkler Rubin,
zertritt aus Versehen der stämmige Wärter,
der jetzt als Gast getarnt
Quartier bezog im Parterre.
Der sich vermaß, neben dem Gesalbten
rebenumrankt unter gelben Wettern
im Weinberg zu schreiten,
einen fügsamen Panther zur Seite –
der vom Sehnsuchtsquai in genuesischem Hafen
im kehligen Sang brauner Matrosen
das verwehte Echo tragischer Chöre vernahm –
der aus dem Crucifixus die Nägel zog
und mit Küssen umschuf die Wunden in Rosen –
versinkt stumm in einem Bett sonnenärmster Kleinstadt
im Kot, in nihilistischem Aussatz.
Ein Wanderer klopft an der Tür und
schwenkt beim Grüßen den Hut aus Filz
von der Farbe des Ölbaumblatts.
Echsenrissig die Hand,
das Gesicht aus Terra Sigillata,
ernst und zärtlich der Blick.
Ein Büschel Jasmin quillt aus der Tasche.
Behutsam rollt er vom weißen Linnen des Siechtums
den Schatten blutleeren Selbst auf –
birgt das leblose Bündel geschickt unterm Gürtel,
findet bald das Ufer der Saale –
singend vertraut er den Schatten eigener Wüste
der Weisheit, der Torheit der unermüdlichen Wellen.
Der Schatten eines Gespenstes
Dem Andenken an Max Beckmann
Was ist denn ein Vlies? Ein Lappen,
ein stinkendes Fell mit goldenem
Flitter bestreut, Heroen ein Schneuz-
tuch, Heroinen ein Tüchlein,
die falschen Tränen zu tupfen?
Zwischen den Sternen hellenischer Nacht –
es ächzen die Balken, es knacken die Masten –
schäumt die Argo ins Wahnland
blaugrüner, goldener Schatten.
Was ist denn ein Vlies? Im Einsatz
des Lebens, von Göttern gehetzt,
von Drachen phosphorbeschnaubt,
erhaschen wollen Mythenwisch,
ein Gespinst, ein Gespenst,
den Schatten eines Gespenstes?
Aufreißen die Siegel des Herzens,
schlürfen das Blut des Entblößten,
Gifte mischen mit geilen Hexen,
töten für Phantasmagorie,
zu steigern das flüchtige Leben?
Wenn das Schwert nicht mehr sich kreuzt
mit dem Zartsinn des weiblichen Fleisches,
verstummt die Musik von Mund und träumender Hand –
die in die ewige Bläue gereckte Leiter zerbricht.
Ein Kometenschweif kielt die Spur
für den Aufbruch ohne Wiederkehr.
Du aber klebst eine Eintagsfliege
am Honigpapier in der Küche,
ein wenig noch zitternd.
Die Verborgenheit der Gnade
Ein Theologumenon Francofurtense
Aveborn, Affentor, Frankfurt am Main, Sachsenhausen
An der Stelle habe der Franken König,
die Zukunft der Deutschen,
die Fahne der Jungfrau gehisst,
gesenkt den Stab in den mürben Boden
noch weihlosen Lands.
Zu Ehren der himmlischen Huldin
und wider unheiligen Unmut des Feinds
den unübersteiglichen Wall
jubelnder Chöre
Stimme für Stimme zu schichten,
ertönte weithin über die Wasser des Mains
das Ave Maria.
So groß, so glühend war der Glaube
an das Recht rechten Daseins, lauteren Weilens.
So offenbarte das Echo des Heils sich
bis in die lauschenden Adern
der Gegenmutter, der Erde –
so tat ihren Mund bezaubert
von den Sängen sie auf
und quoll von lieblichem Liede des Borns.
Die Verborgenheit der Gnade,
die unter Schleiern lächelnde,
lockende, weckende Grazie
ließ die Quelle verschütten,
ließ den verrenkten Arm eines Affen
baumeln über dem Born.
Die göttlich-ironische Weisheit
ließ einen Affen mit wahntriefender
Zunge überschreien
das Ave Maria,
ließ unter satirisch verjucktem Fell
verhüllen Gratia plena.
Endmoränen
Von den Privilegien und Charismen
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Der da stirbt früher als ich, die da überlebt mich.“
Vom Unterschied der Geschlechter
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Bist du eine rechts- oder linksdrehende Retorte?“
Von den Distinktionen der Bildung
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Ist sein Doktorhut aus Pappe oder Filz?“
Von der Vielfalt der Landschaften
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Ist dies noch Mannheim oder schon Frankfurt?“
Von der Vielfalt der Sprachen
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Ist dies noch Imperial 8.0 oder schon 9.0?“
Vom Unterschied der Rassen
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Bist du terrestrisch oder kosmisch verdünnt?“
Vom Unterschied zwischen Tier und Mensch
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Ist dein Echolot transplantiert oder schon Eigengewächs?“
Vom Unterschied zwischen Sommer und Winter
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Blüht es oder schneit es?“
Vom Unterschied der Religionen
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Tippst du auf Gog oder Magog?“
Vom Unterschied der Küchen
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Spritzt du noch oder benutzt du schon die Kanüle?“
Von der Vielfalt der Gesichter
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Wechselst du die Maske täglich oder wöchentlich?“
Vom Unterschied der Lebenden und der Wiedergänger
wird bleiben am gleichguten Ende:
„Zeugst du noch oder klonst du schon?“
Das fliegende Herz
Zergliedere deine Sinne und lebe entbunden
Als würde ein Wasserlilienblatt dein Ohr
über das Flüssige gleiten,
den glückglucksenden Kanon der Fische erlauschen
und der Mücken Sumsegebet,
das Zwiegespräch der Wellen mit dem Mond
in weichem Schaukeln nachbuchstabieren.
Als würde deine Hand ein Luftartist
mit den Fledermäusen ihr Echolot
in das Flüstern der Schatten tauchen
oder ein verschreckter Mauersegler
von den blauen Wellen der Glocken
sich tragen lassen in das Gefieder
schneeschüttelnder Wolke.
Als würde dein Auge ein Wimperntierchen
gründeln in mooshellem Teiche
oder die grüne Tiefe ersinnen
zwischen den Lippen des singenden Delphins.
Als würde dein ausgerissenes Herz
sein Zucken geben anheim
dem goldenen Schnabel des Adlers
und hochgestiegen in die unermessliche Bläue
niederfallen in wetterleuchtende Chöre,
die Tropfen letzter Liebe verspritzend,
klatschen auf ein Plumeau
purpurn flammenden Schnees.
Auf Fingers Spitze
I
Zwischen den Kuppen von Daumen und Zeigefinger
prüfst du den Feingehalt der Welt,
deines Anteils am Schicksal,
schnipst du Samenfädchen der Luft,
zählst du den Zyklus des Gelds,
streust du Würze ins Leben,
streifst du den Ring um das Ja.
Zwischen dem Daumen und dem Ringfinger
kehrst du dich blumenhaft schließend zu dir zurück,
unbeladen von Bildern und Sprüchen,
wie die Zaubertafel des Kinds,
die alles Gekritzel-Gekringel gelöscht hat –
so bist du die dünne Membran
des atmenden Zwischen.
II
Die schweren und leichten Elemente des Daseins,
Kampf und Freude, Staub und Fontäne,
Not und überfließendes Fest,
lernst du mit dem Nervengeflecht deiner Hände.
So hart der Stein, so trocken das Holz,
so weich das Wachs, so rissig die Haut.
Wie sänftigt das Wasser den Mut.
Wie berückt das Feuer mit Träumen.
Wie fein wirst du beim Zupfen, Fädeln und Wickeln.
Wie scharf beim Klatschen, Schnipsen und Hauen.
So birgst du zwischen Händen das Kind vor Gespenstern.
So schöpfst du das Wasser zu Taufe und Weihe.
Was du im Auge des Freundes erblicktest,
wird wahr, wenn es von Hand zu Hand
die Wärme getauscht.
III
Mit Fingern liest von der Haut der Dinge
du ihre verborgene Wahrheit.
Die warme, weiche Fläche äugend
mit Poren, die sich öffnen, sich schließen,
die hohen Ebnen grasüberhaucht –
an jähen Beugungen, Buchten nächtig verschilft –
die Finger erspüren die Brandung des Bluts,
das Schwellen von Adern, der Pulse
Pochen, die flauen und fluten.
Die an der Wimper schwebt wie leuchtende Frucht
und Botschaft bringt von Neigung und Liebe,
die Träne liest zärtlich mit der Fingerspitze du auf.
Vertanes Leben
Wie fad ist die Liebe in muffigen Kissen,
im Alkoven bemusterten Fühlens,
betäubt von den Düften lässlicher Gesten.
Wo aber ist das Meer der Aventiure,
auf dem du Triton singend umschiffst
und die Muschel zur Liebesgabe ihm raubst?
Wie fad ist das Leben gewerblicher Arbeit
unter dem Banne flackernden Screens,
betört von dumpfem Kantinengeklapper.
Wo aber ist jungfräulicher Schnee der Verheißung,
aufgewirbelt von prophetischem Atem,
Ankunft zu stiften freisinnigem Enkel?
Wie fad, sterben zu sollen im Bett,
betüttelt von amtlichen Schwestern,
die Gedanken in Windeln erstickt.
Wo aber ist das Feld einer Ehre,
wo der besprengte Altar für ein Opfer,
angenommen von deinem gnädigen Gott?
Abziehbildchen
Wieder kam Großvater heim vom Garten im Winter.
Hat den Teich aufgeklopft, in der Hütte gekramt,
Bast aufgewickelt, ein Pfeifchen geschmaucht.
Die Zeit vergehen lassen, und sie verging.
Jetzt hockt er in der blauen Joppe im Sessel.
Du hast ihm den Stiefelknecht gebracht.
„Geh, Jungchen, hol mir den Stiefelknecht!“
Ächzend zwängt der Alte den Fuß hervor.
Sehen wolltest du es, doch grauste es dich,
es zu befühlen, das tiefe Loch in der Ferse,
Erbschaft vom Erbfeind damals bei Verdun.
„Hol mir den Schürhaken, Jungchen!“
Und geschickt hebt er in der spundigen Öse
die heiße Scheibe auf dem gusseisernen Ofen.
Facht die Glut an, legt ein Holzscheit nach.
Stille. Dämmern. Es flackert gespenstisch.
„Opa, hast du die Hexe gesehen?“
„Nein, mein Junge, gesehen hab ich sie nicht,
aber gehört, wie sie gesungen hat, so hoch
und zittrig. Sie muss sehr einsam sein.“
Großmutter kroch zu uns in die Küche,
ihr Lieblingshuhn, das gescheckte, unter dem Arm.
Versank im Sofa, das Huhn auf dem Schoß.
Es gackerte leise vor sich hin, grad wie im Traum.
Was hast, mein Junge, du damals im Herzen gewusst,
als der warme Schein dich in Träume gebettet,
immerfort flackernd und fließend über die Wand,
die Scheite knirschten, es sangen die Flammen?
Hat es draußen geschneit? Hat eine Uhr geschlagen?
Krähte der Hahn? Waren das Glocken?
Die kalten Flammen der Zeit haben alles verzehrt.
Ein Abziehbildchen blieb für dein Album.
Ich will dein Smartphone sein
Dann bin ich Tag und Nacht bei dir.
Du lässt mich nicht mehr aus den Augen.
Du kannst die Finger von mir nicht lassen.
Ich will dein Smartphone sein.
Nachts lieg ich neben dir im Bett.
Mein Screen behaucht an deinem Mund.
Manchmal leuchte nachts ich ohne Grund.
Ich will dein Smartphone sein.
Ich bin mit dir total intim.
Ständig musst du auf mir wischen.
Ständig bist in mich vergafft.
Ich will dein Smartphone sein.
Du bist mit mir total intim.
Ich lese alles, was du liest
und was du chattest, mailst und simst.
Ich will dein Smartphone sein.
Und plötzlich öffnet mir dein Touch
ein Bild von diesem angegelten Beau.
Hallo, ich binʼs, der dir es halten muss.
Und dann les ich diesen Kitsch,
ständig ins Gesicht mir eingetippt:
„Keiner schöner, keiner zärtlicher …“
Ich will dein Smartphone sein.
Mit deinen blauen Augen gleitet über mich
die Angst. Schon beim ersten „L“,
mit dem du mich schlägst, stürz ich ab.
Ich kann dein Smartphone nicht mehr sein.
Ich lieg auf einem Schrottberg toter Phones.
Mein Screen bleibt unbehaucht, ist kalt.
Manchmal leuchte nachts ich ohne Grund.
Der Lurch siegt über den Delphin
Der Krieg ist der Vater aller Dinge
Die Kleinen, Lauen und Schwachen wollen sich bergen,
in den Kissen dösen, die Musik des Verdauens hören,
den Panzen reiben an flackernder Flamme.
Die Faulen, Fiesen und Hässlichen, die dunklen Ansitzer
lehnen ihre Hütten aus Blech und Pappe gegen die Burg,
wo hoch der weiße Tempel leuchtet und dröhnt.
Die Hellen, Hohen und Geistvollen finden Grund
für neue Saaten, auf schäumender Woge greifen sie
nach Sternen, sie prägen neue Namen für Städte und Götter.
Die Schönen, Edlen und Glänzenden münzen Begriffe
zu Wegscheiden des Denkens, sie taufen auf adlige Namen,
aus seltenster Frucht rühren sie das Chrisma dem König.
Die Lahmen, Stumpfen und Dumpfen ölen die Kehlen
mit Liedern des Grauens, mit Schluchzen. Sie sehen
die Funken des Aufstandes sprühen, den Horizont röten.
Die Schartigen, Stinker und Stänker hassen, was sich selber genug,
das Schöne, was den Göttern hold. So vergällt dem Krummen
der stolze Schritt, der leichte Sprung des Kriegers das Leben.
Die Großen, Heiteren und Rosigen dürstetʼs nach Wind
und nach Fahrt, sie lassen flattern Haare, Fahnen und Segel.
Sie lieben den Feind, der ihnen Sieg schenkt und Ruhm.
Die Meister, Erbauer und Gründer lieben die geballte Faust,
den weichen, ergebenen Mund, den lichten Schatten des Schlafs,
umsungen von epischer Lieder schäumendem Kiel.
Die Bleichen, Verhetzten und Träumer schwitzen Nass der Angst,
Geifer der Ohnmacht, ungestillter Sehnsüchte Harn.
Sie brauen sich Gifte, kochen tödlichen Sud.
Die Gnomen, Hexen und Zauberer springen den Sprung,
sprechen den Spruch, im tiefen Grauen der Nacht kommen sie
zu den Bächen, den Brunnen, verschütten den Tod.
Gerissen, gebröckelt ist das Fresco der homerischen Schlacht.
Von fröhlicher Meerfahrt blieb ein kopfloser Putto
und sein graziler Rausch auf dem Rücken der Nymphe.
Das Stumpfe und Faule siegt über den Charme sich verjüngenden Lebens,
der Schmarotzer über die Frucht, der Lurch über den Delphin.
Doch am Tode des Wirts findet auch der Parasit sein Ziel.
Die rosige Luft dieses Dämmerns
Ihr aber plaudert im schattigen Garten, bewundert die Lilien,
Atmet die traumesschwangere Luft. Und alles willfahrt euch,
Mit einem Wimpernschlag, einem Lächeln, das heimliche Wünsche
Offenbart. Und Flaschen werden entkorkt, es verzieren
Vasen geschliffenen Glases, Vasen mit duftenden Blumen
Tische und farbige Kacheln, bemalte. Luftige Seide
Knistert um die Hüften der Frauen, die haben sich Blüten
In die üppig gelockten Haare gesteckt oder goldne,
Silberne Spangen, die Kranichen ähneln, Greifen und Schlangen.
Sanfter, weicher Wohlklang von zartgestrichenen Saiten –
Kindlich, fraulich, verträumt tönen fremdländische Lieder.
Du aber führst, männlich gereift, das Wort unter Männern.
Frauen lauschen dir gern, es schwillt auf der Stirn dir die Ader.
Meinungen gelten dir nichts, nur der Hauch zählt, nicht dürre Botschaft.
Mit den Worten zu spielen verstehst du, dich wiegend zu tänzeln.
Alles bewundert dich ob der Heiterkeit deiner Sinne,
Alles feiert die Nonchalence, die Anmut des Vortrags,
Nichts zu verkünden sei Gipfel der Freiheit, irenisch-ironische Weisheit.
Du aber schwebst in Wahrheit nackt überm Rasen des Gartens,
Siehst dicht vor Augen die Tautropfen perlen, krabbeln die Käfer,
Spürst, wie mählich du niedersinkst, das Kitzeln der Gräser,
Brennen giftiger Blütensäfte an den schutzlosen Lenden.
Plötzlich bist du ins dunkle Erdreich entrückt, und doch kannst du atmen,
Fühlen, sinnen. Du hörst überm wilden Herzschlage singen
Chöre, du weißt nicht, ob ihre Schönheit himmlisch oder satanisch.
Jetzt löst dein Bewusstsein sich auf in den Staub und die Asche
Jener, die singen, der Toten ohne Zahl, unschuldiger Kinder,
Frauen unerfüllter Sehnsucht des Lebens, Männern verlorener Ehre,
Kämpfend um zweifelhaftes Gut, geopfert für Lügen,
Mädchen, denen die Puppe entglitt beim Gesang der Sirenen.
Deine Gliedmaßen fühlst du entschränkt, die Arme, die Beine
Erdwärts wachsen sie nun, bilden Wurzeln und Fasern, sie knospen,
Saugen die Tränen der Toten. Der Fruchtknoten ichlosen Kopfes
Hat sich zur Wurzelknolle verdickt dir, einzelne Zweige
Recken zaghaft sich schon in die rosige Luft dieses Dämmerns.
Das Schwere tragen – aber wohin?
– Ein Gefühl Liebe nennen, das verlegen macht …
– Vielleicht ist Verlegenheit ein Fenster, eine Luke …
– Es gibt die kurze Sicht der Dinge, von Durst getrübt, in der sind wir einzig Todgeweihte, sind verloren, verstrickt oder krank …
– Es gibt den Blick des Heiligen, der all dies erlitt und doch das Schwere in die Höhe reichen kann, weiterreichen, jenen hingehaltenen Händen zu, die es nicht wegnehmen, sondern segnen, segnen …
– Der Segen hebt die Schwere nicht auf, das Schwere bleibt spürbar, aber es ist kein Stein mehr, den du sinnlos mit dir herumschleppst, sondern wie Holzscheite, die du auf den Schultern trägst zu der Hütte, in der es friert …
– Die leicht Lebenden darfst du bewundern, aber nicht beneiden – ihnen ist das Glück der Ankunft, des Sich-Schenkens, des Opfers versagt …
– Was ist die ungeheure Last des Flugs gegen die Freude der Ankunft, wenn die Schwäne mit Geschrei zu den Brutstätten des Südens kehren, und der Zyklus vollendet sich wieder …
– Ja, wenn ein Lebendes deiner harrt, es dir entgegenschreitet! Wie die Schwangerschaft Bürde ist, und die lächelnden Augen des Säuglings beglücken …
– Wie wenn die Schwere der Nacht nicht vergeht, nicht in Schlaf, nicht in Traum, das sich in unlebbare Welten ausgähnende Bewusstsein sich auflöst, wie Sandkörnchen verweht wird oder zerstiebt, ein Rauch …
– Wie wenn die Schwere des Undeutbaren, Unlebbaren das erschrockene Herz langsam umschließt, erstickt wie schwarzer Kork der Stille, der Lautlosigkeit …
– Wie wenn die eiserne Rüstung des Himmels herabstürzt und die Hoffnung trog, die den Dichter im Fürsten des Festes von ferne geblendet – in einem Turm mit idyllischer Aussicht brockt er sein Gnadenbrot in die ärmliche Suppe …
– Wie wenn das Auge der Sterbenden glimmt, da sie die erloschene Zunge in das Wunder des lebendigen Brotes hoffend noch hinhält …
– Wie wenn …
Begriffsbojen
I
Tröpfcheninfektiös verbreitet sich herrschende Meinung.
Wahrheit, das Gegengift, niest dich leider nicht an.
II
Unglück sammelt sich leicht wie eingestochene Käfer.
Glück ist Koinzidenz, Hand, die in Hand sich erfühlt.
III
Klarheit, die Spur des Sinns, wie Sauerstoff ist sie fürs Wasser.
Wehrst du dem lieben Geschenk, Blumen das nährende Licht?
IV
Einfach gehen die Gesten, die Güte den Freunden bereithält.
Schlichtheit des edlen Sinns weist dem Verirrten den Weg.
V
Männlichkeit ist eine Frage der Hoden. Glaubst du?
Oder ist wer sich schenkt männlich, zum Opfer sich bringt?
VI
Opfergeist, belehrt die Geschichte, sei schändlich. Glaubst du?
Oder ist wer freiwillig dient, sanft und friedlichen Sinns?
VII
Größe gelingt nicht durch Fuchteln, wilde Glossolalien.
Schweigen liegt ihr am Grund, golden glänzt es im Mund.
VIII
Der entgegen sich wirft den Gott zum Opfer, zum Preise,
Edler liebt er die Welt, nackt ist wer ohne Bild.
IX
Heimlich wachsen die Früchte des Herzens, die nächtens erglühen.
Sorgfalt bindet den Strauch, Liebe erntet zuerst.
X
Heilig ist das Wort, das Prophetensinn überschneit hat.
Wie der heilige Berg glänzt fern der Gipfel des Werks.
XI
Macht ohne Geist ist roh, Ohnmacht erbärmlich.
Frei in der Mitte der Zeit schwebt ein heiliges Volk.
XII
Fühlen nur dämmert über die Ränder des Körpers, bleibt dunstig.
Fruchtende Furchen zieht Sprache und wer in ihr keimt.
XIII
Eigentum zieht die Grenze zur Wildnis, stiftet die Sorge.
Deinem Leib bist du wohl. Das gilt für Garten und Reich.
XIV
Arbeit am eigenen Sein erbaut sich zur Höhe der Freiheit.
Wer nicht arbeiten will, muss ein Sklave wohl sein.
XV
Fäulnisgeruch verströmt Kritik, gemüthafte Ödnis.
Wer nur Abneigung zeugt, zeugt kein eigenes Kind.
XVI
Abreißen darf nur, wer schöner zu bauen im Sinn hat.
Wer die Zweige knickt, raubt der Zukunft die Frucht.
XVII
Schwäne streichen, dem Abschied schon nahe, wolkenverloren,
Hoch über lärmender Stadt. Nicht mehr vernimmst du ihr Schrein.
Auf Jenseitspfaden
Wasserläufe, weiß und schwarz, grünliches Rinnen,
Bläulich. Geröll verschiebt sich, zerspleißt unter trockenen Blitzen.
Flüstern, Züngeln aus purpurnem Schlund gestachelten Lebens.
Aufgebuckelter Schild aus Horn, scharfkantige Greifer
Sandaufwühlender Gier. Antennen, glühende Punkte,
Tastend, äugend nach Klümpchen scharwenzelnden Fleisches.
Wackel-Gekrabbel tausender stochernder Füße und Füßchen,
Tausender Fühler, partikeldurchstöberte Lüfte erfühlend.
Flüstern, Knittern, Schrubben, als würden aus Ritzen der Wände
Rieseln vergipste, gepresste Träume gehässiger Wesen.
Umgestürzt auf die moosigen Panzer zittern sie weiter,
Girren und flirren nach Liebesverdauung, Verdopplung
In ein gespiegeltes Sein. Sie spannen auf tötende Küsse.
Schlafend schwanken an Leuchtkorallen die auswärts gestülpten
Leiber. Aus schluchzenden Drüsen tröpfelt milchige Lymphe.
Fernsinnenden Segens Fülle
„Milch und Honig“ – „Wasser des Lebens“
„Richter und Retter …“ – „Zeder und Narde“
„Wolke und Schrein“ – „Schatten und Flamme“
„… denn heilig …“
Den Sinn nicht ziehe ab
vom Klang des Fühlens.
Der alten Worte Silberstrom
dränge ruhig-leuchtend
über die Schalen deiner Lippen.
Worte alten Volks der Frühe,
das uns die Zeichen ließ,
die neue Ankunft meinen
vom stein-, vom seelen-
erweichenden Sohn.
Wir scheinen wohl mit dem Gefädel
von Sprüchen, Mienen, Gesten
unsrig die Welt zu spannen –
doch nicht aus sich,
von dem Gestirn der Ferne
glitzert manchmal unser Sein.
Wir tragen kaum den Sinn,
wie Steine das Gewölbe –
gehalten wird er ganz
vom Schlussstein in der Höhe.
So schwimmen, die entzückt
und voller Kontur ragen,
Figuren heiligen Bilds
im Meer göttlichen Golds.
Anders gesagt
Jede Hoffnung auf Heimat, auf Rückkehr verschluckte der Nebel,
Dünste ohne Gesicht, der weißen Schwaden entseelter
Atem erstickte das schüchterne Reden einsamer Lippen,
Einsamen Munds. Als hätten sie auf dich gepasst, überstreichen
Dir die Wange jähe Zweige. Die hilflosen Hände
Ritzen die Stacheln von Büschen, wandernder Jenseitsschatten,
Ruhlosen, die mit seufzenden Wurzeln das schlafende Erdreich
Lockern, durchwühlen. Ein Ödlicht, dein Herz, flackert über dem Moore.
Tropfen, dünne Fäden, jetzt hörst du sie springen und platzen,
Quasseln hörst du. Geräusch, das nichtssagend immerfort ausfüllt
Nichts erhoffendes Lauschen, Weilen ohne die Wahrheit.
Tropfen, Tropfen oder Vogelgeschrei, das plötzlich ersterbend
Schluchzend dich zu meinen scheint, dich zu rufen. Aber wohin denn?
Schon hört es auf. Und alles ist still, die Nebel entflohen.
Landschaft, leise von rötlichem Lichte tönend, sie zeigt sich
Wieder. Ein froher Wind schüttelt ermunternd die Hände
Bäumen und schattenblauem Gebüsch. Du aber bist es,
Atmend, singend, was ein dunkler Mund von ferne dir vorsang.
Ein Geheimdiplomat auf Abwegen
Ein Mäuse-Epopöechen
Muselrich, Geheimdiplomat in Hintermusien,
Diente dem Kanzler, dem Herrn mit der straffenden Gürtel-
Spange und immer nervös zitternden Härchen der Nase
Willig ergeben. Der Kanzler vertrat die universalen
Mäuserechte, allen voran das freie Wispergetümmel
Allgemeinen Maustums. Denn grenzenlos sollten sie mausen.
Und der alten Sitte von Herkunft und Eigenwüchsigkeit spotten,
All der eigentümlichen Zungen der Heimat vergessen.
Mausesperanto erlernen fürs Gerede ohne den Herzton,
Schöne Phrasen, die alle kapieren, doch keiner bestehn mag.
Muselrich, hochdekoriert mit dem Bauchgebinde aus Purpur,
Silberplättchenband um das heikel verschlungene Schwänzchen,
Alles für Mühen, Tränen und perlenden Schweiß in dem Kampfe
Wider den Ungeist der Zeit, die Verfemung, Verspottung
Wüstentümlichen Maustums, das nicht so artig zu fiepen
Wusste wie Mäusel und Mutz, sondern flirrend-girrenden Sound aus
Öden, Eilanden, Mausmetropolen des Südens und Ostens
Hintermusien eingebrockt hat. Muselrich wusste: Die Urmaus
Lebt und webt in uns allen, so hat sie der ewige Schöpfer
Eingeblasen mit mächtigem Fiep auf immer und ewig.
So galt Muselrichs ganze Kraft dem edlen Geschäfte,
Bild und Geist der Urmaus zu wahren, das Zerrbild zu tilgen.
Also geschahʼs, dass die Order erging, es habe im Amte,
Hurtig sich einzufinden im hohen Hause der Mäusel
Muselrich. Der kam im Barett und gescheuerten Stiefeln,
Schritt behend durch den hohen lichtdurchfluteten Saale
Zu dem feinen Herrn mit der Gürtelspange. Der lächelt
Hold ihn an, die Härchen der Nase zitterten mutvoll,
Und er reicht ihm, in duftiges Leder gebunden, versiegelt,
Auf dem Frontispiz prangt der Urmaus schimmerndes Abbild,
Einen Folioband, strotzend von Mäusegesetzen
Und Paränesen, flammend-verdammend, von Kanzlers
Eigener Handschrift. „Den giltʼs, mein Muselrich“, hub er
An mit fiepender Stimme, „unbeschadet über die Grenzen
Nach dem feindlichen Mausetanien zu bringen, zu tragen
Vor den krustierten Federthron der schamlosen Mäusin,
Feindin des freien Mäusetums, Tyrannin und Götzin
Sklavischer Sitten und üppig verschwendeten Reichtums,
Gütern, die schrundige Pfoten und sehnige Glieder der Armen
Für das Kitzelgelüst und den Sinnenrausch der Verderbten
Schmählich geschuftet. Meuchelmuse muss von nun an
Lassen die Höhnung und die Verletzung der universalen
Mäuserechte. Lassen muss die Tyrannin von der Versklavung
Eigenen Volks, Verprassen von Gütern der Mäuseproleten.
Nimmt die Herzlose, gerechten Maustums Entwöhnte, nicht Wille,
Nicht Verstand in die öligen Pfötchen, siegelt mit eigenen Pfoten
Diesen Band mit den heiligen Rechten der Urmaus nicht willig,
Musst, lieber Muselrich, mit harten Sanktionen du drohen:
Wir sind in Waffen, gilt es die Würde und Freiheit des Maustums!“
Muselrich strebte geschwollener Brust zum Ausgang des Saales,
Seiner hohen Mission Würde und kitzlige Botschaft
Mäuselmam und den lieben Kleinen zu Hause zu künden.
Das gab ein Schwänzeln und Tänzeln, ein freudiges Nas-an-Näschen-
Reiben, ein Schulterklopfen und ach ein schmerzliches Scheiden.
Muselrich blickt noch einmal zurück: Betränt sind die Äuglein
Der geliebten Mäusin, die Kleinen verhuscht unter der Schürze
Mamas, und von innen die verlöschenden Kerzen des Abschieds
Leuchten überm bescheidenen Glanze biederen Maustums.
Glühend, wahnsprühend rollt die Sonne über die Wüste
Mausetaniens. Schlangen, gelb-rötlich gestreift, und schuppige
Echsen schlüpfen und huschen im Sand. Gespaltene Zungen
lecken an brandigem Blattwerk, brüchige Hufe, gespreizte
Krallen durchritzen gierig die rissige Kruste nach Wasser.
Lebens wollüstige Bilder halluzinieren an jedem
Horizont, an jeder Grenze und Schwelle die Wesen
Mausetanischen Lands. So lebt das uralte Maustum
Stolz, hoffärtig, berauscht am Ruhme siegreicher Ahnen
Und dem Glanz, dem Purpurdunst des mausischen Hofstaats,
In den dunklen Gängen, erhaben gewölbten Hallen
Unter dem brennenden Sand. Hier siehst du ein Wunder der Künste
Ragend zum künstlich besternten Rund, aus mauszarten Knochen
Zierlich gefügt, von fächelnden Federn umhüllt, den ererbten
Heiligen Thron der hymnisch gerufenen Götzin
Meuchelmuse. Von ihrem Hofstaat geleitet, nimmt sie
Huldvoll Platz, sie reckt das glückliche Pfötchen ins Leuchten
Tausender Fackeln, es leuchtet der Ring mit dem köstlichen Mondstein.
Den zu küssen mit bravem Knicks und spitzigen Lippen
Kommt nun Mäusin und Maus, aufsingen des staatlichen Chores
Weltberühmte Stimmen und vielbeklatscht die Eunuchen,
Mäusekastraten, den Feinden Hintermusiens als Knaben
Meuchlings geraubt und am Hofe geweiht dem höheren Zwecke,
Fein und rein, verwegen schwellend den Ruhm zu singen
Meuchelmuses, der Herrin. Auf Hälmchen, hohlen Vogel-
Knöchelchen, Muschelhörnchen zupfen und geigen und blasen
Mausetaniens musische Mäusesöhne und -töchter.
Nun steigen duftig-zuckrige Töne auf, erglänzen
Perlenbesetzte Schühchen, das Ballett der schimmerndsten Schönen
Wallt über die blütenbesamten Decken des blauenden Saales.
Keck die Hofzwergenmäuse springen jodelnd dazwischen.
Nun wird perlendes Nass aus Bechern grünen Kristalles,
Wird in geschnitzten Schalen der Nuss der Tau von den Blumen,
Violenpollen, der Orchideen Säfte kredenzt. Dazu reicht man
Beeren, Nachtigalleneier, Samenkörner der Hirse und Gerste.
Mehr und mehr steigt der Kastraten Singsang, des Chores Gesummse,
Steigen die Säfte, die lieblichen Mächte zu Herzen, zu Köpfchen
Meuchelmuse und allen festlich Gestimmten. Da zeigt sich die Herrin
Weichen Sinns und benetzter Wange beim Seufzen des Liedes,
Das ihr kniend Rotmaus, der armenische Sänger entbietet.
Wohlig reckt sie die Füßchen, die mit Troddeln lockenden Beinchen,
Reibt das rosige Pöchen auf dem rosenblättrigen Pfühle.
Blitzender Finger schnippt, und leise senkt sich der Vorhang,
Wie die samten enthauchende Nacht, wenn die Irisblume des Himmels
Letzte Strahlen gegönnt und dem Mondlicht ergeben sich hinbeugt.
Hierhinein, in den Abgrund entbundener Sinne und unkeuschen Schnalzens,
Musste Muselrich es verschlagen, den biederen Mäusel.
Doch geröteter Wange waltet er streng seines Amtes,
Lässt den voluminösen Band der gerechten Sprüche
Mäuserechtlicher Wahrheit rollen auf einem Wagen
In den Feenpalast der mausetanischen Herrschaft.
Wie die Feenmäuschen glotzen, es versagen stimmlich
Rotmaus und Kastraten, Chor und Orchester verstummen.
Schrilles Fiepen hinter wollustwogendem Vorhang bricht ab jetzt:
Durch einen Schlitz aufblitzen der stolzen Königin Äuglein,
Und die Herrin zeigt sich gelassen, entbietet gar höflich
Grüße und Küsse der Hand. Das Preisen des weisen Geschenkes,
Sinnreich vorgetragen vom Gast, unterbricht sie ironisch,
Schnippisch das Pfötchen flaggend. Balsam der Stille dem Gast sei,
Ausgedörrt von Wüstenpfaden und diplomatischem Hochsinn,
Angediehen. Geleitet wird zagen Mutes die biedere Graumaus
Zu den hintern Gemächern, verkleidet mit Schuppen der Echse,
Mit den Flammenhäuten der Schlange bedeckt. Dort soll er
Müßig harren der kommenden Dinge und derweil sich gütlich
Tun an den Düften, Salben und Diensten gehobenen Luxus.
Und so kommtʼs, wie es kommen musste: Die rosige Zofe
Muselmohn nimmt seiner sich an, sie knöpft ihm den lästigen
Diplomatenlatz auf und streckt die plustrigen Daunen
Ihm unter dankbaren Rücken. Wie sie sich beugt über die Stirne
Ganz hingekuschelten Mäusrichs und er gewahrt die rosige Ründe
Sich entzünden in tiefem Dekolleté der leise summenden Zofe,
Da beginnen die Mausheitsträume zu blassen, die Sprüche,
All die geharnischten edlen Formeln, sie kringeln sich plötzlich
Anmutvoll wie das ihn umschlängelnde Schwänzchen der schönen
Dienerin. Strenge Weisheit will feiern. Was Sklaven! Was Hofstaat!
Hier doch rauschen die Feste, die Herzen schwimmen in süßen
Illusionen, Musik ist der Tugenden höchste und schönste.
So vergaß unter den duftenden Pfötchen der Liebe, bei sinnen-
Frohen Festen in illuminierter Grotte der Mausrich
Seines Auftrags, des hohen Amtes, der universalen Geltung
Mäuslicher Rechte und Pflichten. Der Heimat vergaß er,
Neuen Sehnens Düfte ließen ihm Gattin und Kinder
Fern entrücken. Als Mundschenk der Königin lebte dahin er,
Hymnen verfasst er der Herrschaft des Schönen, des lieblichen Rausches.
Mäusemär
Mäusepaps ist spät erwacht –
hat wieder Biers genossen.
Mäusemam kat Kuchen bracht,
mit Zucker übergossen.
Die Kleinen krabbeln in sein Bett
und zupfen seine Härchen:
„Papachen, bitte sei so nett,
erzähl noch mal das Märchen!“
„Es war einmal ein wilder Katz,
der pirscht im finstern Walde.
Er ist so wild, er ist voll Hatz,
sein Auge glüht im Walde.
Sein Auge glüht im Wald so sehr,
es tut die Mäusel bannen.
ʼs Mäusel hat kein Kraft nicht mehr,
magʼs Pfötchen nicht mehr spannen.
Da packt der Katz die Zittermaus
grad hinten in dem Nacken.
Schlepptʼs für die Katzerln heim nach Haus,
die dürfenʼs picken und packen.
Oder der Böse wirftʼs tot ins Grab,
allwo der Götz tät thronen.
Wo manche Maus dem Götzen starb,
möcht keine Maus verschonen.
Dem großen Götz aus Lehm und Bein
wohl einmal wundersam
die weiße Maus Schneepfötilein
mit großem Raub entkam.
Hellichten Tags lief ʼs Schneepfötlein
vor die Nasʼ der Katzen
zum unheiligen Götzenhain,
die Katzen machten Fratzen.
Des Felles Schnee, der Schnee gar rein,
hat sie so narr geblendet,
da hatʼs dem Götz ʼnen Glimmaugstein
frechlings außerwendet.
Und schaut, ihr Lieben, was ich hier hab!“
Ein Vorhang tät sich lösen:
Da funkelt, den der Ahn ihm gab,
der Augenstein des Bösen.
Allwo sie hausen und mausen
Kommt das Mäusel gelaufen,
sein voller Ranzen hüpft.
Du hörst es pfeifen und schnaufen,
ein Pfötlein das Kleidchen lüpft.
Das Mäusel tät gut schwitzen –
doch mütterlich schwillt das Herz,
siehtʼs aus dem Löchlein blitzen
die Äugelchen himmelwärts.
Das kribbelt und hibbelt, will lecken,
naschen und küssen zugleich.
Das Mäusel tät alle benecken
mit Nasenstüberchen weich.
„Wollt Mäusepaps ihr nicht holen?“
Die Kleinen recken sich brav.
„Papachen hat sich aufs Sofa gestohlen
für seinen Schönheitsschlaf!“
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