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Mai 11 20

Sei mein Wort die Laube

Sei mein Wort die Laube,
deinen Schmerz zu hüllen,
sei mein Lied die Taube,
sanften Gurrens Quillen.

Magst es tropfen hören,
auf das Blattwerk regnen,
soll dein Herz betören,
Traum mit Nachtglanz segnen.

Sei mein Lied die Schale,
deiner Blüte Neige,
schimmernd um die fahle,
bis ihr Duft entsteige.

 

Mai 11 20

Flocken an den Fensterscheiben

Flocken an den Fensterscheiben.
Sind es Blüten, ist es Schnee?
Lange werden sie nicht bleiben,
bleiben wird das Weh.

Mondes weiße Knospen blühen.
Ist es Winter, ist es März?
Bald schon werden sie verglühen,
bleiben wird der Schmerz.

Rosen, die am Traumgrat hangen.
Singt ein Vogel, rauscht ein Born?
Morgen sind sie schon vergangen,
bleiben wird der Dorn.

 

Mai 11 20

Schimmer einer schlichten Vase

Schon der Apfel dort im Grase
macht uns heiter, uns beglücken
Schimmer einer schlichten Vase,
will sie dir ans Fenster rücken.

Wollen nicht im Dunkel tasten
Unform, rauher Dinge Häute,
und es schweben bange Lasten,
blaut die Ferne von Geläute.

Schluchzen mondzerfurchte Wellen
auf von Abschiedsschmerzen,
soll noch lang die Nacht erhellen
uns ein Duft von Honigkerzen.

An den Tränen, die mir rinnen,
hat ein Traum dich mir entrissen,
sieh den weichen Glanz der Minnen,
Tau am Lide von Narzissen.

 

Mai 10 20

Badest du in Abendlüften

Badest du in Abendlüften,
malvenrosa sind betupft
deine Wangen, deine Hüften,
Haar, das Mondes Finger zupft.

Gießt den Milchglanz deiner Beine
du ins Gras, das willig sinkt,
trunken wie von goldnem Weine,
Herz, das deinen Atem trinkt.

Will in Tränen mild zerfließen
deiner Lider weicher Schnee,
weißer Knospe scheues Schließen,
Blume du auf stillem See.

 

Mai 10 20

Intime Blicke

Dem Andenken an Pierre Bonnard

Abendmilder Tau des Lichts,
der auf deinen Brüsten glimmt,
weint dahin sein süßes Nichts,
und dein Schmerz verschwimmt.

Rinnt dir weicher Locken Gold
in den Nacken, spürest warm,
meine Blicke sind dir hold,
Feuchte haucht dein Blumen-Charme.

Lende, leichter Wellen Spiel,
biegt sich unter bunten Rauch,
und sich wiegen hat kein Ziel,
löst vom Mund sich Seufzer-Hauch.

Taucht ins Gras der nasse Fuß,
Rosen, Veilchen schauen auf,
gurrt die Taube ihren Gruß,
Wolke hemmt den blauen Lauf.

 

Mai 10 20

Fülle der Zeit

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dummheit und Schamlosigkeit reichen sich die Hand und verkünden im grellen Scheinwerferlicht coram publico, alle könnten alles sagen.

Wer sogleich auf des Menschen Rechte pocht, will verführen und betrügen.

Was nicht in die harte Goldmünze von Verbindlichkeit und Verpflichtung gewechselt werden kann, erweist sich damit als Falschgeld der Anmaßung und Talmiglitter eitler Ansprüche.

Triefauge zeugt mit Lall-Maul einen Bastard namens „Hab es längst gesehen, längst gesagt“.

Die höchste Kunst besteht nicht darin, alles zu sagen, sondern das Wesentliche fühlbar zu machen durch Verschweigen.

Gewisse Aureolen sind unsichtbar vor zu grellem Licht.

Sie schimmern vage nur in einem sanften Dämmerschein, den ein vulgäres Auge scheut.

Gedichte, Knospen weißer Rosen, die geisterhaft auf dunklem Wasser scheinen, in das sie wie vergehend ihre Fülle neigen.

Die Toren glauben, von Dünkel geschwollen, an Entwicklung, als könnte es noch werden; doch Vollendung steht am Ursprung.

Alkaios schenkte der Welt den schön gewundenen Kranz seiner makellosen Odenstrophe, Jahrtausende reichten ihn weiter, über Horaz bis zu Klopstock und Hölderlin.

Die charismatisch-autoritäre Herrschaft der aristoi, die sich mittels genealogisch-physiognomischer Auslese und platonischer Examinierungen selbst in ihre Räte und Logen kooptieren, ist die dem zuchtlosen Wesen der Plebs angemessenste Staatsform.

Was ist der selbstgefällig seine stromlinienförmig frisierten Phrasen und mit arroganter Selbstanklage gewürzten Sottisen herunterleiernde republikanische Staatsbeamte ohne Stil und Kultur gegen den musisch gebildeten Mandarin des chinesischen Kaiserreichs, der mit den Höflingen, ja dem Kaiser selbst, in köstlich nach Pflaumenblüten und Erdbeeren duftenden Versen um ein kleines Lächeln der Kaiserin wetteiferte?

Wie gut ist die monadische Existenz, auf daß wir vom widrigen Hauch des Fremden nur gestreift werden.

„Es steht ja nicht da!“, ruft der Begriffsstutzige aus. – „Es ist eine Ellipse!“, macht ihm der Kundige klar.

Er schreckte vor der Hand dessen, von dem es hieß, er habe alle Fesseln abgeworfen und sich selbst verwirklicht, wie vor der eines Leprösen zurück.

Die Neugier und Sensationslust erwarten sich das Funkeln eines geschliffenen Steins, doch hält der Dichter nur einen matten Kiesel hin, eine bleiche Muschel.

Das große Wort ist schlicht, das Zischen der tausend Zungen nur monströs.

Nach einem feuchten Händedruck wollen wir uns waschen; von dem Speichel aber, den sie über die Texte der Klassiker rinnen lassen, Schauspieler nennen sie sich, soll sich der Hörer gesalbt fühlen.

Reine, klare Höhenluft, sie macht den Geist luzide, so leuchtet unterm kalten Mond der Enzian.

Lautlos fährt der Komet ins Dickicht der Nacht, unfaßlich wie der Zauber dichterischen Worts, ein Aufglanz, und das Dunkel wieder.

Der Geist der Syntax ist der Genius des Gedichts. – So erhält die chinesische Lyrik ihr Schwebendes, Ungefähres, Unwirkliches. – So das schwer wie von Kapitellen herabhängende Laub goldener Bilder der Hymnus über der hohen Säule des indogermanischen Periodenbaus.

Das große Gedicht dient der Katharsis, nicht dem Ausdruck eigenen Empfindens.

Alles, was sie noch von dem letzten Dicht-Meister deutscher Zunge, Stefan George, wissen: Er habe was mit Knaben gehabt. Doch daß ihm galt, was Diotima im platonischen Symposium über die Stufen der Sublimierung des Eros kundtut, ob nun in Hinsicht auf Männlein oder Weiblein, das nicht, das gerade nicht.

Die Seele sieht ein fernes Licht, der Mund spricht wie von selbst.

Die kleine Schar, die sich abgesondert hat, der neuen Kunde harrend; und bleibt sie aus, lebten würdiger sie als der Rest.

Die Unterscheidung der Geister, der Instinkt der Lese? Pace Lessing, doch der Säer prüft das Korn, dem Winzer schwillt die reife Traube in die Hand.

Man kann nicht causaliter oder durch Trial and Error einen Tisch entwerfen und bauen; wir wissen, daß er wacklig auf drei Beinen, sicher auf vieren steht.

Gott kann die Knospe nicht durch Aneinanderreihen von Blütenblättern bilden.

Der richtige Gedanke der schlüssigen Folgerung ist da oder ist es nicht.

Du kannst entdecken, daß dies freundliche Lächeln nur Fassade war; doch nicht, daß dies Musikstück genau und ganz wie eine Fuge klingt, in Wahrheit aber keine ist.

Wir können den Kreis nicht durch eine noch so große Anzahl von Tangenten konstruieren.

Wenn wir die Idee des Mittelpunkts, des Zentrums, des Ursprungs haben, dann auch die des Kreises, der Peripherie, des Abgeleiteten.

Das Gedicht, ein Widerhall, wie des Waldhorns fern vergehendes Echo.

Der Mißwuchs und die Ungestalt geben uns eine Skizze des schönen Leibes und des wohlproportionierten Gebildes.

Die Schöpfung kann nicht gänzlich verfehlt sind, wenn sie einen Mozart hervorgebracht hat.

Man kann keine noch so primitive Flöte, und sie ist wohl das erste Musikinstrument aus Menschenhand, bilden, wenn man willkürlich Löcher in ein Schilfrohr bohrt; dazwischen muß ein Abstand sein, der eine Harmonie zumindest ahnen läßt.

Dichtung des Frühlichts und der Dämmerung, der reinen Töne transparenter Atmosphäre und der Zwischentöne von Wassern, die durch Laubes Schatten rinnen.

Hat, wie George mutmaßte, Antoine Watteau das Rokoko erfunden oder trat das schwermütige Lächeln des Pierrot gleich dem sich im Teich selbstverliebt spiegelnden Mond wie von Zauberhand aus dem kunstvoll bemalten und arrangierten Bühnendekor des Zeitgeschmacks?

Gewiß, kein George ohne den Glanz der Trauben im rheinischen Wingert, das dunkle Flüstern der Sage im Uferschilf, die melancholische Knospe des Mondes zwischen dämmernden Hügeln.

Doch auch nicht ohne die passionierte Katharsis der Dichtersprache der Romantik und Klassik und ihre zuchtvolle Beschneidung von allzu üppig überhängenden und schon gilbenden Ranken.

Die aus elektronischen Kästen springen, mit Plastikzungen Weltsprache quietschen, ohne etwas zu verkünden, was wie reife Frucht im heimischen Garten vom Baum der Erkenntnis fiele.

Kairos, wenn der süße Glanz der Frucht durch dämmernde Zweige tropft – Fülle der Zeit.

 

Mai 9 20

Träumen im Gras

Weißer Rosen weiche Fülle,
Dämmer mohnumglost
und der Abendwind haucht Trost,
Tropfen auf den Schoß der Stille.

Streue auf der Gräser Wellen
loser Locken goldnes Licht,
Knospen, die von Wehmut schwellen,
öffnen sich wie dein Gesicht.

Magst du schlafen, wenn ein Wasser
unter schwanken Schilfen geht,
und die Träume werden blasser,
Anemone schneeverweht.

Kommt ein Schimmer, Mondes Necken,
der im Teich gebadet hat,
soll die Lider sanft bedecken
Blumenodem, Schattenblatt.

 

Mai 9 20

Auf den Wassern Rauch

Silberpappeln ragen,
auf den Wassern Rauch,
und was wir uns sagen,
ist ein Rätsel auch.

Traumes Laub entsunken
Nachtigallenruf,
nachtgeweihter Funken,
was die Welten schuf.

Und wie Waldhorns fernes
Echo, Liedes Tau,
tropfen unsres Sternes
Küsse in das Blau.

Mondes weißer Flügel
streift den stillen See,
auf des Herzens Hügel
häuft das Schweigen Schnee.

Wie im Flaum von Schwänen
ruhen wir im Tal,
o ihr Veilchentränen,
weint auf unsre Qual.

 

Mai 8 20

Kind im Abendschein

Schimmer hat die Wange,
ist dir nicht mehr bange,
Kind im Abendschein.

Und an Schattengittern
rührt sich weiches Zittern,
rankt an ihnen Wein.

Auf des Traumes Auen
magst du Gräser schauen,
die mein Singen wiegt.

Rieselt Gold im Laube,
warʼs die Turteltaube,
die vom Zweige fliegt.

Ängstet dich ein Wasser,
und sein Blau wird blasser,
wenn der Mond es trinkt,

birgt dich vor dem Strahle
meiner Hände Schale
und das Irrlicht sinkt.

Gehen Tropfen nieder,
tun sich auf die Lider,
und dein Auge blaut.

Will ins Haus dich heben,
sanften Duftes Leben,
Veilchen, traumbetaut.

 

Mai 8 20

Abschied mag nicht schrecken

Abschied mag nicht schrecken,
fahler Lüfte Flaum,
steig er, greifbar kaum,
aus den Dämmer-Hecken.

Flechten, leicht zu winden,
schöner Zöpfe Band,
das ins Leere schwand,
soll er weich uns finden.

Wollen wir nicht lallen
nach der Erde Schoß,
wenn wir Hauche bloß
in die Bläue fallen.

Zart sei unser Sinnen,
Duft von Sommergras,
Tropfen wie auf Glas,
die ins Dunkel rinnen.

 

Mai 7 20

Der Kranz des Lieds

Wie Mondes Milch auf Schwellen schäumt,
ins Freie rufen Wind und Wetter,
hat weißer Blüten Licht umsäumt
zum Kranz sich windend Liedes Blätter.

Ihn hat des schönen Opfers Hand
sacht auf den Strom der Nacht gehoben,
er trägt ihn in ein fernes Land,
wo Lieder lächelnd Anmut loben.

Wenn wehem Blick die Feuchte glänzt,
hat goldnen Laubes Niederrauschen,
ein Widerhall das Wort ergänzt,
wie Ringe, die sich Freunde tauschen.

 

Mai 7 20

Stern auf unserm Blut

O die blauen Abendstunden,
und wir Hand in Hand,
was uns schien wie Liebeswunden,
war der Rosen Brand.

Und wir traten auf die Schwellen
nächtlich-grüner Flut,
fühlten süßen Lichtes Quellen,
Stern auf unserm Blut.

War wie weißer Knospe Neigen,
Wassers weicher Mund,
deiner Liebe großes Schweigen,
und das All war rund.

Sahen wir im Mondlicht fahlen
Lilien stolz und rein,
und wir hoben sie auf Schalen,
laß uns glücklich sein.

 

Mai 6 20

Nimmer will der Schmerz vergehen

O der Locken helles Wehen,
ging ein Wind so lau,
Auge, irisblau,
nimmer will der Schmerz vergehen.

Waren Gräser, leises Hauchen,
und sie tropften hin,
Schwäne, träumerisches Tauchen,
Leid von Anbeginn.

Schimmer über grünen Teichen,
Blumenodem Schnee,
daß die Nacht vergeh,
nimmer will das Unglück weichen.

Bleichem Herzen ist zum Weinen,
weil es schon vermißt,
was die weichen Lippen meinen,
Mohnes Dunkel ungeküßt.

O auf schwarzen Wassern treiben
Knospen, und ein Strahl
löst des Schwellens Qual,
unser Schmerz wird lange bleiben.

 

Mai 6 20

Wer weiß noch, wie er hieß?

Er hauste unter Tannen
in schiefer Balken Haus,
schwarzblaue Schimmer spannen
sich durch die Haare kraus.

Wo ist er hergekommen?
Geritztes Zeichen wies
von seiner Tür die Frommen.
Wer weiß noch, wie er hieß?

Und abends sah man Schatten,
die huschten übers Glas,
es überkam Ermatten,
wer seine Beeren aß.

In Nächten drangen Laute
so zauberisch ans Ohr,
ein Raunen, das sich staute
und sich im Wald verlor.

Ein Kind, das einst es hörte,
war ihm verfallen bald,
das Blut, das süß betörte,
so jählings aufgewallt.

Wer möchte ihn wohl küssen,
sein Mund ein wunder Schlitz,
wer würde ihn vermissen,
sein Blick ein blauer Blitz.

Doch grub sich in die Blüte
der Stachel seines Sangs,
und als sein Summen glühte,
erlosch sie dunklen Drangs.

Da er sie schuldhaft bannte,
sie ihm die Unschuld ließ,
wohl auch die Kate brannte …
Wer weiß noch, wie er hieß?

 

Mai 5 20

Ode auf den Engel

Wenn uns im Zwielicht fahlenden Traumes Bild
entgegenstarrt, verwelktes Gerank, Geäst,
wo flügelmatt, verstummt wie Ahnen-
geister, verkniffenen Lides grübelt

im grauen Federkleide der Eulen Schar,
wenn uns das Leben wie eine Murmel dünkt,
ein Kind vergaß sie, in der Kuhle
liegt sie so lange, bis Gras sie zudeckt,

kann nur ein Sturm uns rütteln am Wahngeflecht,
Gefühl, das klamme, tauen nur Flammenhauch,
bis Ranken Anmut weicher schauern,
zwitschernd der Tag uns die Türe öffnet.

Es leuchtet aber lauterem Geist der Stern
in hoher Nacht, den Schleier der Trübsal hob
empor ihm sacht der Gnaden-Engel,
salbend das Aug mit dem Lebenswasser.

 

Mai 5 20

Ode auf die Jahreszeiten

Des Frühlings dunklen Wehlaut aus weichen Mohns
Geblüt, was dunkler rauschen in Riedes Schilf
die bittern Fluten, übertönen
himmlischer klagend die Nachtigallen.

Der Sommer hüllt sein Antlitz in goldnen Rauch,
an harten Halmen seufzen sich Winde müd,
die Teiche färbt der Knospen Aufblick,
sind sie vom Regen erfrischt und duften.

Der Herbst geht nackt durch bebende Zweige, gibt
die reife Süße schwellender Früchte preis
den Südlandpilgern, Trauben aber
dankbaren Herzen zum Wein des Gesangs.

Der Winter hat uns anderen Trost, er füllt
der Kargheit leerem Fühlen die Zeilen auf
mit leichtem Schnee und köstlich wölbt er
schlaflosem Schluchzen die weichen Polster.

 

Mai 4 20

Im Farn der Nacht

So seufzt um mich, ihr Ranken der Schattenwelt,
und was vom Niemandsflusse mir Lichter matt
aufs Antlitz haucht, sind weiße Knospen,
Schwestern des Schnees, die im Mondlicht wogen.

Ich atme weich, gedenkender hier die Luft,
die mir im Efeu Stimmen der Toten weckt,
als netze Tau die trocknen Lippen,
Klage von Greisen, von Kindern Lispeln.

Wie unter Toten lebender mir das Wort
erblüht, da ichʼs in Schalen voll Dunkelheit,
das blaue Herz der Anemone,
auf den bemoosten Gedenkstein berge.

Und manchmal öffnen gnädige Hände mir
den Farn der Nacht, des Zwielichtes Dickicht,
und ich erblicke auf goldnen Auen
Selige schreiten in Sapphos Reigen.

 

Mai 4 20

Ode auf einen Garten am Rhein

Schwer hing an Ginsterlippen des Schlummers Tau,
durch Nebelschleier leuchteten Lilien scheu,
ein Perlen stieg, ein Seufzen aus den
nächtigen Wassern, der Mund der Nymphe.

Ich war im Schieferberge, noch einmal mir
der Jugend traubenglänzendes Wehgefühl,
mir einmal noch das Blau zu schenken,
das zwischen purpurnen Ranken dunkelt.

Im Grase lag ich alt und der Mond hing
die blanke Sichel über mein Haupt, da kam
ein Mädchen, blasses Kind, und reichte
schüchtern, doch lächelnd mir einen Apfel.

So stieg erquickt von lieblicher Geste ich
die steile Treppe aufwärts zum Eichenhain,
im Tal der Sänge Vater strömen zu
sehen, der sehnend wie sie ins Meer will.

Nicht kehre ich ins duftige Frühlicht heim,
die Teiche sind längst trockengelegt, Asphalt
hat jenes Gartenreich erstickt, wo
Nymphen geseufzt, hört man Damen stöckeln.

 

Mai 3 20

Weiches Wehen

Weiches Wehen,
Ranke Traum,
weiße Schlehen
duften kaum.

Ginster sprühen
helle Nacht,
Wolken blühen,
Wasser lacht.

Glanz auf Lauben,
Windes Blatt,
Ringeltauben
gurren matt.

Mondne Flocken,
lilienbang,
Wehmutglocken,
blauer Klang.

 

Mai 2 20

Geht ein Tasten taub

Abends Pfade blind,
keines Lebens Spur
auf verschneiter Flur.
Wind, nur grauer Wind.

Atems Rätselbild,
Opferrauch, der quillt.

Geht ein Tasten taub,
wo im braunen Moor
Klage-Tau gefror,
irrt durch Schattenlaub.

Mondes Hostie bleich
sinkt ins Totenreich.

Und am Ufersaum,
wo die Welle nagt,
Qual von Sonnen ragt
kahl ein Weidenbaum.

Ist nicht wer, der spricht?
Dürrer Zweig, der bricht.

 

Mai 2 20

Lied so süß und bang

Was vom Abendlicht gekündet,
rinnend Ginstertau,
ist in fahle Nacht gemündet –
Wort wie Traumfarn grau.

Was Verliese ausgegoren,
goldnen Lichtes Wein,
hat uns Sommers Lust beschworen –
Lied so süß und rein.

Falter hat den Staub begattet,
Knospe wehmutschwer,
ist vom eitlen Flug ermattet –
Wort wie Schote leer.

Was wie Flaum des Mondes flockte,
Nachtigallensang,
und ein Lächeln dir entlockte –
Lied so süß und bang.

 

Mai 1 20

Hinter vorgehaltener Hand

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sie sagen: Erst Kopernikus, dann Darwin, dann Freud – so wurdet ihr aus der angestammten Heimat und geistigen Idylle vertrieben, solche Kröten galt es zu schlucken.

Doch wenn sich die Enge, aus der man mich verschleppt hat, als eingebildetes Gefängnis erwies, warum sollte ich mich unbehaglich fühlen?

Auch wenn ich die gemeinsame Herkunft nicht leugne: Die Sprache der Tiere verstehe ich nicht und vice versa; nur Orpheus oder der Heilige Franz kannten die Masche oder hatten die Gnade.

Und macht es einen spirituellen, ästhetischen oder moralischen Unterschied, ob sich die Sonne um mich oder ich mich um die Sonne bewege?

Ob nun ein Tropfen im Krug oder ein Tröpfchen im Meer, ein Sandkorn in der Hand oder in der Wüste, eine Stimme im tragischen Chor oder ein kleines O und Ach im Stimmengewoge der Jahrtausende …

Sie mimen Bescheidenheit und sagen: Wenn wir die große Wahrheit nicht erreichen, nähern wir uns doch dem Lichtstreif am Horizont immer weiter an. Toren! Der Horizont wandert stetig mit, und wäre die Linie, der sie sich approximativ zu nähern wähnen, das Wahre, müßten sie es als solches schon erkannt und die Linie längst berührt haben.

Wäre die Semantik Homers grundlegend von unserer verschieden, warum ihn übersetzen, nein, wie ihn übersetzen, nein, wieso ihn lesen?

Etwas, was sich ganz außer Proportion mit uns befindet, wie die Unzahl der Galaxien oder der physikalische Anfang der Welt, bildet zu unserem Lebenskreis keine Tangente.

Wie, vor einem Monstrum niederknien und ihm Opfer bringen?

Bei aller Ferne des Höchsten bedarf es einer inneren Nähe, um es anzurufen. – Deus caro.

Im Schlaf können wir den Traum nicht interpretieren.

Wir können nur interpretieren, was in unserer oder einer der unseren verwandten Sprache zu uns spricht.

Wer die Bedeutung von Wasser mit der von Feuer vertauscht hätte, würde dennoch stutzen, wenn wir ihn auffordern, sich am kalten Quell zu wärmen oder die Zigarre am Wasserhahn zu entzünden.

Vom Inkommensurablen können wir nichts wissen.

Die Wendung von den bitteren Brunnen (Clemens Brentano) erhält den Stempel „Unikat“ im Vergleich mit all den Brunnen, deren süßes Wasser wir trinken.

Nicht die Farben der Fäden bezeugen den dichterischen Ursprung, sondern die rhythmischen Muster und mythischen Bilder, zu denen sie verschlungen und verwoben worden sind.

Nur geläuterte Töne bilden tragende Harmonien.

Krumme Halme tragen nicht den Himmel des Gedichts.

Die Katharsis des Feuers, der Entschlackung, der Passion und Auferstehung.

Wo sich der Fluß des Lieds nicht am Fels des Leidens staut, kann sich kein Stern im stillen Teiche spiegeln.

Der Historismus in der Altertumskunde, klassischen Philologie und Geschichtswissenschaft, der den Wert des Werks in den Augen der Gegenwart unbefragt ließ, war das Vorspiel zur Endzeit-Komödie greller, grotesker, hohler Masken.

Die kein Alter Ego mehr sehen in Dido, Ophelia, Gretchen, sondern Opfer, in deren Blut und Tränen sie genüßlich plätschern.

Die Eudämonisten, die Demokraten, die Vulgären.

Die Glück mit Selbstbefriedigung verwechseln.

Der Leviticus, das Gesetz der Spartaner, die Ordnung des Heiligen Römischen Reiches, sie ragen wie Eichen über die Kohlköpfe demokratischer Verfassungen.

Welche geistige Leere und seelische Kälte umgibt jene, die dem Ideal der Selbstverwirklichung frönen.

Wahre Freiheit liegt nur im geistvollen Entschluß, einer höheren Ordnung zu dienen.

Der Mönch ist frei, nicht der Rebell.

Gedichte – Ordnungsentwürfe in Rhythmen, Gesten, Nuancen des Gefühls – Spiel im Hauch des Abends wehender, sich überschattender, wieder aufleuchtender Ranken, sich umschlingender, lösender, sich freudiger findender Muster.

Die erhabene Strenge – und gelöste Heiterkeit im heiligen Spiel des Rituals.

Künstler als Bekenntnisstümpfe – sie nötigen einen, sie zu tragen, empor, ins Scheinwerferlicht zu heben.

Alle wollen mit allen auf Augenhöhe reden, eins das andere im trüben Lichte gleichen Ranges sehen – sie fürchten den bedrohlichen, den enigmatischen Schatten von oben.

„Kenn ich schon. Hab ich schon. War ich schon.“ – Dumpfe Sklaven des Massengeschmacks.

Die Venezianer, um sie als pars pro toto zu nehmen, sind Verräter an ihrer großen Vergangenheit, sonst würden sie ihre Hotels und Häfen schließen und nicht bei all den touristischen Kretins schmarotzen, die zu Millionen an ihren großen Kunstwerken vorübertrampeln.

Von Hölderlin kennen die Zeitgeistigen nur ein grelles Klischeebildchen für das Kitschalbum eines sich an Greueln und Schweinereien gütlich tuenden Bürgertums und intellektuellen Mobs – die böse, pietistisch engstirnige Mutter, die ihn ins Pfarramt pressen wollte, den pubertären Reigen hohläugig-verwegener, als Sansculotten maskierter Stiftszöglinge um den Freiheitsbaum, das arme Weibchen Susette Gontard, das unter der Knute des Geldsacks von Ehemann stand und durch repressive Sexualmoral daran gehindert wurde, dem verklemmten Schwärmer aus der Hose zu helfen, die Autenriethsche Maske, unter der der Halberstickte ein schizophrenes Stammeln simulierte, die Armensuppe, die er, von zarter Mädchenhand vor die Tür gestellt, im Turmzimmer grimassierend löffelte … vom Feuer des Himmels, das nur der Kelch der Hand des Erwählten auffängt, von den Blüten Deutschlands, von der Ekstase des tragischen Untergangs, dem Opfer für die Manen, den Tränen und dem Tod für das Vaterland, vom heiligen Herz der Völker, davon wollen sie nichts wissen.

„Aber Susette“, lassen sie ihren vergötterten Sinclair die Verdatterte fragen, „ihr hättet doch einfach das Haus verlassen, all dem entfliehen und irgendwo ein neues Leben beginnen können!“ – Wie, noch dümmer als Madame Bovary?

Der pensionierte Rhapsode, an einem lauschigen Sommernachmittag in kurzen Hosen, die Pfeife schmauchend, begießt die Gemüsebeete vor der trauten Hütte, während Frau Susette Hölderlin auf der Terrasse sitzt und im Hyperion die Passage vom seligen Dahinsiechen und Abscheiden der Diotima liest.

 

Apr 30 20

Wie könnte ich sagen

Wie könnte ich sagen,
Schatten mit der Lippe aus Rauch,
das zitternde Licht deines Blicks
und die nächtig noch schimmert,
die schmelzende Träne,

wie tasten
mit am Schnee des Wahngrats
ertaubter Hand,
woran dein Schlummer herabperlt,
das seufzendes Gras,

wie spiegeln,
auf trüben Wogen verblaßter Schaum,
die sich am Ufer niederbeugt,
dürstend nach Glanz,
die schüchterne Blume,

wie könnte ich trinken,
ohne Sinnes Adern ein Blatt,
das zum Irr-Farn schwebte,
Hauch des Lebens,
den rosigen Kuß?

 

Apr 30 20

Nun sind die Blumen mir verblaßt

Nun sind die Blumen mir verblaßt,
die Veilchen, die zum Himmel weinten,
hat trübe Seele angefaßt,
blind sind, die deine Augen meinten.

Die Aster, die am Fenster stand,
mit blauen Wimpern hell zu grüßen,
ist unterm heißen Strahl verbrannt,
als müßte ich für Kaltsinn büßen.

Was banges Herz mit Leuchten füllt,
was weiche Wehmut öffnet, Rosen,
in strenge Knospen eingehüllt
entziehn sie dunklem Sinn ihr Glosen.

Der einsam glühte, Enzian,
um keuscher Wangen Schnee zu tauen,
zertrat der dumpfe Huf des Pan,
da kam mich an ein Grauen.

 

Apr 29 20

Rheinische Ode

Am Efeukranz der Nacht
zittern demutstill
lichten Taues Tropfen.

Vorwelt-Dunst der Grotte,
wo aus heißem Schlaf
Gespensterflügel schrecken.

Feurige Zungen, herabgeblitzt
aus Wolkenschlünden,
den Schweiß zu lecken
von der grauen Stirn
den Rebenhügeln.

Wenn aber Traubengold
gewiegter Ranken stiller glimmt,
erhellt ein sanftes Flackern
in bemooster Kapelle
Muscheldunkel
der Schönheit Lächeln
um des Himmels und der Erde Kind.

Doch zwischen Schicksalsschroffen
immer wälzt sein Schluchzen
weicher Dünung Rieseln zu,
der hoher Weisung
Blüten mit sich reißt,
der Strom.

Was mit Gras und Schilfen
sich dem grünen Beben biegt,
was silbern schauert ihm von Weiden,
in gelben Knospen Flammen rinnt,
ward in heller Herzen Einsamkeit,
wie Wein im Dämmer Glut,
mondgefurchter Fluten Lied.

Und standen wir am Ufer stumm,
der Schotter mager wie Gebein,
verrußt die Tafel mit den Namen
wie dort das Lächeln der Madonna,
das dunkle Schluchzen war noch da,
im Herzgrund hörten wir noch
geisterhaft ein Grillenzirpen.

 

Apr 28 20

Sommerabend am Rhein

Leg, Abend, dein goldenes Auge,
taubewimpert,
in die samtene Moosschatulle,
umhaucht von warmen Schieferblättern.

Ein Seufzen bläht noch
traubenumfunkelt
knorrigen Wachstums
Rankenkleid.

Nackter tauche den purpurnen Arm
ins grüne Flüstern des Wassers,
das bangende Reiher betört,
ins Flimmern schwebender Inseln
zu fliegen.

Im Nebel aber,
Atem der Urzeit,
versunkener Sage Gedächtnis,
blitzen verwunschen
Schuppen von Nymphen.

Was aus gähnendem Schlamm-Maul
aufperlt, schöpfe
in heller Muschelschale,
bemooster Glocken
Trostgeläut.

O atme von Ufer zu Ufer
auf schwarzem Marmormal
hingestreuter Lilienblüten
Mondesduft.

 

Apr 28 20

Herznäher tönend

Kommst aus der Höhe du
im Rauch des Schnees,
der des Dunkels Wehmut stillt,

im Glucksen des Schlamms,
wenn mir Schilfes Schatten
auseinanderschreibt der Mond,

wirfst du im Lichtflaum
niederseufzender Schwinge dich,
im Vogelruf mir zu?

Ach, in der Narrenhand des Winds,
der mir den Käfer von der Schulter schüttelt,
bist du mir nah,

und was mich nährt
im tropfenden Ginsterstrauch,
ist dein Honiglicht.

Herznäher tönend
als das leuchtende Rinnsal
zwischen Weide und Gras
ist, was du im Halbschlaf summst,
Liedes Wogen,
die kaum hörbar verebben
im dämmernden Ried des Traums.

 

Apr 28 20

Als die Wasser leiser weinten

Der aus Liedes Locke rann,
Tau beglänzte dir die Wangen,
Rätsel-Herz schlief unterm Bann,
als die Brunnen dunkler sangen.

Und am Ufer Hand in Hand
wir von Wassers Hauch Belebten,
als der Wind uns Ranken wand,
weiße Blüten niederschwebten.

Abend hat das Schilf geschwellt,
daß sich Mond und Welle einten,
Herz des Dunkels, sternerhellt,
als die Wasser leiser weinten.

 

Apr 27 20

Da die Träne dir gefror

Da die Träne dir gefror,
Schwester, im Traumverlies,
schluchzt ins nächtliche Moor
alles, was ich jemals pries.

Wäre Hauchens mir genug,
schmölze den Kristall,
der ins Herz dir wuchs,
würde glühend mein Gelall.

Eine Muschel aber kalt
seufzt mein Mund herab
an der Wehgestalt
in sein stummes Grab.

 

Apr 27 20

Frau Welt, hast volle Brüste

Frau Welt, hast volle Brüste,
doch hart ein Herz wie Stein,
ach weh, daß ich sie küsste,
wie Schnee auf Elfenbein.

O Liebe, Schmerzkristalle,
die Zunge ward so kalt,
daß ich bloß Flocken lalle,
ein Wehen ohne Halt.

Der Kindheit goldne Laube,
von Sonnensang durchsurrt,
gespenstisch ruckt die Taube,
die in der Asche gurrt.

Der Jugend blaue Buchten,
ein Segel blähte Wind
aus Fernen, die wir suchten,
Sand, Sand aus Muscheln rinnt.

Und Hoffnung, deren Zweige
so innig rauschten Du,
ward wahnverstimmte Geige,
ein Schrillen ohne Ruh.

O Heimat, Phlox und Flieder,
du Duft von Most und Mohn,
kehrst fahl im Traum nur wieder
dem irrgegangnen Sohn.

 

Apr 26 20

Wie bleicher Blume Hauch verwehen

Wie bleicher Blume Hauch verwehen,
entfliehen Weltlaufs Wahn und Krach,
des Mondes falsche Träne sehen
mit einem letzten tiefen Ach.

Sich betten unter Wolkenschatten
und ferne glänzt ein blauer Samt
auf Abends dunkelgrünen Matten,
Tau löscht das Aug dir, das noch flammt.

Im Schilf des Dämmers seufzen hören,
und fällt ein weißes Blütenblatt,
erloschner Knospe Licht beschwören,
das sich wie du verschwendet hat.

Noch schimmert auf dem schwarzen Wasser
wie Lilie weiß ihr Angesicht,
und werden alle Bilder blasser,
ihr sanftes Auge wird es nicht.

Nun aber komm, schon tönt ein Singen
von jenen Höhen, süß und klar.
Sind es des Abschieds graue Schwingen,
der Ankunft blaue wunderbar?

 

Apr 25 20

Wir pflücken blaue Beeren

Wir pflücken blaue Beeren
und gönnen uns die Süße,
die Wunden, sie belehren,
daß jede Wonne büße.

Verheißung reifer Trauben
glänzt uns an jungen Reben.
Was gurren wohl die Tauben?
Vergehen muß das Leben.

Wir sind emporgeklommen,
die Schatten zu vertreiben,
im Licht sehn wir benommen
daß wir uns Rätsel bleiben.

Wir fallen bald im Sturme
wie eine Frucht zur Erden,
unwissend, ob zum Wurme,
ob wir noch Seele werden.

Das Lied, das wir gesungen,
ein Tau auf Blumenwangen,
ist dunkel schon verklungen
in Nächten voller Bangen.

 

Apr 25 20

Rauscht grauen Salzes noch die Flut

Rauscht grauen Salzes noch die Flut,
geborsten Planken sehn wir nah,
doch nicht am Strand in Lächelns Hut
den Heros, nicht Nausikaa.

Die stolze Schar, ihr Banner rief
nach Hellas zum umschilften Rhein,
wie hängt des Liedes Lippe schief,
wie tropft auf Sand der Weisung Wein.

Und der mit dir am Ufer stand,
im Abend schmolz ein Angelus,
hob mit dem Kranze, den er wand,
den Tau des Abschieds auf den Fluß.

Wenn uns das Gold der Sage blaßt,
sind wir ein Kind im Traum allein,
und müssen, wenn ein Tier uns faßt,
um aufzuwachen kläglich schrein.

 

Apr 24 20

Die Sandale

Da ihr Herz von Süße quoll,
traumnah wie Gesumm der Biene,
lud der Schale Rund sie voll,
Birne, Pfirsich, Apfelsine.

Sonnenduft, der Locken Gold
mag den Tau der Halme lecken,
und ihr Hündchen, Zärtelbold,
Spiel der nackten Zehen necken.

Wie ihr Blut sich höher schraubt,
wenn ins grüne Wasser tunken
Schwäne das verzückte Haupt,
daß sie selber wär ertrunken.

Ja, sie wünscht im höchsten Glück,
einer jungen Knospe Schwellen,
sich den letzten Augenblick,
Blüte schwindend auf den Wellen.

Doch ein jäher Tropfen fällt,
hastig rettet sie die Schale,
wie beim Blitz das Hündchen bellt,
eins vermißt sie, die Sandale.

 

Apr 23 20

Kranz auf den Wassern

Paul Celan gedenkend

Wer im Licht die Quelle schaut,
die ihm wehe Schatten spendet,
wessen Schmerz in Tränen taut,
hat den Seelenweg vollendet.

Gnade nur kann innres Licht
aus dem Abgrund wecken,
rauschen Blätter am Gedicht,
birgt ein Kranz den Weltenschrecken.

Wem des Schicksals Würgegriff
läßt den Geist im Wahn erzittern,
sieht die Trümmer fern am Riff,
nah das Blau nicht hinter Gittern.

Singt er wie Sirenen wild
Schädeln, die noch grinsend blassen,
scheuen wir das wunde Bild,
müssen ihn der Ödnis lassen.

 

Apr 23 20

Blüht noch Angedenkens Blume

Blüht noch Angedenkens Blume,
Nacht trug ihren Samen,
leisen Liedes Namen,
auf des Herzens schwarzer Krume?

Weißt du noch die Efeumauer,
wo sich Schatten krallen,
Sonnentropfen fallen,
all des Unerfüllten Schauer?

Steigst du noch zur Quelle nieder,
auf betauten Moosen
ward dein Denken Kosen,
kehrt der Sanftmut Hauch wohl wieder?

Oder ist versiegt das Raunen,
heller Nächte Sinnen,
tränenlichtes Rinnen,
hingemäht der Knospe Staunen?

 

Apr 22 20

Wie Abschied fließt

Wir wollen einmal noch ins Dunkel lauschen,
wie Wassers reiner Abschied fließt,
und unsern Schmerz wie goldne Ringe tauschen,
bevor sich Abends Rose schließt.

Dann betten wir uns unter Schilfes Beben,
wo deine Wange meine näßt,
und sehen Wolken ins Vergessen schweben,
geduckt ins graue Schweige-Nest.

Wie leeren Muscheln wird ins Herz uns schäumen
des trunknen Mondes weißer Sang,
und was wir noch von blassen Blumen träumen,
ist Mondes sanfter Untergang.

 

Apr 22 20

Entsagens Hauch

Wir rüttelten die Pforte
und seufzend gab sie nach,
veruntreut Veilchenborte,
die Beete braun und brach.

Wurmstichige Äpfel krachten
auf Schiefergrus, wo ehedem
dem Kinde Beeren lachten,
versank ein Strunk im Lehm.

Einst leiser Ranken Laube
ein überwuchert Grab,
auf faulem Holz die Taube,
wie bald ihr Gurren starb.

Am bärtigen Brunnenmunde
quillt keine Tröstung mehr,
ein Glanz, o Dämmerstunde,
mit unsern Tränen kehr.

 

Apr 21 20

In transparenten Lüften

Zittern unterm freien Wind
Halme, Tropfen, Schlafes Mücken,
wenn wir auch ermattet sind,
mag ein zarter Wink entrücken.

Kriechen wir aus bangen Grüften,
kitzelt Tau die taube Haut,
und in transparenten Lüften
ist des Liedes Blick erblaut.

Daß wir inniger das Leben
atmen, sangen Wasser schon,
uns den Kuß des Lichts zu geben,
öffnet sich der rote Mohn.

Und in weicher Dämmrung Gras
wollen wir die Stirnen kühlen,
wie verworrner Sinn genas,
an gedämpften Pulsen fühlen.

 

Apr 21 20

Trauben glänzen in die Nacht

Wenn von hohen Sommers Reben
Trauben glänzen in die Nacht,
ist des Tages Gang vollbracht,
bleibt ein Schluchzen kaum dem Leben.

Bleiches Leuchten rinnt mit Ranken
über stumme Mauern hin.
Gärt im Dunkeln süß ein Sinn,
dem verdorrte Herzen danken?

Wahrer sagt mit sanftem Fließen
fern ein Wasser dir vom Leid,
veilchenwehe Zärtlichkeit,
Augen, die sich weinend schließen.

Wie verstimmt von Flockenwehen
tönt ein blaues Frühgeläut,
daß die Freude sich erneut,
barfuß magst zum Strome gehen.

 

Apr 20 20

Das Ende vom Lied

Wer Metrums zart Gebein dem Vers
verrenkt und in die Furche pißt,
das Bild mit Kot beschmiert pervers,
tut groß, auch wenn er elend ist.

Das Suhrkamp-Mädchen, frigiden Munds,
prophetisch ihm ein Schamhaar schien,
entzückt ob des genialen Funds,
klebtʼs auf den Vers von Hölderlin.

Der Rhythmen-Schläger, spastisch-krumm,
der kranker Erde Ähren drischt,
versprüht bloß Spreu ins Publikum,
wo keins ein Körnchen Gold erwischt.

Der Forumsaffe am Mikrophon
brüllt „Nieder Abendland und Ahn!“,
er pierct den Vers, er blutet schon.
O Tropfen, Zeugen eitlem Wahn!

 

Apr 20 20

Das Dekolleté, das üppig pocht

Das Dekolleté, das üppig pocht,
der Blicke angesteckter Docht,
gequetschter Glanz vom Lippenstift,
der Zunge Sporn, gesalbt mit Gift,

sind falscher Schönen Larvenschein,
ins Zwielicht ausgestrecktes Bein,
wo kalter Kuß wie Schaum zerläuft,
papierner Flor, von Gier beträuft.

Wie Verse grell ins Licht gestellt,
das ihnen schräg aufs Haarteil fällt,
geborgter Locken krauser Protz,
aus geilen Wimpern Wahn-Geglotz,

gestopfter Rhythmen spitze Brust,
Enjambement gewitzter Lust,
verätzt von bittrer Ruhmsucht Schleim,
die schön sich wand, die Ranke Reim.

 

Apr 19 20

Zögerndes Erwachen

Ist es der Anmut Huldgebärde,
die in die Schimmer weicher Nacht
den Becher niedertaucht, und reicht ihn
dem Kind, das unterm Dorn gewacht?

Weckt Taues Licht sich ein Gefieder,
das grünen Schlaf mit Blättern schlief,
zu hohem Sange sich zu spreizen,
als ob den Traum die Bläue rief?

Löst wehen Schnee von Veilchenlidern,
der Sonnenhauch den Nebelwahn,
wird Liebesblick den Tränen glauben,
hüllt sich in Blütenflaum der Schwan?

 

Apr 19 20

Frag nicht

Das Schlichte fromme uns zum Schönen,
der goldne Tag, im Wasser Schein,
des Abends Schatten zu versöhnen,
sein Gold taucht er ins Wasser ein.

Frag nicht, ob fern die Wellen branden,
ob hinter Firnen blüht ein Grün,
wir wollen sanft im Schilfgras landen,
uns gelbe Frucht in Gärten ziehn.

Wir sind wie Glanz und leises Zittern
von Tau auf einem Blatt, das schwingt,
wir fühlen Wehen von Gewittern
aus Tiefen, wo ein Vogel singt.

Such nicht das Rätsel zu ergründen,
daß jeder Tropfen rinnen muß
und Bilder unterm Blick erblinden.
Die Träne sagtʼs im Liebeskuß.

 

Apr 18 20

Lessing nachempfunden

Würdig wär es, wenn es glückte,
und er träte lächelnd bei dir ein,
reife Traube er dich huldvoll pflückte
für der Enkel frohen Abendwein.

Oder du bist gleich der losen Ranke,
die verglüht am Schattengitter weht,
und dem Schnitter sagst du sinkend danke,
daß ein junges Grün für dich ersteht.

Magst auch meerwärts wie die Blüte treiben,
die des Nachts auf wildes Rauschen fiel,
wollest welkend nicht am Zweige bleiben,
weiß dir hohen Lichtes Sinn kein Ziel.

Doch nicht mögen wir ein Grinsen sehen,
höhnend, weil der Geist nach Blumen schaut,
Knochen uns aus feuchten Augen drehen
Bild der Liebe, das im Fenster blaut.

 

Apr 18 20

Am grünen Teich

Ach, kämest du mit mir zu sehen,
wie königlich die Reiher stehen
an meinem grünen Teich,

zu fühlen harschen Sinn zerfließen,
wenn weiße Knospen sich erschließen
auf meinem grünen Teich,

zu lauschen, wie die Schilfe sausen,
der Weiden Silberbärte brausen
an meinem grünen Teich.

Wie meine Träne zu dir flösse,
wenn Mondes Kuß die Blüten schlösse
auf meinem grünen Teich.

Und weilst in Fernen du für immer,
bist nah mir doch im Sternenschimmer
auf meinem grünen Teich.

 

Apr 17 20

Die reife Kunst

Den Traum gestalte reife Kunst,
bevor die weichen Herzen frieren
und er zerrinnt im Winterdunst,
aus Nüstern Dampf von müden Tieren.

Wir können nicht wie Kiesel lang
in grüner Nacht von Bächen reifen
und harren unter Monden bang,
daß uns die harten Wasser schleifen.

Wir müssen der Vollendung Bild
aus heller Schwermut Knochen schnitzen,
bleibt unser Blut auch ungestillt,
wir sehen noch ein Schönes blitzen.

Und ward des Mundes Blume fahl,
so wollen wir von Abendhöhen
noch schauen, wie im Heimattal
gesproßte Samen Licht erflehen.

 

Apr 17 20

Charles van Lerberghe, Dans un parfum de roses blanches

Dans un parfum de roses blanches
Elle est assise et songe ;
Et l’ombre est belle comme s’il s’y mirait un ange.

Le soir descend, le bosquet dort ;
Entre ses feuilles et ses branches,
Sur le paradis bleu s’ouvre un paradis d’or.

Sur le rivage expire un dernier flot lointain.
Une voix qui chantait, tout à l’heure, murmure.
Un murmure s’exhale en haleine, et s’éteint.

Dans le silence il tombe des pétales…

 

In weißer Rosen trunknen Nebeln
sitzt sie still, Träumen hingegeben.
Das Dunkel ist süß, als ob Engel darin schweben.

Der Abend sinkt, es schläft der Hain.
Zwischen Blumen strömt und Reben
auf ein blaues Eden goldnen Edens Schein.

Am Ufer atmet letzte Ferne aus die Gischt.
Eine Stimme, die noch eben sang, sie flüstert nun.
Ein Flüstern rinnt in Hauchen hin, erlischt.

In der Stille ist ein Fallen von Blüten …

 

Apr 16 20

Charles van Lerberghe, Comme une branche d’aubépine

Comme une branche d’aubépine
Dans la fontaine des scintillements
Elle est tombée dans mes pensées,
Cette parole qu’en tressaillant
Sa bouche divine
A prononcée,
Et qu’à mon tour je te redis.

Comme une branche en fleur détachée
De la cime du paradis.

Et la voici, vierge encore, enchantée,
Sans qu’une fleur en ait péri,
Vivante, rajeunie, toute diamantée.

 

Wie eines Weißdorns Arm
in Funken zwischen Brunnenmauern
ist eingetunkt in meines Sinnens Kreis
jenes Wort, das mit Schauern
ihrer Lippen Charme
gab mir preis,
mein Herz ist dir sein Echoraum.

Wie ein Blütenzweig gepflückt
vom Paradiesesbaum.

Und sie ist, reinsten Seins, entzückt,
keine Blüte sank von ihrem Saum,
lebensvoll, verjüngt, diamantgeschmückt.

 

Apr 16 20

Die wie Mond in Lethe sinken

Die wie Mond in Lethe sinken,
saugend Schaum und brausend Gischt,
wollen meinen Wein nicht trinken,
golden glühend, unvermischt.

Wo gespenstisch Schatten ranken,
glänzt nur Wurmes Spur, ein Schleim,
Schneisen blaue Sicht zu danken
blendet sie die Rose Reim.

Die der Seele Spiegel meiden,
wissen, wie vergreist sie sind,
doch wo meine Verse weiden,
spielt am Teich Narziss, das Kind.

Die noch sanftes Rauschen hören
fern aus Gärten grüner Nacht,
mag des Liedes Quell betören,
Herz, das sich verströmend wacht.

 



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